Heinrich von Treitschke Ausgewählte Schriften. Zweiter Band   Verlag von S. Hirzel 1921 Achte Auflage. Fünfzehntes und sechzehntes Tausend Cavour (Heidelberg 1869) Der Gegenwart klingt es wie ein Märchen aus verschollenen Tagen, daß einst Goethe mit seinem Eckermann alles Ernstes über die Frage streiten konnte, ob Napoleon zu den produktiven Menschen zu zählen sei. Doch als ein Nachhall aus jener reichen Zeit, da unser Volk seinen Herrscherthron in den Wolken suchte, besteht noch heute in den Herzen der edleren Deutschen die stille Neigung, das Leben, auch das politische Leben mit dem Maße des Schönen zu messen. Unter den Frauen vornehmlich lebt weit verbreitet der liebenswürdige Irrtum, als ob die reinste Blüte der Menschlichkeit allein im Kreise der Dichter und Denker sich entfalte. Wir verstehen nicht leicht, daß das politische Talent eine von allen anderen menschlichen Gaben wesentlich verschiedene Kraft des Geistes ist. Wir fühlen uns erkältet vor dem Bilde eines Staatsmannes, dem die politische Tat der ganze Inhalt des Lebens, nicht bloß, wie unserem Wilhelm Humboldt, ein Ringplatz war, darauf er die allseitige Ausbildung seiner schönen Seele bewähren konnte. Dem Staatsmanne winkt, derweil er schafft, jeder Glanz des Daseins; alle Leidenschaften des Tages folgen seinen Spuren, sein Name weicht nicht aus dem Munde der Menschen. Sobald er die Augen geschlossen hat, dauert nur ein schwaches Abbild seines Wesens, verblaßt und oft entstellt, in dem Gedächtnis der Nachwelt. Der Künstler geht im Leben als ein geringer Mann daher, mit bescheidenen Ehren begnügt; nach seinem Tode läßt er sein Eigenstes, sein Bestes zurück, er weilt leibhaftig unter den spätesten Geschlechtern, er redet zu ihnen, aus ihrer Seele heraus als ein Freund, ein Seher, ein Herzenskundiger. Wieviel tausendmal hat deutsche Gefühlsseligkeit diese Vergleichung ausgesponnen, um einen Sophokles glücklich zu preisen, einen Hannibal wohlwollend zu bemitleiden! Es frommt nicht, solche Schwächen moderner Überbildung durch die Wiederbelebung altrömischer Rauheit zu bekämpfen. Jenem mannhaften Adel Piemonts, der um das Dasein seines Volkes kämpfte, stand es wohl zu Gesicht, wenn Cäsar Balbo jede Stunde seines gesegneten schriftstellerischen Schaffens für halbverloren, nur die Jahre seiner staatsmännischen und kriegerischen Tätigkeit für fruchtbar ansah, wenn Massimo d'Azeglio versicherte, ein mittelmäßiger Verwaltungsbeamter sei ein nützlicheres Mitglied des Gemeinwesens, als der größte Maler. Die freiere Gesittung der Deutschen ist für dies Römertum unzugänglich, sie verwirft die Frage des Plutarch: ob der Ruhm des Pheidias und Archilochos einen edelgeborenen Jüngling reizen könne? – mit vollem Rechte als eine Barbarei. Nur müssen wir lernen, auch den Helden des nach außen gerichteten Willens gerecht zu werden, und ablassen von den spielenden Versuchen, das Unvergleichliche zu vergleichen, das Unwägbare zu wägen. Wir glauben alle an das tiefe Wort: »Genie ist Fleiß«, wir wissen längst, daß jeder große Künstler, jeder der ein Meister ward, von einer unzähmbaren Macht des Willens durchglüht war wie nur der tapferste Kriegsmann. Warum sollen wir nicht auch die einfache Wahrheit bekennen: der große Staatsmann legt sich die Dinge dieser Welt mit ebenso ursprünglicher Kraft des Gedankens zurecht, wie ein Goethe oder Kant; er schaut auf die gemeine Lust und Not des kleinen Menschenlebens ebenso vornehm von beherrschendem Gipfel herab wie der Dichter und der Denker. – In wenigen Geistern hat sich der Ideengehalt der Mitte unseres Jahrhunderts so treu und vollständig widergespiegelt, wie in dem Kopfe des Gründers der italienischen Einheit. Wer über Cavour urteilt, der bekennt, wie er selber sich zu den großen Problemen der modernen Gesellschaft stelle. Die Gedanken, welche diesen Geist bewegten, lagen schon den Zeitgenossen offen vor; denn Cavour erscheint auch darum als ein rechter Sohn der neuen Zeit, weil er selbst seine Verschwörungen unter freiem Himmel trieb. Sein Bild unbefangen zu betrachten ist schon jetzt dem Fremden nicht unmöglich. Der Abstand der Zeit, dessen das historische Urteil bedarf, wird aufgewogen durch den Reichtum der jüngsten Jahre. Durch gewaltige Umwälzungen ward seit Cavours Hingang das alte Gleichgewicht der Mächte verschoben. Wir dürfen ruhig über den Toten sprechen, er rechnete mit anderen Größen, als der Staatsmann von heute. – Die Zeit ist nicht mehr, da in dem langen Wettkampfe der beiden Kulturvölker Mitteleuropas um die Herstellung ihrer alten Größe Italien den Preis davonzutragen schien. Der ästhetische Reiz, der die Massenbewegung der Italiener vor den Schlachten des deutschen Krieges auszeichnete, beginnt zu verblassen; die Gebrechen, der vor der Zeit und mit fremder Hilfe errungenen Einheit Italiens liegen vor aller Augen. Schon beneiden uns einzelne Stimmen jenseits der Alpen um unsere stetige und selbständige Entwicklung, und unter den Deutschen sind manche geneigt, allzu niedrig zu denken von jener gewaltigen sittlichen und politischen Arbeit, welche das letzte halbe Jahrhundert der italienischen Geschichte erfüllt. Aus den Wirren des napoleonischen Zeitalters war der Nation nichts geblieben als einige mächtig aufregende Erinnerungen. Sie hatte gesehen, wie ihr größter Sohn den Herrscherstab der Welt in Händen hielt, wie der heilige Name des Königreichs Italien wieder auferstand, wie ein modernes Gemeinwesen rüstig aufräumte unter der heillosen Erbschaft der alten Despotien, entfremdete Nachbarn als Bürger Eines Staates verband. Über dem Widerstreit der Gefühle, die solcher Zustand halber Fremdherrschaft erweckte, ward der große Augenblick versäumt, da Italien sein Schicksal selbst bestimmen konnte. Jetzt lag die Halbinsel waffenlos, willenlos zu den Füßen des Wiener Kongresses, Italien ward wieder ein geographischer Begriff. Kalt und schnöde wies die englische Diplomatie die klagenden Patrioten zurecht: Europas Ruhe fordere die Zerstückelung des Landes. Eine Staatskunst der nackten Willkür stellte die fremdländischen Dynastien, doch nicht die nationalen Republiken des vergangenen Jahrhunderts wieder her, erhob Österreich zur herrschenden Macht der Halbinsel. Auch Venedig, das einst Bonaparte dem besiegten Österreich zugeworfen hatte, ward abermals dem Doppeladler preisgegeben und dergestalt eine Erinnerung erneuert, welche den Italienern jederzeit als die brennendste Schmach ihrer neuen Geschichte gegolten hat. Während nun das pfäffische Regiment der alten Zeit, gekräftigt durch die Machtmittel napoleonischer Bureaukratie und Polizei, an den Höfen sich wieder einnistete und in Lombardo-Venetien nach einigen Jahren der Milde der kaiserliche Stock, il bastone tedesco , die Herrschaft antrat, wucherte in dem unglücklichen Volke, dem eine Bühne für gesetzliches öffentliches Wirken versagt blieb, jede Art von politischer Verderbnis empor. Einen wesentlichen Charakterzug des italienischen Staatslebens, zugleich einen schneidenden Gegensatz zu dem deutschen Wesen, bildet die Macht und Berechtigung der republikanischen Überlieferungen in diesem Lande der Städte. Wenn wir in der Kapelle von S. Lorenzo zu Florenz jene wunderbaren Mediceergräber betrachten, die einst der harte Republikaner Michel Angelo widerwillig seinem heimischen Tyrannenhause errichtete, und darauf den Blick wenden nach der Ecke der Kapelle, wo eine grell bemalte Krone das abgeschmackte Grabmal des »besten Fürsten« Ferdinand III. von Lothringen-Toskana deckt – dann empfindet auch der Deutsche mit Entrüstung, wie roh ein Barbarengeschlecht die Tempel eines hochgesitteten Volkes geschändet hat. Dann ahnen wir etwas von den Gefühlen, welche die Patrioten Italiens gegen ihre neuen Herrscherhäuser beseelten. Die Epoche der Monarchie war dem Italiener das Zeitalter der Fremdherrschaft und des Despotismus. Wie mochte diese öde Zeit des Schlummers sich vergleichen mit jenen Tagen republikanischer Herrlichkeit, da der Löwe des heiligen Markus die Häfen des Morgenlandes beherrschte und das hochsinnige Künstlervolk von Florenz zu seinem Arnolfo sprach: »der Plan für unseren Dom soll groß sein wie die allergrößte Seele, wie die Herzen so vieler Bürger, die zu Einem Wollen vereinigt sind« –? Tausendjährige Städte, einer stolzen Geschichte froh, umfaßten noch immer die größere Hälfte der Nation, beherrschten das flache Land mit ihrer Geldmacht, ihrer Bildung; keinem Volke fiel es schwerer zu begreifen, daß die moderne Welt der monarchischen Flächenstaaten nicht mehr Raum bietet für städtische Republiken. Die Macht der republikanischen Erinnerungen, der Druck der fremden Gewalthaber, die verwahrloste politische Bildung einer Nation ohne Rednerbühne und Presse riefen einen verwegenen Radikalismus hervor, der nach der Weise unfreier Völker in Verschwörungen sich zusammenfand und bald die Gegner zwang, sich gleichfalls in Geheimbünde zu scharen. Alle die häßlichen Züge, welche die arge Schule des spanischen Despotismus dem Charakter der Nation aufgeprägt, fanden in diesem Sektenwesen, den sette , bereite Förderung: das Mißtrauen aller gegen alle, der Todhaß wider die politischen Gegner, der aus den entsetzlichen Eiden der Carbonari wie der Sanfedisten so blutig hervorbricht, und vornehmlich jene Moral der Verzweiflung, welche seit Machiavellis Tagen auf diesem Boden heimisch, soeben in dem mannhaftesten Dichter des neuen Italiens, in Vittorio Alfieri, einen begeisterten Apostel gefunden hatte. Hundertmal war die Ohnmacht des Meuchelmordes durch gescheiterte Verschwörungen erhärtet, und hundertmal kehrten die Fanatiker zu dem Dolche als der letzten Zuflucht des Geknechteten zurück. Gewiß sprach Ugo Foscolo allen Denkenden ein erlösendes Wort aus der Seele, da er ausrief: um Italien zu schaffen, müssen wir die Sekten vernichten! Und doch gebührt diesen Wahnwitzigen der Ruhm, daß sie zuerst den Gedanken der Einheit Italiens, roh und unklar genug, in weiteren Kreisen verbreiteten: schon die Carbonari träumten von einer Republik Ausonien, und noch bestimmter trat die Idee der Einheit in jenem Geheimbunde des »jungen Italiens« hervor, der in Mazzini sein sichtbares Oberhaupt verehrte. Während dergestalt köstliche Jugendkräfte in dem schlechten Handwerke der Verschwörer vergeudet wurden, ergingen sich weichere Gemüter in unfruchtbaren sentimentalen Klagen über die Schande ihres Vaterlandes. Sie beweinten Italien in jenem elegischen Tone, den einst Filicaja anschlug, da er sein Land also anredete: »O wärst du starker oder minder schön, daß du die Gier der Mächtigen nicht reiztest!« Wieder anderen ward die große Vorzeit des Landes zum Fluche. Dies erstgeborene Volk des neuen Europas weiß nichts, will nichts wissen von der tiefen Kluft, welche die moderne Zeit von dem Altertume trennt. Die Italiener führen unbefangen ihre Geschichte bis auf die römische Wölfin zurück, sie sehen in der Entwicklung der Jahrtausende immer dasselbe italienische Volkstum, das unheimischer Gewalten sich erwehrt, und reden über die Völkerwanderung noch mit dem gleichen naiven Erstaunen wie jener Machiavelli, der sich verwundert, warum der Po und der Gardasee ihren antiken Namen abgelegt und die Menschen heute Pier-Giovanni und Matteo, nicht mehr Cäsar und Pompejus heißen. Sie haben in ihrer schönsten Zeit den Geist des Altertums wieder aufgeweckt und schauen auf die Völker des Nordens noch mit derselben Empfindung, wie einst Ciceros Römer auf die Germanen. Die Größe der weltherrschenden Roma ist Italiens Größe. Während die Deutschen an ihrem Hermannsdenkmal bauten, schlug Niccolini seinen Landsleuten vor, nach der Vertreibung der Österreicher auf dem Gipfel der Alpen ein Riesenstandbild des Marius zu errichten, das Schwert drohend gen Norden erhoben, darunter die Inschrift: zurück ihr Barbaren! Wie schwer mußte die Nüchternheit des politischen Urteils, die Klarheit der Selbsterkenntnis leiden, wenn in kleiner Zeit eine aufgebauschte Rhetorik mit majestätischen Erinnerungen prahlte und bei der Phrasenseligkeit der durch jesuitische Erziehung verflachten Hörer nur allzu willigen Glauben fand! Italien lebte wie Deutschland ein übergeistiges Leben. Der Nordländer, der, begeistert von den Schilderungen der Kunsthistoriker, in Italien den unverfälschten Adel der Renaissance zu finden hofft, entdeckt mit Überraschung, daß die meisten welschen Städte auf den ersten Anblick den Charakter des Rokoko zeigen. So massenhaft, so unablässig hat dies Künstlervolk gebaut, auch nachdem die Heroen seines Geistes dahingegangen. Doch wenn die Lust am Schauen und Bilden und am schönen Spiele niemals ausstarb, die schöpferische Kraft war tief gesunken. Die neue Wissenschaft der Italiener darf von sich rühmen, daß sie, mit Ausnahme der römischen Theologen, niemals den Mächten der Finsternis, nie dem Despotismus gedient hat, aber sie konnte durch viele Jahre nur weniges aufweisen, was sich den Werken deutscher Gelehrsamkeit vergleichen ließ. Die höheren Stände verkamen in überfeinerter geistiger Genußsucht, in schwächlichem Dilettantismus. Mit Ekel betrachteten ernste Patrioten, welche überschwenglichen Triumphe eine gewandte Ballerina oder Primadonna unter dieser entnervten Gesellschaft erringen konnte. »Italien erwacht!« rief Azeglio jubelnd aus, als er endlich den Verfall der Kunst bemerkte und auf der Bühne zum ersten Male heulen hörte. Und wahrlich, sollte dies Volk gesunden, so mußte der ästhetische Müßiggang der Kenner und Dilettanten ausgetrieben werden durch die derbe hausbackene Prosa der stählenden wirtschaftlichen Arbeit. Als Richard Cobden mit einem italienischen Freunde von der Höhe des Monte Mario herniederschaute auf die majestätischen Trümmer des alten Roms, da sagte er kalt: »Alles das ist heute zu gar nichts mehr nutz« – und es lag ein tiefer Sinn in dem banausischen Worte des Manchestermannes. Die mächtige Entwicklung der modernen Volkswirtschaft war an der Halbinsel fast spurlos vorübergegangen. Der Bauer schaffte noch wie vor alters mit bewunderungswürdigem Fleiß im Sonnenbrande der lombardischen Ebenen und der ligurischen Terrassen. Aber der Unternehmungsgeist der Reichen war gelähmt durch verkehrte Erziehung, durch die Sünden einer ungeheuerlichen Handelspolitik. Zollinien, elende Straßen hemmten den Handel und Wandel, die Fremdherrschaft erschwerte grundsätzlich den Verkehr von Staat zu Staat. Niemand wagte ein weitaussehendes wirtschaftliches Unternehmen, weil niemand Glauben hatte an die bestehende Ordnung, und in Europa ward das alte Märchen von der unverbesserlichen Faulheit der Italiener überall nachgesprochen. Die hochbegabte Nation galt in der Welt als ein Volk von Knechten, reich an Witz und Arglist, unfähig zu freiem Bürgerleben; die deutschen Blätter vornehmlich versündigten sich schwer an dem Nachbarlande, beteten gläubig alle Lügen der österreichischen Presse nach. Tausende von Fremden durchstreiften alljährlich die Halbinsel, bildeten sich ihr Urteil nach dem geschäftigen Völkchen der Facchini und Ciceroni, das sie feilschend umdrängte. Sie kamen in das Land der Myrten und Orangen, um auszuruhen von ihren schweren nordischen Gedanken, um die Pracht der Natur und der alten Kunst zu bewundern. Für die fürchterliche Prosa der italienischen Gegenwart hatte niemand ein Auge; höchstens die Bettler in ihren malerischen Lumpen ließ man gelten als willkommene Staffage für die grauen Ruinen. Wenn dann und wann ein Byron oder Platen ein Lied der Klage sang um die Niobe der Nationen, so hörte der Italiener aus diesen Klängen ein herablassendes Mitleid heraus, das ihn noch tiefer verletzte, als jene kalte Verachtung. Unter den verkommenen Staaten der Halbinsel mußte das Königreich Sardinien dem oberflächlich Hinschauenden als einer der kläglichsten erscheinen. Nur zu begreiflich, daß Platens freier Geist bei kurzem Verweilen angeekelt ausrief: Unglückseliges Land, wo stets militär-jesuitisch Söldner und Pfaffen zumal saugten am Marke des Volks! Fremd, wie durch ein Spiel des Zufalls zusammengewürfelt, standen die Provinzen des kleinen Staates nebeneinander. In den schönen Gartengeländen der Poebene, die der strahlende Ring der Schneeberge umschließt, wohnte das Mark des Reiches, ein derbes kernhaftes Bauernvolk, ein Mischvolk in tausend Schicksalsstürmen erprobt, der malo assuetus Ligur der Römer. Daneben, durch die Alpen, durch Sprache und Sitten geschieden, das Stammland des Königshauses, das arme Bergland Savoyen, wo eine rührige demokratische Partei die Wiedervereinigung mit dem freien Frankreich ersehnte, und das halbfranzösische Nizza. Als ein erstorbenes Glied hing am Leibe des Staats die Insel Sardinien, eine schlechthin barbarische Welt, von dem Klerus und mächtigen zumeist spanischen Adelsgeschlechtern beherrscht; ihr Volk in Schmutz und Fieberluft verkommen, zu allen Werken der Kultur, oft sogar zum Soldatendienste unfähig. Der Wiener Kongreß fügte noch die Häfen und Felsterrassen des Genueser Küstensaumes hinzu. Hier lag nach den wütenden Parteikämpfen einer wirrenreichen republikanischen Geschichte der Radikalismus gleichsam in der Luft. Der Stolz des Genuesen begriff nicht, wie Genova la superba dem kargen Turin gehorchen solle; nur mit Widerstreben betrat der Seemann die Kasernen der Piemontesen. Über dies bunte Ländergemisch brachen bei der Heimkehr Viktor Emanuels I. jene tollen Saturnalien der Restauration herein, die nur in Kurhessen und Hannover ihresgleichen fanden. Jede Spur der Herrschaft der Franzosen mußte verschwinden. Selbst die schöne Pobrücke von Turin, ein Werk Napoleons, sollte zerstört werden, bis sich der Stadtrat von Turin erbot, eine Votivkirche an den Ausgang der Brücke zu bauen. Die Sorge für den Klerus ging allem vor in diesem »Paradiese der Priester«. Nicht umsonst nannte sich noch Karl Albert in seinem Zivilgesetzbuch den Beschützer der Kirche; der Staat lieh den geistlichen Gerichten seinen Arm, führte als Fronvogt ihre Urteilssprüche aus. Mehr als 100 Millionen Lire wendete das hergestellte Königtum in einem Vierteljahrhundert auf, um die Geistlichkeit mit liegenden Gründen auszustatten. Gotteslästerung und Kirchenschändung, auch die unfreiwillige Verletzung der Ehrfurcht gegen das Allerheiligste, ward mit dem Tode bestraft. Wer dem Kirchenbanne verfiel, hatte sein Amt verwirkt. Über die Ehen entschieden die geistlichen Gerichte allein, dergestalt, daß eine Ehe nach jahrelangem Bestände wieder aufgelöst werden mußte, sobald sich eine kirchenrechtswidrige Verwandtschaft der Gatten herausstellte. Die Juden lebten in ihren ghetti eingesperrt, der Protestant durfte vor Gericht kein Zeugnis ablegen wider einen Katholiken – und dies in einem Staate, der allein auf der Halbinsel eine namhafte protestantische Bevölkerung, in seiner Waldenserhauptstadt Torre ein kleines italienisches Genf besaß. Eine zwiefache Zensur, eine geistliche und eine weltliche, behütete die Presse so sorgsam, daß nicht einmal das Wort »Verfassung« in einem piemontesischen Buche erscheinen durfte. Unter der Führung sanfter Abbati zog alltäglich das Kadettenkorps sittsam durch die Straßen von Turin. Wie die Geister durch die Kirche, so ward die Staatsverwaltung durch ein überzahlreiches vielgeschäftiges Beamtentum geleitet. Die schwachen Gemeinden, darunter nur wenige sich mit den stolzen Kommunen Mittelitaliens messen konnten, fügten sich leicht den schleppenden Geschäftsformen einer halbmilitärischen Zentralisation. Der Kriegsminister war zugleich das Haupt des Polizeiwesens; die Kommandanten der Provinzen und der Städte besorgten gemeinsam mit den bürgerlichen Beamten die Verwaltung der Sicherheitspolizei. Das gesamte geistige Leben des Staates sollte seinen Brennpunkt finden in der Hauptstadt, wo fast alle Bildungsanstalten vereinigt waren; und wie leer, wie nichtig erschien dies Darmstadt Italiens mit seinen geraden reizlosen Straßen, das fast allein durch die Bogengänge seiner Postraße an die Schönheit südlichen Lebens erinnert, neben der Kunstherrlichkeit, der bewegten Geselligkeit von Mailand und Florenz! Über der Universität stand, seit der Aufstand von 1821 die Krone zu schärferem Anziehen der Zügel bewogen hatte, meisternd und spürend die Aufsichtsbehörde der Riforma. Die königliche Bibliothek hielt das Gift der Aufklärung wohlverschlossen in ihren Schränken; selbst Gibbon und Montesquieu wurden vor dem März 1848 nicht ausgeliehen. Eine spanische Etikette beherrschte den Hof, sie bestimmte sorgsam, wer der Königin aus dem Wagen helfen dürfe, und erregte sogar den Spott des Erzherzogs Stephan. Und wie zähe die Lehren de Maistres, die Ideen der katholischen Monarchie von dem Hofadel festgehalten wurden, das bezeugt uns noch ein aus diesen Kreisen entsprungener Nekrolog auf Karl Albert: da werden die Zeiten Philipps II. und Ludwigs XIV. kurzab als die Glanztage der modernen Gesittung geschildert; denn der freche Menschengeist bedarf eines festen Zaumes, um seine volle Schöpferkraft zu entfalten. Auch die Volkswirtschaft kränkelte. Nur der Ackerbau gedieh unter den fleißigen Reisbauern der Lomellina, aber Genuas Schiffahrt hob sich nur langsam, und der Gewerbfleiß wollte trotz der Schutzzölle so wenig erstarken, daß selbst die gröbsten Baumwollenzeuge vom Auslande eingeführt werden mußten. Der Ertrag des Flachsbaues von Savoyen wanderte nach Frankreich, weil man ihn daheim nicht zu verarbeiten verstand. – Und doch wußte Fürst Metternich wohl, was er sagte, als er zur Zeit der Juli-Revolution dem französischen Gesandten zurief: »Piemont ist für uns die ganze italienische Frage.« Dieser Staat allein hatte sich, umringt von erschlafften und geknechteten Nachbarn, zwei unschätzbare politische Güter bewahrt: ein tapferes Heer und ein nationales Königtum. Wenn unsere Friedensapostel in ihrer altklugen Selbstgefälligkeit noch fähig wären, von der Geschichte zu lernen: aus den Schicksalen Preußens und Piemonts müßten sie die Erkenntnis schöpfen, daß der Krieg ein Jungbrunnen ist für die sittliche Kraft der Völker. Italiens Unheil war der faule, würdelose Friede, die lange Entwöhnung der Nation von dem edlen Handwerk der Waffen. Auch Piemont hatte Zeiten gesehen, da sein Volk mit angesteckt war von der friedensseligen Erschlaffung der Italiener, da das Volkslied spottete: Piemontese e Montferrin, pan e vin e tambourin! Aber schon Emanuel Philibert rühmte sich, daß er so viel Soldaten habe als Untertanen, und seitdem war in dem tapferen Stamme die erste der bürgerlichen Tugenden, die Grundlage aller anderen, die kriegerische Tüchtigkeit, nicht wieder untergegangen. An dem Schmettern der savoyischen Trompete erfreute sich in den Tagen Karl Emanuels jeder, der ein Mann war unter den Italienern; hier blieb noch eine Scholle italischen Landes, die sich nicht knechtisch den Winken des Hofes von Madrid unterwarf. Piemont allein hatte den Heeren der französischen Revolution zu trotzen gewagt, sieben Jahre lang ausgedauert in dem ungleichen Kampfe. Jetzt war die kleine Armee neu gegründet, die freilich mehr als ein Drittel der Staatseinnahmen verschlang und von den österreichischen Nachbarn wegen der Überzahl ihrer Marschälle und Generale verspottet ward – immerhin eine tüchtige Truppe, deren Offiziere auch auf der hohen Schule ihrer Feinde, auf den Feldübungen Radetzkys um Verona, zu lernen wußten, und, was mehr bedeutet, ein nationales Heer, beseelt von den Überlieferungen echten kriegerischen Ruhmes, gleich weit entfernt von der Landsknechtsroheit der bourbonischen Söldner, wie von der feigen Erbärmlichkeit der Schlüsselsoldaten, treu ergeben dem angestammten Herrscherhause. Nur dieser Winkel Italiens kannte den Segen der Monarchie. Ein hochstrebendes Fürstengeschlecht hatte hier, eingepreßt zwischen übermächtigen begehrlichen Reichen, die Jahrhunderte hindurch das Grenzland verteidigt, bald im offenen Kampfe, bald durch die Künste einer verschlagenen Diplomatie – wie jener Eisenkopf Emanuel Philibert, der, ein Friedensstifter und ein Held, auf dem Karlsplatze zu Turin gepanzert hoch zu Rosse sitzt und sein siegreiches Schwert in die Scheide steckt. Unberechenbar treulos gegen die bösen Nachbarn standen die Grafen von Savoyen fest zu ihrem Volke als sorgsame Herren. Sparsame Wirte, streng gegen sich und ihr Haus, nüchterne Geschäftsleute, die der Zauber der Kunst kaum je berührte, bewahrten sie, während das Schicksal in wunderlicher Laune den kleinen Staat auf und nieder schleuderte, unentwegt ihren dynastischen Stolz, ihr monarchisches Pflichtgefühl. Es gibt Staaten, die das Gesetz ihres Lebens nicht durch eine geographische Notwendigkeit, sondern durch den freien Entschluß ihrer Leiter empfangen. Wir sehen sie oft gleich einem Menschen zögernd und wählend am Scheidewege stehen, und was sie erringen, ist ihr eigenstes Werk. Hierin, in der bewußten Arbeit des Menschenwillens, liegt der tiefe Grund der oft geschilderten Verwandtschaft zwischen Preußen und Piemont. Rittlings auf den Alpen sitzend, fand der kleine Staat das Recht seines Daseins vorerst nur in der Eifersucht der Nachbarmächte; es währte lange, bis er sich selber ein festes Ziel seines Wirkens gab. Nachdem das Grafenhaus von Maurienne den Titel des Markgrafen von Italien annahm, vergingen acht Jahrhunderte, bis die Markgrafen zu Königen von Italien wurden. Viel Blut und Arbeit ward vergeudet an den unmöglichen Versuch, die Herrschaft Savoyens zugleich über Norditalien und über die französisch-schweizerischen Nachbargebiete auszudehnen; noch am Hofe Karl Alberts tauchte einmal der Plan, das Wallis zu erobern, auf als ein letzter Nachklang der alten burgundischen Politik des Hauses. Seit Emanuel Philibert die Penaten dieses frommen Hofes, das heilige Schweißtuch, von Chambery über die Alpen nach der Kathedrale von Turin führte, tritt die Richtung auf Italien immer bestimmter, zuletzt als der leitende Gedanke des Hauses Savoyen hervor. Das Stammland sinkt zu einem Nebenlande der Poebene herab. Es gilt jetzt eine selbständige subalpinische Macht zwischen die Reiche der Habsburger und der Bourbonen zu schieben und zunächst die Lombardei wie eine Artischocke blattweis zu verspeisen. Im achtzehnten Jahrhundert verzehrte man das erste Blatt – die Lomellina, das lombardische Land am rechten Ufer des Tessin. Das alte Mißtrauen gegen die Nachbarmacht im Osten ward sehr bald zur unversöhnlichen Feindschaft, nachdem die herrschende Position in Oberitalien, das mailändische Gebiet, von Spanien an Österreich gekommen war. Der blaue Rock und die harte Mannszucht der Preußen – im Potal wohlbekannt, seit die Grenadiere des alten Dessauers die blutige Schlacht vor den Wällen Turins eröffnet hatten – wurden seit den Tagen des großen Friedrichs in dem Heere der Piemontesen heimisch, und bald stachelte die Dynastie der verlockende Gedanke, ob nicht das Kreuz von Savoyen den Herrscherbahnen des preußischen Adlers folgen solle. Als Friedrich zum ersten Male versuchte, die beiden natürlichen Gegner des alten Österreichs durch ein Bündnis gegen Wien zu vereinigen, da fehlte in Turin nur die Macht, nicht der Wille; mit Freuden begrüßten die Staatsmänner Piemonts den deutschen Fürstenbund des großen Königs als einen »Schutzgott für die italienischen Staaten«. Auch der Wiener Hof hatte seines Hasses gegen den händelsüchtigen Kleinstaat kein Hehl. Derweil die austro-sardischen Heere gemeinsam gegen die Scharen der Revolution kämpften, hegte man in Wien die Absicht, die Festungen des Verbündeten zu überrumpeln, seine Truppen den kaiserlichen Regimentern einzuverleiben – ein boshaftes Ränkespiel, das dem größten politischen Kopfe des Turiner Hofes, dem Grafen de Maistre, unvergessen blieb. Der Wiener Kongreß bereitete hier wie in Deutschland dem Nebenbuhler Österreichs eine unhaltbare, schwer gefährdete Stellung. Piemont ward freilich durch die Erwerbung Liguriens eine Seemacht, und dergestalt, wie der Argwohn des partikularistischen Genuesen Brignole-Sala augenblicklich erriet, von neuem bestärkt in seinen ehrgeizigen Plänen. Aber wie mochte man hoffen, die feindselige neue Provinz mit dem kleinen Kernlande zu verschmelzen? und wie frei aufatmen in dieser furchtbaren Pressung, umklammert von den Vasallenstaaten des Wiener Hofes und von dem österreichischen Gebiete, das jetzt vom Tessin bis zur türkischen Grenze reichte? So hatte einst Preußen neben dem Rheinbunde gestanden. Auf eine friedliche Änderung der unleidlichen Lage war nicht zu hoffen. Wenn das Geschlecht der Bourbonen in Parma ausstarb und das Herzogtum Piacenza kraft alter Erbverträge an Sardinien kam, dann sollte die Festung Piacenza, der große die Ostgrenze Piemonts beherrschende und jetzt schon mit kaiserlichen Truppen besetzte Waffenplatz, ganz an Österreich fallen. Unablässig bestürmten die gewandten Diplomaten aus der Schule de Maistres, die Aglié und Brusasco, die großen Mächte mit ihren Klagen; es gelang, den alten Gönner der Kleinstaaten Italiens, Rußland, zu überreden und mit seiner Hilfe die nächste Gefahr, die Bildung eines italienischen Bundes unter Österreichs Führung, abzuwenden. In den Tagen der heiligen Allianz erschien Piemont als der besorgte Anwalt der kleinen Staaten; man faßte sogar den phantastischen Gedanken, alle Mittelstaaten Europas von der Nordsee bis zum ligurischen Meere durch ein großes Bündnis zu sichern. Nach der Revolution von 1821 erlahmte die Turiner Politik. Aber selbst der träge Karl Felix dachte zu stolz, um teilzunehmen an den Huldigungen, welche die italienischen Satrapen dem Kaiser Franz bereiteten, und in Wien wollte man nie ein herzhaftes Zutrauen fassen zu diesem Geschlechte, das freilich mit dem Kaiserhause eng verschwägert, aber – die einzige italienische Dynastie der Halbinsel und seit dem Untergange der Republik Venedig der einzige Vertreter einer nationalen Staatskunst war. Während dergestalt der Staat langsam in das italische Land hineinwuchs, begann in seinem Volke noch langsamer und folgenreicher eine Wandlung der Geister, sie hebt an mit dem großen Namen Vittorio Alfieri. Mit der Kraft und Kühnheit seiner schweren piemontesischen Natur hat dieser Dichter des Willens zuerst unter den neueren Italienern den Gedanken der Einheit Italiens aufgegriffen; er macht Ernst mit dem Traume, arbeitet daran, sein Piemontesentum abzulegen (spiemontizzarsi) , er wirft den rauhen Dialekt seiner Heimat hinweg, lernt die schöne Sprache von Toskana, wird ein Italiener schlechtweg. Einsam unter den Zeitgenossen, klagt er oft: bin ich allein von Stahl und die Italiener von weichem Tone? Nach seinem Tode begann sein Beispiel Früchte zu tragen. In stiller Arbeit, mit hellem Bewußtsein sind die Piemontesen zu Italienern, mit den fremden Gütern der alten nationalen Bildung vertraut geworden. Das verspottete Böotien Italiens, dessen Volksmasse noch lange die Lombarden als »Italiener«, als eine fremde Nation mißtrauisch betrachtete, ward endlich in den vierziger Jahren einer der Mittelpunkte der geistigen Bewegung der Halbinsel, schenkte der Nation in Gioberti und Balbo, Azeglio und Durando ihre besten politischen Schriftsteller. Von hier, aus Cäsar Balbos Mund, erklang das erweckende Wort: die Unabhängigkeit ist für ein Volk, was die Schamhaftigkeit für ein Weib. Und eher nicht hat Italiens politische Arbeit Kraft und Stetigkeit und Haltung gewonnen, als bis sie von den zuchtlosen Stämmen des Südens hinüberdrang in das strenggeschulte Volk von Piemont. Nur langsam konnte diese Entwicklung sich vollziehen; der herrschende Stand von Piemont, der Adel, stand ihr lange fern. Die Söhne dieser stolzen und zumeist armen Geschlechter verbrachten ihre jungen Tage am Hofe, im Heere, in den Ämtern, und schlossen ihr Leben mit einem patriarchalischen Regimente auf ihren Gütern. Es war eine enge Welt von unbeschreiblicher Armseligkeit der Bildung, eine Hölle für jeden freien Geist, unerträglich selbst für den milden und bequemen Sinn Massimo d'Azeglios. Der »Cavajer« sprach französisch oder am liebsten den rohen Dialekt des Landes, fast niemals italienisch; er lebte und webte in den Leiden und Freuden der Vetterschaft, ehrte die Kirche und den König, sah auf den »Bourgeois« mit einem Junkerstolz hernieder, den die Patrizier von Mailand und Bologna nicht kannten. Nicht der Schimmer einer Idee drang in diese harten Köpfe. »Es gibt nur zwei wahre Freuden auf Erden, die Liebe und den Krieg« – sagte Cäsar Balbo diesem Adel aus der Seele. Aber wie aus Azeglios goldenem Buche i miei ricordi durch allen Spott hindurch immer wieder die Liebe zu den Standesgenossen hervorbricht, so darf auch das historische Urteil den sittlichen Kern dieser Aristokratie hinter der widerwärtigen, oft lächerlichen Hülle nicht verkennen. Dieser Stand war der einzige politische Adel, den Italien noch besaß. Er hatte ein Vaterland, er arbeitete für den Staat, er war hundertmal für sein Königshaus in die Schlacht gezogen. Welch ein Abstand von Rom, wo der Adel in geilem Prasserleben verkam, wo ein Schweif von amanti, patiti und galanti jeder gefeierten Schönheit nachzog, wo Schmarotzer und Improvisatoren sich schmeichelnd an die üppigen Tafeln der Vornehmen drängten, wo das System des galanten Müßiggangs sich zu einer wohlgegliederten Hierarchie ausgebildet hatte! In dem derberen und gesunderen Leben der Aristokratie von Piemont erwuchsen Charaktere wie der Vater Azeglios, der strenge makellose Mann, der um seines Königs willen das Brot der Verbannung gegessen hatte und dann jahrelang ohne Klagen als ein treuer Untertan die unverdiente Ungnade desselben Königs ertrug. Die alten Herren, die selber für die blaue Kokarde und das Kreuz von Savoyen gekämpft und geduldet, sie sollten dereinst, auf des Königs Ruf, willig ihre Söhne unter die gehaßten dreifarbigen Fahnen stellen und mit der Fassung spartanischer Bürger ertragen, daß das alte Piemont für das neue Italien blutete. In diesem Geiste der Pflichttreue und des patriotischen Stolzes lag die Gewißheit der Heilung für die Gebrechen des Staates. Die Krone hatte bei all ihrer Frömmigkeit niemals einen Übergriff des römischen Stuhles geduldet, der Adel bei all seinem Hochmute nie gepraßt von dem Schweiße des Volkes. Die Verwaltung arbeitete so langsam und pedantisch, daß man die affari interni spottend affari eterni nannte, doch sie bewährte eine in Italien unerhörte Redlichkeit. Der Staatshaushalt war so wohl in Ordnung, daß die Regierung vor der Revolution von 1848 hoffen konnte, den Eisenbahnbau zwischen Turin und Genua – die großen Brücken über den Po und Tanaro, den weiten Tunnelweg durch die Pässe der Bocchetta – ohne eine Anleihe, allein aus den baren Mitteln des Staates zu vollenden. Das Volk des oberen Potals glaubte an sich und an seinen Staat, stand neben den höher gebildeten Nachbarn mit einem Selbstgefühl, das diesen unbegreiflich schien. Schon Napoleon fand, hier sei gar kein Stoff für eine Revolution; und noch in unseren Tagen gelangten mißgünstige Fremde, wie Graf Rayneval, wenn sie die strengen monarchischen und militärischen Überlieferungen der Piemontesen mit der Schlaffheit und dem verworrenen Radikalismus der übrigen Italiener verglichen, zu dem voreiligen Schlusse, dies kräftige Sonderleben gehöre nicht zu Italien. Wie einst in den Wettkämpfen von Sparta und Athen, von Rom und Griechenland, von Venedig und Florenz, so sollte auch in Italiens neuester Geschichte sich bewähren, daß in den großen Entscheidungsstunden des Völkerlebens nicht das Genie den Preis davonträgt, auch nicht die Tugend, sondern der Charakter. Nur von diesem Gemeinwesen – dem einzigen, das ein Staat war – konnte Italiens Rettung ausgehen, und der Mann, der das adlige Piemont in die steilen Bahnen revolutionärer Staatskunst hineinreißen wollte, mußte selber ein Aristokrat sein. In solchen Umgebungen ist Camillo Cavour aufgewachsen. Das alte Haus Benso aus Chieri führte seinen Grafentitel von dem Städtchen Cavour, dessen Name in der Geschichte Piemonts einen guten Klang hat; denn von hier erließ einst Emanuel Philibert das Toleranzedikt für seine Waldenser. Von den protestantischen Erinnerungen, welche der Name erweckt, war indes in der Haltung der Familie nichts zu spüren; die Grafen standen allesamt fest zu dem Throne und der römischen Kirche, rühmten sich ihrer Verwandtschaft mit dem heiligen Franz von Sales. Nur einmal, in der napoleonischen Epoche, hielt die royalistische Gesinnung des Hauses nicht stand; Camillos Vater trat in den Hofstaat des Fürsten Borghese, der als Vertreter seines Schwagers Napoleon in Turin Hof hielt. Die Gemahlin des Fürsten hob den kleinen Camillo aus der Taufe, der am 10. August 1810 als französischer Untertan geboren war. Nach der Rückkehr des Königshauses suchte der alte Graf durch den Eifer seiner royalistischen Ergebenheit den Fehltritt zu sühnen; er wurde späterhin Vikar von Turin, das will sagen: zweiter Polizeiminister des Königreichs, spürte fleißig den Umtrieben der Demagogen nach. In seinem Palaste verkehrten täglich der österreichische Gesandte und die Führer der klerikalen Partei, der Cattolica. Für Cavour, wie für die meisten ungewöhnlichen Männer, ist das Vorbild der Mutter bedeutsamer geworden, als der Einfluß des Vaters. Durch die geistreiche Frau, eine Genferin aus dem Hause Sellon, und ihre protestantischen schweizer Verwandten drangen einzelne moderne freie Ideen in das ehrenfeste Grafenhaus. Der strenge Sinn des Vaters und der frühreife freie Geist des Sohnes sind wohl oft heftig aneinander geraten; so schwer waren diese häuslichen Kämpfe doch nicht, daß sie den leichten frohen Mut des jungen Grafen verdüstert hätten. Er lernte im Verkehr mit andersdenkenden Verwandten früh, was vollständig nur die persönliche Erfahrung lehrt, die Gewohnheit der Duldung. Die Erbsünde des gemäßigten Liberalismus, die doktrinäre Rechthaberei, blieb ihm fremd; mit seinem strengkatholischen älteren Bruder Gustav stand er sein Lebtag in herzlichem brüderlichem Verkehr. Der Knabe trat nach adliger Sitte in die Militärakademie; hier ward ihm als einem vornehmen Herrn die Auszeichnung, daß er als Page bei dem Prinzen von Carignan Dienst leisten sollte. Aber seinem Stolze, seiner unbändigen Lebhaftigkeit war der Zwang der Etikette unleidlich, er zog sich die Ungnade seines Prinzen zu, der über den Formen höfischer Sitte mit feierlicher Strenge wachte. So war der Grund gelegt zu jener tiefen Abneigung, welche König Karl Albert und der mächtige Minister seines Sohnes einander immer bewahrt haben. Auch in der Armee war seines Bleibens nicht; der junge Ingenieurleutnant wurde als ein unruhiger Kopf beargwöhnt, da er seine liberalen Neigungen, seine Freude über die Juli-Revolution nicht verhehlte, und in die entlegene Bergfeste Bard versetzt. Nun nimmt er seinen Abschied, wirft sich auf die Landwirtschaft mit einer bürgerlichen Arbeitsfrische, die seine steifen Standesgenossen erschreckt. Er ist früh mit sich im reinen, nach der Weise tatkräftiger Naturen, und wie glücklich, wie harmonisch erscheint er in seiner Einseitigkeit – einer jener seltenen Menschen, die nichts wollen, was sie nicht können. Ein mathematischer Kopf, militärisch gebildet, hat er die alten Sprachen nie verstanden, die Gedichte Dantes und Ariostos nie gelesen; die Fragen der Politik erschienen ihm wie Probleme der Integralrechnung. Während Gioberti seine Landsleute ermahnte, durch andächtige Versenkung in das klassische Altertum zum Bewußtsein ihres Volkstums, zur italianità sich hindurchzuarbeiten, stand dieser Mann mit jeder Kraft seines Geistes in der modernen Welt, ganz der Gegenwart und einer großen Zukunft zugewendet. Er kannte die gesunde Prosa seiner Natur, lachte gern über die Armut seiner Phantasie, meinte späterhin, er könne leichter die Einheit Italiens zustande bringen als ein Sonett. Und weil er sich selber von Grund aus kennt, weil kein Trieb seiner Seele dem anderen widerspricht, darum redet aus jedem seiner Worte jene Heiterkeit im Verstande, welche das Kennzeichen harmonischer und reicher Begabung ist. Das Grübeln über Ich und Nichtich überließ er lachend seinem Bruder, und die schwermütigen Verse, die sein träumerischer Freund Pietro di Santa Rosa ihm zusang: »gemeinsam zu klagen, Camillo, sei jetzt der Trost für die niedergeschlagene Seele,« paßten wenig für seine frische Lebenslust. Diese goldene Laune, diese derbe Natürlichkeit machen das Bild des Mannes uns modernen Menschen rasch vertraut; denn keine Epoche der Geschichte hat auf den fröhlichen Lebenshumor, auf die kurz angebundene Einfachheit größeren Wert gelegt als die Gegenwart, die mit Bewußtsein aus einer Zeit sentimentaler Überschwenglichkeit herauswächst. Sah man den untersetzten lebhaften Mann mit dem behaglichen Lächeln auf dem breiten Gesichte, wie er sich in den Sessel warf, beide Hände in den Hosentaschen, die Beine fast nach Türkenart verschränkt, und unter schmetterndem Gelächter übermütige Witze herausplauderte; beobachtete man diese lockeren Junggesellensitten, die Lust am hohen Spiele und die galanten Abenteuer, die noch in späten Jahren, wenn ein Redner leise darauf anspielte, die Heiterkeit des Parlamentes erregten – so wähnte man leicht, nur einen glänzenden Lebemann vor sich zu haben. Nichts von der Kälte, der zugeknöpften Behutsamkeit des Piemontesen; niemals lernte Cavour jene Feierlichkeit der Amtsmiene, die seine Landsleute, mit einem ihren spanischen Herren entlehnten Worte, sussiego nennen. Er liebte noch als Minister, im Kreise der Freunde das Pathos seiner Gegner durch groteske Gebärden nachzuahmen, durch neckische Schelmenstreiche die Genossen in Atem zu halten, und ist oft, wenn er eine Depesche geschrieben, pfeifend und die Hände reibend im Zimmer umhergelaufen wie ein Schulbube, der sein Pensum glücklich abgetan. Und welche Meisterschaft der Menschenkenntnis und Menschenbehandlung offenbarte sich doch in dieser bestrickenden Liebenswürdigkeit, die sich nie langweilte, jedem etwas zu sein und bei jedem da anzuklopfen verstand, wo auch aus der trockensten Seele ein Quell springt! Auch seine gesprächige Offenherzigkeit, die doch kein Wort zuviel sagte, erwies sich bald als eine furchtbare Waffe gegen die gemeine Mittelmäßigkeit der Diplomatie, welche solcher Keckheit ungewohnt hinter jedem Worte eine Falle fürchtet. Wie rasch und sicher faßt der Mann, der so übermütig mit dem Leben spielt, sich alsbald zusammen im Bewußtsein seines Wertes, sobald ein bedeutender Gegenstand ihn erregt: dann lagert sich ein tiefer Ernst über die breite Stirn, die Klarheit eines mächtigen Verstandes redet aus den stechenden, tiefliegenden Augen, er wird nicht müde, zu fragen und zu forschen, entfaltet im leichten Gespräche eine Fülle selbständiger Gedanken, ein erstaunliches Wissen. Denn bis zu den Romanen englischer Blaustrümpfe herab las er alles, was seinem Kopfe einen tatsächlichen Stoff bot; auch die Kunst, auch die alte Geschichte lernte er kennen, nicht als ein Gelehrter, sondern als ein Mann der Tat, der das Treiben der Menschen übersehen und beherrschen will. Sein bestes Wissen dankte er dem Leben; auch an ihm bewährte sich die alte Erfahrung, daß der Realismus des Heerwesens und der Landwirtschaft die beste Vorschule für den Staatsmann bildet. Glücklicher als in dem schönen Parke des Familiengutes Santena, wo heute seine Leiche ruht, ward diesem Arbeitsmanne zu Mute in der weiten baumlosen Ebene, wo sein neuerworbenes Landgut Leri lag. Dort in den feuchten Reisfeldern, unter fleißigen Tagelöhnern und stattlichen Herden schaltete er als Meister; da wurden neue Untergrundpflüge versucht und Riesenspargel gepflanzt, ganze Schiffsladungen voll Guano aus England verschrieben – denn »ich kann nichts halb tun« – und der mäßig bemittelte jüngere Sohn des Grafenhauses ward durch eigene Arbeit Millionär. Bald hatte er seine Hand in allen den industriellen Unternehmungen, welche sich in jenen schläfrigen Tagen hervorwagten, errichtete Zuckersiedereien und Düngerfabriken, ward ein Mitgründer der Bank von Turin, der Paketbootfahrt auf dem Langensee und verdiente sich abermals das Mißtrauen der Regierung. Man ahnte in Turin dunkel die Verwandtschaft des neuen Großgewerbes mit dem Liberalismus. In der Tat, nicht als eine Kunst reich zu werden erschien dem Grafen die Volkswirtschaftslehre, obwohl er willig zugab, daß sie nur die jüngere Schwester der moralischen Wissenschaften sei. Er erkannte, welchen Schatz von psychologischem Tiefsinn und werktätiger Menschenliebe ihre trockenen Sätze bergen, und wünschte die einseitig literarisch-philologische Erziehung der Italiener durch eine tüchtige technische Bildung zu ergänzen. Cavour hatte mit eisernem Fleiße die gesamte Literatur der Nationalökonomie sich zu eigen gemacht; diese Studien blieben sein Liebling; statistische Berichte und technologische Abhandlungen bedeckten noch in seiner Todesstunde seinen Schreibtisch. Er ward ein begeisterter Freihändler, weil er ein Staatsmann war, weil er in der Entfesselung der Arbeitskräfte die Voraussetzung der politischen Freiheit sah. Das soziale Leben galt ihm so sehr als die Grundlage aller Politik, daß er später dem russischen Gesandten sagen konnte: »der kommunistische Gemeindebesitz eurer Bauern ist uns gefährlicher als alle eure Heere.« Er begünstigte die Kleinwirtschaft freier Bauern als ein sittliches Gegengewicht gegen die einseitige Ausbildung des städtischen Lebens in Italien. Sein vornehmer Sinn, der die Dinge im großen überschaute, hatte nur ein Lächeln für jene subalternen Praktiker, welche, auf örtliche, zufällige Erfahrungen sich berufend, die Theorie für eine Feindin der Praxis erklären. Ihm ist kein Zweifel, daß jede richtig gedachte Theorie in der Anwendung unfehlbar die Probe halten müsse, er redet mit Zuversicht von der »unbesiegbaren Macht der Wahrheit«. Ihn durchglüht der frohe Optimismus der Tatkraft, alle seine Fehler sind Fehler der Kühnheit. Und was die Macht des Glaubens auch im Staatsleben bedeutet, wie überlegen in den großen Tagen der Völker die Männer auftreten, welche zu glauben vermögen an sich und ihre Sache, das sollte eine nahe Zukunft in Deutschland und Italien abermals erhärten. Als das höchste Ziel von Cavours politischen Gedanken erscheint schon früh die Befreiung Italiens. Er besaß das historische Gefühl der Aristokratie, fühlte sich und sein Haus fest verwachsen mit dem Staate Piemont – ein Vorzug des Adels, der von den italienischen Demokraten williger anerkannt wird als von den deutschen. Von blondem Haar und heller Haut, wie die meisten seiner Stammesgenossen, hatte er in seinem Äußern nur das Feuer des Auges mit dem ungemischten italienischen Blute gemein; er sprach mit Vorliebe französisch, sein Italienisch wollte dem reizbaren Ohre der Männer von Toskana nie ganz gefallen. Wie war er stolz auf dies Grenzvolk, das an den Vorzügen der Germanen und der Romanen zugleich Anteil habe; seine ernste und schmucklose Vaterstadt behagte ihm besser als das ewige Rom, das er nie betreten mochte. Er lebte in den großen Erinnerungen des Hauses Savoyen, schwärmte für die rücksichtslose Tatkraft des ersten Karl Emanuel, den er gern neben Friedrich und Napoleon stellte, und nannte selbst Karl Emanuel III., der dem Fremden wenig bedeutend erscheint, einen großen König, in dankbarer Erinnerung an die wirtschaftlichen Reformen des aufgeklärten Despoten. Schon seine ersten Schriften preisen »die glorreiche Politik, welche die savoyische Dynastie zur ersten in Italien gemacht hat und sie in Zukunft zu noch höheren Geschicken erheben wird.« So fallen ihm der Stolz des Piemontesen und die Hoffnung des Italieners in eines zusammen; auch er nimmt teil an der stillen Umbildung seines Stammes, wird mit hellem Bewußtsein ein Italiener. Hart lastet auf ihm der Gedanke, daß seine Nation die letzte sein soll unter den großen Kulturvölkern. »Sagen Sie Ihren Landsleuten,« schreibt er in seinem neunzehnten Jahre flehend an einen englischen Freund, »daß die Italiener der Freiheit nicht unwürdig sind.« Die Scharen kunstsinniger Fremder sind seinem nationalen Stolze peinlich; dann erst sollen sie ihm willkommen werden, »wenn wir gelernt haben die Fremden auf dem Fuße vollkommener Gleichheit zu behandeln.« Seine Hoffnung bleibt »die Vertreibung der Barbaren«, und sei es auch mit Frankreichs Hilfe. »Ach,« ruft er im Jahre 1832, »wenn Frankreich im vergangenen Jahre das Schwert gezogen hätte!« Auf Augenblicke regt sich ihm wohl das dämonische Ahnungsvermögen des Genius. »Ich habe einen ungeheuren Ehrgeiz,« gesteht er nach seiner Entlassung aus der Armee. »Glauben Sie mir, ich werde meinen Weg machen. In meinen Träumen sehe ich mich schon als den Minister des Königreichs Italien.« Doch es bestraft sich schwer, wenn der Historiker, nach der Weise der Dramatiker, die Menschen und ihre bewußten Pläne überschätzt, die Macht der Ereignisse unterschätzt; am allerwenigsten bei diesem praktischen Genius, der mit seinem Volke wuchs, dürfen wir eine bestimmte Rechnung für die unberechenbare Zukunft suchen. Jenem einen übermütigen Briefe stehen hundert andere entsagungsvolle Worte gegenüber, welche bezeugen, daß Cavour vorerst darauf verzichten mußte, in dem alten Piemont als ein Staatsmann zu wirken. Vertreibung der Österreicher durch das gute Schwert der Piemontesen – das ist die einzige bestimmte Hoffnung, die wir aus den patriotischen Träumen seiner Jugend herauslesen; an ihr hat er festgehalten mit der nachhaltigen Glut eines großen Herzens, mit einer Macht der Leidenschaft, die sich unendlich selten verriet, wenn plötzlich aus dem leichten Gespräche des Weltmannes der Todhaß gegen die Unterdrücker seines Vaterlandes hervorblitzte. Durch welche Menschen und auf welchen Wegen seiner Nation die Erlösung kommen werde, das maßte er sich nicht an vorherzuwissen. Er spottete der eigensinnigen Kinder, die der erhabenen Vernunft der Geschichte den Plan ihres eigenen Hirnes unterschieben. Er fühlte in sich die Kraft und die Lust des Herrschens; er war bereit, wenn das Schicksal rief, für die Unabhängigkeit seines Landes zu kämpfen mit jedem wirksamen Mittel, auch die Mittel und die Männer zu wechseln, dem politischen Gegner zum gemeinsamen Werke die Hand zu reichen, denn »in der Politik ist nichts abgeschmackter als der Groll«. Durch solche Beweglichkeit der Tatkraft erscheint er als ein echter Italiener; seine politische Moral, obschon geläutert durch menschenfreundlichen Sinn und hohe Bildung, läuft doch hinaus auf das vermessene Sprichwort, das einst im Getöse der bürgerlichen Kämpfe zu Florenz aufkam: cosa fatta capo ha. »Er bekannte – so sagte mir einer seiner Freunde – die Philosophie des möglichen, die trefflichste praktische Philosophie, die es gibt.« Ein listiger Zug schlauer Berechnung tritt auf den besten Bildern in seinem Gesichte sehr stark hervor; lächelnd pflegte er zu sagen, für umsichtig zu gelten sei in der Politik noch wichtiger, als umsichtig zu sein. Die Mehrzahl seiner heimischen Biographen preist an ihm nichts so freudig, wie die meisterhafte Kunst der Verstellung; sie erkennen darin die Überlegenheit des italienischen Genius, des antico senno italiano , gegenüber der Plumpheit der Barbaren. Während Cavour vermied, für die noch im Nebel verschwimmende italienische Frage sich ein Programm zu bilden, hatten ihn die greifbaren Fragen der inneren Politik seiner Heimat sehr bald zu einer bestimmten Parteimeinung geführt. Er hatte früh gebrochen mit den Vorurteilen seines Standes, gründlicher gebrochen als selbst Massimo d'Azeglio, der häufiger als Cavour die Unsitten des Adels geißelte und dennoch den stolzen Edelmann nie verleugnen konnte. Schon das Lakaienkleid des Pagen machte den jungen Mann erröten, und auf den Flittertand, der an dem höfischen Leben haftet, sah er stets mit Spott und unverhohlener Verachtung. Doch er blieb Aristokrat in allen Lebensgewohnheiten, unfähig, ungeneigt, auf die Massen unmittelbar zu wirken. So erklärt sich, warum dieser freie Geist schon in dem Alter, das den kühnen Abstraktionen zufliegt, bedächtig in eine mittlere Richtung einlenkte. Er war konstitutioneller Monarchist von der Stunde an, da er selbständig zu denken vermochte, nannte sich gern einen Mann des juste-milieu . Nicht daß er als ein ängstlicher Eklektiker die Extreme zu vermeiden suchte: er wußte schon in seiner Jugend, daß die Politik nur relative Gegensätze kennt, nur durch Kompromisse vorwärts schreitet, und wählte sich von links und rechts die lebensfähigen Gedanken. »Über alle wesentlichen Punkte der Politik,« schreibt er im Jahre 1843 an Santa Rosa, »über alle großen sozialen Fragen haben sich meine Ansichten nicht geändert, und sie werden sich niemals ändern. Ich war im Jahre 1831 ein Anhänger des gemäßigten Fortschritts, wo er möglich war. Wo er unmöglich war, da, glaubte ich in jener Zeit, könne man ihn durch gewaltsame Mittel zu erreichen suchen. In dieser Hinsicht hat sich mein Urteil erheblich umgewandelt; ich gestehe, daß ich heute sehr viel weniger geneigt bin, die Gegenwart den ungewissen Wechselfällen der Zukunft zu opfern.« Die Verschwörungen der Radikalen erregten schon in jungen Jahren den Widerwillen seines sittlichen Gefühles, den Widerspruch seines Verstandes. Er fand, die unreife Empörung von 1821 habe den Tag der Freiheit nur hinausgeschoben, und selbst die harten Maßregeln der Kabinette nach der Juli-Revolution entschuldigte er mit dem Gebote der Selbsterhaltung. Die Republik scheint ihm in den Großstaaten Europas unmöglich, denn sie setze einen Grad der Massenbildung voraus, den wir erst zu erstreben haben. Das ungehemmte Spiel der sozialen Kräfte ist das Wesen der Freiheit, nur die Monarchie stark genug, solche Freiheit zu schützen. Und wie hoch und vielseitig faßt er dies humane Ideal! Er weiß nichts von jener Selbstsucht des französischen Liberalismus, die den Zwang wider die Gegner im Namen der Freiheit fordert; er will das gleiche Recht auch für den Feind, und vor allem für die Kirche. Der kirchenfeindliche Sinn der Liberalen Frankreichs hat wohl bei der Masse der italienischen Patrioten, die zwischen Unglauben und Aberglauben haltlos schwankte, vielen Anklang gefunden, niemals bei ihren Führern. Silvio Pellico und Manzoni, Gioberti und Balbo, Rossi und Boncompagni, sie alle erkennen in dem römischen Stuhle eine gloria italiana , das letzte Vermächtnis einer großen Zeit, da Italien die Herrschaft der Erde behauptete. Selbst Alfieri, der den Hohenpriester gern zu der Hütte und dem Fischernetze des heiligen Petrus zurückführen wollte, verdammte unbarmherzig die deutschen Protestanten wie die Pariser Vernunftanbeter als zügellose Ungläubige; und Niccolini, der unter allen Patrioten Italiens dem heidnischen Altertum am nächsten steht, redet doch über Gott und göttliche Dinge mit einer frommen Scheu, die ein französischer Freigeist verspottet hätte. Auch auf diesem Gebiete erscheint Cavour als ein Sohn seines katholischen Volkes. Zu grübeln über religiöse Dinge lag seinem weltlichen Sinne fern; immerhin ward er, wie die meisten Staatsmänner, von diesen Fragen ungleich stärker angezogen als durch die Welt der Kunst. Er hörte mit Achtung, wenn sein Bruder und dessen Freunde, der fromme Dichter Manzoni, der schwärmerische Abbate Rosmini, über die höchsten Geheimnisse sprachen, wenn Santa Rosa die weihevolle Feier des römischen Osterfestes mit brünstiger Begeisterung schilderte. Die Kirche der Autorität galt ihm als die natürliche Freundin des Liberalismus; nur zufällige historische Umstände sollten verschulden, daß bisher die Freiheit des Staates in protestantischen Völkern am glücklichsten gediehen ist. Er sah mit Kummer, wie die Kirche durch die Ausschweifungen der Revolution dem Despotismus in die Arme getrieben ward, und jubelte auf, als er in Paris den Abbé Coeur von der Kanzel herab den Glauben und die Freiheit zugleich verteidigen hörte. »Sobald diese Lehren,« versprach er seinem Santa Rosa, »von der Kirche allgemein angenommen sind, bin ich bereit, ein ebenso glühender Katholik zu werden wie du.« Tocquevilles Werke, von den Franzosen kaum verstanden, waren dem jungen Italiener recht aus dem Herzen geschrieben; er glaubte mit dem französischen Denker, nur eine freie Kirche werde dem Vaterlande, nur eine mit selbständigem Grundbesitz ausgestattete Kirche werde der bürgerlichen Gesellschaft Verständnis und Treue entgegenbringen. Belgien erschien ihm als ein Staat des idealen Glückes; noch berührte ihn kaum das Bedenken, ob nicht eine Kirchenpolitik, welche der Kirche zugleich die absolute Selbständigkeit eines Schachklubs und die bevorrechtete Stellung einer öffentlichen Korporation verleiht, statt der Freiheit einen Staat im Staate gründen müsse. Zur Reife gelangten die Ideen Cavours erst, da es ihn hinaustrieb aus der Finsternis des alten Piemont, um auf Reisen eine kosmopolitische Bildung zu erwerben. In Italien leider konnte ein politischer Kopf seine Nahrung nicht finden; selbst ob er es durfte, schien zweifelhaft. Den sorgenden Blicken der k.k. Polizei war auch dieser unbedeutende junge Mann nicht entgangen; schon im Jahre 1833 warnte sie ihre Werkzeuge vor dem Grafen, der »trotz seiner Jugend schon sehr weit vorgeschritten ist in der Verderbnis seiner politischen Grundsätze«. Gleich allen Liberalen der dreißiger Jahre bewunderte Cavour die berufene »große Konzeption« Lord Palmerstons, er sah in den Westmächten die Beschützer der europäischen Freiheit, in Italien und Polen die zwei Unglückskinder des Weltteils, die von einer Revolution das Größte zu hoffen hätten. Die Schicksalsverwandtschaft der beiden »liberalen und katholischen« Duldervölker rührte sein Herz, er hörte gläubig die Märchen der polnischen Flüchtlinge und stellte den Götzen des modernen Sarmatentums, Mickiewicz, dicht neben Shakespeare und Dante. Die Westmächte aber, deren Zwietracht er als der Übel größtes, als den Anbruch eines neuen Zeitalters der Barbarei fürchtete, wurden ihm vertraut wie eine andere Heimat. Die Neigung seines halbfranzösischen Blutes zog ihn nach Paris. In den Salons von Molé, Pasquier, Broglie lernte er den ganzen Zauber seiner Liebenswürdigkeit entfalten und ein hochaufgeregtes geistiges Leben als eine Segnung des Repräsentativsystems schätzen. Er schwelgte in den Reizen dieser »geistigen Hauptstadt der Welt« und bekehrte durch sein Entzücken selbst den Franzosenhasser Santa Rosa: »man lebt hier ein sehr weltliches Leben, aber man berührt auch die ernstesten Seiten der Welt.« Auch daheim wollte er den anregenden Umgang der Franzosen nicht missen; wie oft hat er mit seinem Freunde, dem Grafen Haussonville von der französischen Gesandtschaft, über den Parlamentarismus gestritten, wie oft den Gesandten, Herrn von Barante, nach Tisch in ein Seitenzimmer geführt, um durch unablässiges Fragen die Geheimlehren der neuen Freiheit zu ergründen. Begreiflich, daß er im Verkehre mit Barante und Broglie eine sehr günstige Meinung von den Pariser Doktrinären faßte. Erst die wirtschaftliche Unfruchtbarkeit des Julikönigtums und vornehmlich Guizots klägliche Politik gegen Italien offenbarte dem Piemontesen die Gebrechen dieses Systems. Ungleich wichtiger ward ihm der wiederholte Aufenthalt in England. Im Jahre 1835 ging er mit Santa Rosa zum ersten Male über den Kanal. Der schwärmerische Freund vermißte schmerzlich in dem Nebellande die Sonne seiner Heimat, stahl sich oftmals abseits, um über den Werken der englischen Dichtung zu träumen. Der junge Volkswirt aber durchstöberte unermüdlich unter der kundigen Führung des Technikers W. Brockedon Fabriken und Banken, Docks und Bahnhöfe, fand des Schauens kein Ende unter den Wundern des Weltverkehrs. Später lernte er Englisch, kehrte wieder, saß als andächtiger Zuhörer im Hause der Gemeinen, um die Technik der Geschäftsordnung, das Wesen parlamentarischer Beredsamkeit zu ergründen. Noch wenige Jahre vor seinem Tode ist er einmal mit einem Agenten der geheimen Polizei durch die verrufensten Winkel von London gezogen, um von den Nachtseiten der modernen Gesellschaft eine lebendige Anschauung zu gewinnen. Wie bewunderte er »diese Erstgeborene der Freiheit, diese Königin der Meere,« die überall in der Welt »die Feinde der Freiheit und die Revolutionäre zu ihren bittersten Gegnern zählt!« Hier erst, inmitten der Selbstverwaltung der Grafschaften, ging ihm das Wesen eines freien Staates auf, er haßte jetzt die napoleonische Zentralisation als die letzte Quelle der meisten Leiden der modernen Gesellschaft, als die Mutter des Kommunismus. Cavour bezeigte in Brüssel dem verbannten Patrioten Gioberti seine Verehrung, lernte die Schweiz kennen durch wiederholte Besuche in dem verwandten Hause der de la Rive am Genfer See, stand mit den Staatsmännern aller Länder des Westens in lebhaftem Verkehr. Der Umgang mit den Fremden war ihm, wie den Besten seiner Landsleute, zugleich ein Mittel, um für sein Land jene warme Teilnahme der öffentlichen Meinung zu erwecken, welche dereinst das Werk der Befreiung fördern sollte. Nur mit unserem Vaterlande und seiner Sprache ward Cavour niemals ganz vertraut. An manche schwer verständliche Erscheinungen des widerspruchsvollen deutschen Staatslebens legte er kurzerhand den Maßstab seiner westeuropäischen Freiheitsbegriffe: die Lehren F. Lists erschienen ihm lediglich als die Frucht eines krankhaft und einseitig entwickelten Nationalstolzes. Die sozialen Bewegungen in Großbritannien boten dem Volkswirt den ersten Anlaß, sich als Schriftsteller zu versuchen. Er gab eine Flugschrift heraus über Irland, schrieb, noch bevor Cobdens Agitation gesiegt hatte, eine Abhandlung über die englischen Korngesetze, dann nach dem Triumphe der Freihändler einen hoffnungsvollen Aufsatz über die Einwirkung der neuen Handelspolitik Englands auf Italien. Wohl mochte er jubeln, als seine Weissagung in Erfüllung ging und gerade in dem Lande der praktischen Leute, der Feinde der Doktrin, die wahren volkswirtschaftlichen Lehren, die rette dottrine , den ersten vollständigen Sieg erfochten: nun wird die Schutzzolltheorie, die Tochter alter Vorurteile, der bequeme Vorwand für selbstsüchtige Interessen, überall so unfehlbar fallen, wie einst die Astrologen den Astronomen das Feld räumen mußten. Cavour schreibt den Stil des praktischen Mannes, schlicht, scharf und klar; man erkennt den Geist, der gewohnt ist, schwere mathematische Aufgaben im Kopfe zu lösen. Er wirft manchmal, wo er nicht Zeit hat zum Verweilen, achtlos einen trivialen Satz hin, gleich dem verwandten Genius Friedrichs des Großen, und wie dieser geht er stets geradeswegs auf den Kern der Frage los, findet immer einen greifbaren sicheren Schluß. Weit entfernt, nach der Weise geistreicher Dilettanten blendende Paradoxen aufzustellen, wiederholt er unbefangen die überlieferten Sätze der englischen Schule: Smiths Freihandelstheorie, die Bevölkerungslehre des Malthus, deren Härte diesen logischen Kopf keineswegs abschreckt, und mit besonderer Vorliebe die mathematische Schlußfolge der Grundrentenlehre Ricardos. Careys Einwände wider die Freihandelslehre hat er nie eines Wortes gewürdigt. Neu und bedeutend erscheint er nur in der Anwendung jener Sätze auf das Leben. Seit die Mittelstaaten Italiens endlich langsam in die Bahn der Reformen einlenkten, stand ihm fest, daß an die politische Auferstehung auch das risorgimento economico sich anschließen müsse; denn »die Bedingungen des politischen und des wirtschaftlichen Fortschritts sind identisch«. Dies Wort erinnert an manche verrufene Aussprüche Napoleons III. und steht doch im schärfsten Gegensatze zu der materialistischen Staatsweisheit der Bonapartes. Cavour will nicht durch den Lärm der Arbeit und der Schwelgerei die Völker für den Verlust der Freiheit trösten; er würdigt ruhig den untrennbaren Zusammenhang von Leib und Seele, sieht in den nahe verwandten schutzzöllnerischen und kommunistischen Lehren der Franzosen einen wesentlichen Grund der Unfreiheit ihres Staates, in der gereiften Volkswirtschaftslehre den besten Bundesgenossen des Liberalismus: »der Despot verhandelt mit dem Demagogen, dem Nationalökonomen verzeiht er nie.« Von der Anglomanie, die Cavours Gegner in diesen Schriften zu finden meinten, wird der ruhige Beurteiler nichts entdecken. Der humane Italiener erkennt scharf die schwerste Sünde der englischen Aristokratie, die Vernachlässigung der niederen Klassen. Er fordert entschieden soziale Reformen für Irland – Volksunterricht, mildere Behandlung der Pächter, unbedingte Gerechtigkeit gegen die katholische Kirche: – nur die volle Selbständigkeit der grünen Insel verwirft er als eine Utopie. Selbst die wirtschaftliche Überlegenheit Englands gibt er mit nichten zu: die kunstvolle Kleinwirtschaft der Lombardei steht höher als der Großbetrieb des englischen Landbaus; auch die Lehren Adam Smiths haben schon vor dem großen Schotten auf italienischem Boden in Verri, Galiani, Carli ihre prophetischen Bekenner gefunden. Die Tage sollen wiederkehren, da der Gewerbfleiß von Venedig, Genua, Florenz der weiten Welt voranleuchtete. Der Geschäftsmann gibt einige praktische Fingerzeige, weist hin auf die Vorteile, welche die Nachbarschaft der Getreideländer des Schwarzen Meeres der Reederei von Genua bietet; er rät einzelne künstlich gepflegte Gewerbe aufzugeben, dafür die nationale Seidenweberei mit neuen Maschinen und größerem Kapitale zu betreiben, er warnt vor dem aussichtslosen Versuche, mit den französischen Tischweinen in Mitwerbung zu treten, und empfiehlt die Pflege der Likörweine nach dem Vorgang der Händler von Marsala. – Bedeutsamer ist seine Begeisterung für den jüngeren Pitt wie für Wellington und Peel. Er preist jenen, weil er vermochte, in den Wirren der Revolutionskriege auf längst gehegte Reformpläne zu verzichten, diese, weil sie den Ruf der verwandelten Zeit verstanden, zur rechten Stunde alte Freunde, teure Grundsätze aufgaben und die unvermeidlichen Neuerungen selber mit entschlossener Hand durchführten. Das Programm seines eigenen Wirkens liegt in diesem Lobe. Unterdessen hatte seit dem Anfang der vierziger Jahre die nationale Bewegung auf der Halbinsel einen neuen glücklichen Aufschwung genommen. Dann geschah das Unglaubliche: ein menschenfreundlicher Papst empfing die dreifache Krone. Mit namenlosem Entzücken begrüßte das heißblütige Volk das Nahen einer schöneren Zeit, mit schlecht verhehlter Angst der Wiener Hof den Revolutionär auf dem heiligen Stuhle. Der Nachfolger der Gregore, der die Verschwörer von den Galeeren befreite, mußte ja ein Liberaler, ein Italiener sein. Blindgläubig, wie der Pöbel Roms, welcher in festlichem Getümmel den Wagen des Papstes umringte, bauten sich auch denkende Patrioten ein Idealbild von dem neuen Hohenpriester auf, dem die Worte und die Werke Pius' des Neunten niemals entsprachen. Italien vertraute wieder seinen Gewalthabern, der rohe Radikalismus verlor sichtlich an Boden. Giuseppe Giusti sah mit Freuden das alte Geschlecht der radikalen Banditen dahingehen und ein neues Volk von freien Bürgern aufsteigen; er atmete auf, so oft die Glocken des Domes von Mailand zum Begräbnis oder zur Taufe läuteten, und zeichnete in dem Verse Muore un brigant e nasce un liberale mit einem Meisterstriche die Stimmung dieser hoffnungsseligen Tage. War solche Ermäßigung der rohen Leidenschaften unzweifelhaft ein Segen, so trieb doch die vertrauensvolle Schwärmerei der Zeit neue Verirrungen hervor: die Träume der Neo-Guelfen. Die große Vorzeit übte nochmals ihren betörenden Zauber auf die Enkel. War dieser Pius nicht der Messias, den der Prophet Gioberti geweissagt? Man schwärmte mit dem verbannten Denker von einer gewaltigen Zukunft, da das Land des Statthalters Christi den Primat in der Welt wieder übernehmen werde; denn jede schöpferische Kraft unter den Menschen gehöre Italien an. Auch Balbo, zu nüchtern, um der Kometenbahn Giobertis ganz zu folgen, verherrlichte doch begeistert das Papsttum, das einst den Dante und Machiavelli und allen hellen Köpfen bis in das siebzehnte Jahrhundert hinein als der Urquell der Leiden Italiens gegolten hatte. Vergeblich fragte der klarblickende Niccolini: Wollt ihr wegen eines Traumes von achtzehn Tagen die Geschichte von achtzehn Jahrhunderten streichen? Wollt ihr verfinsterten Köpfe die Wahrheit auf einem Kirchhofe suchen? Noch immer trug die nationale Bewegung einen überwiegend literarischen Charakter: die Schriftsteller Gioberti, Balbo und der weltlichere Azeglio behaupteten die oberste Stelle in der Volksgunst, auf Gelehrtenkongressen und Festmahlen feierten schwungvolle Reden Italiens Auferstehung. Auch die Verehrung für die Helden der italienischen Kunst mußte der nationalen Erhebung dienen. Längst hatte Florenz, »die Mutter von geringer Liebe«, sich reuig vor ihrem größten Sohne niedergeworfen, in ihrem Westminster Santa Croce dem verbannten Dante ein Grabmal errichtet. Allmählich verbreitete sich der Kultus des Dichters weithin über das Land, sein Name ward ein Symbol für die Einheit der Nation. Immer vernehmlicher tönte aus dem verworrenen Chor dieser begeisterten Stimmen der drängende Ruf hervor: Krieg gegen Österreich! In diesen Tagen sang Giusti sein mächtiges Lied delenda Carthago , in tausend Herzen widerhallte der donnernde Kehrreim: »wir wollen keine Österreicher.« Wenn Niccolinis Arnold von Brescia über die Bretter schritt, dann dröhnte das Haus, die Hörer stimmten mit ein in den Zuruf: »ein Blitz vom Himmel stiegst du hernieder, um zu zerstören Italiens Schmach.« Die liberale Schwärmerei der Zeit hatte den Papst, wider seinen Willen, sich zum Führer und Vertreter ausersehen. Die nationalen Hoffnungen bedurften des Schwertes, sie wendeten sich dem König von Sardinien zu. Der aber war sich selber und der Welt ein Rätsel. In der napoleonischen Kriegsschule erzogen, von Haus aus ein Schwärmer für die Einheit seines Landes, hatte der junge Prinz schon nach dem Wiener Kongresse den König Viktor Emanuel zu offenem Kampfe gegen Österreich ermahnt; dann war er kopfüber hineingestürzt in die tosende Bewegung von 1821, in der Hoffnung, den König mit sich fortzureißen. Als diese Erwartung trog, verschmähte der Fürstensohn den Aufruhr, gab die verlorene Sache preis. Seitdem lastete der Haß und das Mißtrauen der Patrioten schwer auf dem »Verräter«. Aber wenn ihn die Pfeile der Verleumdung schmerzten, die in dichtem Hagel aus den Reihen der Radikalen auf ihn niederschossen, unvergeßlicher blieb ihm doch das Hohnwort, das die österreichischen Offiziere in jenem Jahre ihm zuriefen: da kommt der König von Italien! Haß gegen Österreich wurde der große Gedanke seines Lebens, und der herrische Übermut des Kaiserhofes versäumte nichts, diese Empfindung zu nähren. Mehrmals versuchte die reaktionäre Partei dem Prinzen von Carignan die Erbfolge zu rauben; nur mannigfache Demütigungen und das heilige Versprechen, niemals eine Verfassung zu gewähren, retteten ihm die Krone. Als er den Thron bestieg, begrüßte ihn sogleich eine wilde Verschwörung der Radikalen; mit unbarmherziger Härte stellte er das Ansehen seiner Krone her. Also stand er jetzt – er selber sprach es aus – zwischen dem Dolche der Demagogen und der Schokolade der Jesuiten. Alle Inbrunst seiner katholischen Frömmigkeit vermochte nicht das tiefe Mißtrauen der österreichischen Priesterpartei zu beschwichtigen. Wenn die Erinnerung an eine wüste Jugend diesen düsteren Geist übermannte, wenn er tagelang fastete, die lange Nacht hindurch in seinem Betstuhl weinte und seinen Leib in grausamer Kasteiung zerschlug – um so besser für die frommen Väter am Hofe. Sie nährten mit teuflischer Berechnung die Selbstquälerei des Königs: in einem siechen Leibe konnte die frische Willenskraft nicht wohnen, deren die geheimen Pläne des Fürsten bedurften. Karl Albert gab der Verwaltung moderne, schlagfertigere Formen, der Rechtspflege ein neues Gesetzbuch, aber den Liberalen und ihrer Aufklärung blieb er fern, ja er hoffte für den schweizerischen Sonderbund das Schwert zu ziehen. Er lebte und webte in den großen Erinnerungen seines Hauses und seines Heeres, ehrte seine Ahnen durch prächtige Denkmäler, ließ die Grabkapelle zum heiligen Schweißtuch königlich schmücken; und auch dem schlichten Soldaten Pietro Micca ward ein Standbild – dem Retter der Hauptstadt, der einst durch das Sprengen einer Pulvermine den Franzosen den Eintritt in die Zitadelle versperrt hatte. Der König nährte seinen kriegerischen Ehrgeiz an den Werken von Thiers, und Prati dichtete in seinem Auftrage für die Armee das verheißende Kriegslied: »Jede Trompete der Piemontesen wecke ein Echo am Fels und am Meer. Carlo Alberto und seine Bestimmung, das sei der Schlachtruf von unserem Heer!« Wie groß er selber dachte von dieser seiner Bestimmung, das verbarg er in verschlossener Brust. Er haßte, nach der Weise unentschiedener Geister, die laute Beratung, er allein wollte befehlen – das Volk sollte vertrauen auf den geheimnisvollen Wahlspruch des Fürsten j'attans mon astre . Selbst der streng katholische Balbo durfte sein Buch über die Hoffnungen Italiens wohl mit Vorwissen des Königs, doch nicht in seinen Staaten drucken. Nur wenigen ward vergönnt, aus einem aufgeregten Ausrufe dieses kämpfenden Herzens zu erraten, daß Italien keinen treueren Sohn besaß als ihn. Als Azeglio, aus der unruhigen Romagna heimkehrend, in dunkler Morgenstunde auf das Schloß berufen ward, da fielen die Worte: »Sagen Sie den Herren, daß sie sich still halten. Wenn die Stunde kommt, dann wird mein Leben, das Leben meiner Kinder, meine Waffen, mein Heer, mein Schatz, mein alles geopfert werden für mein Vaterland Italien!« Und fast zur selben Stunde schrieb der Minister La Margherita den deutschen Höfen, sein Herr verwerfe Azeglios böswillige Gedanken. So brütete der König dahin, halb Mönch, halb Soldat, schwankend zwischen Wollen und Nichtwollen, zwischen Fürstenstolz und Herrschergröße, unliebsam überrascht von dem Erwachen der liberalen Gedanken und doch zu fromm, um dem neuen Papst zu widersprechen – ihm gegenüber die schreckliche Übermacht Österreichs und die herrische Erklärung des Zaren, jeder Angriff auf die Lombardei sei ein Kriegsfall für Rußland. Uns Nachlebenden wird ein herzliches Mitleid rege, wenn wir diese riesige Soldatengestalt mit dem düsteren unsicheren Auge betrachten, den tief unglücklichen und doch hochherzigen Fürsten, der so schwer litt unter eigener Schuld und dem Unglück seines Landes. Den Mitlebenden und Mitkämpfenden lagen andere Empfindungen näher. Außerhalb Piemonts war die wahre Kraft des wohlgeordneten Militärstaates wenigen bekannt, da die geknechtete Presse grundsätzlich die piemontesischen Dinge im übelsten Lichte darstellte. Der König galt noch immer als der verräterische Carignano von 1821. Wenn Azeglio die Patrioten des Kirchenstaats mit der Hoffnung auf Karl Albert als den König und das Schwert Italiens vertröstete, so begegnete er überall erstauntem Lächeln; man begann erst zu glauben, sobald er seinen letzten Trumpf ausspielte: »wir erwarten ja keine edle Tat von dem Könige, wir verlangen von einem Räuber, daß er raube.« In Piemont, wo die Verdienste des Fürsten besser gewürdigt wurden, regte sich doch oft die Ungeduld; man sang Spottlieder über den Rè Tentenna , den König Zauderer. Cavour am wenigsten konnte sich mit dieser kränkelnden Staatskunst des Hinhaltens befreunden; der geistreiche Weltmann liebte zu sagen: »das Reglement macht aus jedem Beamten einen Dummkopf,« ihm widerstand die militärische Steifheit des Fürsten. Indes hielt er für Pflicht, teilzunehmen an der bescheidenen und fruchtbaren Agitation, welche in jenen Jahren der Erwartung die denkenden Köpfe von Turin bewegte und heute von den Italienern gern als das erste Kindergeschrei – i primi vagiti – ihrer Freiheit gepriesen wird. Seine Stellung in diesen geräuschlosen Kämpfen blieb die schwierigste: dem Hofe galt er als ein Demagog, ein verkappter Protestant, die Liberalen wollten dem Sohne des Vikars von Turin nicht trauen, und der Feinfühlende verschmähte, seinen Ruf auf Unkosten des Vaters zu retten. Der demokratische Neid verfolgte mit boshaftem Spotte den reichen Grafen. Er mußte lernen seine Seele zu panzern wider die bösen Zungen, er mußte erfahren, daß die Gemeinheit der Demokratie auch die persönlichsten Geheimnisse, auch die Leibesgebrechen des Gegners mit ihrem Kote bewirft. Zum Danke für einen trefflichen Aufsatz Cavours über die Handelsfreiheit schrieb ein demokratisches Blatt höhnend: siehe da, die Freiheit des Handels verteidigt durch das Monopol! Die ersten Regungen eines freieren Geistes zeigten sich in der Wirtschaftspolitik der Regierung. Im Jahre 1839 wurde eine statistische Kommission gegründet, und hier versuchte sich Cavour als freiwilliges Mitglied zuerst in amtlichen Arbeiten. Bald darauf ward an der Turiner Hochschule ein Lehrstuhl der Nationalökonomie errichtet. Dann stifteten die Grundbesitzer einen landwirtschaftlichen Verein, und Cavour führte in der Vereinszeitschrift einen scharfen Federkrieg wider die bureaukratische Bevormundung; nicht einmal die Gründung eines Musterlandgutes wollte der Verfechter der Selbsthilfe dem Staate erlauben. Soziale Vereine in unfreien Staaten werden in bewegter Zeit unvermeidlich zum Herde politischer Parteiung; bei den Jahresfesten dieser Ackerbaugesellschaft versammelten sich alle Elemente der Opposition, außer der Partei des rohen Umsturzes. Schon besprach man den Plan, die Gesellschaft über die ganze Halbinsel auszudehnen und ihr die soziale Erhebung der ackerbauenden Klassen Italiens zur Aufgabe zu stellen; und schon führte die trockene Geschäftsfrage, ob der Schwerpunkt des Vereins in der Hauptversammlung oder in dem Vorstande liegen solle, zu der ersten leisen Trennung der politischen Parteien. Cavour und die Aristokraten sprachen für den Vorstand, der gewandte Demokrat Lorenzo Valerio verfocht auch in dem Vereine das Recht des souveränen Volkes. Noch deutlicher war der politische Zweck der neuen Kleinkinderbewahranstalten, welche, von dem wackeren Abbate Aporti gegründet, die Jugend den Händen der Jesuiten entziehen sollten. Cavour trat aus dem Vorstande zurück, weil er fürchtete, sein mißliebiger Name werde den Haß der Regierung auf das Unternehmen lenken. Währenddem hetzte und klagte am Hofe die österreichische Partei. Wie strahlte der alte Graf Cavour, als er dem Könige das neue Spottlied der Liberalen zustecken konnte: »Wanken und gaukeln, schwanken und schaukeln, das Schaukeln ist süß!« Der Sohn aber verkehrte fleißig mit dem patriotischen Grafen Petitti, dem alten noch immer nicht machtlosen Vertrauten des Fürsten, und fehlte selten in den Versammlungen des liberalen Adels bei dem stolzen hochsinnigen Grafen Sclopis. Karl Albert verfiel dem Schicksal aller Geheimniskrämer, er wurde mit seinen eigenen Waffen geschlagen: die Patrioten brachten aufregende, auf den Stolz des Fürsten klug berechnete Artikel in ausländische Zeitungen, spielten sie dem Könige in die Hände; so ward er getrieben, während er alles zu leiten wähnte. Bald nach der Thronbesteigung des neuen Papstes begannen die Höfe von Turin, Florenz und Rom zu wetteifern um die Palme der Volksgunst. Preußens Vorbild reizte nochmals zur Nachfolge: der Plan eines italienischen Zollvereins wurde zwischen den drei Reformstaaten lebhaft verhandelt, Cavours sachverständiger Rat von den Patrioten oftmals eingeholt. Schon hofften viele, diesen italienischen Zollverein dereinst mit dem deutschen zu verbinden. Aber die Aufhebung der Zollschranken mußte unfruchtbar bleiben in einem verwahrlosten Lande, dem noch die Elemente moderner Verkehrsmittel mangelten. Das Eisenbahnnetz Italiens bestand aus den kurzen Linien Mailand-Monza und Neapel-Castellamare. Mit überschwenglichen Hoffnungen wendeten sich die Patrioten diesen Gedanken zu; Graf Petitti gab ein gediegenes Buch über die Frage heraus. Man gedachte die Alpen und die Apenninen zu überschienen und dergestalt die Überlandspost über Genua zu leiten, Triest, das Schoßkind des Wiener Hofes, durch den ligurischen Hafenplatz zu überflügeln. Il n'y a plus d'Alpes! hieß das zuversichtliche Schlagwort des Tages. Unter solchen Eindrücken schrieb Cavour die bedeutendste seiner Schriften, die Abhandlung über die italienischen Eisenbahnen (in der Revue nouvelle 1846). Die Erfindung der Dampfmaschinen ist ihm ein Ereignis, das wir mit seinen unermeßlichen Folgen ebensowenig ganz überschauen können, wie den Buchdruck oder die Entdeckung von Amerika. Die Eisenbahnen werden nicht bloß den Reichtum der hochgesitteten Völker erhöhen, sondern auch die Erniedrigung der zurückgebliebenen Zweige der großen christlichen Familie aufheben; hierdurch erscheinen sie als »ein Werkzeug der Vorsehung«. Nun entwirft er in großen Zügen ein Bild von der dem modernen Verkehr eröffneten Halbinsel: Turin soll eine Weltstadt, ein Platz der Vermittlung zwischen Nord- und Südeuropa, Brindisi wieder wie in den Tagen der Römer der Schlußpunkt der via Appia , der glänzende Hafenplatz werden für den morgenländischen Handel. Auch die Eisenbahn zwischen Wien und Mailand ist willkommen; hinweg mit dem törichten Bedenken, daß sie dem Wiener Hofe bei einem Aufstande zu statten kommen werde. »Die Zeit der Verschwörungen ist vorüber. Die Befreiung der Völker kann weder durch Umtriebe noch durch eine Überraschung erreicht werden, sie ist das notwendige Ergebnis der fortschreitenden christlichen Gesittung geworden.« Höher als der volkswirtschaftliche Segen der Eisenbahnen steht ihre politische Bedeutung, sie sollen mithelfen, die Unabhängigkeit der Nation zu erobern, ein lebendiges Gemeingefühl im Volke, wachzurufen. »Das Leben der Masse bewegt sich in einem engen Ideenkreise. Die edelsten und erhabensten Ideen aber, welche sie erringen kann, sind nächst der Religion die Gedanken des Vaterlandes und des Volkstums. Ohne diese kann das Gefühl der persönlichen Würde nur in einzelnen ausgezeichneten Menschen bestehen.« So gibt der trockene Stoff dem Grafen Anlaß, den ethischen Grundgedanken seiner Politik auszusprechen. Nicht als eine Machtfrage erscheint ihm die Freiheit Italiens, sondern als ein sittliches Gebot: es gilt, die Seele der Nation mit einem neuen reicheren Lebensinhalt zu erfüllen. Der König erschrak über die kühnen Worte, befahl dem Verfasser eine längere Reise außerhalb Piemonts anzuraten, ließ sich mühsam beschwichtigen. Noch wurden mehrmals die friedlichen Bürger von Turin, wenn sie, allesamt mit der blauen Kokarde des königlichen Hauses geschmückt, abends auf den Straßen sich versammelten, durch rohe Angriffe der bewaffneten Macht auseinander gesprengt. Der Offizier, der zum letzten Male diesen häßlichen Auftrag vollführte, war jener General Bava, der einige Monate später die dreifarbigen Banner Italiens über den Tessin führen sollte. Es war das letzte Aufflackern despotischer Launen, das alte System lag im Sterben. Die Sprache des österreichischen Gesandten lautete schroffer von Tag zu Tag. Bereits war man im Zollkriege mit dem Nachbarlande; unter frivolen Vorwänden verbot Österreich die Einfuhr piemontesischer Weine, die Patrioten aber veranstalteten Sammlungen, um den Winzern über die Not hinwegzuhelfen. Wie die Dinge lagen, war ein Zugeständnis an die Liberalen unvermeidlich, wenn der König im Kampfe mit Österreich auf sein Volk zählen wollte. Auch Lord Palmerston ließ zum Einlenken mahnen; der König von Preußen aber schrieb kummervoll einem Vertrauten: »der englische Gesandte in Piemont scheint mir, um recht höflich zu sein, zum Tollhaus reif, überreif.« Endlich wurden die Minister Villamarina und La Margherita entlassen, und am 29. Oktober 1847 begrüßte unermeßlicher Volksjubel die »Reformen« Karl Alberts. Gewählte Gemeinderäte sollten fortan an der Spitze der Gemeinden stehen, die mißhandelte Presse gegen die Willkür der Zensoren gesichert werden durch ein nach Preußens Muster eingerichtetes Oberzensurkollegium. Damit war der offenen gesetzlichen Opposition eine Bahn geöffnet. Der König hatte die Liebe seiner Piemontesen wiedergewonnen, doch nicht die Treue der Radikalen von Genua, nicht das Vertrauen der Italiener.   Mit dem Tage der albertinischen Reformen ward Cavour ein Politiker von Beruf. Überall in den Staaten der Reform trieb die junge Hoffnung neue Zeitschriften hervor. Wie La Farina in Florenz das »Morgenrot« der Freiheit mit seinem Blatte l'Alba begrüßte, so gründete der liberale Adel Piemonts eine Zeitung unter dem verheißenden Namen il Risorgimento . Ihr Programm lautete: »Unabhängigkeit Italiens, Eintracht zwischen den Fürsten und den Völkern, innere Reformen, Gründung eines italienischen Fürstenbundes.