Ernst Weiss Essays Leser, du vielköpfiges, unfaßbares Wesen, das ich nie ganz begreife und dennoch liebe, was wäre ich ohne dich? Vor wem sollte ich die vielen Figürchen meiner geistigen Marionettenbühne spielen – nein, leben, sterben, weinen, lachen, verzweifeln und lächeln lassen – wenn nicht vor dir und nur für dich? Verbunden sind und bleiben wir, auch wenn wir uns nie sehen. Vielleicht ist ein echter, männlicher Freund, eine himmlisch schöne und gute Frau unter euch – gerade die Menschen, nach denen ich mich zeit meines Lebens gesehnt habe – einerlei, wir werden einander nie begegnen, es sei denn über den aufgeschlagenen Seiten meines Buches, das durch einen guten Zufall euch in die Hände geraten ist. Vielleicht darf ich aber auch euch etwas sein und bedeuten, kann euch über einen bitteren Tag, eine Enttäuschung in dem Berufe, über einen Nachmittag der Langeweile, über ein hartes Wort eurer Angehörigen hinweghelfen. – Ich möchte es ja so gern. Mehr als das, es ist der einzige Zweck meines Daseins, und selbst nach meinem Tode wird dieses mein Sprechenwollen nicht zu Ende sein. Ich bin euch dankbar, denn ihr habt mir nie etwas Böses getan, oft aber Gutes dadurch, daß ihr meine Bücher durchgeblättert habt – so war ich doch mit dem Wesentlichsten meines Daseins nicht allein. Ihr habt euch mir gegeben – so gebe ich mich euch und grüße euch. Ernst Weiß zum Tag des Buches 1930 Über die Liebe Alle Regierungen trifft der Vorwurf, Macht an Recht geschmiedet zu haben. Einige haben es früher getan, haben getrotzt und getrieft von diesem bösesten Glauben, andere haben sich dieses »Kampfargument zu eigen gemacht«, gewillt, dem Gegner die Wahl der Waffe zu überlassen, ihn nur durch die Qualität der Waffe zu übertreffen. Die Welt ist greisenhaft geworden. Aus ihren Fugen bröckelt Mißtrauen, das macht sie so schwer zu ertragen, so schwer zu lieben für mich. Dieses »Recht bedeutet Macht«, dieser folgenschwerste aller Fehlschlüsse, ist nicht neu. Er ist unter Darwins Einflusse zu einem Allgemeingut der europäischen Zivilisation geworden; ich finde es bei preußischen, stahlgehelmten Seelen, ich finde es bei Dostojewski, dem ewig wandernden, dem ewig aus Dämonie zur Güte, aus Güte zum Verbrechen schreitenden. »Freilich, es ist ein Kriminalverbrechen begangen«, sagt Raskolnikow, »freilich, der Buchstabe des Gesetzes ist verletzt und« (welch ein und !) »Blut vergossen worden; nun, so nehmt doch für den verletzten Buchstaben des Gesetzes meinen Kopf, und genug damit! In diesem Fall hätten aber auch viele Wohltäter des Menschengeschlechts, die ihre Macht nicht ererbt, sondern sich ihrer bemächtigt haben, gleich bei ihrem ersten Schritt hingerichtet werden müssen. Jene aber haben ihr Ziel beharrlich verfolgt, und deshalb sind sie im Recht ; ich aber ...« Mag sein, daß nicht der letzte tiefste Dostojewski aus diesem Raskolnikow spricht, aber ein Dostojewski spricht aus ihm. Denn Raskolnikow sagt hier sein Bekenntnis, der menschlichste Verbrecher, der Mann des Leidens, der Mensch, der das Wunder Sonja erlebt hat, die christliche Heilige der Demut, Dostojewski, der Mann auf der Brücke, der guten Entscheidung zugewandt. Raskolnikow ist ein guter Mensch. Ist er es nicht? Ist er nicht der brüderliche Bruder, der liebende Sohn, der künftige gute Gatte? Sein Verbrechen hat er eisern eingeschlossen in den starren Kampf des fieberhaften Wirbels aller Seelen, er steht davor und schützt es mit dem Letzten, das er hat; aber er verrät es doch, er verrät sich selbst , dem Fremden? Dem Säufer in der Erniedrigung, der Dirne auf dem demütigen Weg? Nein, dem präsumtiven Bräutigam der Schwester, Rasumichin; er gibt sich hin aus brüderlichen Schutz- und Schirmgefühlen, aus Obsorge für die arme, seelenempfindliche Mutter. Der Mörder, der gute Sohn. Leonhard Frank, über dessen hohen Willen zur Menschlichkeit wir uns im tiefsten freuen, schildert seinen Helden, der vorbewußt gemordet hat; er hat gemordet, nicht aus Gewinnsucht, sondern aus Sehnsucht nach Erlösung, nach Freiheit der Erinnerung; aber ein Mörder ist er; und als dieser Mensch vor der Todesstrafe steht, erscheint seine alte Mutter, rührend mit Kissen für die Nacht beladen, Tränen, menschlichstes Gefühl hier wie dort. Wer stünde hier ohne Ergriffenheit zwischen dem Blut und den Tränen und fragte nach der Mutter des gemordeten alten Lehrers, seiner Tochter, nach seinen »Lieben«? Aber auch hier, wer sieht dies nicht, der Mörder, der gute Sohn. Der Mörder ist der Mensch der Macht. Er ist mehr als der böse Gedanke, der verruchte Trieb. Es ist außerdem das Können, das »den Verhältnissen gewachsen sein«, es ist die Bestätigung, die richtige Erfüllung des Höllischen, das in unserer Gesellschaft, in unserem Miteinander ist. Hier – auf der einen Seite, Gewalt, dort – auf der andern Seite, Gefühl, hier »Recht bedeutet Macht«, dort dieses Unsagbare, dieser einzig herrliche Weg, das » ich liebe «, der wunderbare Umschwung der Seele. Dieses Hier und Dort vereinigt sich nicht. Eines lügt, denn das Ganze lügt. Die Zeit ist so, daß Blindheit vielleicht Freude und alle Seligkeit wäre, sicher aber Unrecht ist. Ich will nicht blind sein. Zu erkennen glaube ich einen Zusammenhang zwischen Familienliebe und Mord. – Ich sehe die Tastatur der Seele verschoben um einen Ton, alles ist um eine Stufe heraufgerückt oder herab, das relative Gleichgewicht, die lügnerische Harmonie ist erhalten, und doch, jede Taste schlägt falsch, und an der Dissonanz zerschmettert sich alle Welt bis zur letzten Verzweiflung. Die Liebe, die ich im Bewußtsein besonderer Güte an meine Mutter, an mein Kind wende, diese Liebe fehlt der Welt. Die Liebe, die ich im Bewußtsein besonderer Güte wende an meinen Glauben, an meine Erinnerung, an der Heimat hohes warmes Haus, an meine Sprachverwandten, die meines Atems, mehr als das, meines Blutes sind, mit Blut wird diese Liebe jetzt gezahlt. Und nie ganz gezahlt. Wer hat den infamen Mut, von »unnützen Opfern« zu reden, die etwa ein unvorsichtig oder ein gar zu rücksichtslos eingesetzter Angriff gekostet hat? Kein Opfer kann nützlich sein, kein Erfolg lohnt Blut, nichts wird gebessert durch gewaltsamen Tod, keine Idee ist das Leben wert. Ich verachte, ich hasse bis zum letzten Fanatismus jede Idee der Meistbegünstigung. Sprache, Nationalität, Glauben sollen einem seelisch Fremden recht geben auf meine Liebe, weil Nationalität Stammesverwandtschaft ist. Meine Sprache nenne ich Muttersprache oder Mutterlaut, und es ist notwendig, solche Redensarten der Lesebücher zu packen und zu zerreißen, zu zerschmettern in Atome, denn sie selbst haben mich und meinesgleichen gepackt und zerrissen. Weil ich die schutzlose Schwester treu im Herzen trage, weil ich sie schütze vor der bösen Welt, deshalb ist die Welt böse. Der Kern ist die böse »Verbrüderung«, die Entmenschung durch die Familie. Der Kern ist die Mutter, in der ich lügnerisch und ohnmächtig sentimental »mein besseres Teil« liebe, da ist, da starrt, heute noch unangetastet, ehern die letzte Grenze, die ich um mich schlage. Wer wundert sich über das Mißtrauen, den stinkenden, faulenden Unglauben, der strategische Sicherungen, der Landesgrenzen fordert, der einverstanden ist mit einer Wiederholung der fürchterlichsten Weltbefleckung unter der einzigen Voraussetzung, daß er und vor allem seine Kinder geschützt seien durch Meistbegünstigung: »der Kampf? Gut, der Kampf. Aber nur im Feindesland, und wer es wagt, einem mir durch Familienbande oder Sprach- und Landgemeinschaft Verwandten ein Haar zu krümmen, der büße in der bittersten Verdammnis!« Mißtrauen ist verbrecherisch, mehr als das heiße Verbrechen eines ist – berauschte Tat, denn es verseucht wie Pest die Welt. Ich verurteile in jeder Form das Mißtrauen gegenüber der allgemeinen, grenzenlosen Güte des Menschen, gegenüber der Fähigkeit des Menschen an sich, geliebt zu werden. Daran möchte ich selbst immer glauben. Sind aber die »Tatsachen«, die »Geschichte« (die doch nur eine Geschichte des Bösen im Menschen ist), ist das alles zu stark, zu beweisend, ist also in der menschlichen Seele nicht Güte, kann sie durchaus nicht geliebt werden bis zu ihrer tiefsten gemeinsten Inkarnation, dann ist Hölle in der menschlichen Seele, dann fehlt Hölle der Mutter nicht, meiner Mutter fehlt Hölle nicht, und kein Kind ist frei von den Pranken des Satans, und mein Kind trägt Mörderblut an seinen Händen und in seinen Adern unter seinesgleichen. Wer hat den infamen Mut, wer hat sich tief genug gewälzt in Unverschämtheit, um nach diesen vier fürchterlichsten Jahren voller Scheußlichkeiten, die die Menschheit teils ertragen hat, teils ausgeteilt hat, sich noch im Spiegel zu sehen, sich auszunehmen, sich als einzelnen gut und menschlich zu finden, seine Familie, seine Nation zu verteidigen gegen die allgemeine Verdammnis? Kann Erfolg, kann »restloser Sieg«, kann höchster Triumph der Macht jemandem das Gefühl des Rechtes geben? Und wohin nun? Wohin heute, am 2. Oktober 1918? Es heißt, daß man nur »in Nationen denken« kann. Nationen, behaupten noch die am meisten Gemäßigten, seien die niedrigste Recheneinheit der Geschichte. Wären sie es nur, könnten sich Ideen und Grammatikbücher und Landesgrenzen, »Schollen« bekämpfen und losstürzen mit Überfällen auf ihresgleichen und sich gegen ungerechte Angriffe von ihresgleichen wehren. Wozu sollen Menschen gegen Menschen stehen, wenn Ideen sich mit Ideen bekriegen wollen? Aber hier ist es: Nicht steht einfach Mensch gegen Mensch, sondern der Mensch mit einer höheren Idee »opfert sich« im Kampf gegen Menschen mit einer noch höheren Idee – oder mit noch mehr Macht. Von der Macht schweigt man dem einzelnen gegenüber, aber mit »noch höheren Ideen« wird nicht gespart. Er soll nicht für sich selbst sterben und leiden, drei Tage verdurstend, durch den Ischiatikus-Nerv geschossen in der zusammengestürzten Kaverne am Monte Cimone liegen, denn was soll diesem alle Macht, alle Zukunft, alle »wirtschaftlichen Vorteile und Aufschwünge«, alle nationalen Lebensnotwendigkeiten? Er hat ausgesorgt. Aber er hat andere, die ihm nahe sind, Meistbegünstigte, denen er unberechtigte Liebe zugeschanzt hat, denen zuliebe er die ganze Menschheit, Gott und das Tier, alles, alles verraten hat, und für diese verrät er sich selbst. Nein, der gute Sohn der guten Mutter (inmitten der leider auf ewig bösen Welt) war im guten Glauben. Im besten Glauben sparte er nicht mit der Todesstrafe, um »seine armen guten Geschwister zu schützen«. Seit langem war die Liebe, das Herrliche, das grenzenlos Schwingende organisiert, sie »ging auf Karten«. Anteil hatte jede Blutsverwandtschaft. Wo aber war die »Vagabundage der Liebe«, das »liebet euren Nächsten wie dich selbst«, wo aber nie der Mann des verwandten Blutes gemeint war, sondern der zufällig Nächste, jeder, der gerade des Weges kam; daß man bei dem ersten, der kommt, beginnen muß mit der Erlösung der Welt, das ist der Sinn. Häuft man aber verrucht in Geiz und Mißtrauen die Liebe in den sicheren Speichern der unverlierbaren, unzerstörbaren Mitglieder der Blutsverwandtschaft und Sprachverwandtschaft auf, dann wundere sich niemand, wenn Blut in springenden Fontänen über die Geizigen stürzt und der Haß der brennenden Sprache auch die Fernsten vergiftet in der innersten Seele. Ordnung und Gerechtigkeit l Wer wie ich überzeugt ist, daß diese unsere Höllenwelt von 1918 keineswegs mit dem Mobilisierungstag begonnen hat, wer mit mir in den letzten Jahren nur eine mystische Verwandlung der ewig über dem Dasein ruhenden bösen Mächte in sichtbare, greifbare, fühlbare sieht, der muß gesegnet sein mit einem aufrührerischen Optimismus, einem fanatischen Glauben an das Endlich-Gute. Denn sonst ertrüge er das Dasein nicht. Mir schwebte schon vor Jahren vor, die Höllenkreise darzustellen, wie sie über die Oberfläche der Jahre 1910 oder 1911 dahinrollten. Ich sah nicht wie Dante die Hölle zugänglich gemacht durch eine moralische Stufenleiter, die im Dämonischen wurzelt und sich verliert ins Seraphische, seelisch Unbeseelte. Hölle war mir die Anschauungsart eines mit besonderen Sinnen Begabten, die Erlebnisform eines mit Gerechtigkeit Belasteten. Wenn ich im Winter über die ausgefransten, mit Tod infizierten Korridore eines Wiener Hospitals zu fürchterlich der Welt Entgegensterbenden gehen mußte, konnte ich nicht mehr an eine letzte Erlösungsfähigkeit eines solchen Daseins glauben. Nach der Schlacht und dem Rückzug bei Rawa-Ruska war mein Gefühl: Nie kommt Gott, nie komme ich über dieses Rawa-Ruska, den Herbst 1914, hinweg, nie hinüber über den Saal 13 a, in dem die weiblichen Krebs-Pestkranken liegen, nie wölbt sich über uns der wolkenlose Himmel der klingenden Sphären. Wo gibt es Freiheit für uns? Wo tagt der Gerichtstag, auf dem Gott ewig den Verteidigungsprozeß führt zugunsten der Welt und seiner selbst? Die Welt vor meinen Augen stand auf, die Welt vor meinen Füßen bäumte sich. Die Hölle um mich stieß durch die Feigheit meiner Seele, und Flucht sah ich nirgends. Ich war zu Hölle verdammt, während Amtsgenossen bloß einen »gewiß ja ein wenig strapaziösen Dienst machten, der aber nun doch einmal von jemand gemacht werden mußte«. Es gibt unter allen eine große Zahl handfester Optimisten, die durchaus soldatisch empfinden, die das von ihnen stündlich Erlebte mit dem letzten Hauch der Seele glühend ableugnen, von sich fernhaltend alle pessimistischen und nervösen Herren. Die Stütze dieser Menschen ist durchaus nicht immer Macht (die schließlich jeder gewinnt oder besitzt, besonders über sich selbst, den er durch Verleugnen und »absichtlich blind sein« unendlich stärken kann), sondern Ordnung ist ihr Halt. Nicht die Erschütterbarkeit, das ist die Menschlichkeit, gibt ihnen Trost, Ruhe, Heiterkeit, sondern die Ordnung, das arithmetische Verhältnis der Existenzen zueinander, die kalte Relation, die blinde Zahl, der »Kopfstrich«, wie es in militärischen Haushaltungsbüchern genannt wird, ein senkrechter Strich in einer Rubrik, ein »Mann«, ein gottloses Phantom, seelenlos. Was diesen Menschen aber unbegreiflich bleibt, vom ersten bis zum letzten Tag, was sie nie ahnen, was sie daher bewußt nie bekämpfen können, ist Gerechtigkeit. 2 Ich stimme Romain Rolland in seiner Hoffnung auf eine Internationale des menschlichen Geistes, auf einen Bund menschlichster Gesinnung durchaus zu, wie ich jeder guten Hoffnung als einem vorwärtstreibenden, irgendwie Gott fördernden Motor zustimme, aber ich sehe gleichzeitig die Schwierigkeiten dieser Kristallisation: Ohne tiefste Verallgemeinerung wäre dieser Weltbund der Liebe machtlos, vergeblich, bloß ein Verein schöner Seelen. Geht man aber so weit, alle Menschen zu begnadigen, sie zu verherrlichen bis in ihre letzte Spur, sie in ihrer ganzen Wirklichkeit einzusetzen in den Schwung unserer Idee, sie zu verwirklichen, statt sie faustisch-sentimental auf das alte Später-Früher, Streben-Werden zu vertrösten, dann steht die nackte Hölle in unserem Bruder vor uns, gegen uns, über uns. Es ist ganz nutzlos, das gutklingende, leicht hingeschriebene und immer besänftigende Wort »Bruder« dorthin zu setzen, wo man sonst Konkurrent, Erbfeind, Idiot, Autokrat, Chauvinist, Wucherer, Blutsauger, Feind mit einemmal für allemal gesagt hat. Hauptsache scheint mir: das Böse in den Mitlebenden, in allen Mitlebenden im tiefsten Herzensgrunde, also von Gott an, zu sehen, zu erkennen und trotzdem zu lieben oder ganz zu verzichten auf eine Verbrüderung hier oder dort. Was soll uns das »Liebet eure Feinde!«? Das Rufzeichen allein, das Kommando: seid voll Liebe, das könnte schon die Wolke des Segens, die sich auf das »Liebet« niedersenkt, verscheuchen mit böse funkelndem Gendarmensäbel, mit schwarz qualmenden Flammenwerfern. Aber daran allein liegt es nicht. Der »Feind«, das ist die einer Verallgemeinerung, einer Weltvertiefung unzugängliche Perspektive. Der »Feind« ist das im schlechten Sinne Unverantwortliche. Der »Feind« ist der in böser Ordnung Eingeordnete, der Abgeurteilte. Von diesem Urteil bis zum Todesurteil ist ein weiter Weg, aber es ist doch ein Weg. Man muß tiefer gehen: Muß entweder Gott leugnend sich auf reine Zweckmäßigkeitsmaßnahmen beschränken, wissend, daß es bloß Zweckmäßigkeit, Polizeisinn ist, was sie diktiert. Dann ist eben der Feind bloß der Ruhestörer, der seinen geringen Spaß mit unseren teuren eigenen Interessen bezahlt, er ist der zufällig Böse, der schlecht befestigte Ziegelstein am Dach, der auf die Straße herabhängende, elektrisch mit 10 000 Volt geladene zerrissene Hochspannungsdraht: man komme mit Isolierhandschuhen heran, versorge ihn zweckmäßig, aber was soll Liebe einer Zufälligkeit gegenüber – hier schweige Gerechtigkeit. Oder muß man Gott als das Höchst-Denkbare, als das Höchst-Wünschbare mit dieser Höllenexistenz konfrontieren, man stelle sein Bild oder das eben für ihn gebrauchte Religionssymbol neben den Galgen, nicht aber auf den Richtertisch, trage es auf beiden Fronten entwickelten Schlachtlinien voran und pflanze es in Schützengrabennester, die mit Handgranaten ausgeräuchert werden, binde es an Tanks, die »erledigt« werden, statt es, wie bisher, bloß bei Soldatenvereidigungen und bei offiziellen Tedeums vorzubringen, denen doch nur die Gesundgebliebenen, also der Idee des Krieges widerrechtlich Entgangenen beiwohnen. Ich glaube an die Möglichkeit einer neuen Menschheit unter einem neuen Gott. Soll aber Gott weiter existieren und endlich wirkend in uns werden, statt ewig widersprechend, soll er bei uns tagen, statt ewig isoliert zu starren, dann beginne die Revolution bei ihm. Statt Furcht und Demut: Freiheit und Liebe. Ist aber Gott inkommensurabel, von ihm aus zu uns, dann sei er's auch, von heute an, vom Jahr der Hölle 1918, auch von uns aus zu ihm. 3 Wenn wir Gott mit der von uns aus gesehenen, bewußt ganz anthropomorphen Gerechtigkeit konfrontieren, bäumt sich Ordnung auf: bürgerliche Ordnung, »göttliche Weltordnung. Man verweist bei den fürchterlichen Teufeleien der Welt auf die Harmonie der Gestirne, und wenn unsere Liebe zu Gott so groß glühend wird, daß sie gerecht zu sein beginnt und Gottes Wirklichkeit in die Wirklichkeit unserer liebenden Seele herüberträgt mit gewaltig schwingenden Armen, dann drängt man uns von der Erwirklichung Gottes fort zur Bescheidenheit, vergleicht das Menschliche mit dem vergänglichen Wurm (als ob man wüßte, was »Wurm« ist, und was die Vergänglichkeit für ihn), nennt mich eine armselige, menschliche Kreatur, mit Blindheit geschlagen, zur Vergänglichkeit bestimmt. Gut, zur Vergänglichkeit, aber lange noch nicht zur Vergeblichkeit. Für mich ist eben diese menschliche Kreatur das letzte, das denkbar Nächste, wenn auch nicht das einzig Denkbare. Und auf die Stelle, die meine Sehnsucht offen läßt, setze ich Gott, nicht als Herrn, sondern als Kameraden. 4 Ordnung ist nur scheinbare Gerechtigkeit. Sie gibt dem durchaus Zufälligen, Ephemeren, den Thron der höchsten Gewißheit. Die »Familienordnung«, die »Schulordnung«, das sind die Fabriken der Liebe, die Fabriken des Geistes. Bürgerlicher Aufbau, scheinbar pyramidenhaft auf dem festesten Fundament fußend, im Innern ist er unwirklich, gehalten durch üble Worte, nicht durch Seele, sich neu gründend Tag für Tag, nicht auf Tat, sondern auf Arbeit, vermittelnd zwischen Ich und Du nicht durch Annäherung menschlicher Strahlung, also Glück, sondern wieder nur durch eine Ordnungsart, eine Kategorie der Macht, ein arithmetisches Gespenst, das in falscher Gleichung Glück bedeuten soll und Geld heißt. Daß unser ganzes System auf einen imaginären Nullpunkt des Gefühls aufgebaut ist, den man Objektivität nennt, und der nie da war, und der dem Begriff der Menschlichkeit, also der Erschütterbarkeit direkt widerspricht, das fühlen wir heute besonders tief: da die streitenden Parteien den Frieden auf dem Boden der Objektivität, der »gerechten Interessen«, der »wirklichen Lebens- und Entwicklungsnotwendigkeiten« suchen, statt auf dem der Liebe um jeden Preis ; jeder gute Friede müßte ein solcher um jeden Preis sein, denn die Gerechtigkeit selbst wirkt um »jeden Preis«, und das macht ihre Göttlichkeit aus, ihre Brücke zu Gott. 5 Gerechtigkeit ist keineswegs der Versuch auszugleichen, unbekümmert, unbeteiligt, ungerührt mit harter Seele dazustehen, sich mühsam zu vereisen auf dem Nullpunkt des Gefühls. Gerechtigkeit ist vielmehr Parteinahme im tiefsten Glauben, durch den tiefsten Glauben an das Endlich-Gute. Zu lange hat man Gott entweder als Opfer eines Justizmordes gesehen und sich abgehärtet gegen die ewig mit dieser durch den Justizmord befleckten Welt, oder man sah Gott als Strafrichter, als Kriminalist, den die Tat erst als geschehene Tat angeht, der sieht, aber nicht spricht, der »objektiv« liebt und Ruhe und Neigung zu seelischen Versuchen und Versuchungen hat. Wir sehen Gott tiefer mit der Welt verwandt. Wir wollen nicht, daß die ganze Ungerechtigkeit des Daseins am Rücken des gegenwärtig Angeklagten zerbricht. Wir fühlen, und das ist der Kern unseres aufrührerischen Optimismus, daß die Entscheidung über die Welt nicht, noch nicht gefallen ist. Deshalb lehnen wir jedes Gericht von Grund aus ab und glauben, daß nie durch Mittel der Macht, nie durch ausgleichende Strafen, nie durch züchtigende Strafrute Gottes, diese Höllenwelt gerettet werden kann, sondern nur durch seinen Kuß, durch seine Kameradschaft, durch sein »Nebeneinander-Ineinander« im beschwingten Schweben der endlichen Zeit. Ein Wort zu Macbeth Die Darstellung von Macbeth auf unserer modernen Bühne ist wohl immer und überall ein Problem für Schauspieler und Regisseure geworden. Das liegt zum Teil an den im Laufe der Jahrhunderte vollständig verschobenen Bedingungen, unter denen dieses Drama aufgeführt wurde. Im allgemeinen gibt es zwei Typen: Entweder der Versuch, das konzentrierteste Leben, die im Anprall aneinander zündenden Funken, die sprechende, handelnde und leidende Menschenseele in ihrer stärksten Verdichtung auf die Bühne zu stellen als eine Art Expression; als treibende Kraft die Freude an den gesteigerten, oft ins Ungeheure ausblühenden Äußerungen der menschlichen Seele; Liebe, Haß, Kampf und Überwindung. Der andere Typus ist die Illusionsbühne, wie sie uns im Anschluß an die realistischen Darlegungen Zolas, Tolstois und Gorkis von Reinhardt gegeben worden ist. Hier ist der Zuschauer die Hauptaufgabe, er soll sich in die Bühne versetzen, soll das Proszenium überbrücken und ein Stück wirklichen Lebens nach Ende der Aufführung nach Hause tragen. Wir können annehmen, daß die Darstellung zu Shakespeares Zeiten im höchsten Grade den Charakter der Expression gehabt hat, und zwar läßt sich gerade dies aus den zeithistorischen Dramen schließen. Gerade das Schicksal der eben mitlebenden oder eben vergangenen Generation, die Königsgeschicke der eben herrschenden oder eben abgesetzten Dynastie, ja selbst die Landschaft Londons, der Tower und die Brücken und Plätze der Stadt, all dies hätte niemals auf einer Illusionsbühne Platz gefunden; es bedurfte unbedingt der höchsten Zusammenballung in Darstellung und Dichtung, um nicht als Nachahmung der politischen Ereignisse zu erscheinen, die damals die politische Welt und jedes private Leben beschatteten. Wir können uns nicht denken, daß wir heute das Schicksal Nikolaus des Zweiten oder des Kaiser Wilhelm in Reinhardtscher wirklichkeitstreuer Wiedergabe ertragen könnten. Sollen diese Dinge auf uns wirken, sollen sie nicht ganz verblassen neben den Erinnerungen an das schaudernd Miterlebte, bedürfen wir eines monumental über alle Zeit gestaltenden Genies, eines Menschen, der zum zweiten Male als Gott, und als Gott in einer anderen Sphäre, die Welt zerschlägt und wieder und wieder aufbaut. Als Darstellungsmöglichkeit könnte man sich hier nur eine durchaus stilisierte Bühne denken, wobei Stil immer Einfachheit, nicht aber Langeweile bedeutet, wo die Schöpfung auf der Ausstrahlung der aufs höchste gesteigerten Seele der Darsteller beruht, nicht aber auf Menschenansammlungen, deren grobe Mechanik dem Kommando eines Regisseurs gehorcht, der mehr Turnlehrer als Künstler ist. Gleichgültig, wer die Dekorationen zeichnet. Vorausgesetzt, daß der Darsteller selbst imstande ist, aus sich heraus die gleichgültigste Leinwand und das konventionellste Versatzstück zu beseelen, werden wir mit den geringsten äußeren Behelfen die größte Wirkung erzielen. Ich glaube, daß nie eine Zeit günstiger ist für diese Wiedergeburt der Tragödie über Raum und Zeit aus der Seele als die unsere, denn sie hat Ehrfurcht vor dem Großen gelernt, wenn sie nicht glaubt, so hungert sie doch danach, glauben zu können; wenn sie nicht hingerissen ist, so sehnt sie sich danach, hingerissen zu sein. Unter den Dramen, die zuerst in Betracht kämen, scheinen mir Shakespeare und die antike Tragödie zu sein. Die antike Tragödie ist freilich in den letzten Jahren diesem Ideal schon ziemlich nahe gebracht worden, da die ungeheuren Dimensionen der Seele und die durch keine Kunststücke zu brechende Rhythmik eine naturalistische Darstellung nicht zuließen. Shakespeare aber ist die Hoffnung auch unserer Generation; die Erwartungen, die sich an ihn knüpfen, können nicht zu hoch gespannt sein, die Wirkungen, die wir von ihm erwarten, werden alles übertreffen, was die übrige dramatische Darstellung im Augenblicke bieten kann. Unter den Dramen Shakespeares sind es wieder die magischen Stücke, welche die größten Aufgaben für Darsteller und Regisseur bieten, sie gestalten am vollkommensten ein Werk, abseits der unseren und jenseits der bürgerlichen Sphäre. Hamlet, Macbeth, Sturm, das ist der Kreis. Das Drama, das am leichtesten darzustellen ist, ist Hamlet. Sind nur für die Hauptrollen genügend starke Darsteller gefunden, kann das Drama auf jeder Bühne, unter allen Umständen und auf alle Menschen wirken. Dieses Glück verdankt es nicht der Geschlossenheit seines Aufbaues, sondern seiner vollkommenen Zerrissenheit. Die Spiegelung des Menschen im Problem, die Spiegelung des Problems im Menschen ist so grenzenlos, so bis ins letzte durchgeführt, daß die einzelnen Stücke des Werkes, Akte, Szenen, Augenblicke immer harmonieren werden, daß jede Darstellung vollkommen sein kann. Das Werk wird immer den Charakter der Zeit tragen, in der es gegeben wird, es war ganz 1900 mit Kainz, er war ganz 1920 mit Moissi. Es ist ein Kuriosum, aber wie alle Kuriosa charakteristisch, daß selbst eine Frau, Sarah Bernhardt, sich in dieser Rolle zeigte, es kann sich jede große Seele in ihr zeigen, denn Hamlet ist das Problem der Problemlosigkeit, die Frage nach dem moralischen Beginn von Schuld und Sühne, das Suchen nach dem geometrischen Ort, jeglicher menschlicher Begegnung: Vater und Sohn, Hölle und Erde, Thron und Kerker, Geist und Element. Wirklichkeit und Spiegelbild. Ist bei Hamlet jedem phantastischen Künstler eine Welt eröffnet, in der er sich nur ausleben darf nach seiner eigensten Weise, um dem ganzen Werke Genüge zu tun, so ist bei Macbeth der Kreis der Möglichkeiten viel enger umgrenzt. Auch Macbeth ist ein phantastisches Stück. Es ist ein Drama der Dämonen. Nicht nur Hexen, Geister, Nebel und Moor sind Dämonen, sondern, was viel tiefer geht, die sogenannte Wirklichkeit, die pragmatische Weltgeschichte ist den Dämonen Untertan, sie stützt Macbeth, begünstigt sein Verbrechen, macht sich mitschuldig an seinem Mord. Der eigentliche Held des Stückes tritt nicht auf. Er spricht durch den Mund von Urwesen, er ist der Geist, der die Lady begeistert und sie mit einer unmerklichen Bewegung aus dem bewußtesten, klarsten, überlegten Geschöpf umwandelt in ein flatterndes Segel, das sich dem Hauche des Unnennbaren beugt. Gleichgültig, was den Vorwurf des Dramas zu seiner Zeit gebildet hat. Lächerlich die Königskrone, wo es gilt, im Widerstreite gigantischer Dämonen Partei zu ergreifen. Die Handlung steigt aus einer niederen Sphäre der Prophezeiung und Wirklichkeitsdeutung zu einem ganz ungeheuren Problem: Macbeth will Ehre, begehrt gierig einen Thron. Aber indem er in das Böse eintritt, wie in eine den Weg abkürzende Gasse, steigt das Böse über ihn. Nie hat ein Mörder so viel Glück im Mord und an dem Mord gehabt. Die ganze Welt ist nur im Mord und durch den Mord gestaltet, alles spricht ihm zu, nirgends ein Hindernis, nie ein Widerstand, und das Ungeheuerste: Hier ist ein Mensch geschaffen, Böses zu tun, von Gott auserkoren, die Hölle zu sein, und weiß es . Er weiß es nicht allein. Daß die einzigen Menschen, die versöhnt, die miteinander vermählt leben, Mörder sind, so furchtlos, so heimisch im Blut, im ungeheuersten Wirbel ruhig die Welt an sich vorüberziehen lassen, die tief zu ihren Füßen liegt, kaum mehr erkennbar ihren Blicken; daß Königtum, Macht, Recht und Gesetz, Freude und Dasein, Angst vor Hölle, Furcht vor dem Himmel, ja überhaupt alle menschlichen Beziehungen völlig hinschwinden unter dem Hauch dessen, den ich als unsichtbaren Haupthelden des Dramas denke, das macht das nie ganz darstellende, aber immer zu ahnende Grundproblem dieses Dramas aus. Tiefste Mystik, dargestellt durch die kälteste, von schärfster Berechnung geleitete Handlung. Auch hier wird man das allergrößte Gewicht auf die äußerste Herausarbeitung des Seelischen geben müssen. Macbeth ist wie Hamlet ein Mysteriendrama, keine Königstragödie. Für die Einzelheiten dieses Dramas kann keine einfache Lösung gefunden werden. Das Werk ist zu groß, das Problem zu unergründlich, als daß das Drama auf eine einfache Formel gebracht werden könnte, wie dies noch bei »Hamlet« oder im »Sturm« möglich ist. Es haben sich im Laufe der Jahrhunderte unzählige Bearbeiter an dem Stück versucht. Wenn ich es unternommen habe, noch eine neue Fassung vorzuschlagen, so war dieser Versuch durch meine persönliche Liebe zu dieser Schöpfung begründet. Es schweben mir zwei Wege vor: entweder das Drama in seiner Urgestalt aufzuführen, und zwar unter Verzicht auf Dekorationen auf einer Andeutungsbühne. Es ist möglich, daß gerade durch die Vielfalt der einzelnen Szenen, durch den ewigen Wechsel von Menschen und Seelen, im Zusammenklang dennoch etwas ganz Einheitliches entsteht. Wohl sind die Elemente nach Größe und Tiefe ganz verschieden. Aber sie sind im tiefsten Grunde in der gleichen Weise orientiert, und selbst in den schwächsten Szenen weht noch ein Hauch der großen Idee. Es sind dies Spiegelszenen, ein Stück im Stück. In einer Beziehung das, was Kierkegaard die Paradoxie des Wahren nennt, wo das Leben mit sich selbst spielt, wo sich zwei zertrümmerte Gestirne in einer ruhenden Fläche spiegeln. Die zweite Möglichkeit, und dies ist meine Gruppierung der Szenen, beruht in einer radikalen Herausarbeitung des Wesentlichen. Kann man die Umwelt, alle kleinen Statisten des ungeheuren Weltgeschehens, die Mitbeteiligten des gigantischen Gottesdramas, nicht vollkommen darstellen, wie sie der Dichter geschaffen hat, so muß man, wie ich glaube, ihre Äußerungen aufs allernotwendigste beschränken, die ganze Nebenhandlung, das ist die Welt der bürgerlichen Sphäre, reduzieren, die Frage nach der königlichen Thronfolge und nach den zukünftigen Geschicken Schottlands als Nebenfrage betrachten und alles den Hauptdarstellern geben. Der von allen Seiten von Dämonen umgebene Macbeth werde mit Umgehung aller zwischen seinen Rivalen sich abwickelnden sekundären »historischen« Vorgänge in einen ungeheuren Schlußakt hineingesteigert. Will man auf diese bürgerliche Sphäre nicht ganz verzichten, deute man sie nur an, etwa als den Grund, auf dem sich diese Pyramide erhebt, damit man mit Schaudern und Bewunderung die Größe menschlicher Leidenschaft, die Gottgebundenheit und den Wirbel der Hölle nebeneinander erkennt. Da Macbeth wahr ist, wird er nie wirklich sein. Da Macbeth sittlich ist, kann eine moralisierende Wirkung nie von ihm ausgehen. Um so intensiver muß die große Linie, die Shakespeares tiefstem Meisterwerk zugrunde liegt, bis zum Ende durchgeführt werden. Von Chinas Göttern 1 Perzynski, der Autor eines Buches, das der Verlag Kurt Wolff vor kurzem unter obenstehendem Titel veröffentlicht hat, hält es in seiner Einleitung für nötig, seine Art des künstlerischen Reisens zu verteidigen gegen den Vorwurf, man könnte es für die zeitvergeudende Beschäftigung geistig verkümmernder Menschen halten. In den letzten sechs Jahren, die offenbar dem Entstehungsjahr des Buches gefolgt sind, hat sich freilich gezeigt, daß geistig verkümmernde Menschen andere Arten von Betätigung gesucht haben, und es ist ebenso bitter als wahr, daß die ungeheuerste Ansammlung von Macht mit dem geringsten Aufwände von Geist verknüpfbar ist, daß die vernichtendsten Kämpfe, bei denen der einzelne weniger bedeutet als ein Kilogramm Messing, ganz unter Ausschaltung jeder Idee durchgefochten werden, das Sinnbild dieser Jahre scheint das öde und maschinenmäßig bemalte bunte Flaggentuch zu sein, das Menschen der gleichen westlichen, freilich schwer verrotteten Zivilisation gegeneinander antreten ließ. Aus Perzynskis Buch lernen wir eine vollständig kampfesmüde und wie es scheint militärisch unfähige, politisch ziellose Welt kennen: China. Perzynski hat sich seine Sache manchmal leicht und, man möchte sagen, eben dadurch schwer gemacht. Denn er vermittelt uns mit lässiger Hand die Welt, von der er unzweifelhaft neue Teile entdeckt hat, im Vorübergehen, an unnötiger Stelle bei Kochrezepten verweilend, die nicht ganz so bezeichnend für das Land sind, als es dem mehr körperlich als geistig ausgehungerten Reisenden erscheinen mag. Immerhin hat er sich den Blick in der richtigen Einstellung gewahrt, und das Buch bringt als Wesentlichstes unerhörte Reste alter Bauwerke und herrlich lebende Trümmer jahrtausendealter Skulpturen. Diese sind von ungeheurer Eindringlichkeit, von einer unerschütterlichen Glaubensstärke; Bewunderung und Ehrfurcht sind mein einziges Gefühl. Neugierde und der Reiz des Exotischen entschwinden vollkommen. Man hat oft den Eindruck bei chinesischen Kunstwerken, daß es sich um Erzeugnisse einer überfeinerten Kultur, um etwas Barockes handelt. Hier zum ersten Male sieht man Dinge von solcher Größe, von so mächtigen seelischen Dimensionen, jenseits aller Formate, daß man sie als klassisch bezeichnen würde, wenn das Wort nicht einen akademischen Beiklang hätte. Perzynski hat in den Grotten von Ichou ein Götterstandbild entdeckt, einen »Lohan«, offenbar nur einen kleinen Rest von zahlreichen anderen Kunstwerken, die inzwischen im wahrsten Sinn des Wortes in den Staub zerfallen sind, aus dem sie kamen. Aber dieser kleine Rest lebt. Es ist der Zeus von Otrikoli Chinas. Ein Mann ohne Haare, mit breiten Wülsten über den Augen, ein Lächeln unendlichen Ernstes um den breiten Mund, das Erkennen der Verruchtheit der Welt in gewaltigen Furchen des Antlitzes und einen Blick von solcher Intensität, von solcher Göttlichkeit, daß er uns eine ganze Welt zu spiegeln scheint und doch bleibt, was er ist: Blick eines vergöttlichten Menschen. Die Herrschergewalt ist so überzeugend, daß sie eher tröstlich als bedrückend wirkt. Und dieses Gefühl von Trost, von Ruhe in aller Verwirrung bleibt sich treu selbst im Anblick der furchtbarsten Zerstörung, die das Schicksal dieses Gottes war und das Verhängnis des Volkes, das diesen Gott geschaffen hat und mit ihm unterging. Und über alle Wahrscheinlichkeitsrechnungen der Vernunftshistoriker und Tatsachen-Rechner fühlt man, daß Leben und Tod eines Volkes nicht durch die Einführung von Eisenbahnen und durch die Verluste und Gewinne »an Mensch und Material« entschieden werden können. Es ist mehr als China zugrunde gegangen. Aber es gibt auch da Auferstehungen. Haben wir Götter, deren Gestalten Menschen noch nach Jahrtausenden das Schweigen tiefster Ergriffenheit abzwingen werden? 2 Die Wellen der Weltgeschichte und des Weltgeschehens pflanzen sich nicht in gerader Richtung fort. Alles, was wir von vergangenen Epochen wissen, ist Fragment, und es ist kaum möglich zu sagen, ob gerade die überlebenden Fragmente gerade die wichtigsten waren. Wir nähern uns in Europa, wenn nicht alle Anzeichen trügen, einer zweiten Renaissance chinesischen Geistes. Die erste geht in die späteren Jahrzehnte des achtzehnten Jahrhunderts zurück, und vieles, was wir bei dem großen und sehr klugen Voltaire bewundern, war die erste Auferstehung chinesischen Geistes, sein Lächeln, weise und mild zugleich, war das eines östlichen Weisen, seine Abwehr des Katholischen und Christlichen war ein Abglanz des asiatischen Panzers, der das menschlichste Herz umschloß, das je in der Brust eines französischen Spötters und Kavaliers gelebt hat. Die Französische Revolution war im letzten Sinn die Auswirkung dieser Ideen, sie war der Versuch, den großen Entscheidungskampf zwischen Gott und der Welt aus der Seele des einzelnen in die Seelen ganzer Klassen zu verlegen. Die furchtbaren Hungersnöte, die grauenhaften Leiden der niederen Stände, die den Revolutionsjahren vorausgingen, hätte die christlich-katholische Menschheit so beantwortet, wie es das christlich-katholische Spanien getan hat, nämlich mit dem Aussterben der Bevölkerung, mit der Verödung einst blühender Provinzen und mit dem Fortbestande der alten, zwar längst Lügen gestraften, aber doch unzerstörbaren Mächte: des Herrschertums von Thron und Altar. Die Französische Revolution ging nicht an das Metaphysische, sondern an das Wirkliche, nicht die Erbsünde wird bekämpft, sondern die großen und kleinen Mißstände, man betet nicht mehr, sondern ordnet die Welt. Man ordnet. Man ordnet die Welt einem Sinn unter, einer Idee, einer Utopie, einem Schlagwort, das Schlagwort ist falsch, aber es gibt den Menschen eine ungeahnte Stärke, einen riesenhaften Willen zum Leben. Dieses Wort lautet: Der Mensch ist eines Fortschritts fähig. Er ist zu erziehen. Die ganze Revolution ist nichts als ein grandioser Erziehungsversuch, niemand kann das Schulmeisterliche in der Bewegung verkennen, und wenn auch Rousseau den Fortschritt der Menschheit in seinem berühmten Versuch geleugnet hat, so lautet doch der Titel seines Ewigkeitswerkes Emile, und die Bekenntnisse, die Beichte seines Erdenlebens sind nicht die Geschichten seiner Abenteuer und Begegnungen, sondern die Geschichte seiner Erziehung durch sich selbst und durch die Welt. Gleichviel, was das positive Ergebnis war, die Einstellung ist es, der unbezähmbare Elan, der unerschütterlich brennende Glaube an den Adel des Menschen, der wert ist zu leben, also auch wert, erzogen zu sein. Das ist die Maxime der chinesischen Weisen, und von hier wäre auch eine Brücke zu schlagen zu dem Lebenswerk des Arnos Komenius, zu dem tiefsten Geheimnis der böhmischen Wälder. Hier möchte ich nur auf ein zweites Fragment des Ostens hinweisen. Wie der Lohan als Fragment einer alles überragenden plastischen Kunst Ostasiens in unsere Tage ernst erschütternd hinüberragt, ist es ein Monument einer ungemein reichen schöpferischen, glücklichen Zeit, die dem Denken und Schaffen des Konfuzius und Lao Tse nachfolgte. Urälteste Tradition, Kritik an allem schon Erreichten, tiefinnerste Gläubigkeit, zusammengefaßt in einem Erziehungswerk freiester Fügung. Gespräch, Anekdote, Mirakel, Tier- und Menschenfabel, das alles und noch mehr ist der fast unerschöpfliche Inhalt des Werkes, an das ich denke: Dschuang Dsi. Das wahre Buch vom südlichen Blütenland. Es ist schon vor fast zehn Jahren in einer Sammlung östlicher Weisheit erschienen, die der in Europa unerreichte Verlag des Eugen Diederichs in Jena erscheinen läßt. Die Lehre des Dschuang Dsi ist groß, sie ist umfassend und mehr als das, sie ist beglückend. Sie erfaßt die Welt und vernichtet sie nicht. Sie erkennt das Böse und leugnet es nicht. Sie weiß, daß der Mensch böse ist von Urbeginn, und glaubt doch an ihn, denn was wäre der Sinn des Lebens eines Weisen, wenn nicht die Erziehung? Sie begnügt sich nicht mit der sichtbaren Welt, die zu ermessen und zu messen ist, sondern er nimmt mystischen Aufschwung in das unbegrenzte und nie zu ermessende Reich. Aber das ist keine Mystik des müden Unterganges, sondern die des aufblühenden Lotus, der aufgehenden Sonne, des aufrauschenden, unbeschreiblich mächtigen, unbeschreiblich freudigen Vogels Rockh. Das höchste und tiefste, das dieser Mensch der Vorzeit uns zu geben hat, ist eben diese Vereinigung des Tiefsten mit dem Höchsten. Es ist eine Religion der Versöhnung, nicht auf dem Boden eines Dogmas, also auch nicht auf dem Boden des ewig unerfüllbaren: Liebet einander, sondern durch den Weg, den er jedem zu (seinem) innersten Erlebnis, zum Sinn des Lebens führen will. Dann gehen alle Farben ein in den unwandelbaren Regenbogen der Vereinigung. Er ist der einzige Weltgelehrte, der die Weltanschauung nicht durchsetzen, sondern alle Weltanschauungen zur Ruhe bringen will. Keine Zeit konnte so dürsten nach der Ruhe und der Vereinigung wie die unsere. Und unsere Zeit, kann man ihr auch nachsagen, wieviel man will und wieviel sie verdient, sie hat viel gelitten; und hier, in der Freude des lichten Ostens, könnte sie Heilung finden; wenn irgendwie und irgendwo, so im südlichen Blütenland. Östliche Landschaft In einem Augenblick, da China von neuem im Mittelpunkt des politischen Interesses steht, ist jede Aufklärung über östliche Kultur doppelt erfreulich. Es ist heute so, daß chinesische Philosophie, als die einzige wirklich friedliche, mitten im Herzen Europas Fuß zu fassen beginnt, daß chinesisches Kunstgewerbe in London mit Gold aufgewogen wird: Und da es sich um letzte Reste, um Bruchstücke, um Reliquien handelt, um Plastik aus Ton oder um »Mandarinenstreifen« am gelben Seidenmantel der chinesischen Minister von einst, wird man diese Bewertung verstehen. Vor Jahren bekam man noch große Säcke dieser abgetrennten Streifen gewichtsweise, wie alte Lumpen oder altes Eisen in den chinesischen Fremdenhäfen angeboten. Unter einer Menge wertloser, bis zur Unerkennbarkeit zerschlissener Seidenstreifen fand sich ein Stück gestickte Malerei; kleine Romane, in den duftigsten, rührendsten Farben auf fingerbreite Seide mit der Nadel gemalt, Wälder und Wiesen, Baum, Schnee und Nebel, mit vergilbten Fäden auf eines Daumennagels Umfang eingezaubert, fremde Vögel, Goldfasanen im Fluge, Schüler, lernend zu Füßen kahlköpfiger Lehrer, Liebende Hand in Hand, Berauschte, die Weinschale am Munde, mitten im Mondlicht, Li-tai-pe und seine Zauberwelt. Das waren Reste einer großen malerischen Kultur, Reliquien einer vergangenen Zeit, abgetragene Seide vom Mantel des toten Mandarinen. Aber war er wirklich tot? Nicht bloß scheintot? Die Chinesen sind das einzige Volk des Ostens, bei dem Bildung mit Adel völlig identisch geworden ist, so wie die Juden das einzige Volk des Westens sind, bei dem das ganze geistige Leben sich auf Studium und Wiederstudium eines Stückes Pergament konzentriert. Wenn solch ein Volk schwertmüde geworden ist, dann kann es erstorben scheinen, und diese Gefahr liegt bei den Chinesen näher als bei den Juden, da die Chinesen nach ungeheuren Gipfelleistungen der Kultur, nach tiefster Kolonisation des Herzens in den letzten Jahrhunderten nicht nur schwertmüde, sondern auch geistesmüde geworden sind. Deshalb haben die Kulturdokumente von dort einen so großen relativen Wert; in dem Gebiet aber, in das uns ein Werk eines deutschen Forschers, Otto Fischer, über chinesische Landschaftsmalerei einführt, handelt es sich auch um einen sehr bedeutenden absoluten Wert. Hier ist große Kunst, hier ist neue Welt, alle Freunde reiner Gestaltung werden diesem schönen Buch Stunden fast religiöser Ergriffenheit verdanken. Die Hauptwerke dieser Malerei sind fast tausend Jahre alt, und es gibt Anfänge, Urgründe, die in das zweite Jahrhundert nach Christi Geburt zurückreichen. Die spätesten Arbeiten stammen aus dem siebzehnten Jahrhundert. Obgleich sich eine Fülle von Erscheinungen, von Stilarten, von Meistern und Vormeistern vor uns ausbreitet, so ist in dem Buch nur ein kleiner Kreis chinesischen (und japanischen) Schaffens umschrieben, es fehlen sowohl die ins Kunstgewerbe herüberspielenden, aber durch die Dauerhaftigkeit des Materials bevorzugten Porzellanmalereien, welche diese Kunst zuerst nach dem Westen gebracht haben, als auch die Darstellung der menschlichen Seele im menschlichen Antlitz. Mit Recht weist der Autor darauf hin, daß die Landschaft des chinesischen Malers nicht das Porträt eines bestimmten Flecks Erde ist, sondern Porträt einer bestimmten menschlichen Seele; eine Einstellung, die sich bis ins letzte mit den sogenannten Expressionisten wie Munch, van Gogh, Cézanne berührt. Ebendeshalb verschwimmt auch die Grenze zwischen dem Menschen in der Landschaft und der Landschaft im Menschen. Es zeigt sich auch hier, daß das Barocke, der Schnörkel, die chinesische Pagode, das klingelnde spielerische Porzellan nicht für die chinesische Kunst charakteristisch sind. Chinas Maler sind, so Unerhörtes sie technisch leisten, der Gefahr entgangen, mit den Ergebnissen der Technik zu spielen. Sie sind groß geblieben, in jeder, selbst der kleinsten Form. Es mag sein, daß diese ein Jahrtausend lang blühende Jugend der chinesischen Meister alles ihrer seelischen Vielfalt verdankt – also nicht l'art pour l'art, trotz höchster verfeinerter Technik keine Spezialisierung, trotz der hauchartigen, kaum aussprechbaren Wirkungen keine Beschränkung auf den einzelnen Kunstkenner, sondern immer etwas, das von der Gesamtheit getragen, von der Gesamtheit geschaffen, von der Gesamtheit aufgenommen wird. Und dies, obgleich der Chinese den Begriff des Nationalen nicht kennt. Hier fließt alles noch aus einer Quelle. Unbeschadet der ins minutiöse Detail getriebenen Handwerkstüchtigkeit ist der chinesische Maler nicht beschränkt auf sein Fach: Er ist Gelehrter, Staatsmann, Feldherr, »man findet gerade in den größten Zeiten und unter den ersten führenden Meistern immer wieder die Namen von Dichtern, von Schriftstellern, Philosophen, Ministern, ja selbst von Kaisern, die gleichzeitig auf dem Gebiete der Poesie, der Stilistik, der Ideen und der Staatskunst unter den größten Geistern ihres Landes heute noch berühmt sind«. Wenn man diese Bilder sieht, in denen jeder Strich von dem unbedingten »Muß« erfüllt ist, das den Meister kennzeichnet, wenn man die Technik bedenkt, bei der auf Seide oder Papier die Farbe in flüssigem Auftrag unverlöschbar und unverbesserbar (im höchsten Sinne) eindringt, so findet man die Vielseitigkeit solcher Zauberkünstler fast unbegreiflich. Was sie schaffen und wie sie es schaffen, ist bei ihnen im tiefsten Grunde eins; Form und Gestalt sind einander nicht feindlich, sondern eine sehr innige Gemeinschaft umfriedet beide; jede Schöpfung ist voll von Geheimnissen, deutbaren und undeutbaren. Zu den deutbaren gehört ihr Realismus. Jede Kleinigkeit, jeder Fuß Boden, jedes Zittern der sommerhellen Luft, jede Bewegung des Menschen, hier hingegossen auf dem frühlingshaft wieder umgrünten Felsen, dort überstäubt vom grauen Geriesel des stürmenden Herbstes, der Hufschlag des Wildbüffels, der durch hohen Schnee winterlich trabt – dies alles und alles andere aus der Natur ist mit der emsigsten Treue, mit der Liebe zum Kleinsten, wie sie Dürer hatte, nachgebildet. Aber während Dürers Veilchensträuße nur Blumen, seine Hasen und Löwen nur Tiere, seine Ritter nur Menschen sind, ist bei den chinesischen Meistern aus den ungeheuer plastisch gesehenen und erlebten Details eine Gesamtheit von Traumtiefe, von Sphärenfremdheit geworden, ein Unbeschreibliches, eine Welt über der Welt. »Wird auf einem Wandschirm eine Frau unter einem Bäumchen dargestellt«, schreibt Otto Fischer, »so sind Weib und Gewächs von demselben Rhythmus und Wohllaut durchströmt, der knorrige Stamm aber mit seinen unendlichen Windungen und Verzweigungen in Linien so zart erfühlt und durchformt, daß man von einer Beseelung dieses Baumwesens sprechen möchte ... Auf dem Deckel einer hölzernen Lade sind mit Goldstaub aufsteigende Bergzüge mit verworrnen Baumriesen flüchtig gemalt: die anstrebenden und wieder niederstürzenden Berg- und Felsenformen sind von einem gewaltigen und überaus reich gefügten Rhythmus erfüllt, der bis in die hinausgeworfenen Äste der Bäume und den Nebelhauch aus den Schluchten mit einer lebendigen Bewegtheit alles durchdringt, wie wir sie bei Landschaften gar nicht gewohnt sind. Auf der Ledereinlage einer chinesischen Laute tanzt dann ein ganzes farbiges Bild aus dem Dunkel der Jahrhunderte: einen Teich durchwatet vorn ein munterer weißer Elefant, auf dessen Schabracke eine Gesellschaft von Musikanten und Tänzern springt und spielt, indessen nach rückwärts abstürzende Felswände ein unendlich weit in die Ferne sich verlierendes Tal – oder ist es ein See? – bis hinaus zu blauenden Bergen begleiten: und es scheint hier wie nach dem Takte der Musik, die ganze Landschaft sich tönend zu regen und beleben, die Bergzüge, die Felswände, die bekrönenden Bäume und der Flug der fernen, ziehenden Vögel ist von einem unendlich pulsenden Tanze bewegt ...« Sieht man die Bilder, die in unausschöpflichem Reichtum, nicht nur eine einzige Landschaft, sondern wie eine Meereswoge nach der andern, unendliche Reihen von Landschaften entfalten, dann glaubt man den Film hier vorausgeahnt und in gewissem Sinn auch schon erfüllt. Aber es ist nicht der Film der Maschine, sondern der Film des Traumes. Im Traume sind diese wahrhaft unbeschreiblichen Bilder geahnt und durchgeführt, in einem besseren, tröstlichen, anderen Wissen um die Welt. Fischer erzählt folgende Anekdote: Kno Sheng, ein Landschafter der T'ang-Zeit, pflegte folgendermaßen zu malen: Zunächst breitete er Seide auf den Boden und mischte die Farben. Dann ließ er eine Anzahl Musikanten Trompeten blasen, Trommel schlagen und einen wirren Lärm vollführen. Währenddessen legte er ein Brokatgewand an, setzte eine kostbare Kopfbedeckung auf und trank, bis er halb berauscht war. Dann begann er Umrisse zu ziehen und Farben anzulegen und siehe: Berghöhen und Inselränder entstanden auf wundervolle Weise ... Von einem anderen Meister heißt es, er hielt Wolken und Berge in seiner hohlen Hand. Ein dritter schreitet in Mondnächten einsam durch den starren Schnee, bis er die lebende Natur sieht, den ruhevoll kreisenden Stern, die ewig blinkende, ewig sinkende Schneefläche, den winzigen Planeten, das Große im Kleinen, das Ewige in der wechselnden Erscheinung. Die singende Stille, das lautlose Wandern ist es, was viele der in dem Werke wiedergegebenen herrlichen Bilder füllt; das ist es auch, was so tief, so herzlich, so unentrinnbar sanft zu unserer verstörten Zeit spricht. Tiere und Menschen, Wolken und Erde, Wald und Licht und Dämmerung – alles ein Fluß, eine Flut, eine unendliche Melodie; eine Melodie von der Art, wie sie der Dichter bildet: Weich zum Ahnen ist der Traum der Vögel, Die auf der Winternachtreise über das Ost-Meer rauschen, Die schlafen im Dunst und Flaum der brüderlich verwandten Flügel, Die auf das Traumgezirp der Bruderseelen lauschen. Der graue Kranich schläft auf seinem Herbstgewässer, Vereisend matt auf stille eingehaltnem Strom. Um ihn wallt hochgefaltet Laub. In den Nebelnächten ruht er einsam, Einsam blühendes Blut; nie besuchter, tief verschneiter Dom ... Mozart, ein Meister des Ostens Was ich hier wiedergebe, ist nur ein imaginäres Porträt. Mir scheint seine Wahrheit stärker, mag auch die Ähnlichkeit geringer sein. Mozart ist, so fühle ich ihn, mehr als Musik. Eine Welt, ein Komplex, eine Welt mit ihrem Widerspruch. Das China, das aus Dschuang Dsi, dem wahren Buch vom südlichen Blütenland , sich offenbart, war mir nicht nur Erkennen, sondern auch Wiedererkennen, Bestätigung tiefsten Gefühls und daher auch Trost und Beglückung. Diese Welt schien mir mit Mozarts Welt vom gleichen Himmel überblaut, friedensvoll, gesegnet. Was ich über China und Mozart sagen kann, hat vielleicht nur für mich zwingende Gültigkeit. Aber kann jemand mehr von einem Erlebnis seiner Seele sagen? 1 Zum zweiten (und wievielten?) Male nähert sich der Osten, Chinas Urweisheit, in Urworten ruhend, tröstlich einem zertrümmerten Europa: Ein helles Sternengebäude erhebt sich über eine entgötterte, mehr als das, eine entseelte Welt. Unreine, verkehrt gerichtete (praktische) Zeiten sahen in dieser Welt des Ostens nur die barocke Form, den unnatürlichen Schnörkel, das fremde Gelb. Reinere Geister fühlten hier Beseligung, Durchdringung alles Seins durch zauberhafte Erkenntnis, Weltaufbau vom Fundament her, vom Grund der Dinge, vom Untergrund der Sprache. Wenn irgendwo, so war hier Kants letzte Weisheit, aber in den Weisheitsschriften des Ostens ist reines und praktisches Denken und Dichten eins. Weiß umblüht, farbig umblättert, heiter durchtönt, ein dauernder Besitz der Menschheit. Wer, um nur ein Werk zu nennen, das »Wahre Buch vom südlichen Blütenland«, den Dschuang Dsi liest, empfindet nicht: sich und einen Teil seines Lebens an eine zufällige Erscheinung, an »ein« Buch hingegeben zu haben, sondern er fühlt die Ewigkeit des Werkes, seine eigene Zeitlichkeit, und ihm ist, als hätte das Buch ihn, den Leser, gelesen. Heute hebt sich langsam, immer noch halb verdeckt und durch die Schatten allzu naher Dinge zackig verdüstert, so wie ein hoher Berg zu seinen Füßen noch den Schatten nachbarlicher Hügel trägt in dunklen Zacken, Wolfgang Amadé Mozarts Erscheinung aus dem Zufälligen ins Notwendige. Aber vielleicht vermögen ihn heute manche zu erkennen als Meister von der Art der Meister des Ostens, deren Namen er nie gehört hat, deren Lehre er lebte, ohne ihre Buchstaben zu kennen. Im Lichte dieser Meister wird sein Leben wie seine Kunst, die so wenig Europa ist, ruhevoll und klar; jenseits der Form Europa, jenseits des Schnörkels Rokoko, entfaltet sich in kindhafter Fülle, zur Unsterblichkeit geboren, sein unbeschreibliches Werk, seine weise Seele, seine reine, schmerzlose Tragik, seine östliche Erfüllung und Vollendung. Zwei europäische, westliche Probleme kennt China nicht: die Frage nach der Gerechtigkeit Gottes, das ist das Problem Hiob , und die nach der wirklichen metaphysischen Entwicklungsfähigkeit des Menschen, das ist die Frage Faust. Wenn zwischen (irdischer) Ordnung und (himmlischer) Gerechtigkeit zu wählen ist, dann wählt China Ordnung, es bleibt in der Problemstellung bürgerlich, rastet auf der ersten Ebene; aber diese Ebene wird so tief wissend umfaßt, so tief umfassend emporgehoben ins Entstehen, Verstehen, daß die Lehre mühelos, leicht wie im Lerchenflug zur Vergeistung gelangt: Nachdenken, Nachschaffen, Entstehen, Verstehen, Wissen, Fassen, in Worte Fassen. Und wenn es den Wissenden faßt, den Berufenen ruft, gibt sich, als lauterste Begnadigung, der Sinn. Wer China und seine unsagbare Zartheit kennt und weiß, mit welchem Übermaß an richtender Leidenschaft und leidenschaftlicher Richtung (hin nach der vorgefaßten Entscheidung) dagegen unser Abendland Probleme und Entscheidungen packt und an sein stürmendes Herz reißt, wird es begreiflich und mehr als das, wird es zwingend finden, daß sowohl Hiob als Faust urgewaltig aufwühlende Introduktionen haben, aber ermattete Schlüsse. So tragisch sich die Erfassung der Welt auf der höheren Ebene im Anfang (eben im Augenblick der Entscheidung des rasenden Herzens) gibt, so bleibt zum Schluß nichts bis zum Ende Gültiges, nichts des großen Anfangs Wertes. Im Faust ist des Spieles Schluß nur eine poetische Entschuldigung, welche die erst so leidenschaftlich geforderte Entscheidung zwischen Gott und Satan in hymnisch-himmlischen Worten auflöst. Was als die Tragödie begann, endet als die Oper . Im Hiob bleibt der gewaltige Dichter in seiner Ebene, aber er ist nur an einen anderen Punkt derselben Ebene gelangt, es war »alles umsonst«, die irdischen Glücksgüter werden anstelle der »Idee des Gerechten« zurückerstattet, und er, der zum Spielball. Gottes Ausersehene, wieder in seine alte Lebenswürde zurückgestellt, wird nicht einmal mit der Heiligkeit eines Abraham oder mit dem Purpurhut des Salomo gekrönt. Auch die Musik hat ihre Metaphysik. Schon Dschuang Dsi sagt: »Die Welt der Wirklichkeit, in der der Sinn verblaßt ist, gleicht der Musik, die den Saiten entströmt. Die Welt aber jenseits der Welt und der Verblassung des Sinns, sie gleicht der Musik, die nicht mit Saiten hervorgebracht wird.« Er meint damit das Aufsteigen der Seele mit den Mitteln der Musik auf den Treppenstufen der Töne in eine höhere Sphäre. Beethoven scheint mir mit der Mehrzahl seiner Werke metaphysisch ganz in der Ebene Faust und Hiob zu leben. Musik als Schrei. Als Abgrund zwischen Sein und Schicksal (Hiob, fünfte Symphonie), sich selbst zerreißen zwischen »Ist« und »Muß«. Ein schreckenerregend gespannter Bogen, dessen Schwingungen in die tiefste Tiefe der Seele greifen. Gewiß, Simson rüttelt an den Säulen der Welt, er erschüttert die Urfeste, er bricht sie: aber geblendet, blind. Wenn nachher noch etwas bleibt, dann nur Morgenröte von morgen. Was bleibt, ist neue Welt hinter trübem Schmerzensgespinst. Ja, eine des Lebens nicht werte Welt geht zugrunde, aber nicht an ihrem Herrlichsten geht sie zugrunde, nicht allein an dem Herrlichsten, nicht gerade mit ihrem Herrlichsten bricht sie ein in den friedlichen Himmel der Götter und wirft sich jubelnd, schauerlich schön in den Abgrund, den Übertod. Erst an der Neige seiner Tage fühle ich bei Beethoven rein das reinste tragische: herrlich leben ist herrlich untergehen. Da, am Ende des Lebens, ertaubt, verelendet, vereinsamt, da wird er tragisch, da wird er beglückend. In seinen spätesten Quartetten, zum Beispiel im Adagio des letzten F-Dur-Quartetts, entschwebt er dem höchsten Jammer auf eine nicht beschreibliche Weise: heiter, aus der Welt ausgelöst, mit ihr verbunden nur noch durch den seidendünnen Faden der vier Instrumente, aus dem Wandel ruheloser Zeiten sich hebend wie der Glanz des Mondes über den Wasserfall in den schwarzen Wäldern: Da begegnet Beethoven seinem Ahn und Meister Mozart, hier rührt er an Chinas Grenzen. Die irdisch gebundenen Glieder strecken sich über Raum und Zeit, emporblühend in südlichem Hauch aus uralter Versteinerung. Hier haucht er mit vergöttlichtem Hauch an die bösen Dinge, winkt fernhin über vernichtete Sternenwelten. Jetzt steht er, jetzt lebt er über den niederen Dämonen. Bohrend und wühlend mitten durch den Höllengrund der Erde hat er es erreicht, das letzte Geheimnis: sorgenlos, mühelos, selbstverständlich, sich selbst verständlich, sich selbst tröstlich, sich selbst zusprechend in ruhigster, biblischer Intracht: Da ist er Mozarts jüngerer Bruder, sein geliebter Sohn. Mit Morgenfreudenrot zu malen, mit weitem Sternenschlag zu tönen, sich zu erleben, um sich zu vergessen, dort zu wandern, wo es keine Grenzen mehr gibt, fern der Welt, im tiefsten Grunde ihr verwandt, denn er ist ja nur ihr Spiegel, denn er spielt ja nur ihr Spiel, das ist Mozarts Tröstlichkeit, das ist Chinas Freude, das ist das Ziel des Ostens. Beethoven, ein tragisch-trotzender Kämpfer, ein Heros und Gigant, ein Herakles. Aber wer kann sagen, daß Mozart die »tragischen Töne« gefehlt haben, wenn er die zwei Klaviersonaten in c-Moll und a-Moll gehört hat, wenn er Don Giovanni kennt? Liegt nicht zwischen den tragischen d-Moll-Synkopen der Ouvertüre und denen des letzten Finales die ganze blühende Welt, vom ersten Takte bestimmt, als ein Spielball Gottes unterzugehen? Wohl, eine des Lebens nicht werte Welt geht unter, aber mit seinem Herrlichsten bricht Don Giovanni ein in den friedlichen Himmel der Götter, schauerlich schön wirft er sich in den Abgrund, den Übertod. Herrlich leben ist herrlich untergehen. China ist tragisch? Nicht Held, nicht Heros? Vielleicht nicht im Sinne des Zweikampfes, sicher aber im Sinne der vielpoligen Welt, des Kampfes zwischen tausend höheren und abertausend niederen Sphären, zwischen Göttern und Menschen, Werdenden und Seienden, Wirkenden und Spielenden. Nur im Spiel kann der Mensch die Welt gewinnen, sich über sie winden, sie überwinden, im tiefsten Grunde erleben, über den Sprach- und Wortgrund hinaus. Philosophie ist nicht Teleologie (Hiob), Philosophie ist nicht Theologie (Faust). Philosophie ist Spiel, ist abgekürztes Verfahren, so wie das Würfelspiel abgekürztes Verfahren des Strebens nach Glück ist, Glücksspiel heißt. Im Spiel hat China längst den Kampf des einzelnen, das Heroische erfaßt. Dies hat es tiefer erfaßt, als es Worte sagen können, deshalb steht hinter den Worten der Sinn. Nicht das Ergebnis, nein, nur die Richtung der Worte führt näher an den Sinn. Die unermeßliche Welt spiegelt sich in dem Unermeßlichen des Menschen. Die unermeßliche Welt spielt mit dem Unermeßlichen des Menschen, und die bezwingende, erschütternde, bezaubernde Einsicht in diese Urweisheit empfinden wir nie stärker als beim Genie, und reiner vielleicht nie, nie lächelnder, müheloser als bei Mozart. Nicht auf Skepsis ruht die Grundsäule dieses Spieles, sondern auf Mystik. Deshalb scheint mir Mozart unbegreiflicher in seiner Mystik als Sebastian Bach. Darin liegt das Geheimnis seiner Heiterkeit. Nicht in der Begrenzung, sondern in seiner Unermeßlichkeit. Denn diese Erkenntnis muß beglücken: Der Mensch ist tiefer als die Welt, die er begreift. Er ist tiefer um die Tiefe der Worte, um die Tiefe der Gedanken, er ist tiefer um die Tiefe seiner künstlerischen Wesenheit. Nicht die Nacht ist tiefer als der Tag gedacht, sondern der Tag ist tiefer, und nur wer es weiß, ruht sicher auf dem Urgrund des Inmitten. Er gibt sich nicht auf, sondern er erfüllt sich; er haßt sich nicht, um mit den Brocken seiner Selbstliebe andere zu füttern; er ist stoisch, aber nicht mit der verachtenden Strenge Roms, sondern mit der vollendeten Eintracht mit allem Seienden. Er ist homogen geworden, »Ist« und »Muß« haben sich versöhnt, selbst der Übermensch tritt nicht über die Grenzen. Wer Mozarts herrlich reiche, aber doch einfache Kunstmittel kennt, wird Dschuang Dsi verstehen: »Der Übermensch steht über den Menschen, aber er steht im Einklang mit der Natur.