Heinrich Zschokke. Der Flüchtling im Jura. 1. Die Flucht. Nachdem sich die französische Regierung im Jahre 1798 in die bürgerlichen Unruhen der Schweizer eingemischt, den alten Bund der Eidgenossen aufgelöst und das ganze Gebirgsland mit ihrem Kriegsvolk überschwemmt hatte, wurden mehrere der achtbarsten Männer des Landes von den Siegern in's Innere Frankreichs fortgeschleppt, um entweder als Geiseln für die Summen zu dienen, welche den sogenannten oligarchischen Städten zu zahlen auferlegt waren, oder um die zu entfernen, deren Einfluß und Ansehen beim Volke man kannte, und deren entschiedenen Haß gegen die neue Ordnung der Dinge man fürchtete. Für einen solchen hätte man auch einen jungen Schweizer halten können, der, sorgfältig bewacht, in der letzten Maiwoche 1799 über Lausanne und Yverdon nach Besançon geführt wurde, wenn er nicht zu jung geschienen hätte, um bei seinem Volke eine bedeutende obrigkeitliche Würde haben bekleiden zu können, da er wohl kaum dreißig Jahre zählen mochte. Auch im Aeußern verrieth er nicht Reichthum genug, um Bürge für irgend eine gebrandschatzte Stadt zu sein. Er fuhr auf einem elenden Leiterwagen und saß zwischen zwei französischen Soldaten, deren geladene Gewehre vor ihnen an ein Strohbund lehnten, das einem Bauer zum Sitze diente, der vermuthlich der Eigenthümer des Fuhrwerks war. Bei dem allen erregte der Gefangene die Theilnahme jedes Vorübergehenden. Eine schlanke Gestalt und geistvolle Gesichtsbildung, ein stolzer, durchdringender Blick seiner großen blauen Augen und eine würdevolle Haltung schienen zu verrathen, daß er von guter Erziehung sei. Noch mehr zog ihm der Anblick seines blassen Antlitzes das Mitleiden zu, da man seinen grauen, vorn eingeknöpften Frack und den grünen Sammetkragen am Halse überall von Blutflecken besprengt sah, welche man für sein eigenes, vielleicht im Kampfe für's Vaterland vergossene Blut halten mußte; um so mehr, da er etwas Schmerzhaftes in seinen Bewegungen, eine große Entkräftung verrieth und mit schwacher Stimme redete. Die kriegerischen Begleiter, ein Korporal und ein Gemeiner, behandelten ihn mit einer gewissen Höflichkeit und Schonung, und suchten ihm sein Loos so viel als möglich zu erleichtern. Seine Freigebigkeit mochte auch etwas dazu beitragen, denn, wo angehalten wurde, sorgte er immer dafür, sie mit einem Glase guten Weines zu erquicken. Als sie ihn in der Frühe des Morgens im Dorfe Balaigues, wo sie unweit der französischen Grenze übernachtet hatten, zum Leiterwagen führten, wurde er so schwach, daß er ohnmächtig zwischen ihnen zu Boden sank. Lasset mich hier sterben, wenigstens auf Schweizerboden sterben, sagte er mit gebrochener Stimme; denn lebend bringt Ihr mich doch nicht nach Besançon. Die Soldaten trugen ihn in die Wirthsstube zurück und schienen in Verlegenheit darüber, was sie thun sollten; denn sie fürchteten, er möchte unter ihren Händen den Geist aufgeben. Alle Bewohner des Hauses eilten herbei und umringten den Unglücklichen. Man wollte zu einem entfernt wohnenden Arzte schicken; doch die Soldaten verbaten sich dieses und meinten, er werde sich schon erholen. Wahrhaftig, sagte der Korporal, es thut mir leid; aber fort muß er, heute wenigstens nach Pontarlier, lebendig oder todt. Er ist mir übergeben, ich habe meine Verhaltungsbefehle; also vorwärts! Nehmt ihn und legt ihn auf den Wagen! Der Gefangene schlug die Augen auf, sah den Korporal finster von der Seite an und begehrte Kirschwasser und Brod. Er aß einige Bissen, steckte den Ueberrest zu sich und stürzte drei bis vier Gläser des stärksten Getränks hinunter, ohne eine Miene zu verziehen. Alle Wetter! rief der Korporal, der den Kirschgeist ebenfalls versucht hatte, das thue ich ihm nicht nach, obschon ich kerngesund bin. Er säuft noch wie ein Russe. – Die gesammte Gesellschaft des Wirthshauses, welche den Gefangenen umgab, gerieth nicht minder in Erstaunen über die Trinklust des Todtkranken. Er aber bezahlte den Wirth, stand auf und bat, daß man ihn unterstützen möge, um zum Wagen zu gelangen. Man hob ihn auf den Sitz des Karrens; die Soldaten setzten sich zu beiden Seiten neben ihn und fort ging es über die Grenze in's französische Gebiet. Nach einigen Stunden erreichte man Chaux-de-Joux, wo sich die Berge und Felsen zum Engpasse von La Cluse zusammenziehen. Hier stöhnte der Gefangene heftiger und schien nicht mehr Kraft genug zu haben, um sich zwischen den Wächtern aufrecht halten zu können. Er schlang seine Arme um ihre Achseln, um sich auf diese Weise zu halten. Aber plötzlich fuhr er den erschrockenen Soldaten wie mit Riesenkrallen in den Nacken, drehte gewaltsam ihre Köpfe gegen einander und schmetterte deren Gesichter zu wiederholten Malen mit so fürchterlicher Kraft zusammen, daß ihnen das Blut stromweise von Stirn und Nase rann und Beide betäubt und besinnungslos vor sich niederstürzten. Als der Bauer aus dem Strohbund, hinter sich blickend, die Soldaten im Blute schwimmend, den Gefangenen vom Wagen gesprungen und im Begriff sah, die Gewehre der Soldaten zu ergreifen, sprang er ebenfalls, mit Grausen, vom Sitze herab und floh. Er hörte hinter sich ein Krachen und sah, wie der Gefangene die Kolben beider Gewehre am Boden zerschlug, sie hinwarf und erst eine weite Strecke auf der Landstraße, dann plötzlich seitwärts bergan davon eilte und wie eine Gemse über Fels und Klippen setzte. Als hätte er Flügel, so ging es mit ihm die steilsten Felsen hinauf, wo vor ihm gewiß nie der Fuß eines Menschen gestanden hatte. Dann verschwand er im Gebüsch zwischen den Steinblöcken. Weder der verblüffte Fuhrmann, welcher glauben mochte, der halbtodte Gefangene sei vom Teufel besessen, noch die beiden Krieger, welche lange nicht zur Besinnung kamen, dachten daran, den Entsprungenen zu verfolgen. Um so mehr ist's unsere Pflicht, ihm nachzugehen, damit wir wissen, wohin er kam. Der junge Mann, welcher wahrscheinlich schon längst Pläne zu seiner Befreiung gemacht haben mochte, hatte seine Rolle, als Sterbenskranker, um den Argwohn und die Wachsamkeit der Hüter einzuschläfern, meisterhaft gespielt; denn jetzt wanderte er mit großen, leichten Schritten bergauf, bergab, immer nordwärts, den wilderen, höheren Bergen des Jura zu. Er wich nicht von der einmal angenommenen geraden Richtung, als wenn ihn diese irgend einer einsamen Berghütte oder einer fernen menschlichen Gestalt zu nahe brachte. Gebahnte Wege waren nicht seine Wege. Er schöpfte erst Athem, als er nach zwei oder drei Stunden den steilen Rücken eines der höheren Berge erreicht hatte, von wo er die umliegende Gegend zu durchmustern gedachte. Hier, hoch über den Thälern und Wohnsitzen der Menschen, in der lautlosen Wildniß, die nur der einsiedlerische Adler liebt, stand er still. Er trank in tiefen Zügen eine reinere Luft, deren kühler Strom den Schweiß seiner Stirn trocknete, und wohlthuend das helle Gold seiner Locken durchfloß. Unter seinen Füßen schwankten die Wipfel der Tannen am Abgrunde. Morgenwärts strichen die langen waldigen Bergrücken hin, welche den einförmigen grünen Teppich der Thäler einschlossen. Abendwärts stufte sich das Gebirge in die französischen grau erscheinenden Ebenen nieder, über welche Waldstreifen, wie dunkle Schatten, gelagert waren. Im Mittag glänzten weit hinter den Seen und Ländern die silbernen Spitzen der Alpen am Horizont hervor, wie aus Strahlenduft gewoben, gleich erstarrten zackigen Wolken. Dahin wandte der Flüchtling lange die Augen, ernst und düster. Dann durchirrte sein Blick noch einmal die näheren Niederungen, um sich für die Fortsetzung seines Weges zurecht zu finden. Nachdem er sich erfrischt, ging er den scharfen verwitterten Grath des Gebirges entlang, um einen Felskopf desselben zu erreichen, welcher eine noch freiere Aussicht über einzelne Bäume verhieß, die ihm hier entgegenstanden. 2. Die Sibylle. Ueber die losen Stücke des grauen Felsens, die, von seinem Fuße kaum berührt, in den Abgrund prasselnd niederrollten, zur Höhe der Steinkuppe gelangt, überraschte ihn der Anblick eines menschlichen Wesens. Es war eine betagte Frau, die auf einem bemoosten Felsblocke saß und unbeweglich in die blaue Ferne hinausstarrte. Ihr Wamms und Rock von einem halbwollenen, nußbraunen Zeuge, in welchem, durch langen Gebrauch, die weißen Linnenfäden des Gewebes schon sichtbar wurden, verkündigten Aermlichkeit; ihre weiße Haube jedoch und das kleine blaue Halstuch, nebst der rothgestreiften Schürze von grober Leinwand, zeigten bei aller Armuth eine gefällige Sauberkeit. Ihre dürre Rechte lehnte sich auf einen Krückstock von Schwarzdorn; der linke Arm, mit dem Ellbogen auf das Knie gestemmt, stützte mit der Hand das Kinn. Das von der Sonne gebräunte, welke Antlitz wäre durch eine gewisse Gutmüthigkeit des Ausdruckes nicht unangenehm gewesen, wenn nicht ein falbes Barthaar, wie ein grauer Schatten, auf Kinn und Lippen gelegen hätte. Der Flüchtling sah sie eine Weile schweigend an; dann grüßte er mit lauter Stimme. Die Alte wandte sich, aus ihrem Nachdenken erwacht, dankend gegen ihn und betrachtete aufmerksam, doch ohne Verlegenheit, seine Gestalt. Er setzte sich ihr gegenüber, zog sein Brod hervor und hielt sein einfaches Mahl, indem er einige Worte über das Wetter und die Gegend fallen ließ, um ein Gespräch anzuknüpfen. Die Alte, keine Silbe erwiedernd, starrte ihm fort und fort in's Angesicht, und als er ihr durch seine Fragen endlich eine Antwort abnöthigte, gab sie diese wie eine Person, deren Geist mit andern Gegenständen beschäftigt ist und offenen Auges träumt. Inzwischen erfuhr er doch, und das beruhigte ihn nicht wenig, er sei nicht mehr auf französischem Grund und Boden, sondern im Gebiete des Fürstenthums Neuenburg, und zwar auf einer Höhe des Gros-Taureau, in der Nähe des Dorfes Les Verrieres. Woher sind Sie, wenn mir die Frage erlaubt ist? sagte nach einem abermaligen langen Schweigen die Alte, deren Blicke noch immer träumend an seinem Gesichte hingen. Er zeigte mit der Hand nach Morgen und sagte: Mein Haus ist dort hinten, wo die letzten Alpen kaum noch sichtbar sind. Aus dem Bündnerlande? fragte das Mütterchen etwas belebter. Der Flüchtling wandte den Kopf auf die Seite und konnte bei der Frage eine gewisse Ueberraschung nicht verhehlen. Ungefähr! erwiederte er. Fürchten Sie sich nicht vor mir, sagte die Alte; Sie sind bei uns vollkommen sicher. Nicht wahr, Sie kommen aus Frankreich, etwa von Pontarlier; sind gefangen gewesen, entwischt? Der junge Mann trug kein Bedenken, es zu gestehen. Und das ist Menschenblut? sagte sie, auf die Flecken seines grauen Rockes und der Beinkleider zeigend, das da ist noch ganz frisch. Der Flüchtling bemerkte jetzt selbst erst die frischen Blutflecken an seinen Kleidern. Er erzählte unverhohlen, auf welche Weise er den Soldaten unweit Pontarlier entronnen sei, und erkundigte sich, ob er im Neuenburgischen vor Gewaltthätigkeit und Nachstellung der Franzosen sicher sein werde. Allerdings, erwiederte die Alte, denn Preußen hat mit Frankreich Frieden und der König von Preußen ist der Souverain des Landes. Gewalt haben Sie nicht zu besorgen; doch thun Sie weise, in abgelegener Gegend zu leben, und der Hinterlist auszuweichen. Ich bin hierher gekommen, um Ihnen dieses zu sagen. Was? rief der Flüchtling, Ihr habt doch nicht wissen können, Mütterchen! daß Ihr mich hier finden würdet. Trotz Ihres Zweifels, junger Herr! wurde ich Ihretwillen hergesandt. Das ist unmöglich! rief der Flüchtling. Mich kennt keine menschliche Seele in diesem Lande, das ich in meinem Leben zum ersten Male berühre. Aber dieses Land wird Ihnen bald unvergeßlich werden, und bald so lieb sein, wie Ihr Land in den hohen Alpen. Dort wohnten Sie im weiten, großen Thale. Ich sehe Ihr schönes Haus, beinahe in der Mitte desselben, unter hohen Bäumen an einem wilden Bache, der vom nahen Gebirge daherrauscht. Die grauen Felswände steigen seitwärts schroff in die Wolken, und im Hintergrunde der Landschaft, wo das Thal sich schließt, scheint es wie von Eis- und Schneebergen versperrt. Das ist hier ganz anders; unsere Berge sind dagegen nur Hügel. Der junge Mann stierte die alte Frau mit großen Augen an und fragte verwundert: Habt Ihr meine Heimath gesehen, so sagt mir, wie heißt sie? Die Alte erwiederte: Ich weiß keinen Namen, aber ich glaube, sie sehr deutlich zu sehen; und Sie, junger Herr! sehe ich auch mit der Jagdflinte in den hohen Bergen, von einem Freunde begleitet. Sie sind ein wackerer, rechtschaffener Mann. Halten Sie fest an Ihrer Redlichkeit! Sie haben es immer gut gemeint; doch Sie würden weniger Verdruß gehabt haben, wenn Sie nicht zu aufbrausend, nicht auf Ihre körperliche Stärke manchmal zu trotzig gewesen wären. Recht gut, daß Sie sich noch nicht verheiratheten, obgleich man Sie einige Male dazu zwingen wollte. Es gab viel Streit im Hause; jetzt sind Sie frei, wie der Vogel in der Luft. Man hat Sie oft gefragt, ob Sie von einer Liebe gefesselt wären, weil Sie jede vorgeschlagene Vermählung ablehnten; Sie sagten mit Wahrheit: Nein! Aber jetzt fragt Sie Keiner und doch tragen Sie eine Sehnsucht mit sich in der Welt herum, und wissen nicht, wo Balsam kaufen für die heimliche Wunde. Ja, ja, ich rathe Ihnen, gehen Sie in den Feentempel und fragen Sie da den Schlaf um einen offenbarenden Traum! Die Alte schwieg, doch stierte sie ihn noch immer an. Während sie sprach, schienen ihre Augen sich hervorzudrängen und in ihre verwandelten Gesichtszüge etwas Feierliches zu kommen. Der Flüchtling hingegen saß wie versteinert vor ihr; er horchte noch immer, als sie schon zu reden aufgehört hatte. Wenn Ihr mich nicht kennt, Mutter! wer hat Euch denn das Alles erzählt? Wer kann mir erzählen, junger Herr! was Sie Niemanden erzählt haben? Aber Sie hätten mich nicht stören sollen! setzte sie unwillig hinzu, rieb sich die Augen und schien, wie eine Erwachte, munter zu werden. Sie sah links und rechts, dann wieder auf ihn hin und sagte: Nun geht Alles hin, wie Nebel, und es ist mir doch, als hätte ich für die Zukunft noch viel zu Ihrem Besten sagen sollen. Nun ist's hin. Woher wißt Ihr, was Ihr mir da sagtet? fragte der Fremde. Die Alte hob beide Hände mit ausgespreizten Fingern hoch in die Luft, sie nach allen Richtungen hin und her bewegend, den Blick in die Ferne gewandt und dazu den Kopf schüttelnd, als wollte sie mit diesen sonderbaren Geberden sagen: Es kommt, ich weiß nicht, von wannen; und wüßte ich's, würde ich's doch nicht sagen dürfen. Könnt Ihr mir noch mehr erzählen, Mütterchen? Es ist vorbei, Alles vorbei! Dunkel zieht's noch dem Vorigen nach, als ständen seltsame Sachen bevor. Sie haben Anlagen zum Glück; deswegen sucht Sie eben das Unglück auf. Mehr weiß ich nicht! Wie eine weissagende Sibylle saß die Alte auf dem Felsgipfel vor ihm. Es wurde ihm unheimlich bei ihr und fast hätte er sie für eine der geheimnißvollen Gestalten gehalten, von denen der Aberglaube meint, sie wohnen im Innern der Berge und erschienen den Hirten oder verirrten Wanderern bald als Zwerge, bald als tanzende Elfen, oder als andere abenteuerliche Wesen. Manchen Augenblick glaubte er, er habe es mit einer Wahnsinnigen zu thun; doch wenn er an das dachte, was sie ihm von seinen häuslichen Verhältnissen, von seiner Persönlichkeit und von seiner Vergangenheit gesagt hatte – Dinge, die er zum Theil verschwiegen gehalten, andere Dinge, die nur in seiner Familie bekannt sein konnten –, so mußte er fast an Hexerei denken. Mütterchen! sagte er sanft, Ihr seid schon weit umhergekommen in der Welt? Sie legte den Finger bedeutsam an die Stirn und erwiederte mit halbem Lächeln: Das glaube ich; weit, sehr weit! Aber hier – im Geiste; nicht mit den Füßen auf der Landstraße. Ich war schon vier Mal in Neuenburg, das letzte Mal bei der Huldigung des königlichen Statthalters. Da herrschte eine Pracht! Ich bin auch vielmals in Locle gewesen; doch weiter nicht. Und wo wohnt Ihr? Sie zog mit dem Krückstocke einen Kreis in der Luft und sagte: In den Bergen allen. Man giebt mir gern das Plätzchen in einer Hütte. Ich bin gar wohl bekannt, und für mich braucht's nicht viel. Aber was führt Euch zu diesem Berggipfel, der selbst für jüngere Personen schwer zu ersteigen ist? Doch nicht das Vergnügen? Junger Herr! ich gehe, wohin ich muß, wenn es auch scheint, als ginge ich, wohin ich wollte. Der Geist leitet des Menschen Schritte. Heute wurde ich ausgesandt, Sie hier oben zu erwarten. – Bei diesen Worten stand sie auf und entfernte sich, ohne Abschied zu nehmen. Bald aber blieb sie stehen und winkte dem Fremdling mit der Krücke. Als er zu ihr hinabgekommen war, deutete sie mit dem Stocke auf eine Stelle des unter der Felshöhe eine kleine halbe Stunde weit gelegenen Waldes und sagte: Dort finden Sie ein klares Wasser; es quillt, man weiß nicht woher, und fließt, man weiß nicht wohin. Dort reinigen Sie Ihre Kleider vom Blut; Menschenblut steht übel am Gewande der Menschen. Und werde ich in der Nähe Wohnungen finden? Wenn Sie dort hinabsteigen, sehen Sie Les Verrieres im Thale, durch welches die große Straße nach Pontarlier hinzieht. Sie müssen da nicht bleiben, wohin leicht Verfolger kommen könnten. Gehen Sie drüben von Les Verrieres bergauf, in die Jeannets oder zur Feenhalde. Dort finden Sie Einsamkeit und Sicherheit. Nach diesen Worten wandte sich die Alte von ihm und ging mit langen raschen Schritten über den Rücken des Gebirges hin, bis sie im Tannengestrüpp, aus welchem ihre hohe Gestalt noch lange sichtbar hervorragte, endlich seinen Augen entging. 3. Der Naturforscher. Närrisch! murmelte der junge Mann, als er von der Höhe gegen den bezeichneten Wald niederstieg. In jener erhabenen Einöde hatten sich seiner Empfindungen bemächtigt, die er sich selbst nicht klar machen konnte. Die Flucht aus der Gefangenschaft, das Zusammentreffen mit der geheimnißvollen Sibylle auf dem Felsen des Gros-Taureau, die Worte, die sie zu ihm gesprochen, die Erinnerungen, die sie in ihm erweckt hatte, waren etwas der gewöhnlichen Erfahrung so Fremdes, so Fabelhaftes, daß es ihm vorkam, als habe er mit dem Sprunge aus dem Leiterwagen den Sprung in die neue Welt gethan. Unterwärts, ihm zur Seite, im Thale und in den Bergwiesen, überall bemerkte er zerstreut liegende menschliche Wohnungen, setzte aber seinen Weg längs dem Bergrücken fort, damit die Dunkelheit des Tannenwaldes seine blutigen Kleider, die ihn allerdings verdächtig machen mußten, verberge. Darum suchte er die Wasserstelle, welche von der Sibylle sehr genau bezeichnet worden war, doch fand er sie erst nach langem Suchen. Es war nur eine kleine vom Regenwasser gebildete Pfütze, zwischen dem Gebüsch versteckt, in einer Vertiefung des Bodens und, wie es schien, zur Tränke der Heerden gebraucht. Hier, in der Verborgenheit des Waldes, schritt er zum nothwendigsten Werk. Er entkleidete sich und wusch zuerst die schwarzrothen Flecken der Beinkleider. Diese Arbeit, wie ungewohnt sie ihm auch war, ging rasch von Statten. Dabei machte er die unangenehme Entdeckung, daß auch die Wäsche, welche er am Leibe trug, eines solchen Liebesdienstes sehr bedürftig sei. Das Hemd hatte in den drei Wochen, seitdem er es trug, fast Isabellfarbe bekommen; aber es war das einzige, welches er besaß. Aus einem breiten Ledergurt, den er verborgen um die Hüfte trug, zog er mehrere Goldstücke hervor, um einen Schlüssel zur Freundschaft und Gefälligkeit der Menschen in Händen zu haben, hier um so nothwendiger, da er, bei seiner, einem Bettler oder Landstreicher ähnlichen Erscheinung, auf Menschenliebe nicht rechnen konnte. Nachdem er Alles geordnet, kniete er abermals nieder, um den blutbespritzten Frack zu säubern. Inmitten dieses Geschäftes überraschte ihn eine menschliche Stimme mit den Worten: Da kann ich Gesellschaft leisten und will's auch! Der Flüchtling sah auf. Hinter ihm stand ein kleiner, schwarzgekleideter Herr, welcher ein großes Buch, einen Hammer und ein Bündel Blumen am Stamme einer Tanne behutsam niederlegte und sich dann das weiße Musselinhalstuch, welches indessen nicht mehr weiß war, dann die bestaubten Schuhe, und schließlich die vor mehreren Wochen sauber gewesenen, etwas durchlöcherten Strümpfe auszog. Immer eine nützliche, wenngleich kleinliche Arbeit, sobald man vor der Hand keine bessere hat; sagte der schwarze Herr, indem er ebenfalls zum Wasser niederkniete. Aber warum waschen Sie den Rock? Ich glitt beim Gehen aus und besudelte ihn am Boden, antwortete der junge Mann. Freund! rief der schwarze Herr, indem er das Wasser der Pfütze aufmerksam betrachtete, Sie müssen mir sagen, wo Ihnen die Füße oder der Boden untreu wurden. Sehen Sie denn nicht, Sie färben das ganze Wasser rothbraun! Das kommt offenbar vom Eisenoker. Waren Sie in der Gegend von Fenin, oder gar in der Nachbarschaft von La Brevine, wo ich schon so lange vergebens das Eisenflötz suche, welches den dortigen Gesundbrunnen mit seinem Oxyde schwängert? Sie können Ihrem Unfalle eine für das Land äußerst wichtige Entdeckung danken. Ich bin zu kurze Zeit und zu fremd in diesen Gegenden, antwortete der Flüchtling, als daß ich Ihnen die Ortschaften nennen könnte. Aber Sie werden doch einige Zeit im Lande verweilen? Ich denke. Es wäre mir lieb, dieses der Schweiz so nahe verwandte Fürstenthum näher kennen zu lernen. Vortrefflich, vortrefflich! Sie können viel von mir lernen. Ich bin der Professor Onyx ; fragen Sie nur nach mir. Ich führe Sie überall hin; aber vor allen Dingen müssen wir das Erzflötz suchen, auf dem Sie das Glück hatten, zu fallen. Herr, nur dies Flötz zu Tage gefördert, und das Glück des Landes ist gemacht! Ich lege sogleich Hochöfen und Eisenhämmer an; wir haben Holz genug für die kleinen Feuer und zur Aushülfe Torf im Ueberflusse. Der Flüchtling sah mit forschendem Blicke auf den zur Seite neben ihm knienden Mitarbeiter, der, ohne sich unterbrechen zu lassen, noch lange von dem reichen Ertrage der Eisenhüttenwerke sprach, die dazu erforderlichen Kapitalien berechnete und seine Strümpfe wusch. Als derselbe endlich eine Pause machte, sagte sein Zuschauer: Ohne Zweifel sind Sie bei einer Lehranstalt hiesiger Gegend angestellt? O mit nichten, mein Seelenfreund! rief der Professor; ich lebe unabhängig für mich. Ich habe ganz andere Aufgaben zu lösen, als ungezogenen Buben das Latein einzubläuen. Sie glauben nicht, in welcher unglaublichen Unwissenheit das hiesige Volk lebt. Da sitzt es, macht Uhrräder, Uhrfedern, Uhrketten, klöppelt Spitzen zusammen, und weiß nichts von den Schätzen des Bodens, den es bewohnt; hat keine Ahnung von Landbau, ist selbst in der Viehzucht um ein Jahrhundert zurück. Bei ihrer einförmigen mechanischen Arbeit werden die Menschen selbst zu gedankenlosen Maschinen, blind gegen die Schätze der Natur, wie das Vieh, mit dem es unter demselben Dache lebt. Man sollte in keinem Staate Fabrikarbeit dulden, bis der Grund und Boden für die Bevölkerung zu klein wird. Ich habe darüber eine gründliche Abhandlung geschrieben, und hoffe, der Staatsrath werde anderer Ansicht werden. Allein das Volk ist hier zu frei; es läßt sich nichts befehlen; es hängt am alten Schlendrian, wie die Klette am Schaf. Man muß mit dem Beispiel des Bessern vorangehen; bloßes Demonstriren hilft nichts. Fangen wir ohne Weiteres mit Eisenschmelzen an. Das giebt dem Forstwesen einen Anstoß, bringt die Torfmoore in bessere Benutzung, legt stundenweites Sumpfland trocken und macht es zum Ackerbau verwendbar. Der Professor fuhr fort, seine staatswissenschaftlichen Ansichten zu entwickeln, bis die Wäsche nicht nur vollendet, sondern auf einigen Baumstämmen hängend im heißen Sonnenstrahl, der dann und wann durch das dicke Gewölk drang, halb und halb getrocknet war. Der Flüchtling zog seinen Frack wieder an; der Professor wollte dasselbe mit seinen Strümpfen thun, fand aber mit Erstaunen, daß sie noch vom Wasser trieften, obwohl sie schon seit einer Stunde da hingen. Sehen Sie her, sehen Sie her, mein Herr! rief er; das ist erstaunlich! Wie soll man sich diese Erscheinung erklären? Thierwolle hält sonst das Wasser länger fest, als dünne Baumwolle, und doch ist Ihr Tuchrock schneller getrocknet, als meine Strümpfe; ja sogar mein Halstuch ist noch völlig naß. Das ist erstaunlich. Der Flüchtling lächelte und sagte: Vermuthlich haben Sie in der Lebhaftigkeit der Unterhaltung daran vergessen, gleich anfangs das Wasser auszuringen. Herr Onyx runzelte die Stirn und erwiederte kopfschüttelnd: Nein, das kann der Grund dieser schlechten Verdunstung des Wassers in meiner Wäsche nicht sein. Ich sollte sie nicht ausgedrückt haben, als ich sie aus dem Wasser zog? Nimmermehr! So etwas entgeht mir nicht leicht. Indessen sind es Kleinigkeiten; kommen wir auf unser Eisenschmelzen zurück; sagte er, rollte das nasse Zeug zusammen, schob es in die Tasche seines schwarzen Rockes und fuhr mit den bloßen Füßen in die Schuhe, indem er hinzufügte: Man thut sich hier zu Lande keinen Zwang an. Dem Flüchtling war's mehr darum zu thun, Obdach und Nahrung zu finden, als die Naturmerkwürdigkeiten des Fürstenthums Neuenburg kennen zu lernen. Wo wohnen Sie? fragte er den Gelehrten. Für diesen Sommer drüben auf der Höhe in den Bayards. Aber wohin wollen Sie, mein Herr? Der Flüchtling erinnerte sich des Rathes der Sibylle auf dem Gros-Taureau, mit dessen Befolgung ihm besonders gedient war: nämlich, in den Jeannets oder in der Feenhalde eine abgelegene Einsamkeit zu suchen. Er nannte dem Professor diese Ortschaften. O! rief der Professor, vortrefflich. Ich begleite Sie bis zum Dorfe Les Verrieres; von da gehe ich links in die Bayards hinauf und Sie rechts, am Berge hin, zur Feenhalde. Ich werde Sie nächstens besuchen. Ich kenne da oben Alles; es sind gute Leute, aber auf eine unglaubliche Art unwissend und gefühllos, ohne Sinn für die Verbesserung ihres Zustandes; selbst der alte, sonst gastliche Staffard , der doch in der Winterzeit gern liest, wenn ich ihm Bücher bringe, macht keine Ausnahme. – Zu wem wollen Sie, und wo werde ich Sie antreffen? Der Flüchtling besann sich nicht lange, und nannte den Namen Staffard, den er so eben mit dem sehr empfehlenden Beiworte » gastlich « vernommen. Vortrefflich! rief der Professor. Staffard ist mein Seelenfreund; grüßen Sie ihn. Und wenn er ein Heide wäre, was er so halb und halb ist, so müßte ich ihn lieb haben. Uebrigens sage ich Ihnen, Herr, Herr . . . wie? Haben Sie mir nicht erst so eben Ihren werthen Namen genannt, und ich ihn schon vergessen! Es ist doch erstaunlich, wie schwach mein Gedächtniß wird. Ich muß noch einmal um Ihren Namen bitten. Kurzweg, Florian . Nun denn, Herr Florian! Sie halten es keine vier Wochen im Fürstenthum aus, ohne sich aus diesem Hottentotten-Lande wieder fortzusehnen. Es fielen jetzt vom dunkeln überzogenen Himmel große Tropfen durch die Tannenzweige und der Donner verkündete den Anzug eines Gewitters. Herr Onyx sah mit ängstlichem Blicke umher, raffte sein Buch, den Hammer nebst den Pflanzen hastig vom Boden auf und rief: Verlassen wir den Wald; jede Tanne zieht den Blitz an; und glauben Sie mir, der Blitz hat eine ganz eigene Neigung zu meiner Person; es ist erstaunlich, wie er mich verfolgt. Wäre ich doch nur in meinem Hause auf den Bayards, das ist doch durch einen Ableiter geschützt – sonst nirgends finden Sie ein sicheres Gebäude. – Damit setzte Herr Onyx seine Füße in Lauf. Man eilte aus dem Walde und in schräger Richtung die Wiesen hernieder gegen das Thal. Das Gewitter war nahe, Blitz und Donner folgten sich rascher. Dem Professor wurde das Pflanzenbündel lästig; er warf es fort, um freiere Hand zu gewinnen. Für das Leben muß man Alles opfern! seufzte er, und langte aus den Taschen seines Rockes, dessen Schöße ihm schwer um die Lenden schlugen, einen Stein nach dem andern und warf ihn hinter sich, um sich das Gehen zu erleichtern. Bald erreichten sie das, längs der Hauptstraße von Pontarlier gelegene, große Dorf Les Verrieres. Die Berge sind an den Seiten der Thäler nicht sehr hoch, weil die Thäler selbst schon mehrere Tausend Fuß hoch liegen. Der Regen rauschte immer gewaltiger herab; die grauen Wolken hingen schwer am Kamm der Gebirgshöhe, und jeder Blitz schien sie und die ganze Masse der dicht fallenden Tropfen in eine Flamme zu verwandeln. Herr Onyx flog, wie ein abgeschossener Pfeil, über die breite Straße einem großen weißen Hause mit grünen Fensterläden entgegen, eine steinerne Treppe hinauf und links zur Thür hinein. Florian folgte seinem behenden Führer in die geräumige Wirthsstube, wo er sogleich kalte Küche und Wein forderte, um sich zu stärken, denn er hatte den Tag über noch wenig Nahrung genossen. Der Professor ließ sich nicht lange bitten, an der Erfrischung Theil zu nehmen, zog aber den Tisch in die Mitte des Zimmers und maß genau die Entfernung der Fenster, der Thür und des Ofens. Dann setzte er sich nieder und sagte: Nun sind wir so sicher, als man in einem Hause ohne Blitzableiter sein kann. – Beide thaten sich gütlich. Florian füllte die Gläser fleißig; Onyx leerte sie mit unverdrossenem Eifer. Seelenfreund! sagte er, der weiße Neuenburger Nektar ist das einzige Gute, was menschliche Kunst in diesem Lande hervorzubringen weiß. Ich nicht einmal, könnte etwas daran verbessern! 