« Zu den alten Freunden Balbo, Santa Rosa, Boncampagni traten bald neue Genossen hinzu, vor allen der gelehrte Castelli, der treue Mann, der die staatsmännische Kraft des vielgescholtenen Grafen rasch erkannte und ihm fortan ein unerschütterlich gleichmütiger Tröster blieb, eine feste Stütze in den Tagen des Kampfes. Noch lagen die Parteien unschuldig, unklar durcheinander, wie in Preußen zur Zeit des Vereinigten Landtags; auch Cavour wiegte sich noch in holden Täuschungen. Voll Hoffnung schaute er auf den Klerus, welcher – Dank sei dem sommo Pio – auf die Gewissensfreiheit und alle anderen großen Anliegen der modernen Welt bereitwillig eingeht. Nur die Besitzenden hegen die liberale Bewegung, die Massen stehen gleichgültig abseits; der unruhigen Köpfe sind wenige, und selbst Valerios Concordia unterstützt die wohlmeinenden Absichten der Regierung so sanft und achtungsvoll wie nur unser Risorgimento. Bei solcher Stimmung der Gemüter schien dem Grafen eine demokratische Revolution aussichtslos, nur die eine Gefahr bedenklich, daß die hochgehende nationale Leidenschaft den Kampf mit Österreich allzufrüh eröffne, den friedlichen Ausbau der freien Institutionen unterbreche. Um dies zu verhindern, wollte er um die Fahne des Risorgimento eine gemäßigte liberale Partei versammeln. Er traf als Journalist sehr glücklich den Ton der ruhigen Belehrung, den einzig fruchtbaren für eine junge Presse und ungeschulte Leser, schilderte sorgfältig und mit vernichtender Kritik die Armseligkeit der Politik Guizots. Während an Österreich kein Wort der Ermahnung verschwendet wurde, versicherte das Risorgimento den italienischen Höfen geflissentlich seine vertrauensvolle Treue; auch das letzte der größeren Kabinette der Halbinsel sollte für die Sache der drei Reformstaaten gewonnen werden. Noch im Dezember 1847 ging, von Cavour mit unterzeichnet, eine Petition nach Neapel ab, welche den König Ferdinand beschwor, »eine Politik der Voraussicht, der Verzeihung, der Zivilisation und der christlichen Barmherzigkeit« einzuschlagen – das alles in dem mystischen Stile, welchen Pius IX. und Gioberti in diesen neoguelfischen Tagen großgezogen hatten. Aber mit jedem Schritte vorwärts auf dem Wege praktischer Politik trat der verborgene Gegensatz der Parteien schärfer hervor. Schon murrte Balbo über den jungen Grafen, der unentwegt dem konstitutionellen Staate zusteuerte; »der Heißsporn,« rief er aus, »wird das Werk unserer Mäßigung über den Haufen werfen.« In den Spalten der Konkordia erklang immer neidischer der Adelshaß; umsonst hatten Azeglio der Edelmann und Farini der Bürgerliche versucht, die grollende Verstimmung des lange zurückgesetzten Bürgertums von Turin zu beschwichtigen. Bald offenbarte sich auch die fundamentale Verschiedenheit der Staatsauffassung, welche Liberale und Demokraten zu allen Zeiten trennen wird: der Rationalismus der Konkordia sah nur Freiheitsfragen, den Patriziern des Risorgimento galt Macht und Sicherheit des Vaterlandes als das Höchste. Der Starrsinn Österreichs trieb die Patrioten weiter und weiter. »Auch Karl Albert ist den Fesseln der Volksherrschaft verfallen,« klagte Fürst Metternich, »nur der König von Neapel steht noch aufrecht!« Kurz nachher gab die Hofburg ihre Antwort auf die Turiner Reformen: sie schloß mit Modena den berufenen Dezembervertrag, der ihr gestattete, jederzeit nach Belieben Truppen in den Vasallenstaat zu werfen. Die feilen Federn der k.k. Presse leugneten noch nach Jahren die feindselige Bedeutung des Vertrages, dem auch Parma bald beitrat. Fürst Metternich aber schrieb insgeheim befriedigt dem Grafen Trauttmansdorff in Berlin: »wir haben die Form eines Verteidigungsbündnisses gewählt, um das von den Kabinetten so streng verdammte Wort Intervention zu vermeiden.« Mit Recht erblickten fortan die Patrioten schon in dem Dasein der beiden verfaulten Kleinstaaten der Emilia eine nationale Schmach. So war Piemonts Grenze vom Nordosten bis zum Süden durch österreichische Provinzen umklammert; an jedem nächsten Tage mochten die weißen Röcke von den Gipfeln des Apennins in die unbeschützten Häfen Liguriens niedersteigen. Das Volk in den Städten der Lombardei und Venetiens zitterte der Stunde der Befreiung entgegen; schon war Blut geflossen im Straßenkampfe. Verheißungsvoll klang aus Turin und Florenz, aus Rom und Bologna über die Grenze hinüber das Lied: O ihr geliebten Brüder, auch euer Tag wird tagen! In Genua wogte eine ziellose unstete Bewegung; der Stadtrat beschloß endlich, den beiden lautesten Schlagworten des Tages gerecht zu werden, schickte Abgesandte nach Turin, um die Bildung einer Nationalgarde und die Vertreibung der Jesuiten von dem Könige zu erbitten. Man hoffte auf den Beistand der Turiner Presse. Doch die Männer des Risorgimento waren nicht gemeint, so unreife Volkswünsche, die in einem Atem zu viel und zu wenig verlangten, zu unterstützen. Als am 6. Januar 1848 die Vertreter der Presse im Europäischen Hofe zusammentraten, da erhob sich Cavour im Namen der Genossen: Wozu eine Nationalgarde, die in einem Lande ohne Parlament nur zu Wirren führen kann? Warum den König reizen durch Wünsche, die seine kirchliche Gesinnung beleidigen? Will man bitten, so gehe man weiter und fordere – eine Verfassung oder wenigstens eine Consulta! Cavour hat das Verlangen nach einer Verfassung zum ersten Male öffentlich ausgesprochen; aber er hat nicht, wie gemeinhin erzählt wird, seine eigenen Freunde durch einen genialen Einfall überrascht. Die Männer vom Risorgimento waren einig; Cavour sprach lediglich in ihrem Namen. Die Biographien von Bonghi, de la Rive u.a. haben ihre Nachrichten über den Vorfall ersichtlich aus zweiter und dritter Hand. Auch Fr. Predari (i primi vagiti della libertà italiana in Piemonte S. 247 ff.) war freilich in der Europa anwesend, doch von den Beratungen in den Redaktionszimmern des Risorgimento nicht unterrichtet. Der wahre Hergang ergibt sich unzweifelhaft aus dem Berichte, den der Augenzeuge Santa Rosa an Gioberti erstattete (mitgeteilt in der vita di Pietro di Santa Rosa vom Grafen Saraceno S.158 ff.). Es war der Rat eines Staatsmannes. Denn trat der König, als der Erste unter den Fürsten der Halbinsel, zu dem konstitutionellen System über, so ward er das Haupt Italiens, das tiefe Mißtrauen der Nation mit einem Schlage beseitigt. Aber die unfertige öffentliche Meinung verstand den Ernst der Stunde nicht, selbst die Journalisten in der Europa blieben uneins. Lorenzo Valerio widersprach: sollte ein Edelmann liberaler sein als die Demokratie? und welcher Fallstrick mochte sich nicht hinter dem kühnen Vorschlage des Grafen verbergen? Nach wenigen Tagen war der vermessene Gedanke der Männer des Risorgimento ein unabweisbares Gebot der Not. Am 12. Januar wehte die Trikolore auf den Wällen von Palermo. Am 29. brach die letzte Hoffnung des Fürsten Metternich zusammen, der bourbonische Despot versprach seinem Volke eine Verfassung; zwei Tage darauf folgte der Großherzog von Toskana dem Beispiel des Königs Ferdinand. Cavour warf unter dem Rufe »es lebe die Verfassung« jubelnd den Hut in die Luft, als ihm ein junger Freund die Nachricht aus Neapel brachte, und schrieb nun in das Risorgimento hoffnungsfreudige Worte, die den persönlichen Gefühlen des zaudernden Königs galten. Was sei denn zu fürchten von dieser maßvollen Bewegung, die sich des Segens der Kirche erfreue? Wir haben nicht, wie einst die Franzosen, furchtbare soziale Fragen zu lösen. Wir treten nicht, wie die Spanier, als ein unerfahrenes Volk, von Parteien zerrissen, in diese neue Zeit. Bei uns besteht nur eine mächtige Partei, die nationale; sie hegt »ein unbegrenztes Vertrauen in die Tugend, die Einsicht, die Hochherzigkeit unserer Fürsten«. In denselben Tagen wagte der Turiner Stadtrat, von Santa Rosa geleitet, den König um die Verleihung einer Verfassung zu bitten. Doch erst mußte ein Bischof dem Verzweifelnden geistlichen Trost spenden, ihm beweisen, daß ein unsittliches Versprechen nicht binden könne; da endlich, nach einer Nacht voll fürchterlicher Kämpfe, entschloß sich Karl Albert, sein dem Wiener Hofe gegebenes Wort zu brechen. Am 7. Februar verhieß er die Verfassung, einige Wochen später bildete Cäsar Balbo das erste konstitutionelle Ministerium. So hatte die Charte des Julikönigtums die Runde gemacht durch Italien, einen Augenblick bevor sie in ihrer Heimat unterging. Cavour versuchte im Risorgimento, die Grundsätze des neuen Staatsrechts den unkundigen Lesern zu erklären. Er verwirft das allgemeine Stimmrecht als den verdächtigen Liebling der extremen Parteien. Das Zweikammersystem ist nötig, nicht um das Gleichgewicht zu erhalten, wie die Doktrinäre sagen, sondern um die Bewegung, die Tatkraft des Staates zu erhöhen. Nur ein Senat entspricht der demokratischen Gesellschaft Italiens; eine erbliche Pairie künstlich zu schaffen, wäre »der Gipfel der Unvernunft«. Den Piemontesen war nicht vergönnt, sich friedlich einzuleben in die neue Freiheit. Die Windsbraut der Revolution warf den Thron des Bürgerkönigs und das alte Österreich zu Boden. Auf die Kunde von dem Sturze Metternichs brach der Aufstand in Mailand aus. Ein großer Augenblick, wie er den Deutschen im Frühjahr 1813 winkte, schien für Italien gekommen, und wieder war es Cavour, der den Piemontesen die Zeichen der Zeit deutete. Am 23. März schrieb er in seine Zeitung die majestätischen Worte: »Die große Stunde für die savoyische Monarchie hat geschlagen, die Stunde der kühnen Entschlüsse, die Stunde, von der das Dasein der Reiche und das Schicksal der Völker abhängt. Wir Männer von kaltem Verstande, gewohnt mehr auf die Gebote der Vernunft als auf die Wallungen des Herzens zu hören, wir wägen heute sorgsam das Gewicht eines jeden unserer Worte und bekennen frei: ein einziger Weg ist offen für die Nation, für die Regierung, für den König – der Krieg, der Krieg augenblicklich und ohne Verzug!« Das Gestirn, das der König in den Träumen langer Jahre erharrt, war aufgestiegen. Karl Albert überschritt den Tessin, und schon sein Aufruf an die Lombarden gab Zeugnis von den Täuschungen, welche die hochherzige Politik Cäsar Balbos beherrschten und dem gerechten Kriege ein jammervolles Ende bereiten mußten. Der König hoffte »auf den Beistand des Gottes, der unserem Lande einen Pius geschenkt hat und heute Italien durch wunderbare Ereignisse in den Stand setzt, aus eigener Kraft zu handeln«. Ein Feldzug von wenigen Monaten lehrte, daß das stolze l'Italia farà da sé eine Unmöglichkeit, und selbst das zerrüttete Österreich der Wehrkraft Italiens vollauf gewachsen war. Noch früher wurden die Hoffnungen zu Schanden, die Italien auf seinen Kirchenfürsten gesetzt; durch die Allokution vom 29. April legte der Papst Verwahrung ein gegen den Mißbrauch, der mit seinem Namen getrieben werde. Der Statthalter Gottes, der Friedensfürst durfte den Krieg gegen ein katholisches Volk nicht aufnehmen, kaum ihn mit seinem Segen begleiten. Er hatte längst im stillen gegen die von den neuen Verfassungen gewährte Gleichstellung der Glaubensbekenntnisse protestiert und den Höfen erklärt, daß er nur an einem Verteidigungsbündnis teilnehmen könne; jetzt fand er den Mut, sich öffentlich zu seiner Pflicht zu bekennen. Nach dieser heilsamen Enttäuschung erschien das Papsttum wieder in seiner wahren Gestalt, als die kosmopolitische Macht, die den Gedanken der Nationalität nicht fassen kann. Die Hoffnungen der Neoguelfen lagen platt am Boden; in der stillen Arbeit der folgenden Jahre sollte dann der gesunde weltliche Kern, der in den neoguelfischen Lehren lag, aus der geistlichen Hülle herausgeschält werden. Für den Augenblick wurde der Abfall des Papstes ein Anlaß des Verderbens: er entfesselte die wilden Kräfte des Radikalismus. Das Idealbild der politischen Reife, der maßvollen Besonnenheit der Italiener, das in den Träumen der Patrioten gelebt, erwies sich bald als ein Wahn. Ein so krauses Durcheinander von föderalistischen und unitarischen, republikanischen und monarchischen Bestrebungen, wie es nun hereinbrach, kam selbst der Nüchternheit Cavours unerwartet. Noch bestand kaum der Schatten eines festen Planes für die Neugestaltung der Halbinsel, kaum ein Anfang ernsthafter Parteibildung; selbst das unauflösliche Band, das die Höfe, den Turiner allein ausgenommen, an die Interessen der Hofburg kettete, war der Nation noch verborgen. In solchem Gewirr fand das Toben der Demagogen bereiten Boden; bald flog der Ruf al tradimento! betörend und verwirrend durch das Land. Unter dem wilden Hafenvolke von Genua und Livorno schlug Mazzini sein Lager auf, selbst die ernsten ruhigen Männer von Piemont unterlagen der Herrschsucht seiner Abgesandten. Was dies Wüten der Demagogen für die Einheit der Nation bedeutete, das sagte Giusti schon im Herbst mit männlichem Spott voraus: »Siebenhundert Republiklein reißen unser Land in Stücklein, recht nach Hahnemanns System. Schneiden wir das Brot beizeiten, dann wird's um so leichter gleiten in des Österreichers Maul!« Der Radikalismus fand seinen natürlichen Bundesgenossen in dem Munizipalgeist der großen Städte, seinen Todfeind in dem hochherzigen Monarchen, der das alte Wappenschild des Hauses Savoyen soeben in die neue Trikolore Italiens einfügte und mit seinen Söhnen die Schlachten seines Landes schlug. Dem tapfern Straßenkampfe der Mailänder war allzurasch der Sieg gefolgt; das trunkene Volk wähnte den Krieg beendet, da er kaum begann. Karl Albert erschien den lauten Rednern, die in Klubs und Kaffeehäusern ihr prahlerisches Handwerk trieben, als ein Unberufener, der sich in fremdem Neste wärme. Jede Waffentat der Piemontesen war Verräterei, Mazzini verdammte feierlich »den königlichen Krieg«. Die einzig mögliche Politik, welche die verworrene Bewegung zum Ziele führen konnte, ward als Albertismus verhöhnt und verfolgt. Cavour und wer sonst in diesem Taumel die politische Denkkraft sich bewahrt hatte, hoffte auf ein subalpinisches Königreich bis zur Adria. In Briefen und Zeitungsartikeln verlangte er unablässig die rasche bedingungslose Einverleibung der Emilia und der österreichischen Provinzen. Die idealistische Unklarheit, das unentschlossene Zögern der Politik Balbos entging seinem Tadel nicht, doch jetzt schien ihm nicht an der Zeit, das Ansehen der Krone durch systematische Opposition zu schwächen. Am allerwenigsten wollte der stolze Piemontese die Ausfälle gegen sein Heimatland ertragen, welche als das Probstück der Gesinnungstüchtigkeit galten. Ein Platz im Parlamente ward ihm erst bei den Nachwahlen unter lebhaftem Widerstand erobert, und bald galt er der Demokratie als das Haupt der Partikularisten Piemonts. Als ein radikaler Genuese sich eine hämische Bemerkung über die laue Freiheitsliebe der Piemontesen erlaubte, da sprang der Graf zornig auf: »Die Piemontesen beweisen ihren Freisinn auf dem Schlachtfelde; ich verlange, daß der Verleumder zur Ordnung gerufen werde.« Die Presse der Radikalen spottete mitleidsvoll über diese komische Person, den Mylord Camillo, der sein armes Wissen allein aus ausländischen Zeitungen schöpft und den Abgott der Demokratie, Vincenzo Gioberti, zu bekämpfen wagt: kommunistisch nennt er jedes Gesetz, das den Armen nicht neue Lasten zum Vorteile der Reichen auflegt, die Blöße seines Geistes verdeckt er durch triviale Späße und zahllose Körner nichtattischen Salzes! Mehrmals mußte Cavour den schwachen Präsidenten erinnern, daß er sein Ansehen gebrauche gegen die lärmenden Galerien: »wer mich unterbricht, beleidigt die Kammer, nicht mich!« Es schien, als ob der stolze Mann seine Lust daran fände, die Wut des unverständigen Haufens herauszufordern. Er scheute sich nicht, die Progressivsteuer, den Lieblingstraum der begehrlichen Massen, als einen reaktionären Gedanken zu entlarven, denn sie hindere die Kapitalansammlung und damit jeden wirtschaftlichen Fortschritt; er wünschte spöttisch der Demokratie Glück zu der Freundschaft der Ultramontanen, und wenn die Linke wider den Volksfeind murrte, sagte er wohl gleichmütig: »ich werde Ihnen meine Behauptung mit mathematischer Sicherheit beweisen.« Und doch empfand er tief, was die Volksgunst in einem freien Staate gilt: der Vorschlag Santa Rosas, Cavour mit der Leitung der Finanzen zu betrauen, blieb unausführbar bei dem Hasse, der auf diesem Namen lastete. Auch im Parlamente sprach der Graf die ersten zwei Jahre über nur selten und ohne starke Wirkung: kaum daß die Versammlung bei Finanzfragen ihrem ersten Fachmanne einige Aufmerksamkeit schenkte. Unterdessen war das Ministerium Balbo zurückgetreten, da die doktrinäre Demokratie des Parlamentes zwar die Vereinigung der Lombardei mit Piemont, aber zugleich die Einsetzung einer souveränen Constituante in Mailand beschloß. Zur selben Zeit brach das Verhängnis über den König von Italien herein. Sein tapferes Heer erlag der Feldherrnkraft Radetzkys, und als der Geschlagene in Mailand ankam, entlud sich die Unzucht der Demokratie in scheußlicher Roheit: der rasende Pöbel bedrohte das Leben des Königs, der sein alles für Italien hingegeben, er allein handelnd inmitten der Schwätzer. Und welch eine entsetzliche Verwirrung nun, da ein Waffenstillstand dem Kampfe ein Ende machte! Die Ehre des königlichen Hauses fast erliegend unter dem Hohngelächter der Fremden, leider auch der Deutschen – die Blüte der Finanzen für immer vernichtet – das Heer entmutigt und nahezu aufgelöst – der Adel empört über jene ruchlosen Auftritte in Mailand, wie über die Frechheit der Demagogen daheim, gern bereit, um jeden Preis den aussichtslosen Krieg zu beendigen – in Genua die Herrschaft der Klubs, überall in den Massen eine unbeschreibliche Erbitterung. Zweitausend Flüchtlinge aus der Emilia und der Lombardei forderten gebieterisch die Erneuerung des Krieges, schürten den Haß wider den königlichen Verräter. Es war, als fühlte die Nation die Wahrheit der vorwurfsvollen Worte des Königs: »Italien hat der Welt noch nicht bewiesen, was es für seine Freiheit zu leisten vermag« – als wollte sie die Stimme ihres Gewissens durch wütendes Geschrei übertäuben. Cavour hatte in dem Treffen von Goito den geliebtesten seiner Neffen verloren; der durchlöcherte Waffenrock des Toten hing fortan über dem Schreibtisch des Oheims, mahnte ihn täglich an entschwundene Freuden und an die Stunde der Vergeltung. Er selbst war nach jenem Unglückstage als Freiwilliger unter die Fahnen geeilt, und stemmte nun seine ganze Kraft wider die hereinbrechenden Wogen des Radikalismus, er wurde die mächtige Stütze, der beinah einzige unermüdliche Verteidiger des neuen gemäßigt-liberalen Kabinetts Perrone-Pinelli. Während die Klubs wider die Feigheit der Regierung donnerten, Brofferio unter brausendem Jubel sein Kraftwort »Verwegenheit, Verwegenheit, Verwegenheit!« in die Massen schleuderte und ein Konvent, eine italienische Constituante, Tausenden als der einzige Weg der Rettung galt, zeichnete das Risorgimento mit unbarmherziger Nüchternheit den despotischen Charakter der neufranzösischen Freiheit. Am 16. November schildert Cavour die »Männer der energischen Maßregeln, vor denen wir nur elende Gemäßigte sind«, also: »Setzet euch einen Plan in den Kopf, bildet euch eine Kette von willkürlichen Voraussetzungen, löset sie ab von der Wirklichkeit, die sie umgibt und ermäßigt, verachtet die Hindernisse, erbost euch darüber, schlagt sie nieder und bahnt euch einen Weg hindurch – das ist das ganze System in seiner Nacktheit; es ist ein Zug des menschlichen Übermuts, dem die Natur beständig die augenblickliche Unmöglichkeit oder die Strafe baldiger Enttäuschung entgegenstellt. – Die Natur hat gewollt, daß das menschliche Herz einen Schauder empfindet vor vergossenem Blute und sich empört wider den Mörder. Marat und Robespierre dagegen glaubten ein großes revolutionäres Mittel entdeckt zu haben ... Es fielen Tausende von Köpfen, und was erntete die französische Revolution davon? Das Direktorium, das Konsulat, das Kaiserreich!« – Aus jedem Worte klingt hier die sittliche Entrüstung des ehrlichen Mannes heraus, aber der Politiker erträgt nicht lange den pathetischen Ton des Sittenpredigers; ihm gilt es, die Unfruchtbarkeit, den Mißerfolg der politischen Gewalttätigkeit zu zeigen. Er erweist sie an Napoleon, »dem großen Meister der energischen Maßregeln,« und vor allem an der Februar-Republik. »Warten wir noch einen Augenblick, und wir werden den letzten Erfolg der revolutionären Mittel sehen: Ludwig Napoleon auf dem Throne!« Wie lästerlich mußten solche Aussprüche prophetischer Verstandesklarheit dem phantastischen Führer des Klubs der Concordia klingen, jenem Gioberti, der noch im Jahre 1850 an die Ewigkeit der französischen Republik glaubte! Der Graf war gerichtet in den Augen der Demokratie, da er auch in der auswärtigen Politik die Sprache des Verstandes redete. Der neidische Kleinsinn, der das freie Frankreich gegen Piemont beseelte, entging Cavours Augen nicht; wollte doch die französische Republik nicht einmal die Sicherheit des altpiemontesischen Gebiets verbürgen, als Karl Albert im Herbst mit dem Plane umging, Modena und Parma vor den Österreichern zu schützen! Aber da die Vermittlung der Westmächte von dem Turiner Hofe angenommen war, so konnte nur die Torheit jetzt durch plötzliche Erneuerung des Krieges die einzigen nicht schlechthin feindlich gesinnten Kabinette beleidigen. Cavour riet den Erfolg der Vermittlung abzuwarten und der Regierung zu überlassen, wann sie den Wiederbeginn des Kampfes für geboten halte. Die Strafe ereilte den Feigling schnell: bei den Neuwahlen im Januar 1849 triumphierte die lärmende Mittelmäßigkeit, Cavour unterlag einem dunklen Ehrenmanne Pansoya, der auf das Wahlprogramm Giobertis schwor. Auch das Kabinett Perrone-Pinelli war gefallen, Gioberti bildete eine demokratische Regierung, und nun erfolgte, was gegen alle Regel läuft: der hochgesinnte doktrinäre Mystiker bewahrte als leitender Staatsmann mehr praktisches Geschick denn vordem als Parteiführer. Er sah voraus, daß die Frevel des roten Radikalismus die Überflutung der Halbinsel durch die Österreicher herbeiführen mußten, und bot daher dem Papst und dem Großherzog von Toskana die Hilfe Piemonts an: italienische Truppen sollten die Ordnung in Rom und Florenz herstellen, die Verfassungen retten, die fremden Heere fernhalten. Cavour bewies jetzt, wie ernst er als ein echter Liberaler das Wort nahm »measures not men« . Er ahnte wohl, daß der Papst und der Großherzog lieber den Fremden als dem König von Italien die Herstellung ihrer Macht verdanken würden, doch er wollte diesen letzten Versuch zur Rettung der Unabhängigkeit der Nation nicht aufgeben, er verteidigte laut die italienische Politik seines Gegners. Als auch diese Hoffnung zerbrach, als Giobertis Pläne an dem bösen Willen der Höfe von Florenz und Rom zu Schanden wurden, als die demokratische Regierung abtrat und die Helden der Klubs ihren weiland verherrlichten Führer mit Füßen traten, da war es wieder Cavour, der sich allein des gestürzten Mannes ritterlich annahm. Er mochte dem Denker nicht grollen, dessen beredte Feder einst die Ideen des primato d'Italia verkündet hatte. Der Vermittlungsversuch der Westmächte war gescheitert. Ohne Bundesgenossen, mit seinem geschwächten Heere sah Piemont einer gewissen Niederlage entgegen; und doch drängten gebieterische Mächte zur Wiederaufnahme der Waffen – vor allen der König selbst. Dem düsteren, für das Unglück geschaffenen Manne erwachten in diesen argen Tagen alle edlen Kräfte der Seele. Er hatte die Huldigung empfangen von den Lombarden und wollte noch einmal seine Königspflicht üben, seine schirmende Hand ausstrecken über das mißhandelte Land; ein gläubiger Fatalist dachte er in Gottes Namen zu siegen oder zu fallen. Und wo war sonst noch ein Ausweg aus der entsetzlichen Zuchtlosigkeit der Geister? Nur der Ernst des Krieges, nur der Anblick der Taten des Königs konnte das wüste Geschrei wider den verräterischen Hof zum Schweigen bringen. Die Lage, dem aus ruhiger Zeit Zurückschauenden schier rätselhaft, drängte den Lebenden ihre Forderungen unabweisbar auf; selbst der Adel, auch der strengkonservative Graf Revel, auch Cavour wünschte jetzt den Krieg herbei als den Herold des inneren Friedens. So begann zum zweiten Male der ungleiche Kampf. Die Schlacht von Novara warf Italien zu Boden; der König legte seine Krone nieder, um seinem Lande einen milderen Frieden zu verschaffen. Ein dumpfes Schweigen lag auf der Hauptstadt, als der neue König einzog. Ein Feldzug von fünf Tagen hatte das Heer abermals der Auflösung nahegebracht, den Staatsschatz so gänzlich erschöpft, daß in den nächsten Monaten der reiche Finanzminister große Summen aus seinem eigenen Vermögen entnehmen mußte, um die Staatsgläubiger zu befriedigen. Und selbst diese schrecklichen Erfahrungen waren an der verhärteten Parteiwut der Radikalen spurlos vorübergegangen. Mit lauter Schadenfreude begrüßten die Klubs von Genua die Niederlage von Novara. »Italien ganz frei oder wenigstens ganz geknechtet!« so lautete der neue Orakelspruch der Teodemocrazia Mazzinis. Durch Überrumpelung und Waffengewalt mußte die unbotmäßige Hafenstadt dem Staate wiedergewonnen werden. Und bestätigte nicht jeder Auftritt in dem letzten Akte der italienischen Tragödie die Weissagungen des radikalen Sehers? War »die Nichtigkeit und vollendete Impotenz« des konstitutionellen Piemont, die Mazzini so oft gegeißelt, nicht durch die klägliche Kriegführung von Novara erwiesen? Wie glorreich erschienen neben der Niederlage des königlichen Heeres die letzten verzweifelten Kämpfe der Sizilianer, die heldenhafte Ausdauer der Republikaner von Rom und Venedig! Während also das Schicksal selber die Nation in ihren republikanischen Träumen zu bestärken schien, hielt eine Handvoll beherzter Männer unentwegt den Glauben fest an die Zukunft des Hauses Savoyen. Azeglio schrieb bald nach dem Tage von Novara sein hochgemutes Wort nous recommencerous! – und Cavour richtete sich auf an der Erinnerung, daß einst nur vierzehn Jahre nach der Zerstörung Mailands die Schlacht von Legnano geschlagen ward. Sobald man anfing, in sich zu gehen, das Dauernde und Echte aus den Wirren des letzten Jahres auszuscheiden, blieb doch ein großer Gewinn für die gedemütigte Krone zurück. Die Lage war geklärt, die alten kindlichen Hoffnungen auf die italienische Gesinnung der anderen Höfe von Grund aus zerstört. Kroaten hatten das alte Regiment in Toskana und der Emilia wiederhergestellt, durch schweizerische Söldner war Sizilien den Bourbonen wieder unterworfen, der Papst hatte Zuflucht gesucht bei jenem Ferdinand, den er vor einem Jahre noch einen Schurken genannt, den Kirchenstaat zurückempfangen aus den Händen der Franzosen und der Österreicher. Nur auf dem Königsschlosse von Turin wehte noch die Trikolore, nur dort lebte noch ein italienischer Herrscher, der sich nicht losgesagt von seinem Volke. Turin war die Hauptstadt der Italiener, bevor es die Hauptstadt Italiens ward. Kraft des Friedensschlusses nahm Piemont die vertriebenen Lombarden als Bürger auf, und wenn von den Flüchtlingen einige den inneren Unfrieden, den Groll der Presse schürten, so traten andere als Apostel der italienischen Bildung in die Lehranstalten ein: die Verschmelzung des Grenzlandes mit der Kultur Italiens wurde jetzt erst ganz vollendet. Als die gehässigen Anschuldigungen, die jeder Niederlage folgen, endlich schwiegen, harte Kriegsgerichte der erbitterten öffentlichen Meinung ein Opfer dargebracht hatten, da ward man doch endlich dessen inne, wie oft das schlecht geleitete Heer mit dem Heldenmute der Väter gewetteifert, und mit wie gutem Grunde der alte Radetzky gesagt: »diese Teufel von Piemontesen sind immer dieselben.« Il nostro glorioso esercito war bald auf aller Lippen, Schriften und Bildwerke verherrlichten die Tage von Goito und Governolo. Dann kam die Kunde von dem Ende des Königs von Italien: ihm war das Herz gebrochen durch das Unglück seines Vaterlandes, die letzten Wünsche des landflüchtigen Mannes galten der Heimat, er hoffte, noch einmal als Soldat für Italien zu kämpfen. Vor dem Adel dieses Todes verstummte die Wut der Parteien, ein Parlamentsbeschluß gab dem Könige den Namen des Großherzigen; und als die Leiche beigesetzt ward in jener stolzen Kuppelkirche der Superga, die von dem Gipfel der Collina weithin »das Land am Fuß der Berge« überschaut, da strömten die andächtigen Wallfahrer herbei, und um den Sarg erklangen die Gebete und Schwüre von Tausenden. Der blinde Haß der Österreicher hatte den gebrochenen Mann zur Abdankung gezwungen; jetzt stand an der Spitze des Staates ein junger tapferer Fürst – ein rauher und roher Soldat, von Jesuiten erzogen, ohne Bildung, ohne Freiheit des Geistes, aber eine derbe massive Kraft, ein treuer Sohn, entschlossen, den beleidigten Vater zu rächen, ein Mann von heldenhaftem Willen, der mit seinem Volke wuchs und nach kurzer Lehrzeit lernte, stets zur rechten Stunde die rechte Entscheidung zu finden. Auch patriotische Männer vom Adel verlangten die Beseitigung der Verfassung, die doch nur Unheil über das Land gebracht; ein absoluter Herr mußte von Österreich leichtere Friedensbedingungen erlangen als ein konstitutioneller Fürst. Wären nur die despotischen Gelüste der Hofburg nicht gar so laut und zudringlich hervorgetreten! Selbst der besonnene Radetzky hatte den Kampf als einen Bürgerkrieg geführt: ich will, schrieb er dem Großherzog von Toskana, die Demagogen in Turin zur Vernunft bringen. Felix Schwarzenberg vollends, der geschworene Feind Preußens und Englands und alles dessen, was der Freiheit glich, der kurzsichtige Vertreter der politischen Roheit, der seine Gedankenarmut hinter dünkelhafter Hoffart verbarg und nur einer ganz verkommenen Epoche als ein großer Mann gelten konnte – er verlangte die Besetzung Alessandrias durch kaiserliche Truppen, auf daß entweder sofort mit Österreichs Hilfe der Umsturz der Verfassung erfolge oder die Demagogen, zur Wut gereizt, eine neue Schilderhebung und schließlich einen Staatsstreich herbeiführten. Sollte wirklich der stolze Sohn des Hauses Savoyen wie der armselige Großherzog von Toskana sich's bieten lassen, daß der österreichische Feldmarschall ihm schriebe: »der Kaiser unser Herr« –? Ein Vasall Österreichs, mit dem Scheine der absoluten Macht getröstet, oder ein konstitutioneller unabhängiger König – so stand die Wahl. Vergeblich warnten die Gemahlin und die Mutter des Königs, beide Erzherzoginnen. Viktor Emanuel berief Massimo d'Azeglio an die Spitze der Geschäfte, das Statut war gerettet. Wie das gute Gewissen der Nation erschien dieser »Ritter Italiens«, der schöne, unwiderstehlich liebenswürdige, geistvolle Mann, der Beherrscher aller Weiberherzen, der als Maler und Dichter, als Soldat und Schriftsteller auf den mannigfachen Wegen eines vielseitigen Talents der Größe seines Landes gedient hatte, treu seinem Wahlspruch: »die Vaterlandsliebe ist ein Opfer, nicht ein Genuß« – freilich eine läßliche Künstlernatur, leicht gelangweilt, unfähig, die Pflichten des Beamten mit Pünktlichkeit zu erfüllen, ohne den derben Ehrgeiz, ohne die rastlose Tätigkeit des großen Staatsmannes. Geraden Sinnes und warmen Herzens, wie geschaffen, das deutsche Vorurteil wider die Arglist der Welschen Lügen zu strafen, lebte er des Glaubens, sein alter treuer Diener Johann werde dereinst besser vor der ewigen Gerechtigkeit bestehen als der Welteroberer Alexander. Er gab dem neuen Systeme den Namen, da er lächelnd zu seinem Fürsten sagte: »es hat so wenig Könige gegeben, die Ehrenmänner waren, es wäre wahrhaftig schön, die Reihe anzufangen.« – »Das Statut, nichts mehr, nichts weniger«, so lautete sein Rat; er war der Mann der Lage, solange die Politik der Ehrlichkeit genügte. Monate sollten noch vergehen, bis die erhitzten Köpfe sich beschwichtigten und das Land »den Fortschritt auf den Wegen des möglichen« guthieß, den Viktor Emanuel bei seiner Thronbesteigung empfohlen hatte. Auch in dem neuen Parlamente, das im Juli zusammentrat, überwog die Demokratie; der Abschluß des Friedens mit Österreich bot der Opposition eine bequeme Handhabe. Der Mailänder Friede stellte die alten Grenzen von Piemont wieder her – das Glimpflichste, was sich nach solchen Niederlagen erwarten ließ. Auch die Ehre des Königshauses war gewahrt, da Österreich den Lombarden, die für Karl Albert gekämpft, Amnestie gewähren mußte. »Sehen denn diese Menschen nicht,« rief Azeglio verzweifelnd, »wie schwer es gehalten hat, auch nur das Statut zu retten, wie leicht sie alle nach Fenestrelles auf die Festung wandern können? Heute heißt es: après nous les Croates !« Cavour, der jetzt wieder bei den Wählern Gnade gefunden hatte und vom nächsten Jahre an bis zu seinem Tode der Vertreter der Hauptstadt blieb, beschwor die Kammer, das Notwendige zu wollen: durften diese provisorischen Zustände sich ins Unendliche hinschleppen? Die Kammer zog vor, ein Spektakelstück demokratischer Gesinnungstüchtigkeit aufzuführen, sie verweigerte die bedingungslose Genehmigung des Friedens. Mag das Statut untergehen, rief Brofferio, mag die Freiheit untergehen, nur nicht unsere Ehre! Man stelle diesen Kraftspruch neben die Worte, die Cavour später in den Tagen seiner schwersten Kämpfe ausstieß: »mag mein Name untergehen, mag mein Ruf untergehen, wenn nur Italien eine Nation wird!« – und ein Gegensatz der Staatsgesinnung, der, in wechselnden Formen ewig derselbe, auch das deutsche Parteileben durchzieht, tritt uns durchsichtig vor die Augen. Die Politik des Bekenntnisses schwelgt im Genuß der eigenen Größe, indem sie ihre Glaubenssätze mit der Seelenruhe des kirchlichen Märtyrers unabänderlich vom Blatte abliest; die Politik der Tat bescheidet sich, dem Vaterlande ein wenig zu nützen. Der König hatte sein Wort verpfändet für den Mailänder Frieden, er sah den Bestand der Verfassung, vielleicht des Staates selber gefährdet durch den Widerspruch des Parlaments. Er löste die Kammer auf und wendete sich mit der Proklamation von Moncalieri (20. November 1849) persönlich an sein Volk: »Wenn das Land, wenn die Wähler mir ihren Beistand versagen, so wird nicht auf mich die Verantwortung für die Zukunft fallen ... Noch niemals hat sich das Haus Savoyen vergeblich gewendet an die Treue, den Verstand, die Liebe seiner Völker.« Die Demokratie tobte, sie hat dem Colonello (so hieß ihr der militärische Ministerpräsident) diesen Streich nie vergessen. Aber in den Wählern der Poebene erwachte endlich wieder der monarchische Sinn der Piemontesen. Die Mehrheit des neuen Parlamentes genehmigte den Frieden. So war ohne jeden Gewaltstreich der Boden gewonnen für ein gesichertes Staatsleben. Denn nicht um eines Fingers Breite wollte Cavour, der dem Kabinette seinen Beistand lieh, das Gesetz übertreten sehen; jetzt schon wie noch auf seinem Totenbette bekannte sich der Liberale zu dem Worte »mit dem Belagerungszustande kann jeder regieren«. Wie er während des Krieges alle Ausnahmegesetze entschieden bekämpft hatte, so schrieb er sogleich nach dem Manifeste von Moncalieri in das Risorgimento die Warnung: rühret nicht an die Presse! Der Rat ward befolgt, doch die Reform an Haupt und Gliedern, deren der kranke Staat bedurfte, blieb aus. Azeglio hielt sich als Minister allzu treu an die Weisheit, die er einst den heißblütigen Verschwörern der Romagna gepredigt: »mit der Hand in der Tasche könnt ihr am sichersten für Italiens Wiedergeburt wirken!« Der Handelsminister Santa Rosa hörte wohl in Detailfragen gern auf den Rat seines Jugendfreundes; doch für die schöpferischen Gedanken, die in Cavours Kopfe gärten, war in dieser Regierung keine Stätte. Und wahrlich, das Zusammenbrechen der Mächte der Bewegung weitum in der Welt ermutigte wenig zu einer kühnen Politik des Liberalismus. Der Beherrscher Europas, der Zar, hatte nach seiner brutalen Weise längst den Verkehr mit dem demokratischen Kabinett von Turin abgebrochen. Der Hof des Prinzpräsidenten von Frankreich schwankte noch unstet zwischen entgegengesetzten Gedanken. Ludwig Napoleon brütete zuweilen über dem Plane, für Piemont das Schwert zu ziehen; er trat mit dem Turiner Hofe jener wahnwitzigen großdeutschen Politik Schwarzenbergs entgegen, welche Deutschland und Italien durch einen ewigen Bund an Österreich zu ketten suchte; dann schmeichelte er wieder dem Kaiser von Österreich als einem Helden der »Ordnung«, sein Gesandter in Turin forderte zudringlich eine starke Regierung. Die deutsche Nation hatte mit Hohn und mit Kälte geantwortet, als Karl Albert vor dem Feldzuge von Novara die Hoffnung aussprach, Deutschland werde in Österreich den Feind seiner Einheit erkennen; jetzt beugte sie sich ermüdet unter Österreichs Joch, beflissene Poeten brachten den »jugendlichen Heldenkaiser« und die »ewig grünen Lorbeerreiser« in jammervolle Reime. Freiherr von Manteuffel riet, man solle in Turin wie in Berlin auf die Träumereien der nationalen Staatskunst verzichten. Selbst England, das einzige befreundete Kabinett, mahnte zur Vorsicht. Zudem hatte Karl Albert den Senat durchweg aus strengkonservativen Männern gebildet, und am Hofe scharte sich um den Prinzen von Carignan eine erbitterte reaktionäre Partei, General d'Aviernoz forderte im Parlamente die blaue Kokarde des Hauses Savoyen zurück, in Genua zerstörten noch weit später junge Offiziere die Druckerei einer radikalen Zeitung, alle Heißsporne vom Adel schalten auf die konstitutionelle Unordnung. In solcher Lage war es schon rühmliche Kühnheit, wenn der kleine Staat festhielt an seinem öffentlichen Rechte. Weiter zu gehen, Neues zu schaffen schien dem Kabinett Azeglio nur da rätlich, wo unerträgliche Übelstände, schreiende Widersprüche in der Verfassung selber augenblickliche Abhilfe verlangten. Das Statut, in wilden Tagen rasch auf das Papier geworfen, verriet auf jeder Seite die Spuren seines Ursprungs; sein schwerstes Gebrechen lag in der unklaren Ordnung der kirchlichen Dinge. Die Verfassung erklärte in ihrem ersten Artikel die römische Kirche für die einzige Religion des Staates – darauf hatte das geängstete Gewissen Karl Alberts bestanden – sie gewährte den Bischöfen die Zensur über den Druck der Bibeln und Gebetbücher; und doch sollten die Waldenser der vollen Freiheit des Kultus genießen. Sie bestimmte, daß alle Bürger vor dem Gesetze gleich seien, alle Gerichtsbarkeit vom Könige ausgehe; und doch hielt der Klerus seine geistlichen Gerichte noch aufrecht, gab den Verbrechern ein Asyl in seinen Kirchen. Schon im Herbst 1848 verhandelte der Hof von Turin über die Lösung dieser Widersprüche mit dem römischen Stuhle; der Papst aber verlangte, er selber wolle der höchste Richter sein für die Verbrechen der Geistlichen Piemonts, stellte unmögliche Forderungen, die sogar der bigotte Karl Albert nur durch Stillschweigen beantworten konnte. Mehrmals wurden die Verhandlungen wieder aufgenommen, doch selbst der fromme Balbo vermochte kein Zugeständnis von der Kurie zu erreichen. Seitdem war der hohe Klerus mit dem Papste in das Lager der Reaktion übergetreten; den Staat im Staate länger zu ertragen, ward unmöglich. Graf Siccardi, ein ausgezeichneter Richter, der auf Cavours Rat das Portefeuille der Justiz erhalten hatte, entwarf jetzt das »ketzerische und pestilenzialische« Gesetz, das die geistliche Gerichtsbarkeit beseitigte. So begann ein Kampf um die Elemente des modernen Staatslebens. Die Wiener Presse spottete: da ringt das liberale Piemont um Güter, die Österreich schon seit Joseph dem Zweiten besitzt! In Wahrheit bezeichnete diese bescheidene Reform den Bruch mit uralten Traditionen des savoyischen Hauses. Cavour übersah rasch die Bedeutung des Augenblicks. »Gerade in ruhigen Zeiten,« rief er aus, »denkt der wahre Staatsmann an Reformen.« Die katholische Kirche, meint er zuversichtlich, hat immer verstanden, sich in die Zeit zu fügen, und wieder verherrlicht er den unauflöslichen Bund der Religion und der Freiheit. »Schreitet hochherzig vorwärts auf der Bahn der Reformen, dann wird dieser Thron in unserem Lande so feste Wurzeln schlagen, daß er nicht bloß dem Sturme der Revolution widerstehen kann, sondern, alle lebendigen Kräfte Italiens um sich versammelnd, unsere Nation zur Vollendung ihrer erhabenen Bestimmung führen wird!« Als diese Worte unter dem Jubel der Galerien verhallten, da fragte mancher, ob das noch der reaktionäre Graf des Jahres 1848 sei? Und doch war nur ein Zerrbild zerstoben, das der Unverstand des Parteihasses aufgebaut. Solange die auswärtigen Fragen im Vordergrunde standen, bekämpfte Cavour, mit den Konservativen vereint, die phantastischen Pläne des Radikalismus, die bei den Dilettanten der liberalen Partei allzu leicht Eingang fanden. Jetzt war nicht er bekehrt, sondern die besseren Liberalen hatten verzichtet auf ihre föderalistischen Träume, und seit die Fragen der inneren Reform das Land beschäftigten, ergab sich sogleich, daß der gescholtene Anglomane den Ideen der Liberalen sehr nahe stand. Darum durfte Cavour den oft wiederholten Vorwurf des Gesinnungswechsels frohen Mutes verlachen. Als späterhin der Radikale Asproni dem Ministerpräsidenten mit Selbstgefühl zurief: »damals erst, im Jahre 1850, hat der Graf, als ein kluger und geschickter Mann, sich unseren Ansichten genähert« – da erwiderte Cavour nur mit der Miene possierlichen Erstaunens: » Ihren Ansichten?« – und ein schallendes Gelächter des Hauses folgte dem abgeschlagenen Angriff. Allerdings lockerte sich jetzt Cavours Verhältnis zu den Konservativen. Er stand ihnen nahe durch Geburt und persönliche Neigung, wie durch die lange Waffengemeinschaft im Kampfe mit den Radikalen; doch er konnte ihren Widerwillen gegen jede Reform und vornehmlich ihre hoffnungslose Ansicht über Italiens Zukunft nicht teilen. Nicht einen Augenblick hörte Cavour auf, an eine neue Erhebung seines Volkes zu glauben. Graf Revel hingegen, der bisher mit ihm die Rechte geführt – ein echter Sohn des altpiemontesischen Adels, ehrenhaft und geschäftskundig, hochangesehen bei der Rechten als ein Minister der weiland absoluten Krone, bei der Linken nicht unbeliebt, da sein Name unter dem Statut stand – verwarf die Hoffnung auf die terza riscossa als einen Wahn der Italianissimi; er verlangte ein strenges Regiment der Selbstbeschränkung, um das verlorene Zutrauen der Kabinette wieder zu gewinnen. Auch Cäsar Balbo widersprach; er fürchtete, das Siccardische Gesetz werde die Gewissen des katholischen Volkes beirren. Zwei Tage nach Cavours Rede, am 9. März 1850, wurde die Siccardiana von dem Abgeordnetenhause angenommen. Der Nuntius protestierte, der heilige Vater »hob seine Hände gen Himmel und betete, der Gott der Barmherzigkeit möge von dem Volke Piemonts die durch seine Gottlosigkeit verdiente Strafe abwenden.« Nun brauste über das Land die vendetta pretina dahin, das demagogische Toben des erbitterten Klerus; der Erzbischof Franzoni von Turin, ein störrischer Vertreter adliger und priesterlicher Hoffart, forderte seine Geistlichen offen zum Ungehorsam auf. Der Masse des Volkes kam der Ernst des Kampfes erst zum Bewußtsein nach dem erschütternden Ende Santa Rosas (5. August 1850). Mit der tiefen Herzenssehnsucht eines gläubigen Katholiken verlangte der sterbende Minister nach den letzten Gnadenmitteln seiner Kirche, er war bereit zu jeder Erklärung; nur einen Widerruf wollte er nicht leisten, nur die Unterschrift nicht zurückziehen, die er mit Bedacht unter das Siccardische Gesetz gestellt. Tagelang ward Cavours Freund und sein frommes Haus auf Befehl des Erzbischofs gemartert; noch als der letzte Kampf begann, trat der Pfarrer von S. Carlo an das Bett und drohte mit der Verweigerung des christlichen Begräbnisses. Heiliger Gott, rief der Kranke, ich habe vier Söhne, sie sollen von ihrem Vater nicht einen geschändeten Namen erben! So ging er dahin, und welches menschliche Gefühl sollte kalt bleiben bei diesen empörenden Szenen pfäffischer Rachsucht, unchristlicher Bosheit? Keine Stadt im Lande, die »dem in seinem politischen Glauben Gestorbenen« nicht eine Totenfeier bereitete. Heftiger von Tag zu Tag erklangen die Angriffe der liberalen Presse wider die Schacherbude der Klerisei ( Ia Bottega ). Der Erzbischof von Cagliari verlor sein Amt, weil er die Befreiung des Bodens von den grundherrlichen Lasten als Kirchenraub verdammte. Erzbischof Franzoni wurde zweimal als Unruhstifter zur Haft verurteilt; dann ging er nach Lyon, schleuderte aus der Ferne seine Verwünschungen wider die ketzerische Hauptstadt, die eine Waldenserkirche, eine Bibelgesellschaft in ihren Mauern entstehen sah. Die Klerikalen überreichten ihrem trotzigen Führer einen Hirtenstab; in Turin aber erhob sich auf dem savoyischen Platze ein Obelisk, den die Städte Piemonts zur Verherrlichung der Siccardiana errichteten. Savoyen, das schon dem Kriege gegen Österreich gleichgültig zugeschaut, wurde durch diese kirchlichen Wirren den Piemontesen gänzlich entfremdet. In den stillen Alpentälern herrschten die Priester; sie blickten jetzt, wie einst die Radikalen, verlangend hinüber nach dem stammverwandten Frankreich und seiner ultramontanen Herrlichkeit. Das Volk des Potals jedoch war seit dem Tode Santa Rosas der liberalen Sache gewonnen. Cavour sah längst, daß die unfruchtbare Politik, die sich begnügte, den Buchstaben der Verfassung streng festzuhalten, nicht mehr ausreichte, am wenigsten in der Finanzverwaltung. Der Ehrgeizige ertrug es nicht mehr, nur als Kritiker den Schritten des Ministeriums zu folgen; er wollte herrschen und darum, hatte er nur erst den Fuß im Bügel, sich vorläufig auch mit einem untergeordneten Ministerposten begnügen. In einer von fröhlicher Zuversicht strahlenden Rede verteidigte er am 5. Juli die Taten der Regierung, um ihre Unterlassungssünden desto schärfer zu geißeln. Wir müssen vorwärts – das war der Kern seiner Worte – die Freiheit ist festgewurzelt im Lande, sie hat die extremen Parteien nicht mehr zu fürchten. Der Haushalt eines kleinen Staates, der soeben 250 Millionen für den Krieg aufgewendet, bedarf einer gründlichen Umbildung. Es geht nicht mehr mit den alten Steuern, die den kleinen Mann unbillig drücken – »man erlaube diese Bemerkung einem Manne, der nicht gewohnt ist, gewaltsame oder dramatische Worte zu gebrauchen.« – Wenn wir durch Ermäßigung der Zölle der Volkswirtschaft freien Spielraum gewähren und die Steuerkraft an den rechten Stellen anzupacken wissen, so kann das Land, das heute mit Mühe zehn Franken zahlt, leicht fünfundzwanzig Franken für den Kopf aufbringen. So zeichnete er in großen Umrissen den Plan seiner eigenen Finanzpolitik. Der Graf hielt seine »Ministerrede«; das fühlte die Regierung, als er drohte, sich zur Opposition zu schlagen, wenn in dem neuen Budget das Gleichgewicht des Staatshaushalts nicht hergestellt würde. Nach Santa Rosas Tode schlug Azeglio vor, Cavour mit dem Handelsministerium zu betrauen. »Ich will wohl,« meinte der König lachend, »aber der Mann wird euch alle aus dem Sattel heben!« Azeglio ahnte dasselbe und sagte, nachdem er den neuen Genossen eine Weile im Amte wirken gesehen: »Mit diesem Kerlchen muß ich's machen wie Ludwig Philipp; ich trage nur die Krone und darf nicht regieren.« Am 11. Oktober trat der Unvermeidliche in das Amt.   Auch Cavours leichter Sinn war während der grimmigen Parteikämpfe der jüngsten Jahre dann und wann vom Mißmut überwältigt worden. »In solchen Zeiten,« schrieb er einmal, »werden die politischen Männer rasch vernutzt; ich bin es schon halb, bald werde ich es ganz sein.« Als Minister fand er rasch seine frische Spannkraft wieder. Mit seinem Eintritt in das Kabinett begann die Wiedergeburt des Staates – eine Zeit der Sammlung und Erhebung, die ihrem Leiter zu noch höherem Ruhme gereicht, als der offene Kampf, und sich als ein bescheidenes Gegenbild neben die Epoche Steins und Hardenbergs stellen darf. Eine Politik des Freihandels im großen Stile sollte der ermatteten Volkswirtschaft Erstarrung bringen; Piemont wurde mit der Schweiz der erste Staat des Festlands, der dem Vorgänge R. Peels entschlossen folgte. »Unser Gewerbfleiß muß endlich hinauswachsen aus seiner ewigen Jugend, aus dem zarten und interessanten Alter, das Schutz und Pflege fordert; keine Nation der Welt hat jemals durch Schutzzölle gewonnen!« – Warum doch wagte, der so zuversichtlich sprach, als Minister nicht, mit einem Schlage durch ein Gesetz das System des freien Handels einzuführen, wie er es so oft gefordert hatte als Abgeordneter? Warum zog er vor, Handelsverträge mit Belgien, England, Frankreich, sogar mit Österreich abzuschließen und so auf weitem Umwege zur Herabsetzung der Zölle zu gelangen? – Die Kühnheit seiner freihändlerischen Überzeugung ward von den Landsleuten noch kaum verstanden; selbst Gioberti klagte, durch diese Experimente Cavours werde Piemont erniedrigt zu einem anderen Portugal, einem Brückenkopfe Englands. Obgleich Ligurien allein dem Handel und der Schiffahrt, das Potal vornehmlich dem Ackerbau lebte, der Freihandel also durch die Natur der Dinge geboten schien, so erklang doch von allen Seiten der Hilferuf der Produzenten – am lautesten unter den Tuchfabrikanten, die heute Cavours Andenken segnen, und unter den Kaufleuten von Genua, die zehn Jahre später dem Neugründer ihres Wohlstandes eine Bildsäule in ihrer Börse errichteten. In dem Parlamente wuchs allmählich ein tüchtiger Stamm ernster, berufsmäßiger Politiker heran; mancher Dilettant verschwand aus dem Hause, da die Abgeordneten keine Tagegelder bezogen. Bei der Mehrheit herrschte ein wohlmeinender Liberalismus, eine warme nationale Gesinnung, welche den patriotischen Sinn des Gegners ritterlich anerkannte. Aber die volkswirtschaftliche Bildung stand selbst hier so niedrig, daß der Minister einmal einen Zweikampf mit einem schutzzöllnerischen Abgeordneten durchfechten mußte. Da endlich auch die Klerikalen die wirtschaftliche Angst Savoyens für ihre Parteizwecke ausbeuteten, so mußte der Vorschlag einer allgemeinen Zollerniedrigung unfehlbar scheitern an dem gemeinsamen Widerstände der Fabrikanten, der Käse- und Ölproduzenten, der unzähligen aufgescheuchten örtlichen Interessen. Die Handelsverträge dagegen, die immer einzelnen Provinzen, einzelnen Zweigen der Produktion Gewinn versprachen, boten dem klugen Minister den Vorteil, die Gegner zu teilen. So gelangte das Parlament zur Freihandelspolitik, ohne es recht zu merken, und als die Verträge mit einer in dem alten Piemont unerhörten Schnelligkeit zum Abschluß gelangt waren, konnte der Graf, zum Entsetzen vieler Hörer, triumphierend rufen: »wir sind zu Ende gekommen mit einer der gründlichsten Zollreformen, die je in Europa gesehen wurden.« Auch dieser Erfolg wurde nur möglich durch die eindringende Beredsamkeit des Handelsministers, durch eine Reihe von Reden, welche als ein umfassender Lehrkursus der Handelspolitik der Übersetzung ins Englische wohl würdig waren. Ein mächtiger Geist verbreitet hier sein Licht über die Grundfragen der Volkswirtschaft. Er spricht mit unumwundener Offenheit – das lo dico schiettamente bleibt fortan ein stehender Ausdruck in Cavours Reden – und mit der alten hoffnungsvollen Frische: die beschränkte Selbstsucht der Industriellen wird der besseren Einsicht in den eigenen Vorteil weichen, und sollte der Haß gegen das Kabinett uns über den Kopf wachsen, so bleibt noch ein unfehlbares Mittel: »man wechselt die Minister und hält die Reformen aufrecht!« Aber auch einen politischen Zweck verfolgte und erreichte Cavour durch den Umweg der Handelsverträge: zwischen den Piemontesen und den Völkern des Westens entstand ein regerer Austausch der Waren und Gedanken, der vereinsamte und verfemte Turiner Hof wurde wieder eingeführt in die Staatengesellschaft, die Gesinnung der Westmächte freundlicher gestimmt. Fürst Schwarzenberg schrieb zornig: Piemont will den Beistand Englands für Italien durch seine Handelspolitik erkaufen – und gründete seinen Zollverein mit Modena und Parma als einen Damm wider die Turiner Propaganda. Cavour arbeitete an dem Eisenbahnnetze, das den ganzen Staat bedecken sollte, prüfte die gewaltigen Pläne für die Überschienung des Mont-Cenis und des Apennins, erklärte sich kühn sogleich für den Bahnbau mit zwei Geleisen. Das Kapital der Nationalbank wurde verdoppelt, dann vervierfacht; denn jeder Staat mit schwunghaftem Verkehr, erklärte der Minister, bedarf einer zentralen Kreditanstalt, nur soll sie die Entstehung kleiner Privatbanken eher fördern als verhindern und nie zur Staatsanstalt werden. Mit Vorliebe sorgte Cavour für den Handel Liguriens: »Genua soll uns bald zu reich werden, um noch an Aufstände zu denken.« Er faßte den allzu kecken Plan, eine direkte Dampfschiffahrt zwischen Genua und Amerika einzurichten, hoffte sogar einen Teil der deutschen Auswanderung über die ligurischen Häfen zu leiten. So sollte die Heimat des Columbus mit ihrer starken Reederei im transatlantischen Verkehr eine Beschäftigung finden, die ihr das enge Hinterland nicht bot, die Überzahl der kleinen ligurischen Fahrzeuge verdrängt werden durch die großen Schiffe, welche der moderne Handel liebt. – Piemont war endlich, allein unter den Staaten der Halbinsel, eingetreten in das bewegte Treiben der modernen Volkswirtschaft; auch die Spekulationswut des Bonapartismus schlug oftmals in ungestümen Wogen nach Turin hinüber. Der Handelsminister aber verschmähte, den Arzt für dies Fieber zu spielen, er sagte oft: Präventivmaßregeln müssen, solange nicht Engel regieren, mehr Gutes unterdrücken als Böses verhindern. Zu allererst die Selbsthilfe der Bürger sollte die sozialen Leiden heilen; kaum ins Amt getreten, fragte der Minister bei den Bürgermeistern an, ob sie die Brotsteuer in ihren Gemeinden nicht abschaffen wollten; vor einem Befehle seien sie sicher. Er erwartete bestimmt von dem neu erwachten wirtschaftlichen Leben die Heilung der zerrütteten Finanzen; »ich fordere den klügsten und sparsamsten Steuerpflichtigen heraus, sein Einkommen zu vermehren, ohne daß ein entsprechender Teil davon in die Staatskassen fließt!« Im Auslande sprach man längst von dem Ministerium Cavour. Der Mann aber, der allein durch schöpferisches Wirken den Ruf des Kabinetts in der Welt aufrecht hielt, empfand täglich schwerer, wie wenig er auf die Mehrheit seiner Amtsgenossen zählen konnte. Die Nation erwachte langsam aus tiefer Entmutigung; die Patrioten daheim, die tausend Verbannten in der Fremde arbeiteten wieder an einer neuen Erhebung, mit jener glühenden, nervösen Leidenschaft, jener unbedingten Hingebung, die diesen Jahren der Vorbereitung ihre Weihe gab. Und daß zu der Leidenschaft auch die Einsicht nicht fehlte, das bewahrte Giobertis letztes und größtes Werk, das Rinnovamento (1851). Kein Wunder, daß die beiden unförmlichen Bände von Tausenden verschlungen wurden; denn aus mystischem Schwulst, aus pathetischen Standreden wider »den kosakischen Gegenpapst und den Nachfolger Barbarossas«, aus den Prahlereien einer rechthaberischen Eitelkeit, die für Cavour nur einige herablassende Worte halben Lobes übrig hatte, trat doch überwältigend der leitende Gedanke hervor: auf das schwache Morgenrot der »Auferstehung« soll der lichte Tag der »Erneuerung« folgen, auf das Parteiengewirr des Jahres 48 eine geordnete Bewegung, die in fester Mannszucht der Diktatur Piemonts zu gehorchen hat. So war das Neuguelfentum verweltlicht, sein Prophet übergegangen in das piemontesische Lager, Cavour hat dem mystischen Abbate diesen Mut der Selbstverleugnung nie vergessen und späterhin oft geäußert: »wir wollen Italien die von Gioberti zuerst erdachte Erneuerung geben.« Aber derweil die Anspruche der Patrioten an die Krone von Savoyen sich steigerten, ward in Paris der Staatsstreich vollzogen. An allen Höfen erhob die reaktionäre Partei frohlockend ihr Haupt. Die Wiener Hofburg forderte, im Verein mit ihren Vasallenstaaten, die Beseitigung des liberalen Unwesens in Piemont; von Azeglio stolz zurückgewiesen, schlug sie den Tuilerien vor, durch gemeinsame Einmischung den gefährlichen Nachbarstaat zur Ruhe zu bringen, und Ludwig Napoleon versprach zum mindesten, sein Gesandter Butenval solle in Turin strenge Aufsicht üben. Wie konnte der kleine Staat gegen solche Mißgunst der Nachbarn sich behaupten, solange er selber dastand als ein unfertiges Gemeinwesen, das vom konstitutionellen Staatsleben nicht viel mehr besaß als eine Verfassungsurkunde? Sollte man den Genossen Mazzinis auch fernerhin überlassen, sich als die einzigen Vertreter des nationalen Gedankens zu gebärden? Und war nicht in solcher Zeit die Rachsucht der mächtigen Reaktion ungleich mehr zu fürchten als die Torheit der zu Boden geworfenen Demokratie? Auf wen hatte die Regierung zu zählen in dem begonnenen Kampfe mit dem römischen Stuhle? Graf Revel, der Führer der Rechten, war von Cavour soeben nach England geschickt worden, um eine Anleihe abzuschließen. Er hatte, obwohl ein Gegner der neuen Handelspolitik, den Auftrag geschickt und ehrenhaft wie immer vollzogen, aber er brachte aus der Fremde die Überzeugung heim, eine Änderung des Wahlgesetzes und des Preßgesetzes sei durch die reaktionäre Stimmung der großen Mächte geboten. Hinter ihm standen die bigotten Savoyarden Deviry und Beauregard und jener La Margherita, der einst die Lehren des Mariana, den Vernichtungskrieg wider ketzerische Könige, verteidigt hatte. Hinter diesen redlichen Gegnern gar die wilde Meute der pfäffischen Demagogen, welche dessen kein Hehl mehr hatte, daß sie die Unordnung wolle, um zur rechten Ordnung zu gelangen. In seinen frommen Zeitungen las der Savoyard schaudernd, 60 Millionen seien spurlos aus den Staatskassen verschwunden. Noch hielt Azeglios Ansehen die Fraktionen der Rechten notdürftig zusammen; doch bei den Debatten über die Handelsverträge stand ein großer Teil der ministeriellen Rechten gegen die Minister, das Kabinett siegte nur durch den Beistand der Opposition. Sollte diese verkehrte Welt fortdauern? Man regiert nicht auf der Spitze einer Nadel, meinte Cavour unwillig; die Bildung zweier starker regierungsfähiger Parteien nach englischer Weise galt ihm sein Lebtag als die Voraussetzung gesunden parlamentarischen Lebens. Man bedurfte einer starken zuverlässigen Mehrheit, um gegen Rom und Österreich, gegen Savoyen und Genua, gegen Ultramontane und Radikale zugleich, den ungleichen Kampf zu wagen, und diese Mehrheit war nur zu gewinnen durch die Verständigung mit dem linken Zentrum, das unter Rattazzis Führung stand. Zwischen Cavour und dieser Partei des liberalen Turiner Bürgertums lag die tiefe Kluft, welche den selbständigen Staatsmann von dem vulgären Liberalismus trennt. Er hatte oft der Opposition unter dem Beifall der Rechten zugerufen: Ihr wollt nach französischer Weise die Unterdrückung der Kirche! – oft ihr vorgehalten: Ihr macht die Regierung für jeden Übelstand in der Gesellschaft verantwortlich; heißt das nicht der Staatsallmacht in die Hände arbeiten? Er kannte die innige Verwandtschaft, die den flachen Liberalismus mit der Bureaukratie verbindet. Die aristokratischen Liberalen, die Freunde der Selbstverwaltung, wie Karl Alfieri und Boncompagni, standen der Überzeugung des Ministers näher als diese Bourgeoisie, der jede selbständige örtliche Gewalt leicht als ein Trümmerstück des Feudalismus verdächtig wurde. Und wieviel würdiger erschien der ritterliche Azeglio als dieser glatte Rattazzi, der alle Fechterkünste des Advokaten im Parlamente entfaltete, der sich einst schmiegsam den Launen Karl Alberts gefügt, dann als ein untertäniger Hofmann den neuen König und seine Unsitten gewähren ließ. In diesen Kreisen galt das Wort: il est de la bande, il faut le pousser! Hier sprang man über sittliche Vorurteile mit einer Keckheit hinweg, welche bald, nach Rattazzis Heirat, noch unbefangener auftreten sollte. »Fast noch als Kind« hat Frau Rattazzi die Soirées d'Aix les Baines geschrieben, und wahrhaftig, die helle Kinderunschuld des zweiten Kaiserreichs lächelt aus diesen Blättern. Gleichviel – die Partei des linken Zentrums war die stärkste in dem Parlamente, sie vertrat die öffentliche Meinung in dem Kernlande des Staates, nur durch sie konnte Cavour das Haus beherrschen; sie war bereit, den Kampf mit Rom entschlossen weiterzuführen, und bekannte sich zu dem Programme des Handelsministers: »das Statut mit allen seinen Früchten und Konsequenzen!« Ihr Führer blieb eine Macht auf der Rednerbühne wie in der Presse, und die Lobsprüche ergebener Federn liefen zuletzt stets auf den Satz hinaus: »die Regierungsgewalt kommt zu Urban Rattazzi, nicht er zu der Regierungsgewalt!« Nichts ist verständlicher als das leise Anwinken der bescheidenen Größe. Cavour näherte sich dem gewandten Parteiführer, und nur einer seiner Amtsgenossen stand ihm bei solcher Schwenkung fest zur Seite: der unermüdliche Romagnole Farini, ein bekehrter Demokrat, durch den Grafen in das Kabinett eingeführt. Ein seltsamer Anlaß brachte die Verschiebung der Parteien an den Tag. Der Pariser Staatsstreich erweckte Cavours vaterländische Hoffnungen; er ahnte, diese Tat werde Bewegung bringen in das Stilleben des Weltteils. Die Masse der Liberalen dagegen, in Piemont wie überall, überhäufte den neuen Despoten mit lauten Verwünschungen. Das Volk freute sich der zügellosen Heftigkeit seiner Presse, sah darin ein Zeichen der stolzen Unabhängigkeit des kleinen Landes. Der Hof aber sollte alsbald die Empfindlichkeit des Napoleoniden kennen lernen. Wenige Tage nach dem Staatsstreiche kam ein Minister zu dem piemontesischen Gesandten in Paris, versicherte feierlich, daß Piemont und seine Verfassung auf Frankreichs Beistand zählen könne, und forderte als ein Unterpfand der Freundschaft strenge Maßregeln wider die Flüchtlinge und die Presse; zuletzt erboten sich die Tuilerien freundnachbarlich, den gefährlichsten Demagogen Italiens eine Zufluchtsstätte in Cayenne anzuweisen. Diese Zumutung wies Azeglio stolz und fest zurück; doch brachte er endlich einen Gesetzentwurf ein, wonach künftighin die Presse, wenn sie fremde Souveräne beleidigt hatte, vor rechtsgelehrten Richtern, nicht mehr vor Geschworenen Rede stehen sollte. Darin lag – was auch die Minister beteuern mochten – ein Bekenntnis der Abhängigkeit vom Auslande; indes die Notwendigkeit des Schrittes, die Unmöglichkeit, mit den beiden mächtigen Nachbarstaaten zugleich in Feindschaft zu leben, war unverkennbar. Sofort schöpften die Konservativen frische Hoffnung; General Menabrea schloß mit der Konsequenz des Mathematikers, auf diese erste beschränkende Maßregel müsse die Beseitigung des Preßgesetzes folgen. Am 5. Februar 1852 hielten die Minister am Bette des erkrankten Azeglio ihren Rat; Cavour zog ungeduldig einen Kollegen abseits an das Fenster: »dieser Menabrea wird mir langweilig, ich habe Lust, auf seinen Beistand zu verzichten.« Von da ging man in die Sitzung des Parlaments, und hier wagte Cavour, im Einvernehmen mit Farini, einen kecken Handstreich. Er verteidigte die Vorlage der Regierung; auf die Klage der Opposition: »man verletzt die Prinzipien,« gab er die Antwort: »die großen Phrasen, die großen Grundsätze haben oft die Staaten zu Grunde gerichtet.« Aber zugleich versprach er eine entschlossene Politik der Reformen und erklärte, daß er auf Rattazzis Beistand hoffe: »diese Hilfe wird unseren Weg ebenen!« So war, wie Graf Revel entrüstet bemerkte, Cavours Scheidung von der Rechten (das divorzio ) vollzogen, die Ehe (das connubio ) mit dem linken Zentrum abgeschlossen. Für einige Wochen beschwichtigte der Ministerpräsident den Unfrieden unter den Genossen. Doch schon im April, bei den Debatten über den französischen Handelsvertrag, wiederholte Cavour seine Erklärung. »Ich weiß,« rief er den Savoyarden auf der Rechten zu, »daß, wer in so schwierigen Zeiten in das politische Leben eintritt, auf die größten Enttäuschungen gefaßt sein muß. Sollte ich auch verzichten auf alle Freunde meiner Kindheit, sollte ich auch meine liebsten Bekannten sich in bittere Feinde verwandeln sehen – niemals werde ich die Grundsätze der Freiheit aufgeben, denen ich meine Laufbahn gewidmet habe.« Im Mai, als das Haus sich einen neuen Präsidenten wählte, lenkte Cavour – abermals hinter dem Rücken der Minister – die Stimmen auf Rattazzi. Es ging nicht ab ohne jene rücksichtslose Gehässigkeit, welche sich unvermeidlich einstellt, sobald politische Freunde sich trennen; Cavour verbarg es kaum noch, daß er den Ministerpräsidenten zu stürzen und selber an die Spitze einer neuen Regierung zu treten dachte. Azeglio wurde von der Wunde, die er einst bei dem Kampfe um Vicenza empfangen, immer wieder auf das Lager geworfen; ermüdet schrieb er einem Freunde: »Gott bewahre Sie davor, leitender Minister zu werden!« Doch »diese Ohrfeige« wollte er sich nicht bieten lassen. Eine Ministerkrisis erfolgte; die fremden Gesandten verlangten dringend eine konservative Regierung. Azeglio bildete, auf des Königs Wunsch, ein neues Kabinett ohne Cavour und Farini. Der Anschlag des Grafen war mißlungen; er empfand die Niederlage sehr schmerzlich, doch er verschmähte, klug und edel, gegen die verlassenen Freunde eine systematische Opposition zu beginnen. Er reiste in den Westen, traf in Paris mit Rattazzi zusammen, und nach einem Gespräche der beiden mit Ludwig Napoleon stand Cavours Urteil fest: das neue Regiment wird dauern, nur von der Wildheit der ultramontanen Reaktion droht ihm Gefahr; die gerühmte Friedensliebe des Bonapartismus wird uns kund werden durch eine ausgreifende europäische Politik! Als er im Herbst heimkehrte, fand er die Patrioten hochaufgeregt durch den Tod des Propheten Gioberti, den Verkehr mit Rom abgebrochen, die katholische Partei tobend wider den Gesetzvorschlag über die Zivilehe, der den Liberalen nicht genug tat. Azeglio, bei Hofe als ein unerschrockener Tadler unbeliebt, mußte dulden, daß die Erziehung des Thronfolgers einem Schüler des vertriebenen Erzbischofs, Pillet, anvertraut wurde. In Rom verhaßt schon seit seinem schönen Buche über die Romagna, verfeindet mit dem französischen Gesandten, gebot er daheim, ohne den Beistand des linken Zentrums, nicht mehr über die Mehrheit des Parlaments. Das Risorgimento, das lange zwischen den hadernden Freunden geschwankt, verkündete jetzt: Cavour wird durch das öffentliche Gewissen gerufen, die konstitutionelle Partei herzustellen! Da gab Azeglio den unhaltbaren Posten auf. Der König berief Cavour zu sich, beauftragte ihn, ein neues Kabinett zu bilden und die Versöhnung mit der Kurie herbeizuführen. Aber der Graf erklärte offen, bei der tiefen Verstimmung des Papstes könne er den kirchlichen Frieden nicht wiederherstellen; eine Unterredung mit dem Erzbischof Charvaz von Genua, die er auf Befehl des Königs abhielt, zeigte nur von neuem, wie fern er den Klerikalen stand. Nun versuchte Viktor Emanuel, gedrängt von den beiden Königinnen, durch ein Ministerium Balbo-Revel den Papst milder zu stimmen; doch Graf Revel selbst gestand, seine Partei habe keine Stütze im Lande, und dem Vatikan war auch jetzt noch kein Zugeständnis zu entreißen. So blieb nur übrig, den Weg der Reformen mutig weiter zu verfolgen. Die Verblendung des römischen Stuhls führte den Grafen an das Ruder des Staats; am 4. November bildete Cavour sein Kabinett, das »große Ministerium« der Italiener. Der entlassene Minister aber antwortete lustig, als der König ihm den Annunziaten-Orden und damit den Rang eines Vetters der Dynastie anbieten ließ: »Ich finde es nicht passend, daß Seiner Majestät Verwandte Bilder verkaufen.« Frohen Mutes griff er wieder zu seiner geliebten Palette und schrieb: »Ich verlasse meinen Wachtposten: ein anderer zieht auf. Dieser andere ist von einer teuflischen Tätigkeit, sehr aufgeweckt an Leib und Seele, und dann macht es ihm so viel Vergnügen!« Der andere, dem das Regieren so viel Vergnügen machte, sprach den leitenden Gedanken seiner Verwaltung in dem Satze aus: »Es ist unmöglich, eine nationale, italienische Politik dem Auslande gegenüber zu verfolgen, ohne im Innern liberal und informatorisch zu sein.« Sein »Unionsministerium« sollte der Revolution einen Damm entgegenwerfen, der Welt den Unterschied despotischer und konstitutioneller Staaten zeigen; dergestalt hoffte er, das moralische Ansehen Österreichs und seiner Vasallenstaaten zu erschüttern und »das alte Märchen« zu widerlegen, als könnten die Italiener weder Ordnung noch Freiheit ertragen. Für die Leitung der Verkehrsanstalten besaß die Regierung schon seit drei Jahren ein glänzendes technisches Talent an dem venetianischen Flüchtling Paleocapa, einem alten Soldaten des napoleonischen Königreichs Italien. In dem Kriegsministerium schaltete La Marmora etwas pedantisch und langsam, doch mit einer Willenskraft, die er als Feldherr nicht bewährt hat; die Einheit der Armee wurde durch die Aufhebung der Provinzial-Regimenter befestigt, das Aufrücken in die höchsten Stellen auch den bürgerlichen Talenten gestattet, das Offizierkorps von allen unbrauchbaren Elementen gesäubert. Das kleine Heer stand bald in Mannszucht und Ausbildung weit höher, als die heutige italienische Armee. Der Justizminister Rattazzi gründete Handelsgerichte, schuf eine Neuordnung des Zivilprozesses, stand dem Präsidenten als ein geschickter entschlossener Kamerad zur Seite, also daß Rattazzis Herolde, die Migliotti, Berti, La Varenne, von der innigen Freundschaft der beiden erzählen konnten und der Justizminister selber in seiner Bescheidenheit sich für die Seele des Kabinetts hielt. Aus der Verwaltung verschwanden die letzten Spuren des Militärstaats, die Polizei fiel ausschließlich den Zivilbeamten anheim, aber die von dem Grafen verabscheute Zentralisation blieb aufrecht. Denn noch erstaunlicher als die Kühnheit dieser Reformpolitik ist ihre vorsichtige Mäßigung; in ihrem Leiter verkörperte sich jene Mischung grundverschiedener, ja entgegengesetzter Geisteskräfte, welche den großen Staatsmann macht. Umgeben von radikalen Himmelsstürmern begnügten sich die Liberalen Piemonts nur an einige wunde Stellen des Staates die heilende Hand zu legen; viele empfanden, daß man in provisorischen Zuständen lebe, forderten eine stramme bureaukratische Verwaltung, um die Kräfte zu sammeln für den nahen Krieg. Auch für die Hebung des Volksunterrichts geschah wenig; man fühlte schmerzlich, daß dem großen Volkswirt diese Interessen fern lagen. Von allen inneren Staatsfragen hingen die kirchlichen Händel am festesten mit der nationalen Politik zusammen. Es war längst kein Geheimnis mehr, daß der Abfall des Papstes von der Sache Italiens so schnell nicht erfolgt wäre, wenn nicht die Hofburg versprochen hätte, alle Ansprüche der Kirche zu befriedigen. In den folgenden Jahren verständigten sich alle italienischen Staaten durch Verträge mit Rom; die Solidarität der konservativen Interessen schloß ein festes Band um die Hofburg und ihre Vasallen. Welche schneidige, mit gewandter Bosheit gehandhabte Waffe gewährten diese Konkordate den Piemontesen! Wie war doch das stille Turin der altköniglichen Tage verwandelt! Auf den Galerien im Palaste Carignan drängten sich die Hörer, in allen Kaffeehäusern eifrige Zeitungsleser. Man verschlang die geistreichen Sonntagspredigten des Pfaffenfeindes in der »Unione«, durchwühlte noch lieber »den schwarzen Sack« der Turiner Volkszeitung, worin alle möglichen und unmöglichen Unsauberkeiten der Klerisei sorgsam aufgesammelt lagen. Überall erklang der Ruf: »Krieg den Pfaffen, Einziehung der geistlichen Güter, die von Rechts wegen dem Volke gehören!« Cavour ahnte tief bekümmert, wie schwer dieser Kirchenstreit die Sittlichkeit der Nation zu gefährden drohte. Er erblickte mit Sorge unter den Kämpfenden freche Materialisten, radikale Schwärmer, die den Klerus zu der Einfachheit eines erträumten Urchristentums zurückzuführen dachten. Ihm war kein Zweifel, dies katholische Volk müsse, losgerissen von der alten Kirche, der Verwilderung verfallen. Aber solange die Kirche die Unabhängigkeit des Staats nicht zugestand, wollte der Staatsmann auch die unbedingte Kirchenfreiheit, die sein Ideal blieb, nicht gewähren, nicht verzichten auf das Recht der Oberaufsicht, das der Staat gegen den Mißbrauch geistlicher Gewalt in Händen hielt. Über die schwebende Kirchenreform hatte der Graf schon vor Jahren geurteilt: solche Versuche schneiden so tief ein, daß sie, einmal begonnen, bis zum Ende durchgeführt werden müssen. Darum hielt er tapfer aus, obgleich die europäische Meinung, und mit ihr die Börse, noch für den Papst Partei nahm. Die Zivilehe, die er einst hatte vermeiden wollen, erkannte er jetzt als unentbehrliches Mittel, gehässige Händel zwischen den beiden Gewalten abzuschneiden; doch der Senat, eingeschüchtert durch die Drohungen Roms, verwarf das Gesetz. Dann rückte Rattazzi ins Feld gegen die tote Hand und die Überzahl der geistlichen Genossenschaften. Auch Piemont krankte an den Folgen der Politik der Päpste, die im Mittelalter den italienischen Episkopat vermehrten und vermehrten, um auf den Konzilien mit einer starken zuverlässigen Mannschaft auftreten zu können. 41 Erzbischöfe und Bischöfe regierten die Herde des kleinen Königreichs; unter 214 Einwohnern war einer geistlich, auf der Insel schon unter 127 einer. Man zählte 1417 Kanonikate und an 18 000 Klosterinsassen. Das Einkommen der Kirche betrug über 17 Millionen, mehr als der gesamte Ertrag der Grundsteuer im Staate, und doch konnten Hunderte armer Pfarrer nur durch Staatszuschüsse ihr Leben fristen. Jetzt verlangte der Staat: Besteuerung der toten Hand; Unterdrückung aller kirchlichen Genossenschaften, die nicht der Erziehung, der Predigt, der Krankenpflege dienen; Beseitigung aller Pfründen, denen kein geistliches Amt entspricht, desgleichen aller Kanonikate in den kleinen Städten. Aus dem also gewonnenen Kirchengute wird eine Kirchenkasse gebildet, welche, vom Staate verwaltet, den Mitgliedern der aufgehobenen Stiftungen eine Pension, den armen Pfarrern ein genügendes Einkommen gewährt. Der Papst bedrohte mit der Exkommunikation jeden, der für diese Gesetze stimme oder sie ausführe. Unter den frommen Älplern im Tale von Aosta brachen Unruhen aus; Cavours Bruder Gustav nannte den Entwurf kommunistisch. Selbst unter den Liberalen fragten einzelne: wo denn das Vereinsrecht der freien Piemontesen bleibe? Die Demokratie schalt auf die Halbheit des Ministeriums, verlangte die unbedingte Unterwerfung der Geistlichen unter die Wehrpflicht und ähnliche Schritte der Rache. Cavour bewährte in langen siegreichen parlamentarischen Kämpfen den vornehmen Sinn des Staatsmannes, der die Leidenschaften der Parteien übersieht. Keinen Schritt wich er ab von seinem Mittelwege: die Einziehung sämtlicher Kirchengüter schafft entweder einen servilen Klerus, wie der russische, oder eine fanatische Sekte; blickt nur hinüber nach Savoyen, wo die Jakobiner längst mit dem geistlichen Gute aufgeräumt haben! Wie die Turiner Universität, endlich der geistlichen Bevormundung entledigt, der Unterrichtsfreiheit genießt, so soll auch der Staat die theologischen Seminare mit seiner Aufsicht verschonen; denn »wo ist die Freiheit, die keine bitteren Früchte bringt? Ist es den Klerikalen einst, da sie über die weltliche Gewalt geboten, nicht gelungen, den Triumph der liberalen Ideen zu verhindern, um wieviel minder heute, da wir sie mit der Schule, der Presse und dem freien Worte bekämpfen können!« – Und wie er vormals, da die Revolution die Gesellschaft Jesu vertrieb, für die polnischen Jesuiten als für die Märtyrer einer mißhandelten Nation sein Fürwort eingelegt hatte, so erklärte er jetzt, eher wolle er seinen Ministerposten verlassen, als die segensreiche Genossenschaft der barmherzigen Schwestern aufheben. Die Staatskirche blieb aufrecht. Nur in Turin und Genua genossen die Nichtkatholiken unbedingter Freiheit des Gottesdienstes; in den Provinzen mußte eine milde Praxis aushelfen. Die Kurie wollte nichts sehen von allen diesen Beweisen der Mäßigung. Sie stellte maßlose Forderungen, sie verlangte, daß selbst das letzte Sicherheitsmittel des Staats gegen den Klerus, der Recursus ab abusu , fallen müsse, tadelte laut, daß man den Mauritiusorden einem Protestanten verliehen habe. Auch den Munizipalgeist wußte die katholische Partei gewandt auszubeuten: Piemont, rief man, gehört nicht mehr den Piemontesen, sondern den Farini und Paleocapa und den journalistischen Schreiern aus der Fremde. Und gerade jetzt, in den ersten Monaten des Jahres 1855, wurde das königliche Haus schwer heimgesucht. Rasch nacheinander starben die beiden Königinnen hinweg und der Herzog von Genua, der ritterliche Bruder Viktor Emanuels, der oftmals vor der Überstürzung der Liberalen gewarnt hatte. Abermals schwankte der König; sein unfreies Gemüt zitterte vor dem Finger Gottes, der drohend aus den Wolken winkte; gleich ihm Tausende im Lande. Tiefe Trauer lag über dem treuen Volke, wie einst nach dem Tode Karl Alberts. Eine neue Ministerkrisis erfolgte, die Priester hofften auf einen Staatsstreich. Da trat Azeglio mannhaft ein für die Sache der Reform, zuerst als Schriftsteller, dann in persönlicher Ansprache an den König. Soll ein mönchisches Ränkespiel, schrieb er entrüstet, in einem Tage das Werk Ihrer ganzen Regierung zerstören? – Der König kämpfte und überwand. Die Gesetze Rattazzis brachten das Werk Siccardis zum Abschluß. Im Frühjahr 1855 stand das Ministerium fester denn je. Die Einziehung eines großen Teiles der Kirchengüter gereichte der Volkswirtschaft zum Vorteil, aber die Finanzen litten, da die Kirchenkasse steigende Zuschüsse vom Staate verlangte. Auf dasselbe Ergebnis lief die gesamte Wirtschaftspolitik des Ministers hinaus. Mit rastloser Tätigkeit wurden die alten Pläne wieder aufgenommen, die Eisenbahnen in der Ebene und im Apennin vollendet, der Tunnelbau am Mont-Cenis begonnen. Auch das aufsässige Savoyen erhielt seinen Schienenweg, Nizza und die Insel ein neues Straßennetz. Ein unterseeischer Telegraph verband Ligurien mit Cagliari. Die Wuchergesetze waren beseitigt, das Briefporto um fast 40%, herabgesetzt. Selbst dem Kleinen und Kleinsten galt die Aufmerksamkeit des Ministers: er ruhte nicht, bis seine Tabaksregie eine rauchbare Zigarre für das arme Volk zustande brachte – die Cavourina , die jedem Nordländer ebenso unvergeßlich bleibt wie die Mücken Italiens. Die Industrieausstellung im Schlosse Valentin bezeugte, wie rüstig in den sechs Jahren seit 1850 der Gewerbfleiß vorgeschritten war; ein halbes Jahrzehnt später, als das einige Italien zum ersten Male in Florenz seine Gewerbserzeugnisse ausstellte, schlug Piemont, zum Erstaunen der Welt, alle anderen Provinzen aus dem Felde. Der Arbeitslohn stand hoch, die Verzehrung der wichtigsten Ruhstoffe in Savoyen hatte sich verdreifacht. Der Ackerbau verwendete, statt der alten unförmlichen Geräte, tüchtige im Lande gefertigte eiserne Maschinen, verbrauchte jährlich gegen 8 Millionen Tonnen Guano, während noch vor wenigen Jahren der Minister allein auf seinen Gütern das neue Dungmittel versucht hatte. Die Ausfuhr der Seidenwaren war in 22 Jahren von 366 000 auf 925 000 Kilogramm, die Einfuhr der zur Verarbeitung bestimmten Baumwolle von 28 000 auf 120 000 Quintal gestiegen; die Eisenbahnen brachten einen Rohertrag von 16 Millionen. Trotzdem fand sich die Nation nur langsam in das freie Verkehrsleben. Die Bevölkerung stieg in zehn Jahren bloß um eine Viertelmillion; Auswanderungen und Bankrotte bekundeten die zweischneidige Wirkung des neuen Spekulationsgeistes. Noch im Herbst 1853 bedrohte eine tobende Masse den Palast des Ministers, dem man die hohen Kornpreise schuld gab. Die Beseitigung der Kornzölle kam vornehmlich der ligurischen Küste zu statten, und als der neue mächtige Hafendamm mit seinem Leuchtturme das majestätische Halbrund des Hafens von Genua erweiterte, da durfte Cavour sich rühmen, seine Regierung habe Größeres für die Wohlfahrt der Stadt geleistet als weiland die Republik. Dennoch verharrte Genua in seinem unbändigen Trotze. Ein englischer Ingenieur mußte die Untersuchung des Hafens vornehmen, da die Stadt sich dessen weigerte, und bei der Einführung der neuen Tranksteuer sah sich der Minister gezwungen, den Gemeinderat aufzulösen. Fast ebenso rasch wie der Volkswohlstand wuchsen die Auflagen des Staates und der Gemeinden. Cavour wußte, daß jede Steuer ein Übel ist: der gewiegte Volkswirt verwarf den Vorschlag der Dilettanten, die eine rationelle Umgestaltung des gesamten Steuerwesens forderten. Doch schon die behutsame Steuerreform, die er wagte, drückte die Massen als eine ungewohnte Last. Wohl gelang dem Minister mit seiner genauen Kenntnis der Börsenwelt, seiner seltenen Gewandtheit im Unterhandeln, die Anleihen des Staats unter leidlichen Bedingungen abzuschließen und Österreich immer aufs neue zu beschämen. Aber seine herkömmliche Versicherung: »die Finanzen sind beinahe wiederhergestellt«, erwies sich wieder und wieder als ein Irrtum. Unleugbar traten in den Finanzfragen die Schwächen seiner Tugenden zu Tage. Dieselbe Kühnheit, die ihn befähigte, die schwerfällige alte Bureaukratie in neue Bahnen zu treiben, hieß ihn auch den Staatshaushalt mit einer Leichtfertigkeit behandeln, welche noch heute in dem Königreich Italien verhängnisvoll fortwirkt. Der ganze Tiefsinn der Staatskunst Cavours steht und fällt mit diesen unvermeidlichen Schwächen des Staatshaushalts. Alle Reformen im Innern waren ihm nicht ein Selbstzweck, sondern lediglich ein Mittel, Piemont zum Führer Italiens zu erheben. Längst bildeten die Verhandlungen des Turiner Parlaments die hohe Schule für alle Patrioten der Halbinsel, darin sie Besonnenheit, staatskundige Mäßigung lernten; und bald vergönnte die Torheit der Hofburg dem Minister, vor der Welt als der Vertreter der Nation zu reden. Eine ruchlose Schilderhebung der Mazzinisten zu Mailand (6. Februar 1853) bewog den Wiener Hof, alle Güter der lombardischen Flüchtlinge mit Beschlag zu belegen, obgleich die Ausgewanderten in Turin völlig schuldlos waren an dem Ausstande. Sofort verwahrte sich Piemont gegen diese unzweideutige Verletzung des Mailänder Friedens. Österreich antwortete durch heftige Anklagen wider die Presse Piemonts und die Umtriebe der in Turin geduldeten Flüchtlinge; zwischen den Zeilen las man die Frage, ob nicht Graf Cavour selber den Mailänder Banditen die Dolche geschliffen habe. Der aber verwies stolz auf die im Statut gewährte Freiheit seines Landes, bat das Parlament um Unterstützung für die Beraubten, rief seinen Gesandten aus Wien ab, also daß fortan der diplomatische Verkehr nur notdürftig durch Geschäftsträger vermittelt ward. Nun fluchte der heilige Vater auf die Kirchenräuber in Turin, wie nur ein Papst zu fluchen versteht. Der k. k. Hofpresse versagte schier der Atem bei den unflätigen Schimpfreden wider den »aufgeblasenen piemontesischen Frosch«. Umso mächtiger stieg das Ansehen des kühnen Ministers bei seinem Volke: der Mann, der so oft sein strafendes Auge gegen die tobenden Galerien gerichtet, mußte jetzt von der Priesterpartei den Vorwurf hören, er erschrecke das Haus durch den Jubel der Massen. Aller Blicke hingen an ihm, wenn er durch die Postraße schritt, alles lächelte befriedigt, wenn der Graf sich behaglich die Hände rieb. Nicht lange, so begannen die Doktrinäre des Parlamentarismus in der Stille zu klagen: wir haben ein Statut, eine Regierung, ein Parlament und das alles heißt Cavour! Noch über ein Kleines, und der allmächtige Minister durfte schon vor entscheidenden Abstimmungen sein unfehlbares Hausmittel anwenden: dann steckte er beide Hände in die Taschen und erklärte achselzuckend, wenn das Parlament ihn diesmal nicht unterstütze, müsse er das Regiment geschickteren Händen übergeben. Unbedingtes Vertrauen oder ein Ministerwechsel – das war die Wahl, die er stets der Volksvertretung stellte. Während gewöhnliche Menschen im Genusse der Macht erschlaffen, hob sich der Freisinn Cavours, seit er regierte, zu immer kühneren Flügen. Mit jeder neuen größeren Aufgabe schien seine Arbeitskraft zu wachsen, desgleichen das Talent, das von Gajus Gracchus und Julius Cäsar bis herab auf Mirabeau allen großen Staatsmännern eigen war – die Gabe, andere für sich arbeiten zu lassen. Nach der Weise herrischer Naturen zog er jüngere Männer vor, die willig seinen Plänen folgten. Treffliche diplomatische Kräfte wie Nigra und jener August Blanc, der später bei dem Abschlüsse des preußisch-italienischen Bündnisses seine Tüchtigkeit erproben sollte, wurden durch Cavour emporgehoben. Seine nächsten Vertrauten blieben: Graf Villamarina, der stets auf die gefährlichsten Gesandtschaftsposten gestellt wurde, Castelli, der alte Freund vom Risorgimento, und der rastlos tätige junge Geheimsekretär Artom. Freilich nicht in allen Fällen bewährte sich die Menschenkenntnis, deren der Minister sich gern rühmte; unter den Flüchtlingen, die sich zum Palazzo Cavour drängten, war mancher zweideutige Gesell. Schadenfroh jubelte das ultramontane Lager, als der Parmesane Gallenga plötzlich aus der Gesellschaft des Ministers verschwinden mußte; es stellte sich heraus, daß der Cavourianer vor Jahren als ein Spießgesell Mazzinis Mordanschläge gegen Karl Albert geplant hatte. Auch die romanischen Unsitten, Cliquengeist und Ämtersucht, blieben der von der Linken schändlich verleumdeten Consorteria des Grafen nicht immer fremd. Ein kecker Ton übermütiger Laune herrschte in diesen Kreisen. Der Graf selber wurde der Possen nicht müde, lachte gern über die Zerrbilder der Witzblätter und hing ein Bild, das seinen Liebling Boggio als Alkibiades mit dem Augenkneifer darstellte, hochachtungsvoll in seiner Fensternische auf. In früher Morgenstunde gab er seine Audienzen, im bequemen Hauskleid, auf dem Kopfe eine Samtkappe mit langer Quaste; wer seinen Mann kannte, mochte aus dem raschen oder langsamen Auf- und Niedertanzen der Troddel die Stimmung des Ministers erraten. Wie behaglich heiter erschien er am Tische seiner Nichte, der Gräfin Alfieri, wie geistreich in den Salons seiner liebenswürdigen Freundin, der Gräfin San Germano, und wie einfach gutherzig, wenn er plötzlich insgeheim in eine ärmliche Dachkammer hinaufstieg, um zu helfen und zu spenden! Er freute sich des Erfolges seiner Freunde; wer aber mit ihm ging, durfte einen Schlag vor den Kopf nicht scheuen, denn der geniale Realismus des Ministers rechnete stets nur mit den Feinden und den Schwankenden, nie mit den bewährten Genossen. Wie viele Gegner hat er durch seine Schmeichelei gewonnen, indem er sie beflissen um Rat fragte! Auch als Redner war er durchaus eigentümlich, weder mit Fox zu vergleichen, der durch die Gewalt seiner Beredsamkeit den Piemontesen weitaus übertraf, aber zuerst ein Redner war, dann erst ein Staatsmann – noch mit Palmerston – denn der gewandte Brite verstand durch frivole Spaße auch eine schlechte Sache zu bemänteln, bei dem Italiener schaut hinter scharfen Witzen und einzelnen sophistischen Wendungen immer der tiefe heilige Ernst hervor. Tagelang pflegte er den Reden im Hause zu folgen. Ungeduldig hämmerte sein Falzbein auf das Pult, wenn leere Worte ihn langweilten; doch nichts entging seinen spähenden Blicken, und während er horchte, lachte, gähnte, entstand ihm sein Plan. Den Mann der Tat reizte nicht die Schaurede, nur die Debatte. Dann trat er auf mit wohldurchdachten Worten, die er oft vorher einem Freunde daheim herzusprechen pflegte, führte die geschlossene Schar seiner Gründe und Einwände ins Feld, und es bewährte sich, daß die beherrschende Klarheit des Verstandes ebenso hinreißend wirkt wie der Schwung rhetorischer Begeisterung. In seinen letzten Jahren gelang ihm oft das Höchste, was der parlamentarische Redner erreichen kann: er gab den Hörern das Gefühl, daß sich nichts mehr sagen lasse; bald nachdem der Minister gesprochen, pflegte man die Verhandlungen zu schließen. Das alles mit geringen äußeren Mitteln, die den hohen Ansprüchen der verwöhnten Italiener keineswegs genügten: mit einer scharfen, wenig wohllautenden Stimme, einem zerhackten Vortrag, den dann und wann ein willkommener Husten unterbrach. Der Redner suchte nach unschädlichen Worten; ihn beengte die Verantwortlichkeit des Staatsmannes umso schwerer, da sein kleiner Staat, unfähig eine europäische Verwicklung zu schaffen, sie gelassen abwarten mußte.   