« Mit zarten, aber unbegreiflich sicheren Linien scheint der große Meister des Ostens Dschuang Dsi vor vielen Jahrhunderten bereits Mozarts Erscheinung umrissen zu haben, wenn er sagt: »Die wahren Menschen vollbrachten keine Heldentaten, sie schmiedeten keine Pläne. Deshalb hatten sie beim Mißlingen keinen Grund zur Reue, beim Gelingen keinen Grund zum Selbstgefühl. Sie konnten durchs Feuer schreiten, ohne verbrannt zu werden. Auf diese Weise konnten sie ihre Erkenntnis erheben bis zur Übereinstimmung mit dem Sinn. Die wahren Menschen der göttlichen Zeit hatten während des Schlafens keine Träume, beim Erwachen keine Angst. Ihre Speise war einfach, ihr Atem tief. Die wahren Menschen holen ihren Atem ganz von unten herauf, während die gewöhnlichen Menschen nur mit der Kehle atmen. Krampfhaft und mühsam stoßen sie die Worte heraus, als erbrächen sie sich. Je tiefer die Leidenschaften eines Menschen sind, desto seichter sind die Regungen des Göttlichen in ihm. Die wahren Menschen der Vorzeit kannten nicht die Lust am Geborensein, nicht den Abscheu vor dem Sterben: gelassen kamen sie, gelassen gingen sie. Sie nahmen ihr Schicksal hin und freuten sich darüber. So beeinträchtigten sie nicht durch ihre eigene Bewußtheit den Sinn und suchten nicht durch ihr Menschliches der Natur zu Hilfe zu kommen. Dadurch erreichten sie es, daß ihr Herz fest wurde, ihr Antlitz unbewegt, ihre Stirne einfach, heiter. Waren sie kühl, so war es wie die Kühle des Herbstes, waren sie warm, so war es wie die Wärme des Frühlings. Allen Wesen begegneten sie, wie es ihnen entsprach, und niemand konnte ihr Letztes durchschauen. Die Art der wahren Menschen war es, ihre Pflicht zu tun gegen die Menschen, aber sich nicht durch Bande der Freundschaft an sie zu ketten. Sie waren weit erhaben über jede kleinliche Wirklichkeit, ohne damit zu glänzen. Freundlich lächelnd schienen sie fröhlich zu sein, und doch waren sie zurückhaltend. Sie ziehen uns an und dringen ein in unser Innerstes, und reich beschenkt wird unser Geist durch sie gefestigt. Streng halten sie sich an die Formen ihrer Zeit, und stolz sind sie in ihrer Unbezwinglichkeit... Bei wem Natürliches und Menschliches sich das Gleichgewicht halten, das ist der wahre Mensch.« 2 Wie einsam strahlt das Phänomen Mozart in der westlichen Welt, in der wir leben, und in der auch er gelebt zu haben scheint! Nur scheint: Denn kein Weg zu ihm – keiner, gipfelabwärts, von ihm. Kein Volk kann sich das Volk Mozarts nennen. Keines Reiches fruchtbar quellender Erdkrume entspringt dieser Genius. Aus keiner sozialen Schicht explodiert revolutionär seine menschliche Erscheinung. So wenig wie der Mensch, so wenig kristallisiert sich Mozarts Musik. In der Geschichte des Geistes der Menschheit eine einzige, unerreichte, scheinbar ganz willkürliche Zufälligkeit, ein gold- und grünfarbiger Raketenglanz, unerforschbar glühend über nie befahrenem Meer. Verständlich ist es in diesem Sinne, daß Mozart als Ganzes nicht verständlich ist. Ein Paradoxon von Kierkegaardscher Tiefe, und nicht das einzige! Als Naturspiel des Glücks, ein wundertätiger Knabe, ganz Lächeln und ganz Schöpfung, so tritt, so funkelt Mozart, das Kind, in die Welt. Bestaunt, bewundert, angebetet zu werden, aber nicht geliebt, mit Geld, mit Ruhm überschüttet zu werden, verwöhnt, behütet zu sein, aber nicht geliebt, das schienen seine Gaben, seine Sterne, sein fast glückseliger Aspekt. Zum Lohn für die unverdiente Gnade des Himmels, am Kinde Mozart fast ebenso strahlend angezeichnet wie am Kinde Jesus, wird der Name geadelt, das Kind mit der Schwester von dem Vater auf Händen getragen, der Glanz schmeichelt sich durch das königliche Rokoko: Mozart, ein großer, ein unbestrittener Name: Man erkennt die einmal in tausend Jahren blühende Palme; die Welt fühlt, wenn der Fünfjährige eigene Kompositionen von seraphischer Holdseligkeit spielt, wenn er, kaum imstande, mit den kinderweichen Knöchelchen die Tasten zu zwingen, doch die regellos flutende Welt bezwingt in dem gemessenen Strom der fugenhaft getürmten Harmonien, da fühlt die Mitwelt, halb von der Sensation geblendet, halb religiösem Gefühl hingegeben, daß das Wunderkind mehr ist als ein Wunder: Wenn der unbewußte Knabe die Harmonie der Sphären meistert, ahnt man hinter den Tönen den Sinn. Die unermeßliche Welt spiegelt sich in dem Unermeßlichen des Menschen, des fünfjährigen Kindes ohne Vergangenheit. Nie hat das Kind schweren Kummer, nie durchdringende Freude erlebt. Aber seine Musik hat beides und mehr als das. Und des Paradoxon erster Schritt: Das Wunderkind verwelkt nicht. Die überreif unreife Blüte sinkt nicht verdorrt oder verfault vom Stengel. Keineswegs geht der junge Mensch an der ungeheuren, kaum zu ertragenden Spannung zwischen sich und der Welt zugrunde. Der östliche Weise sagt: »Bei wem Natürliches und Menschliches sich das Gleichgewicht halten, das ist der wahre Mensch.« Das Menschliche Mozarts: das ist das Kind, das ist das reine, harte, unberührbar zarte Email der Kindheit. Das Natürliche ist dem jungen Genius: die letzte Erfassung und reinste Auflösung der ganzen Welt musikalisch in der vollendeten Form. Wie kann sich dieses »Natürliche« mit diesem »Menschlichen« vereinigen? Jedes Wesen muß wachsen können, wenn es gedeihen, ja, auch wenn es nur vegetieren soll; nicht zum Spaß altert und wächst der Mensch in einem Zuge, sondern: wie ein Tiefseefisch taucht er langsam aus dem Urgrunde des Seins, stößt sich sacht ab von der anderen Welt, der Vor-Geburt, um unermüdet über schillerndes Zwielicht sich hoch empor zu falten. Schießt aber diese menschliche Seele, vulkanisch befeuert, in einem Sprung mitten aus der anderen Zeit in die unsere, kommt solch ein Tiefseegebilde, noch mit dem matten Reif der schwarzblauen Woge beschattet, in einem Sprung in die lichtgesättigte Sphäre der Oberwelt, dann wird es sich selbst zerstören, wird sein Innerstes nach außen kehren, seine Seele wird ihm aus dem Munde hervorquellen. Der Mensch wird daran sterben, daß sich sein Inneres gegen ihn empört. Bei Mozart aber der unbegreifliche Glücksfall, daß das Wunderkind trotz des »Sturzes nach oben« gerettet wird, daß sein gnadenspendendes Jünglingstum noch zauberhafter, noch ergreifender wird als die prämature Süße der Kindheit. Aber, zweites Paradoxon, hier jubelt die Mitwelt nicht, sie zögert, stockt, versagt – versagt alles. Je höher W. A. Mozart steigt, je mehr er sich mühelos, ruhig lächelnd dem hold Göttlichen nähert, je weiter er ins Feuer schreitet, ohne verbrannt zu werden, desto kälter wird die Welt, desto abstoßender werden die Menschen einer sonst zum Geben und Nehmen gleich dankbar bereiten Epoche. Hier ist einer, ecce homo; aber nicht vom Qual- und Marterpfahl herab stöhnt er verzweifelte Weltgebanntheit, Weltverbanntheit; er versöhnt die Welt mit ihrem Widerspruch, aber niemand hört ihn, und wenn ihn einer hört, klatscht er mit den Fingerspitzen Beifall, sieht zu, daß W. A. Mozart, um ärmlich sein Brot zu verdienen, stundenweise elend bezahlte Lektionen gibt, daß er tagsüber das Öl für die Lampe aufrobotet, bei der nachts zu schaffen er den ganzen Tag in Vorfreude zittert. Noch freut er sich, noch lebt er ohne Bitterkeit, ohne Revolte, tieferer Harmonie mit dem All gewärtig und bewußt, aber er lebt: von sich, für sich, mit sich. Dem Wunderjüngling ist das Wunderkind im Licht, die höhere Form wird überschattet von der niederen. Man kann es verstehen und fassen, daß Bach hundert Jahre verschollen blieb, um dann neu zu erstehen. Er war Protestant, war mystischer Mathematiker, war kontrapunktlich gebundener Gottesanbeter, und die ihm folgende Epoche wandte sich von religiösen Problemen zu sozialen: Dem Dreißigjährigen Krieg folgte die Französische Revolution. Von der Form des Raumes (Bach ist Seele, im Kubischen erfühlt, ist in und aus der gotischen Architektur erblüht) ging sie über zur Kultur der Fläche und Oberfläche. Da aber der Fläche nur Malerei, nicht aber Musik entspringt, so war die Zeit nach Bach musikalisch trotz bezaubernder Einzelheiten ohne Entscheidendes. Aber in der nächsten aufsteigenden Linie Europas, die man Romantik nennt, lebte Bach auf, und so intensiv, als wäre er nie gestorben. Ganz anders Mozart: Er kommt aus keiner Zeit. Sein Wesentliches geht in keine Zeit. Göttlich, ungeliebt, ungetrübt, unberührt, ein strahlend weißer Komet, schweift er durch unsere Welt des Grauens und der Vernunft. Ungeliebt? Das dritte Paradoxon, aber, wie alle Paradoxa, nur scheinbar widersprechend dem wahren Lauf der Welt: Wahr ist, daß dem mit 35 Jahren Gestorbenen der gutherzige Vater das tiefste Erlebnis der Seele gewesen ist. Seine Frau war eine Nichtigkeit, seine Freunde waren Schemen, seine Herren waren Knechte. Mozarts Erscheinung, als Mensch wie als Genius, war glanzlos, machte nicht Epoche, verging, wie sie existiert hatte, ohne Aufsehen, nicht ohne Augenblickserfolge (Prag), aber ohne lauthallenden Ausklang. Ein Mann in der Menge. Eine Schöpfung chaotisch im Chaos. Erkannte er die Zeit? Erkannte ihn die Zeit? Wird nicht aus dem Zufälligen sein Schicksal ins Notwendige gehoben, wenn man den östlichen Weisen hört: »Himmel auf Erden. Der Berufene: er braucht keine irdischen Güter; wozu bedarf er da der Handelsware? In allen diesen Dingen genießt er des Himmels Speise. Er hat der Menschen Gestalt, aber nicht der Menschen Leidenschaften. Weil er menschliche Gestalt hat, darum gesellt er sich den Menschen. Da er aber nicht menschliche Leidenschaften kennt, so haben ihre Wertungen keinen Einfluß auf sein Leben. Verschwindend klein ist, was ihn mit den Menschen verbindet; in stolzer Größe schafft er sich einsam seinen Himmel.« Des Paradoxon nächster Schritt: daß W. A. Mozart auch von sich selbst nicht geliebt, nicht verstanden, nicht gewürdigt (und nicht entwürdigt von dem infamen Neingefühl der bösen Welt) dahinlebte, daß er als Persönlichkeit ein netter Junge, ein sympathischer Sohn, ein scharmanter Oberösterreicher oder Salzburger gewesen ist, daß ihm nie (?) das Bewußtsein seiner Größe und daher nie das Gefühl seiner Tragik gekommen ist, daß er nicht an dem Gegensatz zwischen »Ist« und »Muß« zerbrach. Nie (?) heißt, daß es aber doch eine Zeit, eine Stunde im Leben (?) W. A. Mozarts gegeben hat, nämlich zwischen »Zauberflöte« und »Requiem«, an der letzten Neige seines Daseins, da ihm sein Leben als sonderbar, seine Existenz als gespenstisch, unnahbar erschien. Leben (?) heißt, daß jetzt, bei dem späten Jüngling Mozart, jene ungeheure Spannung zwischen Schicksal und Bestimmung, zwischen »Muß« und »Ist« zum Ausbruch gekommen war, so daß alles, was er als Mensch und als Bürger erlebte, kaum als Schatten seiner wirklichen Existenz, das ist: seiner Verwirklichung außer der Zeit und wahrhaft im Sinn, zu folgen vermochte. Man lese den Bericht seines letzten Lebensjahres und erfasse die Werke dieser letzten Zeit, und man wird fühlen: ecce homo, ein Mensch, entmenscht, geflügelt, aufgeschwebt in eine Überwelt. Der Schatten übersprungen. Waren nicht Mozart, die Erscheinung von dieser Welt, und Mozart, die Erscheinung vom anderen Ufer, etwas anderes, Fremdes, Feindliches, mußte nicht der eine fallen, damit der andere auferstand? Welche menschliche Existenz wäre adäquat den himmlischen Chören des oro supplex des »Requiems«? Jetzt kam es, daß das furchtbare Wissen um die kämpfenden, um die schauerlich schönen Urgewalten der Welt in ihm zutage trat. Ihr Untergang an ihrem Herrlichsten, ihre Vernichtung dem Herrlichsten zuliebe. Mußte sich nicht der mitleidlos, tödlich fulgurante Sternensturz nach oben über ihn türmen, um ihn zu erdrücken? Der Mensch W. A. Mozart war tiefer als die Welt, die er in seiner irdischen, lebentragenden Erscheinung begriff. Wie bei Kleists Penthesilea öffnet sich ihm in seinem Busen selbst der Abgrund des Unermeßlichen. Was der Knabe W. A. Mozart überwunden hatte, übermannte nun den Mann: daß das Herz seines Herzens gegen sein leibliches Herz schlug. Daß die andere Seite aus seinem Munde trat. Ihn tötete, indem sie ihn erfüllte. 3 Eine so europafremde Erscheinung konnte, mußte verkannt werden. Mußte sie aber verkannt bleiben? Sieht man nicht immer noch W. A. Mozart als den Rokokokavalier mit dem »Mozartzopf«, glaubt ihn zu begreifen, wenn man ihn graziös, barock, zierlich, fein, scharmant und spielerisch nennt? Erfaßt man damit den tiefsten, lautersten, weil leisesten Tragiker, den die Musik (soweit wir sie kennen) hervorgebracht hat? Muß Mozarts Tragik, seine Art der Erfassung der Welt in ihren tiefsten Gegensätzen deshalb im Dunklen bleiben, weil sie bei ihm ganz von innen heraus, aus dem Herzen der Erscheinungen heraus, ganz nahe beim Mittelpunkt der rasenden Bewegung, also in der Stille, ohne Krampf, ohne Tränen, also auf wahrhaft göttlich lächelnde und nicht auf menschlich problematische Weise gelungen ist? Wer Mozart kennt, erkennt die Welt in ihren tiefsten Gründen. Alles weht im Schleierflug der Maja: der letzte Himmel, der Himmel auf Erden des Ostens, sein schmerzloses Gewölbe, sein mildes, siebenfach regenbogenfarbiges Licht. Mozart entscheidet nicht. Er singt nicht die Schuld der Menschheit und ihre Sühne. Don Giovanni, Figaro, Zauberflöte sind mehr als Opern, aber Gleichnisse sind sie nicht. Mozart ist vollendet. Kung Dsi spricht: »Nichts kommt an ebenmäßiger Ruhe dem stillen Wasser gleich: das kann man zum Vorbild nehmen ... wer es vermag, mit dem inneren Einklang sein ganzes Leben im voraus zu durchdringen und seine Freudigkeit nie verliert, wer Tag und Nacht ohne Unterbrechung der Welt diese Frühlingsmilde zeigt und so entgegennimmt, was der Zeit entsprechend in seinem Herzen entsteht: der beweist die Völligkeit seiner Naturanlagen.« Mozart ist vollendet. Deshalb trägt er auf kaum zu begreifende Art in sich den Spiegel jeder Kreatur. Das wissende Kind. Das Göttliche. Wie alles Vollendete ist auch er unmenschlich in gewöhnlichem Sinn. Denn menschlich ist nur Erschütterung, Unruhe und weher, wehender Schrei. Menschlich ist es, nicht der Welt gewachsen zu sein. Zu vollenden, zu versöhnen, zu trösten, zu vereinigen, das ist Sache und Segen der Göttlichen. In W. A. Mozart findet sich der Schatten aller Dinge, nicht auf dem Erdboden dunkel hingezeichnet, sondern hell auf mild durchleuchtetem Wolkengrunde. Schatten aller Worte, aller Jugend, aller Gefühle. Hier konnte einer sagen, ich habe vollendet. Leicht bewegt der Vollendete die ganze Welt in ihren Angeln. Mit einem Akkord wandelt sich die opera buffa vom Satyrspiel zur Tragödie des lebenden, lebensgierigen, lebensvergifteten Helden, denn der Vollendete sieht die Welt von allen Seiten. Er begreift sie mit beiden Händen, er sieht die Kugel von beiden Seiten, wie Gott sie sieht. Er spricht ohne Absicht und findet doch den Sinn. Oft singt Mozart wie ein Vogel, wie ein animal, aber es ist nicht das animal triste, sondern das glückliche, das nicht zerrissen wird zwischen Hier und Dort. Mozart ist erotisch in allen seinen Werken, aber er ist nicht sinnlich; und das ist das Berückende seiner Gesänge, seines Cherubim, seiner Pamina, seines Don Oktavio. Er ahnt die Welt der trüben Gebilde, der heißen Taifune, aber er ist durch göttliche Fügung wahrhaft, ein Liebling Gottes, dem Stern der Dämonen entronnen; ein Tropfen, silberglänzend und zart singend, stürzt er nach oben, Symbol einer höheren Welt und ihr urkräftiger Zeuge. Recentissime oder die Zeitung als Kunstwerk Das Zeitproblem ist wohl das tiefste, das der europäische Mensch sich gestellt hat, und keine Erscheinung bringt dieses Problem so prachtvoll, so in allen Einzelheiten kristallklar durchgezeichnet zum Ausdruck wie die Zeitung. Wo Vorzeit an Nachzeit grenzt, ergibt sich ein Wirbel, eine Bewegung, ein dramatischer, strahlender Augenblick, eine ewige Peripetie: dies ist die Gegenwart, dies ist die Ewigkeit. Der Begriff der Ewigkeit ist ganz leer und hohl, wenn man ihn (rückschauend) als Vergangenheit (voraussehend), als Zukunft erfaßt, unendlich aufschlußreich, wirklich und tröstlich wird er, wenn man ihn (erlebend) in die Mitte nimmt, im Augenblick die Ewigkeit unverkennbar erfaßt. Was die Zeit bringt, bringt die Zeitung. Mehr als das, sie ist es in gewissem Sinn. Man hat bemerkt, daß das Bürgerliche Gesetzbuch einen kurz gefaßten Abriß des ganzen Daseins enthält. Recht der Geburt und des Erbes, der Ehe und der Kinder, des Geldes: vom ersten zum letzten Tag, von Gewinn, Wechsel, Bankerott, vom Leben allein für sich, vom Wirken in der Gemeinschaft, schreiben, Häuser bauen und niederreißen, auf der Erde Bahnen tracieren, in der Luft fliegen, jagen, angeln, mieten, leihen, alles findet man im Bürgerlichen Gesetzbuch, Ehe, Mitgift und Scheidung nicht zu vergessen. Ein Extrakt von gleicher Universalität, ein Gericht aus tausend Ingredienzien, ein Trank aus tausend, aus allen Säften, das ist die Zeitung. Die Zeitung ist das Volk, die Zeitung ist der Mensch. Man beginnt nun, nach den Erfahrungen der letzten Jahre, an der Richtigkeit der volkswirtschaftlichen Theorien, an den sozialistischen »Folgerungen und Notwendigkeiten«, ja an der Geschichtsschreibung als wert-schaffender Wissenschaft überhaupt zu zweifeln und zu verzweifeln; grotesk, daß die Absage an die Historie nur in der Form der Historie ausgesprochen wird, ein Beitrag zu der ungeheuren komischen, tragikomischen Groteske, die unsere Zeit kennzeichnet. Aber es triumphiert die Zeitung. Sie besonders, die ihre Ehre darein setzt, aktuell zu sein. Der Italiener nennt das Letzte »recentissime«. Da bildet sich etwas heraus, was an Intensität nur mit einem Kunstwerk vergleichbar wird. Was das »Volksepos« in grauer Vorzeit war, Homer, Nibelungen, Kalewala der Finnen, vergessene Urgesänge der Naturvölker, das ist heute, so grotesk es klingt, die Zeitung. Nicht der Journalist schreibt sie; er wird bezwungen, er wird von der Zeit geschrieben, das ist sein Beruf, seine Tragik, seine Anonymität ist sein Glück und sein Fluch; er ist ja nur Ordner, in Wahrheit schreibt die Gesamtheit das, was sie selbst liest; das ist es, worin sich die Zeitung mit der Volksdichtung berührt. Zeitung ist auch keineswegs Historie, sie ist subjektiv, voll von Launen, Vorurteilen, Fanatismus, Skeptizismus, Hunger und Übersättigung, sie geht mit der Macht, mit den Unterdrückten, mit den Jahreszeiten, sie schillert wie das leibhaftige Leben und ist fast so vergänglich wie der Mensch. Hier sitzt nicht der ohnmächtige einzelne am »Webstuhl der Zeit«; der einzelne darf nicht aktuell sein, sonst ist er nur aktuell. Daß heute eine (nach Brot und Erfolg) ausgehungerte Dichterkaste sich mit allem naiven Enthusiasmus an die Räder der Zeit (des Tages) klammert, ist nur ein tristes Symptom; der Dichter, der Denker kommt immer unter die Räder, er kommt immer zu spät, man muß Journalist sein, wenn man aktuell sein will. Nur in der ewig wechselnden Sphäre und Atmosphäre der Zeitung kann sich die Gesamtheit Antwort geben auf ihre Probleme, und das ist eben: aktuell sein. Je unbefangener man schreibt, je ruhiger, angeregter, je freier von Hintergedanken, desto wertvoller die journalistische Leistung: daher ihre Höhe der Reporter, ihre Heimat Amerika und das Amerikanische in unserem Kontinent. Es trifft sich zuweilen, daß auch ein Dichter die Zeit aktuell sieht; Altenberg sah sie so, Walt Whitman erlebte sie so. Was sie schafften, war immer aktuell, machte jeder Zeitung Ehre, aber keine Zeitung konnte davon leben, keine wäre gestorben, wenn ihr diese und ähnliche Mitarbeit gefehlt hätte. Nein, die Zeitung ist anderes: nicht die schwachen Augenblicke der großen Männer, sondern die Unsterblichkeit des kleinen Mannes, das ist sie. Sie ist »Jedermann«, jedermann schreibt sie, jedermann liest sie; nicht in der gleichen Stärke, nicht in dem gleichen Kreise. Dieses »Jedermann« ist rhythmisch gegliedert, im strengen Tagestakte wie Paukenschlag auf Paukenschlag. Das ist schön. Sie beginnt mit dem Allgemeinen, was jeden »Jedermann« trifft: »Das Programm«, »Doktor Beneš über die westungarische Frage«, »Die zweite Rede des Ministerpräsidenten«, »Harding und die Arbeitslosen«. Es geht »an alle«, es geht um alles, Krieg und Frieden, Arbeit und Not, Freiheit und Rechte. Dann wird der Kreis enger, aber die Artikel kleiner, schärfer, besonders: »Die Kriegsanleihe«, »Der Wenzelstag«, »Heute Rennen in Kuchelbad«. Jetzt bekommt der anonyme »Jedermann« Namen: Gerichtssaal, Mord, Liebe und Diebstahl, Betrug, List, Grausamkeit, Unmenschlichkeit, die »Schattenseite des Lebens«. Jetzt die Lichtseiten: Konzerte, Theater, die Kunst, Höchstleistungen, durch den brennenden Reifen springen, Wunderbares um Hungerlohn (oder Millionenlohn) verkaufen, Kunst für Geld, Kultur, Geist für Brot. Das Wort Geld ist gefallen; am Schluß des Blattes, ja, jetzt das eigentliche Blatt: die Kurse. Hat nicht alles seinen Kurs? Man muß nicht einmal Wedekind, »Schloß Wetterstein« zweiten Akt, zitieren. Prager Börse, Wiener Börse, Berlin, New York, Valuten, Devisen, Effekten, auf, ab, ewiges Schwanken. Weshalb es leugnen, hier beginnt für die meisten Leser des Jahres 1921 das wertvolle Blatt. Das lesen sie mit dem Herzen, hier zittern die Hände. Und der Schluß: Jedermann nennt sich beim Namen, sagt, was er kann, sagt, was er will, was er wünscht; der Markt des Lebens tut sich auf: Buchhalter, Stenotypistin, Automobilvertretung, Suppen und Saucen, Altvatersanatorium, Andrés Buchhandlung, Vorsicht: Zimmersuchende! Heiratsanträge, Gerta 1921, Kismet 300, Portlandzement, Dozent Dr. Hecht, Kontrollkassen, Sprechender Papagei. Das sind 10 kleine Anzeigen. Täglich erscheinen 300; mehr? weniger? im Jahre Millionen. Das ist aktuell; das ist die Unsterblichkeit des namenlosen Mannes. Da leben wir alle, einmal ist jeder aktuell. Man spricht mit Freude von seiner Geburt, man hilft ihm beim Leben, läßt ihn verdienen, ehrt ihn im Tode. Der Mensch ist gut: zu allem. Ist das nicht das ganze Leben? Ein Rad, rollend auf einer Schiene, nur in einem Punkte in zartester Berührung, aber das immer, aber das mit ungeheuerer Energie, mit rasendem Leben, jedes Blatt ein Stück Asche, aber alle zusammen eine Welt. Nur etwas fehlt ihr: Heiterkeit, Humor, wirkliche Menschennähe, Lächeln, gespiegelt in Lächeln. Aber fehlt das nicht uns, »Jedermann«? Aktualität Alles, was sich auf dem Erdenrund, in seiner kosmischen Umgebung auf dem Sternenhimmel, in dem lebenden Herzen oder in den Eingeweiden seiner Bewohner, in den Träumen und Gedanken von Mensch und Tier jemals ereignen kann, ist aktuell, das heißt, es ist im Geiste möglich. Dieser Begriff der Aktualität ist einer der weitesten von allen, die der menschliche Geist geschaffen hat. Dieser Begriff entstand nicht wie der der Ewigkeit aus der einfachen linearen Verlängerung des Begriffes der Zeit, sondern der Begriff der Aktualität wurde geboren aus der Freude des Menschen am Spiel. Es gibt außer ihm noch einen Gedanken von ebenso unermeßlicher Tiefe, das ist der Begriff der Identität, und eng verschwistert mit diesem dann den der Evidenz. Während der letzten drei Jahrhunderte ist dieser Begriff Aktualität aus den Studierstuben scholastischer Mönche, die mit ihm wie mit einem Rechenpfennig unschuldig spielten, in die Zeitungen und Tagesberichte hinübergewandert, und man nennt nun aktuell in der Sprache der Zeitung und der Zeit einfach das Interessante. Was ist aktuell? Oder was ist es, das den Zeitungsleser, den idealen Typus des Durchschnittsgeistes, interessiert? Aktualität ist beides: Bewegung und Begegnung; und ein Drittes dazu, ein Geheimnis, der lebende Same des Daseins, das Encheiresin der Natur, der wehende Schleier der Maja, den niemand lüften kann, weil jeder in ihn verstrickt ist. In diesem Sinne ist es in der alten Sage sehr bezeichnend, daß, wer den Schleier dennoch lüftet, wahnsinnig wird, das heißt sich loslöst von sich selbst. Die Frage der Aktualität ist also im letzten Grunde keine bloß praktische Frage, sondern eine Frage über Tod und Leben hinaus. Für den Reporter ist sie es nicht, für ihn ist sie weiter nichts als eine Begegnung zweier aktueller Menschen, zum Beispiel wäre aktuell eine Begegnung des entthronten Wilhelm des Zweiten mit dem König von England, oder der Zusammenstoß zweier Autobusse auf dem Potsdamer Platz, aktuell wären die ersten Goldmünzen, die ein europäischer Staat nach dem Kriege zu prägen beginnt, aktuell ist das Leben und Sterben der Masse, das Anwachsen und Sinken der Teuerungswelle, die Zahl der Arbeitslosen, die Arbeitsleistung eines Kohlenförderers im Ruhrrevier, die erste chirurgisch gelungene Herznaht, die Nummer des gezogenen großen Loses und der Name, Beruf und Geburtsort des glücklichen Gewinners – also ebenso alles, worin sich die Woge der flutenden Zeiten geradezu abspiegelt, jeder Zufall, Wetter und Wind, die Voraussagen des meteorologischen Büros, die letzten Kurse, die Berichte und Zeugnisse über Leben und Tod, alle Nachrichten von Vermählung, Tod, Geburt, Begräbnis. Aktuell ist aber nicht allein das Ephemere. Auch Shackletons oder Amundsens Eroberung der vereisten Erdenpole, Enthüllungen über Bismarcks Sturz, über die Mörderverschwörung gegen Rathenau, Geheimnisse und Bekenntnisse eines Verurteilten aus der Zelle können aktuell sein, weil sie an das im menschlichen Herzen niemals und nirgends auslöschbare, an das seelisch Aktuelle ebenso wie an das historisch Weiterwirkende appellieren. Wir lernen unaufhörlich, nur wissen wir nie etwas ganz. Wir wandeln uns unablässig, ändern uns aber im Wesensgrunde nie. Wir sehen ohne Unterlaß die Welt, erkennen sie aber nie »im Grunde«. Wie wäre es denn auch anders möglich? Im Grunde ist es dunkel. Nur dieser Umstand unterscheidet ihn von der Oberfläche. Eine Oberfläche, die dunkel wird, ist ein Grund, ein »im Grunde«. Und ein »im Grunde«, das klar wird, heißt Oberfläche. Die Aktualität ist die Brücke zwischen diesen Erscheinungen. Die Zeitung und der persönliche Verkehr von Mensch zu Mensch, für den der Ersatz oft die Zeitung ist, beide geben uns Lektionen und ausgewählte Kapitel. Glaubt nicht jedermann, wenn er »seine« Zeitung gelesen und gelernt hat, nun wisse er, wie es in der Welt und in seinem Kreise zugeht? In Wirklichkeit weiß er nur, was aktuell ist, er empfängt nur das, was ihn ohnedies interessiert, was er schon vorher, wenn auch vorerst unvollkommen, gelernt hat. Die aktuellen Namen hat man ihm mühsam genug in jahrelang wiederholten Lektionen eingeprägt. Man muß der Zeitung und dem landläufigen Verkehr das Verdienst lassen, daß sie von einer nie zu ermüdenden Geduld sind. Und wenn zwei Themen aus diesen vorbereitenden Lektionen sich auf dem aktuellen Schauplatz der Gegenwart begegnen, wenn das schon halb Geahnte sich im Augenblick, eben in der Aktualität, vollzieht, dann triumphiert das »sichere Wissen«, das Bewußtsein des Gewissens. Es ist der Irrtum des Gewissens: denn das Wesentliche ist nicht die beschränkte Erscheinung, sondern das durch Menschen nicht zu beschränkende und deshalb auch nicht erfaßbare All. Nicht der eine Fall ist zwingend, unbestreitbar, evident, sondern die Fülle des für Menschen nicht Vorstellbaren. Und für dieses Nichtvorstellbare hat bis jetzt nicht die Zeitung, sondern nur die Religion oder die religiöse Philosophie Symbole und Werte gefunden. Der Mensch (außer allem, was er sonst noch ist) ist und bleibt ein schlecht erziehbares, faules Kind. Wäre dieser schlechte Schüler in geringerem Maße der Autorität und der Historie hörig, dann könnte sich die Religion täglich neu aus dem aktuellen Augenblick entwickeln. Es könnten der göttliche, helldunkle Dom und daneben die aus Beton und Eisen und Licht gefügte Montagehalle des stärksten Turbinenmotors der Erde (beides ist aktuell) eine Einheit werden, das heißt, man könnte in der Montagehalle Gott anbeten, und in der Kirche könnten der Ingenieur und der Mensch des zwanzigsten Jahrhunderts im Angesichte Gottes bleiben, was sie sind. Dann würde der Geist des Aktuellen, das Reich des einfach nur Möglichen den Geist der Religion, das ist: den Geist des Höchsten und Notwendigsten, befruchten. Nur in Verbindung mit dem metaphysischen Gehalt des Glaubens ist der Hunger nach dem Gewissen auf Zeit und Ewigkeit zu befriedigen. Eisenbahnfahrplan, Börsenbericht, Erlösungsgesang und Todesgebet würden auf der gleichen Seite stehen, Zeitung und Meßbuch würden das gleiche werden. Die Menschen des Ostens, die Chinesen, und in Europa die Mohammedaner waren von diesem Zustand einmal nicht allzuweit entfernt. Es ist bewunderungswert, daß diese Menschen sich aus praktischer Lebensauffassung (aus Amerikanismus, wenn man das Wort gebrauchen darf) eine übersinnliche und dennoch stets aktuelle Religion zu bauen verstanden. Das Europa von heute ist noch durch tausend Hemmnisse geschieden von diesen Zielen, aber es ist denkbar, es ist im Geiste möglich, es ist aktuell, daß Europa nach der Überwindung der jetzigen Periode geistiger Dürftigkeit die Kraft und den glücklichen Augenblick finden wird zu einer Hochzeit zwischen Hier und Dort, zwischen Aktualität und Gott. Albert Ehrenstein Albert Ehrenstein, einer der stärksten und eigenartigsten Geister unserer Zeit: diese Stärke ist unverkennbar, aber sie ruht wie Simsons Stärke zuletzt in einem Geheimnis, das für Menschen nie ganz ergründbar ist. Und doch ist an dieser dichterischen Gestalt alles, Form wie Inhalt, und schon vom ersten Werk an, fest umrissen; nur ist es schwer, fast unmöglich, diese einzigartige Linie nachzuzeichnen bis ins Selbstverständliche. Schon bei dem ersten Werk, das 1910 erschien, bei »Tubutsch«, war es klar, daß jüdischer Geist sich hier mit griechischem Geist vereinigen wollte: der jüdische Geist des alten Testaments, müde gewandert, in Wien gelandet, in staubigen, kleinen, halb rührenden, halb komischen Worten, Räumen, Szenen, Stimmen, auferstehend, todesmüde, wie er war, und doch dem Leben im tiefsten zugewandt, nach rückwärts gewandt, nach den alten Behausungen der vielgewanderten Seele. Der griechische Geist, das Dasein, das tausendtorige Leben in stark umfangenden Armen umklammernd, Ahasver, der ruhelose, auf griechischer Insel, erstaunt über das Groteske der Welt, ewig hungrig nach dem wirklichen Getriebe, nach dem ungeheuren, rettenden Schwung, nach dem großen, endlich beruhigenden, stillenden, und sei es selbst tötenden Zauberwort. »Tubutsch« ist vielleicht das Werk Ehrensteins, in dem er am tiefsten Ghettoluft ein- und ausatmet. Es ist der Ewige Jude, aber nicht in ein ewiges Gewand gekleidet, sondern in den schillernden, geflickten Bettelrock zerstörter Illusionen, überallhin spielenden Witzes eingekleidet, und es fehlt auch nicht der wehmütige Zauber des guten jüdischen Herzens. Seine Sentimentalität, schwer und in breiten Wellen wie ein Strom, mündet mit ruhigem Rauschen in die Sentimentalität Wiens; der Erbe eines längst nicht mehr heroischen Volkes, das hinter dem Sarge seiner eigenen Herrlichkeit einhergeht, fühlt die kommende Verwesung, das Längstgestorbensein der österreichischen, der kaiserlich-königlichen, der wienerischen Welt, die ja auch vor dem Kriege nur ein halb witziger, halb wehmütiger Schatten ihrer einstigen Herrlichkeit war, ein Gespenst des Zweifels, aber ein bürgerlich gekleidetes, durchaus nicht dämonisches Gespenst, eine wandelnde Leiche, aber voll von Ironie, Menschlichkeit, Trauer, Güte. Hier ist Ehrenstein eine ganz runde Schöpfung geglückt, Tubutsch ist eine Gestalt, die wirklich lebt. Wenn man die Entwicklung dieses Dichters von »Tubutsch« weiter verfolgt, muß man, um auch nur annähernd die Kurve nachzuzeichnen, den Begriff des Jüdischen, und sei es nur zu einem kleinen Teil, fester umreißen. Ein Teil des Jüdischen scheint mir in seiner Bipolarität zu liegen. Bipolarität ist die Scheidung: zwischen Gut und Böse, zwischen Hier und Dort, zwischen Gott und Mensch. Bipolarität ist die Forderung des Juden nach Entscheidung. Urteil fordert der Jude, und sei es Todesurteil: Gottes oder des Menschen. In diesem Sinne wird das Buch Hiob das stärkste jüdische Dokument sein, und das, was Hiob ist, wird sich niemals wegdenken lassen aus der Geschichte des menschlichen Geistes. Eine andere Seite dieser Bipolarität ist das Ringen Gottes um den Menschen. Die ganze Bibel ist nichts als der Wille Gottes, den Menschen zu erscheinen. Die ganze Bibel spricht von Gottes Kraft, die er daran setzt, den Menschen evident zu werden; als etwas Selbstverständliches sich ihm einzupflanzen ins innerste Herz, als etwas Gutes, aber vor allem als ein Muß, als ein Anfang ohne Frage und ohne Ende. Da die Bibel von Menschen geschrieben ist, so ist sie nichts als das, was Ehrenstein in seinem letzten Werke: Briefe an Gott nennt. Vergebliche Briefe, trostlose Rufe in die Leere, denn die Welt ist leer, sagt Tubutsch, böse Botschaft, denn die Welt ist böse, die Menschen sind böse, die Gottes Ebenbild sind, von ihm nach Wunsch und Willen geschaffen. »Da aber der Herr sah, daß der Menschen Bosheit groß war auf Erden und alles Dichten und Trachten böse war immerdar, da reute es ihn, daß er die Menschen gemacht hatte auf Erden, und es bekümmerte ihn in seinem Herzen.« 1. Moses, 6. Kap., 5. Vers. Das ist die Posaune des letzten, des Jüngsten Gerichts, das ist der Grundzug aller heiligen Schriften; es wird nicht immer davon gesprochen, aber immer daran gedacht, und wenn sich diese Reue Gottes, dieser ewige, vergebliche Kampf Gottes um seine Evidenz in den Büchern Moses und den anschließenden Schriften vulkanisch, explosiv, in Feuer und in Flammen austobt, so wird er doch nie ausgekämpft, im Buche Hiob wird er ganz rein, Geist gegen Geist, ausgetragen. Hier Gott, dort Gegengott. Hier Zeugen: überall das Gericht und nirgends die Gerechtigkeit. Am menschlichsten, am verklärtesten ist dieses ewige Remis der unendlichen Schachpartie in den schönen Versen des Predigers: »Ich wandte mich um und sah alle, die Unrecht leiden unter der Sonne; und siehe, es waren Tränen derer, so Unrecht litten und keinen Tröster hatten ...« Ehrenstein sagt: Da Trost stets nur beim Tröster bleibt ... Da lobte ich die Toten, sagt der Prediger, die schon gestorben waren, mehr denn die Lebendigen, die noch das Leben hatten; und der noch nicht ist, ist besser denn beide und der des Bösen nicht inne wird, das unter der Sonne geschieht. Weh, daß auch euch Sterblichen Strahl entstürzt des Lebens – In neun wildwachsenden Monden Hinfällig ein Same sich zur Sonne krümmt. Zigarettenkurz euer Tag verraucht in der Pfeife. Die der steinerne Tod lakonisch ausklopft. ... Menschen sterben, Strom ist Ring, Die Gotteswoge Wasser Bin ich. (Ehrenstein, »Wien«) Wie sich Ehrenstein aus dieser Bipolarität hilft, wie er mit ungeheurem Schwung über den Abgrund setzt, wie er kein Wort des Witzes, der Blasphemie, der blutig bitteren Träne scheut, das ist sein Mut, sein Glück in der Finsternis, sein rettendes Geheimnis, sein Simsonhaar. Er geht nicht vor, er wandelt nicht voran, er kann nicht bleiben, nicht reden, nicht verweilen. Wenn er stehen bleibt, versteint er wie Lots Frau. Hier ist die Grenze der bipolaren Einstellung, die Waage, die zwischen Gott und Menschen zu schwanken aufgehört hat, aus welchem Grund es sei, ist nichts als leeres Metall. Hier berührt er sich mit Karl Kraus, dem in seiner Art gewaltigsten Menschen, den Wien, vielleicht den Europa hervorgebracht hat. Ungeheuer sind die Fäuste dieser Männer, wenn es heißt, die in Himmel und Hölle auseinanderstürzende, die gegen sich selbst zweischneidig rasende Welt zusammenzuschmieden; muß es sein? es muß sein! in einer einzigen Faust, in einem Satz, in einem Gegensatz, in einem Wort, einem Witz. Frieden, ruhende Gestaltung ist ihnen versagt. Wäre Ehrenstein ganz versagt, hätte er nicht den Tropfen hellenischen Bluts in sich, von dem anfangs die Rede war. Es ist nicht das kristallisierte apollinische Griechenland Platos und der großen Sophisten, sondern ein phönizisch angehauchtes, vom Ostgestade her süß und geheimnisvoll umduftetes Hellas, von Homer bis Lukian, das des Dichters ausgedörrte Adern neu füllt. Hier gewinnt er neues Blut, neue Farbe, eine aus tausend Toren strömende Welt, eine in tausend Angeln sich wandelnde Sphäre: Dionysos und Ahasver. Noch bleibt etwas ungelöst: Vollkommen ist nichts, was aus diesen Gründen kommt. Die frei im Raum schwebende, sanft knisternde, grenzenlos umgrenzte Kugel, der im Ruhen wandernde Stern des Ostens, das, was uns aus den Schriften der östlichen Meister und aus ihren Landschaftsbildern entgegenweht, die Versöhnung über der Welt, wenn auch nicht in der Welt, das hat auch der ganz große, ganz geniale Ehrenstein nicht. Aber außerhalb dieses vergöttlichten Bezirks, dieses »dritten Kreises«, hat er alles. Er hat alles, weil er bis ins letzte fühlt. Er spielt mit den Worten, aber seine Seele spielt nicht. Seine Seele verliert nie den furchtbaren, und doch freudevollen Ernst des Zeugens; wer zeugt, der spottet nicht. Wer zeugt, verzweifelt nicht. Mitten in den furchtbarsten Greueln, die ein Menschenauge zu sehen je gezwungen war, verzweifelt er nicht, er versagt nicht, er verstummt nicht, er steht da, und was er sagt, steht da, sein Schrei steht vor dem Höllenfahrtzug der Jahre 1914-1918 wie eine einzige, Tag und Nacht flammende Fackel. Von hier aus führt ein zweiter Weg zu dem jüdischen Wesen, dem jüdischen Urquell: seine Intensität, seine Glaubensstärke. Hier begegnet er sich mit den großen zornigen, den glühenden Eiferern, den Glocken aus feurig flüssigem Metall. Zwischen dem Nein Gottes und dem Nein der bösen Welt liegt der Fluch; auch er ein springender, überbrückender Funke, ein Positivum, eine rettende Tat, und wenn sie nur den Täter rettet: vor sich selbst; ihn reinigt im Feuer. Jesaias, Hesekiel und die weltweiten Verdammungen und Höllenzwinger der mosaischen Schriften stürzen neu geboren aus der alten Verzweiflung und dem alten, nie zerstörbaren Willen zum Paradiese. Der Jude ist »heroisch«; vielleicht ist sein Grundwille der Welt gegenüber heroisch, heldenhaft, die gewappnete Faust gegen das Böse, die spartanische Reinheit im Hassen, im Himmelan, im Sternabwärts bis zum Höllensturz. Fluch ist ein heroischer Ausdruck der Verzweiflung, denn niemand verflucht die Welt, ohne auch sich selbst mit zu verfluchen, Fluch ist das Gebiet des heroischen Menschen, die letzte Brücke in die höheren Himmel, die letzte Leine, halb Lasso zum Würgen, halb Rettungsseil, ausgeworfen vom stürmenden Herzen in seiner tiefsten Stunde. Einen Hauch des Geistes von Jesaias wird man bei Ehrenstein nicht verkennen dürfen. Jesaias sagt: »Das ist die Last über Babel, die Jesaias, der Sohn Amoz' sah. Heulet, denn des Herrn Tag ist nahe. Er kommt wie eine Verwüstung vom Allmächtigen. Schrecken, Angst und Schmerzen wird die Menschen ankommen; es wird ihnen bange sein wie einer Gebärerin; einer wird sich vor dem anderen entsetzen, feuerrot werden ihre Angesichter sein. Denn siehe, des Herrn Tag kommt grausam, zornig, grimmig, das Land zu zerstören und die Sünder daraus zu vertilgen. Denn die Sterne am Himmel und sein Orion scheinen nicht helle, die Sonne geht finster auf, und der Mond scheint dunkel. Er will den Erdboden heimsuchen um seiner Bosheit willen... Dann will ich den Himmel bewegen, der die Erde heben soll von ihrer Stätte, durch den Grimm des Herrn und durch den Tag seines Zornes. Und sie soll sein wie ein gescheuchtes Reh. Wie eine Herde ohne Hirten. Es sollen die Kinder vor ihren Augen zerschmettert werden, ihre Häuser geplündert, ihre Weiber geschändet ... Die Jünglinge mit Bogen erschießen, sich der Frucht des Leibes nicht erbarmen, noch der Kinder schonen ... Also soll Babel, das schönste unter den Königreichen, die herrliche Pracht der Chaldäer, umgekehrt werden von Gott wie Sodom und Gomorrha ... daß man hinfort da nicht mehr wohne, noch jemand bleibe für und für... und Strauße werden da wohnen, und Feldgeister werden da hüpfen ...« Jesaias 13, V, 1-20. Ehrenstein in seinen Versen: »Wien«: Wien weint hin im Ruin. Wien, du alte, kalte Hure, Ich kauerte an deines Grabes Mauer ... Wien – nieder brennt dein Feuer. Dein Tag verkohlt. Menschen zur Asche sinkt von Höhen Weiland der Wald. Ich rufe Wehe über die Stadt, Ich rufe Wehe über das Wesen, Das um Asche und Papier Den Wald vergessen hat. Ich bitte euch, zerstöret die Stadt, Ich bitte euch, zerstöret die Städte. Ich bitte euch, zerstöret die Maschinen. Zerreißt alle Wahnschienen. Entheiligt ist euer Ort, Euer Wissen ist nördliche Wüste, Darin die Sonne verdorrt. Ich beschwöre euch, zerstampfet die Stadt, Zertrümmert die Städte! Ehrenstein, alttestamentarisch in Zorn, Glut und Fluch. Keiner verflucht die Welt, der sich selbst nicht verflucht: Ich habe gelogen, Ich habe betrogen, Es war nur Zufall, Daß ich nicht mordete. (Gedicht »Ottakring« in »Wien«) Es ist der gute Sohn, der das herzenswarme Gedicht von der Mutter schreibt. Verwundet Mädchenkind, das sich zur Mutter rundet, Deine Krippe ist gebenedeit: Messias schläft in jeder Wiege, Gottverbündet. Aber es ist der Hasser, der Mensch, der die Hand aufhebt gegen alle und gegen die Mutter nicht zuletzt. Er geht im Guten, im Bösen, im Sich-selbst-Segnen, im Sich-selbst-Fluchen bis ans letzte, er lebt bis ins letzte, er schreit und heult, er jammert, jubelt und zischt schlangengleich, das ist so, weil er glaubt. Eine große, gläubige Seele glaubt mit der letzten, tiefsten, rasenden Kraft, mit dem Krampf, mit dem äußersten Kreiselschwung der anima non candida, und glaubt doch nie genug; nie versöhnt er sich, mit gewaltsam zerrissenem Munde findet ihn der Tag nach fürchterlicher Nacht. Er, Flucher und Verfluchter, Priester und Verdammter, Prophet und nie zu besiegender Zweifler, stellt sich mit der Stärke der Helden der Welt noch einmal zum entscheidend gewollten und doch nie entschiedenen Zweikampf, dies ist jüdisch im hohen Sinne: Wie im »Hamlet« springt er ins offene Grab der Welt: Ich bin Hamlet, der Däne: Ich bin der Dichter, der Zernichter, auf der Spitze seines Schwertes schwankt, in Himmels- und Höllenfarben funkelnd, das dämonische Gestirn. So kann er sterben, ruhen, befriedet sein. – ich selber will Still, ernst, bewußt im Weltenwüst, Bescheiden, ohne mein und dein, Wahrhaftig, jenseits groß und klein, Meiner Seele Löser und Erlöser sein. (Briefe an Gott, S. 15 f.) Der Messias starb nie in ihm; noch hat es sich, das ewig hoffende, ewig blühende Herz, das nie zerstörte, ungebrochen in der Weltwanderung, das sich ohne Ermüden aufbäumt zu blutiger Flamme in der Verzweiflung. »Keiner geselle sich zu mir, ich bin allein und will nur die Sonne. Ihr kennt nicht die Kälte, denn aller Schatten dieser Erde ist in meinem Antlitz. Wenn mich Gott fragt, Werde ich antworten ...« Goethe Je älter man wird, desto deutlicher wird es dem Denkenden, dem Lebenden, dem Liebenden bewußt, daß in der Existenz jedes einzelnen ein Duell mit immer wechselnden Duellregeln, aber unweigerlich gleichem Ausgang seinen Ausdruck findet. Schon das Wort Existenz hat die Fechterattitüde, es ist ein Wort der notgedrungenen Verteidigung, der mühsam mit gestrecktem Handgelenk gehaltenen Auslage. Denn kein Lebender besitzt Sehnen, Knochen, Nerven, Adern, an die nicht der unsichtbare, aber immer gegenwärtige Gegner, spielend erst, aber dann mit dem äußersten, stillsten, unbeugsamsten Ernst rührt: gewillt und stark genug, um sie zu erschüttern, wankend, schwankend, sinken zu machen, Schicksal, Zwang, Tod. Je älter man wird, desto deutlicher wird es jedem, welch unbeschreiblicher Fechter Goethe war. Ihm, sicherlich als Menschen, vielleicht auch als Künstler, ist das bessere Teil Faustens zum Segen geworden. Er hat zwei (mindestens zwei) »Vorteile« in seiner über fast ein Jahrhundert hin ausladenden Fechter-Attitüde sich gewahrt. Den ersten Vorteil: Goethe ist ohne schwerste Erschütterungen, einem edlen Baume gleich, alt geworden, nie der südlichen Atmosphäre heiterer, schmerzloser Liebe entratend, nie in seinem Wesentlichen, Wertvollsten, Unersetzbarsten verdorrend. Wenn je ein Mensch, dann war er zufrieden, er konnte das große Wort sagen: Ich tat nie Unrecht, erlitt es nie. Er hat das Wort Gegenwart seiner drohenden Medusafratze entkleidet und den blind versteinernden Blick der Dämonen ruhevoll ausgehalten. Gegenwart, ist in diesen zwei kaum zu vereinbarenden Worten nicht schon der ganze tragische Konflikt des einzelnen mit dem unerfaßbaren Ganzen zusammengefaßt, der Kampf des schönen Augenblicks mit den trotzig aufgetürmten Zeiten, die, bröckligen Pyramiden gleich, den armseligen Erdensohn zu verschütten drohen, kaum daß er nur dagegen atmet? Goethe ist kein tragischer Mensch. Jede Tragik war ihm fern. Das wußte er, mußte er, wollte er. Und dies ist sein zweiter Vorteil, sein zweiter Segen, eine nicht niederzuschlagende Parade des Fechters. Aus Wissen, Wollen, Müssen, aus diesen dreifach gewebten, verworrenen Zügeln, die das unselige Roß der Seele nach drei verschiedenen Richtungen reißen wollen, aus Müssen, Wollen, Wissen, woraus jedes Erdenkleid gesponnen ist, damit es zerfalle, woraus jedes Erdenbrot gebacken ist, damit es vergehe und schwinde, womit jede Erdenluft getränkt ist, auf daß sie uns einen Augenblick labe und im nächsten hungrig zurücklasse, so daß von uns keiner sich richtig eratmet, sich niemand richtig sättigt am guten Erdenduft, keiner sich geschützt und geborgen wähnen darf im Erdensturm – aus Wissen, Wollen, Müssen baute der Einzige sein Dasein, sein Dortsein auf, so wandelte er den Zwang zur Freiheit, die Not zur edlen Beschränkung, die enge Grenze zur hohen Form; so lebte er, biblisch in Frieden und Freude, starb des Lebens satt. Er, der Einzige seit Menschengedenken, von dem man es weiß. Er war der greise Faust, der den Stern der Dämonen unter sich trat, er, der klügere, der stärkere. Nie schlug das infame Weltgetriebe ihm den Degen aus dem spielend beweglichen, aber stählernen Handgelenk. Er betrog den Teufel um seinen Lohn. Er stieg gemessenen Schrittes, nichts fürchtend noch hoffend, nicht heimlich, nicht höhnisch, nicht verzweifelt, auch nicht versöhnt, nur befriedigt und ruhevoll die Treppe zur Unterwelt hinab, wie den altgewohnten Weg über die italienische, breit und edel schweifende Treppe seines Hauses. Er starb nicht wie Moses, das Gelobte Land bloß mit den leeren Blicken ewig ungesättigter Sehnsucht umfangend. Er hatte es längst besessen, längst verlassen. Seitdem Menschen sich der Menschen erinnern, von jeher war er der einzige, der bewußt verzichtete, der Ungeheures preisgab, nicht einmal preisgab, sondern es einfach entschwinden ließ, um scheinbar Selbstverständliches zu gewinnen. Napoleon, sein Zeitgenosse, war gierig, was Goethe nie war, war stets berauscht von seinem Schatten, ja, immer im Wettlauf mit seinem Schatten begriffen, wie ein bodenscheuer Gaul. Napoleon war der Schwächere: Er zahlte seinen Lohn, nicht seiner Idee zu Ehren, aber er zahlte doch im Ernst, im heiligen Punkt besiegt. An den Grundfesten der Welt, an den uns unvereinbaren Säulen des Daseins den Kristall seiner unerhörten Existenz zerschmetternd, ein Degen, Napoleon, der gegen die Felsen von Sankt Helena ficht, Meer und Himmel und Hölle zwischen sich und seinem Feind. Tragisch endete auch Napoleon nicht. Aber tragikomisch. Goethe endete nie. Er entschwebte mühelos, mit dem zartesten Druck seiner Ferse den Erdball mit seinen Himmeln, Gründen und Abgründen zurückstoßend ins Nichts. Freude und Gerechtigkeit, niemand außer Gott hat Arme, stark genug, euch beide zu umfassen. Aber in der fernen Ahnung des sonnengleichen Genius findet ihr euch, nicht versöhnt zwar, aber ohne klirrenden Kampf, ohne Klage, ohne Vernichtung: Auge in Auge, Brust gegen Brust, nebeneinander, wenn auch nicht ineinander. Ihr blickt aus Goethes Seele nicht so groß, wie Gott euch schuf. Die Freude Goethes war nicht die Freude des sommerberauschten, ekstatisch flirrenden Insektes, nicht die Freude des Trotz-allem-Beethoven im Finale der achten Symphonie. Die Gerechtigkeit Goethes war nicht die des Hiob, kaum die des reichen dunklen Salomo. Aber Goethe war der erste ganz große Mann, der sich wissend klein machte, das erste Genie, das praktisch lebte. Unmöglich kann der säkulare Mensch in der vergänglichen Welt sich zu Ende leben. Er muß gegen sie leben, denn sein Wissen um die Welt, sein Wollen, und darum auch sein Müssen, sind tiefer als die Welt war bis vor ihm. Aber es gibt eine Möglichkeit des »Doch-Noch«, eine Gnade der praktischen Weltauffassung, die in dem Geheimnis Goethes beschlossen ist und die wir kaum ergründen. Vergebens stellen wir ihn den tragischen Genien Kleists und Beethovens entgegen. Vergebens spiegeln wir die vollen Linien seines Seins und seiner Kunst in dem blinden, namenlosen, aber das Universum umfassenden Spiegel Shakespeares. Wir werden Goethe nie mit irdischen Maßen messen können; nie mit einem andern Maße als mit Goethe. Das deutsche Volk, die gesamte Menschheit ist gesegnet mit seinem Andenken. Er ist aber kein Dom, darin zu beten, kein Stab, sich darauf zu stützen, kein Ohr, sich hinein zu ergießen mit der ganzen Torheit unseres Schmerzes, mit der ganzen Vergeblichkeit der menschlichen Existenz. Er ist ein Sternbild, größer als alle Sonnen, aber fern wie der am weitesten fortgescheuchte Atem aus Gottes Mund. Er ist der Punkt, der zeigt, wie weit es die Menschheit gebracht hat. Das tröstet uns nicht. Wo die Welt stünde, hätte er, der Halbgott, den Giganten, Lapithen und Zentauren gleich, den Kampf gegen das Unentrinnbare aufgenommen, wäre er, der Gegennapoleon, auch der Übernapoleon geworden, der er war, von Gottes Gnaden oder Gottes Fluch – denn glücklich wird immer nur der Gemeine und das Gemeine in uns sein – wäre der Genius Goethe ein tragischer Held geworden oder ein tragikomischer ... niemand denkt diese Möglichkeit zu Ende. Gesättigten, freudigeren Zeiten wird dieser Mann die tiefste Bestätigung sein dafür, daß menschliches Glück irdisch möglich ist. Mehr als das, daß ein praktisches Dasein den größten Geist erfüllen, befruchten kann. Unsrer ungesättigten, verzweifelten Zeit ist er ein Stern, dessen Licht wir dankbar trinken. Wissend, es sei vor tausend Jahren schon von dem Urgebild entsandt, nicht uns, den damals noch Ungeborenen zugedacht und zugesegnet. Aber wenn der Sirius eben leuchtet, leuchtet er kommenden Geschlechtern voraus, glücklicheren, so hoffen wir. Denn was uns adelt, im Guten und Bösen, uns alle, die wir heute leben, das ist das Wissen, kein Geschlecht der erdenbewohnenden Menschen war so sehr erdenbeweinend wie wir. Ernest Shackleton In dem Gymnasium, das ich besuchte, gab es einen Festsaal, den die Schüler nur in seltenen Augenblicken, bei besonderen Feierlichkeiten, bei Dankgottesdiensten und bei dem Abiturientenexamen betreten durften. Der Saal, in körnig-kalkigem Weiß, die hohen, strengen Säulen kanneliert, ab und zu eine feine Linie edles Gold, alles Würde, alles Zeichen des Bestehens, der Autorität, des ernsten, aber nicht gehässigen und jugendfeindlichen Geistes, in dem die Schule gefühlt wurde. Vielleicht ist durch den Geist dieses Saales mehr an Erziehungsarbeit geleistet worden als durch viele Unterrichtsstunden. Was an Idealen in dem jungen Menschen sich entwickeln soll, wird hier gesät, der künftige Sportsmensch, der Fußballenthusiast ist der Vertreter der einen Richtung, der Ehrgeizige, der Autoritätsmensch, der an die Sendung der Menschheit Glaubende ist der andere Typus, und der dritte ist derjenige, der die wirklichen Werte des Lebens, Geld und Macht, Auftreten und Besitzen schon in der Schule und gegen die Schule erfaßt. Denn in der Schule wird man keineswegs zum praktischen Leben und zur realen Auffassung der wünschenswerten Dinge in der Welt erzogen. Wie könnte denn auch dies in einer Anstalt geschehen, wo man von der Macht des Geldes nie etwas erfährt, wo Mathematik und Griechisch gelehrt werden, aber nicht die Kunst, mit Menschen zu sprechen, noch auch die größere, Menschen anzuhören, und am wenigsten die größte, ihnen seinen Willen aufzuzwingen und sie dabei in dem Glauben zu lassen, es wäre der ihre? Die Schule hat ihre eigenen Ideale, und der Festsaal ist der heilige Ort, wo diese in Schweigen zwischen edlen weißen Mauern thronen. Es gibt noch heute Menschen, die in ihrem ganzen Leben diesen Idealen, das heißt diesen Träumen und Illusionen nachjagen und die in einer doppelten Art von Heldentum ihre eigentliche Sendung, ihren Beruf und ihre Würde, vor allem aber ihre Freude finden. Doppelt deshalb, weil die Intensität ihrer Lebensführung die Riesenausnahme der genialen Natur verrät, und dann deshalb, weil das, was sie anstreben, so ganz verschieden ist von dem, was allen anderen als Lebensziel vorschwebt. Doppelt sind sie deshalb vereinsamt und ihre einzige, aber nie zu erschütternde Stütze haben sie an ihrem blinden, weltabgewandten Glauben an sich und an die unbedingte Notwendigkeit ihrer Ziele. Wenn es ein Zeichen einer hohen Liebe ist, in ihrem Gegenstand das Unabwendbare , das Muß zu sehen und den sonst nur äußerlich empfundenen Zwang der Natur als innere Notwendigkeit zu fühlen, dem Schwung der Welten sich nicht zu widersetzen, sondern ihn zu überflügeln in dem unbeschreibbaren Rausch des Wirklichen – dann hat der vor einiger Zeit heroisch gestorbene Forscher Sir Ernest Shackleton , der Entdecker des Südpols, in dem edelsten Rausch des Wirklichen gelebt, geschaffen, gelitten und geendet. In einer Zeit, in der ganze Völker sich um niedere Interessen wie die Tiere und ärger als die bestialischsten aller Bestien zerfleischten, hat dieser in seinem Willen und Können unbeirrbare Held und Dichter das letzte Beispiel einer höheren Auffassung des Daseins gegeben. Er hat sich an der Chimäre gefreut, ist ihr bis in den geheimnisvollsten Winkel der unbewohnten Erde gefolgt, und in den Tatzen dieser Chimäre, die halb zärtlichste Mutter, halb blutdürstende Tigerin ist, hat er sein sterbliches Teil gelassen. Man wird dem Film viel verzeihen, wenn man ihm dafür danken kann, daß er uns die Möglichkeit gab, den großen Abenteurer, den größeren Entdecker und den ewigen Jäger der Chimäre von Angesicht zu sehen. Der Film wurde so angekündigt: »Shackleton, Südpolexpedition. Ein naturgeschichtlicher Meisterfilm. Ein lebendes Dokument. Eine wahrheitsgetreue Schilderung eines ruhmreichen Unternehmens.« Gibt es also noch andere Unternehmungen auf unserer unseligen Erde außer der Eroberung der Märkte? Gibt es noch einen Ruhm, der nicht in achtstelligen Zahlen erschöpfend ausgedrückt werden kann? Gibt es noch Menschen und Werke, die nicht von einer sonst völlig unbeteiligten Nation zum Plakat ihrer Fabrikate herabgewürdigt werden können? Lebt der Geist des Festsaales noch in einigen, in wenigen, und sei es selbst in einem einzigen Menschen? Nein, er lebt nicht mehr. Der große Mann ist tot. Das Klischee, das dem Film, nicht dem Mann zur Reklame dient, zeigte Ernest Shackleton ganz schlicht, in Straßenanzug mit weißem Umlegkragen, mit sorgfältig gekämmtem Haar. Ohne Orden, ohne Walfischjägerpelz, nicht auf der Kommandobrücke; sondern nur gepanzert mit dem Zug des großen Wollens in dem edlen Gesicht, dem man jetzt die Bestimmung eines sehr frühen Todes anzusehen glaubt. Dieses im Äußern bürgerliche Wesen steht in einer romantischen Umgebung. Ein zackiger, zerrissen aufgetürmter Felsen im Hintergrunde, ein schräg zwischen Eismauern eingezwängtes kleines Schiff mit kahlen Masten, leeren Rahen, ein Himmel, der in sinnlosen grauen Zickzacklinien die Öde der unendlichen arktischen Himmel bezeichnet. Begraben liegt dieser große Mann in einem kleinen Walfischfängerhafen Südgeorgiens. Man überführe die Leiche nicht in das Pantheon, nicht in die Westminsterabtei, nicht in einen der vielen Tempel, wo Asche von Asche angebetet wird. Man streiche nicht aus den Lehrbüchern der Geschichte die Berichte der Erbfolgekriege und vieler unsinniger Siege und noch unsinnigerer Friedensfeste, um statt dessen das Leben, Werden und Sterben Shackletons in die leer werdenden Seiten der hohlen, unmenschlichen Historie einzufügen. Man lasse die Leiche dort, wo sie ruht. Dieser Mann war groß. Dieser Mann hatte die physische Kraft, im Jahre 1916 (was tat Europa zu dieser Zeit?), während einer vierzehntägigen Reise in offenem Boote in arktischer, eisstarrender Luft, bloß zwei Freunde an seiner Seite, in den Hafen zurückzukehren, er hatte die physische Kraft, ohne Ruhe dann in Parforcemärschen das vergletscherte Gebirge zu überqueren, nachdem er auf offener See schon 1000 Kilometer zurückgelegt hatte, und jetzt, nach diesen wahrhaft übermenschlichen Anstrengungen ohne einen Augenblick der Ruhe, trotz der tiefsten Erschöpfung eine Rettungsaktion für seine auf der Elefanteninsel zurückgelassenen Gefährten ins Werk zu setzen. Dieser große Mann war nicht glücklich. Er hat den Südpol, dem er sich mehr als ein Mensch vor ihm genähert hatte, nicht erreicht. Alle seine Unternehmungen standen unter bösen Sternen. Er sah diese Sterne, denn er war ein Mann des Lebens, er kannte die Wirklichkeit, er liebte sie. Er fürchtete sie und wagte dennoch alles. Der Held ist das quand même, das allen zum Trotz, das unpraktische, das heroische, das dichterische. Sir Ernest Shackleton schrieb noch kurz vor seinem Tode einige Zeilen: »Nach dem furchtbaren Sturm ist es wieder ruhig und still geworden. So fängt das neue Jahr« (diese Tagebuchnotiz stammt vom 1. Januar 1922) »gut für uns an. Es ist doch merkwürdig, welche Rolle gewisse Tage in unserem Leben spielen. Während der fürchterliche Sturm am Weihnachtsabend tobte, glaubte ich nicht, daß das Schiff diesen überwinden würde, und die Angst grub sich tief in meine Seele, weil bis zum Schluß des Jahres mir so vieles fehlgegangen war. Die Maschinen waren nicht zuverlässig, wir hatten zu wenig Wasser mitgenommen, die fürchterlichen Stürme nahmen kein Ende.