Oskar Wilde Märchen Der glückliche Prinz Hoch über der Stadt auf einer schlanken Säule stand die Statue des glücklichen Prinzen. Er war ganz und gar mit dünnen Blättern von reinem Gold überzogen, als Augen hatte er zwei strahlende Saphire, und ein großer roter Rubin glühte auf seinem Schwertgriff. Er wurde auch wirklich sehr bewundert. »Er ist so schön wie ein Wetterhahn,« bemerkte einer der Ratsherren, der nach dem Ruf strebte, künstlerischen Geschmack zu besitzen; »nur nicht ganz so nützlich,« fügte er hinzu, denn er fürchtete, die Leute könnten ihn für unpraktisch halten, und das war er wirklich nicht. »Warum kannst du nicht wie der glückliche Prinz sein?« fragte eine vernünftige Mutter ihren kleinen Jungen, der verlangend nach dem Mond schrie. »Der glückliche Prinz denkt nicht im Traum daran, nach etwas zu schreien.« »Gott sei Dank, es gibt wenigstens einen Menschen auf der Welt, der ganz glücklich ist,« murrte ein enttäuschter Mann, als er einen Blick auf die wundervolle Statue warf. »Er sieht ganz aus wie ein Engel,« sagten die Waisenkinder, als sie in ihren, hellroten Mänteln und den reinen, weißen Lätzchen aus dem Dom kamen. »Woher wißt ihr das?« fragte der Mathematikprofessor, »ihr habt doch nie einen Engel gesehen.« »O doch, in unseren Träumen,« antworteten die Kinder; und der Mathematikprofessor runzelte die Stirne und blickte sehr strenge drein, denn er billigte es nicht, daß Kinder träumten. Eines Abends flog eine kleine Schwalbe über die Stadt. Ihre Freunde waren schon vor sechs Wochen nach Ägypten geflogen, aber sie war zurückgeblieben, denn sie liebte das allerschönste Schilfrohr. Sie hatte es zu Anfang des Frühlings getroffen, als sie hinter einer dicken, gelben Motte den Fluß hinabflog, und sie war so durch seinen schlanken Wuchs angezogen worden, daß sie halt gemacht hatte, um mit ihm zu reden. »Soll ich dich lieben?« fragte die Schwalbe, die gern sofort zur Sache kam, und das Schilfrohr machte ihr eine tiefe Verneigung. So flog sie immerfort um das Rohr herum, indem sie mit ihren Flügeln das Wasser berührte und kleine silberne Wellen machte. Das war ihr Liebeswerben, und es dauerte den ganzen Sommer. »Es ist ein lächerliches Verhältnis,« zwitscherten die andern Schwalben; »das Rohr hat kein Geld und eine viel zu große Verwandtschaft,« und wirklich war der Fluß ganz voll von Schilfrohr. Dann, als der Herbst kam, flogen sie alle davon. Als sie verschwunden waren, fühlte die Schwalbe sich einsam und begann, seiner Geliebten müde zu werden. »Es weiß sich nicht zu unterhalten,« sagte sie, »und ich fürchte, es ist kokett, denn es liebäugelt immer nach dem Wind.« Und in der Tat, so oft der Wind wehte, machte das Schilfrohr die anmutigsten Verneigungen. »Ich gebe zu, daß es häuslich ist,« fuhr die Schwalbe fort, »aber ich liebe das Reisen, und meine Frau sollte infolgedessen auch das Reisen lieben.« »Willst du mit mir kommen?« fragte sie schließlich; aber das Schilfrohr schüttelte seinen Kopf, es hing zu sehr an seinem Heim. »Du hast mit mir gescherzt,« rief die Schwalbe. »Ich reise nach den Pyramiden. Lebe wohl!« und sie flog davon. Sie flog den ganzen Tag über, und gegen Abend langte sie in der Stadt an. »Wo soll ich einkehren?« fragte sie; »hoffentlich hat die Stadt Vorkehrungen getroffen.« Dann sah sie die Statue auf der schlanken Säule. »Dort will ich einkehren,« rief sie; »es ist eine hübsche Lage mit recht viel frischer Luft.« So ließ sie sich gerade zwischen den Füßen des glücklichen Prinzen nieder. »Ich habe ein goldenes Schlafzimmer,« sprach sie sanft zu sich selbst, als sie sich umsah, und sie schickte sich an, einzuschlafen; aber gerade, als sie ihren Kopf unter ihren Flügel steckte, fiel ein großer Tropfen Wasser auf sie herab. »Wie seltsam!« rief sie; »nicht eine einzige Wolke ist am Himmel, die Sterne sind ganz hell und klar, und doch regnet es. Das Klima im nördlichen Europa ist wirklich schrecklich. Das Schilfrohr pflegte zwar den Regen zu lieben, aber das war nur seine Selbstsucht.« Wieder fiel ein Tropfen. »Was hat man von einer Statue, wenn sie nicht gegen den Regen schützt?« meinte die Schwalbe; »ich muß mir einen guten Kamin suchen,« und sie beschloß, fortzufliegen. Aber bevor sie ihre Flügel geöffnet hatte, fiel ein dritter Tropfen, sie blickte auf und sah – – ja, was sah sie wohl? Die Augen des glücklichen Prinzen waren mit Tränen gefüllt, und Tränen rannen über seine goldenen Wangen hinab. Sein Gesicht war so schön im Mondlicht, daß die kleine Schwalbe von Mitleid ergriffen wurde. »Wer bist du?« fragte sie. »Ich bin der glückliche Prinz.« »Warum weinst du dann?« fragte die Schwalbe; »du hast mich ganz naß gemacht.« »Als ich noch lebte und ein menschliches Herz hatte,« antwortete die Statue, »da wußte ich nicht, was Tränen waren, denn ich lebte im Palast Sorgenfrei, wo dem Leid der Eintritt verboten ist. Den Tag über spielte ich mit meinen Gefährten im Garten, und des Abends führte ich den Tanz an im Großen Saal. Rund um den Garten zog sich eine ganz hohe Mauer, aber ich hielt es nie für der Mühe wert, danach zu fragen, was wohl dahinter lag, denn um mich herum war alles so schön. Meine Höflinge nannten mich den glücklichen Prinzen, und glücklich war ich auch wirklich, wenn Vergnügen ein Glück ist. So lebte ich, und so starb ich. Und jetzt, da ich tot bin, haben sie mich hier so hoch aufgestellt, daß ich alle Häßlichkeit und alles Elend meiner Stadt sehen kann, und wenn auch mein Herz aus Blei gemacht ist, so muß ich doch immerzu weinen.« »Wie! Er ist nicht aus gediegenem Gold?« sagte die Schwalbe zu sich selbst. Sie war zu höflich, laut irgendeine Anspielung zu machen. »Weit von hier,« fuhr die Statue mit leiser, wohlklingender Stimme fort, »weit von hier in einer kleinen Straße steht ein ärmliches Haus. Eins von den Fenstern ist offen, und ich kann eine Frau sehen, die an einem Tisch sitzt. Ihr Gesicht ist mager und müde, und sie hat grobe, rote Hände, die ganz von Nadeln zerstochen sind, denn sie ist eine Näherin. Sie stickt Passionsblumen auf ein seidenes Kleid, das die lieblichste der Ehrendamen der Königin auf dem nächsten Hofball tragen soll. In der Ecke des Zimmers liegt ihr kleiner Junge krank in einem Bett. Er hat Fieber und verlangt nach Apfelsinen. Seine Mutter kann ihm nur Flußwasser geben, deshalb weint er. Schwalbe, Schwalbe, kleine Schwalbe, willst du ihr nicht den Rubin aus meinem Schwertgriff bringen? Meine Füße sind auf diesem Postament befestigt, und ich kann mich nicht bewegen.« »Ich werde in Ägypten erwartet,« sagte die Schwalbe. »Meine Freunde fliegen den Nil hinauf und hinab und sprechen mit den großen Lotosblumen. Bald werden sie in dem Grab des großen Königs schlafen gehen. Der König liegt dort in seinem bemalten Sarg. Er ist in gelbe Leinwand gehüllt und mit Spezereien einbalsamiert. Um seinen Hals hängt eine Kette von bleichen, grünen Jadesteinen, und seine Hände sind wie verwelkte Blätter.« »Schwalbe, Schwalbe, kleine Schwalbe,« sagte der Prinz, »willst du nicht eine Nacht bei mir bleiben und mein Bote sein? Der Knabe ist so durstig und seine Mutter so traurig.« »Ich liebe eigentlich Knaben nicht,« antwortete die Schwalbe. »Letzten Sommer, als ich mich an dem Flusse aufhielt, da waren dort zwei rohe Knaben, die Söhne des Müllers, die immerfort Steine nach mir warfen. Sie trafen mich natürlich nie, dafür fliegen wir Schwalben viel zu gut, und ich stamme auch außerdem aus einer Familie, die berühmt ist wegen ihrer Gewandtheit; aber immerhin war es ein Zeichen von Respektlosigkeit.« Aber der glückliche Prinz machte ein so trauriges Gesicht, daß er der kleinen Schwalbe leid tat. »Es ist hier sehr kalt,« sagte sie; »aber eine Nacht will ich bei dir bleiben und dein Bote sein.« »Ich danke dir, kleine Schwalbe,« sagte der Prinz. So pickte denn die Schwalbe den großen Rubin von des Prinzen Schwert herab und trug ihn im Schnabel über die Dächer der Stadt. Sie kam an den Domtürmen vorbei, wo die weißen Marmorengel ausgemeißelt waren. Sie kam am Palast vorüber und hörte, wie man drinnen tanzte. Ein schönes Mädchen trat mit ihrem Geliebten auf den Balkon heraus. »Wie wundervoll sind die Sterne,« sagte er zu ihr, »und wie wundervoll ist die Macht der Liebe!« »Hoffentlich wird mein Kleid rechtzeitig zum Hofball fertig,« antwortete sie; »ich habe bestellt, daß es mit Passionsblumen bestickt wird; aber die Näherinnen sind so faul.« Die Schwalbe flog über den Fluß und sah die Laternen an den Schiffsmasten hängen. Sie flog über das Ghetto und sah, wie die alten Juden miteinander handelten und in kupfernen Wagschalen Geld abwogen. Schließlich kam sie zu dem ärmlichen Hause und blickte hinein. Der Knabe hustete fiebrig in seinem Bett, und die Mutter war vor Müdigkeit eingeschlafen. Die Schwalbe hüpfte hinein und legte den großen Rubin neben den Fingerhut der Frau. Dann flog sie leise um das Bett, indem sie die Stirne des Knaben mit ihren Flügeln fächelte. »Wie kühl ist es mir,« sagte der Knabe, »ich glaube, es geht mir besser,« und er sank in einen erquickenden Schlummer. Dann flog die Schwalbe zurück zum glücklichen Prinzen und erzählte ihm, was sie getan hatte. »Es ist seltsam,« meinte sie, »aber ich fühle mich jetzt ganz warm, obgleich es so kalt ist.« »Das kommt, weil du eine gute Tat getan hast,« sagte der Prinz. Und die kleine Schwalbe begann zu denken und fiel dann in Schlaf. Denken machte sie immer schläfrig. Als der Tag anbrach, flog sie zum Fluß hinab und nahm ein Bad. »Welch ein bemerkenswertes Phänomen,« sagte der Professor der Ornithologie, als er über die Brücke ging. »Eine Schwalbe im Winter!« Und er schrieb einen langen Bericht darüber an die Zeitung der Stadt. Alles sprach über diesen Bericht, denn er war voll von Ausdrücken, die niemand verstand. »Heute abend fliege ich nach Ägypten,« sagte die Schwalbe und wurde bei der Aussicht sehr fröhlich. Sie besuchte alle öffentlichen Denkmäler und saß lange Zeit oben auf dem Kirchturm. Überall, wohin sie kam, zirpten die Spatzen und sagten zueinander: »Was für ein vornehmer Fremder!« so daß sie sich sehr gut unterhielt. Als der Mond aufging, flog sie zum glücklichen Prinzen zurück. »Hast du einen Auftrag nach Ägypten?« rief sie; »ich reise gerade ab.« »Schwalbe, Schwalbe, kleine Schwalbe,« sagte der Prinz; »willst du nicht noch eine Nacht bei mir bleiben?« »Ich werde in Ägypten erwartet,« antwortete die Schwalbe. »Morgen wollen meine Freunde zum Zweiten Wasserfall hinauffliegen. Das Flußpferd kauert dort zwischen den Binsen, und auf einem großen Granitthron sitzt der Gott Memnon. Die ganze Nacht durch beobachtet er die Sterne, und wenn der Morgenstern scheint, stößt er einen Freudenruf aus, und dann ist er still. Um Mitternacht kommen die gelben Löwen an den Rand des Wassers, um zu trinken. Sie haben Augen wie grüne Berylle, und ihr Brüllen ist lauter als das Brüllen des Wasserfalles.« »Schwalbe, Schwalbe, kleine Schwalbe,« sagte der Prinz, »weit von hier, am Rande der Stadt, sehe ich einen jungen Mann in einer Dachkammer. Er lehnt sich über ein Pult, das mit Papieren bedeckt ist, und neben ihm in einem Glase steht ein Bund verwelkter Veilchen. Sein Haar ist braun und kraus, seine Lippen sind rot wie Granatäpfel, und er hat große und verträumte Augen. Er versucht, ein Stück für den Direktor des Theaters fertigzustellen, aber ihm ist zu kalt, um noch etwas zu schreiben. Im Kamin brennt kein Feuer, und der Hunger hat ihn ganz matt gemacht.« »Ich will noch eine Nacht bei dir verweilen,« sagte die Schwalbe, die wirklich ein gutes Herz hatte. »Soll ich ihm auch einen Rubin bringen?« »Ach, ich habe jetzt keinen Rubin mehr,« sagte der Prinz, »meine Augen sind alles, was mir geblieben ist. Sie sind aus seltenen Saphiren gemacht, die man vor tausend Jahren aus Indien gebracht hat. Picke einen aus und bring' ihn ihm. Er wird ihn an einen Juwelier verkaufen, sich Nahrung und Brennholz verschaffen und sein Stück beenden.« »Lieber Prinz,« sagte die Schwalbe, »das kann ich nicht tun,« und sie begann zu weinen. »Schwalbe, Schwalbe, kleine Schwalbe,« sagte der Prinz, »tu nur, wie ich dir gesagt habe.« Da pickte die Schwalbe des Prinzen Auge aus und flog damit zu des Studenten Dachkammer. Es war ganz leicht hineinzukommen, denn im Dach befand sich ein Loch. Sie schoß hindurch und gelangte ins Zimmer. Der junge Mann hatte seinen Kopf in seinen Händen vergraben, so daß er das Flattern der Schwalbenflügel nicht hörte, und als er aufblickte, fand er den schönen Saphir auf den verwelkten Veilchen liegen. »Man beginnt mich zu schätzen,« sagte er; »dies ist von einem großen Verehrer. Jetzt kann ich mein Stück beenden,« und er sah sehr glücklich aus. Am nächsten Tag flog die Schwalbe zum Hafen hinunter. Sie saß auf dem Mast eines großen Schiffes und beobachtete die Matrosen, wie sie schwere Kisten an Stricken aus dem Schiffsbauch heraufzogen. »Hebt – an!« schrien sie jedesmal, wenn eine Kiste heraufkam. »Ich reise nach Ägypten,« rief die Schwalbe, aber niemand bekümmerte sich darum, und als der Mond aufging, flog sie zurück zum glücklichen Prinzen. »Ich bin gekommen, um dir Lebewohl zu sagen,« rief sie. »Schwalbe, Schwalbe, kleine Schwalbe,« sagte der Prinz, »willst du nicht noch eine Nacht bei mir bleiben?« »Es ist Winter,« antwortete die Schwalbe, »und bald wird der kalte Schnee hier sein. In Ägypten brennt die Sonne warm auf den grünen Palmzweigen, und die Krokodile liegen im Schlamm und blicken träge umher. Meine Gefährten bauen ein Nest im Tempel von Baalbek, und die blaßroten und weißen Tauben beobachten sie und girren sich zu. Lieber Prinz, ich muß dich verlassen, aber ich will dich nie vergessen, und nächstes Frühjahr werde ich dir zwei schöne Edelsteine bringen für die, die du fortgegeben hast. Der Rubin soll röter sein als eine rote Rose, und der Saphir so blau wie die weite See.« »Unten auf dem Platz«, sagte der glückliche Prinz, »da steht ein kleines Streichholzmädchen. Sie hat ihre Streichhölzer in den Rinnstein fallen lassen, und sie sind alle verdorben. Ihr Vater wird sie schlagen, wenn sie kein Geld nach Hause bringt, deshalb weint sie. Sie hat weder Schuhe noch Strümpfe, und ihr kleiner Kopf ist bloß. Picke mein anderes Auge aus und bringe es ihr, dann wird ihr Vater sie nicht schlagen.« »Ich will noch eine Nacht bei dir bleiben,« sagte die Schwalbe, »aber dein Auge kann ich nicht auspicken. Du würdest dann ganz blind sein.« »Schwalbe, Schwalbe, kleine Schwalbe,« sagte der Prinz, »tue, wie ich dir gesagt habe.« So pickte sie denn das andere Auge des Prinzen aus und flog damit hinab. Sie schoß hinter das Streichholzmädchen und ließ den Edelstein in ihre hohle Hand gleiten. »Was für ein köstliches Stück Glas,« rief das kleine Mädchen; und sie rannte jubelnd nach Hause. Dann kam die Schwalbe zurück zu dem Prinzen. »Du bist jetzt blind,« sagte sie, »deshalb will ich immer bei dir bleiben.« »Nein, kleine Schwalbe,« sagte der arme Prinz, »du mußt fortgehen nach Ägypten.« »Ich werde immer bei dir bleiben,« sagte die Schwalbe, und sie schlief zu des Prinzen Füßen. Den ganzen nächsten Tag saß sie auf des Prinzen Schulter und erzählte ihm Geschichten von allem, was sie in seltsamen Ländern gesehen hatte. Sie erzählte ihm von roten Ibissen, die in langen Reihen auf den Bänken am Nil stehen und in ihren Schnäbeln Goldfische fangen; von der Sphinx, die so alt ist wie die Welt, die in einer Wüste lebt und alles weiß; von Kaufleuten, die langsam neben ihren Kamelen dahinschreiten und Bernsteinperlen in ihrer Hand tragen; von dem König der Mondberge, der so schwarz ist wie Ebenholz und einen großen Kristall anbetet; von der großen, grünen Schlange, die in einem Palmbaum schläft und zwanzig Priester hat, die sie mit Honigkuchen füttern; und von den Pygmäen, die über einen weiten See auf großen, flachen Blättern dahinsegeln und immer im Kriege mit den Schmetterlingen sind. »Liebe, kleine Schwalbe,« sagte der Prinz, »du erzählst mir von wunderbaren Dingen, aber wunderbarer als alles ist das Leiden von Männern und Frauen. Kein Geheimnis ist so groß als das Elend. Fliege über meine Stadt und erzähle mir, was du dort siehst.« Da flog nun die Schwalbe über die große Stadt und sah, wie sich die Reichen in ihren schönen Häusern belustigten, während die Bettler an den Toren saßen. Sie flog in dunkle Gassen und sah die blassen Gesichter verhungernder Kinder gleichgültig auf die schwarzen Straßen starren. Unter einem Brückenbogen lagen zwei kleine Knaben aneinander geschmiegt und versuchten, sich warm zu halten. »Wie hungrig wir sind!« sagten sie. »Ihr dürft hier nicht liegen,« rief der Wächter, und sie wanderten hinaus in den Regen. Dann flog sie zurück und erzählte dem Prinzen, was sie gesehen hatte. »Ich bin mit reinem Gold bedeckt,« sagte der Prinz, »du mußt es Blatt für Blatt abnehmen und es meinen Armen geben; die Lebenden glauben immer, daß Gold sie glücklich machen kann.« Blatt auf Blatt von dem reinen Gold pickte die Schwalbe ab, bis der glückliche Prinz ganz stumpf und grau aussah. Blatt auf Blatt von dem reinen Gold brachte sie den Armen, und die Gesichter der Kinder röteten sich, und sie lachten und spielten ihre Spiele in den Straßen. »Jetzt haben wir Brot!« riefen sie. Dann kam der Schnee, und nach dem Schnee kam der Frost. Die Straßen sahen aus, als seien sie aus Silber gemacht, so glänzten und gleißten sie; lange Eiszapfen hingen wie Kristalldolche von den Dachrinnen herab, alles ging in Pelzen, und die kleinen Knaben trugen rote Kappen und liefen Schlittschuh auf dem Eis. Die arme, kleine Schwalbe wurde kälter und kälter, aber sie wollte den Prinzen nicht verlassen, sie liebte ihn zu sehr. Sie pickte Krümel vor des Bäckers Türe auf, wenn der Bäcker nicht hinsah, und versuchte, sich warm zu halten, indem sie mit den Flügeln schlug. Aber zuletzt wußte sie, daß sie sterben mußte. Sie hatte gerade die Kraft, noch einmal auf die Schulter des Prinzen zu fliegen. »Leb' wohl, lieber Prinz,« flüsterte sie, »darf ich deine Hand küssen?« »Ich freue mich, daß du endlich nach Ägypten gehst, kleine Schwalbe,« sagte der Prinz, »du hast dich viel zu lang hier aufgehalten; aber du mußt mich auf die Lippen küssen, denn ich liebe dich.« »Ich gehe nicht nach Ägypten,« sagte die Schwalbe. »Ich gehe in das Haus des Todes. Der Tod ist der Bruder des Schlafes, nicht wahr?« Und sie küßte den glücklichen Prinzen auf die Lippen und sank tot zu seinen Füßen hin. In diesem Augenblick ertönte ein seltsames Krachen in der Statue, als sei darin etwas zerbrochen. Das bleierne Herz war vollständig entzweigesprungen. Es herrschte aber auch wirklich ein grimmig starker Frost. Früh am nächsten Morgen ging unten über den Platz der Bürgermeister in Gesellschaft der Stadträte. Als sie an der Säule vorbeikamen, blickte er zur Statue empor: »Lieber Himmel! wie schäbig der glückliche Prinz aussieht!« sagte er. »Er sieht wirklich schäbig aus!« schrien die Stadträte, die immer mit dem Bürgermeister übereinstimmten; und sie stiegen hinauf, um ihn zu betrachten. »Der Rubin ist aus seinem Schwert gefallen, die Augen sind fort, und er hat keine Vergoldung mehr,« sagte der Bürgermeister; »er ist wahrhaftig nicht viel mehr wert als ein Bettler!« »Nicht viel mehr wert als ein Bettler,« sagten die Stadträte. »Und hier liegt tatsächlich ein toter Vogel zu seinen Füßen!« fuhr der Bürgermeister fort. »Wir müssen wirklich eine Verordnung erlassen, daß Vögeln nicht erlaubt ist, hier zu sterben.« Und der Stadtschreiber notierte sich die Anregung. So rissen sie denn die Statue des glücklichen Prinzen herab. »Da er nicht mehr schön ist, ist er nicht mehr nützlich,« sagte der Professor der schönen Künste an der Universität. Dann schmolzen sie die Statue in einem Schmelzofen, und der Bürgermeister veranstaltete eine Ratssitzung, um zu entscheiden, was mit dem Metall geschehen sollte. »Natürlich müssen wir eine andere Statue haben,« sagte er, »und es soll eine Statue von mir sein.« »Von mir,« sagte jeder der Stadträte, und sie zankten sich. Als ich das letztemal von ihnen hörte, zankten sie sich noch immer. »Was für eine merkwürdige Sache!« sagte der Werkmeister in der Gießerei. »Dieses zerbrochene Bleiherz will in dem Ofen nicht schmelzen. Wir müssen es wegwerfen.« So warfen sie es auf einen Kehrichthaufen, wo auch schon die tote Schwalbe lag. »Bringe mir die beiden kostbarsten Dinge, die es in der Stadt gibt,« sagte Gott zu einem seiner Engel, und der Engel brachte ihm das bleierne Herz und den toten Vogel. »Du hast recht gewählt,« sagte Gott, »denn in meinem Paradiesgarten soll dieser kleine Vogel für immer singen, und in meiner goldenen Stadt soll mich der glückliche Prinz preisen.« Die Nachtigall und die Rose »Sie sagte, sie würde mit mir tanzen, wenn ich ihr rote Rosen brächte,« rief der junge Student; »aber in meinem ganzen Garten ist keine rote Rose.« Aus ihrem Nest auf dem Stamme der Steineiche hörte ihn die Nachtigall, und sie blickte neugierig durch die Blätter hinaus. »Keine rote Rose in meinem ganzen Garten!« rief er, und seine schönen Augen füllten sich mit Tränen. »Ach, von was für Kleinigkeiten hängt das Glück ab! Ich habe alles gelesen, was die weisen Männer geschrieben haben, und alle Geheimnisse der Philosophie sind mein, aber weil mir eine rote Rose fehlt, ist mein Leben elend geworden.« »Hier ist doch endlich einer, der wahrhaft liebt,« sagte die Nachtigall. »Nacht für Nacht habe ich von ihm gesungen, obgleich ich ihn nicht kannte: Nacht für Nacht habe ich den Sternen seine Geschichte erzählt, und jetzt sehe ich ihn. Sein Haar ist dunkel wie die Hyazinthenblüte, und seine Lippen sind rot wie die Rose, nach der er verlangt; aber Leidenschaft hat sein Gesicht zu bleichem Elfenbein gemacht, und Kummer hat sein Siegel auf seine Stirne gedrückt.« »Der Prinz gibt morgen abend einen Ball,« murmelte der junge Student, »und meine Geliebte wird ihn mitmachen. Wenn ich ihr eine rote Rose bringe, wird sie mit mir tanzen bis zum Morgen. Wenn ich ihr eine rote Rose bringe, werde ich sie in meinen Armen halten, sie wird ihr Haupt an meine Schulter lehnen, und ihre Hand wird sich in meine schließen. Aber es wächst keine rote Rose in meinem Garten, deshalb werde ich einsam sitzen, und sie wird an mir vorübergehen. Sie wird mich nicht beachten, und mein Herz wird brechen.« »Das ist wirklich die wahre Liebe,« sagte die Nachtigall. »Wovon ich singe, das erleidet er: was mir Lust ist, ihm ist es Schmerz. Sicherlich, Liebe ist etwas Wundervolles. Sie ist kostbarer als Smaragde und wertvoller als echte Opale. Für Perlen und Granatäpfel kann man sie nicht kaufen, noch ist sie auf dem Marktplatz ausgestellt. Man kann sie bei keinem Händler erstehen, noch läßt sie sich in einer Wagschale für Gold auswiegen.« »Die Musiker werden auf ihrer Galerie sitzen«, sagte der junge Student, »und auf ihren Saiteninstrumenten spielen, und meine Geliebte wird zur Musik der Harfe und der Violine tanzen. Sie wird so leicht dahintanzen, daß ihre Füße nicht den Boden berühren, und die Höflinge in ihren glänzenden Kleidern werden sich um sie drängen. Aber mit mir wird sie nicht tanzen, denn ich habe ihr keine rote Rose zu geben,« und er warf sich auf das Gras hin und verbarg sein Gesicht in seinen Händen und weinte. »Warum weint er?« fragte eine kleine grüne Eidechse, als sie mit dem Schwanz in der Luft an ihm vorbei rannte. »Ja, warum?« sagte ein Schmetterling, der hinter einem Sonnenstrahl dahinflatterte. »Ja, warum?« flüsterte ein Gänseblümchen mit sanfter, leiser Stimme zu seiner Nachbarin. »Er weint um eine rote Rose,« sagte die Nachtigall. »Um eine rote Rose!« riefen sie; »wie unendlich lächerlich!« und die kleine Eidechse, die so etwas wie ein Zyniker war, lachte aus vollem Halse. Aber die Nachtigall verstand im Innersten den Schmerz des Studenten, und sie saß schweigend auf dem Eichbaum und dachte nach über das Geheimnis der Liebe. Plötzlich breitete sie ihre braunen Flügel zum Fliegen aus und schwang sich in die Luft. Wie ein Schatten glitt sie durch den Hain, und wie ein Schatten segelte sie über den Garten. Im Mittelpunkte des Rasenplatzes stand ein schöner Rosenstrauch, und als sie ihn sah, flog sie zu ihm hin und setzte sich auf einen Zweig. »Gib mir eine rote Rose,« rief sie, »und ich will dir mein süßestes Lied singen.« Aber der Strauch schüttelte seinen Kopf. »Meine Rosen sind weiß,« antwortete er; »so weiß wie der Schaum des Meeres und weißer als der Schnee auf dem Berge. Aber geh' zu meinem Bruder, der rings um die alte Sonnenuhr wächst, und vielleicht wird er dir geben, was du wünschest.« Da flog die Nachtigall hinüber zu dem Rosenstrauch, der rings um die alte Sonnenuhr wuchs. »Gib mir eine rote Rose,« rief sie, »und ich will dir mein süßestes Lied singen.« Aber der Strauch schüttelte seinen Kopf. »Meine Rosen sind gelb,« antwortete er; »so gelb wie das Haar der Seejungfer, die auf einem Thron von Bernstein sitzt, und gelber als die gelbe Narzisse, die auf der Wiese blüht, bevor der Mäher kommt mit seiner Sense. Aber geh' zu meinem Bruder, der unter des Studenten Fenster wächst, und vielleicht wird er dir geben, was du wünschest.« Da flog die Nachtigall hinüber zu dem Rosenstrauch, der unter des Studenten Fenster wuchs. »Gib mir eine rote Rose,« rief sie, »und ich will dir mein süßestes Lied singen.« Aber der Strauch schüttelte seinen Kopf. »Meine Rosen sind rot,« antwortete er; »so rot wie die Füße der Taube und röter als die großen Wedel der Koralle, die in der Tiefe des Meeres hin und her wogen. Aber der Winter hat meine Adern erkältet, der Frost hat meine Knospen zerstört, der Sturm hat meine Zweige gebrochen, und so werde ich dieses Jahr überhaupt keine Rosen haben.« »Eine rote Rose ist alles, was ich brauche,« rief die Nachtigall, »nur eine rote Rose! Gibt es denn keine Möglichkeit, eine zu erlangen?« »Es gibt eine Möglichkeit,« antwortete der Strauch; »aber sie ist so schrecklich, daß ich es nicht wage, sie dir zu nennen.« »Nenne sie mir,« sagte die Nachtigall, »ich fürchte mich nicht.« »Wenn du eine rote Rose wünschest,« sagte der Strauch, »dann mußt du sie bei Mondschein aus Musik bilden und sie mit deinem eigenen Herzblut färben. Du mußt vor mir singen, deine Brust gegen einen Dorn gedrückt. Die ganze Nacht durch mußt du mir singen, und der Dorn muß dein Herz durchbohren, und dein Lebensblut muß in meine Adern fließen und mein Blut werden.« »Tod ist ein hoher Preis für eine rote Rose,« rief die Nachtigall, »und Leben ist einem jeden sehr teuer. Es ist angenehm, im grünen Gehölz zu sitzen, die Sonne auf ihrem goldenen Wagen zu beobachten und den Mond auf seinem Perlenwagen. Süß ist der Duft des Weißdorns, und süß sind die Glockenblumen, die sich im Tal verbergen, und das Heidekraut, das auf dem Hügel blüht. Aber Liebe ist besser als Leben, und was ist das Herz eines Vogels, verglichen mit dem Herzen eines Menschen?« Da breitete sie ihre braunen Flügel zum Fliegen aus und schwang sich in die Luft. Wie ein Schatten glitt sie über den Garten, und wie ein Schatten segelte sie durch den Hain. Der junge Student lag noch auf dem Grase, wo sie ihn verlassen hatte, und die Tränen waren noch nicht getrocknet in seinen schönen Augen. »Sei glücklich,« rief die Nachtigall, »sei glücklich; du sollst deine rote Rose haben. Aus Musik will ich sie bei Mondschein bilden und sie färben mit meinem eigenen Herzblut. Alles, was ich zum Dank dafür verlange, ist, daß du ein wahrer Liebhaber bist, denn Liebe ist weiser als Philosophie, mag diese auch noch so weise sein, und stärker als Macht, mag diese auch noch so stark sein. Feuerfarben sind ihre Schwingen, und feuerfarben ist ihr Leib. Ihre Lippen sind süß wie Honig, und ihr Atem ist wie Weihrauch.« Der Student blickte auf von dem Gras und lauschte, aber er konnte nicht verstehen, was die Nachtigall zu ihm sprach, denn er kannte nur Dinge, die in Büchern niedergeschrieben sind. Aber der Eichbaum verstand und wurde traurig, denn er liebte die kleine Nachtigall, die ihr Nest in seinen Zweigen gebaut hatte. »Sing' mir noch ein letztes Lied,« flüsterte er; »ich werde mich sehr einsam fühlen, wenn du fort bist.« Da sang die Nachtigall zum Eichbaum, und ihre Stimme war wie Wasser, das aus einem silbernen Gefäß tropft. Als sie ihren Gesang beendet hatte, erhob sich der Student und zog ein Notizbuch und einen Bleistift aus seiner Tasche. »Form hat sie,« sagte er zu sich selbst, als er durch den Hain davonwandelte, »das kann man ihr nicht abstreiten; aber hat sie Gefühl? Ich fürchte, nein. Natürlich ist sie wie die meisten Künstler; sie ist ganz Stil ohne innere Echtheit. Sie würde sich nicht für andere opfern. Sie denkt nur an Musik, und jeder weiß, daß die Künste selbstsüchtig sind. Trotzdem muß man zugeben, daß sie einige schöne Töne in ihrer Stimme hat. Wie schade, daß kein Sinn in ihnen steckt, und daß sie keinen praktischen Wert haben.« Und er ging in sein Zimmer, legte sich auf sein kleines Strohsackbett und begann, über seine Liebe nachzudenken; und nach einiger Zeit versank er in Schlummer. Und als der Mond am Himmel schien, flog die Nachtigall zu dem Rosenstrauch und drückte ihre Brust gegen den Dorn. Die ganze Nacht durch sang sie, ihre Brust gegen den Dorn gedrückt, und der kalte, kristallene Mond neigte sich hinab und lauschte. Die ganze Nacht durch sang sie, und der Dorn ging tiefer und tiefer in ihre Brust, und ihr Lebensblut ebbte hinweg von ihr. Sie sang zuerst von der Geburt der Liebe im Herzen eines Knaben und eines Mädchens. Und auf dem obersten Zweig des Rosenstrauchs da erblühte eine wunderbare Rose, Blumenblatt nach Blumenblatt, wie ein Lied dem andern folgte. Bleich war sie im Anfang wie der Nebel, der über dem Fluß hängt – bleich wie die Füße des Morgens und silbern wie die Schwingen der Dämmerung. Wie der Schatten einer Rose in einem silbernen Spiegel, wie der Schatten einer Rose in einem Wasserpfuhl, so war die Rose, die auf dem obersten Zweig des Rosenstrauches erblühte. Aber der Strauch rief der Nachtigall zu, sich fester gegen den Dorn zu pressen. »Presse dich fester an, kleine Nachtigall,« rief der Strauch, »sonst kommt der Tag, bevor die Rose vollendet ist.« Da preßte sich die Nachtigall fester gegen den Dorn an, und lauter und lauter wurde ihr Singen, denn sie sang von der Geburt der Leidenschaft in der Seele eines Mannes und einer Jungfrau. Und ein zartes, rosiges Glühen kam in die Rosenblätter, wie das Erröten im Gesicht des Bräutigams, wenn er die Lippen der Braut küßt. Aber der Dorn hatte noch nicht ihr Herz erreicht, darum blieb das Herz der Rose weiß, denn nur das Herzblut einer Nachtigall kann das Herz einer Rose rot färben. Und der Strauch rief der Nachtigall zu, sich fester gegen den Dorn zu pressen. »Presse dich fester an, kleine Nachtigall,« rief der Strauch, »sonst kommt der Tag, bevor die Rose vollendet ist.« Da preßte sich die Nachtigall fester gegen den Dorn an, und der Dorn berührte ihr Herz, und ein scharfes Wehgefühl durchfuhr sie. Bitter, bitter war das Weh, und wilder und wilder wurde ihr Singen, denn sie sang von der Liebe, die durch den Tod geheiligt wird, von der Liebe, die im Grab nicht stirbt. Und die wunderbare Rose wurde tiefrot wie die Rose des östlichen Himmels. Tiefrot war der Kranz der Blumenblätter, und tiefrot wie ein Rubin war das Herz. Aber der Nachtigall Stimme wurde schwächer, und ihre kleinen Flügel begannen zu zittern, und ein Nebel legte sich über ihre Augen. Schwächer und schwächer wurde ihr Singen, und sie fühlte, wie etwas in ihrer Kehle ihr den Atem benahm. Da gab sie einen letzten Ausbruch von Musik. Der bleiche Mond hörte ihn, er vergaß den Tagesanbruch und verharrte am Himmel. Die rote Rose hörte ihn und zitterte ganz und gar vor Entzücken und öffnete ihre Blumenblätter der kalten Morgenluft. Das Echo trug ihn zu seiner purpurnen Höhle in den Bergen und erweckte die schlafenden Schäfer aus ihren Träumen. Er flutete durch das Schilfrohr am Flusse, und dieses trug die Botschaft nach dem Meere. »Sieh an!« rief der Strauch, »die Rose ist jetzt vollendet,« aber die Nachtigall gab keine Antwort, denn sie lag tot in dem hohen Gras mit dem Dorn in ihrer Brust. Und gegen Mittag öffnete der Student sein Fenster und blickte hinaus. »Was für ein wunderbarer Glücksfall!« rief er; »hier ist eine rote Rose! In meinem ganzen Leben habe ich keine solche Rose gesehen. Sie ist so schön, daß sie sicherlich einen langen lateinischen Namen haben muß,« und er neigte sich hinaus und pflückte sie. Dann setzte er seinen Hut auf und lief mit der Rose in der Hand nach des Professors Haus. Die Tochter des Professors saß im Türeingang und wickelte blaue Seide auf eine Rolle, und ihr kleiner Hund lag zu ihren Füßen. »Sie sagten, Sie würden mit mir tanzen, wenn ich Ihnen eine rote Rose brächte,« rief der Student. »Hier ist die roteste Rose der Welt. Sie werden sie heute abend an Ihrem Herzen tragen, und wenn wir zusammen tanzen, dann will ich Ihnen sagen, wie ich Sie liebe.« Aber das Mädchen runzelte die Stirn. »Ich fürchte, sie wird zu meinem Kleid nicht passen,« antwortete sie; »und übrigens hat mir des Kammerherrn Neffe einige echte Juwelen geschickt, und jeder weiß, daß Juwelen mehr kosten als Blumen.« »Auf mein Wort, Sie sind wirklich sehr undankbar,« sagte der Student ärgerlich; und er warf die Rose auf die Straße, wo sie in den Rinnstein fiel, und ein Karrenrad ging darüber weg. »Undankbar!« sagte das Mädchen. »Ich will Ihnen etwas anderes sagen, Sie benehmen sich sehr ungeschliffen; und übrigens, was sind Sie? Nur ein Student. Ich glaube, Sie haben ja nicht einmal silberne Schnallen an Ihren Schuhen, wie sie des Kammerherrn Neffe hat,« und sie erhob sich von ihrem Stuhl und trat in das Haus. »Was für eine verrückte Sache die Liebe ist,« sagte der Student, als er wegging. »Sie ist nicht halb so nützlich wie die Logik, denn sie beweist nichts, und sie erzählt einem immer von Dingen, die sich nicht ereignen, und macht einen an Dinge glauben, die nicht wahr sind. Wahrhaftig, sie ist ganz unpraktisch, und in unserer heutigen Zeit muß man vor allem praktisch sein. Ich werde zur Philosophie zurückkehren und Metaphysik studieren.« Damit ging er wieder in sein Zimmer, zog ein dickes, staubiges Buch hervor und begann zu lesen. Der selbstsüchtige Riese Jeden Nachmittag, wenn sie aus der Schule kamen, pflegten die Kinder in des Riesen Garten zu gehen und dort zu spielen. Es war ein großer, lieblicher Garten mit weichem, grünem Gras. Hier und da standen über dem Gras schöne Blumen wie Sterne, und es waren dort zwölf Pfirsichbäume, die im Frühling zarte, rosige und perlfarbene Blüten hatten und im Herbst reiche Früchte trugen. Die Vögel saßen auf den Zweigen und sangen so süß, daß die Kinder ihre Spiele unterbrachen, um ihnen zu lauschen. »Wie glücklich sind wir hier!« riefen sie einander zu. Eines Tages kam der Riese zurück. Er hatte seinen Freund Oger in Cornwall besucht und war sieben Jahre bei ihm gewesen. Als die sieben Jahre vorbei waren, hatte er alles gesagt, was er wußte, denn seine Unterhaltungsgabe war begrenzt, und er beschloß, in seine eigene Burg zurückzukehren. Als er ankam, sah er die Kinder in dem Garten spielen. »Was macht ihr hier?« schrie er mit sehr barscher Stimme, und die Kinder rannten davon. »Mein eigener Garten ist mein eigener Garten,« sagte der Riese; »das kann jeder verstehen, und ich erlaube niemand, darin zu spielen als mir selbst.