Der orientalische Krieg brachte endlich diese ersehnte Verwicklung. Cavour wollte die Nation an den Gedanken gewöhnen, daß sie nicht imstande sei, ohne fremde Hilfe das Joch Österreichs abzuwerfen, und er hatte schon Farini, den eifrigen Verteidiger des l'Italia farà da sè , für seine nüchterne Erkenntnis gewonnen. Er wollte ferner, indem er Piemont zu einer geachteten Stellung in der Staatengesellschaft emporhob, die mazzinistischen Lehren der Verzweiflung bekämpfen, die Geister mit stolzer Zuversicht erfüllen. Für eine solche Politik ergab sich von selbst die Notwendigkeit, in dem russischen Kriege auf Frankreichs Seite zu treten. »Piemont,« sprach der Graf im Parlamente, »durch die Hochherzigkeit seiner Könige an eine entschlossene Staatskunst gewöhnt, hat sich oft seiner Bündnisse, niemals seiner Neutralität zu erfreuen gehabt.« Die Westmächte warben um Österreichs Beistand; Frankreich war bereit, dem Wiener Hofe seinen Besitzstand und die Aufrechterhaltung der »Ordnung« in Italien zu gewährleisten. Ging Österreich darauf ein, so sah sich Piemont gezwungen, durch raschen Beitritt zu der großen Allianz mindestens die völlige Knechtung Italiens zu verhindern. Wenn die Hofburg dagegen in das russische Lager übertrat, so hatte für Italien die Stunde der Befreiung geschlagen. Kam Österreich endlich zu keinem festen Entschluß – ein Fall, den Cavours Scharfblick von vornherein als wahrscheinlich ansah – umso besser für das tapfere Piemont, das dann auf dem Friedenskongresse unverhohlen seine Klagen aussprechen konnte wider den Staat, der niemands Freund gewesen. Eben dieses, die unschätzbare Gelegenheit, Italiens Lage vor der amtlichen Welt Europas zu schildern, erschien dem Grafen und dem Minister des Auswärtigen Dabormida als das wichtigste Ergebnis des Krieges. Aber Frankreich weigerte sich, bestimmt zu versprechen, daß die italienische Frage aus dem Kongresse verhandelt werden solle. Dabormida nahm seinen Abschied. Nur Cavour hielt aus, in der stillen Zuversicht, der rechte Augenblick zum Reden werde und müsse sich finden. Im fernen Hintergrunde sodann erschloß sich eine weite unbestimmte Aussicht. Schon Cäsar Balbo hatte einst in seinen »Hoffnungen Italiens« behauptet, die Lösung der orientalischen Wirren werde das Mittel bilden, um Italiens Unglück zu enden, und jahrelang den Spottvers der Gedankenlosen hören müssen: »Der Balbo sagt: von Österreichs Quälereien kann nur der Türke uns befreien!« An diese Ahnungen des Freundes knüpfte Cavour wieder an. War es so ganz undenkbar, Österreich wieder zu der großen orientalischen Politik des Prinzen Eugen zurückzuführen? den Wiener Hof oder die Erzherzöge Mittelitaliens in den Donauprovinzen zu entschädigen für den unhaltbaren italienischen Besitz? – Am 26. Januar 1855 trat Piemont dem Bunde der Westmächte bei, als der erste unter den Staaten zweiten Ranges und als eine selbständige Macht – denn Cavour durfte dem stolzen Heere keine Demütigung bieten und wies den Vorschlag Englands, Subsidien für die 15 000 Mann zu zahlen, weit von sich. Die Welt erdröhnte von den Zornrufen des Liberalismus wider den nordischen Despoten; man fand in England selbstverständlich, daß ein liberaler Staat dem heiligen Bunde der Freiheit sich anschloß, und ahnte wenig von den italienischen Plänen des Grafen. Noch weniger ahnten vorerst die Italiener. Selbst Rattazzi und La Marmora widersprachen, erst des Königs kriegerischer Eifer gewann sie für die Gedanken Cavours. Viele Offiziere forderten ihre Entlassung. Die Kaufleute von Genua zürnten, weil der Getreidehandel mit Odessa zu Grunde gehe; als der Friede zurückkehrte, mußten sie bekennen, daß ihre Reederei seit den großen Transportgeschäften dieses Krieges einen neuen Aufschwung genommen habe. Die Masse murrte laut, denn die Ausgaben des Staats, die noch vor zwei Jahren 143 Millionen betrugen, waren schon im Jahre 1854 auf 192 Millionen gestiegen, und nun die Aussicht auf einen schweren Krieg! Die Debatten im Palaste Carignan dauerten eine volle Woche und bezeugten abermals, wie schwer ein Parlament einen weit angelegten Plan der auswärtigen Politik zu fassen vermag. Kein Schimpf, kein Hohn blieb dem Minister erspart. Der Vertrag ist ein Abfall von dem italienischen Volkstum – er macht uns mitschuldig an der Unterdrückung der Völker! Fluch, rief Tecchio, Fluch über jeden, der Italiens Namen ausspricht auf einem Kongresse, wo Österreich mitstimmt! Noch vielseitiger fluchte Brofferio in seiner Revue: das Bündnis ist wirtschaftlich betrachtet ein großer Leichtsinn, militärisch betrachtet eine große Dummheit, politisch betrachtet ein großes Verbrechen. Und mußte nicht dieser Vertrag, geschlossen ohne jede Bedingung, durch die Drohungen der Westmächte erzwungen sein? Nicht einmal zu Gunsten der lombardischen Flüchtlinge, für die Befreiung ihrer mit Beschlag belegten Güter hatten die Verbündeten ein festes Versprechen gegeben. Wenn nun Rußland siegt, schalt man weiter, dann hat das Mittelmeer drei Herren statt zweier; was gilt das uns? – Darauf Cavour: »Ich kann nicht glauben, daß solche Ansichten in diesem Saale Widerhall finden. Das hieße unsere Hoffnungen auf die Zukunft aufgeben!« Alle die verblaßten orientalischen Erinnerungen seines Staates beschwor der Graf herauf, die ritterlichen Fahrten des grünen Grafen und die Herrscherstellung, die einst Genua in Kaffa behauptete: »das Kreuz von Savoyen und das Kreuz von Genua kennen den Weg nach dem Osten.« Der frische Odem einer neuen Zeit weht durch diese Reden; ihr kühner Schwung erscheint um so bewunderungswürdiger, da der Minister sein letztes Wort nicht sagen durfte. »Der Vertrag ist nicht ein Abfall, sondern eine Verstärkung der liberalen Grundsätze, die wir als ein köstliches Erbstück von Massimo d'Azeglio hegen. – Dies neugestaltete Banner, das Karl Albert erhob, dies Banner, das schon geheiligt ist durch unermeßliches Unglück, wird im Osten die Taufe des Ruhmes empfangen und dann sicher der Zukunft, die ihm bestimmt ist, entgegengehen!« – Durch eine schwache Mehrheit wurde der Vertrag angenommen; auf dem Felde von Marengo verteilte der König die Fahnen an das abziehende Heer. Immer banger und düsterer ward die Stimmung im Volke, als der Creso, ein großes Transportschiff, auf hoher See verbrannte, die Cholera das kleine Heer in der Krim furchtbar heimsuchte und zur selben Zeit daheim der Kirchenstreit, den Bestand des Kabinetts nochmals gefährdend, in wilder Heftigkeit tobte. Nur in der Lombardei und unter jenen denkenden Flüchtlingen, welche, wie La Farina, von dem Munizipalgeist und dem verbissenen Widerspruchseifer der Piemontesen nicht berührt wurden, hatte der verwegene Plan des Ministers von Haus aus Billigung gefunden. Endlich kam die Kunde von dem Kampfe an der Czernaja: heldenhaft, würdig der Väter, die Viktor Amadeus auf die Wälle von Belgrad führte, waren die Truppen in das Feuer gegangen, stolz und gemessen hatte General La Marmora im Lager, Cavour im Kabinett die Überhebung des englischen Befehlshabers Lord Raglan zurückgewiesen. Nun erwachte in dem Soldatenvolke der kriegerische Stolz, heller Jubel brach aus, jeden Widerspruch erstickend: die Schmach von Novara war gesühnt, das neue aus allen Ländern Italiens zusammengeströmte Offizierkorps hatte das Vertrauen des piemontesischen Soldaten gewonnen. Der Wiener Hof, der nach dem Tode der beiden nahe verwandten Königinnen den Nachbarfürsten nicht einmal einer Beileidsbezeigung gewürdigt hatte, ließ seine Presse, im schönen Bunde mit den Mazzinisten, beharrlich verkünden: Piemont ist abgefallen von der Sache Italiens. Er rühmte sich in frivoler Prahlerei seiner Undankbarkeit gegen den Bändiger Ungarns, doch das Ansehen seiner tatlosen Staatskunst sank und sank. Cavour aber redete laut von dem nahen Tage der Rache; auch der König sprach in einer vertraulichen Unterhaltung, die rasch bekannt ward, seine kühnen Hoffnungen aus, und seit dem Spätsommer 1855 galt in der diplomatischen Welt die Feindschaft der beiden Nachbarn als unversöhnlich. Die Entfremdung der beiden Höfe wird Schritt für Schritt verfolgt in dem lehrreichen »Promemoria, die italienischen Verhältnisse betr.«, das der preußische Minister des Auswärtigen unterm 8. April 1859 als Handschrift drucken ließ. Um den Österreichern und den Radikalen die neugewonnene Machtstellung Piemonts zu zeigen, reisten der König und Cavour im Herbst nach Paris und London. Auch Azeglio war in dem glänzenden Gefolge – »als Blitzableiter«, meinte er lachend, damit man sieht, daß wir nicht angesteckt sind von der Seuche der Revolution. Der Graf wünschte die Höfe des Westens für seine Anschauung der italienischen Dinge zu gewinnen. In der Tat ließ der schweigsame Napoleonide erraten, welche Pläne in seinem Kopfe gärten. Er richtete eines Tags nach Tisch an Cavour und Azeglio die Frage: »was kann man für Italien tun?« Sofort packte ihn der Graf beim Worte, bat um Erlaubnis, die schwierige Frage eingehend zu beantworten. Die ausführliche Denkschrift, die er nun für den Kaiser entwarf und im Februar absandte, wird immer ein erstaunliches Denkmal durchtriebener Menschenkenntnis bleiben. Zum ersten Male mitgeteilt in dem gehaltreichen siebenten Bande von Bianchi's storia documentata della diplomazia Europea in Italia , S. 588 ff In breiten Umrissen entwickelte er eine Ansicht der neuen Geschichte, die freilich seiner eigenen Herzensmeinung nicht geradezu widersprach, doch ersichtlich zurecht gelegt war, um den Lieblingsgedanken napoleonischer Geschichtsphilosophie zu schmeicheln: Frankreich wird seit 1793 bedroht durch eine Koalition der Ostmächte, die sich seitdem nie wieder aufgelöst hat. »Die Staaten des Westens ruhen, trotz der Verschiedenheit der Staatsformen, auf demselben Grundgedanken, für Österreich aber ist der Westwind – der Tod.« Alsdann schildert er Italiens Not und die vergeblichen früheren Vermittlungsversuche der Westmächte. In Zukunft sollen die Gesandten Englands und Frankreichs an den italienischen Höfen laut und offen Reformen für Italien fordern »im Geiste des westeuropäischen Staatsgedankens«, sie sollen unter sich und mit den Patrioten der Halbinsel in Verkehr treten, damit die Italiener endlich aufhören zu klagen: »Diese Ärzte wollen immer Italien heilen, ohne ihm den Puls zu fühlen.« Noch einige Fragen, ob es nicht möglich sei, das unentbehrliche Piacenza an Piemont zu geben, Österreich an der unteren Donau zu vergrößern. Dann schließt der Schlaue inbrünstig: »Welches Schicksal auch die Vorsehung uns vorbehalten mag, jeder treue Italiener wird sich in Ewigkeit erinnern, daß der Kaiser der Franzosen der erste war, der uns fragte: was kann man für Italien tun?« – Es war die erste Lehrstunde, die der Meister dem langsam fassenden Schüler gab. Die rasche Beendigung des Krieges erregte in Italien die allgemeine Bestürzung: zweitausend tapfere Soldaten und 80 Millionen Lire geopfert für ein Nichts? Nur Cavour verlor den Mut nicht, er überwand seine Abneigung gegen das Handwerk des Diplomaten und ging als Bevollmächtigter auf den Pariser Friedenskongreß, wenngleich mit herabgestimmten Hoffnungen, mit der bangen Ahnung, er werde seinem eigenen Begräbnisse beiwohnen. In diesem Satze sind die widersprechenden Empfindungen, welche sich in Cavours Briefen vom 8. Febr. 1856 ff. bekunden, getreu wiedergegeben. Nach deutschen Begriffen ist es nicht ritterlich, wenn L. Chiala ( Lettere di C. Cavour, II. p. CLXVI ) die ersten sechs Worte des Satzes aufgreift und die folgenden wegläßt. Seine kecke Zuversicht lebte wieder auf, als er dort die Stimmung der großen Machte über Erwarten günstig fand. Die Bevollmächtigten Österreichs, Buol und Hübner, beide durch häßliche persönliche Erinnerungen tief erbittert gegen die Italiener, stießen überall an mit ihrer hoffärtigen Schroffheit. England war unzufrieden mit dem Abbruch des Feldzugs und darum, so schien es, bereit, einen kühnen Schritt für Italien zu wagen. Rußland, das während des Krieges den König von Neapel mit Auszeichnungen überhäuft, hatte jetzt mit Österreich gänzlich gebrochen, näherte sich den Tuilerien. Selbst der Freiherr von Manteuffel murrte über den Habsburgischen Dünkel, und Graf Hatzfeldt gestand dem Piemontesen vertraulich, er glaube an die natürliche Freundschaft der beiden Nebenbuhler Österreichs. Am französischen Hofe trat der Prinz Napoleon mit gewohnter rücksichtsloser Derbheit für das leidende Italien auf. Auch der Kaiser verriet, daß er die Träume seiner Jugend, die italienischen Überlieferungen seines Hauses nicht vergessen habe; vergeblich beschworen ihn die österreichischen Diplomaten, er solle verhindern, daß Englands liberale Grundsätze auf Italien angewendet würden. Nur die Rücksicht auf den Papst beengte seinen Willen, eben jetzt stand die Freundschaft des Kaisers mit dem Kirchenfürsten in ihrer Blüte. Durch solche Gunst der großen Höfe wurde Piemont, gegen Österreichs Widerspruch, als gleichberechtigte Macht unter die Mitglieder des Kongresses eingeführt. Solange über die orientalische Frage verhandelt ward, hielt sich Cavour vorsichtig zurück und vermied jeden weitgreifenden Vorschlag. Er wußte, daß nichts einen Staatsmann in den Augen der Diplomatie so unfehlbar zu Grunde richtet, als der Ruf eines Utopisten, gab seinen jungen Freunden oft den Rat, der Staatsmann müsse zurückhaltend sein mit Worten, entschlossen mit der Tat. Nur als man über die Bändigung der radikalen Presse beriet, traten Piemont und England für die Preßfreiheit ein. Unterdessen stellte Cavour schon im Januar in einer Denkschrift an den Kaiser die dringendsten Beschwerden Italiens zusammen, forderte Reformen für Rom, Neapel, Venetien und den Abzug der fremden Truppen. In vertraulichen Gesprächen regte er auch nochmals den Gedanken an, die kleinen Despoten der Emilia an die Mündung der Donau zu versetzen. Napoleon stimmte zu, doch der Widerwille der Mächte gegen jede starke Änderung ließ den Plan scheitern. Die Zeit verstrich, das Friedenswerk näherte sich dem Abschluß. Da lenkte eine Verbalnote Cavours vom 27. März, von dem Romagnolen Minghetti entworfen, die Augen des Kaisers nochmals auf den Kirchenstaat. Mit seiner Berechnung weiß der Italiener hier wiederum auf alle dynastischen, nationalen und konservativen Neigungen Napoleons III. zu wirken. Er geht aus von den Reformplänen, die einst der Prinzpräsident in seinem Briefe an Edgar Rey ausgesprochen, doch er verzichtet auf das unmögliche, auf die Selbstvernichtung der Theokratie. Nur der Teil des Landes, den allein Österreichs Waffen dem Papste erhalten, nur die Romagna soll dem Joche des Kirchenregiments entrissen werden. Nun schildert er, wie Österreich die Romagna in Wahrheit als seine Provinz behandle, wie das konservative Volk durch den Druck der fremden Besatzung der Umsturzpartei zugeführt werde, wie das Land nur einen Wunsch hege: Herstellung jener geordneten weltlichen Regierung, die ihm einst der erste Napoleon geschenkt. Die Verwaltung der Romagna muß säkularisiert, von dem Kirchenstaate getrennt, durch einen weltlichen Statthalter des Papstes geleitet werden. Der Vorschlag entsprang aus der Natur der Dinge; er war schon auf dem Wiener Kongresse von dem Minister des Königreichs Italien, dem Grafen Aldini, fast mit denselben Worten aufgestellt worden. Aber mit Recht fragten die besorgten Gegner: welch eine unabsehbare Bewegung wird sich entfesseln, wenn jetzt in Bologna ein Parlament zusammentritt! Die Note wirkte; der Kaiser erlaubte, daß Graf Walewski am 8. April in der Sitzung des Kongresses die italienischen Dinge zur Sprache brachte. Damit war für den Grafen das Spiel gewonnen; denn die unhaltbare Lage seines Landes sprang in die Augen, selbst eine hochkonservative Diplomatenversammlung konnte die greulichen Mißstände nicht verkennen. Cavour sprach mit Schonung über Neapel; noch war die Hoffnung, die Bourbonen für die nationale Sache zu gewinnen, nicht gänzlich aufgegeben. Zudem spannen die Murats seit dem orientalischen Kriege vielgeschäftig ihre Ränke – Bestrebungen, welche Napoleon heimlich begünstigte. Der Piemontese aber warnte die englischen Diplomaten vor den Umtrieben der Murats und wendete also die volle Wucht seines Angriffs gegen Österreich und den Papst; die römische Frage galt seit Jahrzehnten in der diplomatischen Welt als der Kern der italienischen Verwicklung, und an ihr hing untrennbar die Herrscherstellung Österreichs. In erregter Debatte trat Cavour als Ankläger gegen die Hofburg auf, und niemand von den anderen wagte die Haltung Österreichs offen zu verteidigen. Selbst Graf Buol mußte die unleidliche Lage Italiens mit halben Worten zugestehen; sein Auftreten ward ohnedies beengt durch die stille Hoffnung, Frankreich zu Österreich hinüberzuziehen. Im übrigen stand er fest auf dem Boden der Verträge, verschmähte auch sophistische Erbärmlichkeiten nicht: wenn Piemont das Städtchen Mentone des Fürsten von Monako mit fünfzig Mann besetzt halte, warum solle Österreich sein Heer aus der Romagna zurückziehen? – Man ging auseinander ohne einen Beschluß. Dann faßten Cavour und sein Amtsgenoß Villamarina noch einmal die Klagen Italiens zusammen in einer Zuschrift an Lord Clarendon und Graf Walewski, die alsbald zum Befremden der Westmächte veröffentlicht wurde. Zu welchen Verirrungen werde die Glut der Südländer sich hinreißen lassen, wenn das System der Unterdrückung und gewaltsamen Reaktion fortwähre! Piemont allein sei unabhängig von Österreich und ein Bollwerk wider die Revolution; mit ihm müssen sich die großen Mächte verständigen, um dem drohenden Umsturz vorzubeugen. Inzwischen verbrachte der Graf lange Stunden in vertrautem Zwiegespräch mit den Staatsmännern der Westmächte. Lord Clarendon hatte vor dem versammelten Kongresse das Regiment des Papstes eine Schmach für Europa genannt und zornig ausgerufen: mit der Verweigerung jedes Zugeständnisses an Italien wirft Österreich dem gesamten liberalen Europa den Handschuh hin! Unter vier Augen sprach er noch rücksichtsloser. Solche Worte erweckten dem hoffnungsvollen Piemontesen den Wahn, das Kabinett von St. James sei zu bewaffneter Hilfe bereit, sei von ebenso lebhaftem Eifer für Italien beseelt wie sein Gesandter in Turin, Cavours Freund Sir James Hudson. In Cavours feurigem Wesen lag, gleichwie in der Natur Friedrichs des Großen, eine starke Neigung zu übertriebenen Hoffnungen – ein notwendiger Fehler, ohne den er nie der Befreier seines Volkes geworden wäre. Noch jetzt baute er zuweilen Luftschlösser und hielt für möglich, daß Österreich gegen eine Summe Geldes seine italienischen Provinzen abtreten werde. Offenbar hatte er den Briten gründlich mißverstanden. Ich lasse dahingestellt, ob der Lord im Eifer des Gesprächs ein Wort zu viel gesagt oder schlau versucht hatte, durch freundliche Vorspiegelungen dem Piemontesen Geständnisse zu entlocken. Genug, der weitere Verlauf beweist, daß die Staatsmänner Europas – mit Ausnahme der Piemontesen und des Kaisers Napoleon – von der nahenden großen Umwälzung gar nichts ahnten. Ein Abstecher nach England, auf den Rat des Kaisers unternommen, belehrte den Grafen schnell, wie wenig er von der Tatenscheu dieses Hofes zu erwarten habe. Seine Hoffnung stand fortan auf Frankreich allein. Er hatte mit dem Vertrauten Bixio lebhaften Umgang gepflogen und von dem Kaiser selber ermutigende Zusicherungen erhalten – soweit sich bei dem phlegmatischen Zauderer von Zusicherungen reden läßt. Er war überzeugt, daß Napoleon einen neuen italienischen Krieg wünsche, und gedachte der kaiserlichen Worte: »ich habe eine Ahnung, daß dieser Friede nicht dauern wird; die Befreiung Italiens wird sich in fünf Aufzügen vollziehen, heute stehen wir im dritten!« So kehrte er heim, »ohne das mindeste kleine Herzogtum in der Tasche,« und doch gehobenen Mutes. War es ein Nichts, daß dies kleine Piemont, soeben noch als der Herd der Revolution von allen Seiten beargwöhnt, jetzt als der Wortführer Italiens, als Kläger wider Österreich unter dem Beifall selbst der russischen Staatsmänner auftreten durfte, und Italiens Klagen feierlich in das Protokoll des europäischen Rates eingetragen wurden? Dem toskanischen Minister »gerann das Blut in den Adern«, wenn er die schamlosen Reden des Piemontesen las. Vergeblich sprach der neapolitanische Gesandte zu Turin mit erheuchelter Geringschätzung von dem überschuldeten, durch Parteien zerrissenen Staate. Österreich verstand den Ernst des Augenblicks; ein Rundschreiben der Hofburg an die italienischen Höfe verwarf feierlich die Anmaßung Piemonts, das den Beschützer Italiens spielen wolle, behielt dem Kaiserhaus das Recht vor, jederzeit auf Anrufen der verbündeten Höfe seine Truppen in die Nachbarstaaten zu senden. Deutschland dagegen ließ sich nichts träumen von der gewaltigen Verschiebung aller Machtverhältnisse, die in der Stille sich vollzog. Man lachte des vielgeschäftigen kleinen Ministers: was sei er denn anders als ein Staatsmann der Ultimo-Abrechnung, gleich den Schwindlern des zweiten Kaiserreichs? Selbst einer unserer kundigsten Publizisten, C. F. Wurm, erklärte spöttisch, Piemont sei betrogen um den Lohn seiner Kriegstaten. Auch die Partei Mazzinis blieb unbelehrt; soeben machte eine schwülstige Ode Victor Hugos die Runde durch ihre Blätter: »seid auf der Hut, auf der Hut, daß nicht im Kleide des falschen Propheten Kain herniedersteigt von den Quellen des Po!« Die ungeheure Mehrheit der Patrioten aber bewies ein wunderbar feines Verständnis für die Pläne des Ministers. Unermeßlicher Beifall erklang, selbst Graf Revel stimmte für die Regierung, nur La Margherita und eine Handvoll unverbesserlicher Reaktionäre widersprachen, als Cavour im Mai dem Parlamente Rechenschaft ablegte von seinem diplomatischen Feldzuge und mit Worten, die einer Kriegserklärung gleichkamen, versicherte: ich habe mich von dem Grafen Buol getrennt mit der Überzeugung, daß die Grundsätze der beiden Höfe unvereinbar sind! Die begeisterte Jugend grüßte den Minister als den Zauberer, der diesem Volke den verheißenen principe des Machiavelli schenke. »Die Italiener Toskanas« sendeten dem »Redner Italiens« seine Büste mit den Worten ihres Dante: »ihm, der Italien verteidigt mit offenem Visier!« – und als ob man nicht genug erinnern könne an die Propheten der Einheit, schrieben die Patrioten auf den Ehrensäbel, den sie an La Marmora überreichten, jene Verse des Petrarca, die den verheißenden Schluß von Machiavellis Principe bilden: »ist doch die alte Mannheit noch nicht erstorben in italischen Herzen.« Schwerer denn all dies wog die Bundesgenossenschaft eines Mannes, der, eine Macht für sich selber, jetzt wieder in das politische Leben eintrat. Daniel Manin trug den Namen des letzten Dogen von Venedig; die Herrlichkeit der Lagunenrepublik zu erneuern war der Traum seiner Jugend. Ihm ward beschieden, was er geträumt; er durchglühte als Diktator von Venedig sein weichliches Volk mit dem Feuer seiner eigenen großen Seele, lenkte durch lange Monate namenloser Leiden das Ruder des kleinen Freistaats mit sicherer Kraft, als seien die Tage der Foscari und Coleoni wiedergekehrt. Niemand in Italien durfte mit besserem Rechte als er an die Ewigkeit des republikanischen Gedankens glauben. In Paris sodann ging der landflüchtige Mann abermals durch eine Schule des Elends: Weib und Kind starben ihm hinweg, er selber mußte als Sprachlehrer kümmerlich sein Brot verdienen, ward von schwerer Krankheit daniedergeworfen. Aber die Leiden des Exils, die den gemeinen Menschen verbittern und in seinem Wahn bestärken, wurden diesem lichten Geiste ein Quell der Selbsterkenntnis: auf seinem Siechenbett in schlaflosen Nächten ging ihm die Einsicht auf, daß die Erhebung Venedigs gescheitert war durch eigene Schuld – durch den Partikularismus der Republikaner. Als er im Jahre 1854 zuerst wieder seine Stimme erhob und dem Lord Russell, der den Italienern Mäßigung predigte, kurzab erwiderte: »Resignation ist Feigheit für ein Volk unter fremder Herrschaft; wir fordern von Österreich nicht, daß es mild regiere, wir fordern, daß es gehe!« – da stimmten alle Heißsporne unter den Flüchtlingen jauchzend ein in dies stolze qu'elle s'en aille! Doch welch ein Wutgeschrei unter den Anhängern Mazzinis, als Manin darauf mit erhabenen Worten die Niedertracht des politischen Mordes verdammte und mit der grausamen Folgerichtigkeit eines scharfen Realisten die Sätze seiner neuen Erkenntnis entwickelte: Die Republik ist unmöglich, da Piemont von seiner Krone nicht lassen will; ein monarchischer Staatenbund wäre ein Bund der Fürsten wider das Volk; darum bleibt nur eines, der monarchische Einheitsstaat. »Schaffet Italien, ihr Fürsten des Hauses Savoyen, und ich bin mit euch; wo nicht, nicht! Unabhängigkeit und Einigung ( unificazione ) sei unser Wahlspruch!« Damit hatte der Venetianer die alte unheilvolle Politik des Entweder-Oder aufgegeben, die nur mit der sofortigen unbedingten Einheit des Landes sich begnügen wollte; er erkannte jetzt, daß auch die schrittweis vorgehende Vergrößerung Piemonts zum Ziele führen könne. Die radikale Presse lärmte wider den bestochenen Verräter, der sich bald den bestverleumdeten Mann Europas nennen durfte und selbst sein Leben durch die Dolche der fratelli Mazzinis bedroht sah. Auch die stillvergnügten Partikularisten in Piemont zuckten die Achseln: Manin ist allein, eine nationale Partei, wie er sie ersehnt, besteht nirgends! Der Apostel des Einheitsstaats fand daheim einen tätigen Helfer von höchster Uneigennützigkeit in dem Marchese Giorgio Pallavicino, der vormals in den Kerkern des Spielbergs unter der väterlichen Fürsorge des guten Kaisers Franz geschmachtet hatte und jetzt seinen reizbaren unsteten Sinn dem überlegenen Genossen unterordnete. Die Flugschriften Manins, Meisterwerke gedrungener, einschneidender Beredsamkeit, überschwemmten das Land. Sein Anhang wuchs mit dem Vertrauen, das durch Piemonts kühne Staatskunst erweckt ward. Also wurde durch Manins Lehre und Cavours Beispiel die neue nationale Partei gebildet, und seltsam, die beiden Bundesgenossen verkehrten nicht miteinander. Der Diktator von Venedig baute seine Hoffnungen lediglich auf den offenbaren Gang der Turiner Politik, auf vereinzelte Mitteilungen aus dritter Hand und auf einige deutliche Winke, die von oben kamen: so erschien bald nach dem Kongreß eine halbamtliche Schrift aus den Tuilerien »Italien und Frankreich im Jahre 1848«, die für die neue Erhebung ein festes Bündnis zwischen den beiden großen romanischen Völkern verlangte und bereits Savoyen als den Preis des Bundes nannte. Unheimliche Gerüchte, von den Mazzinisten emsig verbreitet, hochgefährlich für das alte böse Mißtrauen der Nation, beirrten die Patrioten. Auch Cavour wird uns verraten, schrieb der Tollkopf Montanelli, wie weiland Karl Albert, »der Meineidige von 21, der Schlächter von 33, der Verschacherer Venedigs von 48«. Für erwiesen galt, daß der Turiner Hof die Umtriebe der Murats begünstigte. Nur Manin blieb unentwegt in seinem Vertrauen: Cavour ist zu klug, zu ehrgeizig, um dem Rufe der Nation sich zu versagen; eine Regierung muß anders reden als wir, die wir die Revolution sind. Cavour hat keineswegs zur Zeit des Pariser Kongresses mit Manin sich verständigt, wie man aus einer unklaren Redewendung Henri Martins ( Daniel Manin, Paris 1861, p. 363 ) schließen könnte. Die obige Darstellung beruht auf den Lettere di Daniele Manin (Torino 1859) und auf dem Epistolario di Giuseppe La Farina, edt. A. Franchi (Milano 1869), namentlich Bd. II, S. 22 und S. 426 ff. Bald fand sich zu Manin und Pallavicino noch ein dritter Erwecker der Geister hinzu: der Sizilianer Giuseppe La Farina – ein erprobter Kämpe der Republik gleich dem Venetianer. Der gewandte Vielschreiber hatte soeben in seiner »Geschichte Italiens seit 1815« den Ernst seiner Vaterlandsliebe, die Nüchternheit des bekehrten Radikalen bekundet; doch erst in der praktischen Politik wuchsen seinem Talente die Schwingen. Denn wie kein zweiter verstand der schöne Mann mit dem milden und festen Wesen die Herzen zu gewinnen. Treu und wahrhaft, rein und uneigennützig in seiner bitteren Armut, setzte er den letzten Hauch des Leibes und der Seele für sein Vaterland ein – eine ungeheure Arbeitskraft, die ihm ermöglichte, die gesamte Korrespondenz des Nationalvereins außerhalb Piemonts allein zu schreiben und dergestalt drei Jahre lang die Wachsamkeit der österreichischen Polizei zu täuschen. Im September 1856, als Kossuth und die Genossen Mazzinis mit höchster Bestimmtheit von den muratistischen Ränken des Grafen erzählten, faßte sich der Sizilianer ein Herz und fragte geradeswegs bei dem Minister an, wessen man sich zu versehen habe von seinen geheimen Plänen. Eine frohe Enttäuschung erfolgte, der Bund ward geschlossen zwischen dem Minister und den Patrioten. Durch den neuen Freund empfing der Graf genaue Kunde von den geheimen Arbeiten der nationalen Partei, die er wenig, und von der erregten Stimmung jenseits der piemontesischen Grenze, die er gar nicht kannte. Um Sonnenaufgang, zu der Stunde, die in Italien die verschwiegenste des Tages ist, pflegte fortan La Farina im Palaste Cavours vorzusprechen; dort tauschten die beiden rauchend Gedanken und Pläne aus, und beim Abschied hieß es wohl: »Tun Sie, was Sie können. Aber vor der Welt werde ich Sie verleugnen wie Petrus seinen Heiland!« Jedermann glaubte dem Sizilianer, wenn er in seinen Schriften beharrlich versicherte, die Absichten der Regierung seien ihm gänzlich verhüllt. Und nicht bloß vor der Welt, selbst vor den nächsten Freunden und Amtsgenossen Cavours blieben diese Zusammenkünfte durch viele Monate verborgen. Auch die Partei Rattazzis im Parlamente, welche sich rühmte, daß der Graf ihr diene, wurde vielmehr von ihm an unsichtbaren Fäden gelenkt. Im August 1857 entstand der Nationalverein, unter dem Vorsitz Pallavicinos und Garibaldis, in Wahrheit geleitet durch den Sekretär La Farina – die erste große politische Gesellschaft in Italien, die alles Sektenwesen gänzlich verwarf. Der Verein wirkte öffentlich, der piemontesischen Freiheit froh, und auch in den geknechteten Ländern Italiens, wo er gezwungen war, geheim zu arbeiten, mahnte er ab von Verschwörungen und Aufläufen, gewöhnte die Nation, auf den Krieg, auf geordnete militärische Kräfte zu hoffen. Er stachelte den nationalen Stolz durch die bittere Frage: »wozu nützt uns der italienische Genius, wenn Talente zu besitzen in vier Fünfteln Italiens ein Unglück, sie zu gebrauchen ein Verbrechen ist? Was frommt es uns, der Welt einen Cäsar und Bonaparte geschenkt zu haben, wenn die Soldaten Italiens als Hilfstruppen der Kroaten dienen müssen?« Das Programm des Vereins sagte vorsichtig nur: für die Erreichung seiner Ziele sei notwendig die Tätigkeit des italienischen Volks, nützlich die Hilfe der piemontesischen Regierung. Doch die Führer wußten längst, daß ohne den Staat und das Heer Piemonts die Bewegung im Sande verlaufen mußte. »Was soll,« schrieb La Farina zur Belehrung der Phrasenhelden, »was soll das harmlose Kälbchen Italien beginnen unter so vielen gewappneten Adlern, Löwen und Leoparden, wenn es sich in die Unmöglichkeit versetzt, seine Hörner zu gebrauchen? Wir glauben an den Fortschritt des Guten, nicht an das Ende des Bösen auf der Welt.« Der Diktator Venedigs sollte die Früchte seines Tuns nicht ernten; bald nachdem er das erste Manifest des neuen Vereins unterzeichnet, unterlag Manin der furchtbaren Arbeit, die ihm den Schweiß des Hirns, das Blut des Herzens entpreßte. Und gleich ihm sollten in wenigen Jahren fast alle Führer dieser herzerschütternden Bewegung dahingehen: La Farina, Farini und Cavour selber. Denn auch aus Cavours leichten Umgangsformen brach dann und wann schreckhaft die wilde Glut, die sein Herz verzehrte, hervor. Er erbleichte, als man ihm erzählte, wie die Knechte der Barclayschen Brauerei den k. k. Frauenpeitscher Haynau mißhandelt hatten, und rief mit zitternder Stimme: »ich sage Ihnen, diese Brauer von London haben Italien eine Lektion gegeben!« Wie arm erscheint neben solcher dämonischen Leidenschaft der Patrioten des Südens jene satte, behagliche Verzweiflung am Vaterlande, die zur selben Zeit unter den deutschen Liberalen vorherrschte! Wie erbärmlich vollends die deutsche Phrasenseligkeit neben dem klaren entschlossenen Realismus der Südländer! Der Verein La Farinas behandelte alle kirchlichen, sozialen, politischen Streitpunkte als offene Fragen und verfocht nur die eine Losung: Krieg gegen Österreich, Viktor Emanuel König von Italien! Sein deutsches Gegenbild faßte Resolutionen über Erbfriedriche und österreichische Schmerzenskinder, über alles, was da kreucht und fleucht zwischen Himmel und Erde, und betrachtete nur das eine, daran Deutschlands Zukunft hing, die sogenannte preußische Spitze, als eine offene Frage. Darum ward der Nationalverein der Italiener eine Macht in der Geschichte seines Landes, der deutsche Nationalverein hat seinen Lohn dahin. Der alte Wunsch Cavours, es solle fortan nur zwei Parteien geben, Partikularisten und Nationale, näherte sich der Erfüllung; die vollständige Vereinigung aller Patrioten unter einem Banner ward freilich hintertrieben durch den eitlen Übermut Mazzinis. Nimmermehr mochte der Gründer des »jungen Italiens« ertragen, daß jetzt ein wirkliches junges Italien sich erhob, begeistert für die Ideale einer neuen reiferen Zeit. Er hatte kein Ohr für die Bitte Manins: »ich erkenne dem Genuesen den Namen des großen Italieners zu, aber jetzt beschwöre ich ihn, sich zurückzuziehen.« Er witterte Verrat, da La Farina sich dem Parteiterrorismus der Roten entzog und die nüchterne Wahrheit bekannte: »zuerst muß Italien da sein, leben; dann erst kommt die Frage, wie es sein Leben einrichten will.« Als nun die Mehrzahl der denkenden Radikalen, die Flüchtlinge in Turin fast sämtlich zu dem Nationalverein übertraten, da beschloß er zu zerstören, wo er nichts schaffen konnte – nach dem brutalen Brauche seiner Partei, der schwachen Köpfen als Kühnheit gilt. Er stiftete in Genua einen Geheimbund, welcher mit nichtswürdigen Ränken den Briefwechsel des Nationalvereins zu durchkreuzen suchte. Bald ging die Saat des Unheils auf: in Modena erwachte wieder der alte reaktionäre Geheimbund der Sanfedisten. Unerschrocken kämpfte der piccolo corriere d'Italia , das Sonntagsblatt des Nationalvereins, gegen die Torheit von rechts und links. La Farina wußte, daß Revolutionen immer nur das Werk einer Minderheit sind, doch er wiederholte auch unablässig die Lehre: eine Verschwörung vermag den Boden zu ebnen für eine Umwälzung, niemals eine Revolution zu schaffen. Cavour scherzte oft: »es gibt einen Stand der Gnade für Minister und Ehemänner; sie merken es nicht, wenn die Liebe schwindet.« Er selber hat solchen Gnadenstand nie gekannt, er folgte wachsam jedem Wellenschlage der öffentlichen Meinung, empfand mit tiefem Kummer, der still an seinem Leben nagte, die rasenden Schmähreden der Roten. Der Graf ließ um diese Zeit die Briefe de Maistres herausgeben; denn Mark und Bein erschütternd klang aus dem Munde des frommen Katholiken der Hannibalshaß wider Österreich. Doch begnügte er sich, die Bewegung der Geister aus der Ferne zu leiten. Der Nationalverein blieb in stolzer Unabhängigkeit, verschmähte jede Unterstützung von der Regierung – um dem Minister Verlegenheiten, sich selber arge Nachrede zu ersparen – empfing nur durch La Farina die Ratschläge des Meisters. Cavours freier Sinn duldete nicht einmal eine offiziöse Zeitung; die feste Mannszucht der Patrioten erlaubte ihm, auf die Treue der unabhängigen Parteiblätter zu bauen. Behutsam wahrte er selbst gegen La Farina die verantwortliche Stellung des handelnden Staatsmannes. »Gewiß,« sagte er dem Vertrauten, »Italien wird eine Nation werden nach den Plänen Ihres Vereins; doch ob in zwei, in zwanzig oder hundert Jahren, das weiß ich nicht.« Von hohem Werte war ihm die derbe formlose Soldatenart des Königs, welcher noch manchmal in seine bigotten Gewissensbedenken zurückfiel und dennoch mit den Männern der Linken, sogar mit Brofferio, als guter Kamerad verkehrte: auch die radikalen Piemontesen bauten auf den Ré galantuomo . Noch bei Manins Lebzeiten gaben die Flüchtlinge dem Turiner Hofe ein erstes Zeichen des Vertrauens. Sie veranstalteten eine große Sammlung, um die Festung Alessandria zu rüsten, und die Namen Boston und Philadelphia auf den neuen Kanonen bekundeten, daß ringsum in der Welt die versprengten Söhne des Vaterlandes an die Zukunft des Hauses Savoyen glaubten. Eine Gegendemonstration, die Mazzini versuchte, scheiterte kläglich. Seitdem häuften sich die Beweise des Zutrauens. Ein reicher Venetianer der Terra ferma vermachte dem Grafen sein ganzes Vermögen zum Besten der Volksschulen Piemonts. Mit erstaunlicher Geduld ließ die Nation ihren Staatsmann gewähren; jedermann, sagten die Italiener später, jedermann war stolz, der Mitwisser eines so großen Geheimnisses zu sein. Garibaldi schrieb kurz vor dem Kampfe: »Cavour kann alles – nun tue er auch alles und noch etwas mehr!« Allein Neapel rechtfertigte noch immer den Namen des Regno , der schon im Mittelalter die träge Selbstgenügsamkeit dieses großgriechischen Sonderlebens bezeichnete. Der Süden blieb stumm, die übrige Nation war einig, und Cavour selbst schilderte am Ende seiner Laufbahn den Mut und Einmut dieser glorreichsten Jahre der Italiener also: »Ja, zwölf Jahre lang war ich ein Verschwörer mit allen meinen Kräften, um meinem Vaterlande die Unabhängigkeit zu schaffen. Aber ich war ein eigentümlicher Verschwörer, ich verkündete mein Ziel im Angesichte des Parlaments und an allen Höfen von Europa. Ich führte mit mir das ganze oder fast das ganze subalpinische Parlament, in den letzten Jahren waren fast alle Mitglieder des Nationalvereins meine Adepten und Genossen, und heute verschwöre ich mich mit 26 Millionen Italienern.« Nicht leere Eitelkeit hieß den Minister die Männer der nationalen Partei seine Adepten nennen; denn so gewiß im Leben der Völker die Tat schwerer wiegt als das Wort, ebenso gewiß war Cavour der Meister dieser Revolution. In Wien war man den Verhandlungen des Kongresses mit schwerer Sorge gefolgt. Kaiser Franz Joseph versuchte endlich, durch Milde seine italienischen Untertanen zu gewinnen, gab im Dezember 1856 die Güter der lombardischen Flüchtlinge frei, kam im folgenden Monat selber nach Mailand, ermahnte den Papst und die Bourbonen zur Mäßigung. Aber die Zeit der Versöhnung war vorüber; auch der neue Statthalter, der wohlmeinende Erzherzog Max, konnte die Wunden, die der kaiserliche Stock geschlagen, nicht mehr heilen. Während der Kaiser in Mailand weilte, sandte die lombardische Hauptstadt ein reiches Geschenk nach Turin, auf daß vor dem Palaste des subalpinischen Parlaments dem glorreichen Heere Italiens ein Denkmal errichtet werde. Mit Schadenfreude sah Cavour dem verspäteten schwächlichen Besserungsversuche zu. In der Tat fiel die Wiener Politik alsbald in ihr altes Unwesen zurück. Herrischer denn je verlangte die Hofburg im Februar 1857 die Bändigung der piemontesischen Presse und forderte Rechenschaft wegen der Kanonen von Alessandria. Abermals verwies Cavour trotzig auf die Freiheit des einzigen glücklichen Staates der Italiener; er fragte höhnisch, ob Piemont ein Vertrauenszeichen der Italiener abweisen solle. Da brach Osterreich den diplomatischen Verkehr mit Turin gänzlich ab, und Cavour ließ auf die Drohungen der Mailänder Zeitungen unzweideutig erwidern: »in den Kämpfen, welche um die großen Grundsätze der Zivilisation und der Gerechtigkeit begonnen werden, entscheidet heute nicht mehr allein die Zahl der Soldaten noch die Ausdehnung des Gebiets!« Ein Vermittlungsversuch, von Preußen unternommen, offenbarte nur die tiefe Kluft zwischen den beiden Kabinetten. Der Graf feierte sodann den Triumph, daß Österreich den Zollvertrag mit Modena auflösen mußte, weil Piemont kraft des Mailänder Friedens dieselben Begünstigungen wie Modena forderte. Seitdem steuerte Cavour geradeswegs dem Kriege entgegen. Die neuen Festungswerke, die Österreich auf fremdem Boden in Piacenza errichtete, gaben dem Turiner Hofe willkommenen Vorwand, für die Sicherung des eigenen Landes zu sorgen. Niemand sprach mehr von dem vielgerühmten usbergo di Savoia der alten Zeit, von den kleinen Festen, welche die Klausen der Alpentäler gegen Frankreich deckten. Der neue Schild Piemonts ward gegen Osten gekehrt. Casale, dessen Verstärkung der Kriegsminister schon vor Jahren eigenmächtig begonnen hatte, sollte mit Alessandria und Valenza durch Eisenbahnen verbunden werden, und dergestalt zwischen Po und Tanaro ein Festungsdreieck entstehen, das dem kleinen heimischen Heere gestattete, die Ankunft fremder Hilfe abzuwarten. Mit unerhörter Offenheit bekannte Cavour diesen Zweck dem Parlamente; der Plan ward genehmigt, obgleich die Gesinnungshelden der Linken weihevoll klagten: »nicht feste Mauern verteidigen das Vaterland, sondern die starken Herzen seiner Bürger.« Im Jahre 1850, als Cavour den Vorschlag aussprach, die herrliche Bucht von La Spezzia zu einem Kriegshafen ersten Ranges zu erheben, hatte Gioberti höhnisch gefragt: »das kleine Piemont wird doch nicht einen grandiosen Gedanken des ersten Napoleon verwirklichen wollen?« Jetzt wurde ernstlich Hand ans Werk gelegt, und der Graf antwortete nur mit seinem ausgelassenen Gelächter, als man bedenklich meinte: wie können wir dicht an den Grenzen Modenas ein so kostbares Werk, den Österreichern eine leichte Beute, errichten? Was gab dem Grafen den Mut, dies hohe Spiel zu spielen, das mit dem Bankrott oder dem Kriege endigen mußte und selbst manchem seiner Freunde eine Tollheit schien? Er hatte immer an die natürliche Gemeinschaft der romanischen Völker geglaubt und als ein echter Italiener die Bewunderung für seinen größten Landsmann, für den Schöpfer des Code Napoléon nie verleugnet. Seit dem Kongresse wußte er, daß der Erbe dieses Mannes den Hoffnungen der Italiener ungleich näher stand als das französische Volk. Es fehlte zwar nicht an bedenklichen Anzeichen, die von dem zaudernden Schwanken des Kaisers Kunde gaben. Graf Walewski tadelte mit scharfen Worten den unnützen Lärm, den das kleine Piemont in der Welt errege. Bald nach dem Kongresse begannen Österreich und Frankreich tiefgeheime Verhandlungen mit dem Papste wegen der Verwaltung des Kirchenstaats – Unterhandlungen, die der Wiener Hof selbst vor den Preußischen Diplomaten in Abrede stellte. Das Ergebnis war – eine noch innigere Verbindung der Kurie mit der Hofburg; Napoleon aber rief seinen ultramontanen Gesandten Rayneval aus Rom zurück, ersetzte ihn durch den Herzog von Grammont. Cavour empfing unterdessen von dem treuen Villamarina beruhigende Berichte über die Absichten des Kaisers und bald stand er selber im Briefwechsel mit den Tuilerien. Er hörte gelassen die Vorwürfe des französischen Diplomaten an; nur einmal, da der Gesandte Talleyrand in seinen friedfertigen Ermahnungen allzu eifrig ward, ging der Graf an seinen Schreibtisch und zeigte dem Erregten die Handschrift seines Kaisers. Der Herzog von Grammont klagte einst: »Cavour ist toll geworden; von England kann er doch unmöglich so feste Zusicherungen haben.« Da erwiderte eine Freundin des Ministers: »ist es denn noch nie geschehen, daß ein Souverän hinter dem Rücken seiner Diplomaten seine Fäden spinnt?« Der Franzose aber fuhr erschreckt in die Höhe: »da können Sie ein wahres Wort gesprochen haben.« Seit dem letzten Kriege war die Gruppierung der Mächte gänzlich verschoben. Rußland und Frankreich standen in gutem Einvernehmen, die Zusammenkunft der beiden Kaiser zu Stuttgart (September 1857) galt sicherlich auch der italienischen Frage. Von England hoffte Cavour nichts mehr seit jener Londoner Reise; auch die Patrioten Siziliens, die das englische Kabinett oftmals mit ihren Aufstandsplänen behelligt, gaben jetzt den Lord Feuerbrand auf, und nachdem gar die Tories an das Ruder gelangt, stand England entschieden auf Österreichs Seite. Daher mußte Cavour in allen Händeln, die dem orientalischen Kriege entsprangen, in den Streitigkeiten über Rumänien, Serbien, Montenegro, die Meinung Frankreichs und Rußlands unterstützen. Auch auf Österreichs innere Feinde mußte er zählen, wie jeder, der einen Entscheidungskampf gegen das Völkergemisch des Donaureiches wagt. An den Nationalverein erging die Weisung, man solle beim Ausbruch des Krieges die ungarischen Regimenter zu gewinnen suchen. Die Diplomatie Piemonts, deren verschlagene Umsicht mit dem alten Ruhme der Venetianer wetteiferte, stand längst in Verkehr mit der gemäßigten Partei des magyarischen Adels; dringend beschwor Cavour den getreuen La Farina, der alte Unheilstifter Kossuth, der plötzlich in Italien auftauchte, müsse fern bleiben, dürfe nimmermehr Garibaldis leicht bestimmbares Gemüt betören. Die Furcht vor patriotischen Übereilungen, welche den Verbündeten in den Tuilerien abschrecken könnten, blieb unter den Sorgen dieser drangvollen Jahre die schwerste. Fast in keinem der Briefe, die der Graf den Verschworenen sendet, fehlt die Mahnung: »jetzt ist nicht die Zeit für Straßenkämpfe, für provisorische Regierungen und ähnliche Torheiten von 48.« Cavours Politik hätte in jedem anderen Lande als tollkühner Radikalismus gegolten; neben den Geheimbünden Italiens erschien sie hochkonservativ. Der Beweis ihrer Größe liegt in der Fülle widersprechender Anklagen, welche aus Wien und Genua wider sie geschleudert wurden. Als Pallavicino einmal schwankte und im Parlamente den ohnmächtigen Künsten der Diplomatie den Frieden aufkündigte, da tröstete der Minister: »in Paris und in der Krim ist ein Same ausgestreut, den die Zeit und die Weisheit der Italiener zur Reife bringen werden;« dann verwies er auf »den großen Improvisator, die Geschichte«. Doch die Ungeduld der Radikalen griff der Geschichte vor. Im Sommer 1857 brachen zu Genua und Livorno Unruhen aus, von Mazzini angezettelt; zu Parma herrschte, seit der geheimnisvollen Ermordung des Herzogs, harter Kriegszustand, unheimliche Gärung im Volke; bald folgten Aufstände in Neapel und Sizilien, wilde Bewegungen in den großen lombardischen Städten. Der Graf versuchte auch von der Torheit der Gegner Gewinn zu ziehen: Europa, sagen seine Noten, hat den Hilferuf Italiens nicht hören wollen; jetzt bewährt sich, was ich in Paris weissagte! Im Januar 1858 sollte das Seherwort abermals in Erfüllung gehen, schrecklicher als der Prophet geahnt. Felix Orsini unternahm den wahnsinnigen Mordanfall wider den Kaiser; Napoleon, gewaltsam aufgescheucht aus seiner phlegmatischen Ruhe, verhängte die Schrecken des Sicherheitsgesetzes über sein Land. Wer durfte noch hoffen, daß der Kaiser den Landsleuten Orsinis seine Hilfe leihen werde? Jetzt endlich, jubelte Graf Buol, müsse der revolutionäre Staat seine Lektion empfangen. War denn nicht allbekannt, daß der Mörder keineswegs zu der wildesten Partei der Italiener gehörte und vor kurzem noch versucht hatte, sich dem Grafen zu nähern? Ungestüm verlangte der Tuilerienhof von den gastfreien Staaten England, Belgien, Piemont und der Schweiz strenges Einschreiten wider die Flüchtlinge. Er forderte in Turin, daß Mazzinis Organ Italia e popolo verboten, eine Anzahl der gefährlichsten Flüchtlinge ausgewiesen, allen aber untersagt würde, in piemontesische Zeitungen zu schreiben; gehorche man nicht, so werde der Kaiser verzichten auf seine italienischen Pläne. Abermals, wie nach dem Dezemberstaatsstreich, empfand der kleine Staat schwer seine Abhängigkeit von dem anmaßenden Nachbar. Ein radikales Blatt, das die Tat Orsinis gepriesen, wurde von den Geschworenen freigesprochen; die Presse Mazzinis predigte wieder das Evangelium des Tyrannenmordes, sie hörte nicht, wie der Minister flehend schrieb: um Gottes willen, greifet mich an, aber schonet des Kaisers! Es war, nach Cavours Geständnis, die schwerste Gefahr, die jemals seine Regierung bedroht. Doch das Ansinnen einer offenbaren Verfassungsverletzung empörte den Stolz des Piemontesen. »Karl Albert,« schrieb er an Villamarina, »starb in Oporto, um sein Haupt nicht vor Österreich zu beugen. Unser junger König wird in Amerika sterben, oder nicht einmal, nein hundertmal am Fuße unserer Alpen kämpfend fallen, ehe er mit einem einzigen Flecken die alte makellose Ehre seines edlen Hauses besudelt.« Indem er also die Verfassung wahrte, beteuerte er zugleich lebhaft seine Entrüstung über die Mordtat. Auf Napoleons Wunsch erschien sodann im Turiner Staatsanzeiger der letzte, wahrscheinlich apokryphe Brief Orsinis, der die Reue des Fanatikers, sein Vertrauen auf den Kaiser aussprach. Cavour selber ermahnte in einigen einleitenden Worten die Jugend seines Landes, nach dem Vorbild jenes Verirrten feste Zuversicht zu hegen zu jenem erhabenen Willen, der Italien günstig sei. Wie die Dinge lagen, ward noch ein weiteres Zugeständnis an den erzürnten Freund in Paris unvermeidlich. Die Regierung schlug vor, daß Verschwörungen gegen fremde Souveräne in Zukunft als Verbrechen bestraft, die Geschworenen nicht mehr ausgelost, sondern durch den Bürgermeister und zwei Richter ernannt werden sollten. Wohl klang es stattlich, wenn der Graf versicherte: »wir gehorchen allein dem Drange unseres eigenen Gewissens;« das ganze neugewonnene Ansehen des Staates beruhte ja auf seiner gesetzlichen Freiheit. Und gewiß sprach Cavour ein tiefsinniges und wahres Wort, da er erklärte: die Preßfreiheit, ein Segen für alle inneren Fragen, werde leicht verderblich für die auswärtige Politik. Dennoch fühlte jedermann, daß der Minister nur die halbe Wahrheit sagte, daß Napoleon jenes Gesetz gefordert hatte. Die Stimmung im Hause stand ohnedies bedenklich. Die letzte Schilderhebung Mazzinis in Genua hatte die Besitzenden beunruhigt, auch manche Behörden in das Lager der Reaktion geführt. Und da Rom, wie der Minister vergnügt erzählte, bei den Wahlen im Herbst 1857 seinen Priestern einen unbeschränkten Kredit auf die bessere Welt eröffnete, so ging die klerikale Partei beträchtlich verstärkt aus dem Wahlkampfe hervor. Cavour mit der unversieglichen Kraft seines Hoffens nahm die Schlappe leicht; er freute sich, daß der fromme Adel jetzt in das parlamentarische Leben hineingezogen werde: »die meisten, die als Klerikale eintreten, werden als Konservative hinausgehen.« Der große Haufe dagegen ward – kraft einer Unart, die mit der Sicherheit eines Naturgesetzes in allen ähnlichen Krisen wiederkehrt – durch die halbe Niederlage weiter nach links gedrängt. Man ruhte nicht, bis Rattazzi zurücktrat; er hatte jene Künste der Wahlbeherrschung, welche in dem freien Piemont nach romanischer Weise sehr rücksichtslos angewendet wurden, allein gegen die Radikalen spielen lassen und also den Ultramontanen in die Hände gearbeitet. Nur nach schweren Kämpfen stimmte diese argwöhnisch-liberale Mehrheit der neuen Freiheitsbeschränkung zu. Eine verschrobene, aufgeregte Debatte hob an, wobei die gemäßigten Liberalen als die Verteidiger des Preßzwanges erschienen. Erst Farini traf den Kern des Handels mit den Worten: Österreich ist der Schwerpunkt des alten Europas, Frankreich der Schwerpunkt des neuen. Noch aufrichtiger bekannte Graf Mamiani, ein alter liberaler Minister des Papstes, der jetzt dem Turiner Kabinett seinen treuen Beistand lieh: Ich habe einst den Prinzen Ludwig Bonaparte mit unserer Trikolore geschmückt gesehen; heute muß unsere Selbstverleugnung den Kaiser festhalten bei den Träumen seiner Jugend. Trotz solcher ermutigenden Zurufe blieb die Stimmung der Patrioten niedergeschlagen. Wie ein gebrochener Mann schrieb Azeglio im Juni aus seiner Villa Cannero am Langen See: »Der Zweck meines Lebens ist verfehlt. Ich werde dies feindliche Ufer mir gegenüber nie mehr italienisch sehen.« Doch unerschütterlich, als sei nichts geschehen, verharrte der Turiner Hof bei seiner aufreizenden nationalen Politik; er überhäufte im Frühjahr den Papst mit Vorwürfen wegen der zahllosen Verbannungen und der Mißverwaltung im Innern, klagte bei den großen Mächten über den unendlichen Belagerungszustand in Modena. Denn während die klugen Leute in Deutschland den Prozeß Orsinis, die leidenschaftlichen Bitten, die der Verurteilte in seinem ersten, echten Briefe an den Kaiser gerichtet, und die klug berechnete Verteidigungsrede Jules Favres vornehm als ein Gaukelspiel belächelten, wußte Cavour längst, wie tief die Worte des Verschwörers in der Seele Napoleons hafteten. Die Bluttat wurde dem Napoleoniden eine Mahnung, durch entscheidende Taten seinen Thron sicherzustellen vor den Angriffen italienischer Banditen. Auch diesmal, wie einst da das Connubio gestiftet ward, entsprang aus einem um Frankreichs willen vollzogenen reaktionären Gesetze eine neue schwungvolle Epoche der italienischen Politik. In demselben Augenblicke, da Azeglio jene verzweifelten Worte niederschrieb, erschien zu Turin Napoleons Vertrauter, der Arzt Conneau, im tiefsten Geheimnis, also daß selbst der französische Gesandte nichts ahnte, und lud Cavour ein, in dem lothringischen Plumbersbade mit dem Kaiser zu verhandeln. Italien frei bis zur Adria, ganz Oberitalien zu einem Königreiche vereinigt, Frankreich vergrößert durch Savoyen – so lautete die mündliche Abrede am 20. Juli. Aus den Andeutungen des Kaisers ergab sich, daß er auf der Halbinsel einen Staatenbund von vier Staaten unter dem Vorsitze des Papstes zu bilden hoffte; über die Zukunft von Nizza gingen die Meinungen noch auseinander. Doch das Wesentliche, der Bund mit Frankreich zur Befreiung Norditaliens, war beschlossene Sache. Nur die beiden Souveräne, Cavour und Villamarina, aber – bezeichnend genug für den Napoleoniden – kein Franzose kannte das Geheimnis. Seinen Heimweg nahm der Graf über Baden, wo er den Prinzregenten von Preußen hochschätzen lernte und von der Großfürstin Helene ermutigende Zusagen erhielt; mit erstaunlicher Keckheit sprach er dann in der Schweiz von dem nahen Kriege. Österreich schöpfte Verdacht, versuchte umsonst durch geheime Verhandlungen an den kleinen deutschen Höfen durchzusetzen, daß der Deutsche Bund ihm die Herrschaft in Mailand und Venedig gewährleiste. Cavour hatte unterdessen erfahren, daß die Garantie, welche der preußische Hof während des Krimkrieges für Österreichs italienischen Besitz übernommen, nicht mehr zu Recht bestand. Er genehmigte im Oktober einen von La Farina entworfenen Operationsplan, wonach die Erhebung in Oberitalien durch regelmäßigen Krieg, in der Emilia durch revolutionäre Kräfte begonnen werden sollte. Im Dezember traf er mit Garibaldi zusammen und gewann das Herz des treuen Patrioten. Er bedurfte der Freischaren, um die besseren Elemente der Radikalen an sich zu ziehen; die drohende Übermacht der Aktionspartei blieb immer ein wichtiger Faktor in seiner Rechnung. Noch näher lag die Gefahr, daß Italien das Joch Österreichs nur abwerfe, um Frankreichs Ketten zu tragen. Darum wünschte der Graf einen langen schweren Krieg, der alle Glieder der Nation in seine Wirbel hineinreiße und die Franzosen verhindere, sich als die Befreier Italiens zu gebärden. Darum wagte er noch in der elften Stunde wiederholte ehrlich gemeinte Versuche, die Kronen von Neapel und Toskana für die Sache Italiens anzuwerben. Schnöde zurückgewiesen rief er dem Hofe der Lothringer zu: »nicht aus der vernünftigen und bescheidenen Ausübung einer maßvollen Freiheit entspringen die Aufstände und Unruhen.« Er durfte Rußland nicht beleidigen, das mit Neapel und Turin zugleich in Freundschaft lebte, und nahm daher keinen Teil an den diplomatischen Feindseligkeiten, wodurch die Kabinette von Paris und London nach dem Kongresse den Bourbonenstaat belästigten. Auch der Hof von Florenz schien noch nicht ganz verloren, hatte er doch in den jüngsten Jahren oft die Hofburg durch schwache Regungen selbständigen Willens gekränkt. Cavour mußte um so mehr wünschen solche Gesinnung zu kräftigen, da ihm bekannt war, daß eine Partei in den Tuilerien eifrig an der Gründung eines napoleonischen Königreichs Etrurien arbeitete, und der Kaiser selbst diese Gedanken begünstigte. Darum wurde der gewandte, liebenswürdige Boncompagni nach Florenz gesendet, um den Hof für die große Sache zu gewinnen. Darum sollte auch der Nationalverein in Toskana – so verfügte die Weisung des Ministers – sich auf ein gemäßigtes Programm beschränken, das selbst loyale Bürger, selbst Offiziere unterschreiben konnten; lediglich die militärisch-diplomatische Vereinigung mit Piemont, die Auflösung aller mit Österreich geschlossenen Verträge durfte man fordern. Nur in der Romagna, in Modena und Parma war alles Bestehende faul bis ins Mark; hier half allein die offene Empörung, und der Reformer in Turin säumte nicht, sie vorzubereiten. Doch unterschied Cavour scharf zwischen der Romagna und dem Patrimonium Petri; die Unverletzbarkeit des eigentlichen Kirchenstaates blieb die unabwendbare Bedingung, davon Napoleons Beistand abhing. Überdenken wir diese diplomatische Verwicklung, die furchtbar bedrängte Lage eines Mittelstaates, der eine europäische Umwälzung zu beginnen wagte, so brechen die gellenden Anklagen der Aktionspartei wider die Zahmheit der Pläne Cavours alsbald zusammen. Italien frei von fremdem Einfluß, neu geordnet durch eine starke subalpinische Macht – das blieb noch immer der einzige helle Punkt in den Nebeln der Zukunft. Und doch lebte in der Seele des verwegenen Mannes, der so vorsichtig mit dem möglichen rechnete, das Vorgefühl ungeheurer Dinge. Cavour glaubte, so freudig wie nur ein Heißsporn unter den Jüngern Mazzinis, an die dämonischen Kräfte der Revolution, welche einmal aufwogend in unabsehbare Fernen sich ergießen mußten. Er ahnte, was nach dem Ausbruch der Bewegung selbst der ängstlichere Azeglio aussprach, daß in großen Tagen das Reich des möglichen, gleich allen Reichen, seine Grenzen zu erweitern strebt. Ihm entging nicht, wie leicht der Starrsinn der Höfe die beiden einzigen treuen Freunde Italiens, Piemont und den Geist der Nation, in die Bahnen des Einheitsstaates treiben konnte. Darum kehrt in den Briefen seiner Genossen immer die Warnung wieder: Hütet euch, der Zukunft vorzugreifen ( l'avvenire rimagna intatto )!   Am Neujahrstage 1859 verkündete die schroffe Anrede Napoleons III. an den österreichischen Gesandten – deutlicher als der Kaiser selber wünschte – das Nahen des Krieges. Augenblicklich warf die Hofburg frische Regimenter in die Lombardei. Der König von Sardinien, durch den Nationalverein über jede Truppenbewegung jenseits des Tessin genau unterrichtet, eröffnete am 10. Januar sein Parlament mit den unzweideutigen Worten: »Der Horizont, an dem das neue Jahr heraufsteigt, ist nicht ganz heiter. Wir sind nicht unempfindlich für den Schmerzensschrei, der aus so vielen Teilen Italiens uns entgegenschallt.« Nochmals, wie vor vierzig Jahren, da die Kreolen ihren Schmerzensschrei erhoben, übte der pathetische Ausdruck seinen Zauber auf die Herzen der Romanen. In Massen waren die Lombarden herbeigeeilt, die Thronrede zu hören, der Palast erbebte von ihrem Jubel, trunken vor Freude kehrten sie heim. Noch im selben Monat zahlte der König den ersten Preis, den der schlaue Rechner an der Seine für seine Hilfe sich ausbedungen, vermählte sein geliebtes Kind mit dem roten Prinzen Napoleon, der zugleich in Turin den Bündnisvertrag zwischen den beiden Staaten unterzeichnete. Cavour übergab inzwischen dem Parlamente einen Gesetzentwurf über die Nationalgarde, welcher die älteren, verheirateten Mannschaften auf den Garnisonsdienst verwies, nur die wahrhaft kriegstüchtigen Truppen für die Feldschlacht bestimmte. Noch einmal, nun die große Entscheidung nahte, warnte der Graf, nicht durch dilettantische Spielerei den schweren Ernst des kriegerischen Handwerks zu verderben: »die Vorsehung ist die Freundin der starken und noch mehr der guten Bataillone.« Dann offenbarten die Verhandlungen über das vorgeschlagene Kriegsanlehen, wie schreckhaft gewaltig der eine Mann mit seiner breiten, lustigen Behaglichkeit den Zeitgenossen erschien. Hatte ihn schon vor vier Jahren das Geschichtswerk Antonio Gallengas ohne Widerspruch den ersten der lebenden Staatsmänner genannt, so erklang jetzt aus den Reden der Opposition oftmals jene Empfindung des Schauders, welche der Anblick echter Menschengröße erweckt: wohin treiben wir, rufen sie aus, wenn dieser Titane den Pelion auf den Ossa türmen darf? Aber auch das häßliche Geheimnis, das aller Herzen bang bedrückte, warf seinen Schatten in die Verhandlung. Die Abgeordneten Savoyens erklärten, ihre französische Heimat sage sich los von dem Kampfe für ein fremdes Volkstum. Wollt ihr uns von euch weisen, rief Costa di Beauregard, so wird die tapfere Brigade Savoia (die erprobte Lieblingstruppe des Königs) gleich uns zu stolz sein, euch ein Wort des Bedauerns nachzurufen. »Mögen Sie nie bereuen, daß Sie die Bedeutung unserer Berge, den Wert unserer Herzen so niedrig schätzten!« – »Savoyen ist zu hochherzig, um am Tage der Gefahr seinen Beistand zu verkaufen,« erwiderte der Minister, der weder leugnen noch bekennen durfte. Beide Gesetze wurden mit überwältigender Mehrheit genehmigt; dann verlautete im Parlamente zwei Monate lang, bis in den April hinein, kein Wort mehr über die nahende Erhebung. Der Graf hatte nach Rattazzis Rücktritt auch das Ministerium des Innern und damit die schwere Aufgabe übernommen, die unter Rattazzis Leitung erschlaffte sittliche Haltung der Verwaltungsbehörden wiederherzustellen. »Nehmen Sie nur auch dies Portefeuille,« lachte der König, »es wird nicht schlechter gehen.« Jetzt gab der Minister dem Hause gelassen Auskunft über die Gefängnisse, erörterte geläufig den Begriff des ademprivio , der auf der Insel Sardinien hergebrachten Grundlasten. Derweil das Parlament also sein Alltagsgesicht zeigte, leitete Cavour aus der Stille seines Kabinetts den verwegenen Federkrieg, welcher den Kampf der Waffen vorbereitete, und zugleich den unaufhaltsamen Gang der Rüstungen. In Scharen strömten die Freiwilligen herbei. Vergeblich, daß Österreich die Grenzen Piemonts mit einer Postenkette umzog; die begeisterte Jugend von Venedig, Mailand, Toskana fand die Schlupfwinkel durch die Reihen der Feinde, Hunderte vom Adel traten als Gemeine in die Regimenter. Auch die Linie – so war Cavours Meinung – darf nicht mehr den Piemontesen allein angehören; von Freischaren nur so viel als nötig, um die Teilnahme der radikalen Partei zu erwecken, ihre meisterlosen Glieder zu bändigen; hebt der Krieg an, dann muß das Heer gleich der Lawine wachsend vorwärts treiben, in jeder eroberten Landschaft alle waffenfähigen Italiener an sich ziehen und dergestalt durch seine Masse dem übermächtigen Verbündeten verbieten, daß er ein Herr werde. Welch ein Gegensatz der Zeiten und des Volkstums, sobald wir diese terza riscossa der Welschen mit unserem Jahre 1813 vergleichen! Hier eine Nation von Dichtern und Denkern, die allzulange mit ihren Träumen in den Wolken schweifte und nun, da sie den Mut findet, ihren Fuß fest auf die Erde zu stemmen, alle die vertrauten Mächte des Himmels anruft, ihr beizustehen: die Tröstungen des Glaubens, den sittlichen Ernst einer weltverachtenden Philosophie, die Heldengestalten ihres neuentdeckten Altertums, die glänzenden Bilder einer gottbegeisterten Kunst. Dort eine rein politische Bewegung; alle gesunden Kräfte des Volks so ganz versenkt in die Händel des Staats, daß noch auf Jahre hinaus allein Parteischriften die Geister zu entzünden vermögen. Kein Fichte, kein Schleiermacher, die das Pathos und das Ethos des Krieges vertreten; keine Hochschule, welche, der Berliner gleich, den Mut des Wissens in der Jugend stählt, um ihr den Mut des Handelns zu erwecken. Und wie leer, wie erkünstelt, wie arm erscheint das Lied vom roten Hemde, das va fuori d'Italia , neben der brausenden Jünglingsdichtung der Deutschen: Laßt wehen, was nur wehen kann, Standarten weh'n und Fahnen! Hier ein Volk ohne Presse, ohne öffentliches Leben. In tiefer Stille schreitet der Gedanke der Befreiung durch die Hütten und die Paläste, grollend schaut der Bauer auf die ausgeplünderte Hofstatt, auch an der Wand des Kleinbürgers hängt, ein beredter Mahner, das Bild des großen Königs; fest wie ein Mann erheben sich die Hunderttausende, treu und schlicht, als wüßten sie's nicht anders, opfern und wagen sie das Ungeheure. Jede Tat des wundervollen Kampfes erzählt von der bescheidenen Größe, die in alle Wege des deutschen Geistes köstliches Kleinod bleiben wird. Dort ein hochentwickeltes parlamentarisches Leben, eine laute Presse, die mit überschwenglichen Reden die Wunder italienischer Tapferkeit voraus verkündet; die planvolle Arbeit der Parteien gewinnt den Adel, die gebildete Jugend, zuletzt auch die städtische Masse, nur das Landvolk bleibt dem Kampfe fern. Aber wenn die Erhebung der Italiener mit der edlen Leidenschaft, der schönen Schwärmerei des deutschen Krieges sich nimmermehr messen kann, so ward sie doch geleitet von einer scharfen politischen Berechnung, die jenem Unschuldsalter unseres Volkes versagt blieb: sie wollte und erreichte mit der Vertreibung der Fremden zugleich den nationalen Staat. Wunderbar schnell begriff der scharfe politische Verstand der Nation das Notwendige. »Ich streite nicht mehr, ich gehorche,« schrieb Azeglio dem Grafen; dann ging er nach Rom, die Patrioten vor unzeitigen Aufständen zu warnen, darauf nach Paris und London als Gesandter seines Nebenbuhlers. Die Denkenden aller Parteien, niemand eifriger als Garibaldi, schworen auf die alte Lehre Manins: der Krieg muß geführt werden unter der Diktatur des Königs. La Farinas Befehl an die Verschworenen lautete: jede Stadt, die sich gegen die Fremden erhebt, hat sich in schweigendem Gehorsam dem Vertrauensmanne zu unterwerfen, der im Namen des Königs die Verwaltung übernimmt; kein Klub, keine Zeitung wird während des Krieges geduldet. Der Nationalverein löste sich auf, sobald der Kampf begann, auf daß die Einheit der Leitung nicht gestört werde. Der König selbst überwand die Eifersucht gegen seinen großen Minister, den geheimen Groll wider den freimütigen Mahner. Dem derben Jäger, dem schon die Regierungssorgen des kleinen Piemont oft lästig fielen, lag nichts ferner als maßloser Ehrgeiz; doch den tapfern Degen, den treuen Italiener reizte der Krieg, und da der Kampf entbrannte, ward der König wirklich, wie er verheißen, »der erste Soldat der italienischen Freiheit«. Auch die Hingebung der Jugend Norditaliens war der Größe des Augenblicks gewachsen; sie bewährte in unvergeßlichen Taten, daß dieses Volk nicht untergehen könne. Oft ward der Feuereifer der Freiwilligen dem Grafen bedenklich; denn nicht vor dem März durfte er wagen, sein Heer durch lombardische Kräfte zu verstärken. Fürs erste mußte er durch ein verschlagenes diplomatisches Spiel Österreich vor den großen Mächten in das Unrecht setzen. Dem Urteile der Wissenschaft, das die unveräußerlichen Rechte des Volkstums anerkennt und den großen Zusammenhang der historischen Dinge höher anschlägt als die Zufälle des Augenblicks, erscheint Österreich im Frühjahr 1859 ebenso gewiß als der Angreifer, wie Napoleon im Frühjahr 1813. Österreichs Herrschaft war der letzte Quell der Leiden Italiens. Seine Beamten regierten nicht in der Lombardei, sie standen im Feldlager. Seine Truppen bedrückten die Romagna durch einen zehnjährigen Belagerungszustand, sein Gebot schaltete nach Willkür in Modena, Parma, Florenz. Mit erfinderischer Bosheit verhöhnten die k. k. Landsknechte jedes menschliche Gefühl der Italiener. Kein Romagnole verzieh, daß die Österreicher, als sie den Banditen il Passatore erlegt zu haben glaubten, die leibliche Mutter des Getöteten herbeiholten, damit sie die verstümmelte Leiche des Sohnes erkenne. Kein Mailänder durfte vergessen, daß einst Radetzky die Lombardenstadt gezwungen hatte, einer kaiserlich gesinnten öffentlichen Dirne ein Ehrengeschenk darzubringen. – Aber jeder Übergriff der Hofburg berief sich auf rechtsgültige Verträge, auf die Zustimmung der ergebenen kleinen Höfe; und das alte Völkerrecht wußte nur von den Kabinetten, kannte Italien lediglich als einen geographischen Begriff. Noch mehr, ward Österreich den Wünschen der Italiener gerecht, so erhoben augenblicklich auch die anderen geknechteten Völker des Reiches ihre Stimme; der zentralisierende Despotismus, seit zehn Jahren der Stolz und Ruhm der Hofburg, brach zusammen. Denn unter mannigfach wechselnden Formen blieb die Regierung des Kaisers Franz Joseph von ihrer ersten Stunde bis zum Jahre 1871 immerdar dasselbe System des Schwindels, der ernten will, wo er nicht gesät, eines Schwindels, der so dreist und lügenhaft selbst an dem Hofe des dritten Napoleon nicht gedieh. Während Italiener, Magyaren, Tschechen in die Zügel knirschten, sogar unter dem herrschenden deutschen Stamme jeder freie Mann sich angeekelt abwandte von dem entgeisterten Staate, eine scheußliche Fäulnis der Sitten die Grundlagen der Gesellschaft zerfraß, verkündeten die feilen Federn der k. k. Hofpresse in die Welt hinaus wunderbare Märchen von dem verjüngten Osterreich, von den unerschöpflichen Hilfsquellen des Reiches, welche der erbliche Unverstand des Hauses Habsburg doch nie zu benutzen vermochte. Wie sollte man jetzt den erschlichenen Ruhm des Fürsten Schwarzenberg und seiner Nachfolger dem Hohngelächter Europas preisgeben, vor aller Welt gestehen, daß dies Österreich die sittlichen Mächte der Vaterlandsliebe, der Staatsgesinnung nicht kenne? Dasselbe politische Gesetz, das Philipp II. zwang, die niederländischen Rebellen zu bekämpfen, verbot dem neuen Habsburger, den Piemontesen zu weichen. Nur die Gewandtheit der gallo-sardischen Diplomatie, die unsägliche Verblendung der Hofburg selber hat den Wiener Hof aus seiner rechtlich unangreifbaren Stellung hinausgeschleudert. Österreich rüstete zuerst; mit gutem Scheine konnte Cavour versichern, die Kriegsbereitschaft, das Kriegsanlehen Piemonts sei nur die Antwort auf die gleichen Maßregeln des Nachbarstaates. – Das Kabinett von St. James, das soeben die Macht Rußlands am Pontus durch Verträge beschränkt hatte, mußte darum auch die Verträge von 1815 verteidigen. Seit Frankreich für die Italiener Partei nahm, erwachte selbst unter den Whigs der alte Argwohn wider den napoleonischen Ehrgeiz; alle Parteien des englischen Parlaments verlangten die Wahrung des Rechtsbodens. Grundes genug für den Grafen Buol, um blindlings auf Englands Hilfe zu bauen. Schon im Januar ließ er dem englischen Hofe ein gemeinsames Eintreten der großen Mächte vorschlagen, das den Störenfried in Turin bändige. Am 25. Februar gestand er gar mit staunenswürdiger Torheit, in einer Depesche an den Grafen Apponyi, den geheimen Hintergedanken seines Hofes: Italiens Unglück ist bewirkt durch die Einführung von Verfassungen, »welche weder dem Geiste, noch der Geschichte, noch den sozialen Verhältnissen des Landes entsprechen.« So verließ er selber den Boden der Verträge, forderte Einmischung in die inneren Verhältnisse eines souveränen Staates, bekannte laut, daß ein Kreuzzug des Absolutismus wider das liberale Europa bevorstehe. Je schärfer fortan die Ansprüche Österreichs dem Völkerrechte widersprachen, umso lauter tobte die legitimistische Raserei in Wien. Auf Napoleons Geheiß veröffentlichte Lagueronniere die von Eugen Rendu verfaßte Flugschrift »Kaiser Napoleon und Italien«; sie verkündete der Welt, daß Europa dem italischen Lande als der Heimat der Kultur zu Dank verpflichtet sei. Sobald die Pläne des Napoleoniden sich entschleierten, träumte man an der Donau von der Wiedereinsetzung der Bourbonen. Hatte doch schon vor Jahren eine Denkschrift des allergetreusten Herzogs von Modena den Siegeszug wider das revolutionäre Frankreich gepredigt und kurzab gefordert: wenn einst die Fahnen des austro-italischen Bundes auf dem Montmartre wehten, dann müsse die Hauptstadt Frankreichs aus dem radikalen Paris hinweg verlegt, die Bevölkerung der französischen Binnenprovinzen nach Amerika deportiert werden! – Wahnwitzige Verirrungen, unglaubhaft nur für jene frommen Seelen, welche sich noch immer nicht befreien können von dem alten Aberglauben, als ob die Vernunft, die Wohlfahrt des eigenen Staates bei den Berechnungen der österreichischen Staatskunst irgendwie in Betracht käme! Meisterhaft wußte Cavour solche Hoffart der Gegner auszubeuten, er spielte mit ihr wie die Katze mit der Maus – wenn anders dies triviale Bild auf den Schwachen paßt, der nur stark war durch die Macht der Ideen. In einer Denkschrift vom 1. März übergibt er dem englischen Kabinett, auf dessen Wunsch, seine Vorschläge für die Rettung Italiens. Stolz und sicher verkündet er die Lehren eines neuen menschlicheren Völkerrechts: die Welt hat schon schlechtere Verwaltungen gesehen als gegenwärtig in der Lombardei, aber vor der modernen Gesittung gelten nur jene Regierungen als legitim, »welche von den Völkern mit Dankbarkeit oder doch mit Ergebung angenommen werden.« Die Übel der Fremdherrschaft heilt nur die Revolution oder die Neugestaltung der europäischen Verträge. Will der englische Hof durch sanftere Mittel helfen, so schaffe er den Lombarden die von Österreich vor fünfundvierzig Jahren verheißene nationale Verwaltung, den Völkern Mittelitaliens die Befreiung von den fremden Garnisonen, den Staaten Parma, Modena, Toskana eine Verfassung nach dem Vorbilde Piemonts, dem Kirchenstaate die schon auf dem Pariser Kongresse geforderte gründliche Reform. »Dann wird Italien erleichtert und befriedet Englands Namen segnen.« – Noch dreister packt Cavour den Stier bei den Hörnern in einer an Azeglio gerichteten Depesche vom 17. März. Gewiß, sagt er hier zur Antwort auf Buols Anklagen, die Verfassung Piemonts ist eine Drohung gegen Österreich; dem Wiener Hofe bleibt nur die Wahl, auch diese Verfassung zu vernichten oder seine Herrschaft über das gesamte übrige Italien auszudehnen, damit die liberalen Ideen die Grenzen Piemonts nicht überschreiten. Will Österreich entwaffnen, schließt er höhnisch, so wird Piemont sich beschränken auf eine friedliche Propaganda, welche die Lösung der italienischen Frage vorbereiten soll. – Dem Grafen ward die Genugtuung, daß die Wiener Hofpresse die großartige Offenheit dieser Sprache brandmarkte als »ein Denkmal der Verächtlichkeit und Verworfenheit der Gesinnung, eine bübische Keckheit«. Endlich am 18. März schlug Rußland, unzweifelhaft im Einverständnis mit dem Kaiser der Franzosen, das alte Auskunftsmittel diplomatischer Verlegenheit, einen Kongreß der großen Mächte vor, und noch feindseliger denn vorher prallten jetzt die alte und die neue Zeit aufeinander. Der Turiner Hof verlangte Zutritt zu dem Rate der Pentarchie, wie einst nach dem orientalischen Kriege: wir vertreten Italien, auf uns ruht das Vertrauen des unglücklichen Volkes. In der Hofburg fand man kaum Worte scharf genug, diesen Einbruch in die alte aristokratische Verfassung des Staatensystems zurückzuweisen. Welche offenbar abgeschmackte Anmaßung! – schrieb der toskanische Gesandte aus Wien – jeder andere Staat Italiens darf mit besserem Rechte an dem Kongresse teilnehmen, denn Piemont allein ist nicht durch Spezialverträge an Österreich gebunden. Gerade die Aufhebung dieser Verträge, welche den kaiserlichen Truppen den Einmarsch in die Nachbarlande gestatteten, sollte nach Cavours Anschauung die Aufgabe des Kongresses bilden. Graf Buol dagegen wollte die Spitze des Kongresses gegen die Verfassung Piemonts kehren; er wiederholte den einst zu Aachen und Laibach von dem Fürsten Metternich aufgestellten Grundsatz der Interventionspolitik: der Kongreß darf über die inneren Verhältnisse der Staaten Mittelitaliens nur dann beraten, wenn die beteiligten Souveräne ihn anrufen. Das will sagen: er darf gar nicht darüber beraten. – So trieb man im Kreise umher. Preußens wohlmeinender Vorschlag, in Mittelitalien einen Staatenbund, unabhängig von Österreich wie von Piemont, zu schaffen, erschien dem Herrscherstolze des Wiener, den Hoffnungen des Turiner Kabinetts gleich unerträglich. Während diese Händel schwebten und zugleich die Streitfrage, wer zuerst entwaffnen solle, die Höfe erregte, war auf den schweigsamen Verbündeten in Paris noch immer kein Verlaß. Der Kaiser sah mit Sorge den mangelhaften Zustand seiner Heeresrüstung. Prinz Napoleon, der Freund Italiens, wurde plötzlich von seinem Ministerposten entlassen, Baron Hübner, Graf Walewski und die spanische Damenpartei in den Tuilerien triumphierten. Da eilte Cavour am 25. März selber nach Paris, um den Kaiser zu sprechen. Nach einer vergeblichen Unterredung stellte er dort (30. März) in einem ergreifenden Briefe dem Napoleoniden die verzweifelte Lage Piemonts vor die Augen, und nach einigen Tagen konnte er beruhigt heimkehren. Unterdessen arbeiteten die Getreuen in der Emilia: kam der Kongreß zustande, so sollten bewegliche Adressen, von Hunderttausenden unterzeichnet, dem Rate Europas beteuern, wie fest das Volk von Mittelitalien zu dem Hause Savoyen stehe. Noch einmal stellte Napoleon das Vertrauen des Piemontesen auf eine harte Probe. Nach dem Scheitern aller anderen Vermittelungspläne beantragte England schließlich: Zulassung sämtlicher Staaten Italiens zu dem Kongresse und gleichzeitige Entwaffnung aller streitenden Teile. Ein kurzes befehlendes Telegramm des Kaisers gab dem Turiner Hofe die Weisung, den englischen Vorschlag anzunehmen. Cavour schwankte von furchtbaren Zweifeln gequält; in fieberischer Erregung faßte er bereits den Gedanken, allein mit seinem kleinen Staate eine zweite Schlacht von Novara zu wagen. Da kam ihm von den Genossen aus Neapel die sichere Nachricht, daß Österreich den Krieg wolle; auf die Verblendung des Feindes bauend, trat der Graf am 17. April dem englischen Vorschlage bei. Und wirklich, fast im selben Augenblicke fügte Österreich an die lange Kette seiner Torheiten die letzte und schwerste. Die Hofburg stellte am 19. April ihr Ultimatum: Piemont soll entwaffnen, sofort und allein, widrigenfalls beginnt der Krieg. So war der Zwingherr Italiens aus der denkbar günstigsten Stellung in die allerbedenklichste hinübergetaumelt. Österreich griff an, die neutralen Mächte protestierten gegen die Gewalttat, der Napoleonide aber rief: die Dinge gehen besser, als ich zu hoffen wagte! Cavour übernahm inzwischen zu dem Vorsitz im Ministerräte und den drei Portefeuilles des Auswärtigen, des Inneren, der Marine auch noch die Leitung des Kriegsdepartements, ließ sein Bett in die Amtszimmer des Kriegsministeriums tragen, ruhte dort während kurzer Nachtstunden von der erdrückenden Arbeit aus. Eine lakonische vom Blatte gelesene Ansprache genügte, als der Minister jetzt dem Parlamente vorschlug, die Diktatur, die pieni poteri , auf den König zu übertragen: die Nation war einig, sie wollte den Zweck und wollte die Mittel. Am 26. April ward das Ultimatum Österreichs verworfen, und wer noch zweifelte, ob wirklich ein großer Prinzipienkampf der absoluten Fürstengewalt wider die Rechte der Völker beginne, ob wirklich die Zeiten Thuguts sich erneuerten – den mußte das Kriegsmanifest des Wiener Hofes belehren: »Wenn die Schatten einer die höchsten Güter der Menschen bedrohenden Umwälzung über den Weltteil sich auszubreiten suchten, hat sich die Vorsehung oft des Schwertes Österreichs bedient, um mit seinem Blitze die Schatten zu zerstreuen.« Im selben Tone rief General Gyulay, da er den Tessin überschritt, den Piemontesen zu: Ihr seid unterdrückt von einer Partei des Umsturzes, ich komme, euch zu befreien! Wie jederzeit in Koalitionskämpfen die politische Natur des Krieges scharf hervortritt, so wurden auch in diesem Feldzuge die wichtigsten militärischen Entschlüsse durch politische Gründe bestimmt. Mochte immerhin ein Handstreich der Österreicher gegen Turin für den militärischen Erfolg des Krieges wenig bedeuten – der Staatsmann Italiens durfte nicht dulden, daß die Hauptstadt Piemonts durch die Franzosen befreit werde. Cavour befahl, daß die offene Stadt sich bis auf das Äußerste halte. Auch das flache Land sollte sich selber des Feindes erwehren; willig ertrug der wackere Gau von Vercelli, daß der Graf meilenweit die Felder unter Wasser setzen ließ. Derweil die Österreicher in diesen sumpfigen Reisfeldern der Lomellina umherirrten, sammelte sich das verbündete Heer unter dem Schutze des neuen Festungsdreiecks. Sobald der Aufmarsch begann, mußten die Alpenjäger, die Garibaldi mit dem unermüdlichen Medici ausgerüstet, als Sturmvögel dem Heere vorausziehen: die Lombardei sollte wissen, der Krieg der Italiener hebe an. Doch schickte Cavour bedachtsam seinen La Farina als Kommissär den Rothemden nach, um unbesonnene Streiche der Aktionspartei zu verhindern. Nun endlich reifte die Aussaat. Wie hehr und herrlich strahlte der Todesmut des erwachenden Volkes, als der siegreiche König über das Schlachtfeld von Palestro ritt und die lombardischen Freiwilligen, die mit zerschrotenen Gliedern am Boden lagen, ihm die Hände entgegenstreckten: Sire, fate questa, povera Italia ! Nur die verhärtete Parteiwut im deutschen Süden hörte nichts von der erschütternden Klage des Völkerleides; sie küßte den Fuß, der auf unserem Nacken stand, und wünschte ihm Heil, daß er ein fremdes Volk zertrete. – Die Schlacht von Magenta öffnete den Verbündeten die Tore der lombardischen Hauptstadt, und als die Mädchen von Mailand sich mit stürmischen Küssen an den behäbigen Minister drängten, die jauchzende Masse mit ihrer ungestümen Zärtlichkeit den Befreier schier erdrückte, da stand Cavour auf der Höhe seines Ruhmes – nicht seines Schaffens. Während im Norden die Heere sich schlugen, begann in Mittelitalien die Revolution ihr Werk. Der Großherzog von Toskana verwarf noch beim Beginne des Krieges ein letztes Anerbieten Frankreichs, das ihm seinen Besitz verbürgte, wenn er die Neutralität aufgäbe. Er blieb ein Fremder, ein Erzherzog; gutmütig wie er war, ließ er doch alle Anstalten zum Straßenkampfe treffen, und seine Offiziere fürchteten bereits, die lieblichste Stadt der Erde solle bombardiert werden. Von allen, auch von dem Heere verlassen, entfloh er endlich zu den Österreichern. Toskana, längst schon allen italienischen Herzen teuer als die Heimat milder Sitten, edler Künste, gab jetzt auch dem politischen Leben der Nation ein Vorbild durch eine wunderbar ruhige, maßvolle Volksbewegung, die der stolze Baron Ricasoli mit fester Hand leitete. Auch in Parma, in Modena, in der Romagna wurde das alte Regiment hinweggefegt; alle befreiten Provinzen übertrugen dem König von Sardinien die Diktatur. Dem Kaiser der Franzosen ward das Herz von Sorgen schwer, da er die Pläne von Plombieres also durch die unberechenbaren Mächte der nationalen Leidenschaft durchkreuzt sah. Warum mußte auch Prinz Napoleon, der den Argwöhnischen als der künftige König von Etrurien galt, gerade in Toskana mit seinem Armeekorps erscheinen? – Wollte man den Kaiser festhalten bei dem großen Unternehmen und verhindern, daß die begehrlichen Träume der »Plonplonianer« zu einem bestimmten Plane sich verdichteten, so durfte Piemont nicht um eines Fingers Breite abweichen von der Abrede: wir führen Krieg gegen Österreich allein. Daher schlug der König die Diktatur in den Staaten Mittelitaliens aus, übernahm nur den Oberbefehl über ihre Truppen. Noch im Juni beschwor Azeglio in Cavours Auftrag die Patrioten von Florenz, die Volksbewegung nicht zu beschleunigen. In Rom gelang den Besonnenen, jede Erhebung wider den Paten des Kindes von Frankreich zurückzuhalten; »Rom kann warten,« hieß das Stichwort des Tages. – Je düsterer die Verstimmung Napoleons III. sich zeigte, um so dringender mußte Cavour wünschen, das italienische Heer zu verstärken durch die Hilfe Neapels. In den ersten Tagen des Krieges starb Ferdinand II. Aber auf den Bomba folgte der Bombetta, auf den Bombenkönig der König Bömbchen; Cavours Unterhändler, der dem jungen Fürsten ein Bündnis antrug, brachte zur Antwort den Ausspruch heim: Was ist das für ein Ding, die Unabhängigkeit Italiens? Ich kenne nur die Unabhängigkeit Neapels. – Auch die gleichgültig träge Haltung der Massen in Unteritalien bewährte, wie schwer die Spuren einer vielhundertjährigen Trennung sich verwischen lassen. Unterdessen trugen die Verbündeten ihre Fahnen über den Oglio. Freudestrahlend, mit hundert schmückenden Märchen erzählte sich das Volk zu Turin und Florenz die große Kunde von der Schlacht von Solferino: wie der Himmel selber teilnahm an dem Kampfe, wie am Abend des blutigen Tages ein Gewitter dahinbrauste über das Schlachtfeld, mit ungeheuren Donnerschlägen das Krachen der Geschütze, das Toben der kleinen Menschen übertäubend. Und wie mannhaft hatte das italienische Heer auf den Höhen von San Martino die Ehre seiner Trikolore verteidigt! Die Geringschätzung der Piemontesen, die man im österreichischen Lager zur Schau trug, war durch die Tat widerlegt. – Der frohesten Hoffnung voll kehrte Cavour nach Turin zurück. Noch zwei Tage nach der Schlacht hatte er den Kaiser in guter Stimmung, stolz auf sein Heer gefunden. Der Graf hielt das Festungsviereck nicht für unüberwindlich. In der Tat war ein Teil der Wälle von Verona und Mantua nur mit leichten Feldkanonen armiert; Hunderte schwerer Geschützrohre lagerten auf den Bahnhöfen von Nabresina und Casarsa, denn die wichtige Eisenbahn von Triest nach Venedig war, dank der Trägheit der österreichischen Verwaltung, noch immer unvollendet. Soeben zog die Armee der Piemontesen gegen Peschiera, um nochmals, wie vor elf Jahren, den nördlichen Eckstein aus dem Bollwerk der Lombardei auszubrechen. Wenn jetzt die französische Flotte in der Adria den Kampf aufnahm, wenn man den Grafen Teleki und die zahlreichen in Piemont versammelten ungarischen Freiwilligen rücksichtslos verwendete, um das Donaureich mit dem Bürgerkriege zu bedrohen, so schien der Einzug in die Lagunenstadt unausbleiblich. Auch die Untätigkeit des Heeres nach dem Tage von Solferino störte den Grafen nicht in seiner Zuversicht; so traf ihn am 10. Juli die Nachricht von dem Waffenstillstand von Villafranca. Jene unsterbliche Unart der Menschen, welche die großen und notwendigen Fügungen der Geschichte aus kleinen und zufälligen Gründen herzuleiten liebt, erschwert den Italienern noch heute ein ruhiges Urteil über diesen Friedensschluß. Noch Luigi Zini, der kundige Fortsetzer von La Farinas Geschichtswerk, will die uns Deutschen nur allzu wohlbekannten Ursachen des Ereignisses durchaus nicht sehen. – Wohl haderten die Marschälle im Hauptquartiere, die Kaiserin und Graf Walewski mahnten zur Umkehr, der Rückblick auf den glücklichen, aber planlos und ungeschickt geführten Feldzug war ebensowenig ermutigend, wie die Aussicht auf einen langen Belagerungskrieg in der Fieberluft der mantuanischen Sümpfe; auch mögen den Kaiser nach den Strapazen der jüngsten Wochen unter den schrecklichen Eindrücken des Schlachtfeldes von Solferino häufiger als sonst Tage der Abspannung überwältigt haben. Doch mehr denn solche kleine Bedenken galt die Gefahr, die vom Norden her drohte. Während über Mittelitalien die Einheitsbewegung, dem Kaiser unheimlich, daherflutete, schickte Preußen sich an, einem hochherzigen, doch von Grund aus unpolitischen Impulse zu gehorchen; besorgt vor Frankreichs wachsendem Übergewicht, voll brüderlichen Mitleids für den Bundesgenossen von 1813, war der Prinzregent bereit, für die Verträge von 1815 die Waffen zu ergreifen. Die italienischen Überlieferungen des Hauses Bonaparte, der Wunsch Napoleons, als der Führer der romanischen Völker an der Spitze Europas zu stehen, das natürliche Bestreben des Emporkömmlings, seine Dynastie durch andere illegitime Herrscherhäuser zu decken – alle diese Beweggründe berechtigten den Kaiser doch nicht, einen Kampf um Frankreichs Dasein zu wagen. Bei dem verwahrlosten Zustande seiner Reserven war das französische Heer in jenem Augenblicke dem Angriff Deutschlands nicht gewachsen. L. Chiala ( Lettere di Cavour, III. p.CXCI ) bewährt nur seine urteilslose Geringschätzung der deutschen Verhältnisse, wenn ei heute noch das alte Märchen wiederholt, Napoleons wohlbegründete Furcht vor Preußens Angriff sei lediglich ein Vorwand gewesen. Cavour selbst, den Preußens lange Untätigkeit gewöhnt hatte, die Macht dieses Staates zu unterschätzen, vermochte den entscheidenden Grund des Vertrags von Villafranca niemals recht zu würdigen. Am wenigsten jetzt; denn furchtbar bäumte sich der empörte Stolz des Grafen auf. Die ungeheure Macht seiner Leidenschaft, in langen Jahren umsichtigen Spieles mühsam zurückgehalten, übermannte ihn ganz und gar. »Schaffet Geld und Waffen!