« Am 2. Januar: » Wieder ein herrlicher Tag! ... Um 1 Uhr passierten wir den ersten Eisberg, und der wohlbekannte Anblick weckte in mir Erinnerungen, welche die letzten anstrengenden Jahre bereits hatten verblassen lassen. Die blauen Klüfte des Eisberges leuchteten weithin, und im Meer ließ der Eisberg eine grüne Spur hinter sich. Wieviel Jahre sind vergangen, seitdem ich in meinen besten Mannesjahren zum Kampf auszog! Ich bin alt und müde geworden, muß aber doch weiterarbeiten.« Welch ein Zeichen hoher Liebe, in ihrem Gegenstand das Unabwendbare, das Muß zu sehen, den sonst nur äußerlich empfundenen Zwang der Natur als innere Notwendigkeit zu fühlen, dem Schwung der Welten sich nicht zu widersetzen, sondern ihn zu überflügeln im unbeschreiblichen Rausch des Wirklichen! Des großen Mannes letztes Wort, einige Stunden vor seinem Tode: »Wieder ein wunderbarer Tag ... Das Glück scheint uns im neuen Jahr treu zu bleiben ... Endlich haben wir an einem friedevollen, sonnigen Tag in der Grytbucht in Südgeorgien Anker geworfen. Der Geruch der Wale durchdringt alles ... In der Dämmerung des Abends sah ich einen einsamen Stern sich wie ein Edelstein über die Bucht erheben ...« In dieser Bucht liegt Shackleton begraben. Von den Sternen des südlichen Poles überschimmert, starrt in Eis und Frost das Grab des letzten großen Europäers. Daumier Es scheint festzustehen, daß der Teufel nicht bloß mehr Macht über den Menschen besitzt als das gute, das wohlwollende menschliche Prinzip, sondern daß auch die Einsicht des Bösen in das Innerste der menschlichen Triebe und Getriebenheiten tiefer ist als die wohlmeinende, eudaimonistische Blickrichtung von der anderen Seite. Aber der Teufel schafft nicht, sondern er verneint nur das zur fragwürdigen Gestalt Herangeborene. Er lächelt wie die erbarmungsloseste Wirklichkeit, von Zorn und Liebe unberührt, da er, wenigstens der Heiligen Schrift nach, aus dem wirklichen Leben längst ausgeschieden, nur als Gespenst Gottes unter uns wandert und webt. In dem unhemmbaren Schaffensdrang mancher Irrsinnigen ist ein wenn auch verzerrter Spiegel einer dem Teufel entgegengesetzten Welt. Es liegt sogar in jedem Schaffen und Wollen, wenn es einer mit dem äußersten Ernst betreibt, ohne zu wissen, ob sein Gewinn mehr Bestand hat als das unweigerlich im Herbst sterbende und im Winter verfaulende Blatt, etwas von dieser Besessenheit der Irrsinnigen, etwas von dem Schaffenswahn und der zügellosen Gewalt des Kranken, welcher der erbarmungslosen Wahrheit mit schäumendem Munde, rollenden Augen und fieberhaft emsigen Händen entrinnen will und muß. Aus diesen beiden Elementen, hier der überscharfen Einsicht des Bösen ins Böse und dort der Gottbesessenheit, dem Zeugungswahn des Irren, besteht jede dämonische Kunst. Sie ist im innersten Grunde disharmonisch. Da aber die ganze Welt, wie wir alle sie zu erleben verflucht und gesegnet sind, disharmonisch ist, wird diese dämonische Kunst, so abstoßend sie sich im ersten Augenblick auch darbietet, doch das wahrste Abbild der doppelt gespiegelten, zwischen Hölle und Erlösung schwankenden Seele des wahren Menschen sein. Rembrandt ist in diesem Sinne wahrer als Raffael und Tizian, Kleist wahrer als Schiller, Cervantes wahrer als Calderon, und Daumier wahrer als alle Meister und Schüler seiner Zeit. Daumier ist geboren in Marseille, im Jahre 1808, er stand in den Jahren 1830-1860 auf der Höhe seines Schaffens. Man vergleicht ihn mit Balzac, denn seine unzählbaren Zeichnungen, Bilder, Lithographien geben in ihrer Gesamtheit ein ebenso ausführliches Lexikon der Mitwelt und Umwelt wie Balzacs »Comédie humaine«. Man vergleicht ihn mit Rembrandt, da seine ungeheure, in der engsten Kunstform (Gemälde kleinen Formates und hauptsächlich Lithographien) brausend explodierende Genialität zu den ergreifendsten Antithesen von Licht gegen Schatten kommt. Sein gegen Nichtsein, Himmel gegen Hölle, Myriadenzahl des dargestellten kleinbürgerlichen Objektes gegen die fast anonyme Einsamkeit, mönchische Verlassenheit des Schöpfers. Daß sich in Honoré Daumier einer der gewaltigsten Dichter und Gestalter ausspricht, ist in den letzten Jahren, als man den ungehobenen Schatz seiner Gemälde entdeckte, allen offenbar geworden. Er hat die Ergebnisse dessen, was man Expressionismus nennt, ebenso vorweggenommen wie Rembrandt. Rembrandts Hundertguldenblatt ist eine Schöpfung, die an Intensität, an Gottesbesessenheit, an Verzicht auf äußeren Lärm und Erfassung der inneren Musik alles leistet, was die Expressionisten verlangen; aber auch Daumier hat Blätter, Gemälde, Situationen, Zusammenballungen, Ausstrahlungen von so unerhörter Kraft, daß alle Meister seiner Zeit, selbst der große, glühende Delacroix, neben ihnen verblassen. Es gibt ein Bild von Daumier, L'émeute, Der Aufruhr, genannt, das die kühnste Fahne ist, die je zwischen den Grenzen eines Rahmens geschwungen wurde, ein einziger rasender Zug nach oben, nach vorwärts. Eine Hand, ein Arm, ein Auge, ein blonder Lichtfetzen, tiefe Abgründe von Schwarz zu beiden Seiten, nichts an Impression, nichts an Empfindung. Alles an Ausdruck, alles an Gewalt; nichts von Wehmut, Besinnung, alles der Gestalt. Ein Dramatiker von unglaublicher Geste, Aristophanes voll Spott, Shakespeare in der Fülle und Überfülle der von allen Seiten erfaßten menschlichen und unmenschlichen Herzen. Ein Realist, der den tollsten Phantasien unterworfen ist und dieser tollen Phantasie nicht anders gerecht werden kann als dadurch, daß er die Wirklichkeit, durch die Augen des Satans gesehen, mit der schaffenden Hand eines Gottes nachzeichnet. Ein Mann des größten Mutes, und schon deswegen ein ganz ungewöhnliches, am ersten Himmel strahlendes Gestirn. An lebender Freude, am Appetit auf das Dasein und seine tausend Verkleidungen ist ihm nur der in seiner Sphäre einzige Peter Paul Rubens verwandt. Er, Daumier, ist aktuell in einer Weise, die jeden Beschauer heute erschreckt. Würde dieser Daumier heute in die Zellen des Strafgefängnisses Moabit eingelassen, oder hätte er die Bürger in den Straßen, die Reichen am blendenden Bankett, die Redner auf den Tribünen von heute, die Kranken in ihren Betten und Zellen, die Liebenden im dunklen Park, die Alternden in den Asylen, die Mörder, die Hochstapler, Eitlen und Melancholischen von heute zu zeichnen, und als erstes und letztes: hätte er uns selbst zu zeichnen, so würde es nicht ein einziger neuer Strich, nicht eine neue Kontur in dem Schattenspiel von Helle und Finsternis sein als das, das schon seit fünfzig Jahren in seinem gesammelten Werk beschlossen und vollendet ist. Es gibt nichts, was an uns allen sterblich ist, und das schon heute, mit jeder Stunde und an jedem Ort stirbt, das nicht schon dastünde in seinen Blättern. Man sieht sie nicht wie Kunst, nicht wie Traum, man sieht sie wie seinen Spiegel, man sieht sich, wie der Mensch nach dem Sündenfall sich sieht, verarmt, müde, von kleinen Leidenschaften gehetzt, immer hungrig, nie befriedigt, man erlebt den Buckel, die Krankheit, das Groteske, man sieht die Gemeinheit, den Schmutz, die Komik; man erkennt schaudernd die Notwendigkeit des allgemeinen Vergehens, man versteht die Häßlichkeit der menschlichen Kreatur, ihre Lächerlichkeit, ihr Grauen, ihre Leere, ihr Grab. Hier freilich endet auch sein Reich. Grandeur et misère, aus zwei Quellen wird die menschliche Existenz gespeist. Die Größe des Menschen, sein mit ihm geborenes Gottesgnadentum, seinen wohl zu verleugnenden, aber nie zu verlierenden Adel findet man bei Daumier nicht. Wo er positiv ist, wo er warm empfindet, wird er leicht sentimental, er hat nur den menschlichen Teil des Genies, Rembrandt aber den göttlichen, aufgebaut auf dem menschlichen. Rousseau J. J. Rousseau wurde vor zweihundertundzehn Jahren am achtundzwanzigsten Juni geboren. Es ist vielleicht heute, 1922, leichter als vor zehn Jahren, diese einzigartige Gestalt vom untersten Fundament bis zu den feinsten Pfeilern zu übersehen. Denn diese zehn Jahre haben die bewohnte Welt, die gesamte Menschheit nicht weniger revolutioniert wie die hundert Jahre vorher. Nicht allein im Bösen, auch im Guten, im gesegneten Sinn ist mit der Welt von 1912 ein zwar noch ragender, aber schon unterwühlter Bau gestürzt, ein ungeheurer Koloß gefallen; und während die letzten Staubwolken sich zu heben, die letzten Dünste lange verborgener Verwesung sich zu entwölken beginnen, ersteht klarer, freudiger alles, was überlebt hat. Zu diesem wenigen, dem wir das Wort Unsterblichkeit an die Stirn zu schreiben wagen dürfen, weil es über unser eigenes Leben in ein künftiges hinüberzuschreiten scheint, gehört Rousseau. Ein Mann nicht nur von europäischer oder kontinentaler Bedeutung, sondern eine geschichtliche Persönlichkeit, deren Schatten, weiter schwebend, größere Bezirke menschlichen Denkens überbreitet als der Napoleons, dessen politische Ziele heute, 1922, durch Konstellation, Konjunktur, historische Paradoxie erreicht, erledigt sind, während Rousseaus menschliche, staatliche und gesellschaftliche Ziele uns Heutigen seelisch ebenso nah, praktisch ebenso fern sind als dem Manne aus Genf, uns ebenso wichtig, ebenso unverrückte Sternbilder, Heiligkeiten, nicht von heute, gestern und morgen. Sie waren ihm, sie sind uns nicht leere Idole, Eitelkeiten, wie die »heilige Nation« und ihr heiliger Egoismus, sondern sie atmen, sie sind innerlich beseelt, sie leben. J. J. Rousseau war, was alle großen Männer von morgen sein werden, ein Erzieher im tiefsten Sinn. Kein Eroberer, sondern Ordner. Er hatte Rhythmus, er fand das Maß, den Takt, die Regel der Beziehung von Mensch zu Mensch und von dem Einzelnen zur Gesamtheit. Alles, was heute Sozialismus heißt, ist nicht denkbar ohne ihn. Der Titel »Contrat social« ist eine Bindung zweier Begriffe von vorher ungeahnter Gewalt, eine positive Größe, die wohl Strategen und Marschälle, Pedanten und Schulgeneräle, Handlanger und Schuster, niemals aber die Seelen der Völker vergessen werden. Rousseau war noch ein Drittes, ein zeugender, genialer Schöpfer. Er hatte etwas, das dem ebenso universalen Goethe fehlte, einen musikalischen Atem, ein von Dämonen besessenes, aber durch rhythmische Kraft gebändigtes Herz. Germanisch im Ergreifen des Daseins, romanisch in den Formen des Ausdrucks, an der schwingenden Grenze der Völker, ein Schweizer nicht nur der Geburt, sondern mehr noch der Struktur des Wesens nach. Ein Abenteurer vom Stil Casanovas, aber nicht wie dieses rein romanische Genie nur dem von außen zu Erobernden blind und scheu, frech und atemlos nachjagend. Nein, ein Unterworfener, Süchtiger, ein Empfangender im Leibhaften, ein Zeugender im Geistigen, wandelbar wie Wetter und Wind, doch sich selbst im Ernstesten treu, Dionysos und Apollo ewig im Kampf, ewig vereint. So war er bestimmt, gleich der geliebten, wilden schönen Welt immer außer der Versöhnung zu leben. Und doch, er ersehnte es, das harmonische Ineinander der geschiedenen Sphären. So sind seine Worte, seine Gebilde, seine Bekenntnisse, Phantasmagorie und Porträt zugleich von ihm, eitel, bescheiden, schwermütig, aristokratisch, plebejisch, gesunder Menschenverstand und bis zum Verfolgungswahn gesteigerte Ich-Dämonie. Er, mehr als ein großer, tiefer als ein dämonischer, ergreifender als ein tragischer Mensch: ein exemplarisches Dasein, Symbol des lautersten Kampfes unvereinbarer Gegenkräfte, immer selbstverständlich, nie auf eine Formel zu bringen, ein Stück Natur mit seinem Widerspruch, Rückenmark und Geist, Fleisch und Idee, Musik und Staatsrecht, Menschenliebe und Menschenhaß bis zur Bosheit, Weisheit und völligen Unvernunft. Solche Menschen werden einmal in heiligen Zeiten geboren; nichts kann sie halten, nichts wird sie fördern, nichts sie unterdrücken. Das Leben selbst preßt sie mit seinen Raubtierpranken zu tiefster Beseligung und zu tiefstem Schmerz sich an die Brust. Halb sind sie Begnadigte, halb Sträflinge. Sie sind nicht zu belehren und sind doch Erzieher, ja alle großen Erzieher sind wie sie vom Geschlechte des heiligen Augustinus. Jeder Schritt, den solch ein Mensch tut, ist neu. Nicht neu im Sinne des noch nie Dagewesenen, sondern neu im Sinn des wahrhaft mühelos Fruchtbaren, des weit über die umgrenzte Zeit hinweg Lebenden. Wenn das Wort erlaubt ist, möchte ich es sagen, ein Tropfen Mozartschen Blutes, nur ein Tropfen, aber doch ein Tropfen, fließt in diesen Adern, und er fehlt in den Adern Goethes, Bismarcks und Napoleons. Es ist das Gnadenhafte, das in reinerem Sinne Zufällige. Zu allem Aussprechbaren gesellt sich ein Atom Unausdrückbares, ein Pfennig gerade vom geheimnisvollsten Schatz der stummen Natur, etwas, das den Menschen heiligt, ihm seine singulare Stellung über alle bekannte Umwelt gibt. Gerade das hat Rousseau, er hat es fast wider Willen: denn sein äußeres Leben ist alles eher als gesteuert. Aber aus unzählbaren Mißverständnissen, Irrtümern, Schwächen, Paradoxien folgert etwas Selbstverständliches, Einleuchtendes, Leuchtendes, Beglückendes, Unvergängliches und, das Schwerste: das Vollendete. Uhrmachersohn, Hirt auf den Weiden, wandernder Junge, »gelernter« Graveur, Landstreicher, Bettler, Apostat, nie bekehrt, Lakai, nie mit dem Herzen einem andern Menschen dienstbar außer sich selbst, Musikprofessor, Schützling einer schönen, holden, alternden Frau, verzehrt von Begierden, die keine Wirklichkeit je erfüllt, mit Schwäche geschlagen, belastet mit Seele und Gefühl (alle Späteren zogen Genuß daraus), Einsiedler in den Hütten, aber aus Zwang, Mann der ersten Gesellschaften, er, der ungeschickteste aller Salonmenschen, der erdhafteste aller Denker; Gesandtschaftssekretär, Ehemann der Proletarierin, idealer Vater von fünf Kindern, die er sofort nach ihrer Geburt verstößt. Aber ist nicht er selbst von allem verstoßen, der verlassene Vater, der seelisch einsame Gatte, der verlorene Bürger, wankend im rasenden Leben, immer schuldig, weil er immer Mensch ist, und sonst nichts als das? Tausend Berufe und noch immer nicht der eigene. Tausend Menschen, immer noch nicht er selbst. Mit siebenunddreißig Jahren seine erste Arbeit, nachdem siebenunddreißig Jahre lang die tausend Wirklichkeiten und abertausend Masken des Lebens an ihm gearbeitet hatten. Mit einundvierzig Jahren hört er, der eben berühmt gewordene Philosoph, seine Oper im kleinen silbernen Rokokotempel in Fontainebleau, »Devant le roi«, er, dessen ganzes Leben von innen heraus gegen dieses devant le roi ging. Aber bei ihm wurde dieser Zwiespalt, auch dieser Zwiespalt zwischen dem heiligen Ich und der weltlichen Gesellschaft in wundervoller Weise wirkend und wahr. Mit fünfundvierzig Jahren, wenn andere es vergessen, entdeckt er das heilige Ich im Roman. Der Musiker ist der Schöpfer der Seele im Roman, der Philosoph zeugt und bildet Herrlichstes. Wer »La Nouvelle Héloise« heute liest, wird überwältigt von den Gesichten dieser glühenden großen Seele. Von dem getretenen, eitlen, leidenden, jubelnden, jammernden, ewig sich selbst widersprechenden Ich, von dieser in allen Lügen wahren Geschichte zweier Herzen. Dieser Roman ist nie übertroffen worden. Von Goethes »Werther« bis heute ist nur die Form ähnlicher Werke gewachsen, nicht der Gehalt, denn aus Rousseaus Buch spricht der wahre, das ist der letzte Mensch. Mit fünfzig Jahren, mit der gleichen Selbstverständlichkeit, aus derselben Fülle der Welt heraus: »Le Contrat social« und das reinste, höchste Werk: »L'Émile«. Nie ward die schöne, schwere, liebende Hand eines Vaters klarer fühlbar, nie die natürliche Güte eines einzelnen wärmer, nie die Freude am Werdenden beglückender als hier. Er selbst konnte jetzt in unbeschreiblicher Verwirrung durch Europa rasen. Seine Tat bestand fort in Klarheit, unvergleichbar. Ein beispielhafter Mensch. Ein Zeichen der Größe des Menschen. Trotz namenloser körperlicher und seelischer Leiden ein Stolz der Welt. Ein Vater, ein liebender, lebender Geist. Cervantes zu Ehren Was die Bühne selbst in ihrem letzten, schäbigsten Abklatsch noch so wertvoll für den einzelnen macht, was sie im tiefsten Grunde zur reinsten Spiegelung dem Universum entgegenträgt, so daß wir, immer mit dem Gefühl einer Identität, von einem Welttheater reden dürfen, das ist die uns allen eingeborene Bestimmung, entweder tragische oder tragikomische Figuren zu sein. Niemand scheint von dieser Bestimmung ausgeschlossen, das weltbewegende, weltbewegte Genie ebensowenig wie der Trödler, der in der dunklen Gasse getragene Kleidungsstücke mit dem Ernst eines chinesischen Mandarinen verkauft, oder der Postbeamte, dessen Leben sich zwischen den engsten Grenzen seines Amtes, der Anciennität und der immer aktuellen Gehaltsregulierung vollzieht. Unkenntnis des Gesetzes gibt kein Recht auf Ausnahme. Kenntnis des Gesetzes erwirbt an sich niemals Rang und Rechte. Denn selbst der Mann, der nichts von dem Gesetz weiß, ja nicht einmal sein Nichtwissen begreift (denn wie könnten sich sonst die Menschen ernsthaft damit beschäftigen, womit sie sich beschäftigen), der Gesetzesunkundige folgt seinen Sternen vielleicht mit größerer Sicherheit als der Wissende, und in der Eitelkeit seines Tagwerkes spiegelt sich in vollkommenster Glätte die Eitelkeit des höchsten Tagwerkes allzumal. Der Wissende aber ist immer nur ein Halbwissender, was ihn in allen Dingen zum Dilettanten macht, also zum Zerrspiegel der Welt und seiner selbst. Jeder hat nur die Möglichkeit, aber nicht die Wahl, tragikomisch oder tragisch zu sein. Zur Hälfte wissend, zur Hälfte blind, ist selbst der Weiseste, aber auch der Törichte kennt kein anderes wissendes Wesen unter Gottes Sonne als sich und seinesgleichen. Mitten in den verzweifelten Kampf ewig unbekannter, unbenannter Mächte gestellt, im besten Falle mit Schildern aus Stroh, mit Dolchen aus Marzipan bewehrt, steht er, ein gemalter Held, heroisch bis zur Lächerlichkeit, mit schwachen Füßen auf seinem Quadratfuß lebender Erde und kämpft für oder gegen heiligste Güter, oder lebt ohne sie in vollster Sinnlosigkeit, bloß den täglichen Bedürfnissen zugewandt. Und hat ihm die zwar nicht gütige, aber doch ironisch nachsichtige Natur auch den mit ihm geborenen und sterbenden Irrtum verliehen, sich auf Zeit und Ewigkeit wirkend zu fühlen, an seiner Gottähnlichkeit nie bange zu werden, nie an der Menschenähnlichkeit Gottes zu zweifeln – so hat er dafür das in der ganzen beseelten Natur scheinbar einzige Privileg, sich an Widersprüchen zu nähren. Wohl weiß er, wie selig es sein müßte, der Verantwortung für eine im Grund unergreifliche, unbegreifliche Welt los und ledig zu sein, sich dem ruhenden Tiere, der windwärts schwankenden Pflanze zu nähern, zu vergessen, was er doch nie recht wußte, zu versinken, wo er doch nie recht aufrecht stand, denn wie sollte er dies denn auch, da er als begrenztes Wesen dem Unbegrenzten des Kosmos ewig hilflos ausgeliefert ist – wohl weiß er, wie selig es sein müßte, keine Beziehungen mit dieser ihm doch niemals und nirgends unterworfenen Sphäre anzubahnen, sich nicht zu rühren, aufzugehen, wissend zu verzichten, sich aufzulösen in dem großen Abgrund, in den ihn die Sucht und die Lust, der Zauber des Abgrundes, immer hinziehen, aber er kann nicht anders: er stürzt sich, zu seiner Ehre sei es gesagt, denn das einzig Schöne des Menschen ist sein Heroismus, er stürzt sich zwischen zwei unversöhnliche Kämpfer, drängt sich, zu ewig unvollendeter Versöhnung, zwischen Himmel und Hölle, zwischen Nein und Ja, zwischen Gut und Böse, Frieden und Krieg, Sein und Werden, Hölle und Paradies, und kehrt er, bis aufs Blut zerschunden, Don Quichotte von dem verlausten Scheitel bis zur plattgetretenen Sohle, unter dem brausenden Gelächter der weltbeherrschenden, weltbelächelnden Dämonen zurück, so nimmt er, zu allen seinen anderen Lasten, wie Hunger, Armut, Krankheit, Alter und Schwäche, auch noch diese Last auf sich, schiebt sich selbst die Schuld an der mißlungenen Versöhnung auf seinen schmalen, hochgrätigen Eselsrücken und verweist die bewundernde Mitwelt auf spätere Zeiten und besser vorbereitete Versuche, Kreuzzüge, Weltkriege, Heldenritte. In der Natur, diesem Hexenkessel brodelnder Leidenschaften, fressender und gefressener Bestien, in dieser stärksten Ansammlung von Wutfreude an Vernichtung und Unterdrückung, in dieser Arena völliger Sinnlosigkeit vom Verstandesstandpunkte der Menschen, in dieser Natur, deren kalte Teufelei jeder Kranke an sich mit Entsetzen empfindet, glaubt er eine Wunderinsel an Frieden, Ruhe, Vereinigung zu sehen, in die durchaus belanglosen Linien der Berge malt er die edelsten Schriftzeichen seiner halb zu Tode geschundenen Seele ein, in den Bäumen, von denen jeder Zweig das Industrialisierteste ist, was je ein Krupp oder Stinnes erdacht hat (man frage nur die Pflanzenanatomen und Pflanzenphysiologen), auf diese ganze Welt, die ihm im Grunde unbegreiflich ist, pflanzt er die Fahnen seines unerschütterlichen Glaubens an Frieden und den besseren Menschen und sein hohes Amt. Der Mensch, der beste, weil einzige Komödiant der Welt, wird nie aufhören, den »Helden« zu spielen, obwohl ihn sein durch tausend Wunden zerrissenes Fell längst hätte warnen und dazu bewegen sollen, sich nicht vor die Kulissen zu wagen, hinter denen er doch, wenn auch nicht in Frieden, so doch in Ruhe sein Butterbrot verzehren könnte. Es geht die Meinung, die Menschheit teile sich in Don Quichottes und Sancho Pansas. Beklagenswerter Irrtum. Es gibt bloß Don Quichottes. Denn Sancho Pansa ist Don Quichotte in tausendmal tausendfacher Verstärkung. Quichotte hatte von seinem Standpunkt recht. Er war verrückt und handelte danach. Wäre er nicht ausgezogen, dann hätte er seine Idee nicht zu Ende gelebt. Er tat es, ging dabei zugrunde und war ein tragischer Mensch, da er an dem Herrlichsten in sich unterging. Aber du, tausendmal vernünftigerer Sancho, millionenmal törichter Sancho! Du hattest Oliven und Olla Potrida, du hattest eine gute Frau und ein nettes Kind, du warst glücklich im Schatten der großen Weltkulisse gelandet, gingest frank und frei unter deinem breiten, sonnengebräunten Strohhut, du warst nicht mit Idealen verseucht, du warst der gesunde Menschenverstand. Und doch folgtest du dem Wahnsinnigsten aller Wahnsinnigen und warst so glücklich, ihn dabei zu übertreffen. Und der Dritte im Bunde, der euch beide, Quichotte und Sancho, übertrumpfte, war Cervantes, euer Schöpfer, Herr und Gebieter. Er folgte euch nach, schrieb einen Ritterroman – nicht nach dem anderen –, sondern nach dem Don Quichotte , nach der unsterblichen Verhöhnung aller mit untauglichen Mitteln unternommenen Versöhnungsversuche in dieser auf immer zerrissenen Welt. Cervantes sei uns heilig. Er war heroisch. Er hat die Ehre, das ist unser aller Narrheit und heldenhaftes Symbol, gerettet. Der Genius der Grammatik Der Erfinder der Grammatik ist nicht bekannt. Dabei ist von vornherein nicht an einen einzelnen gedacht, sondern an eine Kaste, ja vielleicht an ein Volk, das als erstes seine Sprache geordnet hat. Die größten Erfinder sind namenlos. Man kennt sie nicht, wie man die Dichter der Edda, der finnischen Kalewala, der homerischen Rhapsodien, der Shakespeare-Balladen nicht kennt. Doch blickt aus diesen hohen, unnennbaren Werken der ewig wirkende Geist, aus ihnen rauscht die Seele des Schöpfers, und alles ist gesagt, wenn man das Werk nennt. Niemand wird wissen, wer der erste war, der die Pflugschar, den Bogen, den Sattel erfand. Hier liegt das Geheimnis der tiefsten, weil natürlichsten Genialität des Menschen. Hier verliert sich sein unmeßbarer Gewinn in den auf immer umschatteten Urgründen des menschlichen Werdens. Werden muß nicht immer Entwicklung nach oben bedeuten. Es ist eine ungelöste Frage, ob der Mensch des zwanzigsten Jahrhunderts, der auf sein Telefon, den Aeroplan, das motorlose Fliegen, das elektrische Licht und das Radio so stolz ist, auch nur einen Rest jener Urwaldgenialität besitzt, der die Menschheit ihre zwei größten Güter verdankt, die sie auf immer über das Tier erheben: die Schöpfung des Gottesbegriffs im geistigen, die Erfindung des Feuers im weltlichen Leben. Was dem Menschen aber das Dasein unter seinesgleichen erst möglich gemacht und damit ihm alles gegeben hat, was wir Gesittung nennen, was ihn zum Spiegel der beseelten und unbeseelten Welt auserwählt, zum Prinzen der Natur geadelt hat (einem manchmal etwas aussätzigen Prinzen, aber doch einem), das ist die Sprache. Und in der Sprache ist der Schöpfer der Grammatik das, was in der Welt des sittlichen Seins der Schöpfer des ersten Gesetzes, der Heiligsprecher des ersten Tabus ist, es ist der Gründer der ersten Beschränkung, aber einer Beschränkung von ungeheurem produktivem Wert. Eine Kritik der Grammatik ist ein Lebenswerk. Hier mögen nur kleine Anmerkungen über Bezeichnungen aus der lateinischen Grammatik folgen. Diese darf heute besondere Beachtung deshalb beanspruchen, weil sie im Augenblick fast die einzige internationale Gemeinsamkeit darstellt. Lloyd George sprach einmal in Genua von den zwei klarsten Sprachen, die allen Beschlüssen zur Grundlage dienen sollen, der französischen und der englischen. Aber es gibt ein höheres, reineres, freudigeres, es gibt ein sicherlich unerreichbares Ideal und eine höchste Forderung: daß alle Lebenden in einem einzigen Idiom sich treffen sollten. Ein solcher Sammelplatz des Geistes war die lateinische Sprache. Der Menschengeist hat eine so unendlich zart facettierte und doch aufs schärfste präzisierende Ausdrucksform nicht wieder gefunden. In diesem Sinne hat Luthers deutsche Bibelübersetzung den entscheidenden Grenzstrich auf der Landkarte menschlicher Entwicklung als Wasserscheide zwischen Mittelalter und Neuzeit gezogen. Eine Tat, die dem bäurischen Genie Luthers nicht bewußt war, aber bedeutsamer wurde als die Thesen und Antithesen an der Schloßkirche von Wittenberg. In dem Gebrauch der lateinischen Sprache, die Bildung, Humanität im Geistigen und Kultur voraussetzte, bei diesem Regelwerk von höchster, fast architektonischer Logik, das allen Hofhaltungen, allen Gesandten, Dichtern, Ärzten, Notaren, Diplomaten, Geistlichen und Gebildeten überhaupt gemeinsam war, lag das Merkmal der erwählten Zehntausend, hier waltete eine europäische Gebundenheit, ein Adel des Ausdrucks, der sich in jeder Brieffloskel bewährte. Das Latein war das »humaniora«, das heißt, ein Diplom und Siegel des höheren Menschen, etwas von dem Gelehrtenadel des chinesischen Mandarinen. Und dieser erwerbbare Adel war stark genug, um die Titel der Ahnenprobe zu lähmen, die Macht des Geldes zu mildern, die Schärfe des Schwertes vielleicht zu hemmen. Die lebenden Sprachen reichen an Genauigkeit, an innerer Gewißheit entfernt nicht an die lateinische heran. Ein Stil wie der des Tacitus oder auch nur des Sallust ist heute nicht mehr zu erreichen. Es gibt selbst bei dem soviel zarteren Horaz Stellen von einer so zusammengepreßten Sprachgewalt, von so zwingendem Zauber, daß sich keiner diesem Bann entzieht. Was Shakespeare in seiner flammenden, hart metallisch umrissenen Sprache aus den spätlateinischen Autoren übernommen hat, läßt sich gar nicht absehen. Vieles ist so lateinisch gedacht, der Monolog Hamlets zum Beispiel, daß er mir öfter als eine Übertragung aus dem Latein als aus dem Englischen erschien, wenn ich ihn in deutscher Sprache vor mir sah. Die Sprache beginnt bei der Grammatik. Sie endet in ihr. In der lateinischen Sprache hat sich ein Volk über sein irdisches Reich hinaus unsterblich gemacht. Etwas Gleiches ist nur den Juden des Alten Testamentes beschieden gewesen. In der lateinischen Sprache, in ihrer Grammatik, die in unerreichter Fülle aus den Gründen und Abgründen des Gedankens quillt – wenn irgendwo, sind hier in geheimnisvoll klarer Mystik Sinn und Wort, Logik und Ausdruck, Bild und Gegenstand eins geworden. Dies beginnt schon bei dem Ausdruck casus, Fall. Man muß das Wesen der Sprache im eigentlichen Grunde als das einer Kategorie erfassen. Man muß es sehen als abgeschwächtes, aber immer noch echtes Leben; die Sprache muß über uns wandeln wie ein verarmter Gott. Dann wird man die Wandlungsfähigkeit des Seins und des Wortes einen Fall nennen; denn hier ist ein Niedergang, und nie mehr ist die Einheit des zu Nennenden mit dem Genannten zu erreichen. Alles wandelt sich, alles sinkt, in der Hand bleiben uns Schatten nur; glücklich, der die höhere Welt über diesen Schatten ahnt. Der erste Fall heißt lateinisch nominativus. Wir nennen einen Menschen: Dich, den Menschen; wir richten also mit dem vierten Fall unser Wort an ihn. Der Schöpfer der lateinischen Grammatik aber sagt: Jedes Wort nennt sich selbst. Jeder drückt zuerst sich selbst, dann erst die Welt aus. Der Römer setzt die Welt ihrem Klange gleich. Dies ist ja die Voraussetzung jeder Sprache, aber nicht die Voraussetzung der Welt. Deshalb ist jeder Sprachsinn an sich Widersinn. Die Sprache lügt und wir in ihr. Daß nun Menschen Namen haben, die ihnen nicht gehören, sondern nur ererbt, erheiratet, verschenkt, verborgt und an der Bühne angeschminkt, ja, sogar verloren und gestohlen werden können, dies gehört zu den vielen Paradoxen, die selbstverständlich genannt werden, weil sie niemand versteht, jeder aber an sie gewöhnt ist. Der zweite Fall heißt genitivus, der Zeugungsfall. Sein Sinn ist: in der ganzen Welt besteht kein so inniges Band zwischen Menschen, kein so zwingendes Eigentumsverhältnis, keine so enge Hörigkeit in geistigem Sinn, keine so warme Blutnähe, kein so reiner Herzenseinklang wie zwischen Vater und Sohn, Zeuger und Gezeugtem – hier das straffste und doch mildeste Band, tiefste Verbundenheit der Generation, Ahnenliebe, Altersverehrung, Pietät und Patriarchat. Der dritte Fall dativus: der Schenkungsfall. Die große Seele des Menschen, seine grandeur ist die schenkende Tugend, alles ist Geben, alles ist Nehmen. Hier ist das Gnadenprinzip der Menschheit aufgetan, die Urquelle aller Gemeinschaft vom ich zum du. Der vierte Fall accusativus: Anklage, misère des Menschen, schärfstes Erfassen des Nebenmenschen in der Hand »des Gendarmen an der Gurgel des Sünders«. Das Volk der genialsten Juristen, Finder und Künder der Pandekten: wie tief aus der Seele der Römer das Recht floß, das wird hier offenbar. Denn es gibt tausend menschliche Beziehungen, die dieser Akkusativ umfassen kann. Erobern, lieben, verachten, kaufen, verkaufen, verwunden, vernichten, töten, martern, gebären, küssen, zeugen, finden, fassen, belügen und betrügen, nennen, wissen. Nichts von alledem gab dem vierten Fall den Namen. Die Anklage ist ein Grundpfeiler des sprachlichen und daher des sittlichen Seins. Keine hohle Harmonie, keine billige Erlösung, kein Verzeihen. Dieser Fall ordnet, entscheidet, richtet. Der fünfte Fall ist der ablativus, der Fall der Fälle. Er gibt alles, bezeichnet nichts. Er ist der Wandel der Dinge. Der Schleierfall des stürzenden Stromes, die gestaltlose Wolke. Das Werk, die Wirkung, das Geheimnis, die Hand Gottes. Ergreifend ist, wenn die lateinische Grammatik den Mittelpunkt des Satzes subjectum nennt, das Unterworfene. Welche Einsicht in das Zwangsläufige jeglicher menschlicher Existenz! Das objectum, der Gegenstand, das andere: Das ist auch nur das Hingeworfene, die daliegende Beute, das verlassene Etwas. Die Hand des von Zauberschnüren gehaltenen Subjektes langt nach dem Objekt, aber sie erfaßt es nie. Welche Philosophie in diesen Ausdrücken, deren oberflächliche Ausdeutung schon solche Tiefe bekundet. Bewunderung dem Schöpfer dieser Bezeichnungen, Normen und Gesetze, Verehrung dem namenlosen Genius der Sprache, dem Eroberer der Welt durch das Wort! [Der Film hat keine Tradition] In jeder darstellenden Kunst, in der es auf Anteilnahme und Tiefenwirkung bis in die Masse ankommt, scheint ein gewisses Maß von Tradition oder Kultur unentbehrlich zu sein, also vor allem beim Drama und beim Film. In der reinen Dichtung liegt diese Überlieferung oder Tradition zum großen Teil schon in der Sprache, sie muß nicht erst von der letzten Generation, nicht vom einzelnen Künstler von Grund aus aufgebaut werden. Sowohl Aischylos wie Shakespeare sind Endergebnisse, denen Jahrhunderte schöpferischer Arbeit vorausgegangen sind. Der Film hat keine Tradition, bloß eine mehr oder minder schlechte, auf jeden Fall schwächliche Vergangenheit. Die eigentlichen Kunstmittel des Films: Motivierung durch das Bild, nicht durch den Verstand, nicht durch das Wort, die Überzeugungskraft des geradezu protokollarisch Deutlichen durch die Fotografie, sind nie in endgültiger Form, also nie klassisch, nie für die Dauer ausgenützt worden. Was auf dem Gebiet der Filmkomposition (denn von Filmdichtung darf man nicht sprechen) noch zu leisten wäre, ist unabsehbar. Die Dichter des Wortes wären nur als Künstler überhaupt, als absolute Gestalter, als Großherren der Phantasie imstande, hier mitzuwirken, ebenso wie jeder deutsche Maler, Bildhauer, ja vielleicht vor allen eine Art von Künstlern, die sich nur durch den Film ausdrücken können, die sich dem Film auch bis ins letzte hinzugeben bereit sind. Es gibt unter den Dichtern, die jetzt leben, viele, die gern hier wirken wollten, aber es fällt ihnen von Natur aus schwer, auf ihre Form zu verzichten. Diese Schwierigkeit erhöht sich noch dadurch, daß sie wohl allgemein von der Filmindustrie nicht ernst genommen werden. In keinem andern Betriebe ist die Unsicherheit, die Unzuverlässigkeit, die Unsachlichkeit so groß wie beim Film. Der Film hat längst sein Millionenpublikum (das seine Gewohnheiten und Lieblinge hat), er hat sein Millionenkapital (das er verzinsen muß), er hat heute auch jeden Darsteller, den er will. Aber er will keine Dichter, keine Maler, er will keine endgültigen Leistungen, die nur das Resultat intensivster Zusammenarbeit des Film-Schöpfers mit seinem Material (Darsteller, Landschaften, bildliche Zusammenhänge, Atmosphäre, Musik) sein könnten. Mit einem bloßen Manuskript, dem dann die Industrie, nicht der Schöpfer das entsprechende Gesicht gibt, ist es nicht getan. Der Schöpfer müßte mitwirken, er müßte sachverständig werden, da er es jetzt nicht ist und nach der Lage der Dinge, wie sie sich durch Massenwirkung und Amerika-Export entwickeln, nicht werden kann. Ich fasse zusammen: Es liegt nicht an den Künstlern, denen bisher die Industrie nie wahre Werkfreude, sondern nur Zufallsmöglichkeiten, nur den Klang und die Dauer der täglichen Publizistik und relativ geringe und unsichere Geldentlohnung geboten hat; sondern an der industrialisierten Produktion, die von ihrem allzuschnellen Wachstum überrascht, sich vor ihrem eigenen Schatten fürchtet. Eine Reform ist hier von einzelnen nicht durchführbar, heute auch nicht zu erwarten, künstlerisch gelungene Filme werden Zufallsleistungen bleiben, wie sie es sind. Der neue Roman Wie der sagenhafte Überwinder Macbeths ist der neue Roman lebendig aus dem Leibe seiner Mutter geschnitten worden. Das heißt, daß er seiner Mutter, der großen, vom Abenteuer entzückten, von der holden Lüge berauschten epischen Dichtung des Mittelalters das Leben gekostet hat, um vom ersten Tage an, wie ein wahres Himmelswerk, ausgestaltet und vollkommen dazustehen in dem Don Quichotte des Cervantes. Aber ebenso wie diesem Mörder des Mörders, dessen Schwert, aber nicht dessen Geist, den Macbeth um ein Leben bringt, das innerlich in seiner irdischen Form längst überwunden ist, ebenso war es diesem Neugeborenen bloß beschieden, einen König zu töten, nicht aber ein Geschlecht von Königen zu schaffen. Seine erste Tat blieb seine einzige wirklich vollendete. Es ist eigentümlich für die höchsten monumentalen Ausstrahlungen europäischen Geistes, daß sie unvollendet bleiben. Dort, wo ein solcher monumental gestaltender Geist sich mit seinem letzten Ernst, mit der freudigen Ruhe des männlichen Zeugens über seine Welt beugt, sich unter die Welt beugt, gebend und nehmend zugleich, die Zeit gestaltend und doch von ihr gebildet, dort bleibt er auch am deutlichsten hinter seinem Ideal zurück, nämlich ein plastisches, dreidimensionales, überlebendes Spiegelwerk seiner Zeit und damit aller Zeiten zu sein. Alle großen Würfe sind also Fragmente und der erste, der Don Quichotte ist es, ungeachtet seiner genialen Vollendung, auch. Der erste Teil, aus dem Geist des universalen Pamphlets entstanden, verlangt keine breitere Szene, kein weiteres Format. Er ist ein Ganzes, eine Hamletiade in Prosa, die blutigste Verhöhnung alles Unerreichbaren, aber mit unblutigen Mitteln! Und gerade das ist sein reinster Wert, daß in dem Don Quichotte, erster Teil, weder getötet noch gestorben wird. So, wenn überhaupt, mag sich unsere armselige, schwankende Welt in den runden, großen Augen eines Gottes spiegeln. Wollte aber der Dichter Cervantes seine Idee in der schweratmigen Fortsetzung, dem zweiten Teil, bis ans bittere Ende treiben, seinen Helden bis ans Weißbluten demütigend erhöhen, dann wäre der einzig fruchtbare Augenblick derjenige gewesen, in dem Quichotte, vom Tode angeflutet, seinen Wahnsinn erkennt und in dieser lodernden Sekunde auch die ganze Welt in ihrem Wahnsinn und Widersinn erschaut und durchschaut. Dies ist aber eine Erkenntnis, der erst Nietzsche, und zwar von der Seite seiner Aphorismen und seiner frühen, durchaus apollinischen Ironie nahe gekommen ist, freilich nur, um sich nachher, von dem traurigsten Macht-, Gesundheits- und Schönheitsrausch im Engadin trunken geworden, so zu widersprechen, wie es nur ein betrunkenes Genie in der tiefsten Gosse des erbarmungslosen Daseins zu tun vermag. Darin, und nicht in der Gesamtheit seiner Lehre, scheint Nietzsche mir ein Symbol des grotesken Humors Gottes. »Wilhelm Meister«, »Die Brüder Karamasow«, selbst »Der Grüne Heinrich« sind Fragmente geblieben. Gustave Flaubert, der von den jüngeren Epikern unserer Zeit sehr Geliebte, hat in seinen schönsten Werken bewußt Fragmente gegeben, die nach Art des Degas und Manet durch den genialen Schnitt des Bildformates eine Vollendung dort vortäuschten, wo sie das Leben selbst nicht besitzt, nämlich in der erschöpfenden Darstellung des Tatsächlichen. Er ist in diesem Sinne ein starker Rückschritt hinter dem rücksichtslos die Welt auftürmenden und wieder zerschmetternden Cervantes, der in gewissem Sinne überhaupt ohne Nachfolger blieb: nämlich dort, wo er zufällige Kontraste (dick und dünn, Ritter und Plebejer) ins Gigantische steigert und dabei durch diese ungeheure Steigerung knapp noch das Maß der wirklichen Welt, wie sie durch Gott und den Satan geschieden, wie sie durch den Fleischmenschen und den Seelenmenschen belebt ist, erreichen kann. Flaubert macht sich die Sache schwer, wo sie für den einzigen Klassiker des Romans, Cervantes, selbstverständlich ist, im Stil. Die zweite Klippe, die Einbeziehung des ganzen menschlichen Wissens bewältigt Flaubert kaum noch; wenn er Wissenswertes und Wissensmögliches gibt, in »Salambo«, tut er es auf Kosten der menschlichen Seele und der tieferen; also nicht musealen Wahrheit. So gewiß es ist, daß die Seligkeit des Künstlerischen nicht leichter verdient wird als die Seligkeit des religiös Strebenden, so gewiß ist es auch, daß sie nicht durch das nächtliche Studium von Atlanten, Akten und Fotografien (die in der Kunst eben Flaubert erfunden hat, obgleich sie in der Wirklichkeit damals kaum noch bestanden) errungen werden kann. Goethe hätte sicher den Roman der Welt schreiben können, hätte er nicht, in seiner, der rein Goetheschen Heils- und Gesundheitslehre die Harmonie über alles gestellt: Harmonie am Beginn ist aber geradenwegs der Zeugung entgegengesetzt, denn, hätte Gott die Harmonie der Welt schon vor ihrer Erschaffung in seinen Schöpferhänden gehalten, dann hätte er die Welt nicht gezeugt. In seinem größten, tiefsten Roman, im »Faust«, der, übrigens Goethes ausgesprochenem Willen zuwider, auf der Bühne (unvollkommen) aufgeführt wird, hat Goethe eine epische Arbeit von nahezu geschlossener Vollendung geschaffen. Dies ist der größte moderne Roman. Daß er sich in Szenenform abspielt, ist eine Äußerlichkeit. Sie hat eine wesentliche Eigenschaft der weltgroßen Dichtung, nämlich den Humor. Noch tiefer wäre sie geworden, wenn eine Selbstverständlichkeit durchgeführt worden wäre, die doch unmöglich Goethe entgangen sein kann; die Figur Gottes, die, zwingend und herrlich bestimmend, im »Faust« das säkulare Werk einleitet, mußte auch in den anderen Szenen weitergeführt werden als unendlicher Kontrabaß einer unendlichen Harmonie: denn unmöglich kann der höchst unvollkommene Faust der Held des Werkes sein, denn er ist passiver als ein Stein, der von einem Dache fällt, er strebt um des Strebens willen, nicht aber um der Welt willen. Deshalb geht es ihm gut. Er leidet nicht, er trägt nichts, was ihn krönen könnte, wie den letzten Helden jedes echten Tragikers. Gott müßte aus ihm sprechen, der Satan mit ihm spielen, aber beide überlassen ihn ruhig seiner Fragwürdigkeit. Wahr, aber nicht tragisch. Daß Gott und alle Engelscharen am Schluß, oder besser gesagt, am Ende des Werkes erscheinen, kann nicht versöhnen, ja, das Werk im zweiten Teil löscht die Versöhnung aus, die der erste Teil selbst im stumpfesten Herzen und im blinden Auge erwirkt. Hier schließt sich der Kreis Mephisto und Sancho Pansa, Don Quichotte und Faust. Daß es noch unzählbare Kreise gibt, außer diesen rein männlichen, wissen wir, aber keinen, der uns leichter zu schließen schiene als dieser, und den doch selbst die größten Genien der Menschheit, die reinsten Helden des vierten Zeitalters, zu schließen nicht die Kraft hatten. Der Vorwurf in der Kunst Der Vorwurf (welch doppelsinniges Wort!) eines Kunstwerkes kann einfach der Stoff sein, aus dem das Kunstwerk gearbeitet ist, die schwere Materie, an der sich die Kraft, das Können, die Leistung bewährt – Vorwurf kann aber auch das Ideal sein, das nie zu erreichende Vorbild, und ein solches ist oft das Leben selbst. Dieses ist aber schon deshalb nie mit reinen Mitteln der Kunst ganz erreichbar, weil das Leben sich auch in seinen kleinsten Teilen nie wiederholt und daher auch das banalste Geschöpf in gewissem Sinne durch das Leben monumentalisiert wird. Zu jedem literarischen Kunstwerk gehört aber notwendig das Element der Wiederholung, da die Sprache sich in den Worten notwendig wiederholt. Vorwurf ist der Knäuel buntfarbiger Wolle, den das spielende Kind oder die tolle kleine Katze vor sich hinwirft und dem sie beide nachjagen, bestrebt, den rollenden Knäuel zu packen, den Faden zu spannen – ob er reißt oder nicht, ob die verwickelten Fäden sich entwirren, ob der Knoten sich löst in dem gleichen Maße, als die ermüdenden Spieler dem Ende näher kommen – das alles wird zu dem gleichen Problem, das alles sammelt sich zum gleichen Vorwurf für die darstellende, das heißt ent-wickelnde, für die lebende, das heißt: Leben spielende Kunst. Der Stoff an sich bedeutet nicht viel: weder das Thema in der Musik noch die Anekdote in der Novelle, der Gegenstand im Bilde oder die Welt im Romane – nichts von diesen Dingen macht als solches den Meister. Der Meister macht sie. Er bewährt sich gerade in der kühnsten Überwindung des Themas. Sind wir einmal auf die Höhe geführt und so sehr bezwungen, daß wir nicht mehr wissen, ob der Faden des rollenden Knäuels grob oder fein ist, ob er sich schnell oder langsam entwirrt, ob wir überhaupt ein Ende absehen können oder nicht, ob die Farbe verblaßt, ob der Sinn vergleitet – ist das Thema selbstverständlich geworden, dann bleibt nur der Rhythmus, der dem großen Weltrhythmus ebenbürtig ist: als jüngerer, zarterer, menschlicherer Bruder. Man erlauscht das höhere Gesetz, angedeutet, wenn auch nicht erschöpft, im immerhin irdischen Gegenstande. Die Themen großer Meister sind oft nicht ungewöhnlich. Beethoven hat in seinen herrlichsten Werken Tonfolgen, die, wenn man sie vom Rhythmus loszulösen versucht, an sich nichts sagen. Das Thema des Schlußsatzes der Kreutzersonate ist solch selbstverständliches, fast mechanisch hingehämmertes Quartenmotiv. Was sollte daran zu Tränen rühren, was könnte bis an den Urgrund der Seele ergreifen? Aber der Rhythmus, angehalten, zitternd, beherrscht, und dann mit einem Male, ohne Kraft zum Widerstande gewaltig hinübergerissen in die Weltwoge des Gefühls – das weckt uns, rüttelt und ruft, und hier beginnt der Meister. Hier endet er nicht. Mit der Unterscheidung zwischen banalem Thema und genialem Rhythmus ist nur ein Teil des Geheimnisses entschleiert. Das wahre, das letzte Geheimnis folgt zwar dem Gesetz, aber aussprechbar ist es nicht ganz. Wenn man diese Sonate hört, dann bleibt aus jedem Takte etwas zurück, aus jeder Tonfolge entsprießt auch eine Tonvoraussetzung, aus jeder Frage kommt eine Lösung, selbst die letzte Lösung ist nicht das Ende. Denn der Knäuel des vorgeworfenen Vorwurfes bleibt nicht, was er war, er wandelt sich, er faßt uns selbst, die wir lauschen, in sich, wir müssen folgen, er wächst an unserer Brust, wie sie sich weitet, er verengt sich mit der Angst unseres Herzens, wenn er näher, härter dringt an das innerste, zarteste, unverletzlichste Geheimnis unserer wahren Existenz. Nicht weniger vielfältig ist das Wesen des Vorwurfes in der Erzählung. Es läßt sich hier zwar scheinbar leichter umgrenzen, weil die Erzählung in der Sprache wirkt, die unser gewöhnliches, um nicht zu sagen gemeines Kleid bildet, aber es ist nicht das Gemeine am Sprachgebrauch, woran die Erzählung zum Kunstwerk wird. Die Sprache muß erst geheiligt werden, und jede Verehrung der Sprache ist Sache der Kunst. Was man national nennt, wird sich nie trennen lassen von dem, was man Literatur nennt. Eine Nation lebt, blüht, stirbt und vergeht in der Sprache. Sie lebt nicht einen Augenblick länger, noch kürzer als die Sprache. Es hat keinen Sinn, von toten Völkern zu sprechen, solange ihre Sprache von lebenden Menschen verstanden wird. Es mag lebensfähige Stämme auf irgendwelchen Inseln geben, die somatisch, vital, sportlich genommen, alles in Schatten stellen, was unser angealterter Kontinent heute erzeugt und erzieht, lebend sind diese Stämme deshalb doch nicht, nicht lebender jedenfalls als die großen alten Griechen, die geheimnisvollen, versunkenen Peruaner, die dämonisch deutenden Babylonier, die weisen toten Ägypter. Das Wesen jeder lebenden Sprache ist eng verknüpft mit dem Wesen jeder Form und auch mit dem des Vorwurfes. Schon im Titel eines Kunstwerkes liegt ein Vorwurf. Wer den Titel liest, sieht etwas vor sich, er sieht etwas dahinter, und Sache des Schöpfers ist es dann, dieses »Vor-sich«, dieses »Dahinter« dem Nachschöpfer, dem Leser klar und überwirklich zu machen. Wenn wir als Mitteleuropäer, als Binnenlandmenschen nicht gewohnt sind, angesichts des Meeres zu arbeiten und zu feiern, zu wachen, zu altern und zu sterben, und wenn wir dennoch die Leiden, die Fahrten und Glücksaugenblicke eines Odysseus begreifen, was bedeutet das anderes, als daß nun lange nicht mehr der Stoff, das Thematische, also auch nicht das im engen, körperlichen Sinn Nationale an der Odyssee ergreift, ängstigt und beglückt, sondern nur das »Hinter-den-Dingen«, das außer und unter dem Meere liegende. Nicht das Offenbare, nicht die Materie, nicht der Vorwurf ist es, nicht der entwickelte Knäuel, der doch nur aus irdischen Fäden gewebt ist, sondern der Schicksalssinn, der Wechsel zwischen Tag und Nacht, zwischen den stolzen Geschicken vor Troja und der schmachvollen Verkleidung des heimkehrenden Dulders als Schweinehirt, zwischen der kühn eroberten Fremde und der langen Pilgrimsfahrt, der fast verlorenen Heimat. Auch hier ist der Schluß kein Ende. Zwar ist alles im Sinne des ohne Rest aufgerollten Knäuels und des geordneten Fadens scheinbar zu Ende, das heißt, der mannesreife Odysseus ist alternd heimgekehrt, hat die Frau wiedergewonnen, den Sohn in die Arme geschlossen, dem uralten Vater zu Füßen gelegen; nun ist er im Begriffe, inmitten der älteren und der jüngeren Generation in Frieden zu enden, aber so dichtet vielleicht Goethe, nicht aber der überirdisch lebenstrotzende Genius Homers. Der Rhythmus der sich wandelnden Sterne, der Schicksalssinn von Flut und Ebbe, von Gebären und Sterben ist in der Welt nicht zu Ende, wie sollte er in dem Kunstwerk zu Ende sein? Odysseus macht sich von neuem auf, eine neue, unabsehbare Lebensdichtung hat er vor Augen, nämlich so lange zu wandern auf der wandernden Erde, bis er Menschen erblickt, die sein auf der Schulter getragenes Ruder nicht kennen und als Schaufel ansehen. Jetzt erst ist der Vorwurf überwunden, die menschliche Welt, die menschliche Beziehung hat sich aufgelöst in einer übermenschlichen Wirklichkeit. Hier erst bewährt sich hohe Kunst. Die Ruhe in der Kunst Den größten Meisterwerken aller Zeiten und aller Völker scheint eine kaum beschreibbare Ruhe eigentümlich zu sein. Ist diese nur mit der Seele zu erfühlende, nie mit dem Verstande nachzurechnende Wirkung der Ruhe ein echter Beweis dafür, daß ein Mensch in einer bleibenden Leistung sich über sich selbst erhoben hat, daß er, der persönlich Unheilige, mit seinem Werk leise in den Bereich des Heiligen getreten ist? Gerade in einer Epoche wie der unsrigen, in der sich die Menschen bis ins Innerste ihres Innern mit Schande bedeckt haben, gerade in solchen Zeiträumen tut es not, die jungen, die kommenden Geschlechter auf jene Werke hinzuweisen, die nicht nur den Adel einer Nation prägen, sondern darüber hinaus den Anspruch unseres ganzen, elenden Geschlechtes auf Heiligung rechtfertigen. Es ist unser unverbrüchlicher, wenn auch mit Worten nie zu beweisender Glaube, daß diese Werke, und als dieser Werke höchster Gipfel, eben diese unbeschreibliche Ruhe, zwingend dartun, daß aus unserem zu reinstem Segen und furchtbarstem Fluch begnadeten Wesen die Schöpfung des Herrlichsten entsprießen durfte, die Schöpfung des Schöpfers, die liebevolle Zeugung des großen Ahnen durch den armen Sohn. An eine Entwicklung im Sinne der Darwinschen Naturwissenschaft zu glauben und eine Stufe lebender Kreaturen als rohen Stoff gegen eine höhere auszuspielen ist mir fremd. Aber wenn diese in niederem Sinne optimistische Entwicklungslehre uns seelisch so weit entfremdet ist, daß wir die Gedanken der letzten Generation vor uns nur nachzurechnen, aber nicht mehr nachzufühlen imstande sind – an einem Sinn über die irdische Erscheinung hinaus, an einer Gemeinschaft über die Familie und die Nation hinaus werden wir nicht verzweifeln. Was ich die Ruhe nenne, ist vielleicht nur ein Zeichen und nicht das tiefste, nicht das klarste, nicht das letzte Zeichen, aber eines, das sich vielen zeigt, wenn auch wenige es nennen mögen und niemand es ganz deuten kann. Dieses Merkmal der Ruhe ist der Malerei des Grünewald nicht fremd. Doch ist es nicht deutsch. Eigen ist es auch den großen Götterbildern der Chinesen, jenen Statuen, die, nur aus Lehm gebildet, vor einigen Jahren aufgefunden wurden, in Berghöhlen, tief in den Schluchten, in der Stille der Wälder; Lohans , Götterbilder, Zeugen nicht minder einer großen Kunst als Zeugen des unbesieglich hohen Optimismus dieser großen Nation. Welcher Grad von Glauben gehört dazu, die letzte Offenbarung einer Gott suchenden Seele, das stärkste und in seiner Namenlosigkeit doppelt erschütternde Standbild eines transzendenten Lebens einem so gebrechlichen Stoffe anzuvertrauen, der beinahe schneller zerfällt als die Hand, die es eben gebildet hat? Wie ist dies ganz anders als die ephemeren Bildwerke des glaubenlosen Europas aus der Zeit 1870–1914, das ihre Nichtigkeit in das schwerste Material, in Marmor, Bronze gekleidet und die leeren Augen ihrer Statuen mit echten Edelsteinen geschmückt hat. Was sich in diesen großen stillen Götterfiguren Chinas, den Lohan ausdrückt, spricht zu uns auch aus Mozarts Werken. Mehr als aus denen des Bach. Das scheinbare Tändeln, die Rosenketten in der Hand des tanzenden göttlichen Kindes Mozart dürfen nicht täuschen. Dies ist nur die äußere Erscheinung, mit ihnen ist Mozart nicht erschöpft. Wie bei den Götterfiguren Chinas tut die Vergänglichkeit des Lehms nichts zur Sache. Es muß etwas Mystisches und im letzten nie ganz zu Begreifendes am Werke sein, wenn ein Mensch mit all seinen Menschlichkeiten Göttliches schafft, wenn er über seine Nation, über seine Generation, über alle Grenzen hinaus auch in anderen, Späteren dieses Göttliche zur Gewißheit erweckt. Was ich Ruhe nenne, scheint mir der Weltrhythmus zu sein, der nur scheinbar längst geordnete und befriedigte Rhythmus der weitesten Sterne, der hier sich in den reinsten Verhältnissen auf das Maß des einzelnen Kunstwerkes überträgt. Alles kann bleiben, wir wollen nicht ändern, wir fühlen eine Welt (nur eine kleinere, nicht eine niedrigere), völlig einer andern (nur einer höheren, nicht einer fremderen) hingegeben. Es ist gemußt von oben, gewollt von unten, aber dies widerspricht sich nicht, sondern es versöhnt. Daß zwei Welten harmonisch wenigstens in einem Atom Zeit und Raum ineinander klingen, ist ein unabänderliches Gesetz und ein tröstliches, bei aller Furchtbarkeit der einzelnen Erscheinung. Wir wissen es, wir fühlen es mit letzter Gewißheit. Mit unserer ganzen Erbärmlichkeit gleiten wir an diesen gottgewollten Werken herab auf unsere Knie: Wir begreifen, daß wir sterben und verenden können an ebendieser Vergänglichkeit, daß wir ersticken in den Netzen dieser unserer Grenzen. Aber ein Leben steht hinter diesem Leben. Ein hoher Sinn hinter der Erscheinung. Wir sind verworren, wir wissen es in diesem Augenblick. Das höchste des Daseins ist Klarheit. Der reinste Sinn die Gewißheit. Dies ist die Ruhe, darin liegt der Trost. Nicht Frieden, nicht Sättigung, nicht Stille ist es, was sich in solcher Stunde zwingend gegen jede Wahrscheinlichkeit, was sich überzeugend ohne Gründe offenbart. Friede ist nur der in die Zeit gebannte Ausgleich der auf Erden doch nie zu vereinenden Gegner. Die Ruhe aber ist der Gegensatz, der durch die ganze wild bewegte Welt geht. Aber dort müssen wir den Gegensatz erfassen, wo er nicht mehr schneidet, dort die Feindschaft erfühlen, wo sie nicht mehr scheidet, dort die Schwere des Lebens auf uns nehmen, wo sie schon ohne Bitterkeit ist. Die Welt begreifen, ja, aber dort, wo eines das andere hebt, wo das eine auf die Stufen des anderen steigt, Sinnbild des nie mit leiblichen Augen zu Sehenden, Beweis des nie Erlebten. Wenn Grünewald im Isenheimer Altar den in die höchsten Sphären auferstehenden, wachsenden, blühenden Heiland zeichnet, wenn seine Regenbogenfarben in ihrer gesammelten Vielfalt sich auflösen in den aufgeblätterten Falten seines schon ins Unabsehbare verwehenden Göttergewandes, wenn dieser heilende Heiland seine Handflächen vor sich hinhält und wenn diese Hände, ebenso wie sein Angesicht, aus dem Überirdischen her freudig zu strahlen beginnen, wenn Jesus schon die Erde mit ihrem Schmutz, ihrem Schmerz, ihrer Schuld und Schande vergessen hat, vergessen bis zur völligen, bis zur ewigen Vernichtung dieses Schmerzes, dieser Schuld, dieser Schande – ist dann der Gegensatz zwischen Gott und der Welt befriedet? Ist der Schmerz besänftigt? Ist der Abgrund ausgeglichen? Gesteigert ist er, unabänderliches Muß ist er geworden, so tief ist er unabänderliches Müssen geworden und zartester Trost zugleich, daß das Christushafte in uns selbst sich erhebt. Gewaltsam anschwellend, in der schwersten, tiefsten Blüte steigt es auf. Wille und Zwang, Muß und Wollen, Trost und Leiden, Schuld und Versöhnung: Ruhe in der Kunst, nicht mehr im Maler, nicht allein im Heiland, nicht mehr im schweigenden Beschauer, über uns allen, uns alle deutend, uns alle bedeutend, das Wesenhafte von uns allen fassend und vernichtend, tötend zugleich und heiligend. Alles ist ruhig, da alles unabänderlich ist. Gewollt von oben, gemußt von unten. Deshalb ist es tragisch. Wie soll vor diesem Christus einer von uns sich halten, bewahren, schützen? Wie soll er angesichts dieser höchsten, reinsten, alles umfassenden Erscheinung seine umgrenzten Sorgen, seinen vergänglichen Namen, seine Nation, wie selbst seine Schuld und Sühne einem Überaugenblick wie diesem entgegen werfen? Wir müssen erblassen, wir fühlen uns aufgelöst, ausgelöscht. Und darin, in dieser Auflösung genießen wir eine Entzückung, wie man sie sonst auf Erden nie erlebt, wir wissen mit der innersten Bewußtheit, mit der sanftesten Gewißheit, daß es notwendig ist zu ruhen, daß es selig ist: zu vergehen. Laßt König Lear seinen Jammer in der vom Novembersturm an allen vier Enden aufgehobenen Gespensterheide aus sich herausschreien und seinen Jammer doch nie erschöpfen! Wenn wir ihn hören, begreifen wir nicht die Verknüpfung zwischen Schuld und Strafe, nicht das furchtbare Band zwischen Torheit und Wahnsinn, nicht das Ringen von Tier und Gott im Menschen. Was wir begreifen, ist einzig allein das in das Dasein von uns namenlosen, schwachen, vergänglichen, erbärmlichen Menschen hereinragende, hereinrasende Weltall mit seinen bösen und seinen tröstenden Dämonen. Wir wollen Lear nicht retten. Wir sind töricht wie er, ungerecht in Liebe und Haß wie er, wahnsinnig wie er, verworren wie er. Retten ließe sich nur einer, dessen Leben nichts als das Leben dieser irdischen Erde ist. Dieses aber geht über die irdische Sphäre hinaus. Hier in der Wahnsinnsszene ist die Welt in Teilen erfaßt, so weit sonst voneinander entfernt, daß sie eines Menschen Hand nicht zusammenhalten könnte. Hier ist der Gegensatz erfaßt, wo er nicht mehr schneidet, hier die Feindschaft erfühlt, wo sie nicht mehr scheidet. Seht ihn, den unseligsten, wirklichsten aller Leidenden, er hat die Schwere der Welt auf sich genommen, und wir mit ihm, wo sie schon ohne Bitterkeit ist. Lear ist Sinnbild des mit leiblichen Augen nie zu Sehenden. Wer einen Beweis des Sinnes will, hier ist ein Beweis des irdisch nie zu Erlebenden. Dem hier sind wir wirklicher als in unserem zufälligen, vergänglichen Leben. Hier, wo wir wirklich sind, sind wir über die Erde mit allem ihrem Ehrgeiz, mit ihrem Neid, mit ihren Machtinteressen, ihren Ohnmachtsklagen, ihrem Hunger, ihrer Liebe und ihrer Sättigung weit erhoben. Hunger kann uns niemals tiefer als bis zu den Eingeweiden packen, Durst wird nur an unserer Kehle würgen. Aber über allem Sagbaren