« Deshalb baute er ringsherum eine hohe Mauer und befestigte eine Tafel daran: Eintritt bei Strafe verboten. Er war ein sehr selbstsüchtiger Riese. Die armen Kinder hatten nun keinen Platz, wo sie spielen konnten. Sie versuchten auf der Straße zu spielen, aber die Straße war sehr staubig und voll von harten Steinen, und das liebten sie nicht. Sie pflegten rund um die hohe Mauer zu gehen, wenn ihr Unterricht vorbei war, und von dem schönen Garten dahinter zu reden. »Wie glücklich waren wir dort,« sagten sie zueinander. Dann kam der Frühling, und überall im Land waren kleine Blumen und kleine Vögel. Nur im Garten des selbstsüchtigen Riesen war es noch Winter. Die Vögel wollten darin nicht singen, weil dort keine Kinder waren, und die Bäume vergaßen zu blühen. Einmal steckte eine schöne Blume ihren Kopf aus dem Gras hervor, aber als sie die Tafel sah, taten ihr die Kinder so leid, daß sie wieder in den Boden hinabglitt und sich schlafen legte. Die einzigen Wesen, die daran ihre Freude hatten, waren Schnee und Frost. »Der Frühling hat diesen Garten vergessen,« sagten sie, »deshalb wollen wir hier das ganze Jahr durch wohnen.« Der Schnee bedeckte das Gras mit seinem dicken, weißen Mantel, und der Frost bemalte alle Bäume mit Silber. Dann luden sie den Nordwind zum Besuch ein, und er kam. Er war in Pelze eingehüllt und brüllte den ganzen Tag im Garten herum und blies die Dachkamine herab. »Dies ist ein entzückender Platz,« sagte er; »wir müssen den Hagel bitten, herzukommen.« So kam der Hagel. Er rasselte jeden Tag drei Stunden lang auf das Dach der Burg, bis er fast alle Dachziegel zerbrochen hatte, und dann rannte er immer im Kreis durch den Garten, so schnell er nur konnte. Er war in Grau gekleidet, und sein Atem war wie Eis. »Ich verstehe nicht, warum der Frühling solange ausbleibt,« sagte der selbstsüchtige Riese, als er am Fenster saß und auf seinen kalten, weißen Garten hinaussah; »hoffentlich gibt es einen Witterungsumschlag.« Aber der Frühling kam überhaupt nicht, ebensowenig wie der Sommer. Der Herbst brachte in jeden Garten goldene Frucht, nur in des Riesen Garten brachte er keine. »Er ist zu selbstsüchtig,« sagte er. So war es denn dort immer Winter, und der Nordwind und der Hagel und der Frost und der Schnee tanzten zwischen den Bäumen umher. Eines Morgens lag der Riese wach im Bett, da hörte er eine liebliche Musik. Sie klang so süß an seine Ohren, daß er glaubte, des Königs Musiker kämen vorbei. Es war in Wirklichkeit nur ein kleiner Hänfling, der draußen vor seinem Fenster sang, aber er hatte so lange Zeit keine Vögel mehr in seinem Garten singen hören, daß es ihm die schönste Musik von der Welt zu sein dünkte. Dann hörte der Hagel auf, über seinem Kopf zu tanzen, der Nordwind brüllte nicht mehr, und ein entzückender Duft kam durch den offenen Fensterflügel zu ihm. »Ich glaube, der Frühling ist endlich gekommen,« sagte der Riese; und er sprang aus dem Bett und schaute hinaus. Was sah er? Er sah das wundervollste Bild. Durch ein kleines Loch in der Mauer waren die Kinder hereingekrochen und saßen in den Zweigen der Bäume. Auf jedem Baum, den er sehen konnte, war ein kleines Kind. Und die Bäume waren so froh, die Kinder wiederzuhaben, daß sie sich selbst mit Blüten bedeckt hatten und ihre Arme zärtlich um die Köpfe der Kinder legten. Die Vögel flogen umher und zwitscherten vor Entzücken, und die Blumen blickten aus dem grünen Gras hervor und lachten. Es war ein lieblicher Anblick, nur in einer Ecke war noch Winter. Es war die äußerste Ecke des Gartens, und in ihr stand ein kleiner Knabe. Er war so winzig, daß er nicht bis zu den Zweigen des Baumes hinaufreichen konnte, und er wanderte immer um ihn herum und weinte bitterlich. Der arme Baum war noch ganz mit Eis und Schnee bedeckt, und der Nordwind blies und brüllte über ihn weg. »Klett're hinauf! kleiner Knabe,« sagte der Baum und bog seine Zweige hinab, soweit er konnte; aber der Knabe war zu winzig. Und des Riesen Herz schmolz, als er hinausblickte. »Wie selbstsüchtig ich gewesen bin!« sagte er; »jetzt weiß ich, warum der Frühling nicht hierherkommen wollte. Ich werde den armen, kleinen Knaben oben auf den Baum setzen, und dann will ich die Mauer umstoßen, und mein Garten soll für alle Zeit der Spielplatz der Kinder sein.« Es war ihm wirklich sehr leid, was er getan hatte. Er stieg hinab, öffnete ganz sanft die Vordertüre und ging hinaus in den Garten. Aber als ihn die Kinder sahen, waren sie so erschrocken, daß sie alle davonliefen, und es im Garten wieder Winter wurde. Nur der kleine Junge lief nicht fort, denn seine Augen waren so voll von Tränen, daß er den Riesen gar nicht kommen sah. Und der Riese stahl sich hinter ihn, nahm ihn behutsam in die Hand und setzte ihn auf den Baum. Und der Baum brach sofort in Blüten aus, und die Vögel kamen und sangen darauf, und der kleine Junge streckte seine beiden Arme aus, schlang sie rund um des Riesen Nacken und küßte ihn. Und als die anderen Kinder sahen, daß der Riese nicht mehr böse war, kamen sie zurückgerannt, und mit ihnen kam der Frühling. »Es ist jetzt euer Garten, kleine Kinder,« sagte der Riese, und er nahm eine große Axt und schlug die Mauer nieder. Und als die Leute um zwölf Uhr zum Markt gingen, da fanden sie den Riesen spielend mit den Kindern in dem schönsten Garten, den sie je gesehen hatten. Den ganzen Tag lang spielten sie, und des Abends kamen sie zum Riesen, um sich von ihm zu verabschieden. »Aber wo ist euer kleiner Gefährte?« fragte er, »der Knabe, den ich auf den Baum setzte.« Der Riese liebte ihn am meisten, weil er ihn geküßt hatte. »Wir wissen es nicht,« antworteten die Kinder; »er ist fortgegangen.« »Ihr müßt ihm bestimmt sagen, daß er morgen wieder hierherkommt,« sagte der Riese. Aber die Kinder erklärten, sie wüßten nicht, wo er wohne, und hätten ihn nie vorher gesehen; und der Riese fühlte sich sehr betrübt. Jeden Nachmittag, wenn die Schule vorbei war, kamen die Kinder und spielten mit dem Riesen. Aber der kleine Knabe, den der Riese liebte, wurde nie wieder gesehen. Der Riese war sehr gütig zu allen Kindern, aber er sehnte sich nach seinem ersten kleinen Freund und sprach oft von ihm. »Wie gerne möchte ich ihn sehen!« pflegte er zu sagen. Jahre vergingen, und der Riese wurde sehr alt und schwach. Er konnte nicht mehr draußen spielen, und so saß er in einem hohen Lehnstuhl und beobachtete die Kinder bei ihren Spielen und bewunderte seinen Garten. »Ich habe viele schöne Blumen,« sagte er, »aber die Kinder sind die schönsten Blumen von allen.« Eines Wintermorgens blickte er aus seinem Fenster hinaus, als er sich anzog. Er haßte jetzt den Winter nicht mehr, denn er wußte, daß er nur ein schlafender Frühling war, und daß die Blumen sich dann ausruhten. Plötzlich rieb er sich die Augen vor Staunen und schaute atemlos hinaus. Es war wirklich ein wunderbarer Anblick. Im äußersten Winkel des Gartens war ein Baum ganz bedeckt mit lieblichen, weißen Blumen. Seine Zweige waren ganz golden, und silberne Früchte hingen von ihnen herab, und darunter stand der kleine Knabe, den er geliebt hatte. In großer Freude rannte der Riese die Treppe hinab und hinaus in den Garten. Er eilte über das Gras und näherte sich dem Kinde. Als er dicht bei ihm war, wurde sein Gesicht rot vor Zorn, und er fragte: »Wer hat es gewagt, dich zu verwunden?« Denn aus den Handflächen des Kindes waren zwei Nägelmale, und zwei Nägelmale waren auf den kleinen Füßen. »Wer hat es gewagt, dich zu verwunden?« schrie der Riese; »sage es mir, damit ich mein großes Schwert nehme und ihn erschlage.« »Nein!« antwortete das Kind; »denn dies sind Wunden der Liebe.« »Wer bist du?« fragte der Riese, und eine seltsame Ehrfurcht befiel ihn, und er kniete vor dem kleinen Kinde. Und das Kind lächelte den Riesen an und sagte zu ihm: »Du ließest mich einmal in deinem Garten spielen; heute sollst du mit mir in meinen Garten kommen, der das Paradies ist.« Und als die Kinder an diesem Nachmittag hineinliefen, fanden sie den Riesen tot unter dem Baum liegen, ganz bedeckt mit weißen Blüten. Der ergebene Freund Eines Morgens steckte die alte Wasserratte ihren Kopf aus ihrem Loch. Sie hatte glänzende Perlaugen und steife, graue Schnurrhaare, und ihr Schwanz war wie ein langes Stück schwarzen Kautschuks. Die kleinen Entchen, die in dem Teich umher schwammen, sahen ganz wie eine Herde gelber Kanarienvögel aus, und ihre Mutter, die ganz weiß war mit schönen roten Füßen, versuchte sie zu lehren, wie man im Wasser auf dem Kopfe steht. »Ihr werdet nie zur besten Gesellschaft zählen, ehe ihr nicht auf euren Köpfen stehen könnt,« wiederholte sie ihnen fortwährend; und immer wieder zeigte sie ihnen, wie es gemacht wurde. Aber die kleinen Entchen gaben nicht acht auf sie. Sie waren so jung, daß sie nicht wußten, welch ein Vorzug es ist, überhaupt zur Gesellschaft zu zählen. »Was für ungehorsame Kinder!« rief die alte Wasserratte; »sie verdienten wirklich, ertränkt zu werden.« »O, nicht doch,« antwortete die Ente, »jeder muß einmal anfangen, und Eltern können nicht geduldig genug sein.« »Ach! Ich verstehe nichts von den Gefühlen der Eltern,« sagte die Wasserratte; »ich bin kein Familienvater. Ich habe überhaupt nie geheiratet und denke auch gar nicht daran. Liebe ist in ihrer Art eine schöne Sache, aber Freundschaft steht viel höher. Wahrhaftig, ich kenne nichts in der Welt, das edler oder selt'ner wäre als eine ergebene Freundschaft.« »Und was ist dann, bitte, Ihre Ansicht über die Pflichten eines ergebenen Freundes?« fragte ein grüner Hänfling, der dicht dabei auf einem Weidenbaum saß und die Unterhaltung mit angehört hatte. »Ja, das möchte ich gerade auch gerne wissen,« sagte die Ente, und sie schwamm davon zum Ende des Teichs, wo sie sich auf den Kopf stellte, um ihren Kindern ein gutes Beispiel zu geben. »Was für eine törichte Frage!« schrie die Wasserratte. »Ich muß erwarten, daß mein ergebener Freund mir natürlich ergeben ist.« »Und was würden Sie zum Entgelt tun?« fragte der kleine Vogel, indem er sich auf einen silbrigen Zweig schwang und mit seinen winzigen Flügeln schlug. »Ich verstehe Sie nicht,« antwortete die Wasserratte. »Ich will Ihnen eine Geschichte über das Thema erzählen,« sagte der Hänfling. »Handelt die Geschichte von mir?« fragte die Wasserratte. »Wenn ja, dann will ich gerne zuhören, denn Dichtung liebe ich sehr.« »Sie läßt sich auf Sie beziehen,« antwortete der Hänfling; und er flog herab, ließ sich am Ufer nieder und erzählte die Geschichte vom ergebenen Freund. »Es war einmal«, begann der Hänfling, »ein rechtschaffener kleiner Bursche namens Hans.« »War er eine hervorragende Persönlichkeit?« fragte die Wasserratte. »Nein,« antwortete der Hänfling, »ich glaube nicht, daß er überhaupt hervorragend war, ausgenommen wegen seines guten Herzens und seines drolligen, runden, gutmütigen Gesichts. Er lebte ganz allein in einer winzigen Hütte, und jeden Tag arbeitete er in seinem Garten. In der ganzen Gegend gab es keinen Garten, der so lieblich war, wie seiner. Bartnelken wuchsen dort, Goldlack und Hirtentäschelkraut und Hahnenfuß. Es gab da rote und gelbe Rosen, violetten Krokus und goldne, purpurne und weiße Veilchen. Akelei und Wiesenschaumkraut, Majoran und wildes Basilikum. Schlüsselblumen und Schwertlilien, gelbe Narzissen und Gewürznelken wuchsen und blühten nach ihrer Art mit dem Ablauf der Monate. Eine Blume löste die andere ab, so daß man immer schöne Dinge sehen und angenehme Düfte riechen konnte. Der kleine Hans hatte eine ganze Menge Freunde, aber der ergebenste Freund von allen war der dicke Hugo, der Müller. In der Tat, so ergeben war der reiche Müller dem kleinen Hans, daß er nie an seinem Garten vorüberging, ohne sich über die Mauer zu lehnen und einen Blumenstrauß oder eine Handvoll würziger Kräuter zu pflücken, oder, wenn gerade die Zeit war, seine Taschen mit Pflaumen und Kirschen zu füllen. ›Wahre Freunde sollten alles gemeinsam haben,‹ pflegte der Müller zu sagen, und der kleine Hans nickte und lächelte und fühlte sich sehr stolz, daß er einen Freund mit so vornehmen Ansichten hatte. Zwar manchmal fanden es die Nachbarn seltsam, daß der reiche Müller dem kleinen Hans nie etwas wiedergab, obgleich er Hunderte von Säcken Mehl in seiner Mühle weggepackt hatte und sechs Milchkühe und eine große Herde wolliger Schafe besaß. Aber Hans beschwerte seinen Kopf niemals mit diesen Dingen, und nichts machte ihm ein größeres Vergnügen, als wenn er all den wundervollen Worten lauschte, die der Müller über die Selbstlosigkeit wahrer Freundschaft zu äußern wußte. So arbeitete der kleine Hans in seinem Garten weiter. Solange der Frühling, der Sommer und der Herbst währte, war er sehr glücklich, aber als der Winter kam, und er weder Früchte noch Blumen auf den Markt bringen konnte, hatte er viel von Kälte und Hunger zu leiden, und oft mußte er zu Bett gehen, ohne etwas anderes gegessen zu haben als ein paar getrocknete Birnen oder einige harte Nüsse. Auch war er im Winter außerordentlich einsam, denn der Müller kam nie, um ihn zu besuchen. ›Es hat keinen Zweck, zum kleinen Hans hinzugehen, solange der Schnee liegt,‹ pflegte der Müller zu seiner Frau zu sagen, ›denn wenn Leute in Sorgen sind, dann soll man sie allein lassen und sie nicht mit Besuchen belästigen. Das ist wenigstens meine Ansicht von der Freundschaft, und ich glaube, sie ist die richtige. Deshalb werde ich warten, bis der Frühling kommt, und ihm dann einen Besuch abstatten. Und dann wird er mir einen großen Korb voll gelber Schlüsselblumen geben können, und das wird ihn so glücklich machen.‹ ›Du bist wirklich sehr rücksichtsvoll gegen andere,‹ antwortete die Frau, die in ihrem bequemen Armstuhl an dem lodernden Fichtenholzfeuer saß; ›wahrhaftig sehr rücksichtsvoll. Es ist ein hoher Genuß, dich über Freundschaft reden zu hören. Ich bin überzeugt, der Geistliche selbst könnte nicht so schöne Dinge sagen wie du, obgleich er in einem dreistöckigen Hause wohnt und einen goldnen Ring an seinem kleinen Finger trägt.‹ ›Aber könnten wir den kleinen Hans nicht hierher bitten?‹ sagte des Müllers jüngster Sohn. ›Wenn der arme Hans in Not ist, will ich mit ihm meine Suppe teilen und ihm meine weißen Kaninchen zeigen.‹ ›Was für ein törichter Junge du bist!‹ schrie der Müller; ›ich weiß wirklich nicht, warum ich dich auf die Schule geschickt habe. Du scheinst überhaupt nichts zu lernen. Wie, wenn der kleine Hans hierher käme und sähe unser warmes Feuer und unser gutes Essen und unser großes Faß roten Wein, würde er da nicht neidisch werden? Und Neid ist die allerschrecklichste Sache, sie verdirbt jedermanns Charakter. Ich jedenfalls werde nicht erlauben, daß Hans' Charakter verdorben wird. Ich bin sein bester Freund und werde immer über ihn wachen und zusehen, daß er nicht in irgendeine Versuchung geführt wird. Übrigens, wenn Hans hierherkäme, dann würde er mich vielleicht bitten, ihm Mehl auf Kredit zu geben, und das könnte ich nicht tun. Mehl ist Mehl, und Freundschaft ist Freundschaft, man darf sie nicht miteinander vermengen. Die Worte werden verschieden geschrieben und drücken ganz verschiedene Dinge aus. Jeder kann das einsehen.‹ ›Wie gut du sprichst!‹ sagte des Müllers Frau, indem sie sich ein großes Glas warmes Malzbier einschüttete; ›wahrhaftig, mir wird ganz schläfrig. Es ist gerade wie in einer Kirche.‹ ›Viele Menschen handeln gut,‹ antwortete der Müller; ›aber nur wenige Menschen reden gut, woran man sieht, daß das Reden das schwierigere von den beiden Dingen ist und auch bei weitem das vortrefflichere,‹ und er blickte streng über den Tisch hin auf seinen kleinen Sohn, der sich so über sich selbst schämte, daß er seinen Kopf senkte, ganz rot wurde und in seinen Tee hinein zu weinen begann. Aber, er war so jung, daß man ihn entschuldigen muß.« »Ist das das Ende der Geschichte?« fragte die Wasserratte. »Durchaus nicht,« antwortete der Hänfling, »es ist der Anfang.« »Dann bist du ganz rückständig,« sagte die Wasserratte. »Jeder gute Geschichtenerzähler beginnt heutzutage mit dem Ende, geht dann zum Beginn über und schließt mit der Mitte. Das ist die neue Art. Ich habe das alles vor kurzem ausführlich von einem Kritiker gehört, der mit einem jungen Manne um den Teich wandelte. Er hielt über das Thema einen langen Vortrag, und er muß sicher seine Sache verstanden haben, denn er trug eine blaue Brille und hatte einen kahlen Kopf, und jedesmal, wenn der junge Mann eine Bemerkung machte, antwortete er ›Pah!‹ Aber, bitte, fahre mit deiner Erzählung fort. Der Müller gefällt mir außerordentlich. Ich selbst habe ja auch alle Arten von schönen Gefühlen, deshalb besteht zwischen uns eine starke Sympathie.« »Nun wohl,« sagte der Hänfling, der bald auf dem einen, bald auf dem anderen Bein hüpfte, »sobald der Winter vorbei war, und die Schlüsselblumen ihre blaßgelben Sterne zu öffnen begannen, sagte der Müller zu seiner Frau, er wollte jetzt hinabgehen und den kleinen Hans besuchen. ›Was für ein gutes Herz hast du doch!‹ rief seine Frau; ›du denkst immer an andere. Und vergiß nicht, den großen Korb mitzunehmen für die Blumen.‹ Da band der Müller die Flügel der Windmühle mit einer großen, eisernen Kette fest und ging mit dem Korb im Arm den Hügel hinab. ›Guten Morgen, kleiner Hans,‹ sagte der Müller. ›Guten Morgen,‹ sagte Hans, indem er sich auf seinen Spaten stützte und von einem Ohr zum andern lachte. ›Und wie ist es dir den ganzen Winter durch gegangen?‹ fragte der Müller. ›Ja, wahrhaftig,‹ rief Hans, ›es ist sehr freundlich von dir, daß du danach fragst, es ist wirklich sehr freundlich. Ich habe leider eine sehr schlimme Zeit gehabt, aber jetzt ist der Frühling gekommen, und ich bin ganz glücklich, und alle meine Blumen gedeihen herrlich.‹ ›Wir haben den Winter über oft von dir gesprochen, Hans,‹ sagte der Müller, ›und uns gefragt, wie es dir wohl gehen würde.‹ ›Das war sehr gütig von dir,‹ sagte Hans; ›ich fürchtete schon halb und halb, du hättest mich vergessen.‹ ›Hans, ich muß mich über dich wundern,‹ sagte der Müller; ›Freundschaft vergißt niemals. Das ist das Wundervolle daran, aber du verstehst leider nichts von der Poesie des Lebens. Übrigens, wie lieblich sehen deine Schlüsselblumen aus!‹ ›Sie sind wirklich sehr lieblich,‹ meinte Hans, ›und es ist ein großes Glück für mich, daß ich soviele habe. Ich werde sie auf den Markt bringen und der Tochter des Bürgermeisters verkaufen, und für das Geld kaufe ich meine Schubkarre zurück.‹ ›Du kaufst deine Schubkarre zurück? Willst du damit sagen, du habest sie verkauft? Wie unendlich dumm, so etwas zu tun!‹ ›Ja, die Sache liegt so,‹ sagte der kleine Hans, ›ich war dazu gezwungen. Du weißt, der Winter war für mich eine sehr schlimme Zeit, und ich hatte wirklich kein Geld mehr, um mir auch nur Brot dafür zu kaufen. Da verkaufte ich dann zuerst die Silberknöpfe meines Sonntagsrockes, und dann verkaufte ich meine silberne Kette, und dann verkaufte ich meine große Pfeife, und zuletzt verkaufte ich meine Schubkarre. Aber ich werde sie jetzt alle wieder zurückkaufen.‹ ›Hans,‹ sagte der Müller, ›ich werde dir meine Schubkarre geben. Sie ist zwar nicht im besten Zustande; eine Seite fehlt, und mit den Radspeichen ist etwas nicht in Ordnung; aber trotzdem will ich sie dir geben. Ich weiß, das ist sehr edelmütig von mir, und viele Leute würden mich für ganz verrückt halten, weil ich mich davon trenne, aber ich bin nun einmal nicht so wie die andern. Ich glaube, daß Edelmut das innerste Wesen der Freundschaft ist, und übrigens habe ich mir auch für mich schon eine neue Schubkarre angeschafft. Ja, du kannst jetzt ganz beruhigt sein, ich werde dir meine Schubkarre geben.‹ ›Nun, das ist wirklich sehr edelmütig von dir,‹ sagte der kleine Hans, und sein drolliges, rundes Gesicht glühte über und über vor Vergnügen. ›Ich kann sie sehr leicht instandsetzen, denn ich habe im Hause eine Holzplanke.‹ ›Eine Holzplanke!‹ sagte der Müller; ›aber das ist ja gerade, was ich für mein Scheunendach suche. Es befindet sich darin ein ganz großes Loch, und wenn ich es nicht zustopfe, wird das Getreide durch und durch feucht werden. Wie gut, daß du das erwähnt hast. Es ist wirklich sehr bemerkenswert, wie aus einer edlen Tat eine andere entsteht. Ich habe dir meine Schubkarre gegeben, und jetzt gibst du mir deine Planke. Natürlich ist die Schubkarre viel mehr wert als die Planke, aber wahre Freundschaft bemerkt so etwas nie. Bitte, hole sie mir doch gleich, und ich will heute noch an meiner Scheune zu arbeiten anfangen.‹ ›Gewiß,‹ schrie der kleine Hans, und er lief in die Hütte und zog die Planke heraus. ›Es ist keine sehr große Planke,‹ sagte der Müller, indem er sie betrachtete, ›und ich fürchte, wenn ich mein Scheunendach damit ausgebessert habe, dann wird für dich nichts übrig bleiben, um damit deine Schubkarre auszubessern; doch, das ist natürlich nicht meine Schuld. Und jetzt, da ich dir meine Schubkarre gegeben habe, wirst du mir sicher zum Dank gerne einige Blumen dafür geben. Hier ist der Korb, und vergiß nicht, ihn ganz voll zu machen.‹ ›Ganz voll?‹ fragte der kleine Hans etwas beklommen, denn es war wirklich ein sehr großer Korb, und er wußte, wenn er ihn füllte, dann würden ihm keine Blumen mehr übrig bleiben für den Markt, und er war sehr begierig, seine silbernen Knöpfe zurück zu bekommen. ›Aber sicher,‹ antwortete der Müller, ›denn da ich dir meine Schubkarre gegeben habe, ist es doch wirklich nicht zuviel verlangt, wenn ich dich um ein paar Blumen bitte. Ich mag mich irren, aber ich habe nun einmal geglaubt, daß Freundschaft, wahre Freundschaft ganz frei sei von Selbstsucht irgendwelcher Art.‹ ›Mein teurer Freund, mein bester Freund,‹ rief der kleine Hans, ›du kannst alle Blumen in meinem Garten haben. Lieber will ich mir deine gute Meinung bewahren, als meine Silberknöpfe überhaupt wiederhaben,‹ und er lief und pflückte alle seine schönen Schlüsselblumen und füllte des Müllers Korb. ›Leb wohl, kleiner Hans,‹ sagte der Müller und ging mit der Planke auf seiner Schulter und dem großen Korb in seiner Hand den Hügel hinauf. ›Leb wohl,‹ sagte der kleine Hans, und er begann ganz lustig weiter zu graben, er freute sich so über die Schubkarre. Am nächsten Tag nagelte er etwas Geißblatt an seiner Vorhalle fest, als er die Stimme des Müllers hörte, die ihn von der Straße aus anrief. Da sprang er die Leiter hinab, rannte durch den Garten und schaute über die Mauer. Draußen stand der Müller mit einem schweren Sack Mehl auf seinem Rücken. ›Lieber kleiner Hans,‹ sagte der Müller, ›macht es dir was aus, wenn du diesen Sack Mehl für mich auf den Markt bringst?‹ ›O, es tut mir so leid,‹ sagte der kleine Hans, ›aber ich bin wirklich heute sehr beschäftigt. Ich muß all meine Schlingpflanzen annageln, all meine Blumen begießen und meinen ganzen Grasboden walzen.‹ ›Aber wirklich,‹ sagte der Müller, ›in Anbetracht, daß ich dir meine Schubkarre gebe, ist es sehr unfreundlich von dir, mir so etwas abzuschlagen.‹ ›O, sage das nicht,‹ rief der kleine Hans, ›um alles in der Welt möchte ich nicht unfreundlich gegen dich sein,‹ und er holte schnell seine Mütze und trottete davon mit dem schweren Sack auf seinen Schultern. Es war ein ungewöhnlich heißer Tag, die Straße war schrecklich staubig, und ehe Hans den sechsten Meilenstein erreicht hatte, war er so müde, daß er sich hinsetzen mußte, um auszuruhen. Aber er schritt tapfer weiter und erreichte schließlich den Markt. Als er dort eine Weile gewartet hatte, verkaufte er den Sack Mehl zu einem sehr guten Preis und kehrte dann sofort nach Hause zurück, denn er fürchtete, wenn er sich zulange aufhielte, daß er dann auf dem Wege Räubern begegnen könnte. ›Es ist wirklich ein harter Tag gewesen,‹ sagte der kleine Hans zu sich selbst, als er zu Bett ging, ›aber ich bin froh, daß ich es dem Müller nicht abgeschlagen habe, denn er ist mein bester Freund, und er gibt mir auch seine Schubkarre.‹ Früh am nächsten Morgen kam der Müller, um das Geld für seinen Sack Mehl zu holen, aber der kleine Hans war so müde, daß er noch im Bette lag. ›Wahrhaftig,‹ sagte der Müller, ›du bist sehr faul. Tatsächlich, wenn ich bedenke, daß ich dir meine Schubkarre geben will, dann darf ich doch annehmen, du würdest etwas mehr arbeiten. Müßiggang ist eine schwere Sünde, und ich liebe es sicherlich nicht, wenn einer meiner Freunde müßig oder träge ist. Du mußt mir nicht übelnehmen, daß ich ganz offen zu dir rede. Natürlich würde mir im Traum nicht einfallen, so etwas zu tun, wenn ich nicht dein Freund wäre. Aber was hat man von der Freundschaft, wenn man nicht offen seine Meinung sagen darf? Jeder kann liebenswürdige Bemerkungen machen, schmeicheln und zu gefallen suchen, aber ein wahrer Freund sagt immer unangenehme Dinge und macht sich nichts daraus, wenn er den andern verletzt. Ja, wenn er ein wirklich echter Freund ist, dann tut er das sogar lieber, denn er weiß, daß er damit etwas Gutes tut.‹ ›Es tut mir sehr leid,‹ sagte der kleine Hans, indem er sich die Augen rieb und seine Nachtmütze abnahm, ›aber ich war so müde, daß ich absichtlich noch etwas im Bette liegen blieb, um dem Gesang der Vögel zu lauschen. Weißt du, daß ich immer viel besser arbeite, wenn ich die Vögel habe singen gehört?‹ ›Ja, das freut mich,‹ sagte der Müller, indem er dem kleinen Hans auf den Rücken klopfte, ›denn ich möchte, daß du, sobald du angezogen bist, zur Mühle herauf kommst und mir mein Scheunendach ausbesserst.‹ Der arme kleine Hans war sehr besorgt, in seinen Garten zu kommen und dort zu arbeiten, denn seine Blumen waren zwei Tage nicht begossen worden, aber er wollte dem Müller nichts abschlagen, denn er war doch solch ein guter Freund von ihm. ›Würdest du es für unfreundlich halten, wenn ich sagte, ich wäre beschäftigt?‹ fragte er mit scheuer und ängstlicher Stimme. ›In der Tat,‹ antwortete der Müller, ›ich glaube nicht sehr viel von dir verlangt zu haben, wenn ich bedenke, daß ich dir doch meine Schubkarre gebe; aber natürlich, wenn du dich weigerst, gehe ich und tue es selbst.‹ ›O, auf keinen Fall,‹ schrie der kleine Hans; und er sprang aus dem Bett, zog sich an und ging zur Scheune hinauf. Er arbeitete dort den ganzen Tag bis zum Sonnenuntergang, und bei Sonnenuntergang kam der Müller, um zu sehen, wie er vorwärts käme. ›Hast du jetzt das Loch in dem Dach ausgebessert, kleiner Hans?‹ rief der Müller mit munterer Stimme. ›Es ist völlig ausgebessert,‹ antwortete der kleine Hans und stieg die Leiter hinab. ›Ah,‹ sagte der Müller, ›es ist doch keine Arbeit so angenehm wie die, die man für andere tut.‹ ›Es ist sicher ein großer Vorzug, dich sprechen zu hören,‹ antwortete der kleine Hans, indem er sich hinsetzte und die Stirne wischte, ›ein wirklich großer Vorzug. Aber ich fürchte, ich werde wohl nie so schöne Gedanken haben wie du.‹ ›O, sie werden dir schon kommen,‹ sagte der Müller, ›aber du mußt dir mehr Mühe geben. Jetzt hast du nur die Praxis der Freundschaft; eines Tages wirst du auch die Theorie haben.‹ ›Glaubst du wirklich, daß ich sie erlange?‹ fragte der kleine Hans. ›Ich zweifle nicht daran,‹ antwortete der Müller; ›aber jetzt, da du das Dach ausgebessert hast, tust du gut, nach Hause zu gehen und dich auszuruhen, denn ich möchte, daß du morgen meine Schafe auf die Berge triebest.‹ Der arme kleine Hans fürchtete sich, etwas hierzu zu sagen, und früh am nächsten Morgen brachte der Müller seine Schafe nach der Hütte, und Hans brach mit ihnen nach den Bergen auf. Er brauchte den ganzen Tag, um dort hin und wieder zurück zu kommen; und als er zu Hause war, war er so müde, daß er auf seinem Stuhl einschlief und erst am hellen Tag wieder aufwachte. ›Wie herrlich wird es heute in meinem Garten sein,‹ sagte er; und er begann sofort zu arbeiten. Aber irgendwie kam er nie dazu, im geringsten nach seinen Blumen zu sehen, denn sein Freund, der Müller, sprach jeden Augenblick bei ihm vor und hatte weite Gänge für ihn, oder er holte ihn zur Hilfe in die Mühle. Der kleine Hans war manchmal recht betrübt, da er fürchtete, die Blumen dächten, er hätte sie vergessen. Aber er tröstete sich mit der Erwägung, daß der Müller sein bester Freund sei. ›Übrigens,‹ pflegte er zu sagen, ›er gibt mir ja auch seine Schubkarre, und das ist ein Akt reinen Edelmuts.‹ So arbeitete denn der kleine Hans weiter für den Müller, und der Müller sagte schöne Dinge aller Art über die Freundschaft, die Hans in ein Notizbuch schrieb und nachts zu lesen pflegte, denn er war ein sehr guter Schüler. Nun geschah es, daß der kleine Hans eines Abends an seinem Herd saß, als ein lautes Pochen an die Tür kam. Es war eine äußerst wilde Nacht, und der Sturm blies und brüllte so schrecklich um das Haus, daß Hans zuerst dachte, es sei nur das Wetter gewesen. Aber da kam ein zweites Pochen und dann ein drittes, lauter als die beiden andern. ›Es ist ein armer Wandersmann,‹ sagte sich der kleine Hans, als er zur Türe lief. Da stand der Müller mit einer Laterne in einer Hand und einem schweren Stock in der andern. ›Lieber kleiner Hans,‹ rief der Müller, ›ich bin in großer Sorge. Mein kleiner Junge ist eine Leiter hinab gefallen und hat sich verletzt, so daß ich zum Doktor muß. Aber er wohnt so weit weg, und es ist solch eine schlimme Nacht, daß es mir gerade einfiel, es würde wohl viel besser sein, wenn du an meiner Stelle hingingest. Du weißt, ich gebe dir meine Schubkarre und darum ist es nicht mehr als recht, wenn du dafür auch etwas für mich tust.‹ ›Gewiß,‹ rief der kleine Hans, ›ich betrachte es sogar als eine Auszeichnung, daß du zu mir kommst, und will sofort aufbrechen. Aber du mußt mir deine Laterne leihen, denn die Nacht ist so dunkel, daß ich fürchte, in den Graben zu fallen.‹ ›Es tut mir sehr leid,‹ antwortete der Müller, ›aber es ist meine neue Laterne, und es würde für mich ein großer Verlust sein, wenn ihr etwas zustieße.‹ ›O, das hat nichts zu sagen, es wird auch so gehen,‹ rief der kleine Hans, und er nahm seinen schweren Pelzmantel und seine warme rote Mütze von der Wand, band ein Tuch um seinen Hals und marschierte los. Was für ein schrecklicher Sturm wehte draußen! Die Nacht war so finster, daß der kleine Hans kaum sehen konnte, und der Wind war so stark, daß er mit Mühe stehen konnte. Trotzdem hatte er guten Mut, und nachdem er drei Stunden marschiert war, langte er an des Doktors Haus an und klopfte an die Türe. ›Wer ist da?‹ rief der Doktor, indem er den Kopf aus dem Fenster seines Schlafzimmers steckte. ›Der kleine Hans, Doktor.‹ ›Was willst du, kleiner Hans?‹ ›Des Müllers Sohn ist von der Leiter gefallen und hat sich verletzt, und der Müller möchte, daß Sie sofort zu ihm hinkämen.‹ ›Gewiß!‹ sagte der Doktor; und er ließ sein Pferd satteln, zog seine schweren Stiefel an, nahm seine Laterne und kam herab. Dann ritt er fort in der Richtung nach des Müllers Haus, und der kleine Hans trottete hinter ihm her. Aber der Sturm wurde schlimmer und schlimmer, der Regen fiel in Strömen, und der kleine Hans konnte nicht sehen, wo er ging, noch mit dem Pferde Schritt halten. Schließlich kam er vom Weg ab und verlor sich auf das Moor, was ein sehr gefährlicher Platz war. Denn es war voll tiefer Löcher, und schließlich ertrank der kleine Hans in einem. Am nächsten Tage fanden einige Ziegenhirten seinen Leichnam, der in einem großen Wasserloch schwamm, und brachten ihn in seine Hütte. Alles ging zu des kleinen Hans Begräbnis, denn er war sehr beliebt, und der Müller war der Hauptleidtragende. ›Da ich sein bester Freund war,‹ sagte der Müller, ›ist es nicht mehr als recht, daß ich auch den besten Platz habe,‹ und so marschierte er an der Spitze des ganzen Gefolges in einem langen, schwarzen Rock, und immer wieder wischte er sich die Augen mit einem großen Taschentuch. ›Der kleine Hans ist sicher für uns alle ein großer Verlust,‹ sagte der Hufschmied, als das Begräbnis vorbei war, und sie alle gemütlich in der Schenke saßen, gewürzten Wein tranken und süßen Kuchen aßen. ›Jedenfalls ein großer Verlust für mich,‹ antwortete der Müller; ›ach ja, ich hatte ihm meine Schubkarre schon so gut wie geschenkt, und jetzt weiß ich wirklich nicht, was ich mit ihr anfangen soll. Sie ist mir zu Hause sehr im Wege und dabei in einem so schlechten Zustande, daß ich überhaupt nichts dafür bekomme, wenn ich sie verkaufe. Ich werde mich gewiß hüten, noch einmal etwas fortzugeben. Man hat immer nur Schaden, wenn man edelmütig ist‹.« »Nun?« fragte die Wasserratte nach einer langen Pause. »Nun, das ist der Schluß,« sagte der Hänfling. »Aber, was ist denn aus dem Müller geworden?« fragte die Wasserratte. »O, das weiß ich wirklich nicht,« antwortete der Hänfling; »und es interessiert mich auch sicherlich nicht.« »Damit verraten Sie deutlich, daß Sie kein Gefühl im Charakter haben,« sagte die Wasserratte. »Ich fürchte, Sie verstehen nicht ganz die Moral der Geschichte,« bemerkte der Hänfling. »Was verstehe ich nicht?« schrie die Wasserratte. »Die Moral.« »Wollen Sie damit sagen, daß die Geschichte eine Moral hat?« »Natürlich,« antwortete der Hänfling. »Nun wahrhaftig,« sagte die Wasserratte und wurde sehr böse, »das hätten Sie mir sagen sollen, bevor Sie begannen. Denn wenn Sie das getan hätten, dann würde ich Sie sicherlich nicht angehört haben; oder höchstens hätte ich ›Pah‹ gesagt wie der Kritiker. Übrigens kann ich das jetzt auch noch tun.« Und so schrie sie »Pah«, so laut sie konnte, wedelte mit dem Schwanz und verschwand wieder in ihrer Höhle. »Haben Sie eigentlich die Wasserratte gern?« fragte die Ente, die einige Minuten später herangerudert kam. »Sie hat sehr viele gute Seiten, aber ich für meinen Teil fühle nun einmal wie eine Mutter, und ich kann nie einen eingefleischten Junggesellen ansehen, ohne daß mir die Tränen in die Augen kommen.« »Ich fürchte sehr, daß ich sie gekränkt habe,« antwortete der Hänfling. »Ich erzählte ihr nämlich eine Geschichte mit einer Moral.« »O, das ist immer eine sehr gefährliche Sache,« sagte die Ente. Und darin kann man ihr nur beipflichten. Die vornehme Rakete Des Königs Sohn sollte Hochzeit halten, daher fanden allgemeine Lustbarkeiten statt. Er hatte ein ganzes Jahr auf seine Braut gewartet, und endlich war sie angekommen. Sie war eine russische Prinzessin und hatte den ganzen Weg von Finnland aus in einem Schlitten zurückgelegt, der von sechs Renntieren gezogen wurde. Der Schlitten besaß die Form eines großen goldenen Schwans, und mitten zwischen den Flügeln des Schwans lag die Prinzessin selbst. Ihr langer Hermelinmantel reichte bis zu ihren Füßen hinab, auf ihrem Kopf saß eine zierliche, silberbestickte Mütze, und sie war so bleich wie der Eispalast, in dem sie immer gelebt hatte. So bleich war sie, daß alle Leute staunten, als sie durch die Straßen fuhr. »Sie ist wie eine weiße Rose!« riefen sie und warfen von den Balkonen Blumen auf sie hinab. Am Schloßtor wartete der Prinz, um sie zu empfangen. Er hatte träumerische, veilchenblaue Augen, und sein Haar war wie reines Gold. Als er sie sah, sank er auf ein Knie und küßte ihre Hand. »Dein Bildnis war schön,« flüsterte er, »aber du bist schöner als dein Bildnis,« und die kleine Prinzessin errötete. »Vorher war sie wie eine weiße Rose,« sagte ein junger Page zu seinem Nachbar, »aber jetzt ist sie wie eine rote Rose,« und der ganze Hof war entzückt. Die nächsten drei Tage durch hatte jedermann nur die Worte im Munde: »Weiße Rose, rote Rose, rote Rose, weiße Rose,« und der König gab Befehl, daß das Gehalt des Pagen verdoppelt werden sollte. Da dieser überhaupt kein Gehalt empfing, nützte ihm das nicht viel, aber es wurde für eine große Ehre angesehen und gebührend im Hofanzeiger mitgeteilt. Als die drei Tage vorüber waren, wurde die Hochzeit gefeiert. Es war eine herrliche Zeremonie, und Braut und Bräutigam gingen Hand in Hand unter einem Baldachin von purpurnem Samt, der mit kleinen Perlen bestickt war. Dann gab es ein Prunkmahl, das fünf Stunden dauerte. Der Prinz und die Prinzessin hatten die Ehrenplätze in dem großen Saal und tranken aus einem Kelch von reinem Kristall. Nur wahrhaft Liebende konnten aus diesem Kelch trinken, wenn falsche Lippen ihn berührten, wurde er mißfarben, blind und trübe. »Es ist ganz klar, daß sie sich lieben,« sagte der kleine Page, »so klar wie Kristall!