« schrieb er nach Modena an Farini; nimmermehr sollte ihm sein König einen solchen Frieden unterzeichnen. Der Staatshaushalt für immer verwüstet durch ungeheure Opfer, dreißigtausend tapfere Piemontesen dahingerafft, und nach alledem das Festungsviereck noch in Österreichs Händen; ja, zum Schaden noch der Hohn, die Lombardei an Frankreich abgetreten, nur durch Napoleons Gnade den Italienern geschenkt! Niemals war Cavour so ganz »der große Italiener«, wie m diesen bösen Tagen, da der Zorn des Patrioten die Besonnenheit des Staatsmannes gänzlich überwältigte. Er litt und irrte mit seinem Volke. Ein Aufschrei der Wut ging durch Italien; in dem ruhigen Florenz riß die Masse die Nachrichten aus Villafranca von den Straßenecken herab, sie wollte, sie durfte das Entsetzliche nicht glauben. Der Graf eilte mit seinem treuen Nigra in das Hauptquartier, und als er zu Desenzano am Gardasee in einem ärmlichen Kaffeehause eine Stunde lang unerkannt auf den Wagen wartete, da vernahm er aus den Gesprächen der Gäste, wie die alte Krankheit seines Volkes, das finstere Mißtrauen, wieder erwachte: war nicht der Verrat erwiesen? hatte nicht der große Mazzini längst vorausgesagt, der Krieg werde am Mincio stehen bleiben, das Versprechen des Dezembermannes »Italien frei bis zur Adria« sei eine Falle? – Ein Dunkel, das sich wohl niemals völlig lichten wird, ruht noch immer über der stürmischen Unterredung, welche der König und der Graf alsdann in der Casa Melchiorri selbander hielten. Möglich, daß der ungestüme Staatsmann dem Könige riet, den Krieg allein weiterzuführen; wahrscheinlich, daß er die Ehrfurcht vor dem Monarchen in seinem Grimme ganz vergaß und drohend seinen Abschied forderte; gewiß, daß der Entlassene in höchster Aufregung mit zornrotem Gesicht aus dem Hauptquartiere schied und daheim durch seine tiefe Traurigkeit das Mitleid der Freunde erregte. Nach einigen Tagen hatte seine Lebenskraft auch diesen Schlag verwunden. Derweil in der Arena von Mailand und an den Gestaden des Comer Sees die Befreiung der Lombardei mit der zauberisch schönen Farbenpracht südländischer Feste gefeiert ward, reiste Cavour in der Schweiz umher, allen Staatsgeschäften entfremdet. Er fühlte, daß der Vertreter der Kriegspolitik jetzt bescheiden zurückstehen müsse, da Italiens Zukunft wieder in der Hand der Diplomaten zu liegen schien; übersatt der Politik verschmähte er selbst Zeitungen zu lesen. Rattazzi der Unaufhaltsame ließ sich indessen abermals von der verwaisten Staatsgewalt aufsuchen. Er lebte des bescheidenen Glaubens, sein Kabinett werde die Politik Cavours mit größerer Feinheit fortführen, und allerdings zeigte er selber vorderhand ein wenig mehr italienischen Stolz als seine Amtsgenossen La Marmora und Dabormida, die jedem Winke des Franzosenkaisers folgten. Auch gelang ihm auf dem Züricher Friedenskongresse ein bescheidener Erfolg: der Turiner Hof unterschrieb allein die Verträge über die Abtretung der Lombardei und die Zahlung der Kriegskosten, er behielt freie Hand für die Zukunft, rettete stillschweigend den Grundsatz der Nichtintervention. Österreich und Frankreich durften nur unter sich die Rechte der Fürsten Mittelitaliens vorbehalten, nur sich selber gegenseitig verpflichten, die Bildung eines italienischen Bundes zu begünstigen, und selbst dieser Vorbehalt bedeutete wenig, da die Wiedereinsetzung der Entthronten ausdrücklich nicht durch die Waffen erfolgen sollte. Aber die treibende Kraft der nationalen Politik lag nicht mehr in dem Turiner Kabinett, sie lag im Volke. Während die Feinde Italiens schon den Tag kommen sahen, da die Anarchie die enttäuschten Gemüter überwältigen und das Land um die Früchte des Krieges betrügen müsse, schritt die Nation in musterhafter Ordnung, entschlossen und sicher über den Vertrag von Villafranca hinweg. Nicht darum hatte sie den Schild erhoben, damit abermals an ihr Manzonis alte Klage sich erfüllte: il nuovo signore s'aggiunge a l'antico, un popolo e l'altro sul collo ci sta. Ein italienischer Bund mit Österreich und mit dem Papste mußte den Turiner Hof zum Vasallen Frankreichs erniedrigen, und zudem bedrohte der Einfluß der beiden despotischen Nachbarmächte das konstitutionelle System, das bereits unzertrennlich war von dem nationalen Gedanken. Einstimmig ward der Plan von den Patrioten verworfen; auch die Venetianer verzichteten großherzig auf die nationale Verwaltung, welche der Bund ihnen bringen sollte. Und nochmals arbeitete die Torheit der Gegner dem Volke in die Hände. Der Papst wies den letzten Ausweg, den Napoleon ihm eröffnete, den Vorschlag, die Verwaltung der Romagna in weltliche Hände zu legen, herrisch zurück. Der römische Stuhl und der Großherzog von Toskana verwarfen den Vertrag von Villafranca, sie zerstörten selber den Bund, den sie bald mit ohnmächtigen Klagen zurückwünschen, sie bauten die Pfeiler des Einheitsstaates, den sie bald mit ihren Flüchen verfolgen sollten. »Mittelitalien zum mindesten müssen wir retten« – so hieß die Losung, welche von Farini und La Farina schon in den ersten Tagen des Schreckens ersonnen und alsbald von der Nation mit dem unbeirrbaren Instinkte der Selbsterhaltung aufgegriffen ward. Gegen den Feind, der von den Wällen Mantuas und Veronas herüberdrohte, schützte nur die festeste Staatsform, nur der Einheitsstaat. Wie oft hatten die Florentiner das Glück ihres begnadeten Ländchens gepriesen, selbstgefällig die Worte Alfieris wiederholt: deh che non è tutto Toscana il mondo . Jetzt fühlten sie doch, die Tage des Sonderlebens seien vorüber, sie folgten ihren Führern Ricasoli und Boncompagni mit einer Hingebung, die freilich nur möglich war in einem Volke, das noch wenig verstand für sich selber zu denken. Noch entschiedener bereitete Farini in der Emilia das Werk der Vereinigung vor; die fieberische Tätigkeit jener bangen Tage legte den Grund zu dem entsetzlichen Gehirnleiden, das bald nachher den reichen Geist des hochherzigen Mannes bewältigt und umnachtet hat. Die zweischneidige Waffe des allgemeinen Stimmrechts, die sich der Napoleonide einst zum Schutze seines Thrones geschmiedet, kehrte sich jetzt gegen seine eigenen Pläne. Eine überwältigende Kundgebung des Volkswillens verlangte die Vereinigung Mittelitaliens mit dem subalpinischen Königreiche; allen großen Mächten verkündeten die Diktatoren Ricasoli und Farini in fester Sprache den Entschluß der Lande, die Rückkehr des alten Regiments nimmermehr zu dulden. Unsicher, beherrscht von der Angst, sich bloßzustellen, sah das Kabinett Rattazzi dem kühnen Treiben zu. Der König versprach den Abgeordneten Mittelitaliens, er werde ihre Wünsche vor Europa vertreten; er ließ geschehen, daß die Einverleibung der Emilia tatsächlich vorbereitet, das Statut Piemonts verkündigt, die Grenzzölle beseitigt, die Verwaltung der Posten und Telegraphen unter die Turiner Direktion gestellt, das Heer nach piemontesischem Muster neu gebildet, eine Anleihe unter der Bürgschaft des subalpinischen Reiches abgeschlossen wurde. Aber die vollständige Vereinigung lehnte er ab; auch der Prinz von Carignan durfte die ihm angetragene Diktatur nicht annehmen. Denn Napoleon III. legte jetzt seinen Grundsatz der Nichtintervention in einem unfreien, kleinlichen Sinne aus; noch galt ihm Italien nicht als ein Ganzes, nicht als das Land der Italiener, er untersagte dem Turiner Hofe jede Einmischung in die Händel Mittelitaliens. Sollte der Kaiser zu redlicher Auslegung seiner eigenen Lehre bewogen werden, so mußte Piemont den Preis zahlen, der in Plombieres für die Befreiung der Adria bedungen war. Doch Rattazzi fand den Mut nicht, durch die Abtretung von Nizza sich die Gunst des Volkes zu verscherzen. Zugleich wuchs in Norditalien die Verstimmung. Die Vollgewalt des Königs-Diktators ward von Rattazzi ausgebeutet mit jenem rücksichtslosen Beglückungseifer, der den trivialen Liberalismus auszeichnet. Eine neue Verwaltungsordnung, im Geiste straffer bureaukratischer Zentralisation gehalten, eine Flut unbedachter Gesetze überschwemmte das Königreich; und obwohl die Piemontesen unter den Neuerungen des Ministers ebenso schwer litten wie die Lombarden, so erhob sich doch in Mailand der Zornruf des berechtigten und des unberechtigten Partikularismus wider das anmaßende Piemontesentum. Dazu die Sünden der Stellenjägerei, welche, von jeder Eroberung unzertrennlich, unter diesem würdelosen Regimente auf das behaglichste sich einnisteten. Auch Mittelitalien begann zu klagen. Wohl war es ein Großes, daß die Romagna, das verrufene Land der Bettler, den Mut und Einmut echter Vaterlandsliebe bewährte, daß die fette Bologna nach langer Erstarrung den alten stolzen Wahlspruch ihres Wappens » Libertas « wieder zu Ehren brachte, und nur einmal in neun Monaten krampfhafter Erregung eine Bluttat diese herrliche Volkserhebung schändete. Doch die unvermeidlichen Gebrechen einer provisorischen Verwaltung, Schwäche, Nachsicht; Unklarheit wurden von Tag zu Tag schwerer empfunden. Im September, sobald die tapfere Haltung der Toskaner und Romagnolen einen neuen Weg der Rettung wies, kehrte Cavour nach seinem Leri heim. In den Schaufenstern italienischer Städte begegnen uns noch zuweilen elegische Bilder, die den entlassenen Staatsmann darstellen, wie er, ein zürnender Achill, finster brütend durch die Baumgänge seines Gartens schreitet. Nur schade, daß vor der rüstigen Tatkraft dieses hellen Geistes alles falsche Pathos zu Schanden wird. Als die erste Verzweiflung überwunden war, erkannte er sogleich, daß gerade der unvollständige Erfolg des Krieges die Revolution notwendig weitertreiben mußte. Frohen Mutes begann er »sich zu verschwören«, da die große Heerstraße versperrt war. »Kommen Sie zu mir,« schrieb er an La Farina, »um das unterbrochene, nicht aufgegebene Werk wieder aufzunehmen. – Ich habe Vaterlandsliebe genug, um weiter zu kämpfen, wo nicht als Feldherr, dann als gemeiner Soldat.« Der Graf kam an mit dem Vorsatz, das Kabinett Rattazzi zu unterstützen. Als er näher zuschaute, wie diese Regierung sein Werk fortsetzte, erkaltete seine Hochachtung für den Minister der pieni poteri , und ehe das Jahr zu Ende ging, hatte sich der Bruch zwischen den beiden Nebenbuhlern entschieden. War von der unschlüssigen Schwäche der Regierung wenig zu erwarten, um so feuriger wirkte der entlassene Staatsmann. Während die harmlose Welt wähnte, der Graf stelle sein in den letzten Jahren schwer geschädigtes Vermögen wieder her, gingen Nigra, La Farina, Sir James Hudson in Leri aus und ein. Mit Castelli und Farini, mit allen Leitern der mittelitalienischen Bewegung stand Cavour in Verbindung, immer anspornend, ermunternd, hoffnungsvoll: die Amerikaner führten einen Krieg von vierzehn Jahren, um ihre Unabhängigkeit zu erobern; dürfen wir nach einem Kampfe von zwei Monaten verzagen? Seit von jener Unterredung in der Casa Melchiorri einiges auf dem Markte verlautete, konnten die Verleumdungen der Mazzinisten dem Grafen nichts mehr anhaben; er stand noch fest in der Liebe seines Volkes und fühlte mit dem Volke, daß allein der Einheitsstaat noch retten könne. Zugleich erkannte Cavour, welch ein mächtiger Rückhalt der Sache Italiens erwachsen war in der öffentlichen Meinung Europas – eine Gunst des Glückes, welche dem gewaltigeren Einheitskampfe der Deutschen leider nie gelächelt hat, dem liberalen Grafen aber höher galt als eine gewonnene Schlacht. Die niederträchtigen Anschuldigungen, welche die Hofburg nach dem Tage von Villafranca gegen Preußen erhob, brachen den Deutschen die Bahn zur Selbsterkenntnis; der Stolz unseres Nordens empörte sich bei dem Gedanken, daß Osterreich uns als die Häscher seiner Zwingherrschaft hatte mißbrauchen wollen. In Frankreich hielt eine leidlich günstige Stimmung an, da die gewandte Presse Italiens das Volk der Franzosen mit Schmeicheleien überhäufte, alle Schuld des halben Erfolges auf den Kaiser warf. Am stärksten wirkte der Umschwung der Meinungen in England. Dies Volk, immer bereit, die Bedeutung vollendeter Tatsachen verständig anzuerkennen, begriff schnell, daß nur ein Bund zwischen England und Italien die Halbinsel vor der Übermacht Frankreichs bewahren könne; von allen Seiten ward Lord Clarendon angegriffen, weil er sich unterstanden, von dem platzenden bubble der Einheit Italiens zu reden. Auf solche Gunst Europas gestützt durfte man hoffen, die gereizte, wunde Stimmung der Lombarden zu heilen. Der Nationalverein, der piccolo corriere entstanden von neuem, allerdings ohne ihre alte Macht wieder zu erlangen. Immerhin bewies der Ausfall der nächsten Parlamentswahlen, wie trefflich die 2000 Kommissare des Vereines das Werk der Versöhnung vollzogen. Pallavicino allerdings, betört durch die Aktionspartei, übernahm den Vorsitz im Nationalvereine nicht wieder. Mit unbelehrbarem Ingrimm wirkte Mazzini den verhaßten Liberalen zuwider. Er stiftete abermals radikale Gegenbünde; endlich gelang ihm, den leicht bestimmbaren Enthusiasmus Garibaldis zu verführen. In heftigem Kampfe stießen die Geister aufeinander, als im Herbst die Freunde Cavours einen Einfall in die Marken verhinderten, welchen der Freischarenführer zur unglücklichsten Stunde beginnen wollte; Garibaldi schied in hellem Zorne von La Farina und mochte sich nie mehr mit dem Sizilianer versöhnen. Der auf das Große gerichtete Sinn läßt durch dies Wirrsal kleinen Gezänkes sich die Freude nicht trüben an dem erhabenen Gange der Revolution. Wieviel Geduld, wieviel Hingebung forderte diese stille Arbeit von dem klugen Manne, der in seiner Verborgenheit alle Fäden der Einheitsbewegung in Händen hielt! »Wir haben für uns eine große Idee; wer sie verleugnet, verdirbt sich« – rief La Farina stolz, derweil er immer aufs neue über den Unfug der Partikularisten und der Roten zu berichten hatte. Ging doch soeben eine Gesandtschaft der Sizilianer nach London, um den Beistand Englands für die weiland vergötterte Verfassung von 1812 zu erflehen. Auch unter den nächsten Freunden brachen Mißverständnisse aus in so verworrenen Tagen. Selbst der treue Ricasoli verfiel in den Ruf eines Partikularisten, weil er, nachdem die Diktatur des Prinzen von Carignan gescheitert war, die Unabhängigkeit Toskanas neben der Emilia standhaft behauptete. Auch Cavour ward einmal irr an dem Baron und schrieb: »Ricasoli ist ein störrischer Maulesel. Aber da man, wenn er das Ruder des Staats verließe, Schöpse oder Eunuchen an den Karren spannen würde, so müssen wir ihn aufrechthalten mit allen seinen Fehlern. Amen.« Das grobe Wort war ungerecht; denn Ricasoli rechnete staatsklug, jetzt sei alles zu vermeiden, was einem selbständigen mittelitalienischen Staate auch nur ähnlich sehe. Auf einen solchen Staat, der dem Ehrgeiz Piemonts das Gleichgewicht halte, war seit dem Sommer die Absicht Napoleons III. vornehmlich gerichtet; noch immer hoffte man in den Tuilerien, dem kaiserlichen Vetter die Krone von Etrurien aufs Haupt zu setzen. Spät im Herbst, als Ricasoli und Farini die französischen Agenten Poniatowski und Reiset mit scharfen Worten heimgeschickt hatten, gestand sich Napoleon endlich, daß seine kleinen Künste gegen den festen Willen eines edlen Volkes nichts verfingen. Aber nicht ohne Entgelt wollte er die Einverleibung Mittelitaliens dulden. Solche begehrliche Wünsche verwehrten dem Kaiser festzuhalten an dem Plane eines neuen Pariser Kongresses – einem Gedanken, der seit Monaten die ratlose Diplomatie beschäftigte und von dem englischen Hofe geflissentlich unterstützt ward. Öffentlich, im Angesichte des Rates von Europa konnte der schmutzige Handel um Savoyen und Nizza nicht gewagt werden. Da auch Österreich sich scheute, die Wirren Italiens einem unparteiischen Gerichte zu unterwerfen, so wartete Cavour, den Rattazzi auf das stürmische Verlangen der Nation zum Bevollmächtigten für den Kongreß ernannt hatte, drei Monate lang vergeblich auf seine Absendung. Da erschien zur glücklichen Stunde Azeglios geistvolle Schrift de 1a politique et du droit chrétien – eine beredte Verteidigung des Selbstbestimmungsrechtes der Romagnolen, zugleich eine feine Schmeichelei für die persönlichen Neigungen Napoleons. Nicht lange, so bewies der Kaiser, daß er die Mahnung seines Bewunderers verstanden habe. Am letzten Tage des Jahres ermahnte er den Papst, die Romagna aufzugeben; in seiner Schrift »der Papst und der Kongreß« fanden die Ideen Azeglios ein Echo; zur selben Zeit übernahm der wackere Thouvenel das auswärtige Amt. Dergestalt war der Kongreß beseitigt. Schon am 1. Januar 1860 konstituierten sich Modena, Parma und die Romagna als »die königlichen Provinzen der Emilia«. Ein seltenes Glück hatte den Italienern im rechten Augenblicke ein unfähiges Kabinett geschenkt: die Untätigkeit Rattazzis gewährte dem Kaiser und der Nation selber die Frist, den Vertrag von Villafranca innerlich zu überwinden. Jetzt war die Zeit des Harrens dahin; die von neuem entfesselte Bewegung bedurfte eines Helden, der sie leitete. Umsonst suchte Rattazzi durch kleine Ränke, sogar durch eine Annäherung an die Aktionspartei den gefürchteten Nebenbuhler fern zu halten. Die Natur der Dinge, der tausendstimmige Ruf der Nation führte den Grafen an das Ruder des Staates zurück. Die »liberale Union« der parlamentarischen Parteien war mit dem Grafen einig in der Forderung, daß die Diktatur beendigt, die Zentralisation gemildert werde. Sie verschwor sich zugleich, keinen Kandidaten in das Haus zu wählen, der nicht die unverzügliche Einverleibung Mittelitaliens verlange, und stürzte endlich das Kabinett. Am 16. Januar übernahm der Mann, dessen Name jetzt die Annexion bedeutete, wiederum die Leitung. Der Vertrag von Villafranca schuf den Segen des norditalienischen Einheitsstaates, doch er entzündete auch in der Nation einen fieberischen revolutionären Eifer, welcher alsbald halbgereifte Früchte zu Pflücken eilte.   Mit einem Schlage zerstob der bange Zweifel, der auf den Geistern lastete, da Cavour schon am 27. Januar den Gesandten seines Königs erklärte: die Wiederherstellung der kleinen Kronen ist undenkbar, die Einverleibung bleibt die einzig mögliche Lösung der mittelitalienischen Frage; die Italiener müssen sich selber helfen, nachdem sie vergeblich auf den Rat Europas gewartet. So kühn zu reden ward dem Grafen nur möglich durch den Beistand Englands. Die britischen Staatsmänner erschraken zuweilen über die verwegene revolutionäre Politik des Piemontesen, dem das geschäftige Gerücht ungeheuerliche Pläne, sogar Umtriebe in den Donauprovinzen, andichtete; doch zuletzt sprach sich das Kabinett von St. James rückhaltlos für den Grundsatz der Nichintervention aus. Meisterhaft handhabte der Nachfolger Karl Emanuels die altsavoyische Politik der zweifachen Bündnisse; zugleich ließ er die Künste des Demagogen spielen. Der Nationalverein erhielt Befehl, in drohendem Tone eine rasche Lösung zu fordern: »es wird mir nützlich sein, sagen zu können, ich sei gedrängt.« Noch einen anderen mächtigen Bundesgenossen rief der Graf herbei: er beschleunigte die Wahlen für das Parlament. Napoleon III. hatte inzwischen von seinen mittelitalienischen Plänen sich noch nicht getrennt: noch am 24. Februar forderte Thouvenel die Herstellung von Toskana, drei Wochen später der Kaiser selber zum mindesten die Autonomie dieses Landes. Aber wer anders konnte diese kaiserlichen Gedanken verwirklichen als der Kongreß? derselbe Kongreß, der die Hoffnungen auf Savoyen unfehlbar vereiteln mußte! – So schwankte Napoleon und unterlag endlich der dämonischen Gewalt, welche Cavours Überlegenheit immer auf seinen Geist ausübte. Um Mitte März wurde die Vereinigung mit Piemont durch die Volksabstimmung der Mittelitaliener beschlossen. Ein Wald von Fahnen, prangend in den festlich heiteren Farben des freien Landes, rauschte über den Kuppeln der Dome, die ruhevoll aufragen aus den alten Städten im Garten Italiens. Welch ein Wandel der Dinge seit jenen Zeiten des wütenden Bruderkampfes, da Florenz die Abzugsgraben Pisas versumpfen ließ, damit die Pest die Nebenbuhlerin verschlinge! Ein halbes Jahrtausend hindurch hatten die Hafenketten von Pisa ein prahlerisches Siegeszeichen über dem Tore des Baptisteriums der Florentiner geprangt. Nun hingen sie wieder in der Vaterstadt, in ihrem Campo santo, zurückgegeben von der Siegerin, auf daß die letzte Spur des alten nachbarlichen Hasses verschwinde; und die Wände jener wunderbaren Halle, die sich das stolze Pisa zum Denkmal seines städtischen Ruhmes erbaut, erzählten jetzt auch die frohe Botschaft, daß das hochherzige Toskanervolk ein Vaterland gefunden habe. Aber dieser glänzende Erfolg ward erkauft durch ein Opfer, das Cavour selbst das schwerste, das grausamste seines Lebens nannte. Sobald die Tuilerien erfuhren, daß der Entschluß der Einverleibung in Turin gefaßt sei, erschien sofort Benedetti bei dem Könige, und am 24. März wurde der Vertrag geschlossen, der Savoyen und Nizza an Frankreich dahingab. Die Flut des Spottes und der Flüche, welche damals auf das Haupt des Grafen herabströmte, ist bis zur Stunde noch nicht ganz verlaufen. Und doch wird jedes Wort des Tadels zu nichte vor der einen Frage: war Cavour berechtigt, das Notwendige zu wollen, sein Vaterland mit fremder Hilfe zu befreien? War er hierzu berechtigt, so mußte er den Lohn, den der Verbündete heischte, ebenso gewiß zahlen, als Preußen verpflichtet war, im Frühjahr 1813 seine polnischen Ansprüche an Rußland abzutreten. »Der Vertrag,« sprach er einfach, »ist die wesentliche Bedingung unserer vergangenen Politik, eine unausweichbare Notwendigkeit für ihre Fortsetzung in der Zukunft.« Sollte er jetzt heimkehren nach Leri, begnügt mit dem wohlfeilen Ruhme, Bologna und Florenz dem subalpinischen Reiche geschenkt zu haben, und dann mit verschränkten Armen zuschauen, wie Österreich, von Frankreich ungehindert, das Werk von Magenta und Solferino wieder in Trümmer warf? O über die katonischen Toren, welche die Kleinheit solcher Größe nicht begreifen! Oder sollte er die Abtretung unterzeichnen und dann das Parlament aufreizen zu jener Politik des Undanks, die soeben den österreichischen Hof in das Verderben gestürzt? »Es kommt wenig darauf an,« erwiderte er selbst, »ob die Minister Feinde haben; aber es wäre verhängnisvoll, ein unersetzlicher Schade, wenn der Haß sich wider die Vertreter der Nation richtete.« Indem das Königshaus sein Stammland preisgab, gleichwie einst die Oranier auf Orange, die neuen Habsburger auf Lothringen verzichtet hatten, empfing das historische Gesetz, das die Herren von Savoyen seit drei Jahrhunderten südostwärts trieb, eine neue Bestätigung, das Nationalitätsprinzip, in dessen Namen man bei Solferino schlug, eine neue Anerkennung. Mit vollem Rechte erklärten einige Abgeordnete Savoyens dem Parlamente: »Der Ruf viva l'Italia läßt sich für Savoyen nur übersetzen durch den Ruf vive la France !« Seit der Vollendung der Viktor-Emanuel-Bahn war Chambery von Paris in zwölf Stunden, von Turin erst nach einer Tagereise zu erreichen. Alle Interessen des Verkehrs und des Volktumes wiesen dies »Irland Italiens« an Frankreich; die letzten Wahlen für den Provinzialrat bekundeten abermals die Übermacht der französischen Partei im Lande. Minder unzweifelhaft standen die Dinge in dem halbitalienischen Nizza. Vergeblich versuchte Cavour noch in elfter Stunde dies Land für Italien zu retten; er hatte sich schon in Plombieres zu dieser Abtretung nicht verstehen wollen, ließ bis zum letzten Augenblicke seine Genossen dawider schreiben und spähte angstvoll aus nach fremder Hilfe. Aber Preußen allein war bereit für das bedrohte Gleichgewicht Europas einzutreten; England versagte sich in unbelehrbarer Trägheit. Napoleon blieb unerbittlich, seit ihm sein Marschall Niel mit gelehrten strategischen Gründen das alberne Märchen bewiesen hatte, daß Nizza für Frankreichs Sicherheit unentbehrlich sei. Der Makel, der an diesen Handeln haftet, fällt ausschließlich auf die kleinsinnigen Befreier, mehr noch auf die französische Nation als auf ihren Kaiser. Denn schamlos trat die Ländergier der Franzosen wieder hervor. Um Gottes willen, schrieb Bixio aus Paris, unterzeichnet, wenn ihr das französische Bündnis wollt; wo nicht, so wird Italien nie mehr Teilnahme in Frankreich finden! Aber wenngleich alle einsichtigen Italiener im stillen die Unvermeidlichkeit des Opfers erkannten und Cavour späterhin stolz aussprechen durfte: »wir rechnen uns diese notwendige Tat zur Ehre an« – es blieb doch ein politischer Unsinn, daß eine Grenzprovinz mit einer halben Million Bewohnern nach eigener Willkür sich ihren Staat wählen sollte: eine furchtbare Demütigung für den stolzen Piemontesen, dies tapfere Land preiszugeben, das in hundert Kriegen für seine Krone geblutet: eine schwere Sorge für den Monarchisten, diesen dynastisch gesinnten Gau zu entlassen in einem Augenblicke, da neue Provinzen, die das Königshaus nicht kannten, hinzutraten: eine unsägliche Beschämung für den ehrlichen Liberalen, das frivole Possenspiel der Volksabstimmung anzuschauen, das die Mouchards des Napoleoniden in Nizza leiteten. Ein tiefer Seelenkummer klang aus den Reden des Ministers, als Garibaldi im April seine Anfrage wegen Nizzas stellte und im Mai nochmals der Vertrag zur Sprache kam. Derweil ihm das Herz blutete, durfte er doch das entscheidende Wort nicht aussprechen. Wie oft liebte er sonst zu sagen: »ich will dem Parlament ein Geheimnis anvertrauen;« jetzt konnte er nichts erzählen von dem Gespräche zu Plombieres, das allein den Hergang erklärte. Sophistische Wendungen – wie die armselige Versicherung, Nice en Provence habe immer für eine französische Stadt gegolten – mußten ihm vorhalten für seine gute Sache. Indes die klare Vernunft, welche durch alle diese Scheingründe hindurchleuchtete, triumphierte endlich über die dröhnenden Phrasen Guerrazzis. Nur 33 Stimmen erklärten sich mit Rattazzi gegen den Vertrag. Und lag denn nicht am Tage, was der Minister nur in vertrauten Gesprächen andeuten durfte – daß Frankreich durch seine unedle Begehrlichkeit sich selber entwaffnete? Derselbe Vertrag, der dem Kaiser das Vertrauen der Italiener für immer raubte, ließ ihn vor den Augen der großen Mächte als den Mitschuldigen Cavours erscheinen; wie durfte er jetzt dem Wagen der Revolution in die Speichen greifen? Schon die Thronrede, die das Parlament eröffnete, wies deutlich auf eine bewegte Zukunft hin: »Unser Vaterland ist nicht mehr das Italien der Römer noch das des Mittelalters, es soll nicht mehr der freie Tummelplatz sein für fremde Ehrsucht, es sei fortan das Italien der Italiener!« Noch war der neue Staat namenlos, auf den Parlamentsberichten stand zu lesen: Atti del parlamento nazionale . Wehmütig klagte der Abgeordnete Ferrari zur Zeit der savoyischen Debatten: »Ich wünschte den Namen des Staates zu kennen, dem ich angehöre; wir haben weder den Mut noch die Kraft, uns zu taufen« – worauf der Minister mit seinem glückseligsten Lachen die Achseln zuckte. Sicherlich mußte der Graf wünschen, dies unleidliche Provisorium zu beenden. Man bedurfte einiger Friedensjahre, um das oberitalienische Königreich zu organisieren, die Abgeordneten der neuen Provinzen, die noch fremd im Hause standen, mit der Staatsgesinnung der Piemontesen zu erfüllen, die unfertigen Regimenter aus Mittelitalien durch erprobte Offiziere zu schulen. Dann erst konnte die Einheitsbewegung mit festem Tritte weiter schreiten. Aber der Augenschein lehrte, daß jeder Aufschub unmöglich war. Die Leidenschaft der Nation, die Cavour selbst in stillen Tagen großgezogen, war eine Macht geworden, unbändig, meisterlos. Stolz auf die leichten Erfolge des vergangenen Jahres träumten die Patrioten bereits von dem Siegeszuge auf das Kapitol, zu dem Mazzini durch tausend feurige Genossen auffordern ließ. Die Regierung selber erkannte die Macht des rätselhaften Demagogen an, indem sie ihn allein ausschloß von der Amnestie, die allen politischen Verbrechern zuteil ward. Auf Gunst und Mißgunst der Massen blickte der Graf noch immer mit unwandelbarer Geringschätzung; er lächelte nur, als man ihm meldete, daß ein Mordanschlag wider ihn im Werke sei. Doch sein Staat, das Kind des nationalen Gedankens, durfte den Strom der populären Begeisterung, der jetzt entfesselt daherbrauste, nicht zu hemmen wagen; nur ihn zu leiten, nur die Schwarmgeister der Revolution unter die Zucht der Monarchie zu beugen, blieb noch möglich. Und noch einmal kam den Feuergeistern der Umsturzpartei der bewährte Freund, die Torheit der Reaktion, zu Hilfe. Das Schicksal suchte die uralte Blutschuld der Bourbonen grausam an dem Enkel heim, schlug ihn in der Stunde der Entscheidung mit unheilbarer Verblendung. In diesem Augenblicke, da nur eine ehrliche Reformpolitik, ein festes Bündnis mit den Siegern von Solferino den verfaulten Bourbonenstaat noch retten konnte, sagte König Franz verächtlich: »ich will nichts von dem Neffen des Menschen, den mein Großvater erschießen ließ.« Der Gesandte Piemonts, Graf Villamarina, der im Januar nochmals, von Rußland unterstützt, ein Bündnis anbot, ward herrisch abgefertigt, dem neuen italienischen Staate die Anerkennung verweigert, obgleich selbst der Graf von Syrakus zum Nachgeben riet. Entsetzt über den Starrsinn, über die greisenhafte Untätigkeit dieses Hofes, rief Napoleon III. im April: »was kann man tun für eine Regierung, die keinen Rat hören will?« Zur selben Zeit schrieb Viktor Emanuel einen, letzten warnenden Brief nach Neapel: »ich werde vielleicht bald vor dem schrecklichen Zwiefall stehen, entweder die heiligsten Interessen meiner Krone preisgeben zu müssen oder selbst das Hauptwerkzeug Ihres Unterganges zu werden.« Unterdessen strickten geschäftige Hände an dem Netze einer großen reaktionären Verschwörung: die Königin-Mutter in Neapel, die Kaiserin-Witwe Karoline Auguste in Wien – die älteste der bayrischen Unheilsschwestern, die treue Gönnerin der Jesuiten – dazu die unzufriedenen Bischöfe in Toskana und der Romagna, und vor allen der römische Hof. Im Vatikan galt seit dem Vertrage von Villafranca nur das Wort des heimatlosen Landsknechts Merode, des plumpen Eiferers Antonelli und der Ordensgenerale, die für die Zukunft ihrer Orden zitterten; ihr prahlerisches Poltern überdröhnte die Warnungen der wenigen besonnenen Kardinäle, die das italienische Blut nicht verleugnen mochten. Die plebejische Roheit ihres Auftretens bewies aufs neue, daß in Italien wie überall sonst die höheren Stände sich längst fast gänzlich ans dem Priesterstande zurückgezogen hatten. Mit Flüchen und einer stolzen Verweisung auf seinen Eid beantwortete der Papst den Silvesterbrief Napoleons. Nichts, gar nichts werden wir tun, sagte Antonelli im März zu dem Herzog von Grammont: von Reformen kann erst die Rede sein, wenn die aufständischen Provinzen unter den Hirtenstab des Papstes zurückgelehrt sind Dann exkommunizierte der heilige Vater die neuen Sanheribs, die Kinder der Finsternis, die an der Beraubung des römischen Stuhles teilgenommen; aber am Po und Arno lächelte man über den armen alten Mann und seine Blitze, die nicht mehr zündeten. In der Jesuitenkirche zu Rom wurde gepredigt, bald werde die Fahne Mohammeds auf den Zinnen des Vatikans wehen, der Laienkelch den Ketzern in St. Peter gespendet werden. Solchen Greuel zu verhüten, eilten die Gläubigen aus Irland und Belgien, Frankreich und Bayern nach Triest, von da auf österreichischen Dampfern unter die Fahnen des Papstes. Am 1. April übernahm General La Moriciere den Oberbefehl des päpstlichen Heeres mit den Worten: »die Revolution bedroht heute Europa wie ehemals der Islam, und heute wie ehemals ist die Sache des Papstes die der Zivilisation und der Freiheit der Welt.« Noch kräftiger sagte später ein Armeebefehl: »wo die Revolution die Spitze des Ohres oder der Nase zeigt, da muß man losschlagen wie auf einen tollen Hund.« Und wahrhaftig, nicht um einen armseligen Haufen von Schlüsselsoldaten zu führen, hatte der fromme Kriegsmann seinen berühmten Degen nach Rom getragen. Der bourbonische Hof, der soeben in einem Anfall ratloser Schwäche seine treuen Schweizerregimenter aufgelöst hatte, wähnte sich noch stark genug zu einem großen legitimistischen Kreuzzuge. Seit dem Herbst standen die neapolitanischen Truppen in den Abruzzen, nur eines Winkes aus Rom gewärtig, um die Grenze des Kirchenstaates zu überschreiten und dann, mit den päpstlichen Scharen verbündet, in die Romagna einzubrechen. Das Königreich Neapel ward einst gegründet, um der Kurie als Schild und Schwert zu dienen; jetzt ging es unter an dem Versuche, in einer neuen Zeit den alten Beruf zu behaupten. An Österreich erfüllte sich indessen eine Weissagung Cavours: der Staat blieb, solange er Venedig besaß, unfähig, das System des Despotismus abzuschütteln – trotz der tiefen Verstimmung im Volke, trotz der argen Mißbräuche, die während des Krieges enthüllt wurden – und ein System wie dieses konnte daheim nicht aufrecht bleiben, wenn es nicht die ganze Mitte Europas überherrschte. Der Belagerungszustand lag wieder über Verona, die Patrioten Venedigs verschwanden nach dem Gutdünken der Generale in den k. k. Strafkompagnien, das tapfere Heer verlangte Rache an dem besiegten Sieger. Die Legitimisten zu Wien und Neapel hofften auf eine Volkserhebung in Toskana und der Romagna. Die Revolution in Mittelitalien war ein Werk der Signoren; warum sollte nicht abermals, wie in dem blutigen Reaktionsjahre 1799, das gläubige Landvolk um Arezzo unter dem Rufe viva Maria, viva lAustra , für Thron und Altar die Waffen ergreifen? Wer durfte Österreich schelten, wenn die Truppen des Papstes und des Bourbonen und das Korps des Herzogs von Modena, das auf österreichischem Boden zu solchem Zwecke zusammengehalten ward, im Vereine mit den frommen Bauern die Throne der Erzherzöge wiederherstellten? Von Warschau bis Madrid war die katholische Partei in Bewegung. Da und dort ward ein Faden aus dem seinen Gespinste aufgegriffen; in Florenz entdeckte man einen reaktionären Geheimbund, sodann ergab sich, daß Fürst Brignole, mit reichen Geldmitteln ausgerüstet, die italienischen Truppen zur Fahnenflucht zu bereden suchte. Wenn Azeglio die seltsamen Heiligen musterte, die im Vatikan zusammenströmten, dann fragte er besorgt, ob denn alle Besiegten vom zweiten Dezember sich an der Tiber ein Stelldichein geben wollten. In der Tat ging unter den Heißspornen der Legitimität wieder die Rede von der Herstellung Heinrichs des Fünften; rasende Träume waren im Schwange, faßbar allein für eine Partei, die seit zwei Menschenaltern mit dem unmöglichen rechnete. Derweil diese ausschweifenden Hoffnungen den Hof von Neapel betörten, schnitt die Axt bereits in die Wurzeln seiner Macht. Schon im Januar ließ Mazzini den Turiner Hof wissen, eine Revolution in Unteritalien stehe unvermeidlich bevor, und in diesem einen Falle stimmte das Haupt der Aktionspartei mit dem Leiter des Nationalvereins überein. La Farina vergaß als Mann des Wortes nicht, das der Jüngling gesungen: ma bella mia Messina consecrato è questo cor ; seine Heimat von dem Joche der Bourbonen zu befreien, blieb die teuerste Hoffnung des Sizilianers. Während Crispi im Auftrage der Aktionspartei die Insel bereiste und mit der geriebenen Schlauheit eines südländischen Verschwörers den Aufstand vorbereitete, waren die gemäßigten Liberalen des Nationalvereins in gleichem Sinne tätig. Schon im März lagen die Manifeste des Vereins druckfertig, welche das bourbonische Heer aufforderten, abzufallen »von diesem Geschlechte feiger Schurken«. In den ersten Tagen des April, in demselben Augenblicke, da in Palermo ein Aufstand ausbrach, beschlossen die sizilianischen Flüchtlinge in Genua, ihrer Heimat zu Hilfe zu ziehen; erst als die Sizilianer einig waren, trat Garibaldi dem Unternehmen bei. So drohten Schlag und Gegenschlag in Unteritalien. Cavour aber hielt 200 000 Mann unter den Waffen, er sah den Ausbruch eines Entscheidungskampfes nahen – minder harmlos als unsere preußischen Liberalen, welche soeben die Versicherung ihres Kabinetts, eine schwere Kriegsgefahr schwebe über dem Weltteil, als ein Parteimärchen belächelten. Mochte der Graf den Unsegen einer übereilten Einheitsbewegung noch so klar erkennen – das Unternehmen gegen Sizilien jetzt verhindern, hieß einen Selbstmord begehen, hieß die Diversion vereiteln, welche den Kreuzzug der Bourbonen zu nichte machen mußte. Durfte Cavour warten, bis die Plane der Legitimisten zur Reife gediehen, bis Österreich mit der triumphierenden Reaktion in Mittelitalien sich verband und vielleicht nochmals die Franzosen über die Alpen stiegen? Nicht zum zweiten Male wollte der Graf den gefährlichen Bundesgenossen rufen; nur um Frankreichs Einfluß zu beschränken, hatte er Savoyen geopfert. Aber auf der anderen Seite drohte die Gefahr der roten Revolution, wenn nicht die Sizilianer sich freiwillig erhoben, sondern Garibaldi, der so leicht den Mazzinisten ins Garn gehen konnte, den Aufstand wagte. Und wie nun, wenn dieser Abgott des Volkes im Kampfe fiel, und dann die öffentliche Meinung die Krone für seinen Tod verantwortlich machte? Begreiflich also, daß Cavour lange und lebhaft dem sizilianischen Zuge widersprach. Es war der König selbst, der diesmal den Ausschlag gab. Am 1. Mai befahl er in Bologna dem Grafen, das Unternehmen Garibaldis nachdrücklich zu unterstützen. Der Minister gehorchte. Und wahrhaftig, wenn Piemont jetzt im Namen der mißhandelten Nation den Bourbonen den Krieg erklärte, so hätten Cavours Freunde heute nicht nötig, auf den alten Battel sich zu berufen, auf das Beispiel Wilhelms III. oder auf die Hilfe, die Elisabeth den Niederländern gewährte, zu verweisen. Denn eine Regierung wie diese bourbonische, die durch die Folter und die gräßliche »Haube des Schweigens« ihr Volk in Zucht hielt, verfällt von Rechts wegen der Vernichtung, sobald die Macht sich findet, sie zu stürzen. Aber die großen Mächte, allein England ausgenommen, beurteilten die nationale Frage der Italiener noch immer nach dem Gesichtspunkte der internationalen Politik; eine ritterliche Kriegserklärung Piemonts gegen Neapel mußte sie alle, und Spanien dazu, auf die Seite der Bourbonen treiben. Zudem konnte Cavour nicht ahnen, wie rasch der in allen Fugen knarrende Bourbonenstaat von den Schlägen einer Handvoll kühner Männer zusammenbrechen sollte. Er dachte also: se saranno rose fioriranno , wählte den Weg der Hinterlist und behielt freie Hand, das Wagestück preiszugeben, wenn es mißlang. Wir müssen, schrieb er an Persano, »die Revolution unterstützen, doch so, daß sie vor den Augen Europas als eine freiwillige Tat erscheint. Dann sind England und Frankreich mit uns; anderenfalls weiß ich nicht, was sie tun werden.« Sein Gesandter blieb in Neapel, er selbst verweigerte im April die Antwort, als Bertani im Parlamente eine Anfrage wegen Siziliens stellte, denn »das Ministerium kann nicht den Dienst eines Zeitungsschreibers versehen«. Unterdessen wurden in der Stille die Flinten aus dem Zeughause von Modena an die Freiwilligen verteilt und bereits am 18. April zwei Kriegsschiffe mit geheimen Aufträgen nach Palermo gesendet. Der Gouverneur von Genua erhielt Befehl, die Ausrüstung der Schiffe Garibaldis nicht zu bemerken. Der freigebige Pallavicino, La Farinas Verein und ein mazzinistischer Ausschuß unter Bertani sorgten vorderhand für die Geldmittel, bis späterhin Cavour selbst die Staatskassen zu öffnen und eine Dampferverbindung mit Palermo einzurichten wagte. Sobald am 5. Mai der Dampfer Piemonte die Rothemden hinweggeführt hatte, sprach Cavour den großen Mächten sein tiefes Bedauern aus und ließ den Grafen Persano mit der Flotte im Tyrrhenischen Meere kreuzen. Im selben Augenblicke empfing der Admiral zwei Zeilen von dem Minister: »Herr Graf, suchen Sie zwischen Garibaldi und die neapolitanischen Kreuzer zu geraten. Ich hoffe. Sie haben mich verstanden« – und antwortete kurzab: »Herr Graf, ich glaube Sie verstanden zu haben. Im Notfall schicken Sie mich nach Fenestrelles auf die Festung.« Auf die Kunde von der glücklichen Landung schrieb Cavour an die Höfe: wenn die Flotte der Bourbonen die Landung nicht verhindern konnte (und allerdings waren ihre Offiziere gut italienisch), um wieviel weniger wir? wenn Österreich fremden Abenteurern in Triest gestattet sich nach Rom einzuschiffen, um wieviel weniger kann die italienische Regierung italienischen Freiwilligen den Abzug verwehren? Wohl mögen wir Deutschen uns glücklich preisen, daß Preußens Wehrkraft und des Schicksals Gnade uns erlaubten, ohne Winkelzüge durch rechtschaffenen Kampf das Joch der Habsburger zu zerbrechen. Wohl verstehen wir die Entrüstung des redlichen Azeglio, der im Zorn über dies durchtriebene Spiel den Staatsdienst verließ und ärgerlich schrieb: »kein Mensch glaubt dem Grafen mehr; es ist genau dasselbe, als wenn er die Wahrheit spräche!« Wir verstehen diesen Zorn, doch wir vergessen nicht, wie leicht das Urteil und wie schwer die Tat. Nicht mit moralischen Gemeinplätzen darf ein politischer Kopf hinweggleiten über den fürchterlichen Streit der Pflichten, der das Gewissen eines Staatengründers erschüttert. Dem Staatsmanne ist nicht gestattet wie dem schlichten Bürger, die fleckenlose Reinheit seines Wandels und seines Rufes als das höchste der sittlichen Güter heilig zu halten. Er lebt den Lebenszwecken seines Volkes, er soll die Zeichen der Zeit zu deuten wissen, den göttlichen Gedanken herausfinden aus dem Gewirr der Ereignisse und ihn verwirklichen in hartem Kampfe. Dies allein ist politische Wahrhaftigkeit, dies die politische Tugend, die den Frauen und Gemütsmenschen allezeit unfaßbar bleibt. Läßt sich der Widerstand der trägen Welt anders nicht überwinden, so soll der Staatsmann für den Sieg der Idee auch die Mittel der Arglist einsetzen, die der einzelne für die endlichen Zwecke seines Tuns nicht brauchen darf. An den rauchenden Trümmern des Vaterlandes sich die Hände wärmen mit dem behaglichen Selbstlob: ich habe nie gelogen – das ist des Mönches Tugend, nicht des Mannes. Und solange Männer leben, wird kein Makel haften an der Seelengröße des Staatsmannes, der Italien schuf, der das Sittlichste tat, was dem Sterblichen zu tun vergönnt ist. Ihm war jetzt das Herz geschwellt von dem Bewußtsein eines welthistorischen Berufes. Ihm galt es als »das größte Unternehmen der neuen Geschichte, Italien zu befreien von den Fremden, von den schlechten Grundsätzen und den Tollköpfen«. Bitter lachend rief er den Splitterrichtern zu: »ja ich, ich weiß nicht einmal, ob ich mich noch zu den Biedermännern zählen darf, weil ich die Einheit meines Vaterlandes gründete!« – Und wer tragt denn die Schuld an dem verlogenen Spiele, das zwischen Turin und Palermo hin und her schlich? Doch sicherlich die Engherzigkeit der großen Mächte, vornehmlich der Tuilerien, welche dem Führer Italiens nicht erlaubten, mit offenem Visier einen gerechten Kampf zu beginnen. So unter Cavours Schutz begann der Zug der Tausend von Marsala. Ein märchenhafter Reiz liegt über diesem Kriege, und noch heute haftet an dem Namen uno dei mille ein Zauber, dem kein italienisches Herz widersteht. Nach den kurzen Kämpfen von Calatafimi und Palermo sah der Diktator die Insel zu seinen Füßen – ein Liebling des Glücks wie der verwunschene Prinz, der heimkehrt in sein Reich. Wer tiefer blickt, erkennt gerade in dem traumhaft raschen Erfolge die Gebrechen dieser Bewegung, die weder ein Krieg noch eine Volkserhebung war, weder die sittlichen Kräfte einer Revolution von unten, noch die Ordnung einer Revolution von oben offenbarte. Eine fremde Welt tat sich hier auf vor den Augen der erschreckten Norditaliener, ein grundtiefer Gegensatz des Volkstums, des sittlichen und wirtschaftlichen Daseins, wie er so auf deutschem Boden nirgends besteht. Wohl lebte in dem Volke von Sizilien und Neapel der Todhaß wider die Bourbonen, ganz so hitzig, blind und ungestüm, wie jene fieberische Leidenschaft, die einst den Demos von Tarent von Torheit zu Torheit trieb; der Klerus selber teilte den allgemeinen Abscheu, und die Bewegung verlief fast ohne außerordentliche Greueltaten. Aber wie war doch dem reichbegabten Volke das Pflichtgefühl, die Opferfreudigkeit, alles was der Staatsgesinnung gleicht, so ganz abhanden gekommen! Jener heillose Byzantinerstaat, der überall, wo er seine Banner entfaltete, das sittliche Mark der Völker aufzusaugen verstand, hatte durch fünf Jahrhunderte die Halbgriechen Unteritaliens beherrscht; und über diese Trümmerstätte ging später der schläfrige Despotismus der Spanier und die bourbonische Tyrannei dahin, die selbst in Sizilien die Spuren einer glänzendere Geschichte nahezu verwischte. Der Unsegen des Latifundienwesens hielt die Massen in einem Zustand halber Knechtschaft; heidnischer Bilderdienst, tiefe Unwissenheit lahmte die Geister. Dazu die epidemische Feigheit und – die Camorra, der organisierte Raub, schimpflicher für das Volk, das ihn ertrug, als für die Räuber selber. Sobald der Freudenrausch der Tage der Befreiung verflog, mischte sich in den Ruf »es lebe Italien« wieder das alte Wutgeschrei: i Siciliani debbono si bere il sangue dei continentali – und dieser Haß gegen Neapel war tausendmal stärker als die Liebe für Italien. Von Piemont und der strengen Ordnung seines Staates war kaum eine dürftige Kunde über die gesperrten Grenzen des Bourbonenreichs gedrungen; das Volk kannte nur die Namen Viktor Emanuel, Garibaldi und Cavour. Vornehmlich in den beiden Hauptstädten drängte sich der Schmutz dieses verwahrlosten Volkstums zusammen. Von Palermos unstetem Pöbel galt noch das Hohnwort des Mittelalters: Guelfo non son' nè Ghibellin m'appello chi mi paga die più tengo di quello. In Neapel vollends lungerte die wilde Meute der Lazzaroni, von den Bourbonen mit Brot und Spielen gesättigt und zur gelegenen Stunde wider die denkenden höheren Stände gehetzt. Mit gutem Grunde wahrlich pflegte der alte Ferdinand vergnüglich zu sagen: wer die Bourbonen vertreibt, wird ein Jahrhundert an Unteritalien zu arbeiten haben. Wie es in Wahrheit stand mit dieser jammervollen Erbschaft der Bourbonen, das lehrt am klarsten die fanatische Erbitterung der Flüchtlinge, welche, in Norditalien mit den Idealen einer reineren Bildung befreundet, jetzt heimkehrend alles, alles umstürzen wollten und hundertmal klagten: dies Volk war seiner Herrscher würdig! – Sicherlich, der Zug nach Sizilien war ein unabweisbares Gebot der Notwendigkeit; alle die müßigen Klagen über die verfrühte Einheit müssen verstummen vor der einfachen Erwägung, daß keine Macht der Welt den Bourbonenstaat mehr aufrecht halten konnte. Aber ein Unglück blieb diese Eroberung trotz alledem; sie stellte dem Staate Norditaliens Aufgaben, denen der unfertige noch nicht gewachsen war, sie bildete fortan die schwerste Sorge des leitenden Staatsmannes. Bis auf sein Totenbett verfolgte den Grafen das Bild des zerrütteten Südens. Diese unseligen Neapolitaner, rief er schmerzlich, die muß man waschen, si lavi, si lavi Und wer war der Held, der diese entfremdeten Stamme zu ihrem Vaterlande zurückführen sollte? – Nur der Stumpfsinn des Philisters, nur die Armseligkeit des Parteihasses versteht den Überschwang der Liebe nicht, welchen die Italiener dem größten Manne des modernen Radikalismus widmen. Als ein Geschenk der himmlischen Barmherzigkeit, an dem ihr nicht mäkeln noch deuteln sollt, erscheint Garibaldi in diesen nüchternen Tagen – ein Prophet seines Volkes, so von Gott begeistert, wie jenes Mädchen von Orleans, die einzige Gestalt der Geschichte, die sich dem dämonischen Manne vergleichen läßt. Sein ganzes Leben ist nur ein feuriger Strom lauterer Vaterlandsliebe; sein Wirken unter uns wird späten Geschlechtern noch die tröstliche Wahrheit predigen, daß auch in hochgesitteten Zeiten die heilige Naturgewalt ursprünglicher Leidenschaft eine Macht bleibt unter den Menschen. Die zahllosen Torheiten, die Garibaldi begangen hat und noch begehen wird, sind zum voraus ihm vergeben, der so viel, so unaussprechlich viel geliebt hat. Und wie groß ist dieses Herz! Wie richtig urteilte Cavour, als er nach einem heftigen parlamentarischen Streite mit dem Manne von Caprera einem Freunde zuflüsterte: »Und dennoch! Wenn der Krieg beginnt, werde ich Garibaldi unter den Arm fassen und ihm sagen: was werden wir uns erzählen in Verona?« Die ganze Größe des Demagogen zu schauen, war dem Grafen nicht mehr beschieden: sie offenbarte sich erst im Frühjahr 1866, da der Alte gehorsam wie ein treuer Hund zum Heere kam auf den Wink des Königs, dem er zwei Kronen geschenkt – und der Fuß lahmte noch, den ihm die Soldaten desselben Königs zerschossen hatten! Wie dieser Mann war – ein stürmischer Held und doch ein Kinderherz, das durch seine Milde die wütenden Massen zur Großmut zwang – so blieb er unersetzlich, der einzige, der das sizilianische Abenteuer beginnen durfte. Jedoch von dem Talente des Diktators gilt schlechterdings das grobe Wort, das Azeglio im Munde führte: ein Herz von Gold, aber der Kopf eines Büffels! Er hatte einst in kleiner Zeit, als der Ruf seiner Kriegstaten aus Montevideo nach Italien hinüberdrang, seinen Landsleuten den Glauben an die alte Waffenkraft der Nation wieder erweckt; dann war der Name des tapferen Verteidigers der ewigen Stadt, des kecken Führers der Alpenjäger in alle Lande hinaus geklungen; doch die Gabe des Feldherrn war ihm versagt. Der Reichtum des politischen Lebens blieb ihm ein unfaßbares Rätsel; er sah die weite Welt geteilt in die zwei Heerlager der republikanischen Freiheit und der monarchischen Knechtschaft. Die plumpste Schmeichelei nichtiger Demagogen vermochte sein Gefühl, die windigste radikale Phrase seinen Verstand zu betören; und so konnte geschehen, daß der in Ehren ergraute Held am Abend des Lebens seinen tapferen Degen für einen Gambetta und gegen die Befreier Venetiens zog. Dort in der Fremde, losgerissen von der heimatlichen Erde, der solche Sehernaturen ihre ganze Kraft verdanken, war der Verführte nichts als ein gewöhnlicher Mensch, ein ratloser Tor, wie ja auch die Jungfrau von Orleans außerhalb Frankreichs nur als eine alltägliche Bauerdirne erschienen wäre. Wir Deutschen, befriedigt mit der Züchtigung, die unser gutes Schwert dem Bandenführer in den burgundischen Bergen erteilte, sollen um jener letzten Sünde willen das goldene Herz des Büffelkopfes nicht geringer achten. – Auch in seinen Träumen ein Kind seines Volkes, sah Garibaldi in Rom den Mittelpunkt der Welt. Er gedachte mit seinen unbesiegten Tausend Sizilien und Neapel zu erobern, dann die unzählbaren tapferen Arme des Vaterlandes aufzubieten zur Befreiung von Venedig und Nizza und zuletzt in der ewigen Stadt die Einheit und Freiheit Italiens auszurufen, ein neues Zeitalter des Völkerglückes einzuweihen. Der Plan verriet genau so viel harmlose persönliche Eitelkeit, als zu einem rechten Demagogen gehört, und erschien dem ironischen Azeglio wie das Textbuch einer heroischen Oper. Eben hierin lag der bestrickende Zauber der tollen Träume; dies Künstlervolk wußte sich nichts Schöneres als einen anderen Rienzi, der im theatralischen Zuge das Kapitol hinanstiege. Der Nizzarde haßte den kalten Rechner in Turin, »der mich zum Fremdling gemacht in meinem Vaterlande.« Kaum auf Sizilien gelandet, ließ er ein Manifest hinausgehen voll scharfer Anklagen wider die feigen Minister des tapferen Königs. Selbst über die Richtung des Zuges war man anfangs nicht einig. Garibaldis Ziel blieb eine Landung im Kirchenstaate. Er hatte schon einmal auf dem Janiculus die Franzosen geschlagen, er fühlte sich Mannes genug, zum zweiten Male dem blutigen Dezembermann eine Niederlage zu bereiten und zugleich die Kurie zu vernichten, die seinen apostolischen Träumen als der leibhaftige Antichrist galt. Daß ein Kampf mit den französischen Truppen den Untergang der Revolution herbeiführen mußte, war diesem Kopfe nicht beizubringen. Nur durch dringende Bitten, einmal auch durch Überlistung gelang es den Vertrauten Cavours, den Dampfer Garibaldis und die Nachzügler nach Sizilien zu führen. Dort aber stand der Diktator alsbald verzweifelnd vor der ungeheuren Aufgabe, die Keime des Edlen, die in diesem Volke lagen, aus hundertjährigen Trümmern herauszugraben. Unkundig der Menschen und der Dinge, ermüdet, angeekelt von den ungewohnten Regierungsgeschäften, sah er sich rings umflutet von einer wilden Ämterjagd: ehrliche Enthusiasten und freche Demagogen, die geriebenen Spione der Bourbonen und der Auswurf der Galeeren bunt durcheinander. Bald wurden Gesetze über Gesetze, die keiner beachtete, dem mißbrauchten edlen Manne abgedrungen, die Nationalgarde, die allein auf den Straßen einige Ordnung halten konnte, als eine Waffe der Bourgeoisie mit Verachtung behandelt, die öffentlichen Kassen im Nu geleert, die Gerichtshöfe geschlossen im Namen der Freiheit, überall jene vollendete Unfähigkeit zum Regieren bekundet, welche den modernen Radikalismus auszeichnet. Der Diktator redete – um den Feind zu schrecken, Ansehen und Selbstgefühl seiner Partei zu heben – mit großen Worten von den Heldentaten seiner Tausend; doch wußte er sehr wohl, daß sein Heer zur einen Hälfte aus begeisterter Jugend, zur anderen aus Gesindel bestand, und befahl darum kurzab die Aushebung von 300 000 Mann – auf dieser Insel, die keine Wehrpflicht kannte. Niemand gehorchte dem unmöglichen Gebote. Die Anarchie triumphierte, die Besitzenden zitterten für Hab und Leben. Der hinterhaltigen Politik, welche dem Turiner Hofe aufgezwungen war, folgte die notwendige Strafe. Eine Brigade piemontesischer Truppen, eine kräftige Ansprache des Königs hätten hingereicht, die besonnenen Elemente der Gesellschaft zu ermutigen. Sich selber überlassen sah die Aktionspartei nach ihren leichten Siegen ihre Macht unermeßlich wachsen, und mit der Macht stieg der Übermut. Schon schwärmte man in den Kreisen der Crispi und Mordini für die Trikolore ohne Flecken (ohne das Kreuz von Savoyen), und während vordem das Königreich Italien in aller Munde war, sprach man jetzt von den Vereinigten Staaten Italiens, von einem Parlamente auf dem Kapitol, das die Frage: Republik oder Monarchie? erst entscheiden solle. Darum mußte die Diktatur auf unbestimmte Zeit verlängert werden. Mehr als dreihundert Gemeinden forderten das einzige, was diesen verworrenen Zustand beenden konnte, die unverzügliche Vereinigung mit Piemont. Garibaldi wies sie ab: der edelste Vertreter des Radikalismus zeigte, daß diese Partei den Volkswillen nicht achtet, daß sie allein in dem unbedingten Triumph ihrer eigenen Meinung die Freiheit findet. La Farina, der auch heuer, von Cavour beauftragt, den Mentor der Rothemden spielte, erhielt plötzlich von dem Diktator Befehl, binnen einer halben Stunde die Insel zu verlassen; so schied der treue Mann, den die Bourbonen dreimal verbannt, zum vierten Male aus der Heimat, vertrieben durch die Parteiwut der Radikalen. Und solchen Schimpf mußte Cavour schweigend ertragen! Persano, der mit seinem Geschwader seit Anfang Juni vor Palermo lag, begnügte sich, dem Verbannten ein Schiff zur Rückfahrt nach Turin anzubieten. Der Minister sendete einen anderen Vertrauten, Depretis, hinüber, mahnte dringend, den Diktator nicht zu reizen: nur die Kehlabschneider, die accoltellatori , sollten ihm nicht an das Ruder. Er hat auch späterhin um des Friedens willen hochherzig einen Schleier geworfen über diese Wirren und sein Schweigen selbst dann nicht gebrochen, als die Mazzinisten mit dreister Stirn ihm vorwarfen, er habe den Zug der Tausend verhindern wollen. Schon seit Mitte Juni ging all sein Hoffen dahin, daß Garibaldi schleunigst die Meerenge überschreite. Der Graf wollte die Insel von der Anarchie, die Regierung aus einer unwürdigen Lage befreien, und vor allem, er kannte jetzt die grauenhafte Fäulnis des Bourbonenstaates und begriff, daß die Bewegung nicht auf halbem Wege einhalten dürfe. Währenddem stürzte die Todesangst den Hof der Bourbonen ließ König Franz in Turin dasselbe Bündnis anbieten, das er in unsägliche Entwürdigung. Sobald Sizilien verloren schien, vor wenigen Wochen verächtlich zurückgewiesen. Er verlieh eine Amnestie, verhieß die Verfassung von 1848, berief ein liberales Kabinett; aber selbst der gute Name des Ministers Martino gab keine Bürgschaft mehr für das Wort des Fürsten, der sich im selben Augenblicke von dem Papste die Absolution erbat für die Todsünde des Verfassungsversprechens. Das letzte Ansehen des Regimentes war dahin. Am hellen Tage stürmten die begnadigten Camorristen das Polizeihaus in Neapel, und während der Belagerungszustand über der Hauptstadt lag, predigten mazzinistische Blätter ungestraft den Hochverrat. Wohl sprachen die großen Höfe, am lautesten Rußland, ihren Unwillen aus über die Revolution und ihre geheimen Gönner. Auch Napoleon sah mit Unmut auf das Anwachsen einer Bewegung, die er nie gewollt; zudem bedrängte ihn das Murren seiner Ultramontanen und der unversöhnliche Groll, den seine Armee ihrem Besieger Garibaldi nachtrug. Aber wenn sogar die Hofburg nicht wagte, für die unheilbare Altersschwäche des Bourbonenstaates die Waffen zu ergreifen, so blieb nun gar dem Napoleoniden nach wiederholten Vermittlungsvorschlägen nur übrig, den König Franz an den guten Willen des Turiner Hofes zu verweisen. Cavour indes fühlte sich stark durch das Vertrauen seines Parlamentes, das ihm soeben, ohne daß er die Lippen öffnete, einen Kredit von 150 Millionen bewilligte. Er wies den bourbonischen Unterhändler ab und erklärte den Mächten unverhohlen: wir wollen und können einen Hof nicht stützen, der sich selbst verdirbt, nicht die Bürgschaft übernehmen für die Verfassungstreue dieses Königs, nicht das Vertrauen der Patrioten uns verscherzen. Und blieb nicht die Verbindung mit Neapel rein undenkbar, da König Franz auch jetzt noch die mittelitalienischen Dinge als eine offene Frage ansah, auch jetzt noch festhielt an der Hoffnung, dereinst auf einem italienischen Bundestage mit Hilfe der Erzherzöge den König von Sardinien zu überstimmen? – Die Maske gänzlich abzunehmen schien dem Grafen noch immer nicht ratsam. Während er selbst für den neapolitanischen Zug Staatsgelder an Garibaldi schickte, warnte sein König in einem offenen Briefe den Diktator vor dem Betreten des Festlandes. Gleichzeitig erging an Persano die Weisung, er solle nicht versuchen, auf Garibaldis Entschließungen einzuwirken; kein Wunder, daß der König die Antwort erhielt: »Erlauben Sie mir, diesmal nicht zu gehorchen.« Cavour aber rief seinem Admiral frohlockend zu: go ahead ! Endlich am 9. August überschritt Garibaldi die Meerenge. Dann folgte jener vielgefeierte unblutige Siegeszug, erbaulich für die Freunde historischer Sensationsnovellen, empörend für den ernsten Denker. – Oftmals erklingt unter uns Kämpen der deutschen Einheit bittere Klage über den langsamen, verworrenen Gang unserer Revolution, die so viele unbrauchbare Trümmerstücke der Kleinstaaterei allzu sorgsam geschont hat. Wer aber vergleichend nach Unteritalien hinüberschaut, kommt zu der Einsicht: die Halbheit der deutschen Einheitsbewegung ist nur die Kehrseite unserer Tugenden, deutscher Treue, deutschen Rechtssinnes, der leidlich geordneten Verhältnisse, die auch in dem schwächsten deutschen Staate bestehen. Der Einheitsstaat Italiens ward nur ermöglicht durch die grenzenlose Sittenfäulnis des Südens, und um solchen Preis wäre der deutsche Einheitsstaat zu teuer erkauft. Selbst das listige Verständnis, das die Italiener dem Ränkespiel ihres großen Staatsmanns zeigten, war doch nur die Frucht einer in uralter Knechtschaft gereiften politischen Verbildung. – Kein Nagel wollte mehr haften in dem morschen Holze des bourbonischen Staates; der Bau ward nicht zerschlagen, er brach von selbst zusammen. Schon am 3. August war Persano mit seiner Flotte auf der Reede von Neapel angelangt, vorgeblich, um die Gräfin von Syrakus, eine Muhme Viktor Emanuels, vor möglichen Gewalttaten der Revolution zu schützen. Hier lag er wochenlang vor Anker, freundlich begrüßt von dem englischen, kalt aufgenommen von dem französischen Admiral. Am hellen Tage empfing er an Bord seines Schiffes die wiederholten Besuche des Grafen von Syrakus und des Ministers Liborio Romano, die dort mit beispielloser Unbefangenheit schwarzen Verrat gegen ihren Fürsten anzettelten. Kaum minder öffentlich arbeiteten in der Stadt der Gesandte Villamarina, den Cavour abermals auf Vorposten gestellt, und General Ribotti, der aus Turin hinübergeschickt war, um die Volkserhebung zu leiten. Eines Tages ging das Gerücht, der Bourbone wolle fliehen und seine Kriegsflotte entweder an Österreich abtreten oder sie mit sich nach Gaeta nehmen – ein keineswegs unmöglicher Plan, da die Masse der Matrosen für die italienische Sache noch nicht gewonnen war. Da fuhr plötzlich ein piemontesisches Kriegsschiff quer vor den schmalen Eingang des Kriegshafens, wo die bourbonische Flotte weilte; zufällig stürzte ein schwerer Anker in die Tiefe; so blieb das Fahrzeug tagelang liegen, die Ausfahrt versperrend. Um ganz sicher zu gehen, verdarben die neapolitanischen Flottenoffiziere, die allesamt mit Persano unter einer Decke spielten, die Maschinen und Steuerruder ihrer Schiffe. Noch immer hoffte Cavour, die Stadt werde vor Garibaldis Ankunft einen Aufstand wagen; doch das feige Volk blieb ruhig. Unterdessen rückten die Rothemden der Hauptstadt näher. Da wagte Liborio Romano einen letzten Schurkenstreich: unter brünstigen Beteuerungen seiner Pflichttreue erklärte er dem Könige, die Flucht sei jetzt das einzige Mittel, die Krone zu retten. Der König floh, die Ratten des Hofes hatten längst das sinkende Schiff verlassen. Wenige Stunden darauf hielt der Befreier, von Liborio Romano empfangen, seinen Einzug, und der brüllende Pöbel grüßte ihn mit unendlichen Gallibardi-Garubalu-Rufen. Die elenden Truppen, verwirrt, zitternd vor dem schrecklichen Manne, der sie einst mit blutigen Köpfen aus dem Kirchenstaate heimgejagt, schauten tatlos zu; gemütlich stieg eine Schar Nationalgarden zum Kastell St. Elmo empor, hißte dort die dreifarbige Flagge auf. Auch nach dem Siege blieb der Stumpfsinn dieser Menschen unverändert. Hatten die Sizilianer nur geringes getan für ihre Befreiung, so war vollends hier Tatkraft und Leidenschaft allein zu finden in dem mazzinistischen Ausschuß Bertanis. Ein liberaler »Ordnungsausschuß« unter Tomasi leistete gar nichts, da die Mittelklassen sich nicht herauswagten wider die herrschende Aktionspartei. Bald erschien Mazzini selber, um seine Ernte einzuheimsen; noch wüster als in Sizilien hauste die Anarchie. Der Staatshaushalt war bisher der Stolz der Bourbonen; wie oft hatten ihre Getreuen höhnisch daran erinnert, daß Piemonts Staatsschuld im jüngsten Jahrzehnt um eine elfmal größere Summe gewachsen war als die Schuld Neapels. Der Diktatur gelang in wenigen Monaten die gefüllten Kassen auszuleeren, und da der gutherzige General einige lästige indirekte Steuern aufhob, die Zölle durch den schamlosen Schmuggel tatsächlich beseitigt, von allen Abgaben allein noch die Grundsteuern bezahlt wurden, so begann hier eine Zerrüttung der Finanzen, die bis zum heutigen Tage fortwährt. Wieder wie in Sizilien drängten sich tausend gierige Neulinge in die Ämter, wieder fürchteten die Reichen für ihr Eigentum; auch der Klerus murrte, weil Garibaldi einen Teil der Klöster aufhob und mit herausfordernden Reden noch kräftigere Streiche in Aussicht stellte. Nur eines stand fest in der grenzenlosen Verwirrung: der Diktator wollte die Vereinigung mit Oberitalien auf unbestimmte Zeit vertagen. In der einen Provinz verkündete man die neapolitanische Charte von 1820, in der anderen das Statut von Piemont, in den Abruzzen rotteten sich Banden zusammen zum Schütze des legitimen Königs. Und bald ward den Siegern die lehrreiche Erfahrung, daß auch der elendeste Staat, weil er ein Staat ist, noch einige Kraft besitzt zum Widerstand gegen die Mächte der Revolution. Die Truppen der Bourbonen versammelten sich um Capua und Gaeta, ihre Haltung hob sich ein wenig unter dem Einfluß der tapferen deutschen Königin, des einzigen Mannes an diesem Hofe. Der poetische Krieg ist zu Ende, meinte Garibaldi traurig; die Lage ward hochbedenklich für sein schlecht gerüstetes Heer. Zugleich drohte ein neuer Krieg mit Österreich. Cavour, der wie alle seine Landsleute die Wehrkraft der Nation überschätzte, hoffte den ganzen Sommer hindurch auf die »Auferstehung der nationalen Seemacht in der Adria«, schrieb an Persano, er solle sich rüsten, die Trikolore auf den Wällen von Malamocco und San Marco aufzupflanzen. Noch weit gefährlicher erschien im Augenblicke die Söldnerschar des Papstes. Wie nun, wenn im Kirchenstaate der lange vorbereitete Aufstand ausbrach, wenn La Moriciere und Garibaldi, die Schwarzen und die Roten, im wütenden Kampfe aufeinander stießen und der Diktator im Rausche des Übermuts sich auf Rom stürzte? Der Führer der roten Hemden sah sich jetzt von der Demokratie aller Länder als Haupt und Held gefeiert, er sah die radikale Partei überall, vornehmlich in Genua, trotzig auf den Markt schreiten, und er trat selber der Regierung so herausfordernd entgegen, daß Cavour im August dem Könige erklärte: er müsse wählen zwischen ihm und Garibaldi, zwischen der Monarchie und der roten Revolution. Der König aber, der eine verwegene Romfahrt nicht ungern gesehen hätte, fand bald sein ruhiges Urteil wieder und befahl dem Minister zu bleiben. Kurz darauf versicherte der Diktator öffentlich, er wolle keine Versöhnung mit dem Verschacherer von Nizza, und forderte von dem König die Entlassung Cavours, für sich aber die Statthalterschaft in Unteritalien auf ein Jahr. Ja, in einem Schreiben an die Sizilianer sprach er kurzweg seine Absicht aus, gegen Rom vorzugehen. – Wahrlich, es ward hohe Zeit, das Warten aufzugeben. »Wir sind entschlossen,« schrieb der Graf am 26. August, »die Bewegung nicht bloß zu unterstützen, sondern sie zu leiten. Sobald die Stunde des Handelns kommt, werden wir nicht minder entschlossen, nicht minder kühn sein als die Bertani, aber mit der Kühnheit werden wir die Umsicht und die Vorsicht verbinden.« Er faßte den Plan, mit einem raschen Schlage die Restaurationsarmee La Moricieres zu vernichten, dann die Einverleibung des Südens zu vollziehen und also mit der Einheit Italiens zugleich das Ansehen der Krone zu retten. Er selber nannte später diesen kühnen Gedanken den besten Rechtsgrund seines Ruhmes; die Monarchie war verloren, wenn wir nicht rasch am Volturno standen! Am 28. August erschienen Farini und Cialdini zu Chambery vor dem Kaiser; sie stellten ihm vor, daß die legitimistische Armee der Kurie seinen eigenen Thron bedrohe, daß Garibaldi den alten Gegner Napoleons, Charras herbeirufen wolle, daß der Zug gegen Venedig zur Notwendigkeit werde, sobald Garibaldi auf Rom ziehe – und was solle denn werden aus aller bürgerlichen Ordnung, wenn nicht die Monarchie der Aktionspartei den Dolch aus der Hand reiße? So umgarnt, in die Enge getrieben, wagte Napoleon nicht nein zu sagen; das berufene faites, mais faites vite , das man ihm damals in den Mund legte, hat er freilich nicht gesprochen. Ein Anlaß zum Einrücken in das päpstliche Gebiet ließ sich leicht schaffen bei der fieberischen Aufregung der Bevölkerung. Nach geheimer Abrede mit dem Turiner Kabinett Dies ergibt sich aus Cavours Briefe vom 31. August bei Pesano, diario rivato-politico-militare. Torino 1870. II. 89. erhoben sich am 6. September die Patrioten in Umbrien und den Marken, ihre Abgesandten flehten den König um Hilfe. Fünf Tage darauf brachen die Piemontesen in den Kirchenstaat ein, durch die Kämpfe von Castelfidardo und Ancona wurden die Söldner des Papstes vernichtet, und die Greueltaten, welche dies Glaubensheer noch kurz vor seinem Untergänge zu Fossombrone beging, verkündeten laut, von welcher Pest Italien befreit war. Mit Recht nannte der König diese Ansammlung heimatlosen Gesindels im Herzen Italiens »eine neue und seltsame Form fremder Einmischung und die schlimmste von allen«. – In überschwenglichen Worten pries Cavour die junge Flotte, die sich durch die Beschießung von Ancona als die würdige Erbin der glorreichen Seemacht von Genua und Pisa bewährt habe. Die alte Waffenlust des Piemontesen war erwacht. Der große Staatsmann wußte, daß Italien des kriegerischen Ruhms bedurfte; nur glänzende Waffentaten konnten dem werdenden Staate nachhaltigen Nationalstolz und eine geachtete Stellung unter den Völkern schaffen. Als Persano nach der Einnahme von Ancona nachts in Turin ankam, wartete der Minister selber auf dem Bahnhof, umarmte freudestrahlend den zweifelhaften Helden, bestürmte ihn mit Fragen, konnte sich nicht satt hören an den Großtaten italienischer Tapferkeit. Am nächsten Morgen beim amtlichen Empfange war Cavours erstes Wort: »Jetzt vor allem anderen – die Belohnungen;« dann ließ er sich von dem Admiral die Namen der Offiziere, die sich hervorgetan, in die Feder diktieren. Ein Rundschreiben des Grafen, das er selbst »mehr einen Zeitungsartikel als eine Note, mehr für das Publikum als für die Kabinette bestimmt« nannte, rechtfertigte das Wagnis des umbrischen Feldzugs. Der Kaiser, nur halb gewonnen, rief seinen Gesandten aus Turin ab. Die Piemontesen aber umgingen sorgsam das von den Franzosen besetzte patrimonium Petri , und der Graf griff wieder zu seiner nie versagenden Waffe. Er berief das Parlament und legte am 2. Oktober einen Bericht vor, der kurz und schlagend die Frage des Augenblicks dahin zusammenfaßte: Garibaldi will die Revolution verewigen, wir wollen sie schließen. Die ungeheure Mehrheit der Norditaliener betrachtete längst besorgt das phantastische Treiben der Aktionspartei; das Parlament billigte das Verhalten der Regierung und beschloß, daß die Südprovinzen über die Einverleibung abstimmen sollten. Inzwischen hatte die königliche Armee mit dem Südheer sich vereinigt und die bourbonischen Truppen am Volturno geschlagen. Darauf kam der König selbst in den Süden, »nicht um meinen Willen euch aufzudrängen, sondern um dem eurigen Achtung zu verschaffen«. Pallavicino und alle Gemäßigten in Garibaldis Umgebung erkannten jetzt, daß die Rolle des Diktators ausgespielt sei. Und der hochherzige Mann tat, was Cavour vorausgesagt: nach einem Gespräche mit dem Könige zog er heim auf seine Ziegeninsel. Das Volk des Südens beschloß die Vereinigung mit dem Norden, und triumphierend schrieb der Graf am 9. November nach Berlin: »Wir haben nichts zu verbergen, nichts zu verleugnen; wir sind Italien, wir handeln in seinem Namen, aber zugleich sind wir die Ermäßiger der nationalen Bewegung, die Vertreter des monarchischen Prinzips.« Wie schwer die Höfe diese neue Sprache verstanden, das lehrten die Botendienste, die unser Dampfer Loreley den Bourbonen leistete, und das drohende Verweilen des Admirals Tinan mit der französischen Flotte vor Gaeta. Zuletzt ahnten die Mächte doch, daß der verwegene Revolutionär in Turin der konservativen Sache diente. Gaeta fiel, von den Franzosen preisgegeben; der Satz »Italien gehört den Italienern« ward stillschweigend anerkannt. An den tapferen Männern des Südheeres aber wurden die Sünden der Aktionspartei allzu hart bestraft. Mit der Verachtung des Berufssoldaten sah der piemontesische Offizier auf diese Freischaren herab; Cavour selbst war leidenschaftlich erbittert über die vielen unnützen Gesellen, die Garibaldi in sein Offizierkorps aufgenommen hatte. So wurden denn die Truppen aufgelöst, während man die unerprobten Regimenter Mittelitaliens geschont hatte – aufgelöst hier am Volturno, auf diesem Boden, den sie mit ihrem Blute genetzt. Ein unbegreiflicher Mißgriff inmitten eines schon leise murrenden Volkes. War es nicht schon bedenklich genug, daß bei der Abstimmung 10 600 Neapolitaner nein sagten? Nun kamen die Beamten aus Piemont, um den Schutt, den der Diktator aufgetürmt, hinwegzuräumen. Nun kam der König und mißfiel: an solche schlichte soldatische Derbheit waren die Gaffer von Neapel nicht gewöhnt. Und galt denn das Wort »Neapel sehen und sterben« gar nichts mehr? mußte die größte Stadt Italiens nicht die Hauptstadt des Reiches werden? – Die seligen Tage, da die helle Freude eines freien Volkes an den Gestaden des Arno jauchzte, wiederholten sich nicht in Großgriechenland. Die Schuld, welche auf jeder, auch auf der gerechtesten Revolution lastet, begann schon sich zu rächen.   Die letzte Feste der Bourbonen war soeben gefallen, als der König am 18. Februar 1861 das erste Parlament des Königreichs Italien eröffnete. Nicht bloß die Gedankenlosen jubelten, auch ernste Männer blickten mit Stolz zurück auf die durchmessene weite Strecke Weges; tausend Augen suchten die Stelle neben dem Throne, wo der Schöpfer des Staates stand. Die Thronrede sagte: »Unter anderen Umständen war mein Wort kühn. Aber die Weisheit besteht nicht minder im Wagen zur rechten Zeit als im Warten zur rechten Zeit. Ich habe nie gezögert, mein Leben und meine Krone für Italien zu wagen; doch niemand hat das Recht, Dasein und Geschick einer Nation auf das Spiel zu setzen.« Das goldene Zeitalter der Revolution war zu Ende, ein harter prosaischer Werkeltag brach an, der aus diesen Trümmerstücken verkommener Staaten eine Nation schaffen sollte. Italien ist auferstanden, klagte Azeglio, die Italiener sind es nicht. Und hier erkennen wir die Grenzen von Cavours Begabung; hier stehen wir vor der demütigenden Einsicht, wie unermeßlich groß die Idee des Staates ist und wie klein selbst die gewaltigste Manneskraft neben der tiefsinnigen Vielseitigkeit des Gemeinwesens. Soweit die Erinnerung der Geschichte reicht, hat vielleicht nur der einzige Julius Cäsar alle Zweige des Staatslebens zugleich mit schöpferischer Kraft umfaßt. Ich lasse diese harmlosen Sätze, die lediglich eine unbestreitbare, hundertmal in der Geschichte wiederkehrende Tatsache konstatieren, unverändert wieder abdrucken, obgleich Karl Lammers (Deutschland nach dem Kriege S.8) sie der politischen Mystik zeiht. Wer wie dieser treffliche Volkswirt »den Staat auf gleiche Linie mit anderen Versicherungsanstalten setzt«, dem muß allerdings der geistige Gehalt des Gemeinwesens, der res publica der Alten ein unfaßbares Geheimnis bleiben. Selbst Friedrich, der als Diplomat und Feldherr bis an die Grenzen des Menschlichen sich erhob, der Rechtspflege, der Bewegung des Gedankens neue Bahnen brach, hat in der Staatsverwaltung – obschon im einzelnen mannigfach bessernd und mildernd – doch nur das System seines Vaters aufrecht erhalten, das auf vier Augen stand und dicht hinter den beiden Meistern zusammenbrach. Desgleichen Stein, ein unvergleichlich schöpferischer Kopf in der Verwaltung, wußte für die Verfassung Deutschlands nur in raschem Wechsel unmögliche Pläne zu entwerfen. So war auch Cavour genial nur als Diplomat, als parlamentarischer Führer und als Volkswirt; im Finanzwesen gedankenreich, aber leichtsinnig; über die folgenschwere Frage der Verwaltungsorganisation sprang er mit einigen guten Einfällen hinweg, und an die Heilung der schweren sittlichen Leiden seines Volkes dachte er nicht mit dem heiligen Ernst, der dem Staatsmanne geziemt. Das Zusammentreffen der deutschen und der italienischen Revolution wird dereinst eine der fruchtbarsten Parallelen der Geschichtsphilosophie bilden, und vornehmlich dieser Gegensatz wird den Nachlebenden zu denken geben: wie überlegen die Italiener auftraten in der Massenbewegung, wie überlegen die Deutschen in der geordneten politischen Aktion. Dort eine Nation von Verschwörern, hier ein Volk, welches der Ordnung, der Leitung von oben bedarf, um seine schwere Kraft zu bewähren. Sehr klein erscheint die untätige Haltung der Hannoveraner, der Sachsen, der Schleswig-Holsteiner während des deutschen Krieges gegenüber dem patriotischen Mute, der nach dem Frieden von Villafranca die Toskaner beseelte. Aber wie schrumpfen die immerhin ehrenwerten Taten des italienischen Heeres zusammen neben dem Kriegsruhm der Preußen! Und wieder nach dem Siege trat die ganze Überlegenheit nordisch-protestantischer Bildung und Arbeitskraft hervor: so tief die Sachsen von 1866 unter den Toskanern von 1859 standen, so hoch stand der erste norddeutsche Reichstag über dem ersten italienischen Parlamente. Und wahrlich, die Aufgabe dieses Parlamentes war fast unlösbar schwer. Hier galt es nicht, wie in Deutschland, kleine Nebenlande einem mächtigen, festgefügten Staate anzugliedern, sie zu erfüllen mit dem Geiste des Kernlandes; hier galt es aus losem Gerüll einen neuen Staat zu schaffen. Wohl versuchte Cavour den Schein einer historischen Kontinuität, einer piemontesischen Staatsüberlieferung aufrecht zu halten. Der König nannte sich, zum Ärger der Radikalen: Viktor Emanuel der Zweite, und im Senate überwog der piemontesische Stamm. Aber in einem Abgeordnetenhause das unter 443 Abgeordneten nur 83 Vertreter der alten Provinzen zählte, erfüllte sich ganz von selber das törichte Verlangen der Aktionspartei: Piemont muß verschwinden! Wie berauschend klang das Wort begeisterter Piemontesen: »wir wollen handeln gleich unserem Pietro Micca, der sich selber in die Luft sprengte, um das Vaterland zu retten!« – und wie schmerzlich sollte die Nation, da der Rausch verflog, erfahren, was es heißt, einen Staat auf das Nichts zu gründen. Der verwegene Minister hatte keck ein Anlehen von der Zukunft gefordert, aus sieben Mittelstaaten einen Einheitsstaat zusammengeschweißt, während dies Unternehmen doch die bereits entwickelte Macht eines Großstaates voraussetzte. Nun das Wagnis über Nacht gelungen war, fehlten überall die wirtschaftlichen und die geistigen Kräfte. Das schwere Werk der Organisation erforderte die genaue Sachkunde von Fachmännern, von Spezialitäten. Es liegt aber tief in den schönsten Charakterzügen dieses halbantiken Volkes begründet, daß Fachmänner dort seltener gedeihen als im Norden. Der Italiener ist nicht ein Schneider, ein Schuster; er macht, er spielt den Schneider, fà il sartore , wie seine Sprache bedeutsam sagt, er verkrüppelt fast nie unter dem Geschmäckchen seines Berufes, bleibt ein schöner, stattlicher Mensch, aber er gibt sich auch seinem Amte selten so mit ganzer Seele hin wie der Nordländer. Und wie sollten gar politische Fachmänner sich bilden unter dem Regiment der Erzherzöge? Wacker hatten die Signoren Norditaliens ihren Mann gestanden als Verschwörer und als Soldaten; in den nüchternen Geschäften des Parlamentes, sobald man statistische Tabellen lesen, über den Geschäftskreis der sindaci ein Urteil fällen sollte, zeigten sich die meisten als Dilettanten, der Arbeit ungewohnt, sehr geneigt, nach Franzosenart mit einem Witzwort, einem concettino , über ernste Dinge hinwegzuhüpfen. »Die auswärtige Politik ist der wahre Angelpunkt des Lebens der Völker« – so lautet ein in vielen italienischen Schriften wiederkehrender Gedanke, der die nationale Meinung ausspricht. Lediglich diese »große Politik«, das zugleich schwierigste und der Phrase zugänglichste Gebiet der Staatskunst, schien vornehmer Männer würdig. Nur einzelne Staatsmänner saßen im Hause, diese wenigen waren schier durchweg Piemontesen und darum schon den Vertretern des Südens verdächtig. Der Graf sah sich gezwungen, in das erste italienische Kabinett fast allein Nichtpiemontesen aufzunehmen, und seine Wahl fiel nicht durchgängig auf würdige Männer. Zudem lag noch der Rausch des Sieges über den Köpfen. Wer fragte nach der Prosa der Verwaltung, solange Venedig, Rom und Welschtirol noch den Fremden gehorchten? Warum sollte des Grafen glückhafte Hand die Trikolore nicht bis auf den Kamm des Brenners tragen? War doch in Trient und Roveredo die italienische Gesinnung unzweifelhaft; auch um Bolzano und Merano (wie die Italianissimi unsere ehrlichen deutschen Städte nennen) hatte die Faulheit der Deutschen und der Welschen sparsamer Fleiß der Eroberung emsig vorgearbeitet, Cavour erlag schier der Sorge, wie er diese glühenden Begierden der Nation zügeln und dem kaum geborenen Staate die Anerkennung der großen Mächte erwerben sollte. »Die Zeit,« schrieb er warnend, »ist der mächtige Bundesgenosse der Vernunft und des Fortschritts. Laßt uns nicht die Zukunft gefährden, indem wir allzu eilfertig das Ziel zu erreichen suchen, zu dem uns die eigene unwiderstehliche Kraft unsrer Grundsätze unfehlbar führen muß!