gibt es noch eine Welt, die wirkliche, die zeitlose; zeitlos, weil sie ebenso schnell rollt wie das Rad der ewig bestehenden, ewig vergehenden Sterne. Daß wir nur in dieser Welt und – gleich ob mit oder gegen unseren Willen – notwendig leben, das fühlen wir. Sie, die andere, die fremdere, die ruhige ist unser besseres, unser einzig bleibendes Teil. Wir sagen es im Schweigen, wir deuten es mit ruhenden Händen, wir leben es über das Dasein unserer siebzig biblischen Jahre hinaus. Es gibt eine Zeit, da wir uns ganz loslösen vom Zwang. Es ist ein Ort, wo wir ganz aufgehen in der heiligen Ruhe. Wir erwachen einmal noch in der frühesten Frühe. Das Irdische faßt uns nur, es hält uns nicht. Wir sterben. Eines in uns bleibt. Eines bleibt. Die Kunst des Erzählens Noch hat ein Kind die Sprache in Worten nicht verstehen gelernt, und schon beginnt es zu erzählen. Der zahnlose Greis, der neues zu lernen, neuen Sinn zu fassen nicht mehr fähig ist, noch immer kann er vom Erzählen nicht lassen, mit schmal gewordenen, blassen Lippen murmelt er Undeutliches der Aussprache nach; wenn aber jemand die Worte als solche richtig zu hören vermag, dann kann er meisterhaft Erzähltes aus einem Munde aufnehmen, der sonst scheinbar schon allem Leben, aller Liebe abgewandt ist. Denn einem Geiste, längst dem tätigen Dasein entfremdet, kann immer noch eine klare, reine Quelle entspringen; das Gedächtnis, dem die jüngsten, wirklichsten Ereignisse entgleiten, hält immer noch die ältesten Bilder in unverbrüchlicher Treue und Liebe fest. Wilde Völkerschaften, wie Südseeinsulaner, Eskimos und Lappen, erzählen schlechthin vollendet. Viele gebildete, geistig hochstehende Menschen aber bringen kaum die kleinste, schlichteste Erzählung zustande. Können sie es aus dem Grunde nicht, aus dem sechzehnjährige Jünglinge das Malen und Zeichnen verlernt haben, das ihnen mit vier Jahren, zum Staunen aller Erzieher, wie durch Gnade angeboren war? Man hat ein Recht anzunehmen, ein jeder Mensch könne »von Natur« erzählen. Man kann daher das Erzählen nur, wie der vierjährige Knabe das Malen, verlernen. Hört man die Marktweiber unter dem Baldachin ihrer Schirme, zwischen ihren Körben mit Obst, ihren Käfigen mit Hühnern, hinter ihren Krügen mit Bauernblumen sich die Zeit der ganz frühen und der späten Marktstunden mit Gesprächen vertreiben, oder läßt man vor Gericht dem Angeklagten, dem Zeugen, besonders aus den unteren Schichten, freien Lauf mit ihren Berichten, ihren Ausbrüchen, Eindrücken und Abenteuern, da hört man oft das Leben selbst sprechen. Werden aber diese Menschen aufgefordert, das eben in vollster Lebensblüte Erzählte niederzuschreiben, dann ergibt sich meist nichts anderes als ein flaches, sentimentales, ödes Gespinst. Es scheint, daß hier der Grad der Naivität entscheidet. Naiv, das heißt ganz absichtslos, ohne Rücksicht auf den Zuhörer und bisweilen ohne Rücksicht auf den Sinn, erzählt nur das Kind. Das Kind und der Wilde haben reine Freude am Klang, am Lärm, an dem fragenden Zögern, an der aufreizenden Pause, am ruhig weitergezogenen, drei- und unendlichemal wiederholten Pendelschlag der Erzählung. Eine etwas wehmütige Freude hat auch der Greis. Er empfindet den Durst, nochmals zu leben, in dem Augenblicke, da er nochmals sich reden hört. Er erzählt, solange er atmet. Solange er atmet, solange er lebt. Sollte man nicht annehmen, jeder Mensch könne wenigstens einen guten Bericht schreiben, nämlich den des eigenen Daseins und Dagewesenseins? Aber es sind autobiographische Bücher von Wert noch größere Seltenheiten als wertvolle Bücher überhaupt. Es muß also doch eine eigenartige Kunst des Erzählens geben. Oder es muß die angeborene, aber wieder verlernte Kunst der Darstellung aller Bildung, allem Schulwissen zu Trotz wiedergefunden werden können. Man muß erzählen, naiv wie ein Kind, wissend und im Feuer geläutert wie ein Greis, aber das alles mit dem glühenden Glauben des Jünglings und der großen, ruhigen, tragenden Kraft des Mannes. Die Vereinigung dieser Eigenschaften ist so selten wie die Vollendung bei einem irdischen Kunstwerk überhaupt. Regeln und Gesetze gibt es nicht, wie es auch in der Pädagogik keine festen Formen gibt. Sich gerecht verteilen macht hier wie überall den Meister. Wer sich selbst zu sehr lauscht, der reißt wohl sein Werk von der Erde los, aber je höher er steigt, desto blendender, feuriger muß das Werk leuchten, sollen die Strahlen dann noch das Gewölke der Materie, den harten Urbann des Wortes durchbrechen, um über Zeiten, über Zonen heraus zu wirken. So sind Achill und Odysseus nicht einfach Figuren einer beliebigen Mythologie. Es sind Grundformen des menschlichen Wesens überhaupt, es ist Jünglingswelt in Achill und Manneswelt in Odysseus. Ob nun ein einzelner oder ein Volk bei diesen Gestalten mitgedichtet hat, sie sind nicht aus der Beobachtung der fremden Welt entstanden, sondern dem Flusse des eigenen Daseins entsprungen, dem Überflusse einer zweideutenden, einer umfassenden Seele. Und sind die Buchstaben der homerischen Gedichte heute so weit verdunkelt, daß wir nicht mehr wissen, wie sie geklungen haben, hat sich der Sinn der homerischen Welt auch so weit verändert, daß uns die Worte Sieg, Tod, Kampf, Meer und Irrfahrt, Troja und Penelope ganz anderes bedeuten, als sie dem Schöpfer dieser Werke und ihren ersten Hörern bedeutet haben – so strahlt doch, eben über die Zone der griechischen Küste, über die Zeiten der heroischen Kämpfe, das Werk und mit ihm seine Helden, seine Meister. Denn was Homer gezeugt, getötet, lebendig gemacht, was er geschmäht und gerühmt hat, das geht tiefer als sein Gegenstand, es besteht länger als der Stein, aus dem die Statue gebildet war. Ganz dem Zuhörer hingegeben sein, nur mit dessen Zunge zu reden, mit dessen Vernunft zu denken, mit dessen Waage zu wägen, das macht ein Werk verständlich, eingängig und einheitlich. Solch ein Werk widerspricht sich nie. Aber so erzählen, wie der Durchschnitt der Menschen denkt und bewußt erlebt, das heißt überhaupt nicht erzählen. Mit Rücksicht auf die Masse und deren Auffassung, Fassungskraft und schnell verflogene Liebe erzählen heißt mit einem Griffel in fließendes Wasser schreiben. Ganz ohne Sinn ist auch dies nicht. Es ist ein Geschäft, ein Beruf, und wenn man daran denkt, einer großen Anzahl von Menschen nach ihrer Tage Arbeit und Mühsal ein wenig Unterhaltung zu gewähren, ist es sogar eine menschliche Berufung. In diesem Sinn soll man selbst den Kitsch nicht unterschätzen. Aber die Generation, aus deren Durchschnittsgefühl heraus dieser banale Erzähler erzählt, geht dahin. Schon die kommende Generation versteht die Existenz, geschweige den Erfolg solcher Werke nicht mehr, ja, man begreift nicht einmal, was die frühere Generation Schönes an diesen Werken gefunden haben mag. Man versuche nur einmal, in diese »Sophiens Reisen nach Memel«, in die Romane der Spindler und Vulpius, von neuen Büchern dieser Art, wie sie in Zeitungen »unter dem Strich« laufen, ganz zu schweigen, einen Blick zu werfen. Man wird sich, wie von einem Massengrabe halbverfaulter Leichen, schaudernd abwenden. Solche Werke sind so tot, daß man nie ermißt, wie sie je lebendig gewesen sein sollen. Es ist nur der mechanische Abdruck, der letzte Abhub der Massen darin, das Gestaltlose, künstlerisch Unerfaßbare, das nie Organismus geworden ist und doch auch längst die Unschuld des rohen Stoffes eingebüßt hat. In diesem Sinne sind es traurige Momente der irdischen Vergeblichkeit, beschämend für den Sinn ihrer Zeit. Credo, quia absurdum Zu den tiefsten, weil immer wieder erneuerungsfähigen Monumenten menschlichen Denkens gehören die drei Worte des Kirchenvaters: credo, quia absurdum. Wie flammt in dem Worte credo schon die ganze unermeßliche Kühnheit unseres Geschlechts auf, das, von äußerer Not bedrängt, in der Dauer seiner Existenz eng begrenzt, allen Unbilden einer hassenden und gehaßten Welt fast schutzlos ausgeliefert, doch diesen herrlichen Schritt nach oben wagt: für das Sein einzutreten durch den Glauben, sich selbst nochmals zu zeugen durch die Treue des tiefsten Bewährens. Wie liegt in dem Worte credo schon die ganze namenlose Freudigkeit des einzelnen! Gegen diese Freudigkeit gibt es keinen Beweis. Auch trotz der letzten satanischen Logik der Welt rauscht unnennbar in emporgewehtem Schwung dieses Gefühl der Freudigkeit und ist durch nichts zu erschüttern. Es ist ein Zeugnis des rasendsten Lebensgefühles, zu glauben . Das heißt: das gemußte zufällige Leben durch den gläubigen Willen nochmals dauernd zu schaffen. Das heißt es, wenn einer sagt, fühlt und beweist, er glaube: kraft des Unmöglichen . Kann man eisig kalten Herzens angesichts des Ungeheuren, der Wirklichkeit bestehen? Gibt es Logik ohne Glauben? Es gibt eine rationalistische Erfassung der Welt, die Frage nach ihrem Range, nach ihrer Würde, nach dem Grunde aller Kraft, nach dem Vorher und Nachher aller Zeit, nach Schuld bei jeder Sünde, nach Sühne bei jeder Läuterung – aber im Sinne aller glühend Lebenden müssen diese Fragen, schon weil sie gefragt sind, den Menschen bis ins Nackte vereinsamt, bis in den Herzenskern vergiftet zurücklassen. Gut oder Böse, Gerechtigkeit und ihr Gegenteil, Strafe und Lohn – nichts von alledem. Wohl: Ordnung im Bereiche der niederen Sphären, auf den Straßen, den Gerichten, beim Kaufen und Verkaufen, beim Dienen und beim in Dienst Nehmen, beim Zeugen, Sterben, sich Verbinden und Trennen, sich Begegnen und voneinander Lassen. Aber darüber hinaus beginnt das Grenzenlose dessen, was Worte nicht sagen, Urteile nicht richten, Löhne nicht messen, Bilder nicht nachzeichnen, menschliche Stimmen nicht nachahmen werden. Wir sind alle aus einem Höllenkreise auferstanden, der an düsterer Glut, an grauenhafter Pein, an unsagbarer Schmach alles hinter sich läßt, was die teuflische, weil logische Phantasie des Dante im Inferno geschaffen hat. Unberührt, ungerührt schreitet er, der große Magier, durch die Bezirke der Verworfenheit, der Qualen und ewig zischenden Feuer. Er schreitet aufwärts, reineren, helleren Bezirken entgegen. Aber das ist nur Schein. Sein Himmel ist nur leerer, nicht reiner, sein Läuterungsweg nur eine Verwirrung mehr, und der sich schuldlos Dünkende, dem Gottesgericht Entronnene, glaubt sich bloß emporgerafft, im Grunde ist er tiefer gesunken als die zur Hölle Verurteilten. Er verflucht seinen Gott bitterer als seine im Höllenpfuhl gemarterten Gottesleugner, wenn er ihn, diesen seinen Gott, in durchsichtigem Sternenkleide, unberührt, ungerührt, befriedigt, gesättigt und in reinster Harmonie über diesen Höllenkreisen regieren läßt, über dieser auf ewig in Millionen zersplitterten, leidenden Welt. Auch wir alle, die wir die Jahre dieses Jahrhunderts hinter uns haben, steigen aus den Tiefen der Höllenkreise auf. Aber wir wissen keine Antwort, keine Gründe, keine Satzungen des beleidigten Gerichtes, keine billige Buße von Verbrechen, Schwächen und Vergehen, keinen Schicksalsstern und deshalb keinen Trost, keinen Richter und deshalb keinen Retter, wenn wir die Welt, die Zeit, das Menschenherz, die Macht und das Leiden nehmen, wie sie sind, wenn wir sie ernst nehmen, wenn wir sie logisch erfassen und nicht absurd. Daß wir ganz ohne Rat sind, das macht unsern Jammer aus, wir finden keine Lehrer, die uns dies deuten, keine Meister, die uns das Werk weisen, keine reinen Ahnen, die uns, mit dem überlebenden Teil ihres redlichen, längst verblichenen Lebens, in ihrem Andenken zur Seite stehen. Aber die Welt, durch den Weltenkrieg so grauenhaft aus jeder Harmonie gerissen, hat sich auch geöffnet. Wir sind kommender Dinge gewärtig, so groß, wie nie in einer Zeit zuvor, so tröstlich, so hold, so mild, wie sie nie menschliche Kreaturen ersehnt haben. Die Griechen, die in ihrer Seele unverlierbar herrlich alle Elemente dieser Harmonie vereinten, hatten in jedem Winkel ihrer tausendtorigen Tempel Raum für viele andere Götter, kommende. Auf jedem Gestirn ihres wolkenlosen Nachthimmels flimmerte in mildem Schein ein weites Gelände für einen neuen Schöpfer. Diesen Griechen waren alle Schrecknisse klar, alles Grauen zu deuten, alles Fürchterliche zu ergründen. Die eleusinischen Kulte faßten alle Geheimnisse, nur die Hybris nicht. Denn die Hybris, der Größenwahn, war ihnen einzig das Greuel, vor dem die Welt erschauert, von dem sie sich abwendet, das sie nie und nimmer erträgt, mag sie daran, in Stücke zerschmettert, versinken. Größenwahn hieß ihnen der Gott, der als einzig alleiniger Herr die Unendlichkeit der Welt auf seine Schultern laden will. Größenwahn und Hybris war der Gottmensch Prometheus, der die zwischen Mensch und Gott auseinandergebäumte Welt vergeblich in seiner Faust zerstörend-lösend zusammenpressen will. Größenwahn war die Sehnsucht des einzelnen, der Frieden für sich verlangt, damit eines einzigen Hohen Fittich ihn gut und dunkel überbreite. Größenwahn war das Machtgefühl der Herrscher und Cäsaren, der Kalifen der persischen Millionenheere, die Gier der Goldgierigen, der Durst der Bluttrinker, der ewig nach Macht hungrigen Kaiser und Götzen und Götter. Der Himmel der Griechen duldet keine reinen Götter, sie sind menschlich, und das versöhnt uns mit ihnen, die Hölle der Griechen kennt keine reine Pein, keine ohne Aufhören schwelende, quälende Flamme, und das versöhnt sie mit uns. Für unsere Zeit, für unser Geschick reicht aber keine Hybris aus. Es kann nicht sein, daß wir vor unserem Sturz eine Schuld auf uns geladen, eine Überschuld begangen haben, die diesen in der Geschichte der Menschheit unerhörten Sturz begründen kann. Aber jetzt, aber hier, aber heute, Angesicht in Angesicht mit allem, wovor uns kein Verbergen hilft, kein Totschweigen schützt: Nehmen wir die Welt, wie wir sie 1914–1918 erlebten, dann müssen wir verzweifeln. Aus dieser völligen, in der Erde und ihrem Irdischen begründeten Verzweiflung könnte uns, die wir weiter leben, weiter schaffen und zeugen müssen, nur Sentimentalität, Witz, Zynismus als Gesinnung erwachsen. Für die praktische Lebensführung bliebe uns als Ziel nur die Sättigung der erbärmlichsten Instinkte, Lohnkämpfe, bei denen es nur Kampf, aber keinen Sieg und kein Ziel gibt, Belastungsproben im Sport oder im Geld – oder Gleichgültigkeit, tödlicher als Tod. In der Kunst nur blinde, taube Darstellung der äußersten Schale aller äußeren Dinge oder wehmütiges, seelenlos leeres Klingen und Verklingen. Kein Trost bedeutete uns der Aufblick zu den Sternen, die noch einem Kant Trost gebracht haben. Keine Entführung in »bessere Welten« hätten wir den Waldhornklängen einer Beethovenschen Symphonie zu danken, die noch Nietzsche beseligt haben. Und wie sollen wir uns an Menschen freuen? Wie können wir das? Wir und ich, denen der höllische Urgrund all dessen, was Mensch heißt, in die Haut mit glühenden Eisen eingebrannt ist? Heute, hier, jetzt verstehen wir erst dieses ungeheure UND-DOCH, das der Heilige mit seinem credo, quia absurdum zu uns spricht. Wir fühlen – und sind hier am Ende des geistig noch zu Erfassenden, sind an der Grenze des weither Ersehnten und im innersten Urkeim des innerlichst Geahnten – wir fühlen, daß die eine Grenzscheide in uns liegt, nur die eine, die andere aber in der höheren Sphäre, die wir wissend nicht erreichen können. Nicht, daß sie uns beschieden ist, nicht, daß wir sie finden können, ist das Herrliche, das Tröstende an ihr, sondern daß sie da ist, unzugänglich, unerreichbar und dennoch alles lösend . Dieses Unddoch ist das Absurde. Wir sind selbst absurd, wenn wir das Absurde glauben. Wir sind absurd, wenn wir glauben, um des Glaubens willen, nicht um des Beweises willen. Nicht des Trostes willen, nicht um der zeitlichen Glückseligkeit willen und nicht der ewigen Seligkeit willen. Denn ewig ist das immer Zeitliche. Wir sind absurd wie die wahnsinnigen Figuren, die Goethe in jenem Schloß eines neapolitanischen Prinzen fand. Denn in uns begegnen sich die Widersprüche des Universums. Oder, wenn man es tiefer faßt, der Mensch als kosmische Erscheinung ist ein Absurdum, ein Widersinn für alles andere, ein Sandkorn zwischen den Augenlidern der Welt. Unentrinnbar bleiben wir dem Absurden eingefügt. Unser Glaube ist nur die Rückkehr dorthin, von wo wir uns nie hätten fortrühren sollen und wo manche Stämme erdenbewohnender Menschen immer geblieben sind. Im Angesichte dieser Erde, und mag sie noch so schwellend sein, wenn sie der reinste Frühlingshauch umduftet, werden wir doch nie selig werden: weder im Leben noch im Tode. Aber darüber hinaus – und mögen wir auch dieses Darüber-Hinaus nie ganz erfassen, mögen wir es auch nie in Worte fassen können, mögen wir es nie in Zungen sprechen lassen –, und doch, darüber hinaus kann es beginnen, in einer anderen Weise. Aus keiner andern Wurzel kann es entspringen als der, die wir kennen, aber einer anderen Blüte soll es entgegenblühen. »Darüber hinaus« soll nicht heißen, daß wir in atemlosem Steigen das verleugnen, was wir erlebt, erlitten und andere leiden gemacht haben. Wir müssen diese niedere Sphäre durchdringen. Vor keinem Schmutze sollen wir uns scheuen, da der Gott unseres Glaubens vor keinem Schmutze sich gescheut hat. Niederstes zu berühren darf uns kein Greuel sein, da Niederstes in der einzigen, absurd einzigen, absurd einigen, absurd ewigen-zeitlichen Welt unseres Gottes ist, wenn er ist, wie wir ihn absurd glauben. Wir wollen nicht mehr sagen: Zeit oder Ewigkeit, nicht mehr scheiden: leibliche Hölle, ewiger Himmel, denn unsere Himmelfahrt geht nicht erst nach der Todesnacht an. Der Mensch, der eisige Vernunft hat und nichts als diese logische Vernunft, wird es nicht fassen, aber es faßt ihn, ob er will oder nicht. Er mag stolz seinen kleinen Kreis seines Daseins zu beherrschen glauben, dort, wo er ist, unvertreibbar, wie er sich wähnt, in seinem Büro, auf der Börse, auf dem Sportplatz, in seinem Tanzkreis, oder bei Weib und Kind, in seinen Geschäften, seinen Plänen, seinem Besitze, seinem Hause, seiner Zeit, den Kalender auf dem Tische, die Uhr in der Hand, die Augen im Kopfe, das sichere Gewisse zu seinen Füßen. Er ist nicht sicherer als wir, die wir glauben müssen kraft des Unmöglichen. Uns allen ohne Ausnahme ist nicht der winzigste Teil eines winzigen Teiles ganz zugeeignet. Keine Kugel, und hätte sie nur die Größe des feinsten Kornes, werden unsere Augen von allen Seiten zugleich betrachten und erfassen können. Aber auch das Weiteste, das Tiefste wird uns anderen wenigstens in einer Ahnung offenbar. Es kann uns nicht ganz entgehen. Wir müssen uns nicht in die Kirche flüchten, denn gemauerte Dächer werden uns nie decken. Wir wollen nicht Worte lehren, denn in ihnen gibt die Welt nur ihren Nachhall, einen trügerischen, ihrer selbst, mit ihrer falschen Harmonie, ihrem heuchlerischen Gleichklang und lügnerischen Frieden. Das Absurde der Welt, dort, wo es tröstlich zu werden beginnt, wird uns nicht in Kirchen gezeigt, nicht in gebundenen Worten erklärt. Aber wir wissen es dennoch, wir sind dessen gewiß. Denn: Kamen wir nicht aus dem Sprachlosen zur Sprache? Aus dem Gestaltlosen zur Gestalt? Aus dem Namenlosen zum Namen? Es war eine Zeit, da wir nicht waren. Nicht wir noch die Erde unter uns, die Bäume um uns, die Tiere neben uns, die Wolken und Lüfte über uns. Wie absurd wäre es den damals Seienden, damals Zweifelnden, gewesen, an uns, die Kommenden, Selig-Unseligen, zu glauben. Und doch kamen wir, zu einem elenden, aber doch zu einem Leben. Zu einem Wissen kamen wir, das zwar keines Wertes ganz gewiß ist, das aber alle Werte ahnt, die höchsten wie die niedersten. Zu einer Freude sind wir gekommen, die zwar in Bitterkeit ihre Flügel taucht, aber doch zu einer Freude. Und es ist absurd, aber es ist dennoch unser Glaube, kraft des Unmöglichen: Unendliches erwartet uns. Wir bleiben nicht am Rande der endenlosen Sphären. In der Mitte der Zonen werden wir schweben. Die Unendlichkeit des Todes hinter uns. Die Unendlichkeit des Todes vor uns. Die Hölle dieser Erde zu unseren Füßen. Aber, unserm Blicke unerreichbar, dennoch aber uns zukommend in gewaltigstem Lebensgefühl: das andere Ende, die Lösung des Absurden, die Bekräftigung des Glaubens, die Gewißheit des höheren, tieferen Sinnes, die Krone der erkorenen Bestimmung. Das ist es, weswegen wir noch leben. Die Freunde Flaubert und Maupassant Wenn ein schöpferischer Geist vom ersten Augenblick an Reife, Sommer, Ernte, Fülle und Frucht gibt, dann gab er dies alles, der nun alternde Dichter, der vollkommene. Knotige, polyedrische Fäuste eines Schiffbaumeisters zu äußerster Kraft waren ihm angeboren; aber die feinen Fingerspitzen umschwebten mit unbeschreiblicher Zartheit die Welt: Bäume, Menschen, das Faßbare und das Unfaßbare, die Luft und die Seele. Eines Gemmenschneiders liebend tastendes Gefühl verklärte seine Stärke. Hier war, wenn je, Handwerk und Genie vereint. Aber dem anderen, der, ewig jünglingshaft, in gespanntem Schwung und gelöstem Flug der irdischen Zeit, der zeitlichen Erde sich neigte, ihm war es gegeben, sich hineinzuschmiegen in aller erdhaften, tönernen Masken wiegenhafte Wölbung: in die blecherne Starre alter Generäle, in oval hinfließende Falten seidener Frauenkleider, in den spiralig nach rückwärts gewandten Kopf eines edlen Pferdes, in den verlotterten Laternenschritt einer abgemagerten Dirne, in die schmachtende Locke auf der niederen Stirn einer bürgerlichen Dame. Ihm war es gegeben, auch aufwärts zu streben, zu steigen vom bürgerlichen Bild zu dem lautlos hinstürzenden, sausend aufsteigenden Dämon; dies zeugte der jugendliche Dichter, Freund des alternden. Noch war der Jüngling umgeben von dem zartesten, knabenhaften Hauch, als die Freundschaft begann: Es entrann auf eines Atemholens Pause der Alte seiner Arbeit. Stöhnend über der Last seines Handwerkes, fand er seine Meißel immer stumpf. Mit welcher Liebe, mit welcher Wut warf er die wirbelnde Kraft seines Genius über den toten Stoff, ein göttlicher Riese: göttlich den toten Stoff zu beleben, den Faden zu entfalten bis ins feinste. Göttlich sammelte er alles; Feuer, Erde, Geist und Äther, um das größte Werk menschenbildender Kraft zu bilden; er wollte, er mußte den Tod der Materie aufbrechen, den Stein malen in seiner Schwere, er wollte eine Statue der ewig quellenden Luft der Kunst abzwingen; und dies war sein letztes Ziel; die unbeschreibliche Unvollkommenheit des Menschen, die grauenhafte Gestaltlosigkeit menschlichen Lebens dennoch zu gestalten. Biographie und Dichtung sollten eines werden, aber nie konnten sie das. Er war gesegnet, er war verdammt, an diese Arbeit zu wenden, was er hatte. Der Schweiß der längsten Sommertage, der blaue Hauch reiner traumwandelnder Nächte, Wissen und Intuition, alles war vergebens. Hier war Vollendung nicht gegeben. Hier zuerst und zuletzt stand unüberschreitbar die große Grenze zwischen der Kraft und der Gnade, zwischen Tat und Leiden, zwischen Mensch und Gott. Aber wie süß, wenn er, der Alte, die Hacke auf der Schulter, aus dem ewigen Weinberg seiner Mühsal trat und dem Antlitz des Jünglings begegnete: Rührend umwallte die Abendsonne das schwarze Porzellan des dichten Haares, das der Knabe trug; mädchenhaft glitt der Schatten über die matte Stirn, die aus sich selbst leuchtende. Der Knabe hielt die Augen gesenkt, er sprach nicht, wenn er den Blick hob und seine schweren Wimpern wie gespannte Saiten die tiefen Stufen der Augenlider schlugen, dann war es eines edlen Tieres großer Blick. Die Hände, abendsonnenfarben, waren innenher gestreichelt von gestreckten Adern, die bläulich schimmerten wie Tod. Doch unvergänglich schien seine Jugend jetzt, unversiegbare Stärke schwieg aus seiner Ruhe, wenn er die Hände beide gespannt hielt um die kantige Wölbung seiner gebeugten Knie. Mönchisch umfasert gab sich der Alte. In derber Heiterkeit lugte sein bäurisch pfiffiger Blick, aber seiner Seele war gegeben: über alle Zeit Weisheit, Umfassen fernster Flächen alter Menschlichkeit, Wissen jeglichen Handelns, Griffe jeglichen Handwerks – Sprache und Stimme jeglicher Kreatur konnte er sprechen, er konnte zeugen jedes Tier, bis auf eines: das dumme. Ein zauberkräftiger Mönch, so ragte auch er über Sphären der Sinne und der Sinnlichkeit. Von Dämonen waren seine gewaltigen Schultern umwittert. Aber hier, aber heute begegnete er, in väterlich treuer Würde, der mühelos sprossenden Jugend. Der Gigantische beugte sich nieder, ein Kamerad, angehaucht vom Duft der voll erntenden Frühe. Denn in der Frühe seiner Zeit erntete der Jüngling. Nicht aus mönchischer Reinheit gebar sich ihm Keim und Kelter, Form und Gehalt, er fand die Garbe gesegneter Vollendung sogleich und überall. Selbst dort, wo der Schmutz am schmutzigsten war, wo die trübste Lauge des täglich erneuten Tags sich fing, auch dorther zog er Inhalt, Form und Stoff: Stoff waren ihm Jäger nach schönen Frauen, schnellem Wild, nach großer Mitgift und hoher Erbschaft; schwer befleischte Dummköpfe, von ihrer herrlichen Torheit wie Lampen vom Öl zehrend; Frauen, schön mit ihren kleinen Köpfen, denen hufeisenförmige Nadeln im japanisch aufgezäumten Haare glänzten; junge Mädchen mit eng gehöhlten und breit aufströmenden Hüften, überraschelt vom gerafften Taft; elegante Figuren; schmutzige Herzen; senffarbige Gesichter, unbeschreiblich in ihrer dürftigen Häßlichkeit, in denen dennoch die Reinheit der Seele ruhte, alles liebte er: Er liebte unendlich die Gegenden der Wüste Sahara, gesenkt am Rande, wie der Erde geglättete Fläche gegen Abend ermüdet: Marokkos staubige, hochgezackte Gebirge, Landschaften und Einsamkeit, Städte und Menschen, Gletscher und Kloaken: Betrüger, Diebe, Mörder, Erbschleicher, Tierquäler, Menschen der Mitte, Sportsleute, eisern auf ihren gestählten Schenkeln, Greise, triefend verfließende Seelen, Seelen ohne Unterlaß strömten ihm zu, um zu lecken am Quell seines Blutes. Selbst die sprachlose Kreatur, der Hunde jammerndes Herz, die Himmel alle und die Nebel, der blauen Mondstrahlen gewichtlose Verführung: Alles war sein. Sie waren zwei Freunde, beide von Dämonen umflügelt. Aber der Alte, der zauberkräftige Greis, ritt sie, ehern gespornt, wie gotische Erzgeister, über die dumpf erzitternde Erde, und hatte sie. Den Jüngling aber übergossen die Dämonen wie eine Wolke mit lautlos fallender Schwärze. In heimlicher Nacht kamen sie über ihn als Gespenst und Bedrückung, wenn er naiv wie ein Tier und schön wie ein Tier und krankheitslos, todesfern wie ein Tier in sich selbst ruhte: Von seiner Ruhe, aus seiner Lebensfreude trieben sie ihn auf, hetzten ihn, warfen seine Seele hin und fingen sie flugs wieder auf in ihren sicheren Fängen, denen nichts entglitt. Noch freute es den Jüngling, auf dem im Sommer platzenden Spiegel des Flusses im Augustglimmer zu rudern in seinem schmalen, spitzigen Einboot, dem Skiff. Die eisernen Ausleger seines Kahnes fraßen die Hitze ein so wie sein in Gesundheit tief metallisches Gesicht, in dem die dunkelbraune Welle seines Bartes feingekräuselt inmitten schwebte über den schweigsam wollüstigen Lippen. Es tat ihm wohl, mit Freunden nachts nach schweren Weinen und überwürzten Gedecken wortlos die langen Straßen zu durchstreifen, die Rauchwolke abzuwarten, die der erste Frühzug im Bahnhof Saint Lazare ausatmete; tief atmete der Mann die Ferne ein aus dem tiefen rußgeschwärzten Schacht – er gedachte froh der bergigen Gestade, der Meeresferne, des stundenlosen Daseins als Fischer, der Nachmittage im Schilf, des fremden Lautes, wenn er die flachen Köpfe der gefangenen Fische an den Steinen des Strandes zerschellte. Bald aber waren die Flüsse seiner herrlichen Jugend befahren von unheimlichen Dämonen. Gesicht bekamen und Flüstersprache gegen seinen Willen die unbelebten Dinge. Zu eines Raubmörders ungeheuer logischer Fratze wandelte sich ihm seines treuesten Dieners ruhiges Antlitz. Wenn mit feinen Schnüren seidene Mädchenkleidung neben dem Liebeslager schimmerte, war das nicht Mahnung, zuzugreifen und sich selbst zu erwürgen und dem eigenen Willen mit eigenem Willen ungeheuer logisch die Kehle abzuschnüren mit sicherstem Griff? Tod brach aus der Erde rings um den Lebemann. Der Edle vergaß seine Haltung, der Kristall seines Seins verdunkelte sich innenher mit fürchterlicher Drohung. Welche Zeit zwischen Wirklichkeit und Wahn! Welches Leben, zwischen der gehaltenen Gestalt des Gestalters und den aufflatternden Gesichten des Kranken! Es war nur ein Spiel: Ein böser Urgeist spielte nur mit den Falten seines Kleides, noch zerschmetterte er den Unseligen nicht, er raubte ihm nur, wie zum Scherz, Sprache und Stimme. Dem Jäger, Tänzer und Ruderer verlernte er den Gang und machte ihn auf Samtfüßchen gleiten. Der Mann durfte leben, heulen bei geschlossenen Türen, denken bei geschlossenem Gehirn. Er war und war nicht. Eines adeligen Menschen sich selbst zerstörende Reste hausten hinter breiten, weißen Zellentüren in der einsamsten Einsamkeit; selbst von sich selbst war er verlassen. Hier endete er, höllischer als ein gemartertes Tier, im dunklen Winkel, schüchtern geduckt. Der andere aber, ein Erzengel mit gesammelter Kraft, schmerzlos und unzermalmt, stieg auf, hoch auf geflügeltem Tier emporkreisend, verließ er die Zeit. Er durchbrach sie, wie der Kondor eine Wolke durchbricht, mit gepanzertem Fittich. Er starb und war. Adalbert Stifter Man hat diesen großen Meister lange verkannt und bei aller Liebe gering geachtet. Seine Arbeiten, besonders die »Studien«, wurden zwar auf Schulen viel gelesen: Aber die stille Größe seiner Persönlichkeit sahen nur wenige. Seine Beschränkung auf den kleinsten Raum und die leiseste, zarteste Kraft hielt man für Schwäche, seine von innen befriedete Welt schien künstliches Idyll, seine von der stärksten Form gehaltene, unbeirrbar stetige Linie schien Mangel an Tiefe. Nun, da uns manche seiner einst für groß gehaltenen Zeitgenossen völlig schon entrückt sind, bleibt Adalbert Stifters Werk in unberührter, fast heiliger Unverletztheit, es ist nicht gealtert, nicht müde geworden. Man kann von einem einigen Werk bei ihm reden, denn keine seiner Arbeiten tritt über die Fläche der anderen, keine steht der anderen im Wege. Dieser Dichter war früh vollendet. Sein großer Roman »Nachsommer« und die kleinste Erzählung aus den »Studien«, alles ist ein Hauch, ein Fleisch und ein Blut, denn es ist ein Geist. Was man von den halbvergessenen Meistern der chinesischen Landschaftsmalerei sagen kann, gilt auch von ihm, der viel Östliches in seiner Seele hatte, ohne es zu kennen und zu nennen: Er ist groß geblieben, selbst in der kleinsten Form. Er ist Epiker und nur das. Kaum je ein Vers, nirgends ein Ansatz zu dramatischer Gestaltung, kein Versuch zum Theater, weder zum äußeren – wie bei Balzac, der an die Übertragbarkeit seiner Welt auf die Bühne glaubte, trotz aller Mißerfolge – noch zum immanenten Theater, das Dostojewski in seinen großen Werken und besonders an ihren entscheidenden, glühenden Brennpunkten nie verleugnen konnte. Stifter kannte das unerschütterliche Geheimnis einer wie ein Blatt von innen nach außen ganz durchgebildeten, vom reinsten Leben erfüllten, ebenmäßig gewachsenen, golden gereiften Form. Außerhalb dieser Form ist er nicht denkbar. Nie ist er der Versuchung unterlegen, den starken Gefühlsgehalt seines Werkes in einen Vers zu fassen. Goethe, der von ihm aufs tiefste Verehrte, hat es in »Wilhelm Meister« getan. Aber die Form, die Goethe in den ersten Teilen seines Werkes, wenn auch nur mit dem zartesten, behutsamsten Schnitt verletzte, um die Blüten seiner herrlichsten Mignongesänge in die Wunde zu pflanzen, hat in den späteren Teilen der »Wanderjahre« diese Verletzung durch völlig zerfließende Form gebüßt. Ein Mann von so viel schwächerer Kraft wie Stifter hat seinen heiligen Kreis nie überschritten. Mehr noch. Nie wächst eine Figur oder ein beherrschendes Ereignis über das Werk heraus. Zwischen den kleinsten Äußerungen von Stifters Wesen und seiner Kunst liegt eine Bindung, die der Bindung der Erdkrume gleicht. Wenn Goethe in einer Wasserflut von kristallischer Durchsichtigkeit, wenn Dostojewski im lebenden, heiser hauchenden, alles verzehrenden Feuer läutert, dann läutert Stifter in der Erdkrume, im warmen Boden, im engsten, herznahesten Zusammendrängen von Leben, Sterben, Schlaf und Erwachen, Verwesen und Aufgehen. Auch er erfaßt die Welt in einer grenzenlos großen Fülle und vernichtet sie nicht. Er erkennt das Böse und leugnet es nicht. Er weiß, daß der Mensch nicht gut ist von Anbeginn, und doch glaubt er an Erziehung, und was ist Erziehung anderes als das Pochen, das Rühren an den Erdboden, an das wartende Werden, an die noch nicht geformte Seele? Der demütige Raum der Erde, der schwebende Himmel, die Landschaft mit Tieren, Menschen, Bäumen und Wolken, die Dauer des Daseins und das Wirken des tätigen Mannes, alles setzt er an seinen hirtenhaften Anfang zurück, er sagt immer wieder: Laßt wachsen! Baut Häuser. Lehret die Kinder. Sammelt! Bedeckt Wunden mit weicher Leinwand, faßt den Menschen mit Behutsamkeit, denn das Edelste ist das am leichtesten Verletzbare. Seid werktätig. – Erziehung nennt er die erste und heiligste Pflicht des Staates. »Denn darum haben wir ja den Staat«, sagt er im Jahre 1849, »daß er uns zu Menschen mache und daß er keine Strafanstalt sei, in der man immer Kanonen braucht, daß die wilden Tiere nicht losbrechen.« Man mag über Amerika denken wie man will, aber es berührt eigentümlich, daß die Ziele dieses altösterreichischen Schullehrers und Dichters aus Oberplan im Böhmerwalde sich mit den Zielen des amerikanischen Menschen von heute fast völlig decken. Preis und Verherrlichung der Ehe, Segen der Erde wie bei Whitman, Freundschaft, große Zärtlichkeit gegen Kinder, starkes Gefühl für Tiere und die schönen unschuldigen Pflanzen. »Ein gerechtes Leben voll Gerechtigkeit, Einsamkeit, Bezwingung seiner selbst, Verstandesgemäßheit, Wirksamkeit in seinem Kreise, das halte ich für groß. Mächtige Bewegungen des Gemütes, furchtbar einherrollender Zorn, die Begier nach Rache, den entzündeten Geist, der nach Tätigkeit strebt, umreißt, ändert, zerstört, das halte ich nicht für größer ... Wir wollen das sanfte Gesetz zu erblicken suchen, wodurch das menschliche Geschlecht geleitet wird ... Wenn jemand die Bedingungen des Daseins eines anderen zerstört, so ergrimmt etwas Höheres in uns, wir helfen dem Schwachen und Unterdrückten, wir stellen den Stand wieder her, daß ein Mensch neben dem anderen bestehe und seine menschliche Bahn gehen könne. Das Gesetz liegt überall, wo Menschen neben Menschen wohnen, und es zeigt sich, wenn Menschen gegen Menschen wirken. Es liegt in der Liebe der Ehegatten zueinander, in der Liebe der Eltern zu den Kindern, in der Liebe der Geschwister, in der süßen Neigung beider Geschlechter, in der Arbeitsamkeit, worin wir erhalten werden, in der Tätigkeit, wodurch man für seinen Kreis, für die Ferne, für die Menschheit wirkt, und endlich in der Ordnung und Gewalt, womit ganze Gesellschaften und Staaten ihr Dasein umgeben und zum Abschluß bringen.« Nicht nur die lauterste Redlichkeit spricht aus dieser Erkenntnis. Es ist mehr, es ist das schmerzensvoll erwirkte Resultat eines langen, von innerer Dämonie bedrohten Lebens. Wir wissen aus den Werken wenig von Adalbert Stifters Leben. Seine Kunst, auch darin den neuen Bestrebungen unserer Zeit verwandt, bringt nichts Privates. Was aus den Wurzeln der Persönlichkeit quillt, ist so durch die Form gefiltert, so rein in den Kristall der elementar, aber nie vulkanisch strömenden Erzählung gebettet, daß es äußerlich nicht sichtbar ist. Aber es ist doch da. Ein dämonischer, ein mystischer Geist wohnte in diesem Meister, und selbst aus den kleinen Einblicken in das Schicksal dieses Mannes, der am Ende seines Lebens, seines Amtes von der Regierung entsetzt, Friedlosigkeit in sich, eine »revolutionäre« Zeit um sich, halb nackt, eine Koppel schöner wilder Hunde an seiner kleinen, festen Hand, am Ufer der Donau bei Linz an den erstaunten Bürgern der Stadt vorbeistürmte, gibt nicht das Bild des Idyllikers der Biedermeierzeit, des Schulmeisters Wuz aus Jean Paul, sondern es erinnert an einen anderen von Dämonen besessenen, Beethoven, der ebenso wie Stifter von Menschen verlassen, sein unselig hohes Dasein durch die hell besonnten Hügelgelände an der Donau bei Heiligenstadt schleppte. Aber dieser Kampf mit dem Dämon, der bei Beethoven oder Dostojewski im Kunstwerk selbst ausgefochten wird, der liegt bei Stifter schon hinter dem Meister, wenn er seine Werke fügt. Mag sein, daß sie dann dünneres Lebensblut erhalten, daß alles feiner, gebändigter klingt, aber: Himmel und Hölle sind durchmessen, und keine menschliche Sphäre in dem Meister fremd. Religion im dogmatischen Sinn, das heißt den Glauben als Stütze, wird man bei Stifter nicht finden. Selbst der starke Dostojewski konnte diesen Trost nicht missen. Stifter ist in viel reinerem Sinne heroisch – und heroisch, wenn auch besonders nach der praktischen Seite hin, ist auch das männliche Bekenntnis, das eben nachgezeichnet wurde. Dogmatische Religion, eindeutige Lehrweisheit fehlt seinem Werk. Aber auch den großen Hebel und Gegenhebel der bürgerlichen Welt, Hunger und Liebe, und ihren Schneidepunkt, die menschliche Eitelkeit, darf man bei Stifter weder suchen noch vermissen. Sein Geheimnis ist tiefer als das Geheimnis Dostojewskis, des Verbrechers und hohen Spielers im luftleeren Raume, dort, wo eine Flaumfeder und eine Flintenkugel gleiches Gewicht haben, weil sie dort gleich schnell fallen. Stifters tragische Schuld ist seine Schuldlosigkeit. Sein Leben war zu rein. Zweimal nennt er in seinem ersten Bekenntnis das Wort »gerecht«. Aber Gott kennt Gerechtigkeit nicht. Nur der Mensch nimmt sie auf sich, zu seinem Segen und Fluch zugleich. In »Abdias« rührt Stifter in einer bis dahin unerreichten Darstellung an »Hiob« und die Verstrickung der Gerechtigkeit. Aber er antwortet sich selbst nicht. Was im tiefsten Jammer vergehen müßte, wird versteinert, was klagen müßte, so stark, daß das Gewölbe des Himmels diese Klage nicht ertragen könnte, schweigt das fürchterlichste Schweigen bis zum lautlosen Tode. Wer war rein und sittlich, wenn nicht Stifter? Wenn ein Mann alle Forderungen, die er an die Welt im weitesten Umkreis setzt und die er nie erfüllt sieht, ohne trüben Rest in Forderungen an sich selbst umsetzt, dann muß man ihn in hohem Sinne sittlich nennen. Aber welches irdische Schicksal kann ihm dann genügen, welche irdische Speise kann ihn sättigen, welches gute Geschick wird ihn vor Bitterkeit und Verzweiflung retten? Er wollte Sicherheit für sich, Neigung, ein Dach über dem Haupt, ein fühlendes Wesen neben seinem Herzen. Mehr als das: Er hungerte nach Gnade. Einmal spricht er von einem, an dem sich die Gnade der Gottheit besonders erwiesen haben sollte. Aber es ist nicht so: »An ihm hat sich eher ihre Verwünschung als ihre Gnade gezeigt – ihre Weisheit, Gnade und Wundertätigkeit haben sich an jemand ganz anderem erwiesen.« Wir sehen ihn von keinem Menschen, nur von schönen Hunden begleitet. In seinem ungeheuren Schweigen löst sich das Furchtbare eines tragischen Lebens nicht auf. Unrein wird der Reine in dieser unseligen Welt auch durch seine Reinheit. Aber sein Werk, mit allen unsichtbaren Lebensströmen genährt, wie die Geister der Toten in der Odyssee, beginnt in seinem innersten Blute zu leuchten und wird nicht aufhören zu leuchten mit der milden, fast schattenlosen Flamme, deren Geheimnis dieser Meister ebensowenig vererbt hat wie die Meister der östlichen Landschaftsmalerei, mit denen ihn viel verbindet, ohne daß er sie kannte. Die Landschaft des chinesischen Malers ist nicht das Abbild eines bestimmten Fleckens Erde, sondern Porträt einer bestimmten menschlichen Seele. So verschwindet zu unserer tiefsten Befreiung und Befriedigung die Grenze zwischen dem Menschen in der Landschaft und der Landschaft im Menschen. Befriedung der Gegensätze ist von Anfang an etwas, das diese Meister innig lieben von Dschuang Dsi und seinem »Wahren Buch vom südlichen Blütenland« an bis heute. Ein zweites, was diesen Ahnen eigen ist, ist die Achtung vor dem Kleinsten, dem Winzigsten. Chinas Maler, ebenso wie Stifter, so Unerhörtes sie technisch leisten, sind der Gefahr entgangen, mit den Ergebnissen der Technik zu spielen. Jeder Federstrich, jede leiseste Wendung und Windung des haarfeinen Pinsels ist Zeugnis und Zeugung zugleich, alles steht da, unerschütterlich, nur von außen »mit dem gelben Rande des Alters umflossen«, innen aber unversehrt mitten im Wehen der Jahrhunderte. Legende hier wie dort. Hier wie dort sind sich Form und Gestalt nicht feindlich. Eine sehr innige Gemeinschaft spricht aus jeder Schöpfung. Das macht sie so vollkommen, so still freudenvoll. Jede Schöpfung ist voll von Geheimnissen, so schlicht sie daliegt, und das, was man Realismus nennt, ist nur ein Geheimnis mehr. Jede Kleinigkeit, jeder Fuß Boden, jedes Zittern der sommerhellen Luft der Heide, jede Bewegung des Menschen, hier hingegossen auf dem frühlingshaft wieder umgrünten Felsen, dort überstäubt vom grauen Geriesel des stürmenden Herbstes, jeder Hufschlag des Wildes, das durch den hohen Schnee winterlich trabt, dies alles ist aus ungeheuer plastisch gesehenen und erlebten Einzelheiten eine Gesamtheit von Traumtiefe, von Sphärenfremdheit geworden, ein Unbeschreibliches, eine Welt über der Welt. Diese Worte, die den Landschaften der chinesischen Meister gelten, umschreiben völlig die Welt Stifters, die Wirklichkeit der unbeschreiblichen Winterlandschaft in der »Mappe meines Urgroßvaters«, der Seen und Wälder im »Hochwald«, der Alpen im »Hagestolz«, der Wüste im »Abdias«. Und wie stehen die Menschen zwischen den Dingen? Aus Erde geschaffen, aber atmend mit dem unzerstörbarsten, weil stillsten Leben. Stifter liebte junge Menschen am meisten und ganz alte. Die Klarheit vor dem Lebenskampf, die blühendste Jugend und die Klärung nach dem Lebenskampf, das angeglichene, ganz groß und still gewordene Alter. Zeitgemäß ist nichts an ihnen. Den Kampf der sozialen Klassen, der Weltanschauungen und Richtungen wird man bei ihm nicht finden. Er ist so nahe den innersten Quellen jeglichen menschlichen Geschehens, daß Geborenwerden und Gestorbenwerden sich gleicht. Wie unsagbar leise und unsagbar zwingend treten die Figuren (man dürfte sie eigentlich nicht Figuren nennen, sie sind anderes) in die Erzählungen ein. Wer so nahe dem letzten Geheimnis ist, wer so sehr alles zu seinen Brüdern versammelt, an die Erde und ihre Krume zurückgebracht hat wie Stifter, der muß den Dingen und Menschen ihr Letztes nicht entreißen. Es löst sich von selbst, er muß es nur strömen lassen, und es wird nie versiegen. Es unterliegt nicht dem Zwang und daher nicht der Zeit. »Einen alten Mann, wie einen Schemen, sah man noch öfter durch den Wald gehen, aber kein Mensch kann eine Zeit sagen, wo er noch ging, und eine, wo er nicht mehr ging.« Von einem chinesischen Meister heißt es, »er hielt Wolken und Berge in seiner hohlen Hand«. So schreitet er in Mondnächten einsam durch den starren Schnee, bis er durch den Tod die lebende Natur sieht, den ruhevoll kreisenden Stern, der schneller oder zögernder eilt, je nach dem Atem des Meisters. Ohne zu suchen hat er das Ewige in der wechselnden Erscheinung, Tod und Verwesung treffen ihn nicht. Das Große dieser Meister liegt in ihrer Tat. Sie sind nicht weltabgewandt, wie die christlichen Heiligen, die doch in ihrer Weltabgewandtheit nur einer andern Seite der Welt zugewandt sind und welche die doppelte Bürde des Unvereinbaren auf ihrer Schulter tragen. Den Martern und Märtyrern der christlichen Lehre sind diese Meister so fern, daß sie ihnen kaum an die Knöchel reichen. Denn das, worum jene kämpfen, haben diese schon erreicht, die höhere, transzendente Gemeinschaft, die Lösung vom einzelnen, die Befreiung des Ich nicht durch Kampf, sondern durch Befriedung. Keine Forderung des tätigen Lebens macht sie ihrer Frömmigkeit abwendig. Je weltlicher sie sind, je mehr sie irdisches Werk tun und irdische Häuser bauen, Wälder ausreuten, heilsame Quellen finden und Kranke pflegen und gesund machen, Bäume pflanzen und, wenn es gerade nahe ist, einem schmutzigen Kinde die Füße waschen, ja, je mehr sie lächeln und sich freuen, je glücklicher sie sind, desto heiliger werden sie. Das ist nicht die sentimentale Geste Dostojewskis, der vor Sonja niederkniet, aber nur, um »vor dem ganzen Jammer und Leiden der Menschen niederzuknien«, sondern das ist das echte Wirken der Heiligen, die keiner Kirche zu ihrer Frömmigkeit bedürfen, keiner Sammlung, keiner Abtötung, keiner Brechung und Zerstörung, um vollendet zu sein. In einer Erzählung Stifters heißt es von einem uralten Arzte: »Seine letzte Heilung ist ein Kind gewesen. Er war schon lange nirgends mehr hingegangen, in der Gegend waren drei neue Doktoren aufgestanden – da war im Eidun ein Kind krank, ein schönes Mädchen freundlicher Eltern –, man hat ihm alles gegeben, was möglich war, aber das Kind wurde immer schlechter. Die Ärzte sagten endlich, es sei vergebens, das Kind müsse sterben. Da fiel den Eltern der alte Doktor ein, der zu Tal ob Pirling ein Haus habe, dort wohne und in dem Garten sitze. Sie gingen zu ihm und baten recht dringend. Er fuhr hinab und ging an seinem Stabe mit den schneeweißen Haaren und gebeugt zu dem Kinde hinein. Da er es gesehen und um alles gefragt und eine Weile geschwiegen hatte, sagte er huldreich: ›Das Kind wird nicht sterben.‹ Er gab den Leuten etwas und sagte, daß man morgen zu ihm kommen und wieder etwas holen sollte.« Wie ist alles tröstlich, heiter und stark! Es ist wie das lautlose Wandern des unsichtbaren Meisters hinter seinen Felsen, seinen Bäumen, seinen Schneestürmen und Eisriesen, Bergen und Tälern. Es ist nicht zu beschreiben, wie alles so tief, so herzlich, so unentrinnbar sanft zu unserer verstörten Zeit spricht. Tiere und Menschen, Wolken und Erde, Wald und Lichtung, Heide und Dämmerung, Gewitter und Dürre, alles löst sich, alles wird ein Fluß, eine Flut, ein beseeltes Tönen, wie man es vor Adalbert Stifter nicht gehört hat und nach ihm nicht mehr hören wird. Das Unverlierbare Die Generation, die vor dem Kriege gelebt hat, war stolz auf Siege, die sie nicht erfochten hatte, sie betrachtete geistige Ergebnisse als ihr Eigentum, die andere für sie gewonnen hatten. Sie stand im Schatten Schopenhauers und Nietzsches, aber nicht in deren Licht, sie zehrte am Erbe Darwins und konnte es doch nicht mehren. Aber sie war der einzig überlebende Erbe und rühmte sich dieser Kräfte, sie war die einzige und alles ihr Eigentum. Von dieser Generation trennt uns mehr als die Dauer eines Menschenalters. Wir stehen nackt und arm da. Der Glaube stützt nicht mehr. Die Wissenschaft ist nicht mehr fröhlich. Es gibt noch Genies, aber keinen Genius mehr. Denn: Genius ist das Genie mit seiner adäquaten Nebelhülle. Der Genius hat Schüler zu seinen Füßen, wie sie Platon, Moses, Christus, Buddha, Lao-Tse hatten, er hat Ahnen zu seinen Häupten. Leben, Wirksamkeit, Frieden hat er rings um sich. Heute aber, wenn wir es auch leugnen, wenn wir uns es auch zu verbergen suchen, es gibt nur eine Frage an die Zeit: Was haben wir heute noch an Unverlierbarem, da wir so vieles verloren haben? Wie götternahe fühlte sich doch dies Geschlecht vor uns! Heute leben Menschen dieser Art nicht mehr. Emil Fischer, der Erfinder des künstlichen Eiweißes, glaubte den Urstoff der Natur in seiner Retorte zu mischen. Seine Zeit dachte, sie wäre dem Geheimnis ewig währenden Lebens auf der Spur, denn um ein ewig währendes Leben ging es ihr, nicht wie dem älteren (jüngeren) Goethe um ein ewig zeugendes Leben. Denn das ewig währende Leben, wie es die frühere Generation erstrebte, war ein Besitz, ein Lebensgut, eine Behaglichkeit im Hause. Das ewig zeugende aber war für Goethe eine furchtbare Forderung, ein Vorwurf für Götter, ein Meer ohne Grund und Boden für alle. Die Zeit vor uns erstrebte Ordnung. Ordnung fand sie in der Natur, vor allem im System der periodisch geordneten Urelemente. In diesem System ahnte man einen Zusammenhang zwischen Sein und Werden, der durchdringt bis in den stummen, starren Stein. Die ungeheuere, willensstrotzende Umarmung der Natur schien sinnvoll und offenbar, wie sie sich mit dem reinsten, stillsten Urkörper gattet. Die Spektralanalyse verband die Gelehrten dieser Zeit durch die Fraunhoferschen Linien des Fernrohres mit den Sternen, nun war man ihnen nahe, ihre feurig flüssigen Massen lösten sich unter den Fingern in sieben Farben, sie sonderten sich ohne Mühe in hellere und dunklere Schatten. Man wog das Licht und tat die Strahlen wie verschiedene Edelsteine auseinander. Aus allem Wissen gewann damals die Technik Blut und Lebenssaft, das tägliche Leben wurde leise und bequem. Die Technik zeigte sich in ihrem damaligen Stadium nur als ungöttlich, nicht aber als dem Göttlichen entgegengerichtet und entgegengesetzt. Alles mochte auf schnellen Rädern eilen, an Schaltern und Spulen sich emsig entfalten, in Turbinen kraftvoll kreisen, in gläsernen Lampen ruhevoll glimmen, auf Drähten Worte tragen, in feingezackten Rillen den Schatten einer Stimme verewigen, auf flachen Flügeln sinnreich mit starken Motoren über die Felder und Seen schweben. Im Menschen wollte man nichts sehen als eine Meisterleistung der Technik, eine recht gut konstruierte Maschine. Man dachte, man habe sie bloß vor Abnützung zu schützen, nicht aber vor Tod. Hygiene war die große, die einzige Lehre dieser Tage. Es war eine Lust zu leben oder eine lustvolle Arbeit. Dieses Lebensgefühl schien so stark, so unbesieglich, daß diese Generation den Tod nie tragisch begriff, das heißt, daß sie nie in ihres Herzens Heimlichkeit naiv vor ihm erschauerte; daß sie nie wortlos, vernunftlos, namenlos dem Tode wie einem magischen schweren Zauber ins Auge sah. Die Generation deutete den Tod um, sie sah ihn als ästhetische Lösung (bei Thomas Mann: »Tod in Venedig«), sie nahm den Tod als moralische Rechtfertigung, als sittsame (nicht sittliche) Sühne in Ibsens Dramen. Sie ließ sich den Tod als einfach praktische Lösung gefallen, als Ausscheidungsprozeß, nicht eben angenehm, aber nach naturwissenschaftlichen Grundsätzen heilsam und verständlich (in Hauptmanns naturalistischen Dramen). Und so sahen ihn auch die Menschen der ersten Kriegsjahre, ohne tiefste Erschütterung eben nur als Mittel zum höheren patriotischen Zweck. Was blieb uns Lebenden von heute? Der Zweifel. Und auch dieser nicht mehr. Denn der große, schöpferische Zweifel des Cartesius, das dubito, ergo sum, ein Grundsatz, der die Franzosen bis zum heutigen Tag geistig richtet und rechtfertigt (Gide), dieser Zweifel ist nicht der unsere. Denn wir hungern so mit allen Fasern, mit dem letzten Atemhauch unseres Seins nach Glauben und Gewißheit, daß wir im Zweifel nicht den Halt finden könnten, den er, an sich, zu geben die Kraft hätte. Und kann sich jeder dem credo, quia absurdum mit verbundenen Augen, entflammter Seele überlassen? Dieser Glaube ist keiner, den man in den Schulen lehren kann. So bleibt uns als letztes Wort Vaihingers »Als ob«, als letzte formale Lehre bleibt Mauthners redlich begonnene, aber nie bis zu Ende durchgeführte Sprachkritik und Ernst Machs grandioser Gesichtspunkt. Und wenn das »Als ob« als das letzte Wort der Philosophen gelten kann, so ist Einsteins Relativitätstheorie die letzte große wissenschaftliche Tat. Sie bestätigt in der Geschichte des menschlichen Geistes nur die alte Regel, daß die Naturforscher in ihren »wissenschaftlichen Tatsachen« stets das entdecken, was die reinen Philosophen und Logiker ihnen in »Gedanken« vorausgedacht haben. Unsere Welt ist leer, entgöttert, frei, frei – bis zu einem so fürchterlichen, so herrlichen – so beklemmenden, so tief freudig lösenden Grade – wie keine uns bekannte Zeit vorher. Noch leben wir. Aber wird es unser enterbtes Geschlecht sein, das die Kraft zu einer Urschöpfung sammeln kann? Ist denn unsere Entscheidung nicht schon längst gefallen und so tief gefallen, daß wir Überlebenden nicht mehr aus der Asche aufsteigen können? Ja, haben wir denn noch genug Kraft in uns, um das wenige, was unverbrannt diese Jahre von 1914-18 überdauert hat, späteren Geschlechtern als ehrliche Treuhänder übermitteln zu können? Wer kann daran zweifeln, daß alle, die wir wirklich lebten, einer Feuerprobe unterworfen waren, wie sie keine Vereinigung von Menschen unversehrt überlebt hat? Es hat kleinere Brände gegeben, in deren Flammen sich größere Völker, reichere Kulturen todesmutig gestürzt haben. Wir sind noch. Das äußere Gefüge scheint sich ordnen zu wollen. Das technische Resultat der Vorzeit liegt fast unversehrt vor uns. Aber unser Babylon ist doch gefallen, sein Schönes ist in die Winde zerstreut, wir, die wir noch atmen, hausen wie Hirten und Nomaden, von Unwissenden und schlecht oder schwach Wollenden angeführt, aber nicht geleitet. Heimatlos sind wir auf der Stätte der früheren Heimat. Von den Tagen einer neuen bösen Wendung trennt uns nur ein Augenblick, denn das, was damals möglich war, wäre heute ebenso möglich, wenn die Nationen, Führer, Parteien nur könnten, wie sie wollten. Wir haben das letzte, das zu fassen, zu begreifen, auszudenken war, erlebt – und nichts hat sich geändert. Gerade das ist das Fürchterliche. Eben das erstickt, löst alles auf. Wie kann heute ein Lebender die Gewißheit eines Sinnes haben? Wer sieht noch eine höhere Bedeutung in der vergänglichen Erscheinung? So viel Tage, Taten, Siege, Demütigungen und Vernichtungen – und doch kein Sinn. Zweifel muß die leeren Räume füllen, das Wort, das heilig herrschende, das tröstend sprechende, das wissende und weisende, muß sich uns zwischen den Lippen verwirren, nur scheiden und trennen will es, wie beim Turmbau von Babel einst. Die alten Zeichen bedeuten nichts mehr, die Kirche ist tot, die Priester haben ihre heiligen Öle an unrechter Stelle verschüttet, und doch ist in der ganzen Welt keine Kirche neu geweiht worden, und wie sollte auch die Kirche und der kalte Dom neu geweiht werden, wenn vorher nicht der einzelne, der Mensch, der Beter neu geweiht worden ist? Sollen wir wie die Tiere leben, stets auf der Suche nur nach Nahrung, Begattung, Schlaf? Sollen wir uns dem Tier angleichen, dessen Fleisch wir essen, bis wir auch dessen Blut werden und durch Tieresaugen die Welt sehen? Was soll uns die Technik und Zivilisation? Technisch vollendet ist das »niederste« Tier viel mehr, als der höchste Mensch es je sein wird, aber nicht das Notwendige des Tieres tut uns not. Schöpferisch ist eine Zeit nicht immer durch ihre Leistungen. Wer wird große Leistungen von einer ausgebluteten Gemeinschaft verlangen? Aber vielleicht ist eine Zeit auch schöpferisch bloß durch ihr Sein? Vielleicht sind wir es als ungeheures exemplum mundi? Vielleicht ist der Turm Babylons deshalb gefallen, daß wir neue vielfältige Sprachen lernen, daß die Masse vom Erdboden verschwinde und der einzelne neues, göttliches Leben gewinne? Die Himmlischen sind nicht mehr. Das Chaos von heute ist das götterloseste, das je unter der Menschheit war. Götterhaft war es, daß Babylon stürzte und Assur auferstand. Daß das Perserreich verging und Griechenlands volle Sonne über den gezackten Felsen und silbergrauen, leicht umgrünten Bergen sich ergoß. Daß Griechenlands müder gewordenes Licht dann niedertauchte und das kluge Auge Roms die Welt kalt überblickte: »Was ich erfasse, ergreife ich. Was ich ergreife, behalte ich. Was ich behalte, wird ich.« Das war Rom. Aber unser Untergang war nicht götterhaft. In der Bibel spricht der Herr bei der Zerstörung des babylonischen Turmes nur das Wort: »Wohlauf, laßt uns herniederfahren und ihre Sprache daselbst verwirren, daß keiner des anderen Sprache vernehme. Also zerstreute sie der Herr von dannen in alle Länder.« In welche Länder zu flüchten bleibt uns, den Heutigen, übrig? Können wir uns neue Götter setzen, da es doch Helden einst schon unter uns gab? Helden werden noch kommen können und herrlichere als je waren und solche, von deren menschlichem Glanz viele Geschlechter sich nähren und an deren jünglingshaftem Stolz sie sich freuen mögen. Könnten wir die tragische Vereinsamung des Menschengeschlechtes von heute unter dem entgötterten Himmel heroisch ertragen! Heroismus müßte es heißen, daß Menschen diese grauenhafteste aller Zeiten überdauert haben, elend, schwach, verbittert, vergiftet, aber lebend trotz allem! Keinem alten Götterbilde wollen wir nachstreben. Sondern wir können uns vielleicht aus den großen, heilig-schaffenden Menschen wie Bach, Mozart, Kant, Goethe, aus den großen Ärzten, den großen Forschern, den großen Lichtern in der Dunkelheit selbst neue Götter schaffen, die wir anbeten und in deren Schutz wir sicherer wären vielleicht als unter dem Dach der von Blut befleckten Kirche. Und nicht die großen schöpferischen Geister allein. Alle, die im kleinen Gutes gewirkt haben, müßten angebetet werden, obgleich sie sterblich sind. Denn das Große ist nicht unter der Erde zu begraben, sondern soll immer über uns leben. Keine neue Heldensage hat den vergöttlichten Helden, den Menschen mit seinen ungeheueren Taten, wie einst den Herakles, in den Tempel vor die reichsten Altäre gestellt. Die Kirche nennt unter den Lebenden und Sterbenden von heute keine Heiligen mehr und ist zu Eis erstarrt auch hier. Die Ahnen werden zu wenig geehrt, die Kinder zu wenig gepflegt. Die namenlose Masse wird namenlos gezeugt, verwendet, vernichtet, vergessen. Was sollen uns die Massen mit ihrer Arbeit und ihrer technischen Vollendung, ihrer tönernen, tonlosen Macht? Können sie denn auch nur sich selbst schützen, namenlos blind und stumm wie sie sind und auf immer entweiht? Aus allen können nicht Götter, Helden und Heilige werden. Aber einige müssen wir erwählen, und die andern sollten sie anbeten und derart auch teil an ihnen haben, so vergänglich auch alles ist. Ein japanischer Weiser erzählt von einem alten Mann, der von seiner Höhe eine Springflut noch fern im Meere heranrollen sah. Das »Dorf mit 300 Seelen« lag am Strande. Er zündete seine Reisfelder an und die Garben alle, seinen ganzen Reichtum. Die Glocke des Buddhistentempels wurde geläutet, alle kamen eilig vom Strande zu dem Feuerbrande, um zu löschen. Inzwischen versank das ganze Dorf unten in der Springflut, in einer einzigen Welle, unter furchtbarem Getöse, in einem schrecklichen Gewitter. Aber die Menschen waren gerettet und wurden in dem Tempel untergebracht, bis neue Häuser gebaut waren. »Geschenke hätten nicht genügt, um die Gefühle der Verehrung für den Retter, Hamaguchi, auszudrücken«, erzählt der Weise, »sie konnten ihn nicht reich machen, er hätte es auch nicht zugelassen, selbst wenn es möglich gewesen wäre. Sie glaubten, daß der Geist in ihm göttlich sei. So erklärten sie ihn zu einem Gott und nannten ihn Hamaguchi Daimyojin. Als sie das Dorf wieder aufbauten, errichteten sie seinem Geist einen Tempel und schmückten ihn mit einer Gedenktafel, die in chinesischen Goldlettern seinen Namen trug. Dort huldigten sie ihm mit Gebeten und Opfergaben. Er selbst lebte noch ein schlichtes Leben im Kreise seiner Kinder, Enkel und Urenkel in dem alten binsengedeckten Hause auf dem Hügel, während seine Seele in dem Heiligtum unten angebetet wurde.