« und der König verdoppelte sein Gehalt zum zweiten Male. »Welch eine Ehre!« riefen alle Höflinge. Nach dem Mahl sollte ein Ball stattfinden. Die Braut und der Bräutigam sollten miteinander den Rosentanz tanzen, und der König hatte versprochen, die Flöte zu blasen. Er spielte sehr schlecht, aber nie hatte jemand gewagt, ihm das zu sagen, denn er war der König. Eigentlich kannte er nur zwei Melodien und wußte nie ganz genau, welche von beiden er gerade spielte; aber das machte nichts aus, denn, was er auch tat, jeder schrie doch: »Reizend! reizend!« Der letzte Punkt des Programms war eine große Feuerwerkschau, die genau um Mitternacht losgelassen werden sollte. Die kleine Prinzessin hatte nie in ihrem Leben ein Feuerwerk gesehen, daher hatte der König den Befehl gegeben, daß der Königliche Kunstfeuerwerker an ihrem Hochzeitstage die Vorführung leiten sollte. »Wie sieht eigentlich Feuerwerk aus?« hatte sie den Prinzen eines Morgens gefragt, als sie über die Terrasse ging. »Es sieht aus wie das Nordlicht,« sagte der König, der immer Fragen beantwortete, die an andere Leute gerichtet waren, »nur ist es viel natürlicher. Ich ziehe es sogar den Sternen vor, denn man weiß immer, wann es losgeht, und es ist so entzückend wie mein Flötenspiel. Du mußt es wirklich sehen.« So hatte man denn am Ende des Königlichen Gartens ein hohes Gestell errichtet, und sobald der Königliche Kunstfeuerwerker alles richtig hergerichtet hatte, begannen die Feuerwerkskörper miteinander zu reden. »Die Welt ist wirklich sehr schön,« rief ein kleiner Schwärmer. »Sehen Sie sich nur diese gelben Tulpen an. Wirklich! wenn sie richtige Knallschwärmer wären, könnten sie nicht lieblicher sein. Ich bin sehr froh, daß ich gereist habe. Reisen weitet wunderbar den Verstand, und man verliert alle seine Vorurteile.« »Der Königliche Garten ist nicht die Welt, Sie törichter Schwärmer,« sagte eine große römische Kerze; »die Welt ist ein enormer Platz, und Sie würden drei Tage brauchen, um sie gründlich zu bereisen.« »Jeder Platz, den wir lieben, ist für uns die Welt,« erklärte ein beschauliches Feuerrad, das im Anfang seines Lebens ein Verhältnis mit einer alten Spanschachtel gehabt hatte und sich viel auf sein gebrochenes Herz einbildete; »aber Liebe ist jetzt nicht mehr Mode; die Dichter haben sie getötet. Sie haben so viel darüber geschrieben, daß ihnen kein Mensch mehr glaubt, was mich auch nicht in Erstaunen setzt. Wahre Liebe duldet und schweigt. Ich erinnere mich selbst, wie ich einst – aber das ist jetzt ohne Belang. Romantik gehört der Vergangenheit an.« »Unsinn!« sagte die römische Kerze, »Romantik stirbt nie. Sie ist wie der Mond und lebt ewig. Die Braut und der Bräutigam zum Beispiel lieben sich ganz zärtlich. Eine Packpapierpatrone hat mir heute morgen alles ausführlich über die beiden erzählt. Sie lag mit mir zufällig in derselben Schublade und wußte die neuesten Hofnachrichten.« Aber das Feuerrad schüttelte seinen Kopf. »Romantik ist tot, Romantik ist tot, Romantik ist tot,« hauchte es. Es war eines von jenen Leuten, die glauben, wenn sie etwas immer und immer wieder sagen, daß es dann wahr wird. Plötzlich ertönte ein scharfes, trockenes Husten, und alle blickten sich um. Es kam von einer schmalen, hochmütig dreinschauenden Rakete, die an das Ende eines langen Stockes gebunden war. Sie pflegte immer zu husten, bevor sie eine Bemerkung machte, um dadurch die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. »Hm! hm!« sagte sie, und alle lauschten, mit Ausnahme des armen Feuerrades, das noch immer seinen Kopf schüttelte und hauchte: »Romantik ist tot!« »Zur Ordnung!« schrie ein Knallschwärmer. Er war ein angehender Politiker und hatte immer einen hervorragenden Anteil an den Ortswahlen genommen, deshalb wußte er, wie man die richtigen parlamentarischen Ausdrücke anwendet. »Ganz tot!« hauchte noch einmal das Feuerrad und schlief dann ein. Sobald vollkommene Stille eingetreten war, hustete die Rakete zum drittenmal und begann dann zu reden. Sie sprach mit einer sehr langsamen, deutlichen Stimme, als diktierte sie ihre Memoiren, und sah die Leute, mit denen sie sprach, immer über die Achsel an. Sie hatte wirklich ein sehr hervorragendes Benehmen. »Welch ein Glück ist es für den Sohn des Königs,« bemerkte sie, »daß er gerade an demselben Tag verheiratet wird, an dem ich abbrenne. Wirklich, wenn es absichtlich so eingerichtet wäre, es hätte nicht glücklicher für ihn bestimmt werden können; aber Prinzen haben immer Glück.« »Du lieber Himmel!« sagte der kleine Schwärmer, »ich dachte, es wäre gerade umgekehrt, und wir würden zu Ehren des Prinzen abgebrannt werden.« »Bei Ihnen mag das ja zutreffen,« entgegnete die Rakete; »wirklich, ich zweifle nicht daran, aber bei mir liegt die Sache doch ganz anders. Ich bin eine sehr vornehme Rakete und stamme von vornehmen Eltern. Meine Mutter war das berühmteste Feuerrad ihres Tages und wurde wegen seines eleganten Tanzens erwähnt. Als sie ihr großes öffentliches Auftreten hatte, drehte sie sich neunzehnmal herum, ehe sie ausging, und bei jeder Umdrehung schleuderte sie sieben rosa Sterne in die Luft. Sie maß dreiundeinhalb Fuß im Durchmesser und war aus dem besten Schießpulver gemacht. Mein Vater war wie ich eine Rakete und von französischer Abstammung. Er flog so hoch, daß die Leute fürchteten, er würde überhaupt nicht wieder herunterkommen. Er tat es aber doch, denn er hatte ein freundliches Gemüt, und er machte einen höchst brillanten Abstieg in einem Schauer von goldenem Regen. Die Zeitungen drückten sich über seine Vorführung in sehr schmeichelhaften Wendungen aus. Der Staatsanzeiger nannte ihn sogar einen Triumph der pylotechnischen Kunst.« »pyrotechnisch, pyrotechnisch meinen Sie,« sagte ein bengalisches Licht; »ich weiß, das Wort heißt pyrotechnisch, denn es stand auf meiner eigenen Blechbüchse geschrieben.« »Nun, ich habe pylotechnisch gesagt,« antwortete die Rakete mit einem strengen Ton in der Stimme, und das bengalische Licht fühlte sich so zerschmettert, daß es sofort begann, die kleinen Schwärmer anzufauchen, um zu zeigen, daß es noch eine Person von einiger Bedeutung war. »Ich sagte,« fuhr die Rakete fort, »ich sagte – wovon sprach ich doch gerade?« »Sie sprachen von sich selbst,« fiel die römische Kerze ein. »Natürlich, ich wußte, daß ich einen interessanten Gegenstand erörterte, als ich so roh unterbrochen wurde. Ich hasse Roheit und schlechte Manieren jeder Art, denn ich bin unendlich feinfühlig. Niemand auf der ganzen Welt ist so feinfühlig, wie ich bin, dessen bin ich ganz sicher.« »Was ist das, eine feinfühlende Person?« fragte der Knallschwärmer die römische Kerze. »Eine Person, die, weil sie selbst Hühneraugen hat, stets andern auf die Zehen tritt,« antwortete die römische Kerze mit leisem Flüstern, und der Knallschwärmer platzte fast vor Lachen. »Bitte, über was lachen Sie?« fragte die Rakete; »ich lache nicht.« »Ich lache, weil ich glücklich bin,« antwortete der Knallschwärmer. »Das ist ein sehr selbstsüchtiger Grund,« sagte die Rakete ärgerlich. »Welches Recht haben Sie, glücklich zu sein? Sie sollten an andere denken. Wirklich, Sie sollten an mich denken. Ich denke immer an mich selbst und erwarte, daß alle dasselbe tun. Das ist, was ich Sympathie nenne. Sie ist eine schöne Tugend, und ich besitze sie in einem hohen Grade. Nehmen wir zum Beispiel an, mir geschähe heute abend etwas, was für ein Unglück würde das für jedermann sein! Der Prinz und die Prinzessin würden nie wieder glücklich sein, ihr ganzes Eheleben wäre zerstört; und was den König angeht, so weiß ich, daß er es nicht überstehen würde. Wirklich, wenn ich anfange, über die Wichtigkeit meiner Stellung nachzudenken, dann werde ich fast bis zu Tränen gerührt.« »Wenn Sie andern ein Vergnügen bereiten wollen,« rief die römische Kerze, »dann tun Sie besser, sich trocken zu halten.« »Natürlich,« schrie das bengalische Licht, das jetzt wieder aufgemuntert war, »das sagt einem schon der gewöhnliche Verstand.« »Ganz recht, der gewöhnliche Verstand!« sprach die Rakete unwillig; »Sie vergessen nur, daß ich sehr ungewöhnlich bin und sehr vornehm. Überhaupt kann jeder gewöhnlichen Verstand besitzen, besonders wenn er keine Einbildung hat. Ich aber habe Einbildung, denn ich stelle mir die Dinge nie so vor, wie sie wirklich sind; ich stelle sie mir immer als etwas ganz anderes vor. Was nun die Bemerkung angeht, ich sollte mich trocken halten, so gibt es hier offenbar niemand, der eine gefühlvolle Natur zu schätzen weiß. Zum Glück für mich selbst mache ich mir nichts daraus. Das einzige, was einen im Leben aufrecht erhält, ist das Bewußtsein von der unendlichen Minderwertigkeit aller andern, und das ist ein Gefühl, das ich immer gepflegt habe. Aber Ihnen allen fehlt ja überhaupt das Herz. Sie lachen hier und machen sich lustig, als ob überhaupt kein Prinz und keine Prinzessin sich gerade verheiratet hätten.« »Aber wirklich,« rief eine kleine Feuerkugel aus, »warum sollten wir das denn nicht? Es ist doch ein durchaus freudiges Ereignis, und wenn ich in die Luft emporsteige, dann will ich alles den Sternen erzählen. Ihr werdet sehen, wie sie blinzeln, wenn ich mich mit ihnen über die schöne Braut unterhalte.« »Gott, was für eine gewöhnliche Lebensauffassung!« sagte die Rakete; »doch es ist nur, was ich erwartet habe. Ihnen fehlt der innere Gehalt, Sie sind hohl und leer. Wie, wenn nun einmal der Prinz und die Prinzessin aufs Land ziehen, wo ein tiefer Fluß ist, und wenn sie dann einen einzigen Sohn haben, einen kleinen blondhaarigen Knaben mit veilchenblauen Augen, wie der Prinz selbst; und wenn er dann eines Tages mit seiner Amme ausgeht, und die Amme legt sich unter einem großen Hollunderbaum zum Schlafen nieder; und wenn dann der kleine Knabe in den tiefen Fluß fällt und ertrinkt – wie, wäre das nicht ein schreckliches Unglück? Die armen Menschen, daß sie so ihr Kind verlieren müssen! Es ist wirklich zu entsetzlich! Ich werde nie darüber hinwegkommen.« »Aber sie haben doch gar nicht ihren einzigen Sohn verloren,« sagte die römische Kerze; »es ist ihnen überhaupt kein Unglück geschehen.« »Habe ich das vielleicht behauptet?« entgegnete die Rakete; »ich sagte, es hätte geschehen können. Wenn sie ihren einzigen Sohn wirklich verloren hätten, dann wäre es zwecklos, noch ein Wort über die Angelegenheit zu verlieren. Ich hasse Leute, die sich über geschehene Dinge aufregen. Aber wenn ich mir vorstelle, sie könnten ihren einzigen Sohn verlieren, dann bin ich davon doch sehr affektiert.« »Das sind Sie wahrhaftig!« rief das bengalische Licht. »Sie sind überhaupt die affektierteste Person, die ich je getroffen habe.« »Und Sie sind die roheste Person, die ich je getroffen habe,« sagte die Rakete, »Sie können natürlich meine Freundschaft mit dem Prinzen nicht verstehen.« »Wie, Sie kennen ihn doch gar nicht?« murrte die römische Kerze. »Ich habe nie behauptet, ich kennte ihn,« antwortete die Rakete. »Ich darf wohl sagen, wenn ich ihn kennte, würde ich keinesfalls sein Freund sein. Es ist eine sehr gefährliche Sache, seine Freunde zu kennen.« »Sie sollten sich aber wirklich trocken halten,« sagte die Feuerkugel. »Das ist die wichtigste Sache.« »Sehr wichtig für Sie, das bezweifle ich nicht,« antwortete die Rakete, »aber ich werde weinen, wann es mir gefällt,« und sie brach tatsächlich in wirkliche Tränen aus, die wie Regentropfen an ihrem Stock hinabrannen und beinahe zwei kleine Käfer ertränkten, die gerade daran dachten, sich da häuslich niederzulassen, und nach einem hübschen, trocknen Fleckchen suchten, um dort zu wohnen. »Sie muß wirklich eine romantische Natur haben,« sagte das Feuerrad, »denn sie weint, wenn es gar keinen Grund zum Weinen gibt,« und es stieß einen tiefen Seufzer aus und dachte an seine Spanschachtel. Aber die römische Kerze und das bengalische Licht waren sehr aufgebracht und riefen immerfort, so laut sie konnten: »Schwindel! Schwindel!« Sie waren äußerst praktisch, und wenn sie etwas nicht billigten, dann nannten sie es Schwindel. Dann ging der Mond auf wie eine wundervolle silberne Scheibe; und die Sterne begannen zu scheinen, und der Klang der Musik kam aus dem Palaste. Der Prinz und die Prinzessin führten den Tanz. Sie tanzten so schön, daß die hohen weißen Lilien durch das Fenster blickten und ihnen zusahen, und daß die großen roten Mohnblumen mit den Köpfen nickten und den Takt angaben. Dann schlug die Uhr zehn und dann elf und dann zwölf, und mit dem letzten Schlag der Mitternachtsstunde kamen alle heraus auf die Terrasse, und der König ließ den königlichen Kunstfeuerwerker kommen. »Beginnen Sie mit dem Feuerwerk,« sagte der König; und der königliche Kunstfeuerwerker machte eine tiefe Verbeugung und marschierte nach dem Ende des Gartens. Er hatte sechs Gehilfen bei sich, von denen jeder an einem langen Stabe eine brennende Fackel trug. Es war sicherlich ein großartiges Schauspiel. Sß, Sß! machte das Feuerrad und drehte sich rasend herum. Bumm! bumm! dröhnte die römische Kerze. Dann tanzten die Schwärmer über den ganzen Platz, und die bengalischen Lichter tauchten alles in rote Glut. »Lebt wohl!« rief die Feuerkugel, als sie emporstieg und winzige, blaue Funken sprühte. Piff! Paff! antworteten die Knallschwärmer, die sich unendlich amüsierten. Alle hatten sie einen großen Erfolg, mit Ausnahme der vornehmen Rakete. Sie war so durchnäßt vom Weinen, daß sie überhaupt nicht losgehen konnte. Das beste in ihr war das Schießpulver, und das war so feucht von Tränen, daß es unbrauchbar geworden war. Alle ihre armen Verwandten, zu denen sie nur mit einem Nasenrümpfen sprechen mochte, schossen in die Luft wie wundervolle goldne Blumen mit Blüten von Feuer. Heißa! heißa! schrie der Hof, und die kleine Prinzessin lachte vor Vergnügen. »Ich glaube, ich werde für eine besondere Gelegenheit aufgespart,« sagte die Rakete, »zweifellos ist das die Absicht,« und sie schaute hochmütiger drein als je. Am nächsten Tag kamen die Arbeiter, um alles sauber zu machen. »Das ist offenbar eine Deputation,« sagte die Rakete; »ich werde sie mit geziemender Würde empfangen.« Sie steckte also ihre Nase in die Luft und begann, ihre Stirne in strenge Falten zu ziehen, als ob sie über irgendeine wichtige Angelegenheit nachdächte. Aber sie beachteten sie gar nicht, bis sie gerade dabei waren, wieder wegzugehen. Da erblickte sie einer. »Holla,« rief er, »was für eine schlechte Rakete!« und er warf sie über die Mauer in den Graben. »Schlechte Rakete? Schlechte Rakete?« fragte sie, als sie durch die Luft wirbelte; »unmöglich! prächtige Rakete hat der Mann gesagt. Schlechte und prächtige Rakete klingen fast gleich, sie sind es überhaupt öfters,« und sie fiel in den Schlamm. »Es ist nicht behaglich hier,« bemerkte sie, »aber zweifellos ist es ein vornehmer Badeort, und sie haben mich hierher geschickt, damit ich mich gesundheitlich erhole. Meine Nerven sind auch tatsächlich sehr angegriffen, und ich brauche Ruhe.« Da kam ein kleiner Frosch mit glänzenden Juwelenaugen und einem grüngetupften Rock auf sie zugeschwommen. »Aha, ein neuer Ankömmling!« sagte der Frosch. »Nun, alles in allem, es geht doch nichts über Schlamm. Wenn ich nur Regenwetter und einen Graben habe, bin ich ganz glücklich. Glauben Sie, daß wir einen feuchten Nachmittag bekommen? Natürlich hoffe ich es, aber der Himmel ist ganz blau und wolkenlos. Wie schade!« »Hm! hm!« sagte die Rakete und begann zu husten. »Was für eine entzückende Stimme haben Sie!« rief der Frosch. »Wirklich, sie ist ganz wie ein Gequak, und Quaken ist natürlich der musikalischste Klang in der Welt. Heute abend werden Sie unsern Gesangverein hören. Wir sitzen in dem alten Ententeich dicht bei dem Bauernhaus, und sobald der Mond aufgeht, fangen wir an. Es ist so bezaubernd, daß alles wach liegt, um uns zu lauschen. Tatsächlich, erst gestern hörte ich, wie die Bauernfrau zu ihrer Mutter sagte, sie habe nachts unsertwegen kein Auge zumachen können. Es ist doch höchst erfreulich, wenn man so populär ist.« »Hm! hm!« sagte die Rakete ärgerlich. Sie war sehr entrüstet, weil sie nicht zu Worte kommen konnte. »Wirklich, eine entzückende Stimme,« fuhr der Frosch fort; »hoffentlich kommen Sie zum Ententeich hinüber. Ich muß jetzt fort, um nach meinen Töchtern zu sehen. Ich habe sechs schöne Töchter und fürchte so sehr, der Hecht möchte sie treffen. Er ist ein wirkliches Scheusal und würde kein Bedenken tragen, sie zum Frühstück zu verzehren. Nun, auf Wiedersehn. Ihre Unterhaltung hat mir wirklich sehr viel Vergnügen gemacht.« »Das nennen Sie Unterhaltung?« fragte die Rakete. »Sie haben die ganze Zeit über allein gesprochen. So was ist keine Unterhaltung.« »Einer muß zuhören,« antwortete der Frosch, »und ich liebe es, das Reden selbst zu besorgen. Es spart Zeit und verhindert Auseinandersetzungen.« »Aber ich liebe Auseinandersetzungen,« sagte die Rakete. »Hoffentlich nicht,« meinte der Frosch gleichmütig. »Auseinandersetzungen sind äußerst unfein, denn in guter Gesellschaft haben alle dieselbe Meinung. Nochmals, auf Wiedersehn; ich bemerke da hinten meine Töchter,« und der kleine Frosch schwamm hinweg. »Sie sind eine ganz unausstehliche Person,« rief die Rakete, »und sehr schlecht erzogen. Ich hasse Leute, die, wie Sie es tun, von sich selbst reden, während ich nach meiner Gewohnheit von mir reden möchte. Das nenne ich Selbstsucht, und Selbstsucht ist das verächtlichste, was es gibt, besonders wenn sie sich gegen jemand von meiner Veranlagung richtet, denn ich bin wegen meiner gefühlvollen Natur bekannt. Wirklich, Sie könnten sich an mir ein Beispiel nehmen, ein besseres Vorbild als mich finden Sie überhaupt nicht. Jetzt, da Sie das Glück haben, sollten Sie es auch ausnutzen, denn ich gehe in kürzester Zeit wieder an den Hof zurück. Ich stehe beim Hof im höchsten Ansehen; in der Tat, mir zu Ehren wurden gestern der Prinz und die Prinzessin verheiratet. Natürlich wissen Sie von all diesen Dingen nichts, denn Sie sind ja aus der Provinz.« »Es hat keinen Zweck, zu ihm zu sprechen,« sagte eine Libelle, die auf der Spitze eines hohen, braunen Schilfrohrs saß; »es hat gar keinen Zweck, denn er ist fort.« »Nun, um so schlimmer für ihn,« antwortete die Rakete. »Ich werde nicht zu reden aufhören, weil er zufällig nicht acht gibt. Ich höre mich selbst gerne reden. Es ist eins meiner größten Vergnügen. Ich führe oft lange Unterhaltungen mit mir selbst und bin so geistreich, daß ich manchmal nicht ein einziges Wort von dem verstehe, was ich sage.« »Dann sollten Sie wirklich Vorlesungen über Philosophie halten,« sagte die Libelle; und sie breitete ein paar liebliche Gazeflügel aus und flog in die Luft empor. »Wie töricht von ihr, daß sie nicht hierblieb!« sagte die Rakete. »Sicherlich hat sie nicht oft eine solche Aussicht gehabt, ihre Kenntnisse zu vermehren. Übrigens ist es mir gänzlich gleichgültig. Ein Genie wie ich wird bestimmt eines Tages anerkannt werden,« und sie sank ein klein wenig tiefer in den Morast. Nach einiger Zeit schwamm eine große, weiße Ente auf sie zu. Sie hatte gelbe Beine und Schwimmhäute an den Füßen und wurde wegen ihres Watschelns für eine große Schönheit gehalten. »Quak, quak, quak,« sagte sie. »Wie merkwürdig Sie aussehen! Darf ich fragen, ob Sie so geboren sind, oder ob es die Folge eines Unfalls ist?« »Man sieht ganz deutlich, daß Sie immer auf dem Lande gelebt haben,« antwortete die Rakete, »sonst wüßten Sie, wer ich bin. Aber ich verzeihe Ihnen Ihre Unwissenheit. Es wäre unrecht, zu erwarten, daß andere Leute so vornehm sind, wie man selbst ist. Es wird Sie zweifellos in Staunen versetzen, wenn Sie hören, daß ich in die Luft fliegen kann und in einem Schauer von goldenem Regen wieder herunterkomme.« »Davon halte ich nicht viel,« sagte die Ente, »denn ich sehe nicht ein, was das irgend jemand nützen soll. Aber wenn Sie wie der Ochse die Felder pflügen, oder wie ein Pferd einen Wagen ziehen könnten, oder wenn Sie wie der Schäferhund nach den Schafen sehen könnten, das wäre etwas.« »Mein gutes Geschöpf,« rief die Rakete mit einem sehr stolzen Ton in ihrer Stimme, »ich sehe, Sie gehören zu den niederen Klassen. Eine Person von meinem Rang ist nie zu etwas nütze. Wir haben gewisse Fähigkeiten, und das ist mehr als genügend. Ich habe keine Vorliebe für irgendwelche gewerbliche Tätigkeit, am wenigsten für solche, wie Sie sie mir da zu empfehlen scheinen. Ich bin überhaupt der Meinung, daß grobe Arbeit eine Ausflucht für solche Leute ist, die in Wirklichkeit nichts zu tun haben.« »Gewiß, gewiß,« sagte die Ente, die sehr friedlich veranlagt war und nie mit jemand stritt, »jeder hat einen andern Geschmack. Jedenfalls hoffe ich, daß Sie sich hier dauernd niederlassen.« »Auf keinen Fall, meine Liebe!« rief die Rakete. »Ich bin nur ein Besucher, ein vornehmer Besucher. Übrigens finde ich diesen Platz sehr langweilig. Es ist weder Gesellschaft hier noch Einsamkeit. Im Grunde ist es richtige Vorstadt. Ich werde wahrscheinlich wieder an den Hof zurückkehren, denn ich weiß, daß ich bestimmt bin, in der Welt Aufsehen zu erregen.« »Ich habe auch schon einmal daran gedacht, in das öffentliche Leben einzutreten,« bemerkte die Ente; »es gibt so viele Dinge, die man reformieren müßte. Vor einiger Zeit habe ich dann auch den Vorsitz in einer Versammlung übernommen, und wir nahmen Resolutionen an, in denen alles verdammt wurde, was wir nicht liebten. Aber sie scheinen keine große Wirkung gehabt zu haben. Jetzt bin ich mehr für die Häuslichkeit und bekümmere mich um meine Familie.« »Ich bin für das öffentliche Leben geschaffen,« sagte die Rakete, »und alle meine Verwandten, selbst die geringsten, sind es auch. So oft wir auch erscheinen, erregen wir großes Aufsehen. Ich selbst bin bisher noch nicht wirklich aufgetreten, aber wenn ich es tue, wird man einen herrlichen Anblick haben. Was Häuslichkeit angeht, die macht einen früh alt und zieht den Geist von den höheren Dingen ab.« »Ach ja, die höheren Dinge des Lebens, wie wundervoll sind sie!« sagte die Ente; »aber das erinnert mich daran, daß ich Hunger habe,« und sie schwamm davon, der Strömung nach, und sagte: »Quak, quak, quak.« »Kommen Sie zurück! kommen Sie zurück!« schrie die Rakete, »ich habe Ihnen noch sehr viel zu sagen,« aber die Ente gab keine Acht auf sie. »Ich bin froh, daß sie weg ist,« sagte die Rakete, »ihre Ansichten sind ganz kleinbürgerlich,« und sie sank ein wenig tiefer in den Schlamm und begann über die Einsamkeit des Genies nachzudenken, als plötzlich zwei kleine Knaben in weißen Kitteln das Ufer herabrannten mit einem Kessel und einigen Holzscheiten. »Dies muß eine Deputation sein«, sagte die Rakete und versuchte, ein sehr würdevolles Gesicht zu machen. »Hallo!« schrie der eine der Knaben, »sieh diesen alten Stock! Wie mag der wohl hierhergekommen sein,« und er fischte die Rakete aus dem Graben hervor. »Alter Stock!« sagte die Rakete, »unmöglich! Seltner Stock, hat er gesagt. Seltner Stock ist sehr schmeichelhaft. Wahrhaftig, er hält mich für einen Würdenträger vom Hofe!« »Wir wollen ihn mit ins Feuer werfen!« sagte der andere Knabe, »desto schneller kocht der Kessel.« Sie schichteten nun die Scheite zusammen, legten die Rakete oben drauf und steckten das Feuer an. »Das ist großartig,« rief die Rakete; »sie lassen mich am hellen Tag losgehen, so daß mich jeder sehen kann.« »Wir wollen jetzt schlafen,« sagten die Knaben, »wenn wir aufwachen, wird der Kessel kochen,« und sie legten sich ins Gras und schlossen die Augen. Die Rakete war sehr feucht, und so dauerte es ziemlich lange, bis sie brannte. Schließlich aber faßte sie das Feuer. »Jetzt gehe ich los!« rief sie und hielt sich ganz steif und gerade. »Ich weiß, ich werde viel höher fliegen als die Sterne, viel höher als der Mond, viel höher als die Sonne.« Sß! Sß! Sß! machte sie und stieg steil in die Luft. »Wundervoll!« rief sie, »so werde ich immer weiter fliegen. Welch einen Erfolg habe ich!« Aber niemand sah sie. Dann überkam sie auf einmal ein seltsames, prickelndes Gefühl. »Jetzt werde ich explodieren«, rief sie. »Ich werde die ganze Welt in Brand setzen und einen solchen Lärm machen, daß ein ganzes Jahr lang niemand von etwas anderem sprechen wird.« Und sie explodierte auch wirklich. Daran war nicht zu zweifeln. Aber niemand hörte sie, nicht einmal die beiden kleinen Knaben, denn die lagen in festem Schlaf. Und es blieb nichts von ihr übrig als der Stock, und der fiel einer Gans auf den Rücken, die den Graben entlang einen Spaziergang machte. »Du lieber Himmel!« rief die Gans. »Es regnet Stöcke,« und sie stürzte sich ins Wasser. »Ich wußte ja, daß ich ein großes Aufsehen erregen würde,« keuchte die Rakete, und dann erlosch sie. Der junge König Es war am Vorabend seines Krönungstages, und der junge König saß allein in seinem schönen Gemach. Seine Höflinge hatten sich alle von ihm verabschiedet, indem sie nach der feierlichen Sitte des Tages ihre Köpfe bis zur Erde verneigten, und waren jetzt in dem großen Saal des Palastes versammelt, um von dem Professor des feinen Anstands ein paar letzte Anweisungen zu erhalten. Denn es gab unter ihnen einige, die noch ein ganz natürliches Benehmen zeigten, was bei einem Höfling, man braucht das kaum zu erwähnen, ein sehr schwerer Verstoß ist. Der Jüngling – denn er war nur ein Jüngling, da er erst sechzehn Jahre zählte – grämte sich nicht über ihr Fortgehen. Mit einem tiefen Seufzer der Befreiung hatte er sich auf die weichen Kissen seines bestickten Lagers zurückgeworfen und lag da mit wilden Augen und offenem Munde, wie ein brauner Waldfaun oder ein junges Tier aus dem Forst, das um ein Haar in die Schlingen der Jäger geraten war. Und es waren ja auch wirklich Jäger, die ihn gefunden hatten, die fast durch Zufall auf ihn gestoßen waren, als er barfüßig, eine Flöte in der Hand, der Herde des armen Ziegenhirten folgte, der ihn aufgezogen, und für dessen Sohn er sich immer gehalten hatte. Er stammte aber aus einer heimlichen Ehe der einzigen Tochter des alten Königs mit einem Manne, der weit unter ihr stand – einem Fremden, wie einige sagten, der durch den wundervollen Zauber seines Lautenspiels der jungen Prinzessin Liebe erobert hatte, während andere von einem Künstler aus Rimini sprachen, dem die Prinzessin viel, vielleicht zuviel Ehre erwiesen hatte, und der plötzlich aus der Stadt verschwunden war, ohne sein Werk im Dom vollendet zu haben. Das Kind stahl man, als es kaum eine Woche alt war, von der Seite seiner schlafenden Mutter weg und gab es einem einfachen Landmann und seiner Frau, die selbst keine Kinder hatten und im entlegensten Teil des Waldes, mehr als einen Tagesritt von der Stadt entfernt, lebten. Kummer oder die Pest, wie der Hofarzt feststellte, oder, wie manche glaubten, ein schnelles italienisches Gift, das in einem Becher gewürzten Weins gereicht wurde, tötete innerhalb einer Stunde nach seinem Erwachen das zarte Mädchen, das ihn geboren hatte, und als der treue Bote, der das Kind auf seinem Sattelbogen trug, von seinem müden Pferd herabstieg und an die grobe Tür der Hütte des Ziegenhirten klopfte, wurde die Leiche der Prinzessin in ein offenes Grab hinabgelassen, das auf einem verlassenen Kirchhof jenseits der Stadtmauern gegraben war, in ein Grab, von dem es hieß, daß in ihm schon eine andere Leiche lag, die eines jungen Mannes von wunderbarer und fremdländischer Schönheit, dem man die Hände mit verschlungenen Stricken auf dem Rücken zusammengebunden hatte, und dessen Brust viele rote Stichwunden zeigte. So wenigstens lautete die Geschichte, die sich die Menschen zuflüsterten. Und sicher war es, daß der alte König, als er auf dem Sterbebett lag, entweder aus Reue über seine große Sünde oder einfach, weil er nicht wünschte, daß das Königtum an eine andere Linie fallen sollte, den Jüngling holen ließ und ihn in Gegenwart seines Staatsrats als Erben anerkannte. Und es scheint, daß er von dem ersten Augenblick seiner Anerkennung an Merkmale jener seltsamen Leidenschaft für Schönheit gezeigt hatte, die bestimmt war, einen so großen Einfluß über sein Leben zu haben. Diejenigen, die ihn nach der Zimmerflucht begleiteten, die man zu seiner Benutzung ausgewählt hatte, sprachen oft von dem Freudenschrei, der von seinen Lippen brach, als er das feine Gewand und die reichen Juwelen sah, die man für ihn bereithielt, und die fast wilde Lust, mit der er den groben Lederrock und den rauhen Schaffellmantel von sich schleuderte. Er vermißte zwar manchmal die schöne Freiheit seines Waldlebens und war stets geneigt, sich über die langweiligen Hofzeremonien zu ärgern, die ihm soviel von jedem Tag fortnahmen, aber der wundervolle Palast – den freudenreichen nannte man ihn – in dessen Besitz er sich jetzt wußte, erschien ihm wie eine neue Welt, die zu seinem Entzücken eigens geschaffen war. Und sobald er der Ratsversammlung oder dem Audienzzimmer entfliehen konnte, lief er die große Treppe mit ihren Löwen aus vergoldeter Bronze und ihren Stufen aus schimmerndem Porphyr hinab und wanderte von Zimmer zu Zimmer und von Flur zu Flur, wie jemand, der im Schönen ein Heilmittel gegen den Schmerz, eine Gesundung aus dem Siechtum sucht. Auf diesen Entdeckungsfahrten, wie er sie wohl nannte – und sie waren ja für ihn wirkliche Reisen durch ein wunderbares Land, wurde er oft von den schlanken, blondhaarigen Hofpagen begleitet mit ihren wehenden Mänteln und den lustig flatternden Bändern. Aber noch viel öfter war er allein, denn mit einem schnellen, sicheren Instinkt, der fast eine Offenbarung war, fühlte er, daß die Geheimnisse der Kunst nur im Geheimen gelernt werden können, und daß Schönheit, wie Weisheit, den einsamen Verehrer liebt. Viele seltsame Geschichten wurden um diese Zeit über ihn berichtet. Man erzählte, daß ein würdiger Bürgermeister, der gekommen war, für die Bürger der Stadt eine mit blühenden Phrasen geschmückte Denkschrift zu überreichen, gesehen hatte, wie er in wirklicher Anbetung vor einem großen Gemälde kniete, das man gerade aus Venedig gebracht hatte, und das den Dienst irgendwelcher neuen Götter zu verkünden schien. Ein andermal wurde er mehrere Stunden vermißt und nach langem Suchen fand man ihn in einer kleinen Kammer in einem der Nordtürme des Palastes, wie er ganz verzaubert auf eine griechische Gemme starrte, in die die Figur des Adonis eingeschnitten war. Man hatte ferner beobachtet, wie er seine warmen Lippen auf die marmorne Stirn einer antiken Statue drückte, die man beim Bau einer Steinbrücke im Flußbett gefunden hatte, und die den Namen eines bithynischen Sklaven Hadrians trug. Und eine ganze Nacht verbrachte er damit, den Eindruck zu beobachten, den das Mondlicht auf eine silberne Statue des Endymion machte. Alle seltenen und kostbaren Gegenstände übten jedenfalls einen starken Zauber auf ihn aus, und in seinem Verlangen, sie sich zu verschaffen, hatte er viele Kaufleute ausgesandt, einige, um von dem rauhen Fischervolk der Nordsee Meerschaum einzuhandeln, andere, um in Ägypten nach jenen merkwürdigen grünen Türkisen zu suchen, die man nur in den Gräbern der Könige findet, und von denen man sagt, daß sie magische Eigenschaften besitzen. Noch andere mußten nach Persien reisen für seidene Teppiche und bemalte Töpferwaren, oder nach Indien, um Florgewebe zu kaufen und buntes Elfenbein, Mondsteine und Armbänder aus Achat, Sandelholz und blaues Emaille und Halstücher aus weicher Wolle. Aber, was ihn am meisten beschäftigt hatte, war das Gewand, das er bei seiner Krönung tragen sollte, das Kleid aus gewebtem Gold, die rubinengeschmückte Krone und das Zepter mit seinen Kränzen und Reihen von Perlen. Und auch an diesem Abend dachte er daran, als er auf seinem kostbaren Lager lag, und den großen Block von Tannenholz betrachtete, der langsam in dem offenen Kamin verglühte. Die Entwürfe aus den Händen der berühmtesten Künstler waren ihm schon vor vielen Monaten vorgelegt worden, und er hatte Befehl gegeben, daß die Handwerker Tag und Nacht arbeiten sollten, um sie auszuführen, und daß man die ganze Welt nach Juwelen durchsuchen sollte, die dieser Arbeit würdig waren. In Gedanken sah er sich schon in dem strahlenden Gewand eines Königs vor dem Hochaltar des Domes stehen, und ein Lächeln umspielte seine jungen Lippen und entfachte strahlenden Glanz in seinen dunklen Waldaugen. Nach einiger Zeit erhob er sich von seinem Lager, lehnte sich gegen den geschnitzten Vorbau des Kamins und sah sich in dem matterleuchteten Raum um. Die Wände waren mit reichen Gobelins behangen, die den Triumph der Schönheit darstellten. Ein großer, mit Achat und Lapislazuli ausgelegter Schrank nahm die eine Ecke ein, und dem Fenster gegenüber stand ein seltsam gearbeiteter Juwelenschrank mit Lacktäfelung aus gepulvertem und in Mosaik ausgelegtem Gold, auf dem einige kostbare Humpen aus venetianischem Glas standen und ein Becher aus dunkelgeädertem Onyx. Die seidene Bettdecke war mit bleichen Mohnblumen bestickt, als seien sie der müden Hand des Schlafes entfallen, und schlankes Ried aus gerilltem Elfenbein trug den samtenen Betthimmel, von dem große Büschel von Straußenfedern wie ein weißer Schaum zu dem bleichen Silber der gegitterten Decke emporsprangen. Ein lachender Narziß in grüner Bronze hielt einen polierten Spiegel über seinen Kopf. Auf dem Tisch stand eine flache Schüssel aus Amethyst. Draußen konnte er den hohen Bau des Domes sehen, der wie ein Scheingebilde über den schattenversunkenen Häusern emporragte, und die müden Schildwachen, die auf der nebligen Terrasse am Fluß auf und ab gingen. Weit entfernt sang eine Nachtigall in einem Obstgarten. Ein leiser Jasminduft kam durch das offne Fenster. Er strich seine braunen Locken aus der Stirn, nahm eine Laute und ließ seine Finger über die Saiten gleiten. Seine schweren Augenlider sanken, und eine seltsame Erschlaffung überkam ihn. Noch nie hatte er bisher so eindringlich oder mit einer solchen köstlichen Freude den Zauber und das Geheimnis schöner Dinge empfunden. Als es von dem Glockenturm Mitternacht schlug, klingelte er, und seine Pagen traten ein und entkleideten ihn mit großer Feierlichkeit, indem sie Rosenwasser über seine Hände gossen und Blumen auf sein Kissen streuten. Wenige Minuten, nachdem sie das Zimmer verlassen hatten, schlief er ein. Und als er schlief, träumte er einen Traum, und dieses war sein Traum: Er glaubte, er stände in einer langen, niedrigen Dachstube inmitten des Schwirrens und Rasselns vieler Webstühle. Ein dürftiges Tageslicht drang durch die vergitterten Fenster und zeigte ihm die mageren Gestalten der Weber, die sich über ihre Gehäuse beugten. Bleiche, krank aussehende Kinder krochen über die schweren Querbalken. Wenn die Weberschiffchen durch die Kette schossen, dann hoben sie die schweren Laden hoch, und wenn die Schiffchen hielten, dann ließen sie die Laden fallen und preßten die Fäden zusammen. Ihre Gesichter waren eingefallen vom Nahrungsmangel, und ihre dünnen Hände bebten und zitterten. Einige abgehärmte Frauen saßen an einem Tisch und nähten. Ein schrecklicher Geruch erfüllte den Raum. Die Luft war verdorben und drückend, und die Wände tropften und strömten von Feuchtigkeit. Der junge König trat zu einem der Weber hin, blieb bei ihm stehen und beobachtete ihn. Aber der Weber blickte ihn ärgerlich an und sagte: »Warum beobachtest du mich? Bist du ein Spion, den unser Meister über uns gesetzt hat?