« Von solchen Leidenschaften umringt, wollte der Graf um alles nicht die treue Mehrheit im Parlamente zerspalten. Auch die Wahlen bekundeten das Leiden des neuen Staates, die Krankheit der Illusionen. »Wir haben ja Cavour«, sagte man fröhlich, wählte unbedacht jeden, der in den jüngsten Monaten patriotische Hingebung gezeigt: und aus den Urnen ging eine Schar hervor, angetan mit der Livree Cavours – wenn man den Bildern der radikalen Witzblätter glauben durfte. Nur einzelne aus Piemont, mehrere aus dem Süden hielten die rote Farbe. Um diese ergebene und doch bunt gemischte, leicht zu mißleitende Mehrheit, die Stütze seiner auswärtigen Politik, nicht zu verlieren, beging Cavour in den inneren Fragen einen folgenschweren Fehler. In keinem Staate schien das Problem der Selbstverwaltung so leicht wie hier zu lösen. Das Königreich zählte nur 7720 Gemeinden, jede im Durchschnitt von 2821 Köpfen bewohnt. Da Italien einen Gegensatz von Stadt und Land kaum kennt und noch von den Römerzeiten her gewohnt ist, kleine Ortschaften mit benachbarten Städten zu vereinigen, so konnte es nicht schwer fallen, die ganz unbedeutenden Gemeinden, welche zumeist in den geduldigen Provinzen des Nordens lagen, zusammenzuschlagen und dergestalt etwa 6000 lebenskräftige Kommunen zu schaffen – ein glänzendes Gegenbild zu den 40 000 ohnmächtigen Gemeinden der Franzosen. War doch der alte Munizipalstolz nirgends ganz erstorben. Ebenso einfach schien der Gedanke, das Reich in etwa acht Regionen zu zerlegen. Mit vollem Rechte nannten die Mailänder die Hauptstadt der Lombardei ein subcentro ; auch Toskana, Ligurien, die Emilia bildeten natürliche Einheiten, durch große Erinnerungen und bedeutende wirtschaftliche Interessen verbunden, von je einer mächtigen Stadt überherrscht; sie vermochten sehr wohl eine gesunde landschaftliche Eigenart zu behaupten. Von den Regierungsbezirken, den Provinzen, ließ sich eine selbständige Lebenskraft nicht erwarten. Wohl war die Provinz in dem größten Teile des Reiches ein althistorischer Körper, der erweiterte Stadtbezirk; aber offenbar bedeuteten die acht Provinzen Piemonts und der Insel in dem alten Königreich Sardinien etwas anderes, als die 59 neuen Provinzen in dem Königreich Italien bedeuten konnten. Zu klein, um gegen die Bureaukratie der Reichshauptstadt einen Willen zu behaupten, zu groß, um den Einwohnern ein festes nachbarliches Zusammenhalten zu gestatten, blieb die Provinz ein rein bureaukratischer Verwaltungsbezirk – gleich dem französischen Departement, dem ihr Umfang nahe kam – wie geschaffen für das Vaterauge eines Präfekten; und wirklich stand in Norditalien schon ein Präfekt an ihrer Spitze, darunter ein Geschwader von Unterpräfekten, zumeist träges, unbrauchbares Volk. Sollte der abschüssige Weg französischer Zentralisation vermieden werden, so bedurfte man der Regionen, welche, gleich den preußischen Provinzen mehrere Regierungsbezirke umfassend, an Vermögen und geistigen Kräften genug besaßen, um dem Staatsbeamtentum einen Teil der Verwaltungsgeschäfte abzunehmen. Doch leider fehlte dem Volke noch gänzlich der geduldige politische Arbeitsmut, welcher allein eine ernste Selbstverwaltung tragen kann. Die Nation war von alters her gewohnt, die Staatsgewalt als einen Feind zu betrachten; nicht mit einem Schlage konnte sie den Entschluß finden, selbsttätig bei den Geschäften des befreiten Staates Hand anzulegen. Die gesamte Gedankenarbeit des jüngsten Jahrzehnts war auf die Unabhängigkeit Italiens gerichtet; über Verwaltungsfragen hatte niemand nachgedacht. Was jetzt darüber geschrieben ward, offenbarte nur klägliche Unkenntnis, sklavische Abhängigkeit von französischen Ideen. »Nehmen wir den Hut ab,« rief La Farina begeistert, »vor dem Präfektensysteme des ersten Konsuls, das so vielen und furchtbaren Stürmen widerstanden hat.« Ihm fiel nicht ein, den Spieß umzukehren und zu fragen, ob nicht gerade in dieser unwandelbaren despotischen Verwaltungsordnung der letzte Grund der Unfreiheit Frankreichs zu suchen sei. Allerdings versteckten sich hinter dem Verlangen nach Dezentralisation gefährliche partikularistische Pläne. Der törichte Wunsch, den alten Kleinstaaten ihre gewohnten Steuern zu erhalten, war weit verbreitet unter den Regionalisten. Toskana vornehmlich, das Hannover des Königreichs Italien, verwöhnt durch die Schonung, die der Staat seinem Liebling erwies, stolz auf eine nicht unbrauchbare Gesetzgebung, wollte von seiner Autonomie wenig aufgeben, wollte als die Lehrerin der Piemontesen in das Gemeinwesen eintreten. Auch bureaukratische Herrschsucht trieb ihr frivoles Spiel mit dem Plane der Regionen. Das despotisch geschulte sechsfache Beamtenheer, das zu den piemontesischen Beamten hinzutrat, verstand den Gedanken der Dezentralisation nach der Weise des Bonapartismus dahin, daß die Bureaukratie, unbelästigt von dem Minister, in den Regionen nach Gutdünken ihr Wesen führen solle. Wieviel bequemer schien es doch, sechs oberste Verwaltungshöfe wie bisher beizubehalten, statt sich einem Staatsrate, einem strengen gemeinen Verwaltungsrechte zu unterwerfen! – Trotz alledem, wenn ein Cavour seine ganze Kraft für das Regionalsystem Farinis einsetzte, so mußte der gesunde Kern des Gedankens durch alle Trübungen und Fälschungen hindurch gerettet werden. Im Sommer 1860, als Farini den Plan einer Kommission unterbreitete, schien noch jedermann einig. Aber bald rächte sich, daß Piemont im letzten Jahrzehnt für die Reform seiner eigenen Verwaltung nur wenig getan hatte. Sobald man in die Einzelheiten einging, schien nichts mehr brauchbar von der alten Ordnung, man stand vor der Notwendigkeit eines Neubaues. Hundert Pläne und Zweifel erwachten, auch subalterne Bedenken: waren nicht Umbrien und die Marken zu klein für eine Region? Mitten hinein in diese schwankende Stimmung fiel nun die unheilvolle Eroberung des Südens. Noch war Gaeta nicht erobert, und die Neapolitaner murrten schon, weil sie arbeiten, Steuern zahlen, im Heere dienen sollten. Alles eiferte wider die piemontesischen Beamten, deren ernster Ordnungssinn doch ein Segen war für die Unzucht des Südens, und bald begannen die Briganten in den Abruzzen ihr Blutwerk im Namen des legitimen Königs. Ein Statthalter nach dem andern ging hinüber, das Chaos zu ordnen – noch bei Cavours Lebzeiten drei: Farini, der Prinz von Carignan, Graf Ponza di San Martino – und alle kehrten heim, vernutzt, mit Schimpf beladen, weil sie die Meisterlosen nicht bemeistern konnten. War es ratsam, dies unbotmäßige Land unabhängig hinzustellen? die Insel Sizilien durch eine selbständige Verwaltung in ihrem Sonderleben noch zu bestärken? Nur eine durchgreifende Zentralgewalt schien imstande, solchen Mächten des Unfriedens die Stirn zu bieten. Niemand forderte lauter die stramme Zentralisation als die tapferen Emigranten des Bourbonenstaates. Um Gottes willen, schließet diese Regierungskloaken von Neapel und Palermo, schrieb La Farina. Dem Wackeren graute vor dem Gedanken, daß das alte System zurückkehren könne; die blutigen Gespenster der Restauration von 1799 schritten durch seine Träume. Gleich ihm dachte Poerio, der Dulder aus Neapel, und auf die Stimmen dieser Eingeborenen legte die Regierung, befangen in einem fast unvermeidlichen Irrtum, allzu viel Gewicht. Und dazu das allgemeine stürmische Verlangen nach der Hauptstadt Rom, das den Plänen der Zentralisten zugute kam. Hatte man bisher den zentralisierenden Eifer der Piemontesen gefürchtet, so schlug man jetzt die Gefahr des Föderalismus, des Zerfalles höher an, zumal da auch in Norditalien der alte Stammeshaß sich wieder häßlich regte. Selbst Ricasoli, der stolze Toskaner, begann irr zu werden an seinem Ideale. Der Gedanke der Regionalisten wurde allmählich ausgebeint; in den neuen Entwürfen, welche Minghetti dem Parlamente vorlegte, erschienen die Regionen schon nur als ein Übergangszustand – und doch bedurfte Italien einer dauernden Ordnung. Der Graf, vertieft in seine auswärtigen Pläne, erkannte nicht die ungeheure Bedeutung der Frage. Er wünschte die Regionen, mochte jedoch um ihretwillen nicht die Kabinettsfrage stellen, nicht die Zentralisten der Mehrheit verletzen. Er ließ diese schweren Dinge gehen und – starb darüber. So geschah es, daß ein Parlament, welches die Selbstverwaltung ehrlich wollte, zuletzt das Gegenteil des Gewollten beschloß. In der Nation herrschte der französische Liberalismus vor, welcher die Freiheit allein in der Erweiterung des Stimmrechtes suchte. Die bureaukratische Trägheit gab endlich den Ausschlag: das Präfektensystem, das unter dem Ministerium Rattazzi in der Lombardei und in Piemont neu geordnet und seitdem von allen freien Köpfen verwünscht worden, erstreckte sich bald nach Cavours Tode über das ganze Königreich. Also entstand eine Verwaltung, welche alle Mängel der französischen Bureaukratie in sich vereinigte – doch nicht ihre Vorzüge: Schlagkraft und Pünktlichkeit. Der Präfekt hatte nicht wie in Frankreich die gesamte Verwaltung unter sich, er war nur ein Organ des Ministeriums des Innern, stand in ewigem Kampfe mit den Mittelstellen der anderen Departements. Wieder liefen die Stellenjäger Sturm auf die neuen Ämter; wohlbestallte Agenten vermittelten den Schacher. Ein Heer von Beamten mit unklarer Kompetenz regierte und regierte, gefährlicher durch Unfleiß und Unordnung, als durch den mehrfach hervortretenden Schmutz der Korruption. Alle Bürgermeister ernannte der König. Wollte die entlegenste Gemeinde auf Sizilien eine Verordnung über die Abfuhr des Straßenschmutzes erlassen, so mußte zuvor der Staatsrat ein Gutachten, der König seine Genehmigung erteilen. Die Freiheit der Regierten, ihr Anteil an den Staatsgeschäften bestand in dem Rechte, von Zeit zu Zeit einen Zettel in die Wahlurne zu werfen. Bald murrte der kleine Mann in der Lombardei, gewöhnt an die despotische, doch geordnete Verwaltung der Österreicher: wenn morgen der Tedesco wieder käme, so würden wir ihm die Stiefel küssen! – und nur sieben Jahre nach dem Falle des Regionalsystems mußte das Parlament abermals über die Reform der Verwaltung beraten. Uns Deutschen ist heilsam, aus diesen traurigen Wirren zu lernen, daß allein die Selbständigkeit starker Provinzen den nationalen Einheitsstaat bei frischer Gesundheit zu erhalten vermag; desgleichen zu lernen, welcher tätigen Wachsamkeit ein Volk bedarf, um sich zu schützen vor der Alleinherrschaft der Bureaukratie, die in allen Lebensgewohnheiten der modernen Gesellschaft eine gewaltige Stütze findet. Gewiß sind die Gebrechen der alten preußischen Verwaltung mit den Sünden der italienischen nicht zu vergleichen; aber unser Volk stellt auch strengere Anforderungen an seine Beamten und nur durch den Ausbau des Systems unserer Selbstverwaltung wird es uns gelingen, Staatseinheit und Volksfreiheit auf die Dauer zu versöhnen. Und so viele andere Wunden, die der Despotismus geschlagen, bedurften noch der Heilung! Man zählte 18 Universitäten und über 14 Millionen analfabetti (natürlich, daß die Sprache für diese gewaltige Masse von »Nicht-Abc-Schützen« auch einen geläufigen Namen besaß). Deutlicher läßt sich die einseitige, den technischen Berufen entfremdete Bildung der höheren, die Verwahrlosung der niederen Stände nicht schildern. Wohl war der analfabetto von der Wahlurne ausgeschlossen (denn in Sachen des Wahlrechts blieb Cavour ein fester Altliberaler, er ließ das allgemeine Stimmrecht nur für außerordentliche Fälle der Staatsumwälzung gelten); aber schon die Unterschrift des Namens galt als Beweis der Gelehrsamkeit. Immerhin blieb es ein Ehrenzeugnis für den gesunden natürlichen Verstand der Nation, daß eine so wenig gebildete Wählerschaft so viel Mäßigung gezeigt hatte. Wie herrlich war doch trotz aller Kümmernisse dies Erwachen eines großen Volkes! Wie viele längst verschüttete Quellen des Gemeinsinnes begannen zu springen, nun das Leben wieder einen Wert besaß! Wie eifrig sorgten die großen Kommunen, nach Mailands Vorgang, für ihre Schulen! Selbst die Hoffnung auf den Süden war nicht aufzugeben, gerade weil die unglücklichen Länder so verwüstet dalagen, so ganz unfähig, auf eigenen Füßen zu stehen. Man hatte Aufstände zu befürchten und den grausamen Brigantenkrieg zu führen, doch wohl oder übel, der Süden mußte sich der überlegenen Gesittung fügen. Hier drohte nicht die düstere Gefahr, welche vier Jahre lang über dem Süden Deutschlands hing und schließlich nur durch den Segen eines heiligen Krieges, einer lauteren Volkserhebung beseitigt wurde: die Gefahr, daß ein Teil der Nation, befriedigt in einem behaglichen, selbstgefälligen und doch tief unsittlichen Sonderleben, seine tausendjährige Verbindung mit dem großen Vaterlande allmählich aus barer Faulheit auflöse. – Doch der Weg zur Einheit führt überall nur durch herbe Enttäuschungen. Man kannte einander wenig, und als die Nation ein Bewußtsein ihrer Kräfte erhielt, da zeigten sich die sozialen Verhältnisse nicht günstig. Es gab der Signoren, der großen Kaufherren und der kleinen Pächter viele, aber der eigentliche Mittelstand, die Grundlage des modernen Volkswohlstandes, war nicht zahlreich, und welche Hemmnisse stellte nicht schon das Klima Süditaliens der Industrie der Fabriken entgegen! Der plötzliche Übergang aus dem Prohibitivsystem zu der Handelsfreiheit Piemonts erweckte laute Entrüstung unter den Schutzzöllnern von Neapel, verwirrte viele Vermögen. Die Vorarbeiten begannen für einen Lieblingsplan der Jugend Cavours, für den Bau der Eisenbahnen bis an die Ferse des Stiefels, bis Brindisi. Man betrieb rasch das Werk der Einigung in allem Nötigen – so im Münzwesen, in den Verkehrsanstalten – und wohl auch im Unnötigen. Das ließ die schnellfertige Logik der Romanen sich nicht nehmen, daß fünf bürgerliche Gesetzbücher in einem Staate ein Unding seien; sogleich trat eine Kommission zusammen, über einen neuen Kodex zu beraten. Ein unschätzbares Band der Einheit blieb das Heer. Cavour fühlte dies lebhaft; er berief den fähigsten Soldaten Italiens, General Fanti, in das Kriegsministerium und stand seitdem mit dem alten Freunde La Marmora auf gespanntem Fuße. Wohl war die militärische Tüchtigkeit der Truppen arg gesunken, seit man, töricht genug, auch die Regimenter der Bourbonen aufgelöst und überall neue Cadres zu bilden hatte. Kein Wunder, daß die tapferen Österreicher fünf Jahre darauf als Sieger den welschen Boden verließen. Aber in dem Heere lernten die Barbaren aus den Abruzzen die Elemente menschlicher Gesittung, das verweichlichte Stadtvolk Zucht und Pünktlichkeit, der dumme Haß der Landschaften schliff sich ab, und vor allem, das köstliche Gut einer gemeinsamen Umgangssprache ward auch dem gemeinen Soldaten zuteil. Aus den Parlamentsberichten und Korrespondenzen der Italiener mögen die bequemen Philister in Nassau und Frankfurt, die über das fremde preußische Wesen jammern, zu ihrer Tröstung lernen, wie leicht und behaglich sich bei uns der Übergang in die neuen Zustande vollzieht. Welche Sorgen regten sich den Turiner Staatsmännern bei platt alltäglichen Dingen; welche Bedenken, wenn man Gendarmen in eine verkommene Provinz senden mußte, und den heimischen war nicht zu trauen, die auswärtigen verstanden nicht den Dialekt des Landes. Und wie verächtlich erscheint das Murren der reichen schleswig-holsteinischen Steuerzahler, wenn wir vergleichen, was den Italienern ihre Freiheit kostete! Auch der deutsche Krieg hat, wie jeder Krieg, massenhafte Kapitalien zerstört, doch die vorübergehende Verlegenheit der norddeutschen Finanzen war ein Kinderspiel neben dem Jammer, der in Italien sich auftat. Auf diesem Gebiete wurde der Mangel an Fachmännern am härtesten fühlbar. Jedermann hing noch an dem Wahne – dem auch wir Deutschen vor dem Kriege alle huldigten – daß die Kleinstaaterei kostspielig sei. 573 Millionen im Jahre verschlang der siebenfache Despotismus; mußte nicht die Nation jetzt große Summen ersparen, da vier Höfe hinwegfielen und der Vorschlag, die entthronten Fürsten zu entschädigen, in dem erbitterten Volke kaum geäußert werden durfte? Wunderbar günstig lauteten die Berichte der hohen Beamten aus Mittelitalien; der Abgeordnete Galeotti rief noch in der zweiten Auflage seines Buches über das erste italienische Parlament glückselig aus: »niemals hat eine Nation sich wohlfeiler konstituiert.« Auch der tüchtigste Volkswirt des Hauses, der Venetianer Pasini, ein alter tapferer Genosse Manins, teilte den allgemeinen Irrtum. Sobald man die sieben Budgets in eines verschmolz, ergab sich zuvörderst, daß kleine Staaten, weil sie nichts leisten, wohlfeil regieren; von den Forderungen, welche das unentbehrliche Militärbudget eines Großstaates stellte, ließ sich das Stilleben von Parma und Toskana nichts träumen. Und was hatte nicht die Schwäche der provisorischen Regierungen zusammengesündigt! Da waren verhaßte Steuern abgeschafft, kostspielige Eisenbahnen und Unterrichtsanstalten, auch viele Schulden der Provinzen dem Staate überwiesen, dagegen Domänen und Renten des Staates an die Gemeinden abgetreten, die Ausgaben ins Unendliche gesteigert, um jeden begehrlichen Wunsch der Gesellschaft zu befriedigen. Dazu diese Scharen von Beamten; die höheren Stellen mäßig, die niederen hoch besoldet, da Italien eine abgesonderte Karriere der Subalternen nicht kannte. Hunderte glücklicher Stellenjäger mußten mit Ruhegehalt entlassen und leider sofort ersetzt werden, weil das siegreiche Beamtentum in den provisorischen Regierungen dafür gesorgt hatte, daß man die neuen Amtsstellen nicht aufheben durfte. Der geheime Staatshaushalt des Despotismus ließ die Provinzen ohne Kenntnis von der Schwere ihrer eigenen Belastung; daher rief jetzt alles nach Steuerausgleichung, jede Provinz hielt sich für überbürdet – bis sich zuletzt fand, daß nicht Piemont, wie man geglaubt, sondern die Lombardei bisher die höchsten Steuern gezahlt hatte. Auch das Parlament zeigte geringe Neigung, die Budgets ernsthaft zu prüfen, noch geringere zur Steuerbewilligung. Cavour trat freilich solchen Torheiten mutvoll entgegen: eine mathematisch genaue Ausgleichung der Steuerlast sei unmöglich, auch solle man als den obersten Grundsatz der neuen Finanzpolitik betrachten das Kernwort: »es ist nötig zu zahlen und viel zu zahlen.« Er warnte dringend vor leichtfertigem Schuldenwesen; doch bedrückt durch die Arbeitslast seiner diplomatischen Geschäfte, ahnte auch er nichts von der schrecklichen Zerrüttung des Haushalts. Im April mußte der Finanzminister bereits vorschlagen, in das neue Große Buch des Königreichs sogleich wieder eine Anleihe von 500 Millionen einzuschreiben, und Pasini verlangte jetzt neue Steuern als ein Band der Staatseinheit. Erst nach Cavours Tode kam die volle Wahrheit an den Tag: das Reich hatte 3 Milliarden Schulden und für das Jahr 1861 ein Defizit von 500 Millionen. Unter solchen Sorgen verstummte bald das noch in dem glücklichen Parlamente von 1860 oft gehörte Pathos allgemeiner Beredsamkeit, wozu den Italiener die Melodie seiner Sprache so leicht verführt. – Cavour empfand schmerzlich, daß der Hof ihm keinen Rückhalt bot. In den Tagen des Friedens begannen die wüsten und rohen Neigungen, die in der Seele des Königs lagen, sich wieder behaglich auszurecken – ein böses Unglück für ein Herrscherhaus, das die Achtung seines Volkes erst erwerben sollte. Der Graf schonte behutsam die zweifelhaften Freunde, half dem behenden Rattazzi in den Präsidentenstuhl. Er bedurfte der Genossen, denn die Aktionspartei verfolgte mit begreiflicher Wut den Mann, der ihr das Messer aus der Hand gerungen. Schändliche Lügen traten mit höchster Sicherheit auf: bald sollte Sizilien, bald Sardinien und Ligurien an Frankreich verkauft sein. Schändliche Lügen, sage ich; denn hätte Garibaldi wirklich, wie seine Freunde behaupteten, die Beweise für diesen Handel in Händen gehabt, so wären sie sicher längst veröffentlicht. Wie? Diese Aktionspartei, welche heute dem Herausgeber der Briefe La Farinas jede Mitteilung verweigert, damit die Welt nicht erinnert werde an den alten Bund der Radikalen und der Gemäßigten – sie sollte aus Zartgefühl Papiere zurückhalten, die dem Ansehen der Konstitutionellen den Todesstoß geben könnten? Täglich schroffer schieden sich die Parteien: die Piemontesen und die in Turin geschulten Flüchtlinge auf der einen, die in der Fieberluft des Despotismus herangewachsene radikale Jugend auf der anderen Seite. Schon wagte man im Parlamente den Antrag, den Hinterlassenen eines Meuchelmörders, der sich einst an dem Bourbonenkönig vergriffen hatte, solle eine Nationalbelohnung gewährt werden. Und diesen unheimlichen Leidenschaften stand doch eine wahrhaft konservative Partei nicht gegenüber, denn auch Cavours Freunde fühlten, die Einheitsbewegung sei noch nicht am Ziele. – Die Radikalen verlangten »das Recht der Initiative« für die Revolution; traurige Gesellen, die vor drei Jahren noch die Einheit Italiens als einen Narrentraum verlacht, ziehen jetzt den Grafen der Feigheit, weil er einen Freischarenzug gegen Venedig und Rom nicht dulden wollte. Er selber hatte noch vor neun Monaten auf einen venetianischen Feldzug für dieses Frühjahr gehofft; wie jetzt die Dinge standen, inmitten der Wirren der Organisation des neuen Staates, lag die Notwendigkeit ruhiger Sammlung auf der Hand. Was der Graf im vergangenen Sommer dem König erklärt hatte, das wiederholte er nun im April vor dem Hause: man müsse wählen zwischen der Kriegslust der Aktionspartei und seiner Politik, die nur im Einverständnis mit den großen Mächten in Venedig einziehen wolle. Welch ein erschütternder Auftritt, als jetzt Garibaldi und Cavour noch einmal aufeinander stießen – die beiden Männer, »die darum Feinde sind, weil die Natur nicht einen Mann aus beiden bilden konnte.« Wieder kam der Nizzarde auf sein altes Herzeleid, auf die preisgegebene Heimat zurück. Tief ergriffen erwiderte Cavour: »wenn es über die Kraft des Generals geht, mir zu verzeihen, so fühle ich, daß ich ihm keinen Vorwurf machen kann.« Garibaldi wies die dargebotene Hand zurück, der Preis der Großmut blieb diesmal dem Grafen; denn in verwickelten politischen Kämpfen ist der echte Edelsinn nur dem erreichbar, der die Größe des Kopfes mit der Größe des Herzens verbindet. Zwei Tage darauf, am 20. April, maßen sich die Parteien: 194 gegen 79 Stimmen genehmigten die Tagesordnung Ricasolis, welche »der Regierung allein« das Recht vorbehielt, für die Verteidigung des Vaterlandes zu sorgen.   Der Versuch, die Revolution ins Unendliche fortzusetzen, war abgeschlagen. Und doch lag dem Kriegsgeschrei der Aktionspartei ein richtiges Gefühl zu Grunde: der junge Staat blieb mehr ein Anspruch, ein Wunsch, als eine lebendige Macht, solange die Kanonen der Österreicher noch vom Mincio herüberdrohten und der Kirchenstaat in einer unmöglichen Stellung verharrte. Das Verlangen nach Rom ging lärmend, betörend, jeden anderen Gedanken erstickend durch die Nation. Wie sollte eine Regierung, die ihr Dasein selber der Revolution verdankte, die letzte und höchste Idee dieser Revolution bekämpfen? Der römischen Frage galt Cavours letzte Arbeit, und gerade hier, wo er vielfach irrte, trat die Erhabenheit seines Geistes mächtiger denn je hervor. Rom unsere Hauptstadt! – das war seit vierzig Jahren der Schlachtruf aller radikalen Sekten. Die zentrale Lage, der welthistorische Name der Stadt verleitete selbst den ersten Napoleon zu der Meinung, hier sei Italiens natürliche Hauptstadt; um wieviel weniger konnte die urteilslose Masse der Geschichte scharf ins Gesicht blicken und daraus ablesen, daß Rom seit Cäsars Tagen nicht mehr die Hauptstadt eines Volkes, sondern eine Weltstadt, der Mittelpunkt einer Weltmacht war. Dem politischen Radikalismus gesellte sich der religiöse. An hundert Straßenecken prangte das VV i Franmasoni , von plumper Faust gemalt; die Freimaurer, die Schwärmer, die Atheisten triumphierten, die Uhr des europäischen Dalai-Lama sei endlich abgelaufen. Der Gedanke, den Papst wieder zum Bischof von Rom zu machen – ein Einfall ebenso ausführbar und ebenso tiefsinnig wie die Hoffnung, den König von Preußen wieder in einen Grafen von Zollern zu verwandeln – erschien den Schwarmgeistern schon halb verwirklicht. Solches Geschrei erfüllte den Markt und fand doch in Wahrheit wenig Anklang in dem Herzen der Nation. Dies Volk, das noch nach der Weise des Boccaccio über die Klösterlinge spottete und zischelte, das seinen bösesten Räuber, den Mönchteufel, Fra Diavolo , nannte und oft den alten Kehrreim wiederholte: »drei sind Italiens Unheilsmächte: die Pest, die Mönche und Habsburgs Knechte« – dies Volk blieb trotz alledem oder vielmehr ebendeshalb katholisch. Nicht Einen Priester hatten die aufgeregten Massen der Romagna während der letzten Wirren erschlagen. Wohl war die Weltmacht am Tiber mit seltenen Unterbrechungen der finstere Fronvogt der Fremdherrschaft gewesen – seit jenem 6. Mai 1527, da die Söldner Karls V. die ewige Stadt erstürmten; den sacco di Roma kannte jedermann aus zahllosen volkstümlichen Darstellungen und beweinte ihn als den Todestag des italienischen Glücks. Aber alle politischen Sünden der Päpste hatten nicht vermocht, das religiöse Band zwischen der Kurie und diesem Volke zu zerreißen: Italien und das Papsttum gehörten zusammen. Ein Problem, das also alle Höhen und Tiefen des nationalen Lebens berührte, verlangte langsam schonende Prüfung. Ein Unglück, daß die fieberische Stimmung der Nation die Frist dazu nicht gewährte: der Süden weigerte sich, der Hauptstadt Turin zu gehorchen. Ohne Zweifel war Turin, zum mindesten für die ersten Erziehungsjahre des jungen Staates, die einzig brauchbare Hauptstadt, wenn man nicht tollkühn einen neuen Sprung ins Finstere wagen wollte. Hier stand der Thron inmitten eines tapferen, treuen Volkes, hier lagen alle politischen und militärischen Traditionen des Königshauses. Der guten Stadt kam auch kein ernster Zweifel an ihrer großen Zukunft: schwunghaft war die Baulust und die Einwanderung. Der König selbst, ein rechtes Turiner Kind, ließ sich in seinem Schlosse ein prachtvolles Treppenhaus errichten, »damit – wie die Inschrift sagt – der Zugang zu der Stelle, von wo Italiens Einheit auszog, heiterer werde.« Aber nimmermehr wollte Neapel den gehaßten Piemontesen den Vorrang lassen; auch in Mailand regte sich die alte Eifersucht wie vor zwölf Jahren. Nur vor der ewigen Stadt trat jede andere bescheiden zurück. Ernste Gründe sprachen gegen Turin: vornehmlich die seit der Abtretung Savoyens schwer gefährdete Lage der Stadt und ihr prosaischer, nur halb italienischer Charakter. Darf die Makedonierhauptstadt Pella jemals die Hauptstadt der Hellenen werden? – so fragte schon vor Jahren Balbo, und Cavour meinte traurig: ach, wenn Italien zwei Hauptstädte haben könnte, eine für den Werkeltag, eine für die Feste! Währenddem saß König Franz unter dem Schutze der Franzosen in Rom, bezahlte den Brigantenkrieg und hoffte auf einen piemontesischen Liborio Romano, der ihm sein Reich durch einen zweiten Verrat zurückgäbe. Diese Schmach der fremden Besatzung, dies Brutnest der Verschwörung länger zu dulden war dem Minister unmöglich, der seit dem savoyischen Handel die Gunst des Volkes verloren und nicht wiedergefunden hatte. Und wie er der Frage näher trat, erwachten ihm die schönsten und tiefsten Gedanken seiner Jugend; der alte Traum, Religion und Freiheit zu versöhnen, stand wieder glänzend vor seiner Seele. Er faßte den Plan, die Grenzen zwischen Staat und Kirche durch einen feierlichen Vertrag festzustellen: der Papst sollte verzichten auf seine weltliche Herrschaft und dafür die unbedingte Freiheit der Kirche, die freie Kirche im freien Staate, erhalten. Nach seiner großen Weise verschmähte Cavour auch hier jedes Flickwerk: er wollte die völlige Übergabe der weltlichen Gewalt, dergestalt, daß der König von Italien als Vikar des Papstes das patrimonium Petri regiere – keineswegs den Kirchenfürsten als einen Schein-Souverän einsperren in die »Schachtel« der leoninischen Stadt, wie nachher der Prinz Napoleon vorschlug. Nicht der eitle Wunsch, als Befreier auf das Kapitol zu ziehen – die Kernkraft seines sittlichen Seins vielmehr sprach aus diesen Plänen. Mit schier schwärmerischem Feuer pries er dies Geschlecht glücklich, dem beschieden sei, in einem Menschenalter ein Volk zum Dasein zu erwecken und den uralten Krieg des Staates mit der Kirche zu schließen; pries er die Größe dieser Frage, der gewaltigsten, die je ein Parlament beschäftigt – entscheidend für das Seelenheil von 200 Millionen katholischer Christen. Kein Einwand, aus der Vergangenheit entnommen, bestand vor ihm: wo sei denn jemals die volle Freiheit der Kirche in Kraft gewesen? »Gelingt uns dies, so ist mein Werk vollendet!« In solchen Augenblicken erschien er den Zeitgenossen wie ein Prophet; wir Nachlebenden wissen, daß seine Weissagung nicht eintraf. Nicht als ob wir die grandiose Idee der absoluten Kirchenfreiheit mit feiger Klugheit belächelten. Sie kann niemals ganz verwirklicht werden, weil das Verhältnis zwischen Staat und Kirche seinem Wesen nach ein irrationelles ist und bleibt; doch jeder Fortschritt der Gesittung wird die Welt dem Ideale Cavours näher führen. Wir bestreiten auch dem Katholiken nicht sein gutes Recht, daß er die Kirche als eine geschlossene Hierarchie auffasse und sich mit ihr als einem Ganzen abfinde, während wir Protestanten den Mittelpunkt des kirchlichen Lebens in dem freien Gewissen jedes Gläubigen suchen. Doch offenbar fehlte dem Grafen, versenkt wie er war in die politische Arbeit seines Lebens, die in die Tiefe: dringende Kenntnis kirchlicher Dinge. Er sah in der römischen Kirche die Kirche schlechtweg – gleich den meisten seiner Landsleute, die den Protestantismus so wenig verstehen, wie sie unsere Gotik verstanden haben. Daß diese Einseitigkeit Cavours heute von einzelnen denkenden Italienern durchschaut wird, dafür zeugt u. a. die geistvolle, freilich an Paradoxen reiche Schrift von A. Vera, il Cavour e libera chiesa in libero stato. Napoli, 1871. Er hoffte auf dem Kapitol einen Religionsfrieden zu schließen, welcher, dauerhafter als der westfälische, ein Zeitalter der Glaubensfreiheit über die Welt heraufführen werde. Ein goldener Traum, und doch ein Traum! Die römische Kirche ist eine streitbare Kirche unter vielen und nennt sich doch die katholische, und darf darum die Glaubensfreiheit niemals anerkennen; sie will selber ein Staat sein, nach den Worten ihres Bellarmin, so sichtbar wie der Staat von Venedig, und nötigt darum den weltlichen Staat, ihrer Herrschsucht feste Rechtsschranken zu setzen. – Zu nüchtern, um mit Lacordaire zu wähnen, daß die Protestanten in den Schoß der freien römischen Kirche zurückkehren würden, trat Cavour jetzt doch seinem klerikalen Bruder Gustav näher; und Graf Montalembert konnte auf dem belgischen Katholikenkongreß aus Cavours Rohr sich seine Pfeifen schneiden – sicherlich nicht um der wahren Glaubensfreiheit willen. Der Vertraute des Grafen in diesen kirchlichen Handeln war Pater Passaglia, der reine und gläubige Geistliche, der so mutvoll » pro causa italica « gestritten hat; doch schlägt ein Protestant dies wunderliche Buch auf, so weht ihn eine Luft an wie aus Gräbern; scholastisch der Ausdruck wie die Gedanken, und immer nur die una ecclesia ! – Solche Einseitigkeit scheint erklärlich bei einem italienischen Staatsmann, für dessen praktische Aufgaben der Protestantismus wenig bedeutete. Befremdlicher ist Cavours Urteil über die Verfassung der römischen Kirche; er hoffte einen freien Bund von Bistümern unter einem erwählten Oberhaupte erstehen zu sehen. Und doch springt in die Augen, daß die Bischöfe niemals so unselbständig waren wie in unserem Jahrhundert, und die römische Kirche vielmehr einer immer strafferen Zentralisation entgegengeht, wenn nicht vielleicht ein Schisma dereinst den künstlichen Bau zerschlagen sollte. Der Graf dachte groß von Pius dem Neunten – wenn nur dieser Unheilstifter Antonelli nicht wäre! Er versuchte durch die höchste Nachsicht gegen meuterische Bischöfe das Herz des Papstes zu gewinnen; sollte der Italiener auf dem heiligen Stuhle die fremde Garnison, die elende Lage des römischen Volkes nicht selber mit geheimem Kummer betrachten? In solcher hoffnungsvollen Stimmung hat Cavour sich nicht mehr so unbarmherzig wie in früheren Jahren die Wahrheit gestanden, daß ein Papst wohl auf Augenblicke als ein Italiener empfinden kann – wie Julius II., Clemens VII. – doch zuletzt das Dasein seiner Kirche immer höher stellen muß, als die Regungen seines vaterländischen Gefühls. Gelang Cavours genialer Plan, so eröffnete sich freilich die für einen Katholiken erhebende Aussicht, daß seine Kirche in Wirklichkeit werde, was sie in der Idee ist: eine Weltkirche. Der Papst, der nicht mehr italienischer Landesherr war, konnte vielleicht Gläubige aller Zungen, nicht mehr fast ausschließlich Italiener, in den Rat der Kardinale berufen. Aber alle diese hochfliegenden Gedanken fielen dahin, wenn Rom die Hauptstadt des Königreichs Italien wurde. Hier unzweifelhaft lag der große Fehler der Rechnung. Man stelle sich die beiden Höfe, den geistlichen und den weltlichen, lebhaft vor Augen – wie sie freundnachbarlich in Einer Stadt hausen, wie das unvermeidliche Ränkespiel zwischen den beiden Palästen beginnt, wie die Weltkinder auf dem glatten Boden der Parketts neben den Rot- und Blaustrümpfen des Vatikans sich als Tölpel erweisen, wie zuerst die Frauen, dann die sinnlichen Männer des königlichen Hofes den seinen Künsten der Monsignoren erliegen. Wahrlich, aus solchem friedlichen Zusammenleben konnte nur der Zustand hervorgehen, den Cavour als der Übel größtes verabscheute: eine neue Form des Cäsaropapismus, die Unterwerfung des Staates unter den Einfluß der Kirche. Die Freiheit dieser Kirche, die das sacrificio dell' intelletto auf ihre Fahnen schreibt, wird da unfehlbar zur Lüge, wo die Gemüter nicht innerlich befreit sind vom Kirchenzwange. Oder wenn der Einzug in Rom gegen den Willen des Papstes erzwungen werden mußte und die Kurie unversöhnlich blieb, dann drohte in der neuen Hauptstadt ein unabsehbarer Kriegszustand, der den jungen Staat im Innern schwächen und in manche peinliche auswärtige Händel verwickeln mußte. Und ist nicht die römische Luft der Nüchternheit des modernen Staates ebenso ungünstig als die Turiner günstig? Neben der Majestät der Katakomben und Amphitheater und Basiliken verschwindet schier der leichtlebige Mensch unserer Tage; durch prahlerische Kraftworte suchten sich der Prinz von Canino und die anderen Volkstribunen der neurömischen Republik von 48 emporzuheben zu der Größe ihrer Umgebung. Die Gefahr lag nahe, daß auch das italienische Parlament in dieser Welt grandioser Erinnerungen sich an Phrasen berauschte, und über dem Traume des italienischen Primats die bescheidene Wirklichkeit vergäße. Und dieses Römervolk! Die Zeit war gewesen, da das altrömische Volk Italien schuf, indem es die Italiener bezwang. An der Freiheit der Kommunen, an allem Herrlichen der neuen italienischen Geschichte nahm die Stadt Rom fast keinen Anteil, für die Einheitsbewegung der jüngsten Zeit stellte sie keinen einzigen namhaften Mann ins Feld. Hier, in der gesunkenen Stadt, die unter 220 000 Einwohnern 60 000 eingeschriebene Almosenempfänger zählte, hier unter den lungernden Bettlern und den verweichlichten Depotengeschlechtern der Päpste mochte der Künstler träumen, die derbe Prosa des konstitutionellen Staates fand hier keine Heimat. Zwar wiesen die Patrioten aus der Geschichte nach, daß die Stadt hundertundeinundsiebzigmal binnen tausend Jahren sich wider die schlechteste der Regierungen empört hatte, und soeben noch bat eine Adresse, von 10 000 Römern unterschrieben, den Kaiser und den König um die Beseitigung der weltlichen Gewalt; doch seitdem haben wir erfahren, wie wenig nachhaltige Kraft hinter solchen Wünschen lag. Über all diese handgreiflichen Einwürfe sprang die Nation hinweg mit dem Schlagwort: Italien läßt sich nur von Rom aus regieren; sie hörte nicht die unwiderlegliche Antwort: die römische Kirche läßt sich nur von Rom aus regieren. Cavour schwankte oft inmitten der ungeheuren Bedenken. Er sagte schon ein Jahr vor seinem Tode auf einem Hofball in vollem Ernst zu einer Freundin: übers Jahr werden Sie im Quirinal tanzen! Er bekämpfte im Parlamente entschieden den Gedanken, die Verlegung der Hauptstadt zu verschieben, und gestand doch sogleich nach dieser Sitzung dem englischen Gesandten: wir wollen nach Rom, nicht um dort zu bleiben, sondern um über Rom zu triumphieren. Eines steht fest inmitten dieser Widersprüche: Cavour wollte in Rom einziehen und bald – damit die französische Garnison verschwinde und der Friede zwischen Staat und Kirche geschlossen werde. Ob er, in der ewigen Stadt eingetroffen, dort sogleich das Hoflager aufgeschlagen oder nicht vielmehr vorgezogen hätte, das Parlament noch durch einige Jahre in Turin zu lassen – darüber zu streiten ist müßig: der »Philosoph des möglichen« pflegte seine Pläne für die Zukunft so unverrückbar nicht festzustellen. Der Gedanke »die freie Kirche im freien Staate« war einer der leitenden Gedanken in Cavours ganzem Leben. Daß er ihn jetzt gerade aussprach, ward allerdings verschuldet durch die Verlegenheiten des Parteikampfes. Er wollte dem Radikalismus die Fahne »Rom Hauptstadt« aus der Hand reißen, um sie selber aufzupflanzen, und zugleich die Eifersucht der großen Städte, den Groll der katholischen Partei beschwichtigen. Der Graf gestand, daß ihm die Gegenwart Italiens mehr Sorge errege als die Zukunft: sogleich, unverzüglich mußte der tolle Wirrwarr der Meinungen sich klären, wenn Italien sich konstituieren sollte. Darum gab Cavour seit dem Herbst 1860 die Schweigsamkeit auf, die er in den letzten Monaten sich auferlegt; zur Verwunderung der Freunde suchte er jetzt die Gelegenheit, durch wohlausgearbeitete Reden die Leidenschaft der Nation zu belehren, zu ermäßigen. Im Oktober erklärte er dem Parlamente: »Rom ist unser Polarstern. Die ewige Stadt, auf welche 25 Jahrhunderte jede Art des Ruhmes gehäuft haben, soll die glänzende Hauptstadt Italiens werden.« Aber nicht die Revolution wird uns nach Rom führen, sondern »moralische Mittel«. Wir müssen die Kurie selbst gewinnen für die Überzeugung, daß der Papst nicht mehr ein König sein kann, den Klerus von Italien für die Einsicht, daß die Freiheit für die Entwicklung des religiösen Gefühles ein Segen ist. Wir haben die Meinung Europas für denselben Gedanken zu erwärmen; denn »in Zeiten wie diese verfügen die Diplomaten nicht mehr über die Völker, sondern die Völker legen ihnen die Werke auf, die zu vollenden sind.« Wir haben endlich mit Frankreich uns zu verständigen. Am Tage nach dieser Rede ließ Cavour die Verhandlungen mit dem Papste beginnen. Der Mißerfolg, den Napoleon I. bei demselben Versuche davongetragen, erschreckte den Mann keineswegs, den nicht napoleonische Frivolität, sondern ein heiliger Ernst beseelte. In der Tat verliefen die Unterhandlungen günstig, bis plötzlich im Januar das Ungeschick der Agenten zu einem schroffen Bruche führte. Aber wenngleich die Verständigung diesmal an einem Zufall scheiterte, das Scheitern selber war mit Nichten ein Zufall. Die katholische Welt und die Stimmung der Kurie selbst war, wie Napoleon III, dem Grafen längst vorausgesagt, noch bei weitem nicht genug darauf vorbereitet, das weltliche Papsttum preiszugeben. Sofort nach diesem Bruche ließ Rom dem alten Hasse wieder die Zügel schießen. Im März beteuerte der Papst in feierlicher Allokution, er könne niemals der modernen Zivilisation die Hand reichen; und als darauf der König seinen neuen Titel annahm, schrieb die Kurie den Höfen: »dieser katholische König hat jetzt das Siegel gedrückt unter die kirchenschänderischen Raubtaten, die er schon begangen.« Nur um so fester hielt die Nation an ihrer Hoffnung; die warnenden Stimmen der Föderalisten, Cernuschis und anderer, verhallten spurlos. Da wagte im März Azeglio einen der kühnsten Schritte seines Lebens: er trotzte der öffentlichen Meinung ins Angesicht mit seiner Schrift le quistioni urgenti . Dieser durch und durch moderne Mensch, der kurzab versicherte, eine Lokomotive sei ein ungleich stolzeres Denkmal menschlicher Größe als ein römisches Amphitheater, zitterte bei der Aussicht, daß der neue Staat von dem Meere antikisierender Phrasen verschlungen werde. Den treuen Piemontesen empörte der Undank, der an seiner tapferen Heimat sich versündigte; er kannte Rom gründlicher als Cavour, und sein minder erhabener Geist, den die hochfliegenden Gedanken des Grafen nicht beirrten, sah diesmal klarer die praktischen Hindernisse. Rom soll eine italienische Stadt werden – so lautete sein Schluß – doch nimmermehr unsere Hauptstadt; danken wir Gott, daß Italien viele Hauptstädte besitzt! Auch diese Mahnung beirrte den Grafen nicht, denn »die Hauptstadt eines Volkes wird bestimmt durch sittliche Gründe, durch das nationale Gefühl«. Damit sprach er wieder das entscheidende Wort; das Verlangen der Nation nach der Hauptstadt am Tiber war in der Tat eine moralische Macht, welcher keine staatsmännische Berechnung die Wage halten konnte. Cavour wagte im März, das Parlament für seine römische Politik feierlich zu verpflichten. Sein getreuer Audinot stellte eine Anfrage wegen der Lage Roms, und das Haus beschloß am 27. März auf Boncompagnis Antrag, zur Tagesordnung überzugehen »in dem Vertrauen, daß die Würde, das Ansehen, die Unabhängigkeit des Papstes und den Willen der Natione volle Freiheit der Kirche gewahrt, im Einverständnis mit Frankreich der Grundsatz der Nichtintervention angewendet, und Rom, von dem Willen der Nation als Hauptstadt ausgerufen, mit Italien vereinigt werden wird«. Nur ein Ruf der Bewunderung ging durch den Saal, als der Graf am 25. die gewaltige Rede hielt, welche jenem Antrage zum Siege verhalf und in den Worten gipfelte: »Wir werden zu dem Papste sprechen: Heiliger Vater! Die zeitliche Gewalt ist für dich nicht mehr eine Gewähr der Unabhängigkeit. Verzichte darauf, und wir wollen dir jene Freiheit geben, die du seit drei Jahrhunderten vergeblich von allen großen katholischen Mächten erbeten hast. Wir sind bereit, in Italien den großen Grundsatz zu verkünden: die freie Kirche im freien Staate.« Und welch ein felsenfester Glaube an die Freiheit sprach aus den Worten, die Cavour bald darauf dem Senate zurief: er sei gefaßt darauf, daß nach der Verkündigung der Kirchenfreiheit die katholische Partei auf lange Zeit ans Ruder gelange, und gern bereit in der Opposition zu stehen. – Ein glänzender Abschluß einer großen parlamentarischen Laufbahn – und doch ein sehr zweifelhafter Erfolg. Nenn hinter jenem einstimmigen Parlamentsbeschlusse, der Boncompagnis Antrag annahm, verbürgen sich mannigfache Hintergedanken. Die Turiner meinten vergnügt im stillen: jetzt ist die Prinzipienfrage durch eine dröhnende Erklärung abgetan, und die Hauptstadt wird noch lange bei uns bleiben. Die Radikalen aber hörten aus allen Vorbehalten Boncompagnis allein ihre eigene Losung: Rom oder den Tod! heraus. Auch die Besonnenen glaubten zumeist: wenn der Graf also redet, so wird der Zug nach Rom sofort beginnen. Cavour wollte der Aktionspartei, die doch jederzeit einen neuen Lärmruf erfinden konnte, ein mächtiges Schlagwort entreißen. Und gewiß gelang ihm ein Erfolg für den Augenblick: die Stellung des Ministers wurde durch die Tagesordnung Boncompagni so sehr verstärkt, daß er bald nachher Garibaldi schlagen konnte durch die Tagesordnung Ricasoli, die wir kennen. Aber im selben Augenblicke band der Graf sich selber die Hände fest. Er griff der Zukunft vor, was er noch nie getan, verpflichtete den Thron für eine Aufgabe, die sich noch nicht übersehen ließ. Er wollte durch die feierliche Erklärung des Parlaments den Weltteil zwingen zu der Einsicht, daß Italien der Hauptstadt Rom bedürfe; und die steigende Erbitterung der Katholiken draußen lehrte, daß heilige Überzeugungen sich nicht im Fluge verwandeln. Längst spähte der Graf, um dem französischen Vormund zu entschlüpfen, nach anderen Bundesgenossen aus. Seine Getreuen bereisten Deutschland, La Farinas Verein schrieb an den deutschen Nationalverein bewegliche Mahnungen. Cavour selbst sprach im Herbst bedeutungsvoll: »die Zeit ist nicht fern, wo der größte Teil des edlen Deutschlands zeigen wird, daß er nicht mehr mitschuldig sein will an den Leiden Venedigs.« Laut pries er dies Preußen, das, national und liberal zugleich, sich an die Spitze der deutschen Bewegung stelle und dadurch sich als eine konservative Macht bewähre. Die letzte Thronrede begrüßte warm den neuen König von Preußen; General Bonin war während jener parlamentarischen Feier der Held des Tages. Der preußische Gesandte Graf Brassier de St. Simon hatte dessen kaum ein Hehl, daß er die Befreiung Venedigs von einem preußisch-italienischen Bündnis erwarte. Aber der Berliner Hof verharrte in seiner zuwartenden Haltung, die verschwommene Gefühlsseligkeit der deutschen Patrioten vermochte nicht den Wink des natürlichen Bundesgenossen zu verstehen. Ohne Freunde im Norden, von dem Papste zurückgestoßen, versuchte Cavour jetzt sein Glück in Paris: Italien und Rom sollten einander allein gegenüberstehen. Noch während jener Parlamentsverhandlungen ließ er in den Tuilerien einen Plan vorlegen, der nach Jahren, abgeschwächt, durch den Septembervertrag verwirklicht wurde: die Franzosen verlassen Rom sofort, Italien übernimmt die Bürgschaft, daß kein Einfall in den Kirchenstaat erfolge. Zu dem Versprechen, die Hauptstadt zu verlegen, ließ sich der stolze Italiener nicht herbei. Die Dinge waren in gutem Zuge. Am 5. Juni erklärte Frankreich an Spanien und Österreich: wir wollen keinen katholischen Bund, die Ordnung in Rom kann nicht hergestellt werden ohne die Zustimmung der Römer, nicht ohne die Mitwirkung Italiens. Dem Staatsmanne war nicht beschieden, diesen letzten Erfolg seines Tuns zu schauen. Am 29. Mai begann sein Körper der ungeheuren Last seines Tagewerkes zu erliegen. In sein Krankenzimmer drang noch die Kunde, daß das einige Italien zum ersten Male sein Nationalfest gefeiert und der König triumphierend an seines Vaters Wort erinnert habe: »es reifen die Geschicke Italiens.« Weitum durch die Welt flogen die Gedanken des Sterbenden, auch nach unserem Vaterlande: »Die deutsche Einheit wird gegründet werden, aber diese langsamen Preußen werden fünfzig Jahre brauchen, um uns nachzufolgen.« Erhabene Bilder von einer Zeit des Lichtes und der Freiheit standen vor seiner Seele; selbst dem Gegner und Kampfgenossen Garibaldi spendete der Kranke ein Wort der Bewunderung. Oft klang die Klage: Italien braucht mich, ich darf nicht sterben; doch unwandelbar blieb ihm die Zuversicht auf die Dauer seines Werkes. Noch ein letzter erschütternder Abschied von dem Könige – und als endlich der Kranke erschöpft unter dem blauen Betthimmel lag, da trat sein Pater Jakob mit dem Allerheiligsten in das Gemach. Der treue Mann hatte dem Grafen vor Jahren, da der Kirchenstreit am wildesten tobte, in die Hand versprochen, er werde ihn nicht verlassen in seiner letzten Stunde. So starb der Ausgestoßene als ein katholischer Christ am 5. Juni. Sein letztes Wort hieß: libera chiesa, in libero stato – Alle hellen Köpfe der Welt empfanden den Schlag wie einen gemeinsamen Verlust der großen Gemeinde der Freiheit; die Puritaner in England klagten: a prince has fallen in Israel . Die Städte Turin und Florenz stritten mit dem königlichen Hause um die Ehre, dem Toten die Gruft zu bereiten; selbst die Blätter der Klerikalen erzählten jetzt von der offenen Hand und dem milden Herzen des Grafen. Nur Mazzinis Gemeinheit versagte sich's nicht, auch diesen Sarg zu besudeln, und der unversöhnte Papst forderte den Pater Jakob vor seinen Richterstuhl. Das Gesetz der Natur, das den Acker zwingt brach zu liegen, wenn er lange fünfzigfache Frucht getragen, gilt auch der schöpferischen Kraft der Völker. Es war der Lauf der Welt, daß Cavour einen Nachfolger nicht finden konnte. Aber so ungeheuer schien die Lücke, die sein Scheiden riß, so weit der Abstand von ihm bis zu den Besten seines Landes, daß seinem Tode nicht einmal jenes still erleichterte Aufatmen folgte, womit der kleine Mensch den Hingang einer gewaltig lastenden Herrscherkraft zu begrüßen pflegt. Seine Größe bändigte die mißtrauische Schmähsucht der Nation; mochten die Gegner über »die kalte und verderbliche Hand« dieses Teufels klagen: daß er zu herrschen verstehe, durften sie nicht leugnen. Kaum war er geschieden, so brach die alte Sünde zuchtlos wieder aus; tausend geschäftige Zähne nagten und zerrten an jedem redlich verdienten Ruhme, niemand konnte noch sagen: Italien achtet mich. Cavour hielt die Idee des Vaterlandes so stolz und siegesgewiß der Selbstsucht der Provinzen entgegen, daß die Feinde nicht wagten, das Geheimnis ihrer Herzen auszusprechen, und sich versteckten hinter der kläglichen Maske: wir wollen die Einheit, aber auch die Freiheit. Drei Wochen nach seinem Hingang, am 29. Juni, erklangen zum ersten Male im Parlamente die schamlosen Stimmen partikularistischer Frechheit – um seitdem nicht wieder zu verstummen. Er stieß das kleine Gezänk mit einem Fußtritt zur Seite und stellte groß und klar die eine Frage: Cavour oder Garibaldi, die monarchische Ordnung oder die verewigte Revolution? Mit jedem Tage, der seit seinem Tode verstrich, trat das Gezwerg der Fraktionen fröhlicher hervor. Unentwirrbar verflochten und verschoben sich die Parteien, bis endlich dem jungen Staate das schwerste Unheil kam, das kommen konnte: das alte Piemont, die Stütze des Thrones, zog in die Reihen der Opposition hinüber, um erst nach langen Jahren unfruchtbaren Haders zögernd den Weg zu dem Herrscherhaus zurück zu finden. Cavour regierte; die ihm folgten, dienten – sie dienten einer schwankenden öffentlichen Meinung, welche die verbrauchten Werkzeuge bald hohnlachend fallen ließ. Cavour benutzte die Hilfe Frankreichs mit Widerstreben, weil er mußte – ohne je den Stolz des Italieners zu verleugnen. Unter denen, die sich seine Schüler nannten, galt der Bund mit Frankreich als ein Glaubenssatz, auch das Unwürdige nahmen sie gelassen hin von der Hoffart des Nachbarn. Napoleons Gesandter spielte den Vormund am italienischen Hofe; selbst das wunderbare Glück des Jahres 1866 wußte man nicht zu verwerten, und noch als das Verhängnis über den Napoleoniden hereinbrach, schrieb der tüchtigste Publizist unter den entarteten Schülern des großen Grafen das schimpfliche Geständnis nieder: »Die Grundmauern des Königreichs Italien ruhen weit mehr, als man weiß und wünscht, auf dem französischen Kaisertum!« – Was Wunder, daß die Nation vor dieser Welt des Unsegens, die nach Cavours Tod hereinbrach, bitterlich klagte: es stünde anders, wenn der Graf noch lebte! Wer tiefer blickt, gelangt zu dem Urteil: Cavour starb zur rechten Zeit für seinen Ruhm. Die Nöte, welche noch derweil er lebte, von ihm nicht gehört, an die Tore klopften, die Leiden, welche dicht hinter seinem Sarge Italien heimsuchten, waren nicht zu heilen durch eines Mannes Kraft; sie heilte nur die Macht der Zeit. Auch Cavour konnte nicht das arbeitsame, geduldige Geschlecht, das der junge Staat verlangte, aus dem Boden stampfen; auch er konnte nicht in der katholischen Welt jene Umwandlung uralten Glaubens hervorzaubern, welche allein einen heilsamen Abschluß der römischen Frage gestattete. Und wohl ihm, daß ein gnädiges Geschick ihm ersparte, die grausamen Enttäuschungen einer nahen Zukunft zu sehen und zu erleben, wie dies undankbare Zeitalter auch ihn zu dem alten Eisen, unter die Utopisten geworfen hatte! So wie es endete in seiner Taten Fülle, erscheint sein Leben als ein Bild des höchsten Mannesglücks und jener Tugend, die hochgemut mit dem homerischen Hektor spricht: Ein Wahrzeichen nur gilt – das Vaterland zu erretten. Und doch überkommt uns selbst vor diesem Leben erschütternd das Gefühl, wie groß ein Volk ist und wie klein ein Mann. Denn gewaltiger noch als das Bild des Mannes selber bleibt der majestätische Hintergrund, von dem die Erscheinung sich abhebt: diese Auferstehung einer großen Nation, die abermals der Welt verkündete, daß christliche Völker nicht sterben können. Wir Deutschen aber blicken mit frohem Stolze auf dies Schauspiel zurück. Das schwere Unrecht, das auf welschem Boden durch den Mißbrauch unseres Namens aufgehäuft ward, ist endlich getilgt, seit die Adler Friedrichs des Großen wieder den wohlbekannten Weg nach Böhmen fanden und dort Venedig für Italien eroberten, seit die Sieger von Metz und Sedan den Italienern die Schlüssel der ewigen Stadt überreichten. Wir überlassen der Zukunft, dereinst zu richten zwischen dem Gründer des italienischen und dem Gründer des deutschen Staates – eine Aufgabe, die heute nur den vorlauten Propheten oder die buhlerische Eitelkeit reizen kann. Unzweifelhaft ist dem deutschen Staatsmanne das schwerere Werk gelungen; denn im Kampfe mit zwei Großmächten, unter dem stillen Widerstreben fast des gesamten Weltteils mußte sich Preußen, allerdings ungleich besser gerüstet als das kleine Piemont, die Erfüllung seiner Geschicke erzwingen. Wir freuen uns des jungen Lebens, das in dem Einheitsstaate Cavours unter schweren Kümmernissen aufsprießt und das, so hoffen wir, selbst in Rom die Kräfte einer groß angelegten Volksnatur wieder erwecken wird, und kehren dann voll guter Zuversicht zurück zu der Arbeit unseres Staates – froh der Erinnerung, daß uns vergönnt war, zweimal zur selben Zeit die Freiheit des neuen Deutschlands wider ausländischen Übermut zu behaupten und einem fremden Volke die Sühne alter Schuld, die Erfüllung gerechter Wünsche zu bringen. Das Truggebilde, das sich in Frankreich republikanische Freiheit nennt, zeigt längst sein wahres Angesicht. Frech und höhnisch klingt der Haß und Neid der romanischen Stammesvettern nach Italien hinüber. Mögen die Italiener diese neu gewonnene Einsicht beherzigen und den Adel ihres Volkstums befreien von der Herrschaft gallischer Sitten! Durch uralte Schicksalsgemeinschaft mit uns Deutschen, durch die Bande des Blutes mit den Franzosen verbunden, sind sie wie keine andere Nation befähigt, eine Macht der Versöhnung zu bilden zwischen den beiden verfeindeten Nachbarvölkern. Das ist die Staatskunst, die dem Volke Cavours geziemt. Lessing. (Leipzig 1863.) Allein die Zeitgenossen winden dem Dichter den schönsten der Kränze. Gerechter vielleicht mag die Nachwelt richten, als einen Seherblick des Genius mag sie einzelnes preisen, was den Mitlebenden unverstanden vorüberschwebte; doch jene fraglose unwillkürliche Rührung der Seelen, die der Künstler als edelsten Lohn erstrebt, wird er am gewaltigsten in seiner Zeit erregen. Wie könnte heute ein Jüngling von den Leiden des jungen Werther so schmerzlich ergriffen werden wie damals, da die Werther noch auf unseren Straßen verkehrten? Und hat je eine moderne Hörerschaft den Scherzen der Narren Shakespeares ein so herzliches baucherschütterndes Gelächter entgegengebracht, wie es dem Dichter zuscholl aus den Reihen der Gründlinge seines Parterres? Immer wird heute inmitten der jubelnden Menge ein Nüchterner stehen und meinen: so, ganz so empfinden wir nicht mehr. Alle Welt weiß, wie wenigen Dichtern beschieden ward, noch in der Zukunft vom Volke geliebt, nicht bloß durchgrübelt zu werden von den Fachgelehrten. Warum aber ist bei den Deutschen die Zahl der Dichter so auffällig gering, welche den Jahrhunderten getrotzt? Denn wer außer dem Forscher liest noch, was über die Literaturbriefe, über die Werke von Lessings Mannesalter hinausliegt? Es ist wahr, weit später als anderen Völkern ist den Deutschen der Tag der Dichtung erschienen, und in dem Jahrhundert, seit jener Morgen graute, hat unser Volk erstaunlich rasch gelebt. Aber ist mit solcher Antwort das Rätsel gelöst? Warum erfreut sich der Brite noch an seinem Spenser, während Klopstock und Wieland unserem Volke nur Namen sind? Hat doch auch über den Glanz von Spensers Dichtung sein großer Nachfahr Shakespeare seinen breiten Schatten geworfen, und ungeteilte Freude kann der derbe Realismus der Gegenwart an jenen zierlichen Allegorien so wenig empfinden, wie unser aufgeregtes Wesen an dem ruhigen Flusse des Epos. Offenbar, wir müssen eine andere Antwort suchen. Ein Märchen ist es, erfunden in philisterhaften Tagen, als könne je ein vorwiegend literarisches Volk bestehen. Zuerst nach dem Ruhme seiner Fahnen schaut ein Volk aus, wenn es seiner Vergangenheit gedenkt, und gern vergißt es die Mängel, das Veraltete eines Kunstwerks, wenn die Glorie einer großen Zeit aus der alten Dichtung redet. Nie genug werden wir die Briten um jenes vornehmste Zeichen ihrer Gesundheit und harmonischen Kraft beneiden, daß ihnen die Kunst auf dem festen Boden staatlicher Größe reifte. Liest der Engländer die Verse von der Feenkönigin, so steigt vor seinen Augen auf das Bild der großen Elisabeth, er sieht sie reiten auf dem weißen Zelter vor jenem Heere, dem die unüberwindliche Armada wich, und hinter den kriegerischen Scharen der Engel in Miltons Verlorenem Paradiese erblickt er kämpfend Cromwells gottselige Dragoner. So tritt auch dem Spanier aus den Dichtungen seiner Lope und Cervantes das Weltreich entgegen, darin die Sonne nicht unterging. Also erhalten durch die Wucht erhabener politischer Erinnerungen diese Werke einen monumentalen Charakter. Wo aber fand die deutsche Dichtung des achtzehnten Jahrhunderts solch ein Fußgestell staatlicher Größe, daraus sie sich sicher emporheben konnte? Von einem gesunkenen, verachteten Reiche, von einem mißhandelten Volke gingen unsere Sänger aus, und wie ihnen im Leben keines Mediceers Güte lächelte, so auch im Tode sind sie, was sie sind, durch sich selbst allein. Als Lessing sein letztes Drama schrieb, fragte er zweifelnd, ob die Tage reiner Menschensitte so bald erscheinen würden, die dies Wert auf der Bühne ertrügen; Heil und Glück rief er dem Orte zu, der zuerst die Aufführung des Nathan schauen würde. Und – vor zwanzig Jahren ging in Konstantinopel der Nathan in neugriechischer Bearbeitung über die Bretter. Als dann vor den verwunderten Türken die edlen Worte erklangen: »es strebe von euch jeder um die Wette, die Kraft des Steins in seinem Ring an Tag zu legen«, und die rechtgläubigen Moslemin in lauten Beifall ausbrachen, da mochte wohl ein Deutscher stolzer den Nacken heben. Denn hier, weit über die Grenzen christlicher Gesittung hinaus, wo keiner des Dichters Namen kannte, keine volkstümliche Erinnerung des Gedichtes Zauber erhöhte – hier strahlte siegreich die Macht des deutschen Genius allein, das weltbezwingende Lächeln der Menschenliebe. Durch sich selbst allein wirken jene Künstler auf die Nachgeborenen. Noch mehr, sie selbst erst sind die Schöpfer eines freieren öffentlichen Lebens in unserem Volke, sie standen unbewußt im Bunde mit jenen Staatsmännern, die dem deutschen Staatswesen ein menschlicheres Dasein bereitet haben. Wie sich von selbst versteht in einer Zeit, wo das häusliche Leben die beste Kraft der Deutschen erschöpfte, geschah dies Hinüberwirken Lessings auf unser öffentliches Leben vornehmlich durch seine Person, durch die souveräne Selbständigkeit seines Charakters. Erst vor wenigen Jahren ist ein gutes Bild des Knaben Lessing bekannt geworden, und mit schalkhaftem Behagen sehen wir den Mann vorgebildet in den Zügen des Kindes. Da sitzt Theophilus Lessing, sittsam, ernst, in priesterlich langem Gewande, ehrbarlich ein Lämmchen fütternd, daneben der aufgeweckte Bruder, »mit einem großen, großen Haufen Bücher«, in der eleganten roten Tracht der Zeit; auch der Unkundige kann erraten, daß jenem bestimmt sei, zu leben als dunkler Ehrenmann und Konrektor, diesem – als Gotthold Lessing. Kraft und Wahrhaftigkeit spricht aus den derben Zügen des Knaben, und wahrlich, hart gebettet hat die Zeit den starken und wahren Mann. Sein Puls schlug bei voller Gesundheit so schnell wie der Puls anderer im Fieber, er besaß im höchsten Maße jene Lebhaftigkeit des Redens, welche die Obersachsen vor anderen Deutschen auszeichnet. Wie rasch jagen sich da Fragen, Ausrufe, schnell wiederholte abgebrochene Worte, und er fand den Mut also zu schreiben, wie seine Landsleute dachten und sprachen. Nie hat ein Schriftsteller getreuer jenes Wort erfüllt, das seltsam genug zuerst ausgesprochen ward in einer Nation, die es nicht versteht – das Wort: le style c'est l'homme . Dramatisch bewegt wie das Leben selber strömt sie dahin, diese schmucklose, wasserklare Prosa – dem Unkundigen ein Kind der Laune, des Augenblicks, dem Tieferblickenden ein Werk vollendeter Kunst, die schwierigste aller Schreibweisen, denn unerträglich verletzend muß jeder triviale Gedanke, jede falsche Empfindung sich verraten unter dieser leichten, nichts verbergenden Hülle. Und dieser Natürlichste der Menschen wuchs empor in einer Umgebung, wo jedes einfache menschliche Gefühl in feste, herzlose, beengende Formen gebannt war, in einem Vaterhause, wo hart abweisend der Befehl der Eltern, unterwürfig und in schnörkelhaftem Ausdruck die Antwort der Kinder erklang. Der ganze Schmerz um eine verbildete Jugend spricht aus dem Ausruf des Mannes: »der Name Mutter ist süß, aber Frau Mutter ist wie Honig mit Zitronensaft.« Als er dann in Leipzig sich herausriß aus der dürftigen Buchgelehrsamkeit der Schule und jenes Doppelwesen seiner Natur, das schon das Bild des Kindes ahnen läßt, sich entfaltete – der Gelehrte, der in jedem Buche der Wittenberger Bibliothek geblättert, der an schlechten Büchern mit Vorliebe seinen Scharfsinn übte, und der Weltmann von feinen Formen, der sich gern im Lärm des Tages tummelte, um die rasche Wallung seines Blutes zu übertäuben: – da brach jener schwere Kampf aus mit seinen Eltern, der längst schon gedroht. Man kennt jenes bittere Wort, das Lessing am Abend seines Lebens schrieb: »ich wünsche was ich wünsche mit so viel vorher empfindender Freude, daß meistentheils das Glück der Mühe überhoben zu sein glaubt, den Wunsch zu erfüllen.« Seiner Jugend vornehmlich gilt diese Klage wider das karge Glück. Auch der Geduldigste unter uns ertrüge nicht mehr die Öde des Daseins jener Tage: ein Volk ohne Vaterland, darum gezwungen, im Hause jede Freude zu suchen, und dennoch unfrei sogar im häuslichen Leben. Sie werden freilich immer wiederkehren, am heftigsten in fruchtbaren, aufstrebenden Zeiten, jene traurigen Zerwürfnisse von Vater und Sohn, herzergreifend traurig, weil jeder Teil im Rechte ist und das alte Geschlecht die junge Welt nicht mehr verstehen darf. Aber in Lessings Leben – wie herzlich er auch von seinem Vater sprach, wie groß immer die innere Verwandtschaft der beiden Streitenden war – in Lessings Leben erscheint dieser Kampf unmäßig hart, das alte Geschlecht ungewöhnlich klein und gehässig. Denn der Hader bewegte sich nicht um politische und religiöse Fragen, die doch nur mittelbar den Frieden des Hauses berühren; eine große gesellschaftliche Umwälzung vielmehr begann sich zu vollziehen, die Ehre des väterlichen Hauses ward bloßgestellt durch die soziale Stellung des Sohnes. Bis dahin war, wer hinausstrebte aus der Erwerbstätigkeit des Bürgertums, in den Dienst des Staates oder der Kirche gegangen. Die regsamsten Kräfte des Adels und der Mittelklassen hatte das Beamtentum und jene Zunftgelehrsamkeit des Katheders verschlungen, die kaum noch den Namen der akademischen Freiheit kannte. Höchstens dem bildenden Künstler ward gestattet seiner Kunst zu leben, im Gefolge eines Hofes ein Unterkommen zu suchen. Da wagte der Sohn des ehrenfesten Pastorenhauses, was vordem nur verdorbene Talente zu ihrem Unsegen versucht hatten, er wurde der freie Schriftsteller, der erste deutsche Literat – nicht in klarer Absicht, nein, wie die Menschen werden, wozu der Geist sie treibt, weil er nicht anders konnte, weil dieser freie Kopf den Zwang des Amtes nicht ertrug. Wie er also unserem Volke eine neue ungebundene Berufsklasse erschuf, so wandte er auch zuerst mit Bewußtsein sich an ein neues Publikum. Nimmermehr mochte er der unfreien Weise der Mehrzahl seiner Vorgänger folgen, die nur geziert für die Höfe, plump für das Volk zu schreiben wußten. Wohl dachte er groß und menschlich von den niederen Ständen, von »dem mit seinem Körper tätigen Teile des Volks, dem es nicht sowohl an Verstand als an Gelegenheit ihn zu zeigen fehlt«, er wünschte ihnen als Tröstung Gedichte zum Preise der »fröhlichen Armut«. Er selber indes suchte sich andere Leser. Wie er sich hinausgerettet aus dem Bannkreise der alten Stände, so sprach er auch zu einem gebildeten Publikum, das keine Stände kennt, und half also diesen Kern unseres Volks erziehen, der in der Literatur zuerst, dann im Staate zur entscheidenden Macht emporwachsen sollte. Zum ersten Male sahen die Deutschen das ruhelose und doch nie würdelose Leben eines abenteuernden Schriftstellers. »Lessing,« sagt Goethe, »warf die persönliche Würde gern weg, weil er sich zutraute, sie jeden Augenblick wieder ergreifen und aufnehmen zu können.« Wie geistvoll hier der Herzenskündiger geurteilt, das bezeugt ein erst vor kurzem wieder aufgefundenes Epigramm aus Lessings Studienzeit; Goethe hat es nie gekannt, und doch stimmt es wörtlich mit seinem Urteile überein. Achtlos, übermütig wirft der Dichter in den ersten Zeilen seine Würde hin, um sie am Ende gefaßt wieder aufzunehmen – in den Versen: Wie lange währt's, so bin ich hin Und einer Nachwelt unter'n Füßen. Was braucht sie, wen sie tritt, zu wissen, Weiß ich nur, wer ich bin. Worte, überaus bezeichnend für Lessings rasche, ungestüme Weise des Lebens – denn er vor allen besaß jenen gemeinsamen Charakterzug aller vorwartsstrebenden Geister, die Gleichgültigkeit gegen seine eigenen Werke, sobald sie vollendet waren – aber bezeichnender noch für die Meinung, welche unseres Volkes beste Männer von dem Werte des Nachruhms hegten. Ist den hellen Köpfen der Romanen der Nachruhm das eingestandene höchste Ziel des Schaffens, so leben die Deutschen des Glaubens: der Ruhm sei, wie die Liebe, wie jedes echteste und höchste Glück des Lebens, eine Gnade des Geschicks, die wir in Demut hinnehmen, doch nimmermehr erstreben sollen. Und noch immer hat unser Volk sich jener Männer mit der wärmsten Liebe erinnert, die am wenigsten davon redeten, daß sie ein solches Gedächtnis erhofften. – Einen leisen Schatten freilich hat diese harte, kampferfüllte Jugend in Lessings Wesen zurückgelassen. Jener prosaische, nüchterne Zug, der Lessing von späteren glücklicheren Dichtern in ähnlicher Weise unterscheidet, wie Friedrich der Große einem Cäsar, einem Alexander gegenübersteht, läßt sich nicht allein aus der Naturanlage des Dichters erklären. In den Tagen, wo das Gemüt jede Härte am schmerzlichsten empfindet, hat kein Frauenauge gütig über ihm gewaltet, allein die streng abweisende Mutter, die lieblos meisternde Schwester trat ihm entgegen. Die innige Zartheit der Empfindung aber, die ein hartes Geschick dem Jüngling verkümmerte – wie vermöchte der Mann sie je aus sich heraus zu entfalten? Also hinausgetreten aus den altgewohnten Kreisen des bürgerlichen Lebens hat er mit unverwüstlichem Mut seinen Kampf geführt wider die falschen Götzen der literarischen Welt. Die Freude am Kampfe, am Widerspruch – vergeblich hat man es leugnen wollen – blieb die herrschende Leidenschaft in ihm, der von früh auf liebte, »Rettungen« verkannter Charaktere zu schreiben, der das Bekenntnis streitlustigen Stolzes niederlegte in dem Worte: »auf wen Alle losschlagen, der hat vor mir Frieden.« Wie die Schwäche und zugleich die Größe der modernen Kulturvölker gutenteils darin gelegen ist, daß sie nicht vermögen, wieder ganz jung zu werden, so offenbarte auch die unreife deutsche Dichtung jener Tage alle Mängel der Kindheit und des Greisenalters zugleich. Eine Weltliteratur mag man sie nennen, wenn das widerstandlose Aufnehmen fremdländischer Ideale und Formen zu solchem Namen berechtigt. Und doch war die in festen überlieferten Formen erstarrte Dichtung nicht einmal der korrekten Redeweise mächtig. Von beiden Schwächen hat Lessing unsere Dichtung geheilt. Man erfaßt nur eine Seite seines kritischen Wirkens, wenn man in ihm lediglich den trotzigen Streiter wider die régles du bon goût erblickt, wenn man ihm nicht folgt in jene ersten Jahre, da er mit der peinlichen Strenge des Pädagogen die kläglichen Übersetzungsfehler armseliger Gesellen rügte. Kein Wunder aber, daß jener Kampf mit den Regeln der französischen Ästhetik allein noch haftet in dem Gedächtnis der Nachwelt. Denn das erste dauernde seiner Werke schuf er erst, da er in den Literaturbriefen auf die zuversichtliche Behauptung: »Niemand wird leugnen, daß die deutsche Schaubühne einen großen Teil ihrer ersten Verbesserung dem Herrn Professor Gottsched zu danken habe« – seinen kecken Schlachtruf erschallen ließ: »ich bin dieser Niemand.« Allerdings der Zorn des tiefempörten nationalen Stolzes redet aus dieser Polemik. Wider den Dünkel der Kritik lehnt der Kritiker sich auf und hält ihr das Recht des Künstlers entgegen, der sich selber seine Bahnen bricht. Doch schärfer noch befehdet der Deutsche die Anmaßung des fremden Volkes, das jeden anderen Volksgeist in die Enge seiner konventionellen Empfindungen zu bannen gedachte. Wer hört nicht das schadenfrohe Gelächter des nationalen Selbstgefühles aus jenen erbarmungslosen Zeilen, die der untrüglichen französischen Ästhetik beweisen, daß sie die Regeln des Aristoteles nicht verstanden, die Voltaires Dramatik enthüllen, wie sie ist – gesucht, gemacht, der Natur entfremdet, »so steif, als wäre jedes Glied an einen besonderen Klotz geschmiedet?« Mochten die einen im derben Liede den alten Fritz preisen, der sich auf die Hosen klopft und die Franzosen laufen läßt, die andern Beifall rufen, wenn der deutsche Kritiker Voltaires Blöße zeigt: Beide feierten Siege eines wieder erwachenden Volkstums. Wucht und Nachdruck erhielten jene kritischen Schläge erst durch Lessings Dichtertaten. Auch er hatte sich geübt in den überlieferten Formen und Empfindungen anakreontischer Dichtung, und lange Zeit lockte seinen Scharfsinn, der zu spielen liebte, das Grenzgebiet zwischen Dichtung und Prosa: Fabel und Sinnspruch. Doch zur rechten Geltung gelangte das ihm eigene schöne Gleichgewicht ordnenden Verstandes und schöpferischer Phantasie in dem Drama. Das Gleichgewicht, sage ich. Denn jene noch heute oft nachgesprochene romantische Torheit, die dem Dichter der Minna von Barnhelm die echte poetische Kraft absprechen will, ist längst im voraus widerlegt durch den Denker, den Lessing selber als den größten der Ästhetiker verehrte. Aristoteles sagt: zum Dichten gehört ein Genius, ein kräftig und ebenmäßig geschaffener Geist (εύφνής), der von Natur schon das Schöne und Wahre findet – oder auch ein Geist von erregbarer, enthusiastischer Phantasie (μανχός). Wenn in Lessings Seele der lichte Verstand unleugbar vorherrschte, dieser ekstatische Rausch seinem nüchternen Wesen fremd blieb, so besaß er dafür jenes Höhere: die harmonische Kraft des Genius, die nichts unternimmt, was sie nicht ganz vollbringen kann. Wie er schon als Student an der wirklichen Bühne sich geschult, ja seine Rollen gedichtet hatte für bestimmte Schauspieler aus der Truppe der Neuberin, die uns als die Vorläuferin der modernen Schauspielkunst gilt: so kamen seine dramatischen Anschauungen zur Reife im Verkehr mit jener Hamburger Bühne, die heute als die erste Erscheinung des neuen deutschen Schauspiels bezeichnet wird. Und wie er damals schon unter den Franzosen sich die natürlichere Schule Marivaux' zum Muster wählte, so führte er die germanische Dichtung auf den geraden Weg zurück, brachte ihr die Naturwahrheit, die freie Bewegung des Shakespearischen Dramas. Aber ein Reformer – wie der maßvollen Natur des Künstlers ziemt – nicht ein Revolutionär – wie sollte er sich vermessen, auf unsere verwandelte Bühne den ungebundenen Szenenwechsel des altenglischen Schauspiels einzuführen? Der so viele falsche Götzen gestürzt, wie sollte er sich selber Shakespeare als neuen Götzen setzen – was ihm die Gedankenlosen noch heute nachsagen? In der Charakterzeichnung allerdings folgte er Shakespeares Spuren; doch der Bau seiner Dramen wich nur wenig ab von der Weise der Franzosen, die mit ihrer klaren Verstandesschärfe dem Gegner doch sehr nahe standen und in ihm einen billigen Richter fanden. Sogar die Rollen, welche das französische Schauspiel uns überliefert, hat er sorglich beibehalten, nur daß jetzt statt des Liebhabers, des edlen Vaters, der Buhlerin die Tellheim, Odvardo, Orsina erschienen, lebendige Menschen mit dem unendlichen Recht der Persönlichkeit. Auch die dramatischen Probleme, die er sich stellt, sind die höchsten nicht; gewaltigere Kämpfe von reicherem tragischen Gehalt sind seitdem über unsere Bretter gegangen. Doch in seinem engen Kreise schaltet er mit einer dialektischen Kunst und einem Reichtum der Erfindung, die allen Zeiten bewundernswert bleiben werden. Er reißt seine Charaktere in eine leidenschaftliche dramatische Bewegung hinein, die keiner seiner Nachfolger übertroffen hat. Wenn alle diese gemeinsamen Charakterzüge der Dramen Lessings die Bühne umgestalteten, wie hat doch jedes einzelne davon noch seinen besonderen Einfluß geübt auf unser öffentliches Leben! Schon Sara Sampson, dies erste bürgerliche Trauerspiel der Deutschen, konnte nur gedichtet werden in einem Volke, dessen Mittelstände sich erhoben, und wirkte belebend zurück auf das Selbstgefühl dieser Klasse. Welch ein Griff aber mitten hinein in das nationale Leben der Gegenwart, als Lessing sich des Stiefkindes unserer Dichter, des Lustspiels, erbarmte und in Minna von Barnhelm – mit Goethe zu reden – ein Werk schuf von spezifisch nationalem Gehalt! Hier klingt etwas wieder von dem Lärm des schlesischen Winterlagers, von dem Trommelwirbel der Grenadiere des alten Dessauers, den der Knabe schon vor den Fenstern vor St. Afra gehört. Wie lange hatten unsere Dichter, wenn sie die Form suchten für den unfertigen, nach Gestaltung ringenden Gehalt ihrer Seele, sich hinweg geflüchtet aus der armen Gegenwart und die Heroen einer Vergangenheit, die so nie gewesen ist, »auf des Sittenspruchs geborgte Stelzen steigen« lassen! Jetzt endlich wagte ein Dichter das Gemüt der Gegenwart dramatisch zu verkörpern und gab ein Werk, volkstümlich sogar in seinen Schwächen, in der Breite der komischen Szenen, und eben darum ein Werk für alle Zeiten. Denn wie das Erzbild in freier Luft im Lauf der Jahre sich verschönt, so haben manche veraltete Wendungen in diesem Lustspiele für uns Nachlebende einen neuen schalkhaften Reiz gewonnen. Als ein Gott aus der Maschine tritt in dieses Drama noch der große König hinein, mit seinem Herrscherwort die erregten Gemüter versöhnend. Wie anders schon der politische Sinn in Emilia Galotti! Nicht allein das Kunstwerk erquickt uns, das, nach Goethe, »gleich der heiligen Insel Delos aus der Gottsched-Weiße-Gellertschen Wasserfluth emporstieg, um eine kreißende Göttin barmherzig aufzunehmen.« Keiner unter uns, der nicht den sittlichen Zorn wider höfische Tyrannei und Verderbnis aus diesem Drama vernommen hätte. Und doch, wer hätte vor der Katastrophe der Emilia nicht empfunden, daß der Sinn unseres Volkes seitdem herzhafter und stolzer geworden, daß auch Lessing von der Schüchternheit einer unfreien Zeit sich nicht völlig befreien konnte? Ein Knabe hat mir einst gesagt: aber warum schlägt der Odoardo nicht lieber den Prinzen tot? – und ich fürchte nicht, daß man dies Wort belächeln werde. Lernen wir erst wieder jene Bescheidenheit Lessings, der vor einem Kunstwerke seiner Empfindung nicht traute, »wenn sie von Niemandem getheilt würde« fassen wir den Mut, unbekümmert um literarhistorische Pedanten, zu bekennen, was wir fühlen, und sagen wir gerad heraus: wir verstehen diesen Mann nicht mehr, der in gerechter Sache die mißhandelte, freilich in ihrem Herzen nicht mehr schuldlose Tochter opfert, statt den frechen Dränger zu töten. Angeekelt von dem falschen Pathos der französischen Tragödie strebte Lessing vor allem die Leidenschaft in seinen Charakteren zu erregen, im schärfsten Gegensätze zu Corneille wies er die Bewunderung aus dem Drama hinweg, und wenn es ihm unfehlbar gelingt, unser Mitleid für seine Helden zu erwecken, so bemerkt er nicht immer, daß unser Mitgefühl mit einem leidenschaftlich bewegten Menschen auch ein achselzuckendes Mitleid sein kann. Aber dürfen wir ihm eine Unsicherheit des Gefühles nicht vorwerfen, die einem staatlosen Volke natürlich war, so bleibt ihm allein der Ruhm einer Kühnheit, die unsere freiere Zeit kaum mehr zu würdigen weiß. Welchen Schrecken mußte es in ängstliche Gemüter werfen, daß ein Dichter die sittliche Fäulnis der Mächtigen auf der Bühne erscheinen ließ – wenige Jahre nachdem ein adliges Haus seiner Heimat ein prunkendes Hochzeitsfest gehalten, weil seine Tochter zur Maitresse des Landesherrn erhoben war! Wenn er absichtlich vermied, seine Fabel mit dem staatlichen Leben zu verknüpfen, wenn er nur durch das persönliche Schicksal seiner Heldin die Hörer erschüttern, nur »eine bürgerliche Virginia« schaffen wollte, so hat seitdem die Geschichte seinem Drama einen großen Hintergrund gegeben. Wer hört das Schlußwort des Prinzen, jenen Ausbruch ohnmächtiger leichtfertiger Reue, und denkt dabei nicht an das gräßliche après nous le déluge ? Wer sieht nicht hinter den Gestalten Marinellis und der Orsina die Schreckensmänner der Revolution emporsteigen? Und was war, blicken wir zurück, mit diesem kritischen und dichterischen Wirken erreicht? Gebrochen war der Aberglaube an fremde Weisheit, den Deutschen der Mut zurückgegeben, in der Kunst sich eigene Pfade zu suchen. Selbständige Werke der Dichtung waren unserem Volke geschenkt, welche aller Glorie der französischen Dramatik vollauf die Wage hielten. Das Kunstverständnis endlich unseres Volkes ward geläutert, die Reinheit der Gattungen in der Kunst wiederhergestellt, der Vermischung von Dichtung und bildender Kunst in der beschreibenden Poesie, der Vermischung von Poesie und Prosa in dem Lehrgedichte ein Ziel gesetzt. Und noch der Lebende sollte die Früchte seines Schaffens schauen; denn nie wieder wagte unter uns ein Mann von Geist ein Lehrgedicht zu schreiben, und sah Lessing auf die jungen Stürmer und Dränger, so hörte er die Deutschen mit Stolz, ja mit Übermut wegwerfend reden von den einst vergötterten Franzosen. Auch durch die beherrschende Vielseitigkeit seiner Bildung ist Lessing ein Bahnbrecher der gegenwärtigen Gesittung geworden. Der den theologischen Beruf entschieden von sich gewiesen, sollte der Theologie seit Luther die erste nachhaltige Umbildung bringen. Die Freiheit, die wir Luther dankten, die Begründung des Glaubens auf die Heilige Schrift, war selber eine neue Knechtschaft geworden. Lessing aber erkannte in den Schriften des neuen Bundes den Beleg, nicht die Quelle des christlichen Glaubens und leitete also auf den Weg, den die wissenschaftliche Evangelienkritik der neuen Zeit weiter verfolgt hat. Nicht völlig neu war diese Richtung; freute sich doch selbst jener harmlose Hamburger Naturdichter Brockes, derselbe, der neun Bände lang das irdische Vergnügen in Gott besungen, im stillen an den geheimgehaltenen Streitschriften des Reimarus wider den Offenbarungsglauben. Neu aber war der Mut, herauszusprechen, was Taufende meinten, Schmach und Unglimpf zu ertragen von den »kleinen Päpsten«, denen Lessing zuerst das tausendmal nachgesprochene Wort entgegenwarf: lieber einen großen Papst als diese vielen kleinen – jener Mut, der am schneidigsten aus der »ritterlichen Absage« an Goeze spricht: »schreiben Sie, Herr Pastor, und lassen Sie schreiben, soviel das Zeug halten will; ich schreibe auch. Wenn ich Ihnen in dem geringsten Dinge, was mich und meinen Ungenannten angeht, Recht gebe, wo Sie nicht Recht haben, dann kann ich die Feder nicht mehr rühren!« Aber vergleichen wir selbst die heftigsten dieser Streitschriften mit den gleichzeitigen Angriffen der Franzosen auf die Kirche, so nehmen wir mit Erstaunen wahr, daß der deutsche Denker in der Sache die Romanen an Verwegenheit überbietet, in der Form hingegen jenes edle Maß einhält, welches, eine schöne Frucht deutscher Duldung, unsere freien Geister davor bewahrt, Freigeister zu werden in dem von Lessing gebrandmarkten Sinne. Und läßt sich nicht aus diesem maßvollen Wesen des Denkers das Rätsel erklären: warum doch er, der hinwegschaute über alle geoffenbarten Religionen, für den alten Gedanken einer Union der christlichen Kirchen sich erwärmen konnte? Es ist ein großes Ding, die Weissagung des Genius; nicht heute, nicht morgen, nicht so erfüllt sie sich, wie der am Buchstaben haftende Deuter sie auslegt. Jene Union, belächelt als ein Unding von denen, die an der Oberfläche der Dinge verweilen – alltäglich, stündlich schreitet sie vorwärts, seit die Bildung des Protestantismus, die Ideen Lessings beginnen das Eigentum unseres ganzen Volkes zu werden. Auf eine solche Union, die alle kirchlichen Schranken überwunden hat, auf ein solches »neues Evangelium« deutet das reifste Werk dieser theologische» Kämpfe Lessings, die Erziehung des Menschengeschlechts. Seine ersten Schriften liegen noch jenseits der Grenze dessen, was modernen Menschen lesbar scheint; mit dieser tritt er bereits mitten hinein in die neue Wissenschaft. Denn lösen wir ab, was uns befremdet, die parabolische Hülle, und wir schauen als Kern: eine Philosophie der Geschichte; wir hören die Lehre von dem Fortschreiten der Menschheit und von dem Gott, der die ganze Welt beseelt, wir finden jenen historischen Sinn der Gegenwart, der in den positiven Religionen »den Gang des menschlichen Verstandes« erkennt und seinen stolz-demütigen Ausdruck erhält in Lessings Worten: »Gott hätte seine Hand bei Allem im Spiele, nur bei unsern Irrthümern nicht?« Wohl mochte er empfinden, daß diesem kühnsten Fluge seines Geistes die Zeitgenossen nicht folgen konnten; darum bat er: lasset mich stehen und staunen, wo ich stehe und staune. Auch die Dichtung, welche diesen Kämpfen entsproß, ragt hinaus über das Verständnis seiner, und soll ich nicht auch sagen: – unserer Zeit. Denn wohl in tausend Herzen lebt jenes Evangelium der Duldung Nathans des Weisen. Aber vor diesem Werke am schmerzlichsten empfinden wir, daß die besten Männer unseres Volkes Helden des Geistes waren; hier gerade tut sich vor uns auf eine unselige Kluft zwischen den Gedanken unseres Volkes und seinem politischen Zustand. Erst wenn die Ideen des Nathan in unserer Gesetzgebung sich vollständig verkörpert haben, dann erst dürfen wir uns rühmen, in einer gesitteten Zeit zu leben. Wie man auch denken möge über den Inhalt von Lessings theologischem Systeme – in einem mindestens ist er schon jetzt der anerkannte Lehrer unseres ganzen Volkes: er hat die sittliche Gesinnung vorgezeichnet, daraus alle wissenschaftliche Forschung entspringen soll. Er sagte: »ich weiß nicht, ob es Pflicht ist, Glück und Leben der Wahrheit zu opfern. Aber das weiß ich, ist Pflicht, wenn man Wahrheit lehren will, sie ganz oder gar nicht zu lehren.« Zum Gemeinplatze geworden sind seine Aussprüche über das Recht der freien Forschung, und noch hat keiner die Kühnheit jenes Wortes überboten: »es ist nicht wahr, daß Speculationen über Gott und göttliche Dinge der bürgerlichen Gesellschaft je nachteilig geworden; nicht die Spekulationen – der Unsinn, die Tyrannei ihnen zu steuern.« Und alle diese Werke in einer durchsichtigen Form, daraus überall das leuchtende Auge des Denkers hervorblickt. Komisch beinahe, wie in seinen ersten Werken das leidenschaftlich bewegte Herz ankämpft gegen die Steifheit des überlieferten Verses. Wie anders der der ungebundenen Rede aufs nächste verwandte Jambus des Nathan und jene Prosa, die gar nicht anders kann als die augenblickliche Stimmung des Schreibers getreulich widerspiegeln! Die augenblickliche Stimmung, sage ich, denn wenn so häufig geklagt wird über die Widersprüche in Lessings Schriften, über die Schwierigkeit, aus seinen Briefen seine Herzensmeinung herauszulesen, so kann ich in dieser Klage nur den sichersten Beweis für die Wahrhaftigkeit, die Unmittelbarkeit seiner Schreibart finden. Wie ihm zu Mute war, hat er geschrieben, jede Regung der Neckerei, des Widerspruchsgeistes, jeden Einfall eines halbfertigen Gedankenganges rücksichtslos herausgesprochen, jeder Übertreibung übermütig eine andere entgegengestellt. Und eben weil ihn beim Schreiben nie der Gedanke störte, als könne je die Nachwelt über seinen Schriften grübeln, eben darum ist es so leicht, den einen ganzen Menschen aus allen seinen Widersprüchen herauszufinden. Fragen wir endlich, wie Lessing sich stellte zu dem größten Gegenstande männlicher Arbeit, zum Staate, so ließe sich wohl dawider fragen: ist es nicht genug an den politischen Taten, die ich soeben geschildert? Waren es nicht politische Taten, als er die Schranken der bestehenden Stände durchbrach, als er ein Erzieher wurde des modernen Bürgertums, als er unserem Volke ein starkes Selbstgefühl zurückgab gegenüber der Kunst der Fremden und einer Nation gedrückter Kleinbürger den unendlichen Gesichtskreis der Humanität erschloß? Gewiß, nur jene sich liberal dünkenden Pedanten, welche alles staatliche Leben allein in bestimmten Verfassungsformen enthalten glauben, werden hierauf mit einem kurzen Nein antworten. Aber auch zu einem herzhaften Ja werden sich nur wenige zwingen. Denn gelernt haben wir endlich, jeden Mann zu fragen, ob er ein Vaterland habe, ob er das Wohl und Weh des Geheimwesens als seine Lust und sein Leid empfinde? Hier aber erscheint modernen Augen eine Lücke in Lessings Bildung. Wer stimmt ihm nicht zu, wenn er die Freunde Ramler und Gleim tadelt, daß in ihren preußischen Kriegsliedern der Patriot den Dichter überschreie? Wer entschuldigt es nicht, daß dem Mitlebenden der welthistorische Sinn des Siebenjährigen Krieges verschlossen blieb, und er darin allein den großen Genius des Königs zu bewundern fand? Und doch, stellet eine Ode Ramlers oder das Lied des preußischen Grenadiers: »auf einer Trommel saß der Held« neben jenen geistsprühenden Brief Lessings, der in solchem Patriotismus nur »eine heroische Schwachheit« sah – und ihr werdet gestehen, daß auf diesem Gebiete Lessing jene ärmeren Geister um ihren Reichtum beneiden konnte: sie waren reicher um die große Empfindung der Vaterlandsliebe. Selbst in Tagen, die des freien politischen Lebens entbehren, entzieht sich keiner gänzlich der Einwirkung des Staates. So läßt sich auch von Lessing manches Wort und manche Tat aufweisen zum Belege, daß er die Unfreiheit, die Kleinheit des deutschen Staatslebens empfand: wie er gleich seinem Geistesverwandten Thomasius hinausstürmte aus der Zahmheit und Enge des kursächsischen Wesens, wie er mit überlegenem Lächeln auf den Gegensatz des Sachsentums und Preußentums hinabsah, wie er das engherzige Mäcenatentum des Pfälzer Kurfürsten hochsinnig zurückwies, wie auch ihm die Klage sich entrang: wann werde Deutschland je einem Beherrscher gehorchen? Aber blicken wir von solchen vereinzelten Zügen auf jene Freiheitstragödie Henzi, die von blinden Verehrern als ein ganz modernes Werk gepriesen wird, so erkennen wir sofort, wie ganz anders als die Gegenwart Lessings Tage sich zu den Kämpfen des Staatslebens stellten. Welche Armut der Motive hier bei ihm, der uns überall sonst durch den Reichtum poetischen Details entzückt! Wie künstlich wird doch die lebendige Fülle des Parteiwesens zugespitzt zu dem kahlen abstrakten Gegensatze von Tyrannei und Freiheit! Nicht bloß die Jugend des Dichters ist schuld an solcher Armut, die Gesinnung eines Bürgertums vielmehr spiegelt sich darin wider, das die werktätige Teilnahme am Staate noch nicht kannte und darum von dem Inhalt politischer Kämpfe noch keine Anschauung besaß. Offenbar hat Lessings Denken die politischen Fragen nur berührt, an wenigen Stellen berührt. Den Publizisten von Gewerbe rief er sogar, seinem praktischen Wesen getreu, die Mahnung zu, solche Dinge zu überlassen »dem Staatsmanne und vornehmlich demjenigen, den die Natur zum Weltweisen machen wollte, weil sie ihn zum Vorbilde der Könige machte.