4. Staffard's Haus. Sobald das Gewitter vorüber war und zwischen dem zerrissenen Gewölk der blaue Himmel hervorschimmerte, machten sich die Reisenden wieder auf. Florian bezahlte für seinen naturkundigen Gast die mäßige Zeche, und dieser brachte ihn dankbar auf den Weg zur Feenhalde. Am Fuße des Berges, auf der Südseite des Thales, schieden sie herzlich, wie alte Bekannte. Onyx begab sich auf die Landstraße zurück, um zu den zerstreuten Wohnungen der Bayards zu gelangen; Florian stieg den rauhen Weg hinauf, der sich in schiefer Richtung durch einen Tannenwald zog. Als er die Höhe erreicht hatte, sank die Sonne hinter den westlichen Bergspitzen nieder. Noch blitzten ihre letzten Strahlen über die wellenförmigen, dunkelgrünen Flächen, deren Hügel scharfgezeichnete schwarze Schatten durch das Licht der Grasgefilde sandten. Hier stiegen Felsen empor, dort Hügel und finstere Tannenhorste. In den Wiesengründen fanden sich vereinzelte Wohnungen, von verwandter Bauart, der Untertheil geräumig und breit gemauert, mit zahlreichen Fenstern; der Obertheil von Balken und Brettern zusammengefügt, und aus dem, mit Steinen beschwerten Schindeldache ein bretterner, viereckiger, weiter Rauchfang thurmähnlich aufsteigend. Alles trug die Zeichen glücklicher Genügsamkeit und behaglichen Wohlstandes im Schooße einer lieblichen, wenn auch armen Natur. Da blühte kein Obstbaum; nur hin und wieder, in den Wiesengründen, zeigte sich ein kleines Hafer- oder Gerstenfeld und vor den Wohnhäusern ein Gärtchen mit kleinen Beeten, welche statt der Blumen Gemüse trugen. Florian hatte schon reizendere Landschaften gesehen; aber diese stille Einsamkeit auf der Gebirgshöhe erquickte ihn wunderbar. Es sprach ihn aus der weiten, allgemeinen Ruhe ein freundlicher Geist an, der ihm sagte: Hier findest Du, was Du Dir ersehnst, Verborgenheit und Vergessenheit. Er dankte im Herzen der seltsamen Erscheinung auf dem Gros-Taureau, die ihn hieher gewiesen hatte. Er beschloß, nach dem gastlichen Staffard zu fragen. Es galt ihm Alles als die Wirkung und Stimme einer waltenden Vorsehung. Der Anblick der Bewohner der Wildniß erhöhte nicht wenig den Eindruck des Ganzen. Er erwartete, auf diesem abgelegenen Hochlande die rauhe Weise und Sitte eines Bergvolkes zu finden, welches, mit der Natur im täglichen Kampfe um die Bedürfnisse des Lebens, den feinern Genüssen des geselligen Daseins fremd bleibt; allein mit Verwunderung begegnete er städtischer Tracht und städtischer Sitte. Mit einschmeichelndem Zuvorkommen beantworteten Kinder und Erwachsene seine Fragen. Oft begleitete man ihn weit, damit er ja nicht den Weg verfehle. Der Geringste bewies eine Höflichkeit, die man kaum in Städten findet; Niemand belästigte ihn mit neugierigen Ausforschungen. Frauen und Töchter waren geschmackvoll gekleidet, von zarter Bildung und lieblichen Gesichtszügen; die Männer reinlich, einfach und gefällig. Florian erkannte, daß die Feenhalde ihren Namen verdiene. Es schien wenigstens feenartig, Hütten und Einöden eines Bezirks, statt von Menschen wild und hart, wie ihre Felsen, von Männern edler Gesittung und von Frauen bewohnt zu sehen, die durch Anmuth des Betragens, durch schöne und feine Gestalt es verdient hätten, die Zierde der Paläste zu sein. Als er beinahe eine Stunde Weges zurückgelegt hatte und die Dämmerung mächtiger eintrat, zeigte ihm ein kleiner Knabe, der Ziegen am Berge zusammentrieb, die Wohnung Staffard's. Es war ein weitläufiges, ländliches Gebäude am Fuße eines mit uralten Ahornen bekränzten Hügels. Wohl sechszig bis achtzig Fuß lang, breitete sich die Stirnseite des Hauses aus; fast eben so viel mochte die Tiefe desselben betragen; Alles ein weites, gleichseitiges Geviert, vorn mit zahlreichen Fenstern und verschiedenen Eingangsthüren versehen. Ueber das weißgetünchte Mauerwerk des Erdgeschosses erhob sich der zweite Stock von Holzwerk, mit Brettern übertäfelt und von einer fast gleich langen Fensterreihe geziert. Darüber legte sich das ziemlich flache Schindeldach, beschwert mit Felssteinen, auf daß der Sturmwind die dicken Brettschindeln nicht fortführe. Der thurmartige Rauchfang, dessen weiter Mündung oben ein großes bewegliches Deckelbrett, an einer Kette ziehbar, zum Schirm gegen Schlagregen diente, erhob sich rechts; links lief ein gewaltiger hölzerner Kanal vom Dache herab, der das Regenwasser vom Dache, zehn bis zwanzig Fuß weit von der Mauer, in einen Behälter leitete. An das Hauptgebäude lehnten seitwärts geräumige Stallungen. Vorn, in der ganzen Breite des Wohnhauses, zeigte ein weiter Gemüsegarten die wohlgeordneten Beete, rings mit einem zierlichen Geländer umgeben. So war Staffard's Haus, obgleich einsam in den Wiesen dastehend; nicht in der Bauart von den übrigen dieser Landschaft, sondern durch größere Sauberkeit und sorgfältigere Erhaltung ausgezeichnet. In dem Augenblicke, wo Florian, um einen Felsblock getreten, das Haus vor sich sah, scholl ihm aus demselben Musik entgegen. Es war ein ihm wohlbekanntes Tonstück von Haydn, nur durch Hörner, Flöten und Klarinette ausgeführt. An den Fels gelehnt, verweilte er einige Zeit, um durch sein Erscheinen nicht zu stören. Er bewunderte die Reinheit, Genauigkeit und Zartheit des Spieles. Wo solches Gefühl lebt, dachte er, wird man den verlassenen Fremdling nicht verstoßen. Bald aber, als die Musik geendet hatte und er sich dem Geländer des Gartens näherte, wurde er fast anderen Sinnes. Ein ungeheurer Wolfshund, weißhaarig, langzottig, flog ihm mit Gebell entgegen und sprang ihm gegen die Brust. Im gleichen Augenblick aber riefen mehrere männliche Stimmen aus dem Fenster dem Hunde gebietend zu, zurückzukehren, und da er nicht kam, eilten sie zur Hausthür hinaus. Mit Entsetzen erblickten sie die Dogge aufrecht am Fremdling stehend, der ihnen ganz gelassen zurief: Sendet den Herrn der Bestie her, daß er sie mir abnehme, sonst ist sie auf der Stelle des Todes! – Das furchtbare Thier winselte und heulte kläglich. Alle eilten, nicht ohne Schrecken, hinzu. Sie sahen, wie der unbekannte Mann mit der Linken die Kehle des Hundes hielt, mit der Rechten aber eine von dessen Krallen, in sie selbst zurückgedrückt, so gewaltig preßte, daß das Thier vor Schmerz den Rachen weit aufsperrte, um die starke Faust zu verschlingen, und sie doch dann nur leise mit den Zähnen berührte, oder gar leckte. Der kann Bären zähmen! rief einer der Männer; lassen Sie den Hund nur los; er wird Sie nicht mehr anrühren. Hui da! Fort, Bassa! Der Hund, von seinem Bändiger freigelassen, schlich winselnd davon und sah schüchtern auf seinen Besieger zurück. Sie haben nichts von dem Hunde zu fürchten, sagte der erschrockene Eigenthümer desselben. Ich würde ihn auch nicht fürchten, wenn Sie ihn auf mich hetzten, erwiederte Florian; doch thäte mir das prächtige Thier leid; denn ich bräche ihm die Pfote. Mit einer Art Ehrfurcht, welche man der körperlichen Kraft und Gewandtheit nie versagen kann, betrachteten die Anwesenden den unerschrockenen Mann, der nun erzählte, wie ihn der Abend in der fremden Gegend überfallen habe, welche er zu seinem Vergnügen besuchen wolle. Wie nebenbei berührte er seine Bekanntschaft mit dem Professor Onyx, der ihm aufgetragen, einem Herrn Staffard Grüße zu überbringen. Das bin ich selbst! rief der Aelteste von den Männern. Es war ein majestätischer Greis, mit einer starken Baßstimme, dessen hoher, kräftiger Körperbau, mit breiter Brust, dem edlen, blühenden Angesicht und dem grauen Haupthaar, welches, über der Stirn gescheitelt, in dichten Locken zu den breiten Achseln niederfiel, Bildhauern oder Malern als Vorbild zu einem Zeus oder Moses dienen konnte. – Höre, Georg! sagte er und wandte sich zu einem schlank aufgeschossenen jungen Manne, der noch das Waldhorn in der Hand trug; dieser Fremdling mag bei uns übernachten; sorge für sein Zimmer. Und Sie, mein Herr! nehmen Sie vorlieb. Es würde spät werden, ehe Sie ein gutes Wirthshaus erreichen können, überdies sind die Wege in diesen Bergen zu schwer zu finden. Florian nahm dankbar die Einladung an und Alle folgten dem Greise in seine gastliche Wohnung. 5. Die Erzählung. Durch den Hausgang traten sie in einen ansehnlichen Raum, der sich durch den Heerd, aus welchem die Flamme hell loderte, wie durch die seitwärts in Reihe und Glied prangenden Teller und Schüsseln, als des Hauses Küche ankündete. Sie glich dem Innern eines Thurmes; oben fehlte ihr die Decke; sie spitzte sich als Rauchfang im Geviert empor, bis hinauf zum Dache. Eine Seitenthür führte in das weite Wohnzimmer, wo noch Pulte, mit Musikblättern belegt, umherstanden. Tische und Stühle und alle Hausgeräthe waren einfach, doch zierlich, von Tannenholz gearbeitet. Bildnisse vom großen König Friedrich, von Washington, Lafayette und andern Vortrefflichen dieses Zeitalters, schmückten die hellbraunen getäfelten Wände. Zwei der Tonkünstler nahmen Abschied; aus ihren Worten schloß Florian, daß sie befreundete Nachbarn Staffard's waren. Die übrigen räumten die Pulte hinweg, während der Abendtisch gedeckt wurde. Ehe man sich daran setzte, faltete der greise Staffard die Hände und betete laut; dann empfing Florian den Ehrenplatz zwischen dem Alten und dessen Sohne Georg. Die vier Musiker, welche blieben, waren Leute im Dienste des Hauses, und saßen am Tische, wie Vertraute. Die unterste Stelle nahm die geschäftige alte Köchin ein. Eine muntere Unterhaltung, welche das einfache Mahl würzte, wechselte, in Scherz und Ernst, jeden Augenblick Gegenstand und Farbe und ging bald von Haus- und Landwirthschaftssachen, zu Aeußerungen freundlicher Theilnahme an dem unbekannten Gaste über; bald zu Verhandlungen über Musik; bald zur Geschichte des Tages und zu den Folgen des Sieges, welchen Erzherzog Karl über die Franzosen bei Stockach erfochten hatte. Florian, an den noch Niemand die Frage gerichtet, weß Landes er sei, gefiel sich unter diesen guten Menschen. Sobald er nach beendigtem Essen mit dem Alten und dessen Sohne allein war, beschloß er, ihnen sein Herz zu öffnen. Georg brachte eine frische Flasche Wein und dem Vater die gefüllte Tabackspfeife. Man steht einander fremd gegenüber, wenn man sich nicht nennt und kennt, sagte Florian; mir aber liegt daran, Ihnen nicht fremd zu sein. Ich möchte um Ihr Zutrauen werben, denn ich bedarf des Rathes und des Schutzes. Sie halten mich für einen Schweizer, ich bin ein Graubündner; Sie halten mich für einen Lustreisenden, ich bin aber ein Flüchtling und suche Verborgenheit in diesem Gebirge. Diesen Morgen entsprang ich den Franzosen unweit Pontarlier. Meine Bestimmung war, glaube ich, Gefangenschaft oder Tod zu Besançon. Mein Verbrechen ist, einen französischen Brigade-Obersten niedergehauen zu haben, der mit Unmenschlichkeit gegen meine Landsleute wüthete, und noch dazu gegen Schuldlose. Bin ich auf diesem Boden, in dieser abgelegenen Gegend sicher vor den Nachstellungen Frankreichs? Herr! sagte der Alte, und warf einen ernsten, doch wohlwollenden Blick auf Florian; Sie sind auf freier und heiliger Erde. Unser Fürst und Schutzherr ist der König von Preußen, jetzt guter Freund der französischen Republik. Kein Franzose darf unser Land in feindseliger Absicht betreten. In allem Uebrigen stehen Sie unter dem Schirm des Gesetzes. Wehe dem, der Hand an Sie legen würde! Florian drückte dem Greise dankbar die Hand und sprach: Mein Wunsch ist, so lange mein Vaterland unterjocht bleibt, mich hier einzunisten und verborgen zu leben. Ich kenne keine Seele in diesem Lande; aber die Ersten, die mir begegnet sind, haben mein Herz gewonnen. Ich bin übrigens nicht ohne Vermögen, und werde Niemandem zur Last fallen. Was, Last? rief der Alte; jeder Schweizer, der Obdach verlangt, ist unser Freund und Bundesgenosse. Erzählen Sie mir, wie ging es in Bünden? Es war Parteiung bei Euch, wie überall bei den Schweizern. Einer hat den Andern verrathen; jetzt büßet Ihr's insgesammt; und so ist's Recht. Der Herr und Gott Eurer Altvordern warf Euch in den Tiegel seines Zorns, daß Ihr von Euern Schlacken gereinigt würdet; das Feuer sollte Euch läutern. Bürgerliche Entzweiung äußerte ihre Folgen nirgends furchtbarer als im Bündnerlande, erwiederte Florian; da waren die Bünde, die Gemeinde, die Familien zerrissen von Alters her; am ärgsten, als die Oesterreicher auf der einen und die Franzosen auf der andern Seite an unsern Landesgrenzen standen. Mein eigener Vater haßte mich zuletzt, weil ich der Stimme eines bessern Vaters folgte. Halt, junger Mann! rief Staffard; wie kann man einen bessern Vater, als den eigenen, haben? Den meinigen, welchen sein Beruf und Staatsgeschäfte oft und auf lange Zeit von Hause entfernt hielten, ehrte und liebte ich, wie ein guter Sohn, antwortete Florian. Der Vater meines Herzens und Geistes aber, mein Lehrer, war einer der ehrwürdigsten Sterblichen, dessen Namen ich nie ohne Rührung ausspreche. Ihm danke ich meine Erziehung, meine besseren Gefühle, mein ganzes Wissen. Er hieß Nesemann . Man hielt ihn für einen Anhänger der patriotischen Partei, weil die Häupter derselben seine Schüler gewesen waren. Nesemann jedoch stand unparteiisch zwischen allen, wie ein Weiser. Sei nicht französisch, sagte er zu mir, auch nicht österreichisch gesinnt, sondern als Bündner rein bündnerisch und nichts Anderes, – das war ich auch, und darum haßte mich mein Vater, der, als ein alter Freund des Ministers Salis von Marschlins, mit Leib und Seele zu dessen Geschlecht und es mit Oesterreich gegen die Franzosen hielt. Er hatte mir schon früher gedrohet, mich zu enterben; sein Zorn wurde dadurch noch vergrößert, daß ich es standhaft ablehnte, die Tochter eines der angesehensten Männer des Landes Braut zu nennen, die er, ohne mich zu befragen, zu seiner Schwiegertochter auserlesen hatte. Sein Jähzorn, seine Leidenschaft, sein Haß gegen die französische Nation tödteten ihn. Als der General Dessolles in unsere Gebirge eindrang, die Oesterreicher verjagte, deren Feldherrn Auffenberg sogar zum Gefangenen machte, ergriff ihn ein unaussprechliches Entsetzen. Ihn rührte der Schlag und er starb. Ich weinte um den Vater und das Vaterland. Dieses, erst eine Bühne der Parteiwuth, war durch sie ein Schlachtfeld fremder Heere geworden. Alle Freude entwich aus den Thälern. Ich selbst lebte zurückgezogen und den Staatshändeln fremd. Unendlicher Schmerz aber und tiefer Grimm wohnte in der Brust des ganzen Volkes. Es konnte sich nicht an den Anblick ausländischer Krieger gewöhnen, die, gleich Gebietern, den freien Boden betraten und in den Hütten gebieterisch befahlen. Bald vernahm ich, es werde ein Aufstand vorbereitet, um die Welschen zu vertreiben. Von den innersten Winkeln des Hochgebirges, vom Crispalt und Lukmanier, sollte sich der Aufruhr, wie eine Lawine, herabwälzen, den Rhein entlang bis Chur, wo gleichzeitig, nach Ueberwältigung des festen Luziensteigs, deutsche Kriegsvölker erscheinen und Hülfe bringen würden. Auch ich wurde aufgefordert, mich anzuschließen; ich warnte aber und blieb entschlossen, die Hand zu diesem gewagten Unternehmen nicht zu bieten. Kein Aufruhr, kein Landsturm konnte uns jetzt noch retten. Ich mochte nicht für die Pläne österreichischer oder französischer Feldherren arbeiten, die nicht das Glück, sondern die Engpässe Bündens verlangten; nicht für die Pläne der Faktionsmänner, die nicht die Freiheit des Gebirges, sondern die Sättigung ihrer Rache zum Ziel hatten. Man bedrohte mich, wenn ich mich der Sache des Vaterlandes entzöge. Ich gab Drohung mit Drohung zurück, und man ließ mich unangefochten. Eines Morgens wurde ich früh geweckt. Es kam die Botschaft, der Landsturm des Oberlandes ziehe herab. Zu Tawetsch, im äußersten Gebirge, gegen den Gotthard hin, war schon eine Abtheilung französischer Soldaten von den Bauern beim Mittagessen überfallen, gefangen genommen und nach Disentis geschleppt worden. Ein französischer Hauptmann leistete mit seiner Compagnie noch fruchtlosen Widerstand gegen die anschwellende Menge. Nach einem blutigen Gefechte übermannt, sah er sich mit seinen Leuten in's Rathhaus gesperrt. Geschrei und Unruhe verbreiteten sich weit umher im Gebirge, bis zu den Hütten der höchsten Alpen. Neue, bunt bewaffnete Haufen zogen von den Bergen, aus allen Thälern heran, und forderten den Tod der gefangenen Welschen. Der ehrwürdige Dekan des Klosters, mit seinen Geistlichen, lag vor dem rasenden Volke auf den Knien und flehte für das Leben der Verurtheilten. Doch die Wilden bedrohten selbst die frommen Fürbitter mit den Mordgewehren, und als die Gefangenen zum Dorfe hinausgeschleppt waren, fielen die wüthenden Haufen mit Geheul über sie her und ermordeten mehr denn hundert auf eine schauerliche Weise. Nach dieser blutigen That zog der lange Zug des Landsturms, mit Flinten und Spießen, Sicheln, Keulen, Sensen und Morgensternen bewaffnet, heulend und jubelnd von Dorf zu Dorf, unter meinen Fenstern vorüber. Man gebot mir, dem Haufen zu folgen. Ihr rennet dem Verderben entgegen! schrie ich warnend; doch zwei Flintenschüsse fuhren mir, als Antwort, durch die Scheiben des Fensters. Von Dorf zu Dorf wachsend, wälzten sich die ungeordneten, blutgierigen Schwärme bis Chur. Dort, in den Wiesen vor der Stadt, wurde meine Warnung zur schrecklichen Wahrheit. Ihre verzweiflungsvolle Wuth konnte sie nicht retten: Zahllose fielen auf dem Schlachtfelde; Zahllose verbluteten an Wunden in Wäldern und Klüften; die Uebrigen zerstreuten sich. Mir zitterte das Herz, als ich den fürchterlichen Ausgang des Unternehmens und den Rückzug des Landsturms hörte. Ich wußte es, mir war der Tod, meinem Hause Zerstörung geschworen. Die Rache halbwilder, verzweifelnder Bauern kennt keine Grenzen. Ich bereitete mich vor und hatte meine Schriften und Kostbarkeiten schon geborgen. Für den schlimmsten Fall hatte ich mich, auch zur Flucht gerüstet, mit Geld versehen, die Pistolen geladen, den Säbel geschliffen. Ach! ich hatte es gegen meine unglücklichen Landsleute nicht vonnöthen. Sie flohen bleich, unter Todesschrecken, ohne an Vollziehung ihrer Drohworte zu denken, durch's Dorf. Der siegreiche Feind folgte ihnen, mordend, auf den Fersen nach, und bald füllte sich das Dorf mit Soldaten. Ich, der Einzige in unserer Gemeinde, welcher der französischen Sprache mächtig, hatte mich mit den Vorgesetzten vereinigt, um Unordnungen zu verhüten. Ich veranstaltete, daß den Kriegern Erfrischungen gereicht wurden und wandte mich an den General Menard . Er verhieß, strenge Mannszucht halten zu lassen und gab mir einen Brigade-Obersten mit. Schon waren aber die Soldaten in die Häuser gedrungen; aus einem derselben, an dem ich vorüberging, erscholl ein durchdringendes, klägliches Geschrei. Es wohnte eine Wittwe darin mit drei liebenswürdigen Töchtern. Als ich rasch hineinging, kamen mir einige Soldaten mit dem dort gemachten Raube entgegen, andere sprengten die Thüren der Zimmer und Schränke. In der Wohnstube, aus der das Geschrei erscholl, sah ich eine der Jungfrauen, im Blute schwimmend, am Boden liegen; ja einige Soldaten waren im Begriff, Mutter und Schwester der Ermordeten zu entehren. – Schaffen Sie Ordnung, schrie ich dem neben mir stehenden Brigade-Obersten zu, oder ich steche diese Ungeheuer vor Ihren Augen nieder! Da er nicht antwortete, packte ich einen nach dem andern von den Satanen und schleuderte sie zur Thür hinaus. Der Oberst, anfangs erstaunt, sprang mir mit gezücktem Degen auf die Gasse nach, und wollte mir den Stahl durch den Leib rennen. Ich zog den Säbel und setzte mich zur Wehr. Als unsere Klingen an einander flogen, standen die Soldaten als neugierige Zuschauer um uns herum. Da aber mein Säbel wie ein Blitzstrahl den Obersten zu Boden streckte und sein Blut hoch aufspritzte, riß man mich hinterrücks zu Boden, entwaffnete mich, und würde mich umgebracht haben, wäre in dem Augenblick nicht der General erschienen. Er erkundigte sich nach dem, was vorgefallen; die Soldaten klagten mich, als einen Rebellen-Hauptmann an. Vergebens erzählte ich den wahren Hergang der schändlichen Sache; ich wurde verhaftet, mit Seilen gebunden, auf einen Wagen geworfen und nach Chur fortgeschleppt, von wo man mich als Gefangenen in die Schweiz brachte. Es schien, als wüßte man nicht, wohin mit mir; denn ich wurde erst gegen Basel, dann nach Lausanne geführt. Vielleicht war es nur Menard's Absicht, den Schein strenger Gerechtigkeit zu wahren, und mich vor der Wuth seiner Soldaten zu retten; vielleicht sollte ich einem Kriegsgericht überliefert werden, das in der Verwirrung, da man sich täglich gegen die Oesterreicher schlagen mußte, nicht zu Stande gebracht werden konnte; möglicherweise sollte ich aber auch nach Salins oder in eine andere französische Festung gebracht und dort als einer der Anstifter des Disentiser Mordes verwahrt werden, wie schon Mehrere, ganz unschuldig, weggeführt worden sind. Genug, heute erblickte ich schon die Thürme von Pontarlier; da entwaffnete ich meine Wächter und entsprang. Wie viel Wächter hatten Sie? fragte Georg. Zwei Soldaten mit geladenem Gewehr saßen zu beiden Seiten neben mir auf dem Karren. Ich schlug ihre Köpfe zusammen, daß sie wie hohle Scherben brachen, und während sie bewußtlos niedertaumelten, zerschmetterte ich ihre Gewehre und ging davon. 6. Befreundung. Die beiden Staffarde betrachteten theilnehmend den Gast, der seine Abenteuer mit einer Ruhe erzählte, als spräche er von alltäglichen Dingen. In seinem Antlitz war so viel Mildes, Freundliches, fast Mädchenhaftes, daß man an seinem Muthe in so grauenvollen Gefahren und an seiner herkulischen Stärke vielleicht gezweifelt haben möchte, wenn er nicht vor wenigen Stunden noch die grimmige Dogge des Nachbars durch einen Griff gebändigt hätte. Wollen Sie mir nun, fuhr Florian fort, das Wort geben, gegen Jedermann über meine, Ihnen anvertraute Geschichte zu schweigen; wollen Sie mir, wie Einem, der der Naturkunde, oder der Gesundheit zu lieb, seinen Sommeraufenthalt hier nehmen will, Obdach verschaffen: so ist mein sehnlichster Wunsch für den Augenblick erfüllt. Ich begebe mich morgen in die Hauptstadt, spreche den königlichen Statthalter selbst, versorge mich mit mancherlei kleinen Bedürfnissen – denn mir mangeln Kleider, Wäsche und andere Nothwendigkeiten, – und kehre dann zu Ihnen zurück. Beide Staffarde reichten ihm mit freundlicher Herzlichkeit die Hände über den Tisch und ihr Handschlag sagte ihm mehr, als ihr Wort: Sie bleiben bei uns; unsere Hütte und unser Tisch sind groß genug. Ha! rief Georg, und seine Augen funkelten in den Flammen der Begeisterung; wäre ich doch bei Ihnen gewesen; o wäre ich doch bei Ihnen gewesen! Wir hätten neben einander gefochten; wir hätten das ganze Gebirge in Bewegung gesetzt zur Rettung der Freiheit. Ach! daß Sie so allein stehen mußten in Bünden, wie der tapfere Aloys Reding in den Hirtenkantonen. Warum sammelte sich nicht eine heilige Schweizerschaar gegen die fremden Unterjocher? Warum hat die Schweiz nicht solcher Männer mehr, wie Sie! Wie mich? fragte Florian mit dem Lächeln der Verwunderung; zehntausend für Einen; doch nicht die Einzelnen konnten einzeln retten; es mußte die Nation aufstehen, wenn Großes geschehen sollte. Aber das Leben der Nation war in örtlichen Parteistreitigkeiten und in Selbstsucht aufgelöset. Der Föderalismus hatte das Nationalleben so ganz vernichtet, daß selbst die vortrefflichsten Männer der Schweiz nichts von der Eidgenossenschaft, sondern nur von ihrem Kanton wußten. Aloys Reding war vor zwei Jahren bei mir, nachdem wir uns auf dem Schlosse Ortenstein, wo er Freunde besuchte, kennen gelernt hatten. Seine schöne Gestalt, der feste Blick seines blauen Auges, die Gutmüthigkeit seines Wesens ließen mich ihn schnell gewinnen. Wir sprachen von den Gefahren, welche der Schweiz droheten, von der Möglichkeit eines französischen Angriffs. Er wollte damals selbst an die Möglichkeit nicht glauben. Ja, rief er; wenn die Verwüster zu uns eindringen – ich weiß nicht, was die andern Kantone thun würden; ich traue den meisten nicht, – aber in unsern Urkantonen finden die Franzosen ihr Grab. Ich würde mir vor Scham die Haare ausraufen, fuhr er fort und legte die Hand an seinen blonden Kopf, wenn ein einziger Schweizer anders dächte, als ich. – Vergessen Sie nicht, sagte ich, Ihr Ländchen und Frankreichs Uebermacht, ist der Kampf der Mücke gegen den Adler. – Reding mochte darüber nicht weiter reden. Mit einer Miene voll Zuversicht und Stolz, als wollte er sich und mich beruhigen, sagte er: Wir sind noch nie bezwungen worden und werden es nie! – So arglos, so kurzsichtig, so unerfahren waren die Besten unserer Schweizer. Bei Gott, Sie haben Recht! schrie der alte Staffard in patriotischem Zorne und schlug die gewaltige Faust auf den Tisch. Es war schon längst keine Eidgenossenschaft mehr, nirgends ein Begriff von Freiheit und eidgenössischem Hoheitssinn; in den kleinen Kantonen herrscht Eigennutz, Armuth und Unwissenheit, in den Stadtkantonen reichsstädtischer Dünkel und Großthuerei, bei Krämersinn; das Regieren ist ein Gewerbe für die Haushaltung geworden; die Liebe zum Frieden, eine beschönigte Feigheit; die Staatsklugheit, Phrasenmacherei und Geheimnißthuerei. Da mußte Alles in Grund und Boden verdorben werden, oder der liebe Herrgott hätte mit Wundern dazwischen kommen müssen. Ich bin viel im Schweizerlande umhergekommen; überall wackere Leute, aber: Jeder für sich, Gott für uns Alle. Doch jetzt, rief Georg; jetzt, Vater! nun Alles im Abgrunde des Verderbens liegt, muß es ein Aufraffen geben. Wenn nicht die Freiheitsliebe, muß uns die Verzweiflung treiben. Erzherzog Karl zieht gegen Zürich und den Gotthard; die Franzosen fliehen. Auf, auf mit den Schweizern nun, dem Erzherzog die Hand geboten und den letzten Franzosen niedergemacht! Um den Stadtbürgern ihre Landvogteien wiederzugeben? sagte Florian; das wollen die unterjocht gewesenen Landleute nicht; um die Unterthanen zu freien Schweizern zu machen? das wollen die alten Rathsherren nicht; um sich, statt durch Franzosen, durch Russen und Oesterreicher kommandiren zu lassen? das wollen die Vernünftigen nicht. Die Zeit ist noch nicht gekommen; umgekehrt, jetzt erst gährt der Most; jetzt erst kämpft der Eigennutz und Stolz der Einzelnen den Kampf auf Tod und Leben, bis jener vernichtet ist und in Gemeinsinn verwandelt worden ist. Die Parteien reiben sich mit ungehemmter Wuth an einander, bis sie sich insgesammt selbst zerrieben haben werden. Der Wille des Herrn geschehe! rief der alte Staffard. So redeten sie mit einander bis tief in die Nacht. Georg gewann durch diese Gespräche den Fremdling so lieb, daß er nicht mehr Fremdling war, sondern sein Vertrauter wurde. Nicht minder erschloß sich dem jungen Bündner das Herz des alten Staffard, der ihn beim Erheben an seine Brust drückte. Sie begleiteten ihn zu seinem Zimmer die hölzerne Treppe hinauf und wünschten ihm angenehme Träume. – Florian, von den Anstrengungen und Aufregungen des Tages ermüdet, schlief, in dem Gefühl der lang entbehrten Freiheit und persönlichen Sicherheit, nach vielen Wochen zum ersten Male wieder einen festen, ungestörten Schlaf. Fröhlich war sein Erwachen. Er segnete den Glücksstern, welcher ihn zu so trefflichen Menschen geführt hatte. Er trat an das Doppelfenster des kleinen, saubern und bequemen Gemachs; dem mitten im Sommer die winterlichen Vorfenster noch gelassen waren. Daß zwischen diesen Fenstern die Geschirre mit Rosen, Nelken, Levkojen und andern Blumen gegen die äußere Luft geschirmt stehen mußten, bezeichnete die Rauhheit des Himmels in dieser Höhe der Gebirge, die kaum einen warmen Sommer von fünf bis sechs Wochen hat. Der Blick über die einförmigen Wiesen, Hügel und Felsen erinnerte an die Ruhe und Einförmigkeit der Alpenwelt. Im Garten sah er die gemeine Pappel und Eiche, welche in den Thälern hochstämmig werden, nur als Zierbaum gezogen; aber kurz und verkrüppelt, daß er sie kaum wieder erkannte; ebenso die Linde und den Maulbeerbaum. An den Felsblöcken kletterten Ziegen umher; aus der Ferne tönten melancholisch die Glockengeläute der Heerden. So arm diese Natur, um so reicher der Mensch und sein Herz, sprach er. Er wurde längst beim Frühstück erwartet, wo ihn der Alte und sein Sohn, wie einen vieljährigen Bekannten empfingen, der nach langer Abwesenheit wieder heimgekehrt war. Man besprach die künftige Einrichtung für Florian auf der Feenhalde. Daß er in Staffard's Hause bleiben müsse, war selbstverständlich. Bei seiner Rückkehr von Neuenburg sollte er ein bequemes Zimmer finden und die Nachbarn umher kennen lernen. Georg begleitete ihn darauf nach Les Verrieres, in der Absicht, ihm von einem seiner Freunde daselbst einen bequemen und leichten Wagen zur Reise nach der Hauptstadt zu verschaffen. Sie ließen den Wagen vorausfahren, um im Wirthshause den Abschiedstrunk mit einander zu trinken. Da ergossen sich beim vaterländischen Weine die Herzen der patriotischen Jünglinge in einander; sie wurden Brüder. Es ist, als risse mich eine zauberhafte Gewalt zu Dir hin, rief Georg, der den Freund umarmte: und doch kenne ich Dich erst seit gestern. Ich kann's mir nicht erklären. Und ich, rief Florian, habe noch Keinen für mein Herz gefunden, wie Dich, Georg! und sah doch schon so Viele. Doch kann ich's mir erklären: Du bist der bessere Mensch, unendlich natürlicher als ich; bei Dir will ich gut werden. O Florian! sagte Georg mit Erröthen, wie Du auch sprichst; Du, von dem ich nicht weiß, ob ich ihn mehr aus Bewunderung liebe oder aus Liebe bewundere, Du erst gut werden? Was wird meine Claudine von Dir sagen, wenn sie Dich sehen wird? Hast Du ein Lieb, Georg? Eine Verlobte; wir feiern die Hochzeit im nächsten Herbst. Du mußt sie mit uns feiern, Florian! – hast Du noch keine Geliebte gefunden? Nein, Georg! daran mag ich jetzt nicht denken; die Zeiten sind zu stürmisch. Ich will ungebunden bleiben; vielleicht bedarf das Vaterland meiner noch. Wie sollte ich ein armes Geschöpf in's Elend ziehen, wenn ich mich in die Schrecken dieser Zeit hineinstürzen muß? So sprachen sie lange und vertrauten einander ihre kleinen Geheimnisse, wie Brüder; dann schieden sie mit der freudigen Aussicht auf ein baldiges Wiedersehen. 