« Ein Wort zu Wedekinds »Schloss Wetterstein« Eigenartig, nicht minder durch das, was sie aussprechen, als durch das, was sie verschweigen, sind die Worte, die Wedekind der Buchausgabe von »Schloß Wetterstein« vorausschickt: »Das Schauspiel ›Schloß Wetterstein‹ enthält meine Anschauungen über die inneren Notwendigkeiten, auf denen Ehe und Familie beruhen. Das Stoffliche, die Geschehnisse, der Gang der Handlung sind dabei vollkommen Nebensache. In ihrer Abenteuerlichkeit waren sie durch die weiten Grenzen und die Bewegungsfreiheit bedingt, die ich nötig hatte, um meinen Anschauungen Platz zu schaffen. Wichtiger waren mir dramatische Steigerungen, Bühnenwirksamkeit. Zensurverbote dieses Schauspiels werden mich nicht überraschen, da sie nur eine logisch bedingte Begleiterscheinung der notorischen Gleichgültigkeit und Stumpfheit sind, die unser ganzes öffentliches Leben kennzeichnen.« Erlösend wirkt die große Tragödie nicht durch Furcht oder Mitleid, sondern vielmehr durch das Gefühl der freiesten Fülle. Tod sei kein Zwang, sondern ersehnte Wahl. Die Gestalten sinken nicht verdorrend in das All-Gemeine des Schicksals, sondern sie entzünden sich am Untergang, nicht, weil sie nicht mehr weiterleben können, sondern weil sie nicht weiter leben können. Das ist kein Wortspiel. Wie sehr Wedekind seiner Zeit voraus war, ergibt jeder Vergleich mit seinen erfolgreichen Zeitgenossen, dem älteren Ibsen, dem jüngeren Hauptmann, dem damals noch unverbrauchten Schnitzler. Denen war das noch Problem, was Wedekind längst Voraussetzung geworden war. Das Lebensgefühl, der élan vital ist bei Wedekind keine Frage, der Dichter hat nicht das mindeste Mitleid mit denen, die für ihren inneren Gehalt nicht die völlig adäquat äußere Gestalt finden können, das heißt: den Mut zu sich. Dies ist nicht die Tragödie, doch ihre Vorbedingung, so wie Sprache die Vorbedingung für Aussprache ist. Wedekind setzt Menschen in die Welt, die für diese ihre Welt ein Gegensatz sind; aber sie sind nicht Gegensätze in sich selbst. Damit ist das Problem Hamlet verlassen, es öffnet sich die Welt Richards des Dritten, und, in anderem Sinne, die Welt Romeos. Nur ein echter Tragiker, das heißt ein in Gegensätzen dichtendes Genie konnte ein Werk wie »Frühlings Erwachen« schaffen, in dem die bloße Jugend zum tragischen Verhängnis wird. Nicht durch Zufälle fallen diese lebensvollen, lebenstollen Gestalten, nicht durch Verstrickung, Trübung, sondern gerade durch ihre besondere Kraft, ihre besondere vitale Wahrheit, durch ihr Einmal-und-nie-wieder-Sein, durch die wirklich und auf immer gefaßte Urwurzel ihres seelischen Baues. Die Gegensätze werden nicht betont, nicht ausgenützt, um die theatralische Maschine vorwärts zu treiben, sondern sie sind eben aus dem innersten Kern der äußerst mutvoll erfaßten menschlichen Natur hervorgewachsen; und so sind sie wie alles, was ganz aus Wachstum und ganz ohne zufällige Bildung Gewordene geworden ist, völlig frei von Schuld und Sühne. Was die Hauptgrößen der naturalistischen Zeit und mit ihnen auch Henrik Ibsen kennzeichnet, ist der Mangel an Gegensätzen, ihr emsiges Überbetonen der Mitte, ihr Ausmalen dessen, was sie Atmosphäre nennen, was aber ebensogut oder besser »juste milieu« hieße. Bei Ibsen sind die organischen Gegensätze so minimal, daß seine Menschen nur durch raffiniert, oder wenn man will, genial ersonnene Vorgeschichten in scheinbaren Kampf treten, der sich im wesentlichen darauf beschränkt, einander bis auf den letzten Rest klar zu werden. Es sind seelische Entkleidungskomödien. Wo Ibsen wirklich ergreift, etwa mit dem Schicksal der Frau Alving, ist nichts, was aus dieser Gestalt, aus ihrer besonderen Kraft, aus ihrer besonderen Wahrheit, aus ihrem Einmal-und-nie-wieder-Sein hervorgeht, sondern es ist das armselige Schicksal jeder menschlichen Kreatur, die im Schicksal ersäuft wie ein Bergmann in einer Kohlengrube. Traurig ist das gewiß, erschütternd sogar, aber niemals tragisch. Es ist eine Katastrophe, etwas, das jedem einmal begegnen kann, aber nichts, was dem innersten Urgrund des menschlichen Seins positiv entspricht, es ist eben nur die traurige Kehrseite menschlicher Unzulänglichkeit, Wertlosigkeit, unserer Vergänglichkeit, unserer mangelnden Erleuchtung, unserer fehlenden Besinnung, unsrer Dummheit im metaphysischen Begriff, denn, dem Universum gegenüber sind wir immer unzulänglich und winzig, und im Punkte des Erkennens und logischen Handelns immer stupid und unfähig. Wahrhaft erleuchtet zu leben ist keinem gegeben. Keiner kann sein Dasein so gestalten, wie es seiner absoluten Stellung im Weltall entspricht. Kosmisches Dasein und bürgerliches Dasein decken sich nie, sub specie aeternitatis sind wir alle, was immer wir schaffen und bilden, zwar nicht Sünder, aber Dilettanten. Das Unzulängliche, im Kleinsten wie im Höchsten, ist die Erbsünde. Aber daß der einzelne das Kosmische in sich überhaupt ahnt, daß er es wagt, sich selbst zu Ende zu leben und, wenn auch nicht der unendlichen Welt, so doch sich selbst gerecht zu werden, das ist schon ein herrliches Zeichen von Kühnheit, ein Beweis für das Heroische der so furchtbar in der Welt vereinsamten menschlichen Natur. Das Endliche, ins Unendliche gestellt, muß mit dem Untergang des Endlichen abschließen, aber es ist zweierlei, an den Unzulänglichkeiten der menschlichen Natur trübe zu erlöschen, nachdem man ringsum das Mitleid der sich glücklicher Wähnenden erfleht hat, etwas anderes ist es, an dem Besten zugrunde zu gehen, das in einer Seele lebt, weil es am tiefsten in ihr lebt, weil es am wärmsten alles umarmt, weil es am feurigsten sich auswebt, weil es am buntesten blüht. Dies heißt dann wahrhaft in Freude und an Freude sterben, das ist tragisch, nicht traurig, denn das Überleben, die tiefere tröstlichere Bedeutung der menschlichen Existenz wird dadurch zur Gewißheit, und hier liegt das Lösende, Erlösende, das im großen Sinne Religiöse einer tragischen Dichtung und eines jeden anderen großen Menschenwerkes. Mit zwei Hauptfiguren setzt »Schloß Wetterstein« ein: Eleonore, der Mutter mit der ganzen fast tropisch strotzenden Glut einer überströmenden Leidenschaft, und Effie, der aufgehenden Flamme des reinsten Gefühls. Im gleichen Rhythmus die zwei anderen Gegenfiguren, Rüdiger, einst lebenbeherrschend, einst der Mann der Stunde, der das Schicksal am schweißbedeckten Zügel geführt hat, um wenige Jahre nachher nicht wie ein Reiter, sondern wie ein niedergebrochenes Pferd von den Jüngeren, Schwächeren auf den Karren geladen zu werden, um irgendwo in der Stille das Gnadenbrot zu erhalten statt des Gnadenstoßes; und Luckner, der sardanapalische Nabob, Herr über Diamanten und über lebendes, blühendes Fleisch, der am Lachen über sich selbst stirbt – welch eine Freiheit! Welch ein unmenschlich-übermenschlicher Humor! Aber diese Gestalten sind mit dem zweiten Akt erloschen, nur Effie bleibt, und muß sich dem dritten, dem großen Überlebenden stellen, um ganz entblößt, ganz aufgelöst dem bösen Dämon des Unterganges zu begegnen, der selbst nach Untergang hungert, und doch diese einzig ihn sättigende Speise nicht finden kann, dem Amerikaner Atakama, dieser antiken Gestalt des alles verzehrenden Todes. Aus ihm spricht die Stumpfheit, die Gleichgültigkeit der Welt, ihre alles in den Staub der Namenlosigkeit zerbröckelnde Gemeinheit und Ironie: Denn dieser zahlt nur in einer Münze, in Gold, und Gold kennt nicht Namen, nicht Ruhm, nicht Würde, nicht Zorn, nicht Lachen noch Liebe, es kennt nur sich, deshalb gilt es als Geld, es währt ewig als Währung. Wer in Geld denkt, der denkt nicht in unserer lebenden Welt, er ist skeptisch, zynisch, er ist unmenschlich in einem so furchtbaren Begriff, wie ihn die Gesellschaft bis in unsere Zeit nicht gekannt hat. Was ist Balzacs Wucherer Gobseck gegen einen Mann wie Stinnes? Hier steht der eine Pfeiler dieser Kathedrale. Aber Effie, das gesammelte, in sich selbst zum höchsten Liebreiz zusammengeschmiegte Leben! Diese stark und rein duftende süßeste Essenz alles dessen, was das Leben lebenswert macht! Hier ist die Freude ohne Reue. Die Niewiederkehr des schönsten frühlingshaften Tags. Die Wonne ohne Schuld. Flamme ohne Asche. Hier lächelt ein Mensch ohne Bitterkeit. Hier will sich jemand im höchsten Augenblick loslösen von unserem trüben Stern, unzerstörbar lebend in Todesfreude vergehen. Seit Shakespeares Julia ward so mädchenhaft Blühendes, bezaubernd Holdes nicht geschaffen. Wie sind diese beiden, Atakama, das Gift in Menschengestalt, und Effie, der freudenvoll zitternde Stern, im letzten Akte aneinander gesteigert, wie sprechen sie immer tiefer das Geheimnis ihrer eigenen Natur aus und geben dennoch dem Herzen des andern die klarste, deutlichste Antwort damit. Wie sich hier Seelen berühren, während sie nur einfach ihre Flügel für sich allein zu entfalten scheinen, das hat vor Wedekind keiner zu gestalten die Kraft gehabt. Wie sich hier ein Mensch in den Abgrund der Welt stürzt, in dem sichersten, gott- und weltgläubigsten Gefühl, daß er sich selbst noch nie treuer gewesen, daß er Gott nie näher gewesen, das hat mir auf der Bühne einen Eindruck gemacht, den nichts anderes erreichen, nichts Stärkeres je übertreffen wird. Nie sah ich den überlebensgroßen, glühenden Menschen, das leuchtend leidende Herz so strahlen. Nie Menschen so herrlich leben, das ist: herrlich untergehen. Lebensfragen des Theaters In den letzten zwanzig Jahren ist der Bühne mancher Stein aus der Krone gefallen: Der Kinematograph nahm vom Theater die schnellste Szenenfolge, den kühnsten Wechsel von Dekoration, die besten Darsteller mit den höchsten Gagen, aber auch eine so unbedenkliche Annäherung an die tiefsten, niedersten Instinkte einer schau-, aber nicht denklüsternen Masse, daß es dieser Masse selbst zu dumm wurde und daß seit zehn Jahren ununterbrochene Bestrebungen im Gange sind, das Niveau einer Kunstübung zu heben, das man ohne Not so furchtbar tief fallen gelassen hat. Eben kommt aus Amerika die Nachricht, daß es gelungen sei, durch drahtlose Fernvermittlung jedem kleinen Mann der Vereinigten Staaten ein Konzert der herrlichsten Stimmen, des erlesensten Orchesters für einen Pappenstiel, um nicht zu sagen Butterbrot, zu bieten, wobei die Masse der Kunstteilnehmer mit ihren telefonischen Anschlüssen die sicherste Gewähr für die in ungeheure Breite wirkende Millionenmusik bietet. Hat auf der einen Seite also das Sichtbare der Bühne im Kino den konzentriertesten Ausdruck gefunden, wird andererseits das Musikalische in die scheinbar dichteste, erste Form gepreßt, auf beiden Seiten scheinen Leistungen zweiten Grades, mittlerer Güte ausgeschaltet, und wenn der Kinobesucher mit Stars gefüttert wird, wird sich das Zentralbüro der drahtlosen Konzerte auch mit illustren Namen und Stimmen nicht lumpen lassen und bestrebt sein, jedem angeschlossenen Mitglied die preiswerteste Kunstware in erprobtester Qualität zu liefern. Und doch könnte die alte Bühne, angefangen von der wandernden Schmiere bis zu dem zwischen Verkalkung und wäßrigster Verdünnung schwankenden Hoftheater alten Stiles sich seines Lebens ruhig freuen, da es doch nur die falschen Perlen sind, die ihr aus der Krone genommen sind, wüßte sie nur, was das Publikum will. Von Volk darf man gar nicht sprechen, und von der Nation als solcher Notiz zu nehmen wird keinem einfallen, der ein Repertoire für eine ernsthaft geleitete, lebensfähige Bühne zusammenzustellen im Begriffe ist. Das Kino ist nichts anderes als gesittetere kunstgewerblich veredelte Kolportage. Denn es hat nicht Not wie die Bühne, einen Besucher zu sich zu erziehen; es ist allen offen, auch dem Ungebildeten muß es klar sein, man tritt ein, ohne seine Überkleider abzulegen, dies auch in geistigem Sinne; es hat auch keine Gefahr, kommt der Besucher zum sechsten Akt dieser Pseudotragödien und sieht sich nun den Beginn der Schaudermäre in aller Ruhe an, nachdem er das gottselige Ende längst verdaut hat. Einzelne hohe Leistungen, wie die der großen Nielsen, ändern das Niveau nicht, der ernste Wille vieler Gutgesinnter ebensowenig. Auf der anderen Seite wird die drahtlose Übermittlung von Konzerten, Predigten, Kursziffern und Börsenberichten schlimmstenfalls die großen Zeitungen unruhig machen können, und wohl auch die Fabrikanten von Phonographenplatten, aber eine ernsthafte Konkurrenz wird den wirklichen Bühnen und Operntheatern aus diesen mechanisierten Spiegelungen ihres ureigensten Wesens kaum erwachsen. Das alles kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, daß seit dem Kriege in besonderem Maße das Interesse weitester Kreise an der lebendigen Wirksamkeit der Bühne sehr nachgelassen hat. Es kann dabei sehr gut die wirtschaftliche Not eine Hauptursache sein. Mitteleuropa, oder besser gesagt, Alt-Europa, ist eben noch mitten im Kriege, die Schwankungen der Weltlage sind immer noch, selbst in verhältnismäßig so stabilisierten Ländern wie Böhmen, so gewaltig, daß sie die reinste Herzkraft und das lebhafteste Verstandesinteresse gleicherweise in Anspruch nehmen, der Bühne kaum noch einen Rest lassend. Drama ist Kampf. Komödie und Operette ist Spiel, Wandel, Umwertung, Verkleidung außen und innen. Jeder hat heute zu kämpfen. Weniger mit sich selbst als mit der Not, der Notwendigkeit, mit jedermann. Was kann da noch der Kampf um seelische Freiheit, wie in Schillers Dramen, was der Widerstreit von Geist gegen Welt, wie beim »Faust«, dem einzelnen bedeuten, dem es längst »ums Ganze geht«? Was für Wandlungen kann der einzelne noch als belustigend, was für Verkleidungen noch als grotesk empfinden, wenn das Ursubstrat des menschlichen Lebens als solches fast völlig entwertet ist, die einst Hohen der Erde gestürzt, die Niedrigen und Gemeinen erhöht sind, freilich nicht im Sinne des Evangeliums. Mag Titania einen Esel lieben, mögen die tollsten Verwechslungen und Verkleidungen ihren rasenden Wirbel beginnen, die Mehrzahl der Menschen von heute bleibt kalt und wird begründen, wenn man sie fragt, warum. Man stelle ein ausverkauftes Haus, in welcher Großstadt immer, vor die Wahl, entweder Goethes »Faust« oder »Madame Pompadour« anzusehen, und man wird, zu seinem Erstaunen, das Ergebnis erzielen, daß die weitaus größte Mehrzahl sich für ein Fußballmatch, Prag D.F.C. gegen Sparta entscheidet. Freilich ist ja auch dies ein Kampf, in gewissem und nicht in niederstem Sinne ein dramatisches Erlebnis, tausendmal wertvoller als die geschminkte Leiche des stumpfsinnigen Kinos, aber welcher Theaterdirektor findet noch den Mut, diesem Desinteressement auf die Dauer zu widerstehen, wofür opfern die Darsteller immer noch, und auf fast allen Bühnen beinahe, ihr Bestes, die Kraft und Freude ihrer Jugend, den Ernst ihrer Reife bis zu den Aschentrümmern ihres Alters? Welcher Dichter soll für ein Publikum schaffen, das er schon deshalb nicht zu fesseln vermag, weil es nicht existiert? Nun hat jede vom innersten Herzensgrund aus erlebte und geliebte Tätigkeit das Gute, daß sie sich nur zum Teil am Beifall, am Lorbeer, an Geld und Geltung sättigt, den wesentlichsten Teil ihrer Berechtigung verdankt sie sich selbst. Skeptiker mögen dieses Streben nach der Wesentlichkeit, diesen wahren Handel à la longue belächeln, mögen das Machtlose eines transzendenten Idealismus verspotten, in Wahrheit ist er es allein, der Staaten baut und stürzt und dem die Macht zuletzt zufällt. Was wir brauchen, ist Mut, nur Mut. Das Schwache, Niedrige, Gemeine erledigt sich von selbst. Wohlwollen allein kann zwar Kunst nicht fördern, Mißgunst und Gleichgültigkeit können und werden wahrhaft Lebendiges auf die Dauer nicht ersticken. Balzac Eine imaginäre Vorrede zu seinen Werken 1 Balzac ist der Lebendigste unter uns Lebenden. Er ist aktuell, er spricht zu uns, hat ahnend unsere Zeit erfaßt, und von ihm gilt viel mehr als von Stendhal jenes geheimnisvoll kühne Wort: um 1929 wird man meine Werke neu drucken, dann werde ich von allen gelesen sein. Balzac ist eine Welt. Wie Goethe, wie Shakespeare. Er ist kein Künstler mit seinen Werken, kein treuer Bildner unter seinen Gestalten, sondern eines nur: Weltschöpfer. Er schuf eine Welt, freilich nur eine Welt. Es gibt deren so viel, als es Geister gibt, sie zu sehen, Herzen, sie zu fühlen, Träumer, sie zu ahnen. Aber die Fülle seines Innern andern Menschen zwingend mitzuteilen ist nur wenigen gegeben. Die Fülle ist die beseligende, die gute Probe der sichersten Kraft. Die Fülle ist das Wesenhafte des menschlichen Genies. Stünde uns auch nicht Nacht für Nacht der Sternenhimmel vor Augen in seiner grenzenlosen Fülle, wir wüßten es doch durch unsere geheimste tiefste Ahnung, daß die Vielfältigkeit und die unabsehbare Verzweigung des hold Unendlichen über uns ist, und – selbst der Kärgste, Strengste, Armseligste wird es ahnen – in uns. Es gibt Welten mit brüchigem Gefüge und solche, die zart scheinen und doch innigst in sich selbst gebunden sind, glühende, die langsam, schwer durch die Milchmeere irren und kreisen, und andere, kühlere, die in reineren Spiralen beflügelt steigen. Solche von einheitlichem, mühelos aufgesprossenem Wuchs und solche, deren Teile ohne Aufhören gegeneinander streben, sich gegeneinander werfen und sich trotzdem nie völlig trennen mögen. Zu dieser letzten Art gehört Balzacs Welt. Und doch, dies ist das Siegel unter die Gültigkeit dieses Schöpfers und seiner Schöpfung – alle, selbst die kleinsten Teile, bezeugen noch den Grundgehalt des Urkörpers. Mag die Schöpfung gebrochen sein, ihr Schöpfer ist es nicht. Jeder Gestalt Balzacs läßt sich ablauschen, wenn man sie faßt als menschlich grenzenloses Schicksal und als einzige, nie wiederkehrende Erscheinung: »Ich bin's, nicht das erste und nicht das letzte Wort, nicht der hellste, noch der trübste Tag, aber Blut vom innersten Blut meines starken Schöpfers.« Kunstwerke mag man klug mit andern Werken ihrer Art vergleichen, aber eine Welt wie die Balzacs wird nur am leibhaftigen, leidhaftigen, freudhaftigen Leben gemessen. Worte durchdringen ihr Innerstes nicht und erhaschen nicht ihre Wahrheit innen, trotz aller Irrtümer außen. Eine Welt ist da: über unserer Liebe und außer ihr. Sie ist von sich selbst umgrenzt, das gibt ihr in aller Leidenschaft und Trübe ihren Frieden, ihren Glanz, denn sie hat ihren Bund mit sich selbst auf immer geschlossen. Wir fühlen, am Himmel wird sie kreisen, solange es Himmel gibt; höher oder niedriger am Horizont vielleicht den späteren Geschlechtern, aber unnahbar auch diesen und unvergänglich, denn bloß das Kleid ist sterblich an ihnen, die Straßen und Pariser Paläste, die verfallen sind, Geld, Rententitel und Ruhmestitel, Pair de France und Graf von Napoleons Gnaden. Das erscheint uns nicht der unermeßlichen Mühe wert, die deswegen aufgewendet worden ist. Denn, was Balzac Glück genannt hat, vermag uns heute nicht zu erschüttern, es ist etwas anderes, Glück nennen wir es nicht mehr. Alles bei Balzac ist aus Erde gemacht, alles hat seinen Namen, es spielt die menschliche Komödie weiter; während der Schöpfer noch lebt und an dem Mantel eifrig webt, sieht man die Gestalt, wie sie sich schon lebendig in seine Falten hüllt, sich überlebendig bewegt und fortstrebt. Das Zeugende, das eminent Männliche dunstet aus jeder Zeile. Es strotzt von Zeugungsfreude jedes der unzähligen Werke, die Balzac in den fünfundzwanzig Jahren seiner Arbeit geschaffen hat. Aber es ist nicht das tierisch Zeugende, das aus ihm bricht, sondern das göttlich Zeugende und daher das trotz allen Grauens Freudige. Und mehr als das: Es ist etwas Heiliges um Balzac, nicht der reinste (östliche) Glanz vielleicht, aber doch ein Schimmer von der Heiligkeit des Augustinus. Man darf nicht an das Anekdotenhafte seines irdischen Wandels denken, sondern soll den höheren Sinn sehen, der alle menschlichen, gierigen, niedrigen Handlungen leitet. Und es gibt bei Balzac ein Licht, das alle andern überstrahlt. Denn auch das Zeugen vermag den Menschen zu heiligen, es ist für Menschen unserer Zeit das einzig Heilige vielleicht, das ihn an Gottes Seite treten läßt, der alles Lebende aus dem Nichts geschaffen hat, so will es wenigstens unser freudiger Glaube. Neben dieser unerschöpflichen Zeugungskraft und Lust versinkt der Privatmensch, der Charakter Balzac, sein Ruhm und das, was er liebte, beneidete, haßte, in immer blasser werdendem Licht. Auch Goethes bürgerliche Person ist nichts gegen sein Werk, Mozarts irdisches Leben kettet nichts an die d-Moll-Takte des »Don Giovanni«, und am tiefsten öffnet sich der Abgrund zwischen dem Weltschöpfer und seiner Schöpfung bei dem Deutschen, bei dem Sachsen Bach. Unter diesem Aspekt versteht man es ohne Bitterkeit, daß die Gesellschaft, daß Bürger, Edle und Gemeine, Mann und Frau, daß alle den Mann fliehen, der tut, was sonst nicht Menschen werk ist: Unvergängliches zeugen. Kein weltschöpferisches Genie wurde bei Lebzeiten als Mensch mit der letzten Leidenschaft geliebt, Mozart so wenig wie Napoleon, Kleist so wenig wie Balzac. Goethe sprach von seiner furchtbaren Vereinsamung unter Menschen nur selten, er hatte Angst vor dem Vakuum, das sich vor einer Erscheinung wie der seinigen notwendig öffnen muß. So sucht er und flieht die Menschen. Wie gern hätte Goethe sich ins Beamtenhafte, ins Stille, ins angenehm Gemäßigte gerettet, um seinesgleichen neben sich fühlen zu können, Kinder zu seinen Füßen zu sehen und den bürgerlichen Frieden des Namenlosen zu kosten. Beschieden war es ihm nicht. Balzac ist nicht Goethe, nicht Napoleon. Zu Napoleon trieb Balzac zwar sein gewaltsam aufgebäumter Entschluß, seine Manie, ein Überwillen, die volonté, aber er hat das Wort ganz ohne den geheimen Untergrund von Freiheit und leichter, beseligender Lebensmöglichkeit verstanden. Was Napoleon in der Weltgeschichte nicht gelungen war (und zwar durch maßlose Überspannung jener volonté) und nicht gelingen konnte – das mißzuverstehen, war Balzacs tragikomisches und doch so fruchtbares Verhängnis. – Was Napoleon in der Weltgeschichte nicht gelingen konnte, weil die Struktur eines Kontinents etwas anderes ist als die Struktur eines Genies und beide sich auf die Dauer nicht versöhnen können – was Napoleon in der Weltgeschichte nicht gelungen war, auf daß das große Phänomen Napoleon sich tragisch ausleben und bis zum bittersten, reinsten Rest erfüllen könne – das wollte Balzac in einer romanhaft darstellenden, mit Tatsachen aufbauenden Geschichte der bürgerlichen Welt erkämpfen, erzwingen. Kampf ist des stillen Knaben, des ungeschickten Jünglings, des massigen, gern schmausenden und prunkenden, gern ruhenden, des lebensfreudigen, lebensstrotzenden, vitalen Mannes selbstgewähltes Los. Das ist an sich nicht groß. Groß aber die Treue gegen das Beste in sich. Una fides. Ein Glaube nur, so prägt er sich, adeliger als die ältesten Geschlechter, sein Wappenschild und schneidet in sein blutendes, gequältes Fleisch seinen Wahlspruch als Wahrspruch für immer. Er kämpft um sein Werk: achtzehn Stunden am Schreibtisch, fünfundzwanzig Jahre lang Arbeit, Schweiß und Mühe, kaum unterbrochen durch ein hastig herabgeschlungenes Mahl, durch tausend Tassen siedend heißen Kaffees, durch aufrüttelnde Bäder; die vier Wände seiner Kammer immer eng um sich, enger noch die harten Falten seiner Kutte und am engsten die Begrenzung der Erlebniswelt durch die Gemarkung seiner Persönlichkeit. »Eisern die Erde unter ihm und ehern der Himmel über ihm«, so lautet der Fluch der Bibel im fünften Buch Mose. Kampf um die Form; Form, immer wieder Form. Die herrlich, freudenvoll empfangene Welt will durch die Form geboren werden, sonst ist alles Wolkenrauch, ödes Gespenstergeflüster, Schemen. Und hier scheint sich die Überstärke des männlichen Zeugungswillens zu rächen. Das Formende, das endgültig Wirkende, das mütterlich Gestaltende ist sehr viel schwächer in Balzac als das Zeugende. Daher übertreibt er, völlig in den Schaumgebilden seiner Phantasie erstickend, nachts im Augenblick des ersten Entwurfes. Am nächsten Tage muß er mühsam verbessern, abschwächen, realisieren , im wahrsten Sinne des Wortes. Er hat Worte hingesetzt, um sie zu verlöschen. Jede Masche ist in der zwölften Stunde eilends geknüpft, aber im nüchternen Morgengrauen muß sie ebenso eilig wieder gelöst werden, man muß sie anders, fester schürzen, die Gestalt ist wohl mit Leben versehen, aber nie hat sie Leben genug in sich. So viele wahre oder reale Angaben, Fassaden und Grundrisse von Häusern, so viel Kleiderschnitte, so viel Detail-Geographie, so viel Preise für alles auf der Welt, von der Mädchenehre angefangen bis zu einem Stück Brot oder einem Perlenkollier, so viel Usancen im Wechsel- und Börsenverkehr, überall in seinem ungeheuren Werke drängen sich Einzelheiten von der höchsten Realität – und doch wird fast nirgends die Wahrheit erreicht. Vollendung kann nicht erzwungen werden. Fleiß ist den in Freude und leichtem Übermut zeugenden Göttern ein Greuel. So muß es kommen, daß der Unselige, sobald ihm die druckfeuchten Bogen aus der Setzerei gebracht werden, er sie selbst nicht erkennt, denn sie sind nur Schatten dessen, was er erdacht, was er geschaffen zu haben glaubt. Dann formt er sie dreißigmal um, er hämmert, er feilt, er werkt und schuftet mit herkulischer Kraft. Die ungeheuerste Anspannung verlangt er, erhält er von sich. Er will der erste Mann Europas sein, und wird es, wenn Menschenwille etwas vermag. Ob dieser es vermag, darum geht das Spiel, eine dreißig Jahre dauernde Hasardpartie, auf der einen Seite er, auf der andern die Welt. So sitzt er an seinem Arbeitstische, der ebenso schmucklos ist wie die Tische der Spieler, das Bild seiner Geliebten als Zaubertalisman vor sich. Er setzt seinen Willen ein, er wirft Arbeitsstunden unter den Rechen des Croupiers Chronos, spielt und schuldet, ein unseliger Gewinner, mit jedem Tage mehr. Er wacht und arbeitet, müht sich, bis es ihm schwarz vor den Augen wird, bis er sich selbst nicht mehr fühlt, bis er blind wird vor lauter Sehen, bis er gelähmt wird von zu langem, zu unerbittlichem Wollen. 2 Alles Menschliche hat seine Grenze. Balzac heißt Realist, und sicherlich war er der erste, der die weit- und seelenbeherrschende Macht des Geldes und seine zeugende Kraft in der Kunst lebendig wirksam machte. Und doch war er blind gegen das Wahre der einfachsten Dinge, und seine Blindheit war nicht Unwissenheit oder die natürliche Folge einer allzu flüchtigen, allzu eiligen Hand. Balzac wußte unermeßlich viel. Was ihm fehlte, war Logik. Daher die vielen Unwahrscheinlichkeiten, daher die vielen Unbegreiflichkeiten in der Führung fast jeden Schicksales, der »Bruch« in der Darstellung fast jeden Ereignisses. Aber das allein würde nichts bedeuten. Seine Welt zwingt gegen die Wahrscheinlichkeit, seine Menschen sind da, obwohl wir sie nicht begreifen. Denn ein Liebender hat sie geschaffen. Aber ist nicht dieser Mangel an Logik die Hauptursache dafür, daß Balzac die letzte Form versagt blieb? Niemand kann das schmerzlicher gefühlt haben als er selbst. Und doch! Szenen von homerischer Wesenheit verdanken wir ihm. Unter den nicht zählbaren Begegnungen seiner Menschenlegionen in den hundert Romanen gibt es hier und dort eine, die ewig bleibt. Ewig bleibt, obwohl sie nicht vollendet ist. Dies ist ihre Tragik. So kann man die Sehnsucht Balzacs nach der Mystik verstehen, seine Anbetung der außerirdischen Vollendung, da ihm nicht wie einem Flaubert die irdische im Maß gegeben war. Daher die laute Liebe zur Monarchie, als zur vollendeten Regierungsform. Solange er lebte, wurde Balzac nicht müde, Thron und Altar zu preisen und das royalistisch-legitimistische System zu verteidigen. Aus dieser Wurzel kommt seine Sehnsucht nach dem Katholizismus, so sehr dieser Katholizismus im Widerspruch zu Balzacs magischer Erfassung der Welt (Louis Lambert) stehen muß. Denn der äußere Bau der römischen Kirche ist das vollendetste Werk menschlicher Organisation auf geistiger Grundlage; man kann es verstehen, daß er durch sie überwältigt wurde. Balzacs Kampf um den Menschen ist nichts als der Kampf um die Vollendung durch Liebe. Man muß seine herrlichen, mit nichts anderem vergleichbaren Briefe an Eveline von Hanska, seine ewige Braut (das war sie trotz späterer Heirat) gelesen haben, um zu begreifen, daß Balzacs Liebe kein rein sinnliches Problem war. Seine Sehnsucht galt nicht einem fetten Bratenstück aus des Francois Rabelais Küche. Seine Liebe war nicht nur der Trieb und Traum einer übergroßen Vitalität. Aber eine geheimnisvolle, mit Worten und Gründen nicht erfaßbare molekulare Strömung eines Menschen zum andern war sie, die man nur mit dem Fluidum vergleichen kann, wie es in Goethes »Wahlverwandtschaften« zwischen den Seelen geistert und die stillen Körper in zauberhafter Umarmung beseelt. Gefühle dieser Art können nicht erwidert werden, denn, was ganz aus dem tiefsten, dem unfaßbaren Innern strömt, das erwartet keine Erfüllung von außen und kann sie billigerweise nicht fordern. Eveline von Hanska, die ewige Geliebte, liebt Balzac nicht, doch stirbt er nicht ganz ungeliebt. Seine Mutter liebt ihn; nicht die leibliche Mutter, sondern eine Wahlmutter, Frau de Berny, eine sehr gealterte, sanfte und doch starke Frau. Aber ist es das, was ein Mann von dem Gepräge Balzacs mit seinem ungemessenen Zeugungswillen ersehnt? Paris, strotzend von Wollust, strahlend in Luxus, Paris, die Bühne für die herrlichsten, leichtesten, kältesten Frauen, denen er die göttliche Vollendung und das letzte Laster zugleich andichtet – so sieht er, nie mehr Phantast als jetzt, Paris vor sich, und so bleibt es ihm unerreichbar für immer. Denn seine mütterliche Geliebte, Frau de Berny, hat das schwerste Leben hinter sich. Neun Kinder hat sie geboren, auch viele falsche Geburten überstanden, die Qual einer überlangen Ehe neben einem gelähmten, widerwärtigen Mann, nicht anders als Frau von Stein, ertragen mit mehr als Menschenkraft. Frau de Berny ist nie jung gewesen, nie schön. Aber Frau von Hanska ist es. Die fette, kleine, hochadlige Dame bleibt ewig jung, ewig bezaubernd, rührend und verführerisch bis zum letzten Tage. An ihr bestätigt sich bitter das grimmige Wort Stendhals: »Für einen Bourgeois hat eine Gräfin nie mehr als dreißig Jahre.« Balzac aber war ihr – wozu es leugnen? – nach einem kurzen, halb literarischen, halb erotischen Zwischenspiel bald nur eine unbequeme Last. Er »ging ihr auf die Nerven«, störte ihren Lebensstrom, wenigstens fühlte sie es so, und sie konnte nicht anders sein als sie war. Vielleicht hat sie geahnt, daß es nicht das Balzac-hafte an Balzac war, was sie in ihren fleischigen Armen hielt. Aber er liebt sie bis zur Selbstvergessenheit, bis in die tiefsten Falten seiner Seele öffnet er die Geheimnisse vor der unfaßbaren Chimäre, vergebens. Und mit jedem späteren Tage nur um so endgültiger das entscheidende Wort: vergebens. Er strengt sich übermenschlich an, für ihr mondänes Dasein eine Notwendigkeit zu werden, wie etwa ein eleganter Handspiegel oder ein bequemer Reisewagen. Aber ihr ist schon dieser methodische Wille verhaßt, das Übermenschliche, das Unmenschliche, das Übermännliche, Zeugungsstrotzende ist ihr fürchterlich. Zarte, nette, nichtige Männer wie Balzacs Freund Champfleury gewinnen sie ohne Mühe, sie möchte lieber von solchen reizenden, einfachen Menschen geprügelt sein als von Balzac geküßt. Als Balzac stirbt, hat er für diese Frau nie gelebt, nie existiert. Es ist erschütternd zu sehen, wie er, schwer stöhnend, mit schwarzem Gesicht, in der Todesstube seinen ungeheuren, von Krankheit und Genie aufgeschwollenen Körper umherwälzt, wie sein Röcheln zum Schreien wird, ohne daß ihn seine Gattin hören oder trösten will, da sie vielleicht gar nichts von diesem ungeheuren Sterben weiß, nichts von diesem elenden, mühsamen Enden. Denn er stirbt elend, nach zwanzigjährigem Brautstand, nach vierzigjährigem Wandern durch die Misère. Misère war sein nimmermüder Stern, selten wurde er durch parvenühaften Luxus auf kurze Zeit verhüllt, aber nie wurde die furchtbare Ausstrahlung der Misère auch nur durch ein sorgenfreies Jahr unterbrochen. Und was für Anstrengungen hat dieser unselige Mann gemacht, um der Misère zu entgehen! Er hat Spekulationen genial ausgedacht, aber sie sind nie gelungen, da es Balzac an Logik fehlt, und man wohl im Jahre 1920, aber nicht 1820 ohne Logik ein Vermögen, eine »Million« erwerben kann. Da gibt es in Balzacs Hirn raffinierte Schiebungen mit Wechseln, Papieren, Häusern, geschriebenen und ungeschriebenen Romanen, Lotterieplänen, Silbergruben in Korsika und Ananasplantagen bei Paris – aber inmitten dieser Pläne, unter diesem giftigen Stern Misere geht seine Schöpfung auf, entsteht ein Werk. Er hungerte nach glücklichem Zufall, nach Fortunas Zauberfülle, und dabei ahnte er, im tiefsten Grunde seines Herzens Goethe verwandt, die strenge Gesetzmäßigkeit jeder Erscheinung. So konnten sich sein Werk und sein Leben niemals versöhnen. Er wollte in der menschlichen Komödie die ganze zeitgenössische Welt aus ihren Urelementen neu aufbauen, wie Goethe die seine aus Urpflanze, Urtier, Urlicht und Farbe. Balzac vermaß sich, ein einzelner, ein wie sehr Einsamer! zu einem gotischen Dom, ganz von seiner Hand gebaut. Ein Riesenwerk wurde es, aber keine gotische Kirche, nur ein babylonischer Turm im Zustande steten Bauens und steter Zerstörung. Er war einsam, er hauste für sich allein, ein Mönch von der strengsten Regel. Wie in seine Klausur die ungemessene Fülle von Tatsachen dringen konnte, das ist ganz ungeklärt geblieben. Mehr als das, es hat niemand – und das beschämt seine Kritiker, die ihn bei Lebzeiten totgeschwiegen, nach seinem Tode falsch gedeutet haben –, es hat niemand im Ernst darnach gefragt. Eines ist sicher oder scheint sicher zu sein: Balzac hat nie naturalistisch (zolaistisch) beobachtet. Wann hätte er Zeit dazu gehabt? Er war wie der reiche Fremde in Chamissos »Peter Schlemihl«, der aus der Tasche seines Überrockes Gartenzelte zieht, Teppiche, schöne gesattelte Pferde. Der Fremde war dem Teufel verschrieben. Welcher Dämon aber sprach, wirkte, atmete aus Balzac? Ein Zeugungsdämon brach mächtig aus diesem kleinen dunklen lauten Mann, wie aus andern hohen Geistern ein Zerstörungsdämon bricht. Wie der wirkende Halbgott Herakles kündete Balzac den Mut, den Übermut, die Gottähnlichkeit des Menschen. Er schuf. Er schuf aus dem Wahnsinn menschlicher Leidenschaften, aus dem Willen zur Macht, aus dem eitlen Stolz, aus der teuflischen Bosheit, aus der Wollust und dem Blute, aus dem Geiz und aus der Güte, seltener auch aus dem leisen, zarten, wartenden, horchenden Herzen schuf er Werk an Werk, Tat über Tat. Ich möchte sie nennen, wie man Sternbilder nennt, Saturn, Orion, Plejaden, Mars, Jupiter, Bär und Waage, Omega, Andromeda und die anderen bis zu den Gestirnen des Pols und der Wiederkehr. Balzac ist nichts. Seine Werke aber sind: Vater Goriot, Cousine Bette, Vetter Pons, die Elendshaut, Glanz und Elend der Kurtisanen, Verlorene Illusionen, Oberst Chabert, Landarzt, Eugenie Grandet, Louis Lambert, Seraphitus Seraphita, Die Suche nach dem Absoluten, Modeste Mignon, César Birotteau. Es ist eine Milchstraße. Wenn man lange noch sucht, wird man neue Sterne in ihr entdecken. Ihr Glanz wird Zeiten über Zeiten überleben. Frieden, Erziehung, Politik Schon daß es Friede heißen kann oder Frieden, ist etwas Tröstliches gegenüber der bitteren Unerschütterlichkeit des Wortes Krieg. Es ist ja nicht gleichgültig, wie das tief Ersehnte der Jahre vor uns, wie das Ziel der kommenden Jahre heißt. Noch gibt es Menschen, die sich gegen den Vorwurf des Pazifismus verteidigen. Es gibt im Jahre 1925 Menschen genug und auch solche von nicht geringer geistiger Bedeutung, die glauben, daß der Krieg nie aus der Menschenwelt zu beseitigen sei, da doch der menschliche Organismus schon einen Schauplatz unaufhörlicher Kämpfe darstelle. Aus diesen Reden ist als dauernder Unterton zu hören: Kampf ums Dasein. Auswahl der Stärksten. Leben heiße: ein Kämpfer sein. Leben heiße: zur gewinnenden Partei zu gehören. Leben heiße: übrigbleiben. Baudelaire spricht an einer Stelle seiner Tagebücher haßerfüllt von den kriegerischen Phrasen des französischen Bürgerparlamentes, von den Worten, die militärische Uniformen tragen, den Redens- und Denkungsarten, die mit Erz gepanzert sind – und zu denen kein Mut gehört. Der Gottglaube der gottlosen Völker heißt Patriotismus. Aus Nachgefühlen, Ressentiments, und nicht aus der Fülle des freudigen Mannesgefühls eines Volkes wird der Nationalismus geboren. Ein Volk auf der Höhe seiner kulturellen und selbst militärischen Existenz muß sich gar nicht bewundernd im Spiegel seines Nationalismus beschaut haben – Preußen tat es nicht zu Zeiten Friedrichs des Großen militärisch, Deutschland war sich zu Zeiten Goethes und Kants kulturell nicht seiner Existenz als Nation bewußt, und gerade in diesen zwei Epochen wirkte Deutschland am stärksten auf den Kontinent. Im Nationalismus verbergen sich nur literarische Scheinkräfte, und sie sind es, die Krieg und Frieden diktieren und die Welt nach ihrem Ebenbilde gestalten wollen. Krieg und Frieden? Nicht ganz. Es zeigt sich mit jedem Tage, der uns nach den Jahren 1914-18 einer gegründeten Ordnung näherbringt, daß wohl Krieg diktiert werden kann, Friede aber nicht. Friede ist eine eigene Sinnesart der Menschen. Er ist eine besondere Kategorie, die Welt innen und außen zu fassen. Er ist eine eigene Methode, mit dem Dasein aktiv fertig zu werden, und diese Arbeit kann man nicht auf Kommando und Diktat bestellen. Friede muß bestellt werden wie ein Ackerfeld. Auf einem geeigneten Boden unter einem guten Himmel muß reines Korn gesät werden. Ein Wissender, ein Vertrauender, ein dem Boden und dem Werk liebend Zugetaner muß nach stetigem Plan etwas schaffen, wovon in späteren, glücklicheren Zeiten eine Ernte zu gewinnen ist. Gewinnen muß ein unerschütterlicher Optimist eine schwere Arbeit wie ein Spiel. Dann mag er zurückblicken auf eine unabsehbare Reihe guter Jahre (Sentimentalist), voll Liebe zum Boden als Patriot. Aber nicht dieser Boden ist die wahre Heimstätte, sondern die menschliche Seele, die menschliche Sprache, und besonders das menschliche, übermenschliche Zusammenleben . Napoleon, der größte Kriegsgeist, war der stärkste Pazifist. Seit seinen ersten Siegen hörte er nicht auf, den Frieden zu wollen. Vieles in seinen pazifistischen Briefen an den Kaiser von Österreich, an den Zaren von Rußland, vieles auch in seinen Memoiren mag nur Politik sein und Taktik, die das Odium des Kriegs (und für Napoleon war der Krieg ein Odium) auf den »Feind« abzuwälzen bestrebt war. Aber in der ungeheuren aufbauenden Arbeit, vor allem durch die organisierte Gesetzgebung, die Napoleon in Frankreich und indirekt auch in Europa geleistet hat, ist nirgends der Zug zur Stetigkeit zu verkennen, ein Arbeiten »auf langes Ziel«, das nur der Friede garantieren kann. Wenn Napoleon dieses Ziel nie erreichte, so lag die Schuld nicht an seinem mangelnden Genie, sondern an seinen Mitteln und an seiner beschränkten Lebens- und Arbeitsdauer. Hätte er hundert Jahre zur Verfügung gehabt oder die Möglichkeit, seine Ziele in einer Dynastie mit festem Hausgesetz (Karl der Große) festzulegen, dann wäre das Angesicht Europas in den Grundzügen wahrscheinlich heute noch so geformt, wie Napoleon es geformt hat. Aber in seiner kurzen Schöpferdauer, es waren nicht viel über fünfzehn Jahre, mußte sich Napoleon der schnelleren, aber auch unsicheren Mittel des Kriegs bedienen. Und daran scheiterte er. Er konnte Krieg diktieren, aber keinen Frieden. Seine Friedensschlüsse waren alle Provisorien, von den ersten, denen des italienischen Krieges, bis zu den letzten. Wie soll es aber uns gelingen, was dem größten Menschengeist der letzten hundert Jahre mißlang? Es wäre Größenwahn und, mehr als das, es wäre Eitelkeit, wollte man leugnen, daß die Forderungen des Friedens über das Durchschnittsmaß unserer kleinen Zeit gehen. Optimismus in der Erkenntnis der innersten Menschennatur, die im guten wie im bösen zur rasendsten Ausschweifung neigt, war auch in größeren, helleren Zeiten keinem Lebenden erlaubt. Napoleon, der im Grunde Sentimentalist war, ging dort zugrunde, wo er sich diesem Optimismus hinzugeben die Schwäche hatte. Der Welt gerecht zu werden ist aber auch der stärksten, ruhigsten Epoche nicht gelungen. Was wir können, ist nicht Gerechtigkeit, nur Ordnung. Was wir vermögen, ist nicht Besserung, nicht Wandlung, denn diese ist außer der Macht und geht über menschliche Stärke, sie bleibt die Gnade des Gläubigen, credo, quia absurdum. Nur Erziehung liegt in unserem Willensreich. Die Wandlung der menschlichen Seele durch das Christentum ist ausgeblieben. Vergeblich, daß die Kirche (das ist: das geordnete Christentum), diese Wandlung als eine Station der heiligen Messe, dieses großartigen Symbols der menschlichen Universalität durchmessen läßt. Was das Christentum, chaotisch in seinen vier widersprechenden Evangelien, geben konnte, hat es gegeben. Was die Kirche, dieses Chaos nach Menschenkräften ordnend, von den Zeiten ihrer sagenhaften und zugleich politischen Gründung bis zum heutigen Tage nicht vermochte, wird keine Kirche der kommenden Jahrhunderte geben können. Der Weg der weltlichen Erziehung ist der einzige, der bleibt. Die Erziehung geistlicher Art durch die Kirche hat versagt, der Zustand von heute ist aber auf die Dauer selbst nur eines (unseres) Menschenlebens unerträglich. Die Menschen, nicht nur Deutschlands, sondern der ganzen bewohnten Welt, ersehnen Frieden und wollten ihn »erkämpfen« um jeden Preis. Niemals aber kann Frieden erkämpft werden. Man hat geirrt, wenn man dies für möglich hielt. Der Friede ist nur zu erziehen. Masse, Menschheit, Volk, Stamm und Sippe, Familie und Ehe, jede Verbindung von auch nur zwei Menschen muß planmäßig zum Nebeneinander erzogen werden. Dieses Nebeneinander ist ethisch noch unvollkommen, aber es ist faktisch möglich. Es ist oft nicht gerecht, aber es ist Sache einer Ordnung. Es ist nicht Traum und himmlische Spiegelung, sondern es ist Tatsache, denn sonst könnte keiner auch nur sprechen, und andere könnten ihn nicht verstehen. Aber sie können es, vielleicht hier etwas vollkommener oder dort unvollkommener, aber die Verbindungsmöglichkeit, das Nebeneinander im Wort und Sinn ist Tatsache, und aus dieser Tatsache sind die praktischen Schlüsse zu ziehen und nicht aus den hypothetischen, früheren Stadien dieser Tatsache, nicht aus dem prähistorischen Menschen und seiner fragwürdigen Entwicklung. Die Natur ist an sich ein unfaßbarer Begriff, da wir, implizite ihr angehörend, nie die Urteilsdistanz zu finden vermögen. Die Natur ist, rein praktisch im ganzen genommen, ein Nebeneinander, oft auch ein Füreinander, mag auch das frühere Stadium Kampf bis aufs Blut, Kampf um die Art und Ausrottung einzelner Formen gewesen sein. In diesem Sinne ist »Darwin als Erzieher« einer der wichtigsten Gründe für das heutige Chaos. Darwin war nie Moralist. Er wurde es nur in den Köpfen kriegstoll gewordener Schwächlinge und Philosophen, die in ihrer Impotenz Blutorgien erträumten. Aber in diesen Träumen beginnt die kriegerische Phrase, das seuchenartig über Europa sich ausbreitende Massenwort. Es ist nicht Darwin, der große, geniale, allzu ruhige Forscher und Sammler, sondern es ist, wie bei Andersens Märchen, sein selbständig gewordener Schatten. Dieser Schatten hat sich eine Kanone angeschafft und hat sich vorgenommen – mit den Mitteln des Nebeneinander und groteskerweise selbst des Füreinander –, für das Gegeneinander, für den Krieg an sich zu arbeiten. Kampf ums Dasein, welch ein Widerspruch, contradictio in adjecto, da doch nur der bereits Daseiende überhaupt kämpfen kann. Auswahl der Stärksten und Anpassungsfähigsten? Nie bewiesen. Und wäre es selbst bewiesen, und wäre es selbst naturwissenschaftliche Tatsache, so bleibt es dennoch Stumpfsinn und Widersinn, aus dem Zusammenleben der Tierarten heraus Gesetz und Recht herauszudestillieren für das Zusammenleben der Menschen, deren Größtes, ja deren einzig Großes darin besteht, sich durch das Maß über das Tier zu erheben. Das ist doch der gewaltige Sinn der Sprache, daß sie mißt. Darin gründet sich doch die wunderbarste, fruchtbarste Möglichkeit und freudige Sicherheit, daß es gemeinsam Mitteilbares gibt, daß man durch Teilung und durch Verständigung die Verhältnisse regelt. Niemals kann die natürliche oder künstliche Waffe mit dem Wort wetteifern. Es ist ein tragikomischer Anblick, Menschen auf die Verständigung mit Worten verzichten zu sehen, nur um sich statt dessen mit neuen Zähnen, Krallen, üblen Gerüchen auszurüsten und stumm, tierischer als das Tier, über seinesgleichen herzufallen. Ein rein tragischer Anblick ist es freilich, wenn Menschen das Heiligste, das Wort, vergiften. Verleumdung ist bitterer als Blut, Schmutz tödlicher als das Schwert. Das Wort muß erst gereinigt werden, ehe es geheiligt werden kann. Uns fehlen heute große Wortrichter oder Philosophen, wir haben überhaupt keine Richter, und doch brauchen wir sie, nicht damit sie hinrichten und verurteilen, sondern damit sie ordnen und erziehen und die Lehrer lehren. Vom Wort kommen wir nicht los. Aber laßt dieses nur treu sein, gewogen wie Gold und geläutert im letzten Feuer. Es gibt keinen Sinn ohne das Wort. Alles was das Wort geben kann, ist Erziehung. Man sage nicht, die Kraft, die Offensive, der Angriffsgeist auf der ganzen Linie sei Zeichen menschlicher Stärke. Viel mehr Stärke braucht es, anscheinend Unmögliches zu beginnen, den Menschen durch Erziehung von seinem biblisch bösen Sinn abzubringen. Pflicht heißt, sich freiwillig an seinen Teil binden, um der Verständigung willen. Lehrt man das durch Gewehre? Man lasse unentschieden, was das Stärkere ist: Giftgasgranate oder Schiefertafel. Sicher ist nur, daß es zur Ordnung menschlichen Zusammenlebens ein Drittes nicht gibt. Die Schule allein, und Schule im weitesten und tiefsten Begriffe erfaßt, kann helfen, wirken, säen und ernten. Schule überall, in der Fabrik und beim Sport, angefangen von der Akademie und Universität bis zu dem Abendgespräch des älteren Bruders mit dem Jüngeren. Weshalb sollte nicht jeder Jünger sein und bleiben? Die Schule allein hat noch den durch nichts zu erschütternden Optimismus, an die Bildungs-, das heißt: Besserungsfähigkeit des Menschen zu glauben. Mag das immer nur ein »Als ob« sein, es ist wenigstens produktiv, es stellt sich an den Arbeitstisch des in Blut, Geld und Gift verwesenden Jahrhunderts und schafft Menschen nach einem edleren Bild, als sie es verdienen. Man hätte den Lehrer als große, ja heilige Gestalt nie angreifen sollen. Jeder Menschenmörder ist verdammenswert, der Mörder eines Lehrers ist es um so mehr. Nein, der Mensch ist nicht gut. Wenn aber einer noch in der Wahnidee menschlicher Güte lebt, ist es der Lehrer. Er ist der letzte, der einzige Idealist unserer Zeit. Er ist mit seinem falschen »Als ob«, aber mit seinem wahren Gefühl, das einer besseren Ordnung zugewendet ist, er ist der Mann der Wirklichkeit, er ist der Kräftige, der Schaffende, der echte, in der Stille wirkende König, das praktische Genie; wenn er genial ist, ändert er die Welt und nicht die andern. Rousseau, Kant, Pestalozzi: drei Weise und dennoch Menschenfreunde; drei nur denkende und dennoch auf Jahrhunderte hin in Kontinenten wirkende Meister. Was ist Politik anderes als Erziehung? Als Erziehung im tiefsten Sinne müßte Politik geführt werden. Solange man freilich jedem Volke einredet, was es nur zu gerne hört, nämlich, daß es vollkommen sei, und daher mit dem Rechte seiner Vollkommenheit sich bloß auszubreiten und zu vermehren habe (Faschismus), solange man freilich jedes Volk in dem Glauben läßt, es habe die göttliche Mission und irdische Sendung, seine natürliche Expansion von dem Platze an der Sonne bis zur Eroberung Europas und des Erdballes fortzusetzen, solange wird man in der Politik nichts Vernünftiges, nichts Vernunftwürdiges erzielen. Politik muß vielmehr planmäßig unter Ausschaltung persönlicher und Masseneitelkeit »auf langes Ziel« geführt werden. Nicht im Sinne des Kampfes ums Daseins. Nicht der barbarischen Atavismen wegen, die uns der Menschenfresserei zuführen müssen, nachdem die Menschenschlachtung anonyme Beschäftigung und bürgerliche Gewohnheit geworden ist. Politik müßte im entgegengesetzten Sinne gegen den Kampf ums Dasein geführt werden. Man müßte das trotz allem tröstliche Resultat, wie es sich aus dem Dasein, dem Übriggebliebensein ausspricht,, in erster Linie berücksichtigen. Durch Erziehung müßte dieses Nebeneinander im Räume auf der Erde auch ein Nebeneinander im Sinn werden, im Worte, im Geiste und der Gesinnung. Dieses Nebeneinander, der Denkungs- und Lebensweise aller eingefügt und eingeordnet, heiße Gesittung. Uns schreckt die Ideologie eines ewigen Friedens nicht. Wir sind durch die Höllenkreise des Weltkrieges gegangen, wir hatten keinen Vergil als Führer zur Seite. Nun aber suchen wir den Sinn dieser apokalyptischen Erscheinung. Neben dem göttlichen auch den realen, historischen Sinn. Jedes Volk wird ihn sentimental vom Standpunkt seiner eigenen historischen Ideale anders erlebt haben. Wir werden dabei freilich nirgends zu sehen bekommen, daß ein besiegtes Volk seinen Sturz ebenso als Gottesurteil betrachtet und auf sich nimmt wie ein siegreiches seinen Sieg. Darin sind die Völker wie Kinder. Aber in einem werden alle Nationen übereinstimmen, unabhängig von der Gerechtigkeit oder Frevelhaftigkeit ihrer Sache. Daß der Krieg als Lösung keine praktische Form ist. Daß er dem Geist der Ordnung widerspricht, mag er auch dem »als ob« der Gerechtigkeit (Revanche) Genüge tun. Es ist so, daß kooperative Arbeit im Sinne des langen Zieles doch einmal getan werden muß. Es ist aber nicht so, daß das sinnvolle Zusammenarbeiten und Wirken der Nationen (wenn wir schon einmal in diesem Begriffe der Nationen rechnen und politisch denken), daß dieses organische Nebeneinander jetzt, nach dem Kriege, leichter geworden wäre für eine der kriegführenden Teile, seien es Sieger oder Besiegte. Niemand kann das behaupten. Daß dieser Kampf ums Dasein in einem sehr kläglichen und augenblicklich fast nur rein geographischen Nebeneinander (dies ist die niederste Form der Realpolitik) geendet hat, dieser Einsicht verschließen sich auch die Sieger nicht mehr. Man darf Darwin als dem Moralisten nicht glauben. Sagt er, auf beschränktem Raum (Europa) sei nur eine begrenzte Zahl von Artgenossen lebensfähig, so ist dies eine durch praktische Erkenntnisse widerlegbare Tatsache. Gerade das Gegenteil wird Tag für Tag durch die menschliche Gemeinschaft bewiesen. Ist in der Tat ein Mißverhältnis zwischen allzu rapid ansteigender Menschenzahl (und wesentlich: ihren unnötigen Bedürfnissen) auf der einen Seite und den langsam ansteigenden Ernährungsquellen andrerseits vorhanden, so ist Gewalt, in welcher Form immer, das unsinnigste Heilmittel. Es handelt sich um eine praktische Forderung, und dieser Mißstand kann nur durch praktische, sinnreiche Methoden abgestellt werden, wie zum Beispiel durch den Ausbau der Stickstofferzeugung aus der atmosphärischen Luft. Das ist eine Sache des Lehrers, hier des Ingenieurs. Die Politik, die sich in diesem Sinn einstellt, ist eine Weltpolitik und eine säkulare Politik. Der Führer und Lehrer hätte vor solchen Aufgaben seine Kraft angesichts des ewig unvollkommenen Schülers niemals verlieren dürfen –, dann könnten unzählige Gute heute noch leben und an den Gütern des Lebens, Freude und Frieden, hätten alle mehr teil. Sprecht nicht mehr vom Genius des Krieges! Schweigt vom Genius der Rasse! Dante, Goethe, Mozart, Shakespeare, Cervantes waren keine Rasse. Keine Herde Mißgeschaffener hat das Recht, sich das Volk dieser Hohen, Reinen zu nennen. Niemand soll die Schulen stürmen, deren heilige Stille und, soweit menschliche Maße reichen, höchst vollkommene Ordnung jene geweiht haben. Die Jugend im Roman 1 Der Verlag »Die Schmiede« in Berlin kündigt eine Sammlung der besten zeitgenössischen Romane der Welt an. Er kann sicher sein, daß man sich mit besonderen Erwartungen dieser Sammlung zuwendet. Das Drama hat in den letzten Jahren eine selbst von Mißgünstigen nicht zu leugnende Bereicherung durch eine Zahl junger Menschen erhalten, über deren Genie sich Streit erheben mag, deren Genius, deren Kraft, deren hochgespannter Wille jedenfalls auch dem Auge und Urteil wenig Wohlwollender nicht entgehen kann. Bei den jungen Dramatikern handelt es sich nicht mehr um Entscheidung, sondern um eine, wenn auch noch begrenzte, so doch schon in Kraft getretene Wirksamkeit, um eine Bewährung auf der lebendigen Bühne. Anders ist es mit der epischen Kunst. Wir sind jetzt im dritten Dezennium eines gewaltigen Jahrhunderts. Gemessen an der Größe der Ereignisse ist das Resultat gerade im Roman nicht bedeutend. Man kann mit einem Schein von Berechtigung von einem Versagen der jüngsten Generation gerade im Roman sprechen. Wir haben von 1900–10 bedeutende Erzähler gehabt, deren einer, Thomas Mann, sich heute noch als der gewaltigsten einer erweist, wir haben in der Altersklasse von 1910–20 eine zweite Generation an der Arbeit gesehen (auch ich zähle mich zu dieser Generation). Aber aus der nächsten Geschlechterfolge kommen wohl dramatische, auch lyrische Gestaltungen von Wert, was aber bis jetzt fast völlig zu fehlen scheint, sind neue Epiker und, sonderbarerweise, neue kritische Köpfe. Zwischen diesen Erscheinungen mag ein hier nicht näher zu erörternder Zusammenhang bestehen. Kündigt nun ein Unternehmen, wie »Die Schmiede«, eine Sammlung der besten zeitgenössischen Romane der Welt an, kann es sich nur um solche Werke handeln, die eben dieser dritten Generation ihren Ursprung verdanken, und mit Ausnahme Franz Kafkas sind es auch neue Namen, neue Männer, vielleicht auch, so hoffen wir, neue Darstellungsmethoden, neue Wesenheiten (nirgends ist das Wesenhafte so entscheidend wie im Roman – und in der Kritik), die sich ans Tageslicht drängen und die wir Älteren mit wahrer Freude begrüßen wollen, wenn sie sich als echt erweisen im Kern, in der Fülle des Daseins, mögen sie auch in der Form noch Mängel haben, die man der Kraft, der Überkraft verschwendender Jugend gern verzeiht. Diese Erwartungen, das muß ich am Beginn sagen, werden durch die vorliegende Sammlung nicht erfüllt. Franz Kafka ist bei diesem Urteil ausgenommen. Sein »Hungerkünstler« ist vollendet. Mochte dieser Dichter Großes wollen oder sich mit dem Bescheidensten begnügen, ihm war als Künstler das Glück der letzten Erfüllung, daher auch der letzten, schrecklichsten Einsamkeit beschieden. Denn was er brachte, waren absolute Spiegelungen seiner selbst, magische Verkleidungen eines von sich selbst verfolgten Mannes, der das Chaos seiner Seele in die strengste, härteste, eisigste Form bannte. Es ist Zeitlosigkeit um Kafka – oder dürfen wir sagen: Ewigkeit? Ewigkeit ist es nicht, denn Ewigkeit ist das über die Zeiten hinweg freudig wirkende, das ist Goethe. Aber Kafkas keusches, männliches Leben und Sterben, seine mystischen Karikaturen des Zellensträflings, der die Wände seines engen Raums bis an den Rand mit seiner Zeichensprache bedeckt, das alles hat Bleiben , hat Wahrheit, hat Gültigkeit in sich. Ob er gültig sei, daran hat Franz Kafka immer gezweifelt, das ist auch das ewig variierte Grundproblem seiner Schöpfung gewesen. Man darf glauben, daß die Zeit die Gültigkeit dieses unglücklichen Mannes und großen Dichters bestätigen wird. Nach Franz Kafka kann man die anderen Autoren nur in weitem Abstande nennen. Sehr dünn erscheint der sehr gerühmte Francis Carco, mit seinem »Der Gehetzte«. Als Grundtatsache eine gewaltige, eine unwiderstehliche, eine Kafkasche Vision: Ein Bäcker, in seinem Keller arbeitend, wird nachts von den zur Arbeit umherstreifenden Dirnen um warmes Brot gebeten. Sie werfen ihm Kupferstücke zu, sie lassen Stricke in seine warme Höhle hinab, um das Brot daran heraufzuziehen. In einer Nacht entfernt sich der Mann aus der Backstube, um eine alte Frau zu ermorden, zu berauben. Er kommt nach einer Minute zurück, findet alles, wie es war, nur ein Strick hängt herab, es war also jemand da, hat ihn belauscht. Es ist eine Dirne, die von dem Morde des Mannes weiß und, durch Grauen an ihn gekettet, ihm folgt, ihn schützt und mit ihm verhaftet wird. Ist die Ausgangssituation zwingend, einfach, gegenständlich, so wird im folgenden alles durch Gerede und Gedenke auseinandergezwirnt, es wird inhaltloser, psychologischer, vernünftelnder mit jeder Seite, und es gelingt dem Autor, der offenbar von Bourget (Schlechtes) gelernt hat, aus einer lebendigen Figur ein psychologisches, blutloses Schattenspiel zu machen, das auch nur den entferntesten Vergleich mit einem andern Mörder und einer anderen Dirne, Raskolnikow und Sonja, nicht erträgt. Ist bei dem Franzosen Carco wenigstens der Beginn des Romanes wesenhaft und zwingend, ist der Tscheche Karel Capek von vornherein äußerst bescheiden in seiner Aufgabe. Sein Buch heißt: »Das Absolutum oder die Gottesfabrik«. Die Atomzertrümmerung macht nach Capek göttliche Kräfte frei. Sie schafft Brot in Fülle, das ist gut, sie schafft auch Gott in Fülle, das ist vom Übel. Nimmt man die mäßig amüsante, halbwegs gut geschriebene, nicht gerade dumme Sache mit allem, was sie ist und will, hat man einen epischen Schüler von Shaw vor sich, aber es ist nicht der Shaw der guten Jahre, sondern der zwar erfolgreich, aber auch zahnlos witzelnde Shaw der »Heiligen Johanna«. Da aber Capek nicht Shaws immerhin ruhmvolle Vergangenheit hat, lohnt es der Mühe bei ihm kaum. 2 Die zwei Bücher des jungen Joseph Roth, die in der Sammlung der Romane des zwanzigsten Jahrhunderts erscheinen, muß man als wertvolle Erzählungen ansprechen. Es sind Werke von einem gesteigerten, dabei maßvollen Realismus, von einer etwas erhöhten Blutwärme, die das fieberhaft Eisige dämonischer Phantasie ebenso zu vermeiden weiß wie eine im Stofflichen erstickende, breite, erdige Darstellung. Man sieht, es sind im wesentlichen negative Vorzüge, die bei diesen Büchern auffallen. Aber es ist in jedem der Bücher ein Moment, wo das Werk ans Gültige heranreicht. In dem schwächeren, dem Roman »Die Rebellion« handelt es sich um einen Kriegskrüppel, der aus dem Weltuntergang zwar nicht seine gesunden Glieder, aber doch den Glauben an die Gerechtigkeit des Staates, den Glauben an eine weise waltende Ordnung bewahrt hat. Daß er daran, und nicht an dem rein körperlichen Versagen strandet, ist ein guter Vorwurf, dem der Autor mit seinen sparsamen, aber doch wirkungsvollen Mitteln gewachsen ist. Denn wir haben es bei Roth mit einem guten Erzähler zu tun, dem die Darstellung, die Mitteilung als solche Freude bereitet. Wie dieser invalide, bis auf sein amputiertes Bein gesunde, arbeitswillige, lebensfähige Mann an einem Übeln Zufall bürokratischer Natur zugrunde geht, nachdem er sich den in seiner Lage unverzeihlichen Luxus jähzorniger Aufwallung gegönnt hat, das ist das Thema des Buches. Wir kennen aus Gogols unsterblichen, unbeschreiblich lebenstollen »Toten Seelen« eine ähnliche Figur, die dort nur umrissen ist, da ein Tölpel sie mit dem fabelhaften Tschirikow verwechselt, der doch eher eine Gliedmaße zuviel hat als eine zu wenig. Gogol strotzt von Humor, die Figur springt aus dem Buche, dies ist selbst bei den Russen unerreicht. Von Roths Figur kann man dies nicht sagen. Und doch hat sein Held einen heldenhaften, mehr als das, er erlebt einen echt menschenhaften Augenblick, nämlich den, als der Fünfundzwanzigjährige sich nach einem zweimonatlichen Aufenthalt in der Gefängniszelle im Spiegel sieht: sich als Greis, als silberhaarigen, gebrochenen Mann mit kindlichem Staunen wiederfindet. Auch der andere Roman Roths, »Hotel Savoy«, entbehrt nicht des Schicksalhaften, Mythischen. Ein Kriegsteilnehmer (Soldat oder Krieger kann man den Kämpfer des Weltkriegs hier nicht nennen) kehrt nach langjähriger Gefangenschaft heim, er verweilt einige Zeit in einer polnisch-russisch-jüdischen Stadt oder, besser gesagt, in einem großen, gigantischen Hotel, es mag ein Hotel in Warschau oder Lodz gedacht sein. Wie dem Vereinsamten die ganze Menschheit in ihrer sozialen Schichtung, in ihrer seelischen Wesensart entgegentritt, daraus entwickelt sich das eigenartige Werk. Es soll nur flüchtige Begegnungen zwischen den Menschen geben. Sie sind, teils durch die Wahl des Stoffes, teils aus dem Wesenskern des Autors heraus, immer wieder auseinander komponiert, sie streifen sich eben nur. Atmen, flüstern, andeuten, schweigen. Zart, verwehend, ähnlich (wenn auch nicht so ganz schattenhaft und ganz seelenhaft) wie bei dem in seiner Art großen Herman Bang, dem früh gestorbenen. Immerhin ist hier ein Versuch des Baues, wenn auch nicht des Aufbaues unternommen, der rühmenswert ist. Die Reichen, die Satten, die Übermütigen unten in den Prachtgemächern des großen Hotels, die Mühseligen, die Beladenen oben in den kümmerlichen Stuben in der Nähe der durstig dumpfigen, feuchten «Waschküche, die der Autor unter das Dach verlegt hat. Es ist nicht eigentlich ein großes, mondänes Hotel mit 800 Zimmern, es ist nur ein groß gewolltes, wenn auch nicht immer groß gekonntes Symbol der menschlichen Schichtung, des Übereinander und, in herzlicher, keuscher Seelenbeziehung auch des Nebeneinander, der Kameraderie und Freundschaft, der scheuen, knabenhaften Erotik. Eine ganz eigenartige Erscheinung ist Albert Daudistel mit seinen zwei Erzählungen, die er aus unbegreiflichen Gründen unter dem hohlklingenden Titel »Die lahmen Götter« vereinigt hat. Die erste Erzählung schildert in gewaltsam optimistischer, oft kindischer Weise das Leben der Gefangenen in der »politischen« Festung Niederschönenfeld, offenbar ein Stück Autobiographie, Reflex der Münchener Rätezeit, die sich hier als verspäteter, alberner Karnevalsjux darstellt. Ob sie mehr gewesen ist, läßt die ganz zerfahrene, trotz des interessanten Stoffes langweilige Erzählung nicht erkennen. Daudistel scheint hier Romain Rollands akademisch blutloser Schaffensart ohne die Kultur und ohne den Gelehrtenfleiß des so sehr überschätzten Franzosen Gefolgschaft geleistet zu haben. Bestände der Band nur aus dieser einen, der ersten Erzählung, dann könnte man über Daudistel als eine Begabung zweiten (das ist letzten) Grades beruhigt sein. Aber der Band enthält noch eine zweite Geschichte, ein ganz unliterarisches, oft rohes, aber fabelhaft echtes, packendes und unvergeßbares Schicksal zweier Menschen aus dem Volke, einem Matrosen und einer Dienstmagd, die heiraten, in Glück miteinander leben und zusammen untergehen an dem Jammer ihrer erbärmlichen Zeit, die ihnen das beste Blut aus den Adern gesogen hat, ohne daß man sagen könnte, wer schuld ist, das Schicksalhafte, das Unberechenbare, das Tolle, das strotzend Blühende und, plötzlich Vergehende wird in dieser Erzählung schlechthin meisterlich gestaltet. Man muß schon an Büchners »Woyzeck« erinnern, um zu einer ähnlichen Mischung von überquellender, im eigenen Blut erstickender Sinnlichkeit und wortloser echter Keuschheit zu gelangen. Höheres kann zu dem Lobe dieses neuen Mannes Daudistel nicht gesagt werden. Jack London Ein Dichter, der sich internationaler Berühmtheit erfreut, in Deutschland aber bis jetzt kaum bekannt geworden ist, wird uns jetzt durch eine Anzahl von Übersetzungen nahegebracht, die im Verlage Gyldendal in Berlin erscheinen. Es ist Jack London, und die bis jetzt erschienenen Bände heißen: »In den Wäldern des Nordens«, »Abenteuer des Schienenstranges« und »Südseegeschichten«. Das erste Werk ist eine exotisch farbige Kette von Novellen, die im äußersten Norden Amerikas spielen, der zweite Band enthält Abenteuergeschichten eines jungen Vagabunden, der dritte bringt Legenden und kurze, außerordentliche Bilder aus dem Dunstkreis der Südsee – es sind echte Dichtungen von einer Kraft und Glut, die ihresgleichen nicht hat. Der erstgenannte Band würde zwar Jack London nur zum guten Erzähler stempeln. Das sachliche Interesse an den primitiven Menschen und ihrem Kampf gegen die innerlich ebenso primitive, aber technisch raffinierte Welt der Zivilisation überwiegt und entscheidet. Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß der Eingeborene unterliegen muß. Ihm gehört Jack Londons Sympathie, man fühlt es in jeder Zeile. Es fließt viel Blut in diesem Buche, mit Grausamkeiten wird nicht gespart, in einer kleinen Zeile wird von einem Kinde, einem drei Monate alten Säugling erzählt, das man aus Aberglauben auf Dornen liegen läßt, bis es stirbt. Die Sachlichkeit ist ungeheuer, von keinem mir bekannten neueren Schriftsteller erreicht, dennoch bleibt man innerlich nur widerwillig gefesselt, im Augenblick der furchtbaren Erscheinung krampft sich wohl das Herz zusammen, aber es bleibt nichts von Dauer zurück. Daß die primitiven Kulturen, deren innere Gültigkeit wir in den letzten Jahrzehnten an zahllosen Werken ihrer bildenden Kunst, geschnitzten Statuen, bemalten Götzenbildern, an Tänzen und einfachen, lapidaren Gesängen immer wieder bewiesen finden – daß diese primitiven Kulturen dem Untergang geweiht sind, daß sie im Laufe von Jahrzehnten durch eine unsichere, kalte, stumpfsinnige, vom Christentum giftig gefirnißte Zivilisation vernichtet werden, das ist uns nichts Neues. Es ist wohl als Thema ebenbürtig dem Kampfe um Troja, aber wo ist hier auf der Freundesseite eine Helena und ein Priamus, auf der Feindesseite ein Achilles und Patroklus, unvergängliche Gestalten sie alle? Sind wir wirklich Freund und Feind? Die Helden der Jack Londonschen Kämpfe haben wohl Waffen, aber kein Gesicht, sie sprechen wohl eine dichterische Sprache, haben aber kein echtes Blut, deshalb lassen sie kalt, obwohl uns doch dieses äußerste Thule, die Landschaft dieser Kämpfe durch die zahlreichen arktischen Filme nahe gerückt worden ist. Auch in dem zweiten Buche ist die Individuation (die deutsche Sprache hat keinen richtigen Ausdruck für diesen Begriff der Persönlichkeitsschöpfung) nicht sehr weit getrieben. Aber hier ist eine so tolle Bewegung in Szene gesetzt, der Schauplatz wechselt in so rasender Schnelle, der innere Grundzug, das Hungern und Haschen nach Freiheit ist etwas so Natürliches, etwas so bezaubernd Menschliches – ja dieser bezaubernde Mensch Jack London ist es in seiner eigensten Person, in einer fabelhaft lebensfreudigen Selbstaufnahme, der aus einem fahrenden Eisenbahnzug herausspringt, weil er als verlumpter Vagabund, als pennyloser Tramp von den Beamten der C.A.P.-Bahn herabgejagt wird, aber welche Listen, welche Schliche, wieder auf den fahrenden Zug hinaufzugelangen, welche genialen Überfälle auf die argwöhnischen Geister der besoldeten, bürgerlichen Beamten, welche Kraft, welche Lust, welche spitzbübische Freude, wenn der Vagabund seine an sich doch nutzlosen Reisen, kreuz und quer durch das Land der arbeitenden Menschen unternimmt, er allein ohne Arbeit, bald bettelnd, bald hungernd, bald ungerecht verurteilt, bald unter Lebensgefahr geduckt unter die rasenden Waggons, während ein tückischer Beamter einen Schlagbolzen losmacht und ihn an einer Kette unter die sausenden Waggons schwingt, so daß der unselige, unsichtbare Reisende um sein Leben zittern muß. Welche Freundschaften, welche herrliche Vertrautheit zwischen Mann und Mann. Frauen kommen in diesem Werk fast nicht vor, höchstens daß sie um Speisen angebettelt werden und mit Lügenmärchen reichlich bezahlt. Man kann es nicht anders sagen, das Herz geht dem Leser dieser herrlichen Freiheitskämpfe auf. Es ist das Bezauberndste, was seit Jahren geschrieben, worden ist. Auf einem beigelegten Prospekte ist der Held dieser Trampgeschichten, ist Jack London, fotografiert. Ein prachtvoller Junge, mit einem stillen, aber unzerstörbar freudigen Lächeln um den willensstarken Mund; die Augen scharf, etwas zusammengekniffen, nein, zusammengerissen, ein Beobachter von unerhörten Qualitäten. Der Mund groß, mit weiten, weichen Lippen, ein Erzähler von Natur, wie Homer und Tolstoi es waren. Mit neun Jahren war dieser Mann, der Sohn eines verarmten Landwirtes in den Weststaaten, ein Zeitungsverkäufer, mit zwölf Jahren ein Fabrikarbeiter mit zwölfstündiger Arbeitszeit und zehn Cents Stundenlohn, nachher ein Plünderer von Austernbänken, selbständiger Unternehmer, »König der Austernräuber«, mit achtzehn Jahren als anonymes Glied eines Arbeiterheeres vorwärts nach San Franzisko. Schnell freigeworden, zu einem Gemeinschaftsleben unfähig, beginnt er das tollste Wanderleben in dem freiesten Staat der Welt. Elend, dauernde Gefahr, wilde Abenteuer, kein Abenteuer der Seele, nur solche des Körpers, der immer auf der Suche ist nach Nahrung, Wärme, Lagerstatt und der, auch darin dem Tiere gleich, immer frei schweifen will und muß. Erntearbeiter, Landstreicher und Goldsucher in Klondyke, bei den Schatzgräbern. Jetzt beginnt seine dichterische Laufbahn, immer vom Autobiographischen, getränkt, aber sich nicht im Autobiographischen erschöpfend. Menschen, die Interessantes, nie Wiederkehrendes erlebt haben, deren gibt es unzählige. Solche, die es gut wiedererzählen können, schmucklos phrasenlos, einfach, bezaubernd, deren gibt es wenige. Solche, die aus dem einzelnen Gebilde eine Welt schaffen können, solche, die Gesicht bekommen, weil sie das Geheimnis der Persönlichkeit haben und dazu die Kraft, die Gewalt der schöpferischen Phantasie des Glaubens – solche Männer sind selten, wie Jack London selten ist. Nach der Idee darf man nicht suchen, sie ist ganz in den Mantel der Erscheinung eingehüllt. Aber die Erscheinung muß nur leben, sich regend bewegen, dann tritt auch die Idee vor die Sache, und das, was Jack London bewußt vielleicht nie angestrebt hat, die Dichtung, steht in blühendem Leben vor uns. Denn Dichtung sind die Erzählungen aus dem Dunstkreis der Südsee, Dunstkreis in dem echtesten Sinn dieses Wortes verstanden: Tierwelt und Seelenwelt, Meer und Götter, Menschenseelen, Teufelsdämonen, europäische und polynesische, Taifune und stilles, friedliches Meer, Freundschaften zwischen Männern, Liebe, Altern, Sterben und Geborenwerden, alles wird man in dem wundervollen Buche finden. Man kann die zauberkräftige Gewalt dieser schmucklosen Erzählungen nicht beschreiben, man müßte die Erzählungen wie sie sind hierhersetzen. Der Dichter lebt nicht mehr. Er hat den Widersinn des Weltkrieges nicht überdauert. Er starb, nicht in ihm, sondern wie der ganz anders geartete, aber ebenso echte, bezaubernde Georg Trakl an ihm. Man muß dem Verlage Dank wissen für diese Bände. Das Übersetzte soll nur ein Teil des Lebenswerkes sein. Die Übersetzung von Erwin Magnus ist genau, ist gut gemeint und stört nicht. Einige Stellen leiden freilich an Plumpheit und Undeutlichkeit, die dem Original kaum eigen sind. Einerlei – diese Bücher werden nicht wieder verschwinden. Conrad In den letzten Jahren haben wir zwei große virile Erzähler kennengelernt, Jack London und Robert Louis Stevenson, zu ihnen tritt jetzt als der größte, der männlichste, Joseph Conrad. Dieser Dichter, geboren 1857, gestorben 1924, ist in jeder Hinsicht eine der merkwürdigsten Erscheinungen; der Rasse, dem Beruf, der Eigenart seiner Kunst nach, der Verteilung von weiblichen und männlichen Elementen der Seele nach. Man kann ihn als Menschen nicht sehen, ohne seine Werke mit zu sehen, und jedes Werk spricht nicht nur von ihm, diesem Joseph Conrad, sondern auch mit kunstvollst verteilten Stimmen aus ihm, nie war die Einheit zwischen Mann und Werk größer – und nie rätselhafter zugleich. Sein eigentlicher Name (wenn wir ihn nicht als Verloc und Stevie in einer Person [»Der Geheimagent«], als Kapitän Giles und der ›neue Kapitän‹, [»Die Schattenlinie«] und als Flora de Barral und Kapitän Anthony [»Spiel des Zufalls«] ansehen wollen), sein eigentlicher Name war Joseph Conrad Korzeniowski. Er ist Pole, im kontinentalsten Lande des Kontinents, in der unabsehbaren Ebene der slawischen Welt ist er geboren. Mit fünfzehn Jahren wandert er zum erstenmal von seiner gegebenen Existenz in eine andere aus, er will Seemann werden. Die englische Rasse, die seefahrende Nation lockt ihn bis zum Zwang. Mit siebzehn Jahren atmet Korzeniowski in Marseille, seinem ersten Hafen, den ersten, hier noch unreinen und getrübten Duft der See. Er legt seinen Namen ab, als Joseph Conrad nimmt er Dienst auf einem englischen Dampfer – befährt Jahrzehnte lang südliche und östliche Meere. Er will in seiner zweiten Existenz heimisch werden, er nimmt den maritimen Dienst auf sich, besteht Prüfungen, nicht der »Laufbahn« wegen, nicht aus Abenteuersucht, nicht aus Gier nach Geld. Ein Menschenalter fast trägt er dies zweite Kleid, die Uniform der englischen Handelsmarine, bis er auf Borneo einen Weißen kennenlernt, der, ebenso wie er, aus seiner ersten Existenz ausgewandert ist. Es ist ein Engländer, der sich selbst deklassiert, ent-engländert hat, da er sein Blut mit einer farbigen Frau vermischt hat. An dieser seiner metaphysischen Spiegelfigur wird Conrad zum Schriftsteller . Dies ist seine dritte Inkarnation, die umfassendste, die definitive. In dieser Inkarnation konnte er allen Widersprüchen seines Innern gerecht; werden, soweit ein Mensch, ein Dichter, ein Genie sich selbst: gerecht werden kann. Die Widersprüche kennzeichnen diesen Dichter, wenn irgend etwas. Aus Widersprüchen sind seine Werke, soweit sie sich in der deutschen Übertragung übersehen lassen, aufgebaut. Sie sind nicht aufgebaut auf Widersprüchen, die einander gegenseitig stören, sondern auf solchen, die sich richtig auf Tod und Leben, das heißt bis aufs letzte und auf immer gegenüberstehen. Hier die eine, dort die andere Seite der Welt. Beide Teile sind kämpfend aneinandergepreßt. Stirn an Stirn, Hirn an Hirn, Herz an Herz ... dauernd in Bewegung, unerschütterbar im Rhythmus. Wenn man diese sonderbaren, in ihrer Vollendung kaum beschreibbaren Gebilde Conrads mit etwas vergleichen sollte, müßte man sie mit einem Kreiselkompaß vergleichen, der in sausender, rasender Bewegung, nur durch den eigenen Rhythmus gebändigt, Schwingung im elektrischen Stromkreis, dennoch in unverrückbarer Treue den Lauf der Sterne, den geographischen Ort der Dinge dieser Welt anzeigt. Auf Widersprüchen ist auch jedes humoristische Werk aufgebaut, als erstes und herrlichstes der »Don Quichotte«. Bei Cervantes prallen die polaren Gegensätze in jeder Sekunde einmal zusammen, der Funke der »niedrigen Stromspannung« läßt uns lachen und doch fühlen, hier ist das Herz der Dinge angerührt und unseres, das meine. Bei Joseph Conrad nichts davon. Seine Bücher sind ernst, unpersönlich, verschlossen – sie sind männlich in der düstersten Bedeutung des Wortes, sie nehmen das schwerste Gewicht fast wortlos auf die Schultern. Übermenschlich wäre es, unter einer erdrückenden Last noch Kraft aus Eigenem, aus der »Anmut des Herzens« zu einem echten Lachen zu finden. Dies ist einem Manne unserer glaubenslosen Zeit vielleicht für immer versagt. Es wird so sein, daß die Größten unserer Zeit, wenn sie lachen sollen, das seiende, »das wahre Gesicht der leidenden Welt« , wie es Conrad nennt, verleugnen, verkleinern, zerspötteln müssen – oder sie gehen den Weg, den Conrad gegangen ist, den der Sachlichkeit, einer atemberaubenden Sachlichkeit, nicht weniger dämonisch und geisterfüllt und geisterhaft als die Erdtraumphantasien Poes, ja, noch aufwühlender in ihrer Breite, in ihrer Besessenheit von der Welt. Etwas von einem Besessenen ist in Conrad. Er ist von seinem Selbst besessen, welches das Gegenselbst vernichten will und nie kann – denn Tod ist immer Leiden und nie Tat. Hier gibt uns das äußere Schicksal dieses Mannes, der vergeblich sich selbst entfliehen will, die Leitlinie an, nicht den klaren Weg, die reine Anatomie der dem Genius angeborenen Widersprüche, wie etwa Rousseaus »Confessions«, sondern nur die weichende, lautlose, astronomische Schattenlinie. Man wird in den Werken des Conrad viel von Meeren, von Küsten, von Schiffen, Stürmen und Landschaften des Orients finden, aber eigentlich nur Schattenlinien. Es sind Menschen nebeneinander, aber nie Gesellschaft. Ehe ist keine Ehe (»Spiel des Zufalls«). Es sind Reisen, gewiß, es sind Erlebnisse der Fremde, wie sie zwingender eine andere Feder nie nachgezeichnet hat, aber alle diese Reisen enden am Nordpol der Seele, vorausgesetzt, daß sie nicht auch schon von dort ihren metaphysischen Ausgang genommen haben. In dem Roman »Der Geheimagent« soll das von einem Agent provocateur verursachte Dynamit-Attentat geschildert werden. Auch die Schiffe haben bei Conrad oft »Sprengstoffe« an Bord. – Im »Geheimagent« soll es sich »um einfache Zerstörung« handeln. »Da Bomben zu ihren Ausdrucksmitteln gehören«, sagt der Auftraggeber des Attentats zu dem Geheimagenten Verloc, »so wäre es tatsächlich vielsagend, wenn er eine Bombe in reine Mathematik werfen könnte ... Was denken Sie davon, die Astronomie anzupacken?« Die eisige Annäherung an das Humoristische wird an solchen Stellen deutlich. Wollte man diese »Schattenlinie« etwas vergröbert nachziehen, dann käme man zu der ersten wahren Umwertung aller Werte, der Relativitätstheorie, zu dem physikalischen Anarchismus, hier vorausgeahnt durch einen extraterritorialen Polen unbestimmbaren Alters, von genialem Tiefblick, namens Conrad. Aber man wird ihm gerechter, wenn man seiner genau vorgezeichneten Spur folgt. Gerade darin, in dem genau Vorgezeichneten und dennoch ganz Erdenfernen ist er unnachahmlich. Seine ganze souveräne Sachlichkeit dient nur dazu, einer ebenso souveränen Phantasie die Mittel in die Hand zu geben, ihre kühnsten Extravaganzen zu Ende zu gehen. Keine Überraschungen des unberechenbaren Gefühls. Keine hohen Ideen. Keine Anspielung auf Christus, wie sie der ebenso gern mit Dynamit spielende (oder operierende) Dostojewski nicht missen mag. Keine Rassenfrage, ja, im Grunde nichts, was innerhalb der »alltäglichen Leidenschaften der Menschen« liegt. Also auch kein Mitleid, sondern nur »Eintragungen«. Im Grunde sind Conrads Romane nur »Reiseprotokolle« der Seelen mit ihrem Widerspruch – ungestört durch das Jammern der unseligen »Wilden« (»Das Herz der Finsternis«). Zu diesen Eintragungen braucht der dämonische Dichter Ruhe. Für diese Ruhe nimmt er die klösterliche Einsamkeit der Schiffskabine auf sich. Er trägt das Kleid der Armut, den Namen der Namenlosigkeit (ein Mensch wie mein früh verstorbener Freund Franz Kafka lebte und starb ebenso). Er sieht, er beobachtet, er hat den Blick und das Glück, er hat das Wesen der Sache erfaßt. Man wird seine Schilderungen in ihrer schmucklosen Überfülle nicht mehr ganz vergessen können, wenn man sie einmal begriffen hat. Schmucklose Überfülle, auch hier der Gegensatz, die contradictio in adjecto. Aber das gerade macht die ungeheure Wirkung aus, nicht seine Exotik. Es gibt im Grunde im neunzehnten Jahrhundert keine weißen Flecken mehr auf den Landkarten der Erde, nur auf den Landkarten der menschlichen Seele. Die Bücher Conrads sind ungeheuere, von Einzelheiten strotzende Protokollberichte. Jede kleine Nebenfigur ist ein Roman. Jede Augenblickslandschaft, zum Beispiel die Insel Koh-Ring im Chinesischen Meer, von der »man nicht los kann«, ist mit wenigen Strichen derart suggestiv hingestellt, daß man nachts erwacht, die unentrinnbare Vision dieses großen schwarzen, wie emporgeschleuderten Felsens vor Augen. Die seelenlose, albern flache See, die nicht der geringste Windhauch bewegt: dies auf der einen Seite. Der übergroße, überkonturierte, allzu ausdrucksvolle, sich stets vordrängende, »stechende« Felsen auf der andern, wer das einmal gelesen hat, wie es Conrad schildert, vergißt das winzige Detail ebensowenig wie die ungeheuren seelischen Umstürze und Gigantenkämpfe, diese in Wochenfrist zusammengedrängten Existenzen, diese stärksten, und, warum es leugnen, giftigen Extrakte des menschlichen Daseins und Dortseins, in denen Conrad Meister ist. Humor ist ihm, dem Sohne der glaubenslosen Zeit, versagt. Der Kampf gegen Heuchelei, den der ihm und Kafka verwandte Dickens aufgenommen hat, kann ihn nicht mehr fesseln, Heuchelei wie Geiz, die beiden verwandten Laster, sind zu sehr »alltägliche Leidenschaften«. Was ihn, Conrad, spannt, ist die Spannung an sich. Eine solche Spannung, wie sie Conrad erzeugt, wie er sie aufrechterhalten kann, eine so qualvolle, grausame Spannung hat nur ein Genie unter seinen Mitteln ... Man sieht des spannenden Bogenschützen Gesicht nicht. Man hört nur das knisternde, unheimliche Geräusch, mit dem sich der Bogen krümmt, einmal ist es die Sehne, die metallisch klingt, einmal ist es das Holz, das knurrend sich bäumt. Kein Menschenfreund, der diese »spannenden« Romane schrieb. Man wird keine holde Menschenblüte, weder Mann, noch Frau, noch Kind hier finden. Selbst in dem gütigsten, warmblütigsten Geschöpf, das Conrad (ja, das irgendein neuerer Dichter) geschaffen hat, selbst im Herzen des blonden, zarten Knaben mit dem goldigen Flaum auf den Wangen, selbst in dem Jungen Stevie fließt unter Millionen Tropfen gütigen Blutes auch ein Tropfen giftigen Extraktes, »der eigenen Machtlosigkeit« und ihres Widerspruches, des Verbrechens. Stevie sieht, wie ein Pferd schwer mißhandelt wird. »›Arm, arm!‹ stammelte Stevie«, heißt es im »Geheimagent«, »und er stieß im Übermaß seines Mitleids die Hände tief in die Taschen. Er konnte nichts sagen; denn seine Zärtlichkeit für alle Mühseligen und Beladenen, seine Sehnsucht, die Pferde glücklich und den Kutscher glücklich zu machen, hatte sich bis zu dem lächerlichen Wunsch gesteigert, sie mit in sein Bett zu nehmen ...« Aber: »Die Zartheit seines umfassenden Mitgefühls hatte zwei Seiten, die so unlöslich miteinander verbunden waren, wie die beiden Seiten einer Medaille. Der Schmerz maßlosen Mitgefühls wurde durch den andern einer unschuldigen, doch unbarmherzigen Wut abgelöst ...« Genug. Kein Wort weiter. Die Peripetie, der Umsturz, der Wandel, die Wandlung im Dunkeln. – Denn Stevie ist es, der die Bombe in Händen trägt, um das Attentat gegen den Längengrad von Greenwich, den Längengrad o auszuführen, und der als das einzige Opfer dieser metaphysischen Bombe in tausend Stücke zerrissen wird, so »daß er mit einer Schaufel aufgelesen werden muß ...« In dem rätselreichen Werke des Joseph Conrad ist hier vielleicht ein Selbstbildnis, ein Steckbrief der eigenen Seele, ein Motiv für die ewigen Reisen des genialen Erzählers ins »Außer-Ich«. Kleist als Erzähler Wir besitzen nur wenige und an Umfang schmale Werke erzählender Art von Kleist. Aber unter diesen ist keines von minderer Vollendung. An keiner Stelle eine »Liebe zweiten Ranges«. Denn was Kleist in der Anekdote, in der Novelle, im Roman gestaltet hat, immer ist es der gleiche, nämlich der kühnste Einsatz gewesen: Denn der Tatenmensch und Schicksalsspieler in Kleist hat auch in seiner Prosa alles auf die letzte als die ihm einzig und allein gemäße Karte gesetzt. Daher das Spannende, Aufregende, Hinreißende von der ersten bis zur letzten Zeile. Aber in Kleist waltete auch eine andere Natur, er war auch der Mann des Gewissens, der preußische Offizier, oft ohne Uniform, aber in seiner Seele nie außer Dienst. Vom altpreußischen Exerzierreglement kam er ohne Übergang zum kategorischen Imperativ des Kant; und wenn Kant als die beiden höchsten Errungenschaften des Menschen »den Sternenhimmel über und das sittliche Gesetz in sich« preist, so ist ihm dabei ein unbekannter Schüler, Heinrich von Kleist, wahrhaftig »auf den Knien seines Herzens« nahe gewesen. Der »Spieler« in Kleist gibt dem Prosawerk die phantastische Flugkraft, immer vom tiefsten Punkt der Erde abzustoßen, immer dem höchsten Punkt der Erde zuzustreben. In den Werken dieser Art ist immer Erdbeben, Erdbeben des festen Landes und der Seele. »Marquise von O...« mit dem grauenhaft-zauberhaften Brande der Festung, »Das Erdbeben in Chili« mit der sich spaltenden Erde, »Verlobung in St. Domingo« mit allen Feuerflammen empörter Rassen und eruptiver, zerfleischender und blutender Herzen. Die andere Seite ist der »Untersuchungsrichter der Pflicht« in Kleist. Eine im Rechte unbeirrbare Hand führt schicksalsmäßig wie die Hand eines Gottes die Protokolle der Seele und die Protokolle der winzigsten Tatsachen im »Michael Kohlhaas«. Hier spricht der sittliche, das heißt, der mit sich im Gleichgewichte befindliche Mensch, der richtet, indem er bloß berichtet. Was aber ist Kleistisch? Was ist die ihm allein zugehörende Art, die Welt in ihrer Herrlichkeit und ihrem Grauen zu sehen? Welcher Art ist seine Wahrheit, so wahr, wie sie dem allzufrüh Gestorbenen zuteil werden konnte? Die Natur hatte Kleist in seinem Können, Wollen und auch in seinem Versagen einmalig geschaffen. So ist das Siegel seines gleichzeitig aristokratischen und kosmisch-gütevollen Wesens jedem seiner Sätze eingeprägt, ja es ist bis in die geringste Verbindung weniger Worte erhalten, so daß man, wie bei etruskischen Vasen, an einer winzigen Scherbe den Künstler, den Schöpfer und Besitzer erkennt. Einmalig ist alles, was dieser Mann geschaffen hat, und es haben ihn auch nur einmalige Ereignisse im Leben einmaliger Menschen beschäftigt. Ist dies das Kleistische? Ist es die mühevoll errungene Form, die sich, wie seine Zeitgenossen bestätigen, in seinen Arbeiten durch stetes Ausstreichen und Ändern äußert? Dies wäre ein Flaubertscher Zug, aber der einzige, denn außer diesem ist zwischen dem Schöpfer der »Trois contes« und dem. Schöpfer des »Michael Kohlhaas« keine Verbindung. Ist es die »Verwirrung des Gefühls«, die Goethe dem Dichter vorwarf? Mit Recht vorwarf? Man darf es bezweifeln. Wenn Goethe den Kleist bekämpfte, da bekämpfte er auch das Kleistische in seiner eigenen Brust; er kämpfte gegen den stets wie bei der Atalanta verborgenen und gedämpften, aber nie erloschenen Feuerbrand. Wer jene herrliche Stelle im »Kohlhaas« gelesen hat, wo der Kohlhaas im Gespräch oder beim Verhöre mit seinem mißhandelten Knecht Herse seinen gerechten Zorn zügelt, wo er sich »mit Gewalt« selbst Gewalt antut, um nur ja das klare, kühle Recht zu ergründen und um keinem unrecht zu tun, der muß diese »Verwirrung« bezweifeln. Verneinen wird diesen Vorwurf jeder, der in diesen einmaligen und ewigen Seiten sieht, wie hier ein dumpfer, naturgebundener Mann den Schleichwegen von Recht und Unrecht nachspürt bis zur letzten, bis zur tragischen, das heißt bis zu der an dem Weltzwiespalt zerschellenden Entscheidung. Wer kann dann noch dem Schöpfer solcher Seelen und Charakterzustände den Hang zur Verwirrung nachsagen? Viel eher ist es ein Übermaß an entgegengesetzten Kräften, das sich zerstört. Nicht, daß Kleist im unklaren sich gefallen, im Nebelhaften, Allegorischen sich zu lange gesonnt habe, durfte ihm Goethe vorwerfen, wenn er einen Blick auf den zweiten Teil des »Faust« warf. Was Kleist unglücklich gemacht hat und groß zugleich, ist das Übermenschenmaß, das er an sich, auch in der Erzählung, gelegt hat. Er gab sich bis in seine letzten Fibern dem Werk und wollte als Gegengeschenk etwas dafür, das die Welt nicht geben kann: Versöhnung, Dauer, Harmonie, die Befriedigung des Metaphysischen, nicht des Sinnlichen in seiner Natur. So wie Kohlhaas untergeht, aber in seinen Söhnen aufersteht, so auch er: Untergehen mußte er; nicht alt und gütig werden. Er hatte alles zu teuer bezahlt, als daß ihm die Welt und seine Zeit gerecht werden konnten. Die Welt tut, was ihr am leichtesten fällt: sie schweigt. Sie schweigt, weil sie das Große ebensowenig wieder in die Nichtexistenz zurückstoßen als es mit der höchsten Krone krönen kann. Nachdem Kleist seinen »Kohlhaas« geschaffen, hatte er den gewaltigsten Ansatz zu der grandiosen Aufgabe genommen. Historie und individuelle Triebe zusammenzuschweißen; eine Aufgabe, die der mittlere Goethe nicht einmal versucht hatte, weil der schon soviel einfachere, humanere Götz an der Grenze seiner, an der Grenze dieser seiner Kraft stand. Nachdem aber der Kohlhaas wie aus Erz dastand und lebte mit seiner Überleuchtkraft, seiner durchdringenden Wahrheit und dienenden Treue, da war die Zeit da, Kleist die rechtmäßige Nachfolge Goethes als Erzähler zu geben. Dazu fehlte es seinem Jahrhundert an Mut. Das, was Kleist von seiner »Penthesilea« sagt, dieses herrliche, männlich weiche Götterwort: »Mein innerstes Wesen liegt darin, der ganze Schmerz zugleich und Glanz meiner Seele«, das konnte Kleist um so mehr vom »Kohlhaas« sagen. Er konnte das Schweigen, die Gleichgültigkeit seiner Zeit, die magische Leere um sich selbst nicht ertragen. Er konnte das nicht, worin Goethe Meister war, er konnte nicht alt werden. Einmal sagt er: »Der Mensch wirft alles, was er hat, in eine Pfütze, nur nicht sein Gefühl.« Daran muß der Überstarke gestorben sein. Sein Tod war Kleistisch wie sein Leben. Er präsentierte seinen Feinden keine unbezahlten Rechnungen. Sein Tod war soldatisch – Kantisch und phantastisch zugleich. Er wollte als Gesunder sterben neben einer Kranken, als Mann und Held neben einem Weibe und als ein Ungebrochener, Unzerbrechbarer über seinem Schicksal. Er hat in seinen Erzählungen stets den Sieg des menschlichen Gemütes über den herzzerreißenden Jammer gestaltet. So geht sein Michael Kohlhaas in Größe, in Überlegenheit über die verwirrte Welt unter. Untergang ist nichts, nichts Tod und Weltenbrand, aber alles das Gesetz; dem Gesetze treu starb er, wie er lebte. »Doch sollen wir stets des Anschauens würdig wieder aufstehen«, hat er in einem seiner Dramen gesagt. So ist er uns auferstanden und wird uns bleiben, nicht allen zwar, nicht vielen zwar – aber wenigen alles bedeutend. Kleist »Dem Königl. Capitain Herrn Joachim Friedrich von Kleist vom Prinz Leopold von Braunschweigschen Regiment wurde hierselbst von seiner Ehegattin Juliane Ulrike geb. von Panwitz am 18. Oktober 1777 Nachts ein Uhr ein Sohn geboren, welcher in der heiligen Taufe am 27. dess. Mts. u. Jhr. die Namen ›Bernd Heinrich Wilhelm‹ erhalten hat. Solches wird hiemit auf Grund des hiesigen Garnisons-Kirchenbuches amtlich attestiert.« Dies das Dokument seiner Geburt. Märkische Provinz. Alter Adel. Offiziersfamilie. Ältester Sohn, zur Einsamkeit verurteilt gegenüber den Eltern; zum schnell erlernten Gehorsam gezwungen gegenüber den Stärkeren; zur Veneration gegenüber der Macht des Bestehenden, des Staates, der Armee, des Königs. Vater und Mutter, liebenswerte, aber schwache Gestalten, starben früh, es blieben nur Geschwister, eine herzensnahe Schwester Ulrike, an der Kleist zeit seines Lebens hing. Mit vierzehn Jahren ist Kleist Gefreiter-Korporal in Potsdam; unter dem Kommando General von Kalckreuths gehört er der Truppe an, die 1797 Mainz belagert. Es ist der denkwürdige Feldzug, den Goethe beschrieben hat. Kleist ist ein zwanzigjähriger Leutnant, Goethe ein Minister; dieser ein Kind in altpreußischer Montur, jener ein europäischer Mann auf der Höhe des Lebens. Goethe lockte damals den jungen Offizier nicht, wohl aber die exakte und die metaphysische Wissenschaft auf der Universität. Das Lehrgebäude der irdischen Physik, gestützt auf die Methode der kosmischen Philosophie. Hier ist der erste Sprung in der Lebensgestaltung des Kleist; und wie das Wort Sprung geheimnisvoll doppelsinnig einen Aufschwung und eine Zerstörung bezeichnet, so sieht man diesen sonderbaren, einmaligen inkommensurablen Menschen sein Leben nur noch mehr sprunghaft fortsetzen bis zu seinem frühen Tode. Er selbst nennt sich den »Unaussprechlichen«. So tief er bewußt ist, daß er niemals das Aussprechbare, also das Sichere und Unumstößliche unter den Füßen finden werde, so treibt ihn sein Genius ohne Aufhören dazu, das Unmögliche möglich zu machen, das irdisch Unüberwindliche dennoch kosmisch durch die Gnade seiner Kraft zu überwinden. Er hat den Erzherzog Karl später in einem Gedichte so genannt: Überwinder des Unüberwindlichen. Denn sein Wunschtraum war die Auflösung seines inneren Widerspruchs. Je unbändiger die Wünsche, desto zarter das Innere, desto leichter verwundbar das arme Herz, das keusche; desto schwerer die Persönlichkeit durch Reserve, Stolz und Einsamkeit zu schützen. Weder die militärische noch die dynastische Ordnung hatte ihn befriedigen können. Als ihm sein König kühl begegnete, schleuderte er ihm das kühne Wort entgegen: »Wenn er meiner nicht bedarf, bedarf ich seiner noch weit weniger.« Als er aber dem geistigen Monarchen seiner Zeit, Kant; näherkommen soll, schaudert er zurück, wie später sein Prinz von Homburg: Die Welt in ihrer ganzen unbarmherzigen Unerkennbarkeit und unverrückbaren Trägheit auf sich zu nehmen, fühlte er sich zu schwach, zu vergänglich, zu verlassen. Er ist dem Individual-Nihilistischen der Philosophie Kants nicht gewachsen, »tief in seinem heiligsten Innern davon verwundet«, nennt er sich, stößt alle Bücher von sich und wiederholt nur das eine jammervolle Wort: »Mein einziges, mein höchstes Ziel ist gesunken, und ich habe nun keines mehr.« So muß sich alles, von außen zurückgedämmt, in das Innere stürzen, und dieses Innere erweist sich zu seiner unnennbaren Freude als gewaltig genug, die von allen Seiten, von Himmel und Hölle, Tod und Teufel heranbrausende Allwelt aufzunehmen, seine Seele wird übermenschlich groß, sein Widerstand gegen die doch nie aus der Welt zu schaffenden Gegensätze und Widersprüche übermenschlich stark, und was ein Napoleon in seinen Taten, Schlachten und Gesetzen , diesen nicht minder als jenen, zu Ende lebte, lebt der preußische Aristokrat, faustisch durch die Musik seiner Phantasie, in den vier Wänden seines Inneren aus. So gibt es auch hier ein Austerlitz, ein Waterloo und ein Sankt Helena zum Schlusse. Äußerer Erfolg (er war nie da) hätte ihn nach diesem Augenblicke nie mehr glücklich machen können, aber Hindernisse konnten ihn nicht nur hemmen, sondern mußten ihn zerstören, alle Gewalt gegen sich selbst richten. Er nannte, was andere Menschen zeit ihres Lebens erstreben: »Bettel von Glück«. Die exakte Wissenschaft konnte ihn nicht halten, ihn in seinem wichtigsten »heiligsten« Punkte nicht stützen: »Die Menschen sprechen mir von Alkalien und Säuren, indessen mir ein allgewaltiges Bedürfnis die Lippen trocknet.« Immer noch wäre in der religiösen Konfession, in dem Ausschütten der selbstzerstörenden Seele an den Stufen des Altars eine Rettung gewesen für ihn. Aber dazu hatte ihn das Schicksal zu wahr geschaffen. »Auch nur ein Tropfen Vergessenheit, und mit Wollust würde ich katholisch werden.« Wohin also mit dem Tatendrang der ungeheuren Seele? Wohin mit einem geistigen Stolz, der menschliches Maß weit überschreitet? Fast dieselben Worte, die einige Jahre später Napoleon zu Metternich sagt vor der Schlacht bei Leipzig, sagt dieser namenlose, dickliche, stotternde, bettelarme Offizierssohn zu seiner Braut: »Ihr ... versteht in der Regel ein Wort in der deutschen Sprache nicht, es heißt Ehrgeiz! Es ist nur ein einziger Fall, in welchem ich zurückkehre, wenn ich der Erwartung der Menschen ... entsprechen kann. Der Fall ist aber nicht wahrscheinlich. Kurz, kann ich nicht mit Ruhm im Vaterlande erscheinen, geschieht es nie. Das ist entschieden, wie die Natur meiner Seele.« Nur eine Stätte gab es, wo solche Kräfte sich entfalten konnten, in der schöpferischen, unerschöpflichen Seele. Nur ein Mittel gab es, dies durchzuführen, die Kunst. Noch wartet er, gibt sich selbst nicht Raum, zügelt sich, versucht sich ein anderes, ein bürgerliches Gesetz zu diktieren, sich mit milderer Medizin zu heilen. Er will Bauer werden, studiert landwirtschaftliche Werke, macht sorgsame Rechnung, um mit seinen wenigen Pfennigen zu reichen. Aber da »quillt es wieder unter dem Stein hervor«, die Kristallisation der gegeneinander wogenden Massen geschmolzenen Gesteins muß auch gegen die bewußte Absicht beginnen, und in der kurzen Zeit von 1802 bis 1811 entsteht Werk auf Werk. Dies »auf« ist wörtlich zu verstehen. Wie den Ossa auf den Pelion und wieder den Pelion auf den Ossa, um einen Vergleich Kleistens aus der »Penthesilea« zu wiederholen, türmt dieser mit scheinbar unerschöpflichen Kräften und mit übermenschlichem Mute begnadete Mann ein grandioses Kunstwerk auf das andere, er entfaltet sich nicht in einer linearen Kurve, nicht in der Ebene, sondern im Räume, mittels einer brisanten Raumkurve die Grenzen des Erreichbaren schon beim ersten Sprunge streifend. Er kontrastiert nicht Menschen gegen Menschen, also nicht einen Don Carlos gegen einen Großinquisitor, sondern einen Mikrokosmos, eine Urschöpfung gegen eine andere, einen Sirius gegen einen Uranos. Mit dem Siegel der Vollendung ward Kleist geboren. Unter ungeheurem Druck ward ihm dies Siegel aufgepreßt, und er ist immer ebenso stark ein Gezeichneter wie ein Zeichnender geblieben. Vollendung der Form hatte er in seinem ersten Wort, das Kleistisch war und blieb wie sein letztes. Sonst wäre ihm nicht einmal der Versuch derartiger Schöpfungen geglückt. Mit dem unerhörten Elan eines ungebrochenen Naturgeschöpfes macht er sich an die Arbeit, in weniger als zehn Jahren entstehen (wenn man solches Schaffen mit dem Worte entstehen fassen kann) Werke wie: Familie Schroffenstein, Robert Guiskard (dieser für sich schon ein Lebenswerk, von dem uns nur dürftigste Ruinen erhalten geblieben sind), Amphitryon, Der zerbrochene Krug, Penthesilea, Käthchen von Heilbronn, Herrmannsschlacht, Prinz von Homburg, die kleineren Erzählungen und der Michael Kohlhaas. Dazu der verlorengegangene Roman, dazu die ungezählten Pläne und die begonnenen, mit Herzblut genährten Entwürfe, von denen nichts geblieben ist. Dazu die Begebenheiten eines ewig liebesehnenden Herzens, die Erschütterungen eines oft verwirrten und daher scheinbar verwirrenden Gefühls (wie es Goethe nannte), dazu eine niemals endende Not, Mißverstand der Zeit, Taubstummheit der zeitgenössischen Kritik, kaum ein tröstendes, niemals ein aufrecht haltendes Wort, höhnisches Zischen und blödes Lachen der Wiener beim »Prinzen von Homburg« und, das Wichtigste: bei jedem Atemzuge der innere Sprung, der Widerspruch an sich und in sich. Dies war nicht Zufall und nicht nur Tücke, sondern tiefer und wahrer, es war der niemals zu überbrückende leere, schnöde Raum, der durch die ganze Schöpfung geht, soweit der Sterbliche sie zu erkennen fähig ist. Muß man einen so ungeheuren Willen zum Dasein, zum Mehrsein und zum einfachen Großsein nicht anbeten? Unsere Zeit nennt den Namen Kleists oft. Innerlich ist sie ihm fremd wie nie eine andere vorher. Unsere Zeit ist klein, liebt den spöttelnden, vergnügten Geist, freut sich an Shaw. Mit solchen Gestalten hat Kleist nie etwas gemein gehabt. Er war dem Großen, dem Größten, dem Unerreichbaren und daher auch Unverlierbaren immer und ewig zugetan, sei es, daß er es liebend umfassen konnte, sei es, und auch darin zeigte sich der Sprung seiner Seele, daß er es erwürgen wollte. Groß war er in allem. Auch in seinem tragischen Widerspruch. Kleist nahte sich Goethe auf den »Knien seines Herzens«, Kleist nahte sich Goethe, um ihm den Kranz von seiner Stirn zu reißen. Er nahm mit tödlicher Entschlossenheit den Kampf auf mit dem Liebsten, was auf Erden war. Ob er siegte, ob er unterlag, verloren war er auf jeden Fall, gesiegt hatte er auf jeden Fall. Menschen seiner Art hat es auch nachher, wenn auch nicht in seinem grandiosen Ausmaß, gegeben. Georg Büchner, Friedrich Hebbel und der große, nun schon halb vergessene Wedekind. Dies teilt Wedekind mit Kleist, daß er sich nur am Größten, am Blühendsten entflammt, daß er und seine Gestalten herrlich leben, indem sie herrlich untergehen. Immer auf den Knien. Auf den Knien, um von untenher anzubeten, auf den Knien, um von obenher zu segnen oder zu töten, in brisanter Feuerwerkskurve aufzuflammen und zu enden auf jeden Fall. So sucht er nur einen festen Altar für sein Gefühl. Nichts aber ist auf Erden wert, daß sich ihm ein Irdischer ganz bis zum letzten ergäbe. »Wie gebrechlich ist der Mensch, ihr Götter!« ist das Schlußwort der Penthesilea und könnte das Schlußwort der »Lulu« sein. Gebrechlich ist die Gerechtigkeit der Menschen, sagt Kleist im »Michael Kohlhaas«. Wohin soll sich dann das ungeheure Gefühl ergießen, wenn nicht in den Tod? Den Tod als Tat. So sieht es »Penthesilea«, so sieht es Effi in »Schloß Wetterstein«. Hier ist der einzige, der ewig schwebende, ewig weichende, ewig sich neu erhebende Urgrund menschlichen Gefühls. Wenn sich hierher seine Seele ergießt, so wird sie rein wie das Reinste in seinem heroischen männlichen Dasein. Von der Penthesilea sagt er: »Mein innerstes Wesen liegt darin, der ganze Schmerz zugleich und Glanz meiner Seele.« Nicht in dem täuschenden, verwirrend verwirrenden Gefühl der Liebe zwischen dem männlichsten Mann und der weiblichsten Frau, sondern in dem Zug zum großen Untergang, dem alles lösenden, auch den großen Sprung überfliegenden. Wenn je ein Mann seinem Willen, nicht zur Macht, aber zur Größe, gerecht geworden ist, Kleist ist es. »Der Mensch wirft alles, was er hat, in eine Pfütze, nur nicht sein Gefühl.« So sieht man Kleist untergehen. Im Herbste geboren. Im Herbste gestorben. Vor einem geliebten Menschen (nicht einem geliebten Weibe) kniend und dieses Wesen im Knien ermordend. Selig? Unselig? Geliebt? Gehaßt? Längst den irdischen Sphären enthoben, ein Wesen aus einer fremden Welt, dem auf Erden nicht zu helfen ist, weil es der Welt widersteht. Größer als das Maß der Welt, wie wir es gewohnt sind, schöner als die Welt sich uns zeigt und unser schwaches Auge es erträgt. Vergehen wird Heinrich Kleist für seine Nation niemals. Aber fremd ist er ihr, wenigstens in unserer Zeit, und gerade das, was das Unverlierbare war an ihm, ist uns Nachgeborenen nie Besitz geworden, wie es den Mitgeborenen niemals Besitz gewesen ist. So richten sich die Worte, die er beim Tode der geliebten Königin Luise aussprach, auch an ihn selbst und umfassen auf magische Art sein Leben, Leiden und Sterben, seinen hohen Aufgang und seine Unsterblichkeit: Wir alle mögen, Hoh' und Niedere, Von den Ruinen unsers Glücks umgeben, Gebeugt von Schmerz, die Himmlischen verklagen, Doch du Erhabene, du darfst es nicht! Denn eine Glorie, in jenen Nächten, Umglänzte deine Stirn, von der die Welt Am lichten Tag der Freude nichts geahnt: Wir sahn dich Anmut endlos niederregnen, Daß du so groß wie schön warst, war uns fremd! Tod, Erkenntnis, Heiligkeit Es kann kein bloßer Zufall sein, daß wir, sobald wir mit unseren Worten in die Nähe des Todes kommen, phrasenhaft werden. Was ist »Phrase«? Doch nur der Versuch, eine Tatsache oder Erkenntnis zu umfassen mit Worten, die nicht fassen und binden. Wenn schon das schärfste, echteste, wahrste, phrasenfernste Wort nicht auf immer faßt und nicht aus tiefstem Grunde bindet, so schlottert die Phrase nur aufs Ungefähr und trifft, wie es trifft. Ihre innere Überflüssigkeit, ihr Über-flüssig-Sein ist nichts als ein Hohn auf die ordnende Institution der Sprache. Warum aber bekommt selbst die Rede des Sachlichsten dieses Phrasenhafte, sobald sie das Gebiet des Todes berührt? Weshalb nirgends, auf keinem Friedhofe der Welt eine »echte« Grabschrift? Weshalb auf allen Leichensteinen bloß die stereotype Wiederholung der ohnmächtigsten Redensarten und nie auch nur die kleinste wesenhafte Beziehung zu dem nicht-stereotypen Menschen, zu dem niemals sich wiederholenden Individuum, dessen »Hülle« unter dem mit Phrasen beschmierten Grabsteine liegt? Sollte es unmöglich sein, etwas Wesentliches über den Tod zu sagen? Ist es unmöglich, ihn zu begreifen, und daher auch unmöglich, ihn auszusprechen? Soll ein mehr oder weniger gutes Bild, wie das eines zerbrochenen Schlüsselringes, wobei die aufgereihten Schlüssel das überlebende, der Ring das vernichtete Teil bedeuten, alles sein, was uns zu sagen bleibt? Wenn aber das Aussprechen bereits unmöglich ist, wie sehr dann erst das Deuten? Wie schwer das Einordnen dieser ungeheuren Erscheinung in unser Dasein? Nur »ungeheuer« diese Erscheinung? Nicht vielmehr alles deutend, alles bedeutend? Wie soll der Mensch sich nach dem Tode, nach dem ewig sicheren, richten, richten nach Maß und richten nach Gerechtigkeit, wenn man diesen doch nicht fassen kann – ja nicht einmal anders suchen kann als durch leere, haltlose, schattenhafte, ausgesogene Worte, Phrasen, weit haltloser und ausgesogener und schattenhafter als er selbst es ist, der Tod? Ist der Tod mit unserm Denkvermögen deshalb nicht erfaßbar, weil die Grundlage jeder Denktätigkeit das Lebensgefühl ist? Ist dieses Bewußtsein des Lebens die Grundkategorie, die conditio sine qua non? Soll es heißen: Sum, ergo cogito? Ist aber dieses Axiom wahr und nicht das berühmte cogito, ergo sum des Cartesius, dann dürfen wir nie erhoffen, vom Tode Wesentliches im Gedanken zu erfassen. Dann müßten wir uns mit der Phrase genug sein lassen. Ist also dieses sum ergo cogito wahr, dann wird alles Denken nur Obertöne des immer schwingenden Lebensgefühles oder kontinuierlichen, fließenden Lebensbewußtseins geben. Da aber dieses Grundtönen während der Dauer des Daseins nie aufhören kann zu fließen, sich fortzusetzen, weiterzuspinnen, dann wird auch keine Gedankenzucht, keine logische Schule uns das Nicht -Sein begreiflich machen. Wir müßten uns dann damit abfinden, daß wir eine Grundtatsache des Daseins niemals durch-denken, höchstens an-denken werden. Nämlich: daß die Welt weiter besteht, wir aber nicht mehr in ihr. Bei oberflächlicher Betrachtung erscheint zwar nichts leichter als das: sich die Welt in ihrem gegenwärtigen Bestand geistig vorzustellen, sich dabei aber auszunehmen. Dann hätte man also den eigenen Tod begriffen und die Lücke erkannt, die man hinterlassen wird, und in diesem Sinne hätte man seine eigentliche, seine zwingende Bestimmung begriffen, das, was man Schicksal nennt. Dieses »Sich-selbst-dabei-Ausnehmen« ist aber nicht möglich. Ist doch die »Vorstellung der Welt in ihrem gegenwärtigen Bestand« nichts anderes als die überströmendste, prachtvollste Manifestation des »Ich selbst« . Ist doch das Weltbild, wie es eben gedacht wurde, ein souveräner, ein fürstlicher Zeugungsakt dieses »Ich selbst« , und welcher Zeugungsakt könnte ohne das Ichselbst vor sich gehen? Ohne dieses Individuum, das sich eben von der Welt fortgedacht zu haben glaubt? Vergebliches Beginnen! Eher springt einer über den eigenen Schatten. Physikalisch ist dieses über den eigenen Schatten Springen ein lösbares Problem, ein durchaus vorstellbarer Vorgang. Es muß sich ein Körper nur schneller fortbewegen, als es die Sonnenstrahlen tun. Ist dieser Körper, etwa ein kreisender Ionenkern, behend genug, die Lichtgeschwindigkeit in der Zeiteinheit zu schlagen, dann kann er aus seiner Stellung fort, ehe die nächste Lichtwelle eingetroffen ist, er ist daher über seine trägen Schatten gesprungen. Daß aber ein kontinuierlich denkendes, ein kontinuierlich existierendes Wesen sein Nichtexistieren sich durch irgendeinen Kunstgriff sollte vorstellen können, das ist grundsätzlich unmöglich. Diese Erkenntnis nimmt uns den Mut zu vielen anderen, dennoch ist sie nicht ohne Tröstung. Vor allem haben wir das subjektive Unsterblichkeitsgefühl. Können wir uns den eigenen Tod nicht vorstellen, dann kann er in unserem Geiste, in unserer tieferen Wirklichkeit auch nicht bestehen. Wir können den Tod aller Menschen, nur uns selbst ausgenommen, per analogiam aussprechen, ihn praktisch »als ob« packen, aber er wird im Grunde nicht faßbar sein, und hier berührt sich das praktische Denken mit dem rein erkennenden. Daraus, daß uns der Tod verschlossen ist und daß uns seine Erkenntnis auch trotz der »Erbsünde« verschlossen bleibt, haftet unserm Denken freilich ein gewaltiger Mangel an, es fehlt uns, und zwar auch den klarsten, ehrlichsten, deutlichsten und am tiefsten deutenden Geistern unter uns, eine Dimension. Wir sind gespenstisch. Wir erwecken nur den Anschein einer vollen Lebensfülle, können dieser Lebensfülle aber nicht Genüge tun. Der Degen der Wirklichkeit geht durch uns hindurch wie durch Luft. Daher das biblische Wort von der Eitelkeit. Gespenster sind wir in ganz anderm Sinne, als Ibsen es meinte. Ibsen hat gerade das Nichtgespenstische unserer Existenz als Gespenst in seinem Theaterstück (eine Tragödie ist es nicht) auftreten lassen. Nämlich, daß im Sohne die Wirklichkeit, die Schicksalsfügung des Vaters noch einmal heraufkommt und leibhaftig über der Erdoberfläche wandelt und daß sein, des Vaters, küssehungriges Herz mit den Lippen des Sohnes noch einmal küßt – dies ist das Anti-Gespenstische, denn es bringt die irdische Unsterblichkeit, das Nichtabreißen des gesponnenen Fadens, das Nichtaufhören des Fließens, die große Kontinuität der Fruchtbarkeit und somatischen Vererbung zum Ausdruck. Was soll daran gespenstisch sein? Viel eher wäre der Geist von Hamlets Vater ein Gespenst, denn es ist der Geist eines tatendurstigen, männlich gesammelten, der Wirklichkeit urverwandten Mannes, der nach Rache schreit, der mit der äußersten Hartnäckigkeit sich nach oben drängt und sich nicht vertreiben läßt, auf seinem Willen besteht – alles Eigenschaften, die nicht auf seinen Sohn Hamlet gekommen sind. Er hat sich also nicht vererbt und wird nicht wieder erscheinen, sein Pochen unter der Erde ist vergebens, er wird nicht erhört werden, er wird nur Unruhe stiften, aber Entscheidendes nie veranlassen, er wird immer Erscheinung, seelische Kulisse, nie aber »letzte Wirklichkeit« sein. Die Tatsache, daß die großen, ehernen Wesenheiten des Daseins, also Tod und Ende, Schicksal und Bestimmung – sie alle ein unzertrennliches Ganzes –, uns geistig nicht zugänglich sind, hat sich vielen Denkenden der gegenwärtigen und der früheren Zeit erwiesen. Diese Erkenntnis aber könnte von der höchsten Glücksbedeutung für uns sein. Wüßten wir genau, was wir der Welt bedeuten und wessen wir würdig sind, das Nichtswürdige könnte nicht so mächtig in uns wuchern. Wenn aber einer weiß, er ist nur Spreu, Abfall und Asche, ein Moskito in den Mangrovendickichten, ein in Milliardenzahl wucherndes, summendes und bald krepierendes Insekt, wird es ihm schwer, das Niederträchtige in seiner Seele zu zügeln. Das Minderwertigkeitsbewußtsein macht noch minderwertiger. Die Todesstrafe, die auf die gemeinsten Verbrechen gesetzt worden ist, bestärkt den wahren Verbrecher nur noch mehr in seinen bösen Neigungen. Sie ist keine Strafe, sondern eine vorzeitig mit ± abgeschlossene Rechnung, denn niemand kann sagen, welchem schrecklicheren Schicksal er durch die Hand des Henkers entgangen ist – dann war der Henkerstod eine Belohnung. Eine Sühne ist er nie. Noch ein Grund mehr gegen den Vollzug einer Hinrichtung, die außerdem das deutlichste Schwächebekenntnis des Staates darstellt, der damit zugibt, er wisse nicht, wie er sonst des Verbrechers anders Herr werden und die Gesellschaft vor ihm schützen solle. Sehr richtig daher, daß der moderne Staat sich wenigstens seiner Hinrichtungen schämt und sie abseits der Öffentlichkeit in einem Gefängnishofe hinter hohen Mauern vollziehen läßt. Ein gutes Gewissen beweist dies nicht. Aber man muß gar nicht bis zu dieser extremen Konsequenz gehen, um zu begreifen, wie ungeheuer wichtig es für den einzelnen wäre, zu wissen, »wie weit er in der Welt steht«, was sie, die Welt, ihm gerechterweise geben, was sie ihm billigerweise verweigern darf. Nicht ohne Grund ist das Andenken eine der stärksten Stützen der Sittlichkeit bei allen großen Kulturen, besonders den östlichen. Es ist als Moralbegriff weit wertvoller als der in unserer Kultur sehr mißbrauchte Begriff der Ehre, der ganz auf das Individuum zurückgeht, und auch bei der Ehre (und den Interessen!) einer Nation ist es oft weiter nichts als ein ungemessen aufgeblähter Massenegoismus. Das Andenken eines Mannes oder Volkes aber ist der Schatten, den sein Dasein auf das Leben und Streben seiner Nachkommen wirft, also etwas sehr Greifbares, mit Rechten wie mit Pflichten Versehenes. An dem Andenken eines Mannes könnte man die innere Dauer eines Daseins messen. Maß aber ist die herrlichste, die einzig stetige und dauernde Stütze im Dasein des einzelnen und der Gemeinschaft. Es wäre wohl des Nachdenkens wert, sich darüber klar zu werden, ob die Lehre des Christentums in Kirchen, Gebeten und Werken angebetet wird oder das Andenken eines Heilands, eines göttlichen Menschen, eines Überlebenden. Den Menschen auf das höchste ihm erreichbare Maß zu bringen, das ist das Streben nach Heiligkeit. Im Heiligen soll das Andenken schon zu Lebzeiten wirksam, aktuell, heilwirkend und beispielgebend sein. Echte Heiligkeit und echter Tod sind daher zwei unvereinbare Begriffe, Antinomien. Wie steigert man das Maß des Menschen zur Heiligkeit? Die christliche Lehre versuchte es (nun nicht mehr) durch die Steigerung der von dem Heiligen für andere Menschen erduldeten Qualen und Leiden. Nur hat dies große Schwierigkeiten. Dieses Leiden setzt, und das schon beim ersten Heiligen der Kirche, Christus, die Schuld der Nebenmenschen voraus, für die doch der Heilige gelitten haben soll. Der Heilige bringt also den Nebenmenschen dazu, seinen bösen Kern wuchern und ausschlagen zu lassen, will ihn dadurch dennoch liebend läutern – ein Widersinn, an dem mehr als ein großer Nachbeter des Christentums, Dostojewski unter andern, gescheitert ist. Dazu kommt, daß keine Lehre der Welt auf tätige, männliche, über die natürliche Lebensdauer hinaus wirkende Menschen verzichten kann. Wie soll aber der, dessen Stärke im Ertragen und Enden besteht, wirken? Und wenn schon ein Tod, sagen wir, der erste, beispielgebend sein soll und sich in der Umwandlung der schauerlichen Welt ausgewirkt haben soll, was sollen dann die Schreckensberichte über die furchtbaren Leiden der nachfolgenden Märtyrer? Sie sind denn auch aus dem europäischen Bewußtsein mit Recht verschwunden. Geblieben ist nur der heitere und positive, unchristliche Franziskus. Andere Geister, andere edle Naturen haben versucht, den Tod und die Vergänglichkeit, das unzureichende Maß der menschlichen Seele auf andere Weise zu überwinden. Die indische adelige Lehre Buddhas lobt die Einsamkeit, die Bedürfnislosigkeit, die Milde, die Meditation, den möglichst leeren und ruhigen »seelischen Raum«. Mir erscheint es aber nicht wahrscheinlich, daß man sich durch Einsamkeit, Gedankenversenkung oder durch völlige Körperruhe (Jooghi) den großen Wesenheiten, dem wahren Bilde von Tod und Leben, mehr nähern könne als sonst. Zwar fallen die Weltlichkeiten, die irdischen Wünsche, die Überschätzungen, die Eitelkeit und die Ironie fort. Für den, der zu seinem wahren Ich zurückstrebt, gibt es keine Phrase, keine gut geprägte, aber falsche Münze des Weltlaufes. Aber damit ist der Effekt auch an sein Maximum gelangt. Denn in demselben Maße, als die »weltliche Hülle«, der Schleier der Maya abfällt von dem sinnenden, in sich versunkenen Buddhisten, desto stärker tritt der Grundton des vorhin geschilderten unbewußten Lebensgefühls, das kontinuierliche Daseinsgefühl in den Vordergrund. Gerade in der tiefsten Einsamkeit wird dieser Grundton, da die Obertöne schweigen, noch stärker, dominierender. Die Kontinuierlichkeit, das unaufhaltsame Weiterfließen, wird dem Isolierten zum Grunderlebnis. Diese Kontinuität ist die Ewigkeit im Zeitlichen. Es bleibt dem Isolierten, dem Büßer in seiner Zelle, dem Asketen auf seinem Blätterlager nichts übrig, als daß er die Wirksamkeit, das Ordnen, das Bauen, das Richten und Aufrichten andern überläßt. Auch das Zeugen. Wenn aber auch die Menschheit – und das wäre dann das Ideal – ausstürbe, was wäre getan? Wäre im Kosmos viel geändert? Auch das Menschengeschlecht ist und bleibt ein vergängliches Produkt. Verurteilen wir es zum Tode – kann dadurch wirklich die anscheinend fehlerhafte Anlage der Welt geändert sein? Ebensowenig geändert wie durch Vollzug eines Todesurteils der schuldige Verbrecher. Gewiß, Gerechtigkeit vor allem. Dann erst Gnade. Über allem aber Erziehung mit Hilfe aller großen Gaben des Menschengeschlechtes, aufgerufen gegen seine bösen Gaben. Auch der Buddha erzieht; aber er erzieht nur die bereits ihm zugewandten Jünger, die seines persönlichen Einflusses als einer Gnade und auch sie nur in der Zeit teilhaftig werden. Das eremitisch Brütende, das buddhistisch Büßende aber kann, wenn es überhaupt im Ernst und in Wahrheit begonnen ist, nur mit praktischen Bestrebungen und Werken enden. Werk aber ist Welt. So endet es auch bei Buddha mit Abkehr von selbstquälerischen Hungerkünsten (Neumann legt dies in den Anmerkungen zu seiner herrlichen Buddhaübertragung sehr klar dar), er endet mit Abwendung vom Blute, mit Schonung und Liebe für das Tier, mit vorsorglicher Klugheit, Lebenskunst, taktvollem Benehmen, sozialem Verhalten und Höflichkeit des Herzens. Aber das alles sind Tugenden, die einer nur im Lauf der Welt bewährt, nicht in der stillen Felsenzelle, wo er über seinem Leibe »brütet«. Es ist sehr bezeichnend, daß Kipling in einer schönen Novelle seines »Neuen Dschungelbuches« einen Hindu-Weltmann der höchsten Kaste, der indisch-britischer Minister gewesen ist, nach Absolvierung seines höchst ehrenvollen Staatsdienstes in die Einsamkeit gehen läßt. Bis dahin ist alles mit »Ernst und Wahrheit« begonnen. Aber mit diesem Abseitsgehen ist kaum ein Kontrast des vergänglichen Ich zu dem unvergänglichen Sein gestaltet. Zur heiligen Tätigkeit kommt dieser starke und edle Mann erst bei einer Katastrophe, einem ganz und gar irdischen Ereignisse. Es ist ein Bergsturz, meisterhaft geschildert, in dem der Minister, ähnlich dem Helden einer japanischen Legende, die Gemeinde des bedrohten Ortes sammelt und rettet. Hier aber ist das reine, das ent-erdete Denken und heilige Handeln schon wieder ganz zum praktischen geworden. Der große Mann und sein größerer Schöpfer sind im Kreise gegangen, ohne es zu merken. Denn in demselben Sinne war das Leben des Hindu in den niederen Stufen seines Erdenlebens, in seiner amtlichen Ministerzeit, gerichtet gewesen, und über diesen Grad der höchsten Ausnützung angeborener Gaben durch Erziehung und durch Klarheit ist eben auch durch Isolierung, Kasteiung, »Weltabgeschiedenheit« keine weitere Steigerung mehr möglich. Man kann aus einem Menschen »mit Gewalt« keinen Gott machen, wohl aber kann man das Göttliche in ihm besonders stützen, pflegen und hegen und sich daran freuen. Diese Freude wird wohl die reinste Freude sein, die dem Menschen beschieden ist. Ganz im Gegensatz zu diesem freudigen Erziehungswerke , im Gegensatz zu dieser »Güte als Freude an der menschlichen Erscheinung« ist durch das Christentum, in dessen welthistorischem Schatten wir heute noch leben, versucht worden, die Welt-bedeutung, die Welt-wesenheit des einzelnen durch das Leid und das Unglück zu erhöhen. »Unglück ist der Beruf zu Gott«, sagt Novalis in einem Briefe. Nun gibt es aber kein Leid, kein Unglück auf der weiten Welt, das den Betroffenen nicht mit der äußersten, unwiderstehlichsten Gewalt zu sich und zwar in die engsten Grenzen dieses Ich-Selbst zurücktriebe! Nie erlebt ein Mensch sich stärker, niemals wird er sich selbst unentrinnbarer als im Leide. Der Tod erlöst, wenn einen, dann nur den Sterbenden, und zwar von sich. Hier ist die Kontinuität zur Starre geworden, das weltliche Herz zum Stein, der fließende Atem zum ewigen Winde. Daher in der Geschichte der Märtyrer aller Zeiten und Zonen so viel Ichberauschung bis zur Weltvergessenheit, Unduldsamkeit, Härte, Winter der Seele. Über die Sprache 1 Erst die Sprache macht den Menschen zum Menschen. Die Fähigkeit der Sprache, alle möglichen menschlichen Beziehungen zu vertiefen, geht so weit, daß selbst dann, wenn Menschen zueinander in »fremden« Sprachen reden und das Verständnis im altgewohnten Sinne ausgeschlossen erscheint, daß selbst dann noch der eine den andern in seiner eigenen Sprache aufnehmen, begreifen und erleben könnte. Es wäre zum Beispiel eine Szene möglich, in der Menschen in verschiedenen Sprachen zueinander sprechen und einander in großen Zügen doch folgen können, wenn der Tonfall der Worte in verwandten Seelen widerklingt. Spricht man doch auch nicht ganz ohne Erfolg zu Tieren. Möglich auch, daß seelisch Fremde in der eigenen Sprache aneinander vorbeireden. Wenn jemand an die seelische Aura glaubt, die jeden Menschen und jede ernstere menschliche Beziehung geheimnisvoll umhüllt, dann können die Auswirkungen dieser Aura auf dem Wege dieser an sich unverständlichen Silben mit einem gewissen Grade von Sicherheit zu ihrem Ziel gelangen. Die Sprache ist eine mystische Insel mitten im Getriebe der Welt. Wenn man nur den Menschen dazu bringen kann, dem reinen Tonlaut einer fremden Sprache hingegeben zu lauschen, diese Klänge und Geräusche ganz naiv, im Zustande einer sprachlichen Unschuld aufzunehmen, dann ist der erste Schritt getan. Nur kurze Zeit klingt der fremde Laut ganz leer, bald füllt er sich mit Bedeutung, er kleidet sich in Sinn, und man wandert in die fremde Sprache hinein wie in ein fremdes Land, das aber aus dem Traume wohl vertraut ist und das sich bald um den Wanderer zusammenschließt, ihn sicher wandeln, ihn noch einmal aufleben läßt. Aber nicht allein die Erwerbung einer Sprache, auch ihr Gebrauch und Besitz ist ein Geheimnis. Mit Recht spricht man vom Erbgut der Sprache, eben in der Erkenntnis, daß weder Erziehung noch Anlage, noch eigene Kraft oder Fleiß dieses Gut erwerben können – sondern wir ererben es wie die Erbsünde, mit der die Sprache viel gemeinsam hat (denn sie ist: die Fähigkeit, die Welt zu fassen, und ist der Mund der Sünde zugleich mit ihrem Maß). So ist die Sprache außer dem reinsten Heilmittel das ätzendste Gift, neben dem innigsten Band die härteste Schneide, sie hat das doppelte Gesicht, wie es alles wahrhaft und im tiefsten Sinn Erfaßte auf Erden zeigt, und wir wissen nicht, ob wir die Sprache eine Gnade oder einen Fluch nennen sollen. 