« »Wer ist dein Meister?« fragte der junge König. »Unser Meister?« rief der Weber bitter. »Er ist ein Mann, wie ich auch. Es gibt tatsächlich nur einen Unterschied zwischen uns, nämlich, daß er feine Kleider trägt, und ich in Lumpen gehe, und daß, während ich elend vor Hunger bin, er nicht wenig durch zu reichliches Essen leidet!« »Das Land ist frei,« sagte der junge König, »und du bist keines Mannes Sklave.« »Im Kriege«, antwortete der Weber, »macht der Starke den Schwachen zum Sklaven, und im Frieden macht der Reiche den Armen zum Sklaven. Wir müssen arbeiten, um zu leben, und sie geben uns so niedrige Löhne, daß wir sterben. Den ganzen Tag über quälen wir uns für sie ab, und sie sammeln das Gold in ihren Schatzkammern. Unsere Kinder siechen vor der Zeit dahin, und die Gesichter derer, die wir lieben, werden hart und häßlich. Wir keltern die Trauben, und die andern trinken den Wein. Wir säen das Korn, und unser eigener Tisch ist leer. Wir tragen Ketten, wenn auch keiner sie sieht, und sind Sklaven, obgleich die Menschen uns frei nennen.« »Ist das so mit allen?« fragte er. »Es ist so mit allen,« antwortete der Weber, »mit den Jungen sowohl wie mit den Alten, mit den Frauen sowohl wie mit den Männern, mit den kleinen Kindern sowohl wie mit denen, die hochbejahrt sind. Die Kaufleute schinden uns, und wir müssen aus Not ihren Befehlen gehorchen. Der Priester fährt vorüber und betet seinen Rosenkranz, und niemand kümmert sich um uns. Durch unsere lichtlosen Gassen kriecht die Armut mit ihren hungrigen Augen, und das Laster mit seinem geschwollenen Gesicht folgt ihr auf dem Fuße. Elend weckt uns auf am Morgen, und Schande sitzt bei uns am Abend. Aber was sind diese Dinge für dich? Du bist keiner von uns. Dein Gesicht ist zu glücklich.« Und er wandte sich finster von ihm ab und warf das Schiffchen in den Webstuhl, und der König sah, daß es mit goldenen Fäden gefüllt war. Da überkam ihn ein großer Schrecken, und er fragte den Weber: »Was ist das für ein Kleid, das du webst?« »Es ist das Krönungskleid des jungen Königs,« antwortete er; »was kümmert das dich?« Und der junge König stieß einen lauten Schrei aus und erwachte, und siehe, er befand sich in seinem eigenen Zimmer, und durch das Fenster sah er den großen honigfarbenen Mond am dunklen Himmel hängen. Und er schlief wieder ein und träumte, und dies war sein Traum: Er glaubte, er läge auf dem Verdeck einer riesigen Galeere, die von hundert Sklaven gerudert wurde. Auf einem Teppich neben ihm saß der Herr der Galeere. Er war schwarz wie Ebenholz, und sein Turban war von roter Seide. Große silberne Ohrringe zogen die dicken Ohrläppchen herab, und in seiner Hand hatte er eine elfenbeinerne Wage. Die Sklaven waren nackt bis auf ein zerfetztes Lendentuch, und jedermann war mit seinem Nachbar zusammengekettet. Die heiße Sonne brannte grell auf sie herab, und die Neger liefen den Gang hinauf und hinunter und schlugen sie mit Lederpeitschen. Die Sklaven streckten ihre mageren Arme aus und zogen die schweren Ruder durch das Wasser. Der salzige Schaum floß von den Schaufeln. Schließlich erreichten sie eine kleine Bucht und begannen zu loten. Ein leichter Wind wehte vom Ufer und überzog das Verdeck und das große Lateinsegel mit seinem roten Staub. Drei Araber, die auf wilden Eseln saßen, ritten hervor und warfen Speere nach ihnen. Der Herr der Galeere nahm einen bemalten Bogen in seine Hand und schoß einen von ihnen in die Kehle. Er fiel schwer in die Brandung, und seine Gefährten galoppierten davon. Eine in einen gelben Schleier gehüllte Frau folgte langsam auf einem Kamel und sah sich dann und wann nach dem Toten um. Sobald sie Anker geworfen und das Segel eingezogen hatten, gingen die Neger unter Deck und zogen eine lange Strickleiter herauf, die schwer mit Blei belastet war. Der Herr der Galeere warf sie über Bord und befestigte die Enden an zwei eisernen Pfosten. Dann ergriffen die Neger den jüngsten der Sklaven, schlugen seine Fesseln ab, füllten seine Nasenlöcher und seine Ohren mit Wachs und befestigten einen schweren Stein an seinem Leib. Müde kroch er die Leiter hinab und verschwand in der See. Ein paar Blasen stiegen auf, wo er versank. Einige von den andern Sklaven blickten neugierig über die Bordseite. Am Bug der Galeere saß ein Haifischbeschwörer und schlug einförmig auf eine Trommel. Nach einiger Zeit kam der Taucher aus dem Wasser empor und hing keuchend an der Leiter mit einer Perle in seiner rechten Hand. Die Neger entrissen sie ihm und stießen ihn wieder hinab. Die Sklaven schliefen an ihren Rudern ein. Wieder und wieder tauchte er auf, und jedesmal brachte er eine schöne Perle empor. Der Herr der Galeere wog sie und steckte sie in eine kleine Tasche aus grünem Leder. Der junge König versuchte zu sprechen, aber seine Zunge schien ihm am Gaumen zu kleben, und seine Lippen verweigerten den Dienst. Die Neger schwatzten miteinander und begannen über eine Schnur glänzender Perlen zu streiten. Zwei Kraniche flogen im Kreise um das Schiff. Dann kam der Taucher zum letztenmal empor, und die Perle, die er mitbrachte, war schöner als alle Perlen des Ormuzd, denn sie war geformt wie der Vollmond und weißer als der Morgenstern. Aber des Sklaven Gesicht war seltsam bleich, und als er auf das Verdeck fiel, strömte ihm Blut aus Nase und Ohren. Er bebte noch eine Weile, dann war er still. Die Neger zuckten ihre Achseln und warfen die Leiche über Bord. Aber der Herr der Galeere lachte. Er streckte seine Hand aus, nahm die Perle, und als er sie sah, drückte er sie gegen seine Stirn und verneigte sich. »Sie soll für das Zepter des jungen Königs sein,« sagte er und gab den Negern ein Zeichen, den Anker zu lichten. Doch als der junge König dies hörte, stieß er einen lauten Schrei aus und erwachte. Und durch das Fenster sah er die langen, grauen Finger der Dämmerung nach den verschwindenden Sternen greifen. Und er schlief wieder ein und träumte, und dies war sein Traum: Er glaubte, er wanderte durch ein dunkles Gehölz, das mit seltsamen Früchten und mit schönen giftigen Blumen behangen war. Die Nattern zischten ihn an, als er vorüber kam, und die farbigen Papageien flogen schreiend von Zweig zu Zweig. Riesige Schildkröten lagen schlafend auf dem heißen Schlamm. Die Bäume waren voll von Affen und Pfauen. Weiter und weiter ging er durch das Gehölz, bis er den Rand erreichte, und da sah er eine unendliche Menschenmenge im Bett eines ausgetrockneten Flusses arbeiten. Sie schwärmten die Klippen herauf wie Ameisen. Sie gruben tiefe Löcher in den Grund und stiegen in sie hinab. Einige zerschlugen die Felsen mit schweren Hacken, andere tappten im Sand umher. Sie rissen den Kaktus mit den Wurzeln heraus und zertraten seine scharlachroten Blüten. Sie eilten umher, riefen sich zu, und keiner war müßig. Aus dem Dunkel einer Höhle beobachteten sie der Tod und die Habgier, und der Tod sagte: »Ich bin müde; gib mir ein Drittel von ihnen und laß mich weitergehen.« Aber die Habgier schüttelte ihren Kopf. »Sie sind meine Diener,« antwortete sie. Und der Tod fragte sie: »Was hast du in deiner Hand?« »Ich habe drei Getreidekörner,« sagte sie; »was ist das für dich?« »Gib mir eins davon,« rief der Tod, »ich will es in meinen Garten pflanzen; nur eins, und ich werde weggehen.« »Ich will dir gar nichts geben,« sagte die Habgier und steckte ihre Hand in die Falten ihres Gewandes. Aber der Tod lachte. Er nahm einen Becher, tauchte ihn in eine Wasserpfütze, und aus dem Becher entstieg Schüttelfrost. Der schritt durch die große Menge, und ein Drittel lag tot da. Ein kalter Nebel folgte ihm, und die Wasserschlangen liefen ihm zur Seite. Als nun die Habgier sah, daß ein Drittel der Menge tot war, schlug sie sich an die Brust und weinte. Sie schlug ihren dürren Busen und schrie laut. »Ein Drittel meiner Diener hast du erschlagen,« rief sie, »mach dich fort. Es ist Krieg in den Bergen der Tatarei und die Könige beider Lager rufen nach dir. Die Afghanen haben den schwarzen Stier geschlachtet und marschieren in die Schlacht. Sie haben mit ihren Speeren auf die Schilder geschlagen und ihre eisernen Helme aufgesetzt. Was kann dir mein Tal sein, daß du dich darin aufhältst? Geh deiner Wege und komm nie wieder hierher.« »Nein,« sagte der Tod, »solange du mir kein Samenkorn gegeben hast, werde ich nicht fortgehen.« Aber die Habgier schloß ihre Hand und biß sich auf die Zähne. »Ich will dir gar nichts geben,« murrte sie. Und der Tod lachte und nahm einen schwarzen Stein. Er warf ihn in den Wald, und aus einem Dickicht wilden Schierlings kam in einem Flammenkleid das Fieber. Es durchschritt die Menge und berührte sie, und jeder Mann, den es berührte, starb. Das Gras welkte unter seinen Füßen, wo es ging. Und die Habgier erschauerte und streute Asche auf ihr Haupt. »Du bist grausam,« rief sie; »du bist grausam. In den befestigten Städten Indiens herrscht die Hungersnot, und die Brunnen von Samarkand sind vertrocknet. Hungersnot herrscht in den befestigten Städten Ägyptens, und die Heuschrecken sind aus der Wüste gekommen. Der Nil hat seine Ufer nicht überflutet, und die Priester haben Isis und Osiris geflucht. Geh zu denen, die dich brauchen, und laß meine Diener in Frieden.« »Nein,« sagte der Tod, »solange du mir kein Samenkorn gegeben hast, werde ich nicht fortgehen.« »Ich will dir gar nichts geben,« sagte die Habgier. Aber der Tod lachte wieder. Er pfiff durch die Finger, und ein Weib kam durch die Luft herbeigeflogen. Pest stand auf ihrer Stirn geschrieben, und ein Schwarm magerer Geier umschwebte sie. Sie bedeckte das Tal mit ihren Schwingen, und kein Mensch blieb am Leben. Da floh die Habgier schreiend durch den Wald, der Tod aber stieg auf sein rotes Roß und ritt davon, und sein Reiten ging schneller als der Wind. Und aus dem Schlamm, der den Boden des Tales bedeckte, krochen Drachen und häßliches Getier mit Schuppen, und die Schakale kamen über den Sand getrabt und beschnupperten die Luft mit ihren Nüstern. Da weinte der junge König und sprach: »Wer waren wohl diese Menschen, und wonach suchten sie?« »Sie suchten Rubinen für die Krone eines Königs,« antwortete jemand, der hinter ihm stand. Und der junge König fuhr empor. Er wandte sich um und sah einen Mann im Pilgergewand, der in seiner Hand einen silbernen Spiegel hielt. Da erbleichte er und fragte: »Für welchen König?« Und der Pilger antwortete: »Blicke in diesen Spiegel, und du wirst ihn sehen.« Der König blickte in den Spiegel, und als er sein eigenes Gesicht sah, stieß er einen lauten Schrei aus und erwachte. Das helle Sonnenlicht strömte in das Zimmer, und aus den Bäumen seines Parks und Lustgartens sangen die Vögel. Und der Kammerherr und die hohen Staatsbeamten traten herein und verneigten sich vor ihm. Die Pagen brachten ihm das goldgestickte Gewand und legten die Krone und das Zepter vor ihn hin. Und der junge König schaute alles an, und es war schön. Schöner war es als irgend etwas, das er je gesehen hatte. Aber er erinnerte sich seines Traumes und sprach zu seinen Edlen: »Nehmt diese Dinge weg, denn ich will sie nicht tragen.« Und die Höflinge waren erstaunt, und einige lachten, denn sie glaubten, er rede im Scherz. Aber er sprach von neuem ernsthaft zu ihnen und sagte: »Nehmt diese Dinge weg, daß ich sie nicht sehe. Wenn es auch mein Krönungstag ist, ich will sie nicht tragen, denn der Webstuhl der Trübsal und die Hände des Leides haben dieses mein Gewand gewebt. Blut ist im Herzen des Rubins, und Tod im Herzen der Perle.« Und er erzählte ihnen seine drei Träume. Und als die Höflinge das hörten, sahen sie sich an und flüsterten untereinander: »Sicherlich ist er wahnsinnig; denn was ist ein Traum anders als ein Traum, und eine Erscheinung anders als eine Erscheinung? Sie sind keine wirklichen Dinge, die man beachten müßte. Und was geht uns das Leben derer an, die für uns arbeiten? Soll ein Mann kein Brot essen, bevor er den Säemann gesprochen, noch Wein trinken, bevor er den Winzer gesehen hat?« Und der Kammerherr redete den jungen König an und sprach: »Mein Herr, ich bitte dich, schlage dir diese trüben Gedanken aus dem Sinn, lege dieses schöne Gewand an und setze die Krone auf dein Haupt. Denn woran soll das Volk erkennen, daß du der König bist, wenn du keine Königskleider trägst?« Und der junge König blickte ihn an: »Ist das wirklich so?« fragte er. »Werden sie mich nicht als König erkennen, wenn ich kein Königskleid trage?« »Sie werden dich nicht erkennen, mein Herr,« rief der Kammerherr. »Ich hatte geglaubt, daß es früher königliche Menschen gegeben habe,« antwortete er, »doch es mag sein, wie du sagst. Ich will aber dieses Gewand nicht tragen, noch will ich mich mit dieser Krone krönen lassen, sondern so, wie ich in den Palast kam, will ich aus ihm hinaustreten.« Und er bat alle, ihn zu verlassen, mit Ausnahme eines Pagen, den er bei sich behielt, eines Jünglings, der ein Jahr jünger war als er selbst. Ihn behielt er zu seiner Bedienung, und als er sich in klarem Wasser gebadet hatte, öffnete er eine große bemalte Truhe und zog daraus die lederne Jacke und den rauhen Schafspelz hervor, die er getragen hatte, als er auf dem Hügelabhang die zottigen Ziegen seiner Ziegenherde weidete. Und der kleine Page öffnete erstaunt seine blauen Augen und sagte lächelnd zu ihm: »Mein Herr, ich sehe dein Gewand und dein Zepter, aber wo ist deine Krone?« Und der junge König riß einen Zweig von einem wilden Rosenstrauch ab, der über den Balkon herüberrankte. Er bog ihn und machte einen Kranz daraus, den er auf sein Haupt setzte. »Dies soll meine Krone sein,« antwortete er. Und so bekleidet schritt er aus seiner Kammer in den großen Saal, wo die Edlen auf ihn warteten. Aber die Edlen lachten, und einige riefen ihm zu: »Herr, das Volk wartet auf seinen König, du aber zeigst ihnen einen Bettler.« Andere ergrimmten und sagten: »Er bringt Schande über den Staat und ist unwürdig, unser Herrscher zu sein.« Aber er antwortete ihnen kein Wort, sondern schritt weiter. Er ging die strahlende Porphyrtreppe hinab und durch die bronzenen Tore, er stieg auf sein Roß und ritt nach dem Dom, während der kleine Page neben ihm lief. Und die Leute lachten und sprachen: »Er ist des Königs Narr, der herbeireitet,« und sie spotteten über ihn. Da hielt er sein Pferd an und sagte: »Ihr irrt, ich bin der König.« Und er erzählte ihnen seine drei Träume. Da trat ein Mann aus der Menge. Er sprach bittere Worte und sagte: »Herr, weißt du nicht, daß aus dem Luxus der Reichen das Leben der Armen kommt? Durch eure Verschwendung werden wir ernährt, und eure Verderbnis gibt uns Brot. Für einen harten Herrn arbeiten, ist bitter, aber noch bitterer ist es, keinen Herrn zu haben, für den man arbeiten kann. Glaubst du, daß die Raben uns ernähren werden? Und wie willst du diese Dinge besser machen? Willst du zu dem Bauherrn sagen: ›du sollst zu einem solchen Preise bauen‹, und zu dem Händler: ›du sollst zu einem solchen Preis verkaufen‹? Hoffentlich nicht. Darum kehre in deinen Palast zurück, lege Purpur und zarte Leinwand an. Was hast du mit uns zu tun und mit dem, was wir leiden?« »Sind nicht die Armen und die Reichen Brüder?« fragte der junge König. »Ja,« antwortete der Mann, »und der Name des reichen Bruders ist Kain.« Da füllten sich die Augen des jungen Königs mit Tränen, und er ritt weiter durch das Murren der Menge, und der kleine Page fürchtete sich und verließ ihn. Und als er das große Domportal erreichte, streckten die Soldaten ihre Hellebarden aus und sagten: »Was suchst du hier? Niemand darf durch diese Pforte eintreten als der König.« Da rötete sich sein Gesicht vor Zorn und er sprach zu ihnen: »Ich bin der König.« Dann drückte er ihre Hellebarden zur Seite und ging hinein. Als ihn der alte Bischof in der Kleidung des Ziegenhirten kommen sah, erhob er sich erstaunt von seinem Stuhl, trat auf ihn zu und sprach zu ihm: »Mein Sohn, ist dies die Tracht eines Königs? Und mit welcher Krone soll ich dich krönen, und welches Zepter soll ich in deine Hand legen? Sicherlich soll dies doch für dich ein Freudentag sein und nicht ein Tag der Erniedrigung?« »Darf sich Freude mit dem schmücken, was Leid geschaffen hat?« fragte der junge König, und er erzählte ihm seine drei Träume. Als der Bischof sie gehört hatte, zog er seine Stirn in Falten und sprach: »Mein Sohn, ich bin ein alter Mann und am Ende meiner Tage. Ich weiß, daß viel Böses in der weiten Welt geschieht. Die wilden Räuber kommen von den Bergen herab, stehlen die kleinen Kinder und verkaufen sie an die Mohren. Die Löwen lauern auf die Karawanen und stürzen sich auf die Kamele. Der wilde Eber wühlt das Getreide im Tale auf, und die Füchse zerfressen die Weinstöcke auf dem Hügel. Die Piraten brandschatzen die Meeresküste und verbrennen die Schiffe der Fischer und nehmen ihnen ihre Netze. In den Salzsümpfen leben die Aussätzigen; sie haben Hütten aus geflochtenem Ried, und niemand darf ihnen nahe kommen. Die Bettler wandern durch die Städte und essen ihre Nahrung mit den Hunden. Kannst du machen, daß diese Dinge nicht sind? Willst du den Aussätzigen zum Bettgenossen nehmen und den Bettler an deinen Tisch setzen? Soll der Löwe deinem Bitten folgen und der wilde Eber dir gehorchen? War Er es nicht, der das Elend seliger machte, als du es bist? Darum preise ich dich nicht für das, was du getan hast, sondern bitte dich, nach dem Palast zurückzureiten, dein Antlitz zu erheitern und das Gewand anzuziehen, das einem Könige geziemt. Dann werde ich dich mit der goldenen Krone krönen und das Perlenzepter in deine Hand legen. Aber was deine Träume angeht, so denke nicht mehr daran. Die Bürde dieser Welt ist zu schwer, als daß ein Mensch sie tragen könnte, und das Leid der Welt ist zu gewaltig, als daß ein Herz es erdulden könnte.« »Sprichst du so in diesem Hause?« fragte der junge König, und er schritt an dem Bischof vorüber, stieg die Stufen zum Altar hinauf und stand vor dem Bildnis Christi. Er stand vor dem Bildnis Christi, und rechts und links von ihm waren die wunderbaren goldenen Gefäße, der Kelch mit dem gelben Wein und die Flasche mit dem heiligen Öl. Er kniete vor dem Bilde Christi nieder, und die großen Kerzen brannten hell neben dem juwelengeschmückten Schrein, und der Qualm des Weihrauchs zog sich in dünnen blauen Wolken durch den Dom. Er neigte sein Haupt im Gebet, und die Priester in ihren gesteiften Chorröcken zogen sich vom Altar zurück. Da kam plötzlich von der Straße ein wilder Aufruhr. Die Ritter drangen herein mit gezogenen Schwertern, mit nickenden Federbüschen und Schilden aus geschliffenem Stahl. »Wo ist der Träumer von Träumen?« riefen sie. »Wo ist dieser König, der sich kleidet wie ein Bettler – dieser Knabe, der Schande über den Staat bringt? Wahrhaftig, wir wollen ihn erschlagen, denn er ist unwürdig, über uns zu herrschen.« Und der junge König verneigte noch einmal sein Haupt und betete, und als er sein Gebet beendet hatte, erhob er sich, wandte sich um und sah sie traurig an. Und siehe da! Durch die bunten Fenster strömte das Sonnenlicht über ihn hin, und die Sonnenstrahlen umwoben ihn mit einem goldenen Gewand, das kostbarer war als das Gewand, das man zu seiner Lust angefertigt hatte. Der tote Stab blühte und trug Lilien, die weißer waren als Perlen. Die verdorrte Dornenranke erblühte und trug Rosen, die roter waren als Rubinen. Weißer als echte Perlen waren die Lilien, und ihre Stengel waren von glänzendem Silber. Roter als kostbare Rubinen waren die Rosen, und ihre Blätter waren von getriebenem Gold. Er stand da im Gewand eines Königs, und die Türen des juwelengeschmückten Schreins flogen auf, und von dem Kristall der vielstrahligen Monstranz schien ein wunderbares und geheimnisvolles Licht. Er stand da im Gewand eines Königs, und die Glorie Gottes erfüllte den Raum, und die Heiligen in ihren geschnitzten Nischen schienen sich zu bewegen. In dem strahlenden Gewand eines Königs stand er vor ihnen, und die Orgel dröhnte ihre Musik, die Trompeter bliesen auf ihren Trompeten, und der Knabenchor begann zu singen. Das Volk aber fiel scheu auf die Knie, die Ritter steckten ihre Schwerter ein und huldigten ihm, und des Bischofs Antlitz wurde bleich, und seine Hände zitterten. »Ein Höherer, als ich bin, hat dich gekrönt,« rief er und kniete vor ihm nieder. Und der junge König stieg vom Hochaltar herab und schritt heim durch die Mitte des Volkes. Aber keiner wagte es, ihm ins Antlitz zu schauen, denn es war wie das Antlitz eines Engels. Der Geburtstag der Infantin Es war der Geburtstag der Infantin. Sie zählte gerade zwölf Jahre, und die Sonne schien hell in die Gärten des Palastes. Obgleich sie eine wirkliche Prinzessin und die Infantin von Spanien war, so hatte sie nur einen Geburtstag in jedem Jahr, gerade wie die Kinder von ganz armen Leuten. Deshalb war es natürlich eine Sache von hoher Bedeutung für das ganze Land, daß es bei der Gelegenheit ein wirklich schönes Wetter sein mußte. Und es war tatsächlich ein wirklich schönes Wetter. Die hohen gestreiften Tulpen standen steif auf ihren Stengeln wie lange Reihen von Soldaten und blickten verächtlich über das Gras nach den Rosen und sagten: »Jetzt sind wir mindestens so prächtig wie ihr.« Die roten Schmetterlinge flatterten mit Goldstaub auf ihren Flügeln umher und besuchten nach der Reihe alle Blumen; die kleinen Eidechsen krochen aus den Spalten der Mauer hervor und lagen, sich sonnend, in dem lichten Glanz; und die Granatäpfel sprangen und krachten von der Hitze und zeigten ihr blutrotes Innere. Selbst die blaßgelben Zitronen, die in solcher Überfülle von dem zerfallenden Spalier und an den schattigen Arkaden hingen, schienen von dem wundervollen Sonnenlicht eine reifere Farbe bekommen zu haben, und die Magnolienbäume öffneten ihre großen kugeligen, wie von Elfenbein geschnittenen Blüten und erfüllten die Luft mit einem süßen, schweren Duft. Die kleine Prinzessin lief mit ihren Gefährten die Terrasse hinauf und hinab und spielte Versteck hinter den Steinvasen und den alten, moosbewachsenen Statuen. An gewöhnlichen Tagen durfte sie nur mit ebenbürtigen Kindern spielen, daher mußte sie immer allein spielen, aber ihr Geburtstag war eine Ausnahme, und der König hatte Befehl gegeben, daß sie von ihren jungen Freunden einladen konnte, wen sie wollte, um sich mit ihnen zu vergnügen. Es lag eine prächtige Anmut in diesen schlanken spanischen Kindern, wenn sie dahinflogen, die Knaben mit großen Federn auf den Hüten und mit kurzen, flatternden Mänteln, die Mädchen, die die Schleppen ihrer langen Brokatgewänder festhielten und mit riesigen schwarzsilbrigen Fächern ihre Augen vor der Sonne schützten. Aber die Infantin war die anmutigste von allen, und sie war am geschmackvollsten gekleidet nach der etwas bedrückten Mode der Zeit. Ihr Kleid war von grauer Seide, der Rock und die breit gepufften Ärmel schwer mit Silber bestickt, und der starre Schnürleib mit Reihen echter Perlen besetzt. Zwei winzige Pantoffeln mit großen roten Rosetten lugten unter ihrem Kleid hervor, wenn sie ging. Rötlich und perlfarben war ihr Florfächer, und in ihrem Haar, das wie eine Strahlenkrone von blassem Gold steif um ihr bleiches Gesichtchen stand, trug sie eine weiße Rose. Von einem Fenster im Palaste aus sah ihnen der grämliche König zu. Hinter ihm stand sein Bruder, Don Pedro von Aragonien, den er haßte, und sein Beichtvater, der Großinquisitor von Granada, saß an seiner Seite. Trauriger noch als gewöhnlich war der König, denn als er auf die Infantin blickte, die mit kindlicher Würde ihrem sich versammelnden Hofstaat eine Verneigung machte oder hinter ihrem Fächer über die finstere Herzogin von Albuguerque lachte, die sie immer begleitete, dachte er an die junge Königin, ihre Mutter, die vor erst kurzer Zeit – so schien es ihm – aus dem fröhlichen Frankreich gekommen und in der düsteren Pracht des spanischen Hofes dahingewelkt war. Sie war gerade sechs Monate nach der Geburt ihres Kindes gestorben, bevor sie zweimal in dem Obstgarten die Mandeln blühen gesehen oder eines zweiten Jahres Frucht von dem alten, knorrigen Feigenbaum gepflückt hatte, der gerade in der Mitte des jetzt grasbewachsenen Hofraumes stand. So groß war seine Liebe zu ihr gewesen, daß er nicht einmal duldete, daß das Grab sie vor ihm verbarg. Sie war durch einen maurischen Arzt einbalsamiert worden, dem man zum Lohn für seinen Dienst sein Leben geschenkt hatte, das, wie man erzählte, wegen Ketzerei und Verdacht magischer Kunstgriffe schon der Inquisition verfallen war. Doch jetzt lag ihr Körper auf seiner teppichbedeckten Bahre genau so, wie ihn die Mönche vor nun fast zwölf Jahren an jenem stürmischen Märztag dahingetragen hatten. Einmal in jedem Monat ging der König, in einen dunklen Mantel gehüllt, eine umwickelte Laterne in der Hand, dorthin und kniete an ihrer Seite nieder. » Mi reina! Mi reina! « rief er aus, und manchmal durchbrach er die strenge Etikette, die in Spanien jede einzelne Handlung des Lebens regelt und selbst dem Leid eines Königs Grenzen setzt, und ergriff in einer wilden Schmerzensangst die bleichen, juwelengeschmückten Hände und versuchte, mit seinen wahnsinnigen Küssen das kalte, bemalte Antlitz zu erwecken. Heute schien er sie wieder so zu sehen, wie er sie zuerst auf dem Schloß von Fontainebleau gesehen hatte, als er erst fünfzehn Jahre alt und sie noch jünger war. Sie waren bei jener Gelegenheit von dem päpstlichen Nuntius in Gegenwart des französischen Königs und des ganzen Hofes feierlich verlobt worden, und als er zum Eskorial zurückkehrte, brachte er ein kleines Ringlein von blondem Haar mit sich und die Erinnerung an zwei kindliche Lippen, die sich über seine Hand beugten, um sie zu küssen, als er in seinen Wagen stieg. Später war dann die Heirat gefolgt, die man schnell in Burgos, einer kleinen Stadt an der Grenze zwischen den beiden Ländern, geschlossen hatte, und der große öffentliche Einzug in Madrid mit dem herkömmlichen feierlichen Hochamt in der Kirche von La Atocha und einem ungewöhnlich feierlichen Autodafé, bei dem nahezu dreihundert Ketzer, darunter auch manche Engländer, der geistlichen Gewalt zur Verbrennung übergeben wurden. Sicherlich hatte er sie wahnsinnig geliebt, und, wie viele glaubten, zum Schaden seines Landes, das damals mit England um den Besitz der neuen Welt kämpfte. Er hatte ihr kaum jemals erlaubt, seinen Gesichtskreis zu verlassen; für sie hatte er alle schweren Staatsgeschäfte vergessen, oder schien sie wenigstens vergessen zu haben; und mit jener schrecklichen Blindheit, die Leidenschaft über ihre Sklaven bringt, bemerkte er nicht, daß die erlesenen Feierlichkeiten, durch die er ihr zu gefallen suchte, nur die seltsame Krankheit verstärkten, an der sie litt. Als sie starb, war er, wenigstens eine Zeitlang, wie einer, der seinen Verstand verloren hat. Und zweifellos würde er förmlich abgedankt und sich in das große Trappistenkloster zu Granada, dessen Titularprior er schon war, zurückgezogen haben, hätte er sich nicht gefürchtet, die kleine Infantin der Gewalt seines Bruders zu überlassen, der wegen seiner Grausamkeit selbst in Spanien berüchtigt war, und von dem viele vermuteten, er habe den Tod der Königin durch ein Paar vergifteter Handschuhe herbeigeführt, die er ihr bei ihrem Besuche in seinem Schlosse in Aragonien geschenkt hatte. Selbst nach Ablauf der dreijährigen öffentlichen Trauer, die er durch königlichen Befehl für seine ganzen Staaten angeordnet hatte, duldete er es nie, daß seine Minister von einer neuen Heirat sprachen, und als der Kaiser selbst zu ihm schickte und ihm die Hand der lieblichen Erzherzogin von Böhmen, seiner Nichte, zur Heirat anbot, bat er die Gesandten, sie möchten ihrem Herrn erzählen, der König von Spanien sei schon mit der Trauer vermählt, und wenn diese auch eine Braut ohne Frucht sei, so liebe er sie doch mehr als die Schönheit. Diese Antwort kostete seiner Krone die reichen Provinzen der Niederlande, die sich bald nachher auf Anstiften des Kaisers unter Führung einiger Fanatiker der reformierten Kirche gegen ihn auflehnten. Sein ganzes Eheleben mit seiner wilden, flammenden Freude und dem schrecklichen Schmerz bei dem plötzlichen Ende schien ihm heute zurückzukehren, als er der Infantin beim Spielen auf der Terrasse zusah. Sie hatte so ganz das hübsche, mutwillige Benehmen der Königin, dieselbe eigensinnige Art, den Kopf emporzuwerfen, denselben stolz geschwungenen, schönen Mund, dasselbe wundervolle Lachen – vrai sourire de France –, wenn sie dann und wann nach dem Fenster emporblickte, oder wenn sie den würdigen spanischen Herren ihre kleine Hand zum Kusse darreichte. Aber das schrille Lachen der Kinder verletzte des Königs Ohr, der helle, mitleidlose Sonnenschein spottete über seine Trauer, und ein schwerer Duft von seltsamen Spezereien, Spezereien, wie sie Einbalsamierer gebrauchen, schien – oder war das nur seine Einbildung? – die klare Morgenluft zu vergiften. Er begrub sein Gesicht in seinen Händen, und als die Infantin wieder aufblickte, waren die Vorhänge herabgezogen, und der König war verschwunden. Sie schmollte etwas enttäuscht und zog ihre Schultern. Sicherlich, an ihrem Geburtstag hätte er bei ihr bleiben können. Was lag an den dummen Staatsgeschäften? Oder war er in diese dunkle Kapelle gegangen, wo immer die Kerzen brannten, und die sie niemals betreten durfte? Wie töricht von ihm, da doch die Sonne so hell schien und alle so glücklich waren! Übrigens würde ihm das Scheingefecht mit Stieren entgehen, zu dem schon die Trompete blies, um gar nichts zu sagen von der Puppenschau und den andern wundervollen Dingen. Ihr Onkel und der Großinquisitor waren viel vernünftiger. Sie waren auf die Terrasse herausgekommen und spendeten ihrer Nichte Komplimente. So warf sie denn ihren hübschen Kopf zurück, nahm Don Pedro bei der Hand und ging langsam die Stufen hinab nach einem langen Zelt von purpurner Seide, das am Ende des Gartens errichtet war, während die andern Kinder genau nach der Vornehmheit ihrer Abstammung folgten, indem die zwei, die den längsten Namen hatten, zuerst gingen. Ein Zug von Edelknaben, die phantastisch als Stierfechter gekleidet waren, kam ihr entgegen, und der junge Herzog von Tierra Nueva, ein wundervoll hübscher Junge von vielleicht vierzehn Jahren, entblößte sein Haupt mit all der Grazie eines geborenen Hidalgo und Granden von Spanien und führte sie feierlich zu einem kleinen vergoldeten, aus Elfenbein geschnitzten Stuhl, der auf einer erhöhten Estrade über der Arena stand. Die Kinder scharten sich alle um sie herum, schwenkten ihre großen Fächer und flüsterten miteinander, und Don Pedro und der Großinquisitor standen lachend am Eingang. Selbst die Herzogin – die Oberhofmeisterin, wie sie genannt wurde –, eine hagere Frau mit abstoßenden Gesichtszügen und einer gelben Halskrause, sah nicht ganz so schlechtgelaunt aus, wie sonst, und so etwas wie ein Lächeln glitt über ihr faltiges Gesicht und verzog ihre blutlosen Lippen. Es war wirklich ein wunderbares Stiergefecht und viel hübscher, dachte die Infantin, als das echte Stiergefecht, das man ihr in Sevilla gezeigt hatte, als der Herzog von Parma ihren Vater besuchte. Einige von den Knaben paradierten auf Steckenpferden mit reichen Schabracken umher und schwangen lange Wurfspieße, an denen lustige Wimpel aus glänzendem Band befestigt waren. Andere gingen zu Fuß, schwenkten ihre roten Mäntel vor dem Stier und schwangen sich leicht über die Barriere, wenn er auf sie losstürmte. Und was diesen Stier selbst anging, so war er genau wie ein lebender Stier, obgleich er nur aus Flechtwerk und ausgespanntem Fell gemacht war und es manchmal nicht lassen konnte, auf seinen Hinterfüßen um die Arena zu rennen, woran kein lebender Stier auch nur im Traume denkt. Er kämpfte auch großartig, und die Kinder begeisterten sich so, daß sie auf den Bänken standen, ihre Spitzentaschentücher schwenkten und » Bravo toro! Bravo toro! « ganz so vernünftig riefen, als ob sie erwachsene Leute gewesen seien. Schließlich aber nach einem langen Kampfe, während dessen verschiedene von Steckenpferden völlig durchbohrt und ihre Reiter aus dem Sattel geworfen wurden, brachte der junge Herzog von Tierra Nueva den Stier zum Fall, und, nachdem er von der Infantin die Erlaubnis erhalten hatte, ihm den Gnadenstoß zu geben, stieß er sein hölzernes Schwert dem Tier mit solcher Gewalt in den Nacken, daß der Kopf völlig abfiel, und das lachende Gesicht des kleinen Herrn von Lorraine sich zeigte, des Sohnes des französischen Gesandten in Madrid. Unter großem Beifall wurde nun die Arena gesäubert, und zwei Negerpagen in gelbschwarzer Livree schleppten feierlich die toten Steckenpferde weg. Dann nach einem kurzen Zwischenspiel, in dem sich ein französischer Akrobat auf gespanntem Seil zeigte, erschienen auf der Bühne eines kleinen Theaters, das eigens zu dem Zweck errichtet war, einige italienische Marionetten in der halbklassischen Tragödie der Sophonisba. Sie spielten so gut, und ihre Bewegungen waren so außerordentlich natürlich, daß beim Schluß des Stückes die Augen der Infantin ganz feucht von Tränen waren. Ja, einige Kinder weinten wirklich und mußten mit Zuckerwerk getröstet werden, und der Großinquisitor selbst war so gerührt, daß er nicht umhin konnte, zu Don Pedro zu sagen, es schiene ihm unerträglich, daß Dinge, die einfach aus Holz und gefärbtem Wachs gemacht seien und mechanisch durch Drähte sich bewegten, daß diese so unglücklich sein sollten und solche schrecklichen Schicksalsschläge erdulden müßten. Ein afrikanischer Gaukler folgte jetzt, der einen großen, flachen, mit rotem Tuch bedeckten Korb hereinbrachte und ihn mitten in die Arena stellte. Er zog aus seinem Turban eine seltsame rote Pfeife hervor und blies darauf. In wenigen Augenblicken begann das Tuch sich zu bewegen, und als die Pfeife schriller und schriller tönte, steckten zwei grüngoldne Schlangen ihre seltsamen, keilförmigen Köpfe heraus und hoben sich langsam empor, indem sie sich mit der Musik hin und her bewegten, gerade wie Pflanzen sich im Wasser bewegen. Die Kinder aber wurden etwas ängstlich über ihre gefleckten Nackenhauben und pfeilschnellen Zungen, und es gefiel ihnen viel besser, als der Gaukler aus dem Sandboden einen zierlichen Orangenbaum hervorsprießen ließ, der hübsche weiße Blüten und Büschel wirklicher Früchte trug. Und als er den Fächer der kleinen Tochter des Marquis von Las Torres nahm und ihn in einen blauen Vogel verwandelte, der rings um das Zelt flog und sang, da kannte ihr Entzücken und Staunen keine Grenzen. Auch das feierliche Menuett, das von jungen Tänzern aus der Kirche Nuestra Señora del Pilar getanzt wurde, war reizend. Die Infantin hatte bisher nie diese wundervolle Zeremonie gesehen, die jedes Jahr um die Maienzeit vor dem Hochaltar der Jungfrau zu deren Ehre veranstaltet wird, und es war ja auch kein Mitglied der königlichen Familie von Spanien jemals mehr in die große Kathedrale von Saragossa gegangen, seit ein wahnsinniger Priester, viele nahmen an, er habe im Solde der Elisabeth von England gestanden, versucht hatte, dem Prinzen von Asturien eine vergiftete Hostie zu reichen. So kannte sie nur vom Hörensagen den Tanz unserer lieben Frau, wie man ihn nannte, und er bot wirklich einen schönen Anblick. Die Knaben trugen