7. Die Kette. Florian eilte dem Wagen nach. Der Morgen war frisch und anmuthig, die Gegend ihm neu, sein Herz voll. Er ging langsamer, um sein Glück so recht zu genießen; denn mit solcher Herzlichkeit und Zutraulichkeit, wie Georg und dessen Vater, war ihm Niemand in Bünden begegnet. Er hatte im heimathlichen Thale wohl Umgang mit Jagdgenossen und alten Spielgefährten gehabt; doch keiner von allen hätte sich ihm, er sich keinem so offen hingegeben, wie es hier geschehen war. Dort hatten Partei- und Familien-Zerwürfnisse das Reinste befleckt und in das Leben eine gewisse Gezwungenheit hineingetragen; dort hatte er in der Freundschaft Vorsicht und beim vollen Becher kalte Ueberlegung beobachten müssen; hier hingegen fand er eine Welt, wo man mehr mit dem Herzen, als mit dem berechnenden Verstande lebte. In der stillen Freude wurde sein Gang ein tanzendes Schweben durch die grünen Wiesen zu beiden Seiten, die sich rechts und links bis auf lang ausgedehnte Höhen erhoben; hin und wieder von vereinzelten ländlichen Wohnungen mit Gärten belebt, alle in der Bauart von Staffard's Hause. Die Höhen rechts und links zogen sich bald vor ihm zusammen und schlossen das Thal. Er stieg an ihnen hinauf; es war ihm ein Weg, wie zum Himmel. Auf der Bergstraße kam ihm eine lange Reihe einspänniger Güterfuhren entgegen, jedes Pferdes Kummet, nach Landessitte, mit einer Decke von blaugefärbten Schaffellen behangen, die Fuhrleute mit Gesang nebenher schreitend. Von droben, wo die zerstreuten Kühe am Rande des Tannenwaldes weideten, tönte der Klang ihrer Geläute anmuthig hernieder. Kleine Hirtenknaben jauchzten und liefen schwankend auf den niedern Mauern, welche, ohne Mörtel, nur von künstlich geschichteten Rollsteinen erbaut, die weiten Triften umhägten. Alles in dieser lieblichen Wildniß, von deren Höhe man rechts die zerstreuten Hütten der Bayards, vor sich das Thal von Verrieres sah, schien dem Flüchtling reizender, als Alles, was er je in der ganzen Schweiz Paradiesisches erblickt hatte. Alle Welt schien hier mit ihrem Loose zufriedener, Alle frommer, Alle glücklicher. Nachdem er auf der Höhe, links der Landstraße, an einem Bauernhofe vorübergegangen war, erblickte er abermals Fels und Wald vor sich zusammentreten, als würde ihm der Ausweg verrammelt. Als sich jedoch das Gebirge zu einer Schlucht öffnete, breit genug, die Straße hindurchlaufen zu lassen, wurde er in derselben zwei weißgekleidete junge Mädchen gewahr, welche ihn zu beobachten und sich lachend von ihm zu unterhalten schienen. So ernst auch, als er näher trat, beide gern werden wollten, konnte sich eines der Mädchen zuletzt des lauten Gelächters nicht erwehren; die andere verbarg ihr Gesicht unter dem breiten Strohhut. Sie standen neben einer ungeheuern eisernen Kette, die, links an den Felsen festgeschmiedet, in einen schmalen Graben niederhing und vor Zeiten bestimmt gewesen sein mochte, das Thal zu verschließen. Verzeihen Sie, sagte die schöne Lacherin, indem sie sich gegen Florian anmuthig neigte; verzeihen Sie, daß ich Ihre männliche Kraft in Anspruch nehmen möchte, um mit der Kette hier das Land zuzusperren. Sehen Sie, meine liebe Freundin droht, unser Thal zu verlassen; aber, gleichviel ob Scherz oder Ernst, sie gab doch das Wort zu bleiben, wenn ich den Ausgang mit der Kette verschließen würde. Ich armes Kind, ich mühte mich vergebens; da sandte Sie der Himmel. Helfen Sie mir! Doch ich fürchte, man muß zu der Riesenkette Riesen haben, denn ich kann nicht zwei Ringe derselben in die Höhe heben. Um den Preis, in Ihnen eine Freundin zu erhalten, kann ich zum Riesen werden, sagte Florian, ergriff die rasselnden, großen Ringe, gab der Lachenden das Außenende in die kleine, zarte Hand, und spannte die Kette über die Straße. Ich habe gesiegt, ich habe gewonnen, Hermione! rief die frohe Lacherin, klatschte in die Hände und tanzte, wie eine lustige Sylphide, vor der Kette; Dein Wort muß Dich nun stärker fesseln, als diese Bande, die kein Gigant sprengen würde. Die überwundene Hermione erhob ihr Köpfchen und sah zur Kette und zu dem herüber, der sie wie einen leichten Faden hielt; betroffen und starr sah sie den Fremdling an, und eine Röthe, wie der Abglanz eines brennenden Abendrothes, überflog ihr feines, geistvolles Antlitz. Auch Florian war wie verzaubert von der Jungfrau, welche in holder Verwirrung vor seinem Auge stand. Er wußte nicht, ob sie ihm irgend schon einmal begegnet, oder aus Träumen zum Leben gekommen war. Du hast gesiegt, Mädchen! sagte Hermione mit leiser, anmuthvoller Stimme; aber nicht durch eigene Stärke. Ich bin stolz, Fräulein! Ihnen zu solchem Siege verholfen zu haben, sagte Florian, denn Besseres hat diese Kette seit Jahrhunderten nicht an dieses glückliche Land gebunden. Dem Sieger rechnet man nie die Mittel nach; rief die Fröhliche, indem sie ihren Arm um Hermione schlang; Du bist meine Gefangene, und Ihnen, mein Herr! danke ich für die theure Beute. In diesem Augenblick rollte ein leichter Reisewagen herbei und hielt vor der Kette. Die beiden Mädchen, von Florian unterstützt, stiegen ein. Ach, sagte er leise, und sein Ton klang wie ein Seufzer, nun erst sollte ich die Kette spannen; mir bleibt von der Beute nichts, als die Erinnerung. Sie sind großmüthig! rief die Siegesfrohe mit einem verbindlichen Neigen. Hermione blieb stumm, heftete jedoch auf Florian einen langen, sinnigen Blick, den sie, sobald er seine Augen zu ihr wandte, schnell und verschämt zurück wendete. Der Reisewagen fuhr davon, den Berg hinab. Florian sah ihm lange nach, bis er hinter Gebüschen und Felsen verschwand. Mein Gott! es ist keine Andere, sie ist's selbst! ausrufend, versank er in ein stilles Sinnen und seufzte: sie ist's selbst; – er meinte Hermione. Er erinnerte sich, in seinem bündnischen Vaterlande diese Gestalt, dieses Madonnenantlitz, von hellkastanienbraunen Locken umschattet, gesehen zu haben. Auf der oberen Terrasse im Schloßgarten von Reichenau war es gewesen, von wo einst eine Gesellschaft französischer Stabsoffiziere und einige Frauen das Zusammenströmen des vorderen und hinteren Rheins am Fuße der Felsen, betrachtet hatten. Dort mußte er den wißbegierigen Fremdlingen die Namen der Gebirge und Ortschaften nennen, während die Frauen aufmerksam horchten: den wilden, felsigen Kalanda rechts; das von feinen Obstbäumen beschattete Tamins auf der Höhe unter den Felswänden; die Hütten von Bonaduz im Hintergrunde einer weiten Wiese, und weiterhin, gegen die finstern Bergschlünde, aus denen die schwarzgrauen Rheinwellen hervorrollen, die alterthümlichen Mauern der Burg Rhäzüns. Noch waren seitdem kaum drei Monate verflossen. Er hatte damals Hermione nicht gesprochen, nicht sprechen hören; nur gesehen hatte er sie, in winterliche Reisekleider gewickelt, der halbverhüllten Schönheit einer aufbrechenden Moosrose ähnlich. Als sie damals mit ihren Begleitern schnell abreiste, doch sich noch einmal umwandte und zu ihm aufsah, durchschauerte ihn ihr Blick. Er fühlte, daß an dieser Wundergestalt seine Ruhe verloren gehen müsse, wenn er sie öfter sehen sollte. Es zog ihn oftmals, seine Heimath zu verlassen, eine Reise nach Reichenau und die Stadt Chur zu machen, wo er sie, wenn auch nur aus der Ferne, wenn auch nur flüchtig, doch noch einmal zu erblicken hoffte – er machte aber vergebliche Wanderungen. Bei der Heimkehr war er jedesmal in den Schloßgarten gegangen, und hatte sich auf der Stelle des Rasens niedergelegt, den ihr Fußtritt geweiht hatte. Er wußte selbst nicht, war sein Herz oder seine Einbildungskraft krank geworden. Er hatte sich um seine geheime Thorheit Vorwürfe gemacht, und doch war ihm diese Thorheit lieb gewesen. Gewiß, sie ist's, seufzte er, verließ die Kette und setzte unruhig und bewegt seine Wanderung fort, den Berg auf der andern Seite abwärts; wie spielt sie mir der Zufall wieder zu und doch so hartherzig, nur auf einen Augenblick. Da eilt sie hin und ahnet nichts von den Gefühlen, die sie mir erregt hat. Sie geht in ihr Vaterland zurück, in's nahe Frankreich. Am Fuße des Berges, vor dem freundlichen städtischen Flecken St. Sulpice, fand er seinen Wagen wartend und setzte sich hinein. Die Lieblichkeit des vom Gebirg eng umzäunten Thales zerstreute ihn nicht; nicht die heitere Umgebung von Motiers, wo rechts, auf umbüschtem Hügel, die Ruinen der Burg Chatelard trauern. Erst nach einigen Stunden, da der Kutscher Mittags im Dorfe Travers anhielt, erwachte er aus seinen Träumereien. Während er hier auf der hölzernen Bank vor dem Wirthshause saß und den Spielen der Kinder in einer gegenüber gelegenen Scheune zusah, erblickte er seitwärts eine lange weibliche Gestalt, die aus der Werkstätte des benachbarten Schmiedes hervortrat und den Weg zum Dorfe hinaus wählte, welchen er eben gekommen war. Obgleich er sie nur von hinten und in der Ferne sah, erkannte er doch an der ungewöhnlichen Größe des Weibes, an den schnellen, weitgestreckten Schritten und dem Krückstock in der Hand diejenige, welche ihm auf dem Gipfel des Gros-Taureau erschienen war. 8. Frau Morne. Er fühlte keine Neigung, sie zu verfolgen und eine Bekanntschaft zu erneuern, die wenig Reiz für ihn hatte. Vielmehr drückte ihn bei dem unvermutheten Wiedersehen der Sibylle eine peinliche Empfindung, wie Scham und Verdruß darüber, daß er sich gestern durch das närrische alte Weib abergläubischen Schrecken hatte einjagen lassen. Er richtete alle Aufmerksamkeit auf das Spielen der Kinder und zwischen diesen spielenden Kindern schwamm wieder Hermione's Bild im Licht ihres weißen Gewandes und im Glanze ihrer braunen Locken. Da fuhr ihm der Gedanke durch den Sinn: Wie, wenn die Alte vom Berge vielleicht sagen könnte, wer diese Hermione sei? wen sollte ich fragen, wenn nicht diese Sibylle? sie kennt das Land, die Menschen, sie weiß so Vieles. – Er sprang eilig von der Bank, wurde aber bald nachdenkend und setzte sich wieder langsam nieder; denn er gedachte der Thorheit seines Einfalls. Hermione, die er zuerst in Bünden in Gesellschaft französischer Offiziere gesehen hatte, war offenbar eine Fremde, offenbar auf der Rückreise nach Frankreich begriffen; das bezeugte selbst der Staub ihres Reisewagens. Aber – und es durchglühte ihn ein Strahl der Freude – aber ihre Gefährtin hatte gesprochen, sie drohe das Thal zu verlassen. Welches Thal, wenn nicht das von Les Verrieres, oder vielleicht das von Pontarlier? Gleichviel, sie muß in diesen Gegenden doch verweilen; die Alte kann folglich von ihr wissen. Er dachte es, und eilte der Alten nach zum Dorfe hinaus. Als er in's Freie kam, war diese aber nirgends mehr zu erblicken. Ungewiß, ob sie in ein anderes Haus eingekehrt, die Landstraße oder einen Nebenweg gegangen sei, befragte er einen Bauer, der des Weges kam, ihm die Gestalt der Alten beschreibend. Ich verstehe, sagte der Bauer, Sie meinen Mutter Morne , wie wir sie nennen. Wenn Sie Ihre Schritte verdoppeln wollen, erreichen Sie sie in einer halben Viertelstunde; sie geht die Straße nach Couvet. Was ist das für eine Frau, diese Mutter Morne? Ich begegnete ihr schon gestern; sie sagte mir Vieles und doch kenne ich sie nicht. Glaub's gern, Herr! es ist ein wunderliches Weib, vielleicht nicht immer bei gefunden Sinnen, übrigens aber eine ganz gute Frau. Manche halten sie für eine Hexe, die Umgang mit bösen Geistern pflegt; es ist das Aberglaube. Doch das läßt sich nicht läugnen, sie versteht mehr als andere Leute, und man wird aus ihrem Wesen nie klug. Sie hat schon Vieles vorausgesagt, woran Keiner glaubte, und es ist eingetroffen. Sie kann das Fieber besprechen, und hat schon schwere Krankheiten durch bloßes Auflegen ihrer Hände geheilt. Sie hat Dinge an's Tageslicht gebracht, von denen Niemand wußte; kurz, es ließe sich viel von ihr sagen. Kein Mensch weiß, von welcher Religion sie ist; denn sie geht in keine Kirche, aber man findet sie zuweilen in den Wäldern mit gefalteten Händen auf den Knien. Sie ist in beständiger Unruhe, stets auf Reisen, doch hat sie kein Geld und nimmt auch keins an. Sie ist aller Orten, aber an keinem Orte daheim. Winter und Sommer sind ihr zum Wandern gleich, eben so Tag und Nacht. Länger als drei Stunden schläft sie nie, auch nicht im besten Bette. So erzählte der Bauer noch lange fort von dem, was von der seltsamen Alten bekannt war; Florian jedoch wollte nicht zögern, aus Furcht, die Wandernde zu verlieren. Er brach das Gespräch ab, dankte dem gefälligen Manne und eilte mit Doppelschritten davon. Endlich erblickte er in der Ferne die Gestalt; dann sah er, wie sie von der Landstraße rechts abwich, über die Felder aufwärts stieg, den Bergen zu. Er folgte ihr; kam zum Seitenweg, der steinig und rauh war, bis zum ausgetrockneten Bette eines Baches, in dessen Nähe zwischen Hügeln einzelne Hütten gelegen waren, aus denen ein finsterer Rauch empor stieg. Er trat in eine der offenen, vom Ruß geschwärzten Hütten, aus der sich ein eigener, betäubender Geruch verbreitete. Hier schmolzen die Leute aus den Erdblöcken, welche sie in der Nähe herausgegraben hatten, Asphalt. Dieses Steinöl, dessen Quelle noch unbekannt ist, hat, nur wenige Fuß tief unter der Dammerde, ein kalkiges Mergellager durchdrungen, geschwärzt und zum Uebermaße gesättigt. In einem Winkel der Hütte saß Frau Morne. Florian bemerkte sie nicht eher, bis sie ihm zurief: Willkommen auf La Combe, Flüchtling! Damit erhob sie sich, ging aus der Hütte, winkte ihm, zurücksehend, mit dem Krückstocke. Er folgte ihr, wie sie schnellen Schrittes im steinigen Bette des Waldstromes gegen die Bergschlucht hinging und er erzählte ihr unterwegs, da sie fragte, wohin er reise, von seiner guten Aufnahme in Staffard's Haus, und aus welchen Ursachen er nach der Stadt Neuenburg gehe. Plötzlich unterbrach sie ihn mit der Frage: Wer ist Ihnen unterwegs begegnet? Florian stutzte und sagte: Eben darum wollte ich Euch fragen, Mutter Morne! Sie blieb vor ihm stehen und wiederholte die Frage, er die Antwort. Ich sah Euch, fuhr er fort, im Dorfe Travers; Ihr waret mir zu schnell aus den Augen; ich bin Euch weither nachgeeilt. Schonen Sie die Ruhe der Jungfrau. Welcher denn, Mutter Morne? Die Sie heute nicht zum ersten Mal fanden, um derentwillen Sie mir nachgerannt sind. Florian's Verwunderung war jetzt nicht geringer, als gestern, auf dem Gros-Taureau. Es schien etwas Uebernatürliches in dem Weibe zu sein. Wie konnte es das Geheimniß seiner Brust wissen, das er Keinem anvertraut hatte? – Er erzählte, wie er den Mädchen bei der eisernen Kette begegnet sei, und was er mit ihnen gesprochen. Er bat, ihm nun zu sagen, wer die unbekannte Schöne wäre, die den Namen Hermione trage, und wer ihre Begleiterin sei, wo sie wohne, wohin sie reise und zwanzig andere Dinge mehr. Frau Morne rieb ihre Stirn mit der braunen dürren Hand und sagte mit verfinstertem Gesicht: Das werden Sie von ihr selbst hören, besser, als ich's weiß; aber schonen Sie die Ruhe der Jungfrau. Sie kommen in unser Land, wie der warme Oberwind; traue Keiner dem Lüftchen! Es füllt den Himmel mit Wolken und Wettern und schlägt die Erde mit Hagel und Blitzstrahlen. Wie, Hermione wird mir's selbst sagen? rief Florian; ich werde sie noch einmal sehen? wann? wo? saget mir's, Mutter Morne! ich werde Euch ewig erkenntlich sein. Nichts! schrie die Alte; es ist in den höchsten Himmeln und in den Tiefen des Abgrundes Keiner, welcher die künftigen Dinge verrathen möchte, als der Teufel; denn damit schnitte er die Wurzeln der künftigen Glückseligkeit ab: Glaube, Liebe und Hoffnung. – Was verlangen Sie? Wer hat Ihnen gesagt, daß ich den Geist der Weissagung habe? Zürnet nicht, Mütterchen! Ihr habet mir schon Manches gesagt, worüber ich in Erstaunen gerieth, weil außer mir selbst, Niemand davon belehrt sein konnte. Doch, murrte Frau Morne ärgerlich; was ich weiß, habe ich durch Sie selbst. Ich höre nur mit feineren Ohren und sehe mit helleren Augen. Habt Ihr also keine Antwort auf meine unschuldige Frage, wo Hermione wohne und wer sie sei? Ich habe es schon gesagt, Sie werden es von ihr hören. Wirklich? und habt Ihr mir keinen Rath zu geben? Sich wohl zu hüten. Wovor? Sich , vor sich selbst! Florian bot ihr einige Stücke Geld. Mutter Morne! nehmt dieses Wenige. Frau Morne warf die Geldstücke an den Boden, wandte das Antlitz und verlor sich bald in den Gebüschen gegen die Bergschlucht. Florian hatte die Mühe, sein Geld wieder aufzulesen; er ging in's Dorf zurück. Das alte Weib hat Recht; vor mir selber mich hüten, – sprach er, indem er dahin schritt; sie hat die Sehnsucht dieser Brust, die verzehrende Flamme der Phantasie in mir erkannt. Bin ich nicht auf der großen Straße zu allen Narrheiten der Leidenschaft? Er pfiff ein Liedchen, wandte Alles auf, um sich zu zerstreuen, nahm im Wirthshause eine stattliche Mahlzeit ein und fuhr bis in die dunkle Nacht zur Hauptstadt des Fürstenthums. 9. Aufklärungen. Die Geschäfte, welche ihn, wegen der Sicherheit seines Aufenthalts in diesem Lande, zum alten weitläufigen Schlosse auf der Höhe, und zur königlichen Statthalterei führten, waren bald abgethan; desto länger hielten ihn Schneider und Schuhmacher, Näherinnen und Wäscherinnen in der kleinen, finstern Hauptstadt auf; denn er mußte sich von Kopf zu Fuß neu kleiden. Die sogenannten Sehenswürdigkeiten hatte er bald in Augenschein genommen; doch wurden ihm die Tage etwas lang, wie fleißig er auch die Umgebungen der Stadt durchwanderte und wie oft auch die Aussichten von den Hügeln und Landhäusern über den weiten See bis zur fernen Verkettung der Alpen wechselten. Unerwartet kam ihm Trost. Eines Abends ging er längs der Stadt, wo sich ihre Straßen unregelmäßig gegen das Seegestade hin erstrecken. Das Ufer war von Landleuten belebt, welche sich anschickten, über den See, in ihre benachbarte Heimath zurückzufahren und von lärmenden Schiffern, Fischern und andern Arbeitern. Als er zur steinernen Brücke kam, welche über den Bergstrom des Seyon führt, der sich wenige Schritte von da in den See ergießt, bemerkte er einen kleinen, schwarzgekleideten Mann, welcher, über das Geländer der Brücke unbeweglich hingelehnt, in das leere Bett des Stromes niederschaute. Es war unverkennbar der Professor Onyx. Florian, froh einen Bekannten zu sehen, begab sich zu ihm. Er redete ihn jedoch vergebens an; der Professor ließ sich in seiner Betrachtung nicht stören. Endlich weckte ihn der Bündner mit einem kräftigen Schlag auf die Schulter. Der Erwachte starrte ihn mit großen befremdeten Blicken an, ging aber plötzlich in die lebhafteste Freude über, als er ihn endlich erkannte. Seelenfreundchen! schrie er, schüttelte ihm die Hand und betrachtete Florian's Bekleidung; Sie haben sich ja ganz neu verpuppt; ich habe Noth, Sie in dieser zierlichen Gestalt wieder zu erkennen. Was führt Sie nach Neuenburg? Wollen Sie das Land schon wieder verlassen? Gelt, ich sagte Ihnen voraus, Sie würden es unter diesen Halbwilden nicht lange aushalten können. Als ihm Florian den Grund seiner Anwesenheit genannt hatte, worauf aber Onyx kaum zu hören schien, unterbrach ihn dieser, zeigte mit der Hand über die Brücke des Seyon nieder und sagte voll Unwillens: Sehen Sie, Freund! die unverzeihliche Nachlässigkeit und Unbehülflichkeit der hiesigen Menschen. Ein breites, mit Quadersteinen aufgemauertes Strombett, und statt des Wassers darin – nein, die Welt wird es nicht glauben! – Koth und stinkender Schlamm, der die Luft mit giftigen Miasmen verpesten würde, wenn nicht der Wind mit den unwissenden Leuten Erbarmen hätte. Nun müssen Sie wissen, Herr! daß eben dieser Strom, der jetzt kaum einiges Wasser hat, zu anderer Zeit überläuft, die Stadt mit Gefahr bedroht, Felder und Wiesen verheert, und schon unzähliges Unglück angerichtet hat. Es wäre Kleinigkeit, ich sage Ihnen, wahre Kleinigkeit, das Wasser des Stromes so zu reguliren, daß er das ganze Jahr hindurch Wasser genug habe, um Fabriken und Mühlen zu treiben; seinen Ueberfluß unschädlich zu machen und zur Befruchtung des Landes abzuleiten. Der Tyrann dieser Gegenden könnte dienstbar gemacht, den Neuenburgern jährlich einen Gewinn – ich habe ihn genau berechnet – von einigen Hunderttausend Livres bringen. Die Kosten der zu machenden Vorrichtungen wären binnen wenigen Jahren wieder eingebracht. So viel ich weiß, wird dieser Strom nur durch Regen- und Schneewasser aus den Bergen gebildet, sagte Florian; welches Rezept wollen Sie gegen die gute und böse Laune des Himmels verschreiben? Seelenfreundchen! schrie Onyx, wir müssen nicht den Himmel, sondern den menschlichen Verstand in die Kur nehmen. Unterhalb Valangin, wo der Strom sein tiefes, enges Bett zwischen Felswänden hat, dämme ich ihn noch mehr ein und erbaue ich einen ungeheuern Sammler; leite dann das Wasser durch Kanäle rechts und links zur Bewässerung des Landes, zum Betriebe von Räderwerken unterhalb des Wasserfalls; zapfe in der trocknen Zeit den Sammler allmählich ab und – kurz, ich habe den Plan im Kopfe; ich bin jetzt beschäftigt, ihn zu Papier zu bringen, mit allen dazu gehörenden Bemerkungen, Nivellements, Grundrissen und Kostenverzeichnissen. Der Professor gerieth in solches Feuer, daß er die Schreibtafel hervorzog und mit dem Bleistift zu zeichnen anfing und sprach so lebhaft, daß die Vorübergehenden auf der Seyonbrücke stehen blieben und bald einen Kreis um ihn schlossen. Florian hatte Mühe, ihn zu bereden, den Plan zu anderer Zeit zu erklären, und statt dessen ihm im Wirthshause beim Abendessen Gesellschaft zu leisten. – Der letzte Vorschlag hatte für Herrn Onyx viel Einladendes. Während sie unter den von Steinen gewölbten Hallen längs den Häusern durch die Stadt gingen, fragte Florian, was ihn zur Reise nach Neuenburg bewogen habe. Der Professor antwortete: Ich habe der Regierung einige Entwürfe von Wichtigkeit mitzutheilen, wozu vorläufige mündliche Verabredungen unentbehrlich waren; jetzt ist die Sache hoffentlich im Gange; mein Glück kann gemacht werden; alsdann werde ich mich verheirathen und meinen Sitz in dieser Stadt nehmen. Ich liebe; Sie würden mir dies bei meinen ernsten und vielen Geschäften kaum zutrauen; ich liebe das liebenswürdigste Mädchen von der Welt, Ihnen im Vertrauen gesagt, ein Fräulein Delory . Ich bin nicht ganz ohne Vermögen; aber das Fräulein ist von gutem Hause, durch gewisse Bequemlichkeiten des Lebens verwöhnt; ich muß mir deshalb größere Einnahme verschaffen. In der That, für meine geringen Bedürfnisse wäre ich reich genug; aber was thut man nicht für ein angebetetes Weib. Ich wünsche Glück, Herr Professor! Ja, wahrlich, was könnte mich sonst wohl bewegen, meinen künftigen Wohnsitz in dieser Stadt aufzuschlagen? Meinen Sie etwa, der Anblick dieser höhlenartigen Laubengänge unter den Häusern, dieser burgundischen Mißgeburt der Baukunst, wogegen ich schon hier, in Bern und Murten so viel, doch vergebens geeifert habe? Wären dergleichen Arkaden geräumig, breit und hochgewölbt, so würde wenigstens das Großartige derselben mit den andern Nachtheilen versöhnen, die sie bringen. Jetzt aber, eng und niedrig, über der Erde angelegten Kloaken ähnlich, sind sie wahre Hohlgänge in Kasematten, wo man Noth hat, den Begegnenden auszuweichen und die Nase vor den mancherlei Gerüchen zu bewahren, die von einem Ende zum andern die Zimmer der Erdgeschosse verdumpfen. Daneben machen sie die, über den Gewölben liegenden Zimmer kalt und ziehen den Fußgängern, durch Luftzug, mancherlei Erkältungsleiden zu. Wahrhaftig, mir ist bange um die zarte Gesundheit des Fräuleins Delory. Was soll ich aber machen? Sie ist gewohnt, in Städten zu leben und ich verarge es ihr nicht; denn in der sibirischen Kälte auf der Feenhalde, oder in den Bayards, würde sie den ersten Winter darauf gehen, wie eine Ananas im freien Gartenbeete. Wie, sagte Florian, Ihre Braut bewohnt die Feenhalde, oder die Bayards? Nur in den schönen Monaten, als ausländische Blume; im Winter wäre es ihr unmöglich. Denken Sie doch, drei- bis viertausend Fuß über dem Spiegel des Mittelmeers und bei zwanzig, dreißig Grad Kälte? Sie würde hier keinen Winter überleben. Indessen habe ich ihr in Scherz geschworen, das ganze Gebirge mit duftigen Hermionen zu bevölkern, trotz des polarischen Himmelsstriches. Bei diesen Worten waren sie in Florian's Zimmer eingetreten. Der Name Hermione fesselte die Gedanken des jungen Bündners; er hörte nichts mehr vom Geschwätze des Professors, der sich nun bequem auf das Sofa hinlagerte und seine Bemerkungen über Verbesserung des Klima's freigebig mittheilte. Herr Professor! Sie nannten vorhin den Namen Hermione, sagte Florian; das ganze Gebirge wollten Sie mit Hermionen bevölkern? Wohlverstanden, Seelenfreundchen! erwiederte Herr Onyx, schalkhaft schmunzelnd, es ist so arg nicht gemeint, als es klingt. Seit drei Jahren sammle ich an einer burgundischen Flora; es wird ein kostbares Werk werden. In diesem abgelegenen Erdwinkel leben noch seltene Pflanzen, die keinem Botaniker bekannt sind. Ich habe schon siebzehn neue Arten entdeckt und beschrieben, unter andern einen Wegerich von pyramidalischem Wuchse und eine liebliche, zarte Pflanze, an den Felsen oberhalb Buttes zu finden, mit weißröthlicher Blüthe, die ich für ein noch nicht beschriebenes Geschlecht halte und Hermione benennen will, dem Fräulein Delory zu Ehren. Halt! unterbrach plötzlich Florian seinen Freund; Hermione ist also das Fräulein Delory? Sie wohnt auf der Feenhalde, doch wohl nur zum Besuch? Allerdings; eigentlich ist sie in Lyon daheim; seit einigen Jahren aber lebt sie in der Gebend von Besançon auf dem Landgute ihres Stiefvaters, den ich nicht näher kenne. Seit zwei Sommern bringt sie die schöne Jahreszeit in der Feenhalde zu, und darum trägt meine Pflanze mit Recht ihren Namen. Diese Berghöhen sind die wahre Heimath der Hermionen. Ich glaube, sie zu kennen; ich fand sie zufällig an der Kette, zwischen den Felsen oberhalb St. Sulpice. Richtig, richtig! Da habe ich sie auch schon gefunden, aber selten. Schlank aufgeschossen, wie eine Lilie. Falsch! Sie liegt immer am Boden gestreckt oder kriechend; nie sah ich sie aufrecht. Sie scherzen, Professor! Nein, voller Ernst; beständig liegt sie gestreckt mit ihren kleinen, eirunden, feingezahnten Blättchen. Ich rede von Fräulein Delory. Und ich von meiner Hermione . Sie begreifen, Seelenfreundchen! ich kann das Fräulein erst mein nennen, wenn ich mit ihm vom Altar komme; doch wenn Sie wollen, so hole ich Ihnen auf der Stelle ein getrocknetes Exemplar meiner Hermione prostrata. Ach, sagte Florian, könnten Sie statt dessen ein Exemplar des Fräuleins Delory zeigen, ein Bild oder dergleichen, um zu wissen, ob wir von ein und derselben Person reden. Auch das, Herr! aber ohne einen Kirchengang kann ich sie Ihnen nicht zeigen. Heute ist es zu spät, zur alten Stiftskirche hinaufzusteigen; aber morgen sollen Sie die Bildsäule einer der jungen Gräfinnen von Neuenburg sehen und Sich überzeugen, daß sie dem Fräulein Delory aufs Haar gleicht. Ich glaube, es ist die schöne Isabelle, Tochter des Grafen Ludwig, des letzten Herrn vom alten Hause Neuenburg, der vor vierhundert Jahren mit Helm und Schild hier in der Stiftskirche begraben worden ist. Wir gehen morgen, lieber Professor! Ich beneide Sie, wenn die Hermione, welche ich kennen lernte, Ihre Geliebte ist; doch zweifle ich fast. Ich möchte sie Ihnen beschreiben; aber woher Worte nehmen für diese Lieblichkeit der Gestalt, für die Anmuth der Bewegung, für die Hoheit und Herrlichkeit des Blickes? Jede ihrer lichtbraunen Locken, um den schneeweißen Hals spielend, ist eine eigenthümliche, einzelne Schönheit. Richtig, Herr! Sie haben sie Zug um Zug getroffen. Und Sie, lieber Professor! sind der Gegenliebe dieses Engels gewiß? Allerdings. Hermione kann Niemanden hassen; warum sollte sie es mich? – Ich bringe ihr Pflanzen, ich wähle ihr Bücher zum Lesen aus, ich . . . nein, sie liebt mich; das ist ausgemacht. Hat sie es Ihnen schon bekannt? Ist sie entschlossen, Ihre Gemahlin zu werden? Herr, das ist ein kitzlicher Punkt! Ich habe mit ihr davon noch nicht reden können; habe es noch nie gewagt; weiß es auch nicht anzufangen. Sie wissen, wie die Mädchen in solchen Fällen denken. Ich schiebe das auf, bis alle Vorrichtungen beendet sind; dann sollen Schlag auf Schlag Erklärung, Verlobung und Hochzeit hinter einander folgen. Sie kann mir unmöglich etwas abschlagen; ich kenne sie zu gut. Florian mußte über die Gutmüthigkeit des Gelehrten lächeln. Wie aber, Herr Professor! wenn sie Ihnen am Ende doch die Hand verweigerte? Das wäre erstaunlich! Das ist unmöglich! Sie weiß ja, wie theuer sie mir ist. Und – nein, es ist unmöglich! sage ich Ihnen. Sie nennt mich immer ihren lieben Professor, und Sie begreifen, Frauen sind mit so zärtlichen Ausdrücken gegen junge, unverheirathete Männer nicht sehr freigebig. Hermione nimmt jedes Mal tapfer meine Partei, wenn Claudine mit mir streitet, und das ist allerdings bedeutsam. Wer ist diese Claudine? O, ein wildes, flatterhaftes, quecksilbernes, schnippisches Ding! Mit schwarzen blitzenden Augen, die Braut des jungen Staffard? Richtig, dieselbe. Der arme Georg, glauben Sie mir, heirathet sich die Auszehrung an; denn junge Neckerinnen werden alte Zänkerinnen. Wo sie mich nur sieht, fängt sie tausend Händel mit mir an. Sie ist hübsch; doch ich fürchte mich ordentlich vor dem verzweifelten Mädchen. Es ist erstaunlich, daß die beiden Mädchen Freundinnen sein und mit einander unter einem Dache wohnen können. Aber Frau Bell , Claudine's Mutter, Hermione's Tante, ist eine kluge Frau; sie versteht es, Ordnung im Hause zu halten. Florian ließ den gesprächigen Onyx vor Mitternacht nicht von sich; er hörte eben so gern von den Familien auf der Feenhalde, als jener gern davon erzählte. 