« Trotzdem sind jene hingeworfenen politischen Gedanken Lessings keineswegs überlebt, nicht einmal erledigt. Denn wie man von der Humanität der Deutschen des achtzehnten Jahrhunderts gesagt hat, sie sei herabgestiegen vom Himmel auf die Erde, so hat auch Lessing, der die alltäglichen Pflichten des Staates übersah, einige der höchsten Probleme der Staatskunst beleuchtet, die erst eine ferne Zukunft lösen wird. Die Gesittung der Gegenwart steht zugleich über und unter den Ideen der Humanität unserer Väter. Sie blickt hernieder auf ein Volk von Privatmenschen, das den Patriotismus nicht kannte, aber demütig schaut sie empor zu jenen Weisen, die, menschlichen Sinnes voll, nach der Grenze fragten, »wo Patriotismus Tugend zu sein aufhört«. Mit der traurigen Wirklichkeit, die Lessing umgab, mit dem Elend der Notstaaten, darin er lebte, entschuldigen wir es, daß auch ihm, wie allen deutschen Denkern seiner Zeit, sehr schwer ward, die Notwendigkeit des Staates zu verstehen, daß auch ihn jene Frage beschäftigt hat, die ein Volk mächtiger und glücklicher Bürger nie lange betrachten mag, die Frage: ist die Abschaffung des Staates möglich oder zu wünschen? Desgleichen in die überwundene Epoche vorherrschenden Privatlebens verweisen wir seine Lehre, daß der Staat, obwohl er erst »den Anbau der Vernunft möglich mache«, doch nur ein Mittel sei für die Bildung des einzelnen Menschen. Aber weit hinaus über den Gesichtskreis der Nachwelt selber schweift er wieder, wenn er in den Freimaurergesprächen das tiefsinnige Problem durchdenkt: wie lassen sich die Übel der Beschränktheit und der Härte heben, die das Bestehen mehrerer Staaten notwendig hervorruft? Wie ist eine Verbindung möglich aller guten Menschen ohne Ansehen des Standes, des Landes und des Glaubens zum Zwecke rein menschlicher Gesittung? In diesen Worten, fürwahr, eröffnet sich die Aussicht auf einen menschlichen Verkehr der Völkergesellschaft, den erst ferne Tage schauen werden. Wie aber? Steht nicht dies Weltbürgertum ein Todfeind gegenüber dem ersten und berechtigtsten Streben der Gegenwart, dem Drange nach nationaler Staatenbildung? Ich denke, nein. So tiefsinnig, so überschwenglich reich ist das Leben der Staaten, daß niemals eine Geistesrichtung allein darin herrschen kann. Noch heute leben sie, jene Gedanken von dem Weltbürgertume, und eben jene dürfen sich heute Lessings getreueste Diener nennen, die – seinem Geiste, nicht dem Klange seiner Rede folgend – am rührigsten für den nationalen Gedanken wirken. Wenn erst von den großen Kulturvölkern jedes zerrissene sich geeint, jedes geknechtete aus seinem Volksgeiste heraus seinen Staat sich gestaltet hat, wenn damit verschwunden sind die größten, die gefährlichsten Anlässe des Haders, die bisher Staat mit Staat verfeindet: dann erst wird jener gesicherte Verkehr der Menschen, jenes Weltbürgertum sich vollenden in einem tieferen, reicheren Sinne, als Lessing meinte, und allüberall wird man reden von seinem Sehergeiste. Dann auch wird die Welt den Kern der Wahrheit herausfinden aus einem Worte, das in dem schwer ringenden Menschengeschlechte niemals ganz sich verwirklichen darf – aus dem himmlisch milden: was Blut kostet, ist gewiß kein Blut wert. Und Lessing ahnte, daß Zeiten harten, aufreibenden staatlichen Kampfes unserem Volke kommen würden. Das bezeugt sein gehaltvolles Urteil über die Geschichte. Wie sicher begreift er das der Kunst verwandte Wesen der Geschichtschreibung, wenn er die Bildung des »Gelehrten und des schönen Geistes zugleich« von dem Historiker fordert. Und sollte wirklich nur eine skeptische Laune, und nicht vielmehr eine Ahnung der politischen Bedeutung historischer Wissenschaft sich aussprechen in seinem vielgescholtenen Paradoxon: im Grunde könne ein jeder nur der Geschichtschreiber seiner eigenen Zeit sein –? So scheinen ihm alle Vorteile umfassender archivalischer Forschung nichtig gegen die Vorzüge des zeitgenössischen Geschichtschreibers, daß er seinen Menschen bis in Herz und Nieren blicken, daß er seine Leser durch die Erzählung von ihrer eigenen Schuld und Strafe im Innersten ergreifen und – vor allem – daß er eine Macht werden kann unter den Lebenden. Soll ich noch schildern, wie wenig die Mitlebenden ihm dankten, wie schwer das Geschick bis zum Ende ihn heimsuchte? Das widrige Sprichwort, das in jenen weichlichen Tagen von Mund zu Munde ging, das Wort: »geteilter Schmerz ist halber Schmerz« hatte der Jüngling schon mit der stolzen Gegenrede abgewiesen: Was nutzt mir's, daß ein Freund mit mir gefällig weine? Nichts, als daß ich in ihm mir Zwiefach elend scheine. Einsam ist er durch das Leben geschritten, und sein alle Weichheit des Gefühls mißachtender Sinn neigte sich zu dem Grundsatze antiker Sittlichkeit, der Weiber und Sklaven von den höchsten Forderungen des Sittengesetzes ausschloß. Dann hat ihm der klare und heitere Geist seiner Eva König jene treue und tiefe Neigung erweckt, die mit ihrem verständigen, derb bürgerlichen Wesen in den Herzensgeschichten der Dichter ihresgleichen nicht findet. Ein Jahr einer glücklichen Ehe lehrte ihn größer von den Frauen zu denken; dann am Abend seines Lebens entrang sich ihm jene schreckliche Klage: »meine Frau ist tot, und diese Erfahrung habe ich nun auch gemacht. Es ist mir lieb, daß mir viele solche Erfahrungen nicht mehr übrig sein können, und ich bin ganz leicht.« Wenn er aber aus dem tiefen Schmerze hinausblickte in sein Haus und in die Welt der Kunst, so hat er sicher empfunden, daß seine Saat aufging. Die Kinder seines Weibes hörte er verkehren in dem Tone schlichter offener Herzlichkeit, er sah eine segensreiche Verwandlung des häuslichen Lebens und durfte sich sagen, daß er selber ein Großes daran gewirkt. Und in der Kunst, deren Fesseln er gebrochen? Da stürmte Götz von Berlichingen über die Bretter, und die Jünglinge klagten in überströmender Empfindung um die Leiden des jungen Werther. Mochte der Maßvolle der regellosen Weise des jungen Geschlechts zürnen und spotten über die weichen Gefühle, die seinen hellenischen Sinn nie berührt, und die Rechte der Kultur verteidigen wider Rousseaus Naturschwärmerei: – mit freudigem Verständnis hat er doch den Genius begrüßt, als Goethe jene grandiose Fabel besang, die zu ewig neuen Liedern den Sinn der Sterblichen begeistern wird, die Fabel von dem Lichtbringer Prometheus. Um das Todesjahr Lessings ging von der Einsiedelei in Sanssouci die denkwürdige Schrift aus »über den Zustand der deutschen Literatur«. Zu ihr möchte ich alle jene führen, die noch immer das Tendenzmärchen wiederholen, dem großen König habe das Herz gefehlt für unser Volk. Ist es nicht genug an dem einen Fluche der Deutschen, der noch heute gewaltig fortwirkt in allen Zweigen unseres Volkslebens bis hinab in die Sprache und die traulichen Umgangsformen des Hauses – daß Luther der einen Hälfte der Nation der gepriesene Erretter, der anderen ein Greuel ist? Noch fern ist die Zeit – doch auch sie wird erscheinen – wo alles, was deutsche Zunge redet, den deutschen Helden in Luther begrüßen wird. Schon jetzt aber ist die Stunde gekommen, den anderen Mann, der nächst Luther am gewaltigsten für die neueren Deutschen gewirkt, von den Schmähungen zu entlasten, womit blinde Parteiwut ihn bedeckt hat. Nicht die preußische Neigung des heutigen Liberalismus hat unserem großen König den Ruhm eines nationalen Helden angedichtet; kein anderer als Goethe sprach das gute Wort: Friedrich der Große erst habe durch seine Taten unserem Volksleben jenen großen heroischen und nationalen Inhalt gegeben, den Lessing in schöne Formen bildete. Ihn, der also den Stoff geboten für die neu erstandene Dichtung – hören wir ihn reden über die Kunst der Deutschen! Klagen, bittere Klagen über die form- und zuchtlose Sprache, Klagen, daß unsere Sprache noch nicht in die Schnürbrust eines Wörterbuchs der Akademie eingezwängt sei, daß die Dramen Shakespeares, »würdig der Wilden von Kanada«, und die »abscheulichen Plattheiten« des Götz von Berlichingen das rohe Volk erfreuen! Wir erstaunen über diesen unerhörten Beweis der französischen Bildung des Königs und seiner gänzlichen Unkenntnis der deutschen Dichtung; doch lesen wir weiter in derselben Schrift, so redet uns mächtig zum Herzen die deutsche Empfindung desselben Mannes, der bewegte Ausdruck des Zornes und der Scham über solche Armut der Kunst seines Volks, das frohe Aussprechen endlich einer großen nationalen Hoffnung. Nicht an Geist gebreche es den Deutschen; schon sei der Ehrgeiz der Nation erwacht, »und vielleicht werden, die zuletzt kommen, alle Vorhergehenden übertreffen. Ich bin wie Moses,« ruft der König am Ende, »ich sehe das gelobte Land aus der Ferne, doch ich bin zu alt, um es je zu betreten.« Nun halte man neben diese Worte des Königs Lessings berufene Klage: der Charakter der Deutschen sei, keinen eigenen Charakter haben zu wollen – in wie seltsamem Irrtum verfingen sich doch die beiden! Der König erwartet den Glanz unserer Dichtung von den französischen Regeln, und siehe, er kam durch die Freiheit. Der König meint in der Ferne das gelobte Land zu sehen, und siehe, er selbst stand mitten darin. Desgleichen der Dichter, der so schmerzlich fragte nach dem Nationalcharakter der Deutschen – hätte er lesen können in der Seele jener preußischen Soldaten, die bei Roßbach die Franzosen warfen und bei Leuthen in der Winternacht das »Herr Gott Dich loben wir« sangen, gewiß, er hätte begriffen: die lebendige Staatsgesinnung, die er suchte, sehr unreif war sie, doch sie war im Werden. So standen die beiden im Nebel der Nacht: der König, der einen Lessing suchte für unsere Kunst, und der Dichter, einen Friedrich suchend für unseren Staat. Inzwischen ist es Tag geworden, die Nebel sind gefallen, und wir sehen die beiden dicht nebeneinander auf demselben Wege: den Künstler, der unserer Dichtung die Bahn gebrochen, und den Fürsten, mit dem das moderne Staatsleben der Deutschen beginnt. Und wäre es denn ein Zufall, daß achtzig Jahre nach Lessings Tode gerade sein Bildnis den Anstoß gab zu einem heilsamen Umschwunge unserer Bildnerkunst? Versuchen wir uns zu versenken in die Seele des Künstlers, dem jene Aufgabe ward. Sollte er Lessing bilden in der Toga – ihn, der das gespreizte Römertum der Franzosen erbarmungslos verspottete? Oder in dem beliebten Theatermantel – ihn, der im Leben jeden falschen Schein verschmähte? Da blieb kein Ausweg: kraftvoll, schlicht und wahrhaft wie er selber – oder gar nicht mußte Lessings Bild erscheinen. Und der glückliche Entschluß einmal gefaßt, hat unserm Rietschel jedes Glück des Genius gelächelt, aus jeder Not ward ihm eine Tugend. Der steife Haarbeutel ward ihm ein Anlaß, die vollendeten Linien des wallenden Haares zu zeichnen, und die Enge des kurzen Beinkleides erlaubte ihm, die gedrungene Kraft der Glieder zu zeigen. So sehen wir Lessings Bildnis vor uns – die erste Bildsäule der Deutschen, darin der entschlossene wahrhaftige Realismus der Gegenwart sich in höchster Ehrlichkeit offenbart – schmucklos und stark, gehobenen Hauptes, und diese trotzigen Lippen scheinen zu reden: was braucht die Nachwelt, wen sie tritt, zu wissen, weiß ich nur, wer ich bin Heinrich von Kleist. (Leipzig 1858.) Wer unter den Hellenen nicht verstand, eine feste Stelle zu gewinnen in der gegebenen Ordnung des Staates und der Sitte, der ging zu Grunde, verachtet und vergessen. Der strenge Bürgergeist der Alten verdammte den Einzelwillen, der sich erdreistete etwas zu gelten neben dem Willen des Ganzen; ihr auf das Große gerichteter Sinn blickte gelassen hinweg über die geheimsten Schmerzen der ringenden Menschenseele; ihre Schamhaftigkeit scheute sich den Schleier zu heben, der diese Abgründe des Herzens verhüllt. Erst die moderne Welt zeigt ein liebevoll mitleidiges Verständnis für die Fülle des Elends, die in dem Worte liegt: ein verfehltes Leben! Und sie hat guten Grund zu solchem Mitleid. Sie läßt den einzelnen aufwachsen in fast schrankenloser Ungebundenheit: mag er nachher selber zusehen, wie dies junge trotzige Ich nach hartem Kampfe sich einfüge in die handelnde Gemeinschaft der Menschen. Nicht in den brausenden Jünglingsjahren, deren glückselige Torheit allein den philisterhaften Sittenprediger erschreckt – erst später, um die Mitte der zwanziger Jahre, wenn die Zeit des Schaffens anhebt, pflegen dem modernen Menschen die schwersten, die gefährlichsten Stunden zu kommen. Welcher Mann von halbwegs reicher Erfahrung hatte nicht an dieser Markscheide des Lebens einen geliebten Genossen seiner Jugend zu Grunde gehen sehen und schmerzvoll mit Heinrich von Kleist gerufen: Die abgestorbne Eiche steht im Sturm Doch die gesunde stürzt er schmetternd nieder, Weil er in ihre Krone greifen kann. Die fette Mittelmäßigkeit schwimmt behaglich obenauf, doch manche der Besten sinken unter, weil ihr reicher Geist sich nicht fügen will dem Gebote des Lebens: du sollst einen Teil deiner Gaben ruhen, verkümmern lassen – einem Gebote, dessen Härte der Gedankenlose gar nicht fühlt. Wie viele flattern dahin ihr Leben lang wie mit gelähmter Schwinge, weil ein Mißgriff, ein Körpergebrechen, ein alberner Zufall sie ausschließt von dem Wirkungskreise, in dem sie ihr Höchstes, ihr Eigenstes leisten konnten. Unter allen, die nicht wurden, was sie wollten, leidet niemand so furchtbar, wie der hochstrebende Geist, der sich durch sein ganzes Sein, durch eine unwiderstehliche innere Stimme in einen bestimmten Beruf – und nur in diesen – getrieben fühlt und schließlich doch entdeckt, daß seine Kraft nicht ausreicht. Solche Grausamkeit der Natur trifft am härtesten die reizbare Seele des Künstlers; denn er vermag weniger als irgend ein anderer Arbeiter die Mängel der Begabung durch die Kraft des Willens zu ersetzen, und die Kunst kennt keine Mittelstraße, sie kennt nur vollendete und verfehlte Werke. – In Vischers Ästhetik, einem der besten und bestbestohlenen Werke unserer Literatur, wird sehr richtig neben dem Genius, der sich selber die Regel ist, und dem Talente, das auf geebneter Bahn frisch und kräftig vorwärts schreitet, noch eine dritte Form der künstlerischen Anlage unterschieden: das partielle Genie – die Begabung jener tief unglücklichen Geister, welche dann und wann in seligen Augenblicken mit der Kraft des Genius das Klassische, das Ewige schaffen, um alsbald ermattet zurückzusinken und sich zu verzehren in heißer Sehnsucht nach dem Ideale. Solche Naturen gleichen einem herrlichen, großgedachten Gemälde, das irgendwo an auffälliger Stelle durch eine Lücke, eine widrige Verzeichnung verunstaltet wird, sie besitzen alles, was den unsterblichen Meister bildet, bis auf jenen kleinen Punkt über dem i, der den Buchstaben fertig macht. Die deutsche Dichtung, die nicht emporwuchs aus einer reifen Volksgesittung, sondern ihr voranging, zählt ebendeshalb solcher unfertiger, unglücklicher Genies nur allzu viele, und unter ihnen ragt Heinrich von Kleist als der Gewaltigste, der Wahrhaftigste hoch empor. »Die Hölle gab mir meine halben Talente, der Himmel schenkt dem Menschen ein ganzes oder gar keines« – so bezeichnet er den Fluch seines Lebens, und nur er selber darf also reden, denn die Halbheit, die Armut seiner Gaben genügt vollauf, um eine Handvoll tüchtiger Künstler mit überschwenglichem Reichtum zu segnen. Wir Deutschen rühmen uns, daß von den Helden unseres Geistes nicht so unbedingt wie von den meisten Dichtern anderer Völker gesagt werden darf: des Künstlers Leben sind seine Werke. Es ist ein echt deutscher Spruch, den Schiller einmal hinwirft: »Den Schriftsteller überhüpfe die Nachwelt, der nicht größer war als seine Werke.« Selbst vor Goethes Faust überkommt uns die stolze Ahnung, daß der Dichter noch immer eine Fülle überschüssiger Kraft zurückbehalten hat in seiner reichen Seele. Darum lassen wir uns die Freude nicht nehmen, den größeren Mann zu suchen hinter den großen Werken, und auch wer die Vorliebe der Gegenwart für die Briefe und Papierschnitzel unserer Dichter nicht teilt, darf das berechtigte Gefühl nicht verkennen, das diesem Übermaß zu Grunde liegt. Die düstere Gestalt Heinrich Kleists verbietet uns solchen Genuß. Wahrend seine Werke oft den Tadel, immer das Lob entwaffnen, einige darunter bis zu den Höhen menschlichen Schaffens hinaufreichen, ist sein Leben doch nur eine entsetzliche Krankheitsgeschichte. Zweifel und Kämpfe, wie sie niemals grausamer ein Menschenherz gepeinigt, Siechtum des Leibes und der Seele, der ungerechte Kaltsinn der Zeitgenossen, der Zusammenbruch des Vaterlandes und die gemeine Not um das liebe Brot – das alles vereinigt sich zu einem erschütternden Bilde; dem Betrachter bleibt zuletzt nur ein Gefühl grenzenlosen Mitleids und der wehmütige Hinblick auf die von dem Unglücklichen so oft angerufene »Gebrechlichkeit der Welt«. – Die Biographie steht darum dem reinen Kunstwerke so nahe, weil in dem Dasein jedes bedeutenden und gesunden Mannes die Geschichte seiner Zeit wie in einem Mikrokosmos erscheint. Kleists Leben aber, wie mächtig auch die Stürme des Jahrhunderts diesen tiefen Geist erschütterten, ist die Geschichte höchstpersönlicher Leiden, ein psychologisches Problem. Wir kennen nicht die Züge seines Gesichts; denn das einzige erhaltene Porträt – ein greisenhafter Knabenkopf, den ein Gottverlassener, dicht auf der Grenze zwischen dem Maler und dem Weißbinder stehend, zusammengepinselt hat – erweckt keinen Glauben. Von den geheimen Kämpfen seiner Seele hat er selbst ein treues Bild gegeben in den Briefen an seine Schwester, die mit ihrer dämonischen Leidenschaft, ihrem verzehrenden Schmerze in unserer Literatur einzig dastehen; wohl nur Mirabeaus Jugendbriefe schildern mit gleich schreckhafter Wahrheit den Aufruhr in einem großen Menschengeiste. Aber selbst wer diese rückhaltlosen Geständnisse kennt, steht zuletzt doch traurig vor einem Unbegreiflichen, vor einer krankhaften Naturanlage, die dem Dichter selbst ein Rätsel blieb. In allen seinen Irrgängen begegnet uns kein Zug, der nicht ehrlich, hochherzig, bedeutend wäre. Er ringt nach der Erkenntnis des Wahren und des Schönen, nach den Kränzen höchsten Dichterruhms; an den platten Freuden des Lebens geht er vorüber mit einer stolzen Verachtung, die unserem genußsüchtigen Zeitalter fast unfaßbar erscheint, kaum daß dann und wann die Sehnsucht, nicht nach dem Behagen, sondern nach dem Frieden des Hauses sich in seine Klagen mischt. Für ihn wie für wenige Menschen gilt das Wort: ihn ganz verstehen heißt ihm ganz verzeihen. Geboren am 10. Oktober 1776 zu Frankfurt an der Oder, tritt der feurige junge Mensch nach dem Brauche seines Soldatenhauses frühzeitig in die Armee. Während er teilnimmt an den rheinischen Feldzügen, erschüttern die Ideen des philosophischen Jahrhunderts sein Herz. Er sehnt sich hinaus in die Freiheit, in das unendliche Reich des Wissens, er will »die Zeit, die wir hier so unmoralisch töten, durch menschenfreundliche Taten bezahlen«. In seinem zweiundzwanzigsten Jahre fordert er seinen Abschied und kehrt als überreifer Student in seine Vaterstadt zurück. Er wird der Lehrer, der geistige Mittelpunkt für einen heiteren Kreis junger Verwandten, er verschlingt die Bücher in rastloser Arbeit und meint mit seinem Forschen bis in den Kern der Nuß einzudringen. Aber schon nach Jahresfrist treibt ihn eine verzehrende innere Unruhe hinweg von den Studien, von seiner kaum gefundenen Braut. In Berlin sodann trifft ihn wie ein Wetterstrahl die Lehre Kants, daß der Mensch nicht die Dinge kennt, nur seine Anschauung von den Dingen. In maßlosem Schmerz bricht der junge Himmelsstürmer zusammen vor dieser Erkenntnis. Die Verzweiflung an aller Wahrheit, an allen Gesetzen des sittlichen Lebens klagt fortan schauerlich in seinen Briefen: »Daß wir ein Leben bedürften, um zu lernen, wie wir leben müßten! – Und so mögen wir am Ende thun was wir wollen, wir thun recht!« Und dazwischen immer von neuem die glühende Sehnsucht nach dem Ewigen: »Zwischen je zwei Lindenblättern, wenn wir Abends aus dem Rücken liegen, eine Aussicht an Ahndungen reicher als Gedanken fassen und Worte sagen können!« Schon in früher Jugend quält ihn die überfeine Zartheit des Gewissens, welche wir so gern als ein Zeichen innerer Reinheit begrüßen möchten, während sie doch in den meisten Fällen nur der Vorbote ist eines verdüsterten, selbstquälerischen Alters. Mit unbarmherzigem Auge verfolgt er selbst jeden seiner Schritte, wie ein Geisteskranker belauscht er sich; selbst über seine tollsten Streiche, seine finstersten Seelenkämpfe gibt er sich und andern Rechenschaft – das alles ganz unbefangen, ganz wahrhaftig, ganz frei von jedem Streben sich interessant zu machen. Darüber gehen ihm natürlich viele jener Augenblicke verloren, wo der Mensch, ganz mit sich einig, ohne Wahl und Frage sein Bestes schafft. Das Doppelleben, das so viele Künstler führen, wird ihm zur verzehrenden Krankheit. Nicht genug, daß seine Stimmung in jähen Sprüngen von kindlich harmloser Fröhlichkeit zu finsterem Unmut, von rasch aufloderndem Stolze in kleinmütige Verzagtheit umschlägt, daß seine Unbeständigkeit ihm den bitteren Ausruf entringt, Gleichmut sei die Tugend nur des Athleten; nicht genug, daß seine schneidende Verstandesschärfe ungesellig steht neben einer glühenden Einbildungskraft und einem weichen Gemüte: auch seine Phantasie bringt ihm keinen Trost. Der so viele mit dem reichen Spiele seiner Erfindung entzückt, ihm bleibt selbst das harmloseste Vorrecht des Künstlers versagt. Nicht einmal Luftschlösser kann er bauen, nicht einmal im Geiste sich zu seinen Lieben versetzen; es ist, als sei seine Phantasie für das tägliche Leben nicht vorhanden. Er haßt die Menschen; denn sein Herz und Nieren prüfender Scharfblick zeigt ihm ihre Kleinheit, und sein düsterer Sinn vermag nicht, mit überlegenem, freundlichem Lächeln das Recht solcher Kleinheit zu würdigen. »Vielleicht« – so schreibt er einmal seiner Braut – »hat die Natur dir jene Klarheit zu deinem Glück versagt, jene traurige Klarheit, die mir zu jeder Miene den Gedanken, zu jedem Worte den Sinn, zu jeder Handlung den Grund nennt.« Fremd, beklommen steht er in den höheren Kreisen der Gesellschaft, wo das Verbergen jedes starken Gefühls für gute Sitte gilt; und doch kann er des Beifalls der Mißachteten nicht entbehren. Die Welt beginnt die Achsel zu zucken über sein zielloses Träumen, er fühlt die spöttischen Blicke seiner Umgebung auf seinen Wangen brennen. Der Drang nach Taten erwacht und lastet auf ihm »wie eine Ehrenschuld, die Jeden, der Ehrgefühl hat, unablässig mahnt«; er will schaffen, rastlos, unermüdlich: »der Mensch soll mit der Mühe Pflugschaar sich des Schicksals harten Boden öffnen.« Auch seine Freunde, seine Braut, seine geliebte Schwester Ulrike drängen und fragen ihn, was er denn werden, was er leisten wolle. O ihr Erinnyen mit eurer Liebe! ruft er außer sich. Wer hätte nicht einmal in schweren Stunden erfahren, wie qualvoll solche zudringliche Einmischung der Welt uns bedrückt, wenn eine ernste Entscheidung vor unsere Seele tritt? Und eben jetzt, da jedermann ihm von seinen wissenschaftlichen Plänen spricht, ist Heinrich Kleist schon verekelt an aller Wissenschaft, er ahnt, daß Gelehrte und Künstler Antipoden sind und – daß er selber ein Richter sei. Auch dies müssen wir schweigend hinnehmen als ein psychologisches Rätsel, daß in einem solchen Dichtergeiste die Ahnung seines Berufes so unbegreiflich spät erwachte. Kein Liebeslied, kein rhetorischer Dithyrambus hat ihm, wie anderen glücklicheren Künstlern, die holde Schwärmerzeit des Lebens verschönt; die Erstlinge seiner Muse sind – seine schmerzbewegten Briefe an Ulrike. Wir fühlen nach, wie das Ohr des Künstlers sich erfreut an diesen verhaltenen Gedichten, an dem vollen Klange dieser leidenschaftlichen Klagen. Zuweilen tritt schon die Sehnsucht nach dem Schönen klarer hervor; er schildert die Reize der Natur in prächtigen Farben, er ruft: »wir sollten täglich wenigstens ein gutes Gedicht lesen, ein schönes Gemälde sehen, ein sanftes Lied hören oder ein herzliches Wort mit einem Freunde wechseln.« – Dann stürmt er hinaus in die Ferne; jahrelang, auf unsteten Wanderfahrten durch Deutschland, Frankreich und die Schweiz jagt er dem Traumbilde des Dichterruhmes nach, das flammend vor seiner Seele steht. Er will der größte der Kleiste werden – denn ein naiver Familienstolz liegt in seinem Geiste dicht neben der Schwärmerei für die Gleichheit der Menschen. Das Sprichwort der märkischen Vettern »jeder Kleist ein Dichter« soll sich glorreich erfüllen, der Lorbeer des alten Ewald Kleist soll verwelken neben dem seinen. Er berauscht sich an Goethes Werken, Schillers ideales Pathos ergreift diesen durch und durch realistischen Kopf nur wenig. Zugleich sagt ihm eine geheimnisvolle Ahnung, daß in ihm selber eine Gewalt dramatischer Leidenschaft schlummere, die Goethes harmonischer Genius so nicht kannte: ich will ihm den Kranz von der Stirne reißen, ruft er frevelnd. Was hat er nicht ausgestanden bei dem wohlweisen Lächeln der Philister um ihn her, die ihm seine »Versche« nicht verzeihen können; wie soll das armselige Volk erstaunen, wenn er einst heimkehrt als der erste der deutschen Dichter! Und schon ist der Plan gefunden, der alle Wunder von Weimar mit einem Schlage überbieten soll: das Drama Robert Guiscard. Auf diesen einen Wurf setzt er sein alles: gelingt ihm dies Gedicht, »das der Welt Deine Liebe zu mir erklären soll«, – dann will er sterben, so schreibt er der Schwester. In dem geheimnisvollen Ringen um dieses Werk verzehrt sich die edelste Kraft seiner Jugend. Bald schwelgt er in »der Erfindung, diesem Spiele der Seligen«, bald umflattern die werdenden Gestalten des Gedichts sein Haupt wie ein verfolgendes Dämonengeschlecht, also daß er mitten in froher Gesellschaft mit halblauter Stimme zu dichten beginnt. Wieder und wieder vernichtet er das Werk, das seinen glühenden Wünschen nie genügt. Dann klagt er das Schicksal an, warum es nicht die Hälfte seiner Gaben zurückgehalten habe, um ihm dafür Selbstvertrauen und Genügsamkeit zu schenken; dann überfällt ihn die Reue um die verlorenen Stunden, die ungenossenen wie die ungenützten, und eine tiefe Verachtung des Lebens: »wer es mit Sorgfalt liebt, moralisch tot ist er schon, denn seine höchste Lebenskraft, es opfern zu können, modert, indem er es pflegt.« Und bald strahlt er wieder von kecker Siegeszuversicht und ruft gleich seinem Prinzen von Homburg: o Cäsar Divus, die Leiter setz' ich an deinen Stern! Sein äußeres Leben in diesen angstvollen Tagen schildert er selbst in der Klage: »an mir ist nichts beständig als die Unbeständigkeit.« Er wandert und wandert, schließt Bekanntschaften mit bedeutenden Männern, um sie ebenso schnell zu lösen, entwirft neue Lebenspläne, um sie sogleich fallen zu lassen. Er will als ein Landmann in der Schweiz sich eine stille Hütte bauen und bricht mit seiner Braut, weil sie ihm nicht folgen will; er versucht einmal, inmitten der Pracht der Alpen, auf einer Insel in der Aar, mit einem anmutigen Schweizermädchen ein beschauliches Künstlerleben zu führen – und das alles zieht an ihm vorüber wie ein Traum, leer und nichtig neben dem einen, was ihm wirklich ist – neben dem Dichterschmerz um sein Drama. Da endlich erfolgt die Enttäuschung, deren schneidenden Jammer nur die eigenen Worte des Unglücklichen schildern können. Am 5. Oktober 1803 schreibt er der Schwester: »Der Himmel weiß, meine theuerste Ulrike (und ich will umkommen, wenn es nicht wörtlich wahr ist), wie gern ich einen Blutstropfen aus meinem Herzen für jeden Buchstaben eines Briefes gäbe der so anfangen könnte: »mein Gedicht ist fertig.« Aber Du weißt, wer nach dem Sprichwort mehr thut, als er kann. Ich habe nun ein Halbtausend hinter einander folgender Tage, die Nächte der meisten mit eingerechnet, an den Versuch gesetzt, zu so vielen Kränzen noch einen auf unsere Familie herabzuringen: jetzt ruft mir unsere heilige Schutzgöttin zu, daß es genug sei. Sie küßt mir gerührt den Schweiß von der Stirne und tröstet mich, »wenn jeder ihrer lieben Söhne nur eben so viel thäte, so würde unserem Namen ein Platz in den Sternen nicht fehlen.« Und so sei es denn genug. Das Schicksal, das den Völkern jeden Zuschuß zu ihrer Bildung zumißt, will, denke ich, die Kunst in diesem nördlichen Himmelsstrich noch nicht reifen lassen. Thöricht wäre es wenigstens, wenn ich meine Kräfte länger an ein Werk setzen wollte, das, wie ich mich endlich überzeugen muß, für mich zu schwer ist. Ich trete vor Einem zurück, der noch nicht da ist, und beuge mich ein Jahrtausend im Voraus vor seinem Geiste. Denn in der Reihe der menschlichen Erfindungen ist diejenige, die ich gedacht habe, unfehlbar ein Glied, und es wächst irgendwo ein Stein schon für den, der sie einst ausspricht. Und so soll ich denn niemals zu Euch, meine theuersten Menschen, zurückkehren? O niemals! Rede mir nicht zu. Wenn Du es thust, so kennst Du das gefährliche Ding nicht, das man Ehrgeiz nennt. Ich kann jetzt darüber lachen, wenn ich mir einen Prätendenten mit Ansprüchen unter einem Haufen von Menschen denke, die sein Geburtsrecht zur Krone nicht anerkennen; aber die Folgen für ein empfindliches Gemüth, sie sind, ich schwöre es Dir, nicht zu berechnen. Mich entsetzt die Vorstellung. Ist es aber nicht unwürdig, wenn sich das Schicksal herabläßt, ein so hilfloses Ding, wie der Mensch ist, bei der Nase herumzuführen? Und sollte man es nicht fast so nennen, wenn es uns gleichsam Kuxe auf Goldminen giebt, die, wenn wir nachgraben, überall kein ächtes Metall enthalten?« – Gleich darauf eilt er nach Frankreich, um unter Bonapartes Fahnen in England zu landen und – dort »den schönen Tod der Schlachten zu sterben. Unser aller Verderben lauert über den Meeren. Ich frohlocke bei der Aussicht auf das unendlich prächtige Grab.« Eine schwere Krankheit rettet ihn aus diesem Anfalle des Wahnsinns; doch die Narben aus jenen Kämpfen bleiben unvertilgbar seinem Geiste aufgeprägt. Von neuem beginnen die unsteten Wanderfahrten; über lange Abschnitte seines Lebens sind wir noch heute ohne sichere Kenntnis. In diesem reichen Geiste arbeiten dämonische Kräfte, die über die Enden des Menschlichen hinausgreifen, er schwankt zwischen seinem Urbild und seinem Zerrbild, zwischen dem Gott und dem Tier. Sein poetischer Genius bricht sich endlich seine Bahn durch alle diese Leiden, entfaltet sich stolz und sicher, stetig anwachsend. Dann bringt das Unglück des Vaterlandes seinem verwüsteten Leben wieder einen neuen reichen Inhalt: mit der inbrünstigen Liebe eines großen Herzens klammert der Dichter sich fest an sein versinkendes Volk, und während er die herrlichen Werke schreibt, die ihn an die Spitze unsrer politischen Sänger stellen, trägt der Unbegreifliche jenen finstern Lebensüberdruß mit sich umher, der ihn schließlich zum Selbstmord treibt. Es hieße an jeder Freiheit des Willens verzweifeln, wollte man in einem so unseligen Leben keine Schuld finden. Aber wer ist so vermessen, nach den dürftigen Nachrichten das Maß seiner Verschuldung und das Maß seines Unglücks abzuwägen? Nur einige widrige Umstände, an denen Kleists Wille wenig ändern konnte, seien erwähnt. Durch seinen frühzeitigen Eintritt in den Soldatenstand ward sein Entwicklungsgang unterbrochen, seine ganze spätere Bildung autodidaktisch und verwirrt. Und wie unentbehrlich war nicht eine strenge Geisteszucht gerade einem so erregbaren, so leicht und vielseitig auffassenden Kopfe! Ein geborener Edelmann war er hinabgestiegen zu einem Berufe, der jenen Tagen noch für bürgerlich galt, und vermochte doch den stetigen, folgerechten Fleiß des bürgerlichen Arbeiters sich niemals anzueignen. Noch tiefer und unheilvoller mußte auf ihn wirken, daß das Leben seinem Gemüte so wenig Freuden bot. Eine wahre, beglückende Liebe hat er nie genossen. Und wenn wir seine Richtung auf das Drama, sein für jene Zeit wunderbar lebendiges Interesse am politischen Leben bedenken, wenn wir uns fragen: welch ein Geist mußte es sein, der in dem Käthchen von Heilbronn, in der willenlos sich hingebenden Liebe sein weibliches Ideal finden konnte? – so erkennen wir, daß, bei aller Reizbarkeit, das männliche, ja das männische Wesen der hervorstechende Charakterzug seiner Natur war, so verstehen wir auch, wie schmerzlich dieser stolze Mann den Mangel teilnehmender Liebe empfinden mußte. Seine Braut hat ihn nie beglückt, das bezeugen seine Briefe. Diese Liebesbriefe eines Dichters, die uns mit einer Flut dürrer, doktrinärer Prosa überschütten, seien allen denen empfohlen, welche nicht begreifen können, aus wie seltsamen, widerstrebenden Stoffen der Mensch gemischt ist. Jeder Brief beginnt mit einigen zärtlichen Worten, deren abstrakte Metaphern starke Zweifel an der Tiefe der Empfindung erregen; darauf folgt eine regelrechte Schulstunde; er fordert seine Braut zu Denkübungen auf, er legt ihr Fragen vor, wie: was ist prächtig? was niederschlagend? Kurz, er liebt sie nicht, er will sie erst bilden, und auch eine reiche Phantasie kann eine solche Täuschung des Gefühls nicht mit poetischem Zauber verklären. Ulrike Kleist hat mit rührender Hingebung ihr Vermögen, ihr Glück, ihr alles dem Bruder geopfert, doch sie war nur die Schwester, zudem mit ihrem männlichen exzentrischen Wesen dem Dichter allzu verwandt: »es läßt sich an ihrem Busen nicht ruhen.« Auch eine zweite Geliebte, die er zu Dresden in Körners Hause fand, verstand nicht in die Launen seines herrischen Geistes sich zu fügen, und er stieß sie von sich. Wer ein Ohr hat für die leisen Schwingungen des Gefühls, der errät auch aus den Werken mannhafter Dichter, ob ihr Herz verödet blieb oder ob sie einmal wahr und rein und glücklich liebten – ein feiner und tiefer Unterschied, der mehr in der Form als im Wesen der Empfindung sich kundgibt. Wenn es lichte Geister gibt, die in der Einsamkeit des schaffenden Genius erhaben sind über solcher Bedürftigkeit – Kleist zählte nicht zu ihnen. Ergreifend klingt seine Klage: »So viele junge blühende Gestalten, mit unempfundenem Zauber sollen sie an mir vorübergehn? O dieses Herz! Wenn es nur einmal noch erwärmen könnte!« Er schildert die Liebe selten unbefangen als die welterhaltende Macht, die in dem Stammeln des Kindes als die erste Regung der Menschlichkeit erscheint und den Trotz des Mannes zu der Natur zurückführt; er stellt sie gern dar als eine Krankheit des Leibes und der Seele und verirrt sich zuweilen in die Mysterien des geschlechtlichen Lebens, die der Kunst schlechthin verschlossen sind. Er schildert gern das Nackte, und seine lebensvolle Sinnlichkeit berührt oft die zarte Grenze, welche die schöne Wärme der Leidenschaft von der fliegenden Hitze des Gelüstes trennt. Auch der Freunde besaß er wenige. Einige ausgezeichnete Männer unter seinen Kriegskameraden, wie Rühle und Pfuel, standen seinem Dichterschaffen allzu fern; und der Verkehr mit dem anmaßenden Phantasten Adam Müller verwirrte nur sein Urteil. Erscheint es nicht fast tragikomisch, daß der derbe, grundprosaische Zschokke und der jüngere Wieland, den die Nachwelt nur als einen warmherzigen Patrioten kennt, die einzigen Poeten waren, mit denen ihn eine gewisse Gemeinschaft künstlerischer Arbeit verband? Die Stunden der Andacht und Penthesilea! – Was frommte ihm der Beifall des alten Wieland, der schon mit einem Fuß im Grabe stand? Der eine, zu dem er emporblickte, Goethe, konnte das Grauen vor den krankhaften Zügen dieses leidenschaftlichen Talentes nicht verwinden; und die lauten Stürmer der romantischen Schule, die mit ihren formlosen Experimenten den Markt beherrschten, verziehen ihm seine Tugenden nicht, sie verachteten den prosaischen Sinn des Mannes, der den Mut besaß, festzuhalten an der strengen Kunstform des Dramas. Den christlichen Poeten des Tages war der ernste Bekenner Kantischer Sittlichkeit unheimlich: wenn Fouqué mit ihm zusammentraf, so sprachen sie selbander – über die Kriegskunst. Von solchen Stimmungen beherrscht erwies die Lesewelt den Werken Kleists eine unbelehrbare Mißgunst; kein einziger froher Erfolg verschönte sein Leben. Als er einst einer Freundin einige seiner Verse rezitierte und jene voll Bewunderung nach dem Verfasser fragte, da schlug er sich verzweifelnd an die Stirn: »Auch Sie kennen es nicht? O mein Gott, warum mache ich denn Gedichte?« Man mag einen jungen Poeten verachten, der die Kraft nicht findet, das unvermeidliche Schicksal eines Erstlingswerkes zu ertragen; doch hier erschüttert uns die gerechte Klage des verkannten Genius. Fester und fester spann er sich ein in sein einsiedlerisches Treiben: das Leid, sprach er stolz, drückt um so schwerer, wenn mehrere daran tragen. Der Fluch der Einsamkeit kam über ihn: sie nährte sein mißmutiges Grübeln, sie gewährte ihm nur zu viel Muße, die Dinge wieder und wieder zu bedenken, also daß jeder Entschluß, kaum gefaßt, ihm alsbald zum Ekel ward. Und wenn wir schaudern vor den frevelhaften Spielen der Phantasie, die in solchen Stunden sein Hirn betörten, so sollen wir doch auch unbarmherzig die Mitschuld seiner Zeit bekennen: dies Künstlervolk ließ den Sänger des Prinzen von Homburg verhungern, während Kotzebue und Zacharias Werner als große Dichter gefeiert wurden. Es liegt am Tage, daß ein so qualvoll ringender Dichtergeist unwillkürlich Probleme von subjektiver Wahrheit wählen mußte. Kleist wußte wohl, warum er die Frage aufwarf, die ihm viele begabte Dramatiker nachgesprochen haben: ob es denn nicht möglich sei, die Frauen mindestens für einige Abende vom Theaterbesuche auszuschließen. Seine edelsten Werke sind Bekenntnisse, ganz verständlich nur dem reifen Manne, dem verwandte Kämpfe die Seele erschütterten. Wer sich aber hineingefunden hat in diese subjektive Welt, den umfängt sie auch wie ein Zauberkreis. Kleist besitzt eine dramatische Energie, welche dem gemütvollen gern in die Weite schweifenden deutschen Wesen fast unheimlich erscheint und von keinem anderen unserer Dichter erreicht wird. Ein hoher dramatischer Verstand wirft alles zur Seite, was aufhalten, was den Sinn des Hörers von dem Wesentlichen ablenken könnte. Unaufhaltsam, wie in den Effektstücken gedankenloser Bühnenpraktiker, flutet die Handlung dahin; und doch ist nichts bloß gedacht und gedichtet, alles erlebt und angeschaut. Mit wunderbarer Sicherheit weiß er jederzeit die Stimmung in uns zu erwecken, die sein Stoff verlangt; mit ein paar Worten versetzt er uns in jede fremde Welt. Vor der Wahrheit seiner Charaktere verstummt die Kritik: diese Menschen leben, und wenn der Sturm der Leidenschaft sie packt, dann verliert selbst der nüchterne Hörer die Besinnung. In Kleists reiferen Stücken sind auch die geringfügigen Nebenpersonen des Studiums der tüchtigsten Schauspieler würdig: der Knecht Gottschalk im Käthchen war eine der glänzendsten Rollen Ludwig Devrients. Freilich verführt ihn die Fertigkeit, sich selbst zu belauschen, auch in der Zeichnung seiner Charaktere oft zu virtuoser Kleinmalerei. Er wagt manchmal, jene flüchtigen Gedankenblitze darzustellen, die uns wider Willen durchzucken, die nur durch ihr augenblickliches Verschwinden erträglich werden und darum jeder Darstellung sich entziehen; dann haben wir den Eindruck, als redeten seine Menschen im Traume. In jenen Augenblicken der höchsten Wut, wo in der Wirklichkeit die Leidenschaft stumm bleibt oder nur zerrissene Reden ausstößt, verschmäht Kleist oft das schöne Vorrecht des Dichters, der mächtigen inneren Bewegung Worte zu leihen; solche Szenen machen bei ihm, weil er sich zu sehr an die Natur hält, nur den Eindruck des Richtigen, nicht der poetischen Wahrheit. Die maßlose Leidenschaft, daran des Dichters Leben sich verblutete, dringt oftmals störend auch in seine Werke: er liebt das Schreiende, Gräßliche, verfolgt jedes Motiv gern bis zur äußersten Spitze, seine Helden jagen ihrer Sehnsucht nach so ungestüm, so unersättlich wie er selber dem Traumbilde seines Robert Guiscard. Als Kleist zu dichten begann, hatte er schon zu vieles, zu Ernstes erlebt, um zu meinen, es ließen sich die großen Widersprüche der Welt mit einer »schönen Stelle« lösen. Aber selbst diese echt künstlerische Tugend wird an ihm oft zum Fehler: er haßt nicht bloß die Phrasen, er flieht die Ideen. Als einen Mangel müssen wir es bezeichnen, daß die von Lessing verpönten langweiligen Aushilfen verlegener Dichter in seinen Dramen fast gänzlich fehlen. Das Trauerspiel hohen Stils verlangt solche Worte der Weisheit, nur daß sie natürlich aus Handlung und Charakter sich ergeben müssen; der Hörer atmet bei ihnen auf, er ahnt den hellen Dichtergeist hinter den Schrecken des tragischen Schicksals. Nicht Mangel an Genie erschwerte ihm, den idealen Gehalt seiner Fabeln an den Tag zu bringen, wohl aber Mangel an Ruhe: seine Stoffe lasteten auf ihm noch in ganz anderer Weise, als jedes unfertige Bild den Künstler bedrückt. Er besaß andauernder Begeisterung genug, um fast nur größere Werke zu schaffen, er arbeitete langsam und kehrte mit gewissenhaftem Fleiße immer wieder zu dem Geschaffenen zurück. Er schildert jede Einzelheit mit peinlicher Genauigkeit; und doch fühlen wir aus der Mehrzahl seiner Werke die innere Rastlosigkeit des Dichters heraus, seinen Drang, des Stoffes ledig zu werden. Man lese die »Episode aus dem letzten Feldzuge«, ein keckes Reiterstück, die einfachste Geschichte von der Welt. Wie ein Husar in einem von den Franzosen bedrohten Dorfe unbekümmert um die Bitten des Wirts behaglich ein paar Gläser trinkt, dann mit einem wilden Fluche davon sprengt und sich durch die Feinde durchhaut – das wird auf mehreren Seiten geschildert, keine Handbewegung des Reiters wird uns erlassen. Und trotzdem kommen wir dabei nicht einen Augenblick zur ruhigen Betrachtung, so atemlos ist die Erzählung. Auf Kleists Schaffen paßt Wort für Wort die Klage, die Schiller einmal über die Aufgabe des Dramatikers schlechthin ausspricht: »Ich muß immer beim Objekte bleiben; jedes Nachdenken ist mir versagt, weil ich einer fremden Gewalt folge«. Und fragen wir, warum Heinrich Kleist mit aller Schöpferkraft seiner Phantasie doch hinter dem Genius Schillers weit zurückbleibt, so lautet die Antwort: Schiller ist ein Klassiker, er sucht Probleme, die für alle Zeiten wahr sind, und löst sie mit der Sicherheit eines Geistes, der in den Ideen lebt; und weiter: Schiller steht seinen Werken frei gegenüber – trotz jener Selbstanklage, die ihn nicht trifft. Kleist aber wird in der Tat oft unfrei, willenlos fortgerissen von der Gewalt seines Stoffes; ja wir fühlen nicht selten, wie eine glänzende Erscheinung vor ihm aufsteigt, wie sie Macht gewinnt über seinen Geist und ihn zwingt, sie zu gestalten, auch wenn die Harmonie seines Planes darunter leiden sollte. Einzelne traumhaft schöne Bilder kehren in seinen Gedichten immer wieder, fast wie fixe Ideen, die er nicht abschütteln kann. Trotzdem ist Kleist ein denkender Künstler. Zwar kommt ihm niemals bei, in seinen Briefen über die Gesetze seines Künstlerschaffens zu sprechen, ja in einem Aufsatz voll köstlichen cynischen Humors verhöhnt er alle Kunsttheorien und meint, »daß es, nach Anleitung unserer würdigen alten Meister, mit einer gemeinen, aber übrigens rechtschaffenen Lust an dem Spiel, deine Einbildungen auf die Leinwand zu bringen, völlig abgemacht ist.« Doch in seinen Werken ist solcher Naturalismus nicht zu finden: gewissenhaft hat der Mann, dem die Schule der Bühne verschlossen blieb, nachgedacht über die Gesetze des Dramas; sorgfältig hält er die Kunstformen auseinander In seinen Dramen ist alles Handlung, in den Novellen alles Erzählung, also daß selbst der Dialog zumeist in indirekter Rede berichtet wird. Man vergleiche das lange Gedicht an die Königin Luise, das Graf York vor kurzem in den Grenzboten mitteilte, mit dem schönen prägnanten Sonette, das offenbar aus jenem Entwurf entstanden ist, und man wird ahnen, wieviel Gedankenarbeit in diesen wenigen Zeilen liegt. Auch in der Form seiner Gedichte bewährt sich der bewußte Künstler. Die ganze Tonleiter der Empfindung steht dem Sprachgewaltigen zu Gebote, doch am glücklichsten gelingt ihm der Ausdruck der stürmischen Leidenschaft; er kennt die Laute des edlen Heldenzorns, wie der tierischen Wildheit. Sein Stil ist höchst persönlich, von unverkennbarer Eigenart und eben darum echt deutsch: eine knappe, markige Sprache, auch in der Prosa allein aus dem deutschen Wortschatz geschöpft, reich an volkstümlichen anschaulichen Wendungen, und wenn es sein muß derb und grob, so wie er einst im Regimente gegen seine »Kerls« gewettert hatte. Der melodische Tonfall lyrischer Rede reizt ihn nicht; ihn kümmert's wenig, ob seine Jamben zuweilen hart, zerhackt, durch häßliche Flickwörter entstellt erscheinen; nur dramatisch, ausdrucksvoll, ein treuer Spiegel des Inhalts sollen sie sein, und sie sind es. Mag ihn die Literaturgeschichte immerhin zu der romantischen Schule zählen – die stolze Ursprünglichkeit dieser Erscheinung wird durch einen Gattungsnamen mit nichten erschöpft. Jedes Gedicht Kleists entspricht der Mahnung, die er einst den nachahmenden Künstlern zurief: die Werke der alten Meister sollten »die rechte Lust in Euch erwecken, auf Eure eigene Weise gleichfalls zu sein«. Er hat die Märchenpracht der Romantik mit ahnungsvoller Zartheit besungen, ja der Kantianer sehnte sich auf Augenblicke nach dem Frieden, den nur die Formenschöne des katholischen Kultus gewähren könne; aber dicht neben diesen phantastischen Traumen liegt in seinem Geiste der strenge Realismus, die Freude an dem Schlichtnatürlichen, die Verstandesklarheit des protestantisch-norddeutschen Wesens. Der uns soeben die gaukelnden Gestalten einer Wunderwelt geschildert, führt uns im nächsten Augenblick in die Kämpfe des politischen Lebens, läßt uns in vollen Zügen die frische, scharfe Luft der Zeitgeschichte atmen. So steht der wunderliche Grübler vereinsamt wie ein Fremder in einer Zeit, deren Kämpfe und Leiden er doch tiefbewegt im Innern mitempfindet; und wir Nachlebenden wissen nicht zu sagen, ob wir ihn beklagen sollen als einen Spätling oder als einen zu früh Geborenen. Er erschien zu spät – denn dem geistigen Vermögen einer jeden Epoche ist ein festes Maß gesetzt, es war unmöglich, daß die deutsche Kunst noch bei Lebzeiten Goethes jenen neuen Stil hätte finden können, von dem Kleist träumte. Und wieder: er kam zu früh, denn erst der Bürgersinn, der realistische Zug der Gegenwart beginnt den Kern dieses Dichtergeistes zu verstehen, erst den Dramatikern unserer Tage sind seine Werke ein Vorbild. Nur der Torso des ersten Aufzuges läßt uns ahnen, welch ein Werk der »Robert Guiscard« zu werden bestimmt war; doch weder das Bruchstück selbst noch die Überlieferung der Normannengeschichte gibt uns einen klaren Begriff von dem Plane. Wir vermuten lediglich, wenn wir »das Volk« als Masse reden und klagen hören, daß dem Dichter eine Erneuerung des antiken Chors in ganz moderner, dramatischer Form, eine Verbindung des charakteristischen und des idealisierenden Stiles vorgeschwebt haben mag. Eine wunderbare, von Kleist selber nie wieder erreichte Pracht der Sprache hebt uns sofort auf die Höhen des Menschenlebens; hier ist sie wirklich, die gorgeous tragedy in sceptred pall , die Tragödie der Könige und Helden. Wir blicken in das wogende Gewimmel eines Völkerlagers, und wie der alte Löwe Robert Guiscard soeben majestätisch unter die klagenden Normannen tritt, da brechen die Szenen ab, die einzigen, welche Kleist nach der Vernichtung des Werks zu erneuern gewagt hat, und traurig legen wir die Blätter aus der Hand, an denen das Herzblut eines edlen Mannes haftet. Noch während dieser Plan auf der Seele des Dichters lastete, versuchte er sich an einem bescheideneren Werke, dem Drama »die Familie Schroffenstein«. Neben seiner großen Tragödie erschien ihm das kleinere Gedicht bald armselig, wie »eine elende Scharteke«; fast gewaltsam mußten ihn die Freunde überreden, das Drama zu vollenden. Kein Wunder, daß die Kritik mit diesem Erstlingswerke nichts anzufangen wußte; der Dichter war, da er als Neuling auf den Markt trat, längst in der Stille durch eine harte Schule dramatischer Arbeit gegangen, längst hinaus über die rhetorische Überschwenglichkeit der Jugend. Der Bau der ersten Akte ist mit der Sicherheit eines gereiften Verstandes entworfen; die Charaktere, voll gewaltiger, wortkarger Leidenschaft, sind gezeichnet mit jener unerbittlichen Wahrheit, welche die Frauen so leicht von Kleists Werken zurückschreckt; das Ganze ein Bild finsterer blutiger Kämpfe, ohne jede Spur einer höheren Idee. Wenn Hegel recht hatte mit seinem Satze, daß ein idealistischer Anfang in der Kunst immer bedenklich sei, so müßte man dies Erstlingswerk mit dem günstigsten Auge betrachten. Und doch liegt gerade in dem Mangel jedes idealen Momentes der Grund seines Fehlschlagens. Kleist schildert den ererbten Haß zweier verwandter Häuser, deren Kinder sich lieben und endlich durch den Frevel der Väter untergehen. In Shakespeares Romeo und Julie wird der Haß der Familien vorausgesetzt, der Schwerpunkt liegt in der Schuld der Liebenden. Bei dem deutschen Dichter erscheint das Leiden der Liebenden nur als eine Episode, als das heitere Gegenbild der finsteren Fabel, freilich als ein Bild von rührender Innigkeit und bezaubernder sinnlicher Wärme. Der Kern seiner Aufgabe ist, zu entwickeln, wie die lang gehegte Erbitterung der beiden Geschlechter durch ein Nichts, einen leeren Verdacht zum finsteren Hasse gesteigert wird, wie der Wahnsinn des Argwohns die beiden Stammeshäupter – zwei grundverschiedene und doch in ihrem zähen, schweren Wesen nahe verwandte Naturen – übermächtig packt und sie fortreißt von Untat zu Untat. Und dies ist dem Künstler so vollständig gelungen, wirkliche und vermeinte Schuld, Schein und Wahrheit verschlingen sich so fest ineinander, daß der Hörer und schließlich auch der Dichter die Klarheit seines sittlichen Urteils verliert. Dem Dichter selbst wird »das Gefühl verwirrt« wie seinen Helden, er steht ratlos vor dieser jämmerlichen und doch so furchtbaren Kleinheit der Menschen, die in ihrem Grimm befangen nicht rechts noch links von ihrem Wahn hinwegzublicken weiß; er meint zuletzt, die durch den Aberwitz der Sterblichen verschuldete Verwicklung durch einen Aberwitz des Schicksals lösen zu dürfen. Durch einen grundhäßlichen Zufall erschlägt jeder der Väter, in der Meinung, das Kind des Feindes zu treffen, sein eigenes Kind. Vor den unschuldigen Opfern kommt endlich die Nichtigkeit des Argwohns, der all dies Unheil herbeigeführt, an den Tag, und die schuldigen Väter feiern eine weder glaubhafte noch erhebende Versöhnung. Mit sichtlicher Unlust hat der Dichter den Schluß zu diesem krankhaftesten seiner Dramen auf das Papier geworfen; es ist sein eigenes verstörtes Gemüt, das durch den Mund seines Helden verzweifelnd gen Himmel schreit: Gott der Gerechtigkeit, sprich deutlich mit dem Menschen, daß er's weiß, auch was er soll! – Als endlich sein Geist sich langsam erholte von dem Zusammenbruch seiner liebsten Träume, da begann er eine Neuschöpfung des Molièreschen Amphitryon. Eine Neuschöpfung, sage ich, denn bloß zu übersetzen war diesem trotzigen Dichter unmöglich; in ihm lag nichts von weiblicher Empfänglichkeit, und selbst die Aufgabe, das Werk Molières umzugestalten, hätte ihn schwerlich gereizt, wenn nicht die unharmonische Natur des Stoffes jedem neuen Bearbeiter einen weiten Spielraum eröffnete. Die berühmte Fabel, wie Zeus in der Gestalt Amphitryons dessen Weib Alkmene erkennt, bietet in der tollen Verwechslung der Personen, in der Figur des geprellten Ehemanns, diesem zweideutigen Liebling des Lustspiels aller Zeiten, überreichen Stoff zu komischen Szenen; aber, zu grausam für einen Scherz, zu lächerlich, um tiefere Empfindungen zu erregen, kann sie nie einen reinen Eindruck hervorbringen. Als ein Meister hat Molière verstanden, die bedenkliche Kehrseite der Handlung zu verdecken, mit herzerquickendem Selbstgefühl stellt er sich als ein moderner Mensch der antiken Welt gegenüber – so übermütig wie nur Shakespeare in Troilus und Cressida. Er verflacht absichtlich den nationalen Gehalt des Stoffes, er will nichts wissen von dem religiösen Schauer, den die Erscheinung des Göttervaters in der Brust des gläubigen Hellenen erweckte. Seine Götter sind ein lebenslustiges, übermütiges Völkchen, von den Menschen nur durch ihre Macht verschieden und sehr geneigt, diese Übermacht zu mißbrauchen. Er beginnt mit einem Prologe voll köstlicher Laune: Merkur fordert die Nacht auf, einige Stunden länger über Theben zu verweilen, damit Zeus seine Freude bis auf die Hefe genießen könne; sie weigert sich, denn man müsse »das Dekorum der Göttlichkeit« wahren, doch gibt sie nach, als er ihre Neigung für galante Abenteuer, wovon sie sich allerdings nicht freisprechen läßt, ihr vorhält. Mit diesen Späßen und dem possenhaften Wortspiele Bon jour, la Nuit – adieu, Mercure , das den Prolog schließt, gelangen wir sofort zu der leichtfertigen, lustigen Stimmung, die der Richter verlangt. Nun folgt ein buntes Durcheinander lächerlicher Szenen. Merkur in der Gestalt des Sklaven Sofias zankt sich mit dem wahren Sofias über sein Ich, zerprügelt ihn wiederholt mit göttlicher Urkraft; und zu diesen alten Witzen, wodurch schon der Amphitryon des Plautus und des Camoens ihre Hörer entzückten, tritt eine neue glückliche Erfindung hinzu: der eheliche Zwist im Hause des Fürsten wiederholt sich possenhaft im Hause des Sklaven. Die gewollte Oberflächlichkeit seiner Charakterzeichnung wird dem Dichter erleichtert durch den Genius seiner Sprache: die französische Leidenschaft tritt in viel zu rhetorischer Form auf, als daß sie uns tief ergreifen könnte. Mit leichtfertiger Grazie schlüpft er über die ernsten Auftritte dahin, so daß wir nie zum Nachdenken, nie aus dem Gelächter heraus kommen. Der tiefe Gegensatz deutschen und französischen Kunstgefühles tritt uns vor die Augen, wenn wir nunmehr den deutschen Dichter in seiner Werkstatt belauschen, wie er das fremde Gebilde zu packen und auf den Kopf zu stellen wagt. In den rein komischen Szenen reicht Kleist, trotz der ersichtlichen Bemühung, sie mit lustigen Einfallen zu bereichern, an die schalkhafte Leichtigkeit seines Vorbildes nicht heran; dafür versucht er, die ernste Seite des Dramas zu vertiefen, zu bereichern durch die Macht und Glut deutscher Leidenschaft. Als Amphitryon seinem Weibe nicht glauben will, daß er selbst sie am vergangenen Abend besucht, da ruft sie ihm nicht, wie bei Moliere, seine transports de tendresse , seine soudains mouvements – und wie sonst die französischen Phrasen lauten – ins Gedächtnis: leibhaftig vielmehr tritt der Vorgang vor uns hin, wie Alkmene in der Dämmerung am Rocken saß, wie der vermeinte Gatte heimlich ins Zimmer schlich und sie auf den Nacken küßte – und so folgen wir Schritt für Schritt dem Entzücken jener seligen Nacht. Bezeichnend genug liegt bei dem romanischen Dichter der Schwerpunkt des Stücks in den Situationen, bei dem Deutschen in den Charakteren. Alkmene, bei Molière eine sehr gewöhnliche Erscheinung, ist bei Kleist ein herrliches Weib, »so urgemäß dem göttlichen Gedanken in Form und Maß, in Sait' und Klang«; sie bleibt rein in der Umarmung des fremden Mannes, denn »Alles was sich Dir nahet ist Amphitryon«. Kleist schildert nicht die noble Passion eines galanten großen Herrn, sondern den geheimnisvollen Zauber eines begeisterten Festes der Liebe. Er wagt noch mehr: der christliche Mythus von der unbefleckten Empfängnis der Maria schwebt ihm vor Augen, und er erkühnt sich, der alten Heidenfabel ihren religiösen Inhalt wiederzugeben. Sein Zeus ist der Gott, das irdische Haus muß sich geehrt, begnadigt fühlen durch den Besuch des Allmächtigen. Dergestalt haben zwar die ernsten Szenen unendlich gewonnen. Wie in den Gesprächen mit Alkmene das göttliche Wesen des Zeus durch die irdische Hülle hindurchbricht, wie er endlich mit dem Donnerkeil in der Hand aus dem Gewölke tritt und zu den in heiligem Schrecken zusammenbrechenden Sterblichen redet, das sind Auftritte voll Majestät. Aber das Wesentliche, die Einheit des Stücks, geht verloren. Diese erhabenen Bilder stehen in grellem Widerspruch zu dem possenhaften Treiben der beiden Sofias; es ist unmöglich, Mitleid zu empfinden mit dem tiefen Schmerze des Amphitryon, den wir soeben erst seinen Sklaven in höchst prosaischer Weise prügeln sahen; und mit aller Pracht der Sprache gelingt dem Dichter nicht, uns die Göttlichkeit eines Wesens glaubhaft zu machen, das so groß spricht, aber so grausam und zweideutig handelt wie dieser Zeus. Die zerrissenen, nichtssagenden Reden, womit das Volk zuletzt die Kunde von der seltsamen Gnade des Gottes aufnimmt, beweisen, daß Kleist selbst nicht daran glaubte. Recht behält die faunische Weisheit des Molièreschen Sofias: sur telles affaires toujours le meilleur est de ne rien dire Wie anders der fast zur selben Zeit vollendete »zerbrochene Krug«, das einzige selbständige Lustspiel des Dichters – ein Werk aus einem Gusse, rund und fertig, harmonisch bis in die letzte Zeile. Kleist hatte sich einst in der Schweiz mit Zschokke und Ludwig Wieland an einem Kupferstiche ergötzt, der einen plumpen dicken Richter darstellte inmitten hitziger Parteien, die um die Scherben eines Kruges sich streiten. Die jungen Leute wählten dies zum Thema eines literarischen Wettkampfes, und als nun der Grübler sich in das Bild vertiefte, da kam ihm ein Einfall, so einfach, daß er unserem blasierten Publikum kaum auffallt, und doch so glücklich, so echt komisch, daß wir in der armen Geschichte des deutschen Lustspiels nur wenige seinesgleichen finden: der Richter selber hat den Krug zerbrochen bei einem unsauberen Liebesabenteuer und muß, indem er verhört, sich selbst entlarven. Mit virtuoser Kühnheit macht sich Kleist die Arbeit so schwer als möglich; er hält sich genau an das Bild: das ganze Lustspiel stellt, bis auf eine einleitende Szene, nur die eine auf dem Kupferstiche wiedergegebene Situation dar, und zum Überfluß spielt die Handlung in Holland unter breitspurigen Menschen, die mit umständlichem Phlegma jedes Nichts erörtern. Der entscheidende Hergang rollt sich nicht vor unseren Augen ab, er wird nachträglich enthüllt; die Entwicklung des Dramas ist analytisch, sie erinnert an die Komposition vieler antiker Tragödien. Doch der Dichter hat wirklich die Not zur Tugend gemacht, er weiß den Gang des Verhöres so gewandt zu entwickeln, daß wir auf das Geschehene nicht minder gespannt sind wie in anderen Lustspielen auf das Künftige. Und welch ein psychologisches Meisterstück – dieser Richter Adam, wie er sich festlügt mit frecher Stirn, wie er dann aufgescheucht wird aus allen Schlupfwinkeln seiner dummdreisten Schlauheit, wie er sich nach und nach entpuppt als ein Ungetüm von feiger Unverschämtheit, ein holländischer Falstaff. – Wieviel Kraft des Willens lag doch in Kleists Seele, wenn er seinen düsteren Sinn zwingen konnte zu der ausdauernden Heiterkeit der Komödie! Nur an einzelnen Stellen verrät der gepreßte künstliche Ton des Scherzes, daß der Dichter diese derblustigen Gestalten schuf, um sein selbst zu vergessen. Durchaus nicht auf der Höhe seiner Dramen stehen Kleists Erzählungen. Nicht als ob ihm das erzählende Talent gefehlt hätte: seine Virtuosität in der Detailmalerei konnte sich hier vielmehr am freiesten tummeln. Aber die lose Kunstform legt seinem stürmischen Geiste die Zügel nicht an, deren er bedarf; alle krankhaften Neigungen seines Wesens, welche die ideale Strenge des Dramas mäßigte, lassen sich hier haltlos gehen. Es scheint nicht überflüssig, dies hervorzuheben: unsere besten Dichtertalente sind heute auf dem Felde der Erzählung tätig; dabei laufen wir Gefahr, den natürlichen Wert der Kunstgattungen zu vergessen. Nimmermehr hätte Kleist in dramatischer Form so ganz Verfehltes geschaffen, wie die häßlichen Schauergeschichten, »der Findling« und »das Bettelweib von Locarno«, oder gar die weinerliche Legende von der heiligen Cäcilie. Nur die Manier der Erzählung, nicht das Talent verrät, daß diese verunglückten Versuche aus derselben Feder flössen, welche das »Erdbeben in Chili« und »die Verlobung in St. Domingo« schrieb. Das fürwahr sind echte Novellen im Stile der alten Italiener: das neue unerhörte Ereignis, das launische Spiel des Schicksals, nicht der Kampf in der Seele des Menschen, gilt dem Dichter als das Wesentliche. In leidenschaftlicher Hast stürmt die Erzählung vorwärts, wunderbar glücklich stimmt die schwüle Luft der indischen Welt zu dem rasenden Wechsel der Geschicke; dem Leser wird zu Mute, als ob ihm selber die Glut der Tropensonne sinnbetörend auf den Scheitel brenne. Am meisten gerundet in der Form ist die Novelle »die Marquise von O.« Aber alle Kunst des Dichters bringt uns nicht dahin, daß wir den schändlichen und – was schlimmer ist – grundhäßlichen Ausgangspunkt der Erzählung verwinden, daß wir dem Helden einen Frevel an einem bewußtlosen Weibe vergeben. Immerhin bleibt erstaunlich, wie der natürliche Adel des Talents selbst beim Ringen mit einem widerlichen Stoffe sich nicht verleugnet. Kleists Freund Zschokke mißbrauchte dasselbe Motiv zu einer Novelle voll fauler Späße; unser Dichter schreitet über das Gemeine rasch hinweg, um sich in eine seine und ernste Seelenschilderung zu vertiefen. Noch stärker überwiegt das psychologische Interesse in der großen Erzählung »Michael Kohlhaas«. Nur der Deutsche empfindet ganz die tragische Macht dieser einfachen Geschichte: wie ein schlichter Mann, in seinem Rechte gekränkt, vergeblich den Schutz des Gesetzes anruft und dann, verzweifelnd an der Ordnung der Welt, in unbändiger Rachgier Frevel auf Frevel häuft, bis endlich der überfeine Rechtssinn des Rechtsbrechers an der Kleinheit seines Gegenstandes sich selbst die Spitze abstößt. Wir meinen den Schleier fallen zu sehen von einem Herzensgeheimnis des deutschen Mittelalters. Die Unersättlichkeit, die Wollust der Rache konnte so wahr, so überzeugend nur ein Dichter schildern, dem selber das Hirn wirbelte bei dem Gedanken an die Vernichtung des Landesfeindes, der selber soeben seinem Volke zurief: wenn der Kampf nur fackelgleich entlodert, werth der Leiche, die zu Grabe geht! Aber während die modernen Novellisten sich zumeist in eine Seelenmalerei verlieren, welche der Aufgabe des Dichters ebenso sehr widerspricht wie die breite Naturschilderung, und mit peinlicher Langsamkeit das Herz ihres Helden zerfasern und zerschneiden, bleibt Kleist unwandelbar der Erzähler. Sein Held ist immer in Bewegung, obgleich wir jeden seiner Gedanken erfahren, der Fluß der Ereignisse stockt niemals, obschon uns kein Nebenumstand erlassen wird – bis wir leider plötzlich entdecken, daß dem Dichter die Kraft versagt, die Gestalten unter seinen Händen zerfließen und die so herrlich begonnene Fabel in willkürlichen Visionen endet. Die Erzählung lehrt zugleich, wie übermütig der echte Dichter umspringen darf mit jener »historischen Treue«, deren Wert von der überbildeten Gegenwart so wunderlich mißverstanden wird. Dem Bilde, das wir alle von Johann Friedrich dem Großmütigen im Herzen tragen, schlägt Kleist fast mutwillig ins Gesicht; das moderne Dresden wird mit größter Sorgfalt in das sechzehnte Jahrhundert zurückversetzt, während wir doch wissen, daß die Handlung in Dresden gar nicht spielen konnte. Und doch drängt sich uns nicht der mindeste Zweifel auf: so lebendig tritt uns alles vor Augen, und so glücklich trifft der Erzähler jenen derben biederen Ton der Rede, der uns die Weise unserer Altvordern weit eindringlicher schildert, als die sorgfältigste Zeichnung des Kostüms vermöchte. Erst von dem Augenblicke an, wo den Dichter die poetische Kraft verläßt, wo er sich in nachtwandlerische Träume verliert, werden unsre historischen Bedenken wach. Und nochmals erhebt sich die Frage: warum Kleist nicht, nach dem Rate seines Freundes Pfuel, diesen köstlichen Stoff zu einem Drama verwendet hat? In seinen Dramen tritt »die Unart seines Geistes«, das schlafwandlerische, phantastische Wesen zuweilen störend, nie zerstörend auf; hier in der Erzählung läßt er sich gehen, und das schöne Gedicht, ein Werk seiner reifsten Jahre, wird ganz und gar verwüstet. Verfolgen wir sein dramatisches Schaffen weiter, so beobachten wir fortan ein mächtiges Aufsteigen seiner dichterischen Kraft, zunächst an der Tragödie Penthesilea. Man erzählt von Hegel, daß er einst, als Tieck den Othello vorlas, entsetzt ausrief: »wie zerrissen mußte dieser Mensch, Shakespeare, sein, daß er den Jago so darstellen konnte« – worauf Tieck entgegnete: »Herr Professor, sind Sie des Teufels?« Die Schnurre ist, wenn nicht wahr, doch gut erfunden. Wer der Kunst nicht lebt, nur zuweilen aus der befriedeten Welt des Gedankens sich in ihren Zauberkreis hinüberstiehlt, wird sich leicht versucht fühlen, den Künstler, der ein krankes Menschenherz schildert, selber für krank zu halten. Und freilich, solange Kleists Briefe noch verborgen lagen, blieb die Penthesilea, das subjektivste seiner Werke, unverständlich wie der Traum eines Fiebernden; seit wir jene Geständnisse kennen, erscheint gerade diese wilde Dichtung als der Anfang seiner Genesung. Er faßte sich endlich das Herz, den Kämpfen seiner letzten Jahre ins Gesicht zu sehen, er wagte sie zu einem Kunstwerke zu gestalten, und sobald ein Dichter sein Leid gesteht, beginnt er schon es zu überwinden. Die Erlösung freilich, die reine dauernde Versöhnung, welche ein Goethe in solchem Geständnis seiner Qualen fand, sollte dieser Unglückliche niemals erreichen. Der ganze Schmerz und Glanz seiner Seele, so sagt er selbst, ist niedergelegt in der Penthesilea; sein eigenes Ringen und Leiden, jene wilde Jagd nach dem Ruhm, dem vollendeten Kunstwerk, und sein fürchterlicher Fall erschüttern uns in dem Schicksal dieser Königin der Amazonen, die den Schönsten, den Herrlichsten der Männer zu ihren Füßen niederzwingen will und nach kurzem Rausche des Übermuts in rasendem Toben untergeht – denn nicht dem Speer des Feindes, dem Feind in ihrem Busen wird sie sinken! Wie glücklich fühlt sich der Dichter, »einmal etwas recht Phantastisches zu schreiben«, die einfache Großheit des Achilleus und des Diomedes inmitten der Farbenpracht einer traumhaften Wunderwelt zu schildern! Wie dürr und kahl erscheinen neben dem Duft und Glanz dieser Verse die gleichzeitigen, durchweg unglücklichen Versuche der Romantiker, das Altertum auf ihre Weise wiederzubeleben – ganz zu geschweigen jener langweiligen Penthesilea, welche Tischbein damals auf die geduldige Leinwand sündigte. An seine Heldin verschwendet der Dichter alle Schätze seines Herzens, denn er liebt sie, und oft klingt uns aus seinen Worten die unbefangene Sinnlichkeit der Heiden entgegen. Er wagt sich an das unheimliche Geheimnis der Schönheit, das schon Vater Homer kannte, er will ein Weib schildern, so entzückend schön, daß jedes sittliche Urteil vor ihr verstummt. Ihm ist zu Mute wie jenen Greisen von Troja, die auf den Mauern sitzend das Verderben bejammern, das um eines Weibes willen über ihr Volk kam – und da die Unheilvolle plötzlich unter sie tritt, wagen sie doch nicht zu zürnen, so schrecklich (αίνώς) packt sie der Anblick der schönen Helena. Aber selbst die Kraft unseres Dichters wird zunichte vor der Unnatur seines Stoffes. Schon vor einer antiken Amazonenstatue verweilen wir mit seltsam befremdeter Empfindung, und doch darf die bildende Kunst in diesem Falle mehr wagen als die Dichtkunst. Unser Erstaunen steigert sich zum Grauen, sobald uns das Seelenleben eines Mannweibes, dies wilde Durcheinanderwogen von Heldenstolz und Kampflust, von edler Liebe und roher Brunst in der hellen Beleuchtung eines modernen Dramas entgegentritt. Nun gar das Umschlagen der Wollust in Blutgier, dies allerscheußlichste Rätsel des Menschenherzens, an einem Weibe zu beobachten, wer könnte das ertragen? Was gilt uns die prachtvolle Schilderung der Rosenfeste von Themiskyra, wo die kriegerischen Amazonen, seligen Schauers voll, die besiegten Jünglinge bekränzt zum Altäre der Aphrodite führen? Von dem Liebeswahnsinn dieser Jungfrau, die ihre Zähne in den zuckenden Leichnam des Bräutigams schlägt, wendet sich jedes natürliche Gefühl. Und sogar die schöne Form leidet zuletzt unter der Verkehrtheit der Idee, da die Raserei der Königin in läppischen Irrsinn übergeht. Wir fühlen, wie krampfhaft das Herz noch zuckte, dem diese wilden Verse entströmten, aber auch wie erleichtert der Dichter aufatmen mußte, da er also seinen Schmerz bekannt hatte. Endlich einmal schien das Geschick dem Unglücklichen freundlich zu werden; er gründete in Dresden eine literarische Zeitschrift, den Phöbus, hoffte zuversichtlich, sich jetzt einen ehrenvollen Platz in der Künstlerwelt zu erobern, trat den geselligen Freuden wieder näher. Schon mehrmals früherhin hatte der »arme Brandenburger« seinen Wanderstab ruhen lassen auf diesem lieblichen Winkel deutscher Erde und stundenlang die Madonnenbilder der Galerie betrachtet und die dunkeln Waldgründe durchstreift, die in das lachende Elbtal münden, und droben von der Brühlschen Terrasse träumend hinabgeschaut auf die sanften Windungen des Flusses und das alles in entzückten Briefen der Schwester geschildert. Es war noch das alte Dresden, die prächtige und doch stille Stadt, die Canaletto gemalt hat, so recht ein Platz zum Träumen und zum Dichten, noch nicht der abgetretene Spaziergang blasierter Touristen. Und – so seltsam spielt der Reiz des Kontrastes in dem Künstlergemüte – gerade hier in dem Schmuckästlein des Rokokostils erwachte dem Dichter der Sinn für die heimische Vorzeit; sein Geist, der so lange in die Ferne geschweift, kehrte ein in die Fülle des deutschen Lebens, um seine schönsten und reifsten Werke aus dieser reinen Quelle zu befruchten. Er fühlte sich jetzt Mannes genug, einen neuen Herzenskummer, der ihn traf, sofort als Künstler zu überwinden. All die Träume von Liebesglück, die ihm so schmerzlich zerronnen waren, rief er wach, um im Gedichte ein Weib zu schaffen, wie er es ersehnte und nie finden sollte, und alle sanften, glücklichen Erinnerungen seines Lebens versammelte er um sich, um dem geliebten Bilde eine freundliche Umgebung zu bieten. Die alte gotische Kirche stieg wieder vor ihm auf, die seinem Vaterhause gegenüber stand, mit ihrem schweren Turme und den geborstenen roten Backsteinzinnen, die der Knabe so oft ahnungsvollen Blickes betrachtet; er sah die finsteren Tore und die steilen Giebelhäuser in der alten Oderstadt; jene zarten Bilder von dem »Cherub mit gespreizter Schwinge«, von dem »süß duftenden Hollunder«, die in seinen älteren Gedichten flüchtig wie ein Sonnenblick aus dichtem Gewölk erschienen, erwachten wieder und mahnten ihn, sie reich und fertig zu gestalten. Also schuf der seltsame Mann, der in allem von der Regel abweicht, in seinem zweiunddreißigsten Jahre das jugendlichste seiner Werke: das Käthchen von Heilbronn. Wir fühlen ihm nach, wie er mit der naiven Freude des Entdeckers vor den wundersamen Gestalten steht, die er in der Vorzeit seines Volkes aufgefunden; ein frischer Duft weht uns an, wie der Erdgeruch aus dem umgebrochenen Acker. Seine Heldin nennt er selbst »die Kehrseite der Penthesilea, ihren anderen Pol, ein Wesen, das ebenso groß ist durch Hingebung wie jene durch Handeln«. Noch nicht sechzig Jahre sind verflossen, seit dies Werk zuerst an der Wien vor die Lampen trat; und schon mutet es uns an wie eine Sage aus uralter Vorzeit, kaum mehr verstanden von der hellen, strengen Gegenwart. In jedem Volke begegnen uns einzelne Dichtungen, welche, ohne den Stempel klassischer Vollendung zu tragen, doch unantastbar dastehen, weil sie geweiht sind durch die Liebe eines vergangenen Geschlechts; sie fordern, daß der Nachlebende sie dankbar hinnehme wie ein Gebilde der Natur. So dies Gedicht; aus ihm reden alle jene holden traulichen Träume, die unseren Müttern die Jugend beseligten, die Herzenssehnsucht einer Zeit, die unser kälterer Verstand zugleich übersieht und um die Innigkeit ihres Gefühls beneidet. Ich kann nicht ohne Rührung der Stunden denken, da mir meine Mutter von ihren ersten Gängen zum Theater erzählte: wie glückselig hat dies unschuldige Mädchengeschlecht dem Käthchen gelauscht, wenn sie unter dem Fliederbusch ihre keusche Liebe träumt! Der Dichter aber, der so glücklich einen Schatz aus dem Gemüte seiner Zeit zu Tage gefördert, er war längst nicht mehr, als das Käthchen endlich auf allen Bühnen sich einbürgerte; wir meinen oft seinen Schatten zu sehen, wie er niederschaut auf diese verspäteten Erfolge und bitter lachend wie sein Prinz von Homburg die Achseln zuckt: nur schade, daß das Auge modert, das diese Herrlichkeit erblicken soll! Selbst heute noch können wir die Kraft des einfachen Märchens erproben: in unseren Vorstadttheatern weilt ein Publikum, zu arm an Bildung und zu schwer bedrückt von den Sorgen des eigenen Lebens, um die Gewalt des tragischen Schmerzes zu ertragen, doch nach deutscher Art zu gesetzt, um allein dem Lustspiele zu huldigen. Hier ist der rechte Tummelplatz für das ernste Drama mit glücklichem Ausgange; hier hat das Femgericht noch seine Schrecken, hier findet der erbärmliche Darsteller des wackeren Gottschalk noch seine Bewunderer, die Kunigunde ihre leidenschaftlichen Feinde. Wir müßten sehr niedrig denken von dem sittlichen Berufe der Kunst, wollten wir solche Erscheinungen über die Achsel ansehen; danken wir Gott, daß das Pariser Hetärendrama noch nicht überall sein Zepter schwingt. Es ist nicht bloß der ritterliche Lärm und Pomp, was diese braven Leute so tief ergreift; noch mächtiger wirkt die Kraft der volkstümlichen Sprache, die Innigkeit des Gemüts, die aus jeder Zeile redet, die Anschaulichkeit der einfach verständlichen Motive. Selbst der Haß, sonst der deutschen Gutmütigkeit so schwer faßlich, erklärt sich hier von selbst. »Der Mensch wirft Alles, was er sein nennt, in eine Pfütze, nur kein Gefühl« – das versteht auch der gemeine Mann, nicht die Worte, doch den Sinn. Freilich muß das Drama voll kundigen und rücksichtsvollen Händen vorgeführt werden, mit Pietät nicht vor den schwachen Nerven der Hörer, sondern vor der kräftigen Eigentümlichkeit des Dichters. Welche Barbarei, wenn der zartsinnige Regisseur die Szene, wo Graf Wetter vom Strahl dem Käthchen mit der Peitsche droht, verletzend findet, statt der Roheit eine Niederträchtigkeit einfügt und den Grafen das Schwert zücken läßt auf die Wehrlose! Freilich muß man die Ansprüche der absoluten Kritik daheim lassen. Ist die hingebende Liebe des Käthchens nicht schon selbst wunderbar genug? ist es nicht bare Tautologie, das größere Wunder durch ein kleineres zu erklären? verliert Käthchens Liebe nicht an Wert durch den zwingenden Zauber, der sie an den Ritter kettet? und geht nicht zuletzt der ideale Gehalt des Gedichts geradezu verloren, da nicht das arme Bürgerkind durch die Macht der Liebe über den Stolz des Ritters triumphiert, sondern die Kaiserstochter dem Grafen ihre ebenbürtige Hand reicht? Solche unwiderlegliche Einwände vergessen nur das Entscheidende, daß ein Märchen, ein dramatisch behandelter epischer Stoff nicht unbedingt den Gesetzen des Dramas gehorchen kann; liegt es doch im Wesen des Märchens, die Wunder des Herzens durch die Aufhebung der Ordnung der Natur zu erklären, Lohn und Strafe in der allersinnlichsten Form erscheinen zu lassen. Der zarte Duft des volkstümlichen Stücks verfliegt, wenn wir mit so derber Hand daran treten. Wir beklagen nur, was der Dichter selbst aufs bitterste bereut hat, daß er dem märchenhaften Charakter des Stücks nicht treu geblieben. Rücksicht auf die Ansprüche der Bühne, denen das Käthchen doch niemals völlig genügen kann, verleitete ihn, statt der zaubergewaltigen Fee Kunigunde jenes nüchterne rationalistische Scheusal zu schaffen, das so widerwärtig erscheint hier in der heiteren Fabelwelt, wo höhere Geister noch gern mit dem farbenreichen Menschenleben verkehren. Die maßlose Heftigkeit des Dichters verführt ihn auch diesmal, jedes Motiv zu Tode zu hetzen. Er kann sich nicht genug tun in der Schilderung seiner Heldin, er jagt sie durch alle Stufen der Erniedrigung hindurch, und während er ihr eine übermenschliche Demut leiht, die der Selbstentwürdigung zuweilen nahe kommt, häuft er auf ihre Feindin Kunigunde eine ganz unmögliche Last der Schändlichkeit. Er litt noch unter dem Schmerze um seine verlorene Braut und meinte sich berechtigt, ein Weib ohne Herz mit seinem Hasse zu zeichnen. Während Kleist so liebevoll die Gestalten der deutschen Vorwelt schilderte, war in ihm längst der heilige Schmerz erwacht um die Gegenwart des Vaterlandes. Er hatte wohl einst über seinem Dichterleide die weite Welt und Deutschland mit ihr vergessen, den Tod gesucht, wo es auch sei. Sobald er sich selber wieder angehörte, regte sich doch der preußische Offizier. Der Künstler steht der Natur näher als der Denker; löst er sich ab von seiner Heimat, so geschieht ihm wie dem starken Baume, der in fremden Boden verpflanzt die Schollen des mütterlichen Erdreichs an seinen Wurzeln mit sich nimmt. Der freie Geist des Dichters hatte das öde Einerlei des Garnisondienstes nicht ertragen, er mochte zuweilen von der Höhe seiner philosophischen Bildung mitleidig herablächeln auf die militärischen Barbaren daheim. Die stolzen kriegerischen Erinnerungen seines Vaterhauses, dem des Königs Rock als das Kleid der Ehre galt; die glänzenden Bilder des preußischen Waffenruhms, die durch die Träume seiner Kinderjahre geschritten waren, hafteten doch weit fester, als er sich selbst gestand, in seinem treuen Gemüte; und als das Verderben an seinen Staat herantrat, da erwachte der Stolz des Preußen, des Deutschen, die angelernten philanthropischen Ideen fielen zu Boden. Schon während des Feldzugs von 1805 fragt er bitter, warum der König nicht sofort, nachdem die Franzosen durch Ansbach marschiert, seine Stände zusammenberufen und durch einen kühnen Krieg die Verletzung des preußischen Gebiets gerächt habe. Immer häufiger erklingt fortan in seinen Briefen die Klage über die finstere Zeit, wo das Elend jedem in den Nacken schlägt. Auf die erste Kunde von der Schlacht von Jena schreibt er mit dem ganzen Stolze und der ganzen Verblendung eines fridericianischen Offiziers: »20000 Mann auf dem Schlachtfeld und doch kein Sieg!« Dann erfährt er wie ein Betäubter die volle schreckliche Wahrheit, dann übergibt ein Mann, der seinen Namen führt, die erste Festung Preußens schimpflich an den Feind, dann sieht der Dichter in Königsberg aus nächster Nähe den tiefen Fall des Hofes und des Staates, und endlich muß er die Faust des Unterdrückers noch an seinem Leibe empfinden. Sein scharfer Verstand hatte schon vor Jahren, da er umnachteten Sinnes durch Frankreich irrte, die prahlerische Nichtigkeit der eitlen Welteroberer unbarmherzig durchschaut; auch ihre Roheit sollte er jetzt erfahren, da er während des Feldzuges von 1807 durch ein Mißverständnis als Spion gefangen und nach Frankreich geschleppt wurde. Er saß dann durch lange finstere Wochen auf dem Schlosse Joux hoch im Jura, auf derselben Festung, wo einst Mirabeau die wildesten Stunden seiner Jugend verlebt hatte. Nun kehrte er heim in sein geschändetes Vaterland, mit dem vollen Verständnis für die Größe der Zeit, er sah »Ungeheures, Unerhörtes nahen«, eine Macht des Unheils heranfluten wider jedes Heiligtum der Menschheit. Und diese Empfindung wuchs und wuchs, sie wurde etwa seit der Vollendung des Käthchens (1808) die herrschende Macht in seinem Geiste, also daß Dahlmann den Selbstmord des Dichters kurzweg aus der Verzweiflung am Vaterlande erklärt. Wer kennt nicht eine jener einsiedlerischen Naturen, die in tiefer Stille mit der ganzen Macht ihrer unzerstreuten Leidenschaft alle Zuckungen der vaterländischen Geschicke mitempfinden? So lebte auch Kleist in seinem einsamen Zimmer ein hocherregtes historisches Leben: prächtig, eine himmelhohe Flamme schlug dann das entfesselte Gefühl aus seiner verschlossenen Brust empor. Er brauchte nicht erst, wie die zum Vaterlande zurückkehrenden Gelehrten, die Fichte und Arndt, auf den weiten Umwegen des Gedankens die Idee des Volkstums und ihr Recht sich selber zu erklären. Er liebte Deutschland, wie dem Dichter ansteht, unwillkürlich, unmittelbar, »weil es mein Vaterland ist« – so läßt er in seinem patriotischen Katechismus einen deutschen Knaben sprechen. Die glorreiche Fahne, die er einst in seinen jungen Händen getragen, da lag sie im Staube. Ihre Ehre war die seine. Ihre Schmach zu rächen greift er zu jeder Waffe, er schreibt Pamphlete, Satiren und ohne jedes ästhetische Bedenken Gedichte. Er hätte sie nicht verstanden, die armselige Frage, die in einer späteren müden Zeit unter uns aufgeworfen ward, die Frage, ob eine Poesie des Hasses ein Recht habe zu sein. Er wußte, daß die Dichtung jedes berechtigte Gefühl der Menschenbrust schildern darf und daß in diesen Tagen der Haß die letzte und höchste Empfindung des deutschen Mannes war. Es galt das Dasein der Nation; die Begeisterung der Ideologen, die Stimme des natürlichen Gefühls und die Berechnung des Staatsmannes fielen in eines zusammen; nur eine solche Zeit konnte einen so ganz in der Anschauung, der Empfindung lebenden Geist zur politischen Dichtung führen. Kleist ward, nach dem alten Gleim und den Poeten des Siebenjährigen Krieges, der erste unserer neueren Dichter, der seine Muse den politischen Zwecken des Augenblickes dienen ließ, der erste, dem dies Wagnis völlig glückte. Er weiß und will nur eines – den Kampf der Waffen, augenblicklich, unverzüglich. Er lacht der »Schwätzer«, der Tugendbündler und Philosophen, die von einem Kampfe der Gedanken faseln, wirft ihnen Spottverse ins Gesicht ganz so ungeschlacht und ungerecht wie jene, die er einst gegen Goethe geschleudert hatte. Es leidet ihn nicht mehr im Norden, als der Krieg von 1809 beginnt, er eilt hinaus nach dem Schlachtfelde von Aspern, und da auch diesmal die Heere der Feinde siegen, faßt er in vollem Ernst den Gedanken auf, mit dem die erbitterte Jugend jener Tage spielte: er will durch die Ermordung Napoleons das Vaterland befreien und – mit einer großen Tat sein eigenes zerrüttetes Dasein beenden. So berichtet eine nicht streng beglaubigte, aber keineswegs unglaubhafte Überlieferung; allem Anschein nach hat nur ein Zufall den gräßlichen Plan vereitelt. Und derselbe dämonische Haß, dieselbe fürchterliche Wildheit tobt auch durch seine patriotischen Gedichte. Feuriger hat nie ein Sänger zu unserem Volke gesprochen als Kleist in der mächtigen Ode »Germania an ihre Kinder«: schlagt ihn todt, das Weltgericht fragt Euch nach den Gründen nicht! Die Lust der Vergeltung, unzertrennlich von jeder Erhebung eines mißhandelten Volkes, hat auch in unserem Freiheitskriege mächtiger gewaltet, als wir nach den verblaßten Schilderungen der Nachlebenden gemeinhin annehmen; schrieb doch Gneisenau nach dem Tage von Leipzig frohlockend wie ein antiker Held: »wir haben die Nationalrache in langen Zügen genossen.« Wollen wir Kleists furchtbare Zeilen: »alle Triften, alle Stätten färbt mit ihren Knochen weiß« geschichtlich verstehen, so müssen wir uns der Stimmung erinnern, die im Jahre 1813 in den unteren Schichten unseres Volkes lebte: – der wilden Kriegsweise der Landwehrmänner: »Schlag ihn tot, Patriot, mit der Krücke ins Genicke;« der gefangenen Rheinbundsoffiziere, denen der preußische Soldat die französischen Orden von der Brust riß; des gräßlichen lautlosen Würgens in der ersten Landwehrschlacht, bei Hagelberg, und all der rohen Auftritte, welche des Krieges Gefolge bilden. Nur diese Glut der Leidenschaft erlaubt unserem Dichter das unmögliche: ein Poet zu bleiben, indem er die allerbestimmteste Tendenz verfolgt. Seine Lieder halten sich ganz in der Sphäre der reinen Empfindung und streifen nie über in das Gebiet der Reflexion, der Phrase, wohin seine Nachfolger, die Sänger der Freiheitskriege, sich nicht selten verirren. Zwar, dem Manne, der seinen Hermann sagen läßt, einen Gallier, einen Deutschen könne er sich wohl als Weltherrscher denken, »doch nimmer diesen Latier, der keine andre Volksnatur verstehen kann« – ihm wird man nicht vorwerfen, er habe die Idee des großen Kampfes nicht verstanden. Auch vermag er zuweilen sein erregtes Gefühl zu gehaltenem, maßvollem Ausdrucke zu zwingen; wie würdig und edel stellt er die sittliche Größe des gedemütigten preußischen Staates dem rohen Hochmut des Siegers gegenüber, indem er den nach Berlin heimkehrenden König also anredet: Blick auf, o Herr, du kehrst als Sieger wieder, wie hoch auch jener Cäsar triumphiert! Doch der Grundton, der vorherrschende Charakterzug seiner patriotischen Poesie bleibt nichtsdestoweniger der Haß, und darum stellt sie nur eine Seite der großen Erhebung dar, welche ein Jahr nach des Dichters Tode begann. Denn Gott sei Dank, nicht so nach Spanierart, wie dieser Dichter träumte, sollten die Deutschen in den Entscheidungskampf hineinstürmen. Von dem sittlichen Pathos und der religiösen Begeisterung der jungen Freiwilligen, von der Gutherzigkeit und dem Edelmute, die unser Volk auch in seinem wilden Hasse sich bewahrte – von diesen herzgewinnenden Tugenden, wodurch die deutschen Freiheitskriege in der gesamten modernen Geschichte einzig dastehen und allmählich selbst die Bewunderung ihrer eitlen Feinde erwecken – von alledem ist in Kleists Gedichten wenig zu spüren. Er redet die Sprache einer gequälten Zeit, die sich in wilden Träumen hinaussehnt nach dem Kampfe und nur den einen Gedanken zu denken vermag: »zu den Waffen, zu den Waffen, was die Hände blindlings raffen.