altmodische Hofkleidung von weißem Samt, ihre merkwürdigen dreieckigen Hüte waren mit silbernen Fransen bedeckt und von großen Straußenfedern überragt, und das blendende Weiß ihrer Kostüme wurde, wenn sie sich im Sonnenschein bewegten, noch stärker betont durch ihre dunkle Gesichtsfarbe und das lange schwarze Haar. Alle waren bezaubert von der ernsten Würde, mit der sie die verwickelten Tanzfiguren durchschritten, und von der vollendeten Anmut ihrer ruhigen Gesten und vornehmen Verneigungen. Und als sie ihre Vorstellung beendet hatten und vor der Infantin ihre großen Federhüte abnahmen, da nahm sie ihre Ehrerweisung mit vielem Wohlgefallen auf und machte ein Gelübde, dem Altar unserer lieben Frau von Pilar eine große Wachskerze zu senden als Dank für das Vergnügen, das sie ihr gegeben hatte. Eine Truppe hübscher Ägypter – wie man damals die Zigeuner nannte – betraten dann die Arena, setzten sich mit verschränkten Beinen im Kreise hin und begannen sanft auf ihren Zithern zu spielen, indem sie zu dem Klang ihre Körper bewegten und fast stimmlos eine leise, träumerische Melodie summten. Als sie Don Pedro sahen, warfen sie ihm finstere Blicke zu, und einige von ihnen machten ein erschrockenes Gesicht, denn erst vor wenigen Wochen hatte er zwei von ihrem Stamm auf dem Marktplatz von Sevilla wegen Zauberei aufhängen lassen. Aber die schöne Infantin beruhigte sie, wie sie zurückgelehnt da saß und mit ihren großen blauen Augen über ihren Fächer blickte, und sie hatten das sichere Gefühl, wer so lieblich war wie sie, der konnte nie gegen jemand grausam sein. So spielten sie denn ganz sanft weiter, indem sie mit ihren langen spitzen Nägeln kaum die Saiten der Zithern berührten, und ihre Köpfe begannen zu nicken, als ob sie einschlafen wollten. Plötzlich, mit einem Schrei, der so schrill war, daß alle Kinder auffuhren, und daß Don Pedros Hand den achatnen Knauf seines Dolches umfaßte, sprangen sie auf ihre Füße und rasten in einem tollen Wirbel um die Einfriedigung, wobei sie ihre Tamburine schlugen und in ihrer seltsamen Kehlsprache ein wildes Liebeslied sangen. Dann, auf ein anderes Signal, warfen sie sich alle wieder zu Boden und lagen da ganz still, und das gedämpfte Klimpern der Zithern war der einzige Laut, der das Schweigen unterbrach. Nachdem sie dies ein paarmal wiederholt hatten, verschwanden sie einen Augenblick, und als sie wiederkamen, führten sie einen braunen, zottigen Bären an einer Kette und trugen auf ihren Schultern einige kleine Affen aus der Berberei. Der Bär stellte sich mit der höchsten Würde auf den Kopf, und die runzligen Äffchen spielten alle Arten von spaßhaften Streichen mit zwei Zigeunerknaben, die ihre Herren zu sein schienen. Sie kämpften mit winzigen Schwertern, feuerten Gewehre ab und führten ein richtiges Exerzieren vor, gerade so, wie es des Königs eigene Leibgarde tat. Jedenfalls hatten die Zigeuner einen großen Erfolg. Aber der lustigste Teil von der ganzen Morgenvorführung war zweifellos das Tanzen des kleinen Zwerges. Als er, auf seinen krummen Beinen watschelnd, in die Arena stolperte und mit seinem ungestalteten, riesigen Kopf hin und her wackelte, da brachen die Kinder in ein lautes Lachen des Entzückens aus, und die Infantin selbst lachte so sehr, daß die Hofmeisterin sie daran erinnern mußte, daß zwar schon oft eine spanische Königstochter vor ihresgleichen geweint, sich aber noch nie eine Prinzessin von königlichem Blut in Gegenwart von unter ihr Stehenden so lustig gemacht habe. Der Zwerg war aber wirklich ganz unwiderstehlich, und selbst am spanischen Hof, der doch immer wegen seiner ausgeprägten Leidenschaft für das Schreckliche bekannt gewesen ist, war noch nie ein so phantastisches kleines Ungetüm gesehen worden. Es war übrigens sein erstes Auftreten. Erst den Tag vorher hatten zwei von den Edelleuten, die zufällig in einem entlegenen Teil des die Stadt umgebenden Korkeichenwaldes jagten, ihn entdeckt und als Überraschung für die Infantin mit nach dem Palast genommen. Sein Vater, der ein armer Köhler war, schien nur zu erfreut zu sein, ein so häßliches und nutzloses Kind loszuwerden. Vielleicht das lustigste an ihm war, daß er sich seiner eigenen grotesken Erscheinung gar nicht bewußt war. Er schien sogar ganz glücklich und sehr aufgeräumt zu sein. Wenn die Kinder lachten, lachte er so frei und fröhlich wie nur eins von ihnen, und nach jedem Tanz machte er ihnen die komischsten Verbeugungen. Er lächelte und nickte ihnen zu, ganz als ob er wirklich zu ihnen gehörte und nicht das kleine mißgestaltete Ding sei, das die Natur in einer humoristischen Laune geschaffen hatte, damit andere darüber spotten sollten. Was die Infantin anging, so bezauberte sie ihn ganz und gar. Er konnte seine Augen nicht von ihr abwenden und schien nur für sie allein zu tanzen. Beim Schluß der Vorführung erinnerte sie sich, wie die großen Damen des Hofes dem berühmten italienischen Sopran Caffarelli, den der Papst eigens aus seiner Kapelle nach Madrid gesandt hatte, damit er durch den süßen Klang seiner Stimme den König von seiner Melancholie heile, Buketts zugeworfen hatten, und sie nahm die schöne, weiße Rose aus ihrem Haar, und halb zum Spaß, halb um die Hofmeisterin zu ärgern, warf sie sie mit ihrem süßesten Lächeln in die Arena. Er aber nahm die ganze Sache völlig ernst. Er drückte die Blume an seine groben, dicken Lippen, er legte die Hand auf sein Herz und sank auf ein Knie vor ihr, wobei er von einem Ohr zum andern grinste, und seine kleinen, glänzenden Augen vor Vergnügen blitzten. Dies brachte den Ernst der Infantin so aus der Fassung, daß sie noch lange weiter lachte, als der Zwerg schon aus der Arena gelaufen war, und daß sie ihrem Onkel den Wunsch ausdrückte, der Tanz möchte sofort noch einmal wiederholt werden. Die Hofmeisterin bestimmte aber unter dem Verwand, die Sonne sei zu heiß, daß Ihre Hoheit ohne Verzug zum Palast zurückkehren sollte. Hier war schon ein wundervolles Festmahl für sie hergerichtet mit einem wirklichen Geburtstagskuchen, auf dem ihre eigenen Initialen in Zuckerguß standen und eine liebliche, silberne Flagge wehte. Die Infantin erhob sich daher mit großer Würde, und nachdem sie befohlen hatte, daß der kleine Zwerg nach der Siestastunde vor ihr noch einmal tanzen sollte, und dem jungen Herzog von Tierra Nueva ihren Dank für seinen reizenden Empfang abgestattet hatte, kehrte sie in ihre Gemächer zurück, wobei die Kinder ihr in derselben Reihenfolge folgten wie vorher. Der kleine Zwerg aber, als er hörte, daß er noch einmal und auf ihren besonderen Befehl vor der Infantin tanzen sollte, war so stolz, daß er in den Garten hinauslief und die weiße Rose in einem lächerlichen Überschwang von Freuden küßte, wobei er mit ganz groben und plumpen Bewegungen seinem Entzücken Ausdruck gab. Die Blumen aber wurden ganz unwillig, weil er es wagte, ihr schönes Reich zu betreten, und als sie sahen, wie er die Wege hinauf und hinabhüpfte und auf so lächerliche Art seine Arme über seinem Kopf schwang, konnten sie ihre Gefühle nicht länger zurückhalten. »Er ist wirklich viel zu häßlich, als daß man ihm erlauben dürfte, auf einem Platz zu spielen, wo wir sind,« riefen die Tulpen. »Er sollte Mohnsaft trinken und auf tausend Jahre schlafen gehn,« sagten die großen roten Lilien, und sie kochten förmlich vor Wut. »Er ist einfach ein Greuel!« schrie der Kaktus. »Er ist überhaupt verwachsen und plump, und sein Kopf steht in gar keinem Verhältnis zu seinen Beinen. Es prickelt mich über und über, wenn ich an ihn denke, und wenn er mir zu nahe kommt, werde ich ihn mit meinen Stacheln stechen.« »Und er besitzt wahrhaftig eine meiner besten Blumen,« rief der weiße Rosenstrauch aus. »Ich gab sie heute früh der Infantin als Geburtstagsgeschenk, und er hat sie ihr gestohlen.« Und er rief: »Dieb, Dieb, Dieb!« so laut er konnte. Selbst die roten Geranien, die sonst kein stolzes Gebahren zeigten, da sie wußten, daß sie selbst eine ganze Menge armer Verwandten hatten, drehten sich verächtlich empor, wie sie ihn sahen, und als die Veilchen bescheiden bemerkten, er sei zwar sehr unansehnlich, aber er könne das doch nicht ändern, da entgegneten sie mit vielem Recht, das wäre gerade sein Hauptfehler, und es läge kein Grund vor, jemand zu bewundern, weil er unheilbar sei. Und wirklich fühlten auch einige Veilchen selbst, daß die Häßlichkeit des kleinen Zwerges etwas direkt Prahlerisches an sich habe, und daß er einen besseren Geschmack zeigen würde, wenn er sich darüber grämte, oder wenn er wenigstens nachdächte, statt daß er lustig umhersprang und sich in so grotesken und verrückten Gebärden zeigte. Was nun die alte Sonnenuhr anging, die eine sehr vornehme Persönlichkeit war und einst keinem Geringeren als dem Kaiser Karl V. die Zeit angesagt hatte, so war sie über das Erscheinen des Zwerges so entsetzt, daß sie fast vergaß, zwei volle Minuten mit ihrem langen Schattenfinger anzuzeigen. Sie konnte auch nicht umhin, zu dem großen, milchweißen Pfauhahn, der sich auf der Balustrade sonnte, zu sagen, jeder wüßte, daß Königskinder Könige und Köhlerskinder Köhler seien, und daß es lächerlich sei, wenn man das bestreiten wolle. Der Pfauhahn stimmte dieser Bemerkung durchaus zu und schrie sein »Gewiß, gewiß« in einer so lauten und schrillen Stimme, daß die Goldfische, die in dem Bassin unter dem kühlenden Springbrunnen lebten, ihre Köpfe aus dem Wasser steckten und die riesigen steinernen Tritonen fragten, was in aller Welt es denn gäbe. Aber die Vögel liebten ihn irgendwie. Sie hatten ihn oft im Wald gesehen, wo er wie ein Kobold den wirbelnden Blättern nachsprang oder in der Höhlung eines alten Eichbaums emporkletterte und seine Nüsse mit dem Eichhörnchen teilte. Sie machten sich durchaus nichts daraus, daß er häßlich war. Ja, sogar die Nachtigall selbst, die des Nachts so schön in den Orangenhainen sang, daß sich sogar der Mond manchmal hinablehnte, um zu lauschen, ließ sich herbei, trotzdem nach ihm zu sehen. Er war ja auch zu ihnen allen gütig gewesen, und in jenem schrecklichen Winter, als es keine Beeren auf den Bäumen gab, als der Boden hart wie Eisen war, und die Wölfe bis vor die Stadttore kamen, um nach Futter zu suchen, da hatte er sie nicht ein einziges Mal vergessen und ihnen immer die Krümel von seinem kleinen Stück schwarzen Brotes gegeben und jedes Frühstück mit ihnen geteilt. So flogen sie immer um ihn herum, indem sie ihn jedesmal leise mit den Flügeln streiften und miteinander zwitscherten. Der kleine Zwerg aber war so vergnügt, daß er ihnen die schöne weiße Rose zeigen mußte und ihnen erzählte, die Infantin selbst habe sie ihm gegeben, weil sie ihn liebte. Sie verstanden nicht ein einziges Wort von dem, was er sagte, aber das machte nichts aus, denn sie legten ihre Köpfchen auf die Seite und machten kluge Augen, was gerade so gut ist, wie etwas verstehen, und viel leichter. Die Eidechsen faßten auch eine große Neigung zu ihm, und als er müde wurde, umherzurennen, und sich zum Ausruhen auf das Gras hinwarf, da spielten und tollten sie über ihn weg und versuchten, ihn so gut sie es nur konnten, zu unterhalten. »Jeder kann nun einmal nicht so schön sein wie eine Eidechse,« riefen sie; »das wäre zu viel verlangt. Und obgleich das lächerlich klingt, in Wirklichkeit ist er gar nicht so häßlich, wenn man seine Augen schließt und nicht nach ihm hinschaut.« Die Eidechsen waren von Natur sehr philosophisch und saßen öfters Stunden und Stunden nachdenklich beieinander, wenn es sonst nichts zu tun gab, oder wenn ihnen das Wetter zu regnerisch zum Ausgehen war. Die Blumen aber ärgerten sich sehr über ihr Benehmen und über das Benehmen der Vögel. »Es zeigt nur,« sagten sie, »wie gewöhnlich man von dem unaufhörlichen Umherrennen und Fliegen wird. Gesittete Leute bleiben immer auf demselben Fleck stehen, wie wir es tun. Noch nie sah uns jemand die Wege hinauf und hinab hüpfen oder wild durch das Gras schießen nach Libellen. Wenn wir einen Luftwechsel brauchen, schicken wir nach dem Gärtner, und er trägt uns in ein anderes Bett. Dies ist würdevoll und gehört sich auch so. Aber Vögel und Eidechsen haben keinen Sinn für Ruhe, und Vögel haben sogar nicht einmal eine dauernde Adresse. Sie sind einfach Vagabunden wie die Zigeuner und sollten genau so behandelt werden.« So steckten sie also ihre Nasen in die Luft, sahen sehr hochmütig drein und waren hocherfreut, als sie nach einiger Zeit sahen, wie sich der kleine Zwerg aus dem Gras aufrappelte und über die Terrasse nach dem Palast ging. »Man sollte ihn wirklich für den Rest seines natürlichen Lebens hinter Schloß und Riegel halten,« sagten sie. »Sieh nur seinen Buckel und seine krummen Beine,« und sie begannen zu kichern. Aber der kleine Zwerg wußte nichts von dem allen. Er liebte die Vögel und die Eidechsen unendlich und hielt die Blumen für die wundervollsten Dinge in der Welt, ausgenommen natürlich die Infantin, aber die hatte ihm auch die schöne weiße Rose gegeben, und sie liebte ihn, und das machte einen großen Unterschied. Wie sehr wünschte er, daß er mit ihr gegangen wäre! Sie hätte ihn an der rechten Hand gefaßt und ihn angelächelt. Er hätte sie gar nicht mehr verlassen, sondern wäre ihr Spielgefährte geworden, der ihr alle Arten von entzückenden Kunststücken gezeigt hätte. Denn obgleich er nie vorher in einem Palast gewesen war, so kannte er doch eine Menge wundervoller Dinge. Er konnte aus Binsen kleine Käfige machen, in denen die Heuschrecken sangen, und aus dem langgliedrigen Bambusrohr Pfeifen, wie sie Pan so gerne hörte. Er kannte jeden Vogelruf und konnte die Stare von den Baumwipfeln locken und den Reiher aus dem Sumpf. Er kannte die Fährte jedes Tieres und konnte den Hasen an seinen zierlichen Fußstapfen aufspüren und den Eber an dem zerstampften Laub. Alle Tänze der Natur kannte er, den wilden Tanz im roten Gewand des Herbstes, den lichten Tanz auf blauen Sandalen über die Kornfelder, den Tanz mit weißen Schneewirbeln im Winter und den Blütentanz durch die Gärten im Frühling. Er wußte, wo die Holztauben ihre Nester bauen, und einst, als ein Vogelsteller ein Pärchen in einer Schlinge gefangen, hatte er die Jungen selbst aufgezogen und ihnen einen kleinen Taubenschlag in der Spalte einer gekappten Ulme erbaut. Sie waren ganz zahm, und er pflegte sie jeden Morgen aus der Hand zu füttern. Sie würde sie gern haben, ebenso wie die Kaninchen, die in dem hohen Farnkraut herumjagten, wie die Eichelhäher mit den stahlblauen Federn und den schwarzen Schnäbeln, wie die Igel, die sich in stachlige Kugeln zusammenrollen konnten, und die großen klugen Schildkröten, die langsam umherkrochen, mit den Köpfen schüttelten und das junge Laub benagten. Ja, sie mußte bestimmt in den Wald kommen und mit ihm spielen. Er würde ihr sein eigenes kleines Bett geben und würde draußen vor dem Fenster bis zum Morgen Wache halten, damit das wilde Hornvieh ihr nichts täte, noch die hungrigen Wölfe zu nahe an die Hütte kröchen. Und des Morgens wollte er an die Fensterläden klopfen und sie aufwecken, und sie würden ausgehen und den ganzen Tag miteinander tanzen. Es war wirklich kein bißchen einsam in dem Wald. Manchmal ritt ein Bischof hindurch auf seinem weißen Maultier und las aus einem bemalten Buch. Manchmal kamen in grünen Samtmützen und Jacken aus gegerbter Hirschhaut die Falkeniere vorbei mit Falken in Kappen auf ihren Handgelenken. Zur Weinlese kamen die Traubenhändler mit purpurnen Händen und Füßen, bekränzt mit glänzendem Efeu, und trugen tropfende Schläuche voll Wein. Und die Köhler saßen bei Nacht rund um ihre riesigen Kohlenmeiler und beobachteten die trocknen Holzblöcke, die langsam im Feuer verkohlten. Sie rösteten Kastanien in der Asche, und die Räuber kamen aus ihren Verstecken und machten sich lustig mit ihnen. Einst hatte er auch eine schöne Prozession gesehen, die sich die lange staubige Straße nach Toledo hinaufwand. Voran gingen die Mönche mit süßen Gesängen und trugen glänzende Banner und goldene Kreuze, und dann kamen die Soldaten in silbernen Harnischen mit Musketen und Spießen. In ihrer Mitte aber gingen drei barfüßige Männer in seltsamen Gewändern, die über und über mit wundervollen Gestalten bemalt waren, und sie hielten brennende Kerzen in ihren Händen. Sicherlich gab es sehr viel zu sehen im Wald, und wenn sie müde war, dann würde er eine weiche Moosbank für sie finden, oder sie in seinen Armen tragen, denn er war sehr stark, obgleich er wußte, daß er nicht groß war. Und aus roten Moosbeeren würde er ihr ein Halsband machen, das ganz so hübsch sein würde wie die weißen Beeren, die sie auf ihrem Kleid trug. Und wenn sie sie nicht mehr mochte, dann konnte sie sie fortwerfen, und er würde andere für sie finden. Er würde ihr Eicheln bringen und taugetränkte Anemonen und winzige Glühwürmchen als Sterne in dem blassen Gold ihres Haares. Aber wo war sie? Er fragte die weiße Rose und sie gab ihm keine Antwort. Der ganze Palast schien zu schlafen, und selbst wo die Läden nicht geschlossen waren, hatte man schwere Vorhänge über die Fenster gezogen, um die Sonnenglut abzuhalten. Er wanderte ringsherum, einen Eingang zu finden, und sah zuletzt eine kleine Nebentüre, die offen stand. Er schlich hinein und befand sich in einem prächtigen Saal, der leider viel prächtiger war als der Wald. Überall war viel mehr Vergoldung, und selbst der Boden war von großen farbigen Steinen gemacht, die irgendein geometrisches Muster darstellten. Aber die kleine Infantin war nicht da, nur einige wundervolle weiße Statuen schauten von ihren Jaspispostamenten auf ihn herab mit traurigen, leeren Augen und seltsam lächelnden Lippen. Am Ende des Saales hing ein reich bestickter Vorhang von schwarzem Samt, übersät mit Sonnen und Sternen, den bevorzugten Devisen des Königs, und auf seine Lieblingsfarbe aufgestickt. Vielleicht war sie dahinter versteckt? Er wollte auf alle Fälle nachsehen. Langsam stahl er sich heran und zog ihn zur Seite. Nein, da war nur ein anderes Zimmer, und zwar ein hübscheres, wie ihn dünkte, als das, das er gerade verlassen hatte. Die Wände waren mit figurengeschmückten grünen Arrastapeten behängt, nadelgestickten Gobelins, die eine Jagd darstellten, einem Werk flämischer Künstler, die mehr als sieben Jahre an ihrer Fertigstellung gearbeitet hatten. Es war einst das Zimmer von Jean le fou, wie man ihn nannte, gewesen, jenem verrückten König, der so versessen auf die Jagd war, daß er oft in seinem Wahn versucht hatte, die riesigen, sich aufbäumenden Pferde zu besteigen und den Edelhirsch niederzureißen, nach dem die großen Hetzhunde sprangen. Er stieß dabei in sein Jagdhorn und schlug mit seinem Schwert nach dem bleichen, fliehenden Wild. Jetzt wurde es als Ratszimmer benutzt, und auf dem Tisch lagen die roten Mappen der Minister mit den eingepreßten goldenen Tulpen Spaniens und mit den Waffen und Emblemen des Hauses Habsburg. Der kleine Zwerg sah sich erstaunt überall um und fürchtete sich fast, weiterzugehen. Die seltsamen stummen Reiter, die so geschwind durch die weiten Lichtungen galoppierten, ohne irgendein Geräusch zu machen, erschienen ihm wie diese schrecklichen Gespenster, von denen er die Köhler hatte sprechen hören – die Comprachos –, die nur bei Nacht reiten, und wenn sie einen Menschen treffen, ihn in eine Hirschkuh verwandeln und jagen. Aber er dachte an die hübsche Infantin und faßte Mut. Er wünschte, sie allein zu treffen, um ihr zu sagen, daß auch er sie liebe. Vielleicht war sie in dem nächsten Zimmer. Er lief über die weichen maurischen Teppiche und öffnete die Tür. Nein! Sie war auch hier nicht. Das Zimmer war ganz leer. Es war ein Thronsaal, der zum Empfang fremder Gesandter diente, wenn der König, was in der letzten Zeit nicht häufig vorgekommen war, zustimmte, ihnen eine Privataudienz zu gewähren. Es war derselbe Saal, in dem viele Jahre früher Gesandte aus England erschienen waren, um ein Übereinkommen zu treffen für die Heirat ihrer Königin, die damals noch zu den katholischen Herrschern Europas gehörte, mit dem ältesten Sohn des Kaisers. Die Wandbekleidung war aus vergoldetem Korduanleder, und ein schwerer, vergoldeter Kronleuchter mit Armen für dreihundert Wachskerzen hing von der schwarzweißen Decke herab. Unter einem Baldachin von goldgewirktem Stoff, auf den die Löwen und Türme von Kastilien in Staubperlen gestickt waren, stand der Thron, bedeckt mit einer schweren Decke von schwarzem Samt, besät mit silbernen Tulpen und kunstvoll in Silber und Perlen eingefaßt. Auf der zweiten Stufe des Thrones war der Kniestuhl der Infantin mit seinem Kissen aus silberbesticktem Stoff hingestellt, und darunter wieder stand außerhalb des Bereichs des Baldachins der Sessel für den päpstlichen Nuntius, der allein das Recht hatte, bei Gelegenheit eines öffentlichen Empfangs in Gegenwart des Königs zu sitzen. Sein Kardinalshut mit seinen gedrehten roten Troddeln lag davor auf einem purpurnen Taburett. Dem Thron gegenüber hing an der Wand ein lebensgroßes Bildnis Karls V. im Jagdgewand mit einer großen Bulldogge zur Seite, und ein Bildnis Philipps II., wie er die Huldigung der Niederlande entgegennahm, bedeckte die Mitte der anderen Wand. Zwischen den Fenstern stand ein Schrank von schwarzem Ebenholz mit eingelegten Elfenbeinplatten, auf denen die Figuren aus Holbeins »Totentanz« – wie einige sagten, von des berühmten Meisters eigener Hand – eingraviert waren. Aber der kleine Zwerg machte sich nichts aus all dieser Pracht. Er würde für alle Perlen auf dem Baldachin nicht seine Rose hergegeben haben, noch ein weißes Blütenblatt seiner Rose für den Thron selbst. Er wollte nur die Prinzessin sehen, bevor sie zum Zelt hinabging, und sie bitten, mit ihm zu kommen, wenn er seinen Tanz beendet hatte. Hier im Palast war die Luft dumpf und schwer, aber im Wald blies der freie Wind, und das Sonnenlicht mit seinen wandernden goldnen Händen bewegte das Laub zur Seite. Dort waren auch Blumen im Walde, vielleicht nicht so vornehme wie im Garten, aber süßer dufteten sie trotzdem; Hyazinthen im Frühlingsanfang, die mit wehendem Purpur durch die kühlen Schluchten und über die grasigen Hügel fluteten; gelbe Primeln, die in kleinen Gruppen rund um die zernagten Wurzeln der Eichbäume wuchsen; glänzendes Schöllkraut, blauer Ehrenpreis und lilagoldne Schwertlilien. Da waren graue Kätzchen an den Haselsträuchern, und der rote Fingerhut senkte sich unter dem Gewicht seiner gesprenkelten, bienenbeladenen Glöckchen. Die Kastanie hatte ihre Sprossen von weißen Sternen und der Weißdorn seine bleichen Blütenmonde. Ja, sie würde gewiß mit ihm kommen, wenn er sie nur finden könnte! Sie würde mit ihm in den schönen Wald kommen, und den ganzen Tag über würde er zu ihrer Lust tanzen. Ein Lächeln erstrahlte bei dem Gedanken in seinen Augen, und er ging weiter in den nächsten Saal. Von allen Sälen war dieser der strahlendste und schönste. Die Wände waren mit rotblumigem Luccadamast bedeckt, der ein Vogelmuster trug und mit zierlichen silbernen Blüten betupft war. Die massivsilberne Ausstattung zeigte Verzierung von reichem Blumengewinde, in dem sich Kupidos schaukelten. Vor den zwei breiten Kaminen standen große Ofenschirme, die mit Papageien und Pfauen bestickt waren, und der Boden von seegrünem Onyx schien sich weit in die Ferne zu erstrecken. Auch war der Zwerg nicht allein. Wie er unter dem Schatten des Türeingangs stand, sah er am äußersten Ende des Saales eine kleine Figur, die ihn beobachtete. Sein Herz zitterte, ein Freudenschrei kam über seine Lippen, und er trat in das Sonnenlicht hinaus. In dem gleichen Augenblick trat auch die Figur hervor, und er sah sie deutlich. Die Infantin? Nein, es war ein Ungetüm, das abscheulichste Ungetüm, das er je gesehen hatte. Nicht hübsch gebaut, wie alle andern Leute waren, sondern verwachsen und krummbeinig mit einem riesigen, wackelnden Kopf und einer Mähne von schwarzem Haar. Der kleine Zwerg runzelte die Stirn, und das Ungetüm tat das auch. Er lachte, und es lachte mit ihm und hielt seine Hände gegen die Hüften, gerade wie er es tat. Er machte ihm eine spöttische Verbeugung und empfing eine tiefe Reverenz. Er ging darauf zu, und es kam ihm entgegen, indem es jeden Schritt nachahmte, den er machte, und anhielt, wenn er selbst anhielt. Er schrie vor Vergnügen und lief vorwärts. Er streckte seine Hand aus und die Hand des Ungetüms berührte seine, und sie war so kalt wie Eis. Er fürchtete sich und bewegte seine Hand zur Seite, aber die Hand des Ungetüms folgte dem schnell. Er versuchte, es zurückzudrücken, aber etwas Glattes und Hartes hielt ihn fest. Das Gesicht des Ungetüms befand sich jetzt dicht bei dem seinen und schien voller Angst zu sein. Er wischte sich das Haar aus dem Gesicht, es tat dasselbe. Er schlug nach ihm hin, und es gab ihm Schlag auf Schlag zurück. Er zeigte ihm seinen Ekel, und es schnitt ihm widerliche Gesichter. Er wich zurück, und es ging ebenfalls von ihm weg. Was war das? Er dachte einen Augenblick nach und sah sich in dem übrigen Saale um. Es war seltsam, aber alles schien hinter dieser unsichtbaren Wand von klarem Wasser seine Wiederholung zu haben. Ja, Bild für Bild und Täfelung für Täfelung wiederholte sich. Der schlafende Faun, der in der Nische neben dem Türeingang lag, hatte seinen schlummernden Zwillingsbruder, und die silberne Venus, die im Sonnenlicht stand, streckte ihre Arme einer Venus entgegen, die ebenso lieblich war wie sie selbst. War es das Echo? Er hatte es einst im Tale gerufen, und es hatte ihm Wort für Wort zurückgegeben. Konnte es auch das Auge verspotten, wie es die Stimme verspottete? Konnte es eine Scheinwelt schaffen gerade so wie die wirkliche Welt? Konnten die Schatten der Dinge Farbe, Leben und Bewegung haben? Konnte es sein, daß –? Er zuckte zusammen und nahm von seiner Brust die schöne weiße Rose, er drehte sie um und küßte sie. Das Ungetüm hatte auch eine Rose, und es war Blatt für Blatt dieselbe! Es küßte sie mit denselben Küssen und preßte sie mit schrecklichen Gebärden an sein Herz. Als ihm die Wahrheit aufdämmerte, stieß er einen wilden Verzweiflungsschrei aus und fiel stöhnend zu Boden. Dann war er selbst also mißgestaltet und verwachsen, widerlich anzusehen und fratzenhaft. Er selbst war das Ungetüm, und über ihn hatten alle Kinder gelacht. Und die kleine Prinzessin, von der er glaubte, sie liebte ihn – auch sie hatte nur über seine Häßlichkeit gespottet und sich über seine verkrümmten Glieder lustig gemacht. Warum hatte man ihn nicht im Walde gelassen, wo es keinen Spiegel gab, der ihm erzählte, wie häßlich er war? Warum hatte ihn sein Vater nicht getötet, ehe er ihn seiner Schande auslieferte? Die heißen Tränen rannen ihm über die Wangen, und er riß die weiße Rose in Stücke. Das daliegende Ungetüm tat dasselbe und streute die zarten Blumenblätter in die Luft. Er kroch auf dem Boden herum, und als er es anblickte, beobachtete es ihn mit einem schmerzverzerrten Gesicht. Er kroch hinweg, um es nicht mehr zu sehen, und bedeckte seine Augen mit seinen Händen. Wie ein verwundetes Tier schleppte er sich in den Schatten und lag dort stöhnend. In diesem Augenblick kam die Infantin mit ihren Begleitern durch die offene Fenstertüre, und als sie sahen, wie der kleine Zwerg am Boden lag und mit geballten Fäusten und in höchst phantastischer und übertriebener Weise um sich schlug, da brachen sie alle in lautes Jubelgeschrei aus und standen um ihn herum und betrachteten ihn. »Sein Tanz war komisch,« sagte die Infantin; »aber sein Spiel ist noch komischer. Er ist wirklich fast so gut wie die Puppen, nur macht er es nicht ganz so natürlich.« Und sie schwang ihren großen Fächer und applaudierte. Aber der kleine Zwerg blickte niemals auf, sein Seufzen wurde schwächer und schwächer, und plötzlich machte er einen seltsamen Atemzug und griff sich in die Seite. Und dann fiel er wieder zurück und lag ganz still. »Das ist großartig,« sagte die Infantin nach einer Pause; »aber jetzt mußt du für mich tanzen.« »Ja,« riefen alle Kinder, »du mußt aufstehen und tanzen, denn du bist so gewandt wie die Affen aus der Berberei und viel komischer.« Aber der kleine Zwerg gab keine Antwort. Da stampfte die Infantin mit ihrem Fuß und rief nach ihrem Onkel, der mit dem Kämmerer über die Terrasse ging und einige Depeschen las, die gerade von Mexiko kamen, wo jüngst die Inquisition eingeführt worden war. »Mein komischer kleiner Zwerg ist träge,« rief sie, »du mußt ihn aufwecken und ihm sagen, daß er für mich tanzt.« Sie lächelten einander zu und schlenderten hinein. Und Don Pedro bückte sich und schlug den Zwerg mit seinem gestickten Handschuh auf die Wange. »Du mußt tanzen, kleines Monstrum,« sagte er. »Du mußt tanzen. Die Infantin von Spanien und Indien will unterhalten sein.« Aber der kleine Zwerg machte keine Bewegung. »Ein Prügelknecht sollte geholt werden,« sagte Don Pedro erzürnt und ging wieder auf die Terrasse. Aber der Kämmerer machte ein ernstes Gesicht. Er kniete neben dem kleinen Zwerge nieder und legte ihm die Hand auf das Herz. Und nach einigen Sekunden zuckte er die Achseln und erhob sich. Er machte eine tiefe Verbeugung vor der Infantin und sagte: » Mi bella Princesa , Ihr drolliger kleiner Zwerg wird nie wieder tanzen. Es ist schade, denn er ist so häßlich, daß er vielleicht den König zum Lächeln gebracht hätte.« »Aber warum wird er nicht wieder tanzen?« fragte die Infantin lachend. »Weil ihm das Herz gebrochen ist,« antwortete der Kämmerer. Da machte die Infantin ein finsteres Gesicht, und ihre zierlichen Rosenlippen zogen sich zu einem reizenden Schmollen zusammen. »In Zukunft sollen die, die mit mir spielen, keine Herzen haben,« rief sie und lief hinaus in den Garten. Der Fischer und seine Seele Jeden Abend fuhr der junge Fischer auf die See hinaus und warf seine Netze ins Wasser. Wenn der Wind vom Lande her wehte, fing er nichts oder so gut wie nichts, denn es war ein rauher Wind, der auf schwarzen Schwingen kam und wilde Wellen aufwühlte. Aber wenn der Wind auf die Küste zu wehte, dann stiegen die Fische aus der Tiefe empor und schwammen in die Maschen seiner Netze. Und er brachte sie nach dem Markt und verkaufte sie. Jeden Abend fuhr er hinaus auf die See, und eines Abends war das Netz so schwer, daß er es kaum in das Boot ziehen konnte. Da lachte er und sprach: »Sicher habe ich alle Fische gefangen, die umherschwimmen, oder es ist mir ein plumpes Seeungeheuer ins Garn gegangen, über das die Leute staunen werden, oder auch irgendein Greuel, den sich die große Königin kommen läßt.« Und indem er seine ganze Kraft anstrengte, zog er an den dicken Stricken, bis gleich Linien von blauer Glasur um eine Bronzeurne die langen Adern auf seinen Armen hervortraten. Er zog an den dünnen Stricken, der Kreis von flachen Korken kam näher und näher, und schließlich erhob sich das Netz an die Oberfläche des Wassers. Aber es befand sich überhaupt kein Fisch darin, und auch kein Ungetüm noch ein Greuel, sondern nur eine kleine Seejungfrau, die in festem Schlafe lag. Ihr Haar war wie ein feuchtes goldnes Vließ und jedes einzelne Haar wie ein Faden reinen Goldes in einem Becher von Glas. Ihr Leib war wie weißes Elfenbein und ihr Fischschwanz von Silber und Perlen. Von Silber und Perlen war ihr Fischschwanz, und das grüne Seeschilf umschlang ihn. Wie Seemuscheln waren ihre Ohren, und ihre Lippen waren wie Seekorallen. Die kühlen Wellen schlugen über ihre kühlen Brüste, und das Salz glitzerte aus ihren Augenlidern. So schön war sie, daß der junge Fischer von Staunen erfüllt wurde, als er sie sah. Er streckte seine Hand aus, zog das Netz dicht an sich heran, und indem er sich über den Bootsrand neigte, umfaßte er sie mit seinen Armen. Aber als er sie berührte, stieß sie einen Schrei aus wie eine aufgeschreckte Seemöve. Sie erwachte, sah ihn mit ihren erschreckten rötlichvioletten Augen an und mühte sich, zu entkommen. Aber er hielt sie fest an sich gedrückt und ließ sie nicht los. Als sie nun sah, daß sie auf keine Weise von ihm loskommen konnte, da begann sie zu weinen und sprach: »Ich bitte dich, laß mich gehen, denn ich bin die einzige Tochter eines Königs, und mein Vater ist alt und allein.« Aber der junge Fischer antwortete: »Ich werde dich nur gehen lassen, wenn du mir ein Versprechen gibst. Immer, wenn ich dich rufe, mußt du kommen und vor mir singen. Denn die Fische lieben es, dem Gesang des Meervolks zu lauschen, und so werden meine Netze immer voll sein.« »Willst du mich auch ganz gewiß gehen lassen, wenn ich dir dies verspreche?« fragte die Seejungfrau. »Ganz gewiß will ich dich gehen lassen,« sagte der junge Fischer. Da gab sie ihm denn das gewünschte Versprechen und beschwor es mit dem Eid des Seevolks. Und er löste sie aus seinen Armen, und sie sank ins Wasser hinab und zitterte in einer seltsamen Furcht. Jeden Abend fuhr der Fischer hinaus auf die See. Er rief die Seejungfrau, und sie tauchte aus dem Wasser auf und sang vor ihm. Rund um sie herum schwammen die Delphine, und die wilden Möven schwebten um ihren Kopf. Und sie sang ein wunderbares Lied. Denn sie sang vom Seevolk, das seine Herden von Höhle zu Höhle treibt, und die kleinen Kälbchen auf den Schultern trägt; von den Tritonen, die lange grüne Bärte und haarige Brüste haben und auf gedrehten Muscheln blasen, wenn der König vorbeikommt; vom Palast des Königs, der ganz aus Meerschaum gemacht ist und ein Dach von klarem Smaragd und einen Fußboden aus glänzenden Perlen hat; und von den Seegärten, wo die großen Filigranwedel der Koralle den ganzen Tag sich bewegen, und die Fische wie silberne Vögel hindurchschnellen; wo die Meeranemonen sich an die Felsen klammern, und die Ellritzen aus dem gewellten gelben Sand auftauchen. Sie sang von den großen Walfischen, die von der Nordsee herabkommen und scharfe Eiszapfen an ihren Flossen hängen haben; von den Sirenen, die so wundervolle Dinge erzählen, daß die Kaufleute sich die Ohren mit Wachs verstopfen müssen, um sie nicht zu hören, da sie sonst ins Wasser springen und ertrinken; von versunkenen Galeeren mit hohen Masten, auf denen erfrorene Seeleute sich in der Takelung festhalten, und Makrelen die offenen Pfortenlöcher hinein- und hinausschwimmen; von den kleinen Entenmuscheln, die so weit reisen, da sie sich an den Schiffskielen festhalten und so rings um die Welt kommen; und von den Tintenfischen, die an den Seiten der Klippen leben und ihre langen schwarzen Arme ausstrecken, und die um sich Nacht machen können, wenn sie wollen. Sie sang vom Nautilus, der sein eigenes Boot hat, das aus einem Opal geschnitten ist und mit einem seidenen Segel gesteuert wird; von den glücklichen Seemenschen, die auf Harfen spielen und den großen Kraken in Schlaf lullen können; von ihren kleinen Kindern, die die glatten Meerschweine zu fassen wissen und lachend auf ihren Rücken reiten; von den Seejungfrauen, die im weißen Schaum liegen und ihre Arme nach den Seeleuten ausstrecken; und von den Seelöwen mit ihren gebogenen Hauern, und den Seepferden mit ihren wallenden Mähnen. Wenn sie so sang, kamen alle Thunfische aus der Tiefe, um ihr zu lauschen. Der junge Fischer warf sein Netz nach ihnen aus und fing sie, und andere erlegte er mit einem Speer. Und wenn sein Boot wohlbeladen war, dann lächelte die Seejungfrau ihm zu und versank in die Tiefe. Aber niemals kam sie ihm so nahe, daß er sie berühren konnte. Oft rief er ihr zu und bat sie darum, aber sie wollte es nicht. Und wenn er sie zu fassen suchte, dann tauchte sie ins Wasser wie ein Seehund, und an diesem Tage sah er sie nicht wieder. Aber mit jedem Tag wurde der Klang ihrer Stimme süßer in seinen Ohren. So süß war ihre Stimme, daß er seine Netze und seine Geschicklichkeit vergaß und auf sein Gewerbe nicht achtete. Mit tiefroten Flossen und Augen wie Goldbuckeln kamen die Thunfische in Herden vorbei, aber er sah nicht nach ihnen. Sein Speer lag unbenutzt neben ihm, und seine Körbe aus geflochtenen Weiden waren leer. Mit offenen Lippen und vor Staunen matten Augen saß er müßig in seinem Boot und lauschte und lauschte, bis die Seenebel um ihn herumkrochen, und der wandernde Mond seine braune Gestalt mit Silber übergoß. Eines Abends aber rief er sie an und sprach: »Kleine Seejungfrau, kleine Seejungfrau, ich liebe dich. Nimm mich als Bräutigam, denn ich liebe dich.