10. Die Bildsäulen. Folgenden Morgens waren Beide eben im Begriff, den Gasthof zu verlassen, um die steile Straße hinauf zu der Anhöhe zu steigen, wo, neben dem alten Schlosse, die Stiftskirche ihre grauen sechs- bis siebenhundertjährigen Mauern erhebt, als ihnen ein Weibel der königlichen Statthalterschaft entgegen trat. Freundchen! rief der Professor, der ihn schon kannte, Sie wollen zu mir? Der Statthalter läßt mich rufen? Er hat meine Abhandlung also gelesen? Haben Sie nicht gewittert, wie er dazu denkt? Ließ er nichts über meine Arbeit verlauten? Richten Sie Ihren Auftrag jetzt recht buchstäblich aus. Sagen Sie, welche Miene er dabei machte, und ich sage Ihnen, was der Statthalter willens ist. Diesmal irrte Herr Onyx. Der Weibel fragte nach einem Herrn Florian und brachte diesem Befehl, binnen einer Stunde persönlich und unfehlbar auf der Statthalterei zu erscheinen. Onyx, dessen ganzes Wesen die Hoffnung gehoben hatte, sank eben so schnell wieder zusammen, und die runden, heiteren Züge seines Antlitzes wurden wieder geradlinig und kalt. Florian versprach zu gehorchen. Unterwegs rief der Professor den Sigrist der Kirche ab, welcher dienstfertig die steinernen Treppen am Berge hinaufeilte, die Pforte des alterthümlichen Tempels aufschloß und die Fremden zur Kirche hineinließ. Hier führte er sie zum Grabmale des Grafen Ludwig von Neuenburg, einer Gruppe von neun männlichen und vier weiblichen lebensgroßen Bildsäulen von Stein, alle in der Tracht des vierzehnten Jahrhunderts, in Andacht und Gebet beisammenstehend. Die Gesichtszüge der edeln Gestalten waren hin und wieder zwar schon verletzt, doch erkannte man eine gewisse Familienähnlichkeit. Alle trugen, voller Würde und Anmuth, den sichtbaren Zauber dessen, was das Herz anzieht. Sehen Sie, sehen Sie, rief Herr Onyx lebhaft, und zeigte mit den Fingern zu einer der Gräfinnen empor, deren jugendliche Gestalt Hermione gleichen sollte; habe ich nicht Recht? Vollkommen, sagte Florian lächelnd, wenn man etwas optischen Betrug zu Hülfe nehmen mag. Die Todesstille des weitläufigen Gebäudes, das Helldunkel, welches durch die hohen, zugespitzten Fenster über Alles verbreitet wurde; dann der Lichtstrom, welcher durch die offene Kirchenthür auf die Bildsäulen fiel, Alles stimmte Florian's Gemüth bald zu einem gewissen Ernst. Die schönen stillen Gestalten des Alterthums erschienen seiner Einbildung allmählich lebend; die blassen Wangen der Bildsäulen sich zu röthen; der Busen der Gräfinnen schien sich in leisen Athemzügen zu heben und zu senken. Er sah im Hintergrunde diejenige, welche Hermione ähnlich sehen sollte; er dachte sich nun Hermione's Gestalt inmitten dieser Gruppe, und bald verschwand ihm, im Selbstbetruge der Einbildung, das Uebrige. Da trat der Sigrist zu den Bildsäulen, hob vom Fußgestell derselben einen weiblichen Handschuh auf, betrachtete ihn aufmerksam und sagte kopfschüttelnd: Richtig, die beiden jungen Damen vom Dienstag, sie waren die Letzten. Er gehört einer derselben; eine dieser Fremden ließ ihn in Vergessenheit liegen. Wer weiß, ob sie noch in der Stadt sind. Florian sah den Handschuh, horchte und dachte sogleich an die Frauen, denen er auf der Reise begegnet war. Er schilderte diese mit großer Genauigkeit, so daß ihm der Sigrist den Handschuh reichte und sagte: Es kann nicht fehlen; die größere mit dem braunen Haar legte den Handschuh für einen Augenblick hier ab; ich sah es; aber ich vergaß, sie daran zu erinnern, und er blieb liegen. Wenn Sie sie kennen, bitte ich, ihr das Verlorne zuzustellen. Florian lehnte es nicht ab. Es durchdrang ihn ein angenehmes Schauern, als er mit den Fingern den weichen Handschuh berührte, der Hermione's schönen Arm bedeckt haben mochte. Er legte das Kleinod mit unwillkürlicher Ehrfurcht zusammen und verbarg es, als der Professor aus dem Hintergrunde der Kirche, wohin er gegangen war, um die Verhältnisse der Länge, Breite und Höhe des Gebäudes nach dem Augenmaße zu berechnen, zurückkam. Ich habe jedesmal Todesverdruß, wenn ich die alten Kirchen betrachte, rief Onyx: immer der Rumpf eines Riesen mit einem Kindeshaupt; eine Schildkröte, die ein kleines Köpfchen vorstreckt. Man sieht es; Anfangs, als der Bau begonnen wurde, war der fromme Sinn groß, das Geld im Ueberflusse vorhanden; es wurden ungeheure Anlagen gemacht, zu denen man sich eine Krone von Thürmen dachte, die in den Himmel steigen sollte. Hintennach erkaltete der fromme Sinn, der Beutel wurde leer und man setzte Thürmchen darauf, wie Zaunpfähle oder Schilderhäuser. Den Münster von Straßburg und Freiburg lasse ich gelten; der Thurm von Bern ist um die Hälfte zu kurz gerathen; aber dieser von Neuenburg ist, wie der am Kölner Dom, ein Höcker auf dem Rücken eines Dromedars. Nachdem der Professor seine lehrreichen Gedanken über die Bauart der Alten vollständig mitgetheilt und sie bald mit Dichtern, denen in der Länge der Zeit Athem und Begeisterung ausgeht, bald mit Kindern verglichen hatte, die sich fürchten, auf ihr Kartenhaus das letzte Blatt zu legen, damit nicht Alles zusammenbreche; bemerkte Florian, es sei Zeit für ihn, dem empfangenen Befehl zu folgen. Der Professor versprach, seine Rückkehr zu erwarten und unterdessen dem Sigrist die zweckmäßigere Bauart unserer Zeit umständlich aus einander zu setzen. Florian ging über den kleinen Raum, welcher die Kirche vom Thore des Schlosses trennt, und über den leeren, geräumigen Vorhof in die alte Burg, über deren Haupteingang das fürstliche Wappen mit den drei silbernen Sparren im rothen Felde, auf goldenem Grunde in gewaltiger Größe, nebst dem steifen, mit Krone, Scepter und Apfel wunderlich gezierten preußischen Adler, prangte. Der Weibel, der ihn berufen hatte, begegnete ihm gleich beim Eintritt und führte ihn durch das stille Gebäude in ein alterthümliches großes Zimmer. Hier wartete er nicht lange, als ein ältlicher, schneeweiß gepuderter Herr erschien, der die Verbeugung des jungen Bündners kaum erwiederte, sondern eine Tabaksdose hervorzog und gemächlich eine Prise nahm, während er den Fremdling von Kopf bis Fuß musterte. Es thut mir leid, sagte der Herr, Ihres Bleibens kann im Fürstenthum nicht sein. Es ist vom benachbarten französischen Departement ein Schreiben mit Ihrem Signalement eingelaufen. Man verlangt Ihre Auslieferung. Sie haben unweit Pontarlier zwei französische Soldaten auf den Tod mißhandelt. Man klagt Sie außerdem an, Einer von Denen zu sein, welche die Bauern in Bünden aufgewiegelt und die Ermordung aller Franzosen veranlaßt haben. Florian wollte sich rechtfertigen. Gleichviel, sagte der alte Herr und nahm wieder eine Prise, wir haben das nicht zu untersuchen, sondern Ihnen nur zu sagen, wie Ihre Sachen stehen. Preußen stehet mit Frankreich in freundschaftlichen Verhältnissen, denen wir den Frieden danken, inzwischen die ganze Schweiz von französischen Heeren überschwemmt ist. Wir dürfen der französischen Regierung auf keine Weise Anlaß oder Vorwand zu Beschwerden geben. Wir haben bestimmte Weisungen von Berlin. Ich gebe Ihnen den freundschaftlichen Wink, machen Sie sich auf und davon. Binnen einer Stunde werden Sie gefänglich eingezogen werden. Also . . . Darauf machte der alte Herr eine Bewegung mit der Hand und eine leichte Verbeugung dazu, die verständlich genug ausdrückte, daß der bündnerische Flüchtling beurlaubt sei. Ich erkenne dankbar Ihre Gewogenheit, sagte dieser; doch wohin soll ich, wenn ich in Ihrem Staate gegen die französische Tyrannei kernen Schutz finde? Gleichviel, erwiederte der Herr, und wandte sich, um das Zimmer zu verlassen; Sie wissen, woran Sie sind. Füsilirt oder guillotinirt zu werden, rief Florian; das weiß ich. Nach Frankreich kann ich nicht gehen, noch weniger in die Kantone Bern und Solothurn, wo Alles von französischen Soldaten wimmelt. Wie kann ich nach Deutschland entkommen, da ich hier ringsumher von französischer Gewalt umgeben bin? Gleichviel; Sie wissen, woran Sie sind, sagte der alte Herr, indem er beim Weggehen zurücksah. So wäre es besser, ich würde sogleich hier gefangen genommen. Wozu soll ich mich als Flüchtling fruchtlos weiter schleppen, und mein Leben um ein paar nothvolle Tage verlängern? Ich fürchte den Tod nicht. Gleichviel, sagte der Alte, indem er eine Seitenthüre öffnete. Sie wissen, woran Sie sind. Mit diesen Worten verschwand er und ließ den Flüchtling allein. Dieser stierte lange unentschlossen mit finsterm Blicke vor sich hin; dann wandte er sich rasch und ging mit großen Schritten zur Burg hinaus auf den Platz vor der Kirche. Weder der Professor Onyx noch der Sigrist waren sichtbar, was Florian, der nun mit andern Dingen beschäftigt war, wenig kümmerte. Er ging düster, aber mit festem Schritt, zur Stadt hinab; kaufte sich im Vorbeigehen in einem der offenen Läden einen damaszirten Säbel und zwei treffliche Pistolen, nebst Pulver, Blei und Kugelform; bezahlte seinen Wirth; miethete einen Wagen nach Locle und Brevine; packte ein, und fuhr in der Frühe des folgenden Tages davon. 11. Die Heimkehr. Sein Entschluß stand fest, das neuenburgische Bergland nicht zu verlassen, überzeugt, nirgends könne er sicherer sein, als in jener, von den Landstraßen entfernten Einsamkeit des Hochlandes, wo ihm jede der zahllosen an den Bergen zerstreuten Hütten eine wechselnde Zuflucht gegen Verfolgung darbot. Zum Ueberflusse konnte er sich bei Ueberraschungen eben so sehr auf die Menschenfreundlichkeit der dortigen Einwohner, als auf sein gutes Schwert und Geschoß verlassen. Eine in die Höhe geschleuderte Citrone zerschmetterte seine Kugel in der Luft, während er, unweit Geneveys, wo der Weg steil war, neben seinem Wagen am Berge herging. Doch mochte ihn wohl mehr noch der Gedanke an die schöne Nachbarin des Hauses Staffard an dieses Land fesseln, als die Berechnung seiner Sicherheit. Kaum konnte er den Grenzen des feindseligen Volkes, vor dem er floh, näher wohnen, als eben dort; aber die Gefahr selbst machte den Aufenthalt nur anziehender, so wie in gewitterhafter Beleuchtung eine Landschaft reizender erscheint. Er verweilte indessen keinen Augenblick, um nicht zufällig einem französischen Spürer zu begegnen, sondern fuhr durch das weite, baumlose, grüne Thal, voll ansehnlicher Gebäude, den stillen Triften und öden Torfgründen von Chaux-du-Milieu und Chaux-du-Cachot entgegen, zum wilden, hochgelegenen Thal Brevine, in dessen Hintergrunde die gleichförmigen, langen Hügelketten an beiden Seiten der Niederung sich zusammenziehen. Als sein Wagen in La Brevine, dem Dorfe, vor dem Wirthshause angelangt war, verabschiedete er den Miethkutscher und ließ einen Mann suchen, welcher ihm das Gepäck über die Bayards nach der Feenhalde trüge. Die Gaststube war voller Menschen, die an langen Tischen unter heitern Gesprächen ihren Wein tranken. Es schienen darunter mehrere Fremde zu sein, welche in der schönen Jahreszeit hierher zu kommen pflegen, um in der reinen Luft des Hochlandes und durch den Genuß des benachbarten eisenhaltigen Brunnens ihre erschütterte Gesundheit zu befestigen. Die laut ausgesprochenen Namen Suwarof, Massena, Zürich, Buonaparte, Neapel, St. Jean d'Acre verriethen, über welche Gegenstände verhandelt wurde. Er wandte sich verdrossen ab, und, statt in das Zimmer, begab er sich rechts auf den nahe gelegenen Kirchhof, lehnte sich über die niedrige Mauer desselben und sah über den weiten grünen Wiesenteppich zu den Hügeln und zum Himmel hinaus. Hat denn der Erdboden keinen Raum, keine entlegene Einöde, murrte er, die von Namen unentweiht bleiben, an denen die Erinnerung aller menschlichen Leidenschaften, allen Elends hängt, was die Welt quält? Ist es nicht wider die Majestät und Unschuld der Natur gesündigt, die Ruhe und Feierlichkeit dieses glückseligen Hochlandes durch Gespräche zu entweihen, die auch nach Jahrhunderten noch das Gemüth der bessern Menschheit empören werden? Also bist Du's doch! rief Georg's Stimme, und sein Arm legte sich um Florian's Leib. Georg hatte den Freund unter den Gästen des Wirthshauses, durch die Fensterscheiben, von der Straße aus halb und halb an der Gestalt erkannt, war aber durch Florian's neue Bekleidung fast irre geworden. Beide umarmten sich. Herrlich, daß Du zurück bist, rief Georg; nun scheide nicht mehr von uns. Wie ein Engel erscheinst Du mir auf diesen Gräbern, sagte Florian. Ich will bei Euch bleiben, so lange ich darf. Ich bin ein Flüchtling, und noch immer ein Geächteter auf diesem Boden. Die Regierung von Neuenburg fürchtet, mir Schutz zu gewähren; deshalb irre ich vogelfrei umher und muß mich auf die Schnelligkeit meiner Füße oder auf die Kraft meiner Faust verlassen, will ich nicht in die Gewalt der Henker und ihrer Knechte fallen. Man hat meine Auslieferung von den neuenburgischen Behörden gefordert, weil es kein Geheimniß war, daß ich die Flucht hierher genommen. Du bist sicher in unserer Feenhalde, Florian! so sicher, als säßest Du im Monde. Wir haben Dich bei unsern Nachbarn für einen Verwandten ausgegeben, der aus Deutschland zum Besuch gekommen ist; das genügt. Nur bei zwei Weibern wollte die Lüge nicht anschlagen. Die eine derselben ist ein halbnärrisches, wunderliches, unstätes Geschöpf, wir nennen es nur Mutter Morne, alt und häßlich, wie die Sünde. Die schüttelte den Kopf, als von Dir die Rede war, und sagte: Eure Nothlüge ist gut, bleibt dabei. Es sind schon Leute im Lande, die ihn suchen; man muß ihn aber nicht finden. Ich kenne diese Alte, sagte Florian, und erzählte von seinem Zusammentreffen mit ihr. Man findet sie überall, sagte Georg; doch ist sie gutartiger Natur, und darum sieht man sie nicht ungern. Sie streicht beständig umher, hört viel, sieht viel, weiß daher viel, bildet sich aber aufrichtig ein, Alles durch Einflüsterung höherer Wesen oder durch göttliche Eingebung zu haben. Ich glaube, ihr wurde von religiöser Schwärmerei der Verstand verrückt. Sie betrachtet sich selbst wie ein Wesen höherer Art, im unmittelbaren Umgang mit Gott und unsichtbaren Geistern. Aber es scheint, Du kennst auch die Andere, die zu unserer Lüge das Köpfchen schüttelte. Es ist eine Verwandte meiner Claudine, ein Fräulein Delory; Du sahst sie mit Claudinen bei der Kette. Florian erzählte sein Abenteuer mit den Mädchen, und fragte, warum sollte sie Deinen und Deines Vaters Worten, was mich betraf, nicht glauben? Weiß ich's? Sie nahm mich, als wir von Dir gesprochen hatten, bei Seite, sah mich mit durchdringenden Blicken an und fragte: Georg – denn sie heißt mich Georg und ich sie Hermione – Georg, warum wollen oder müssen Sie diesen Fremden in ein Geheimniß hüllen? Er ist nicht aus Deutschland, und ich zweifle. daß er Ihnen verwandt sei. – Diese Anrede setzte mich natürlich in Erstaunen. – Wenn Sie mir nicht glauben können, erwiederte ich, so bitte ich, wenigstens eben so wie ich zu thun. Wie wissen, Hermione, es giebt heutigen Tages auch Tugenden, die sich wie ein lichtscheues Verbrechen flüchten müssen, während es Verbrechen giebt, die wie triumphirende Tugend umhergehen. – Hermione sah mich nach diesen Worten schweigend und sinnend an, nickte, als wollte sie mir Recht geben und fragte nicht weiter. Florian vernahm das Alles nicht ohne Vergnügen. Er erschien sich selber wichtiger in der Welt, weil Hermione ihn würdig fand, seinem Schicksal einen Gedanken zu weihen. In der schönen Gewißheit, die auf der Feenhalde wiederzusehen, welche längst in seinen Erinnerungen lebte, wurde seine Sehnsucht nach Staffard's Hause um so lebhafter. Die jungen Leute machten sich auf den Weg gegen die Hütten von Bremont hin, seitwärts zur Linken an dem wunderbaren Bergsee von Etalieres vorüber, dessen Gewässer in unterirdische Geklüfte niederfällt und verschwindet. Als sie im Tannengehölze den steinigten Bergweg zu den Bayards hinaufstiegen, begegneten ihnen fünf Fußgänger, die ihrer Tracht nach zum französischen Kriegsvolk gehörten, jedoch unbewaffnet waren. Diese erkundigten sich nach dem Wege, und Florian glaubte zu bemerken, daß sie ihn vorzugsweise in's Auge faßten. Er wäre geneigt gewesen, seinen Glauben für das Werk des argwöhnischen Gewissens zu halten, hätte nicht einer der Fremden, als sie ihren Weg schon fortgesetzt hatten, ziemlich laut gesprochen: das ist er gewiß. Unter freundlichem Geplauder erreichte er mit Georg die öde Berghöhe, von wo man die zerstreuten Hütten der Bayards zwischen Wiesen, Tannenwäldern und Felsen erblickt und jenseit des Thals von Verrieres die vom dunkeln Wald bekleidete Bergseite der Feenhalde. Der Nachmittag war sehr schwül gewesen, Georg ermüdet. Die Freunde ruheten einige Augenblicke auf einem bemoosten Steinblocke, während der Träger von Florian's Gepäck rasch vorausschritt, ihre Ankunft dem alten Staffard zu verkündigen. Meiner Treu'! rief Georg; siehe doch, sind das nicht dieselben Blauröcke, die uns am Berge begegneten und nach dem Wege fragten? Was treibt sie, zurück zu kommen? Ich denke, sagte Florian, wir werden es erfahren. In der That kamen dieselben Männer, die zuvor bergab gegangen waren, wieder bergauf, näherten sich mit festen Schritten und blieben vor unseren Wanderern stehen. Meine Herren, erlauben Sie: wohin gehen Sie? sagte derjenige unter den Blauen, der unter ihnen der Vornehmste zu sein schien. In die Bayards, bergab, antwortete Florian. So werden wir die Ehre haben, Sie zu begleiten; auch möchten wir Sie bitten, uns zum nächsten Kastellan oder Maire zu führen, falls Sie nicht für gut finden sollten, uns Ihre Papiere und Pässe gutwillig zu zeigen; denn Sie sind nicht dieses Landes. Wer sagt Ihnen das? rief Georg hastig, als er Gefahr für seinen Freund vermuthete. Dieses kleine Wärzchen neben dem linken Ohrläppchen, antwortete der Blaue und zeigte mit dem Finger auf ein kleines Muttermal an Florian's Wange. Und weiter? sagte Florian ruhig. Sie sind der Gefangenschaft entsprungen, der Mörder des Kameraden dieses Soldaten, entgegnete der Blaue und zeigte auf einen der Seinigen, in welchem Florian wirklich einen der Wächter erkannte, die er vor Pontarlier gelassen hatte. Der Herr wird's nicht läugnen, rief der Soldat, nahm den Hut ab und zeigte eine mit schwarzem Pflaster belegte Stelle über seiner Stirn. Und wenn ich's nicht läugne? sagte Florian. So werden Sie mit uns zum nächsten Kastellan gehen, erwiederte der Anführer, denn wir verlassen Sie nun nicht mehr. Wetter! schrie Georg und sprang zornig vom Felsblock auf; wisset, Ihr Herren! Ihr stehet nicht auf französischem Boden, sondern auf Neuenburger Gebiet. Ihr seid Fremdlinge und man würde Euch übel heimleuchten, wenn Ihr bei uns die Sicherheit der Landstraße störtet. Herr, schweigen Sie! entgegnete das Haupt der Blauen, indem er den jungen Staffard gebieterisch mit den Augen anblitzte; wir haben es mit dem Disentiser Mörder zu thun; die Regierung dieses Landes gestattet die Auslieferung. Eher sollt Ihr mir Arm und Beine brechen, als ich eine Gewaltthat auf offener Straße dulde! donnerte ihn Georg an, sprang seitwärts und riß einen Pfahl aus dem Boden; packt Euch! fort, den Berg hinab! brüllte er, und wies gegen das Thal Brevine. Die Franzosen schienen nichts weniger als gewillt zu sein, dem guten Rath zu folgen. Einige lachten, Andere riefen: Stopft ihm doch das unverschämte Maul! – Es bekümmerte sich im Ernst keiner um ihn, sondern man ging dem schweigenden Florian näher, der sich ganz gemächlich vom Steinsitze erhob und seinem Freunde zurief, kalten Blutes zu bleiben. Sie begleiten uns also zum Kastellan? sagte der Hauptmann der Blauen, der einem Gendarme oder Douanier ähnlich sah, zu Florian. Mein Herr! erwiederte dieser, ich werde gehen, wohin mir's gefällt, und Sie werden gehen, woher Sie gekommen sind. Ich liebe Freiheit und Gleichheit, zumal bei Ihnen und Ihres Gleichen. Fort, brüllte Georg die Franzosen an, oder es giebt blutige Köpfe! Ein Schwung, den er mit Faust und Pfahl durch die Luft machte, schien seiner gesetzgebenden Donnerstimme die vollziehende Kraft beifügen zu sollen. Allein zwei der Blauröcke faßten ihn bei den Armen und hielten ihn so fest, daß er sich nicht bewegen konnte. Als Florian die Stellung Georg's sah, wie er sich wand und krümmte, von der unerwarteten Umarmung frei zu werden, rief er mit einer Löwenstimme: Laßt ihn los! Bei diesen Worten versetzte er dem vor ihm stehenden Hauptmann der Blauen mit dem Fuß einen so kräftigen Tritt gegen den Leib, daß der lange Herr Athem und Gleichgewicht verlor, drei Schritte rücklings schwankte und wie eine gefällte Tanne zu Boden schlug. Im nämlichen Augenblicke hatte er einen der Blauen, die diesem zur Seite standen, mit gewaltigen Fäusten an Brust und Achsel gepackt, und rechts, dann eben so den andern, links, zur Erde geschleudert, daß der Boden erdröhnte. Der eine lag da wie todt; der andere, von der Wucht des Sturzes fortgeschleudert, rollte wie eine Walze den Rain des grasigen Hügels hinab und blieb unten, im Gebüsche von Buchen und Ebereschen, hangen. Als dies die übrigen sahen, welche, wie die Schlangen Laokoon's, den wüthenden Georg mit ihren Armen umstrickt hielten, ließen sie ihn los und liefen mit schnellen Füßen bergab, den grünen Flächen des Brevinethales zu; vergebens setzte ihnen Georg eine Weile mit hochgeschwungener Keule und weithallenden Verwünschungen nach. Als er zurückkam, sah er seinen Freund ein Tuch um den blutigen Kopf des wieder aufgestandenen Hauptmanns binden, während der rechts zu Boden geschmetterte Soldat schüchtern und ächzend mit der Betheuerung aufstand, ihm seien alle Rippen im Leibe gebrochen. Er hinkte gekrümmt herbei; sein Gesicht, vom Staub, in dem er gelegen, zur Hälfte graugelb gefärbt. Auch der von der Anhöhe abwärts Gerollte taumelte wie ein Berauschter; sein Antlitz war bleich, wie das eines Todten. Sie hätten uns, sagte Florian höflich zum Hauptmann, Sie hätten uns diese kleine Jahrmarktsscene füglich ersparen können; ich liebe dergleichen nicht. Beim Teufel! stöhnte der Hauptmann; Sie scheinen an solche bäuerischen Schlachten eher gewöhnt zu sein, als ich. Was mich betrifft, mein Herr! ich bin Soldat und pflege mit andern Waffen, als mit groben Fäusten zu fechten. Hätte ich die Klinge bei mir, Sie sollten mir tanzen lernen. Sie sind sehr gütig, versetzte Florian; ich tanze die Française schon ziemlich; aber mit der Klinge würde ich Ihnen eine Grisonne aufspielen, an der Sie vielleicht keinen Gefallen fänden. Einstweilen haben Sie die Gewogenheit, Ihren Weg nach La Brevine fortzusetzen. Wo sind meine andern Leute? Es fehlen deren noch zwei, sagte der Hauptmann und suchte mit den Augen, ohne den Kopf zu wenden. Vorausgesprungen, Ihnen in La Brevine das Abendessen zu bestellen. Eilen Sie, die Suppe wird kalt! Der Hauptmann entfernte sich langsam, blieb wieder stehen, wandte sich und sagte: Mein Herr! hüten Sie sich, mir zu begegnen, denn ich werde Sie suchen und Ihnen an einem schönen Tage den Degen in den Leib rennen. Ich heiße Lamargue , vergessen Sie es nicht. Ich glaube, es ist unnöthig, Ihre zärtliche Bitte zu erwiedern, versetzte Florian. Der Hauptmann und seine Gefährten schlichen, den Berg nach dem Brevinethal hinab, fluchend davon; Florian und Georg wanderten in entgegengesetzter Richtung den Bayards entgegen, unter Gesprächen über das Abenteuer. Schon war es Nacht, als sie auf der Feenhalde, zu Staffard's gastlichem Hause gelangten. 12. Heimischwerden. Am folgenden Morgen erst bemerkte Florian die Aufmerksamkeit seiner gütigen Wirthe in der Verzierung seines Wohnstübchens. Zwischen den innern und äußern Fenstern blühten Rosen, Nelken und Hortensien. Ein niedliches Schreibschränkchen von Nußbaum und Ahornholz, mit zierlich eingelegten Verzierungen und zahlreichen Schubfächern, stand seitwärts. Ueber den Tisch war eine dunkelgrüne Decke gebreitet, mit Blumenwerk am Rande geschmackvoll gestickt. Das Bett, mit feinen, schneeweißen Ueberzügen, die Kopfkissen mit dunkelgrünen Seidenquasten geschmückt, stand neben der Thür. Ein großer Spiegel mit vergoldetem Rahmen hing zwischen den, von weißen Vorhängen halb verschatteten Fenstern nieder. So viel Zierlichkeit und Aufwand hätte Florian in keinem hölzernen Bauernhause, am wenigsten in der Einöde des Gebirges, vermuthet. Freund! sagte der alte Staffard, was die Natur versagt, muß die Kunst gewähren. Wir haben bei uns zu Lande einen Winter von acht bis neun Monaten; während dieser Zeit sind wir in die kleinen Stuben eingebannt und müssen uns die enge Welt verschönern, so gut wir können. Italiener, Spanier, auch selbst Franzosen dürfen den größten Theil des Jahres im Freien leben, darum sind ihre Wohnungen vernachlässigt. Der Süden kennt den Reiz des öffentlichen, der Norden, zum Ersatz, die Süßigkeit des häuslichen Lebens. Wehe dem armen Menschen, der beides entbehrt! Und wahrlich, lieber Freund! uns Hochländern ist ein schöner künstlich geschaffener Sommer im Winter am Ende so angenehm, als den verbrannten Südländern ein künstlich gemachter Winter in ihrer Sommergluth. Der alte Staffard und Georg führten ihren Gast durch den weitläufigen, hölzernen Palast umher. Sie zeigten ihm die langen Viehställe im Haupt- und Nebengebäude; die weiten Räume zur Aufbewahrung des Heues für den langen Winter; die großen Käsemagazine; die kühlen Milchkammern und alle Einrichtungen ihres ländlichen Gewerbes. Vormals hatte Staffard einen starken und ausgebreiteten Handel mit Uhren und Spitzen getrieben, zu welchem Zwecke sein Sohn zweimal, er selbst fünfmal in Amerika gewesen war. Sie hatten Europa lange Zeit in allen Richtungen durchzogen, endlich aber, nach Erwerbung ansehnlichen Vermögens, das unruhige Leben aufgegeben und im Thale, wie auf den Bergen, Ländereien für ihre Heerden angekauft. Der alte Staffard galt bei seinen Nachbarn als ein reicher, vielerfahrener und sehr verständiger Mann; seine Gastfreundschaft und Ehrlichkeit war berühmt. Sein Mastvieh und sein Käse, die als feine Greyerzer nach Frankreich und England gingen, wurden von den Fremden gesucht. Junge Künstler und Anfänger, die aus den Thälern zu ihm heraufkamen, guten Rath und Geldanleihen zu verlangen, kehrten selten unbefriedigt von ihm zurück. Florian bemerkte bald die ungekünstelte Hochachtung, welche dem Greise in der Feenhalde überall entgegen getragen wurde, da sie mit einander des Morgens auf die Höhen stiegen, um die zerstreuten Heerden zu besuchen. Aus jeder Hütte scholl ihm der freundliche Gruß und aller Orten hätte man ihn gern mit freundlichem Geschwätze festgehalten. Wahrlich, hier wohnen glückliche Menschen, sagte Florian, als er von der Höhe herab das stille Thal mit den zerstreuten Hütten in den baumlosen, grasreichen Wiesen übersah, und diese Ruhe des Volks mit den Unruhen und Schrecken verglich, welche der Krieg der Franzosen und Oesterreicher in die Thäler von Graubünden gebracht hatte. Jeder ist's, der es sein will, sagte der Alte; es fehlt auch nicht an Unglücklichen unter uns. Die es sind, erwiederte Florian, sind es gewiß durch eigene Schuld. Wie überall und immer; außerdem sind alle Menschen glücklich, setzte Staffard hinzu. Doch kann man auch nicht läugnen, daß äußere Verhältnisse eine gute Stütze des Lebensglückes sind, entgegnete Florian. Der Alte schüttelte den Kopf und sagte: Nein, das eben ist eines der heillosen Vorurtheile, aus welchen der Mensch sein Verderben schöpft. Nicht Stand, nicht Reichthum, nicht Armuth, nicht Ehre, keine volle Tafel, durchaus nichts, was zu den Umständen gehört, trägt zum Glück oder Unglück bei, sondern unsere Ansicht über den Werth dieser Umstände. Wissen Sie nicht, daß Könige auf Thronen ihre Tage verwünschen und Märtyrer auf Scheiterhaufen, wenn sich die rothen Flammen über ihrem Haupte wölben, Freudengesänge anstimmen können? Gut, Vater Staffard! wie aber, wenn fremde Heere in diese stille Welt einbrechen, wenn sie Ihnen den Sohn tödten, die Heerden rauben, die Häuser verbrennen? Nun ja, ich verlöre allerlei. Mein Sohn aber kann sterben, ohne daß fremde Heere dazu nöthig sind, und der Tod ist kein Uebel. Es giebt kein Unglück, als das Schlechte, was wir thun. Aber auch Verweichlichung, auch Verwöhnung ist schlecht. Sie werden bei dieser Philosophie . . . sagte Florian. Halt, sagen Sie Christenthum; unterbrach ihn Staffard. Gut. Sie sind aber, wie ich sehe, bei diesem christlichen Sinne gegen äußeres Wohlanständige und Erfreuliche keineswegs gleichgültig. Wie ich in mir bin, so will ich die Umwelt sehen, erwiederte der Alte; darum ist diese Welt schön, weil Gott das Schönste ist. Niemand macht aus dem, was er behandeln kann, etwas Anderes, als jenes selbst ist. Der Ehrgeizige will Anbeter, der Despot Sklaven, der Unverständige Unverständiges, der Narr Närrisches, der Aufgeklärte Aufklärung, der Freie Freiheit. Wie könnte Einer das Erfreuliche verschmähen, ohne sich selbst zu verschmähen! Florian erstaunte über die Lebensweisheit des Landmannes und gefiel sich, durch Widerspruch die Urtheile desselben über hundert verschiedene Dinge hervorzulocken. Sie haben Recht, Vater Staffard! antwortete er; was ich hier sehe und vernehme, sagt auch meinem Gemüthe zu; ich finde hier einen großen Theil meines idealen Lebens, zur Wirklichkeit gestaltet, also ganz eins mit mir. Hier kann keinem Weichling, Schwelger oder Trägen, keinem Wollüstling oder Tyrannen wohl sein. Wenn ich auf diesen unfruchtbaren Höhen, die Volksmenge und deren Kunstfleiß und Wohlstand; in diesen hölzernen Hütten, die gefällige Reinlichkeit und die behäbige Einrichtung; in diesen Wiesenlandschaften die städtische Bildung der Hirtenfamilien; den überall verbreiteten Wohlstand, die Nüchternheit und Mäßigung der Menschen sehe, so muß ich bekennen, dieses Ländchen ist das glücklichste von allen Schweizerlanden. Nicht doch, Freund! fiel ihm der alte Staffard in's Wort; sagen Sie vielmehr, Sie glauben sich in diesen Verhältnissen glücklicher, als in jedem andern Schweizerlande, wo weniger Gewerbfleiß, Sitteneinfalt und Verstandesbildung anzutreffen ist. Tausend Andere würden bei uns nicht glücklich sein; würden beim Anblick dieses armen Landes und seiner kunstfertigen Bewohner bedauerlich die Achsel ziehen und seufzen: es ist eine geräumige Zucht- und Arbeitsanstalt! – Jeder Mann, welcher über Lebensverhältnisse spricht, giebt in dem, was er sagt, das Urtheil von dem, was er selber ist und wozu er taugt. Wodurch aber hat in diesen unwirthbaren Gegenden das Volk sich so emporgeschwungen? fragte Florian. Wodurch alle Völker das Bessere gewinnen, erwiederte Staffard; Noth ist eine erfindungsreiche Lehrerin, und Freiheit die regsamste Gehülfin. Es finden sich hier unfruchtbare Moore, Sümpfe, kahle Felsen und lange Winter; dagegen ist Arbeit und Talent hier frei; es giebt keinen Zunftzwang, keinen Druck durch Abgaben, keine Quälerei durch Verordnungen, Edikte und vom Schwarm hungriger Beamten. Wir haben einen mächtigen Fürsten, aber er lebt mit seinen Höflingen und seinem Glanze einige hundert Stunden von uns entfernt; wir haben fast nichts zur Bestreitung seiner Pracht zu zahlen. Er ist unser mächtiger Schirmherr; doch unser wahrer Regent ist das Gesetz, welches wir uns selbst geben. Unter solchen Gesprächen wandelten die Freunde während des ganzen Morgens im Thale umher. Staffard zeigte seine an den Berghöhen weidenden Heerden. Er hatte dreißig bis vierzig Stück Kühe zweien Pächtern oder Kühern übergeben, welche den Milchertrag in einer gemeinsamen Sennerei in Butter und Käse verwandeln mußten. Er zeigte ihm die weitläufigen Einhägungen von Wiesenland, wo, um Winterfutter zu erhalten, mit Hülfe des Düngers ein höherer Graswuchs erzeugt wurde, oder wo, nach dem Schmelzen des Schnees, in kleine, dazu geeignete Stellen Hafer und Gerste gesäet wurde, niemals ohne die Besorgniß, daß die Schneewolken des September Alles wieder vernichten würden. 