2 Von diesem Erbgut, Gnadengeschenk und ewig wirkenden Fluch geht ein weiter Weg hinab bis zu dem Instrument des täglichen Sprachgebrauches. Von einer religiösen Funktion sinkt das Wort hinab zu dem praktischen Mittel, einander zu verstehen, sich miteinander in Verständnis zu setzen oder sich, kontradiktorisch, auseinanderzusetzen. Diese Auseinandersetzung könnte vielfach durch rein mechanische Mittel ebensogut erfolgen. Als reines Gebrauchswerkzeug kann die Sprache noch verschärft, noch vervollkommnet werden, sie hat auch in ihren Gebrauchswerten, auf der Börse, in den Handelsusancen, in der Technik, im charakteristischen Jargon jedes Metiers, sei es Pferderennen oder irgendein Handwerk, ohnehin die Neigung, sich zu fixieren, eben nur das zu bringen, was einen im großen ganzen schon bekannten Tatbestand von einem andern, ähnlichen unterscheidet. Der sogenannte Telegrammstil ist daher dort, wo er wirkliche Existenzberechtigung hat, durchaus keine Konzentration, keine Steigerung der Sprache ins Wesentliche; er sagt weiter nichts, als daß man unter seinesgleichen ist und einander genügend kennt. Man spricht zwar lobend von der Kürze des Witzes, aber die erste Voraussetzung des Witzes ist das Bekanntsein mit den Typen, mit der ewig gleichen Umwelt. Müßte man einen Witz einem wahrhaft Unbefangenen erzählen (etwa einem Menschen, der zweihundert Jahre nach uns lebt), dann wäre es fast immer mit der Kürze und auch mit dem Witze vorbei. Daher haben Witze, Anekdoten und telegrammartige Fügungen viel Zeitcharakter. An einer Anekdote sieht man die ganze Zeit wieder aufleben. Die Sprache aber braucht die breiteste Grundlage, eben weil alle, auch die späteren, von ihr leben sollen, weil die früheren noch durch die Sprache zu uns reden wollen – so ist es nur recht, daß auch sie von allen lebe und von allen Seelen gespeist werde und daß sie allen Körpern auch im einfachsten Gebrauch als tägliches Brot diene. 3 Etwas anderes ist die Sprache der Dichtung. Die Dichtung, die vom ältesten Erbgut und reinsten Gnadengut der Sprache lebt, hat vom Erbe die Tradition und von der Gnade die Weihe. Jede Dichtung ist nur in einer Sprache geschrieben. Es mag Weltliteratur geben, aber internationale Literatur gibt es kaum, oder doch keine internationale Dichtung. Die Hauptwerte der Sprachen sind zu verschieden: Bei den einen wirkt vorerst die Logik, bei den andern die vitale Bezwingung, Treue, Unentrinnbarkeit. Beides wird man selten vereinigt finden. In den ungeheuren Dichtungen primitiver Völker gibt es wohl bezwingende Szenen, Augenblicke, Landschaften des Meeres und der Seele, aber kaum Logik. (Sehr deutlich wird dies bei Leo Frobenius' »Atlantis«.) Und selbst bei der sogenannten klassischen Dichtung beginnt das wahrhaft Bezwingende oft erst dort, wo das rein Logische aufhört. Beides, Logik wie Bezwingerkraft (Evidenz), gehört zu den Kräften der Sprache an sich. Die Bezwingerkraft liegt von Anfang in der Sprache schon dort, wo sie bloß Namen schafft und sie mit imperativer Geste auf immer mit dem adäquaten Gegenstande zusammenkettet. Logik aber ist die Verbindung dieser souverän geschaffenen Elemente durch eine neue Herrschergebärde. Jede Logik des Denkens ist Logik der Sprache, und die Sprache lügt nur deshalb, weil unser Denken lügt, ein Lehrsatz, der umkehrbar ist. Es gilt bei unsern europäischen Literaturen als das höchste und nie welkende Lob, wenn ein Werk logisch und zwingend zugleich genannt werden kann. Das Logische setzt höchste Klarheit der Sprache voraus, da nur dann die einzelnen Elemente genau ihrer Wesenheit entsprechend ineinandergreifen oder auch nur beieinanderstehen werden. Die Architektur eines guten Satzes ist die Architektur eines guten Kapitels, eines gut gebauten Theaterauftrittes; eine gute Szene, ein gutes Kapitel ist der Grundriß für die Komposition eines ganzen Werkes, nicht in grob mechanischem, sondern im weitest gefaßten Sinn der künstlerischen Ordnung. Und so sonderbar es klingt, eher kann die Erzählung die Ordnung entbehren als die Theaterszene; denn die Erzählung ordnet sich, wenn auch primitiv, bereits durch die Grammatik und den Stil. Grammatik und Stil stützen aber den Dramatiker durchaus nicht in ebenso hohem Maße. Seine Kraft muß entscheiden. Man kann den dramatischen Dichter geradezu als genialen Ordner erfassen, vorausgesetzt, daß er auch über die zweite Haupteigenschaft des Dichters, nämlich die Evidenz, das Zwingende, verfügt. Dieses Zwingende setzt seinerseits die höchste Wahrheit voraus. Denn wie soll man von der Unvermeidlichkeit eines Geschehens bezwungen werden, wenn nicht jeder Teil ein lebenswahres, ja überlebenswahres Antlitz trägt? Wenn nicht im begrenzten Einzelnen auch das Wesentliche der unbegrenzbaren Vielfalt mit einbegriffen worden ist? Wenn das Weltgesetz, das an sich nicht in engen zeitlichen und räumlichen Grenzen verständlich sein kann, sich doch wenigstens in der gegebenen Spanne Zeit und in dem kleinen Winkel Raum annähernd getreu spiegelt? Dieses Annähernd kann man so wörtlich nehmen wie nur möglich, dann wird man verstehen, daß die oft beengende Nähe des Helden mit dem Mitfühlenden, Mitlebenden eine unbedingte Voraussetzung, eine nie zu erlassende Bedingung ist, denn in dieser Annäherung liegt ja der Zwang, mitzugehen und etwas von seinem eigenen Teil an Zeit und Raum zwangsmäßig der dargestellten, der vorgestellten Person zu leihen. So gleicht jede Wirkung der Kunst jenem Augenblick in der Odyssee, wo die Gespenster am vergossenen Opferblute lecken, um selbst für einen Augenblick das blutige, das blühende Dasein zu erraffen. Hier ist der Zwang von beiden Seiten da, die Gespenster dürsten danach, sich in lebenden Seelen noch einmal zu spiegeln, und Odysseus hungert danach, seine unermeßliche Reise auch nach der Unterwelt fortzusetzen und seine Gefährten, die Begleiter eines fast völlig versunkenen Lebens dort unten wieder zu treffen. In dieser unsterblichen Szene ist das Logische mit dem Zwingenden vereint. Solche Werke dürfen wir klassische nennen. 4 Zu den tiefsten Wesenheiten der Sprache gehört das Geheimnis der Zahl. Wie alle echten Geheimnisse ist es nicht eine Frage nach der Wahrheit, sondern ein Weg aus der Sinnenwelt ins Übersinnliche, also nur eine Tendenz und hat als solche auch nur eine transzendente Faßbarkeit wie etwa das Gebet. Das hat mit der praktischen Brauchbarkeit des Zahlengeheimnisses nichts zu tun. So wie die Urmutter der Zahl, wie das Wort, hat auch die Zahl ein doppeltes Gesicht. Einstein gehört in diesem Sinne nicht unter die Aufklärer, wie es die Rationalisten gern haben möchten, also nicht in die Reihe d'Alembert, Diderot, Voltaire, Lessing, Popper-Lynkeus, Brandes, Shaw, sondern er steht dem Wirken eines Lao-Tse, eines Spinoza, eines Goethe (in seiner letzten Periode) nahe. Einstein ist nur der besonders intensive Exponent eines wissenschaftlichen Erlebens, das mit der größten Unschuld, mit der reinsten Naivität der Welt gegenübertritt. Eine starke, kantige Persönlichkeit ist mit dem Begriff der Unschuld nicht vereinbar. Unschuld kann gelebt werden, aber nicht gewollt. Aber gerade dem Unschuldigsten fällt die Gnade der Erleuchtung zu. Der Unschuldige nimmt nicht den Gegensatz von Ich und Nicht-Ich zum Grundprinzip. Sondern seine Weisheit ist sein Gleichgewicht; so verliert er auch nie das Gefühl für alles andere auf der Welt, das sich im Gleichgewichte befindet, wie die ideale Zahl, oder für das, was ins Gleichgewicht strebt, wie die reale Zahl. Der chinesische Weise spricht davon mit folgenden Worten: »Der Zustand, wo Ich und Nicht-Ich keinen Gegensatz mehr bilden, heißt der Angelpunkt des Sinns. Das ist der Mittelpunkt, um den sich die Gegensätze drehen können, so daß jeder seine Berechtigung im Unendlichen hat. Darum sagt er, es gibt keinen besseren Weg als die Erleuchtung.« Zu den wenigen klassischen deutschen Werken gehört Goethes »Iphigenie«: Hier ist in der kleinsten Spanne Zeit und in einem ganz primitiven äußeren Vorgang (im Grunde hat er etwas Odysseisches an sich), in ganz eng umgrenzten Formen, in dem Schicksal der wenigen Menschen und der wenigen Dinge, die sie bewegen, in diesen Elementen ist auch der metaphysische Hintergrund, die höhere Ebene, das Weltgeschehen dargestellt, und zwar richtet sich das Werk, mit dem Augenblick seiner Entstehung auch die ganze Welt neu schaffend, an das unbefangene Gemüt des Hörers. 5 So kann man es verstehen, wenn die katholische Kirche das Mysterium der Zahl zugleich mit dem Mysterium des Wortes aufnimmt, ja, es wird stets ein Beweis höchster pädagogischer Einsicht sein, wenn die Kirche ihre Riten in einer der Masse unverständlichen Sprache abwickeln läßt. Die Messe, welcher der Beter verstandesmäßig nicht folgen kann, die er aber in höherem Sinne schon deshalb irgendwie in sich aufnimmt, weil er sie an seine Adresse gerichtet und ihm persönlich (Kommunion) zugedacht weiß, dies ist das höchste Zeugnis auch für die zweite Bedeutung der Sprache, die nicht nur zwischen Gleichgestellten kommuniziert, sondern auch unser einziges Mittel darstellt, uns den höheren Sphären, den durch Logik nicht erreichbaren Lebensbezirken anzunähern, kraft der Tendenz der Sprache, aus dem Irdischen ins Überirdische aufzusteigen und aus dem vergänglichsten Hauche der vergänglichsten Brust ein Siegel für den ewig dauernden Bund zu prägen. Diese Probleme liegen schon hart an der oberen, an der Schneegrenze der Sprache, so ist es auch nicht leicht, sie bis in ihre letzten Konsequenzen zu verfolgen. Doch ist dieses ahnungsvolle Wissen dem Dichter angeboren; wenn einer, dann lebt er in besonderer Intensität das Zwingende der Sprache nach, während dem Gelehrten und dem Gesetzgeber eher das Logische der Sprache zum Grunderlebnis werden mag. Die Sprache ist der Boden, den wir täglich pflügen, aus dem wir geworden sind und wo man das, was an uns die Lebensdauer vielleicht überdauert, auch einmal bestatten mag. Wer immer mit uns lebt, lebt nicht nur auf der Scholle der Erde, sondern auch auf der Scholle der Sprache. Sie ist das Dach des heimatlichen Hauses; und das Wichtigste, das Menschlichste ist, daß einer sich nie ganz verlassen fühlen kann, solange seine Sprache um ihn ist. So ist dem Odysseus die Stimme seiner Freunde, selbst unter den Zorneswolken der Götter, immer ein herrlicher Trost. Freilich verbirgt sich auch hier das doppelte Angesicht dieses Lebenselements nicht. Die Sprache hat ihre unversöhnliche Gegenwelt. Die Vielheit der Sprachen ist der tiefste, der wahrhaft beweisende Ausdruck für die Feindschaft zwischen Mensch und Mensch. Hier setzt das Alte Testament den Zorn Gottes als unverrückbaren Markstein mitten in die Historie der lebenden Geschlechter. Wohl mag einmal Gott die Sprache der Menschen sprechen, aber untereinander sollen die Menschen einander sich in dem Maße nähern dürfen, wie sie sich von den andern entfernen. Die Völker sind durch Sprachen wie mit Ruten aneinandergebunden. Die Ultima Thule menschlicher Gemeinschaft ist der Turm von Babel. [Robert Stevenson] Robert Louis Stevenson wurde in Edinburgh im Jahre 1850 geboren. Seine Familie hatte bereits einen großen Mann hervorgebracht, Robert Stevenson, den Großvater des Dichters, einen berühmten Techniker und Ingenieur, der an der Nordküste Schottlands auf Beil-Rock einen gigantischen Leuchtturm unter Überwindung phantastischer Schwierigkeiten erbaut hatte. Das Technische, der Sinn für das Werkzeug, für den »kürzesten Weg«, für die geistreichste Lösung war dem Dichter angeboren, ebenso der Zug nach der Ferne und dem Abenteuer – gleichzeitig aber auch eine schwache Körperkonstitution, die Stevenson gehindert hat, Ingenieur zu werden, und die ihm auch die eingeschlagene Laufbahn als Jurist und Advokat versperrt hat. Um diese schwankende Gesundheit, diese »lockere Beziehung zum Leben« zu kräftigen, war Stevenson viel auf Reisen. Er hat Davos gekannt, hat Europa kreuz und quer durchstreift, immer mit hellen Ingenieursaugen, immer die Feder in der Hand, mühelos und heiter die Eindrücke seiner Reisen aufzeichnend; auf Reisen hat er seine Gattin kennengelernt und ist ihr dann nach Kalifornien gefolgt. Mit dreiunddreißig Jahren machte ihn die »Schatzinsel« berühmt. Fünf Jahre später wanderte er, um seine Gesundheit zu kräftigen, in die Südsee aus, er erwarb eine Besitzung namens Vailima in Samoa. Vier Jahre nach seiner Niederlassung starb er plötzlich, von den Eingeborenen wie einer der ihren geliebt und betrauert, auf dieser Insel und wurde auf dem Gipfel des Berges Vailima begraben. Dies der karge Bericht eines reichen Menschenlebens. In den wenigen Jahren seiner späten Jugend und des ersten Mannesalters hat er über fünfzehn Bände veröffentlicht. Aber dies ist, wie er selbst in einer Einleitung zur »Schatzinsel« schreibt, nur ein geringer Bruchteil seiner Werke. Wie der junge Balzac lebte Stevenson in einem ununterbrochenen Fieber der Erzählung. Sein Leben war im Persönlichen verborgen, in den Formen einer adeligen Höflichkeit zurückhaltend, verhüllt aus der Scham eines rein virilen, männlich-gesammelten Charakters. Im Künstlerischen war es von einer Fülle, einer Breite sondergleichen, große Romane, Balladen in Prosa, Gedichte für Kinder, Kritiken und Essays, Reisebeschreibungen von persönlichster Färbung und Tagebücher mehr der wandernden Erde als des wandernden Menschen, kleine, bis ins letzte Wort »echte« Bilder von bestrickendem Reiz, Werk auf Werk, so schuf dieser zarte, gebrechliche Mann, durch den anfänglichen Mißerfolg nicht gehemmt, durch den späteren Erfolg nicht verflacht, Arbeit auf Arbeit fast bis zum letzten Atemzuge: erzählend, berichtend, Fäden spinnend, ein Epiker von Natur. Ein unermüdlicher Schreiber, ein unermüdlicher Leser. Homers Ilias und Odyssee seine Lieblingsbücher, dann die antiken Philosophen. Von den neueren Schriftstellern liebte er Walter Scott und Alexander Dumas am meisten, es sind ihm diese zwei Autoren sicherlich Lehrer im Handwerklichen des Romans gewesen. Das Handwerkliche des Romans hat ihn, den Sohn von Technikern, immer als technisches Problem gereizt. Aber darüber hinaus ist es ihm leichtgefallen zu schreiben. Wenn es ein frommes Gebet der alten Römer war, sit tibi terra levis , die Erde sei dir leicht, wenn man den Toten diesen Segenswunsch als Reisespruch bei der Bestattung mit auf den Weg zum Hades gab – bei Stevenson konnte dies Wort auch für seine kurzen Erdentage gelten. Die Erde war ihm leicht. Er hatte Freude an seinem Dasein, und deshalb gibt er uns in seinen Büchern soviel Freude. Selbst wenn er gedankenvoll ist, wenn er sich nicht dem angeborenen Abenteuerdrang rückhaltlos überläßt, immer geht eine Lebensfroheit, eine Dankbarkeit gegen die schaffenden Kräfte des Lebens von ihm aus, etwas Kindliches bei aller Männlichkeit, und die Reinheit, die Güte, der hohe Adel seines Herzens verleugnen sich nie. Das erste Buch, das den richtigen Stempel dieser einfachen, dabei aber doch nicht oberflächlichen und im Grunde sogar in ihrer ausgemessenen Harmonie sehr merkwürdigen Natur trug, war die »Schatzinsel«. Dieses Buch wurde mit Begeisterung aufgenommen, es hat in den fast fünfzig Jahren seiner Einzelexistenz nichts von dem unzerstörbaren Zauber verloren, den es gleich zu Beginn ausgeübt hat, als es noch im Werden war. Mit der ganzen schalkhaften Anmut, die ihm eigen ist, erzählt Stevenson den Roman dieses Romans in einer Einleitung zu diesem Buche. Er war nicht mehr Jurist und Advokat, war noch nicht Schriftsteller, wenn Schriftsteller sein heißt, berühmt sein, jede Zeile mit einem Pfund Sterling aufgewogen bekommen. Er war verheiratet, hatte Sorgen und Kümmernisse, den Kopf voller Gedanken, den Geist voller Phantasien, die ihn selbst nachts nicht verließen, ein unbeherrschbarer Drang, zu schaffen, neue Länder zu erforschen, Menschen seiner Einbildungskraft leben zu lassen, wirkte in ihm, machte ihn unruhig, unbefriedigt. Er hatte Stöße von beschriebenem Papier in den Läden seines Schreibtisches, aber nichts wollte sich schließen, nichts vollenden, und war etwas vollendet, dann war es so sehr fehlerhaft (nach der Ansicht seines bescheidenen Schöpfers), daß er, Stevenson, aller Not ungeachtet durch den Vater die Exemplare des verunglückten Werkes aufkaufen und vernichten ließ. Da gesellt sich zu dem unruhvoll durch die schottischen Moore Wandernden ein Schulknabe. Der kleine Junge, erzählt Stevenson, der »etwas Kniffliges zum Kopfzerbrechen« als Ferienbeschäftigung suchte, hatte endlich etwas Richtiges gefunden, nämlich mit Hilfe von billigen Wasserfarben, Tinte und Feder ein Zimmer in eine Bildergalerie zu verwandeln. Es war das Landhaus der seligen Miß Mack Gregor. Stevenson verbringt die ganze Zeit damit, in edlem Wettstreit mit dem Jungen bunte Zeichnungen zu entwerfen. Bei dieser Gelegenheit fertigt er eine Landkarte einer Insel an, ein Protokoll des Nicht-Daseienden, aber immer noch Möglichen, ein phantastisch-reales Gebilde, »in roter Tinte, mit Hügeln, Buchten, Einfahrten«, ein Werk, bei dem ihm der von gleichen Trieben beseelte Vater mithilft, die altertümliche Schrift eines alten Seeräubers mit kleinen klaren Lettern und Kreuzen an bestimmten wichtigen Stellen nachahmend, denn ein Inselplan aus dem achtzehnten Jahrhundert soll es sein, aus der letzten Zeit, dem letzten Termin, zu dem es noch ungehobene Schätze, blutige Seeräuber, unbetretbare Einöden, verlassene Gestade gab. Vater und Sohn sitzen bei prasselndem Kaminfeuer über der Zeichnung: Die bewaldete Insel mit neun Meilen Länge und fünf in der Breite ersteht mit ihren imaginären Buchten, den teils felsigen, teils sandigen Gestaden. Man zeichnet die Schemata – oder soll man sagen: Schemen? – zweier Segelschiffe in den Plan hinein, eines naht von Norden, das andere, mit üppigeren, glückhafteren Segeln geschwellt, kommt von Süden. Darunter steht: Treasure Island. Anno 1750. Ein noch genaueres Datum an dem Unterrande: 20. Juli 1754. »Die Gestalt dieser Insel«, sagt Stevenson, »befruchtete meine Phantasie. Da waren Hafenplätze, die mich entzückten wie Sonette. Man sagt mir, es gäbe Leute, die für Landschaften kein Verständnis hätten. Ich zweifle daran. Die Namen, die Formen der Wälder, der Lauf der Landstraßen und der Flüsse, die Fußspuren der Menschen früherer Zeiten, die sich noch deutlich hügelauf- und abwärts verfolgen lassen, die Mühlen und Ruinen, die Weiher und Furten, vielleicht der stehende Stein oder der Druidenkreis auf dem Heidekraut, hier bietet sich eine unerschöpfliche Fundgrube des Wissens für jeden, der Augen hat zu sehen oder soviel Phantasie besitzt, um Verständnis für diese Dinge zu haben. Man braucht nicht gerade ein Kind zu sein, um mit dem Kopfe im Grase liegend in den endlosen Wald hineinzuträumen und ihn mit luftigen Phantasiegestalten zu beleben. Etwas dieser Art begann sich bei mir bei der Betrachtung der ›Schatzinsel‹ zu regen, die künftigen Gestalten des Buches traten dort in phantastischen Wäldern in Erscheinung. Braune Gesichter und glänzende Waffen schauten mir aus den Schlupfwinkeln entgegen, ich sah sie im Kampfe und auf der Jagd nach dem Schatz sich auf diesen paar Fußbreit flachen Bodens tummeln ... eine Anzahl anderer Bücher habe ich angefangen und vollendet, aber ich erinnere mich nicht, daß ich mich zu einem andern mit größerem Wohlgefallen niedergesetzt habe. Ich hatte anfangs nur auf den Schulknaben als Zuhörer gerechnet und fand dann zwei Zuhörer: Mein Vater fing auf einmal Feuer mit der ganzen Romantik und Kindlichkeit seines Herzens.« So bewährte sich der Zauber dieses Planes, die Nähe dieses dichterischen Genius schon in statu nascendi, als nur die Umrisse, die Kapitelüberschriften dieses Werkes feststanden und – der genaue Plan. Aber ist der Plan an einer Schatzinsel nicht das wichtigste? Die geographische Länge und Breite des Ortes, die Höhlen, wo die Seeräuber die alten Unzen, Ingots, Pfunde und Dublonen untergebracht haben, damit ein kleiner Junge und ein alter Seebär sie gewinnen können? Wer wollte sich dieser Jagd nach dem Glück nicht anschließen? Denn eine Jagd nach dem Glück ist es, nicht eine Jagd nach dem Golde. Was kann denn ein vierzehnjähriger Junge mit den Millionen beginnen? Es soll ja ein Buch »für Buben« sein und solche, die es bleiben ihr Leben lang. Geld ist hier nicht der Inbegriff der Herrlichkeiten des Lebens, nicht Ersatz für Schönheit, Mut, Ruhm, langes Leben, sondern Geld ist hier nur eine Art Murmelkugeln, Kinderspielzeug. Alles ist in diesem wundervollen Buche ernst genommen, mit homerischer Ruhe und Größe wird Leben und Sterben, Treue und Verrat der Schiffsbesatzung, Leben und Taten von Koch, Kapitän, Arzt und Junge geschildert, nur das Geld wird nicht ernst genommen. Geld? »Geld wie Heu«, schreibt Stevenson, »daß wir uns darin baden und lebenslang Murmel damit spielen können.« Wer ist der Entdecker dieses wunderbaren Eilands mit den Schätzen, aus denen er ein Spielzeug machen will? Ein Junge natürlich, ein findiger, heller Kopf, der vor etwas »Kniffligem zum Kopfzerbrechen« nicht zurückscheut, der Glück hat und ein gutes Herz. Es ist gerade sein Schicksal, auf Schritt und Tritt muß er es sein, der den Erwachsenen das Leben rettet; er ist eigentlich der Führer, der geborene »Mensch – voran«, er ist der Sieger über den Gegenhelden, den einbeinigen dämonischen Schiffskoch, John Silver. Es ist ein Zeugnis der Noblesse von Stevenson, wie er auch dem Teufel in Menschengestalt sein Recht läßt, wie er vor den echten Mannestugenden dieses Mörders, Lügners und Betrügers, vor seiner heroischen Todesverachtung, vor seinem klaren Geiste seinen Salut abgibt. Hier liegt auch ein Teil der unbeschreiblich faszinierenden Wirkung des Buches: daß es Licht und Schatten auf beide Seiten verteilt, daß es den Mutigen nicht gegen einen Feigen, sondern auch gegen einen Mutigen bestehen läßt, Knabengeist gegen Männergeist, junges Blut gegen altes Blut, Kraft gegen Kraft; und wenn John Silver nicht ohne Wert ist, dann ist der kleine Jim Hawkins auch kein fleckenloser Schulknaben-Engel. Er ist töricht, ungehorsam, »verrückten Einfällen« unterworfen; es ist bloß sein (und unser) besonderes Glück, daß seine Torheiten immer im Grunde unbewußt das Klügste sind, daß er dort, wo er den Erfolg zu verhindern scheint, ihn eigentlich erst ermöglicht. Es ist ein Mann in diesem Kinde Jim Hawkins, und so wird, wenn dieser Junge groß, berühmt und reich sein wird, auch ein Kind in dem Manne bleiben. Und nicht ein Mann gewöhnlicher Art: sondern ein Edelmann mit bürgerlichem Blut, das, was keine andere Sprache als die englische mit dem Worte Gentleman umrissen hat. Die »Schatzinsel« ist daher keine bloße Abenteuer- und Seebärengeschichte, sondern auch die Geschichte eines kleinen Gentleman unter wunderbaren tropischen Himmeln, unter den merkwürdigsten Menschen, die »nicht wiederkehren«. Mit der ersten dieser merkwürdigen Gestalten, dem ungebetenen düstern Gast im englischen Dorfwirtshause »Zum Admiral Benbow«, beginnt das Buch, und dazu erklingt wie der Orgelton der nie ruhenden Meereswogen der geheimnisvolle Kehrreim: »Fünfzehn Mann auf des toten Mannes Truh' – Jo-ho-ho, und 'ne Bottel voll Rum.« Meisterhafter wurde die ganze geistige und leibliche Atmosphäre eines Abenteuerromans von 1754 nie und nie auf kürzerem Räume zusammengepreßt wie auf der ersten Seite der klassischen »Schatzinsel«. Aber man würde Stevenson Unrecht tun, wollte man ihn mit diesem Buche erschöpfen. Sein »Schwarzer Pfeil«, seine »Junker von Ballantrae« sind Meisterwerke einer in der Schule Walter Scotts groß gewordenen Erzählungskunst. Darüber hinaus, ganz eigenartig, ganz persönlich, eine Welt für sich, sind die »Südseegeschichten« Stevensons, Berichte seiner Südseereise. Der Grund für diese Reise lag in der schlechten Gesundheit des Dichters. Oder war dies nur der Anlaß? Wenn man die Bände »Südseegeschichten« liest, die Novellen »Strand von Falesa« oder »Insel der Stimmen«, dann muß man sagen, daß dieser Archipel, dieser unter der Maske blühender Gesundheit dem Tode hingegebene Inselkreis auf den Dichter gewartet hat, der ebenso wie er den Hauch des Todes aus- und einatmete selbst in der blühendsten Stunde seines Lebens. Südsee und R.L. Stevenson, das war eine notwendige Begegnung und deshalb eine außerordentlich schöne. Dieses Auge und diese Landschaft gingen ineinander auf, die Herzen dieser Polynesier und die Seele des Dichters waren so sehr eins, als hätten sie einander entgegengelebt seit ihrer ersten Stunde; es war derselbe Stern, unter dem sie lebten. Man höre nur den Dichter selbst: »Fast zehn Jahre lang«, so beginnt er seine »Südseegeschichten«, »war es mit meiner Gesundheit ständig bergab gegangen; längere Zeit vor Antritt meiner Reise glaubte ich, daß es zu dem letzten Abschnitt meines Lebens gekommen wäre und daß nur noch Krankenschwester und Leichenbestatter meiner harrten. Man schlug mir vor, ich solle es mit der Südsee versuchen, und ich war nicht abgeneigt, gespenstergleich und unheilverkündend die Stätten aufzusuchen, die mich schon in Jugendkraft und Gesundheit gelockt hatten. Nur wenige Menschen, die diese Inseln besucht haben, verlassen sie je wieder, sie werden grau dort, wo sie ihren Fuß an Land setzten. Die Palmen beschatten und die Passatwinde umfächeln sie bis zu ihrem Tode. Ich weiß noch, wie ich um drei Uhr morgens erwachte und die Luft milde und balsamisch fand. Die lange Dünung schwoll in der Bucht, schien sie ganz anzufüllen und schwand von neuem. Sanft, tief und stumm rollte das Schiff, nur von Zeit zu Zeit knarrte das Seil an einem der Blocks wie ein Vogel. Meerwärts war der Himmel hell von Sternen und das Meer licht von ihrem Widerschein ... Aber der Sonnenaufgang, der mich am tiefsten bewegte, erstrahlte über der Bucht von Anaho. Die Berge ragen hier schroff über dem Hafen empor, in jedem nur möglichen Wechsel von Gesteinsbildung, Bekleidung, Wald und Fels. Jeder von ihnen trug die ihm eigene Schattierung von Safran, Schwefel, Nelken- oder Rosenfarben, und ihr Glanz war wie der von Atlas. Über den lichteren Tönen lag ein zarter Blütenschimmer, während die dunkleren Farben in satterem, feierlichem Blühen prangten.« Welch ein irdisches Paradies! Aber todgeweiht? Sich selbst dem Tode weihend? Den schauerlichsten Gebräuchen von Menschenopfer und Menschenfraß hingegeben? In der »Schatzinsel« ist an einer Stelle die Rede von dem Wrack eines Schiffes, das von der Fahrt um den Schatz nicht heimgekehrt ist. An der sandigen Küste des tropischen Eilands modert es, an den Wänden umfangen, verzehrt und vergoldet von wuchernden Pflanzen, die märchenhaften Glanz zur Schau tragen, »ich erinnere mich noch«, sagt der Dichter, »wie die letzten Sonnenstrahlen durch die Waldlichtung fielen und wie Edelsteine auf dem blühenden Mantel des Wrackes leuchteten«. Solch ein blühender Mantel auf einem Wrack ist die unbeschreibliche Natur auf den Marquesas, den Gilbertinseln, den Korallenriffen der Südsee, die so weit auseinanderliegen wie die Hauptstadt von Persien und die Hauptstadt von England. Was einer träumt, hier findet er es wieder: »Verloren in der Bläue von Meer und Himmel: ein Ring aus weißem Sande, grünem Unterholz, wehenden Palmen, juwelengleich an Farben, von einer feenhaften, überirdischen Anmut. Rings um das Eiland wogt weiß wie Schnee die Brandung, die sich an einer Stelle weit draußen im Meere bricht, an einer Untiefe, die in keiner Karte verzeichnet ist.« Hier wohnen Menschen, wohlgestaltet, sanft und dennoch Menschenfresser. Ein Kannibale geht in der ganzen brutalen Schönheit seines erzähnlich gleißenden Körpers über den Strand, über der Achsel trägt er den Arm eines erschlagenen Feindes. Die menschliche Hand, das geheiligte Symbol menschlicher Kunst, göttlichen Gebets sonst, hier dient sie als feinster Leckerbissen. Und doch nichts von Roheit; eher Verzweiflung, böse, drohende Gesichte bei Tag und Nacht, die blühende Natur von Dämonen überwölkt, von Gespenstern zischend durchhaucht. In den Seelen dieser Kannibalen eine unauslöschliche Trauer, eine Müdigkeit bis in den Tod. Denn dem Tode sind diese schönen Menschen geweiht, ebenso wie der junge schöne Dichter, der eben an ihrer Küste gelandet ist. Man lese eine Schilderung einer Begegnung Stevensons mit einer Tochter dieses Landes: »Taris Schwiegertochter war ein hübsches, sanftes Mädchen, ernst mit ihren sechzehn Jahren ... das Enkelchen war noch ein winziges Brustkind. Als ich mich zu ihnen auf den Boden setzte, begann das Mädchen, mich nach England auszufragen. Ich versuchte, es ihr zu schildern und erklärte ihr, so gut es ging, durch Worte und Gesten die Übervölkerung, den Hunger, die ewige Mühe und Arbeit ... Sie verstand mich sehr gut und saß eine Weile in ernsten Gedanken über diesem Bilde ungewohnten Jammers. Ich bin überzeugt, daß ich ihr Mitleid erweckt hatte, denn in ihr wurde ein anderer Gedanke wach, der stets in jedes Marquesaners Brust wohnt. Mit lächelnder Trauer und mich mit ihren melancholischen Augen ansehend, begann sie das Sterben ihres eigenen Volkes zu beklagen: ›Ici pas de Kanaques‹, sagte sie. Und den Säugling von der Brust nehmend, hielt sie ihn mir mit beiden Händen entgegen: ›Tenez! Ein kleines Baby wie dieses hier; dann alles tot. Alle Kanaken sterben. Dann – nichts mehr.‹ Das Lächeln zu sehen«, sagt Stevenson, »und zu hören, wie diese mädchenhafte Mutter ihr eigenes Fleisch und Blut als Beispiel zitierte, rührte mich in seltsamer Weise, alles bekundete eine so stille Verzweiflung. Die Tore des Todes stehen weit offen: Im Jahre 1888 gab es im Bezirk von Hatiteu zwölf Todesfälle, aber nur eine Geburt ... Der Stamm von Hapaa soll 400 Seelen gezählt haben, als die Pocken ausbrachen und ein Viertel vernichteten. Sechs Monate später zeigte sich bei einer Frau Lungentuberkulose. Die Seuche verbreitet sich mit flammengleicher Geschwindigkeit im Tale, und nach weniger als zwei Jahren entflohen die letzten Überlebenden, ein Mann und eine Frau, aus dieser neu entstandenen Einöde.« Hier ein Mythos, dem von Deukalion und seiner Pyrrha in der griechischen Sage verwandt. Aber dort sind es die ersten Fackelträger einer aus dem Dunkel auftauchenden Generation, Begründer neuen Lebens, Stifter der wahren menschlichen Unsterblichkeit, auf den Südseeinseln sind es die letzten, die verwehenden Aschenreste von einst. Dieses Volk auf den Atollen der Südsee treibt, wie Stevenson sagt, eine liebevollste Verwöhnung der Kinder, eine Anbetung des Kindes an sich, von einer solchen Zartheit, wie sie der Dichter Peter Altenberg in Wien einst geträumt hat, das Kind ist eins und alles, »glücklich der Mann«, sagen sie, »der den Köcher voll davon hat«. Und doch Menschenopfer, immer noch. Ein Mann hat gesündigt, oder waren es zwei? Ihre Frauen werden getötet. Freiwillig folgen sie dem Henker in die Flut, lassen sich von ihm willig die Köpfe unter das Wasser tauchen. Der Kannibalismus lebt weiter, trotz Missionen und importiertem, manchmal auch nachgefühltem Christentum. Das liebevolle Herz des Dichters will den für uns unlösbaren Widerspruch zwischen Menschenfresserei und Kindervergötterung zurückführen auf die alles verschlingende Not. Der Hunger treibt die Menschen dazu, sich selbst nicht mehr »zu kennen«. Ist es möglich? Hat man Derartiges gehört? Leider kann der Zusammenhang nicht ganz geleugnet werden. In den letzten Jahren kamen ähnliche Nachrichten aus Südrußland, einem der fruchtbarsten Länder von einst. – In den wenigen Jahren seines Aufenthaltes auf den Südseeinseln hat Stevenson ein Denkmal dieser sterbenden Rasse gebaut, das nicht vergehen wird. Mit diesen Werken ist er auch selbst in den Kreis der irdischen Unsterblichkeit eingegangen. Noch nach vielen Geschlechtern werden seine Werke: »Die Schatzinsel«, das Abenteuerbuch seiner Jugend, und »Südseegeschichten«, die Berichte aus dem Seelenland und Todesriff seiner Mannesjahre, nicht vergehen. Er, Stevenson, hat am Schlusse seines Romans »Junker von Ballantrae« seinem Helden einen Grabstein gesetzt. Darf ich ihm den Text nachsprechen? »R.L.St., Erbe eines schottischen Titels, Ein Meister der Künste und begabt mit Anmut, Bewundert in Europa, Asien, Amerika, Im Krieg und in Frieden, In den Zelten wilder Jäger und in den Burgen der Könige, Nachdem er so viel erlernt, vollbracht und erduldet, Ruht hier vergessen.« Ruht hier vergessen? Vergessen – nein, vergessen nicht von uns, die wir heute noch leben. James Watt, der Schöpfer des Industriezeitalters Zwei blutjunge Leute, der zarte, verträumte, aber mit Energie und Genie geladene James Watt, 23 Jahre alt, kränklich und mittellos, und der lebenslustige, geistreiche Student Robison, unterhalten sich im Hof der Universität Glasgow an einem Herbstnachmittage des Jahres 1759. Watt ist gelernter Feinmechaniker, fabriziert aber auch Orgeln, repariert zerbrochene Klarinetten, Brillen, Angeln, stellt nautische Geräte her, Azimuthkompasse und französische Sextanten, kann aber, da er weder seine sieben vorgeschriebenen Lehrjahre absolviert hat noch auch in Glasgow geboren ist, seinen Beruf nicht öffentlich ausüben, und es ist eine besondere Gunst der privilegierten, vom Papste gegründeten Universität Glasgow, daß man ihm innerhalb der Universitätsmauern eine Werkstatt zur Verfügung stellt. Robison hat eine Idee: Könnte man nicht die Dampfkraft zur Fortbewegung von Wagen auf der Straße verwenden? Ob Watt nicht ein kleines Modell herstellen könnte? Watt blickt auf. Er sagt zu. Das Stichwort seines Lebens ist gefallen. Von der Dampfkraft war in dieser Zeit viel die Rede. Der französische Forscher Denys Papin, der ebenso einfallsreiche als vom Pech verfolgte Erfinder des nach ihm erfundenen Dampftopfes und vieler anderer genialer Inventionen, hatte eine Maschine konstruiert, die geeignet sein soll, Wasser aus den Bergwerken mittels Feuer zu heben. Zu gleicher Zeit haben zwei Engländer, Savery und Newcomen, ähnliche Versuche unternommen und diese patentieren lassen. Newcomen, der gelernte Grobschmied, hat sich mit seiner »atmosphärischen Maschine« unter Überwindung der größten Schwierigkeiten halb und halb durchgesetzt, und seine Maschine wird an manchen Orten Alt-Englands, wo die Kohlenpreise noch nicht zu hoch sind, dazu verwandt, die Kohlenschächte zu entwässern. Dies ist das brennende Problem. In die Schächte sickert immer und überall Wasser ein, man hat Pferde an die Pumpen gebunden, in einzelnen Schächten sind 500 Pferde bei Tag und Nacht an der Arbeit gewesen – vergeblich. Die Arbeiter sind vor dem Wasser geflüchtet, man hat die Schächte ersaufen lassen müssen, einen nach dem anderen. Newcomens Maschine ist nun eine Art gigantischer Luftpumpe. Es wird Wasserdampf erzeugt und dann schnell abgekühlt, »kondensiert«. Dadurch wird ein luftverdünnter Raum geschaffen, und dieses Vakuum saugt das Wasser aus den Schächten, wenn sie nicht zu tief sind, heraus. Die Kondensation, durch eingespritztes Wasser in dem Hohlraum, dem Zylinder, bewerkstelligt, erfolgt automatisch, die Maschine bewegt sich stöhnend, schwerfällig, mit ihren hölzernen Hebeln und Quaggen, gewaltigen Zylindern aus Bronze, in der damaligen Zeit wohl vom Glockengießer gefertigt. Das Ziel war: Wasser durch Feuer zu heben, und das tat sie mit ihren zwölf Hüben in der Minute und konnte mit 30 000 Mark Kohlenkosten im Jahre arbeiten, während die Unterhaltung der 500 Pferde 18 0000 Mark verschlungen hatte. Aber für die tieferen Schächte reichte die Kraft nicht im entferntesten aus, und an die Lösung des Problems Robison, an eine Verwendung der ungeheuerlichen, kohlenfressenden Maschine mit ihren schweren Atemzügen als Antrieb eines schnell beweglichen Wagens der Straße war nicht zu denken. So wäre es (Robison reiste bald fort) bei der flüchtig hingeworfenen Idee eines einfallsreichen Studenten geblieben, wenn der andere nicht ein Watt gewesen wäre, eines der ganz seltenen Kinder aus der Ehe zwischen Glück und Genie. Blühende, quellende Phantasie und doch auch eiserne, unbestechliche, nie ermüdende Logik – und zu allem die geschickteste Hand, ein virtuoses Können im Technischen. Hatte es also Watt mit diesen drei Gaben leicht? Er konnte auf den schon als brauchbar erkannten Maschinen des Savery und Newcomen, auf Papins Ideen weiterbauen. Ein zweiter Vorteil war, daß er alles, Zeit, Geld, Energie und durchwachte Nächte, an eine Sache wenden konnte, deren praktische Notwendigkeit jedem Grubenbesitzer Englands einleuchtete. Was sollte aus Englands neuer Industrie (die Spinn- und die Webmaschine wurden eben erfunden) ohne Kohle werden? Wie konnte man auf die Dauer genügend Kohle ohne bessere »Wasserhaltungsmaschinen«, also ohne Kraftmaschinen mit Dampfbetrieb erhalten? Der dritte Vorteil war, daß Watts Genie von seiner Zeit frühzeitig erkannt war. Er hat, solange er lebte, immer Freunde gehabt, große würdige Gelehrte wie die Herrn der Glasgower Universität, später hatte er große, mächtige Fabrikherren zu Helfern, die ihm riesige Geldsummen und ihre ausgebreiteten, blühenden Fabrikbetriebe zur Verfügung stellten. Also ein mühevolles, freudiges Schaffen? Ein Leben voller Erfolg, Ruhm, Gelingen und Freude am Werk? Nichts von alledem. Ein Dasein voller Mühe und Plage. Aber ein unbeirrbares Wollen und Müssen, das dem Größten in seinem, Watts, Wesen getreu war und deshalb durch keinen der vielen Mißerfolge lahmzulegen war – so folgte er seinem Schicksalsstern – oder führte er ihn? Newcomen, sein großer Vorgänger, wie Watt war er aus dem Dunkel des dritten Standes mühsam aufgestiegen. Aber wenn wir auch heute wissen, wozu ein Thomas Newcomen gelebt hat – wann und wo und wie sein Leben geendet hat, ist nie bekannt geworden. Kaum wird er einen Gewinn aus seiner Erfindung gezogen haben. Niemand kennt sein Grab. Watts Bildsäule steht unter den Statuen der englischen und schottischen Könige in der Westminsterabtei. Wie wurde dieser Mensch? James Watt wurde 1736 in Greenock am Clyde als vierter Sohn des Zimmermanns und Instrumentenmachers James Watt geboren. Die erste Kindheit: einsam, still. Kränklich und zart bleibt dieser Mensch sein Leben lang. Er spielt nicht mit Altersgenossen. Besucht keine Schule. Die Eltern bringen ihm Lesen, Schreiben, Rechnen bei. Er ist sehr viel allein. Da erfindet er: Maschinen? Nein, Märchen. Er, der Prototyp des technisch-physikalischen Genies, kann noch als achtzigjähriger Greis den berühmtesten Romandichter seiner Zeit, Walter Scott, durch seine Phantasmagorien aufs höchste entzücken. Aber das ist nur die eine Seite dieses Charakters. Ebenso unwiderstehlich treibt es den Jungen in die rußige Werkstatt des Vaters, dem er zuerst großäugig zusieht, dem er dann mithilft, bis dieser sehr erfreut dem Jungen eine kleine Arbeitsstätte mit Drehbank, Amboß, Schmiedefeuer einrichtet. So soll er auch Nachfolger des Vaters werden – aber die Zeiten sind gar nicht leicht, der Vater verliert sein im Schweiße seines Angesichtes erarbeitetes Vermögen durch Schiffbrüche. Der in halbwegs auskömmlichen Verhältnissen aufgewachsene Knabe soll sobald wie möglich an das Verdienen denken. Am besten kann er im großen London seine Lehrjahre absolvieren, und so wird die weite Reise hoch zu Roß unternommen und in zwölf Tagen ein Weg zurückgelegt, zu dem man heute sieben Stunden braucht. Sieben Jahre Lehrzeit waren ihm zu viel. Aber schließlich nahm ihn ein geschickter Mechanikus für 400 Mark Lehrgeld in die Schule. Tages Arbeit – abends darben. Für acht Shilling muß er im teuren London eine ganze Woche leben. So lebt er sparsam bis zum leibhaftigen Hungern. Nachts hat er sich Privatarbeiten aufgebürdet, gönnt sich keinen Schlaf. Lange hält er es nicht aus. Kehrt müde und krank wieder heim nach Glasgow. Er will sich, knapp zwanzig Jahre alt, als Feinmechaniker hier niederlassen. Er hat das Glück, Unglück zu haben. Infolge der strengen Zunftgesetze muß er sich unter die Fittiche der Universität retten, als Handlanger freilich nur, dem man die zerbrochenen Schulmodelle von Maschinen, unter anderm ein beschädigtes Kleinmodell der Newcomenschen Maschine, zur Reparatur übergibt. Die gelehrten Herren unterhalten sich mit ihm, aber im Grunde braucht man von ihm nur die flinken, zu jeder kniffligsten Arbeit geschickten Finger, und so kommt er mit stud. ing. Robison zusammen, und sein Schicksalswort fällt: Dampfmaschine. Jetzt hatte er eine Aufgabe vor sich, die beiden Teilen seines dissonanten Wesens entsprach: Seine dichterisch beflügelte Phantasie, der Märchenerzähler in ihm konnte neue Ideen aushecken – und die andere Seite, der nüchterne, logische Kopf konnte mittels der anstelligen Hände die technisch-schwierige Ausführung übernehmen. Alles konnte der Leitidee seines Daseins dienen. Die Berufspflichten litten freilich unter dieser ihn beherrschenden Idee. »Alle meine Gedanken sind auf die Maschine gerichtet«, schreibt er seinem Freund, »ich kann an nichts anderes mehr denken.« Er studiert gewissenhaftest die einschlägige Literatur. Es sind schwer aufzutreibende Schriften in französischer und deutscher Sprache. Er erlernt die Sprachen. Studiert Mathematik. Er bringt sich selbst die Methoden exakten Experimentierens bei. Die Wissenschaft allein genügt nicht. Er muß, was er geistig vor sich sieht, auch praktisch ausführen können. Ihm sind bloß die Methoden der Feinmechanik vertraut. Er muß sich also die nötige Erfahrung im Großmaschinenbau aneignen: Bei den um ein Vielfaches vergrößerten Maßen, bei dem erhöhten Dampfdruck macht sich jeder kleine Fehler, jede winzige Undichtigkeit störend bemerkbar, und tausende Versuche mißlingen im Großen, nachdem sie im Kleinen gelungen sind. Ein alter Klempner, sein einziger, jedenfalls sehr billiger Gehilfe, arbeitet mit ihm. Aber der Dampf entweicht durch tausend Fugen. Ein paar Kolbenstöße – und die Maschine steht still. Man dichtet die Zylinderwände mit Kork, geölten Lappen, alten Hüten, Pferdedünger, aufgedrehten Tauen ab. Nichts hilft. Alles Geld, das er als Feinmechaniker verdient hat, ist in die Maschine gesteckt. Ist das Prinzip falsch? Das Prinzip kann nicht falsch sein, es ist logisch entwickelt, die Berechnungen stimmen so genau, daß sie heute, 1930, nur um Bruchteile genauer errechnet werden. Das Prinzip ist einfach, einleuchtend. Es heißt: Zylinder so heiß wie möglich, Kondensator, Dampfverdichter so kalt wie möglich. Daraus ergibt sich: 1. Trennung von Zylinder und Kondensator. 2. Wärmeisolierung des Zylinders durch einen Dampfmantel. Dazu kommt als Drittes, mit Watts eigenen Worten ausgedrückt, der Plan der fernen Zukunft, die Expansionsmaschine: »Ich will eine Maschine bauen, die beides ausnützt, den Kondensator und die Dampfkraft, dann werde ich nur den Dampf allein benützen und ihn durch Ventile ins Freie entlassen, wenn er seinen Dienst getan hat.« Aber so klar ihm auch alles vor Augen steht – die Maschine rührt sich nicht. »Wenn ich mein Mißgeschick allein zu tragen hätte, würde ich mir nichts daraus machen, dann würde ich mich vor einem Fehlschlag nicht so fürchten, aber ich kann den Gedanken nicht ertragen, daß andere unter meinen Hirngebilden leiden sollen – und dann habe ich noch die unglückselige Veranlagung, alles schwarz zu sehen.« Also Schluß mit dieser Arbeit? Vorläufig muß er verzichten. Er hat Frau und Kind. Feldmesserarbeit, der Geometer Watt geht über Land mit seinem Theodolithen unter dem Arm und steckt das Gelände für Kanalbauten ab. Aber er hat die Leitidee nicht vergessen und seine Freunde ebensowenig. Ein Freund bringt Watt mit einem Fabrikanten, dem Dr. Roebuck, zusammen, der für seine Betriebe, Kohlengruben usw. eine leistungsfähige Arbeitsmaschine braucht. Er läßt es sich 20 000 Mark kosten, übernimmt die riesigen Kosten, welche Watts Weiterarbeit und ein Patent, das erste, im Jahre 1769, verursachen – beide sind Feuer und Flamme für die gute Sache, aber das Endergebnis ist wieder ein Mißerfolg. Dr. Roebuck kommt in schwere Geldverlegenheit, die Patentkosten sind nicht aufzutreiben, Watts Schulden steigen von Tag zu Tag. »Es gibt nichts Törichteres als das Erfinden«, schreibt Watt an einen Freund, »ich trete jetzt mein 35. Lebensjahr an, und ich habe meiner Ansicht nach der Welt noch nicht für 35 Pfennig genützt.« Das war, nachdem er sich zwölf Jahre mit der Dampfmaschine beschäftigt hatte. Die Sorgen drängen. Die übernommenen Vermessungsarbeiten müssen beendet werden. Er muß in eine einsame, trostlose Gegend, wo herbstliche Stürme und unaufhörlicher Regen den dauernden Aufenthalt im Freien noch aufreibender und trübseliger machen. Da kommt ihm die Nachricht, seine Frau sei erkrankt. Er eilt heim. Sie war tot. Völliger Zusammenbruch. Aber es soll nicht sein, daß er als verkanntes Genie, als verhinderter Erfinder zugrunde geht. Allein ist er den Widrigkeiten eines erbarmungslosen Daseins nicht gewachsen. Da kommt ein neuer Freund, diesmal – welch seltenes Schicksal – der einzige Mann auf der bewohnten Erde, der so viel geistige und materielle Hilfsmittel besaß, um das durchzuführen, was Watt und er, Boulton, der größte und reichste Industrielle seiner Zeit, Besitzer und Leiter von vielen musterhaften Unternehmungen, als das Richtige ansehen: Ausbau der Dampfmaschine. Boulton mit seinen grandiosen, bis ins letzte ausgebauten Fabriken in Soho übernimmt die Patentrechte des in Konkurs gegangenen Dr. Roebuck, Watt lebt nur seinen Erfindungen. Geschäfte, Geldverdienen sind seine Sache nicht. »Ich will mich lieber vor die Mündung einer geladenen Kanone setzen als Rechnungen aufsetzen und Geschäfte machen«, sagt er. Niemals haben sich zwei Männer besser ergänzt, haben reibungsloser einander in die Hände gearbeitet. Geschäftsgenie – Erfindergenie. Organisation – Invention. Beide wußten: Die Dampfmaschine, wie sie jetzt in Boultons Werken zu Soho gebaut wurde und die endlich! endlich lief, die Wasser pumpte, Ölmühlen drehte, störungsfrei jahrelang, jahrzehntelang lief bei Tag und Nacht, die soviel Feuerung sparte, daß die gelieferten Maschinen mit einem Drittel der gesparten Kohlen bezahlt wurden – das war die ersehnte Zukunft. Alles Gute traf zusammen: Die Bohrmaschine wurde erfunden, die ersten präzis gearbeiteten Zylinder, stets der wunde Punkt der neuen Maschine, wurden eingesetzt, die Nachricht davon verbreitete sich schnell, es regnete Anfragen und Bestellungen, man schritt zur Spezialisierung, zur strengen Arbeitsteilung. Aber auch dieses große Unternehmen konnte nur mit allem Kraftaufgebot das Risiko der epochemachenden Maschine tragen, an 800 000 Mark, ein für damalige Zeiten riesiger Betrag, mußte in die Sache hineingesteckt werden. Dabei war Watt von fast komisch anmutender Sparsamkeit. Seine Unterhaltskosten betrugen alles in allem 24 Mark die Woche. Sein Geist ruhte nicht einen Tag. Watt schuf die doppelt wirkende Dampfmaschine, bei der der Dampf sowohl von oben als von unten in aufeinanderfolgenden Takten auf den Kolben wirkt, ein Gedanke, der ebenso genial ist, wie er einfach und auf der Hand liegend scheint. Er konstruierte Kopierpressen, Rechenmaschinen, von ihm rührt das berühmte Sonne- und Planetengetriebe her, eine der geistvollsten Vorrichtungen, eine Auf-und-ab-Bewegung (Kolben) in eine rotierende (Schwungrad) zu verwandeln. Er hat das Prinzip der Lokomotive erfaßt, und ist so zu dem Problem seiner Jugend zurückgekehrt. In seiner »siebenten Patentschrift« beschreibt Watt das Prinzip und die Konstruktion einer Dampfmaschine, die mit einem Rädergestell in Verbindung gebracht und imstande ist, Personen und Frachtgüter von einem Platz zum andern zu befördern. Leicht war sein Leben auch jetzt nicht in den Zeiten wachsender Einkünfte, allmählich sich verbreitenden Weltruhms. Die Anwaltsrechnungen für die Durchkämpfung seiner Patente erreichten die Höhe von über einer Million Mark. Sein Vermögen war, wie er schrieb, »so klein geworden, daß gerade noch mein Aufenthalt auf dieser Welt möglich ist«. Aber er ergab sich nicht. Er erfand den Regulator, der die Dampfzufuhr mit Hilfe einer an einem Parallelogramm rotierenden Kugel regelt, die je mit der wachsenden oder sinkenden Schnelligkeit des Umlaufes ein Drosselventil öffnet oder schließt und so den regelmäßigen Lauf der Maschine gewährleistet. Er maß die Kraft, die ein arbeitendes Pferd in einem bestimmten Zeitraum leistet, diese Kraftmaßeinheit führt noch heute den Namen Watt, der elektrische Zähler in jeder Wohnung mißt Kilowattstunden. Er erfand die Schiffsschraube, ein Mikrometer, einen Kopierapparat, er fragte sich bei allem und jedem, das er sah: Kann es noch verbessert werden? Wenn er abends bei seiner Arbeit in den Sohowerken nur ungenügendes Licht hatte, erfand er eine neue Lampe, die dann als Massenartikel in den Sohowerken hergestellt wurde. In seinem Laboratorium verfolgte er alle technischen Errungenschaften. Um die Jahrhundertwende lief die Zeitdauer des zwischen Boulton und Watt geschlossenen Gesellschaftsvertrages und der Patente ab. Watt, jetzt erst mit seinen 74 Jahren sorgenfrei, begann zu reisen, erwarb in Wales einen Landsitz und wurde in seinen alten Tagen zum Landlord, pflegte seinen Garten und hielt ein gastfreundliches Haus. Er förderte die Wissenschaft, so wie er selbst gefördert worden war. Der Universität Glasgow, der er so viel verdankte, stiftete er den Wattpreis. Nur eine leichte Erkrankung im Spätsommer 1819 – am 19. August 1819 endete in seinem Hause in Hathfield sein Leben. 83 Jahre alt. Zufrieden? Glücklich über das Riesenmaß der geleisteten Arbeit? Nein. In einem seiner letzten Briefe steht das sonderbare Wort, das an die Worte des sterbenden Beethoven erinnert, der gesagt hat, ihm sei, als hätte er noch kaum einige Noten komponiert und als stünde er am Beginn ... So schreibt Watt: »Einen anderen Vorwurf kann ich jedoch nicht zurückweisen. Bei soviel neuen Ideen, warum habe ich deren nicht mehr ausgeführt? Der Geist war willig, aber das Fleisch war schwach. Ich war der Arbeit nie sehr zugeneigt und bin niemals ein Mathematiker gewesen ...« Kein Mathematiker? Vielleicht. Aber ein Genie, das das Rad der Zeit mit ungeheurem Ruck vorwärtsgeschleudert hat. Der Krieg in der Literatur 1 Ludwig Renns Buch »Krieg« ist ein erschütterndes Buch und doch kein herzbewegendes. Eine ungeheuere Schilderung von Tatsachen. Gesehen aus einer so unmittelbaren Nähe, wie sie wohl nur das »wirkliche« Leben geben kann. Ohne Kunst geschrieben. Oft nur dilettantisch Tag an Tag gereiht. Und doch hat sich der Autor bemüht, seinem unermeßlichen, übermenschlich gewaltigen Stoff bewußt eine entsprechende Form zu geben, ihn zu »fassen«. Er schreibt an einer Stelle: »An den Schriftstellern fiel mir oft auf, wie willkürlich sie die Worte setzten, obwohl es doch eine klare Notwendigkeit gab, wie man die Worte setzen muß, daß nämlich die Worte immer in der Reihenfolge stehen, wie sie der Leser erleben soll. Um mir über das Wichtigste klar zu werden, stellte ich mir stets das wichtigste Bild mit allen Einzelheiten vor, mit Beleuchtung, jedem Geräusch und jeder seelischen Regung. Dann schrieb ich erst und ließ alles weg, was nicht unbedingt notwendig war. Aber dieses Schema nützte für die Darstellung der wichtigsten Dinge gar nichts. Dafür fehlten mir stets die Worte.« Deutlicher, prägnanter kann kein Autor seinen Willen zur Sache, sein Streben nach Wahrheit, nach vollkommener Überzeugungskraft auseinandersetzen. Aber ebenso deutlich wird es ihm und auch uns, die wir die vierhundert Seiten seines Buches atemlos durchflogen haben, daß »ihm der Gott nicht gegeben hat zu sagen, was er leidet«. Dann werden es vielleicht bloß Tatsachen sein, was er gegeben hat, nur Rohmaterial für die Kulturgeschichte jener apokalyptischen Jahre 1914-1918? Nein. Dieses Buch ist mehr. Es ist möglicherweise eine neue Gattung deutscher Literatur, in der Mitte zwischen Kunst und Reportage. Der Reporter ist der Zeitungsleser, der gleichzeitig Zeitungsschreiber ist. Er sieht die Welt aus der Perspektive des Alltagsmenschen, kann sie aber kraft der Wirkung des Selbstverständlichen, weil historisch Dagewesenen, andern überzeugend vor Augen führen, evident machen. Die Dinge sind dagewesen, aber sie sind damit nicht erledigt, sondern sie bleiben wegen ihrer besonderen Eigenart merkwürdig, aber merkwürdig nicht im Sinne der Kunst, das heißt, mit einem Anspruch auf innere Dauer, sondern merkwürdig im Sinne der Aktualität, im Sinne des unentrinnbaren, aber auch nie auf ewig festzuhaltenden Augenblicks. Mit diesem Zirkel, dem »unentrinnbaren, aber auch nie auf ewig festzuhaltenden Augenblick« ist aber dieses Werk Ludwig Renns nicht vollständig zu umschreiben. Ist es das erste Buch der Masse? Kein Individuum wird in diesen vierhundert Seiten sichtbar, auch kein Typus. Der »brave Soldat Schwejk« ist ein Typus. Der Schreiber dieses Buches, sein Held, seine Hauptperson, sein unsichtbarer Mittelpunkt – das ist kein Typus. Die Lektüre dieses Buches gibt das schauerlichste Gefühl von Leere. Gottverlassenheit. Menschenverlassenheit. Der Autor ist gestaltlos. Wir wissen nicht, was er liebt, was ihn treibt, was ihn zurückstößt. Er nennt sich und bleibt im tiefsten Sinn anonym. Alles interessiert ihn, alles läßt ihn kalt. Er sieht. Er beschreibt. Ein Kämpfer, guter Soldat, braver Soldat. Wogegen kämpft er? Kein Wort des Hasses gegen irgendeinen Feind. Also kämpft er nicht, dieser bravste Soldat, sondern er zerstört nur, wenn er als Maschinengewehrschütze sein gut durchkonstruiertes Gewehr bedient. Oder bedient die Waffe ihn? Unlösbare Frage. So wie der Krieg hier geschildert wird, hat er jeden Sinn verloren. Keine auch nur entfernte Ähnlichkeit mit den Kämpfen der Helden vor Troja, der Nationen bei den Thermopylen, der Genies und Systeme in den Napoleonischen, den mitteleuropäischen Kriegen des neunzehnten Jahrhunderts. Er erinnert nur – dies aber mit der erschütterndsten Intensität – an das methodische, lebhafte, sachliche und konsequente Treiben verbrecherischer Kinder und gewisser Idioten. Keine ethische Wertung. Keine künstlerische Verklärung, Festigung, Heiligung zur Gültigkeit auch des Abstoßendsten. Der Autor scheint sich klar darüber zu sein (er sagt es an vielen Stellen), daß nur fotografische Bilder, Erinnerungsprotokolle aus ihm kommen und nicht mehr, freilich auch nicht weniger: »Ich sah das alles und sah es nicht.« Oder: »Da hatte ich neben dem Einjährigen fast zwei Stunden gesessen, und wir hatten nichts gefunden, das sprechenswert wäre. Ich stand auf und ging ein Stück nach rechts. Dort stand ich eine Weile. Aber was sollte das? Ich ging zurück und setzte mich wieder. Wenn man nur etwas Richtiges zu denken hätte?« Wie erschütternd ist dieses stille Wort eines unter dem Schutt einer zusammenstürzenden Zeit rettungslos Begrabenen: »Wenn man nur etwas Richtiges zu denken hätte!« Alle Irrwege der Nachkriegszeit bis zu den Fememorden sind in diesem »anonymen« Ausspruch eines Mannes aus der Masse eingeschlossen. Es gibt nicht nur eine Einsamkeit des Isolierten, sondern auch eine des in der Masse Erdrückten. Die Masse denkt eben nicht. Und dieses Werk ist die tatsachentreue Schilderung einer kosmischen Massenkatastrophe. Es enthält deshalb trotz aller Fürchterlichkeit nicht den leisesten Schimmer von Tragik. Es enthält deshalb auch nicht die zarteste Andeutung von Humor. Schwejk hat beides. Schwejk ist ein Mensch – und was für einer! Die ganze Nation in den einen schmutzig-diabolisch-phlegmatisch-genialen Kerl gebannt auf ewige Zeiten! Aber Renn ist dies alles nicht. Er ist kein Einzelwesen. Daher auch keine Ähnlichkeit mit dem Simplicius Simplicissimus, dem deutschen Schwejk des Dreißigjährigen Krieges, der so herrlich ergreifende, menschenhafte Züge eines »Schalksnarren wider Willen« trägt. Aber grandios ist Renn. Und der Grandiosität dieser schweren, apathischen Schilderungen wird man sich nie entziehen können. Die Konsequenz der Durchführung ist bewundernswert, die Fülle des Erlebten, des Gesehenen ist fast zuviel für den Leser. Welche Szenen! Sie stehen da, und keine Gewalt der Erde reißt sie aus der Erinnerung. Und doch waren sie ergebnislos in ihrer Gegenwart. Der Held dieses Buches geht aus dem Krieg wie er in den Krieg gegangen ist, eine unbefleckte Jungfrau der Seele. Er hat DAS gesehen und kann doch weiterleben. Er steht vor dem enthüllten grausigen Abgrund der Welt, vor dem blutbefleckten Schoß des Schicksals von Menschen und Völkern, und was tut er: Er beschreibt und schweigt. Vielleicht machen Bücher dieser Art Epoche. Ein Beispiel haben sie nicht in der Literatur. Dieses Buch spricht nicht gegen den Krieg. Es spricht gegen den Menschen. Deshalb geht man mit Entsetzen aus diesen vierhundert Seiten Prosa heraus. Man lese folgende Stelle, wahllos herausgerissen aus tausend, man vergleiche sie mit den Schilderungen eines Tolstoi, Stendhal, Zola, und man sieht die ungeheuere Kluft. »Ich ging langsam weiter. An einer Stelle waren ein paar Drähte gespannt. Ich stieg vorsichtig durch und sah am Boden eine Hand liegen. Sie lag schwarz und wie aus Leder ausgestreckt am Boden. Kleine, tiefschwarze Käfer bewegten sich darauf. Ich beugte mich nieder: Vielleicht kannte ich die Hand? Nein, sie war mir fremd. Vor meinem Unterstand traf ich den einen Gewehrführer von Schatz. Er schien mich zu erwarten. ›Kannst du uns nicht die Lage hier mal sagen? Schatz sagt uns nichts. Und wem unterstehen wir hier eigentlich?