« Da schüttelte die Seejungfrau ihren Kopf. »Du hast eine menschliche Seele,« antwortete sie. »Nur wenn du deine Seele fortschicken wolltest, könnte ich dich lieben.« Und der junge Fischer sprach zu sich selbst: »Was habe ich von meiner Seele? Ich kann sie nicht sehen, ich kann sie nicht fühlen, ich kenne sie nicht. Gewiß werde ich sie von mir fortschicken und großes Glück dafür gewinnen.« Und ein Freudenschrei brach von seinen Lippen. Er stellte sich aufrecht in seinem bemalten Boote hin und streckte seine Arme nach der Seejungfrau aus. »Ich werde meine Seele fortschicken,« rief er. »Du wirst meine Braut, und ich werde dein Bräutigam sein. In der Tiefe des Meeres wollen wir zusammen wohnen, und alles, was du mir vorgesungen hast, sollst du mir zeigen, und alles, was du wünschest, will ich tun, denn unser beider Leben soll eins sein.« Da lachte die kleine Seejungfrau vor Freude und barg ihr Gesicht in ihren Händen. »Aber wie soll ich meine Seele fortsenden?« fragte der junge Fischer. »Sage mir, wie ich es tun kann, und ich werde es sicherlich tun.« »Ach, ich weiß es nicht,« sagte die Seejungfrau. »Wir Seemenschen haben keine Seele.« Und sie ließ sich in die Tiefe sinken, indem sie ihn sehnsüchtig ansah. Aber am nächsten Morgen ganz früh, bevor die Sonne eine Spanne breit über dem Hügel stand, ging der junge Fischer zu dem Hause des Priesters und klopfte dreimal an die Türe. Der Novize schaute durch das Pförtchen, und als er sah, wer es war, schob er den Riegel zurück und sagte zu ihm: »Tritt ein.« Da ging der junge Fischer hinein, kniete auf den süßduftenden Binsen des Bodens nieder, wandte sich an den Priester, der in der Bibel las, und sprach zu ihm: »Vater, ich liebe eine aus dem Seevolk, und meine Seele hindert mich, mein Verlangen zu erfüllen. Sage mir, wie ich meine Seele von mir fortsenden kann, denn wahrhaftig, ich brauche sie nicht. Zu was ist mir meine Seele nütze? Ich kann sie nicht sehen, ich kann sie nicht fühlen, ich kenne sie nicht.« Aber der Priester schlug sich an die Brust und antwortete: »Wehe, wehe! Du bist wahnsinnig, oder du hast ein vergiftetes Kraut gegessen, denn die Seele ist das edelste am Menschen, sie ist uns von Gott gegeben, damit wir von ihr einen edlen Gebrauch machen sollen. Es gibt nichts kostbareres als eine menschliche Seele, und nichts Irdisches kann mit ihr verglichen werden. Sie ist alles Gold wert, das es auf der Welt gibt, und kostbarer als die Rubinen der Könige. Darum, mein Sohn, denke nicht wieder an diese Sache, denn sie ist eine Sünde, die nicht vergeben wird. Und was die vom Seevolk angeht, sie sind verloren, und wer sich mit ihnen abgibt, ist auch verloren. Sie sind wie die Tiere des Feldes, sie wissen nicht, was gut oder böse ist, und für sie ist der Heiland nicht gestorben.« Des jungen Fischers Augen füllten sich mit Tränen, als er die strengen Worte des Priesters hörte. Er erhob sich von den Knien und sprach zu ihm: »Vater, die Faune leben im Wald und sind glücklich. Die Seemenschen sitzen auf den Klippen mit ihren Harfen von rotem Gold. Ich flehe dich an, laß mich sein, wie sie sind, denn ihre Tage sind wie die Tage der Blumen. Und meine Seele – was nützt mir meine Seele, wenn sie zwischen mir und der, die ich liebe, steht?« »Die Liebe des Leibes ist gemein,« rief der Priester und runzelte die Stirne, »und gemein und böse sind die heidnischen Dinge, denen Gott erlaubt, über Seine Welt zu wandern. Verflucht seien die Faune des Waldes, und verflucht seien die Sänger der See! Ich habe sie bei der Nachtzeit gehört, und sie versuchten, mich in meinem Beten zu stören. Sie klopfen ans Fenster und lachen. Sie flüstern mir ins Ohr die Mär von ihren gefährlichen Freuden. Sie haben mich mit Versuchungen gequält, und wenn ich beten wollte, dann schnitten sie mir Gesichter. Sie sind verloren, sage ich dir, sie sind verloren. Für sie gibt es weder Himmel noch Hölle, und weder hier noch dort werden sie Gottes Namen preisen.« »Vater,« schrie der junge Fischer, »du weißt nicht, was du sagst. Einst fing ich in meinem Netz die Tochter eines Königs. Sie ist schöner als der Morgenstern und weißer als der Mond. Für ihren Leib würde ich meine Seele geben, und für ihre Liebe auf den Himmel verzichten. Sage mir, was ich von dir verlangt habe, und laß mich in Frieden gehen.« »Hinweg! Hinweg!« schrie der Priester. »Deine Buhle ist verloren, und du wirst mit ihr verloren sein.« Und er gab ihm keinen Segen, sondern trieb ihn von seiner Tür. Und der junge Fischer ging hinab auf den Marktplatz, und er schritt langsam und mit geneigtem Haupt, wie einer, der in Kummer ist. Aber als ihn die Kaufleute sahen, begannen sie miteinander zu flüstern, und einer von ihnen trat auf ihn zu, nannte ihn bei Namen und fragte ihn: »Was hast du zu verkaufen?« »Ich will dir meine Seele verkaufen,« antwortete er. »Ich bitte dich, kaufe sie mir ab, denn ich bin ihrer müde. Was nützt mir meine Seele? Ich kann sie nicht sehen, ich kann sie nicht fühlen, ich kenne sie nicht.« Aber die Kaufleute verspotteten ihn und sprachen: »Was nützt uns eines Menschen Seele? Sie ist keine beschnittene Silbermünze wert. Verkaufe uns deinen Leib als Sklaven, und wir werden dich in Purpur kleiden. Wir werden dir einen Ring an den Finger stecken und dich zum Liebling der großen Königin machen. Aber sprich nichts von der Seele, denn die gilt uns nichts und hat keinen Wert in unserm Geschäft.« Da sprach der junge Fischer zu sich selbst: »Wie seltsam ist das doch! Der Priester sagt mir, die Seele sei alles Gold in der Welt wert, und die Kaufleute sagen, sie sei keine beschnittene Silbermünze wert.« Und er verließ den Markt, ging hinab an das Seeufer und begann darüber nachzudenken, was er tun sollte. Gegen Mittag fiel ihm ein, wie einer seiner Genossen, ein Meerdillsammler, ihm von einer jungen Hexe erzählt hatte, die oberhalb der Bucht in einer Höhle wohnte und sehr geschickt im Zaubern war. Und er machte sich auf und rannte, so begierig war er, seine Seele loszuwerden, und eine Staubwolke folgte ihm, als er durch den Ufersand lief. Aus den Linien ihrer Hand wußte die junge Hexe von seinem Kommen, und sie lachte und löste ihr rotes Haar. In ihr rotes Haar eingehüllt stand sie am Eingang der Höhle, und in ihrer Hand hielt sie einen Zweig von wildem Schierling, der blühte. »Was willst du? Was willst du?« rief sie, als er atemlos die Stufen heraufkam und sich vor ihr verneigte. »Fische für dein Netz, wenn der Wind widrig ist? Ich habe eine kleine Rohrpfeife, und wenn ich darauf blase, dann kommen die Seebarben in die Bucht geschwommen. Aber sie hat einen Preis, schöner Knabe, sie hat einen Preis. Was willst du? Einen Sturm, der die Schiffe zerschlägt und Kisten mit reichen Schätzen an das Ufer spült? Ich habe mehr Stürme, als der Wind sie hat, denn ich diene einem, der stärker ist als der Wind, und mit einem Sieb und einem Eimer Wasser kann ich die großen Schiffe auf den Boden des Meeres versenken. Aber ich habe einen Preis, schöner Knabe, ich habe einen Preis. Was willst du? Was willst du? Ich weiß eine Blume, die im Tal wächst, niemand kennt sie, außer mir. Sie hat eine rote Blüte mit einem Stern mitten darin, und ihr Saft ist wie weiße Milch. Wenn du mit dieser Blume die harten Lippen der Königin berührtest, sie würde dir folgen über die ganze Erde. Aus dem Bett des Königs würde sie sich erheben und dir über die ganze Erde folgen. Doch sie hat einen Preis, schöner Knabe, sie hat einen Preis. Was willst du? Was willst du? Ich kann eine Kröte in einem Mörser zerstampfen, einen Brei daraus machen und den Brei mit der Hand eines Toten umrühren. Spritze davon auf deinen Feind, wenn er schläft, und er wird sich in eine schwarze Natter verwandeln, und seine eigene Mutter wird ihn erschlagen. Mit einem Rade kann ich den Mond vom Himmel herabziehen und in einem Kristall kann ich dir den Tod zeigen. Was willst du? Was willst du? Nenne mir deinen Wunsch, und ich will ihn dir erfüllen. Aber du wirst mir einen Preis zahlen, schöner Knabe, du wirst mir einen Preis zahlen.« »Mein Wunsch geht nur nach einem kleinen Ding,« sagte der junge Fischer, »doch war der Priester zornig auf mich und hat mich fortgejagt. Obgleich es nur ein kleines Ding ist, haben die Kaufleute mich verspottet und es mir abgeschlagen. Deshalb komme ich zu dir, wenn auch die Menschen dich böse nennen, und was auch der Preis ist, ich werde ihn zahlen.« »Was möchtest du denn?« fragte die Hexe und trat dicht an ihn heran. »Ich möchte meine Seele von mir fortsenden,« antwortete der junge Fischer. Die Hexe erbleichte und schauderte und verbarg ihr Gesicht in ihrem blauen Mantel. »Schöner Knabe, schöner Knabe,« murmelte sie, »du verlangst etwas Schreckliches.« Er schüttelte seine braunen Locken und lachte. »Meine Seele ist mir nichts,« antwortete er. »Ich kann sie nicht sehen, ich kann sie nicht fühlen, ich kenne sie nicht.« »Was willst du mir geben, wenn ich es dir sage?« fragte die Hexe und blickte mit ihren schönen Augen auf ihn hinab. »Fünf Goldstücke«, sagte er, »und meine Netze und das Rutenhaus, in dem ich lebe, und das bemalte Boot, auf dem ich segle. Nur sage mir, wie ich meine Seele loswerden kann, dann sollst du alles haben, was ich besitze.« Sie lachte ihn spöttisch an und schlug ihn mit dem Schierlingszweig. »Ich kann die Herbstblätter in Gold verwandeln,« antwortete sie, »und die bleichen Mondstrahlen kann ich zu Silber verweben, wenn ich will. Er, dem ich diene, ist reicher als alle Könige der Welt und besitzt ihre Lande.« »Was soll ich dir denn geben,« rief er, »wenn der Preis weder Gold noch Silber ist?« Die Hexe glättete mit ihrer dünnen, weißen Hand ihr Haar. »Du mußt mit mir tanzen, schöner Knabe,« murmelte sie und lächelte ihn an, während sie sprach. »Sonst nichts?« rief der junge Fischer erstaunt, und er sprang auf die Füße. »Sonst nichts,« antwortete sie und lächelte ihn wieder an. »Dann wollen wir bei Sonnenuntergang an einer abgelegenen Stelle tanzen,« sagte er, »und wenn wir getanzt haben, dann sollst du mir sagen, was ich zu wissen wünsche.« Sie schüttelte den Kopf. »Wenn der Mond voll ist, wenn der Mond voll ist,« murmelte sie. Dann spähte sie ringsumher und lauschte. Ein blauer Vogel erhob sich kreischend aus seinem Nest und kreiste über den Dünen, und drei gefleckte Vögel raschelten durch das dicke, graue Gras und pfiffen sich zu. Es war kein anderer Laut zu hören als das Knirschen einer Welle, die unten die glatten Kiesel zerrieb. Da streckte sie ihre Hand aus, zog ihn nahe an sich heran und legte ihre trockenen Lippen dicht an sein Ohr. »Heute abend mußt du auf die Spitze des Berges kommen,« flüsterte sie. »Es ist Sabbat, und Er wird auch da sein.« Der junge Fischer schrak zurück und blickte sie an. Sie aber zeigte ihre weißen Zähne und lachte. »Wer ist Er, von dem du sprichst?« fragte er. »Das ist gleichgültig,« antwortete sie. »Geh du heute abend und stelle dich unter die Zweige der Hainbuche. Dort warte auf mein Kommen. Wenn ein schwarzer Hund auf dich zu läuft, dann schlage ihn mit einer Weidengerte und er wird davonlaufen. Wenn eine Eule dir zuruft, gib keine Antwort. Sobald der Mond voll ist, werde ich bei dir sein, und wir wollen zusammen auf dem Grase tanzen.« »Aber schwörst du mir auch zu, daß du mir erzählst, wie ich meine Seele von mir fortsenden kann?« fragte er. Sie trat hinaus in das Sonnenlicht, und durch ihr rotes Haar wellte der Wind. »Ich schwöre es bei den Hufen des Ziegenbocks,« gab sie zur Antwort. »Du bist die beste von allen Hexen,« rief der junge Fischer, »und ich will sicher heute abend auf dem Berggipfel mit dir tanzen. Ich möchte zwar, du hättest Gold oder Silber verlangt. Aber so wie dein Preis ist, sollst du ihn haben, denn er ist nur eine geringe Sache.« Und er zog seine Mütze vor ihr ab, neigte tief seinen Kopf und lief, von großer Freude erfüllt, nach der Stadt. Die Hexe aber sah ihm nach, wie er ging, und als er aus ihrem Blick verschwunden war, kehrte sie in ihre Höhle zurück. Sie nahm einen Spiegel aus einem Kasten von geschnitztem Zedernholz, setzte ihn auf ein Gestell, verbrannte davor auf angezündeter Holzkohle Eisenkraut und schaute durch die Rauchwirbel. Und nach einer Weile ballte sie zornig ihre Hände. »Er hätte mein sein sollen,« murmelte sie, »ich bin so schön wie sie.« Und am Abend, als der Mond aufgegangen war, kletterte der junge Fischer aus den Gipfel des Berges und stand unter den Zweigen der Hainbuche. Wie ein Schild von blankem Metall lag die runde See zu seinen Füßen, und die Schatten der Fischerboote bewegten sich durch die kleine Bucht. Eine große Eule mit schwefelgelben Augen rief ihn bei Namen, aber er gab keine Antwort. Ein schwarzer Hund rannte auf ihn zu und knurrte. Er schlug ihn mit einer Weidengerte, bis er winselnd davonrannte. Um Mitternacht kamen die Hexen wie Fledermäuse durch die Luft geflogen. »Oho!« riefen sie, als sie sich auf den Boden niederließen, »da ist einer, den wir nicht kennen!« Und sie schnüffelten herum, tuschelten miteinander und winkten sich zu. Als letzte kam die junge Hexe, und ihr rotes Haar flatterte im Winde. Sie trug ein Kleid aus Goldgewebe, das mit Pfauenaugen bestickt war, und eine kleine Mütze aus grünem Samt hatte sie auf ihrem Kopf. »Woher kommt er, woher kommt er?« kreischten die Hexen, als sie sie sahen, aber sie lachte nur. Sie lief nach der Hainbuche, führte den Fischer an der Hand in den Mondschein und begann zu tanzen. Rund herum im Kreise wirbelten sie, und die junge Hexe sprang so hoch, daß er die roten Absätze ihrer Schuhe sehen konnte. Dann kam mitten durch ihr Tanzen das Geräusch eines galoppierenden Pferdes, aber kein Pferd war zu sehen, und er fürchtete sich. »Schneller,« schrie die Hexe, und sie schlang ihre Arme um seinen Hals, und ihr Atem wehte heiß gegen sein Gesicht. »Schneller, schneller,« schrie sie, und die Erde schien unter seinen Füßen zu verschwimmen. Sein Kopf verwirrte sich, und eine große Angst überkam ihn, als ob irgendein böses Wesen ihn beobachtete. Schließlich bemerkte er, daß im Schatten eines Felsens eine Figur stand, die vorher nicht dagewesen war. Es war ein Mann, der mit einem schwarzsamtenen Anzug in spanischer Tracht bekleidet war. Sein Gesicht war merkwürdig bleich, aber seine Lippen glichen einer stolzen, roten Blüte. Er hatte einen müden Blick und lehnte sich zurück, indem er gleichgültig mit dem Knauf seines Dolches spielte. Neben ihm auf dem Gras lagen ein Federhut und ein Paar Reithandschuhe, deren Stulpen mit goldenen Schnüren besetzt und mit feinen Perlen besät waren, die seltsame Figuren bildeten. Ein kurzer, schwarzgefütterter Mantel hing von seiner Schulter, und seine zarten, weißen Hände waren mit Ringen geschmückt. Schwere Lider fielen über seine Augen. Der junge Fischer starrte ihn wie von einem Zauber gebannt an. Schließlich trafen sich ihre Augen, und es schien ihm, wo er auch tanzte, als ob die Augen des Mannes auf ihm ruhten. Er hörte die Hexe lachen, faßte sie um den Leib und wirbelte sie wie toll immer aufs neue herum. Plötzlich bellte ein Hund im Gehölz, und die Tanzenden brachen ab. Paarweise gingen sie hinauf, knieten nieder und küßten die Hand des Mannes. Während sie so taten, streifte ein leichtes Lächeln seine stolzen Lippen, wie der Flügel eines Vogels das Wasser streift und es lachen macht. Aber es lag Verachtung darin. Und er ließ keinen Blick von dem jungen Fischer. »Komm, laß uns anbeten,« flüsterte die Hexe und führte ihn hinauf, und ein großes Verlangen, ihrem Geheiß zu folgen, ergriff ihn, so daß er mit ihr ging. Aber als er dicht herankam, da schlug er, ohne zu wissen warum, ein Kreuzzeichen auf der Brust und rief den Namen Gottes an. Kaum hatte er das getan, da schrien die Hexen wie Habichte auf und flogen davon, und das bleiche Antlitz, das ihn angestarrt hatte, zuckte krampfhaft vor Schmerz. Der Mann ging zu dem kleinen Gehölz hinüber und pfiff. Ein spanisches Pferd mit silbernem Geschirr kam auf ihn zu gelaufen. Als er in den Sattel sprang, wandte er sich um und blickte den jungen Fischer traurig an. Die junge Hexe aber mit dem roten Haar versuchte ebenfalls davonzufliegen. Doch der Fischer ergriff sie am Handgelenk und hielt sie fest. »Gib mich frei,« rief sie, »und laß mich gehen. Denn du hast den Namen genannt; der nicht genannt werden durfte, und das Zeichen gemacht, das man nicht ansehen darf.« »Nein,« antwortete er, »ich werde dich nicht gehen lassen, bis du mir das Geheimnis gesagt hast.« »Welches Geheimnis?« fragte die Hexe, die an ihm zerrte wie eine wilde Katze und sich auf die schaumbedeckten Lippen biß. »Du weißt es,« gab er zur Antwort. Ihre grasgrünen Augen wurden trüb vor Tränen, und sie sagte zu dem Fischer: »Verlange alles, nur das nicht!« Er lachte und hielt sie um so fester. Als sie nun sah, daß sie sich nicht freimachen konnte, flüsterte sie ihm zu: »Ich bin sicher so schön wie die Töchter der See und so lieblich wie die, die in den blauen Wassern wohnen.« Und sie schmiegte sich an ihn an und legte ihr Gesicht dicht an das seine. Aber er stieß sie finster zurück und sprach: »Wenn du das Versprechen nicht hältst, das du mir gegeben hast, werde ich dich als eine falsche Hexe erschlagen.« Sie wurde aschgrau wie eine Blüte am Baume des Judas und schauderte: »So sei es,«, flüsterte sie. »Es ist deine Seele und nicht die meine. Tue mit ihr, wie du willst.« Und sie nahm aus ihrem Gürtel ein kleines Messer, das einen Griff aus grüner Vipernhaut hatte, und gab es ihm. »Wozu soll es mir dienen?« fragte er erstaunt. Sie schwieg eine Weile, und ein Blick des Schreckens kam über ihr Gesicht. Dann strich sie sich das Haar aus der Stirne und sagte zu ihm mit seltsamem Lächeln: »Was die Menschen den Schatten des Körpers nennen, ist nicht der Schatten des Körpers, sondern der Körper der Seele. Stelle dich an das Meeresufer mit dem Rücken nach dem Mond und schneide rund um deine Füße deinen Schatten ab, der der Körper deiner Seele ist. Dann bitte deine Seele, dich zu verlassen, sie wird es tun.« Der junge Fischer zitterte: »Ist das wahr?« murmelte er. »Es ist wahr, und ich wollte, ich hätte es dir nicht gesagt,« rief sie und umschlang weinend seine Kniee. Er machte sich von ihr los und ließ sie in dem hohen Gras stehen. Dann ging er an den Abhang des Berges, steckte das Messer in seinen Gurt und begann hinabzuklettern. Und seine Seele, die in ihm war, rief zu ihm auf und sprach: »Siehe, ich bin all diese Jahre mit dir vereint gewesen und habe dir gedient. Schicke mich jetzt nicht fort von dir, denn was habe ich dir Böses getan?« Da lachte der junge Fischer. »Du hast mir nichts Böses getan, aber ich brauche dich nicht,« antwortete er. »Die Welt ist weit, und es gibt außerdem noch Himmel und Hölle und das trübe Reich des Zwielichts, das dazwischen liegt. Geh, wohin du willst, nur störe mich nicht, denn meine Liebste ruft nach mir.« Und seine Seele bat ihn flehentlich, aber er hörte nicht auf sie, sondern sprang leichtfüßig wie eine wilde Ziege von Klippe zu Klippe, bis er zuletzt den ebenen Boden und die gelbe Meeresküste erreichte. Mit bronzefarbenen Gliedern, gebaut wie eine griechische Statue, stand er im Sande mit dem Rücken gegen den Mond, und aus dem Schaum kamen weiße Arme, die ihm winkten, und aus den Wellen tauchten verschwommene Gestalten, die sich verneigten. Vor ihm lag sein Schatten, der der Körper seiner Seele war, und hinter ihm hing der Mond in der honigfarbenen Luft. Da sprach seine Seele zu ihm: »Wenn du mich wirklich von dir vertreiben mußt, sende mich nicht fort ohne ein Herz. Die Welt ist grausam, gib mir dein Herz, ich werde es mitnehmen.« Er warf seinen Kopf empor und lächelte. »Womit soll ich meine Liebste lieben, wenn ich dir mein Herz gebe?« rief er. »Ach, habe Erbarmen,« sagte seine Seele. »Gib mir dein Herz, denn die Welt ist so grausam, und ich fürchte mich.« »Mein Herz gehört meiner Liebsten,« antwortete er. »Darum zaudre nicht länger, sondern geh deiner Wege.« »Bedarf ich denn nicht auch der Liebe?« fragte seine Seele. »Geh deiner Wege, denn ich brauche dich nicht,« schrie der junge Fischer. Und er nahm das kleine Messer mit dem Griff von grüner Vipernhaut und schnitt den Schatten rund um seine Füße ab. Da erhob sich der Schatten, stand vor ihm und sah ihn an, und er war ganz wie er selbst. Der Fischer trat zurück, steckte das Messer in seinen Gurt, und ein Gefühl von Grauen überkam ihn. »Geh deiner Wege,« murmelte er, »und laß mich dein Antlitz nie wieder sehen.« »Nein, wir werden uns wiedersehen,« sagte die Seele. Ihre Stimme war leise und flötengleich, und ihre Lippen bewegten sich kaum, während sie sprach. »Wie sollen wir uns sehen?« fragte der junge Fischer. »Du willst mir doch nicht in die Tiefen des Meeres folgen?« »Einmal jedes Jahr werde ich an diese Stelle kommen und nach dir rufen,« sagte die Seele. »Vielleicht wirst du mich nötig haben.« »Warum sollte ich dich nötig haben?« rief der junge Fischer, »aber tue, wie du willst.« Und er tauchte ins Wasser, die Tritonen bliesen auf ihren Hörnern, und die kleine Seejungfrau stieg empor und schwamm ihm entgegen. Sie legte ihre Arme um seinen Nacken und küßte ihn auf den Mund. Aber die Seele stand an der einsamen Küste und sah ihnen zu. Und als sie in der See versunken waren, ging sie weinend über das Marschland davon. Als dann ein Jahr vorüber war, kam die Seele hinab an das Ufer des Meeres und rief nach dem jungen Fischer. Und er tauchte aus der Tiefe empor und fragte: »Warum rufst du nach mir?« Da antwortete die Seele: »Komm näher, damit ich mit dir sprechen kann, denn ich habe wunderbare Dinge gesehen.« Da kam er näher, setzte sich in das seichte Wasser hin und lehnte seinen Kopf auf die Hand, um zu lauschen. Und die Seele sprach zu ihm: »Als ich dich verließ, wandte ich mich nach Osten und wanderte. Aus dem Osten kommt alle Weisheit. Sechs Tage wanderte ich, und am Morgen des siebenten Tages kam ich zu einem Hügel, der im Lande der Tataren liegt. Ich setzte mich in den Schatten eines Tamariskenbaumes, um mich vor der Sonne zu schützen. Das Land war trocken und von der Hitze verbrannt. Die Menschen gingen und kamen über die Ebene, wie Fliegen, die auf einer Scheibe von blankem Kupfer kriechen. Gegen Mittag erhob sich eine Wolke roten Staubes am flachen Horizont. Als die Tataren sie sahen, spannten sie ihre bemalten Bogen, sprangen auf ihre kleinen Pferde und ritten ihr entgegen. Die Frauen flohen schreiend nach den Karren und verbargen sich hinter den Fellvorhängen. In der Dämmerung kehrten die Tataren zurück, aber fünf von ihnen fehlten, und von denen, die zurückkamen, waren nicht wenige verwundet. Sie schirrten ihre Pferde an die Wagen und zogen hastig weiter. Drei Schakale kamen aus einer Höhle und schauten ihnen nach. Dann schnupperten sie mit ihren Nüstern in der Luft und trabten nach der entgegengesetzten Richtung fort. Als der Mond aufging, sah ich ein Lagerfeuer in der Ebene brennen und ging darauf zu. Eine Gesellschaft von Kaufleuten saß ringsherum auf Teppichen. Ihre Kamele waren hinter ihnen angepflockt, und die Schwarzen, die ihre Diener waren, spannten Zelte aus gegerbten Fellen auf dem Sande aus und errichteten eine hohe Mauer aus stachligem Birnenholz. Als ich mich ihnen näherte, erhob sich der Anführer der Kaufleute, zog sein Schwert und fragte mich, wer ich sei. Ich antwortete, ich sei ein Fürst in meiner Heimat und den Tataren entflohen, die versucht hätten, mich zu ihrem Sklaven zu machen. Der Anführer lächelte und zeigte mir fünf Köpfe, die auf langen Bambusstäben aufgespießt waren. Dann fragte er mich, wer der Prophet Gottes sei, und ich antwortete: Mohammed. Als er den Namen des falschen Propheten hörte, verneigte er sich, nahm mich bei der Hand und ließ mich neben ihm Platz nehmen. Ein Neger brachte mir Pferdemilch in einer hölzernen Schale und ein Stück gerösteten Lammfleischs. Bei Tagesanbruch machten wir uns auf die Reise. Ich ritt auf einem rothaarigen Kamel neben dem Anführer, und ein Läufer rannte vor uns her mit einem Speer. Bewaffnete waren zu beiden Seiten, und die Maultiere folgten mit den Waren. Es gab vierzig Kamele in der Karawane und die Maultiere zählten zweimal vierzig Stück. Wir zogen aus dem Lande der Tataren in ein Land, wo man dem Monde fluchte. Wir sahen die Greife auf den weißen Felsen ihr Gold bewachen und die geschuppten Drachen in ihren Höhlen schlafen. Als wir über die Berge stiegen, hielten wir den Atem an, damit die Schneemassen nicht auf uns herabfielen, und jeder Mann band einen Gazeschleier vor seine Augen. Als wir durch die Täler kamen, schossen die Pygmäen aus hohlen Bäumen mit Pfeilen nach uns, und in der Nacht hörten wir die Wilden auf ihre Trommeln schlagen. Als wir an die Affenburg kamen, stellten wir Früchte für sie hin, und sie taten uns nichts zuleide. Als wir an die Burg der Schlangen kamen, gaben wir ihnen Milch in bronzenen Schalen, und sie ließen uns weiterziehen. Dreimal auf unserer Reise kamen wir an die Ufer des Oxus. Aus Holzflößen mit großen Luftschläuchen setzten wir über ihn weg. Die Flußpferde schwammen wütend gegen uns an und suchten uns zu töten. Als die Kamele sie sahen, zitterten sie. Die Könige jeder Stadt erhoben Zölle von uns, ließen uns aber nicht in ihre Tore eintreten. Sie warfen uns Brot über die Mauern, kleine, in Honig gebackene Maiskuchen und Gebäck aus feinem Mehl, das mit Datteln gefüllt war. Für hundert Körbe gaben wir ihnen eine Bernsteinperle. Wenn die Bewohner der Dörfer uns kommen sahen, vergifteten sie die Brunnen und flohen auf die Berghöhen. Wir kämpften mit den Magadaen, die alt geboren und von Jahr zu Jahr jünger werden, bis sie als kleine Kinder sterben; und mit den Laktroien, die sich für Söhne der Tiger ausgeben und sich gelb und schwarz bemalen; und mit den Auranten, die ihre Toten in den Wipfeln der Bäume bestatten, die aber selbst in dunklen Höhlen leben, damit die Sonne, die ihr Gott ist, sie nicht erschlage; und mit den Krimniern, die ein Krokodil anbeten, ihm Ohrringe von grünem Glas geben und es mit Butter und jungem Geflügel ernähren; und mit den Agazonben, die Hundsgesichter tragen; und mit den Sibanen, die Pferdehufe haben und schneller laufen als die Pferde. Ein Drittel von unserer Gesellschaft fiel im Kampf, ein Drittel starb aus Mangel. Die andern murrten gegen mich und sagten, ich habe ihnen Unglück gebracht. Da zog ich eine Hornviper unter einem Stein hervor und ließ sie mich stechen. Als sie sahen, daß ich davon nicht hinsiechte, fürchteten sie sich. Im vierten Monat erreichten wir die Stadt Illel. Es war nachts, als wir in das Gehölz kamen, das vor den Mauern liegt, und die Luft war schwül, denn der Mond stand im Skorpion. Wir nahmen die reifen Granatäpfel von den Bäumen, brachen sie auf und tranken ihren süßen Saft. Dann legten wir uns auf unsere Teppiche und warteten auf die Morgendämmerung. Bei Tagesanbruch erhoben wir uns und klopften an das Tor der Stadt. Es war aus roter Bronze gemacht und mit Seeungeheuern und geflügelten Drachen verziert. Die Wachen blickten von den Zinnen herab und fragten, was wir wollten. Der Dolmetsch der Karawane antwortete, wir kämen mit vielen Waren von der Insel Syrien. Sie ließen sich Geiseln geben und sagten uns, sie würden das Tor um Mittag öffnen, bis dahin möchten wir warten. Gegen Mittag öffneten sie das Tor, und als wir eintraten, kamen die Bewohner in Scharen aus den Häusern, um uns zu sehen, und ein Ausrufer ging durch die ganze Stadt und blies auf einer Muschel. Wir standen auf dem Markt, die Neger banden die Ballen mit gemusterten Stoffen auf und öffneten die geschnitzten Kästen aus Maulbeerholz. Und als sie damit fertig waren, stellten die Kaufleute ihre kostbaren Waren aus, das Wachsleinen aus Ägypten und das gefärbte Leinen aus dem Lande der Äthiopier; die Purpurschwämme aus Tyrus und die blauen Vorhänge aus Sidon, die Becher aus kühlem Bernstein und die feinen Glasgefäße und die seltsamen Gefäße aus gebranntem Ton. Von dem Dach eines Hauses beobachtete uns ein Kreis von Frauen. Eine von ihnen trug eine Maske von vergoldetem Leder. Und am ersten Tag kamen die Priester und trieben Tauschhandel mit uns, am zweiten Tag kamen die Edelleute, und am dritten Tag kamen die Handwerker und die Sklaven. Denn so machen sie es mit allen Kaufleuten, solange sie in der Stadt verweilen. Und wir verweilten einen Monat, und als der Neumond kam, wurde ich müde und wanderte durch die Straßen der Stadt und kam zum Garten ihres Gottes. Die Priester in ihren gelben Gewändern gingen schweigend zwischen den grünen Bäumen dahin, und auf einem schwarzen Marmorboden stand das rosenrote Haus, in dem der Gott wohnte. Seine Türen waren von feingemustertem Lackwerk, und Stiere und Pfauen waren in erhabenem, poliertem Gold daraufgemalt. Das geziegelte Dach war von meergrünem Porzellan, und die vorspringenden Dachtraufen waren mit kleinen Glöckchen behangen. Wenn die weißen Tauben daran vorbeiflogen, berührten sie die Glöckchen mit ihren Schwingen und brachten sie zum Klingeln. Vor dem Tempel war ein Teich von klarem Wasser, der mit geädertem Onyx ausgelegt war. Ich legte mich neben ihn hin, und mit meinen bleichen Fingern berührte ich die breiten Blätter. Einer von den Priestern kam auf mich zu und stand hinter mir. Er trug Sandalen an den Füßen, eine aus geschmeidiger Schlangenhaut, die andere aus Vogelfedern. Auf seinem Kopf war eine spitze Mütze aus schwarzem Fell, die mit silbernen Monden geschmückt war. Siebenerlei Gelb war in sein Gewand verwoben, und sein gekräuseltes Haar war mit Antimon gefärbt. Nach einer kurzen Weile sprach er mich an und fragte mich nach meinem Wunsch. Ich sagte ihm, mein Wunsch sei, den Gott zu sehen. »Der Gott ist auf der Jagd,« sagte der Priester, indem er mich mit seinen kleinen, geschlitzten Augen seltsam ansah. »Sage mir, in welchem Wald, und ich werde mit ihm reiten,« antwortete ich. Er strich die weichen Fransen seiner Tunika mit seinen langen, spitzen Nägeln. »Der Gott schläft,« murmelte er. »Sage mir, auf welchem Lager, und ich werde bei ihm wachen,« antwortete ich. »Der Gott ist beim Gastmahl,« rief er. »Wenn der Wein süß ist, werde ich ihn mit ihm trinken, und wenn er herb ist, werde ich ihn auch mit ihm trinken,« war meine Antwort. Er verneigte staunend sein Haupt, nahm mich bei der Hand und hob mich empor. Dann führte er mich in den Tempel. Und im ersten Gemach sah ich ein Götzenbild auf einem Jaspisthrone sitzen, der mit großen, orientalischen Perlen eingefaßt war. Es war aus Ebenholz geschnitzt, und seine Größe war die Größe eines Mannes. Auf seiner Stirne saß ein Rubin, und aus seinem Haar tropfte dickes Öl auf seine Schenkel. Seine Füße waren rot von dem Blute eines frischgetöteten Böckchens, und seine Lenden umspannte ein kupferner Gürtel, der sieben Berylle trug. Und ich sagte zum Priester: »Ist dies der Gott?« Und er antwortete mir: »Dies ist der Gott.« »Zeige mir den Gott,« rief ich, »oder ich werde dich sicherlich töten.« Und ich berührte seine Hand, und sie verdorrte. Da flehte mich der Priester an und sprach: »Möge mein Herr seinen Diener heilen, und ich werde ihm den Gott zeigen.« Da hauchte ich mit meinem Atem auf seine Hand und sie wurde wieder heil. Er aber zitterte und führte mich in ein zweites Gemach, und ich sah ein Götzenbild auf einer Lotusblume aus Nephrit stehen, das mit großen Smaragden behangen war. Es war aus Elfenbein geschnitzt, und seine Größe war zweimal die Größe eines Mannes. Auf seiner Stirne saß ein Chrysolith, und seine Brüste waren mit Myrrhen und Zimt bestrichen. In der einen Hand hielt es ein gedrehtes Szepter aus Nephrit und in der andern einen runden Kristall. Es trug einen Kothurn aus Erz, und seinen dicken Hals umgab ein Kranz von Selenitsteinen. Und ich sagte zum Priester: »Ist dies der Gott?« Und er antwortete mir: »Dies ist der Gott.« »Zeige mir den Gott,« rief ich, »oder ich werde dich sicherlich töten.« Und ich berührte seine Augen, und sie erblindeten. Da flehte mich der Priester an und sprach: »Möge mein Herr seinen Diener heilen, und ich werde ihm den Gott zeigen.« Da hauchte ich mit meinem Atem auf seine Augen, und sie wurden wieder sehend. Er aber zitterte von neuem und führte mich in ein drittes Gemach, und siehe, es befand sich kein Götzenbild darin noch sonst eine Statue, sondern nur ein runder Metallspiegel, der auf einem Altar von Stein stand. Und ich sagte zum Priester: »Wo ist der Gott?« Da antwortete er mir: »Wir haben hier keinen Gott außer diesem Spiegel, den du siehst, denn dies ist der Spiegel der Weisheit. Er spiegelt aber alle Dinge, die im Himmel und auf der Erde sind, nur nicht das Gesicht dessen, der hinein sieht. Er spiegelt es darum nicht, damit er, der hineinblickt, weise wird. Es gibt noch viele andere Spiegel, aber sie sind Spiegel der Meinungen. Dieser allein ist der Spiegel der Weisheit. Deshalb ist er der Gott, und wir beten ihn an.« Da blickte ich in den Spiegel, und es war, wie er gesagt hatte. Und ich tat etwas Seltsames, aber was ich tat, das ist gleichgültig, denn in einem Tal, eine Tagereise von hier entfernt, habe ich den Spiegel der Weisheit verborgen. Gestatte mir nur, daß ich wieder in dich übergehe und dein Diener bin, dann sollst du weiser als alle Weisen sein, und die Weisheit soll dein Diener werden. Gestatte mir, daß ich wieder in dich übergehe, und keiner wird so weise sein wie du.« Aber der junge Fischer lachte. »Liebe ist besser als Weisheit,« rief er, »und die kleine Seejungfrau liebt mich.« »Nein, es gibt nichts besseres als Weisheit,« sagte die Seele. »Liebe ist besser,« antwortete der junge Fischer und tauchte in die Tiefe, und die Seele ging weinend über das Marschland davon. Als nun das zweite Jahr vorüber war, kam die Seele hinab an das Ufer des Meeres und rief nach dem jungen Fischer. Und er tauchte aus der Tiefe empor und fragte: »Warum rufst du nach mir?« Da antwortete die Seele: »Komme näher, damit ich mit dir sprechen kann, denn ich habe wundervolle Dinge gesehen.