13. Das Haus Bell. Als der Nachmittag gekommen, führte Herr Staffard seinen Gast zum Hause der Frau Bell, wohin Georg schon voraus gegangen war. Der Weg zog sich zwischen kleinen, mit Gras bewachsenen Hügeln, vermuthlich nur einst herabgerollte Felsblöcke, welche die Zeit mit Erdrinde überzogen hatte, nach dem Berge und gegen eine nackte, weit umher sichtbare Wand von graulichgelben Kalkfelsen, wohin man fast eine Viertelstunde hatte. Der alte Staffard erzählte mit Wohlgefallen von Claudine, der Braut seines Sohnes, von ihrer Wirthlichkeit, ihrem heitern Sinne und der wunderlichen Starrköpfigkeit ihrer Mutter, der Frau Bell. Claudine wäre längst Georg's Weib und meine Schwiegertochter, sagte der Alte, wenn nicht vor dreißig Jahren der Hochzeitstag der Frau Bell am zwölften Oktober gewesen wäre, der zufällig auch ihr Geburtstag und Claudine's Geburtstag, und auch der Sterbetag ihres Mannes, und der Himmel weiß, was noch sonst für ein Tag ist. Sie meint, der Himmel knüpfe alle wichtigen Ereignisse ihres Lebens an diesen Tag, und sie glaubt fest daran, er werde auch ihr Sterbetag werden. Die Weiber haben allesammt gewisse heilige Grillen, die ihre heimliche Religion sind, und in der sie fester stehen, als in der, die sie beim Pfarrer erlernen. Staffard sagte noch Vieles, doch Florian hörte immer weniger, je näher sie dem Bell'schen Hause kamen, das sich vor ihnen, neben einem Gemüsegarten, in ziemlicher Weitläufigkeit ausdehnte. Ihm erschien es ein Arkadien; wo unter den Schindeldächern der Hirten, Göttinnen wohnten. Ein warmer Schauer überflog ihn, als sie durch die saubere Küche in ein niedriges, doch zierliches Zimmer eintraten. Frau Bell empfing die Kommenden mit freudiger Höflichkeit. Obgleich den Funfzigern schon nahe, verriethen ihre feinen Züge, daß sie in den Blüthetagen ihrer Jugend nicht minder reizend gewesen, als ihre schöne Tochter Claudine, die jetzt, in bräutlicher Seligkeit, Hand in Hand neben einem kleinen Klavier bei Georg stand und den Fremdling Florian grüßend musterte. Frau Bell rückte einige Strohsessel herbei, lud die Gäste zum Niedersitzen ein und knüpfte sogleich ein Gespräch mit dem Fremden an. Um ihre Haube trug sie ein Trauerband, um den Hals ein Tuch von schwarzem Krepp, zum Gedächtnisse ihres vor fünf Jahren verstorbenen Mannes. Mehr als Band und Tuch aber sprach eine milde, wittwenhafte Schwermuth, in welcher sich ihre natürliche Freundlichkeit, wie die heitere Sonne im Regengewölk, brach. Man hatte sich kaum einige Minuten lang unterhalten, als die Thür aufging und Hermione im einfachen Hauskleide eintrat. Ein schneeweißes Morgenhäubchen, dessen breiter Spitzenschmuck über Stirn und Wangen herabhing, hinderte die Fülle der braunen Locken nicht, seitwärts, an den Schläfen und am Halse, spielend hervorzuschleichen. Als sie den Fremdling, der ihr nicht fremd war, erblickte, hätte man glauben sollen, ein Strahl der Abendröthe falle durch die Fenster und erhöhe die Farbe ihres Antlitzes. Allen Anwesenden, vorzugsweise Claudinen, fiel diese Veränderung der Freundin auf, nur Florian nicht. – Das Gespräch wandte sich bald den wichtigen Ereignissen des Tages und den kriegerischen Unruhen in der Nachbarschaft zu. Wallenstadt am See, zwischen himmelhohen Felsen gelegen, war, einem Gerüchte zufolge, in Flammen aufgegangen; der Erzherzog Karl mit den Oesterreichern in's Herz der Schweiz eingedrungen; die Walliser hatten sich aus ihren Bergen aufgemacht, um Russen und Deutsche gegen die Franzosen zu unterstützen; die Glarner. der Abt von St. Gallen, die Rathsherren in Zürich und Schaffhausen wollten unter dem Schutze der österreichischen Bajonette ihre alte Oberherrlichkeit und die alte leibeigene Unterthänigkeit des Landvolks wiederherstellen, während die helvetische Regierung in Bern, alles Vertrauens verlustig, Miene machte, im Sack und in der Asche Buße zu thun; denn sie verminderte eilfertig ihre eigenen Gehalte, legte ihre außerordentlichen Vollmachten nieder, ließ die aufgebotenen Milizen in die Heimath gehen und wollte wegen politischer Verbrechen keine Todesstrafen mehr verhängen. Ganz recht so, sagte Staffard, denn politische oder religiöse Grundsätze, und die Handlungen, die daraus stammen, lassen sich, wie z. B. Todtschlag, Diebstahl oder andere Verbrechen, nach keinem menschlichen Gesetze beurtheilen. Nach welchen Rechtsgrundsätzen will man das hier mit dem Tode bestrafen, was in einem andern Gebiet, einen Büchsenschuß weiter, das höchste Recht ist? Politische Parteien eines Landes sind freilich gegen einander auf dem Kriegsfuße; aber man muß die Ueberwundenen nicht tödten, sondern gleich Kriegsgefangenen behandeln. Vater, rief Georg, es ist bei den Schweizern oder vielmehr bei ihren Regierungen, überall, nichts als Feigheit. Sie wollen nur das Messer, welches sie für Andere geschliffen haben, wegwerfen, weil sie fürchten, selber damit abgeschlachtet zu werden. Schmach über uns! seufzte Florian; wir Schweizer sind gefügige Werkzeuge zu unserm eignen Verderben in der Faust der Fremden geworden. Wollen Franzosen und Oesterreicher, eigenen Vortheils und eigener Gefahr willen, die Schweiz nicht in alter Selbstständigkeit aufrichten, so hat Europa keine Schweiz mehr. Dahin hat es die Erbärmlichkeit der Rathsherrnweisheit und die kleinstädtische Pfiffigkeit der entarteten Eidgenossen gebracht. Die Frauen sahen die tiefe Traurigkeit, welche aus dem Innern des Gemüths sich über sein Antlitz verbreitete. Männer sollten eigentlich niemals wehklagen, sagte Claudine, sondern nur zürnen oder handeln, wie es den Göttern und allen Starken geziemt. Thränen und Seufzer gehören uns Weibern an, weil Ohnmacht eigentlich unsere Stärke gegen Götter und Menschen ist. Und Sie, mein Herr! gehören gewiß zu den Starken, wenn nicht zu den Göttern; Sie haben es Hermionen und mir bei der Kette auf der Höhe von St. Sulpice bewiesen. Es ist die Frage, wer droben von uns der Stärkere gewesen, erwiederte Florian. Allerliebst! rief Claudine; so hätten wir Mädchen Ihnen wohl gar Furcht eingeflößt? Nein, nein, dies machen Sie uns nicht glauben; keine von uns hätte den Muth, solchem Kettenspanner den Fehdehandschuh hinzuwerfen. Sie haben ihn hingeworfen, versetzte Florian, und zog den Handschuh hervor, den er in der Kirche von Neuenburg gefunden hatte; ich stelle ihn aber der Eigenthümerin in aller Ehrfurcht zurück. Sobald Claudine Hermione's verlornen Handschuh erkannte, reichte sie ihn der Freundin unter großem Gelächter, fiel ihr um den Hals, flüsterte ihr ein paar Worte in's Ohr, und lachte noch ausgelassener; Hermione dagegen verbarg ihre Verwirrung unter einem erzwungenen Lächeln. Verschämt und mit leisen Worten dankte sie dem Finder; dann setzte sie hinzu: Wie konnten Sie wissen, daß er mir oder Claudinen gehöre? In den Straßen von Neuenburg, glaube ich, hatte ich ihn schon verloren. Florian erzählte von seinem Gange in die Kirche; dieser Zufall und die Wendung, welche Florian der Geschichte im Gespräche gab, belustigte Alle; nur Hermione blieb still und heftete von Zeit zu Zeit ihre Augen sinnend auf den Handschuh, kaum beachtend, wie die Unterhaltung lebhafter wurde. Frau Bell hatte inzwischen den Thee in's Freie tragen lassen. Hier erweiterte sich, wie der Anblick der Natur, auch das gesellige Gespräch über die Angelegenheiten, nicht des Tages, sondern des Lebens. Hermione gab ebenfalls ihr Wort dazu, und was im engen Zimmer einander fremd geblieben, neigte sich nun in vertraulicher Offenheit entgegen. Man sieht innerhalb der Stubenwände mehr auf das, was bürgerliche und häusliche Verhältnisse betrifft; im Freien, neben der Hoheit und dem Ernste der ewigen Natur, wird alles Ceremoniell kleinlich und die steife Etikette lächerlich. Im Zimmer hätte Florian schwerlich sich zu Hermione's Füßen gelagert; ihr schwerlich Hand und Arm zum Spaziergange geboten; schwerlich an sie allein sein Wort gerichtet, wie er es im Freien that, als Staffard mit Frau Bell und Georg mit Claudine vorangegangen waren. Man trennte sich erst spät und Florian hatte beinahe vergessen, daß er auf diesen Höhen des Jura, als Flüchtling, wohne. 14. Die Erklärungen. Einförmig und still, wie die Berglandschaft, aber darum nicht minder anmuthig, war die Lebensweise auf der Feenhalde. Vater Staffard besorgte den größten Theil des Tages hindurch die Geschäfte des Hauses, übte die Aufsicht über die ländliche Wirthschaft, oder schrieb Geschäftsbriefe nach Frankreich, Italien und anderen Ländern; denn er beschäftigte manche arme Haushaltung in den benachbarten Thälern des Fürstenthums, die für seine und der Frau Bell Rechnung Spitzen klöppelten. Allwöchentlich reiste Georg durch die Thäler, um Arbeiten und Bestellungen aufzutragen, oder die Arbeiter zu bezahlen; Florian dagegen, der sich in Neuenburg mit Büchern versehen hatte, verlebte einen beträchtlichen Theil seiner Stunden bei diesen, oder beschäftigte sich mit der Auflösung mathematischer Aufgaben, die er sich selber gab. Er verließ die Feenhalde nicht mehr, aus Besorgniß, der Polizei verrathen zu werden. Die Nachmittage und Abende wurden gewöhnlich von ihm und den beiden Staffard bei Frau Bell zugebracht, oder die Familie Bell kam nach dem Staffard'schen Hause, wo ebenfalls in der Regel allwöchentlich, unterstützt von musikalischen Nachbarn, ein Konzert auf Blaseinstrumenten veranstaltet wurde. Florian spielte, nicht ohne Beifall, die Flöte. Das Verhältniß, in welches er, bei täglichem Umgange, zu Hermione kommen mußte, war so traulich, und blieb dabei doch so fremd, daß er sich darin selbst nicht begreifen konnte. Die Leute in der Feenhalde merkten bald, was Hermione und Florian sich einander galten. Der alte Staffard meinte: Er ist ein rechtschaffener Mann; laßt ihn seinen Gang gehen; mische sich Keiner in den Handel. Frau Bell hingegen hatte keine geringe Lust, sich in den Handel zu mischen; denn das Loos ihrer Nichte konnte ihr nicht gleichgültig sein, da sie bei derselben Mutterstelle vertrat. Sie hätte gern mehr über den Flüchtling erfahren. Claudine und Georg ihrerseits waren sogleich darüber einig, daß Florian und Hermione ein Paar geben könnten. Claudine wünschte nicht inbrünstiger, ihre Gespielin glücklich zu wissen, als Georg seinen Freund. Genug, Alle waren in den Angelegenheiten des oft besprochenen Pärchens schon weiter gekommen, als die Hauptpersonen selbst. Närrchen, Du liebst ihn, sagte Claudine zu Fräulein Delory; seit Du ihn im Garten von Reichenau, dann in den Straßen von Chur gesehen? Denke, wie er Dir droben bei der Kette erschien, denke an Deinen Traum vom verlornen Handschuh, und wie Dir zu Muth war, als er sich erfüllte. Kannst Du es läugnen? Gott entscheide! sagte Hermione mit gefalteten Händen und zum Himmel gewandten Augen. Du machst mir bange, Hermione! was hat er Dir seit gestern Leides gethan? Er kann mir nichts Leides mehr thun; er hat mich vernichtet. Das Schicksal stieß an mein Leben und es zerfloß in das seine, wie ein zitternder Thautropfen in den andern. Nun also verstehen wir uns; das heißt: Du kannst nicht mehr ohne ihn leben? Glaube nur, Claudine! was Du Liebe nennst, was Andere aus Wahl, aus Neigung, aus Berechnung thun, ist, bei Florian und mir, wie eine Naturnothwendigkeit. Der eigene freie Wille mußte mit ihm zusammentreffen; ich mußte ihn allenthalben finden, wenn ich ihn auch meiden wollte; mußte , um an ihn verloren zu gehen. Nun, das heiße ich vernünftig gesprochen, Du kleine Philosophin! wenn ich anders Vernunft genug habe, um Dein Kauderwelsch zu begreifen. Du wirst übrigens zugeben, hoffe ich, daß jedes Mädchen auf diese Art gern verloren geht, wie Du und ich verloren gegangen sind. Man gewinnt sich selbst dabei um hundert Prozent reicher zurück. Ich liebe, Du liebst, er liebt, wir lieben, Ihr liebet, Alle lieben! Claudine, Du verstehst mich nicht. Ich bin wider Willen , durch höhere Mächte, an ihn gefügt. Ach, Du armes Ding! – aber, wenn es nun einmal nicht anders ist, bleibt das Beste, zum bösen Spiel ein süßes Gesichtchen zu machen. O Hermione, Hermione! denke an den zwölften Oktober. Hermione, wenn mein Hochzeittag der Deinige . . . Bei diesen Worten drängte Hermione Claudinen mit vorgestreckter Hand von sich ab, während sie das Gesicht tief auf die Brust senkte und rief: Nur das, o das sage nicht wieder! Ich könnte jedes Andern Weib werden; ich mag den Gedanken nicht ohne Abscheu, – nein, brich ab; wir reden nicht wieder davon. Claudine lachte laut und doch konnte sie sich nicht enthalten, ihre Freundin voll Mitleid und Erstaunen anzusehen. Eben so erstaunte Georg, wenn er mit Florian die gleiche Angelegenheit behandeln wollte. Der junge Bündner sträubte sich, von dieser Liebe zu reden, oder an Hermione's Liebe zu glauben. Unter uns gesagt, Florian! Du bist ein wunderlicher Kauz; Du liebst sie doch? Wie alles Schöne und Gute: wie Du es liebst, Georg! Du selbst. Ich denke, Claudine würde mich doch höflich ersuchen, zwischen Lieben und Lieben einen kleinen Unterschied zu machen. Ich begreife nicht, warum Du Dich sträubst, Glücklicher? Nenne mich nicht glücklich. Aber ich weiß es durch Claudine; sie kennt Dich und diese ätherische Hermione längst. Schon im Garten von Reichenau hattest Du ihre Eroberung gemacht; dann auf dem Platze in Chur, wo Du unter Hermione's Fenster einen belasteten Bauernwagen auf die Seite warfst, und den Bauer dafür straftest, daß er einem Wagen voll verwundeter Franzosen nicht ausweichen wollte. Wie? unter Hermione's Fenster war es? Sieh, Florian! sie hat nichts vergessen; sogar nicht das braune Muttermälchen da, neben dem Ohrläppchen. Ja, Claudine wußte von Dir schon durch sie, ehe Ihr Euch bei der Kette gesehen hattet. Im Traume sah Hermione Dich ihren verlornen Handschuh zurückbringen. Was willst Du mehr? Und wenn das Alles nicht gelten sollte, so würde das Zeugniß von Aller Augen und Ohren gelten. Wäre es möglich, sagte Florian vor sich hinsehend, was ich doch nie glauben werde – wäre es – sie fühlte eine erwachende Neigung für mich – – dann, ja, morgen flöhe ich aus Euerm Lande; um eine Heilige nicht zu betrüben. Ich flöhe; damit sie durch mich nicht unglücklich werde. Unglücklich? Wie sollte es enden? Wie mit Claudine und mir. Du bist unabhängig; Du bist begütert. Fräulein Delory hat selbst einiges Vermögen; ihr Stiefvater soll ein vortrefflicher Mann sein; folglich . . . Ach, Georg! rief Florian, ich sollte es eigentlich nicht sagen, aber ich muß es sagen: hebe Dich weg von mir Satanas! Ich bin ein Geächteter, ein Flüchtling; das Vaterland hat noch Ansprüche auf mein Blut und ich denke nicht an Ruhe und Vermählung, bis Graubünden vom Joche der Ausländer befreiet ist. Und wer ist Bürge dafür, daß man nicht daheim mein väterliches Gut konfiszirt, gleichwie man schon das Vermögen meiner Verwandten im Veltlin konfiszirte? Ich erwarte die Tage des Friedens und der Unabhängigkeit; dann erlaube ich mir's, an häusliches Glück zu denken. Es giebt für den Schweizer kein persönliches Glück, ohne dasjenige des Vaterlandes. Georg sah in das flammende Gesicht des Bündners, umschloß ihn mit den Armen und rief: Du bist ein Mann, wie Du sein sollst, Florian; aber Du liebst! Nun denn, ja; aber wie der Mann lieben soll, mit Heiligkeit und Seelengröße. Seit diesem Gespräch wagte Georg nie wieder, ein ähnliches mit Florian anzuknüpfen; auch Claudine hütete sich, auf Hermione einzuwirken. Man ließ die beiden wunderlichen Leutchen, wie man sie nannte, gehen, wie sie wollten. 15. Fortsetzung der Erklärungen. Sowohl Florian's, als Hermione's Erklärungen wurden bald dem Vater Staffard und der Frau Bell bekannt und Beide fanden darin eine Beruhigung. Florian ist ein Mann! sagte Staffard zu seinem Sohne; käme er, als Flüchtling; fände ein hübsches Mädchen, vergaffte sich, spräche von Liebe und Hochzeit; wahrhaftig, er würde ein Geck, ein Abenteurer sein. – Frau Bell urtheilte eben so; doch tröstete sie die entschiedene Abneigung Hermione's, sich über Florian auf irgend eine Weise vortheilhaft zu äußern, und daß das Fräulein ihm, wie jedem Gleichgültigen, weder auswich, noch entgegenging, ja sogar eine heimliche Furcht vor ihm blicken ließ. Der alte Staffard aber lächelte dazu. Sein gesunder, kräftiger Menschenverstand lös'te das Räthsel auf andere Weise, als es Frau Bell lösen wollte. Liebe Nachbarin! sagte er zu dieser; es ist nicht Alles ohne Gefahr dabei. Ich will mich auf Florian zehn Jahre verlassen, er ist ein Mann ; auf Hermione verlasse ich mich keine zehn Minuten, sie ist ein Mädchen. Sie liebt und ihr Mädchenstolz empört sich gegen ihre Neigung. Die kleine Königin will sich gegen sich selbst rechtfertigen. Sie erklärt: ich liebe ihn nicht, aber ich bin ihm durch die Gewalt übernatürlicher Schicksale, wie zugeworfen. Ihr wisset ja, die Schwärmerin findet Alles übernatürlich. Sie lebt mit ihrem Köpfchen in einer andern Welt, und so seid Ihr Weiberchen alle. Jedes von Euch ist Stifterin einer neuen Religion, einer neuen Philosophie, einer neuen Poesie. Die Alltagswelt ist Euch zu gemein; Ihr müsset sie mit Wundern füllen. Frau Morne geht mit Geistern um; Hermione schwimmt überall im göttlichen Walten; Sie selbst, Frau Bell! haben Ihren geheimnißvollen zwölften Oktober und andere Schicksalstage. Meine Frau, Gott habe sie selig! faßte keinen Entschluß, ohne ihr Orakel zu fragen, nämlich eine Stelle der Bibel, die im aufgeschlagenen Buche zuerst ihrem Auge begegnete. Sogar die leichtsinnige Claudine kann schwermüthig werden, wenn sie einen Traum gehabt, der ihr bedeutungsvoll scheint. Frau Bell, durch Staffard's Unglauben ein wenig gereizt, erwiederte: Lieber Nachbar! Ahnung und Gefühl urtheilen oft sicherer, als der Verstand, welcher sich mit dem begnügt, was das Auge sieht und das Ohr hört. Ich kenne übrigens gar verständige Männer, welche die alte Morne für eine Närrin halten, und doch verblüfft dastehen, wenn sie Offenbarungen aus ihrem Geisterreiche bringt, die über den Verstand der Verständigen hinausgehen. Herr Staffard merkte, daß von ihm die Rede sei und drückte freundlich die Hand der Frau Bell in seine beiden Hände: Keinen Krieg, liebe Nachbarin! Ich gebe ja zu, daß die alte Morne zuweilen mehr weiß, als unsereins; aber ich denke, sie findet das auf sehr natürlichen Wegen; denn da sie immer umherfährt, vernimmt sie tausend Sachen, die wir nicht erfahren. Ohne es zu wissen und zu wollen, gesellt sich in ihrem alten, welterfahrnen Kopfe das zusammen, was zusammen gehört; sie folgert glücklich, oft kühn; erstaunt über ihr eigenes Wissen, weil es ihr selber nicht klar wird, wie sie dazu gelangte und hält es für höhere Eingebung. Sie betrügt Niemanden, als auf die treuherzigste Weise sich selbst. Also glauben Sie, Freund Staffard! sagte Frau Bell, die Morne habe es nur aus der Luft gegriffen, als sie an demselben Tage Mittags kam, und mich wegen Hermione warnte, da Abends Herr Florian bei Ihnen einkehren würde? Wie konnte sie wissen, daß er im Lande sei, wie für Hermione's Herz besorgt sein, die an demselben Tage mit Claudine in Neuenburg war? Daß Florian im Lande sei, erwiederte Vater Staffard, griff sie keineswegs aus der Luft, denn sie hatte ihn auf dem Gipfel des Gros-Taureau gefunden; Florian hat mir's erzählt. Daß er in die Feenhalde und vielleicht zu mir kommen würde, konnte sie vermuthen, weil sie dem Flüchtling selber angerathen hatte, seinen Aufenthalt in der Feenhalde zu nehmen. Daß sie Ihnen den Wink gab, über Hermione's Herz zu wachen, erkläre ich mir daraus, daß Hermione vielleicht zu ihr, oder Claudine, einmal davon geplaudert und den Mann beschrieben habe, der im Bündnerlande auf das Mädchenherz einen flüchtigen Eindruck gemacht hatte. Frau Morne erkannte ohne Zweifel den Mann, sobald sie ihn sah, aus der Beschreibung. Frau Bell erstaunte über die Lösung des Räthsels nicht weniger, als vorhin über das Wunder. Ach! sagte sie mit unwilligem Lächeln, und zog ihre Hand aus Vater Staffard's Händen; Ihr Männer wisset Euch immer den Schein des Rechts zu schaffen; wir Weiber haben nur das Herz, Ihr immer den Verstand. Ich aber liebe den herzlosen Verstand nicht, der die ganze Natur zum todten Uhrwerk macht. Nicht doch, liebe Nachbarin! rief Vater Staffard; stiften wir Frieden zwischen Verstand und Herz. Darum eben sind sich Mann und Weib lieb und unentbehrlich, wie der Reiche und Arme in der Welt, weil nicht Jeder hat, was der Andere. Ich gebe ja gern zu, daß das Herz oftmals Recht hat; geben Sie aber auch zu, daß sich das Herz ein wenig verirren könne. Warum nicht? erwiederte Frau Bell; nur mit dem Unterschiede, daß der Irrthum des Herzens seliger macht, als die größte Wahrheit des Verstandes. 16. Der Traum. Während sich die Leutchen in der Feenhalde mit Florian's Herzensangelegenheiten beschäftigten, hatte er mit andern Dingen zu thun. Er berechnete die Baarschaft, die er mit sich führte, und andern Theils jeden Augenblick von einem der ersten Handelshäuser in Basel beziehen konnte. An eine Rückkehr nach Bünden durfte er nicht denken, obgleich die Franzosen aus allen Thälern wieder verdrängt waren; denn er hatte den Parteigroll seiner Mitbürger zu fürchten. Er fühlte keine Lust, nachdem er den Franzosen entwischt war, sich von den Oesterreichern nach Tirol schleppen zu lassen. Seine Güter, Wiesen und Alpen blieben ihm in der Heimath gesichert; er hatte die Verwaltung derselben einem redlichen Mann übergeben. Es blieb nur die Frage, wohin mit ihm selber. Diese Frage beschäftigte ihn so sehr, daß er an einem schönen Junius-Nachmittage, da er allein lustwandelte, Weg und Steg verlor. Er befand sich zwischen Tannengestrüpp und Bergen; vor ihm die schwarzgelbliche Wand der Kalkfelsen, die er bisher nur aus der Ferne gesehen hatte. Hier, auf einem mit kurzem Rasen bewachsenen Platze, den ein Vorsprung des Felsens beschattete, legte er sich in der Nachbarschaft einer Höhle nieder. Die Ruhe der Gebirgsgegend, durch welche aus der Ferne von Zeit zu Zeit der eintönige Klang der Glocken der Heerden drang, lud ihn zum Schlummern ein. Flüchtling, seufzte er bei sich, und doch kein Verbrecher; vielleicht geliebt von der Liebenswürdigsten und doch ohne Hoffnung des Glückes. So, in träumerischem Hinbrüten, sah er Wälder, Berge und Ebenen, Ströme und Seen an seinen Blicken vorübergleiten. Je fester ihm die weiche Hand des Schlummers die Augenlieder schloß, desto reizender wurden die fremden Landschaften, welche um ihn her zu liegen schienen. Endlich erblickte er das Meer, wie längs den Hügeln eines freundlichen, grünen Gestades seine blauen Wellen dahin rollten. In der Ferne stiegen, wie auf blauen Grund gemalt, die Thürme einer Stadt empor. Er wanderte derselben wohlgemuth entgegen, als ihm eine wohlbekannte Stimme zurief; er erblickte seitwärts, von einem Garten umgeben, ein weißes, geschmackvoll erbautes Landhaus, umweht von hohen Pappeln und auf dem Balkon, welchen ein vergoldetes Gitterwerk, als Geländer, umzäunte, winkte ihm Hermione. Er flog mit der Sehnsucht der ersten Liebe zu ihr und sie trat ihm schon im Garten, wie durch einen Wald voll Lilien, entgegen und sagte: Nun binde ich Sie fest. Sie lös'te ein breites Seidenband, welches ihren Leib umfing und wollte ihm dasselbe scherzend überwerfen. Das Band aber wurde zur Schlange, welche sich zugleich um ihn und um sie wand, Beide fest an einander zog und, ihren eigenen Schwanz mit den Zähnen fassend, einen lebendigen Ring bildete. Hermione that einen lauten Schrei und er selbst erschrak so heftig, daß er aus dem Traume auffuhr und die Augen öffnete. Er sah aber auch im Wachen Hermione noch; er sah sie, von ihm abgewandt, mit schnellen Schritten fliehen, und während der Flucht das Köpfchen noch einmal nach ihm zurückwenden. Er sprang empor, bestürzt und zweifelhaft, ob es Traum, ob Wirklichkeit sei, und rief: Fräulein! warum fliehen Sie? Erröthend stand die Schöne still, mit ihrem tiefgebogenen Strohhut, am Arm ein von Weiden geflochtenes Körbchen und einen langen, starken Stab in der Hand. Verzeihen Sie, stammelte sie; ich habe Sie im Schlummer gestört. Und ich danke Ihnen, theures Fräulein! sagte er; Nichts konnte meinen schönen Traum angenehmer unterbrechen. Sie haben wirklich geträumt, wirklich? rief Hermione mit Gesichtszügen, worin neben ungeduldiger Neugier ein banger, an Erschrockenheit grenzender Ernst sich malte. Florian, mehr auf die Frage, welche ihre Gesichtszüge zu stellen schienen, als auf die ihres Mundes, antwortend, sagte: Ist's nicht erlaubt, hier oben zu träumen? Das wohl, entgegnete Hermione, das wohl; aber – wissen Sie, wo Sie träumten? – Sie zeigte mit dem Stabe gegen die Höhle. Warum? Nisten dort Drachen oder Schlangen? Nein, scherzen Sie nicht; kennen Sie jene Grotte nicht? Wissen Sie, welche Sage davon im Lande geht? Kein Wort. Es ist der Eingang zum Feentempel, wo wirklich etwas Ueberirdisches waltet; glauben Sie es nur. Und wer hier einschlummert, empfängt weissagende Träume. Sie haben geträumt, wirklich geträumt? Wirklich, und ich bin den Feen sehr verbunden. Erschien Ihnen eine? Allerdings und ich glaube die liebenswürdigste aller Feen, wie sie wohl in Tausend und einer Nacht nie erschienen sein mögen. O, lassen Sie mich ein wenig neugierig sein; in welcher Gestalt? In der, die mir, so lange ich unterm Himmel wandle, immer die schönste, die unvergeßlichste und die – ach, daß ich's sagen muß! – die gefahrvollste bleiben wird. Ich möchte nur die Gestalt der Fee kennen, die Sie im Traume sahen und den Traum selbst. Florian senkte verlegen die Augen. Ich darf es kaum sagen; was fragen wir auch den Träumen nach, die Wirklichkeit ist der schönste Traum. Sie schlagen mir die Bitte ab? – Wissen Sie, daß dieser Traum mit Ihrer Zukunft in enger Verbindung steht und daß er belehrend, rathend oder warnend sein kann? Sie erschrecken mich mit Ihrem Ernste, Fräulein! Sehen Sie! man nennt den Schlaf gewiß nicht ganz umsonst den Bruder des Todes. Er ist es wirklich, er ist ein halber Tod. Der Leib ist vergänglich, und die Seele nimmt eine andere Richtung, lebt in einer andern Welt, hat andere Sprachen und Zeichen. Träume sind nur die letzten Strahlen eines Abendrothes der Seelenwelt, die über den Ozean des Unendlichen und Raumlosen ein Licht auf das Irdische werfen, wie in der sichtbaren Natur der Schimmer der untergehenden Sonne gegen die Gebirge. – Florian lächelte; denn das schöne Mädchen stand, ihn belehrend und Glauben gebietend, so erhaben, wie ein philosophischer Graubart, vor ihm da. Er nahm ihre Hand und küßte eine der zarten Fingerspitzen, die durch den Handschuh sichtbar waren, als wollte er wegen des Lächelns um Verzeihung bitten. Spotten Sie nur, spotten Sie nur! sagte sie ein wenig unwillig, und mußte dabei doch selbst lächeln; Sie werden einst an diesen Augenblick zurückdenken, und dann nicht mehr spotten, ja, Sie werden an mich denken! Gewiß, gewiß, werde ich an Sie denken, denn schon halbtodt dachte ich an Sie. Wie, halbtodt? Sagten Sie nicht, der Schlaf wäre ein halber Tod? Nein, nur ein Augenblickchen bleiben Sie ernsthaft. Sie sind ein wenig leichtsinnig; gerade jetzt, eben hier, sollten Sie es nicht sein. Erzählen Sie mir von Ihrem Traume. Wohlan, suchen wir Schatten und Kühlung; ich kann Sie unmöglich von den Sonnenstrahlen leiden sehen. So kehren wir zur Stelle zurück, wo Sie schlummerten; dort weht stets ein kühles Lüftchen. – Sie gingen zurück, und Florian bemerkte, daß Hermione wirklich Recht habe. Es ging über die Stätte ein sanfter, erfrischender Luftstrom. Sie sind eine Allwissende? Hermione deutete auf die Höhle; von dorther, aus dem Feentempel, kommt der erfrischende Strom. Der auf seinen zarten Wellen die schönen Träume trägt? Allerdings und die bedeutsamen. Sie haben Recht, Fräulein! Sollte diese Stätte immer schöne Träume bringen, so zählen Sie darauf, daß ich mich hier alle Tage zum Schlafe bette. Weshalb aber glauben Sie, daß der Traum hier bedeutungsvoller sei als anderswo? Soll ich's Ihnen sagen, damit Sie mich ausspotten? Sie sind ein gelehrter Mann, doch wie die Männer insgesammt – Alles glauben sie, nur das Glaubwürdige nicht. Sie glauben an die Wirkungen, aber an die Ursachen nicht; sie glauben an die Erscheinungen, aber an die Kräfte nicht. Eine Kraft ist's, die im Grashalm lebt; eine Kraft lebt in diesem Steine, in jenem Baume. Wer kennt das göttliche Reich, und wer die Heerschaaren der Kräfte darin? Eine unendliche Kette von Kräften senkt sich von Gottes Thron auf uns herab, und wir rühren an diese Kette; ja, wir sind mit ihr verbunden. Es giebt Augenblicke, in welchen wir mit Geistern, vielleicht höhern, vielleicht untergeordneteren als der menschliche, in Berührung stehen. Meine schöne Geisterseherin! lehren Sie mich Ihre Geheimnisse. Einen schöneren Geist, als den Ihrigen, werde ich zwar nicht erblicken, und doch möchte ich's auch mit andern versuchen. Sie haben ja den Versuch gemacht. Ist nicht die Macht des Feentempels über Sie gekommen? Haben Sie nicht Ihre Zukunft erblickt? Sie schlummerten hier; der unsichtbare Strom dieser Grotte floß über Sie hin und machte Ihre Seele im Traume hellsehend. Anderes war es auch nicht, was die delphische Priesterin auf dem Dreifuße bis zur Orakel-Ertheilung in Verzückung brachte, als diese geheime Naturkraft. Sie schlummerten hier; die Naturkraft, die in Griechenland Apollo, der Gott der ewigen Jugend, hieß, und hier von den Landleuten Fee genannt wird, kam über Sie und Sie selbst sind Ihr Orakel, Ihre pythische Priesterin geworden. Glauben Sie nun, oder glauben Sie nicht; aber erzählen Sie mir Ihren Traum; ich muß ihn wissen; er ist mir sehr wichtig. Und glauben Sie, er werde erfüllt werden? Wer kann die Zeichen deuten, die im Reich des Uebermenschlichen gelten? Geschwind erzählen Sie. – Florian wollte sich nicht länger weigern. Er erzählte, mit welchen Gedanken er eingeschlafen sei; dann von den vorüberfliegenden Gebirgen, Ländern und Strömen; dann von dem Meere und dem grünen Gestade voller Hügel; dann, wie er die Stadt in der Ferne sah. Er bemühte sich, das zu schildern, was in verdämmernden Bildern noch seinem Gedächtnisse vorschwebte. Er sprach von der Stimme, die ihn aus dem Landhause gerufen, und mußte sie, so gut er konnte, beschreiben. Nein, nein! rief sie auf's Höchste gespannt und ihn starr und mit sonderbarem Ernste ansehend; das ist ja St. Imar; das ist mein väterliches Erbgut. Ja die Stadt, die Sie gesehen, ist offenbar Antibes. Er sprach von ihrem Erscheinen auf dem Balkon, von dessen goldenem Gitterwerk. Nein, es ist nicht möglich! rief sie wieder; meine gute Mutter ließ es in ihrem letzten Lebensjahre so herstellen. Florian sah Hermione fast außer sich; ihm selbst wurde wunderbar dabei zu Muthe. Liebes Fräulein! sagte er, Sie wollen mit mir scherzen? Sie schüttelte aber ernst den Kopf und rief: O ich bitte, ich bitte, fahren Sie fort; stören Sie sich selbst nicht. Nun begann er mit der Beschreibung des Gartens, denn alle Kleinigkeiten wollte sie wissen. Als er der Menge der weißen Lilien in den Beeten erwähnte, durch welche Hermione gekommen, faltete sie die Hände, senkte mit still bekräftigendem Neigen den Kopf und sagte: Ich weiß es wohl; ich spielte in meinen Kinderjahren unter diesen Lilien; es waren die Lieblinge meiner verklärten Mutter. Unser St. Imar wurde in der ganzen Nachbarschaft der Liliengarten genannt. Sonderbar, daß ich im Traume zum Seher werden muß, sagte Florian lächelnd, doch mit Erstaunen über die Reden des Fräulein Delory. Ich wette, die Einbildungskraft spielt uns Beiden einen Possen, fuhr er fort; sie ist von allen Feen die schadenfroheste. Mit den nämlichen Wörtern verknüpfen wir Beide die verschiedensten Bilder und Vorstellungen. Erzählen Sie zu Ende! rief das Fräulein mit ängstlicher Neugier. Er machte nun Mittheilung von dem Bande; dann wie es zur Schlange geworden, und wie er in dem Augenblicke geweckt wurde, als die Schlange mit Kopf und Schweif den Ring schloß. Hermione wandte sich zur Seite, so daß ihr breiter Strohhut es verbarg, wie erst die blasse Farbe der Lilien des mütterlichen Gartens ihr Antlitz überfloß, und es dann von der Gluth dunkler Rosen übergossen wurde. Fürwahr, sagte Florian mit leiser Stimme, aus der seine ganze Liebe klang, fürwahr, wenn dieser Traum irgend einen prophetischen Eindruck macht, so ist es der, welchen er zuletzt macht, als er das Band, mit dem Sie, theure Hermione, mich banden, in das Sinnbild der Ewigkeit verwandelte. O, wenn ich nur das günstig deuten dürfte! Mit gesenktem Haupte halb seitwärts gewandt stand sie sinnend da, und zog, spielend, mit dem Stabe Linien in den Staub des Bodens. Wie gern hätte Florian erfahren, was in diesem Augenblicke in ihrem Gemüthe vorging! Plötzlich erhob sie das Haupt und sagte zu ihm mit einer Miene voll stiller Ergebung: Nun, haben wir ein gemeinsames Geheimniß; offenbaren Sie Niemanden Ihren Traum. Sie wollten den Feentempel sehen; kommen Sie, ich will Ihre Führerin sein. 17. Der Feentempel. Sie ging voran. Als sie zum Eingang der Höhle gekommen waren, zog sie eine zierliche kleine Laterne und ein chemisches Feuerzeug aus dem Körbchen. Ihre Absicht ist wohl, in das Innere dieser Zauberhöhle einzutreten? fragte Florian; deshalb kamen Sie hierher? Und ohne Begleitung wollten Sie sich in die Grotte wagen? Es ist keine Heldenthat, sagte Hermione mit freundlichem Lächeln, besonders seitdem der junge Staffard für Claudine und mich durch übergelegte Bretter die schlüpfrigen Wege gangbar gemacht hat. Es läßt sich jetzt ohne Gefahr dort gehen, und ich besuche diesen Tempel, den die Natur selbst gebaut und unter der Erde herrlich gewölbt und geziert hat, ich besuche ihn an schönen Tagen gern. Er wird Ihre ganze Bewunderung erregen, wie er es verdient. Sie legte bei diesen Worten den Strohhut ab und wand einen Shawl, in Gestalt eines Turbans, um ihren Kopf; dann verbarg sie ihren und seinen Hut, nebst ihrem Körbchen, unweit des Eingangs zur Höhle zwischen Felsen und Gesträuch, und kehrte zurück, um die Wachskerze anzuzünden. Florian betrachtete schweigend ihre Vorrichtungen. In dem blutrothen Turban, unter welchem einzelne ihrer braunen Locken über die zarten Schläfen und den feinen Hals herniederquollen, glich sie schon einer Priesterin der Unterwelt. Die Unschuld und Furchtlosigkeit ihres Wesens, während eines so grauenvollen Ganges, gaben ihr das Ansehen, mit höheren Gewalten im Bunde zu stehen. Mit dem Flämmchen in ihrer Hand zündete sie die Wachskerze der Laterne, welche sie am Außenende des mitgebrachten Stabes befestigt hatte, an. Nun denn, sagte sie mit anmuthiger Verneigung und zeigte auf ein anderes Loch im Felsen, haben Sie Muth? Der Eingang ist beschwerlich und enge; er erweitert sich aber dahinten bald. Sie breitete auf dem Boden, im Grunde der Oeffnung, ein weißes Tuch, damit er seine Kleider beim Durchkriechen schonen könne, und winkte ihm, voranzugehen. – Schweigend und beobachtend stand er da, nahm ihre Hand und drückte sie an seine Lippen; ja, wäre ich Pluto, und könnte ich Ihnen den ewigen Thron der Unterwelt bieten, Sie würden die göttliche Proserpina sein! Nachdem er die Laterne am Stabe in das Innere der Höhle vorgeschoben hatte, kroch er durch die niedrige Oeffnung, die sich bald so erweiterte, daß er aufrecht stehen konnte. Es dauerte nicht lange, da erschien auch das Köpfchen mit dem rothen Turban und den braunen Locken unter den Felsen, und blickte mit rührendem Lächeln zu ihm auf. Sein Herz erzitterte bei diesem Schauspiel und kniend half er der zarten muthigen Gestalt aus der Felsenöffnung, durch welche das heitere Gold des Tageslichtes glänzte. Sie nahm den Stab zu ihrer Stütze; er leuchtete, vorschreitend mit der Laterne, während sie folgte. Links und rechts waren die Steine gespalten und bildeten finstere Gänge. Während sonst Todtenstille herrschte, hörte man, dann und wann, das Fallen eines Tropfens. Ein finsteres Gewölbe, dessen Ende sie beim Schimmer der Laterne nicht wahrzunehmen vermochten, befand sich über ihnen. Nur einzelne, weißgelbliche Klippen streckten ihre gespenstigen Bildungen, gleich starren Armen, aus der Nacht hervor. In der Dämmerung des Hintergrundes erblickte man phantastische Gestalten und Säulen aus Tropfstein. Sie schienen sich zu bewegen, zu kommen und zu verschwinden, je nachdem die Beleuchtung bei jedem Schritte sich änderte und neue Formen hervortreten und verschwinden ließ. Je tiefer sie in die Höhle eindrangen, desto wunderbarer gestaltete sich dort die unterirdische Welt. Der Weg schien kein Ende zu nehmen. Der Gang, meist geräumig, glich, oft schmäler werdend, einer klösterlichen Halle, mit weißen, glänzenden Teppichen, Fransen und Schnitzwerken geziert. Der Fuß trat überall sicher auf, denn Georg hatte für seine jungen Freundinnen viele Unebenheiten aus dem Wege geräumt, und über die bösen Stellen Bretter gelegt. Als sie eine Strecke unter dem Felsengewölbe gegangen waren, blieb Florian stehen und sah auf die unerschrockene Hermione zurück. Sie lächelte, ohne ein Wort zu sagen, ihn gütig an. Ist es möglich, sagte er, hierher wagten Sie sich ohne Begleitung? Wie wunderbar und schön dieser Riesenbau der Natur auch ist, er erweckt doch ein stilles Grauen. Dieses Grauen empfinde ich auch jedes Mal, antwortete Hermione, aber ich liebe es. Das erste Mal, ich läugne es nicht, befiel mich ein Zittern, obgleich Claudine und Georg bei mir waren. Aber seitdem habe ich mich an diese finstere Unterwelt gewöhnt; mit allen Gestalten darin bin ich schon vertraut. Wir werden das Ende derselben bald erreicht haben und es wird Sie überraschen. Man sagt, der ganze Gang habe eine Länge von zweihundert Fuß; gehen Sie noch einige Schritte vorwärts. Und als er noch einige Schritte gethan hatte, blitzte ihm, aus dem finstern Hintergrunde, plötzlich ein goldener Strahl entgegen. Er stand betroffen still, – ging dann weiter, und ein Glanz, welcher seine Augen blendete, umfing ihn. Hexerei das! schrie er voll Entzücken; wo bin ich? Ich sehe Sonnenlicht; sehe mitten in der Höhle Wolken und Gebirge, unermeßliche Fernen, und Höhen, Thäler und Waldungen! O wunderbares Schauspiel! – Fräulein, nun glaube ich an Zauberei; hier waltet noch eine andere Fee, als Sie! Hermione weidete sich an seiner Trunkenheit, als er an das Ende der Höhle vortrat und in's Freie hinabsah. Sie lehnte sich ihm gegenüber an einen Felsen, von mannichfaltigen Flechten bunt bezogen. Ueber ihrem Haupte wehten einzelne Grashalme und hängende Zweige; um sie her hauchte der warme Athem des Tages. Sie erblicken da unten in dem stillen, grünen Thale eine andere Welt, sagte sie; es ist Val Sainte-Croix. Alle die kleinen, braunen Hütten, die an den Hügeln der Landschaft so traulich umher liegen, gehören zum Dorfe jenes Namens und zu La Vrcvonne [La Vraconnaz?]