« Erst mit der Erhebung, mit der Gewißheit des Sieges konnte die patriotische Leidenschaft Maß und Haltung gewinnen. Und wer darf bezweifeln, daß Kleist, hätte er den Tag der Befreiung erlebt, fähig gewesen wäre, mit einzustimmen in die reineren und freieren Klänge jener glücklichen Zeit? Wer fühlte nicht, daß der Haß des Dichters nur die Kehrseite ist einer innigen Liebe? Derber, roher noch redet der Ingrimm in den prosaischen Schriften. Mit unbeschreiblich grausamem Spott wird das märkische Edelfräulein geschildert, das sich von einem französischen Gecken verführen läßt, der sächsische Offizier, der mit patriotischem Hochgefühl unter den Fahnen des Rheinbundes weiter dient. Dann folgen Anekdoten aus dem letzten Kriege, kleine Züge preußischen Soldatenmuts, die den Geist des Heeres beleben sollen, vorgetragen im allerderbsten Wachstubentone, mit cynischem, wildem Humor; der Erzähler weiß sich vor Entzücken kaum zu halten, wenn seine Helden noch sterbend mit »einem ungeheuren Witze« die Franzosen verhöhnen. Auch die erhabene Rhetorik Arndts, den Ton des »Geistes der Zeit« versucht der Dichter in einzelnen pathetischen Aufsätzen nachzuahmen. Ganz unbefangen wiederholt er die Bilder und Wendungen seiner Gedichte in den prosaischen Schriften. Mit vollem Rechte; denn der Wert dieser unförmlichen Versuche liegt allein in der wilden Naturkraft einer patriotischen Leidenschaft, welche in unserer gesamten Literatur kaum ihresgleichen findet. – Was immer uns erschrecken und empören mag an diesem erregten Tun, wir freuen uns doch, den Dichter also zu sehen. Sein Auge, das so lange in unfruchtbarem Mißmut nur in sich hineingeschaut, blickt freier, offener in die Welt hinaus; die krankhaften Züge seines Wesens treten zurück vor der Hoheit einer großen Leidenschaft. Schon vor dem Kriege von 1809 hatte Kleist in seiner »Hermannsschlacht« ein Bild des Befreiungskampfes gezeichnet, wie er ihn sich dachte. Wir überschauen mit einem Blicke das Aufsteigen unseres Volkes von der lyrischen zur dramatischen Empfindung, wenn wir dies mächtige Werk, wo selbst die »See, des Landes Rippen schlagend, Freiheit brüllt«, mit Klopstocks Hermannsschlacht vergleichen. Nichts mehr von dem unbestimmten Pathos, das bisher immer den Schilderungen der germanischen Urzeit angehaftet hatte; leibhaftig, in voller sinnlicher Wahrheit tritt diese fremde Welt vor uns hin, ausgemalt bis in den kleinsten Zug und doch ohne alle gelehrte Genauigkeit. Nichts mehr von dem »Bardengebrüll« abstrakter Heroengestalten; wir sehen den Hermann der Geschichte, den staatsmännischen Barbaren, der um des Vaterlandes willen keine der argen Künste römischen Truges verschmäht. Er sucht den Tod im Freiheitskampfe, und nichts soll ihn bewegen, »das Aug' von dieser finstern Wahrheit ab buntfarb'gen Siegesbildern zuzuwenden«; nichts ist ihm hassenswürdiger, als was sein Herz erweichen, dem großen Werke entfremden könnte: »was brauch ich Latier, die mir Gutes thun?« Seines Landes Blüte, die Gefühle seines Weibes, die Treue des gegebenen Wortes opfert er ohne Bedenken; der geborene Herrscher wohin er tritt, spielt er voll übermütigen Humors mit seiner Umgebung; doch an der religiösen Andacht, womit er seinen Plan betreibt; mag man erkennen, wie zartbesaitet das Gemüt dieses rauhen Helden ist. Nur einem Boten vertraut er die verhängnisvolle Botschaft an Marbod, denn »wer wollte die gewalt'gen Götter also versuchen?« – und als endlich die große Stunde erscheint, als die Barden ihren erhabenen Gesang beginnen, da bricht der eiserne Mann, jedes Wortes unfähig, in tiefer Bewegung zusammen. Wie in übermütiger Laune, in bewußtem Gegensatze zu den leeren Tugendmustern der Klopstockschen Muse zieht der Dichter das Idealbild der Thusnelda in die Kleinheit des zeitgenössischen Lebens herab; er schildert sie »wie die Weiberchen sind, die sich von den französischen Manieren fangen lassen«, als eine Geistesverwandte jenes märkischen Edelfräuleins. Das Gelungene nimmt der Leser hin als selbstverständlich; wenige fühlen, welcher Künstlerweisheit der Dichter bedurfte, um einen so ganz unästhetischen Stoff zu gestalten. Die Römer werden durch berechneten Verrat in das Verderben gelockt; die Gefahr liegt nahe, daß unsere Teilnahme von den Unterdrückten sich zu den Unterdrückern wende. Aber der frevelhafte Übermut dieser Fremdlinge macht jedes Mitleid mit ihrem Untergange unmöglich; und doch ist der Römerstolz zu anziehend geschildert, als daß sie uns ästhetisch beleidigen könnten. Der Grimm des Helden steckt uns an; wir glauben, wir verzeihen alles der Wahrhaftigkeit dieses Hasses, wir rufen mit ihm: Die ganze Brut, die in den Leib Germaniens sich eingefilzt wie ein Insektenschwarm, muß durch das Schwert der Rache jetzo sterben! Der epische Stoff gestattet nicht eine wahrhaft dramatische Verwicklung. Die ersten vier Aufzüge enthalten nur die Exposition, und der Schluß, die Teutoburger Schlacht, kann, da das Drama der epischen Massenbewegung nicht mächtig ist, dem weit ausholenden Anlaufe nicht ganz entsprechen. Auch diesen unheilbaren Mangel weiß der Dichter durch kunstvolle Steigerung mindestens zu verdecken: wir folgen dem Anschwellen der Volksbewegung mit wachsender Spannung, wir sehen die schwarzen Wasser Zoll für Zoll emporsteigen und zittern dem Augenblicke, da die Flut über den Damm hinüberschlagen muß, mit einer Angst entgegen, welche der echten dramatischen Spannung sehr nahe kommt. Darum bleibt immerhin möglich, daß das Werk noch einmal dauernd für die Bühnen gewonnen werde. Allerdings nur für die zwei oder drei Bühnen, welche noch ein erträgliches Ensemble zustande bringen; denn ewiger Vergessenheit möge er anheimfallen, der zähnefletschende, in einem Löwenfelle einherstolzierende Unhold, der sich vor einigen Jahren auf einem namhaften Theater böswillig für Hermann den Cherusker ausgab: – und wo ist der Schauspieler zweiten Ranges, der sich an die kleine Rolle des Varus wagen darf? der den geknickten Stolz des Römerfeldherrn, die Ahnung des hereinbrechenden Verderbens, das Grauen vor den Schicksalsworten der Alraune in einem Monologe von vier Versen veranschaulichen könnte? In einigen Zügen maßloser Wildheit verrät sich wieder der Sänger der Penthesilea. Man mag die gräßliche Szene ertragen, wo der alte Germane sein geschändetes Kind ersticht: der Dichter hat mit glücklicher Ahnung erkannt, daß Verbrechen wider die Frauen bei allen edlen Völkern jederzeit ein Haupthebel großer Empörungen waren. Doch schlechthin empörend bleibt der Auftritt, wo Thusnelda ihren römischen Verehrer von der Bärin zerfleischen läßt – unerträglich schon, weil diese Thusnelda solcher Rache nicht wert ist. Die Tendenz des Gedichtes tritt mit solcher Unbefangenheit hervor, daß wir auf die Rheinbundskönige unter den Germanenfürsten mit Fingern weisen können; aber die Tendenz liegt in dem Stoffe selbst. Und stehen wir selber denn heute, da die alte Blutschuld der Könige von Napoleons Gnaden noch immer nicht gesühnt ist, den Leidenschaften dieser napoleonischen Zeit ganz freien Gemüts gegenüber? Darf der Deutsche gänzlich untergehen in dem Ästhetiker? Darf er nicht auch seine patriotische Freude haben an der erhabenen poetischen Gerechtigkeit, welche dieser Hermann vollstreckt? Ich bekenne gern, daß ich niemals ohne herzliche Erquickung lesen kann, wie dem Ubierfürsten Friedrich von Württemberg der Kopf vor die Füße gelegt wird. Wie der Dichter einst der finsteren Erscheinung der Penthesilea die rührende Gestalt des Käthchens hatte folgen lassen, so trieb ihn jetzt ein glücklicher Geist, diesem Gemälde seines patriotischen Hasses ein heiteres Bild der Heimatliebe entgegenzustellen. Er schuf das reifste seiner Werke, den Prinzen von Homburg, und knüpfte schöne Hoffnungen daran. Aber die kalte Aufnahme des Werkes sollte ihm zeigen, wie wenig eine politisch bewegte Zeit fähig ist zu begreifen, daß eine patriotische Idee dem Künstler selten mehr sein kann als ein Motiv. Er sollte erfahren, wie wenige Leser in jeder Zeit imstande sind, das Ganze eines Kunstwerks zu fassen. Wir hofften, hieß es, einen Helden zu schauen voll Kraft und edler Gedanken, der alles besitzt, was unserem gedrückten Geschlechte fehlt; und nun bringst du uns diesen wächsernen Achilles, so schwach und menschlich wie wir selbst? Und doch ist Kleists Prinz von Homburg die idealste Verherrlichung des deutschen Soldatentums, welche unsere Dichtung besitzt. Seltsam genug schreibt das große Publikum dem »Lager Wallensteins« dies Verdienst zu. Weil Schiller uns selbst unter der ruchlosen Soldateska des Friedländers heimisch macht, weil die seltene Erscheinung seines Humors hier in glänzenden Funken sprüht, so hat man sich gewöhnt, dem nur dramatisch Gültigen absoluten Wert beizulegen. Unsre Soldaten singen das ganz dramatisch gedachte Reiterlied so harmlos, als wäre die rohe Kampfwut einer entsetzlichen Horde ein passendes Gefühl für unser Volk in Waffen. Wie bei so vielen Gedichten Schillers, ist auch hier durch den langen Gebrauch der wahre Sinn verloren gegangen. Nun gar was sich heute Soldatenpoesie nennt – jene witzelnden Klatschgeschichten aus der Langeweile des Rekrutendrillens und des Parademarsches – das ist jedem rechten Soldaten ein Greuel. Hier aber redet jener schöne Idealismus des Krieges, der jedem rechten deutschen unverwüstlich im Blute liegt. In jeder Zeile kriegerisches Feuer, überall die kecke, frische deutsche Reit- und Schlaglust und doch so gar nichts von dem polternden Säbelgerassel der Franzosen. Es ist als ob der Dichter vor- und rückschauend ein ideales Durchschnittsbild gezogen hätte aus der Geschichte der preußischen Armee von Fehrbellin bis Königgrätz. Tapfere Krieger, geschart um einen heldenhaften Fürsten, in fester Mannszucht geschult, und doch freie Männer, deutsche Naturen, die auch unter der harten Ordnung des Gesetzes sich noch ein selbständiges Herz bewahren und dem Herrscher aufrecht die Wahrheit sagen – so war, so ist das Heer, das Deutschlands Schlachten schlug, und hier wird es uns geschildert mit einfacher Treue, mit jener anheimelnden Wärme, welche nur das Selbsterlebte dem Dichter in die Seele haucht. Von diesem bewegten Hintergründe nun hebt sich ab eine fein und tief gedachte dramatische Verwicklung. Jetzt endlich ist Kleist ganz Dramatiker; nachdem er sich so oft in epische Stoffe verloren, hält er sich hier streng in den Schranken seiner Kunstform. Er zeigt uns, wie der Jüngling vom Manne träumt und dann zum Manne wird – ein Problem, althergebracht in den Romanen und leicht zu lösen für den Romandichter, doch überaus schwierig für den Dramatiker. Und wieder wie in der Penthesilea, aber milder, heiterer als dort, erzählt uns der Dichter die Geschichte seines Herzens; er leiht seinem Helden seine eigene wundersame Empfindung, diese jähe, stürmische Leidenschaft, die dann plötzlich wie in Zerstreutheit innehält, sich verliert in süße Selbstvergessenheit. Der Prinz erscheint zu Anfang als ein unreifer übermütiger Jüngling, er lebt wie einst der Dichter selbst immer in der Zukunft, nie dem Augenblicke; begehrlich schweifen seine stolzen Träume den Taten um eine Welt voraus; mit all seiner Liebenswürdigkeit ist er doch noch erfüllt von jener naiven Selbstsucht der Jugend, die den Gedanken der Pflicht, des Gesetzes nicht fassen kann. In solcher Stimmung unternimmt er in der Schlacht von Fehrbellin gegen den Befehl des Kurfürsten den kecken Angriff, der den Sieg entscheidet. Und hier weiß der Dichter mit bewunderungswürdigem Künstlerverstande selbst die dramatisch ganz unbrauchbare rührende Geschichte von dem Opfertode des Stallmeisters Froben als einen Hebel der Entwicklung zu verwenden. Der Kurfürst gilt für tot, man hat sein weißes Schlachtroß im Getümmel fallen sehen. Der Prinz fühlt sich darum als den Führer des Heeres, als den Beschützer des verwaisten Hofes, er bekennt der Prinzessin Natalie seine Liebe und steigt zum Gipfel des Übermutes empor: alle Kränze des Ruhmes und der Liebe wähnt er mit einem Griffe auf seine trunkene Stirn herabzureißen – gleich dem Dichter des Guiscard. Da erscheint der totgeglaubte Kurfürst wieder. Dem Jüngling tritt der Mann entgegen, so groß und so schlicht, so streng und so weich, eine herrliche Fürstengestalt, von der wir nur bewundernd sagen können: das ist deutsche Herrschergröße. Der vorwitzige Knabe soll jetzt den Ernst des Gesetzes empfinden, der ungehorsame General wird zum Tode verurteilt. Unbarmherzig, wie immer, wenn es gut, einen tiefen Gedanken bis auf die Hefe auszuschöpfen, treibt nun der Dichter den aus seinen Träumen Aufgestörten hinab in die tiefste Entwürdigung. Der Prinz bettelt um sein Leben, und erst als er endlich die Gerechtigkeit des harten Spruchs erkennt, sein Haupt freiwillig dem beleidigten Gesetze zur Sühne darbietet, wird Gnade und Versöhnung dem Jüngling zuteil, den wir vor unseren Augen in fünf kurzen Akten zum Manne heranwachsen sahen. Haben wir also die Idee des Dramas begriffen und uns befreundet mit der ungewohnten Erscheinung eines Bühnenhelden, welcher nicht fertig vor uns hintritt, sondern erst wird, dann verstehen wir auch, daß der Dichter in dieser scheinbar höchstpersönlichen Seelengeschichte einen höheren Gedanken darstellen wollte als das Recht der militärischen Subordination: er gab ein Bild von dem Werden des Mannes, hier zum ersten Male gelang ihm eine typische Gestalt. Dann erscheint auch die seltsame Schlafwandlerszene am Eingang lediglich als ein phantastisches Beiwerk, das den Sinn des Sängers gefangen hielt wie ein schöner Traum und doch den Gang des Dramas nicht wesentlich beirrt. Nur ein Mißklang stört das herrliche Gedicht: jene verrufene Szene, die uns den Prinzen in feig unwürdiger Todesfurcht vorführt. Gewiß, die Demütigung des Helden ist unerläßlich für den Plan des Dramas, und ihre poetische Wahrheit empfindet jeder, dem jugendliche Stoiker verhaßt sind. Hundertmal lieber diese hellenische Natürlichkeit, dies naive Schaudern vor dem Tode, als jene gespreizten Eisenfresser der Nachahmer Schillers, welche zur selben Zeit auf allen Bühnen pathetisch bejammerten, daß der Mensch nur einmal den Heldentod sterben kann. Aber die ungestüme Hast unseres Dichters hat leider versäumt, die Hörer, deren tief eingewurzelte Ehrbegriffe er verletzen will, auf das Unerwartete vorzubereiten: wir sahen den Prinzen zuletzt aufgeregt, doch in männlicher Haltung, und plötzlich ohne jeden Übergang windet sich derselbe Mensch jämmerlich im Staube. So jähe Sprünge erträgt die Seele des Hörers nicht. Dazu tritt die unleugbare Versündigung gegen das historische Kostüm. Uns beirrt nicht das prosaische Bedenken, ob im Jahre des Heils 1675 ein brandenburgischer General also denken durfte? Doch wir fragen ungläubig: wie kann dieser Kurfürst, dieser Oberst Kottwitz, der hier auf der Bühne vor uns steht, dem Prinzen einen so häßlichen Verstoß gegen alle ritterliche Haltung verzeihen? In solcher Umgebung erscheint der Prinz mit seiner antiken Naivität allerdings wie eine Gestalt aus einer anderen Welt. Jedes echte Kunstwerk ist unerschöpflich, bietet einen Ausblick in das Unendliche. In die leitende Idee des Dramas spielt noch eine zweite Gedankenreihe hinein, welche freilich aus dem hastigen Tun des Helden nicht klar hervortritt, desto klarer aus den Reden der Offiziere. Der Dichter verherrlicht das Recht des freien Heldenmuts, der rettenden Tat neben der toten Regel. Und hören wir die schönen Worte des alten Kottwitz: Herr, das Gesetz, das höchste, obere, das wirken soll in deiner Feldherrnbrust, das ist der Buchstab deines Willens nicht, das ist das Vaterland, das ist die Krone, das bist du selber, dessen Haupt sie trägt – wer sollte da den Sehergeist des Dichters nicht bewundern? Denn gerade so dachten drei Jahre später die Männer des ostpreußischen Landtags, als sie, ohne den Ruf des Königs abzuwarten, für ihn und für das Vaterland sich erhoben. Noch vor wenigen Jahren wurde auf der Leipziger Bühne der Schlußvers des Dramas, der Schlachtruf der Offiziere: »in Staub mit allen Feinden Brandenburgs«, nicht geduldet. Er lautete dort, obschon der mißhandelte Jambus sich heulend wider den Frevel verwahrte, »in Staub mit allen Feinden Germaniens!« Ich aber glaube, daß eine nahe Zukunft den »preußischen Partikularismus«, welche der königlich sächsischen Vaterlandsliebe so anstößig erschien, dem Dichter zum Ruhme anrechnen wird. Der Prinz von Homburg darf noch auf ein langes Bühnenleben zählen, denn er ist, kurz und gut, das einzige gelungene historische Drama hohen Stils, das seinen Stoff aus der neuen deutschen Geschichte schöpft – aus der Geschichte, die noch in Wahrheit die unsere ist, aus der Geschichte, die mit der derben Prosa ihrer Lebensformen uns doch traulicher zum Herzen redet als die phantastische Pracht des Mittelalters. Wir atmen die freie Luft des historischen Lebens und fühlen uns doch behaglich wie in unserem Hause: niemand unter uns, der nicht einmal seine Freude gehabt hätte an dem ehrlichen grauen Schnurrbart eines wirklichen Obersten Kottwitz. Wer ganz empfindet, wie von Grund aus das Gemüt unseres Volkes seit den Stürmen des Dreißigjährigen Krieges sich verwandelt hat, der weiß diesen glücklichen Griff des Dichters auch ganz zu würdigen. Und jetzt, da endlich unter dem Segen des preußischen Heerwesens die alte stolze Waffenfreudigkeit unseres Volkes überall in Deutschland wieder erwacht ist, wird auch dies schönste Werk deutscher Soldatendichtung zu Ehren kommen, und selbst die Schwaben und Obersachsen werden dem Sänger verzeihen, daß er ein Preuße war. In dem großen Zusammenhange unserer neuen Geschichte erhält Kleists Gedicht eine noch tiefere Bedeutung. Fast anderthalb Jahrhunderte hindurch stand das Heer der Hohenzollern und sein kriegerischer Adel verständnislos und unverstanden der wieder aufblühenden Kunst und Wissenschaft der kleinen Staaten gegenüber. Wohl berührten sich einmal leise die beiden Gegensätze, als das Heldentum des großen Königs der deutschen Dichtung einen neuen Inhalt schenkte, als der Dichter des Frühlings, Ewald Kleist, »für Friedrich kämpfend niedersank«, wie seine Grabschrift sagt – und die preußischen Offiziere in Leipzig dem alten Gellert ihre Verehrung bezeigten. Doch hier zum ersten Male ward der Waffenruhm der Preußen von einem Sohne des märkischen Adels mit der vollen Pracht der deutschen Dichtung gefeiert, und dies erscheint dem Nachlebenden wie die erste Annäherung zweier Mächte der deutschen Geschichte, die beide gleich einseitig der Ergänzung bedurften. Wie frei und glücklich schwebt des Sängers Geist über dem selbstempfundenen Leide, das er in diesem Gedichte uns darstellt! Wie sollte der Dichter nicht endlich selber die Versöhnung gefunden haben, die er so heiter an seinem Helden geschildert? Und doch stand es anders, ganz anders um den Unglücklichen; nur für kurze Stunden war ihm das heitere Spiel der Kunst ein Labsal. Er hatte weder aus seinem edlen Werke den selbstgewissen Frohmut des Künstlers geschöpft, noch im Verkehr mit Dahlmann die patriotische Zuversicht gelernt, welche so fest und mannhaft aus der ruhigen Versicherung des Freundes sprach: Napoleon wird fallen, wenn wir nur ausharren! Er sah das Reich des »Höllensohnes« wie ein nimmersattes Ungetüm ein Glied nach dem andern vom Leibe unseres Vaterlandes reißen, und allenthalben wohin er schaute – so sagt die erschütternde Klage seines »letzten Liedes« – kommt das Verderben mit entbund'nen Wogen auf Alles was besteht herangezogen. Er sah vor sich ein ruhmloses, sorgenvolles Leben, ohne Liebe, ohne Hoffnung. Noch einige schlechte Novellen, einige kleine Anekdoten, um wenig Geld für ein Berliner Winkelblatt hastig auf das Papier geworfen, dann wird er matt und matter und legt die Leier thränend aus den Händen. Ich lasse mir nicht einreden, die Schätze dieses Geistes, der bis dahin durch Pein und Krankheit hindurch unaufhaltsam zu immer schöneren Werken aufgestiegen war, seien schon erschöpft gewesen. Was diesem Dichter fehlte, war ein gehobenes, ein großes Vaterland. Ein einziger Sonnenblick des Glücks – und wenn auch nur der Brief Dahlmanns, der den Freund gastlich nach Kiel lud, in die rechten Hände gekommen wäre! – und der Unselige konnte auch diesen Anfall des Siechtums wie so viele vordem überstehen, um in einer schöneren Zeit sein freies Vaterland mit edlen Gedichten zu entzücken. Es sollte nicht sein. Eben jetzt da der Trieb der Selbstzerstörung wieder in ihm wühlt, tritt ihm eine Freundin näher, welche krank wie er, sich nach dem Grabe sehnt, und abermals überfällt ihn der gräßliche Gedanke, den er einst der Schwester schrieb: »das Leben hat doch immer nichts Erhabeneres als nur dieses, daß man es erhaben wegwerfen kann.« – Erhaben wegwerfen! Ach, wenn auch nur ein Zug der Erhabenheit zu spüren wäre in dem jämmerlichen Ende des Dichters. Gleichmütig wie ein Mann, der abends aus einem Zimmer in das andere geht, um sich zur Ruhe zu legen, mit der ganzen schrecklichen Gelassenheit des Irrsinns gab Heinrich Kleist der Freundin und sich selbst den Tod (21. Nov. 1811). Die Gerechtigkeit der Geschichte hat auch seine Schuld gesühnt. Grausamer strafte sie keinen als diesen Träumer, der zu früh verzweifelte an seinem Volke. Noch sproßte kaum der Rasen auf dem einsamen Grabe am Ufer des Havelsees, da brachte das Schicksal den glühenden Wünschen dessen, der dort ruhte, die überschwengliche Erfüllung. Da klirrte durch die Marken der Lärm der Waffen; da wies ein anderer, ein größerer Prinz von Homburg durch eine rettende Tat unserem Volke den Weg zum Siege; da dröhnten über das befreite Land die Donner einer anderen Hermannsschlacht, die herrlicher, menschlicher war als des Dichters Traumbild. Vielleicht daß einmal unter den preußischen Offizieren ein Wort des Mitleids fiel um den treuen Kameraden, der nicht warten konnte und nicht den Tod des Helden starb. Doch was fragten die Hunderttausende, die zur Freiheit erwachten, nach einem gebrochenen Herzen? Sie stürmten vorwärts, dem Siege entgegen, und brausend klang es um die alten Fahnen: »In Staub mit allen Feinden Brandenburgs!« Ludwig Uhland. (Leipzig 1868.) Ist es vorteilhaft, den Genius bewirten, – wie neidenswert ist dann das Haus, das eines edlen Sängers Lied preisend gegrüßt hat! Noch leben manche, denen Ludwig Uhlands Muse ein herzliches Wort in ihr Heimwesen gesendet, aber kein Haus in Deutschland hat sie so reich beschenkt wie das königliche Haus von Württemberg. Als die schweren Hungerjahre kaum vorübergegangen, lag eine tiefe und gerechte Trauer auf dem schwäbischen Stamme um den Tod der Königin Katharina. Ihr Volk hatte von ihr das gute Wort gehört: »helfen ist der hohe Beruf der Frau in der menschlichen Gesellschaft,« und hatte sie von Hütte zu Hütte ziehen sehen in der harten Zeit, Arbeit bringend den feiernden Händen. Vor solcher menschlichen Größe beugte sich die Muse des bürgerlichen Sängers, die sich rühmte: »sie hat nicht Antheil an des Hofes Festen.« Fast zaghaft, unwillig, auch nur den Schein der Schmeichelei auf sich zu nehmen, trat sie unter die Trauernden und legte auf den Sarg der Königin den »Kranz von Ähren« mit einem der schönsten Gedichte deutscher Sprache: Und hat sie nicht die Lebenden erhoben, Die Toten, die nicht hören, darf sie loben. Ein Menschenalter ging darüber hin, und im November 1862 eilten von nah und fern Leidtragende zu der Bahre des Sängers. Wer aber im Lande Württemberg seine Empfindung nach dem Winke des Hofes zu stimmen wußte, hütete sich sorglich, dem Toten, der nicht hörte, ein letztes Zeichen menschlichen Mitgefühls zu erweisen. Gern begönne ich diese Schilderung mit einem minder bitteren Worte – wäre nur diese häßliche Tatsache eine vereinzelte Erscheinung! Doch leider, wenn wir der zahlreichen nationalen Erinnerungsfeste der jüngsten Jahre gedenken: wie gehässig hob sich da die Gleichgültigkeit, das schlecht verhehlte Mißtrauen der Höfe ab von der warmen Teilnahme der Menge! Der politische Parteikampf wirkt bereits verwirrend und verfälschend auf jene Gefühle, die unser Volk als einen gemeinsamen Schatz hegen sollte, er läßt den einen als fremde, unheimliche Gestalten jene Männer erscheinen, zu denen die große Mehrheit des Volkes mit herzlicher Liebe emporblickt. Nicht selten zwar haben solche Feste der Erinnerung den Ränken der Parteien, der eitlen Selbstbespiegelung als willkommener Vorwand gedient, und sehr verletzend tritt bei solchem Anlaß dem ernsten Beobachter eine traurige Schwäche unserer Gesittung entgegen: wir modernen Menschen sind allzu bereit, auf gegebenen Anstoß gleich einer Herde alle das gleiche zu tun, das gleiche zu empfinden. Dennoch ist die Gesinnung, welche heute eine Rede, eine Schrift über Uhland nach der andern hervortreibt, in ihrem Grunde echt und tüchtig. Denn eben weil die Höfe mit anderen Augen als das Bürgertum aus unsere Geschichte blicken, eben darum sollen wir laut bezeugen: nicht wir haben es vergessen, wie rein und schön der Dichter von unserem Hause, von deutschem Land und Volk, gesungen und wie wacker er für uns gefochten hat. Wieviel heiterer und menschlicher war doch die Sitte des deutschen Hauses in den Tagen der Kindheit unseres Dichters, als vordem, da Schiller sich aufbäumte wider die Unfreiheit des schwäbischen Wesens! Ein Stilleben freilich war es, schlicht und schmucklos, das in der Enge des ehrenfesten wohlhäbigen Bürgerhauses zu Tübingen sich abspann: doch keinen gesunden Trieb des Kindes verkümmerte die verständige Zucht, und diesem Knaben am wenigsten wäre es ein Segen gewesen, hätte er ankämpfen müssen gegen erdrückenden Zwang. Denn wohl die erste Empfindung, die jedem sich aufdrängt beim Rückschauen auf dies schöne Dasein, ist das Erstaunen, wie leidenschaftslos dieser reizbaren empfänglichen Künstlerseele das Leben verlief. Selbst jene tiefe männliche Liebe, die Uhlands ganzes Herz erfüllte, der er so oft im Liede Worte geliehen, die Liebe zu seiner Kunst, wie gehalten und ruhig tritt sie zu Tage! Jahrelang konnte er harren, schmerzlos harren, bis der Gott ihn rief, und seine Dichterkraft, die man erstorben wähnte, uns mit neuen edlen Gaben beschenkte. Noch ist es nicht unnütz, diese Tatsache laut zu betonen. Denn wenigstens den Nachwehen jener Zeit der falschen Geniesucht, die auch einen Uhland unter die prosaischen Menschen verwies, begegnen wir noch heute. Immer wieder hören wir die Unterscheidung von poetischen Naturen und poetischen Talenten, und allzuoft vergißt man die triviale Wahrheit, daß schon der Name einer poetischen Natur die schöpferische Kraft bezeichnet. Wir Deutschen vornehmlich sind es uns schuldig, solche Vorurteile einer schwächlichen Epoche entschlossen abzuschütteln. Wir müßten ja, wären sie begründet, das Ungeheuerliche tun und uns selber unseren polnischen Nachbarn, die Engländer den Iren als prosaische Naturen unterordnen! Die Erscheinung freilich ist auch unter deutschen und englischen Künstlern selten, daß zu großer Kraft und Wärme der Phantasie ein gehaltenes Gleichmaß der Stimmung, nüchterner Ernst und trockene Schroffheit des Auftretens sich gesellen. Diese Verbindung des Widerstrebenden in Uhlands Bilde hat oftmals auch jene befremdet, welche bescheiden verstehen, daß in den feinsten Naturen die Charakterzüge sich am seltsamsten mischen. Und doch verdankt der schwäbische Dichter seinem nüchternen altbürgerlichen Sinne einen guten Teil seines Ruhmes. Keine glücklichere Mitgift konnte der Sänger sich wünschen in jenen verworrenen Tagen der Romantik, die Uhlands Bildung bestimmten. Nach volkstümlichen Stoffen verlangte die junge Dichterschule; sie empfand, daß das Ideal der klassischen Dichtung unserem Volke ein fremdes sei, und das Bild der Göttin mit den Rosenwangen heute nur das Herz weniger Hochgebildeter ergreifen könne. Sehr lebhaft fühlte auch Uhland den Gegensatz der antiken und der germanischen Gesittung. Ein Aufsatz aus seiner Jugend »über das Romantische« sagt darüber: »Die Griechen, in einem schönen genußreichen Erdstriche wohnend, von Natur heiter, umdrängt von einem glänzenden, thatenvollen Leben, mehr äußerlich als innerlich lebend, überall nach Begrenzung und Befriedigung trachtend, kannten und nährten nicht jene dämmernde Sehnsucht nach dem Unendlichen. Der Sohn des Nordens, den seine minder glänzenden Umgebungen nicht so ganz hinreißen mochten, stieg in sich hinab. Wenn er tiefer in sein Inneres schaute als der Grieche, so sah er eben darum nicht so klar. Er verehrte seine Götter in unscheinbaren Steinen, in wilden Eichenhainen: aber um diese Steine bewegte sich der Kreis des Unsichtbaren, durch diese Eichen wehte der Odem des Himmlischen.« – Glückliche Tage, da eine hochbegeisterte Dichterjugend auszog nach dem Wunderlande der germanischen Vorwelt und aus den lange verschütteten Schachten der mittelalterlichen Gesittung ungeahnte Schätze zu Tage förderte! Während heute Politik, Volkswirtschaft, Wissenschaft im Vordergrunde unseres nationalen Wirkens stehen, gab damals die Dichtung dem gesamten geistigen Leben Anstoß und Richtung. Das vielgerühmte Weltbürgertum der Deutschen ward damals erst zur Wahrheit, seit uns das Verständnis aufging für das Gemütsleben unserer eigenen Vorzeit, seit der historische Sinn unter den Deutschen reifte. Wir lernten den Volksgeist in seinem Werden belauschen, den Glauben, die Kunst, die Sitte verschollener Tage in ihrer Notwendigkeit verstehen. Die religiöse Innigkeit der Romantik machte mit einem Schlage dem selbstgefälligen Rationalismus ein Ende, der so lange über »die Nacht des Mittelalters« vornehm gelächelt hatte. Die Hellenen der modernen Welt erbauten sich wieder an dem überschwenglichen Reichtume des Gemüts, der in den Bildwerken des Mittelalters so rührend hervorbricht aus der Gebundenheit unfertiger Formen. Das Auge der Menschen erschloß sich wieder für die feierliche Großheit der gotischen Kunst, die vordem nur von einer stillen Gemeinde hellblickender Verehrer verstanden ward. Lange hatte sich der politische Idealismus der Deutschen – wo er bestand – an den Bildern der Reformationszeit und des großen Friedrich begeistert; nur dann und wann war ein Lied von Arminius erklungen; jetzt umfaßte die Sehnsucht der Patrioten mit leidenschaftlicher Bewunderung die Heldengestalten der Stauferkaiser. Wir wurden wieder Herren im eigenen Hause und begriffen eben darum jetzt erst die innige Verwandtschaft der Völkerfamilie des Abendlandes. Eine neue Welt voll gemütlicher Innigkeit und Sehnsucht, voll phantastischen Zaubers und malerischer Schönheit ging den Romantikern auf: »das Dunkelklare«, gesteht Uhland, »ist mir überall die bedeutendste Färbung, im menschlichen Auge, im Gemälde, in der Poesie, wie bei Novalis.« Auch das landschaftliche Auge des Volkes ward ein anderes. Solange Menschen leben, wird der Streit nicht enden, ob die heitere Pracht eines ionischen Tempels herrlicher sei als das ahnungsvolle Dunkel eines gotischen Domes, der zürnende Achilleus erhabener als die lancräche Kriemhild. Nur in einem, in dem Verständnis der Seele der Landschaft, war die Romantik der klassischen Kunst ebenso gewiß überlegen, als ein schwellender duftiger Kranz deutscher Waldblumen tausendmal schöner ist denn jene straff gewundenen Lorbeergirlanden, welche die Bildwerke der Alten schmücken. Herzlicher, sinniger denn je ward nun von den Dichtern besungen der feierliche Ernst der Waldeinsamkeit, da die Geister des Waldes über den schweigenden Blättern weben, und der wollüstige Zauber jener Sommernächte, da der berauschende Duft der Lindenblüten dem Träumenden den Sinn verwirrt und das Mondlicht auf den bemoosten Schalen klarer Brunnen spielt, und die erhabene Pracht des Hochgebirges, wo weltbauende Mächte in den gewaltigen Formen jäh abstürzender Felsen sich offenbaren. Niemals, sicherlich auch nicht in den prosaischen ersten Jahrzehnten des achtzehnten Jahrhunderts, waren unter den Germanen gänzlich ausgestorben jene träumerischen Gemüter, die vor solchen Szenen ursprünglicher Naturschönheit von den Schauern des Weltgeheimnisses sich durchzittern ließen; aber jetzt erst ward weithin im Volke die Freude lebendig an diesen »romantischen« Reizen der Natur. Kaum ein Städtchen heute in Deutschland, das nicht irgendwo einen lauschigen Platz dem Freunde der Natur wohlumfriedigt zu stillem Genüsse böte; die romantische Dichtung hat an dieser weiten Verbreitung des Natursinnes im Volke ein reiches Verdienst. Vergebliche Mühe, in wenigen Worten die vielseitigen Anregungen zu schildern, die von dieser geistvollen Dichterschule ausgingen. Sie begnügte sich nicht, unserem Volke für seine Vorzeit, seine wunderreiche Sagenwelt und die Schönheit seines Landes den Sinn zu eröffnen; bald schweifte sie hinweg zu den Schätzen der Kunst aller Zeiten und aller Völker. Das Volkstümliche in der Gesittung aller Nationen begann sie zu verstehen und zu übertragen. Ihr danken wir eine unermeßliche Erweiterung unseres Gesichtskreises. Unsere harte männliche Sprache erwies sich zum Staunen der Welt zugleich als die empfänglichste, schmiegsamste, spiegelte getreulich die Schönheit jeder fremden Dichtung wider, sie nahm in ihrem Tempel gastlich die Götter aller Völker auf. Doch nach so weiten Entdeckungsfahrten war die romantische Schule unversehens zur gelehrten, dem Volke entfremdeten Dichtung geworden in einem anderen, ärgeren Sinne, als die klassische Poesie es je gewesen. Den weiblichen Naturen der Tieck und Schlegel war es eine Freude, sich zu versenken in die Träume einer untergegangenen Welt, und bald erschien ihnen nur das Fremdartige poetisch, und aus der Lust an den glücklich bewältigten künstlichen Formen der romanischen und orientalischen Dichter erwuchs unserer Dichtung, was der Sprache und dem Gemüte der Germanen am meisten zuwider ist: das virtuose Spielen mit der Form. Mehr feine, empfängliche Kunstkenner als schöpferische Künstler, wandten sich die Häupter der Schule hinweg von der sprödesten und geistigsten Gattung der Poesie, dem Drama, das vor allem einen reichen Inhalt verlangt. Als hätte nie ein Lessing gelebt, wurden die Grenzen von Poesie und Prosa wiederum verwischt, und die Überfülle der aus der Dichtung aller Völker aufgesammelten poetischen Bilder hinübergetragen in die neue Wissenschaft, die nicht mehr nach Beweisen, nur nach »Anschauungen« suchte, und in die neue Religion, die nicht mehr das Gemüt erbauen, nur den Schönheitssinn erfreuen wollte. Vor solchen Verirrungen der Verfeinerung und Überbildung ist Uhland bewahrt worden durch seine köstliche schlichte Einfalt. Er war aufgewachsen in einer Umgebung, wie sie dem Reifen des Künstlersinnes nicht günstiger sein konnte, in einem schönen, reichen, sagenberühmten Lande, wo doch nirgends eine übermächtige Pracht der Natur den freien Sinn des Menschen erdrückt. Er ist immerdar ein Schwabe geblieben und hat der kindlichen Liebe zu seiner Heimat oftmals Worte geliehen, am rührendsten wohl in jenen Versen, die ein Tal seiner Heimat also anreden: Und sink' ich dann ermattet nieder, So öffne leise deinen Grund Und nimm mich auf und schließ ihn wieder Und grüne fröhlich und gesund. Wer je südwärts geschaut hat von Hohentübingen, wo der Blick die ganze Kette der Alb vom Hohenzollern bis zum Hohenstaufen beherrscht, dem wird dies edle Landschaftsbild aus Uhlands schönsten Liedern immer wieder entgegentreten. Weil seine Dichtung also natürlich emporwuchs aus dem mütterlichen Boden des schwäbischen Landes und Volkes, so bewahrte sie sich jene derbe Naturwahrheit, die den meisten Kunstwerken der Romantik sehr fern liegt: auch wo sie zarte, sanfte Stimmungen ausspricht, wird sie nur selten verschwommen. Vor langen Jahren schon ging unter den Schwaben die Rede: jedes Wort, das der Uhland gesprochen, ist uns gerecht gewesen. Die Stammgenossen erhoben den Dichter auf den Schild, über die Schultern gewöhnlicher Menschen empor; wer ihn verkleinert, kränkt den gesamten Stamm. Eben diese volkstümliche Tüchtigkeit gibt seinem Wesen eine harmonische Ruhe, eine geschlossene Festigkeit, die nur wenigen Sängern der Romantik eignet. Nicht leicht konnten die Dichter einer Schule, die so ganz in der Sehnsucht nach längst entschwundenen Tagen lebte, jene olympische Ruhe, jene selige Heiterkeit der Seele erwerben, welche dem Klassiker Goethe das Recht gab, Tadlern und Lobrednern lächelnd zu sagen: »ich habe mich nicht selbst gemacht.« Wahrhaft harmonische Charaktere sind unter den Heroen der Romantik fast allein die Männer der Wissenschaft, so Savigny, die Grimms und der liebenswürdigste der Menschen, Sulpiz Boisseree; unter den Dichtern der Romantik stehen neben Uhland nur sehr wenige, deren Seele nicht getrübt ward durch einen unklaren, unfreien, friedlosen Zug. Auch er schaute mit der inbrünstigen Sehnsucht der Menschen des Mittelalters zu dem Überirdischen empor; so recht den Herzschlag des Dichters hören wir in dem frommen Gedichte »Die verlorene Kirche«: Ich sah hinaus in eine Welt Von heil'gen Frauen, Gottesstreitern. Aber suchte Friedrich Schlegel in jener Vorzeit den phantastischen Reiz des Alten und Fremden, einer unfreien Gesittung, so liebte Uhland das Mittelalter, weil er in ihm die ungebändigte Kraft eines ursprünglichen, farbenreichen Volkslebens und, vor allem, die Herrlichkeit des vaterländischen Wesens bewunderte. So wurde jener durch seine ästhetische Neigung dem freien Leben der Gegenwart entfremdet und, obwohl er am lautesten den Ruf nach volkstümlicher Dichtung erhoben, in eine undeutsche, katholische Richtung getrieben. Uhland aber ward der vornehmste Dichter jener jüngeren kräftigeren Richtung der Romantik, welche der ursprünglichen Absicht der Meister getreuer blieb als diese selber, und in unserer Vorzeit nur das noch heute Lebendige, die deutsche Weise, bewunderte. Darum schöpfte er, gleich den Brüdern Grimm, aus der liebevollen Erforschung des deutschen Altertums Mut und Kraft zum Kampfe der deutschen Gegenwart; darum verwarf er jeden Versuch, die Formen mittelalterlicher Gesittung in unseren Tagen wieder zu erwecken, und sprach herbe Worte wider die »erzwungene Begeisterung«, als es wieder lebendig ward um den alten Krahn in Köln und der schönste aller Dome aus Schutt und Trümmern zu neuer Pracht emporstieg. – Nicht unsere klassischen Dichter, deren Werke ihn nur teilweise tiefer berührten: die Dichtungen des Mittelalters, die Volkslieder vornehmlich sind seine Lehrer gewesen, und mit diesen Worten ist auch sein Platz in der Geschichte unserer Dichtung bezeichnet. Es ist wahr, schon Goethes lyrische Muse hatte viele ihrer herrlichsten Klänge dem deutschen Volksliede abgelauscht. Aber für Goethes geniale Vielseitigkeit war diese Anregung nur eine unter vielen anderen, ja im Alter stellte er sich zornig dem romantischen Nachwuchs als einen »Plastiker« gegenüber; Uhland dagegen hat das Eigenste seiner Kraft an den Gedichten des Mittelalters gebildet. Sie wirkten auf den Mann kaum minder mächtig als auf den Knaben an jenem Tage, da er zuerst das Nibelungenlied vortragen hörte und, so sagt man, in tiefer Bewegung aus dem Zimmer eilte. An dem Liede von Walther und Hildegunde fand er als Student zuerst eine Poesie, die sein innerstes Wesen ergriff. »Das hat in mich eingeschlagen,« bekennt er. »Was die klassischen Dichtwerke trotz meines eifrigen Lesens mir nicht geben konnten, weil sie mir zu klar, zu fertig dastunden, was ich an der neueren Poesie mit all ihrem rhetorischen Schmucke vermißte, das fand ich hier: frische Bilder und Gestalten mit einem tiefen Hintergrunde, der die Phantasie beschäftigte und ansprach!« So ward ihm das hohe Glück, inmitten einer überbildeten, nach den fremdesten und fernsten Reizen jagenden Kunst, einen festen Kreis edler Stoffe zu beherrschen, welche darum unfehlbar wirken mußten, weil ein ganzes Volk sie durch Jahrhunderte gehegt und gebildet hatte. Und noch schärfer sogar schied er sich ab von den älteren Romantikern durch seine Weise, die Form der Kunst zu handhaben. Sein feines Ohr empfand, daß eine Sprache voll Härten des musikalischen Wohlklangs der romanischen Rede nur bis zu einem gewissen Grade fähig sei. Auch er hat Sonette und Glossen gedichtet und die Assonanz statt des Reimes gewagt; aber ungleich maßvoller als die Tieck und Schlegel brauchte er diese fremden Formen, und nach uralter deutscher Weise war ihm in der Kunst der Inhalt das Bestimmende. Wäre ihm in seinem »Sängerstreite« mit Rückert statt der guten Sache: »Falschheit kränket mehr denn Tod,« die schlechte Meinung: »eh'r falsch als todt,« zur Verteidigung zugeteilt worden: er hätte sicherlich nicht jene kunstvollen, feinen Wendungen gefunden, wodurch sein Gegner sich zu decken wußte; ein Scherz vielmehr hätte ihm aus der Not helfen müssen. Schon im Jahre 1812 lobte er sich die »ursprünglich deutsche Art«, die Innigkeit der Empfindung, im Gegensatz zu der formen- und bilderreichen Dichtung des Südens. Der alte Spruch: »schlicht Wort und gut Gemüth ist das echte deutsche Lied,« war ihm fortan der Wahlspruch seiner Kunst. Die einfacheren Formen aber, die er dem Genius unserer Sprache gemäß fand, hat er mit vollendeter Kunst beherrscht, während Tieck mitten in der gesuchten Formkünstelei oftmals sogar die Korrektheit vermissen läßt. Und gelang es der älteren Romantik, weil nur ein ästhetisches Wohlgefallen sie zu dem deutschen Altertume führte, sehr selten die naive Weise des Mittelalters zu treffen, so wußte Uhland, weil er mit ganzer Seele in jene Vorzeit sich versenkte, seine Mären so glücklich in treuherzig altertümlichem Tone vorzutragen, daß wir heute kaum noch begreifen, wie solche Stoffe jemals anders dargestellt werden konnten. Sein natürliches, wissenschaftlich geschultes Sprachtalent hat unserer modernen Dichtung eine Fülle schöner altertümlicher Wendungen und Wörter neu geschenkt, davon die junge Welt kaum weiß, daß sie uns einst verloren waren. Seinem strengen Formensinne war ein Greuel jenes phantastische Verzerren der Natur, jenes Spielen mit »duftenden Farben« und »tönenden Blumen«, das die Romantik liebte. Feste, starke Umrisse gab er, wo es not tat, seinen Gestalten, also daß wir aus manchen seiner Gedichte den tüchtigen Zeichner erkennen, der in der Ausübung der bildenden Kunst sein Formgefühl schulde. Mit Recht hat man ihn darum einen Klassiker unter den Romantikern geheißen. Dieser ernste Künstlersinn offenbarte sich vornehmlich in Uhlands weiser Selbstbeschränkung, einer antiken Tugend, die uns Modernen nicht leicht fällt. Ein Künstler von Grund aus und ein denkender Künstler, wie jede Zeile seiner Gedichte zeigt, hat er vielleicht weniger als irgendeiner unserer namhaften Dichter die Neigung zur Kritik und literarischen Fehde verspürt. Auf das Können, das ganze und rechte Können ging er aus; er am wenigsten wollte das Schlagwort der romantischen Dilettanten gelten lassen, daß man ein Dichter sein könne, ohne je einen Vers geschrieben zu haben. »Größeren Gedichts Entfaltungen« hatte er einst in jugendlicher Zuversicht seinen Lesern versprochen; doch als ihn die ersten Versuche belehrten, daß ihm die dramatische Kraft versagt sei, zog er sich zurück auf die Lyrik und das lyrische Epos. Er begnügte sich, auf diesem engen Gebiete Mustergültiges zu leisten, derweil die Chorführer der Romantik nach allen höchsten Kränzen der Kunst zugleich die Hand ausstreckten, ja in Plänen ganz neuer Kunstformen sich verloren und, im Grenzenlosen schweifend, nur wenig in sich Vollendetes schufen. Den letzten Grund aber dieses tiefgreifenden Unterschieds zwischen Uhland und der Schlegel-Tieckschen Richtung verstehen wir erst, wenn wir erkennen: in Uhland lebte ein tief sittlicher, tatkräftiger Ernst, der die tatlose, ironische Weltanschauung der Romantik schlechthin verwarf. Solchem sittlichen Pathos hatte einst Schiller die Liebe des Volkes verdankt, obwohl er sehr selten volkstümliche Stoffe besang. Denn mit unfehlbarer Sicherheit empfindet das Volk – unter den Germanen mindestens – ob ein Künstler mit seinen Bildern bloß geistreich spielt oder ob er sein Herzblut ausströmen läßt in seine Gedichte, und noch hat niemand durch ein feines Spiel sich des Volkes Herz erobert. In der Form allerdings hat Schillers hochpathetische Weise nicht das mindeste gemein mit dem naiven einfachen Wesen der Uhlandschen Dichtung, das der Weise Bürgers und Goethes weit näher steht. Schillers Geist aber, sein sittlicher Ernst, seine kühne Richtung auf die Gegenwart und ihr öffentliches Leben, ward in Uhland und den Sängern der Freiheitskriege aufs neue lebendig. Darum ward Uhland durch seine romantischen Neigungen nicht gehindert, in der Wissenschaft ein nüchterner methodischer Forscher, im Leben ein Verfechter des modernen Staatsgedankes zu sein. Mit sicherem Takte wußte er Leben und Dichtung auseinanderzuhalten, und jeder mystischen Liebhaberei der romantischen Genossen stellte er seinen derben protestantischen Unglauben gegenüber. Wenn Justinus Kerner von dem »Geiste der Mitternacht« erzählte, dann lachte Uhland, dann war er selber »der Zechgesell, der keinem glaubt«. Und wurde er ja einmal durch eine Erzählung von geheimnisvollen Naturwundern zum Liede begeistert, wie schön wußte er dann seinen Stoff aus dem trüben dumpfen Traumleben in eine freiere durchgeistigte Luft zu erheben! Als ihm berichtet ward von dem Mädchen, das im Mohnfelde schlief und, erwacht, mitten im lauten Leben weiter träumte, so ward ihm dies ein Anlaß, das Schlafwandeln des Dichters zu schildern, dem das Leben zum Bilde, das Wirkliche zum Traume wird: O Mohn der Dichtung, wehe Ums Haupt mir immerdar! In unseren nüchternen Tagen vermag auch ein flacher Kopf die Schwächen der Romantik leicht zu durchschauen, und oft vergessen wir, wie tief wir in ihrer Schuld stehen. Jene geistig hoch erregten Tage durften sich, nach Immermanns wahrem Geständnis, einer Dichtigkeit des Daseins rühmen, die unserem schnell lebenden, unruhig nach außen wirkenden Geschlechte verloren ist. Noch war die Welt von Schönheit trunken, noch galt ein edles Gedicht als ein Ereignis, das tausend Herzen froh bewegte, und auch die Häupter der romantischen Schule umstrahlt noch etwas von dem Glänze der glückseligen Zeit von Weimar, »wo der bekränzte Liebling der Kamönen der innern Welt geweihte Gluth ergoß.« Aber eine Dichterschule kann durch eine Fülle neuer Gedanken und Anschauungen, die sie in das Volk warf, die Nation zum bleibenden Danke verpflichten und dennoch an echten Kunstwerken sehr arm sein. Stellte nun einer die Frage: welche Kunstwerke der romantischen Epoche sind nicht bloß historisch wichtig durch die Anregung, die sie unserem Volksgeiste gaben, sondern in sich vollendet und unsterblich? – so würde ein ganz schonungsloses Urteil doch nur die Antwort finden: einige meisterhafte Übertragungen und Nachbildungen fremdländischer Dichtung und – die lyrischen Gedichte Uhlands und einiger ihm verwandter Sänger. Als Chamisso in Paris im Jahre 1810 den dreiundzwanzigjährigen Uhland kennen lernte, schrieb er mit seiner liebenswürdigen Laune einem Freunde: »es gibt vortreffliche Gedichte, die jeder schreibt und keiner liest; doch hier ist einer, der macht Gedichte, die keiner schreibt und jeder liest.« Und langsam, aber einmütiger von Jahr zu Jahr, begann die Nation in das Lob einzustimmen, als fünf Jahre später die »Gedichte« erschienen waren. Den Weg zum Herzen seines Volkes hat der Dichter zuerst gefunden durch jene Lieder, welche der Weise des alten Volksliedes so treu, so naiv nachgebildet waren, wie es vordem nur Goethe verstanden. Er hat zuerst in weiteren Kreisen das Verständnis wieder erweckt für diese volkstümlichen Klänge, und wenn Eichendorff und Wilhelm Müller selbständig, unabhängig von Uhland ihr lyrisches Talent bildeten, so danken sie ihm doch, daß das Volk ihren Liedern froh bewegt lauschte. Schien es doch, als wäre die unselige Kluft wieder überbrückt, die heute die Gebildeten und die Ungebildeten unseres Volkes scheidet, als tönte der Gesang, von namenlosen fahrenden Schülern erfunden, unmittelbar aus der Seele des Volkes heraus. Unwillkürlich fragte der Hörer, ob nicht am Schlusse des Sanges ein Vers hinweggefallen sei, das alte treuherzige: Der uns dies neue Liedlein sang, Gar schön hat er gesungen; Er trinkt viel lieber den kühlen Wein Als Wasser aus dem Brunnen Der Gesang ist heute, wie zur Zeit der italienischen Renaissance die Redekunst, die geselligste der Künste. Das arme Volk liest wenig, am wenigsten Gedichte; fast allein durch den Gesang wird ihm das Tor geöffnet zu der Schatzkammer deutscher Poesie. An Kunstwerk stehen Uhlands erzählende Gedichte seinen Liedern ohne Zweifel gleich; aber die Bedeutung des Mannes für die Gesittung unseres Volkes beruht vornehmlich auf den Liedern. Sie haben dem Sänger den schönsten Nachruhm gebracht, der dem lyrischen Dichter beschieden ist. Sie leben in ihrer leichten sangbaren Form im Munde von Tausenden, die seinen Namen nie gehört, sie klingen wider, wo immer Deutsche fröhlich in die Weite ziehen oder zum heiteren Gelage sich scharen. Es war eine Stunde seliger Genugtuung, als er einmal auf der Wanderung durch die Hardt in den Klostertrümmern von Limburg unerkannt rastete und seine eignen Lieder, von jugendlichen Stimmen gesungen, durch das Gewölbe schallten. Alle die hoffnungsvollen Anfänge freier, volkstümlicher Geselligkeit, welche heute das Nahen einer menschlicheren Gesittung verkünden, alle die fröhlichen Fahrten und Feste unserer Sänger und Turner und Schützen danken einen guten Teil ihres poetischen Reizes dem schwäbischen Sänger; kein Wunder, daß er selber sich an solcher Volksfreude nicht satt sehen konnte. Fast deucht uns ein Märchen, daß es einst eine Zeit gegeben, wo am Beiwachtfeuer deutscher Soldaten das Lied noch nicht erklang: »ich hatt' einen Kameraden,« daß einst deutsche Handwerksburschen über den Rhein gezogen sind, die noch nicht sangen von den »drei Burschen«. Doch sehen wir näher zu, so finden wir auch in dem einfachsten dieser Lieder einen entscheidenden Zug – eine kunstvolle Steigerung, einen schlagenden Abschluß – der das Gedicht alsbald auf die Höhe der Kunstpoesie erhebt und mit so großer Innigkeit und Frische den durchgebildeten Verstand des Künstlers gepaart zeigt. Demselben Lehrer, dem deutschen Volksliede, hat Uhland auch die Kunst der gemütlich bewegten Erzählung abgesehen. Er vermag es, einen kleinen anekdotenhaften Zug mit so viel schalkhafter Anmut zu einer Ballade zu erweitern, wie vor ihm wieder nur Goethe. Sein Eigenstes und Schönstes schuf er in der erzählenden Dichtung dann, wenn er sich ein Herz faßte und die trotzige, reckenhafte Kraft der deutschen Heldenzeit derb und mit Laune darstellte, wie in den Rolandsliedern, wohl seinen besten Balladen. Und wie das Volkslied nicht in die Grenzen eines Landes gebannt bleibt, sondern der Sang von Liebeslust und -leid, von Heldenzorn und Heldentod durch alle Völker wandert und in der Fremde sich umbildet, so hat auch Uhland sein deutsches Wesen nicht verleugnet, wenn er fremdländische Sagenstoffe besang. Sein Gesichtskreis umfaßte das gesamte Altertum der christlich-germanischen Völker; nur sehr selten hat ihn ein Bild der antiken Gesittung zum Liede begeistert, und gänzlich fern lag seinem deutschen Gemüte die Sagenwelt des Orientes, wie sehr sie auch den Meister der Form verlocken mochte. Sehr tief hatte er sich eingelebt in den Geist der südländischen Sänger des Mittelalters: durch das liebliche Gedicht »Ritter Paris« weht ein hauch schalkhafter Grazie, darum ihn jeder Troubadour beneiden könnte. Fast scheint es, wenn Uhland die Mären der liederfreudigen Provence nachdichtet, als singe hier wirklich ein alter Südfranzose, als erfülle sich die wehmütige Verheißung des modernen provençalischen Dichters: o moun pais, bello Prouvenço, toun dous parla pou pas mouri. Und doch ist dies nur ein Schein: aus Uhlands südländischen Gedichten so gut wie aus seinen angelsächsischen und nordfranzösischen Balladen weht uns heimatliche Luft entgegen, er behandelt diese fremden Stoffe mit der gemütlichen Innigkeit und in der tief bewegten Weise der Germanen, nicht mit der feierlichen Grandezza und dem rhetorischen Pathos südlicher Romanzen. Nicht immer freilich ist ihm dies gelungen. Oft nahm er aus den romanischen Stoffen auch legendenhafte Wundergeschichten mit herüber, die den modernen Hörer kalt lassen, oder häßlich phantastische Züge: – so steht in dem schönen Zyklus »Sängerliebe« fremd und verletzend die Romanze von dem Kastellan von Couci, dessen Herz von seiner Geliebten verspeist wird. Manchmal – was uns noch mehr abstößt – schleichen sich mit den fremden Bildern auch fremde Empfindungen in seine Seele. Vor dem Bilde des »Wallers« oder der trauernden Nonne, die entsagt und betet »bis ihre Augenlider im Tode fielen zu«, steht der gesunde Sinn der modernen Deutschen befremdet still: was gilt sie uns, diese zugleich schwächliche und überschwengliche Empfindung der Vorzeit der Romanen? Ja sogar unter den Balladen, die auf deutschem Boden spielen, finden sich neben vielen ursprünglichen Schilderungen deutscher Kraft und deutscher Laune doch auch einige sentimentale Gedichte von sehnsüchtigen Mädchen und trauernden Königen, die uns kein festes Bild hinterlassen. Desgleichen, wenn wir an seinen Liedern das innige Naturgefühl und die tief bewegte Stimmung bewundern, so scheinen uns doch einzelne inhaltslos, wir wünschten, der Dichter hätte nicht bloß sein bewegtes Herz, sondern sein reiches Herz gezeigt. Solche Mangel mochte Goethe im Auge haben, wenn er in Augenblicken übler Laune sehr hart und bitter von der Uhlandschen Dichtung sprach. Doch all diesen Schwächen hat der Dichter selber die beste Verteidigung geschrieben: Scheint euch dennoch Manches kleinlich, Nehmt's als Zeichen jener Zeit, Die so drückend und so peinlich Alles Leben eingeschneit. Uns freilich, unserem derben historischen Realismus fällt es leicht zu erkennen, wann Uhland die harten barocken Züge unserer Vorzeit verwischt hat. Wir lächeln, wenn uns in Erzählungen aus dem Mittelalter, dieser treulosesten aller Zeiten, von deutscher Treue überschwenglich geredet wird, und seit die fortschreitende Kultur das Haar unserer Mädchen gebräunt hat, fällt uns die ausschließliche Begeisterung für blondes Haar und blaue Augen so schwer, wie die übermäßige Freude an den Rosen und Gelbveigelein. Aber frage sich jeder, ob auch das Unsterbliche in Uhlands Gedichten geschaffen werden konnte von einem Dichter, der minder treuherzig für das biderbe Mittelalter schwärmte, der weniger unbefangen sich begeisterte für »Jugend, Frühling, Festpokal, Mädchen in der holden Blüthe«? In unseren rauheren Tagen geht auch der Jugend diese naive Schwärmerei sehr rasch verloren, doch darum mangelt auch unseren neuen Lyrikern die Jugendfrische, die herzbewegende Innigkeit des alten Sängers. Und wie verschwindend gering ist doch die Zahl jener Gedichte, welche auch Uhland angekränkelt zeigen von der unklaren Gefühlsseligkeit seiner Zeit! Nur Heinrich Heines Gehässigkeit konnte aus dem Liede: »Ade, du Schäfer mein« den Grundton der Uhlandschen Dichtung heraushören. Neben dies eine Lied – beiläufig eines seiner allerfrühesten Jugendgedichte – stellen sich hundert andere voll mannhafter Kraft und unverwüstlicher Lebenslust. Gern verstummt die Kritik vor diesen Gedichten; über ihnen liegt der Zauber einer völlig abgeschlossenen Bildung. Sie sind das getreue Spiegelbild der edelsten Empfindungen einer reichen Zeit, die wir mit allen ihren Verirrungen aus unserer Geschichte nicht missen können, nicht streichen wollen: die alte Burschenschaft vornehmlich lebt nur noch in den Liedern Uhlands und seiner Genossen. Ist auch jene Gesittung in unserem Volke längst einer anderen, härteren gewichen: tot ist sie darum nicht. In allen neueren Völkern sehen wir eine seltsame Erscheinung, welche dem modernen Menschen gar sehr erschwert, sich auf seine eigenen Füße zu stellen. Gedanken und Anschauungen, die das Volk längst überwunden, kehren in dem Leben des einzelnen wieder als Momente seiner persönlichen Entwicklung. Längst vorüber sind unserer Nation die Tage der Romantik und des jungdeutschen Weltschmerzes; aber noch heute kommt kein geistreicher Deutscher zu seinen Jahren, der nicht einmal, wehmütig wie ein Uhlandscher Bursch, dem scheidenden Freunde das Geleite gegeben und später mit Byronischem Übermute sich aufgelehnt hätte wider die Unnatur der »alternden Welt«. Dem Manne ziemt, die Gedanken seiner Jugend zu überwinden, nicht, wie man heute liebt, sie zu schelten; denn ihnen dankt er, daß er ein Mann geworden. Wir wären die Deutschen nicht mehr, die wir sind, wenn je an der lauten Tafelrunde unserer Burschen die stürmische Weise nicht mehr erklänge: »wir sind nicht mehr beim ersten Glas.« Und mir graut, wenn ich mir vorstelle, es könnte je die Zeit kommen, da der deutsche Jüngling zu verständig wäre, um in der heißen Sehnsucht herzlicher Liebe zu singen: Welt, geh nicht unter, Himmel, fall nicht ein Eh' ich mag bei der Liebsten sein! Was die klugen Leute die unbestimmte nebelhafte Weise von Uhlands Lyrik nennen, ist oftmals nichts anderes als das Wesen aller lyrischen Dichtung selber: jene hocherregte Stimmung, die den Leser geheimnisvoll ergreift und ihm einen Ausblick gewährt in das Unendliche. Oder wäre es nötig, auch nur ein Wort zu verlieren gegen jene Barbarei, die Uhland darum getadelt hat, daß seine Lieder sich der Musik so willig fügen? In dem Gedichte »Traum«, das man auch oft allzu weichlich gescholten hat, liegt doch nichts anderes als der überaus glückliche Ausdruck einer Stimmung, die unserem Volke von Anbeginn im Blute liegt. Die Klage um die Vergänglichkeit irdischer Lust wird von unserer gesamten Dichtung, dem Volksliede insbesondere, in tausend Formen wiederholt und ist selten rührender ausgesprochen worden als in dieser Vision von der Abfahrt der »Wonnen und Freuden«: Sie fuhren mit frischen Winden, Fern, ferne sah ich schwinden Der Erde Lust und Heil. Und wieder, wie köstlich heben sich ab von diesen weichen Tönen der Sehnsucht die Klänge neckischer Lebenslust! Nicht nur die Weise des derben Spottes weiß der Dichter anzuschlagen, auch das harmlose, sozusagen gegenstandslose Spielen der Laune hat er den »Lügenliedern« unseres Volkes abgelauscht, und aus manchem seiner Gesänge klingt uns die alte lustige Weise entgegen: »ich will anheben und will nicht lügen: ich sah drei gebratene Tauben fliegen.« – »Niemand taugt ohne Freude!« Wie sollte Uhland nicht zu dem guten Worte sich bekennen! Kein Geringerer hat es ja gesprochen als Walther von der Vogelweide, den er als seinen liebsten Lehrer verehrte. Daß Uhland mit anderem, modernerem Sinn als die Tieck und Schlegel auf das geliebte Mittelalter zurücksah, das erkennen wir am leichtesten an dieser Vorliebe für Walther, den vielleicht freiesten Geist des deutschen Mittelalters, der mit seiner hellen bewußten Empfindung uns Neueren näher steht als irgendeiner seiner Zeitgenossen. Und mannigfach, offenbar, war die Verwandtschaft der beiden. Ein Meister der Form in der Dichtkunst, aber »mehr gestaltend als bilderreich«, hat Walther gleich seinem späteren Schüler seine Herrschaft über die Form nie mißbraucht zu leerem Spiele mit dem Wohllaut der Sprache. Die Form ward ihm geschaffen durch den Inhalt, seine prächtigen volltönenden Weisen versparte er, bis es galt Könige zu preisen oder die auserwählten schönsten der Frauen. Uhland, der so warm und traulich die behagliche Enge des häuslichen Lebens besang, spottete doch bitterlich des Dichters, der in einer Welt des Kampfes nur »sein groß, zerrissen Herz« zu betrachten wußte. Auch hierin war ihm der alte Sänger ein Lehrer gewesen: – der politische Dichter, der »in seinem besonderen Leben das öffentliche spiegelte« und aus voller Kehle seines Landes Ruhm sang: »deutsche Mann sind wohlerzogen, gleich den Engeln sind die Weib gethan«. Sehr ungleich freilich waren den beiden die Gaben des Glücks zugeteilt, und wir freuen uns der freieren Gesittung der Gegenwart, wenn wir den stolzen, seßhaften, mit seinem Könige kämpfenden Bürger unserer Tage mit dem fahrenden Ritter vergleichen, der Herberg und Gaben heischend von Burg zu Burg zieht und, als ihm endlich eines Fürsten Gnade eine kleine Hofstatt geschenkt, jubelnd in die Weite ruft: »ich hab' ein Lehen, all' die Welt, ich hab' ein Lehen.« Auch darin waren die beiden verschieden geartet, daß Walthers höchste Kraft in dem Spruche, dem Sinngedichte, sich bewährte. Dem modernen Dichter dagegen ist zwar auch manches glückliche Sinngedicht gelungen, so jenes liebliche »Verspätete Hochzeitslied«, das wirklich aus der Not eine Tugend zu machen weiß und die Säumnis des Sängers also entschuldigt: Des schönsten Glückes Schimmer Umschwebt euch eben dann, Wenn man euch jetzt und immer Ein Brautlied singen kann; doch niemand wird in Uhlands Sinngedichten, denen oftmals die rechte lakonische Kraft fehlt, das Eigenste seines Talentes suchen. Es war ein Liederfrühling kurz und reich. Ein edles Bild der Jugend war Uhlands Dichtung gewesen, und als mit den Jahren diese jugendlichen Gefühle ihm seltener das Herz schwellten, hörte er auf zu singen. Nach seinem dreißigsten Jahre sind nur wenige seiner Gedichte entstanden. Darunter allerdings einige seiner schönsten Romanzen, und auch die rührenden Naturlaute zarter inniger Empfindung entflossen noch dann und wann dem Munde des gereiften Mannes, so damals, da ihm in einem Sommer beide Eltern starben und er beim Anblick eines fallenden Blattes die wie im Winde verwehende Klage schrieb: O wie vergänglich ist ein Laub, Des Frühlings Kind, des Herbstes Raub! Doch hat dies Laub, das niederbebt, Mir so viel Liebes überlebt. Es ist müßig, ihn darum zu preisen, daß seine Formgewandtheit ihn nicht verführt hat zu Schöpfungen, die das Gepräge der Notwendigkeit nicht mehr getragen hätten. Wir müssen sagen, er konnte nicht anders als schweigen, wenn der Gott ihn nicht rief. Schon der junge Mann gesteht: »zu jeder ästhetischen, wenn auch nicht produktiven, Arbeit ist eine Stimmung erforderlich, welche die launische Stunde nach Willkür gibt oder versagt.« Einmal erregt pflegte seine dichterische Kraft lange anzuhalten, es war, als ob ein Lied das andere weckte. Sein Wesen läßt sich nur mit dem französischen entier bezeichnen. Jeder Gedanke, jede Beschäftigung nahm ihn ganz und auf die Dauer dahin, selbst die politischen Arbeiten raubten ihm, einmal begonnen, die Lust zu anderem Tun. Doch wenn seine Dichtung allmählich verstummte, umso lauter erhob der Chor seiner Nachfolger die Stimme, und da ein literarhistorisches Zeitalter jeden Künstler säuberlich in einer Schublade unterbringen muß, so mußte auch er, der dem Unwesen der literarischen Kameradschaft immer gram war, als das Haupt der »schwäbischen Dichterschule« gelten und – manche Sünden seiner Nachfahren entgelten. Wohl waren diese Sänger alle getränkt von dem warmen Naturgefühle ihrer Heimat, und mit gerechtem Stolze konnte Justinus Kerner rufen: Wo der Winzer, wo der Schnitter singt ein Lied durch Berg und Flur, Da ist Schwabens Dichterschule, und ihr Meister heißt Natur. Wie sie einst mit gesundem schwäbischen Sinne gegenüber der Phantasterei der Schlegelschen Richtung ihre protestantische Nüchternheit bewahrt, so haben sie später die reinen Formen der lyrischen Dichtung gerettet, als der Feuilletonstil des jungen Deutschlands alle Kunstformen zu verwischen drohte; sie haben deutsches Wesen und züchtige Sitte getreu behauptet, während der weltbürgerliche Radikalismus und die französischen Emanzipationslehren über uns hereinbrachen. Aber mit der unermüdlichen Fertigkeit der Meistersänger wurde jetzt der so leicht nachzuahmende, so schwer zu erreichende Balladenstil Uhlands nachgebildet. Die poetische Stimmung, jenes »Dunkelklare«, geht manchen gereimten Geschichtserzählungen der Schüler verloren. Die geringe Empfänglichkeit für die Schönheit der Antike war Uhlands natürlicher plastischer Kraft ungefährlich gewesen, bei den Nachfolgern bestraft sie sich durch die unklare verschwommene Zeichnung. Schon dem Meister war das hinreißende Pathos großer Leidenschaft versagt, ihm fehlte der Trieb, das Geheimnis der Weltenleitung in schweren Seelenkämpfen zu ergründen; bei vielen der Späteren erscheinen diese Schwächen geradezu als platte Gemütlichkeit und Gedankenarmut, wofür Frische und Natürlichkeit der Darstellung keinen Ersatz gewähren. Wie überhaupt die Kunst, mit Halbwahrheiten virtuos zu spielen, den boshaften Satiren Heinrich Heines ihren gefährlichen Reiz verleiht, so ist auch eine halbe Wahrheit sicherlich enthalten in jener Schmähschrift, welche den Spott des Übermütigen über die Geistesarmut der schwäbischen Schule ergoß. Als endlich in Schwaben jeder Fels, wo ein Ritter den andern erschlug, seinen Sänger gefunden hatte, und die Düsseldorfer Maler unsere Galerien immer wieder mit sehnsüchtigen blonden Mädchen und trauernden letzten Rittern ihres Stammes bevölkerten, da entstand – wesentlich gefördert durch die Überproduktion der schwäbischen Schule – in unseren tüchtigsten Männern der weit verbreitete, beklagenswerte Widerwille gegen alle lyrische Dichtung. Bei solchem Sinne der Männer ist Uhland heute allerdings vornehmlich ein Liebling unserer Jugend, während Beranger, der oft mit ihm Verglichene, auch dem älteren Geschlechte unter seinen Landsleuten noch jetzt aus der Seele redet. Aber, ein leichtsinniges Pariser Kind, huldigt dieser gleich willig den edlen wie den unwürdigen Leidenschaften seines Volkes: des deutschen Dichters lauterer Sinn hat nur der reinen Begeisterung der Jugend Worte geliehen. – »Augen wie ein Kind hat der Alte« hören wir oft die Jüngeren erstaunt sagen, wenn sie die verwitterten Züge eines Soldaten der Freiheitskriege erblicken. In der Tat, eine seltene Frische und jugendliche Reinheit der Empfindung, die so nicht wiedergekehrt ist, bildet den entscheidenden Charakterzug jenes Geschlechtes, und sie ist auch der schönste Reiz von Uhlands Dramen. Fremd zugleich und liebenswürdig klingt unserem kurz angebundenen Wesen der zärtliche Erguß der Freundschaft Ernsts von Schwaben an der Leiche seines Werners: Die Lüfte wehen noch, die Sonne scheint, Die Ströme rauschen und der Werner stirbt! – oder die edle Resignation Friedrichs von Österreich, der sich freut: Daß ich noch Kronen von mir stoßen, noch Den Kerker kann erwählen statt des Throns. An ähnlichen Zügen hoher lyrischer Schönheit sind die beiden Dramen reich. Sogar die Landschaft spielt mit, nach der Weise der lyrischen Dichtung; sie spiegelt wider oder hebt durch den Kontrast die Leidenschaften der dramatischen Helden. Nicht minder kommt des Dichters episches Talent zur Entfaltung in den zahlreich eingestreuten Erzählungen – kleinen Romanzen, die überall eine große Anmut und Sicherheit der Zeichnung verraten; ja die gesamte Weltanschauung des Dichters ist episch; seinen Kaiser schildert er nach homerischer Weise und mit den Worten des mittelalterlichen Erzählers: Und seine Schulter ragt' ob allem Volk. Das eigentlich dramatische Talent dagegen hat sich Uhland in edler Bescheidenheit selbst abgesprochen. Nimmermehr wird es blinden Bewunderern gelingen, diesem Bekenntnisse des Dichters sein Gewicht zu nehmen. Uhland deshalb zu den ersten Dramatikern der Deutschen zählen, weil seine Dramen »nationale« Stoffe behandeln, das heißt prosaisch am Stoffe kleben und das Wesen aller Kunst verkennen. Wie im Wettstreit der Rede der ärmere Geist, der die Hörer durch rednerischen Schwung bezaubert, unfehlbar und mit vollem Rechte den helleren Kopf besiegt, welchem die hinreißende Gewalt der Rede fehlt: ebenso und mit gleichem Rechte triumphiert auf den Brettern der bühnenkundige dramatische Handwerker über den echten Dichter, der die Kunst der dramatischen Aufregung nicht versteht. So recht das Gegenteil jenes durchgreifenden, revolutionären Eifers, der den dramatischen Helden macht, ist die zähe Kraft des treuen Beharrens, welche das Pathos der Helden Uhlands bildet. Und wieder so recht das Gegenteil jener ganz bestimmten endlichen Zwecke, welche der dramatische Held verfolgen soll, ist jene gegenstandslose sittliche Begeisterung, die einen guten Plan verwirft, weil nichts darin zu finden sei, »nichts, was begeistern könnt' ein edles Herz«. Nur selten zeigt Uhlands Dialog das dramatische Platzen der Geister aufeinander; mit vorgefaßten Entschlüssen treten zumeist seine Menschen auf die Bühne, erzählen, sprechen ihre Empfindungen aus und die Szene schließt oft ohne jedes dramatische Ergebnis. Auch widerstrebt es dem warmen Herzen des Dichters, das Böse mit dem unbefangenen Behagen des Dramatikers zu schildern. Die politischen Pläne, die er seinen Helden in die Seele legt, erscheinen als Beiwerk, nicht als ein Pathos, das den ganzen Menschen erfüllt. Auf der Bühne tritt den modernen Hörern das fremdartige Wesen der Kulturformen und der Empfindungen des Mittelalters sehr auffällig entgegen, um so auffälliger, da der Dichter manche Szenen – den Kirchenbann, den Ritterschlag – sichtlich nur deshalb mit Vorliebe behandelt hat, weil der romantische Reiz des fremden Kostüms ihn lockte, nicht weil sie dramatisch notwendig waren. Dergestalt sind diese Dramen rasch von der Bühne verschwunden. Dem Leser wird ihre lyrische Schönheit immer teuer bleiben, und eben darum wird er mit reinerer Freude vor dem älteren der beiden Werke verweilen. Willig vergißt er den verfehlten Bau des »Ernst von Schwaben«, dessen Handlung mit dem Höhepunkte beginnt, denn gar zu liebenswürdig tritt uns aus dem Bilde der beiden treuen Freunde das warme reine Herz des Dichters entgegen. Das Schauspiel »Ludwig der Bayer« ist, obwohl es Schritt für Schritt den Berichten der alten Chronisten folgt, doch weit kunstgerechter gebaut als das Erstlingsdrama, und ohne Zweifel hat keiner der späteren Bearbeiter dieser undramatischen Fabel den schwäbischen Dichter erreicht. Aber der spröde Stoff gewährte hier Uhlands lyrischem Talente weniger Spielraum. Am reichsten entfaltet sich diese Begabung in dem Fragmente »Konradin«. Keine andere Fabel unserer Geschichte kam allen Idealen dieses Dichters und dieser Zeit so willig entgegen. Noch ein anderes schönes Bruchstück hat er uns hinterlassen, das kleine Epos »Fortunat«. Es ist lehrreich, zu beobachten, wie auch ein so schlichter, aller Paradoxie abgeneigter Dichtergeist durch den Reiz des Kontrastes zum Gesange begeistert werden kann. Diese übermütigen, mutwilligen Verse entstanden dem ernsten, strengen Manne in Tagen schwerer Sorge um Haus und Staat. Aber seltsam, wie er, der in seinen kleinen Gedichten uns durch die gedrungene Kürze der Darstellung in Erstaunen setzt, bei größeren Entwürfen ins Weite zu gehen liebte. Schon der zweite Gesang des Fortunat ist eine Abschweifung nach Ariostischer Weise, und eben deshalb mag auch die Vollendung des anmutigen Gedichts unterblieben sein. Der Dichtung Uhlands schaut keiner auf den Grund, der nicht Kunde hat von seinem wissenschaftlichen Wirken. Er selber sagte scharf: »wer sich nicht mit meinen Studien befaßt hat, kann auch nicht über mich schreiben.« Die lebensvolle poetische Schilderung unserer Vorwelt erwuchs ihm aus gründlicher gelehrter Kenntnis. Wohl durfte er von seinen alten Büchern rühmen: »Durch ihre Zeilen windet ein grüner Pfad sich weit.« Dank den Romantikern: nicht mehr eine ermüdende Masse gleichgültiger Namen brachten die Gelehrten heim aus der Erforschung unserer Vorzeit. Die Seele unseres Volkes in der Vorwelt erschloß sich den Nachlebenden, und Uhland hat ein Großes mitgeschafft an diesem Werke deutscher Wissenschaft. Ein gutes Wort aus seinen letzten Jahren bezeichnet schlagend, wie er Sinn und Ziel seines wissenschaftlichen Schaffens verstand. »Eine Arbeit dieser stillen Art«, schreibt er einem Freunde, »setzt sich freilich dem Vorwurf aus, daß sie in der jetzigen Lage des Vaterlandes nicht an der Zeit sei. Ich betrachte sie aber nicht lediglich als eine Auswanderung in die Vergangenheit; eher als ein rechtes Einwandern in die tiefere Natur des deutschen Volkslebens, an dessen Gesundheit man irre werden muß, wenn man einzig die Erscheinungen des Tages vor Augen hat, und dessen edlern, reinern Geist geschichtlich darzustellen um so weniger unnütz sein mag, je trüber und verworrener die Gegenwart sich anläßt.« Der Gedanke einer Geschichte der deutschen Dichtung im Zeitalter der Staufer, einer schwäbischen Sagenkunde beschäftigte ihn lange, und wenn von diesen weitaussehenden Plänen nur einiges – dies wenige allerdings meisterhaft – ausgeführt ward, so erraten wir leicht den Grund: für den Lyriker liegt der Reiz des Schaffens im Anlegen und Erfinden. Streng methodisch wie nur sein Freund Immanuel Bekker betrieb er diese germanistischen Studien, aber auch den Dichter erkennen wir wieder in dem Verfasser des schönen Buches »Walther von der Vogelweide«, woraus oben einige bezeichnende Urteile mitgeteilt wurden. Seine einfach edle Prosa ist nicht weniger künstlerisch als der Wohllaut seiner Verse. Wie dem Künstler ziemt, suchte er hier aus der Person des Dichters die Dichtung zu erklären und brachte also in die Literaturgeschichte des deutschen Mittelalters einen neuen notwendigen Gesichtspunkt. Nur die geschichtliche Bedeutung und den ästhetischen Wert der Gedichte unserer Vorzeit hatte man bisher gewürdigt, noch nicht sie betrachtet als Offenbarungen reicher dichterischer Persönlichkeiten. Nicht minder den Dichter erkennen wir, wenn er in der für die germanische Mythologie Epoche machenden Abhandlung über den Mythus vom Tor nicht nur den allegorischen Sinn der alten Naturmythen enträtselt, sondern auch den Heidengott uns menschlich nahe führt und in dem Bändiger aller tobenden Elemente uns den demokratischen Gott zeigt, den gewaltigen Arbeitsmann, den geliebten Freund des Volkes, den der Bauer neckend am roten Barte zupft. Froh und heimisch fühlt sich der rüstige Mann unter dem starken Volke, das »im Donnerhalle die Nähe seines Freundes erkennt«. Und fröhlich zog er auf weite Wanderfahrten, um aus Fels und See, aus dem Geiste des Ortes selber die Gestalten unserer Sagen greifbar und lebendig hervorsteigen zu sehen. An der Hand der Natur führten dann seine Beiträge zur schwäbischen Sagenkunde den Leser in die fremde Welt halbverschollener Überlieferungen ein. Wir steigen mit ihm auf die Trümmer des alten Schlosses Bodman am Bodensee, wir hören den Schall entfernter Glocken leise über den rauschenden See her klingen und wir verstehen, wie einst hier in karolingischer Zeit den schlafenden Hirten Pipin das wonnevolle Geläute zum fernen Kloster lockte. Wir sehen den Nebel über den Wassern sich ballen, der den Schiffer beirrt und die Reben mit kaltem Reife schädigt, und wir begreifen, wie die Launen des Nebelmännleins seltsam hineinspielen in das Geschick des alten Geschlechtes der Bodman. Uhlands erstes gelehrtes Werk war eine Abhandlung über das altfranzösische Epos gewesen, und das feine Verständnis der Volksdichtung, das die Kenner in diesem Aufsatze erfreut, bewährte sich auch in den jahrelangen Forschungen für sein letztes größeres gelehrtes Werk über das deutsche Volkslied. Der Tod hat den bedachtsamen Arbeiter in diesem Unternehmen unterbrochen. Vollendet ist nur der Vorläufer der verheißenen Abhandlung, die köstliche Sammlung deutscher Volkslieder, die in jedem guten deutschen Hause eine Stätte finden sollte, denn sie ist, was der Sammler wollte, »weder eine moralische, noch eine ästhetische Mustersammlung, sondern ein Beitrag zur Geschichte des deutschen Volkslebens«. Wie »des Knaben Wunderhorn«, dem Uhlands Jugend so Großes verdankte, verrät auch diese Sammlung, daß schönheitskundige Dichterhände die Auswahl geleitet; aber an der Vergleichung beider Werke ermessen wir zugleich den ungeheuren Fortschritt der germanistischen Wissenschaft von dilettantischer Unfertigkeit zu kritischer Strenge. Schwerlich ist es ein Zufall, daß der Sammler den bedeutenden wirksamen Platz am Schlüsse seines Buches den Liedern des streitbaren Protestantismus angewiesen hat. Des Kranzes letzte Blätter sind: »Eine feste Burg ist unser Gott« und jenes herrliche Lied eines sächsischen Mädchens aus den Tagen des Schmalkaldischen Krieges: Stets soll mein Angesicht sauer sehn, Bis die Spanier untergehn – der kräftige Ausdruck einer großen politischen Leidenschaft, die seitdem die Seele der mitteldeutschen Stamme leider nie wieder so gewaltig erschüttert hat. In mannigfachen Formen (schon vielen ist dies aufgefallen) kehrt in Uhlands Gedichten ein Idealbild wieder – der streitbare Sänger: mag der Dichter den Normannen singend und die schweren Schwerter schleudernd vor dem Eroberer reiten lassen, mag er Äschylos und Dante preisen, weil sie für Freiheit und Vaterland gesungen und gestritten, oder Körners Schatten heraufbeschwören zu zorniger Mahnung an die Überlebenden. In friedlichem, aber nicht minder ernstem und aufregendem Kampfe hat er selber sich zu diesen Sängern und Helden gesellt. Die Zeit ist hoffentlich nahe, da wir Deutschen aufhören werden, etwas Auffälliges zu sehen in dieser Verkettung bürgerlichen und künstlerischen Ruhmes. Wie wir neuerdings in Italien der ruhmvollen Erscheinung begegnen, daß unter den namhaften Denkern und Künstlern kaum einer sich findet, der nicht sein Herzblut hingäbe für das freie und einige Italien: so beginnt unter den Deutschen eine ähnliche Wandlung sich zu vollziehen. Das Herz der Nation kehrt sich ab von jenen Künstlern, die neben dem großen politischen Kampfe der Gegenwart kalt zur Seite stehen. Seltener, schüchterner immer tönt das vordem in diesen Kreisen oft gehörte Wort, dem Künstler zieme nicht sich zu kümmern um die Abstraktionen der politischen Debatte, »weil er sich kein Bild davon machen könne«. Der politische Kampf der deutschen Gegenwart ist nicht ein Streit um diese oder jene Staatseinrichtung, wie eine Doktrin, ein Klasseninteresse sie fordert. Es gilt, der Nation das Unterpfand jedes schönen Erfolges, das stolze Selbstgefühl zu retten. Was irgend krankt in unserem Volksleben, in Kunst und Wirtschaft, Glauben und Wissen, nicht eher wird es völlig gesunden, als bis die Deutschen ihren Staat gegründet. Das Geschlecht von Dichtern aber, dem die Kleist, Arndt, Uhland angehören, war das erste in Deutschland, welches diese unmittelbare sittliche Bedeutung der Staatsfragen begriff und solche Erkenntnis in Taten bewährte. Als König Ludwig von Bayern um das Jahr 1841, in der unheilvollsten Zeit seiner Regierung, mit dem Plane umging, einen deutschen Dichterverein zu gründen, und den schwäbischen Dichter zum Beitritt auffordern ließ, da erklärte Uhland dem Minister v. Schenk in einem tapferen Briefe, was er denke über die Pflicht des Dichters gegen das Vaterland. »Bei Deutschlands politischer Zersplitterung,« heißt es da, »kann auch der bestgemeinte Vorschlag zur idealen Einigung eher verletzen, als ermutigen; immer nur der Stein statt des Brotes! – Wenn die deutsche Dichtkunst wahrhaft national erstarken soll, so können ihre Vertreter nicht auf ein historisches oder idyllisches Deutschland beschränkt sein; jede Frage der Gegenwart, wenn sie das Herz bewegt, muß einer würdigen Behandlung offen stehen.« Sehr laut, fast überschwenglich ist neuerdings Uhlands politisches Wirken gepriesen worden. Der Kaltsinn gegen die Kunst, diese Krankheit der Gegenwart, offenbarte sich auch darin, daß in vielen Nekrologen der Dichter wie ein patriotischer Landtagsabgeordneter erschien, der nebenbei auch Verse geschrieben. Wohl ist es nicht leicht, diesen verschlossenen Charakter zu durchschauen, der selten in Gesprächen oder Briefen die Beweggründe seines Handelns angab. Nur diese Behauptung dürfen wir zuversichtlich aufrecht erhalten: Uhlands dichterisches und gelehrtes Schaffen war nicht bloß fruchtbarer als seine politische Wirksamkeit, es wurzelte auch ungleich tiefer in seinem Gemüte. Uhland war weit weniger als Kleist oder Arndt eine politische Natur; das Unglück des Vaterlandes erfüllte den ruhigen Mann nicht mit jener heißen Leidenschaft, die jeden andern Gedanken übertäubt; gleich den ausschließlich ästhetischen Geistern des älteren Dichtergeschlechts war ihm noch möglich, während der krampfhaften Aufregung des Freiheitskrieges sich die selige Ruhe künstlerischen Wirkens zu bewahren. Nicht in die Wiege gebunden war ihm die Lust am Streite, wie einem Lessing; ihn erfüllte nur das unabweisliche Verlangen, rein und unsträflich vor seinen Augen dazustehen. Wie konnte er also zurückstehen, wenn um die höchsten sittlichen Güter unseres Volkes gestritten ward? Zudem hatte er seinen natürlichen Rechtssinn geschult in den juristischen Studien, die er ohne Freude, aber mit Ernst und Nachdruck trieb, und war früh mit den Ideen des modernen Liberalismus vertraut geworden. Seine schmucklos bürgerliche Art, »dickrindig und schier klotzig«, wie Chamisso sie einmal übermütig nannte, diese keusche Wahrhaftigkeit sah mit bitterem Ekel auf die Leichtfertigkeit der Höfe, auf das vornehme Spielen mit dem Ernste des Lebens. So ward er, der seine gelehrte Arbeit und den besten Teil seiner Dichterkraft unserer Vorzeit widmete, im Leben ein Streiter für die modernen Volksrechte. Bestechend, aber verkehrt ist Heinrich Heines Versuch, aus diesem scheinbaren Widerspruche von Leben und Dichtung das frühe Verstummen von Uhlands Gesang zu erklären. Wir wissen längst, daß nicht »das katholisch-feudalistische«, sondern das volkstümliche Element der mittelalterlichen Gesittung seine dichterische Neigung vorwiegend anzog; also haben seine poetischen Arbeiten seinen vaterländischen Sinn vielmehr gekräftigt. Nur einzelne kleine Schwächen seiner Poesie lassen sich allerdings auf dies zwiegeteilte Streben zurückführen. Wenn dann und wann ein Ritter, ein Mönch seiner Balladen uns mit allzu blassen Farben gemalt scheint, so erinnern wir uns: ein durchaus moderner Mensch hat dies Bild geschaffen, der bereits mit hellem Bewußtsein auf das Mittelalter als auf eine versunkene Welt zurückschaut. Es ist nicht ganz richtig, wenn Uhland kurzweg den Dichtern der Freiheitskriege zugezählt wird. Der Heldenzorn jenes Kampfes tönt uns mit voller Gewalt nur aus den Liedern der Arndt, Körner, Schenkendorf entgegen, die mitteninne standen in dem Schlachtgetümmel. Dem Schwaben war dies schöne Los versagt; darum hören wir aus den Liedern Uhlands in dieser Zeit nur die Stimme des erregten Beobachters, nicht des Kämpfers. Besonders schön hat er die Angst der Guten geschildert, da die letzte Entscheidung sich verzögerte, bis ihm endlich sein heißer Wunsch erfüllt ward: Das edle Recht, zu singen Des deutschen Volkes Sieg. Demutsvoll stand er zur Seite und fragte sein Land: Nach solchen Opfern heilig großen Was gälten diese Lieder dir! Erst nach dem Frieden, als Süddeutschland der Brennpunkt unserer staatlichen Kampfe war, begannen die großen Tage seiner politischen Dichtung, welche nun, da der Norden ermattet schwieg, den Geist jener nordischen streitbaren Sänger getreulich bewahrte. Der württembergische Verfassungsstreit brach aus. Schon als Arbeiter im Justizministerium hatte der junge Jurist erfahren, was die Willkürherrschaft des geistvollsten und ruchlosesten der Napoleonischen Satrapen bedeute. Jetzt, ein unabhängiger Rechtsanwalt in Stuttgart, ward er der beredte Mund des empörten Rechtsgefühls seines Stammes. Er forderte das alte Recht zurück, verwarf sowohl die neue vom König Friedrich eigenmächtig geschaffene Verfassung als die wohlmeinende Vermittlung des Nachfolgers König Wilhelm und seines alten Gönners, des Ministers Wangenheim, schrieb unermüdlich Adressen, Flugschriften und die »Vaterländischen Gedichte«. Zu ihnen möchte ich alle Verächter der politischen Dichtung führen, damit sie erkennen: ein echter Dichter ist, derweil er singt, immer im Rechte, Auch wer das starre Festhalten der Altwürttemberger an dem alten Rechte politisch verwirft, muß ergriffen werden von dem so männlich-stolzen und so christlichdemütigen Gebete: Zu unsrem König, deinem Knecht, Kann nicht des Volkes Stimme kommen. Und wenn irgendwo, so ist hier Uhland der deutschen Dichterweise treu geblieben und hat die Form seiner Lieder sich schaffen lassen durch den Inhalt. Dichter und Staatsmann hatten schier die Rollen ausgetauscht: der phantastischen, dreist experimentierenden Staatskunst Wangenheims stand der Sänger mit der nüchternen bedachtsamen Mahnung gegenüber, das Altbewährte treu zu hüten. Wirken sollten die Lieder, haften im Gedächtnisse des Volkes. Darum die einfachste Form für den einfachen Inhalt, unermüdliche Wiederholung, schmucklose, allen verständliche, dann und wann fast prosaische Worte: Schelten euch die Überweisen, Die um eig'ne Sonnen kreisen, Haltet fester nur am Echten, Alterprobten, Einfach-Rechten! Die verschiedensten Beweggründe zugleich trieben den Dichter in die buntscheckigen Reihen der Opposition: die gemütliche Anhänglichkeit an das altheimische Recht so gut wie der noch ungeschulte Liberalismus, der die alte Verfassung pries, weil sie die Macht des Monarchen beschränkte, doch nicht begriff, daß sie den modernen Staat aufhob. Mächtiger als all dies wirkte in ihm der edle sittliche Zorn, der freie Männerstolz, der auch der wohlmeinenden Macht nicht gestatten wollte, das Recht zu beugen. In solchem sittlichen Zorn liegt die Idee, die Berechtigung dieser Opposition. Ihm dankte der Dichter auch seine poetische Überlegenheit, als er jetzt einen neuen heftigeren, politischen Sängerstreit mit Rückert durchfechten mußte. So hatte einst sein Lehrer Walther für den Staufer Philipp kampflustige Lieder gesungen, derweil Wolfram von Eschenbach für den Welfenkaiser Otto in die Schranken trat. Diesmal sprach Uhland zum Herzen der Hörer, während der Gegner, indem er Wangenheims Reformpläne verteidigte, nur an den Verstand des Volkes sich wenden konnte. Und nicht an der Scholle haftete der Blick des Sängers, er sah in dem Ringen seiner Heimat nur eine Schlacht des langen Krieges, der das weite Vaterland erfüllen sollte, und verwundete die Elenden, die nach geheimen Bünden spürten, mitten ins Herz mit den Versen: Ich kenne, was das Leben euch verbittert, Die arge Pest, die weit vererbte Sünde: Die Sehnsucht, daß ein Deutschland sich begründe, Gesetzlich frei, volkskräftig, unzersplittert. Oftmals in diesen Händeln traf seine noch unfertige politische Bildung mit sicherem Takte das Rechte; so, wenn er wider den Plan einer württembergischen Adelskammer das gute, durch schwere Erfahrungen bestätigte Wort sprach: »Das heißt den Todeskeim in die Verfassung legen.