« Da kam er näher, setzte sich in das seichte Wasser hin und lehnte seinen Kopf auf die Hand, um zu lauschen. Und die Seele sprach zu ihm: »Als ich dich verließ, wandte ich mich nach Süden und wanderte. Aus dem Süden kommt alles, was kostbar ist. Sechs Tage wanderte ich über die Straßen, die zur Stadt Aster führen, über staubig trockne, rote Straßen wanderte ich, auf denen die Pilger zu gehen pflegen, und am Morgen des siebenten Tages erhob ich meine Augen, und siehe, die Stadt war zu meinen Füßen, denn sie liegt in einem Tal. Neun Tore führen in diese Stadt, und vor jedem Tore steht ein bronzenes Pferd, das wiehert, wenn die Beduinen von den Bergen herabkommen. Die Mauern sind mit Kupfer belegt, und die Wachttürme auf den Mauern haben Dächer von Erz. In jedem Turm steht ein Bogenschütze mit einem Bogen in der Hand. Bei Sonnenaufgang schlägt er mit einem Pfeil gegen ein Schallbecken, und bei Sonnenuntergang bläst er durch ein hörnernes Horn. Als ich hineingehen wollte, hielten mich die Wachen auf und fragten mich, wer ich wäre. Ich antwortete, ich wäre ein Derwisch und befände mich auf dem Wege nach der Stadt Mekka, wo es einen grünen Schleier gäbe, auf dem der Koran von der Hand von Engeln in silbernen Buchstaben gestickt sei. Sie waren sehr erstaunt und baten mich, hineinzukommen. Drinnen war es genau so wie auf einem Bazar. Wirklich, du hättest bei mir sein sollen. Über den engen Straßen flattern die bunten Papierlaternen wie große Schmetterlinge. Wenn der Wind über die Dächer weht, heben und senken sie sich, wie es farbige Seifenblasen tun. Vor ihren Buden sitzen die Händler auf seidenen Teppichen. Sie haben lange, schwarze Bärte, ihre Turbane sind mit goldnen Zechinen bedeckt, und durch ihre kalten Finger gleiten lange Schnüre von Bernstein und geschnittenen Pfirsichsteinen. Einige von ihnen verkaufen Galbanharz und Nardenöl, seltsame Duftstoffe von den Inseln des indischen Meeres, dickflüssiges Rosenöl, Myrrhen und kleine nagelförmige Gewürznelken. Wenn man stehen bleibt, um mit ihnen zu reden, werfen sie Weihrauchpulver auf ein Holzkohlenbecken und erfüllen die Luft mit Wohlgeruch. Ich sah einen Syrer, der hielt eine dünne Gerte in der Hand wie von Ried. Graue Rauchfäden stiegen davon auf, und der Geruch war, als er sie verbrannte, wie der Duft der rosigen Mandelblüte im Frühling. Andere verkaufen silberne Armbänder, die ganz und gar mit milchblauen Türkisen besetzt sind, und Knöchelspangen aus Erzdraht, mit Fransen aus kleinen Perlen; Tigerkrallen in Gold eingefaßt, und die Krallen jener goldgelben Katze, des Leoparden, ebenfalls in Gold gefaßt; Ohrringe aus durchbohrten Smaragden, und Fingerringe aus ausgehöhltem Nephrit. Aus den Teehäusern kommt der Klang der Gitarre, und die Opiumraucher betrachten mit ihren bleichen, lächelnden Gesichtern die Vorübergehenden. Wirklich, du hättest bei mir sein sollen. Die Weinhändler bahnen sich mit großen, schwarzen Schläuchen auf den Schultern ihren Weg durch die Menge. Die meisten von ihnen verkaufen Wein von Schiras, der süß ist wie Honig. Sie schenken ihn in kleinen Metallbechern aus und streuen Rosenblätter darauf. Auf dem Marktplatz stehen die Fruchthändler und verkaufen alle Arten von Früchten: reife Feigen mit aufgeplatztem rotem Fleisch, Melonen, die nach Moschus duften und gelb sind wie Topase, Zitronen und Rosenäpfel und weiße Weintrauben, runde, rotgoldene Orangen und ovale, grüngoldene Zitronen. Einmal sah ich einen Elefanten vorübergehen. Sein Rüssel war scharlachrot und gelb bemalt, und über den Ohren trug er ein Netz aus tiefroter Seidenschnur. Vor einer der Buden blieb er stehen und begann, die Orangen zu essen, aber der Mann lachte nur. Du kannst dir nicht denken, was für seltsame Menschen sie sind. Haben sie gute Laune, dann gehen sie zu den Vogelhändlern, kaufen ihnen einen Vogel in einem Käfig ab und lassen ihn frei, damit ihre Freude größer werde. Sind sie traurig, dann peitschen sie sich mit Dornen, damit sich ihr Schmerz nicht verringere. Eines Abends traf ich Neger, die eine schwere Sänfte durch den Bazar trugen. Sie war aus vergoldetem Bambus gemacht, und die Stangen waren rot lackiert und mit erzenen Pfauen verziert. Hinter den Fenstern hingen dünne Musselinvorhänge mit Käferflügeln und winzigen Perlen bestickt, und als sie vorüberzog, blickte eine bleiche Cirkassierin heraus und lächelte mich an. Ich folgte ihr, und die Neger beschleunigten ihre Schritte und warfen mir finstere Blicke zu. Aber ich achtete nicht darauf, ich fühlte, wie mich eine große Neugierde überkam. Schließlich hielten sie vor einem breiten, weißen Hause. Es hatte keine Fenster, sondern nur eine kleine Tür, die wie die Tür zu einer Grabkammer war. Sie stellten die Sänfte hin und klopften dreimal mit einem kupfernen Hammer. Ein Armenier in einem Kaftan von grünem Leder lugte durch das Gitter, und als er sie sah, öffnete er und breitete einen Teppich auf den Boden, und die Frau stieg aus. Als sie hineinging, wandte sie sich um und lächelte mich wieder an. Ich hatte noch nie ein so bleiches Gesicht gesehen. Nach Aufgang des Mondes kehrte ich zu demselben Platz zurück und suchte nach dem Hause, doch es war nicht mehr da. Als ich das sah, wußte ich, wer die Frau war, und warum sie mir zugelächelt hatte. Wirklich, du hättest bei mir sein sollen. Am Neumondsfest kam der junge Kaiser aus seinem Palast und ging in die Moschee, um zu beten. Sein Haar und sein Bart waren mit Rosenblättern gefärbt und seine Wangen mit feinem Goldstaub bestreut. Seine Fuß- und Handflächen waren gelb von Saffran. Bei Sonnenaufgang kam er aus seinem Palast in einem Gewand aus Silber, und bei Sonnenuntergang kehrte er wieder dahin zurück in einem Gewand aus Gold. Das Volk warf sich vor ihm in den Staub und verbarg sein Gesicht, ich aber tat es nicht. Ich stand bei der Bude eines Dattelhändlers und wartete. Als der Kaiser mich sah, erhob er seine gefärbten Augenbrauen und blieb stehen. Ich verhielt mich ganz ruhig und verneigte mich nicht. Das Volk erstaunte über meine Kühnheit und riet mir, aus der Stadt zu fliehen. Aber ich hörte nicht darauf, sondern ging hin und setzte mich zu den Verkäufern fremder Götzen, die wegen ihres Gewerbes verachtet sind. Als ich ihnen erzählte, was ich getan hatte, gab mir jeder von ihnen einen Götzen und bat mich, sie zu verlassen. An jenem Abend, als ich in dem Teehause in der Straße der Granatäpfel auf einem Kissen lag, kamen die Wachen des Kaisers und führten mich nach dem Palaste. Wie ich hinein ging, schlossen sie jede Tür hinter mir zu und legten eine Kette davor. Im Inneren befand sich ein großer Hof, der ringsherum von einem Säulengang umgeben war. Die Wände waren von weißem Alabaster, der hier und da mit blauen und grünen Ziegeln besetzt war. Die Säulen waren von grünem Marmor und das Pflaster aus einer Art Marmor von der Farbe der Pfirsichblüte. Nie hatte ich etwas Ähnliches gesehen. Als ich über den Hof schritt, blickten zwei verschleierte Frauen von einem Balkon herab und riefen mir Verwünschungen zu. Die Wachen beeilten sich, weiter zu kommen, und ihre Lanzenschäfte dröhnten auf dem blanken Boden. Sie öffneten ein Tor aus geschnitztem Elfenbein, und ich befand mich in einem bewässerten Garten von sieben Terrassen. Er war bepflanzt mit Tulpen, Mondblumen und silberbesäter Aloe. Wie eine dünne Kristallsäule hing ein Springbrunnen in der dämmrigen Luft. Die Zypressen glichen ausgebrannten Fackeln. Aus einer sang eine Nachtigall. Am Ende des Gartens stand ein kleines Lusthäuschen. Als wir uns ihm näherten, kamen uns zwei Eunuchen entgegen. Ihre fetten Körper schwankten beim Gehen, und ihre Augen mit den gelben Lidern sahen mich neugierig an. Einer von ihnen nahm den Hauptmann der Wache bei Seite und flüsterte ihm mit leiser Stimme etwas zu. Der andere kaute langsam wohlriechende Pastillen, die er mit gezierter Handbewegung aus einer rundlichen Schachtel von veilchenfarbener Emaille nahm. Nach einigen Augenblicken schickte der Hauptmann der Wache die Soldaten fort. Sie kehrten zum Palast zurück und die Eunuchen folgten ihnen langsam, indem sie süße Maulbeeren im Vorbeigehen von den Bäumen pflückten. Einmal wandte sich der ältere von den beiden um und lächelte mir mit einem bösen Lächeln zu. Dann winkte mir der Hauptmann der Wache, zum Eingang des Lusthäuschens zu gehen. Ich tat es, ohne zu zittern, zog den schweren Vorhang zur Seite und trat hinein. Der junge Kaiser war auf einem Lager von gefärbten Löwenfellen ausgestreckt, und ein Geierfalke saß auf seinem Handgelenk. Hinter ihm stand, nackt bis zum Gürtel, ein Nubier mit einem Turban aus Messing, der schwere Ohrringe in seinen gespaltenen Ohren trug. Auf einem Tisch zur Seite des Lagers lag ein gewaltiger Stahlsäbel. Als mich der Kaiser sah, zog er die Stirne in Falten und sagte zu mir: »Wie heißest du? Weißt du nicht, daß ich der Kaiser dieser Stadt bin?« Aber ich gab ihm keine Antwort. Er wies mit dem Finger nach dem Säbel. Der Nubier ergriff ihn, sprang vorwärts und stieß mit großer Gewalt nach mir. Die Scheide sauste durch mich durch und tat mir keinen Schaden. Der Mann fiel zappelnd zu Boden, und als er sich erhob, klapperten seine Zähne vor Angst, und er versteckte sich hinter dem Lager. Der Kaiser sprang auf die Füße, riß eine Lanze aus dem Waffenstand und warf sie nach mir. Ich fing sie im Fluge auf und brach den Schaft in zwei Teile. Er schoß nach mir mit einem Pfeil, aber ich erhob meine Hände, und er hielt mitten in der Luft. Dann zog er einen Dolch aus einem weißen Ledergürtel und stieß ihn dem Nubier in die Kehle, damit der Sklave nicht seine Schande erzählen sollte. Der Mann wand sich wie eine zertretene Schlange, und roter Schaum trat auf seine Lippen. Sobald er tot war, wandte sich der Kaiser zu mir, und als er sich mit einem kleinen Tuch aus gestickter roter Seide den dicken Schweiß vom Gesicht gewischt hatte, sagte er zu mir: »Bist du ein Prophet, daß ich dir nicht schaden, oder der Sohn eines Propheten, daß ich dich nicht verletzen kann? Ich bitte dich, verlaß noch heute abend meine Stadt, denn solange du darin bist, bin ich nicht länger ihr Herr.« Und ich antwortete ihm: »Für die Hälfte deines Schatzes will ich gehen. Gib mir die Hälfte deines Schatzes, und ich werde weggehen.« Er nahm mich bei der Hand und führte mich hinaus in den Garten. Als mich der Hauptmann der Wache sah, erstaunte er. Als mich die Eunuchen sahen, zitterten ihre Kniee, und sie fielen vor Furcht zu Boden. In dem Palast aber ist ein Gemach, das acht Wände aus rotem Porphyr hat und eine Decke aus Erzplatten, die mit Lampen behangen ist. Der Kaiser berührte eine der Wände, und sie öffnete sich, und wir gingen durch einen Gang, der mit vielen Fackeln beleuchtet war. Zu beiden Seiten standen in Nischen große Weinkrüge, die bis zum Rande mit Silbermünzen gefüllt waren. Als wir die Mitte des Ganges erreicht hatten, sprach der Kaiser das Wort, das nicht ausgesprochen werden darf, eine granitene Türe sprang durch eine geheime Feder auf, und er legte seine Hand vor sein Gesicht, damit seine Augen nicht geblendet würden. Du kannst dir nicht denken, was für ein wundervoller Ort es war. Da lagen große Schildkrötenschalen voll von Perlen, und ausgehöhlte Mondsteine von Riesengröße aufgehäuft mit roten Rubinen. Das Gold war in Kästen von Elefantenhaut verpackt und der Goldstaub in Lederflaschen. Da gab es Opale in Kristallschalen und Saphire in Schalen von Nephrit. Runde, grüne Smaragden lagen geordnet auf dünnen Elfenbeintafeln, und in einer Ecke standen seidene Säcke, die einen mit Türkisen, die andern mit Beryllen gefüllt. Elfenbeinhörner waren gehäuft voll purpurner Amethyste und Erzhörner voll Chalzedon und Karneolen. Die Zedernholzsäulen waren behängt mit Schnüren gelber Luchssteine. Auf ovalen flachen Schilden lagen Karfunkeln, weinfarbene und solche, die wie Gras leuchteten. Und doch habe ich dir nur ein Zehntel von allem, was da war, erzählt. Als nun der Kaiser die Hände von seinem Gesicht genommen hatte, sagte er zu mir: ›Dies ist meine Schatzkammer, und die Hälfte davon ist dein, so wie ich es dir versprochen habe. Ich werde dir Kamele und Kameltreiber geben, sie sollen dir gehorchen und deinen Anteil an dem Schatz hintragen, nach welchem Teil der Welt du auch gehen willst. Und alles soll heute abend geschehen, denn ich möchte nicht, daß die Sonne, die mein Vater ist, sehen sollte, daß es einen Mann in meiner Stadt gibt, den ich nicht töten kann!‹ Aber ich antwortete ihm: ›Das Gold, das hier liegt, ist dein, und das Silber ist auch dein, und dein sind alle kostbaren Edelsteine und wertvollen Dinge. Was mich angeht, ich brauche das alles nicht. Auch werde ich sonst nichts von dir nehmen außer diesem kleinen Ring, den du am Finger deiner Hand trägst.‹ Da runzelte der Kaiser die Stirne. ›Es ist nur ein bleierner Ring,‹ rief er, ›und er hat keinen Wert. Darum nimm die Hälfte meines Schatzes und geh' fort aus meiner Stadt.‹ ›Nein,‹ antwortete ich, ›ich will nichts nehmen, als diesen bleiernen Ring, denn ich kenne die Inschrift darauf und ihren Zweck.‹ Da zitterte der Kaiser und sprach flehend zu mir: ›Nimm alle meine Schätze und geh aus meiner Stadt. Du sollst meine Hälfte noch dazu haben.‹ Und ich tat etwas Seltsames, aber was ich tat, das ist gleichgültig, denn in einer Höhle, die nur eine Tagereise von hier entfernt ist, habe ich den Ring des Reichtums versteckt. Er ist nur eine Tagereise von hier und wartet auf dein Kommen. Wer aber diesen Ring hat, ist reicher als alle Könige der Welt. Darum komm und nimm ihn, und die Reichtümer der Welt werden dein sein.« Aber der junge Fischer lachte. »Liebe ist besser als Reichtum,« rief er, »und die kleine Seejungfrau liebt mich.« »Nein, es gibt nichts Besseres als Reichtum,« sagte die Seele. »Liebe ist besser,« antwortete der junge Fischer und tauchte in die Tiefe, und die Seele ging weinend über das Marschland davon. Als nun das dritte Jahr vorüber war, kam die Seele hinab an das Ufer des Meeres und rief nach dem jungen Fischer. Und er tauchte aus der Tiefe empor und fragte: »Warum rufst du nach mir?« Da antwortete die Seele: »Komm näher, damit ich mit dir sprechen kann, denn ich habe wunderbare Dinge gesehen.« Da kam er näher, setzte sich in das seichte Wasser hin und lehnte seinen Kopf auf die Hand, um zu lauschen. Und die Seele sprach zu ihm: »In einer Stadt, die ich kenne, da gibt es eine Schenke, die an einem Flusse steht. Dort saß ich mit Matrosen, die zwei verschiedenfarbige Weine tranken und Gerstenbrote und kleine Salzfische aßen, die in Lorbeerblättern mit Weinessig angerichtet waren. Und als wir zusammen saßen und fröhlich wurden, da trat ein alter Mann zu uns herein, der einen ledernen Teppich trug und eine Laute mit zwei Bernsteinhörnern. Er breitete den Teppich auf der Erde aus und schlug mit einer Feder in die Drahtsaiten seiner Laute, und ein verschleiertes Mädchen lief herein und begann vor uns zu tanzen. Ihr Gesicht war mit einem Gazeschleier verhüllt, aber ihre Füße waren nackt. Nackt waren ihre Füße, und sie flogen über den Boden hin, wie kleine weiße Tauben. Niemals habe ich etwas so Wunderbares gesehen, und die Stadt, in der sie tanzt, ist nur eine Tagereise von hier entfernt.« Als nun der junge Fischer die Worte seiner Seele hörte, dachte er daran, daß die kleine Seejungfrau keine Füße hatte und nicht tanzen konnte. Und ein großes Verlangen überkam ihn, und er sprach zu sich selbst: »Es ist nur eine Tagereise weit, und ich kann zu meiner Liebsten zurückkehren.« Und er lachte und erhob sich aus dem seichten Wasser und schritt auf das Ufer zu. Und als er das trockene Ufer erreicht hatte, lachte er von neuem und streckte seine Arme nach seiner Seele aus. Und seine Seele stieß einen lauten Freudenschrei aus und lief ihm entgegen. Sie vereinigte sich mit ihm, und der junge Fischer sah vor sich auf dem Sande den Schatten des Körpers, der der Körper der Seele ist. Und seine Seele sprach zu ihm: »Laß uns nicht zaudern, sondern sogleich aufbrechen, denn die Götter der See haben Ungeheuer, die ihnen gehorchen.« Da beeilten sie sich und wanderten die ganze Nacht im Mondschein, und den ganzen nächsten Tag wanderten sie im Sonnenlicht, bis sie am Abend dieses Tages nach einer Stadt kamen. Und der junge Fischer sprach zu seiner Seele: »Ist dies die Stadt, worin die tanzt, von der du mir gesprochen hast?« Und seine Seele antwortete ihm: »Es ist nicht dieselbe Stadt, sondern eine andere. Trotzdem wollen wir hineingehen.« Da gingen sie hinein und wanderten durch die Straßen, und als sie durch die Straße der Juweliere kamen, sah der junge Fischer einen schönen Silberbecher, der in einer Bude ausgestellt war. Und seine Seele sprach zu ihm: »Nimm den Silberbecher und verbirg ihn.« Da nahm er den Becher und verbarg ihn in den Falten seiner Tunika, und sie verließen eiligst die Stadt. Und als sie eine Weile von der Stadt entfernt waren, runzelte der junge Fischer die Stirne, warf den Becher fort und sprach zu seiner Seele: »Warum sagtest du mir, ich sollte diesen Becher nehmen und verbergen? Denn es war eine böse Tat.« Aber seine Seele antwortete ihm: »Sei ruhig, sei ruhig.« Und am Abend des zweiten Tages kamen sie nach einer Stadt, und der junge Fischer sprach zu seiner Seele: »Ist dies die Stadt, worin die tanzt, von der du mir gesprochen hast?« Und seine Seele antwortete ihm: »Es ist nicht dieselbe Stadt, sondern eine andere. Trotzdem wollen wir hineingehen.« Da gingen sie hinein und wanderten durch die Straßen, und als sie durch die Straße der Sandalenverkäufer kamen, da sah der junge Fischer ein Kind an einem Wasserbehälter stehn. Und seine Seele sprach zu ihm: »Schlage dieses Kind.« Da schlug er das Kind, bis es weinte, und als er das getan hatte, verließen sie eiligst die Stadt. Und als sie eine Weile von der Stadt entfernt waren, da wurde der junge Fischer zornig und sprach zu seiner Seele: »Warum sagtest du mir, ich sollte das Kind schlagen? Denn es war eine böse Tat.« Aber seine Seele antwortete ihm: »Sei ruhig, sei ruhig.« Und am Abend des dritten Tages kamen sie nach einer Stadt, und der junge Fischer sprach zu seiner Seele: »Ist dies die Stadt, worin die tanzt, von der du mir gesprochen hast?« Und seine Seele antwortete ihm: »Vielleicht ist es diese Stadt, deshalb laß uns hineingehen.« Da gingen sie hinein und wanderten durch die Straßen, aber nirgendwo konnte der junge Fischer den Fluß oder die Schenke finden, die am Ufer stand. Und die Leute der Stadt betrachteten ihn mißtrauisch, und er wurde ängstlich und sprach zu seiner Seele: »Laß uns weitergehen, denn die, die mit ihren weißen Füßen tanzt, ist nicht hier.« Aber seine Seele antwortete: »Nein, wir wollen verweilen, denn die Nacht ist dunkel, und auf dem Wege werden Räuber sein.« Da setzte er sich auf den Marktplatz hin und ruhte aus, und nach einiger Zeit kam ein Kaufmann mit einer Kapuze und einem Mantel aus tatarischem Tuch vorbei, und er trug an der Spitze eines Bambusrohres eine Laterne aus durchbrochenem Horn. Und der Kaufmann sprach zu ihm: »Warum sitzest du auf dem Marktplatz, da doch die Läden geschlossen und die Warenballen verschnürt sind?« Und der junge Fischer antwortete ihm: »Ich kann kein Gasthaus in der Stadt finden, auch habe ich keinen Verwandten, der mich beherbergt.« »Sind wir nicht alle Verwandte?« fragte der Kaufmann. »Hat uns nicht ein Gott geschaffen? Darum komm mit mir, denn ich habe eine Gastkammer.« Da erhob sich der junge Fischer und folgte dem Kaufmann nach seinem Hause. Und als sie einen Garten von Granatapfelbäumen durchschritten und in das Haus eingetreten waren, brachte ihm der Kaufmann in einer kupfernen Schale Rosenwasser, um sich die Hände zu waschen, und reife Melonen, um seinen Durst zu stillen. Und er stellte eine Schale mit Reis und ein Stück Lammbraten vor ihn hin. Als er fertig war, führte ihn der Kaufmann in die Gastkammer und bat ihn, zu schlafen und wohl zu ruhen. Und der junge Fischer dankte ihm und küßte den Ring an seiner Hand und warf sich auf die Teppiche aus gefärbtem Ziegenhaar hin. Und als er sich in eine Decke aus schwarzer Schafwolle eingehüllt hatte, schlief er ein. Aber drei Stunden vor Tagesanbruch, als alles noch still war, weckte ihn seine Seele und sprach zu ihm: »Steh auf und geh in das Gemach des Kaufmanns, in dasselbe Gemach, in dem er schläft. Töte ihn und nimm ihm sein Gold, denn wir brauchen es.« Da erhob sich der junge Fischer und schlich sich in das Gemach des Kaufmanns. Über den Füßen des Kaufmanns aber lag ein gebogener Säbel, und auf dem Tischchen neben dem Kaufmann standen neun Beutel mit Gold. Und er streckte seine Hand aus und berührte das Schwert, und als er es berührte, da fuhr der Kaufmann auf und erwachte. Er sprang empor, griff nach seinem Schwert und sprach zu dem jungen Fischer: »Vergiltst du Gutes mit Bösem und bezahlst du mit Blutvergießen die Freundlichkeit, die ich dir erwiesen habe?« Und die Seele sprach zu dem jungen Fischer: »Triff ihn,« und er traf ihn so, daß er die Besinnung verlor. Dann ergriff der Fischer die neun Beutel mit Gold und floh eiligst durch den Garten mit den Granatapfelbäumen. Und er nahm die Richtung nach dem Stern, der der Morgenstern ist. Als sie eine Meile von der Stadt entfernt waren, schlug sich der junge Fischer an die Brust und sprach zu seiner Seele: »Warum verlangtest du von mir, ich sollte den Kaufmann erschlagen und sein Gold nehmen? Sicherlich bist du böse.« Aber seine Seele antwortete ihm: »Sei ruhig, sei ruhig.« »Nein,« schrie der Fischer, »ich kann nicht ruhig sein, denn alles, was ich auf dein Geheiß getan habe, hasse ich. Dich selbst hasse ich auch, und ich bitte dich, sage mir, weshalb du mich dazu verführt hast.« Und seine Seele antwortete ihm: »Als du mich hinaus in die Welt schicktest, gabst du mir kein Herz, daher lernte ich, alles dies zu tun und es zu lieben.« »Was meinst du damit?« murmelte der junge Fischer. »Du weißt es,« antwortete seine Seele, »du weißt es gut. Hast du vergessen, daß du mir kein Herz gabst? Ich glaube nicht. Und darum laß es weder dich noch mich kümmern, sondern sei ruhig, denn es gibt keinen Schmerz, den du nicht austeilen, und keine Lust, die du nicht empfangen sollst.« Aber als der junge Fischer diese Worte hörte, zitterte er und sprach zu seiner Seele: »Nein, du bist böse, du trägst die Schuld, daß ich meine Liebe vergessen habe, und du hast mich in Versuchung geführt und meine Füße auf den Weg der Sünde gestellt.« Und seine Seele antwortete ihm: »Du hast nicht vergessen, daß du mir kein Herz gabst, als du mich in die Welt hinausschicktest. Komm, laß uns in eine andere Stadt gehen und fröhlich sein, denn wir haben neun Beutel mit Gold.« Aber der junge Fischer nahm die neun Beutel mit Gold, warf sie zu Boden und trat darauf. »Nein,« schrie er, »ich will nichts mehr mit dir zu tun haben, noch will ich irgendwohin mit dir gehen, sondern so, wie ich dich früher fortgesandt habe, will ich dich auch jetzt fortsenden, denn du hast mir nichts Gutes getan.« Und er wandte dem Mond den Rücken zu, nahm das kleine Messer mit dem Griff aus grüner Vipernhaut und versuchte von seinen Füßen den Schatten des Körpers abzuschneiden, der der Körper der Seele ist. Doch die Seele rührte sich nicht von ihm, noch achtete sie auf seinen Befehl, sondern sprach: »Der Zauber, den dir die Hexe gegeben hat, nutzt dir nichts mehr, denn ich kann dich nicht verlassen, noch kannst du mich forttreiben. Einmal in seinem Leben darf ein Mensch seine Seele fortsenden, aber wenn er sie zurückerhält, muß er für immer mit ihr zusammenbleiben, und dies ist seine Strafe und seine Belohnung.« Da erbleichte der junge Fischer, ballte seine Fäuste und schrie: »Sie war eine falsche Hexe, weil sie mir das nicht gesagt hat.« »Nein,« antwortete die Seele, »denn sie war Ihm treu, den sie anbetet, und dessen Dienerin sie immer sein will.« Und als der junge Fischer begriff, daß er seine Seele nie wieder loswerden konnte, daß sie eine böse Seele war und immer in ihm wohnen würde, da fiel er zu Boden und weinte bitter. Und als es Tag war, erhob sich der junge Fischer und sprach zu seiner Seele: »Ich will meine Hände zusammenbinden, daß sie dir nicht gehorchen, meine Lippen will ich schließen, daß ich deine Worte nicht sprechen kann, und will an den Ort zurückkehren, wo sie, die ich liebe, wohnt. Jetzt erst recht will ich nach der See zurückkehren, nach der kleinen Bucht, wo sie zu singen pflegte, und ich will nach ihr rufen und ihr das Böse beichten, was ich getan habe, und das Böse, was du aus mir gemacht hast.« Aber seine Seele versuchte ihn und sprach: »Wer ist denn deine Liebste, daß du zu ihr zurückkehren solltest? Die Welt hat so viele, die schöner sind als sie. Es gibt Tänzerinnen aus Samaris, die nach der Art aller Vögel und Tiere tanzen. Ihre Füße sind mit Henna bemalt, und in ihren Händen haben sie kleine, kupferne Glöckchen. Sie lachen beim Tanzen, und ihr Lachen ist hell wie das Lachen des Wassers. Komm mit mir, und ich will sie dir zeigen. Denn wozu quälst du dich um Dinge, die sündig sein sollen? Was angenehm zu essen ist, ist das nicht für den Essenden geschaffen? Was süß ist zu trinken, ist das vergiftet? Quäle dich nicht und komm mit mir in eine andere Stadt. Es gibt eine kleine Stadt, hier ganz in der Nahe, mit einem Garten von Tulpenbäumen. Und in diesem hübschen Garten wohnen weiße Pfauen und Pfauen mit blauen Brüsten. Wenn sie ihre Schweife in der Sonne ausbreiten, dann sind es Scheiben von Elfenbein und Scheiben von Gold. Und die, die ihnen Futter gibt, tanzt zu ihrem Vergnügen, manchmal tanzt sie auf den Händen, manchmal tanzt sie mit den Füßen. Ihre Augen sind mit Spießglanz gefärbt, und ihre Nasenflügel gleichen den Schwingen der Schwalben. Von einer Klammer an einem ihrer Nasenflügel hängt eine Blume, die aus einer Perle geschnitten ist. Sie lacht, wenn sie tanzt, und die Silberringe an ihren Knöcheln klingen wie silberne Glocken. Also quäle dich nicht länger und komme mit mir in diese Stadt.« Aber der junge Fischer gab seiner Seele keine Antwort. Er schloß seine Lippen mit dem Siegel des Schweigens und band seine Hände mit einem festen Strick. So wanderte er zurück an den Ort, woher er gekommen war, nach der kleinen Bucht, wo seine Liebste einst gesungen hatte. Und immer wieder versuchte ihn seine Seele auf dem Wege, aber er gab keine Antwort, noch wollte er irgend etwas Böses tun, zu dem sie ihn anzutreiben suchte. So groß war die Macht der Liebe in seinem Herzen. Und als er den Strand des Meeres erreicht hatte, löste er den Strick von seinen Händen, nahm das Siegel des Schweigens von seinen Lippen und rief nach der kleinen Seejungfrau. Aber sie kam nicht auf seinen Ruf, obgleich er den ganzen Tag nach ihr rief und sie anflehte. Und seine Seele verspottete ihn und sprach: »Wahrlich, du hast nicht viel Freude von deiner Liebe. Du bist wie einer, der zur Zeit der Dürre Wasser in zerbrochenes Gefäß gießt. Du gibst weg, was du hast, und empfängst nichts dafür zurück. Es wäre besser für dich, wenn du mit mir kämest, denn ich weiß, wo das Tal der Lust liegt, und was für Dinge da geschehen.« Aber der junge Fischer antwortete seiner Seele nicht. In einer Felsenschlucht baute er sich ein Haus aus Rutengeflecht und wohnte da ein Jahr lang. Und jeden Morgen rief er nach der Seejungfrau, und jeden Mittag rief er sie wieder, und am Abend schrie er ihren Namen. Aber niemals tauchte sie aus dem Wasser zu ihm empor, noch konnte er sie irgendwo in dem Meere finden, obgleich er in den Höhlen und in der grünen Wassertiefe nach ihr suchte, in den Lachen, die die Flut zurückläßt, und in den Brunnen, die auf dem Meeresboden sind. Und immer versuchte ihn seine Seele zum Bösen und flüsterte ihm schreckliche Dinge zu. Aber alles das hatte keinen Einfluß auf ihn, so groß war die Macht seiner Liebe. Als nun ein Jahr vorüber war, dachte die Seele bei sich selbst: »Ich habe meinen Herrn zum Bösen versucht, und seine Liebe ist stärker, als ich bin. Jetzt will ich ihn zum Guten versuchen, vielleicht kommt er dann mit mir.« Und sie wandte sich an den jungen Fischer und sprach: »Ich habe dir von der Lust der Welt erzählt, und dein Ohr ist taub gegen mich geblieben. Laß mich dir jetzt von dem Leid der Welt erzählen, vielleicht wirst du mich dann anhören. Denn wahrlich, das Leid ist der Herr dieser Welt, und es gibt keinen, der seinem Netz entgeht. Dem einen mangelt Kleidung, dem andern Brot. Es gibt Witwen, die Purpur tragen, und Witwen, die in Lumpen gehen. Durch die Einöden irren die Aussätzigen, und sie wüten gegeneinander. Über die Landstraßen ziehen die Bettler, und ihre Taschen sind leer. Durch die Straßen der Städte geht die Hungersnot, und die Pest sitzt an ihren Toren. Komm, laß uns hinausziehen und die Dinge besser machen und das Schlimme aus der Welt schaffen. Warum willst du hier immerfort nach deiner Liebsten rufen, da sie doch auf deinen Ruf nicht hört? Und was ist Liebe, daß du so hohen Wert darauf legst?« Aber der junge Fischer antwortete gar nicht daraus, so groß war die Macht seiner Liebe. Und jeden Morgen rief er nach der Seejungfrau, und jeden Mittag rief er sie wieder, und am Abend schrie er ihren Namen. Aber niemals tauchte sie aus dem Wasser zu ihm empor, noch konnte er sie irgendwo im Meere finden, obgleich er in den Meeresströmungen nach ihr suchte, in den Tälern, die unter den Wogen liegen, im Meer, das bei Nacht purpurn leuchtet, und im Meer, das die Dämmerung farblos läßt. Und als das zweite Jahr vorüber war, sprach die Seele des Nachts zu dem jungen Fischer, als er allein in dem Hause aus Rutengeflecht saß: »Siehe, jetzt habe ich dich zum Bösen versucht, und ich habe dich zum Guten versucht, aber deine Liebe ist stärker als ich. Deshalb will ich dich nicht länger versuchen, sondern ich bitte dich, laß mich in dein Herz eintreten, damit ich wieder ganz eins mit dir bin wie früher.« »Gewiß kannst du eintreten,« sagte der junge Fischer, »denn in den Tagen, als du ohne Herz durch die Welt zogest, mußt du viel gelitten haben.« »Weh mir,« rief seine Seele, »ich kann keinen Eingang finden, so umschlossen von Liebe ist dieses dein Herz.« »Und doch wollte ich, ich könnte dir helfen,« sagte der junge Fischer. Als er so sprach, kam ein großer Schmerzensschrei von der See, es war der Schrei, den die Menschen hören, wenn einer vom Meervolk gestorben ist. Und der junge Fischer sprang auf, verließ sein geflochtenes Haus und lief nach dem Strand hinunter. Und die schwarzen Wogen kamen wild an den Strand, und sie trugen eine Last, die war weißer als Silber. Weiß wie die Brandung war sie, und wie eine Blume warfen die Wellen sie hin und her. Die Brandung nahm sie von den Wogen, und der Schaum nahm sie von der Brandung, bis der Strand sie empfing und der junge Fischer den Körper der kleinen Seejungfrau sah. Tot lag sie zu seinen Füßen. Und weinend wie einer, den der Schmerz überwältigt hat, warf er sich neben sie hin und küßte das kalte Rot des Mundes und spielte mit dem feuchten Bernstein ihres Haares. Er warf sich neben sie in den Sand, weinend wie einer, der vor Freude bebt, und in seinen braunen Armen hielt er sie an seine Brust. Kalt waren die Lippen, aber er küßte sie. Salz war der Honig ihres Haares, aber er trank ihn mit bitterer Wonne. Er küßte die geschlossenen Lider, und der wilde Schaum, der auf ihren Augenhöhlen lag, war weniger salzig als seine Tränen. Und dann begann er der Toten zu beichten. In ihre Ohrmuscheln goß er den herben Wein seiner Erzählung. Er legte die kleinen Hände um seinen Hals, und mit seinen Fingern berührte er das zarte Rund ihrer Kehle. Bitter, bitter war seine Freude, und voll seltsamer Lust sein Schmerz. Die schwarze See wogte näher, und der weiße Schaum stöhnte wie ein Aussätziger. Mit weißen Schaumkrallen griff die See nach dem Strand. Vom Palaste des Seekönigs kam von neuem der Schrei der Trauer, und weit draußen auf dem Meer bliesen die großen Tritonen mißtönig auf ihren Hörnern. »Flieh davon,« sagte seine Seele, »denn das Meer kommt näher und näher, und wenn du zauderst, wird es dich töten. Flieh davon, denn ich fürchte mich, da ich sehe, daß dein Herz aus Übermaß an Liebe gegen mich verschlossen ist. Flieh davon an einen sicheren Platz. Oder willst du mich ohne Herz in die andere Welt senden?« Aber der junge Fischer hörte nicht auf seine Seele, sondern wandte sich an die kleine Seejungfrau und sprach: »Liebe ist besser als Weisheit und kostbarer als Reichtum und schöner als die Füße der Menschentöchter. Feuer kann die Liebe nicht zerstören, noch kann das Wasser sie ertränken. Ich rief nach dir am Morgen, und du bist auf meinen Ruf nicht gekommen. Der Mond hörte deinen Namen, und doch hast du meiner nicht geachtet. Denn ich hatte dich schmählich verlassen, und zu meinem eigenen Leid bin ich fortgewandert. Aber immer verblieb deine Liebe bei mir, immer war sie stark, und nichts konnte sie erschüttern, ob ich nun auf das Böse achtete oder auf das Gute. Und jetzt, da du tot bist, will ich wahrlich auch mit dir sterben.« Und seine Seele flehte ihn an, zu fliehen, aber er wollte nicht, so groß war seine Liebe. Und die See kam näher und suchte ihn mit ihren Wellen zu bedecken, und als er fühlte, daß das Ende nahe war, küßte er mit wilden Lippen die kalten Lippen der Seejungfrau, und das Herz in seiner Brust zerbrach. Aber als durch die Fülle seiner Liebe sein Herz brach, fand die Seele einen Weg und konnte hinein und war eins mit ihm wie früher. Und die See bedeckte den jungen Fischer mit ihren Wogen. Und am Morgen zog der Priester hinaus, um das Meer zu segnen, denn es war stürmisch gewesen. Mit ihm kamen die Mönche und die Musiker, die Kerzenträger und die Weihrauchschwinger und eine große Volksmenge. Und als der Priester den Strand erreichte, sah er den jungen Fischer ertrunken in der Brandung liegen, und umschlungen von seinen Armen lag der Körper der kleinen Seejungfrau. Da trat er stirnrunzelnd zurück, machte das Kreuzzeichen und rief laut: »Ich will das Meer nicht segnen, noch irgend etwas, was darin ist. Verflucht sei das Meervolk, und verflucht seien alle, die mit ihm verkehren. Und diesen da, der um der Liebe willen Gott verließ und jetzt von Gottes Gericht geschlagen neben seiner Buhle liegt, nehmt seinen Leichnam und den Leichnam seiner Buhle und begrabt sie in einem Winkel auf dem Feld der Tuchwalker. Aber setzt keinen Stein auf ihr Grab, noch irgendein Zeichen, damit niemand den Platz weiß, wo sie ruhen. Denn verflucht waren sie in ihrem Leben, und verflucht sollen sie auch in ihrem Tode sein.« Das Volk aber tat, wie er befohlen hatte, und in einem Winkel auf dem Feld der Tuchwalker, wo keine süßen Kräuter wuchsen, gruben sie ein tiefes Loch und legten die Leichen hinein. Aber als das dritte Jahr vorüber war, ging der Priester an einem Tage, der ein heiliger Tag war, zur Kapelle hinaus, um dem Volk die Wunden des Herrn zu zeigen und ihm vom Zorne Gottes zu predigen. Und als er nun, mit seinen geistlichen Gewändern bekleidet, hineintrat und sich vor dem Altar verneigte, sah er, daß der Altar mit seltsamen Blumen bedeckt war, wie er sie nie vorher gesehen hatte. Seltsam waren sie anzusehen und von eigenartiger Schönheit, Und ihre Schönheit verwirrte ihn, und ihr Duft war süß in seiner Nase. Er war glücklich und wußte nicht, weshalb er glücklich war. Und nachdem er das Tabernakel geöffnet und die Monstranz, die darin war, mit Weihrauch beräuchert hatte, zeigte er dem Volk die heilige Hostie, und verbarg sie wieder hinter dem Schleier des Vorhangs. Dann begann er zu sprechen, denn er wollte von dem Zorne Gottes sprechen. Aber die Schönheit der weißen Blumen verwirrte ihn, und ihr Duft war süß in seiner Nase. Ein anderes Wort kam über seine Lippen, und er sprach nicht von dem Zorne Gottes, sondern von dem Gott, dessen Name Liebe ist. Und warum er so sprach, das wußte er nicht. Und als er seine Rede beendet hatte, weinte das Volk, und der Priester ging wieder in die Sakristei, und seine Augen standen voll Tränen. Dann kamen die Diakone hinein und begannen, ihn zu entkleiden. Sie zogen ihm das Chorhemd aus und nahmen ihm den Gürtel ab, die Armbinde und die Stola. Und er stand da wie in einem Traum. Aber als sie ihn entkleidet hatten, blickte er sie an und sagte: »Was sind das für Blumen, die auf dem Altare stehen, und woher kommen sie?