. Links erhebt sich La Roche blanche mit ihren Felsen; rechts steigt die Aiguille de Beaume empor. In der verschwindenden Ferne vor uns liegt das alterthümliche Granson am See, durch Karl's des Kühnen Niederlage berühmt. Die vorspringenden Höhen entziehen uns leider! den tieferen Blick in das anmuthige Waadtland, welches sich unter unsern Füßen ausbreitet. So fuhr sie noch lange fort, ihm die reizende Landschaft zu beschreiben. Wenn Florian den Blick in die grünen Tiefen hinabsenkte, zu den kleinen friedlichen Wohnungen der Menschen, zu ihren Heerden an den Halden des Gebirges, zu den Alpenfirnen im fernen Hintergrunde, und dann wieder in die Dunkelheit der Höhle zurücksah; an deren Ausgange, in der wunderbaren, stillen Einöde, Hermione, neben sich, am bunten Felsblocke, zwischen den beweglichen, schlanken Halmen, die gleich grünen Strahlen um sie zitterten, – er hätte niederfallen, hätte mit Inbrunst beten mögen. Hermione's Augen ruhten auf ihm; sie verstand und ehrte die Bewegungen seines Gemüthes und schwieg. Als er sich nach einer langen Selbstvergessenheit endlich wieder zu ihr wandte, zitterten, ihm selbst unbewußt, Thränen in seinem Auge, und das Lächeln, mit welchem er die Schweigende begrüßte, wurde um so rührender. Er drückte beide Hände mit Heftigkeit an seine Brust, als wollte er das hochschlagende Herz zurückdrängen. O Fräulein! rief er, Sie wollten mir nur eine Ueberraschung bereiten; aber Sie haben mir einen Himmel in's Leben gefügt. Ich stand vor Gott. Dieser Feentempel soll mir ein heiliges Gedächtniß bleiben. Sie senkte die Augen nieder, als schiene sie über das nachzudenken, was er sagte. Nach einer Weile fuhr er fort: Wie wenig gehört doch zu einem einfachen, friedlichen Leben! Ich habe über meine Zukunft entschieden. Mein Vaterland ist durch Sittenverfall, durch Unwissenheit und Rohheit seiner Bewohner und durch Habsucht, Rachsucht und Ehrgeiz seiner Vorgesetzten zu Grunde gerichtet worden. Gott hat das Land heimgesucht, um das erschlaffte Volk zu erwecken; doch jetzt noch trennt es sich in Parteien zwischen Frankreich und Oesterreich, die beide es verderben. Ich kann's nicht retten; selbst ein freiwilliger Opfertod für's Vaterland könnte nichts verbessern. Keiner Partei Knecht mag ich sein, und träte ich vermittelnd zwischen beide, würden beide mich verfolgen. – Deshalb gehe ich und suche mir eine schönere Stelle Landes. Dank Ihnen, liebenswürdige Hermione! Sie haben mich mir selber wiedergegeben. Ihr Feentempel hat auch auf mich seine Wundermacht geäußert; doch Sie waren die wohlthätige Fee darin. Nennen Sie mich nicht so, sagte Hermione; die große Fee ist die Natur, die unbegreifliche, die von Gott durchdrungene. Wohl weiß ich's, Fräulein! Sie denken erhabener, denn ich; Sie sind frömmer als ich; deshalb bedarf ich Schwacher, wie ein Heide, noch der Stütze eines sichtbaren Bildes, in dessen Anblick ich das Göttliche verehre. Seien Sie mir die Stellvertreterin der heiligen Natur. O mein Freund! jeder Grashalm ist ein Stellvertreter der Natur und jedes Plätzchen, wo unsere Knie Raum finden, ist ein geweihter Betstuhl. Ich habe nie andächtiger und inbrünstiger gebetet, als hier, in Ihrer Nähe, und mich auch nie dem Himmel näher gefühlt, als an Ihrer Seite. – Ach, ich sollte Ihnen das nicht sagen; Sie nehmen es vielleicht für eine fade Artigkeit. Warum sollte ich Ihnen das nicht glauben, was ich mir selber glaube? Das Leben ist ein unendlich schönes Räthsel. Ich sinne viel darüber, möchte es mir gern entziffern und kann es nicht; denn ich kann Gott nicht durchdringen, weil er selbst die Herrlichkeit und das Leben ist und ich verwirre mich mit Entzücken in sein Anschauen, wenn ich ihn zu durchdringen suche. Sie reden in dunklen Worten, wie die delphische Priesterin; doch verstehe ich Sie; und nun zum ersten Male, meine liebenswürdige Priesterin! wird mir aus Ihrer Sprache klar, was das von den Aposteln heißt, mit Engelszungen reden. Ja, ich hatte Sie vollkommen verstanden, auch ohne Worte. Ihre Stimme, Ihre Miene, Ihr Auge, welches das Innerste der Seele wiedergab, Alles war Rede. Hermione warf einen Blick voll Zweifels auf Florian, als fürchte sie, er wolle ihrer spotten. Seine Begeisterung jedoch schien so redlich, daß sie nach einer Weile freundlich erwiederte: Ich habe mir die angeführte Stelle von den Aposteln längst erklären können. Die Seele hat eine Sprache zur Seele, auch ohne Wort, auch ohne Ton und äußere Zeichen. Ja, es giebt ein geheimes Einwirken einer Seele auf die andere, ich weiß nicht wie, glaube aber, durch das bloße Wollen und dadurch, daß kein Zweifel bestehet am Erfolge des Willens. O Fräulein! läge es nur an der Willensmacht, so hätte Ihnen meine Seele, in dieser geheimnißvollen Sprache, schon viel gesagt. Und Sie sollten es nicht vernommen haben? Lehren Sie mich die Kunst, mit Engelszungen zu reden, und geben Sie mir damit die wunderbare Macht über Ihre schöne Seele, die Sie seit dem ersten Tage über die meinige übten; Hermione! seit dem Tage in Reichenau, am Fuße der Kalanda, wo mein Leben, gleich den beiden zusammenrinnenden Rheinströmen, in das Ihrige überging. Er sprach dies mit bebender Stimme, den Blick an den Boden geheftet. Als er aufzusehen wagte, stand sie hochgeröthet vor ihm; doch der Ernst und die ihr eigenthümliche Würde kehrten eben so schnell wieder. Wir wollen zurück, sagte sie, durch den Feentempel zurück, nach Hause. Kommen Sie. Ich weiß nicht, ob Sie sich mit meinen Ansichten nur belustigen wollen, oder ob Sie im Ernste reden. In jedem Falle wäre ich Ihnen verpflichtet gewesen, wenn Sie dem harmlosen Gespräche nicht jene Wendung gegeben hätten. Verzeihen Sie, Fräulein! erwiederte er; ich glaube Ihnen keine höhere Ehrfurcht bezeigen zu können; ich würde geschwiegen haben, hätte nicht diese Stunde und das Wunder des Feentempels in allen meinen Entschlüssen und Entwürfen eine so große Verwandlung bewirkt. Wollen Sie mich wirklich glauben machen, daß Sie durch die geheime Gewalt dieser Stätte eine Verwandelung erfahren hätten? Durch Alles; vielleicht durch den Traum schon; mehr aber durch Ihr Erscheinen; durch die geisterhafte Einwirkung der unterirdischen Welt; durch den Anblick des schönen Thales zu unsern Füßen hier; durch Ihre liebliche Erscheinung inmitten der kalten riesenhaften Felsklippen; durch – doch, wer erräth Alles, was die Seele stimmt und den Willen leitet? – Genug, unwandelbar ist mein Entschluß, in der Einsamkeit mir selbst zu leben. Als ich Ihnen dieses offenbarte, da durfte ich Ihnen auch das andere Geheimniß meines Herzens nicht verbergen. Er schwieg. Nachdem die Laterne angezündet war, reichte sie ihm dieselbe mit trübem, doch freundlichem Blicke. Er nahm ihre Hand, welche in der seinigen zitterte. Beide traten schweigend in die Nacht der unterirdischen Halle zurück. 18. Das Tempel-Abenteuer. Florian und Hermione verfolgten langsam und schweigend ihren spärlich beleuchteten Weg. Hermione überdachte nochmals seine letzten Worte und wurde durch sein anhaltendes Schweigen betrübter; denn obwohl er, voranleuchtend, zuweilen nach ihr zurücksah, damit sie auf dem unebenen Boden keinen Fehltritt thue, entschlüpfte ihm doch keine Silbe freundlicher Besorgniß oder Warnung, wie das erste Mal, als sie diesen Weg gemacht hatten. Zur Mitte des Feentempels gekommen, – Beide gingen, ohne auf dessen seltsame Gestaltungen und Verzierungen zu achten, – blieb Hermione stehen. Florian's Schweigen wurde ihr unerträglich; sie fühlte, daß diese Mißstimmung zwischen ihnen nicht herrschen dürfe. Sie hatte den Mann gewiß nicht beleidigen wollen, den sie eben in dieser Stunde noch hochachtungswürdig gefunden hatte; deshalb reichte sie ihm, als er nach ihr zurücksah, die Hand und sprach: Wollen Sie mir zürnen? Er wandte sich zurück; nahm ihre Hand, schüttelte verneinend das Haupt und ging weiter; doch reden konnte er nicht. Der Klang ihrer Stimme, der ihm unendlich mehr sagte, als das Wort, welches sie sprach, hatte ihn durchbebt. Es klang ein Geständniß daraus hervor, welches er sich selber nicht zu gestehen wagte. Nachdem sie abermals eine Strecke Weges zurückgelegt hatten, hielt Hermione noch einmal an und sagte: Eben an dieser Stelle ist die Natur des Feentempels am reichsten in allerlei wunderlichen Gestaltungen; sehen Sie sich einen Augenblick um. Wir sind von zu Stein gewordenen Riesen und Zwergen, von Schlangen und anderen Ungeheuern umringt, die der Abgrund hervorbringt oder ein Fiebertraum uns zeigt. Sehen Sie doch links dort, wie der ungestaltete Kopf sich gräßlich aus der Dunkelheit hervorstreckt, mit dem weiten, grinsenden Löwenrachen, der riesigen gebogenen Nase und den tückischen Augen, die uns so finster anglotzen, und im zitternden Lichte der Kerze sich zu regen scheinen. Florian leuchtete mit der Laterne nach allen Richtungen; jede Aenderung der Beleuchtung ließ auch das verworrene Bild der Gestalten wechseln. Sie verweilten auf dieser Stätte und waren im Entdecken neuer Zerrbilder und Fratzengesichter, wie in scherzenden Bemerkungen darüber, unerschöpflich; es schien Beiden daran gelegen, sich zu erheitern. Bei jedem Schritt, den sie vorwärts thaten, entfaltete sich rechts und links neues Spiel des Lichtes in der Beleuchtung der Felsen und der Tropfsteine. In der Absicht, eine neue Erscheinung hervortreten zu lassen, leuchtete Florian hoch über sich gegen das Gewölbe. Da sahen sie einen mächtigen Felsblock wie schwebend über ihren Häuptern, vielleicht nur deshalb nicht niederstürzend, weil er von schwachen Nebengesteinen noch eben festgehalten wurde. Kommen Sie, kommen Sie in's Freie, sagte Hermione; unsere Stimme, jede Erschütterung der Luft könnte diesen Felsen herabfallen lassen und uns Beide begraben. Ich würde kein prachtvolleres Grab, versetzte Florian, und keinen willkommeneren Tod, finden können, als in der Blüthe des Lebens an Ihrer Seite. Sie werden sich doch nicht zu den Lebensmüden zählen? Nein, gerade heute zähle ich mich zu den Lebensfrohen; und wenn dieses Gebirge über uns zusammenbräche, was hätte es denn für eine andere Folge, als eine etwas frühere Verklärung von uns Beiden? Lassen Sie das Gebirge und fliehen wir. Es wandelt mich eine wahre Furcht an, das Gebirge könnte uns beim Worte nehmen. Hermione zittert vor der Möglichkeit des Sterbens? Ach, ich habe in der Welt noch einen theuern Vater; freilich einen Stiefvater nur; aber er ist mir von Herzen lieb und ich habe ihn so lange nicht gesehen. Einst werde ich in die ewige Heimath und in's Reich der Freuden, zu meinem rechten Vater und zu meiner heißgeliebten, heiligen Mutter eingehen. Stürzte der Felsen herunter, dann wäre mein Traum erfüllt, Hermione! dann hätte die Schlange, von welcher mir träumte, daß sie sich um uns Beide knüpfte, ihre Bedeutung gefunden; die Ewigkeit vereinte dann uns Beide. Fort! fort! rief sie ängstlich, fort in's Freie! – Ungläubiger, warum wollen Sie an Ihren verhängnißvollen Traum eben jetzt erst glauben? Bei diesen Worten fuhr plötzlich ein heftiger Donner durch die Felsenhalle. Man hörte das Prasseln zusammenfallenden Gesteines; das Licht der Laterne erlosch von einem scharfen Luftzuge; der ganze Feentempel schien von dem Schlage zu erzittern, dessen Wiederhall brausend den hohlen Berg durchdröhnte. Hermione stieß in demselben Augenblick einen durchdringenden Schrei aus; Florian warf die verlöschte Laterne fort, im Finstern mit beiden Händen nach Hermione tastend. Sie sank ihm entgegen und er hielt die Zitternde mit seinen Armen empor. Sie sind doch nicht beschädigt? rief er hastig. Um Gottes willen, was ist geschehen? Sind die Felsen eingebrochen? sind wir verschüttet? Beruhigen Sie sich; Gefahr für uns kann ja nirgends sein. Ist der Eingang der Höhle geschlossen, so kehren wir zurück, ich klettere über die Felsen in's Val de Sainte-Croix nieder und bringe Ihnen Hülfe. Ueber die schroffen Bergwände hinab führt kein Weg. O, lieber Florian! machen Sie sich auf das Schrecklichste gefaßt; wir sind Beide verloren. Sie gläubige Verzweifelnde! genesen Sie vom ersten Schrecken, dann will ich den Ausgang suchen. Fürchten Sie nichts, denn ich bin mit Ihnen, und mit uns Beiden ist der Allliebende. Es währte geraume Zeit, ehe das Fräulein Delory sich sammeln konnte. Er fühlte das Schlagen ihres Herzens an seiner Brust; doch er redete so gelassen, so zuversichtlich von der Gefahrlosigkeit des Ereignisses; er bewies so überzeugend, daß auch schon das Herabfallen eines mäßig groben Felsensteins donnerähnliches, wiederhallendes Getöse in den vielen Krümmungen der unterirdischen Halle verursachen müsse; er wußte es so wahrscheinlich zu machen, daß der vernommene Felssturz nicht einmal in dem Hauptgange, sondern vielmehr in einem der Nebengänge gewesen sei, die sie beim Eingang in den Feentempel gesehen hätten; er bewies selbst aus der guten Beschaffenheit der Luft, die sie athmeten, die Nähe und Unverschlossenheit des Ausganges so überzeugend, daß Hermione wieder Muth faßte. Wie finden wir uns aus dieser Nacht zurück? sagte sie; Feuerzeug, Schwefelhölzchen und Stab, Alles habe ich verloren. Wir können das Brett unter den Füßen verlieren, mit einem Fehltritt zwischen den Felsen ausgleiten und verderben. Auch darüber sprach Florian ihr Beruhigung zu; indessen war ihm doch nicht so wohl zu Muth, wie er sich stellte. Er konnte jenen erschütternden Knall nicht anders, als durch den Zusammensturz einer großen, vielleicht jeden Ausweg versperrenden Steinmasse erklären. Deshalb bat er Hermione, einen Augenblick zu verweilen und ihm zu erlauben, den nicht entfernten Ausgang des Feentempels zu suchen. Als er sie aber ließ und sich von ihr wegwenden wollte, schlang sie mit ängstlichem Ausruf ihre Arme um seinen Hals, und beschwor ihn weinend, sie nicht zu verlassen. Noch einmal suchte er mit aller Beredtsamkeit, welcher die Liebe fähig ist, ihren Kummer zu stillen. Er drückte die Weinende an sein Herz und fühlte nur die Seligkeit, in dieser Grabesnacht von den Armen des Engels umklammert zu sein. Wie können Sie das Entsetzlichste glauben, Hermione? Geben Sie jede Furcht auf; wir sind nicht verloren. Und müßte ich alle diese Felsen neu durchbohren, um Sie an das Licht des Tages zurückzuführen, ich würde sie durchbrechen. Verlassen Sie mich nicht, sagte sie leise weinend, unser Schicksal ist ja erfüllt, ich weiß es. Aber ich glaubte nicht, daß der traurige Tag, der uns verkündet war, so nahe sei. Wir sollen und werden mit einander untergehen. Trösten Sie sich und mich nicht mit der eiteln Erwartung, gerettet zu werden! Die Weissagung über uns ist erfüllt; sie ist an derselben schrecklichen Stelle erfüllt, wo ich sie empfing. Irre ich nicht, so war es auf eben diesem Platze des Feentempels, wo wir stehen, daß mir die Morne gebot, Sie zu meiden; denn ich würde Sie, und Sie würden mich in einen finstern Abgrund niederziehen. Wie, die Morne? rief Florian mit ungläubigem Erstaunen; die Worte dieses alten, halb wahnsinnigen Weibes können Ihrem Gemüthe Besonnenheit und Haltung rauben? können Ihnen mehr als alle Gründe der Vernunft, als alle Bitten eines Mannes gelten, der tausend Tode für Sie zu sterben bereit wäre? Doch die Worte dieser wahnsinnigen Prophetin sind erfüllt, was auch Ihre Vernunft und Ihr Muth dagegen sage. Unglücklicher Florian! Ihr Traum vor der Höhle ist erfüllt. Diese finstre Nacht um uns her, ist die Schlange Ihres weissagenden Traumes, die uns Beide vereint. Ach, daß ich selbst das Band um Sie werfen, Sie selbst verleiten mußte, mich in dieses gemeinsame Grab zu begleiten. Armer Florian! daß ich die Mörderin Ihres theuern Lebens werden sollte, das hatte mir nicht geahnt. Sie sind es nicht, Hermione, Sie werden es nie sein! O, die Morne warnte dreimal ernst, ich sollte Sie meiden, nur Sie! – Ich habe Sie ja gemieden; ich erzitterte, so oft ich Sie erblickte; ich bin Ihnen ausgewichen, wenn es irgend möglich war. Nie ging ich ohne ein stilles Grausen in Ihre Nähe. O, die Morne warnte nicht vergebens, ich würde Sie, Sie würden mich in den Abgrund des Verderbens reißen. Nun habe ich Sie hinabgerissen. Ich wollte Sie meiden; ich konnte es ja nicht. Nun ist's geschehen; nun ist mein Grausen geendet, nun das finstere Räthsel gelöst. Ich soll den Tod an Ihrer Brust finden; gern will ich ihn hier nehmen. Ich bin ruhig; Gott ist barmherzig. Sie sprach mit sanfter, aber fester Stimme, und ihre Arme umschlossen ihn, als wolle sie im Sterben nicht von ihm gerissen sein. Florian fühlte sich von den widersprechendsten Empfindungen erschüttert. Hermione's Reden schienen ihm Worte des Wahnsinns, und hauchten ihm doch die süßesten Töne entgegen. Der Schmerz um ihr Verzagen füllte sein Auge mit Thränen; aber die Liebe, mitten unter den Schrecken des Todes gefunden, sein Herz mit Entzücken. Er lehnte sein Haupt an das ihrige, welches auf seiner Achsel ruhete. Er berührte mit seinen Lippen den Shawl, den sie um ihre Stirn gewunden hatte, und küßte ihn leise. Sie schien diesen Kuß empfunden zu haben. Ein tiefer Seufzer entfloh ihren Lippen; ihre Hände, die sie um ihn geschlungen hielt, erwiederten ihn, in einem matten Drucke. Armer Florian! klagte sie leise. Hermione! sagte er endlich, warum verzweifeln, ehe wir die Gewißheit haben, daß wir ohne Errettung verloren sind? Geben Sie mir Ihre Hand; vertrauen Sie Gott und mir mehr, ich beschwöre Sie! als den Faseleien der alten Morne und dem sinnlosen Spiele eines Traumes. Wir sind verschüttet; Niemand in der Welt weiß, daß Sie und ich im Innern dieses Berges sind. So tappen wir wieder zurück bis zur Oeffnung gegen Val de Sainte-Croix. Ich will mit meiner Stimme hinunterschreien, daß sie meilenweit gehört werden soll. Ich gehorche. Führen Sie mich, wohin Sie wollen; unser Verhängniß hat sich vollzogen. Und wenn meine Verheißung erfüllt wird, himmlische Hermione! werden Sie mir dann mehr glauben, als nichtigen Träumereien und Prophezeiungen? Ich bitte Sie, wollen Sie das? Ich gehorche Ihnen; ich bin Ihnen nun einmal hingegeben, lieber Freund! Das Schicksal gab mich hin; in meiner Macht lag nichts. Noch einmal zog er sie sanft an seine Brust. Die Hoffnung auf sein Glück erhob ihn. Er ergriff die Hand Hermione's und sagte: Fassen Sie Muth, folgen Sie mir! Er schritt langsam durch die Finsterniß. Bei jedem Tritte beugte er sich und suchte mit der Hand den Boden, um ihren Fuß sicher zu setzen. Zitternd folgte sie. Es war ein mühseliger, gefahrvoller Weg, welchen Furcht und Schrecken verlängerten. Sie waren schon geraume Zeit gegangen; da rief Hermione ängstlich: Florian, was ist das? ich athme Schwefeldünste! Florian, der dies für eine neue Wirkung ihrer aufgeschreckten Phantasie hielt, sprach ihr Muth zu und setzte den Weg fort; jedoch war er noch nicht weit, als auch ihm Schwefelgeruch entgegen drang, der bald stärker und stärker wurde. So wahr ich lebe, das ist Pulverdampf! rief er; ich begreife nicht, wie der in die Höhle gelangt; weder Erdbeben noch unterirdisches Feuer haben das gethan. Täuschen wir uns nicht mit eiteln Hoffnungen, lieber Freund! seufzte Hermione, am wenigsten mit unglaublichen. Plötzlich, als Florian, weiter gehend, sich tappend zur Erde beugte, rief er: Ich sehe Tageslicht, Sie sind gerettet! Hermione strengte vergebens ihre Augen an, in der undurchdringlichen Finsterniß den Schimmer zu entdecken. Er zog die Zitternde rascher mit sich fort, und als sie aus der Krümmung des Ganges traten, da erblickten sie den Ausgang der Felsengrotte, durch welchen blendende, dunkelrothe Lichtstrahlen hereinfielen. Ach Gott! rief sie, und stand von der Ueberraschung wie in ein Marmorbild verwandelt, unbeweglich, mit emporgehobenen Armen und starren Blicken vor ihm. Und als Florian erfreut sich zu ihr wandte, sank sie im Uebermaße der Freude, sich selber unbewußt, an seine Brust, umfing ihn und drückte küssend ihre Lippen auf die seinigen. Doch bald erbleichte sie und ihre Züge entstellten sich; ein heftiger Schmerz schien sie zu quälen. Ihre Arme sanken kraftlos herab, ihr Haupt neigte sich ohnmächtig auf die Seite. Florian hielt sie erschrocken in seinen Armen. Als ob es ihr an Luft und Athem mangele, starrte ihr trockenes Auge, wie zwischen Tod und Leben ringend, ängstlich zu Florian auf, bis sich dieser krampfhafte Zustand in ein heftiges Weinen löste. Sie erholte sich, und unter einer Fluth von Thränen traten die verschwundenen Rosen ihrer Wangen aus der leichenhaften Farbe wieder hervor. Sobald sie ihrer mächtig geworden, entzog sie sich den Armen des Jünglings und verhüllte ihr Antlitz mit einem Tuche; doch als sie ihren Blick erhob und sah, wie Florian blaß und stumm dastand, durch ihren Zustand erschreckt, in ängstlicher Bekümmerniß um sie, lächelte sie ihn mit unaussprechlicher Rührung an. Sie reichte ihm die Hand und sagte, in Blick und Stimme die reinste Zärtlichkeit verrathend, zu ihm: Guter Florian, was hast Du meinetwegen gelitten; vergieb! Darauf erwachte er zum heitern Leben, schloß die Zitternde in seine Arme und drückte den ersten Kuß auf ihre Lippen, den sie innig erwiederte. Mein Gott, ich kenne mich selbst nicht mehr, sagte Hermione und entzog sich ihm; dann bot sie ihm die Hand und sprach: Ach, lieber Freund! verkennen Sie mich nicht; verlassen Sie mich nicht. Sie wissen es nun, mein Leben gehört Ihnen. Was hülfe das Läugnen, wo ich es selbst weiß, daß ich mir nicht mehr angehöre. Dann ging sie, Hand in Hand mit ihm, zum Ausgang des Feentempels, durch welchen blasses Licht hereinströmte. Er stieg hinaus zum Tageslicht; Hermione folgte. Beide athmeten, als sie draußen standen, schweigend und mit tiefen Zügen die reine, erquickende Abendluft. 19. Der Karpfen. Schon war die Sonne hinter den Höhen des Gros-Taureau hernieder gesunken. Ein milder Glanz verbreitete sich über die Fluren, ein hellerer Widerschein um die Berggipfel. Vögel und leuchtende Wölkchen zogen durch die blauen Lüfte. Die, in den grünen Thalgründen zerstreuten einzelnen Hütten glichen Altären, von welchen perlenfarbene Rauchsäulen zum Himmel emporschwebten. – Florian und Hermione glaubten die Welt nie schöner gesehen zu haben. Alles erschien vor ihren Augen geistiger, reiner, glänzender. Hermione faltete, mit einem Blick innigen Dankes zum Himmel, die Hände; dann ruhte derselbe Blick in rührender Verwirrung auf Florian, während über ihre erröthenden Wangen ein Lächeln der Liebe flog. In der That, Lieblicheres war nicht zu sehen, als dieses verschämte Mädchen in seinem Entzücken und Vertrauen. Aber er, in edler Haltung, sinnig und stumm, glich einem Halbgott. Wie zitternder Heiligenschein wehte im Zuge der Abendluft das Gold der Haarlocken ihm um Stirn und Nacken, und ein Abglanz innerer Seligkeit sprach aus dem Dunkel seiner blauen Augen. Plötzlich rief unfern von Beiden eine laute Stimme: Oho! da finde ich Sie, mir eben recht gelegen. Glück auf! Glück auf! Es war kein Anderer, als der Herr Professor Onyx. Er kam den Abhang des Berges herauf von der benachbarten Hütte Le Cret. Er trocknete sich den Schweiß von der Stirne, schon aus der Ferne zahllose Verbeugungen gegen Fräulein Delory machend. Wahrhaftig, sagte er, mich verfolgt das Unglück. Da finde ich Sie, mein Fräulein! unverhofft, und kann Ihnen keine Ihrer niedlichen Namensschwestern, keine meiner Hermionen anbieten. Einen ganzen Strauß hatte ich von den Felsen bei Buttes gestern Abend nach Le Cret gebracht; doch es war schon zu dunkel, um sie Ihnen überreichen zu können. Ich stellte sie sorgfältig in's Wasser, aber siehe, da kommt diesen Morgen eine verdammte Ziege, und frißt die Blumen alle. Ich gewann bei diesem Verluste jedoch so viel, daß ich lernte, die Hermionen wären ein gutes Viehfutter. Wirklich melkt der kleine Etienne das gefräßige Raubthier. Die Milch ist schon bezahlt; wir wollen sie versuchen, weil ich nicht ohne Grund vermuthe, die Hermionen können ihr einen aromatischen Beigeschmack geben. Fräulein Delory lächelte dem Gelehrten zu; ich würde mit Vergnügen Ihr Gast sein; aber unten erwartet man mich gewiß schon lange; doch wenn Sie mir morgen einen Strauß von Ihren Blumen . . . Oh, rief der Professor, ganze Kränze verspreche ich Ihnen, schönes Fräulein! Zu Hunderten habe ich sie diesen Morgen im Schatten eines Granitblockes beisammen blühend gesehen. Dann zu Florian gewendet, rief er: Seelenfreundchen! diesen Granitblock müssen Sie sehen, eben diesen. Er ist von allerhöchster Wichtigkeit für meine Erklärung vom Erscheinen der Urgebirgsfindlinge auf den Jurahöhen. Er ist ein beredter, ein unzerstörbarer, ein unwiderlegbarer Zeuge dafür, daß ihn, wie die andern, urweltliche Eisschollen von den Gipfeln der Alpen hierher trugen, als dies alles noch Tohu Vabohu, ein unendliches Meer war. Oben und an den Seiten ist er, natürlich durch Reibungen und Anprallungen, abgerundet. Unter der Mitte, wo er in die Eisfläche des Gletschers gesenkt hing, erblicken Sie ihn unversehrt und scharfkantig. Hermione zog, während der Herr Professor fortfuhr, seine Beobachtungen zu entwickeln, den rothen Shawl von ihrem Haupte und ging zum Eingang des Feentempels zurück, wo sie Hut und Körbchen versteckt hatte. Als Onyx ihre Entfernung bemerkte, unterbrach er sich plötzlich und rief: Kommen Sie, kommen Sie, Herr . . . ich behalte in meinem Leben Ihren Namen nicht, . . . zum Feentempel. Ich bereite Ihnen ein Fest. Es ist noch hell genug. Sie werden erstaunen; Sie sind Kenner. Damit führte er den schweigenden Florian, der wenig auf ihn gehört hatte, zum Eingang der Höhle. Was haben Sie vor, Herr Professor? sagte Florian, als er vor dem Loche stand. Ich will nichts verrathen, nichts voraus versprechen. Wer weiß, wie der Felsen eben geklüftet war. Ich stehe für nichts, als daß mein Sprengloch gut gebohrt war. Wie? Was? Wo haben Sie gesprengt? Mit Pulver? Allerdings, mein Seelenfreund! Hier im Feentempel? rief Florian, dem sich das Räthsel löste. Aha! Siehe, da, bin ich Ihnen zuvorgekommen? rief Herr Onyx lachend; haben Sie vielleicht den gleichen Plan gehabt, wie ich? Sie also haben einen Felsen gesprengt, Herr Professor? Was denn anders? Sechs Stunden lang habe ich diesen Morgen in der Höhle am Bohrloche gearbeitet. Dann ging ich zur Hütte, holte Stein, Stahl, Zunder, Schwefelfaden, und hatte Teufelsverdruß von der Ziege, welche mir die Hermionen weggefressen hat. Vor einer halben Stunde zündete ich an. Es war ein gefährliches Stückchen; aber ich war wie ein Blitz wieder an dem Schlunde der Höhle heraus. Pumm! – dann ging die Mine los; o, sie krachte göttlich! Das danke Ihnen Beelzebub, Herr Professor! Sie haben fast zwei Menschen getödtet. Es war weit umher keine Seele zu bemerken. Aber Fräulein Delory und ich befanden uns in demselben Augenblick eben im Feentempel, unter der Erde. Wie? Sie kommen jetzt erst heraus? Hat sich der Pulverdampf zerstreut? Er hängt sonst lange in den Stollen fest. Fast wäre ich einmal darin erstickt; als er mir sauer in die Lunge