‹ ›Wenn es darauf ankommt, mir ...‹« Wer ist dieses ICH? Hat es sich gewandelt? Und wenn es sich nicht gewandelt hat, hat es gelebt? 2 Ein Buch ganz anderer Art ist Erich Maria Remarques Werk »Im Westen nichts Neues«. Das Werk eines ganz Jungen, Glückhaften, Lebensbegabten. In diesem herrlichen Buche sind nur zwei Stellen unglaubwürdig. Die eine ist der Vorspruch: »Dieses Buch soll weder eine Anklage noch ein Bekenntnis sein. Es soll nur den Versuch machen, über eine Generation zu berichten, die vom Krieg zerstört wurde – auch wenn sie seinen Granaten entkam.« Die zweite Stelle ist der Schluß: »Er fiel im Oktober 1918, an einem Tage, der so ruhig und still war an der ganzen Front, daß der Heeresbericht sich nur auf den Satz beschränkte, im Westen sei nichts Neues zu melden. Er war vornüber gesunken und lag wie schlafend an der Erde. Als man ihn umdrehte, sah man, daß er sich nicht lange gequält haben konnte – sein Gesicht hatte einen so gefaßten Ausdruck, als wäre er beinahe zufrieden damit, daß es so gekommen war.« An den Untergang einer Generation glaube ich nicht, die Künstler wie diesen Remarque hervorbringt, noch auch glaube ich an den Untergang des Autors dieses autobiographischen Werkes. Wer die Kraft zu diesen Schilderungen hat, wer so »gefaßt« ist, daß er über das Unsagbare noch berichten kann, einer, der jenseits des Todesstroms gewesen ist und dennoch wiederkehrt und kündet, der hat eine Probe von Kraft, von innerer Bewährung abgelegt, die unverkennbar ist. Nicht ohne Grund fühlt sich jeder, auch wer nicht dies alles »vorn in der ersten Linie« erlebt hat, in dieses Geschehen mit einbezogen, es ist das Fürchterlichste ertragbar nur deshalb, weil man fühlt: die menschliche Einzelexistenz ist nicht immer ganz vergeblich. Dieser junge Kriegsfreiwillige ist nie ganz allein. Zwar hat er niemand hinter sich. Er ist selbst ein Werdender. Ein unbeschriebenes Blatt, das die Weltgeschichte mit brennendem, grausamem Griffel eher durchreißt als beschreibt. Aber er findet sich im Weltuntergang, er kann sprechen, er hat Kameraden, er empfindet menschlich. Er ist nicht so grandios wie Renn, aber wir folgen ihm, vielleicht weil er es leichter hat bei aller Schwere, weil ein zarter Zauber um seinen Aufgang und seinen Niedergang und Wiederaufgang gewebt ist. Es gibt in diesem Werke neben den einfach klassischen und durchaus unerreichbaren Schlachtenschilderangen kleine menschliche Züge, die unmittelbar ergreifen, die so wahr sind bei aller Nichtigkeit – wie eine Blüte, wie eine Wolke, ein sinkender Abendhauch. Wenn die Kameraden sich aus dem Schlachtengrauen auf eine Nacht zu schönen Französinnen retten und nachher bloßfüßig zurückwandern: »Wir verabschieden uns herzlich und schlüpfen in unsere Stiefel. Die Nachtluft kühlt unsere heißen Körper. Groß ragen die Pappeln in das Dunkel und rauschen. Der Mond steht am Himmel und im Wasser des Kanals. Wir laufen nicht, wir gehen nebeneinander mit langen Schritten. Leer sagt: ›Das war ein Kommißbrot wert!‹« Das ist auch Humor aus der Welt Schwejks. Das Düstere überwiegt in dem Buch. Es fehlt nicht an Szenen, die ebenso schauerlich sind wie die in Renns grandiosem Buch. Aber man versteht sie, man ist nicht wie »erschlagen« von ihnen. Eine von diesen Szenen schildert einen Tobsuchtsanfall eines Rekruten im Trommelfeuer. Er beginnt zu toben: »Laßt mich los, laßt mich raus, ich will hier raus!« Auch hier das ergreifende Stammeln einer zerdrückten Kreatur. Aber man kommt ihm nach. Nicht daß man sentimental wird. Auch der Autor wird es nicht. Er antwortet, er handelt, er greift ein. »Der Rekrut hört auf nichts und schlägt um sich, der Mund ist naß und sprüht Worte, halb verschluckte, sinnlose Worte. Es ist ein Anfall von Unterstandsangst, er hat das Gefühl, hier zu ersticken und kennt nur den einen Trieb, herauszugelangen. Wenn man ihn laufen ließe, würde er ohne Deckung irgendwohin rennen. Er ist nicht der erste. Da er sehr wild ist und die Augen sich schon verdrehen, hilft es nichts, wir müssen ihn verprügeln, damit er vernünftig wird. Wir tun es schnell und erbarmungslos und erreichen, daß er vorläufig wieder ruhig sitzt. Die andern sind bleich bei der Geschichte geworden; hoffentlich schreckt es sie ab ...« Wer verkennt hier den Ton männlicher Güte, positiver, nie verzweifelnder Menschenkraft, die sich dem Unerbittlichen entgegenstellt, nicht bittend, da es sich ja nicht erbitten läßt, sondern wirkend, tätig, der Sache gerecht und das möglichste versuchend, bevor er untergeht. »Der Rekrut von vorhin tobt wieder, und zwei andere schließen sich an. Einer reißt aus und läuft weg. Wir haben Mühe mit den beiden andern. Ich stürze hinter dem Flüchtenden her und überlege, ob ich ihm in die Beine schießen soll. Da pfeift es heran, ich werfe mich hin, und als ich aufstehe, ist die Grabenwand mit heißen Splittern, Fleischfetzen und Uniformlappen bepflastert. Ich klettere zurück. Der erste scheint wirklich verrückt geworden zu sein, er rennt mit dem Kopf wie ein Bock gegen die Wand, wenn man ihn losläßt. Wir werden nachts versuchen müssen, ihn nach hinten zu bringen. Vorläufig binden wir ihn so fest, daß man ihn beim Angriff sofort wieder losmachen kann. Kat schlägt vor, Karten zu spielen – was soll man tun, vielleicht ist es leichter dann ...« Hier ist das Geheimnis der ungeheuren Wirkung dieses Buches: dieselben unerhörten Ereignisse wie bei Renn, aber menschlich nahegebracht. Hier ist einer, der wirklich gefaßt ist, der nach solchen Höllenerlebnissen Karten zur Hand nehmen kann und spielen kann. Wenn er zum Schluß des Kapitels sagt: »So pressen wir die Lippen aufeinander – es wird vorübergehen – es wird vorübergehen – vielleicht kommen wir durch«, so sind wir mit dem ganzen Herzen bei solchen Männern, denen das Schicksal nicht Zeit gelassen hat, Jünglinge zu sein. Aber es bleibt immer ihr Trost, es ist nicht der einzelne, den das Schicksal zum Schauplatz des Untergangstheaters ausersehen hat. Jeder leidet mehr als ein Hiob gelitten hat, jeder leidet tiefer als Hiob, weil keiner einen Sinn darin zu erkennen vermag – darin sind Remarque und Renn gleich. Aber die Menschen von 1918 leiden nebeneinander. Es ist die andere Seite, die tröstlichere, des Massenerlebnisses, und wenn die Soldaten im Massengrabe ohne Uniform aufeinander gelagert werden, so haben sie wenigstens im vorangegangenen Leben alles miteinander geteilt, Gefahr ebenso wie eine geklaute gute Zigarre aus dem Proviantdepot oder eine fette Gans, deren Fang sehr humorvoll und doch nicht ohne Blutdurst geschildert wird. Die Unterschiede zwischen Jagd auf Tiere und Jagd auf Menschen verwischen sich eben, man ist den Menschen nahe, sticht aber doch, weil es eben sein muß, einem in den gleichen Grabentrichter flüchtenden mageren Franzosen das Bajonett in die Kehle und liegt dann neben ihm durch Stunden, bis er stirbt: ohne Haß, aber ebensowenig sentimentalen Gefühlen hingegeben. Remarque ist ein nicht ebenso brauchbarer Soldat wie Renn, aber immer ein ganzer Mann in jedem Augenblick des Lebens, in jeder Situation. Eben ein Mensch, der das Glück hat, noch in der großen Gemeinschaft aufgehen zu können, sich Hunderttausenden Lesern in allen Sprachen verständlich zu machen, so wie er sich im Schützengraben seiner Kameradschaft hat verständlich machen können; der große Kamerad oder, wie das Jugendbuch heißt, »Der gute Kamerad«. »Es ist eine große Brüderschaft«, sagt er, »die einen Schimmer vom Kameradentum der Volkslieder, dem Solidaritätsgefühl von Sträflingen und dem verzweifelten Beieinanderstehen von zum Tode Verurteilten seltsam vereinigt zu einer Stufe von Leben, das mitten in Gefahr, aus der Anspannung und Verlassenheit des Todes, sich abhebt und zu einem flüchtigen Mitnehmen der gewonnenen Stunden wird, auf gänzlich unpathetische Weise.« Dieser Mensch ist auch nicht in der Leere des »Nichts-Rechtes-denken-Können« eingeschlossen wie Renn. Er denkt. Er denkt zwar nur von einem Tag zum andern. Aber sein Leben dauert auch nur von einem Tag zum andern, und anderes gibt es nicht. »Es ist darin enthalten, wenn Tjaden (einer der Kameraden) bei einem gemeldeten feindlichen Angriff in rasender Hast seine Erbsensuppe mit Speck auslöffelt, weil er ja nicht weiß, ob er in einer Stunde noch lebt. Wir haben lange darüber diskutiert, ob es richtig sei oder nicht. Kat (ein anderer Kamerad) verwirft es, weil er sagt, man müsse mit einem Bauchschusse rechnen, der bei vollem Magen gefährlicher sei als bei leerem...« Hier ist Tragikomik, das Zweifeln des armen Schwejks, Schalksnarren wider Willen, ob er das zeitliche Heil der Erbssuppe mit Speck oder das ewige des besser heilenden Bauchschusses vorziehen solle. So hat der Heroismus – wie er als positives Ergebnis, als herrlicher Pessimismus am Ende dieses Werkes stehen müßte, weil er organisch aus diesem Mann und diesen Taten hervorgeht – etwas bei aller Furchtbarkeit leise Humoristisches. Die Schrecknisse der Welt sind dazu da, von dem »gefaßten« Mann unter sich getreten zu werden. Man kann sich gut vorstellen, daß der Mann, der die folgenden Worte spricht, dabei lacht oder lächelt, aber er wird nicht aufgeschrien haben, wird nicht verbissen wie Renn in sich hinein gebrütet haben: »Ruhr, Grippe, Typhus – Würgen, Verbrennen, Tod. Graben, Lazarett, Massengrab – mehr Möglichkeiten gibt es nicht.« Wer sich so mit dem Dämonischen, dem Unterirdischen, dem Höllischen der Welt abfindet, der hat fröhliche Wissenschaft in sich. Sein Werk wird mit diesem Buche nicht zu Ende sein. Er wird die polare Einsamkeit der frosterstarrten Menschenseele nicht zu fühlen bekommen, nicht nächtelang auf den Telefonanruf der apathischen Geliebten, die ihn nicht liebt, lauern müssen, er wird sich verschenken, weil er will, nicht aber sich vergeuden, weil er muß, er wird sich nicht fragen, welche Lücke der doch grenzenlosen und uferlosen Welt er mit »seinem Lehm« auszufüllen habe wie weiland Cäsar. Die tiefe unauflösbare Trauer, die auf dem Grunde großer Seelen liegt, tristezza cosi perenne, wird auf dem Boden dieser Seele nicht liegen; nicht, weil diese Seele nicht groß genug wäre, sondern weil sie gefaßt ist, weil sie männlich ist zu ihrem Glück und zu unserem. Heinrich Heine Wenn man an Heinrich Heine denkt, sieht man zuerst immer den Lyriker vor sich. Das lyrische Gedicht scheint den Grundzug seines ganzen Wesens auszudrücken. Auch das Äußere Heines, die gebeugte in sich versunkene Haltung, der in unbestimmte Fernen gerichtete dunkle Blick, das träumerische Spiel der ineinander verschlungenen Finger – das alles sind Eigentümlichkeiten des melancholischen Sängers. Dieser zarten Hand sieht man es nicht an, daß sie den polemischen Degen zu führen wußte, diesen schmachtenden, länglich geschnittenen schönen Augen merkt man es nicht an, daß sie scharf, überscharf zu sehen vermochten auch in die Zukunft – und ebensowenig war der ganzen Persönlichkeit Heines von vornherein anzusehen, daß sie in dem umfangreichsten Teil ihres Lebenswerkes sich mit den Ereignissen des Tages – was sage ich, nicht nur des Tages, sondern auch der Stunde und der Minute – beschäftigt hat. Nicht allein das Ewige, das Dauernde, das Gültige hat Heine angezogen, sondern auch der Zauber des Augenblicks, das Sonnenspiel der letzten flirrenden Sekunde – aber alles angesichts des Ewigen. Diese ganz eigentümliche Mischung von Festem und Gleitendem, von Ehrfürchtigem und Spottendem, von Sehnsüchtigem und Lachendem, von Aufbauendem und Auflösendem ist Heine eigen, und zwar in so hohem Maße eigen, daß man jede Stelle seiner Prosawerke aufschlagen kann, um immer wieder diese seltsame Mischung zu finden, zusammengefaßt und dauernd zusammengehalten durch das Siegel seiner Individualität, ein ewiger Widerspruch, seines Widerspruches bewußt, dem Augenblicke gegenüber immer wahr, nie verlogen, naiv und kindlich trotz aller trüben Erfahrungen. Ein ewig Wissender, und doch ein ewig Fragender, ein ewig Spottender – nie von seiner ganz unbeschreiblichen Anmut verlassen, die jeden seiner Sätze, auch bei seinen Gelegenheitsarbeiten adelt – das ist Heine, der Prosadichter. Aber das alles ist, nur durch die strenge Form des lyrischen Gedichtes gebannt, auch in seinen lyrischen Werken so. Und es ist eigenartig: So wie ihm die Prosa oft unter den Händen verflattert und er fast nie zu einem quadernhaft, auf Jahrhunderte festgefügten Werk kommt, wie etwa Kleist, der zu seiner Zeit lebte – so sammelt sich ihm Gedicht an Gedicht, wird zum Zyklus, zum Kreis, zum Mikrokosmos, zum winzigen Roman im Vers. Heines erste Verse erschienen 1821 in Berlin. Im Jahre 1826 kamen die ersten Bände der »Reisebilder« heraus – und schon das erste dieser Reisebilder, die berühmte »Harzreise«, beginnt mit einem lyrischen Gedicht »Ach, wenn sie nur Herzen hätten«, sagt er von den Bewohnern der Städte, von denen er sich trennen will, um auf die Berge zu steigen, »Wo die dunklen Tannen ragen. Bäche rauschen, Vögel singen, und die stolzen Wolken jagen.« Aber das erste Prosawort lautet: »Die Stadt Göttingen, berühmt durch ihre Würste und Universität...« Hier zeigt sich schon sein Humor, die lächelnde Träne, mitten im Wortgefunkel seiner Prosa. Seine Gedichte sind einfach, volksliedhaft, eher zum Singen geschaffen als zum Vorlesen, aber seine Prosa ist kunstvoll, sie ist voll Geist, oder besser, voll Esprit, denn das französische Wort gibt das sonderbar faszinierend schillernde dieser Prosa besser wieder. Das, was der Dichter eben erst erlebt hat, was er mit nüchternem Verstande neben sich in Alltagshöhe eben gesehen hat, das setzt er unbekümmert neben die gewaltige Vision: »Und sie ließ mich am Leben, und ich lebe, das ist die Hauptsache. Mögen andre das Glück genießen, daß die Geliebte ihr Grabmal mit Blumenkränzen schmückt und mit Tränen der Treue benetzt. – O Weiber, haßt mich! Verlacht mich, bekorbt mich, aber laßt mich leben! Das Leben ist gar zu spaßhaft süß, und die Welt ist so lieblich verworren, sie ist der Traum eines weinberauschten Gottes , der sich aus der zechenden Götterversammlung à la française fortgeschlichen, auf einen einsamen Stern sich schlafen gelegt und selbst nicht weiß, daß er alles das auch erschafft, was er träumt... Gleichviel, ich lebe...« (»Buch le Grand«). Und zehn Seiten später spricht er spöttisch ironisch von der Kleinstadt: »Die ehemalige Friseurin meiner Mutter war Hoffriseurin geworden, und es gab jetzt dort Hofschneider, Hofschuster, Hofwanzenvertilgerinnen, Hofschnapsläden. Nur der alte Kurfürst erkannte mich, er stand noch auf dem alten Platz, aber er schien magerer geworden zu sein. Eben weil er mitten auf dem Markte stand, hatte er alle Misere der Zeit mit angesehen, und von solchem Anblick wird man nicht fett. Ich war wie im Traume ...« Dieses Wort von der Misere der Zeit ist sehr bezeichnend für Heine. Er sah die Misere der Zeit, die Kleinstaaterei, den von Zwergen gefesselten Riesen Deutschland, er sah die Reaktion, er war als Freiheitsmann landesflüchtig, und sein Spott und seine Sehnsucht waren eines. Aus Spott und aus Sehnsucht waren seine Tagesberichte gewoben, die er Jahr für Jahr aus seiner Verbannung in Paris nach Hause schrieb. Ein Meister des Wortes. Ein Mann der Freiheit. Und mit allen seinen Widersprüchen ein ewig lebender Mensch. Dürfen wir ihn unsterblich nennen? Prag Über dem jungen, lebensfreudigen und lebenswilligen Prag lastet der Geist der Gotik und mehr noch, alles andere bedrückend, oft erdrückend, der Geist des habsburgischen Barock wie eine uralte Fürstin mit versteinerten, immer noch schönen Zügen, die alle Urenkel überlebt hat, allen Reichtum besitzt und auf deren Tod niemand mehr zu hoffen wagt. Was an bedeutenden Geistern hier gewirkt hat, von Rilke bis zu Franz Kafka, war immer von diesem Geist des Barock beschattet. Was ist dieses Barock? Es ist nicht mehr die reine spirituelle Flamme des kristallisierten Christentums, die Gotik, sondern es ist ein Christentum, das schon an den Geistesgütern des wiedererstandenen Altertums und an denen der neuerstandenen Naturwissenschaften (Alchimisten) geleckt hat, eine grandiose Gegengeste des Katholizismus, so überwältigend noch in der Agonie, daß ihr selbst der alte Goethe im »Faust« nicht zu widerstehen vermocht hat. Wir stehen heute vor der zweiten Wiedergeburt der Freiheit. Von wo sie ausgehen wird, ob aus dem Kern Europas, dessen geographischer und bald vielleicht auch politischer Mittelpunkt eben dieses Prag ist, ob aus anderen Gebieten der Welt, wer weiß es? Sicher ist, daß von hier aus heute schon Männer und Kräfte am Werk sind, in erster Linie der Staatsminister Beneš, die illusionslos, zwar rational, aber nicht karg rationalistisch, vernünftig, aber nicht vernünftelnd, den großen Mut gefunden haben, dem engstirnigsten Egoismus, dem »heiligen« der Nation und »Rasse« etwas Größeres, Freieres, Freudigeres und seiner selbst Sichereres entgegenzustellen. Böhmen (es ist sehr schade, daß die Tschechoslowakei diesen wundervollen Namen nicht offiziell kennt) hat von jeher große, das heißt selbstbescheidene, ihrer Grenzen klar bewußte Lehrer hervorgebracht, von Arnos Comenius bis zu Masaryk, vielleicht kommt der Lehrer der neuen Völker und Menschengemeinschaft, der Begründer einer Renaissance II, aus diesem herrlichen, dunklen, aber nicht unheimlich, sondern eher gemütlich dunklen Boden. Das, was man sonst die »Scholle«, die »Wurzeln« nennt, will sich auch hier sein Lebensrecht, das ihm niemand bestreitet, sichern, nur ist es eben nicht sehr ergiebig. Die großen Konflikte, Kontraste erwachsen viel eher aus der grandiosen Ansammlung menschlicher Individuen und technischer Kräfte und Traditionen in den Großstädten als auf dem zwar ewigen, aber doch traditionsarmen Land, das nicht ohne Grund das »flache« genannt wird. Hier hat es den Vorzug, einige prachtvolle, wenn auch nicht weltbewegende Blüten hervorgebracht zu haben, vor allem Bedřich Smetana. In dem tschechischen Nationaltheater brachte man ein modernes Ballett, dessen Musik von dem hochbegabten, ganz modern denkenden Musiker Martinu stammt, es heißt »Spielklötzchen« und entfaltet oben auf der Bühne die Folkloristik des ganzen Landes, Märchen im Märchen, den Hahn und die Henne, die auf dem Nußberg gehen, bis zu der verlassenen Braut in ihren wilden Verzweiflungstänzen. Unten im Orchester, ein männlicher und ein weiblicher Protagonist, der nicht agiert, sondern im Scheine eines milden Lichtes Text auf Text singt, wozu dann das Orchester Begleitfarben malt und ein Chor mit Kinder-Sopran und Greisenbaß einstimmt. Das stärkste daran ist das Kindliche, aber Kinder bauen sich ihre »Klötzchen« selbst zusammen. Die Musik ist voller Feinheit, aber ohne Süße, keusch bis zur Kargheit, und dort, wo es warm wird, weht der Hauch von den blühenden Feldern des großen Smetana herüber, der einst im größten Elend gestorben sein soll, wofür ihm jetzt noch ein Denkmal gesetzt werden wird. Sonst sind die Menschen hier nicht von besonderer Dankbarkeit. Mozart hat eine für sein kurzes Dasein lange Zeit hier verbracht, fast das Bedeutsamste hier geschaffen, in der »Bertramka«, in einem verrußten Fabriksviertel, jetzt im Verfall, wenn man nicht die nötigen Gelder herbeibettelt – kein Denkmal erinnert daran, daß hier seine größten Opern unter ungeheurem Jubel uraufgeführt wurden, worauf Mozart allerdings auch »im tiefsten Elend«, dem Refrain der Ballade vom Genie, gestorben ist. – Auch an den genialen Jaroslav Hasek, den größten Humoristen der letzten fünfzig Jahre (bescheiden gesprochen), erinnert hier nichts, nicht einmal der Name einer Kneipe. Dieser wunderbare Schöpfer des »Braven Soldaten Schwejk« ist am Leben zugrunde gegangen in jungen, schweren Jahren, das heißt, angeblich in Bier ertrunken. Doch von seinem Geist, einem in seiner Art ebenso anarchistischen Geist, wie es jedes humoristische Genie ist, ist doch etwas am Leben geblieben. Die Revue vom »Esel und seinem Schatten«, die hier im Freiheitstheater, in den Kellerlokalitäten der modernen, inneren Stadt (also sehr weit weg vom barocken Hradschin und den gotischen Kathedralen) durch die zwei wonnevollen Komikertragiker Voskovec und Werich unter dem Jubel täglich neu begeisterter, mit Lachen, Trampeln, Johlen und Klatschen ihren Beifall ausdrückender Menschenmassen aus dem tschechischen Mittelstand gespielt wird. Es sind dies zwei große Schauspieler in der Maske von Clowns, Szenenbilder von einer Kühnheit verwendend, die nur in der Zensur des Geschmackes ihre Grenzen findet, kein Zirkusmittel, bis zu dem leibhaftig auf das Bühnchen gebrachten Esel, verschmähend. Der eine erinnert, blendend weiß geschminkt mit pechschwarzer Perücke auf dem Kopf, mit seinem breiten, zynisch klugen Mund, mit dem flinken, behenden Gang und Tanz an einen alten Glücksgott, wie solche mit rätselhaft weise lächelnder Miene, den Glückskarpfen unter dem Arm, auf chinesischen Holzschnitten dargestellt werden. Der andere ähnelt ihm wie Sancho Pansa dem Don Quichotte. Was sie bringen, ist Protest. Ist Freiheit des Gedankens. Verhöhnung der Macht. Trauersong auf den Untergang des Menschentums edlerer Art, das sich unterdessen langsam aus dem Grabe herauskrabbelt, alles aber ausdrückend mit einem Minimum an Umfang, an Geste, an Geschrei – mit Recht das einzige wirklich populäre Theater der großen Stadt, keine Zwangs-Ideale, nur Bescheidenheit, Brot, Arbeit für alle. Und Gerechtigkeit, guter Willen, Vernunft und nochmals Gerechtigkeit für alle! Die Liebe zum Leben, wie es ist, wie es ohne Traum, ohne Rausch ertragen werden muß: das ist es, was die Massen hier bejubeln. Das Ende der Novelle Es heißt, daß kein Verleger von 1937 mehr einen Novellenband veröffentlichen will. Das Publikum, das sonst so geduldig ist und das seine Gunst weder dem Roman noch auch der Biographie vorenthält, sei einig in seiner Abneigung gegen dieses technisch so schwierige Gebilde der Novelle. In den Listen der Verleger fehlen tatsächlich schon seit geraumer Zeit die Novellensammlungen. Man erinnert sich keines jüngeren europäischen Autors, der einen Weltruhm der Novelle verdankt. Ist sie also wirklich tot? Obliegt uns nur die Pflicht, ihr einen Nachruf zu halten, der alle ihre herrlichen Glanzpunkte, alle die »unerhörten Begebenheiten«, angefangen vom »Falken« Boccaccios, den Novellen Cervantes', Stendhals, Goethes, Kleists, Gottfried Kellers, Maupassants, Tschechows, Turgenjews, Schnitzlers, bis zu den Novellen Thomas und Heinrich Manns, Stefan Zweigs, zu einer letzten Totenschau der Verehrung und Bewunderung aufbahrt, um sie dann zu ewiger Ruh zu bestatten? In Amerika ist die Novelle gesucht. Es besteht, um sich kaufmännisch auszudrücken, ein kuranter Bedarf an dieser Ware. Zeitschriften, Magazine, Tagesblätter, auch in Europa, in unstillbarem Hunger nach geistiger Hausmannskost, bestreiten wohl oder übel ihren allmonatlichen oder täglichen Konsum an Novellen. Aber damit soll das Leben dieser Kurzgeschichten beendet sein. Sie sollen ein kurzes Leben haben. Geschrieben, gedruckt, bezahlt (in Europa mäßig, in Amerika fürstlich)– und abgetan. Keine Dauer. Nicht einmal Eintagsruhm. Keine literarische Prüfung, die sich doch erst an dem in Buchform gesammelten Werkchen ausüben ließe. So wird aus einer der großartigsten, weil schon in kleinem Rahmen weitbedeutenden Kunstform, die, ganz abgesehen von der Eigenleistung, zum Beispiel die Dramatik eines Shakespeare über Boccaccio befruchtet hat, eine Art Gebrauchsgraphik. Von jeher hat ein kleiner Umfang den Künstler gezwungen, zu äußerster Konzentration zu schreiten. Wenn dem Schriftsteller nur wenige Seiten zur Verfügung stehen, dann gilt kein literarisches Messe-Zelebrieren, kein langes Federlesen: Heran an den Stoff, an die dramatische Anekdote, heran an den Leser! »Aussi mit die tiafen Töne!« wie es in der Wiener Oper die ungeduldigen Hörer von der Galerie her verlangten! Mit Recht! Nicht mehr als zehn Seiten, Dichter, und werde trotzdem unvergeßbar, wirf den Leser um, vergewaltige ihn mit einem stürmischen, männlichen Glück! Gib die tiefsten (und höchsten) Töne, und damit sei es genug! Ich will die Meisterwerke nicht aufzählen, denen dies gelungen ist. Ihre Zahl ist zu groß, und ihre Wirkung umfaßt alle Bezirke der menschlichen Seele, Erschütterung, Grauen, Lachen, Technik, Jagdtrieb, Neugier, Humor, Spott; Philosophie und blütenhafte Lyrik, Haß, Liebe, Wollust, Hunger und Tod. Und immer der federnde Sprung, die Überraschung, die ganze Tragikomödie eines menschlichen Daseins, »in der Nuß«. Ist es wirklich an der Zeit, an den Seilen zu ziehen und das Sterbeglöckchen zu läuten? Wie der Roman ist die Novelle eine internationale Kunstform. Eine gute Novelle von 1500 oder von 1900 verstand man und versteht man in der ganzen Welt. Das anglosächsische Genie strahlt in der Novelle ebenso wie das slawische. Was treibt sie also dem Niedergang zu? Kann sie vielleicht nicht mit den »unerhörten Begebenheiten« wetteifern, die jede Tageszeitung in der Rubrik: Politik und Volkswirtschaft bringt? Oder ist es vielleicht ihre summarische Kürze, die unbarmherzige Prägnanz, die vielleicht, um im Bilde zu bleiben, den Nagel zu ihrem Sarg darstellt? Möglich wäre es immerhin, daß der Leser von 1937 in dem unsäglichen Chaos einer glaubenslosen Zeit nicht mehr den Panthersprung des suggestiven Erzählers erträgt. Was er vorzieht, ist der manchmal so träge Aufbau einer kleinen Welt in sich, der ordentliche, kleinbürgerliche, private Mikrokosmos, wie ihn eigentlich fast jeder Roman darstellt. Im Roman fühlt man sich daheim. Er ist Brot. Die Novelle ist Feuer, Funke oder Blut, Träne, Schrei. Die Welt von heute stöhnt vor Hunger. Sie schreit nach substanzhafter Nahrung, nach einer lange anhaltenden Illusion zum mindesten. In angelsächsischen Ländern sind dickleibige Romane mehr erwünscht denn je. Ist dort Zeit nicht Geld? Aber sie sind friedlich, behaglich am Kamin zu lesen; sie bedeuten eine lange ausgedehnte Lebensillusion. Die Novelle gibt diesen behaglichen Genuß nicht her. Sie peitscht auf. Dann stößt sie den Leser zurück in die Tatsachenwelt. Aber die Menschen sind auf der Flucht vor den Tatsachen. Fakire drehen sich und Derwische heulen. Auch im Orient liebt man die nicht enden wollende Erzählung. Die Lebenswahrheit, die Logik, die Nacktheit jeder guten Novelle stößt den Leser ab, sie ernüchtert ihn vor der Zeit. Aber diese Zeit, sie geht vorüber. Ein gesünderes Geschlecht wächst heran, und möglicherweise wird mit ihm die alte Novelle wiederaufstehen, unsterblich; eine starke Form für starke Menschen, eine wahre für solche, die sehen können und wollen, was ist. Franz Kafka, die Tragödie eines Lebens Der Prager Dichter Max Brod hat die Geschichte des kurzen Lebens und langen Sterbens seines Freundes Franz Kafka geschrieben. Mit blendender Lichtfülle zeichnet sich das Bild eines großartig schöpferischen Menschen ab, der mit Recht von sich sagen konnte, es sei eine ungeheure Welt, die er im Kopfe habe. Es ist keine wohnliche, freundliche Welt. Dämonen und Lemuren hausen in ihr, und wenn sich bei dem strahlenden Poeten und Lieblingskind des Glückes Andersen das verkannte und gequälte und überlebensgroße Entlein am Schlusse zu unserer Freude als himmlischer, stolzer Schwan entpuppt, so verwandelt sich bei dem Andersen mit negativen Vorzeichen, Franz Kafka, der Durchschnittsmensch in ein überlebensgroßes Ungeziefer, in eine gigantische Wanze (»Die Verwandlung«), und endet scheußlich durch die Hand seines Vaters, der ein solches Stück Mist nur schnell von der Erde vertilgen will, ohne sich eine Schuld zuzuschreiben, daß es vielleicht erst durch ihn so geworden ist. Aus den mit Dokumenten und Briefen bereicherten Schilderungen Max Brods geht hervor, daß Kafka in seinem Vater das erste Objekt seiner Liebe – einer unglücklichen Liebe, gesehen hat, und das geht auch aus einer anderen Novelle Kafkas, dem meisterlichen »Urteil«, hervor. Der Vater war brutal, etwas zu lebenssüchtig, skrupellos, Familientyrann, Diktator im Klubsessel und auf dem Geschäftsschemel, ohne Verständnis für den zart besaiteten Sohn – aber ohne Haß, wie oft brutale Menschen eine gewisse Gutmütigkeit zeigen. Ist er also die Ursache des unseligen Lebens seines Sohnes? Auch Schiller, Beethoven hatten brutale Väter, sie wurden trotzdem oder ebendeshalb zu wütenden Optimisten, rasanten Lebensbejahern! Bei Kafka liegt es tiefer, es ist der Dämon, ja der leibhaftige Böse in der eigenen Brust. Nicht über ihm saß der Richter, sondern in ihm, deshalb konnte kein Urteil Frieden und Versöhnung bringen. Kafka ist groß geworden durch Einsamkeit. Er wollte groß werden, die Literatur war der einzige Zweck und Grund seines Lebens. Hier steht er ganz im Gegensatz zu Kleist, der sein Ideal außerhalb seiner selbst und seiner Kunst suchte, der seinem Ideal sich nicht gewachsen glaubte und daran heroisch zugrunde ging. Kafka hat kein Ideal außer dem Kunstwerk. Flaubert, Goethe sind seine Götter, hier allein stimmt er der Welt zu, dies allein läßt er gelten. So rät er auch dem viel weicheren Freund, sich völlig von der Welt abzuschließen, nicht einmal mit anderen zu reden. Und tatsächlich ist das Lebenswerk dieses jung gestorbenen Kafka sowohl durch den Umfang als auch durch die großartige »Dichtigkeit«, die philosophische Tiefe imposant. Man muß sich diesem großen Willen beugen, muß das Überwältigende der Leistung anerkennen. Kafka war ein großer Mensch, viel größer als der Vater, er war ein Diktator, der sich aus seinem Lehnstuhl erhoben hatte, dessen Geschäft nicht das Zusammenraffen von Geld war. Er ist in die Hölle hinabgestiegen, und es sind Höllenbilder, die er von unten mitgebracht hat. Aber war es die Hölle seiner Zeit? Er erlebte den Weltkrieg und seine stupiden, schauerlichen Folgen mit. Kein Wort davon in seinem Werk, keine geringste Andeutung in den Tagebüchern. Diese Hölle ließ ihn eiseskalt. Die Judenfrage? Gegen das Ende seines Lebens hin sind Gärtnerarbeit und Hebräisch sein Lebensinhalt (außer dem Schreiben). Aber er, der Jude, sagt: »Ich habe mit Juden nichts gemein.« Er hat mit niemandem etwas gemein. Er hat sich niemals jemandem ganz hingegeben, weder dem herrlichen Freunde noch einer schönen, guten und reinen Braut, der er das Leben zur Hölle gemacht hat. Ohne es zu wollen, aus Trieb? Er sagt darüber: »So wie ich es mir vorstelle, trägt sie wesentlich durch meine Schuld ein Äußerstes an Unglück. Ich selbst weiß mich nicht zu fassen, bin gänzlich gefühllos, denke an die Störung einiger meiner Bequemlichkeiten und spiele als einziges Zugeständnis etwas Komödie.« An anderer Stelle, mit klassischem Vergleich, mit packendem, unvergeßlichem Bild wie so oft: »Man dürfte kein Spielzeughämmerchen anstelle des Herzens haben.« Er hat kein Gemeinschaftsgefühl, auch mit der Familie nicht. Aber er braucht die Welt, er muß warmes Herzblut haben, um seine Visionen zu tränken, denn woher sonst sollten sie Leben bekommen? So saugt er sich an die Dinge dieser Welt und an ihre bittersüßen Herrlichkeiten heran, er gibt sich »zu Ferienreisen« hin, aber kaum ist der andere warm geworden (man sieht es deutlich an dem so getreuen Eckehart Brod), so ist der Dämon satt und kalt wieder zurückgekehrt zu sich. Aber ist er wenigstens gut zu sich? Nein, er erträgt sich selbst nicht, er »wünscht sich jeden Tag von der Erde weg«. Ist er zu schade für die Menschen oder die Menschen zu schade für ihn? »Auch ich würde mir gerne ausweichen«, sagt er. Er ist also der Kalte und Böse, und wenn die Menschen in ihrer Blödheit und Gemeinheit auch manchmal irren, so ist er doch in seinen eigenen Augen der Strafwürdigste, und so kommt das Motiv der ungeheuren, überlebensgroßen Strafe immer wieder in sein Werk und in sein Leben, bis zum letzten Augenblick. Unrein ist seine Beziehung zur Frau, in der er nichts Reines sieht. So verbringt er einmal eine Nacht mit einer armseligen, traurigen Dirne, kalt steht er auf: »Ich habe sie nicht getröstet, da sie mich nicht getröstet hat.« Er suchte, unbarmherzig wie Ibsens Brand, aber nicht gottgläubig wie dieser, die Wahrheit. Er suchte sie nicht schwach und menschlich wie Hamlet. Er hat gesiegt, er hat gewaltige Werke hinterlassen. Er hat bezahlt. Er hat niemals die Versöhnung der Wahrheit mit der Liebe gekannt, den Pardon. Wer aber von uns schwachen Kreaturen wollte ohne Pardon leben? Bemerkungen zu den Tagebüchern und Briefen Franz Kafkas Jeder, der Franz Kafka liebt und der das höchst merkwürdige Lebens- und Leidenswerk dieses magischen Dichters und trostlosen Menschen bejaht, muß seinem Freunde Max Brod von Herzen dankbar sein, denn ohne den Heroismus und die produktive Liebe Max Brods wären uns von Franz Kafka nur Fragmente von Fragmenten erhalten geblieben, während wir jetzt in den großen Romanen »Amerika«, »Das Schloß«, »Der Prozeß« wenigstens die Grundmauern eines ungeheuren Baues gerettet sehen vor den selbstzerstörerischen Trieben des Dichters, wobei immer noch unsicher ist, ob es die Grundmauern und Fundamente zu einem Schloß oder zu einer Chinesischen Mauer waren. Nun gräbt Brod als unermüdlicher Goldgräber auch die Tagebücher (nur einen Teil) und die Briefe (nur geringe Bruchstücke) aus dem Nachlasse des vor dreizehn Jahren gestorbenen Dichters hervor. Sie sind von brennendem Interesse für die Freunde des Verewigten, wichtig aber auch für jeden, der noch keine Zeile Kafkas gelesen hat, für den Psychologen, den Philosophen, ja selbst für den Psychiater. Von der Fülle und Tiefe der Erkenntnisse dieser Konfession, bei aller Enge des Horizontes, den Kafka selbst an einer Stelle mit einem Schacht vergleicht, wird der Leser vielleicht noch mehr ergriffen und gerührt werden als von den anderen Schöpfungen Kafkas, die wir kennen. Es ist ja in der Hauptsache immer wieder die Abrechnung, der Prozeß mit sich selbst: schwankend zwischen himmelhohem Schöpferglück, Schöpfungsfreude göttlicher Art – und der letzten erbärmlichen, weil tatenlosen Verzweiflung eines Menschen mit ungemessenen Gaben, mit großem Glück, über dem ein dunkler Stern steht. Hier mündet, vielleicht zum erstenmal ganz überzeugend und allgemeingültig, das rein persönliche, traurige, verlorene Prager Dasein Kafkas ein ins allgemein Menschliche, in das Ein Mensch wie du und ich . Wir haben wahrscheinlich, um dem Rätsel dieses großen armen Mannes auch nur von außen ein Schrittlein näherzukommen, in ihm zuerst den armen Altösterreicher zu sehen. Wie Grillparzer krankt ein starker junger Mensch an der ironisch gefärbten Schwäche und der dämmenden Trägheit seines überalterten Vaterlandes. Wie Grillparzer ist er an eine Stadt gebunden, die er nicht liebt, an einen »amtlichen«, pensionsberechtigten, gebundenen, hierarchischen Beruf, den er nicht schätzt, aber mit Selbstaufopferung ausfüllt, wie Grillparzer liebt er und wird nicht zurückgestoßen. Im Gegenteil, man liebt ihn nur zu sehr, und doch kann er die Furcht, die schon zwischen seinen Lippen bebt, nicht fassen, und so wird die Liebe statt ewig nur öde und endlos. Allmählich beginnt sie säuerlich zu werden, bis plötzlich elementar der Ansturm des mutigen Ich gegen das siegreiche feige Ich beginnt in rasenden Selbstvorwürfen, in Reue und Selbsthaß, die sich bei Kafka zu dem herostratischen Wunsche steigern, sein Bestes, nämlich sein Werk zu vernichten. Zum Glück ist es ja das feige Ich, nicht das mutige wie bei Kleist und Gogol, das ihm dieses Kommando gibt: »Feuer! Ziel: Ich selbst!« Und so läßt er die Werke mit bösem Blick in einem Winkel des Schreibtisches gefangen liegen und verlangt vor seinem Tode vom Herzensfreunde deren Vernichtung, also eine Tat, deren er selbst nicht fähig gewesen ist. – Auch zu einem anderen großen Altösterreicher, zu Adalbert Stifter, dessen »Nachkommenschaften« Kafka sehr liebte, führen Brücken. Auch Stifter verdammt den »Hagestolz«, beide überschätzen in einem längst überholten Weltbilde den positiven Wert der Ehe »für das gemeine Wohlbefinden« und den ethischen Wert des Kindersegens. Daß die Ehe eine Aufgabe ist und nicht immer eine Idylle, wußte Stifter sehr wohl, er sagte es nur nicht, er konnte es nicht sagen, weil er an einer Hungersnot an Idealen dahinkümmerte, die auch Kafka mit ihm teilte. Das Ideal der Nation, ein Ersatzideal, sicherlich, aber doch eines, das heute fast alle Teile der bewohnten Erde aufregt und bis in die letzten Fasern mit heißem Blute erfüllt, das also zwar eng, aber doch lebensfähig ist, dieses Ideal der vergötterten, ja vergöttlichten Nation war in dem vielsprachigen, übernationalen, aber keineswegs internationalen Altösterreich weder einem Grillparzer noch einem Stifter oder Kafka zugänglich. Vielleicht sind alle drei in gewissem Sinne der alten Monarchie undankbar gewesen, denn dieses übernationale, gemäßigte, liberale, honette Staatswesen nahm zwar solche Erscheinungen wie die drei nicht liebevoll an seinen Busen, aber es ließ sie groß werden und gab ihnen Amt und Brot. Dieses »bodenlose« Gefühl drückt Kafka herrlich aus in einer Tagebuchnotiz. »Es ist nicht Trägheit, böser Wille, Ungeschicklichkeit, ... welche mir alles mißlingen oder nicht einmal mißlingen lassen: Familienleben, Freundschaft, Ehe, Beruf, Literatur, sondern es ist der Mangel des Bodens, der Luft, des Gebotes . Diese zu schaffen ist meine Aufgabe ...« Und am Schluß der gleichen Notiz: »Ich bin nicht von der allerdings schon schwer sinkenden Hand des Christentums ins Leben geführt worden wie Kierkegaard und habe nicht den letzten Zipfel des davonfliegenden jüdischen Gebetsmantels noch gefangen wie die Zionisten. Ich bin Ende oder Anfang ... Es ist ein Mandat. Ich kann meiner Natur nach nur ein Mandat übernehmen, das niemand mir gegeben hat. In diesem Widerspruch, immer nur in einem Widerspruch kann ich leben. Aber wohl jeder, denn lebend stirbt man nicht.« Er ist sich seiner herrlichen Gaben wohl bewußt, das will er sagen, wenn er von dem Mandat spricht. Er brannte in echter Flamme. Also hätte er auch leuchten sollen, und die vorangehende Flamme führt ja die irrenden Geschlechter durch die Wüste. Hat er es getan? Hat er versagt? Ist er Anfang, ist er Ende? Wir stehen seiner Erscheinung noch zu nahe. Wenn man seine Stoffwahl, das Unheimliche in weitestem Sinne, betrachtet, möchte man ihn als eine Art Nachfahren E. T. A. Hoffmanns betrachten. Wie Hoffmann glaubt er an eine Vernunft und Gerechtigkeit des Himmels. Da aber in unserer grotesk komischen und blutig tragischen Welt sich Vernunft, und Gerechtigkeit nicht durchsetzen, muß ein Gegenprinzip, ein Gegengott , wie ich es nenne, wirksam sein, und das meiste in Hoffmanns Welt ist nichts als der mehr oder weniger siegreich durchgeführte Kampf zwischen guten Erzengeln und bösen Dämonen, von einer kräftigen und rührenden Musik begleitet. Hoffmann war ja denn auch ein guter Musikus, Kafka ist es nicht, von Musik gibt es in seinem Werke wohl kaum einen starken Widerhall. Trostlos nüchtern, grau in grau, und flach, trivial, wie der Teufel eben ist, die Tageswelt wiederzugeben, die in diesem Sinne nur die Trümmerstätte dieses unendlichen Kampfes zwischen Gut und Böse darstellt, dazu ist Kafka zu religiös und zu sehr Magier und Künstler. Er muß also tiefer graben und kommt so von selbst in den Schacht. Er spricht an jener Stelle von dem babylonischen Turm, der zu einem Schacht geworden ist. Beim Turm gibt es ein buntes lärmendes triviales Gewimmel, im Schachte Ist es beengend lau, das Wasser rauscht von ferne, das einzige, das man deutlich hört, ist das Schlagen und Zittern des einsamen Herzens, die Anklage des vereinsamten Ich. Dies ist das Granderlebnis Kafkas, und das Schloß ist eben doch nichts als die Mauer. Niemand kann sich den Herrn des »Schlosses«, nicht einmal den Dienern, kaum den Schuhputzern dieser Diener nähern, und doch hängt alles von dem Unsichtbaren Großen ab. Weshalb aber verbirgt sich das Unendlich Große, Unendlich Reine (Kafka glaubt daran, und das macht ihn zum religiösen, magischen Dichter) vor dem redlich suchenden Landesvermesser, das heißt vor dem Einzelmenschen, der die Grenzen abstecken will zwischen Hier und Dort? Es gibt nur zwei Antworten. Entweder existiert der Herr doch nicht, die Knechte sind die Herren, er ist immer auf Reisen, damit er nie Rechenschaft abzulegen braucht, oder aber das erbärmliche Ichlein ist unwürdig, von außen als Heimatloser, Zugereister, dem innersten Kreise zu nahen, es ist schuldig, es ist verurteilt, ohne es zu wissen. (Diese Kreise der Gottnähe entsprechen neuplatonischen Ideen.) Zu dieser zweiten Lösung hat sich Kafka entschlossen, dies war seine Größe und sein Untergang. Bei Hoffmann, bei Dostojewski kann der Mensch, der Landvermesser, der die Kraft hat, Gott mit seinen Augen zu sehen, nicht zu ihm gelangen, weil er zu weltlich, zu sinnlich, begehrend wollüstig ist. Hört der arme große Sünder aber auf, so zu sein, ja kommt er auch nur so weit, um dies ernstlich zu wollen, so wie der große Urdilettant der Sünde, Faust, dann zeigt sich ihm, zwar nicht Gott in seiner ganzen Größe, aber doch ein Schimmer von Hoffnung, eine Ahnung von Frieden. Dies alles dringt niemals in Kafkas hermetischen Schacht, übersteigt nie die Chinesische Mauer, bohrt sich nie in das verwickelte unterirdische Gangwerk der allzu vorsichtigen geizigen Nagetiere. Kafka ist allein. Er ist einsam. Man liebt ihn, er hat herrliche Freunde, eine brave Familie, eine bezaubernde, reine und gütige Frau, die ihm gehören will und die er zehn Jahre lang ausschließlich mit Hoffnungen und Phantomen nährt – aber zu ihm dringt nichts. Weiß er es nicht? Er weiß es, und darin liegt seine tragische Schuld. »Alles ist Phantasie«, schreibt er, »die Familie, das Büro, die Freunde, die Straße, alles Phantasie, fernere und nähere, die Frau. Die nächste Wahrheit ist aber nur, daß du den Kopf gegen die Wände einer fenster- und türlosen Zelle drückst.« In der »Strafkolonie« läßt er einen Übeltäter auf die raffinierteste Weise sadistisch martern. Im »Prozeß« wird einem armen Teufel ebenfalls auf die hinterlistigste Weise, und immer mit einem Anschein von mephistophelischem Recht, nachgejagt. Immer wird verurteilt und nie Recht gesprochen, nie Gnade erteilt. Ja, wenn es wenigstens ein blutbefleckter Verbrecher wie in den »Elixieren des Teufels« oder im »Raskolnikow« wäre! Aber die Strafe ist da, das Verbrechen nicht. Selbst zum Verbrechen gehört nämlich eine Art Liebe, das heißt restlose Bejahung des Lebens. Sie ist dem trostlos ins Ich verbannten Dichter nicht gegeben. »Wie brauche ich das Alleinsein und wie verunreinigt mich jedes Gespräch«, schreibt er an den Herzensfreund. Wir haben es mit einem Geist erster Ordnung zu tun. Es ist wahr, wenn er von sich sagt: »Ich habe einen starken Hammer«, aber ebensowahr, wenn er hinzufügt, »aber ich kann ihn nicht benützen, denn sein Schaft glüht.« An einer andern Stelle geht er noch grausamer mit sich ins Gericht: »Er frißt den Abfall vom eigenen Tisch«, so fürchterlich sieht Kafka sich an den glatten Wänden seines Schachtes gespiegelt! – »dadurch wird er zwar eine Weile satter als alle, verlernt aber, oben vom Tisch zu essen. Dadurch hört aber dann auch der Abfall auf.« Warum bricht er aber nicht los? Ist dieser Riesengeist nicht endlich stark und kalt und groß genug, den Teufel zu beschwören, ihm das Tintenfaß an den Kopf zu werfen, natürlich nicht, um Tintenflecken zu erzeugen, sondern um eine neue Schrift zu setzen? Mit Recht sagt Kafka von seiner Kunst: »Schreiben als Form des Gebetes«. Um diese Kraft aber zu verweltlichen, um sie zu »tun«, müßte er Mut haben. Er müßte sich gegen den Bösen empören, statt sich vor ihm dorthin zu verkriechen, wo die Welt am tiefsten und dunkelsten ist. Es ist merkwürdig und zeigt prophetisch, jahrzehntelang vorher in unsere heutige Zeit, wo Millionen der kultiviertesten oder doch zivilisiertesten Völker durchaus und absolut den Sinn und Geschmack an der Freiheit verloren haben, daß auch dieser erlesene männliche Geist die Freiheit nicht einmal vermißt. Nirgends h ort man das Schwerterklirren prometheischer Naturen gegen das stupide Wirken der blöden Natur, des blinden Schicksals; nirgends die gesunde tollkühne Empörung des Ich gegen das Muß . Er will die Freiheit nicht. Das heißt, er will keinen Ausgleich zwischen dem ungemessenen Streben des allzugierigen Ich und den Ansprüchen der Gemeinschaft – und noch weniger die Gnade. Nur die Strafe nimmt er an, ohne Diskussion. »Derjenige, der mit dem Leben nicht fertig wird, braucht die eine Hand, um die Verzweiflung über sein Schicksal ein wenig abzuwehren, mit der anderen Hand aber kann er eintragen, was er unter den Trümmern sieht, denn er sieht anderes und mehr als die anderen ... er ist doch tot bei Lebzeiten und der eigentliche Überlebende ... Das Glück bestand darin, daß die Strafe kam, und ich sie so frei, überzeugt und glücklich willkommen hieß, ein Anblick, der die Götter rühren mußte. Auch diese Rührung der Götter empfand ich fast bis zu Tränen.« Gewiß und übergewiß! Dieser magische Genius sah mehr und anderes, tiefer, himmlischer und höllischer sah er als die andern. Aber was sah er zuletzt? Doch nur sich. Die Zeit ging an ihm vorbei. Wenigstens findet sich in der Summa dieser gewaltigen Selbstbekenntnisse nicht einmal eine Andeutung, daß er einmal durch die Zeitereignisse zum Zweifeln, durch seine Freunde oder die Geliebte von seinem Wege abgekommen wäre, daß er sich verirrt, wiedergefunden hätte. Nichts davon. Nichts als dieser schwarze Genius, Brust an Brust mit seiner Schuld. Das was dem braven trink- und musiklustigen E. T. A. Hoffmann im Verein seiner Kumpane die edle Frau Musica war, das ist dem asketischen, abweisenden, nach innen zu brennenden Kafka (Brände in luftarmen Schächten können ewig dauern) die eigene Schuld. Aber welche Schuld? Ein übergroßes Begehren nach den positiven Genüssen der Welt, nach dem Besitze der anderen ist es nicht. Neid und Eifersucht sind ihm fern. Nie wird das Gebot, das er suchen wollte, genannt oder erkannt. Es verbirgt sich, es spielt »Brüderlein, leih mir die Scher«, indem es sich hinter Bäumen oder Felsen versteckt und von hier aus höhnisch dem redlichen faustischen Sucher zukichert. Es ist ein mesquines Gebot, etwas wie ein alter mürrischer, ironischer altösterreicher Bürokrat, der mit dem demütigen Bittsteller frotzelnd spielt, ihn jahrelang hinzieht und ihn bis zu seinem Tode zum Narren hält. Kafka ist aber zwar demütig, aber kein Narr. Er ist luzid. Auch hier, in diesen aphoristischen Darstellungen ist unverkennbar die ungeheure Präzision, die Handgreiflichkeit seiner Vision. In dieser guten Götterkraft, nämlich die Gedanken fleisch- und bluthaft, die greifbare Welt aber geistig durchsichtig und symbolhaft zu machen, kann Kafka sich ruhig mit den größten Schriftstellern der neuern Zeit messen; hier ist ihm recht zu geben, wenn er von sich (schon früh) sagt: »Wenn ich wahllos einen Satz hinschreibe, ist er schon vollkommen.« Es fehlt also diesem kraftvollen und tiefen Deuter des Schleiergespinstes der Welt nicht an der Kraft, dieses mesquine Gespenst zur Ausweisleitung anzuhalten und es zu entlarven. Wüßte man, was das Gebot verbietet, dann bliebe doch etwas, das es erlaubt. (Es sei denn, es wäre ein Gebot wie das Hitlers den Juden gegenüber, das sagt, ich will euch wohl, meine Herren Juden, so sehr wohl, wie ihr es nur im Tode haben könnet, löscht euch aus, seid einmal so freundlich, was liegt euch daran, ändern könnt ihr euch nicht, ihr und wir können nicht zusammen leben!) Ja, vielleicht ist Kafkas Gebot doch etwas dieser Art. Etwas in ihm muß ihm wohl während der ganzen Zeit zugeflüstert haben, nicht, sich zu entwickeln, sondern sich zu zerstören, nicht, sich andern zu nähern, sondern auf sich selbst zu verzichten. Einmal schreibt er: »Womit entschuldige ich, daß ich heute noch nichts geschrieben habe? Mit nichts. Zumal meine Verfassung nicht die schlechteste ist. Ich habe immerfort eine Anrufung im Ohr: Kämest du doch, unsichtbares Gericht! « Es sitzt also, auch im engsten, von der Welt abgeschlossensten Räume, irgendwo im Schacht, eine Feme, ein unsichtbares Gericht, und niemand kann diesen Angeklagten ohne Anklageschrift, Franz Kafka, vor sich selbst retten. Wie gerne würde er fliehen. Die wenigen rührenden Stellen in seinem Bekenntnis (hier wie in den großen Arbeiten) zeigen immer, wie gern sich ein Mann wie er an die Brust eines Freundes lehnen, ihm vertrauen, ihn beschenken und erfreuen möchte! So erweist er sich denn auch hilfsbereit, voller sanfter und minuziöser Güte, wenn er, schon von der Tuberkulose gezeichnet, furchtbaren Träumen ausgeliefert, doch daran denkt, den Freunden Lebensmittelpakete, gute Butter zu senden, oder wenn er ihnen das bessere Bett am Ofen einräumt, sich mit einem im Winter ungeheizten Zimmer begnügen will. Wie lösen sich diese Widersprüche? Ein Mann, begabt, zu einer gewaltigen Menschenmenge zu sprechen, sie zu erfreuen, zu erhöhen! Und eingeschlossen in die bitterste Einzelhaft? Ein Mann, so weise, so ruhig tief, so besonnen, der die ganze Welt abwägt, der das unbekannte wie das bekannte Land vermessen könnte und möchte – und der doch von sich sagt: »Nur das Sinnlose bekam. Zutritt«? Vielleicht führt uns eine merkwürdige Stelle des Tagebuchs etwas näher an den wohl in seiner letzten Tragik nie ganz faßbaren Kern seiner inneren Zerklüftung. Es ist die Stelle, wo er beschreibt, wie er sich bei Rudolf Steiner anmeldet und ihm seine unselige, ausweglose Situation schildert. Hier spricht er auch von »hellseherischen Zuständen«. Was aber folgt, ist nicht die Antwort des Wundertäters, weder sein Zuraten noch sein Abraten, sondern eine minuziöse Beschreibung: des Nasenbohrens Steiners, »mit dem Taschentuch bis tief in die Nase hinein, einen Finger an jedem Nasenloch«. Also: Ein Ich kommt zu einem Mann, von dem man Wunder erhofft, ihm entblößt Kafka, wie später dem Lungenarzt, seine verdorrte Brust, was er sonst allen verbirgt, von ihm erwartet er Hilfe, Rat und Trost. Ein anderes Ich aber, gänzlich abgespalten von dem ersten, sitzt hämisch in der Ecke und fängt, freilich unvergeßbar scharf und präzis, die minderen Manieren des Wundertäters auf immer ein. Ich gebe zu, es bleibt. Vielleicht wird man in späterer Zeit (ich weiß es nicht) in Kafkas grandiosen Versuchen (die er ohne das Klima von Güte und Liebe seiner Freunde Max Brod, Oskar Baum, Felix Weltsch nie gewagt hätte), vielleicht wird man in dem mit unlösbaren Rätseln voll hoher Bedeutung angefüllten Werke Kafkas das Werk eines Mannes sehen, der von Anfang an gegen den Wahnsinn ankämpfte. Und mit Glück. Mit echtem Gelingen. Denn wenn er auch unvollendet, noch die Kelle und den Hammer in Händen, mitten in seinem Bau des Tempels oder des Zentralgefängnisses, gestorben ist, so ist er an der Wunde in der Brust und nicht an der Wunde im Geiste gestorben. Er hat über den Wahnsinn gesiegt, mit jedem Tage seines unvorstellbar schweren Lebens hat er der Klarheit Raum gegeben gegen die Verwirrung. Vielleicht wird in diesem Sinn sein Werk späteren Geschlechtern ein Symbol sein für die wahren »Überlebenden« dieser Zeit. Von der Wollust der Dummheit 1 Bodenlose Dummheit. Weil bodenlos, auch so unbegreiflich. Wo wäre der ekstatische Patriotismus der Masse, das letzte Ergebnis von heute, ohne eine bodenlose Dummheit, die vom Faschismus ihre grenzenlose Entfaltung verlangt und auch erhält. Daß man nämlich die löbliche, nicht weiter aufregende Heimatliebe auswerten konnte in eine aggressive, exklusive; asiatisch fanatische Vaterlandsliebe, das setzt einen Grad von massiver Dummheit voraus, den man nur zum Teil künstlich zu erzeugen hatte. Jeder bleibe, wer er ist. Ein jeder sei stolz nur auf das Geborensein in einem Lande. – Dem einzelnen sagt es nichts, denn er möchte am liebsten stolz sein auf sich oder seine Kinder, aber der Masse klingt es herrlich in den Ohren. 2 Komische Eigenschaften der Dummen: nicht etwa ihresgleichen besonders zu fördern, sondern die Halbklugen, die Mittelmäßigen. Nach magischen, dem Verstände unbegreiflichen Gesetzen, eben denen der Dummheit, wählen sich Millionen den Führer, den kein einzelner gewählt hätte. Dadurch bekommt er Gewalt. Die Erscheinung Napoleons ist nicht typisch, denn er hatte schon vorher Genie. Aber auch die Wahl des Mittelmäßigen zum Tyrannen hat etwas für sich, denn die Mittelmäßigkeit besitzt, was dem Extremen fehlt – eine Art Ewigkeit. Die Mitte ist beständig. Sie überlebt alles. 3 Es gibt einen Grad von Dummheit, der jedes echte Gefühl ausschließt. Es gehört nämlich zum Wesen der Dummheit, daß sie sich bewußt, stur und fühllos weigert, sich der Welt, das heißt der Wahrheit, hinzugeben. Sie habe es nicht nötig, meint sie. Die Tatsachen passen sich ihr an, weil sie müssen. Die Dummheit wird mit jedem Säugling neu geboren, sie quillt mit Notwendigkeit aus der Erde, und deshalb gehört die Erde den Dummen. 4 Der phlegmatische Dummkopf ist dem melancholischen oder sanguinischen weit voraus. Dagegen ist fast jedem Dummchen etwas cholerisches Blut von Vorteil; viele gewaltige Dinge gelingen den Dummen im Zorn. Aber sonst: eiserne Ruhe. Das bedeutet kein Gehirn, keine Reue, kein Herz. Aber auch kein Zweifel, keine Qual des Gewissens – und alle Kraft für das Ziel. Die Dummen erreichen oft das Ziel der Klugen, ohne es zu wissen. 5 Die Dummheit etwa aus Versehen zu schädigen straft sich immer schwer. Man rühre nicht an sie. Die Diktatoren haben die Psychologie und Taktik der Dummen mit einer Art Genie in der Hand: Man drängt die Dummen so dicht aneinander, daß sie nichts mehr sehen können, sich selbst ausgenommen, und zwar noch meist von rückwärts. Wie könnte man sonst 10 000 zusammenbringen auf einen Platz? Dann braucht man keine Kritik zu verbieten. Es gibt eine Art ungeheuer stark zusammengepreßten Mülls, der härter und sicherer ist als Stein. Und unverbrennbar. Darauf bauen sie. 6 Eine Methode kann Schiffbruch leiden, ein feines, ausgeklügeltes System kann sich überleben. Die dumme Systemlosigkeit aber, das »den Dingen ihren natürlichen Lauf lassen«, kann, mit guter Polizei versehen, sehr lange leben. Wenn einer den Diktator entlarvt, beim dummen Plebs wird er damit meist kein Glück haben. Denn hat die Masse in ihrer mißtrauischen Dummheit sich einmal überwunden und irgendeinem Menschen Vertrauen geschenkt, dann bleibt sie dabei so lange wie möglich: Denn Trägheit ist ihre Form der Treue. Die einzige Gefahr der Despoten ist, daß sie auch einmal sterben müssen. Und je näher man sie zu den Göttern versetzen wird, desto schwerer wird es einen Nachfolger haben. Lange Folgen von Diktatoren kennt daher die neuere Geschichte nicht, hier kann also die Systemlosigkeit nicht zum ewig währenden gültigen Gesetz werden. Die Dummheit ist unsterblich, die Dummen nicht. Sonst kletterten wir alle noch auf Bäumen herum und würfen mit Nüssen und schnatterten einander zu, dies sei der natürliche Lauf der Dinge. 7 Hat wirklich jeder das Recht, so dumm zu sein wie er will? Viele Diktatoren schärfen, dieses Recht ohnehin allen zubilligend, ihren Sklaven ein, ja nicht über Gebühr klug zu werden, und beschwichtigen etwa rebellierende Geister damit, daß die Dummheit bei keinem ausschließe, daß er seinen persönlichen Vorteil rücksichtslos wahrnehme, ein Anteil an den Gütern des Lebens, der dem Dummen schon deshalb zustehe, weil dieser mit der Masse geht. Und die Dummheit lebt gerne und gut, sie ist meist schlauer und praktischer schon wegen der Enge ihres Horizontes. Gerade in diesem Punkt überschätzen sich die Klugen und sind sogar stolz darauf, gegen ihren eigenen Vorteil zu handeln. Daß sie sich aber untereinander tausendmal schlechter behandeln als die Dummen, ist ihr Verderben. Und darin, daß sie es nicht einsehn, erweisen sie sich ebenfalls als dumm genug. 8 Ein großer Vorteil sowohl der Dummen als auch der Lügner besteht darin, daß dieser Zustand des Lügners und des Dummen durch den bloßen Willen erheblich gebessert werden kann. Lügner und Dummköpfe haben als letzte Reserve immer noch die Möglichkeit, sich zu ändern und in die Schule zu gehen. Die Klugen haben sich aber ohnedies schon soweit als nur irgendwie möglich vorgewagt. Die rauhen Tatsachen stoßen sie zurück und hinab, während sie im schlimmsten Fall dem Dummen und dem Lügner wieder aufwärts helfen. In diesem Sinne haben es der Dumme und der Lügner besser. Sie haben noch viel vor sich: Mindestens sich.   9 In den Augen der Dummen ist Gott dumm. Das Volk will Gott dumm. Ein Gott, der Chemie und Relativitätsphysik verstände, wäre nicht nach ihrem Herzen. Luther sagte: Deus stultissimus. Das Wort könnte von Hitler sein, wenn dieser Latein könnte. 10 X ist so klug, daß man ihn nur mit aller Mühe versteht. X ist so dumm, daß man ihn auch bei aller Mühe nicht versteht. 11 Bedeutende Völker oder Menschen ohne Erfolg sind für alle Welt beschämend und schädlich. Außerdem treten sie stets mit einer gewissen Gutmachungsforderung auf, auch wenn sie diese mit gespielter Bescheidenheit etwas verbergen möchten. Vor allem aber beweisen sie durch ihren Mißerfolg gerade den wertvollen Nebenvölkern und Nebenmenschen, wie vergeblich ein höheres Streben ist, und schrecken also diejenigen ab, die kraft solcher Ideale vorwärtskommen wollten. Nun aber sagen sie beim Anblick der zerlumpten Ideale und abgetretenen Grundsätze: »Es wird schon alles seinen Grund haben, nach außen sieht es ja so superklug aus, aber im Grunde ...« Und so legen sie sich beiseite und geben der Dummheit nicht nur den Sieg, sondern auch recht. 12 Die Dummheit teilt eines mit der Schönheit: sie behagt sich, sie gefällt sich selbst. Dies ist die erste Voraussetzung des Genießens. Manchmal aber steigert sich dieser Genuß an sich selbst zur Wollust, freilich zu einer trägen, in sich selbst stupid eingesponnenen, zu einem wort- und gedankenlosen epischen Rausch. Bei Tage kommt man schwer dazu. Es existiert ein »Wille zur Nacht«, der viel verbreiteter ist als der nur wenigen zugängliche und zur Einsamkeit verurteilende »Wille zur Macht«. Fast keiner entgeht ganz diesem Willen zur Nacht, zum Tode, zum Lichtauslöschen, zum Flachhinlegen, zur Dummheit. Wenn man bedenkt, was mit dem Tode eines wahrhaft großen Menschen verlorengeht, erkennt man die unbegreifliche Dummheit des Todes.