« Und sie antworteten ihm: »Was es für Blumen sind, können wir nicht sagen, aber sie kommen von dem Winkel aus dem Felde der Tuchwalker. Und der Priester erbebte und kehrte in sein Haus zurück und betete. Des Morgens aber, als es noch dämmerte, ging er hinaus mit den Mönchen und Musikern, mit den Kerzenträgern und Weihrauchschwingern und mit einer großen Volksmenge. Und er kam an den Meeresstrand und segnete das Meer und alle wilden Wesen, die darin leben. Auch die Faune segnete er, und die kleinen Wesen, die im Gehölz tanzen, und die Wesen mit den strahlenden Augen, die durch die Zweige lugen. Alle Wesen auf Gottes Welt segnete er, und das Volk war erfüllt von Freude und Staunen. Aber niemals wieder blühten in dem Winkel auf dem Felde der Tuchwalker Blumen irgendwelcher Art, sondern das Feld blieb öde wie vorher. Noch kam das Meervolk jemals wieder in die Bucht, wie es das gewohnt gewesen, denn es war nach einem andern Teil des Meeres gezogen. Das Sternenkind Es waren einmal zwei arme Holzhauer, die durch einen großen Fichtenwald nach Hause gingen. Es war Winter und eine bitterkalte Nacht. Der Schnee lag dick auf dem Boden und auf den Ästen der Bäume, und rechts und links, wo sie vorbeigingen, knarrten die kleinen Zweige vor Frost. Als sie zu dem Gebirgsbach kamen, hing er bewegungslos in der Luft, denn der Eiskönig hatte ihn geküßt. So kalt war es, daß selbst die vierfüßigen Tiere und die Vögel nicht wußten, was sie dazu sagen sollten. »Hu!« knurrte der Wolf und hinkte, den Schwanz zwischen die Beine geklemmt, durch das Unterholz. »Dies ist ein einfach scheußliches Wetter. Warum bekümmert sich die Regierung nicht darum?« »Witt! witt! witt!« zwitscherten die grünen Hänflinge. »Die alte Erde ist tot, und sie haben sie in ihrem weißen Totenkleid aufgebahrt.« »Die Erde will sich verheiraten, und dies ist ihr Brautgewand,« flüsterten sich die Turteltauben zu. Ihre kleinen, rosigen Füße waren ganz erfroren, aber sie hielten es für ihre Pflicht, die Lage von der romantischen Seite aufzufassen. »Unsinn,« heulte der Wolf. »Ich sage euch, nur die Regierung ist daran schuld, und wenn ihr mir nicht glaubt, freß ich euch auf.« Der Wolf war durchaus Praktiker und nie um gute Gründe verlegen. »Nun, was mich angeht,« sagte der Specht, der ein geborener Philosoph war, »so kümmere ich mich um keine, noch so subtilen Erklärungstheorien. Wie etwas ist, so ist es, und augenblicklich ist es schrecklich kalt.« Schrecklich kalt war es wirklich. Die kleinen Eichhörnchen, die in den hohen Fichtenbäumen wohnten, rieben sich gegenseitig immerfort die Nasen, um sich warm zu halten, und die Kaninchen rollten sich in ihren Höhlen zusammen und wagten nicht einmal, aus ihren Türen zu blicken. Die einzigen Wesen, die an der Kälte Freude zu haben schienen, waren die großohrigen Eulen. Ihre Federn waren ganz hart vom Reif, aber das kümmerte sie nicht, und sie rollten ihre großen, gelben Augen und riefen sich durch den Wald hin zu: »Tuwitt! Tuhu! Tuwitt! Tuhu! Was haben wir doch für ein wundervolles Wetter!« Immer weiter gingen die beiden Holzhauer, hauchten sich munter auf die Finger und stampften mit ihren großen, eisenbeschlagenen Schuhen auf den festen Schnee. Einmal versanken sie in einer tiefen Schneewehe und kamen so weiß heraus wie Müller, wenn die Steine mahlen; und einmal glitten sie auf dem harten, glatten Eise aus, als sie über gefrorenes Moorwasser gingen, und ihre Holzscheite fielen aus ihren Bündeln, so daß sie sie wieder auflesen und von neuem zusammenbinden mußten; und einmal glaubten sie, sie hätten ihren Weg verloren, und ein großer Schrecken überkam sie, denn sie wußten, wie grausam der Schnee gegen die ist, die in seinem Arm schlafen. Aber sie setzten ihr Vertrauen auf den guten Sankt Martin, der über allen Wanderern wacht. Sie gingen behutsam in ihren Fußstapfen zurück, und schließlich erreichten sie doch den Rand des Waldes und sahen tief unter sich im Tale die Lichter des Dorfes, in dem sie lebten. So überfroh waren sie ob ihrer Errettung, daß sie laut lachten, und die Erde erschien ihnen wie eine Blume von Silber und der Mond wie eine Blume von Gold. Aber nachdem sie gelacht hatten, wurden sie traurig, denn sie erinnerten sich an ihre Armut, und einer von ihnen sagte zum andern: »Warum sind wir fröhlich geworden? Wir sehen doch, daß das Leben für die Reichen da ist und nicht für unsereinen. Besser, wir wären im Walde vor Kälte gestorben, oder ein wildes Tier hätte uns angefallen und getötet.« »Du hast recht,« antwortete sein Gefährte. »Den einen wird viel, den andern wenig gegeben. Ungerechtigkeit hat die Welt verteilt, und in nichts sind wir gleich als im Leid.« Aber als sie so einander ihr Leid klagten, da geschah etwas Seltsames. Ein sehr heller und schöner Stern fiel vom Himmel. Er glitt von der Himmelswand herab und an den andern Sternen vorbei, und als sie ihn staunend beobachteten, schien es ihnen, als sei er hinter einer Gruppe von Weidenbäumen versunken, die dicht bei einer kleinen Schafhürde stand, kaum einen Steinwurf von ihnen entfernt. »Wer ihn findet, stößt auf einen Topf voll Gold,« riefen sie und begannen schnell dahinzulaufen, so begierig waren sie auf das Gold. Und der eine von ihnen lief schneller als sein Gefährte und kam ihm zuvor. Er zwängte sich durch die Weiden und gelangte an die andere Seite, und siehe, da lag wirklich etwas Goldenes auf dem weißen Schnee. Da eilte er hin, beugte sich nieder und legte seine Hand darauf. Und es war ein golddurchwebtes Tuch, das seltsam mit Sternen bestickt und in viele Falten geschlagen war. Und er rief seinem Kameraden, er habe den Schatz gefunden, der vom Himmel gefallen sei, und als sein Kamerad herangekommen war, da setzten sie sich in den Schnee hin und öffneten die Falten des Tuches, um die Goldstücke zu teilen. Aber ach, kein Gold war darin und kein Silber, noch überhaupt irgendein Schatz, sondern nur ein kleines Kind, das schlief. Da sprach der eine zu dem andern: »Das ist ein bitteres Ende unserer Hoffnung, und wir haben kein Glück, denn was nützt ein Kind einem Manne? Wir wollen es hier liegen lassen und unserer Wege gehen, denn wir sind arme Männer und haben selbst Kinder, deren Brot wir nicht einem andern geben können.« Doch sein Geführte antwortete ihm: »Nein, es wäre schlecht, das Kind hier im Schnee umkommen zu lassen, und wenn ich auch so arm bin wie du und viele Münder zu füttern und nur wenig im Topf habe, so will ich es doch mit nach Hause nehmen, und mein Weib soll dafür sorgen.« So nahm er denn ganz behutsam das Kind auf, wickelte das Tuch darum, um es vor der rauhen Kälte zu schützen, und ging den Hügel hinab nach dem Dorfe, und sein Kamerad wunderte sich sehr über seine Torheit und Gutmütigkeit. Und als sie zum Dorf kamen, sagte sein Kamerad zu ihm: »Du hast das Kind, darum gib mir das Tuch, denn es ist nur billig, daß wir teilen.« Aber er antwortete ihm: »Nein, das Tuch gehört weder dir noch mir, sondern nur dem Kinde.« Und er bot ihm Lebewohl, ging nach seinem Hause und klopfte. Und als seine Frau die Tür öffnete und sah, daß ihr Mann heil zurückgekehrt war, schlang sie ihre Arme um seinen Hals und küßte ihn. Sie nahm das Bündel mit Holzscheiten von seinem Rücken, fegte den Schnee von seinen Schuhen und bat ihn, hereinzukommen. Aber er sprach zu ihr: »Ich habe etwas im Walde gefunden und habe es dir gebracht, damit du dafür sorgst.« Und er rührte sich nicht von der Schwelle. »Was ist es?« rief sie. »Zeige es mir, denn das Haus ist leer, und wir brauchen manches.« Und er zog das Tuch zurück und zeigte ihr das schlafende Kind. »O weh, Vater!« murmelte sie, »haben wir nicht eigene Kinder, daß du einen Wechselbalg mitbringen mußt, der am Herde sitzt? Und wer weiß, ob er uns nicht Unglück bringt? Und wie sollen wir ihn pflegen?« Und sie war zornig auf ihn. »Es ist aber ein Sternenkind,« antwortete er; und er erzählte ihr die seltsame Art, wie er es gefunden hatte. Aber sie wollte sich nicht besänftigen lassen, sondern spottete über ihn und sprach ärgerlich: »Unsere Kinder haben kein Brot, und da sollen wir das Kind eines andern füttern? Wer sorgt für uns? Wer gibt uns zu essen?« »Gott sorgt sogar für die Sperlinge und ernährt sie,« antwortete er. »Sterben nicht die Sperlinge im Winter vor Hunger?« fragte sie. »Und ist es jetzt nicht Winter?« Aber der Mann antwortete nichts und wich auch nicht von der Schwelle. Und ein scharfer Wind drang aus dem Wald in die offene Tür, daß sie zitterte. Ein Schaudern überkam sie, und sie sprach zu ihm: »Willst du nicht die Türe schließen? Ein scharfer Wind dringt in das Haus, und mich friert.« »Kommt in ein Haus, wo ein hartherziger Mensch lebt, nicht immer ein scharfer Wind?« fragte er. Und die Frau antwortete ihm nicht, sondern schlich dichter an das Feuer. Aber nach einer Weile wandte sie sich um und sah ihn an, und ihre Augen standen voll Tränen. Da trat er schnell hinein und legte das Kind in ihre Arme. Sie küßte es und barg es in einem kleinen Bett, wo das jüngste ihrer eigenen Kinder schlief. Und am Morgen nahm der Holzhauer das seltsame, goldene Tuch und legte es in eine große Truhe, und sein Weib nahm eine Bernsteinkette, die um den Hals des Kindes geschlungen war, und barg sie ebenfalls in der Truhe. So wurde das Sternenkind mit den Kindern des Holzhauers aufgezogen, saß mit ihnen am gleichen Tisch und war ihr Spielgefährte. Und mit jedem Jahr wurde es schöner von Angesicht, so daß alle, die im Dorfe wohnten, darüber staunten. Denn, während sie dunkelhäutig und schwarzhaarig waren, war es weiß und zart wie geschnitztes Elfenbein, und seine Locken waren wie das Rund gelber Narzissen. Seine Lippen waren wie rote Blütenblätter, seine Augen wie Veilchen, die an einer Strömung klaren Wassers stehen, und sein Körper wie die wilde Narzisse des Feldes, wenn der Mäher nicht kommt. Aber seine Schönheit machte es böse. Denn es wurde stolz und grausam und selbstsüchtig. Es verachtete die Kinder des Holzfällers und die andern Kinder aus dem Dorfe und sagte, sie seien von gewöhnlicher Herkunft, während es selbst vornehm sei, denn es stamme von einem Stern. Und es machte sich zum Herrn über sie und nannte sie seine Diener. Kein Mitleid hatte es mit den Armen, noch mit solchen, die blind oder lahm oder mit Gebresten behaftet waren. Es warf mit Steinen nach ihnen, trieb sie auf die Landstraße hinaus und hieß sie, ihr Brot anderswo zu erbetteln, so daß niemand außer den Geächteten zweimal in jenes Dorf nach Almosen kam. Es war ganz in die Schönheit vernarrt, spottete über die Schwachen und Häßlichen und machte sich lustig über sie. Aber sich selbst liebte es, und zur Sommerzeit, wenn kein Wind wehte, lag es bei dem Brunnen in dem Obstgarten des Priesters und blickte auf das Wunder seines Gesichts hinab und lachte vor Lust über seine Schönheit. Oft schalten es der Holzhauer und sein Weib und sprachen: »Wir haben an dir nicht so gehandelt, wie du an denen handelst, die verlassen sind und keine Hilfe haben. Warum bist du so grausam gegen alle, die des Mitleids bedürfen?« Oft schickte der alte Priester nach ihm und suchte ihn die Liebe zu allem Lebendigen zu lehren und sprach: »Die Fliege ist dein Bruder. Tu ihr nichts Böses. Die wilden Vögel, die durch den Wald fliegen, haben ihre Freiheit. Fange sie nicht zu deinem Vergnügen. Gott schuf die Blindschleiche und den Maulwurf, und jedes hat seinen Platz. Wer bist du, daß du Schmerz in Gottes Welt bringst? Selbst das Vieh auf der Weide lobt den Herrn.« Aber das Sternenkind achtete nicht auf ihre Worte, sondern verzog seine Lippen und spöttelte. Und es ging zu seinen Gefährten und führte sie an. Und seine Gefährten folgten ihm, denn es war schön und flink von Füßen, und es konnte tanzen und pfeifen und Musik machen. Wohin sie das Sternenkind führte, dahin folgten sie ihm, und was ihnen das Sternenkind zu tun gebot, das taten sie. Und wenn es mit einem spitzen Ried die blinden Augen des Maulwurfs durchbohrte, lachten sie, und wenn es Steine nach den Aussätzigen warf, lachten sie auch. In allen Dingen beherrschte es sie, und sie wurden so hartherzig, wie es selbst war. Nun kam eines Tages eine arme Bettlerin durch das Dorf. Ihre Kleider waren zerlumpt und zerrissen, ihre Füße bluteten von der harten Straße, die sie gegangen war, und sie befand sich in einem sehr elenden Zustand. Da sie müde war, setzte sie sich unter einen Kastanienbaum, um auszuruhen. Aber als das Sternenkind sie sah, sagte es zu seinen Gefährten: »Seht, da sitzt ein schmutziges Bettelweib unter dem schönen, grünbelaubten Baum. Kommt, laßt uns sie forttreiben, denn sie ist häßlich und widerlich.« Und es näherte sich ihr, warf mit Steinen nach ihr und verspottete sie. Sie aber sah es mit Schrecken in den Augen an und wandte keinen Blick von ihm. Als nun der Holzhauer, der in der Nähe auf einem Holzplatz Scheite spaltete, sah, was das Sternenkind tat, lief er herbei, schalt es und sprach zu ihm: »Wirklich, du bist hartherzig und kennst kein Mitleid. Was hat dir denn diese arme Frau zuleid getan, daß du sie so behandelst?« Und das Sternenkind wurde rot vor Zorn, stampfte mit dem Fuß auf den Boden und sagte: »Wer bist du, daß du mich fragst, was ich tue? Ich bin nicht dein Sohn, daß ich dir gehorchen muß.« »Das ist wahr,« sprach der Holzhauer. »Aber ich bin mitleidig gegen dich gewesen, als ich dich im Walde fand.« Aber als die Frau diese Worte hörte, stieß sie einen lauten Schrei aus und fiel in Ohnmacht. Und der Holzhauer trug sie in sein Haus, und sein Weib mußte sich ihrer annehmen, und als sie aus der Ohnmacht, in die sie gefallen war, wieder erwachte, setzten sie Speise und Trank vor sie hin und baten sie, sich zu erquicken. Aber sie wollte weder essen noch trinken, sondern sprach zu dem Holzhauer: »Sagtest du nicht, das Kind sei im Walde gefunden worden? Und geschah das nicht heute vor zehn Jahren?« Und der Holzhauer antwortete: »Ja, ich habe es im Walde gefunden, und es werden heute zehn Jahre, daß es geschah.« »Und welche Zeichen fandest du an ihm?« rief sie. »Trug es nicht an seinem Hals eine Bernsteinkette? War es nicht eingehüllt in ein Tuch von gewebtem Gold, mit Sternen bestickt?« »Gewiß,« antwortete der Holzhauer, »es war genau so, wie du gesagt hast.« Und er nahm das Tuch und die Bernsteinkette aus der Truhe, wo sie lagen, und zeigte sie der Frau. Und als sie sie sah, weinte sie vor Freuden und sprach: »Er ist mein kleiner Sohn, den ich im Walde verloren habe. Ich bitte dich, sende schnell nach ihm, denn ihn zu finden, bin ich über die ganze Welt gewandert.« Da liefen der Holzhauer und sein Weib hinaus, riefen nach dem Sternenkind und sagten: »Geh' in das Haus, dort wirst du deine Mutter finden, die auf dich wartet.« Da lief es, von Erwartung und großer Freude erfüllt, hinein. Aber als es die sah, die da wartete, lachte es verächtlich und sprach: »Nun, wo ist meine Mutter? Denn ich sehe hier niemand als dieses gemeine Bettelweib.« Und die Frau antwortete ihm: »Ich bin deine Mutter.« »Du bist wahnsinnig, so etwas zu sagen,« schrie das Sternenkind zornig. »Ich bin nicht dein Kind, denn du bist eine häßliche und zerlumpte Bettlerin. Darum schere dich fort von hier und laß mich dein schmutziges Gesicht nicht mehr sehen.« »Nein, du bist wirklich mein kleiner Sohn, den ich in den Wald trug,« rief sie und fiel auf die Knie und streckte ihre Arme nach ihm aus. »Die Räuber haben dich mir gestohlen und dich dann zurückgelassen, damit du sterben solltest,« murmelte sie. »Aber ich erkannte dich, als ich dich sah, und die Zeichen habe ich auch erkannt, das goldgewebte Tuch und die Bernsteinkette. Darum bitte ich dich, komm mit mir, denn über die ganze Erde bin ich gewandert, um dich zu suchen. Komm mit mir, mein Sohn, denn ich brauche deine Liebe.« Aber das Sternenkind rührte sich nicht von seinem Platz, sondern verschloß die Tore seines Herzens vor ihr, und man hörte keinen Laut außer dem Schluchzen der Frau, die vor Schmerz weinte. Schließlich sprach es dann zu ihr, und seine Sprache war scharf und bitter: »Wenn du wirklich meine Mutter bist,« sagte es, »dann wärest du besser ferngeblieben, statt hierherzukommen und mir Schande zu bringen. Denn ich glaubte, ich sei das Kind irgendeines Sternes und nicht ein Bettlerkind, wie du es mir erzählt hast. Also mache dich fort und laß mich dich niemals wiedersehen.« »Ach, mein Sohn,« rief sie, »willst du mich nicht küssen, bevor ich gehe? Denn ich habe viel durchgemacht, um dich zu finden.« »Nein,« sagte das Sternenkind, »du bist widerwärtig anzusehen, und eher würde ich die Natter oder die Kröte küssen als dich.« Da erhob sich die Frau und ging bitterlich weinend in den Wald, und als das Sternenkind sah, daß sie gegangen war, wurde es froh und lief zurück zu seinen Spielgefährten, um mit ihnen zu spielen. Aber als sie es kommen sahen, spotteten sie seiner und sprachen: »Du bist ja so widerwärtig wie eine Kröte und so ekelhaft wie eine Natter. Scher' dich fort von hier, denn wir dulden nicht, daß du mit uns spielst.« Und sie vertrieben es aus dem Garten. Und das Sternenkind runzelte die Stirne und sprach zu sich: »Was bedeutet das, was sie mir sagen? Ich will zum Wasserbrunnen gehen und hineinsehen, er soll mir meine Schönheit zeigen.« Da ging es zu dem Wasserbrunnen und blickte hinein, und siehe, sein Gesicht war wie das Gesicht einer Kröte und sein Körper war geschuppt wie der einer Natter. Und es warf sich in das Gras und weinte und sprach zu sich: »Sicherlich ist dies durch meine Sünde über mich gekommen. Denn ich habe meine Mutter verleugnet und sie davongetrieben, ich war stolz und grausam gegen sie. Deshalb will ich mich aufmachen und in der ganzen Welt nach ihr suchen und nicht ruhen, bis ich sie gefunden habe.« Und da kam zu ihm die kleine Tochter des Holzhauers, legte ihre Hand auf seine Schulter und sagte: »Was macht es aus, daß du deine Schönheit verloren hast? Bleibe bei uns, und ich will nicht über dich spotten.« Aber es sprach zu ihr: »Nein, ich bin grausam gegen meine Mutter gewesen, und als Strafe ist mir dieses Übel gesandt worden. Deshalb muß ich hingehen und die Welt durchwandern, bis ich sie gefunden, und bis sie mir vergeben hat.« So lief es hinaus in den Wald und rief nach seiner Mutter, sie sollte zu ihm kommen, aber es fand keine Antwort. Den ganzen Tag über rief es nach ihr, und als die Sonne unterging, legte es sich aufs Laubbett schlafen. Aber die Vögel und das Wild flohen vor ihm, denn sie erinnerten sich seiner Grausamkeit, und niemand war bei ihm als die Kröte, die ihn bewachte, und die langsame Natter, die vorbeikroch. Und des Morgens erhob es sich, pflückte ein paar bittere Beeren von den Bäumen und aß sie und wanderte schmerzlich weinend durch den großen Wald. Und wen es traf, den fragte es, ob er nicht zufällig seine Mutter gesehen habe. Es sprach zu dem Maulwurf: »Du kannst unter die Erde gehen. Sage mir, ist meine Mutter dort?« Und der Maulwurf antwortete: »Du hast meine Augen geblendet. Wie soll ich das wissen?« Es sprach zu dem Hänfling: »Du kannst über die Wipfel der hohen Bäume fliegen und kannst die ganze Welt sehen. Sage mir, kannst du meine Mutter sehen?« Und der Hänfling antwortete: »Du hast meine Flügel zu deinem Vergnügen beschnitten. Wie sollte ich fliegen können?« Und zu dem kleinen Eichhörnchen, das einsam in dem Fichtenbaum wohnte, sprach es: »Wo ist meine Mutter?« Und das Eichhörnchen antwortete: »Du hast die meine getötet. Willst du jetzt auch deine töten?« Da weinte das Sternenkind und senkte sein Haupt. Es bat Gottes Geschöpfe um Vergebung und ging weiter durch den Wald, um nach dem Bettelweib zu suchen. Und am dritten Tag kam es an die andere Seite des Waldes und schritt hinab in die Ebene. Und wenn es durch die Dörfer ging, spotteten die Kinder und warfen ihm Steine nach. Die Bauern wollten es nicht einmal in den Ställen schlafen lassen, aus Furcht, es könnte dem aufgespeicherten Korn Schimmel bringen, so widerwärtig war es anzusehen. Ihre Knechte trieben es davon, und keiner hatte Mitleid mit ihm. Auch konnte es nirgendwo etwas von dem Bettelweib erfahren, das seine Mutter war, obgleich es drei Jahre lang die Welt durchwanderte. Oft schien es ihm, als sähe es sie vor sich auf der Straße, dann rief es nach ihr und rannte hinter ihr her, bis seine Füße von den scharfen Steinen bluteten. Aber einholen konnte er sie nie, und die am Wege wohnten, leugneten immer, sie oder eine, die ihr glich, gesehen zu haben, und sie belustigten sich über sein Leid. Drei Jahre lang wanderte es durch die Welt, und in der Welt war weder Liebe, noch freundliche Güte, noch Barmherzigkeit für das Sternenkind, sondern es war eine Welt, wie es sie sich selbst in den Tagen seines großen Stolzes geschaffen hatte. Eines Abends kam es an das Tor einer Stadt mit festen Mauern, die an einem Flusse lag, und so müde und fußwund es war, wollte es doch hineingehen. Aber die Soldaten, die Wache hielten, senkten ihre Hellebarden vor den Eingang und fragten es barsch: »Was willst du in der Stadt?« »Ich suche meine Mutter,« antwortete es, und ich bitte dich, laß mich vorbei, denn vielleicht ist sie in dieser Stadt.« Aber sie spotteten seiner, und einer von ihnen schüttelte seinen schwarzen Bart, setzte seinen Schild hin und sprach: »Wahrlich, deine Mutter wird nicht froh sein, wenn sie dich sieht, denn du bist abscheulicher als die Kröte im Sumpf und die Natter, die über das Moor kriecht. Fort mit dir! Fort mit dir! Deine Mutter wohnt nicht in dieser Stadt.« Und ein anderer, der eine gelbe Fahne in der Hand trug, sprach zu ihm: »Wer ist deine Mutter, und warum suchst du sie?« Da antwortete es: »Meine Mutter bettelt wie ich, und ich habe schlecht an ihr gehandelt. Darum bitte ich dich, laß mich hineingehen, damit ich ihre Vergebung erlange, wenn sie sich in dieser Stadt aufhält.« Aber sie weigerten sich und stachen nach ihm mit ihren Speeren. Und als es sich weinend abwandte, kam einer heran, der eine Rüstung mit eingelegten goldnen Blumen und einen Helm mit einem kauernden Löwen darauf trug, und fragte die Soldaten, wer es sei, der da um Einlaß gebeten habe. Und sie sagten zu ihm: »Es ist ein Bettler und ein Kind von Bettlern, und wir haben ihn fortgetrieben.« »Nein,« rief er lachend, »wir wollen das häßliche Geschöpf als Sklaven verkaufen, und sein Preis soll der Preis für einen Humpen süßen Weines sein.« Und ein alter Mann von bösem Aussehen, der vorüberging, rief aus: »Für diesen Preis will ich ihn kaufen.« Und dann zahlte er den Preis, nahm das Sternenkind bei der Hand und führte es in die Stadt. Und als sie durch viele Straßen gegangen waren, kamen sie zu einer kleinen Tür in einer Mauer, die von einem Granatapfelbaum überhangen war. Der alte Mann berührte die Tür mit einem Ring aus geschnittenem Jaspis und öffnete sie, und sie gingen fünf Erzstufen hinab in einen Garten, der mit schwarzen Mohnblumen in grünen Töpfen aus gebranntem Ton gefüllt war. Dann nahm der alte Mann aus seinem Turban ein Tuch aus buntgewebter Seide, verband damit dem Sternenkind die Augen und trieb es vor sich her. Und als ihm das Tuch von den Augen genommen war, befand sich das Sternenkind in einem Kerker, der von einer Hornlaterne beleuchtet war. Und der alte Mann setzte auf einem Holzbrett schimmliges Brot vor ihn hin und sprach: »Iß!« und in einem Becher schlechtes Wasser und sprach: »Trink!«, und als es gegessen und getrunken hatte, ging der alte Mann fort, indem er die Tür hinter sich zuschloß und sie mit einer eisernen Kette befestigte. Und am Morgen kam der alte Mann, der in Wirklichkeit einer der scharfsinnigsten Zauberer aus Libyen war und seine Kunst von einem gelernt hatte, der in den Gräbern am Nil lebte, zu ihm, blickte es finster an und sprach: »In einem Wald nahe bei dem Tore dieser Stadt der Giauren liegen drei Klumpen Gold. Einer ist von weißem Gold, der andere ist von gelbem Gold, und das Gold des dritten ist rot. Heute sollst du mir den Klumpen weißen Goldes bringen, und wenn du ihn nicht bringst, werde ich dir hundert Hiebe geben. Geh schnell hinweg, und bei Sonnenuntergang werde ich dich an der Gartentüre erwarten. Sieh zu, daß du das weiße Gold bringst, sonst wird es dir schlecht ergehen, denn du bist mein Sklave, und ich habe dich um den Preis eines Humpen süßen Weines gekauft.« Und mit dem Tuch aus bunter Seide verband er dem Sternenkind wieder die Augen und führte es durch das Haus und den Mohngarten und dann die fünf Stufen von Erz hinauf. Und als er mit seinem Ring die kleine Tür geöffnet hatte, setzte er es auf die Straße. Und das Sternenkind ging zum Stadttor hinaus und kam nach dem Wald, von dem ihm der Zauberer gesprochen hatte. Nun war dieser Wald von außen herrlich anzusehen und schien ganz voll von singenden Vögeln und süß duftenden Blumen zu sein, und das Sternenkind schritt fröhlich hinein. Doch nützte ihm diese Herrlichkeit wenig, denn überall, wo es ging, wuchsen scharfe Dorn- und Stachelsträucher aus dem Boden und umgaben es, böse Nesseln brannten es, und die Distel stach es mit ihren Dolchen, so daß es in bitterer Not war. Auch konnte es nirgendwo den Klumpen weißen Goldes finden, von dem der Zauberer gesprochen hatte, obgleich es vom Morgen bis zum Mittag und vom Mittag bis zum Abend danach suchte. Am Abend aber wandte es sich wieder heimwärts und weinte bitterlich, denn es wußte, welches Schicksal seiner wartete. Als es aber den Waldrand erreicht hatte, hörte es, wie jemand im Dickicht in Angst schrie. Da vergaß es sein eigenes Leid, lief zurück an die Stelle und sah dort einen kleinen Hasen in einer Falle, die ein Jäger aufgestellt hatte. Und das Sternenkind hatte Mitleid mit ihm, befreite ihn und sprach zu ihm: »Ich bin selbst nur ein Sklave, doch kann ich dir die Freiheit geben.« Aber der Hase antwortete ihm und sagte: »Du hast mir wirklich die Freiheit gegeben, was soll ich dir nun dafür zurückgeben?« Und das Sternenkind sprach zu ihm: »Ich suche nach einem Klumpen weißen Goldes und kann ihn nirgendwo finden. Wenn ich ihn aber nicht mitbringe, wird mich mein Herr schlagen.« »Komm mit mir,« sagte der Hase. »Ich will dich dahinführen; denn ich weiß, wo er verborgen ist und welchem Zweck er dient.« Da ging das Sternenkind mit dem Hasen, und siehe, in der Höhlung einer großen Eiche fand es den Klumpen weißen Goldes, den es suchte. Und es war voll Freude und ergriff ihn und sprach zum Hasen: »Den Dienst, den ich dir erwies, hast du mir viele Male erwidert, und die Güte, die ich dir erzeigte, hast du hundertfach zurückgezahlt.« »Nein,« antwortete der Hase, »wie du an mir gehandelt hast, habe ich auch an dir gehandelt,« und er lief geschwind von dannen, und das Sternenkind ging nach der Stadt. Nun saß an dem Stadttore ein Aussätziger. Über sein Gesicht hing eine Kapuze von grauem Leinen, und durch die Augenschlitze glimmten seine Augen wie rote Kohlen. Und als er das Sternenkind kommen sah, klopfte er auf eine hölzerne Schüssel, klingelte mit seiner Glocke und rief nach ihm, indem er sprach: »Gib mir ein Stück Geld, sonst muß ich vor Hunger sterben. Denn sie haben mich aus der Stadt gejagt, und niemand hat Mitleid mit mir.« »Ach,« rief das Sternenkind, »ich habe nur einen Klumpen Gold in meiner Tasche, und wenn ich ihn nicht meinem Herrn bringe, wird er mich schlagen, denn ich bin sein Sklave.« Aber der Aussätzige beschwor ihn und bat ihn, bis das Sternenkind Mitleid hatte und ihm den Klumpen weißen Goldes gab. Und als es an des Zauberers Haus kam, öffnete ihm der Zauberer und brachte es hinein und fragte: »Hast du den Klumpen weißen Goldes?« Und das Sternenkind antwortete: »Ich habe ihn nicht.« Da fiel der Zauberer über das Sternenkind her, schlug es und setzte ihm einen leeren Teller vor und sprach: »Iß!« und einen leeren Becher und sprach: »Trink!«, und warf es wieder in den Kerker. Am Morgen kam der Zauberer zu ihm und sagte: »Wenn du mir heute nicht den Klumpen gelben Goldes bringst, will ich dich sicherlich als meinen Sklaven behalten und dir dreihundert Hiebe geben.« Da ging das Sternenkind nach dem Wald, und den ganzen Tag über suchte es nach dem Klumpen gelben Goldes, konnte ihn aber nirgendwo finden. Und bei Sonnenuntergang setzte es sich hin und begann zu weinen, und als es weinte, kam der kleine Hase, den es aus der Falle befreit hatte. Und der Hase sprach zu ihm: »Warum weinst du? Und was suchst du in dem Walde?« Und das Sternenkind antwortete: »Ich suche einen Klumpen gelben Goldes, der hier verborgen ist, und wenn ich ihn nicht finde, wird mich mein Herr schlagen und mich als Sklaven behalten.« »Folge mir,« schrie der Hase und lief durch den Wald, bis er an einen Wasserpfuhl kam. Und auf dem Boden des Pfuhles lag der Klumpen gelben Goldes. »Wie soll ich dir danken?« fragte das Sternenkind, »denn du hast mir nun zum zweiten Male geholfen.« »Nein, du hattest zuerst Mitleid mit mir,« sagte der Hase und lief geschwind davon. Und das Sternenkind nahm den Klumpen gelben Goldes, steckte ihn in seine Tasche und eilte zur Stadt. Aber der Aussätzige sah es kommen, lief ihm entgegen, kniete nieder und sprach: »Gib mir ein Stück Geld, sonst muß ich vor Hunger sterben.« Und das Sternenkind sprach zu ihm: »Ich habe in meiner Tasche nur einen Klumpen gelben Goldes, und wenn ich ihn nicht meinem Herrn bringe, wird er mich schlagen und mich als seinen Sklaven behalten.« Aber der Aussätzige beschwor es so sehr, daß das Sternenkind Mitleid mit ihm hatte und ihm den Klumpen gelben Goldes gab. Und als es zu dem Hause des Zauberers kam, öffnete ihm der Zauberer, brachte es hinein und fragte: »Hast du den Klumpen gelben Goldes?« Und das Sternenkind antwortete: »Ich habe ihn nicht.« Da fiel der Zauberer über das Sternenkind her, schlug es, belud es mit Ketten und warf es wieder in den Kerker. Am Morgen kam der Zauberer zu ihm und sagte: »Wenn du mir heute den Klumpen roten Goldes bringst, will ich dich freilassen, wenn du ihn aber nicht bringst, will ich dich sicherlich töten.« Da ging das Sternenkind nach dem Wald und den ganzen Tag über suchte es nach dem Klumpen roten Goldes, konnte ihn aber nirgendwo finden. Und am Abend setzte es sich hin und weinte; und als seine Tranen flossen, kam der kleine Hase zu ihm. Und der Hase sprach zu ihm: »Der Klumpen roten Goldes, den du suchst, liegt hinter dir in der Höhle. Darum weine nicht mehr, sondern sei fröhlich.« »Wie soll ich es dir vergelten?« rief das Sternenkind. »Denn dies ist nun das drittemal, daß du mir geholfen hast.« »Nein, du hattest zuerst Mitleid mit mir,« sagte der Hase und lief geschwind davon. Und das Sternenkind ging in die Höhle, und in ihrem hintersten Winkel fand es den Klumpen roten Goldes. Da steckte es ihn in seine Tasche und eilte nach der Stadt. Und der Aussätzige, der es kommen sah, stand mitten auf der Straße, schrie nach ihm und sprach: »Gib mir den Klumpen roten Goldes, sonst muß ich sterben.« Und das Sternenkind hatte wieder Mitleid mit ihm, gab ihm den Klumpen roten Goldes und sprach zu ihm: »Deine Not ist größer als die meine.« Doch das Herz war ihm schwer, denn es wußte, welch schlimmes Los es erwartete. Aber siehe, als es durch das Stadttor schritt, verneigten sich die Wachen vor ihm und huldigten ihm und sprachen: »Wie schön ist unser Herr!« Und eine Menge von Einwohnern folgte ihm und schrie: »Sicherlich ist niemand so schön in der ganzen Welt!«, so daß das Sternenkind weinte und zu sich selbst sprach: »Sie spotten meiner und machen sich lustig über mein Elend.« Und so stark war das Zusammenströmen des Volkes, daß es den Lauf seines Weges verlor und sich zuletzt auf einem großen Platz befand, auf dem der Palast des Königs stand. Und die Tore des Palastes öffneten sich, und die Priester und die hohen Beamten der Stadt eilten ihm entgegen. Und sie verneigten sich vor ihm und sprachen: »Du bist unser Herr, auf den wir gewartet haben, und der Sohn unseres Königs.« Und das Sternenkind antwortete ihnen und sprach: »Ich bin keines Königs Sohn, sondern das Kind einer armen Bettlerin. Und warum sagt ihr, ich sei schön, da ich doch weiß, daß ich häßlich anzuschauen bin?« Da erhob der, dessen Rüstung mit goldenen Blumen eingelegt war, und auf dessen Helm ein geflügelter Löwe kauerte, einen Schild und sprach: »Warum sagt mein Herr, er sei nicht schön?« Und das Sternenkind schaute, und siehe, sein Gesicht war wieder ganz wie es gewesen war. Seine Schönheit war zurückgekehrt, und es sah in seinen Augen, was es vorher nicht darin gesehen hatte. Und die Priester und hohen Beamten knieten nieder und sprachen zu ihm: »Es war seit langem prophezeit, daß an diesem Tage der kommen werde, der über uns herrschen soll. Darum geruhe unser Herr, diese Krone und dieses Zepter zu nehmen und in Gerechtigkeit und Gnade unser König zu sein.« Aber es sprach zu ihnen: »Ich bin nicht würdig, denn ich habe die Mutter, die mich unter ihrem Herzen trug, verleugnet, auch kann ich nicht ruhen, bis ich sie gesunden und ihre Verzeihung erlangt habe. Darum laßt mich gehen, denn ich muß wieder durch die Welt wandern, und ich darf nicht verweilen, wenn ihr mir auch Krone und Zepter bringt.« Und als es so sprach, wandte es sein Gesicht von ihnen ab nach der Straße, die zum Stadttor führte, und siehe, unter der Menge, die sich um die Soldaten drängte, erblickte es das Bettelweib, das seine Mutter war, und an ihrer Seite stand der Aussätzige, der an der Landstraße gesessen hatte. Und ein Freudenschrei brach von seinen Lippen, und es lief hinüber. Es kniete nieder und küßte die Wunden an den Füßen seiner Mutter und benetzte sie mit seinen Tränen. Es neigte sein Haupt in den Staub und schluchzte wie einer, dem das Herz brechen will, und sprach zu ihr: »Mutter, ich habe dich verleugnet in der Stunde meines Stolzes. Nimm mich auf in der Stunde meiner Demut. Mutter, ich habe dir Haß erwiesen, gib du mir Liebe. Mutter, ich habe dich zurückgestoßen, nimm du nun dein Kind.« Aber das Bettelweib antwortete ihm kein Wort. Und es streckte seine Hände aus und umklammerte die weißen Füße des Aussätzigen und sprach zu ihm: »Dreimal habe ich dir Mitleid erwiesen, bitte meine Mutter, daß sie einmal mit mir spricht.« Aber der Aussätzige antwortete ihm kein Wort. Und es schluchzte wieder und sprach: »Mutter, mein Leid ist größer, als ich es ertragen kann. Gib mir deine Verzeihung, und laß mich wieder in den Wald gehen.« Und das Bettelweib legte die Hand auf sein Haupt und sagte zu ihm: »Steh auf!«, und der Aussätzige legte die Hand auf sein Haupt und sagte ebenfalls: »Steh auf!« Da erhob es sich von der Erde und blickte sie an, und siehe, sie waren ein König und eine Königin. Und die Königin sprach zu ihm: »Dies ist dein Vater, dem du geholfen hast.« Und der König sagte: »Dies ist deine Mutter, deren Füße du mit deinen Tränen gewaschen hast.« Und sie fielen ihm um den Hals und küßten es und geleiteten es in den Palast. Sie gaben ihm ein herrliches Gewand, setzten die Krone auf sein Haupt, legten das Zepter in seine Hand, und das Sternenkind herrschte über die Stadt, die an dem Flusse lag, und war ihr König. Viel Gerechtigkeit und Gnade erwies es allen, den bösen Zauberer verbannte es, dem Holzhauer und seinem Weibe aber schickte es manche reiche Gabe, und ihre Kinder brachte es zu hohen Ehren. Auch duldete es nie, daß jemand grausam gegen Vögel und sonstiges Getier war, sondern lehrte Liebe, Güte und Barmherzigkeit. Den Armen gab es Brot und den Nackten Kleidung, und es war Friede und Wohlstand im Lande. Aber das Sternenkind herrschte nicht lange. So groß war sein Leid gewesen und so bitter das Feuer seiner Prüfung, daß es schon nach Ablauf von drei Jahren starb. Und der, der nach ihm kam, war ein böser Herrscher.