drang. Aber welcher böse Geist verführte Sie, gerade heute Ihre zerstörende Kunst am Unterirdischen zu versuchen? Aus Ihrer Frage, Seelenfreundchen! läßt sich schließen, daß Sie nichts gesehen haben, gar nichts. Wären Sie in der Grotte ein wenig aufmerksam gewesen, so würden Sie sechs Schritte vom Eingang, rechts im Kalkfelsen, unter der abgefallenen Sinterrinde, einen purpurfarbenen Fleck bemerkt haben. Genauer besehen, ist's ein ganzer Fischkopf, halb erhaben, wie der Kopf eines Karpfens. Man sieht deutlich den Einschnitt des Mundes, die Kiefer gerundet, einen zinnoberrothen, runden, erbsengroßen Punkt an der Stelle des Auges. Sobald ich die Entdeckung gemacht, verfolgte ich die Richtung, schlug die Sinterkruste ab, und, ich bitte Sie um Gottes willen! erblickte anderthalb Schuh weit vom Kopfe einen schwarzröthlichen Streifen im Felsen, ganz von der Größe der Schwanzflossen. Florian wandte sich mit verdrießlichem Lachen zu Hermione, die herbeigekommen und Zuhörerin gewesen war. Danken Sie Gott, Herr Professor! daß Ihr Karpfen uns nicht das Leben gekostet hat. Sie scherzen, vortrefflicher Freund! Aber ich mußte dieses Wunderkind der vorsündfluthlichen Welt aus dem Steine heraushaben, und hätte ich sammt dem Karpfen unter den Felsen begraben werden sollen. Allein, erlauben Sie, ehe es dunkel wird, kann ich noch eine kleine Nachsuchung halten. Ich sage Ihnen, es ist kein Fischabdruck, wie man in Sandstein und Thonschiefer findet, nein! sondern ein vollständiger Fisch mit Fleisch und Gräten, – der einzige in seiner Art, wie ihn bis jetzt noch kein Kabinet besitzt. Mit diesen Worten schlüpfte er in die Höhle und schrie noch drinnen: Herr! ist mir der Schuß gelungen, so gebe ich den Fisch nicht um zweitausend Gulden. Haben Sie Acht! Florian hatte aber nicht Acht, sondern wandelte, Hermione am Arm, längs den Felsen, die Höhe abwärts, der Bell'schen Wohnung entgegen, die fast eine halbe Stunde von ihnen entfernt lag. 20. Die Prophetin. Sie eilten Beide nicht; sie hatten sich noch so Vieles zu sagen. Von Zeit zu Zeit blickten sie einander mit glänzenden Augen an, und jeder Blick erzählte von der Seligkeit, die in Beiden wohnte. Es ist wahr, hob Florian an, dieser wunderliche Professor hätte uns mit seiner naturforschenden Thätigkeit im Feentempel begraben können; doch ich bin ihm zu viel Glück schuldig, als daß ich nicht gern den kleinen Schrecken verzeihen sollte, den er uns gemacht hat. Nicht er, vielmehr meine Zaghaftigkeit und Angst, war die Ursache Ihres Schreckens, lieber Florian! Wenn wir es strenge nehmen, auch Sie nicht, theure Hermione! sondern die, welche Ihre reizbare Einbildungskraft mit Schreckbildern, darf ich sagen, des Aberglaubens, mit Traumdeutungen und Weissagungen erfüllten? O Freund! verdammen Sie nicht Alles, was aus der Seele hervorgeht. Indessen müssen Sie zugeben, daß wir diesmal die untrüglichste Erfahrung von der Nichtigkeit aller Vorhersagungen gemacht haben. Jene Tropfsteinhöhle ist eine Tropfsteinhöhle, und nichts Anderes. Hätte man ihr nicht den Namen des Feentempels gegeben, würde man sie schwerlich für die Herberge geheimer Mächte gehalten haben. Sie, theure Hermione! hätten meinen Traum vor der Höhle nicht für ein zauberhaftes Einwirken dieser Mächte gehalten; Sie hätten jenen unglücklichen Zufall in der Höhle nicht mit dem Traume in Verbindung gebracht. Ich will Ihnen einräumen, daß ich den Traum und die Prophezeiung der Morne falsch deutete; darum könnten ja doch noch Traum und Morne Recht behalten. Wie auffallend sind in Ihrem Traume Meer, Landhaus, Liliengarten. Finden Sie das nicht? Wenn man von Reisen träumt, treten wohl stets Meere und Landhäuser hinzu, und daß mir die Menge der Lilien erschien, erklärt sich leicht daraus, daß ich an Sie dachte, schöne Hermione! und von Ihren Freunden wußte, daß Sie die Lilien vor allen Blumen lieben. Darum sah ich Sie im Traume mitten unter Ihren Lieblingen und Ebenbildern. Am Ende verstehen Sie sich auf's Traumdeuten besser, als ein Chaldäer. Ich räume die Wahrscheinlichkeit von dem ein, was Sie sagen; doch die Möglichkeit höherer Beziehungen eines Traumes zu unserem Leben können Sie eben so wenig läugnen. Nun denn, Wahrscheinlichkeit gegen Möglichkeit, warum uns vor Möglichkeiten quälen? Unter solchen Gesprächen war der Abend herangekommen, der Himmel leuchtete von tausend Sternen, man sah aus der Ferne das röthliche Licht der Hütten an den Hügeln umher, und im Vordergrunde, hinter Bäumen, die erhellten Fenster der Frau Bell. Traulich, Hand in Hand, wurden Abreden für den folgenden Morgen genommen. Während sie noch mit einander flüsterten, kam ihnen, durch die sternenhelle Nacht, zwischen den Bäumen ein dunkler Schatten entgegen. Er bewegte sich mit seltsamen Schritten auf dem Pfade zur Wohnung der Frau Bell. Es rauschte in ihrer Nähe und vor ihnen stand die lange Gestalt der Morne, die ihre Arme hoch aufhob und rief: Von hinnen, Flüchtling! Noch sind die Blutflecken nicht von Ihren Kleidern getilgt. Meinet Ihr mich, Frau Morne? sagte Florian betroffen und unwillig. Morgen oder übermorgen erfahren Sie mehr, erwiederte die Alte; doch immer zu früh. – Dann erhob sie abermals die Hand hoch in die Luft und rief: Auch der Himmel hat Augen, mein Herr! Hermione überfiel bei diesen seltsamen Worten ein unwillkürlicher Schauder. Sie drängte sich näher an Florian, als suche sie Schutz gegen das gespensterhafte Wesen des Weibes. Er bemerkte ihre Aengstlichkeit, und sagte: Fürchten Sie nichts, Fräulein! Mutter Morne hat mich selber gescholten, als ich ihr einmal eine Weissagung abforderte. Sie behauptete, nur Gott kenne die Zukunft. Das sagte sie, rief die Alte, und sagt es auch heute. Aber sie sagt auch: Der Mensch soll die Gegenwart kennen; und Sie, mein Herr! kennen sie nicht, sonst wüßten Sie, daß Sie heute ein frommes Lamm zum Altar der Reue geführt haben. Und Ihr, Mutter Morne! wenn Ihr die Gegenwart verständet, würdet Ihr frohen Menschen mit Euerm Geschwätze nicht lästig fallen. Gehabt Euch wohl! Gehabt Euch wohl! Gehabt Euch wohl! schrie die Alte; der Wunsch ist nicht für mich, sondern für Sie und Fräulein Delory vonnöthen. Gehabt Euch wohl, denn Ihr gehabt Euch übel. Sah ich nicht Blut auf dem Gipfel des Gros-Taureau? Nun sehe ich das blutende Haupt. Herr! im trockenen Bette des Stromes La Combe habe ich Euch gewarnt und auch die Jungfrau in den stillen Schluchten unter Longaigue. Wer hat mich gehört? Ziehet Eures Weges in Frieden und lasset uns friedlich unseres Weges gehen. Was haben wir mit Euch zu schaffen? Gute Nacht! Halt! schrie mit heiserer Stimme die Unglücksprophetin, fuhr mit beiden Armen in die Höhe und blieb lange, in dieser Stellung einer Wahnsinnigen, vor ihnen stehen; lassen Sie ab vom Fräulein und beflecken Sie Hermione's Gewand nicht mit dem Blute, das zum Herzen Hermione's schreit; ja, ja, ja, das zum Herzen Hermione's schreit, das ich auf dem Gros-Taureau sah und Sie in der Waldquelle abwaschen konnten. Entweichen Sie aus diesen Thälern, denn der Morgen wird Ihnen Herzeleid und der Abend Jammer bringen. Verstehen Sie von dem Allen ein Wort? – sagte Florian lachend zu Hermione. Ich habe für das Fräulein die Auslegung mitgebracht, unter drei in's Kreuz gelegten Schwertern mit einer Dornenkrone umschlungen, rief die alte Morne, fuhr dann hastig suchend in ihren Kleidern umher und zog einen Brief hervor, den sie Hermione reichte. Ein Brief von meinem Vater, rief das Fräulein Delory, nahm der Morne den Brief ab, wünschte Florian eine gute Nacht und flog davon, zur Wohnung ihrer Freundinnen. In demselben Augenblick wanderte auch die Morne in entgegengesetzter Richtung, mit langen Schritten den Berg hinan, durch die Nacht. Florian blieb allein zurück; er sah Hermione hinter den Bäumen verschwinden, und eilte heiter den bekannten Pfad zum gastlichen Hause Staffard's zurück. 21. Verwandlungen. Vater Staffard war eben von einer Reise nach der Hauptstadt zurückgekommen. Er brachte seinem bündnischen Gastfreunde frohe Botschaft mit, nämlich eine vom königlichen Statthalter zu Neuenburg unterzeichnete Aufenthaltsbewilligung. Er selbst hatte sich zum Statthalter begeben, ihm Florian's Verhältniß und Geschichte erzählt und für den Verfolgten gut gesagt. Besonders hatte er die völkerrechtswidrige Verletzung des neuenburgischen Gebiets durch jene Franzosen geltend gemacht, welche zwischen den Bayards und Brevine Florian und Georg überfallen hatten. Der Statthalter war wegen des Frevels sehr entrüstet gewesen. Nun genießen Sie in unsern Bergen vollkommene Freiheit und Sicherheit, sagte der würdige Greis, als ihm Georg, nach dem nächtlichen Mahle, zum gefüllten Weinglase die Tabakspfeife gereicht hatte; wehe dem, der Ihnen ein Haar krümmt! Das Schicksal des Bündnerlandes, wie der ganzen Schweiz, nun einmal dem Schwert der Ausländer hingegeben, wird noch lange zwischen diesen schwanken. Trösten Sie sich, gedulden Sie sich. Schon sind wir über des Sommers Mitte hinaus; bald wird der Herbst in unsere Höhen einziehen, wo er, statt des süßen Obstes und der Trauben, Schnee und Reif an die Zweige der Bäume und Gesträuche hängt. Desto erquicklicher wird es in unseren warmen Zimmern sein. Die Thäler spenden uns ihre schönsten Früchte, es wird Ihnen nicht an Unterhaltung fehlen. Sie sind einer von den Männern, die allein mit sich selbst in guter Gesellschaft sind. Richten Sie sich für den langen Winter bei uns ein; denn wo fänden Sie mehr Freundschaft, mehr Sicherheit und Freiheit? Nicht so, werther Bundesgenosse, Sie bleiben uns getreu? Mit diesen herzlichen Worten bot Vater Staffard Florian seine Hand, der sie mit Rührung ergriff und sagte: Es wäre an mir, zu bitten. Glücklicher; als in dieser Heimath des Friedens und der Tugend, könnte ich ja nirgends sein. Nicht einmal in mein zerstörtes Vaterland sehne ich mich zurück. Betrachten Sie mich als Ihren Sohn, wie mein Georg mich als seinen Bruder betrachtet; dann kann ich Ihnen doch, früher oder später, wie einem Vater erkenntlich sein. Wir wollen den Winter hindurch überlegen, wie ich mein Vermögen aus Graubünden hier am vortheilhaftesten anlegen könnte. O Florian! rief Georg, wir sind bei ganz anderen Plänen, wir stehen schon im Handel, unser hiesiges Heimwesen aufzugeben und im nächsten Frühling vielleicht in eine mildere Landschaft zu ziehen; denn dieser rauhe Himmel will doch meinem Vater nicht mehr zusagen, eben so wenig der Frau Bell, die häufig kränkelt und so sehr die Nähe eines Arztes entbehrt. Wohin wollet Ihr ziehen, Ihr Glücklichen? Verstoßet mich nicht, ich wandere mit Euch, sagte Florian. Ja! rief der Vater, mir wäre unsere rauhe Bergluft noch lange milde genug, und des Arztes bedarf der nicht, den einfache Lebensart, Arbeit und froher Muth gegen Krankheiten schützen. Weiber-Revolutionen sind es, die mich Alten von hinnen treiben. Meine Frau Nachbarin Bell will, ihrer Gesundheit wegen, in's südliche Frankreich, in die Gegend von Antibes, zu ihrer Nichte Hermione. Dort ist ein großes Nationalgut feil, worauf Georg spekulirt, weil Claudine in der Nähe ihrer Mutter bleiben möchte. So muß ich Alter wohl mitziehen, was soll ich allein hier in den Bergen? Und Du, o Florian! Du gehest mit uns in's gelobte Land nach St. Imar, rief Georg; wie Du erröthest? Was sollen wir auf der düstern Feenhalde, wenn unsere Feen entwichen sind? Die Hand her! Sagtest Du nicht, Du ständest einsam im Leben, ohne Eltern, ohne Geschwister, ohne Freunde? Alles, Alles geben wir Dir in der Nähe von St. Imar und Antibes. Willst Du? Mache mich glücklich, die Hand her! Könnte ich sie Dir verweigern, dem ich sie auch geben würde, wenn ich ihn in eine Wüste begleiten sollte? sagte Florian und schloß Georg an sein Herz. Sie plauderten noch lange; sie waren selig in der Voraussicht ihrer Zukunft. Und diese Bilder, welche sie im Gespräch ergötzt hatten, umschwebten sie schöner noch in der Zauberwelt des Traumes. Der folgende Tag jedoch verwandelte Alles; die Freude, welche der Himmel den Menschen spendet, ist oft vergänglicher, als ein Sonnenblick zwischen Regenschauern. Georg, der schon am Morgen im Vorbeigehen die Familie des Bell'schen Hauses gesehen hatte, brachte die Nachricht heim, daß er die Frauen in einer unerklärlichen Stimmung und Verwirrung gefunden habe. Hermione sei unsichtbar, das heißt, in ihrem Zimmer verschlossen gewesen, und, wie man gesagt hätte, unwohl. Die insgesammt dort, sagte Georg, drückt ein Geheimniß. Man sieht in ihren Gesichtern den Umhang, welchen sie vorgezogen haben, damit Niemand schaue, was dahinter stecke. Frau Bell spricht wenig, macht sich viel mit Tischen und Stühlen zu thun, wischt von Fenstern und Spiegeln den Staub, um aufmerksamer zu hören, was man redet. Stehet sie aber im Gespräch vor Einem, so nickt sie, nicht bejahend, nicht verneinend, mit dem Kopfe, und sieht ernsthaft und überlegend darein, auch wenn man eben nur in's Blaue hinein plaudert, nichts, was der Ueberlegung werth wäre. Und die närrische Claudine sagt mir mit dem einen Blick, ich bin Dir gut, und mit dem andern, nähere Dich nicht! mit dem einen, ich hätte Lust, mit Dir zu plaudern, mit dem andern, aber frage mich nichts! – Doch Geduld, ehe vierundzwanzig Stunden durch's Land gehen, habe ich Alles herausgebracht. Florian, wegen Hermione's Gesundheit, die vielleicht unter den Schrecken des Feentempels gelitten haben konnte, bekümmert, theils nicht ohne Unruhe, daß die Warnungen der alten Morne und deren Treiben auf des Fräuleins Einbildungskraft übel eingewirkt haben könnten, begab sich Nachmittags zur Wohnung der Frau Bell. Er fand Claudinen und ihre Mutter, Hermione blieb unsichtbar. Die sonst so freundlichen Frauen nahmen gegen ihn ein bedächtiges, höflich-kaltes Wesen an. Wie erzwungen dies auch, besonders bei Claudine, erschien, war es für den bestürzten Bündner nicht minder kränkend. Er glaubte sogar zu bemerken, daß er in diesem Hause, in welchem er sonst willkommen gewesen, jetzt ein etwas überflüssiger Gast geworden sei. Eine Weile stand er unentschlossen und verlegen; doch, statt empfindlich, wandte er sich mit der freimüthigen Frage an die Frauen: Alles trägt das Zeichen Ihrer Ungnade, worin habe ich gefehlt? Nicht im Geringsten, entgegnete Claudine höflich. Es ist besser, Fräulein! wir gehen offen mit unseren Erklärungen hervor, entgegnete Florian, vielleicht ist's nur ein Mißverständniß, das sich zwischen uns drängt. Ich liebe Sie alle zu sehr, als daß ich ohne Schmerz von der Achtung einbüßen könnte, deren Sie mich bisher zu würdigen schienen. Habe ich gefehlt, so beschwöre ich Sie, mir das Vergehen zu zeigen, damit ich entweder meine Unschuld rechtfertigen könne, oder die Strafe meiner Schuld mit Erkennung derselben büße. Wie kommen Sie zu diesem sonderbaren Verdacht gegen uns oder sich selbst? sagte Frau Bell, und faltete an der Gardine des Fensters. Ihre Worte, Ihre Gesichtszüge, Ihr ganzes Benehmen führen zu diesem Verdacht, erwiederte Florian; Sie werden dies mir, noch weniger sich selber abläugnen wollen. Warum mir also verhehlen, was für Ihre und meine Ruhe wichtig ist und vielleicht entscheidet, ob ich . . . Wir haben Ihnen nichts darauf zu erwiedern, versetzte Frau Bell; wir haben gegenseitig nichts zu schlichten, nichts zu richten. Erlauben Sie also, dieses Gespräch abzubrechen, das uns Allen gleich peinlich werden muß. Ich will gehorchen; doch eine Frage erlauben Sie mir: würde Fräulein Delory mir gestatten, sie nur einige Augenblicke zu sehen? Nein! rief Claudine heftig, nein, sie bedarf der Ruhe; sie hat eine erschreckliche Nacht durchlebt. Sie bringen mich zur Verzweiflung, liebes Fräulein! wenn Sie nicht sagen, ob ich als Urheber der Leiden Ihrer liebenswürdigen Freundin angesehen werde. Nun ja; wenigstens – Sie haben – Sie werden es . . . Frau Bell unterbrach ihre Tochter mit Heftigkeit und rief: Still, Claudine! wer giebt Dir Erlaubniß zu plaudern? kannst Du Dich selbst so ganz vergessen? Dann zu Florian gewandt, setzte sie hinzu: Verzeihen Sie; wir müssen ein Gespräch beenden, das für Keinen angenehm sein kann. Hermione ist nicht wohl; gönnen Sie dem armen Mädchen so viel Zeit, daß es sich über sein Schicksal erheben könne; dann werden Sie vermuthlich erfahren, was Sie wissen wollen, und was wir keine Befugniß haben, Ihnen wider Hermione's Willen zu verrathen. Mit dieser Erklärung war Florian entlassen, der davon eilte, um sich auf einem einsamen Lauf durch Berg und Wald zu zerstreuen, oder vielmehr zu sammeln. So viel er auch sann, so ließ sich doch nicht errathen, wie er zu Hermione's Unglück beigetragen haben könne. Die Sibylle von Gros-Taureau wurde ihm verdächtig. Sie hatte ohne Zweifel Hermione's Liebe entdeckt und Hermione's Brust mit abergläubischer Angst erfüllt. Eine eigene Bewandtniß mochte es auch mit dem geheimnißvollen Briefe haben, den die Wahnsinnige in der Dunkelheit des gestrigen Abends gebracht hatte. Als er nach langem Wandern in der Dämmerung zu Staffard's Hause kam, eilte ihm Georg längs dem Hage des Gartens entgegen und sagte: Es muß etwas Außerordentliches im Bell'schen Hause vorgefallen sein; denn die Natur der Frauen ist ganz und gar verändert. Sie sind alle stumm wie Fische, Mutter Bell erscheint allein, Claudine durfte sich nicht zeigen. Hier waltet ein Geheimniß, welches Deine Person betreffen muß. Leite mich auf die Spur, das Uebrige erfahre ich morgen. Florian erzählte ihm die Geschichte des gestrigen Tages. Vielleicht ist es Reue bei Hermione, setzte er hinzu, daß das Herz, von der Gewalt seltsamer Zufälle überwältigt, zu viel verrieth; vielleicht ist es weiblicher Stolz, Herz und Hand einem Flüchtling und Abenteurer leichtsinnig hingegeben zu haben, vielleicht Furcht vor den Weissagungen der alten Morne, die mich zu hassen scheint – vielleicht alles zusammen. Nichts! rief Georg; Hermione liebt Dich. Und wäre er ein Bettler, sagte sie einst zu Claudine, und wäre er der verworfenste unter den Männern, er würde nicht minder Gewalt über mich üben. Mein Leben hängt an dem seinen; aber ich weiß, ich werde mit ihm und durch ihn untergehen und er mit mir und durch mich. 22. Der Nebenbuhler. Georg legte sich folgenden Tages auf die Lauer; doch ärgerlich kam er zurück und rief: Ich glaube, der Teufel treibt seinen Spuk in diesem Hause; Hermione und Claudine saßen auf dem Gartenbänkchen, als ich ankam. Gut, dachte ich, nun sollt ihr mir Rede stehen. Wie mich aber die Mädchen von ferne erblickten, standen sie auf und gingen in's Haus. Ich fand Niemanden, als die Mutter. Mochte ich auch fragen und sagen, was ich wollte, ich bekam keine Antwort, als ein Kopfschütteln, ein Achselzucken und allerlei Redensarten und Sprüchwörter, die ich nicht verstand; z. B.: Trau, schau, wem; – am Abend weiß man mehr, als am Morgen; – man muß nicht alle Ahnungen verwerfen. Und sahst Du Claudine nicht? fragte Florian. Allerdings! höre nur. Sie kam; die Mutter ließ uns sogar allein; nun hoffte ich, gewonnenes Spiel zu haben. Ich fing sogleich an, sie aber ließ mich nicht zu Worte kommen, sondern sagte: Lieber, goldner Herzens-Georg, ich darf Hermione nicht länger, als drei Minuten verlassen, also laß mich geschwind reden und eine Bitte an Dich thun. – Ich antwortete: Auf der Stelle erfülle ich sie. Nun denn, sagte sie, Du bist ein liebes, wackeres Söhnchen; also bitte ich Dich, Du sollst keine Frage thun, um dies und das zu erfahren, was Deine Neugier vielleicht gern wissen möchte. Ferner, sage dem guten Florian, er thue mir leid; er solle den Tag im Feentempel vergessen und Alles, was zu dem Tage gehört; er solle, der Ruhe Hermione's willen, nicht, ohne eingeladen zu sein, in unser Haus kommen. – So sagte Claudine. Ich fragte ärgerlich: warum? Sie schüttelte das Köpfchen und rief: das ist die Frage, die Du nicht thun sollst. – Dann seufzte sie: O der arme Florian! aber es sind unglaubliche Dinge geschehen; ich sage Dir, unglaubliche Dinge und von der schrecklichsten Art. – Ich wollte noch einmal fragen; sie aber rief: die drei Minuten sind vorbei und sprang davon, wandte sich unter der Seitenthür noch einmal, warf mir ein Kußhändchen zu und verschwand. Da stand ich allein; ich wartete, niemand kam zum Vorschein; endlich ging ich meines Weges. Dieser Bericht des treuen Georg war vollkommen geeignet, die Neugier der beiden Freunde noch mehr zu steigern. Sie beichteten beim Abendessen Alles dem Vater Staffard. Kinder, sagte der Greis, zerbrecht Euch über Weibergeheimnisse den Kopf nicht. Weiber haben keine wichtigeren Angelegenheiten, als mit ihrem Herzen, und da ist's, wo ihre unglaublichsten Dinge geschehen. Wer weiß, ob Fräulein Delory nicht einen Traum gehabt hat, der für dasselbe merkwürdiger, als die Bestimmung der Touloner Flotte unter Bonaparte ist, oder ob nicht für Mama Bell der Tag von vorgestern ein Glücks- oder Unglückstag im Kalender gewesen? – Laßt die Weiberchen gehen; sie werden von selbst kommen und Euch die unglaublichsten Dinge der Reihe nach verrathen. Was den Brief betrifft, so können wir, enthält er etwas Merkwürdiges, es morgen wissen. Ich habe mit Frau Bell zu sprechen; sie wird sich freuen, ihr Herz von dem Geheimnisse gegen mich erleichtern zu können. Wirklich begab sich Vater Staffard des folgenden Tages zu seiner Nachbarin. Die jungen Leute daheim brannten vor Ungeduld nach seiner Rückkehr und Botschaft. Als sie ihn endlich aus der Ferne ankommen sahen, gingen sie ihm entgegen. Der Alte lachte. Habe ich's doch gedacht, sagte er, Ihr würdet die Qual des Fegfeuers leiden, bis ich Euch erlöse. Nun denn, das Unglaubliche, was geschehen ist, habe ich mit meinen leiblichen Augen gesehen, und der Schlüssel zu dem großen Räthsel kam mir schon unter der Hausthür der Frau Bell zu Gesicht. Und das wäre? rief Georg. Ei nun, der Hauptmann Lamargne ist's. Er hat sich im Bell'schen Hause einquartiert. Oho! rief Georg; ist's nur der, warum machen sie daraus ein Geheimniß? Etwa weil er bei Fräulein Delory seit etlichen Jahren den unglücklichen Liebhaber spielt? Hm! versetzte Vater Staffard, glücklich oder unglücklich; ein Anbeter ist für ein Mädchen immer ein Anbeter. Und entzieht sich Hermione auch seinen Huldigungen, Du weißt ja, ihr Vater begünstigt ihn, und Hermione gilt des Vaters Wort über Alles. Sie hat aber bestimmt erklärt, sie liebe den Hauptmann nicht. Mir gleich; doch bei dem Allen, sind doch die Unglaublichkeiten klar. Die Weiber fürchten zwischen den Nebenbuhlern unfreundliche Auftritte, vielleicht Blutvergießen. Sie wissen ja durch Dich und mich, wie Florian mit eben diesem Hauptmann schon bei den Bayards unsanft an einander gerathen ist. Wie? rief Florian; ist's derselbe, der mich droben angreifen wollte, als wir von Brevine kamen? Allerdings, erwiederte Georg; ich mag den Menschen nicht. Er war das erste Mal in der Feenhalde, als er Hermione auf Befehl ihres Vaters hieher begleiten mußte; denn Oberst Despars , Hermione's Stiefvater, ist der vertrauteste und innigste Freund des Hauptmanns Lamargne. Er blieb damals mehrere Tage bei Frau Bell; aber ich hatte seiner in der ersten Stunde satt und kam nicht mehr zu Claudine, so lange er dort lebte; sah ihn auch nicht wieder, bis wir ihn diesseit Brevine fanden. Fängt er hier wieder Händel an, so soll er von Glück sagen, wenn ich ihm im ganzen Leibe einen einzigen Knochen ungebrochen lasse. Halt! rief der Vater Staffard; keinen Unfug! Lasset den Hauptmann in Frieden; verderbt nicht, was die Weiber Gutes zu thun denken. 23. Alte Bekanntschaft. Florian war so gehorsam, daß er sogar im Hause zu bleiben beschloß, um seinem Nebenbuhler nicht einmal auf einem Spaziergange zu begegnen. Er saß einst auf seinem Zimmer, unter Büchern, mathematischen Zeichnungen und Berechnungen, als bei ihm angepocht wurde. Siehe, da trat der Herr Professor Onyx herein. Bester, einziger Mann! rief dieser, und stand mit einem großen Sprunge vor Florian's Arbeitstisch; ich hätte Sie billig längst besuchen sollen; aber Sie wissen, man hat seine Geschäfte, man bleibt seiner Zeit nicht Meister, und unter Freunden und Männern rechnet man nicht nach; also nichts für ungut. Sie sind unter Büchern vergraben; nun, ich bleibe nicht lange und halte mich unterdessen still, wie ein Fisch. Ad vocem Fisch – Sie wissen, wie es mit meinem vorsündfluthlichen Fische ergangen ist? Es war ein fürchterliches Unglück. Alles in zehntausend Granatstücken zersprengt, keine Spur mehr zu sehen. Ich beklage den Unfall, Herr Professor! Allein . . . Erlauben Sie, Seelenfreundchen! ich bemerke mit Entzücken, Sie sind Mathematiker; ich sehe da nichts als algebraische Formeln bei Ihnen. Freund! wir haben uns nicht vergebens gefunden; wir treten mit einander in Societät. Ich gebe Ihnen meine Lokal- und technischen Kenntnisse; Sie geben mir Ihre Mathematik. Ein Mann, wie Sie, hat mir gefehlt, um das wichtigste Räthsel zu lösen. Sind Sie zu Lons-le-Saunier, oder zu Salins gewesen? Nein! Sie müssen mit mir dorthin! Sie müssen! Darf ich wissen, warum? Sie sollen erstaunen. Ich werde Ihnen dort, wo die salzhaltigen Quellen unter der Gypsformation hervorquellen, sämmtliche darüber liegende Gebirge zeigen, und – ja, springen Sie deckenhoch! – ich zeige Ihnen dann die nämlichen Formationen in der Gegend des Neuenburger Sees. Frage: wie tief müssen wir bohren, um das Salzlager zu erteufen oder wenigstens die salzigen Quellen aufzuschließen? Das können Sie mit Ihren algebraischen Formeln berechnen, sobald Sie das geognostische Verhalten bei Salins und Lons-le-Saunier kennen. Dann ist uns Beiden geholfen, uns und dem Fürstenthum und der ganzen Schweiz. Noch vor einer Stunde sagte ich zum Fräulein Delory . . . Sie haben das Fräulein gesprochen? Nur drei Worte. Also ich sagte . . . was sagte ich? was wollte ich sagen? Sie haben mich unterbrochen. Vom Fräulein Delory sprachen Sie. Vom Fräulein? – Ich brachte ihr frische Hermionen; sie nahm eine einzige und steckte sie an ihren Busen. Der Hauptmann war etwas unartig dabei. Hauptmann Lamargne? Ja, ja! doch von dem nachher. Denken Sie, Seelenschatz! wie wir bei der Anlage der Saline die unerschöpflichen Torfgruben dieser sumpfigen Thäler zu Gute machen können; wie aufs Neue der Gewerbsfleiß angeregt und welcher Verkehr entstehen wird. Der Genfer und Neuenburger See werden besser verbunden werden, Wallis muß uns seine Urwälder senden und durch die Thiele, zum Bieler See und zur Aar gelangt, sind wir Meister der vornehmsten Wasserstraßen, um den Vertrieb unseres Kochsalzes mit Leichtigkeit zu betreiben. Ohne Mühe können wir die ganze Schweiz mit Salz versorgen. Ich wollte lieber, Sie hätten dem Hauptmann die Unart gegen Fräulein Delory verwiesen. Gegen das Fräulein war er artig; er küßte ihm vor meinen Augen die Hand. Ich hätte das an des Grobians Stelle in seiner Gegenwart nicht gethan. Gegen mich hingegen betrug er sich ungeschliffen, als ich . . . Er that also vertraulich? Verstehen Sie mich wohl; ich und der Hauptmann sind alte Freunde und Bekannte. Man sagt einander seine Meinung und läßt es dabei bewenden. Und der Hauptmann und das Fräulein sind sie auch alte Bekannte? Verzeihen Sie, Bester! ich habe eben nicht Acht darauf gehabt, doch, wie ich mich dunkel erinnere, war das Fräulein sehr einsilbig. Wie, Sie erinnern sich dessen nur dunkel? Sie waren ja erst vor einer Stunde bei Hermione? Allerdings, aber eine verwettert große Kreuzspinne, die sich vor dem Fenster an einem unsichtbaren Faden schwebend hielt, nahm meine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch. Sie hätten die schöne Bestie sehen sollen! In Gesellschaft eines schönen Mädchens, Herr Professor! würden mich schwerlich die Reize einer Kreuzspinne angezogen haben. Wer spricht von Reizen? Was den Punkt betrifft, Freundchen! so haben wir einerlei Meinung und ich gestehe, Hermione war schöner, als die Kreuzspinne. Allein die Kreuzspinne ist nicht ohne hohes Interesse für den Beobachter. Ich gebe für unsere gesammte künstliche Witterungskunde keinen Sous; Spinnen, Spinnen sind die wahren Propheten der Natur, die untrüglichen Zeiger an der atmosphärischen Uhr! Ehe man nicht einen Spinnenkatechismus, einen Auszug der Arachnologie eingeführt hat, und daraus in den Schulen lehrt; ehe man nicht in jedem Bauernhause die Spinne für heilige Thiere erklärt und sie schont, wie die Störche auf den Dächern, eher wird und kann der Landbau nicht den Gipfel seiner Vollkommenheit erreichen. Ihre Kreuzspinne ließ Sie also von allem dem nichts sehen und hören, was der Hauptmann und das Fräulein . . . Mein Gott! das Fräulein hatte uns Beide, den Hauptmann und mich, längst allein stehen lassen, als mich der beim Arm nahm, zur Stube und zum Hause hinausführte und zu einem Spaziergang einlud. Da kam denn das Gespräch, ich weiß nicht wie? auf Sie. Er fragte mich um tausend Dinge; ich erzählte, was ich wußte. Ich schwöre, der Schnurrbart ist verliebt in Sie. In seiner Begeisterung schleppte er mich wieder auf seine Stube zurück; da schrieb er ein Briefchen für Sie, ein wahres Liebesbriefchen. Ich hätte das fast ganz vergessen. So ist's, Freundchen! wenn Sie in's Plaudern kommen; Sie machen Einen Alles vergessen. Mit diesen Worten überreichte Herr Onyx den Brief; Florian erbrach ihn und las. Nicht wahr, der Hauptmann ist entzückt, Ihre Bekanntschaft zu machen? Hätte ich ihm erzählen können, was ich jetzt von Ihren mathematischen Kenntnissen weiß, – ad vocem Mathematik: wie steht's mit unserm Besuch beim Steinsalz am Neuenburger See? Der Hauptmann erwartet meine Antwort, Herr Professor! Gut, daß Sie mich daran erinnern; ich habe versprochen, sie ihm auf der Stelle zu bringen. Leben Sie wohl, leben Sie wohl! Sie kennen ja meine Antwort nicht. Einen Augenblick Geduld. Florian schrieb auf ein Zettelchen: Ich werde die Ehre haben, mein Herr! Ihre Wünsche zu erfüllen. – Professor Onyx nahm den Zettel und sprang davon, während Georg eben in's Zimmer trat. Florian gab diesem den Brief des Hauptmanns, der also lautete: »Wenn Sie, mein Herr! derselbe Abenteurer aus Bünden sind, der sich zwischen den Bayards und La Brevine so bäurisch-tapfer gegen französisches Militär benahm, so haben Sie Ihr Wort, als Mann von Ehre, zu erfüllen und mir Genugthuung zu geben. In diesem Falle erwarte ich Sie genau nach Sonnenaufgang auf dem Fußwege von La Brevine, am Eingang des Tannenwäldchens nächst der Halde. Ich habe Niemanden als meine Ordonnanz bei mir und meinen Degen. Ich erwarte Ihre Antwort. Lassen Sie mich am bestimmten Orte nicht zu lange warten; denn wichtige Geschäfte rufen mich nach Pontarlier. L. Lamargne. « Georg machte beim Lesen ein zorniges Gesicht. Was antwortest Du? fragte er. Wir gehen morgen mit einander hin, erwiederte Florian. Dem treuen Georg schien der Handel, wie auch sein Ausgang sei, bedenklich; denn Sieger oder besiegt, war, wenn der Zweikampf blutig ablaufen würde, Florian entweder gezwungen, flüchtig zu werden, oder übel zugerichtet und verwundet längere oder kürzere Zeit das Krankenlager zu hüten. Wiewohl ihm Florian Muth einsprach, sandte Georg dennoch in der Nacht Florian's unentbehrlichste Reisebedürfnisse durch einen Boten nach La Brevine, und ließ dort für den Fall der Flucht einen leichten Wagen bereit stehen. Vor der Hand sollte er indessen, unter allen Umständen, nicht weiter, als bis zu einem Freunde nach Boudry fahren. 24. Der Zweikampf. Noch sah man die Sterne in strahlender Pracht am Himmel stehen und im Osten kaum ein schwaches Licht erscheinen, als die beiden Freunde schon auf dem Wege zur Halde waren. Florian erheiterte den bedenklichen Georg durch muthwillige Scherze. Die Sterne verschwanden allmählich über ihren Häuptern und es färbte eine dunkle Gluth den Horizont, als sie zum Rande des Tannenwaldes kamen. Das prachtvolle Schauspiel des Sonnenaufgangs entschädigte sie für das ungebührliche Ausbleiben ihres Feindes. Sie sprachen von ihrer Zukunft; sie schwärmten auf den Flügeln ihrer Einbildungskraft im Zauberlande erfüllter Wünsche. Da streute die Sonne ihr Erstlingsgold auf die begeisterten Jünglinge; die Gebirgswelt leuchtete in rosigem Lichte und an den Grashalmen des Wiesenteppichs funkelte der Thau in den Farben des Diamanten. Plötzlich vernahm man Stimmen. Der Hauptmann erschien, begleitet von einem sein Gepäck tragenden Soldaten. Verzeihung, meine Herren! rief er, daß ich Sie vielleicht warten ließ; doch jetzt erst steigt die Sonne hinter dem Berge hervor. Gehen wir frisch an's Werk! Seitwärts dort, im Gebüsch zwischen den Tannen, ist ein bequemer, freier Platz. Sie folgten ihm dahin. Georg versuchte friedliche Unterhandlungen; doch der Hauptmann wies ihn kurz und derb zurück. Mit Ihnen, junger Mensch! der mir seine Weisheitspredigt mit der Miene eines Großpapa halten will, habe ich nichts zu schaffen; ich suche den da, der eine kleine Züchtigung verdient hat. Herr Hauptmann! sagte Florian, Sie werden selbst wissen, daß ich Sie nicht fürchte. Ich gestehe aber, daß ich keine Lust habe, mich mit Ihnen zu schlagen, lediglich weil ich's für Albernheit halte. Sie mögen ein ganz achtungswerther Mann sein; doch drüben auf dem Berge, den Sie von hier sehen, waren Sie der muthwillige Urheber des Streites. Lassen Sie uns unsere Sache, als vernünftige Leute, behandeln. Trotzdem, daß Sie mich dort zur Nothwehr zwangen, bitte ich Sie deswegen um Verzeihung; denn ich that Ihnen vielleicht weher, als ich wollte. Damit wird's nicht abgethan sein, erwiederte der Hauptmann; Sie haben sich wie ein Meuchelmörder benommen; ich will Ihnen jetzt nur ein Denkzettelchen geben. Damit zog er den Degen. Und wenn Einer von uns fallen sollte, fragte Florian, welchen Gewinn hätte der Sieger? Ich kenne Ihre Verhältnisse zum Bell'schen Hause. Der Hauptmann wurde feuerroth und sagte mit funkelnden Augen: Eben das habe ich wohl bedacht. Ein signalisirter Landstreicher Ihrer Art muß nicht die Rechte der Gastfreundschaft entweihen. Wo sind sie entweiht worden? rief Florian auffahrend. Darüber habe ich keine Rechenschaft zu geben. Blut um Blut. Fräulein Delory soll mir's danken. Wohlan denn, Bursche, gezogen! Nein! sagte Florian, ich verlange eine Erklärung. Sie sind zornig; beruhigen Sie sich erst, sonst geben Sie mir zu viel Ueberlegenheit. O Du Strolch, Rebell und Mörder meiner tapfern Kameraden in Disentis, Dein Stündlein hat geschlagen. Bereite Deine Seele! Zieh! Geben Sie mir erst Erklärung! Uebrigens bin ich weder ein Rebell von Disentis, noch der Mörder Ihrer Kameraden. Zieh! brüllte der Hauptmann. Zieh! schrie jetzt Georg; wie kannst Du so gelassen da stehen? Ich wollte, Du hättest dem Kerl schon bei Brevine das Genick gebrochen. Der Hauptmann versetzte Georg, statt der Antwort, einen Streich mit der Degenklinge über den Rücken. – Da sprang Florian dem Hauptmann entgegen. Die Klingen trafen sich und nach anderthalb Minuten flog der Degen des Hauptmanns, ihm mit einem Schlage und Wirbel aus der Hand gedreht, seitwärts gegen einen Baum. Florian setzte ihm die Spitze seines Degens auf die Brust und sagte: Herr Hauptmann! Sie sind in meiner Gewalt; ich verlange Erklärung. Das ist ein Fechterstückchen, schrie der Hauptmann; nun, mach's fertig, stoße zu! Nimmermehr! erwiederte Florian; ich verzeihe Ihnen. – Mit diesen Worten trat er zurück; mußte sich aber eben so schnell wieder zur Wehre stellen, weil der Hauptmann seinen Degen durch den Soldaten wieder zurück bekommen hatte. Wenn ich Dich gezeichnet habe, Bösewicht! brüllte der Hauptmann, indem er das Gefecht erneuerte. Willst Du Blut sehen, so sehe es! Achtung gegeben! Achtung! Besser noch! Besser! rief Florian, und in demselben Augenblick war der Hauptmann mit Blut übergossen. Florian's Klinge war ihm zwischen Achsel und Hals durch's Fleisch gedrungen. Der Soldat sprang mit Geschrei herbei, eben so Georg. Man legte den Hauptmann in's Gras und untersuchte die Wunde. Da Georg sich mit allem Nöthigen zum Verband versehen hatte, so suchte man zu helfen; doch es währte lange, ehe man den Strom des Blutes stillen konnte. Das war ein übler Stoß, sagte Lamargne, während man ihm das Blut von den Kleidern trocknete; ich kann nicht weiter; bringen Sie mich zur Frau Bell zurück. Und Du, fuhr er zum Soldaten fort, laufe nach Brevine, bestelle den Wagen ab; sage, mir sei ein Unfall begegnet. Ich überlasse mich diesen Herren; sie sind, hoffe ich, Männer von Ehre. Georg gab dem Soldaten einen mit Bleistift geschriebenen Zettel, um einen Wundarzt herauf zu bescheiden. Meine verdammte Hitze, sagte der Hauptmann zu Florian, der ihm den Mantel des Soldaten umwarf, meine verdammte Hitze und – und – Ihr verdammtes Glück! Doch ich muß bekennen, Sie sind ein Mann von Ehre und Großmuth. Behalte ich das Leben, so werde ich Ihr Freund. Sie schlagen sich brav; Sie haben kaltes Blut; ich bin Ihnen Achtung schuldig; also Hand her! Florian reichte ihm die Hand; eben so Georg, den der Hauptmann um Verzeihung bat. Ich bin meine Lebetage ein Hitzkopf gewesen, sagte Lamargne, ich glaube, so wahr ich lebe, ich muß sterben. Georg bemerkte, daß der Verblutende einer Ohnmacht nahe sei, er wusch ihm Stirn und Schläfe mit Kirschwasser. Der Hauptmann that einige Züge aus der Flasche, und fühlte sich bald gestärkt. Als er aber aufstehen wollte, um am Arm der jungen Männer zurückzukehren, befiel ihn ein Zittern. Der Teufel soll mich holen, rief er, und sank nieder, ich komme nicht von der Stelle; mit mir ist's einmal aus. Sie beruhigten ihn; machten einen Sitz aus einem Zaunpfahl und trugen ihn zwischen sich, bis sie beim ersten Hause bessere Hülfe erhielten; dann wurde er mit Bequemlichkeit weiter gebracht. 25. Die Verbannung. Frau Bell kam mit Claudine, Hermione und allem ihrem Hausgesinde dem Trauerzuge schon vor dem Hause entgegen. Georg hatte Fürsorge getragen, vorauszueilen und die Frauen durch Erzählung des Vorfalls auf den Anblick vorzubereiten. Zanken Sie doch ja nicht mit mir, Theuerste! rief Lamargne der Frau Bell entgegen, daß ich wieder zurückkomme; und noch weniger machen Sie dem Manne hier – er nahm Florian's Hand freundlich in die seinige – ein böses Gesicht. Er ist, beim Himmel! ein Mann wie ein Engel und schlägt sich wie ein Teufel. Hätte er's gewollt, so säße ich jetzt, statt vor Ihrer Hausthür, vor der Höllenpforte. Vorwärts! Die Frauen standen schaudernd um den blutigen, bleichen Mann. Hermione heftete einen düstern Blick auf Florian. Man trug den Hauptmann in's Haus und Alle folgten. Auch Florian wollte hülfreich mitgehen, doch eine zarte Hand ergriff die seinige, Hermione zog ihn seitwärts in ein Zimmer. Sie wollte ihn anreden, und vermochte lange Zeit es nicht. Ihre Lippen bebten leise, sie hob die gefalteten Hände empor, als fordere sie Stärke von oben herab; dann sprach sie: um Gottes Barmherzigkeit willen, was haben Sie wieder gemacht? Er bemühte sich, sie zu beruhigen, und gab zu seiner Rechtfertigung die einfache und treue Erzählung der Begebenheit. O, rief sie, mit einem trostlosen Blicke auf ihn; ich glaube es ja. Aber was hilft alle Rechtfertigung? Unser Schicksal erfüllt sich. Sie haben mich schon in den Abgrund niedergerissen; es ist geschehen und Sie können mich nicht mehr retten. Fliehen Sie, denn ich bin bestimmt, Sie in gleich großes Verderben zu bringen. Hermione, ich beschwöre Sie, Ihrer und meiner Ruhe willen, haben Sie keine abergläubige Besorgnisse; gedenken Sie Ihres Versprechens im Feentempel! Was hilft's, wo ich schon um alles Glück des Lebens gebracht bin. O, wären die Felsen des Feentempels über uns zusammengestürzt, ich hätte ein Leben an Ihrer Seite ausgehaucht, das nun zum endlosen Schmerz geworden ist. Sie erschrecken mich; was ist geschehen? In welcher Verbindung stehen Sie zu dem unglücklichen Lamargue? Zu ihm in keiner; aber zu Ihrem Verderben, Unglücklicher! bin ich an Sie gebunden. Ich liebe Sie, Florian! und Ihnen muß ich den Kelch der Verzweiflung reichen? Zweifeln Sie nicht, es geschieht; ja, es geschieht, so wahr es geschehen ist, daß ich durch Sie elend geworden bin. Durch mich? rief Florian erblassend. Lesen Sie; mögen Sie Alles wissen! sagte Hermione, indem sie auf einen erbrochenen Brief hinwies, der auf dem Tische lag. Das Siegel mit drei in's Kreuz gelegten Schwertern und einer Dornenkrone darüber, erinnerte ihn an die Morne. Der Brief, welchen er las, war schon über ein Vierteljahr alt und von Bellinzona aus, durch einen Freund von Hermione's Vater, geschrieben. Jener bereitete die Tochter auf die Nachricht vor, daß Oberst Despars an seinen, in einem bündenschen Bauernaufruhr empfangenen Wunden, schwer danieder liege; daß man aber die Hoffnung hege, ihm, durch Abnehmung seines rechten Armes, das Leben zu erhalten. Die Wunde sei jedoch durch Mangel an der nothwendigen Pflege gefährlich geworden, weil der Oberst, beim Vordringen der österreichischen Uebermacht, mit anderen Verwundeten von Thal zu Thal und über die höchsten Gebirge, die damals noch mit tiefem Schnee bedeckt gewesen, geschleppt worden sei. Nun wurde von dem Briefsteller umständliche Auskunft gegeben, wie, und bei welchem Anlasse, und an welchem Tage der Oberst die Verwundung empfangen habe. Der Schluß des Schreibens enthielt besondere Aufträge des Obersten an seine geliebte Hermione, im Fall er diese Welt verlassen müsse. Florian glich einer Leiche, als er in der Beschreibung des Mörders des Obersten Despars sich selber erkannte. Mein Gott! sprach er mit kaum hörbarer Stimme, mußte es gerade der sein! und der Brief entfiel seiner Hand. Nach einer Weile trat er zu Hermione, die mit verhülltem Gesicht am Fenster saß, und sprach: Fräulein! zwar ist mir unbekannt, woher Sie wissen, daß ich's bin, der das Blut Ihres Vaters vergoß; doch, ich gestehe, daß ich es war. Unter ähnlichen Verhältnissen würde ich auch heute nicht anders handeln können. – Fräulein! Sie haben Recht; wir sind geschieden. Nie können Sie dem Mörder Ihres Vaters Hand und Herz geben; nie, wie schuldlos ich auch bin, würde ich den Muth haben, diese heilige Hand zu fordern. Doch wage ich eine Frage noch: haben Sie keine spätere Nachricht, als diesen Brief? Ein Soldat, der nach Besançon ging und diesen Brief brachte, antwortete Hermione, hatte denselben in Bellinzona empfangen. Eben dieser Soldat aber, damals befehligt, mit einer Abtheilung des Bataillons Gefangene nach Frankreich zu begleiten, erhielt nachher eine andere Bestimmung und wußte vom Loose meines Vaters nichts zu sagen, als – das Traurigste. Beim Abmarsch aus Bellinzona ging unter den Soldaten die Sage, der Oberst sei gestorben, weil er sich den Arm nicht habe wollen abnehmen lassen. Die Bewegungen des Feindes unterbrachen seitdem alle Verbindungen. Vielleicht sind Briefe verloren gegangen. Wohin aber, fragte Florian, ist das Bataillon oder die Brigade Ihres Vaters gekommen? Wo ist der jetzige Aufenthalt des Generals Menard? Hermione erwiederte traurig und leise: Mutter Morne, welche dem Soldaten den Brief zu Convet abnahm, forschte vergeblich. Wäre mein guter Vater am Leben, er hätte mir schon mehr als ein Zeichen von sich gegeben. Florian stand in finsterer Betäubung vor der Unglücklichen; selbst unglücklicher, als sie. Nun denn, sprach er nach einem langen Schweigen, so sei es! Ich habe Lust, die Tugend für eitel, das Schicksal für blind, die gesunde Vernunft für überflüssige Waare und den Aberglauben für die höchste Weisheit zu halten. Wer hätte ahnen können, daß die Fabeleien eines alten Weibes voll tiefen Sinnes und die pflichtgemäßen Handlungen zuletzt verderbenbringend sein könnten? Sie sind unglücklich, Hermione! ja, Sie sind's durch mich geworden; denn ich habe Ihren Vater getödtet. Sie haben ihn geliebt, und ich habe Sie, ohne mein Wollen und Wissen, in den Abgrund aller Schmerzen gezogen. Hermione weinte still vor sich hin. Er erzählte ihr darauf einfach, wie das Unglück in seiner Heimath sich zugetragen. Ich wußte es längst durch Claudine und Georg, sagte sie; damals, als ich nicht ahnen konnte, wen Ihr unglückliches Schwert getroffen, bewunderte ich Ihren Muth und Ihr Glück. Der Mensch soll keine That preisen; er weiß nicht, ob sie ihm nicht zum Fluche wird. – Ach, schrecklicher Mann! Sie haben meinen Vater erschlagen, und nun auch den Hauptmann Lamargne, den Jugendfreund meines Vaters. – Leben Sie wohl! Ihr Arm, der mich schützen sollte, hat mich tödtlich verwundet. Ich werde Sie ewig lieben und ewig fliehen. Verlassen Sie diese Gegend bald – heute – jetzt! Ach, das Entsetzlichste wartet meiner noch. So gewiß es ist, daß ich durch Sie die Elendeste werden mußte, so gewiß wird es in Erfüllung gehen, daß ich zum Werkzeug Ihres Verderbens werde. Florian fühlte sein Wesen so tief zerrissen, wie es noch nie gewesen. Er konnte sich in sein Loos nicht finden und fühlte, mit dem Ausspruch ewiger Trennung von Hermione's Lippen, zum ersten Male die ganze Gewalt seiner ungeheuren Leidenschaft. Nach langem Schweigen ermannte er sich und nahm Abschied.. Er fragte: ob sie ihm erlaube, ihr aus der Ferne schreiben zu dürfen; doch Sie antwortete nicht. Er bot ihr zum Lebewohl die Hand; die ihrige aber zuckte zurück, und er bemerkte, wie Hermione's ganze Gestalt in einem Schauder erbebte. Da stürzten die ersten Thränen aus seinen Augen; da wandte er sich, mit der Hand sein Gesicht bedeckend, von ihr hinweg und ging zur Thür. Doch als er diese öffnen wollte, flog ihm Hermione nach, und mit der ganzen Gewalt ihres Schmerzes warf sie sich an seine Brust, umschlang mit ihren Armen seinen Hals und rief: Lebe wohl, Du mein Erstes und Letztes, Mann meines Segens und meines Fluches, Mann meiner Liebe und meines Entsetzens, meiner Sehnsucht und meines Schreckens! Lebe ewig wohl und hasse mich nicht, wenn ich Dir Kummer und Elend bringen muß! – Lebe wohl! Mit diesen Worten öffnete sie selbst die Thür und drängte ihn von sich. Er ging und die Thüre schloß sich schmetternd hinter ihm. Er stand draußen im Freien und eilte, sich seiner selbst kaum bewußt, wie ein Verzweifelnder mit raschen Schritten durch die Felder. 26. Die Rache und der Tod. Schon war er eine geraume Zeit gerannt, als hinter den Tannen hervor eine Stimme ihm zurief: Zurück! zurück, Sohn des Verderbens! Er sah auf und erblickte die alte Morne, die, ihren Stab gegen ihn schwingend, mit allen Zeichen der Angst in den Geberden, sich bewegte, als könne sie ihn, wie ein schüchternes Kind, in die Flucht treiben. Sie stand zwischen den Tannen, keuchend, Schweiß im Antlitz und mit fliegendem Athem. Florian sah Blut zu ihren Füßen und erkannte den Ort. Es war die Stätte, unweit welcher er sich mit Lamargne geschlagen hatte. Es durchbebte ihn ein unwillkürliches Grausen. Zurück! schrie die Alte noch einmal. Unglückselige! rief Florian, mußt Du die Letzte sein, die ich in diesen Höhen erblicke, wie Du die Erste warst, die mir auf dem Gros-Taureau entgegenkam? – Fort, laß mich meines Weges ziehen; was habe ich mit Dir zu schaffen, daß Du Dich in meine Verhältnisse einmischest? Keinen Schritt weiter! Warum? Man sucht Sie. Wer sucht mich? Die Rache und der Tod . . . Desto besser! schrie Florian und schleuderte die Alte, die ihm den Weg vertreten wollte, so ungestüm auf die Seite, daß sie zu Boden stürzte. Er aber ging abwärts durch den Wald, den Weg von der Feenhalde nach Les Verrieres. Er empfand eine Art von Zufriedenheit, diesen Weg gefunden zu haben; es schien ihm darin ein Wink der Vorsehung zu liegen, seine Flucht auf der Stelle in's Werk zu setzen. Noch harrte seiner in Verrieres der Wagen, den Georg zur Reise nach Boudry bestellt und mit den dringendsten Nothwendigkeiten versehen hatte. Er war nicht weit gegangen, als er im Gebüsche unten menschliche Stimmen hörte; bald erkannte er deutlich die Stimme des Professors Onyx. – Es zeigten sich, den Weg heraufkommend, mehrere Männer, mit Gepäck beladen; sie gingen grüßend an Florian vorüber. Nach einer Weile zeigte sich Professor Onyx, an der Seite eines Offiziers daherschreitend, der, in seinen Mantel gehüllt, das Reitpferd durch einen Bedienten nachführen ließ. Ei, sieh da unser Seelenfreundchen! rief der Professor, und zeigte auf Florian. Lupus in fabula! Kommen Sie, bester Schatz! eben haben wir von Ihnen gesprochen. Hat Ihnen Mutter Morne nicht gesagt, daß wir kommen? – Das Weib ist wie toll und närrisch vorausgelaufen, um uns anzukünden, glaube ich. Doch wenn die Morne nicht einen Hexenritt auf dem Besen gemacht hat, kann sie unmöglich schon bei dem Hause Bell's oder Staffard's angelangt sein. Also bringt Sie der Zufall zu uns; desto besser. Sehen Sie hier, theurer Freund! einen Herrn, der sich nach Ihrer Bekanntschaft sehnt. Ich habe Sie fast in Verdacht, ein mir unbekannter berühmter Mann zu sein. Während Herr Onyx diese Worte schon aus der Ferne rief, war Florian zu den Menschen und Pferden gekommen. Er und der Offizier begrüßten sich höflich-kalt. Dies ist also der Herr aus dem Bündnerlande, der nach Besançon geführt werden sollte und entsprungen ist? fragte der Offizier den Professor. Allerdings, allerdings! rief Onyx, und zu Florian gewandt setzte er hinzu: Das lasse ich mir nicht ausreden, Sie sind ein berühmter Mann, denn bei wem ich von Ihnen rede, der will zu Ihnen. Sagen Sie mir doch, worüber haben Sie Ihr bestes Werk geschrieben? Erlauben Sie, Herr Professor! fiel ihm der Offizier in's Wort, daß ich mit Ihrem Freunde einige Worte unter vier Augen rede. Haben Sie die Güte, die Leute mit meinem Gepäck zum Bell'schen Hause zu führen und meine Ankunft anzumelden. Ich komme Ihnen bald nach. Droben können Sie wieder zu Pferde sitzen, sagte Herr Onyx, denn es ist ziemlich eben dort. Lebten wir nicht hier zu Lande unter einer Art halbwilder Menschen, könnte von Verrieres bis zur Feenhalde hinauf der bequemste Fahrweg angelegt werden. Landstraßen entwildern das Land. Man sagt, der Handelsverkehr baue Straßen, weil er ihrer bedarf. Falsch gesprochen! Die Landstraßen, indem sie den Verkehr erleichtern, bringen Verkehr und Handel in's Land. Aber man predigt tauben Ohren; Hopfen und Malz ist hier verloren. Gut, trefflich, Herr Professor! sagte der Offizier; doch das machen wir in der Feenhalde besser ab. Erweisen Sie mir die Gefälligkeit, eilen Sie den Trägern nach, die schon weit voraus sind und begleiten Sie dieselben zur Frau Bell. Darf ich bitten? Mit Freuden melde ich Sie an, antwortete Herr Onyx; sobald Sie angekommen sein werden, setze ich Ihnen meine Theorie vom Gebirgsstraßenbau auseinander. Damit eilte er davon. Florian hatte unterdessen den Offizier betrachtet, der ihm durchaus fremd war. Ein großer, starker Mann, mit breiter Brust und breiten Schultern, schien er in den Funfzigen zu sein; das von der Sonne gebräunte Gesicht war voller Adel und Ausdruck; die Stimme wohltönend, aber rasch und gebieterisch. Wir kennen uns! sagte er zu Florian, sobald der Professor eine gute Strecke Weges voraus war. Ich erinnere mich nicht, die Ehre gehabt zu haben, erwiederte Florian. Ich desto besser, antwortete der Offizier, und warf einen trotzigen, drohenden Blick auf Florian; wandte sich dann zu seinem Diener und sagte: Nimm mir den Mantel ab, er wird mir zu warm. Indeß der Mantel herabfiel, erkannte auch Florian den Fremden, der nun in der Uniform eines französischen Brigadechefs vor ihm stand, den rechten Rockärmel, worin aber der Arm fehlte, vorn auf die Brust, mit dem Außenende an die Knöpfe des Fracks befestigt. Florian war betroffen. Sie sind der Oberst Despars? sagte Florian. Also erkennen Sie mich? Sie haben mir ein lebenslängliches Andenken zurückgelassen. Wohlan, vorwärts; hier ist kein Platz, unser Geschäft abzuthun. Ich fordere Sie auf, mich zu begleiten. Wenn Sie es verlangen. Ich verlange, ich gebiete es! sagte der Oberst, und riß eine Pistole aus der Holfter des Sattels; Sie entwischen mir nicht, oder ich jage Ihnen, beim Teufel! die Kugel durch den Leib. Weder Sie, noch Ihre Kugel fürchte ich, Herr Oberst! versetzte Florian, und ging wieder mit ihm den Weg durch den Wald zur Feenhalde hinauf; doch ich selbst habe viel mit Ihnen zu reden. Ich beklage mein Mißgeschick, das mich in die Nothwendigkeit versetzte, Sie zum Krüppel zu machen. Ihretwillen verlor ich Freiheit, Vaterland und mein höchstes Glück; aber ich freue mich, daß ich unschuldiger Weise nicht Ihr Mörder geworden bin. Ich freue mich – man hatte Sie todt gesagt –, daß Sie noch leben. Sie haben's nicht Ursache, murmelte Despars zwischen den Zähnen. Mehr, als Sie glauben. Das wäre! Fräulein Delory, Ihre Tochter, ist in Verzweiflung. Sie hält mich für den Mörder eines Vaters, den sie über Alles liebt, und eben jetzt, eben darum bin ich auf dem Wege, dieses Land zu verlassen, aus dem mich ihr Befehl verbannt hat. Gott Lob! daß Sie leben; ich gehe ruhiger von hinnen. Der Oberst wollte mehr von seiner Tochter und Florian's Bekanntschaft und Verhältniß mit derselben hören. Der Bündner redete frei und mit der Hochachtung und Offenheit, die dem Manne gebührte, welchen Hermione Vater nannte. Der Oberst musterte finstern Blickes den Bündner vom Wirbel bis zur Sohle; dann schritt er weiter, that einige Fragen, und Florian erzählte unbefangen weiter. Das ist ein Roman, sagte der Oberst, und blieb wieder stehen; doch sein Auge erschien schon minder düster. Er betrachtete den Erzählenden lange Zeit. Die Kraft, Furchtlosigkeit und Schönheit des jungen Mannes, das Gepräge des Wahren in seinen Worten, die Festigkeit in seinen Entscheidungen mußte auf das Gemüth des Kriegsmannes einen guten Eindruck machen. Es ist gut, ich halte Sie für einen Ehrenmann, sagte der Oberst; meine Tochter kann ihre Achtung an keinen elenden Menschen verschwendet haben. Es sei; ich will Sie als Mann von Ehre behandeln, obzwar es mein Vorsatz war, Sie von der Ortsobrigkeit verhaften zu lassen, und Ihre Person von der Neuenburger Regierung zu reklamiren, weil Sie entsprungen sind und vor ein französisches Kriegsgericht gehören. Sie sind einer der Meuchelmörder von Disentis. Florian bewies, daß er weder an der Niedermetzelung der Franzosen noch am Landsturm gegen Ems und Chur Theil gehabt habe und daß, obwohl er gegenwärtig unter dem Schutze des Statthalters von Neuenburg stehe, er dennoch kein Gericht fürchte. Aber mich, Herr! rief der Oberst, und diesen linken Arm, der den rechten im Grabe zu rächen hat. Sind Sie ein Ehrenmann, so werden Sie mir Genugthuung geben. Ich habe Ihnen zehntausendmal den Tod geschworen und ich hätte einen einzigen Schwur schon mit Freuden gehalten. Ihr Unstern führt Sie in meine Hand. Können Sie mit Pistolen umgehen? Allerdings, aber ich schlage mich nicht mit Hermione's Vater. Junger Mensch, ich werde Sie gehorchen lehren. – Sind Sie ein feiger Bursche, so schieße ich Sie wie einen tollen Hund zu Boden. Mit diesen Worten ließ er die Pferde halten, und nahm zwei Paar Pistolen aus den Holstern; das eine Paar mußte der Knecht in Verwahrung nehmen, das andere bot er seinem Gegner. Wählen Sie; beide sind von gleicher Güte, beide wohl geladen. Wählen Sie, fassen Sie zu, oder ich behandle Sie wie den gemeinsten Troßbuben. Ich erlaube Ihnen, mich niederzuschießen; aber ich lege nicht auf Sie an, sagte Florian gelassen; an meinem Leben liegt mir nichts, an dem Ihrigen Alles. Wie hat Hermione einem Menschen Aufmerksamkeit schenken können, der keinem Ehrenmanne Rede steht, und nicht Genugthuung zu geben den Muth hat? Sie haben Recht, Herr Oberst! Sie fordern Genugthuung für Ihren verlorenen Arm, und doch verloren Sie ihn im rechtlichen Kampfe. Sie fordern Genugthuung? Gut, jagen Sie mir die Kugel durch den Kopf. Er nahm eine der Pistolen; der Oberst ging mehrere Schritte seitwärts durch das offene Gebüsch. Es war dieselbe Stelle, wo schon diesen Morgen der Zweikampf stattgefunden hatte. Despars sah das Blut und stutzte. Was ist das hier? sagte er, ich sehe frisches Blut. Es ist das Blut Ihres Jugendfreundes, des Hauptmanns Lamargne. Er zwang mich vor einigen Stunden, wie Sie, zum Zweikampfe, und auf eben dieser Stelle, wie Sie. Wo ist er? rief Despars erblassend. Er liegt verwundet im Bell'schen Hause. Nun denn, Verdammter! so gilt es doppelte Rache und Deinen oder meinen Tod! schrie der Oberst, und stellte sich. Hollah, vorwärts! Ich stehe; Sie haben den ersten Schuß; keine Flausen, legen Sie an. Ich schieße nicht auf Hermione's Vater. Ich schieße mit Ihnen zugleich. Sie zwingen mich nicht, sagte Florian, hob die Pistole gegen den Gipfel einer Tanne, schoß, und die Nadeln fielen von den Zweigen herab. Jetzt ist der Schuß an Ihnen. Junger Mensch, bete Dein Vaterunser; Du hast ausgelebt. Der Oberst senkte die gehobene Pistole wieder, schien sich zu besinnen, hob sie wieder und zielte. Florian sah ihn zielen und sagte: Fehlen Sie nicht; grüßen Sie das Fräulein von mir. Der Oberst drückte ab, doch die Kugel pfiff dem Bündner am Kopfe vorüber. Sie treffen schlecht, sagte Florian. Was? schrie Despars, auf zwanzig Schritte fehlen? – die andern her! Er nahm aus den Händen des Knechts das zweite Paar Pistolen, ließ Florian noch einmal wählen und nahm seinen vorigen Platz. Der Oberst gebot, den ersten Schuß zu thun. Sehen Sie über sich, rief Florian. Es flog ein Rabe vorüber. Der Bündner schoß; der Rabe stürzte senkrecht aus der Luft. Despars betrachtete das blutende Thier, das am Boden umherzappelte. Gut geschossen, sagte er. Ich würde Ihnen auch den Thaler zwischen den Fingern weggeschossen haben, ohne Ihre Hand zu verletzen. Nun schießen Sie, doch grüßen Sie Fräulein Delory von mir. Despars schien verlegen. Er legte an und zielte lange. Der Schuß fiel, zugleich auch Florian's Hut rückwärts von dessen Kopf. Sie zielten zu hoch, sagte Florian gelassen und hob den Hut auf, der von der Kugel durchlöchert war. Teufel, hätte ich den rechten Arm noch! rief der Oberst bestürzt; bin ich behext, oder sind Sie kugelfest? Laden Sie noch einmal, sagte Florian kaltblütig; wir stehen zu weit auseinander. Legen Sie mir das nächste Mal die Mündung dicht auf's Herz. Der sterbende Rabe schlug mit den Flügeln die Füße des Obersten. Er stieß das Thier von sich, winkte dem Knecht und befahl ihm, eine Feder aus dem Flügel des Raben zu ziehen. Florian eilte hinzu, riß selbst die Feder aus und reichte sie dem Obersten. Er starb für mich, sagte Herr Despars; darum behalte ich die Feder zum Andenken. Sie müssen ein braver Mann sein. Sie haben mich zum Krüppel gemacht, und ich wollte Genugthuung für meinen rechten Arm; Sie haben sie mir gegeben. Begleiten Sie mich zum Bell'schen Hause. Ist Lamargne schwer verwundet? Nicht gefährlich; aber er erlitt Anfangs einen bedeutenden Blutverlust, antwortete Florian. Der Oberst fragte um die näheren Umstände, und empfing ausführlichen Bericht. Begleiten Sie mich, sagte Despars; Hermione ist eine Schwärmerin. Sie hat Sie verbannt, als den vermeinten Mörder ihres Vaters; ich will ihr aber sagen, daß ich mein Leben als Erinnerung an Ihre Großmuth bewahre. Florian sträubte sich einige Zeit, änderte aber bald seinen Sinn und gehorchte dem Obersten. Man steckte die Pistolen ein; der Knecht führte die Pferde voraus und die Versöhnten folgten. Despars erkundigte sich nach Florian's Verhältnissen in Bünden. Sie sprachen viel vom Aufruhr und den dort stattgehabten Gefechten; dann wieder von Hermione. Despars blieb oft stehen, um Bewunderung oder Beifall zu äußern, oder in derben Kraftsprüchen und Flüchen seinem Aerger über sich selbst, über Lamargne, über den Professor Onyx, und dessen Felsensprengen in dem Feentempel Luft zu machen. Junger Mann, rief der Oberst, und blieb wieder stehen, Sie haben einen verzweifelten Roman durchlebt. Ich allein bin darin am schlimmsten gefahren, und zum verkrüppelten Einarm geworden; jedoch kann ich Ihnen meine Achtung nicht versagen; wir wollen einander noch besser kennen lernen. 27. Der Ausgang. Sie waren nicht mehr weit vom Bell'schen Hause; da sahen sie fast alle Bewohner desselben daher eilen, Frau Bell mit ihrer Tochter und Nichte, Georg, den Vater Staffard und Professor Onyx. Allen flog Hermione voran, mit freudeglühenden Wangen, mit zuckenden Lippen, mit der Thräne im Auge. Und unter einem Ach! aus dem Tiefsten der Brust, umklammerte sie den Stiefvater, den alle als einen Bekannten und Vertrauten mit Glückwünschen umringten und bewillkommten. Laßt die Leutchen sich satt freuen, sagte endlich Vater Staffard zu Georg und Florian, wir gehen unterdessen heim, wo wir Drei einander genug zu erzählen haben. Hier sind wir überflüssige und störende Figuren. Nimmermehr, rief Frau Bell, nimmermehr, lieber Nachbar! Haben uns Entsetzen und Schrecken zusammengeführt, so soll uns die Freude nicht trennen; wir bleiben zusammen. Es giebt ein einfaches Mahl, aber das froheste im ganzen Fürstenthum. Fort, beginnen wir Alten den Zug! So sprach sie, und gab dem Vater Staffard den Arm und wanderte mit ihm dem Hause zu. Die Andern folgten langsam; Florian blieb im Hintergrunde. He! rief Despars, und sah sich nach ihm um, und der Verbannte soll verbannt bleiben? Hermione! er scheint auf gutem Wege zu sein, mein rechter Arm zu werden; er darf unserm Feste nicht fehlen. Gehe, Hermione! und führe ihn, und mit Gewalt, wenn er in Güte nicht will. Hermione ging zu Florian; sie folgten, Beide stumm, den Uebrigen in's Haus. Nun erst verbreitete sich in zahllosen Fragen und Antworten, Erzählungen und Unterbrechungen Licht über alles Geschehene. Despars nahm Hermione, führte sie in's Freie und redete lange mit ihr. Nachdem er sie zurückgeleitet, nahm er den Vater Staffard auf die Seite; so einzeln Jeden, selbst den Professor Onyx. Ich merke es wohl, rief er, er selbst muß mein rechter Arm werden. Und als man sich zum Mahle niedersetzte, ordnete er an, daß Hermione an seiner und Florian's Seite bleibe. Darauf, als die Gläser ihm zu Ehren erklangen, rief er: Nein, der Held des Tages bleibt der Flüchtling im Jura. Freund Lamargne und ich sind ihm das Leben schuldig. Und wäre er minder reich an Gütern, Hermione! er wäre Deiner Liebe nicht minder würdig. Selbst als er mich in seinem Dorfe zum Krüppel machte, hatte er Recht. Gib ihm den Brautkuß! Da steckte die alte Morne den grauen Kopf durch die halb offene Thür, und musterte mit schnell umherfliegenden Blicken die Gäste am Tische. Dann nickte sie freundlich und rief: Gott hat Alles wohl gelöst!