« Auch an den Fehlern der Opposition hatte er seinen Teil, an jener eigensinnigen Hartnäckigkeit, welche die gute Stunde, die freieste Verfassung in Deutschland zu gründen, verscherzte. In späteren Jahren hat er selbst eingesehen, wie sehr ihm die Freiheit des Urteils fehlte, als er die wohldurchdachten Entwürfe der Regierung kurzab als Machwerke verdammte. Doch von allen Irrtümern dieses Mannes gilt sein eigenes Wort: Wohl uns, wenn das getäuschte Herz Nicht müde wird, von neuem zu erglüh'n: Das Echte doch ist eben diese Gluth. Jawohl, das Feuer einer reinen Begeisterung flammt in diesen württembergischen Liedern; darum werden sie auch dann noch in unserem Volke leben, wenn das Königreich Württemberg längst aufgehört haben wird zu bestehen. Die Lieder zogen als Flugblätter durch das Land. Einzelne nichtschwäbische Zeitungen wagten sie in ihren Spalten aufzunehmen. So brachte ein norddeutsches Blatt das an den wackeren Stuttgarter Bürgermeister Klüpfel gerichtete Gedicht »die Schlacht der Völker war geschlagen« unter der für den Geist der Presse jener Tage bezeichnenden Überschrift: »an den Repräsentanten einer angesehenen Stadt bei einer bekannten Ständeversammlung, gesungen bei einem festlichen Mahle, das dem würdigen Manne am 18. Oktober 1815 von seinen Kommittenten gegeben wurde.« Diese Gedichte gründeten dem Sänger zuerst einen geehrten Namen in der Literatur, und das schwäbische Volk sah mit begreiflichem Stolze auf den Mann, der also mit Ehren die Stammesart vertrat. Alsbald nachdem er das gesetzliche Alter erreicht, 1817, ward er in die Kammer gewählt, und mit Unwillen mußte er jetzt den Umschlag der Volksmeinung wahrnehmen. Dem zähen Eigensinne folgte übereilte Nachgiebigkeit, nur das eine ward erreicht: Daß bei dem biedren Volk in Schwaben Das Recht besteht und der Vertrag. Nicht durch königlichen Befehl, durch Vertrag zwischen Land und Krone kam die neue Verfassung zustande, doch fehlte viel, daß ihr Buchstabe zur Wahrheit ward. Bald befestigte sich unter König Wilhelm die gefährlichste Form des scheinkonstitutionellen Regiments, welche Deutschland vor der Revolution gesehen hat: ein aufgeklärter Despotismus, den Großmächten gegenüber liberal, nach innen tätig für das materielle Wohl, eifersüchtig gegen jede selbständige Haltung des Landtags, von gewandten klugen Männern geleitet, eifrig bestrebt, alle Talente des Landes in den Dienst der Minister zu ziehen. Ohne Freude hielt Uhland unter den Landständen aus. »Nur als Freiwilliger,« sagt er selbst, »als Bürger, als einer aus dem Volke trat ich mit an.« Persönliche Würde, Pflichttreue und die Gewalt seiner Feder verschafften ihm trotzdem eine Stelle unter den Führern der Opposition. Während des Kampfes um die Verfassung hatte er Staatsämter, die man ihm anbot, ausgeschlagen. Jetzt mußte er für seine Festigkeit büßen; erst im Jahre 1829 berief ihn die Regierung zu der Stelle, die ihm gebührte und seinen liebsten Wünschen entsprach, auf den Lehrstuhl der deutschen Literatur in Tübingen. Dort ist fortan sein Wohnsitz geblieben, und es war ein echtdeutscher Zug, daß er an einem Stilleben sich genügen lassen konnte, welches einen Franzosen von seiner Bedeutung zur Verzweiflung gebracht hätte. Nahe an der Neckarbrücke stand sein freundliches Haus mitten im Rebgarten am Abhänge des Österberges, dessen schöngeschwungene Formen der aus Italien heimkehrende Tübinger Philolog mit dem Vesuv zu vergleichen liebt. Dort sah er Jahr für Jahr jene denkwürdigen Ereignisse an sich vorübergehen, welche die Ruhe dieses akademischen Flachsensingen unterbrechen. Immer wieder zogen der Pauperpräfekt und die Armenschüler in ihren hohen Hüten singend durch die winkligen rinnsalreichen Gassen, das Vieh ward in den Neckar zur Schwemme getrieben, die Stadtzinkenisten bliesen ihren Choral vom Turme, und – das wichtigste von allem – die berufenen Flößer, die Jockeles, führten das Holz des Schwarzwaldes talwärts und wechselten mit den alten Erbfeinden, den Studenten, homerische Schimpfreden. Es liegt ein eigener stiller Reiz über dieser kleinstädtischen Welt, wo an jedem Hause ein uralter derber Burschenwitz oder eine gute Erinnerung an einen tüchtigen Mann haftet. Im Verkehre mit vortrefflichen Männern fühlte Uhland sich bald wieder heimisch in der Vaterstadt, und durch seine kurze akademische Wirksamkeit erweckt«: er in den Schwaben zuerst den Sinn für die germanistische Wissenschaft. Noch ein anderes rühmen seine Landsleute ihm nach: der angesehene Professor vernichtete durch persönliche Würde und gediegene Gelehrsamkeit jene kleinlichen Vorurteile gegen den Beruf des Dichters, die seit Schubarts und Hölderlins Tagen von dem schwäbischen Bürger gehegt wurden. Nach wenigen Jahren rief ihn eine abermalige Wahl in die Kammer von seinem gelehrten Wirken ab. In den zwanziger Jahren hatte sich die Opposition in Württemberg vorwiegend auf örtliche Zwecke beschränkt. Ein fleißiger Arbeiter in den Kommissionen, ein karger, ungewandter Redner, aber wenn er sprach, schlagend, gedankenreich, entschieden, war damals Uhland für den von der Regierung mißhandelten Friedrich List in die Schranken getreten, hatte gewirkt für die Neuordnung der Rechtspflege, namentlich die Unabhängigkeit des Richterstandes, und für die Minderung der Militärlast. Höhere Ziele steckte sich die Opposition nach der Juli-Revolution. Noch immer freilich blieb unter den deutschen Liberalen die alte weltbürgerliche Neigung lebendig; diese Gesinnung hatte Uhland vordem zum Eintritt in die Philhellenenvereine bewogen, ihr verdanken wir auch eines seiner besten Gedichte, die Ballade »die Bidassoabrücke« zum Preise des Verwegensten der Spanier, Mina. Jedoch unter den Besseren wenigstens »prägte sich jetzt – nach Uhlands Worten – ein deutscher Liberalismus aus, der die freisinnige Idee mit der Vaterlandes-Ehre zu verbinden trachtete«. Als Süddeutschland fürchten mußte, durch die absolutistische Tendenzpolitik Österreichs in einen Krieg gegen das liberale Frankreich hineingerissen zu werden, und die nicht minder verblendete Parteiwut vieler Liberalen freudig den Augenblick ersehnte, der den Südwesten zum Verrat an Deutschland, unter die »liberale« Trikolore der Fremden führen würde – in diesen angstvollen Tagen wandte sich das Auge der Besseren über die schwarzroten Grenzpfähle hinaus den deutschen Bruderstämmen zu. Man empfand bitter den Mangel einer Volksvertretung in Österreich und Preußen und »die Unnatur der deutschen Zustände, daß die schwächeren Schultern die Träger der größeren Volksrechte sein sollen«. Aber unverzagt mahnte Uhland die Freunde, »unsere ehrenvolle Bürde, das zukünftige Eigenthum des gesammten Deutschlands, einer helleren Zukunft entgegenzutragen«. Mit dem stolzen Bewußtsein eines ernsten nationalen Berufs betrat die Opposition den Ständesaal. Der Landtag des Jahres 1833 ward einer der wichtigsten in Deutschland vor der deutschen Revolution. Nicht nur eine große Zahl von Talenten füllte das Haus: hier ward auch zum ersten Male grundsätzlich eine Lebensfrage der Politik des deutschen Bundes erörtert. Die sittliche ebenso sehr als die politische Pflicht gebot, daß einem großen politischen Lügensysteme ein Ende gemacht werde, daß die konstitutionellen Regierungen nicht mehr durch Bundesbeschlüsse im Geiste des Absolutismus sich ihres Verfassungseides entheben ließen. Darum stellte Paul Pfizer seine berühmte Motion, daß der Verfassung widersprechende Bundesbeschlüsse in Württemberg keine Geltung haben sollten. Umsonst zeigten befreundete Landsleute in der Ferne, wie Wurm, die Unausführbarkeit des Antrags. Es war und ist ein Widersinn, daß ein Bund konstitutioneller Staaten von einer absolutistischen Körperschaft geleitet wird; der Unwille darob ward unter den Liberalen so übermächtig, daß sie, die Verfechter des Einheitsgedankens, den Teil grundsätzlich über das Ganze stellten – ein denkwürdiges Symptom der Verwirrung und Verbildung deutscher Politik. Das Verlangen der Minister, die Kammer solle die Motion mit verdientem Unwillen zurückweisen, ward mit einer scharfen Adresse aus Uhlands Feder beantwortet. Hierauf erfolgte die Auflösung und eine Reihe von Ereignissen, welche in jener Zeit der politischen Unschuld ungeheures Aufsehen erregten, während die Gegenwart bereits an einen weit roheren Mißbrauch der Regierungsgewalt gewöhnt ist. Schon von dem aufgelösten »vergeblichen Landtage« hatten die Minister ihre Gegner durch gesuchte Gesetzesauslegungen auszuschließen getrachtet; Uhland war damals für die Gültigkeit der Wahl seines alten Gegners Wangenheim aufgetreten in einer Rede, die seinem Herzen Ehre macht. Jetzt wurden diese alten Künste der Regierung weiter ausgebildet. Uhland, abermals gewählt, erhielt den Urlaub nicht und legte rasch entschlossen seine Professur nieder. Von neuem entspann sich der Streit wider die verfassungswidrigen Bundesbeschlüsse. In diesen Debatten verkündete Uhland in schwungvoller Rede den nationalen Beruf der süddeutschen Opposition und sprach das kühne Wort: »diese Rechte und Freiheiten werden einst von einer deutschen Nationalvertretung zur vollen und segensreichen Entfaltung gebracht werden.« Was er schon während des alten Verfassungsstreites dunkel geahnt, sah er jetzt klar vor Augen: daß alle Sünden der Einzelstaaten ihre Wurzel haben in dem Mangel einer volkstümlichen einheitlichen Verfassung Deutschlands. Darum deckte er bei der Beratung des Militärbudgets schonungslos das große Übel auf, das alle Militärdebatten in den Kleinstaaten noch heute verbittert und vergiftet. Er fragte: »hat sich die Einigung im Bunde selbst schon als eine in der Nation begründete erwiesen? Kann bei solchem Stande der Dinge Württemberg wissen, unter welcher größeren Fahne und zu welchen Zwecken seine Truppen zunächst ausziehen werden?« Nicht zufrieden mit der unfruchtbaren abwehrenden Haltung dem Bunde gegenüber, sprach er jetzt ein altes wohlberechtigtes Verlangen der Liberalen aus: er forderte, daß die Minister wegen der Instruktionen an die Bundestagsgesandten den Kammern Rede stehen sollten. Heftiger von Jahr zu Jahr wurde die Erbitterung. In ihrem allerdings wohlbegründeten Mißtrauen gegen die Minister stimmte die Opposition einmal sogar für die Verwerfung des gesamten Budgets, ja, befangen in kleinstädtischen volkswirtschaftlichen Begriffen und voll Widerwillens gegen Preußen, erklärte sich Uhland sogar gegen den Beitritt Württembergs zum deutschen Zollvereine. Auch er litt an jener Verblendung, womit die meisten Liberalen des Südwestens in jenen Tagen behaftet waren: stolz auf sein schwäbisches »constitutionelles Leben«, das doch in Wahrheit die Willkür der Krone nicht wesentlich beschränkte, handelte er unwillkürlich als Partikularist. Aus Liebe zu Deutschland ward er mitschuldig an der unseligsten politischen Sünde des alten Liberalismus: er widerstrebte dem großartigsten und wirksamsten Versuche einer praktischen Einigung des Vaterlandes, der seit Jahrhunderten gewagt worden! Dies Verfahren ist um so befremdlicher, da Uhland selbst bald nachher die Unfruchtbarkeit der kleinen Landtage für das große Vaterland scharf erkannte: »wir stehen an der Grenze einer lebendigen Wirksamkeit auf diesem Wege,« schrieb er 1840, »der Bündel ist nicht zu Stande gekommen, das Beil hat kein Heft und die Stäbe liegen zerknickt umher.« Endlich, im Jahre 1839, beging die Opposition einen letzten verhängnisvollen Fehler. Wie oftmals in reichen, warmen Gemütern, liegt auch in dem tüchtigen Charakter der Schwaben ein Zug von unberechenbarem Eigensinn, von pessimistischem Trotz. Häufig in ihrer Geschichte, und immer zum Unheile des Landes, war er zu Tage gekommen; so während des Verfassungsstreites, so jetzt wieder in anderer Weise, als die Uhland, Schott, Pfizer, Römer, vereinsamt unter dem gleichgültigen Volke, auf die Wiederwahl verzichteten. Dergestalt war der Landtag seiner besten Kräfte beraubt, und dem schwäbischen Staatsleben, das in seinem abgeschlossenen Sonderdasein dringender als die meisten anderen Staaten der fortwährenden Mahnung an die nationalen Pflichten bedarf – ihm fehlten fortan gerade jene liberalen Talente, welche freieren Blicks über die Landesgrenze hinausschauten. Das zurückgezogene Leben, das der Dichter nun in Tübingen begann, fiel gerade in die Tage, da von seiner Heimat jene kühne theologische Bewegung ausging, welche durch das Auftreten von David Strauß veranlaßt war. Abermals bewährte sich der alte Romantiker als ein moderner Mensch. Den vorurteilsfreien Forscher erschreckte es nicht, daß die Grundsätze der wissenschaftlichen Kritik, die ihm selber das Verständnis der heidnischen Götterlehre erschlossen hatten, jetzt auf die christliche Mythologie angewendet wurden. Der theologische Streit lag seinem Sinne fern, doch verteidigte er die Verketzerten und ihr Recht der freien Forschung. Einen anderen modernen Gedanken dagegen, der gleichfalls in seiner Umgebung gehegt ward, hat er nie verstanden. Jenen zukunftreichen politischen Plan, der einst als unbestimmte ferne Hoffnung vor Fichtes Seele geschwebt und dann in Friedrich Gagerns lichtem Haupte sich zu greifbarer Gestalt verdichtet hatte – den Plan des deutschen Bundesstaates unter Preußens Führung verkündete Paul Pfizer, fast noch ein Jüngling, zuerst als ein politisches Programm dem Volke und eroberte sich damit einen Ehrenplatz in der Geschichte der deutschen nationalen Bewegung. Dem Dichter, der den alten Ruhm der Hohenzollern oftmals freudig besungen hatte und den Widerwillen der Schwaben gegen Norddeutschland nicht teilte, blieb dieser Gedanke immer ein Greuel. Sein Herz war erfüllt von der gemütlichen Vorliebe seines Stammes für die österreichischen Nachbarn; ihm blieb unvergessen, wie oft er einst im Knabenspiele Partei genommen hatte für die Kaiserlichen und in das nahe Rottenburg hinübergewandert war, um das wildfremde Kriegsvolk der Magyaren und Kroaten zu schauen. Wie einst in dem württembergischen Verfassungsstreite, so wirkten auch jetzt zwei grundverschiedene politische Beweggründe in seiner Seele nach einem Ziele zusammen. Die Freude an der althistorischen Herrlichkeit des Wahlkaisertums und das Bekenntnis der Volkssouveränität – romantische und demokratische Neigungen zugleich führten ihn zu dem Ideale des Wahlreichs. Auch eine köstliche, dem deutschen Staatsmanne leider sehr notwendige Tugend brachte Uhland in die Kampfe der Revolution hinüber – das wachsame Mißtrauen gegen den guten Willen der Höfe. Er hatte unter König Friedrich das frevelhafte Mißachten jedes Rechtes, unter seinem Nachfolger – was seinem schlichten Sinne noch tieferen Ekel erregen mußte – das unwahre Buhlen mit dem Liberalismus gesehen, und nur so schmerzliche Erfahrungen konnten seinem warmen wohlwollenden Herzen diesen harten Zug einprägen. Die Revolution brach aus, und dem greisen Dichter vor allen galt der Jubel des aus langer Gleichgültigkeit erwachenden schwäbischen Stammes. Der beispiellosen Mißregierung folgte eine beispiellose Demütigung: der Bundestag gestand, daß ihm das Vertrauen des Volkes fehle, und umgab sich mit »Männern des Vertrauens«. Auch Uhland ward unter die Siebzehner gesendet, doch das Vertrauen seines Königs folgte ihm nicht nach Frankfurt; ihm ward keine Antwort, als er sich die persönliche Ansicht des Fürsten über die Aufgabe der Vertrauensmänner erbat. Als nun in dem Ausschusse Dahlmann mit dem Programme des Bundesstaates hervortrat, da schraken anfangs – ich folge hier der mündlichen Erzählung eines der Siebzehn – die meisten zurück vor der Verwegenheit des Gedankens, und Uhland stimmte eifrig gegen das preußische Erbkaisertum, »als es noch in den Windeln lag«. Diese großdeutsche Gesinnung trennte ihn auch im Parlamente von Dahlmann, Grimm, Arndt und vielen anderen, die ihm durch Bildung und Begabung nahe standen. Er hielt sich zu der Linken, und wie sehr auch die demagogischen Ausschweifungen seinen maßvollen Künstlersinn anwiderten: die demokratische Richtung konnte sich einiger Tugenden rühmen, die Uhlands Herz an die Partei fesseln mußten, obwohl sie in der Demokratie der Paulskirche sich oftmals verzerrt und entstellt offenbarten. Ihn erfreute die menschliche Teilnahme der besseren Demokratie für die Armen und Leidenden und der willige Opfermut, welcher sie vor den Mittel-Parteien auszeichnete. Freilich, der schlichte demokratische Bürgerstolz des ehrwürdigen Mannes hatte im Grunde sehr wenig gemein mit jenen gellenden Lobpreisungen des Konventes, welche von den Bänken seiner Parteigenossen erklangen. Ich glaube nicht als ein Parteimann zu reden, wenn ich sage, Uhlands Verhalten in der Paulskirche hinterlasse den Eindruck, als sei er dort nicht an seiner Stelle gewesen. Er stand als ein »Wilder« zwischen den Parteien und blieb doch in einer moralischen Verbindung mit der Linken; schon diese seltsame Mittelstellung läßt ihn wie einen Halbfremden in der Versammlung erscheinen. Von allen Plänen der Mittelparteien forderte der Gedanke des preußischen Kaisertums Uhlands heftigsten Widerspruch heraus. Dieser Widerspruch bewog ihn zu den beiden einzigen größeren Reden, welche von dem Schweigsamen in der Paulskirche gehalten winden und nach meinem Ermessen das Allerbeste sind, was je für die »großdeutsche« Richtung gesprochen worden. Nicht in Verstandesgründen, sondern in gemütlichen Sympathien liegt die Stärke dieser Partei, und wie mächtig wußte Uhland diese Saite in der Brust seiner Hörer anzuschlagen, als er am 26. Oktober 1848 tiefbewegt in schwungvollen Worten das Parlament ermahnte zu sorgen, »daß die blanke, unverstümmelte, hochwüchsige Germania aus der Grube steige!« Noch kräftiger wirkte seine Rede vom 22. Januar 1849. Die Kapuzinerspäße Beda Webers waren kaum verklungen, da hob Uhland die Debatte wieder auf die Höhe ihres Gegenstandes. Die alte Herrlichkeit des deutschen Wahlkaisertums führte er gegen die preußische Partei ins Feld: »es waren in langer Reihe Männer von Fleisch und Bein, kernhafte Gestalten mit leuchtenden Augen, thatkräftig im Guten und Schlimmen.« Als dann die berühmten Worte folgten, bei jeder Rede eines Österreichers in der Paulskirche sei ihm zu Mute gewesen, »als ob ich eine Stimme von den Tyroler Bergen vernähme oder das Adriatische Meer rauschen hörte,« da freilich war der nüchterne Verstand schnell bei der Hand, über die »Phrase« selbstgefällig zu lächeln. Wer aber den Worten in die Tiefe sah, erkannte ihren ernsten Sinn. Allerdings war es ein schrecklicher Widerspruch, in Wahrheit eine Unmöglichkeit, die in unserer Geschichte nicht wiederkehren darf, daß ein Parlament, worin Österreichs Abgeordnete stimmberechtigt tagten, über die Trennung Deutschlands von Österreich beraten konnte. Ein schönes Seherwort des Dichters beschloß die Rede, das allbekannte: »es wird kein Haupt über Deutschland leuchten, das nicht mit einem reichlichen Tropfen demokratischen Oeles gesalbt ist.« Damit hatte er der deutschen Bewegung sein »in diesem Zeichen wirst du siegen« zugerufen, und uns, den Gegnern, vornehmlich geziemt es, das gute Wort in treuem Herzen zu tragen. Die Welt ist heute liberal, und nur im Bunde mit dieser unhemmbaren liberalen Bewegung des Jahrhunderts wird es uns gelingen, die Einheit Deutschlands zu gründen. Das bewährte sich damals schrecklich, als das Herrscherhaus der Hohenzollern den rückhaltlosen Bund mit dem Liberalismus verschmähte und dem Rufe der Nation sich schwach versagte. Furchtlos und treu, ein echter Schwabe, hielt Uhland auch jetzt noch aus bei seiner Partei, So wie ein Fähndrich wund und blutig Die Fahne rettet im Gefecht, und sogar die Worte dieses Vaterländischen Gedichts aus seiner Jugend kehrten wieder in dem Manifeste vom 25. Mai, das er im Namen des Rumpfparlaments an die Nation richtete: »Wir gedenken, wenn auch in kleiner Zahl und großer Mühsal, die Vollmacht, die wir von dem Volke empfangen, die zerfetzte Fahne, treu gewahrt in die Hände des Reichstags niederzulegen, der am 15. August zusammentreten soll.« Freilich, unklar, romantisch verschwommen wie der Wortlaut war auch der Gedankengehalt dieses Aufrufes. Dem Idealisten galt es nur, die Idee des Parlamentes zu retten: er folgte der Linken nach Stuttgart, »darum daß nicht das letzte Band der deutschen Volkseinheit reiße.« Unhaltbarer immer ward die Stellung des maßvollen Mannes unter der wüsten Leidenschaft des Rumpfparlaments. Schon wurde der Klang seiner Rede von dem zornigen Lärm des Pöbels übertäubt, als er vor der Einsetzung der Reichsregentschaft, vor dem Bürgerkriege warnte und den Verblendeten zurief: »Württemberg ist nicht beschaffen wie jetzt diese Versammlung; es stellt nicht wie diese nur Eine der Parteiungen dar, in welche das deutsche Volk zerklüftet ist.« Nur sehr wenige Gesinnungsgenossen zählte er noch in der Versammlung. Der Austritt aber aus einer unterliegenden Partei war seinem Stolze, seiner Treue unmöglich. So ist er geblieben bis zu dem jammervollen Ende des deutschen Parlaments, dem Straßenkampfe in Stuttgart. Seine Briefe aus diesen Jahren verkünden männlichen Schmerz über den Zusammenbruch der Hoffnungen des Vaterlandes. Weniger tief mag er, der mit all seinem Sinnen in der schwäbischen Heimat wurzelte, das eine empfunden haben, was den meisten heimkehrenden Reichstagsmännern nach den großen Kämpfen des Parlaments überwältigend, demütigend auf die Seele fiel: die bettelhafte Armseligkeit der Kleinstaaterei. Seine demokratische Gesinnung blieb in alter Schroffheit aufrecht: sogar den Orden pour le mérite wollte er nicht annehmen, den einzigen noch unentweihten in Deutschland, den selbst der strenge Republikaner Arago getragen hatte. Die letzten Jahre sind ihm in der Stille wissenschaftlicher Arbeit vergangen. Daß er aber noch lebte in dem Herzen seines Volkes, davon haben ihm alljährlich tausend Zeichen der Teilnahme von fern und nah Kunde gebracht. Sie wurden dem schlichten Manne oft lästig, dem Schwab einst sagte: »du liebest nicht das laute Lieben.« An dem Grabe des Dichters hat das gesamte Volk empfunden, was einst sein Walther dem süßen Liedermunde Reinmars von Hagenau in die Gruft nachrief: Deine Seele möge wohl nun fahren, Deine Zunge habe Dank Und wie sein Lied nur mit unserer Sprache selber sterben wird, so wird auch fortleben in unserem Volke das Bild des Mannes Uhland, der, menschlich irrend, doch in hohen Ehren, manchen wuchtigen Stein hinzugetragen hat zu dem Neubau des deutschen Staates. Auch im Tode – er selber hat es uns verkündet – wollte er nicht lassen von seinem Volke: Wohl werd' ich's nicht erleben, Doch an der Sehnsucht Hand Als Schatten noch durchschweben Mein freies Vaterland. Uns aber, die ihn betrauern, bleibt die schöne Pflicht, mit streitbarem Worte und fester Tat zu sorgen, daß die Sehnsucht des Dichters sich erfülle, daß er die Stätte bereitet finde, wenn er kommt – als Schatten zu durchschweben sein freies Vaterland. Otto Ludwig. (Leipzig 1859). Kein Satz steht dem Ästhetiker so fest wie dieser, daß die Ideale unserer Zeit nur im Drama die vollendete künstlerische Gestaltung empfangen können. Und keine Tatsache steht dem Beobachter des Kunstlebens so fest wie diese, daß nicht das Drama, sondern der Roman sich heute der höchsten Volksgunst erfreut. Man mag diesen Widerspruch beklagen, und ich beklage ihn lebhaft – aber die ästhetische Empfänglichkeit eines Volkes läßt sich nicht meistern, sie gehorcht ebenso wenig wie die Gestaltungskraft der Künstler den Machtsprüchen der Theorie. Die Vorliebe der Zeitgenossen für den Roman entspringt zum Teil der Trägheit; denn das Drama mutet der Phantasie der Hörer eigene Tätigkeit zu, während der stoffliche Reiz des Romans auch den Stumpfsinn erregt. Doch zugleich sagt uns ein richtiges Gefühl, daß die eigentümlichsten Gedanken der Gegenwart bisher in dem Romane ein getreueres Abbild gefunden haben als im Drama, Die jüngste Epoche der deutschen Poesie läßt sich kurz bezeichnen als eine Zeit, welche nach dem Drama sucht, ohne es zu finden. Der lebensfähigen Dramen sind heute so wenige, daß man einigen Mutes bedarf, um ernstlich zu glauben, dies Suchen sei nicht bloß den Reminiszenzen der Weimarschen Tage, sondern einem ursprünglichen Drange der Gegenwart entsprungen. Recht als ein Vertreter dieser suchenden Zeit, als eine tragische Gestalt erscheint uns Otto Ludwig, ein Dichter, der mit allen Kräften eines starken Geistes dem Ideale des Dramas nachtrachtete und endlich doch erleben mußte, daß eine seiner Erzählungen den Zeitgenossen als das schönste seiner Werke galt. Halb lächelnd halb beschämt gedenken wir heute des sonderbaren Streites der angeblichen Idealisten und Realisten, welcher in den fünfziger Jahren die Spalten so vieler Blätter mit gehässigem Zanke füllte. Als die Ausläufer der Romantik sich in phantastische Experimente verloren, bald die Kunst zum Gegenstande der Kunst machten, bald schattenhafte Märchengestalten erschufen, welche jeder menschlichen Wahrheit und darum der Schönheit entbehrten: – war es nicht natürlich, daß damals frische, mit gesunder Sinnlichkeit begabte Dichter, jenes schwächlichen Treibens müde, mit kecker Hand in die derbe Wirklichkeit des niederen Volkslebens griffen? Dieser aus der Lage der Dinge entsprossenen Richtung verdanken wir die allmähliche Rückkehr der erzählenden Dichtung zu kräftigen, lebenswahren Gestalten. Aber die Dorfgeschichte, die bei ihrem ersten Auftreten, in Immermanns Münchhausen, wie ihr gebührte, nur als eine Episode erschienen war, begann bald sich als die Herrscherin zu fühlen. Der prosaische Sinn der Zeit, froh der großen Triumphe der deutschen Arbeit, stellte dem Dichter die Zumutung, daß er das Schöne suche unter den Düften des Heues, beim Klappern des Webstuhls. Man verwechselte das Ideale und das Abstrakte, schalt über Unnatur, so oft ein Poet über die Schilderung des platt Alltäglichen hinausging. Die realistische Ästhetik bewunderte alles Ernstes den dürftigen Ruhm jenes alten Malers, dessen Trauben die Gier der Sperlinge reizten; sie lief Gefahr herabzusinken zu der Roheit des großen Haufens, dessen Kunstgenuß, nach Goethes klassischem Worte, nur darin besteht, daß er das Abbild mit dem Urbild vergleicht. Ihr gegenüber scharte sich nach und nach eine seltsam gemischte Gesellschaft. Zarte musikalisch gestimmte Naturen, welche das lyrische Element in jenen realistischen Dichtungen mit Recht schmerzlich vermißten; sinnige Verehrer der Goethischen Muse, die sich aus der Enge der prosaischen Lebensverhältnisse zurücksehnten nach der freieren Luft und der reinen Formenschönheit der antiken Welt; vor allen aber talentlose Schriftsteller, die greisenhaften Epigonen, des »jungen Deutschlands«, denen die leibhaftige Wahrheit der Dorfgeschichten ihren eigenen Mangel an Gestaltungskraft klar machte – sie alle vereinigten sich zu dem Rufe, bei dem Streben nach dem Charakteristisch-wahren gehe die Schönheit verloren. Für das heutige Geschlecht bedarf es kaum noch der Versicherung, daß die hellen Köpfe der beiden streitenden Parteien im Grunde eines Sinnes waren. Darin liegt ja die Größe, der Tiefsinn der Poesie, daß sie, vielseitig, allumfassend, nicht wie die Skulptur den idealistischen, nicht wie die Malerei den charakteristischen Stil begünstigt, sondern beiden freien Spielraum gewährt. Jener zarte Sinn für die reine Form, welcher mit selbstvergessenem Entzücken selbst der abstrakten Schönheit der Linien zu folgen vermag, von den großartigen Umrissen eines Gebirges bis herab zu den lieblichen Wellenwindungen eines Frauenscheitels – er ist dem Dichter nicht minder unerläßlich, als der kecke Mut, der seine Lust hat an den mannigfachen Verzerrungen, in denen das Menschenleben die Idee des Schönen entstellt und gebrochen zur Erscheinung bringt. Erst die Vereinigung dieser Kräfte macht den Dichter. Nur ein Mehr oder Minder, ein Vorwiegen der einen oder der andern Richtung ist an einzelnen Künstlern wie an ganzen Zeiträumen wahrzunehmen. Und wenn wir die prosaischen Lebensformen unserer Tage, ihr unstreitbar mehr auf das Wahre denn auf das Schöne gerichtetes Gefühl befrachten, so läßt sich gar nicht leugnen: für einen modernen deutschen Dichter, der seiner Zeit ein offenes Herz entgegenbringt, ist die Hinneigung zur charakteristischen Darstellungsweise nicht Sache der freien Wahl, sondern Ergebnis geschichtlicher Notwendigkeit. – In dem heftigen literarischen Kampfe jener Zeit fanden so einfache Wahrheiten kein Gehör; jeder Künstler ward unbarmherzig hineingezerrt in den Parteihader des Tages. Otto Ludwig selbst hat sich von den kritischen Fehden vornehm zurückgehalten, er hat zur Welt nie anders gesprochen als durch seine poetischen Taten. Trotzdem erkor ihn die buntscheckige Menge der Gegner der charakteristischen Darstellungsweise zur Zielscheibe ihrer bittersten Anfeindungen; er sollte der wahre Bannerträger sein der Poesie des Tütendrehens. Wunderlicher Irrtum! Wie wahr ist es doch, daß die Lebenden einander nicht verstehen! Heute, da jener törichte Zank längst verstummt ist, da Otto Ludwig nicht mehr unter uns weilt, sei der Versuch gestattet, ein treues Bild des edlen Mannes zu zeichnen. – Eine harte freudlose Jugend gewährte dem Dichter nur allzuoft einen Einblick in die Nachtseiten des Menschenherzens. Er war zu Eisfeld im Jahre des deutschen Freiheitskrieges geboren und wuchs heran in jenen müden Zeiten, da noch kaum ein Lichtstrahl eines öffentlichen Interesses die Gedanken der Menschen in einer thüringischen Kleinstadt hinweglenkte von den Sorgen und Kämpfen ihres engen häuslichen Daseins. Er erlebte frühzeitigen Liebeskummer, raschen unheilvollen Schicksalswechsel im Hause der Eltern, sah unter den Verwandten wilde Auftritte entfesselter Leidenschaft in gedrückten ärmlichen Verhältnissen, und da er eine Zeitlang hinter dem Ladentische stehen mußte, trat ihm das kleine Alltagstreiben der wunderlichen Käuze, die jene Zeit des ungestörten Philistertums erzeugte, dicht unter die Augen. Das Völkchen um ihn her begann bald zu ahnen, daß eine ungewöhnliche Kraft in der Seele dieses jungen Menschen arbeitete. Ein Augenzeuge erzählte mir einst, wie Thorwaldsen einmal im lebhaften Gespräche im Zimmer auf und ab ging, die Hände auf dem Rücken gefaltet und einen Tonklumpen zwischen den Fingern knetend; nach einer Weile holt er den Ton hervor und siehe da, er hat die edlen Umrisse eines schönen Kopfes geformt. Auch in der Phantasie des jungen Thüringers lag ein Zug von dieser unbewußten geheimnisvollen Schöpferkraft. Er lebte und webte in einer reichen Traumwelt; glänzende Gestalten tauchten auf vor seinem inneren Auge, traten ihm in den Weg, wo er ging und stand, in körperlicher Fülle, in beängstigender Nähe. Vielleicht ist kein deutscher Dichter seit Heinrich Kleist durch eine solche übermächtige Naturgewalt des Vorstellungsvermögens zugleich beglückt und gepeinigt worden. Doch der erlösende Ruf, der den harmonischen, glücklichen Genius früh auf ein bestimmtes Gebiet des Schaffens drängt, erklang diesem ringenden Geiste nicht. Seine Phantasie war ebenso unstet als vielseitig; sein Wesen gemahnt an jene Urzeit des Völkerlebens, da die Gattungen der Kunst noch ungeschieden durcheinander lagen und der Mensch mehr in Bildern und Tönen als in Begriffen dachte. Er hört entzückende Melodien in seinem Innern klingen und beginnt zu komponieren, er zeigt ein lebhaftes Gefühl für die bildende Kunst und sieht die Erscheinungen, die ihm aufsteigen, blendend vor sich in reicher Farbenpracht, so deutlich, daß er das leiseste Zucken ihrer Mundwinkel nachzeichnen könnte; er fühlt die ersten Regungen seiner Dichterkraft und spielt in einem Liebhabertheater zugleich den Dramaturgen und den Kapellmeister. Als er endlich meint, seinen Beruf für die Musik erkannt zu haben, und die Güte eines Gönners dem Armen das Studium der Kunst ermöglicht, da führt ihn sein Unstern in das höfliche Sachsen. Dem derben Sohne der Thüringer Berge graut vor diesen glatten Städtern, vor »der erlogenen Jugend auf diesen Leipziger Gesichtern«. Er sehnt sich heim nach der alten Bastei in Eisfeld, wo er so oft mit schlichten, kernhaften Freunden geplaudert, zieht sich scheu vor den Menschen zurück. Noch in späteren Jahren, wenn er die hohen Gestalten der Bilder in der Dresdner Galerie betrachtete, erschien ihm das moderne Volk mit seiner Hast und seiner Leere oft nur wie ein Haufen »aufgepappter Nürnberger Männlein«. Er erwarb jetzt, während er eifrig seiner Kunst oblag, durch harte, aufreibende Arbeit eine allgemeine Bildung, die doch immer unfertig blieb, bis er endlich – man sagt, nach dem Anhören einer Beethovenschen Symphonie – sich traurig gestehen mußte, daß die Welt der Musik nicht die seine sei. Nun erwachte seine dramatische Kraft. In seinen dreißiger Jahren geht er noch tastend die Irrgänge des Schülers, mannigfach aufgeregt bald durch die reckenhafte Größe der altnordischen Sagenwelt, bald durch die Spukgestalten der neuen Romantik. Ich verdanke der Güte der Witwe Otto Ludwigs die Kenntnis zweier Dramen aus dieser Zeit, und ich vermag lebhaft nachzuempfinden, wie bald der strenge, rastlos aufstrebende Geist des Dichters, der sich nie genug tat, von so unreifen, chaotischen Werken sich abwenden mußte. »Das Fräulein von Scudery« ist eine wenig glückliche Bearbeitung der bekannten Schauergeschichte von Callot-Hoffmann; die phantastische Willkür der Erfindung, welche der Novellist durch den leichten Fluß seiner Erzählung, durch eine gewisse diabolische Grazie zu verstecken weiß, tritt in dem Drama grell, in widerwärtiger Klarheit hervor. Minder formlos, aber auch weniger eigentümlich ist das Trauerspiel »Die Rechte des Herzens«. Es gereicht dem Scharfblick Eduard Devrients zur Ehre, daß er aus einzelnen mächtigen Klängen ursprünglicher Leidenschaft, welche in diesen unfertigen Dramen zuweilen aufbrausen, das Talent des Dichters erkannte und ihm die Schule der Dresdner Bühne eröffnete. Was wußte die Klatschsucht des ängstlichen Dresdner Philisters nicht zu erzählen von dem schweigsamen Sonderling, der zuweilen mit seiner langen Pfeife im Großen Garten erschien – eine hohe schlanke Gestalt, schöne, tiefe deutsche Augen, ein großes bleiches Gesicht von langem Haar und Bart umschattet. Ein Ton matter und platter Gemütlichkeit war aus der Dresdner Künstlerwelt niemals ganz verschwunden seit jener Zeit, da die Abendzeitung ihre Wasserkünste spielen ließ, bis herab zu diesen neueren Tagen, da der wackere Julius Hammer verständnisinnig um sich und in sich schaute. Doch alle mannhaften und tiefen Naturen aus diesen gefühlsseligen Kreisen suchten gern das stille Haus des Thüringers auf; und wer ihm irgend näher getreten, pries bewundernd die seltene Hoheit dieses Künstlergeistes, wie besonnen und verständig er im täglichen Leben schaltete, wie treu und wahrhaftig die Stimme der Empfindung aus seinem Herzen klang, und wie geistvoll er in seinem derben Thüringer Dialekte über die höchsten Probleme der Kunst zu reden wußte, wenn man nur anzuklopfen verstand. Eine glückliche Ehe und der günstige Bühnenerfolg zweier Tragödien schienen dem Dichter endlich, da er das vierzigste Jahr schon überschritten hatte, die Bahn eines wohlgeordneten ehrenvollen Lebens zu eröffnen; da warf ihn ein grausames Siechtum danieder, betrog ihn und uns um die Früchte seines Schaffens. Unermüdlich tätig, nie verlassen von seiner Seelenstärke, hat er noch viele Jahre hindurch der Krankheit widerstanden, bis er endlich, kaum zweiundfünfzigjährig, erlag. Es muß ein harter Kampf gewesen sein, der den Dichter des »Fräuleins von Scudery« befreite von den allzu lange verfolgten romantischen Idealen. Genug, er brach mit dieser phantastischen Welt, endgültig nach seiner starken Art; er wollte fortan auf eigenen Füßen stehen, »Natur und Wahrheit geben, ja die Wirklichkeit selbst – so schrieb er – nicht die rohe, sondern die schöne«. In der Tat erschien das Trauerspiel »der Erbförster«, das in Dresden (1852) zum ersten Male über die Bretter ging, wie eine leidenschaftliche Kriegserklärung gegen alle romantische Verschwommenheit. Es ist kaum möglich, über die ungeheuerliche Fabel dieses seltsamen Dramas ein allzu hartes Urteil zu fällen. Das Thema von Kleists Kohlhaas, das Bild des wackeren Mannes, der durch gekränktes Rechtsgefühl ins Unrecht gestürzt wird – dieser alte schöne grunddeutsche Stoff erscheint hier sonderbar verzerrt. Ein leichter, ja komischer Streit zwischen dem wackeren Förster und seinem nicht minder wackeren Herrn wird durch allerlei äußere Umstände, durch eine verwickelte dramatische Maschinerie, die den Einfluß von Lessings Emilia Galotti nur allzu deutlich erkennen läßt, emporgeschraubt zu der Höhe eines tragischen Kampfes; zuletzt greift gar der gemeine Zufall ein und der Förster erschießt, indem er den Sohn des Feindes töten will, sein eigenes Kind. Und doch, was war es, das damals die Hörer in gespannter Teilnahme auf den Bänken bannte? Warum regte sich kein Lächeln bei den widersinnigen Zumutungen, welche der Dichter an uns stellt? In leibhaftiger Wirklichkeit, mit überwältigender Wahrheit traten uns diese Menschen entgegen; während des Schauens zum mindesten vermochte der Zweifel nicht sich zu regen. Ein jeder fühlte: das ist tief innerlich empfunden, das ward geschrieben mit jener Sammlung des ganzen Wesens, welche in der heutigen Kunst – bei der Masse von Bildungsstoff, die auf den Künstler eindrängt und seine Teilnahme zerstreut – eine unendlich seltene Erscheinung ist. Diese Gestalten hatten von dem Blute des Lebens getrunken, sie sagten uns nicht, was der Dichter mit ihnen wollte, sie sagten, was sie selber wollten, und sie sprachen es aus, ohne es recht zu wissen. Eine feine und tiefe Unterscheidung, die den Nagel auf den Kopf trifft und von Otto Ludwig in seinen Selbstbekenntnissen oft betont wird; der kalte Verstand begreift sie kaum, das gesunde Gefühl empfindet sie augenblicklich. Gerade die gebildeten Hörer, befangen in der Reflexion, an stete Selbstbeobachtung gewöhnt, zeigen heute wenig Sinn für die rechte Objektivität des Dramatikers; sie sind befriedigt, wenn die Gestalten auf der Bühne nur nichts sagen, was ihrem Charakter widerspricht, und hören gern jene pikanten epigrammatischen Selbstbekenntnisse, welche doch lediglich den psychologischen Scharfsinn, den analytischen Verstand des Dichters, nicht seine Gestaltungskraft zeigen. Hier aber erschien ein echter Dramatiker, der völlig hinter seinem Werke verschwand. Der unglückliche Dichter, der mit seinem schwerflüssigen Talent, seinen unablässigen grübelnden Seelenkämpfen dem fruchtbaren, glückselig heiteren Genius Albrecht Dürers gegenübersteht wie die Nacht dem Tage, zeigt doch in der naiven Wahrheit, der knorrigen Eigenart seiner Charaktere eine Verwandtschaft mit dem alten Maler. Und warum fanden sie so wenig Anklang, jene kritischen Stimmen, welche mit der naheliegenden Behauptung auftraten, hier sei die krasse Trivialität der Schicksalstragödien wieder auferstanden? Nein, hier ist nichts von jener leichtfertigen Frivolität, die des Menschen Tun und Denken an einen rohen Zufall knüpft. Ein alttestamentarischer Ernst schreitet durch das Stück; der Dichter scheint frivol, weil seine gewissenhafte Strenge zur Härte wird. »Unschuld und Verbrechen steh'n an den Enden des Menschlichen; aber den Unschuldigen und den Verbrecher trennt oft nur Ein schnellerer Puls« – das ist ein Ausspruch frevelhafter Schwäche, wenn er die Sünde entschuldigen soll. Aber Otto Ludwig versteht ihn im Sinne einer Anklage; er glaubt gerecht zu handeln, wenn er »einem raschen Worte, das unser Herr wird, weil wir uns nicht die Mühe geben sein Herr zu sein«, die furchtbarsten Schrecken folgen läßt. Eine freudlose, trostlose Lebensweisheit, eine arge Verirrung, gewiß, aber die Verirrung eines tiefen und starken Geistes! Vielleicht noch peinlicher als den grausamen Schluß empfand der Hörer die schwüle beklommene Luft, die über dem gesamten Werke liegt. Diese starken wilden Leidenschaften im engsten Räume tobend – das macht den Eindruck eines Sturmes im Glase Wasser, dabei geht die Harmonie von Form und Inhalt verloren. Die Berechtigung des dörflichen und kleinbürgerlichen Lebens in der Tragödie bleibt schlechterdings eine sehr beschränkte. Worin besteht der poetische Reiz jener schlichten Lebenskreise? In der Einfachheit, der heimlichen Enge, dem traulichen Frieden eines der Natur noch nicht entfremdeten Daseins. Wie anders in dieser Tragödie! Von dem ästhetischen Reize des Wald- und Jägerlebens ist nicht die Rede; nur die Härte, die Unfreiheit der prosaischen Lebensverhältnisse tritt uns entgegen. Wo die Leidenschaft tobt, da erscheint sie in häßlicher Form: ausgehauen wird des Försters Sohn, und den ruchlosen Mordtaten muß sich die feige Waffe der Büchse als Mittel bieten. Fürwahr, das sind keine Äußerlichkeiten. Wenn der Dichter in der ersten Bearbeitung seinen Helden aufs Gericht gehen ließ, um für den Totschlag den Tod zu finden, wenn er später den juristischen Fehler durch einen psychologischen ersetzte und diesen starren Gläubigen durch Selbstmord enden ließ: – liegt darin nicht ein bedenklicher Fingerzeig, wie wenig diese harmlosen Lebenskreise sich für die Tragödie eignen? Die komische, die rührende Dichtkunst findet in solchen einfachen Zuständen ihr natürliches Element. Die Tragödie schreitet auf geweihtem Boden, sie verlangt den Kothurn, sie fordert eine reine, von dem Dunst und Staub des alltäglichen Lebens gesäuberte Luft, sie fordert große Verhältnisse, wenn die großen Leidenschaften, welche sie entfesselt, groß erscheinen, harmonisch wirken sollen, wenn ihr Eindruck nicht traurig statt tragisch, niederschlagend statt erschütternd sein soll. Oder wäre es ein Zufall, daß die große Familientragödie des Lear, das psychologische Drama des Tasso in der vornehmen Welt spielen? Wir sind weit entfernt, den niederen Ständen die tragische Hoffähigkeit kurzweg abzusprechen; aber es bedarf ungewöhnlichen Glückes, wenn der Dichter einer kleinbürgerlichen Tragödie die arge Klippe umschiffen will, daß die Leidenschaften in diesem engen Raume verkümmert, gebrochen erscheinen, und daß die rächenden Mächte des bürgerlichen Lebens, der Gendarm und das »Trillerhäusle« mit ihrer handgreiflichen Häßlichkeit den Kunstgenuß zerstören. Noch mehr. Die Tragödie verlangt volle Zurechnung, individuelle Freiheit des Entschlusses der Handelnden, und auch darum sind die Höhen des Lebens ihr natürlicher Boden. Keine Spur davon in unserem Trauerspiele. Dieser Held bewegt sich in einer engen Welt fester Rechts- und Ehrbegriffe, welche nicht minder starr, aber weit minder ästhetisch sind, als die Satzungen spanischer Ritterlichkeit in den Dramen Calderons. Seine Ehre glaubt er geschändet, wenn sein Gutsherr ihn wegen einer Meinungsverschiedenheit aus dem Dienste entläßt, sein Ansehen denkt er zu wahren, wenn er mit der Furcht statt der Liebe Weib und Kind an sich fesselt. Auch Kleists Kohlhaas ist ein schlichter Mann aus dem Volke; doch hier zeigt sich die Überlegenheit dieses mit Ludwig verwandten und doch ungleich größeren Geistes. Kleist läßt seinen Helden klar und einfach denken, also daß wir alle, hoch und niedrig, sofort verstehen, warum er in seinem Rechte gekränkt zur Selbsthilfe greift. Dem Erbförster dagegen widerfährt zwar eine Unbill, doch kein Unrecht, er wird als ein widerspenstiger Diener von seinem Herrn entlassen. Der brave Mann empfindet nun dunkel – und wir mit ihm – daß das formelle Recht diesmal zur unsittlichen Härte führt; in ihm regt sich die uralte, die echt menschliche und doch ewig unerfüllbare Forderung, daß die Ordnung des Rechts und die Ordnung der Sittlichkeit sich decken sollen. Aber der Dichter verschmäht dies klare und wirksame Motiv zu benutzen; er leiht seinem Helden nicht die Beschränktheit der Leidenschaft, welche im Drama ein ewiges Recht behauptet, sondern die Beschränktheit der Unbildung, die der Hörer belächelt. Der unwissende Förster kann das sonnenklare Recht seines Dienstherrn nicht begreifen, und auf dieser Dummheit des Helden ruht am Ende der ganze tragische Konflikt! – »So sind meine Thüringer« – pflegte Ludwig zu antworten, wenn man ihm solche Bedenken einwarf; er gedachte dann aller der harten und beschränkten Naturen, die ihm droben auf dem Walde begegnet waren, er erzählte von jenem Manne in Eisfeld, der mit den Seinen dem Hungertyphus erlag, weil er es für eine Schande hielt, der Behörde seine Dürftigkeit zu bekennen. Aber sind solche Empfindungen, weil sie im Leben vorkommen, poetisch wahr? Ist der Hörer, der mit freieren menschlichen Ideen an das Wert herantritt, imstande, sie nachzuempfinden oder auch nur zu begreifen? Die enge kleine Welt, worin der Dichter aufwuchs – sonst ein Segen für den Künstler, denn sie schenkt ihm, was keine Bildung ersetzen kann, Vertrautheit mit der Natur, mit dem einfachen Ausdrucke starker Empfindungen – sie gereicht ihm zum Unsegen. Er vermag nicht, über das Reich der Erfahrung sich zu erheben, er zeichnet das Leben selbst, nicht ein künstlerisches Bild des Lebens. So hinterläßt dies Drama eines ernsten und strengen Künstlers doch einen ähnlichen Eindruck, wie die Werke zuchtloser, nach willkürlichen Effekten haschender Geister: erstaunt und befremdet verweilen wir, dieser Held ist ein unverständliches Original. Zu diesem Fehler, der aus unfreier Bildung entspringt, gesellt sich ein anderer, der seinen Grund hat in der Überfülle der Kraft. Die sinnliche Wahrheit der bis zur Zudringlichkeit deutlichen Gestalten überschreitet oft die dem Dramatiker gesetzten Schranken, also daß der Schauspieler gepeinigt oder zum Automaten herabgewürdigt wird; über ihnen schwebt nicht jener geheimnisvolle Duft, der die Phantasie des Hörers zu eigener Tätigkeit erweckt. Wie peinlich der Dichter durch seine Traumgestalten bedrückt ward, das fühlen wir bei Ludwig wie bei Kleist am deutlichsten an den Szenen höchster Erregung: hier finden beide selten die Beredsamkeit der Leidenschaft, sie reden die stammelnden Laute der rohen Empfindung, sie scheinen zu kalt, weil sie zu heiß sind. Das alles hat Otto Ludwig selbst späterhin eingesehen, da er sich vorwarf: »wer den Sinn überzeugen will, lähmt die Phantasie.« Endlich – da einmal auch der begabteste Dichter seine Menschen teilweis sich zum Bilde schafft – so haben all diese Charaktere eine schwere, verschlossene, zurückhaltende Weise, die jede Situation übermäßig gespannt und ängstigend macht und dem Hörer zur Qual wird. – Wer die Stärke dieses Talents bewunderte, der mußte wünschen, ein freundlicher Stern möge die Phantasie des Dichters hinausführen aus der engen Welt, die seine Wiege umgab, damit er das Dürftige und Häßliche des Alltagslebens vergesse – und er möge sich befreien von der Schule Eduard Devrients, welcher er zwar die Bühnenkenntnis und die Sorgfalt in der Charakterzeichnung, aber auch die einseitige Vernachlässigung der idealen Elemente des Dramas verdankte. Und Otto Ludwig erfüllte diese Hoffnung, als einige Zeit später »Die Makkabäer« erschienen. Der Stoff konnte nicht glücklicher gewählt sein; denn der lyrische Schwung, der in der Fabel selbst liegt, half freundlich einen Mangel in Ludwigs Talent verdecken, und nicht die sinnlich reizende Pracht, welche heute so viele blasierte Poeten an die orientalischen Stoffe fesselt, sondern der tiefreligiöse Ernst der jüdischen Welt, der dem Wesen Ludwigs vollkommen entspricht, hatte den Dichter angezogen. Das Drama gemahnt oft an den glaubensfreudigen Siegesjubel, der in den Klängen von Händels Samson redet. Wie Juda Makkabäus über die Leiche seines Oheims nach dem Götzenbilde schreitet und den Greuel in den Staub wirft – »o arme Beter, ärm'rer Gott!« – und wie den sterbenden Duldern zu Jerusalem aus den Augen des einziehenden Helden neue Kraft zum Leben zuströmt: diese Szenen stehen dem Besten unserer Dichtung zur Seite. Und es sind Kämpfe von ewiger Wahrheit, die der Dichter schildert: die Empörung des freien Heldenmuts gegen religiösen Fanatismus, der Kampf der Glaubenstreue mit dem Zwange weltlicher Tyrannei. Die beklemmende Düsterheit von Ludwigs Erstlingsdrama finden wir hier nicht mehr, wohl aber dieselbe Kraft und Gedrungenheit, denselben sittlichen Ernst. Dies letztere erscheint besonders erfreulich, wenn wir uns des gleichnamigen Stückes von Zacharias Werner, das sich mit Ludwigs Tragödie vielfach berührt, erinnern; denn an dieser Arbeit des Apostaten empört uns nicht sowohl das wüste Durcheinander der Szenen und der hohle Klingklang schlechter lyrischer Verse, als der gänzliche Mangel an Gewissen, die prahlerische Äußerlichkeit des religiösen Gefühls. In der Zeichnung der Charaktere hat der Dichter hier nur wenig und in großen Zügen motiviert, und leider pflegen die Aufführungen der Makkabäer das Heinesche Witzwort, daß Schauspieler und Dichter in demselben kordialen Verhältnisse zu einander stehen, wie der Henker und der arme Sünder, in besonders schlagender Weise zu bewahrheiten. Es ist ein Vorzug großer historischer Stoffe, daß sie sparsames Motivieren ermöglichen: die erhabenen allgemein-menschlichen Empfindungen der Vaterlandsliebe, des Heldenmuts, der religiösen Begeisterung hat jede nicht ganz stumpfe Phantasie schon durchempfunden, der Dichter hat nicht nötig, durch Kleinmalerei sie uns näher zu bringen. Wer sollte ihn nicht verstehen, diesen königlichen Juda, »den Mann, der seine Tugenden verhüllt, daß unsere Armuth nicht vor ihm erröthe«, der bei der Feinde Drohen vor Lust bebt wie ein Baum im Regen? Und neben ihm »in ihrer Demuth Niedrigkeit« das Röslein von Saron, eine Gestalt, die nur wenige Zeilen spricht, aber von einer erträglich schönen und gefühlvollen Schauspielerin dargestellt, jeden Zuschauer kaum minder rühren muß, als den Juda selber. Auch der vielgeschmähte Charakter der Mutter der Makkabäer scheint uns durchaus wahr und treu. »Kein Weib war weiser, keine Mutter törichter«, dies Wort des Juda löst das Rätsel. Mit durchdringender Klarheit erkennt sie die Schmach ihres Volkes, sie glaubt mit einer die Grenzen des Weiblichen schon überschreitenden Leidenschaft an die Rückkehr der Juden zum alten Glanze, zum alten Gott; und in weiblicher Weise vermischen sich diese religiös-politischen Bestrebungen mit ihrem Familienstolze, ihrer blinden Mutterliebe: in jedem ihrer Söhne meint sie den Helden ihres Volkes zu schauen, und indem sie ihnen die Bahn zum Ruhme weist, zittert sie davor, sie zu verlieren. Es ist ein tiefsinniger Zug, daß diese entgegengesetzten Seiten ihres Wesens zuletzt, da sie selbst ihre Söhne zu Jehovas Ehren in den Tod treibt, miteinander in Kampf geraten. Leider ist die Komposition sehr unfertig, auf Szenen voll Hoheit folgen oft matte, fast zwecklose Auftritte. Ludwig hat gleich Z. Werner zwei Fabeln verbunden, den Glaubenskampf des Juda und die rührende biblische Erzählung von dem Opfertode der sechs Knaben im Marterofen; aber ihm so wenig als Werner ist die Verschmelzung gelungen. Beide Stoffe sind durchaus dramatisch, es war möglich, sie mit derselben Idee zu durchdringen und in ähnlicher Weise wie die beiden Tragödien im Lear zu einer idealen Einheit zu verknüpfen. In der einsamen Größe des Juda, der sich losreißt von dem mütterlichen Boden der Gesittung seines Volkes, ruht ein tieftragischer Gehalt; der Held – das ist des Dichters eingestandene Absicht – soll zu seiner Beschämung erfahren, daß auch er nur ein Werkzeug ist in der Hand Jehovas, und daß Israel gerettet wird nicht durch den Mut des Heerführers, sondern durch die Glaubenstreue der Masse. Aber dann durfte der Glaubenseifer dieses Volkes nicht bloß durch den Mund des Fanatikers Jojakim zu uns reden; vor Augen mußten wir es sehen, wie die Juden sich mit den Waffen in der Hand erwürgen lassen, weil sie die Sabbatgesetze nicht brechen wollen; und vor allem: dann durfte in den wenigen Szenen, wo wir es schauen, das Volk nicht – in jener Shakespeareschen Weise, die für unsre Gesittung unbedingt ein Anachronismus ist – so gar niedrig und erbärmlich auftreten, denn auch die entsetzliche Starrheit des Glaubens hat das Recht einer großen Idee. Diesem elendesten der Völker gegenüber bemerken wir Judas Schuld kaum, er erscheint als ein makelloser, ein epischer Held; und wie schwer er leidet, wie tief sein stolzer Geist sich zerknirscht fühlt durch die Erkenntnis seiner Kleinheit, das hat der Dichter, wie plötzlich erlahmend, kaum angedeutet. – Noch unsicherer entwickelt sich die andere Fabel; sie gelangt erst in der prachtvollen Schlußszene, da die Makkabäerin um das Leben ihrer Kinder fleht, zur vollen dramatischen Wirkung. – Wie ist eine so seltsame Ungleichheit des Schaffens zu erklären? Otto Ludwig selber gibt die Antwort in einem rückhaltlos ehrlichen Bekenntnis. Der Dichter gesteht, daß ihn in den Stunden des Empfangens zuerst eine musikalische Stimmung überkommt; sie wird ihm zur Farbe, und durchleuchtet von dieser Farbe treten ihm dann einzelne Gestalten der werdenden Dichtung vor Augen, in einer großen dramatischen Situation, die gewöhnlich nicht die Katastrophe ist. Erst nach diesen Gesichten hört er seine Menschen reden, und aus der Farbenpracht solcher Erscheinungen erwächst ihm nach und nach der Plan seines Werkes. Wer kann das lesen, ohne sofort befremdet zu rufen: das ist das Bekenntnis eines epischen Dichters! Dem Dramatiker muß die Entwicklung seiner Charaktere, ihr stürmisches Fortschreiten durch eine Welt der Taten und der Leiden, das Erste, das Wesentliche sein. Ein dramatischer Dichter, der also nur einzelne Szenen seines Gedichts in seiner Seele erlebt, wird unvermeidlich in der Komposition des Werkes und in den Szenen, die er erst nachträglich hinzugedacht hat, eine ermattete Kraft zeigen, zumal wenn ihm, wie diesem treuen Thüringer, die Gabe des Machers, der über seine Schwächen zu täuschen weiß, gänzlich versagt ist. Und doch ward Ludwig durch sein männliches tiefleidenschaftliches Wesen unwiderstehlich auf das Drama hingewiesen; von der milden, heiteren Beschaulichkeit des Epikers lag gar nichts in ihm. Durch solche verschwenderische Kargheit der Natur, die ihm einige herrliche Gaben des Dramatikers, einige Kräfte des Epikers, doch nicht die Harmonie des Genius schenkte, wird das tiefe Unglück dieses ringenden Dichtergeistes vollauf erklärt. – In der Sprache des Stückes endlich kämpfen zwei Stile: das erhabene, von großen Metaphern strotzende biblische Wort, das dem idealen Drama sich leicht einfügt, steht fremd neben der pointenreichen Redeweise des Lustspiels und des bürgerlichen Dramas. Alle Freunde des Dichters fühlten: in dieser erhabenen Welt hatte das groß angelegte Talent des Dichters seinen natürlichen Tummelplatz gefunden. Aber Ludwig überraschte uns einige Jahre darauf durch seine Rückkehr zu dem Ausgangspunkte seiner Bildung; das Thüringer Kleinleben hatte ihm den Stoff geboten für die Erzählung »Zwischen Himmel und Erde«. Jene unselige Fertigkeit, uns selbst zu belügen, deren Keim auch in dem reinsten Menschen schlummert, deren Verirrungen in der Liebe dem Komiker einen so dankbaren Stoff bieten – hier ist sie als der Urgrund der Sünde aufgefaßt. Wie wir uns einspinnen in eine Welt erlogener Vorstellungen, wie uns der Wahn lieb wird und wir eine Furcht ebenso schwer aufgeben als eine Hoffnung, wie wir die Welt zu kennen meinen, derweil wir nur uns selbst kennen, wie endlich die Schuld uns dahin führt, in den Menschen zu hassen, was wir an ihnen getan – diese Nachtseiten des Herzens hat Ludwig mit wunderbarer Divination verstanden. Hier, bei Ludwigs reifstem Werke, dürfen wir auch die Frage auswerfen: was hat dieser Dichter gemein mit den Bestrebungen und Empfindungen seiner Zeit? Nicht als wollten wir in tendenziöser Weise das fabula docet aus den Gebilden des Künstlers ziehen – nicht als wollten wir im mindesten die Berechtigung jener, man darf sagen, zeitlosen lyrischen Dichter bezweifeln, welche, wie Eduard Mörike, eine kleine Welt einfacher Gefühle mit unverwüstlichem Humor verklären: allein gegenüber dem weit bewußteren Schaffen des Novellisten und des Dramatikers ist die Frage nach seinem Zusammenhange mit den Ideen seiner Zeit durchaus am Platze. Lange Jahre verleben unsere besten Männer im Kampfe mit falschen Götzen, mit einer verkehrten Genialität, mit sentimentalen Phrasen, die wir aus einer unklaren verschwommenen Zeit ererbt haben. Darum werden wir so mächtig berührt von der ungeschminkten Wahrhaftigkeit der Ludwigschen Gedichte; die schlichte Größe des Juda reißt uns hin, und selbst die pedantische Figur des Apollonius Nettenmair erweckt unsre Teilnahme, denn das tiefe Klarheitsbedürfnis dieses Mannes, sein Widerwille gegen jede Selbsttäuschung gemahnt uns an selbsterlebte schwere Stunden. Wie in allen im Herzen des Künstlers empfangenen Gedichten hängen auch in dieser Erzählung Ludwigs die Fehler eng zusammen mit den Vorzügen. Er läßt uns die Stimmen hören, die sich in der Menschenbrust untereinander entschuldigen oder verklagen, doch er verirrt sich auch oft in eine Kleinmalerei, die dem lebhaften Geiste unerträglich wird. Wer wüßte nicht, wie selbst den edlen Menschen zuweilen an heiliger Stelle eine sinnlos widerwärtige Vorstellung überfällt? Welche Fülle widersprechender Bilder und Gedanken durchtobt uns in einem Augenblicke der Aufregung, und wie ganz vergeblich ist das Bemühen, jeden dieser Züge festzuhalten! Wie der Maler um seine Gestalten einen festen Rahmen zieht und dem Beschauer überläßt, diese schöne Welt der Träume noch ins Unendliche auszudehnen, so ist auch dem psychologischen Talent des Dichters eine Grenze gesetzt. Jede übertriebene Motivierung ist unschön, denn sie ermüdet; sie ist unwahr, denn ein vorübergehender Gedanke hinterläßt, in der Form der Darstellung fixiert, einen ganz anderen Eindruck als in seiner flüchtigen Erscheinung in der Wirklichkeit; noch mehr, die Überladung mit psychologischem Detail wirkt verwirrend, sie verdunkelt das Wesentliche, das Ergebnis des psychischen Prozesses. Ludwig hat das thüringische Kleinleben vielleicht noch treuer, er hat es jedenfalls minder befangen von gebildeter Reflexion geschildert, als Auerbach die Zustände seiner Heimat. Doch gerade darum tritt das Unschöne dieser Verhältnisse in der Detailschilderung der Erzählung sogar noch auffälliger zu Tage, als in dem knappen dramatischen Bau des Erbförsters. Für die Kunst gibt es noch heute Banausen. Die Theorie soll sich nicht anmaßen, hier eine feste Grenze zu ziehen, welche der Mut eines schönheitssinnigen Künstlers jederzeit überspringen kann. Aber im bestimmten Falle läßt sich mit Sicherheit erkennen, ob des Dichters Helden zu klein, zu alltäglich sind für seine psychologischen Probleme – so hier in einer ganz herrlichen Szene. Als das geliebte Weib in warmem schwellendem Umfangen in Apollonius' Armen liegt, als die Versuchung in verlockender Schönheit an ihn herantritt, da faßt ihn »die dunkle Vorstellung, als stehe er wie an seinem Tische, und, bewege er sich, ehe er sich umgesehen, so könne er etwas wie ein Tintenfaß auf etwas wie Wäsche oder ein werthvolles Papier werfen.« Jawohl, solche Bilder mögen in solchem Augenblicke das Hirn eines wackeren Schieferdeckermeisters durchzucken, der an Leib und Seele die Sauberkeit und Ordnung selber ist. Aber welcher Leser von freier Bildung kann ein so kleinliches Bild bei so großem Anlaß ertragen? Die Kunst hat einen andern Maßstab als das praktische Leben. Nicht das wertvolle Gold, sondern die schöne Masse des Marmors ist dem Bildner der erwünschte Stoff; und wie der wilde Frevel des Mordes und der Liebe süße Sünden ästhetisch verzeihlicher sind, als leichtere kleinliche Vergehungen, so ist das Ehrenwerte als solches noch nicht berechtigt, den Tempel des Schönen zu betreten. Ludwig selbst hat das gefühlt, indem er mit glücklichem Takt seinem Helden ein Gewerbe gab, das mit seinem kecken Wagen immerhin noch einigen ästhetischen Reiz hat. Auch der ethische Gehalt der Erzählung leidet unter der Enge dieser kleinstädtischen Welt. Um zu schweigen von der grenzenlosen Zurückhaltung, die wie ein Alp auf allen diesen Menschen lastet und den Ton der Erzählung noch viel gedrückter macht, als der furchtbar ernste Inhalt fordert: – die dargestellten Empfindungen sind nur teilweise rein menschlicher Art, wir steigen wieder hinab in eine Welt von konventionellen Begriffen beschränkter Naturen, denen die Sittlichkeit als mechanische Ordnung, die Vorsehung als eine finster nachtragende Macht erscheint, die zu unfrei denken, um die Idee der Schuld und der Zurechnung zu fassen. Wir wollen zur Not den kleinen Widerwillen überwinden, den uns die peinliche Ordnungsliebe dieses Apollonius, sein Federchenlesen und Möbelbürsten einflößt, wir wollen den freudigen Künstlerspruch überhören, der uns dabei mahnend ins Ohr klingt, Goethes schönes und sittliches Wort: »Süß ist jede Verschwendung!« Wenn wir dem Helden nur seine entscheidenden Entschlüsse nachempfinden könnten! Als Apollonius seine Vaterstadt gerettet und so sich vor seinen eigenen unerbittlichen Augen von jedem Scheine der Schuld gereinigt hat, da verschmäht er, die Witwe seines ruchlosen Bruders, die schändlich geraubte Geliebte seines Herzens heimzuführen, ihr und sich ein sittliches Dasein zu bereiten! Er ist dem Mordstoße seines Bruders ausgewichen, der Frevler ist dabei umgekommen, und – »hast du den Lohn der That, so hast du auch die That!« Welche Moral! Empfänden diese Menschen natürlich, so wäre die Versöhnung zwar in der Dichtung schwer zu schildern – denn so Großes wirkt im Leben nur eine Macht, welche selbst für die freieste der Künste kaum darstellbar ist, die Zeit – aber sittlich wäre sie möglich, ja notwendig. Einem unfreien Denken bleiben ethische Konflikte unlösbar. Wahrlich, nicht jener aristokratische Tic, der die Tiefen des Volkslebens nicht versteht, heißt uns so reden, sondern die Erkenntnis, daß die freie Bildung den Menschen zur Natur zurückführt! Verstimmt und unfähig, uns der trübseligen Resignation des Schlusses zu erfreuen, legen wir endlich das schöne Buch aus der Hand. – Während blinde Bewunderer das epische Talent des Dichters priesen, gestand der strenge Mann sich unbarmherzig ein, daß seine Novelle nur aus einer Reihe dramatischer Szenen bestand. Für das Epos bleibt das Berichten der Begebenheiten immer das Wesentliche. Doch wo war hier der leichte Fluß der Erzählung, wo die behagliche Freude des Epikers an der Detailschilderung der Außenwelt? Gewiß, die Geschichte ist, wie man sagt, novellistisch »spannend«, aber nur, weil uns der dramatische Konflikt der Charaktere mächtig fesselt. Gewiß, das Buch ist reich an wunderschönen landschaftlichen Schilderungen, aber nur da, wo es gilt, die Stimmung der handelnden Personen in der Natur widerzuspiegeln. Laßt einen Charakter dieses großen Psychologen zwei Zeilen reden, und der ganze Mensch steht leibhaftig vor euch. Aber laßt Ludwig die Außenwelt um ihrer selbst willen schildern, und ihr empfangt einen verworrenen, unklaren Eindruck. Am allerseltsamsten spielt das epische und das dramatische Talent des Dichters durcheinander, wenn er die äußere Erscheinung seiner Helden zeichnet: er sieht sie vor sich, hell und bestimmt wie der Epiker, aber er schildert mit peinlicher Unbeholfenheit; wir fühlen die Verlegenheit des Dramatikers, der, gezwungen zu erzählen, sich verpflichtet meint, alles zu berichten, was der Schauspieler agiert. Jedem Unbefangenen mußte jetzt die Befürchtung aufsteigen, die psychologische Meisterschaft des Dichters werde, wenn er bei der saloppen Form der Erzählung verharre, zu virtuoser Manier ausarten, und seine strenge Wahrheitsliebe werde zum Behagen an der Prosa des Alltagslebens herabsinken, wenn er in der kümmerlichen Umgebung seiner Thüringer Heimat befangen bliebe. Leider schien das letzte Werk, das Ludwig veröffentlichte – zwei Novellen unter dem Titel »Thüringer Naturen« – die schlimmsten Besorgnisse zu rechtfertigen. Es war die Zeit, da die neue realistische Richtung ihren Höhepunkt erreicht hatte. Als unsere Dichtkunst noch jugendlich unsicher nach ihren Stoffen umhertastete, da brauchte es einen Lessing, um die Marken zwischen der Poesie und den anderen Künsten zu zeichnen. Hundert Jahre darauf hätte ein Mann von feinem Schönheitssinne wohl nach einem anderen Lessing rufen können, der Poesie und Prosa scheiden sollte. Gebildete Männer schämten sich nicht, jedes wohlgeordnete wissenschaftliche Buch über Branntweinbrennerei und Drainage ein Kunstwerk zu nennen; die ästhetische Kritik rief ungestüm nach patriotischen Stoffen, nach Schilderungen aus dem deutschen Leben, auf daß der haushälterische Leser zu dem Luxus der Kunst nur ja ein wenig patriotische Erhebung, ein wenig ethnographische Belehrung mit in den Kauf nehmen könne. Die blasierte vornehme Welt, der Hetärennovellen und der Redwitzischen Süßlichkeit satt, stürzte sich, gleichwie Mörike in jenem lustigen Gedichte über einen herzhaften Rettich die weichliche Schwäche der Mondscheinpoesie vergißt, mit roher stofflicher Lust auf die derbe Hausmannskost der Dorfgeschichten und fand den Tolpatsch originell, den Brosi pikant, das Amreile allerliebst! Es war eine Mode wie andere auch. Aus allen dunklen Winkeln deutscher Erde, aus Kassubien und aus dem Ries beschworen die ideenlosen Nachtreter Berthold Auerbachs ein Geschlecht von Tölpeln und Rüpeln heraus, und je roher, je ungeschlachter diese Bauern es trieben, desto mehr waren sie »aus dem Leben gegriffen«, mit desto höherem »ethnographischen Interesse« betrachtete sie die Lesewelt. Es schien in der Tat, als hätte auch das Talent des Thüringer Dichters sich dazu herabgewürdigt, der neuen Mode zu huldigen. Mit dem höchsten Aufwande von psychologischer und ethnographischer Treue erzählte er in seiner Novelle »die Heiterethei« eine dürftige Geschichte aus dem Volksleben seiner Heimat – den bloß scheinbaren Konflikt zwischen zwei wackeren Liebenden, die nur durch die Zwischenträgerei der »großen Weiber« ihres Städtchens eine Weile getrennt werden. Der denkende Leser aber fragte verzweifelnd: wozu so vielen Tiefsinn an einen kümmerlichen Stoff vergeuden? Uns ist, als stände eine jener Miniaturkapellen gotischen Stils vor uns, zu klein, um erhaben, zu anspruchsvoll, um niedlich zu erscheinen. Die Heiterethei und der Holdersfritz sind wieder zwei jener stolzen reinen Menschen, denen das Aussprechen zarter Empfindungen unmöglich ist; beide Gestalten und die Schilderung ihrer sittlichen Wiedergeburt würden jeden fühlenden Leser entzücken, erschienen nicht auch sie entstellt und unschön in der maßlosen Häßlichkeit ihrer Umgebung. Die Heiterethei hat etwas von einer Heroine – und sie wird mit dem zürnenden Engel im Paradiese verglichen, da sie – den klatschenden Weibern den Kaffee ins Feuer gießt und das Volk zur Tür hinausjagt!! Als der Holdersfritz das Prügeln in der Schenke verschworen hat, will er den Genossen seiner stürmischen Jugend zeigen, daß er die alte Kraft noch besitzt: ein schwerbeladener Schubkarren wird im Kot festgefahren, die Heiterethei und alle Männer versuchen ihre Kraft daran, bis endlich der Fritz die Adelsprobe besteht! Wir lesen das nicht mit jenem Lächeln durch Tränen, das der wahre Humor hervorruft, sondern mit der ratlosen Frage auf den Lippen: Ist das alles Scherz oder Ernst? Wo das Unschöne zurücktritt, da erreicht der Dichter statt ästhetischer Erhebung doch nur moralische Erbauung; so in der Schlußszene, als der Fritz endlich den Trotz seiner Braut gebrochen hat und glücklich rufen darf: »Sie ist raus, die alt' Heiterethei!« Und diese beiden Menschen stehen noch wie ideale Gestalten unter den übrigen. Im bittersten Ernste wird uns seitenlang eine Prügelei in der Schenke beschrieben. O ihr Grazien! Auf Schritt und Tritt begegnen wir der Schwäche aller Dorfgeschichten, jener unseligen Sprache, welche weder Dialekt noch Hochdeutsch, sondern ein unästhetisches und unnatürliches Gemisch von beiden ist. Und diese »großen Weiber«! Das freie leichte Spiel des Humors ist unserem ernsten Dichter versagt, in grotesken Zerrbildern erscheinen ihm seine komischen Gestalten, gespenstisch, peinlich für ihn selbst wie für den Leser. Diese Leute reden nicht, sondern der eine »hustet«, die andere »spinnt«; die »Baderin besteht bloß aus O und Ach, in ein ewiges Erröthen gewickelt«, eine andere »setzt ihr Zifferblatt auf den Kopf und nimmt ihr blaues Gehäuse um die Schultern«, ein dritter »schlägt die Vorderbeine über den Kopf zusammen«. Wahrlich, nur der tiefe ethische Gehalt in den inneren Kämpfen der beiden Liebenden vermag uns über so viel Unschönheit zu trösten. Noch ärger verfehlt ist die letzte Novelle »Aus dem Regen in die Traufe«. Ein zwerghafter Schneider, fortwährend geprügelt, anfangs von seiner Mutter, dann von seiner Braut – diese Mutter selbst »das alt' Fegefeuer«, mit einem »polierten Nasenrücken«, der, wenn sie bekümmert ist, so zu strahlen pflegt, daß man von »glänzendem Herzeleid« reden kann, endlich jene Braut, »die Schwarze«, ein Scheusal an Leib und Seele, wo sie ihrer Natur freien Lauf lassen darf immer polternd und mit ihren kolossalen Gliedmaßen alles zerschlagend – dies die Helden! Das ist zuviel des Häßlichen, das erregt physischen Ekel und erinnert an die abscheuliche Erzählung Auerbachs von den zwei keifenden und raufenden alten Hexen Huzel und Pochel, welche freilich damals die Bewunderung einer verblendeten Kritik erregte. Immerhin erscheint auch in dieser unglücklichen Novelle eine Gestalt, in der wir die edlen Züge unseres Dichters wieder erkennen, die kleine Sannel. In diesem guten Kinde ist der wunderbare Reichtum weiblicher Liebe und Hingebung zu entzückend liebenswürdiger Erscheinung verkörpert; und – ein großes Verdienst in solcher Umgebung – sie ist hübsch, gottlob, sehr hübsch! Um dieser braven Dirne willen ließ sich manche ästhetische Sünde verzeihen. Die Fanatiker des Realismus jubelten, jetzt endlich habe der Dichter die ursprüngliche Kraft des biderben Volkslebens ganz verstanden; die Gegner beklagten mit schlecht verhehlter Schadenfreude, so werde ein großes Talent zu Grunde gerichtet durch die Torheit der Mode. Wie wenig ahnten die Lobredner und die Tadler, was in diesem seltsamen Menschen vorging! Die Erzählungen, mit denen der Meister des Realismus sein letztes Wort gesprochen haben sollte, galten ihm selber nur als Beiwerke. Er hatte sie hingeschrieben ohne jede Rücksicht auf die Mode des Tages, lediglich um sich zu beruhigen, um unter den vertrauten Gestalten seiner Heimat einmal auszurasten; und soviel ich weiß, sind die »Thüringer Naturen«, die fast wie ein Zerrbild von »Zwischen Himmel und Erde« erschienen, früher entstanden als diese schöne Erzählung. Ludwigs beste Gedanken schweiften längst auf anderen, steileren Pfaden. Wieder wie vor Jahren, da er sich losriß von der Romantik, kam ein schwerer Kampf über seinen rastlosen Geist, er begann in der Stille seines Krankenzimmers seine eigenen Werke zweifelnd zu betrachten, und wie der bedeutende Künstler immer der beste Kritiker seiner Werke ist, so fand auch Ludwig, sicherer als das Urteil dritter vermochte, die Mangel seines Schaffens heraus: »der Gefahr des anatomischen Studiums muß ich erliegen, ich stehe vor einem Charakter, wie eine Ameise vor einem Hause.« Er fühlt, daß er mit seinen Makkabäern schon auf dem rechten Wege gewesen, daß das Ideal und die natürliche Wahrheit, statt einander auszuschließen, vielmehr für den rechten Künstler eines sind, daß die Illusion sich ganz von selber einstellt, wenn der Dichter nur das Schöne schafft: »es gilt jetzt nicht, in Opposition gegen allen Idealismus zu stehen, es gilt vielmehr, realistische Ideale darzustellen, d.h. Ideale unserer Zeit.« Er sucht das Drama hohen Stils, das in einer einfachen »schlanken« Handlung, in dem Ringen und Leiden großer, nicht allzu individueller Charaktere das allgemeine Menschenschicksal darstellen, das der Natur treu bleiben und doch nicht roh naturalistisch wirken soll: »die ruhigen Scenen durch rasches Gespräch belebt, die bewegteren künstlerisch gemäßigt. So werden beide Klippen vermieden, dort die zu geringe, hier die zu starke Illusion.« Eine bunte Welt dramatischer Gestalten drängte sich jetzt vor sein Auge; der alte Fluch geistvoller Naturen, daß sie sich übernehmen in ihren Plänen, ging an dem Kranken grausam in Erfüllung. Ein Entwurf jagte den andern; der Anfang eines Schauspiels »Die Brüder von Imola«, einige herrliche Szenen aus einer Tragödie »Marino Falieri« wurden niedergeschrieben, noch auf dem Totenbette ein Drama »Tiberius Gracchus« begonnen. Auch die Heldengestalten des Siebenjährigen Krieges haben den Kranken beschäftigt; er schilderte in einem Vorspiele »Auf der Torgauer Haide« das fridericianische Heer mit einer derben, kernhaften Lebenswahrheit, die den wirksamsten Stellen des schönen Romans »Cabanis« von W. Alexis nichts nachgibt. Das Lieblingswerk dieser Jahre war ein Trauerspiel »Agnes Bernauerin«. Ludwig fühlte mit seinem Künstlertakt, daß dieser Engel von Augsburg in der historischen Überlieferung mehr eine rührende als eine tragische Gestalt ist; er versuchte sie zu einem schuldvollen tragischen Charakter zu erheben, lieh ihr einen dreisten vorwitzigen Zug und lief freilich Gefahr, das Mitleid für die Heldin zu ertöten. Aber die alte rätselhafte Unart seiner Phantasie, die nur fragmentarisch schaffen konnte, ließ sich nicht mehr bewältigen. In wundervoller Klarheit erschienen ihm einzelne Szenen, und was er von solchen Bruchstücken auf das Papier warf, wirkt hinreißend, bezaubernd auf den Leser. Er meinte wohl, jetzt, da er mit Bewußtsein schaffe, entwerfe er zuerst den Plan, dann erst erschienen ihm seine Gestalten; doch die unhemmbar vorwärtsschreitende Gestaltungslust des rechten Dramatikers, welche nicht ruhen kann, bis sie ihren Helden auf die Höhen der Leidenschaft emporgetrieben und dann herniedergestürzt hat – sie erwachte dem Kranken nie. Eine Lücke, die sich niemals füllen wollte, klaffte immer zwischen den einzelnen in höchster Pracht geschauten Bildern, der Ring des Kunstwerks schloß sich nicht. Nun packt er »die Stoffe, die er bebrütet«, aber und abermals an, wohl zwölfmal oder mehr wird die Bernauerin umgearbeitet – nie vollendet. Er belauscht sich während des Schaffens, er fühlt seine Verwandtschaft mit Kleist und Hebbel, vergleicht seine Gestalten mit den ihrigen, er findet in Shakespeare den vollendeten Künstler und versucht aus dessen Werken die höchsten Gesetze der Kunst abzuleiten. Sein eigenes Selbstgefühl, seine Künstlerfreudigkeit fühlt sich erdrückt durch die Größe des Briten, sieben Jahre lang bis zu seinem Tode läßt ihn das Bild des fremden Dichters nicht los, er schreibt »Shakespearestudien« und tragt in diese Blatter, wie in ein Tagebuch, alles zusammen, was ihm Kopf und Herz bewegt: Selbstgeständnisse, ästhetische Regeln, Dramenentwürfe, Studien über Shakespearesche Charaktere, Besprechungen eigener und fremder Werke. Der Thüringer Natursohn spricht in Lob und Tadel mit einer unbefangenen Geradheit, die unserer verzärtelten rücksichtsvollen Zeit wie eine Stimme aus den cheruskischen Wäldern klingt, er berührt die feinsten und höchsten Rätsel der Kunst und des Seelenlebens, er erörtert Fragen, die nur ein reicher Künstlergeist auswerfen kann – als z. B.: »wie reich ein Stück Shakespeares an Handlung ist und wie wenig Scenen es doch hat und wie diese auch so viel poetische Ausmalung haben« – und gleich darauf befremdet er uns durch einen Erklärungsversuch, der eine fertige historisch-philologische Bildung verlangt, also der Intuition des Künstlers allein nicht gelingen kann – und dann folgt wieder ein Selbstbekenntnis von fast unheimlicher Klarheit. Auch in Ludwigs Seele wühlte jene krankhafte Neigung, sich selbst zu belauern, welche das Leben Heinrich Kleists verwüsten half. Aber während Kleist in der Kunst sich immer wieder zu frischer Schöpferlust ermannte und nur in seinem äußeren Leben ein unglücklicher Grübler blieb, verfloß Ludwigs Leben wohlgeordnet, in gleichmäßigem Wellenschläge, der krankhafte Trieb in ihm warf sich allein auf sein künstlerisches Schaffen. Schon ein Übermaß gelehrten Wissens lähmt oft den freien Flug des Dichtergeistes, doch noch verderblicher als die allzu schwere Bildung des Verstandes wirkt auf den Künstler jene vorzeitige Kritik, die ihm die Freude stört an seinen halbvollendeten Gestalten. Mir ward unsäglich traurig zu Mute, als ich einst in einigen Heften aus Ludwigs Nachlaß blättern durfte. Welch ein ungeheurer Fleiß in diesen eng beschriebenen Bogen; nur selten einmal hat die zitternde Hand des Kranken am Rande bemerkt, er habe heute seinen Kindern zulieb' zeitig Schicht gemacht. Große tiefsinnige Entwürfe, prächtige Verse, glänzender, schwungvoller als die schönsten Stellen der Makkabäer, dann wieder einzelne aufgebauschte geschraubte Bilder, und schließlich doch kein Ganzes – eine Phantasie, die uns zugleich durch ihren Reichtum und durch ihre Unfruchtbarkeit in Erstaunen setzt. Ganz gewiß hat auch die Krankheit und die Sorge um des Lebens Notdurft den Aufschwung dieser Dichterkraft gelähmt. Man darf von Ludwig nicht reden, ohne mit ernstem Wort einer häßlichen Schwäche der deutschen Gesittung zu gedenken – des unanständigen Geizes, den die deutsche Lesewelt ihren Schriftstellern entgegenbringt. Alle die bequemen Entschuldigungen, welche auf unseren noch jugendlichen Volkswohlstand verweisen, zerfallen in nichts vor der beschämenden Tatsache, daß in dem kleinen Holland, dem halbbarbarischen Rußland die Auflagen guter Bücher weit stärker, oft zehnmal stärker sind als in dem großen gelehrten Deutschland. Kein Volk liest mehr, keines kauft weniger Bücher als das unsere. Namentlich unsere höheren Stände zeigen im literarischen Verkehrsleben einen Mangel an Feingefühl, eine Kargheit, welche unsere Nachbarn mit Recht als unschicklich schelten. Solange es bei uns noch nicht für schmutzig gilt, wenn eine reiche elegante Dame mit Handschuhen bewaffnet ein unsauberes Lesezirkelexemplar eines Buches liest, das sie im nächsten Laden für wenige Groschen kaufen kann – ebensolange werden alle Schiller- und Tiedgestiftungen die gedrückte Lage der deutschen Schriftsteller nicht wesentlich bessern. Ist ein deutscher Dichter vollends wenig fruchtbar, fehlt ihm, wie diesem Thüringer, gänzlich das Talent für den einzigen gewinnbringenden literarischen Erwerbszweig, für die Journalistik, so kann er der bitteren Not nicht entgehen. Doch in Wahrheit liegt der letzte Grund der Unfruchtbarkeit von Ludwigs späteren Jahren nicht in der Krankheit, nicht in der Armut, sondern in jener rätselhaften Anlage seiner Phantasie. Ihm blieb versagt, der Welt die Schätze seiner Seele zu zeigen, er war mehr, als er schuf, und nur seinen Freunden lebt das unverstümmelte Bild seines Wesens in der Erinnerung. In der Kunst aber gilt nur das Können – der alte Spruch soll allezeit in Ehren bleiben, ob er auch grausam scheine; das landläufige Urteil wird bei Otto Ludwigs Namen immer zuerst an jene Erzählung »Zwischen Himmel und Erde« denken, welche er selber für ein Nebenwerk ansah. Wer den unendlichen Wert der Persönlichkeit in der Kunst versteht, wer da weiß, daß in der Entwicklung des geistigen Lebens wie in dem Haushalt der Natur nichts verloren geht, der darf freilich bei einer so äußerlichen Schätzung nicht stechen bleiben. Wie die politische Geschichte dem General Friedrich von Gagern einen ehrenvollen Platz anweist um der Gedanken willen, die er in der Stille für Deutschland dachte, um der unerfüllten Hoffnungen willen, die sich an ihn knüpften – so wird auch die Literaturgeschichte nicht bloß anerkennen, was Otto Ludwig schuf, sondern auch ein Wort des Dankes übrig behalten für die hohen Ziele, die der Ringende nicht ganz erreichte; sie wird gerecht und in Ludwigs eigenem Sinne urteilen, wenn sie ihn auffaßt als den Dichter der Makkabäer, der das realistische Ideal im Drama zu verwirklichen suchte. Mit unwandelbarer Treue bewahrte sich der kranke Dichter den Glauben an sein Volk und seine Zeit, niemals vermochte die hergebrachte Klage über das Epigonentum der Gegenwart die Kraft seines Hoffens zu erschüttern. »Unsere Ideale sind andere als die der goldenen Zeit unserer Dichtung« – auf diesen Gedanken kommen die Shakespearestudien immer wieder zurück – die Gegenwart hat schon genug eigene Geschichte gehabt, um sich neue Ideale zu bilden, denen nichts fehlt als »die eigentliche Gestaltung« durch den Dichter. Gelingt es einst unserem aufstrebenden Volke, zu dem neuen Gedankengehalt, der unsere Welt erfüllt, auch jene Sicherheit der sittlichen Überzeugung, jene zweifellose Daseinsfreudigkeit zu erwerben, welche allein der dramatischen Kunst die volle Entfaltung gestatten – dann werden die glücklicheren Dichter, welche den Idealen der Zeit »die eigentliche Gestaltung« geben, mit dankbarer Rührung dieses echt deutschen Künstlers gedenken, der so tapfer, so schmerzlich, so wahrhaftig gerungen hat nach den höchsten Zielen der Kunst. Friedrich Hebbel. (Königstein 1860.) In zwiefachem Sinn ist die Dichtkunst die Herzenskündigerin ihrer Zeit. Dem Dichter bleibt nicht nur das schöne Recht herauszusagen, was die Gegenwart in ihren Tiefen bewegt; er zwingt auch die Zeitgenossen, durch die Aufnahme, welche sie seinen Werken angedeihen lassen, ihr innerstes Wesen der Nachwelt zu enthüllen. Die von Grund aus verwandelte Stellung der Gebildeten zu den Werten der Poesie zeigt klarer als irgendeine Tatsache der politischen Geschichte, daß wir wirklich binnen weniger Jahrzehnte andere Menschen geworden sind. Als nach einer langen Zeit vorherrschender literarischer Tätigkeit die ersten Keime freien politischen Lebens in Deutschland sich schüchtern aus dem Boden emporhoben, da galt es noch als ein Wagnis, der ästhetisch verbildeten Lesewelt politische Geschäftssachen in nüchterner geschäftlicher Form vorzutragen, und der alte Benzel-Sternau kleidete weislich den langweiligsten aller Stoffe, einen Bericht über die ersten bayrischen Landtage, in die phantastische Hülle eines Briefwechsels zwischen Hochwittelsbach und Reikiavik. Nur zwanzig Jahre vergingen, und jede Spur andächtigen Schönheitssinnes schien hinweggefegt von der politischen Leidenschaft. Alles jubelte, wenn die Meute gesinnungstüchtiger Zeitpoeten wider die vornehme Ruhe des Fürstenknechtes Goethe lärmte. Das Vaterland forderte, wie ein Wortführer jener Tage selbstgefällig sagt, von der Dichterinnung statt dem verbrauchten Leiertand, nur Muth und gute Gesinnung. Von diesem Äußersten unästhetischer Roheit freilich, von diesem Selbstmordversuch der Poesie sind wir zurückgekommen. Der schwere Ernst der politischen Arbeit lehrte uns die verschwommenen Phrasen der Tendenzlyrik mißachten, und jener schlichte Sinn für das Wahre, welcher das köstlichste Gut der Gegenwart bildet, wandte sich mit Ekel von poetischen Gestalten, die kein eigenes Leben lebten, nur das Mundstück waren für des Dichters politische Meinungen. Doch die alte Begeisterung der Deutschen für das Schöne ist nicht wiedererwacht; dem starken und tiefsinnigen Dichtergenius fällt in unseren Tagen ein unsäglich hartes Los. Wir wollen nicht allzu bitter beklagen, daß die gesamte Lyrik heute lediglich von den Frauen gelesen wird, nur selten ein Mann von Geist in verschämter Stille an seinem Horaz oder an Goethes römischen Elegien sich erquickt: die Härte, der Weltsinn, die Aufregung des modernen Lebens verträgt sich wenig mit lyrischer Empfindsamkeit. Und wenn in sehr zahlreichen und sehr ehrenwerten Kreisen ein junger Mann, von dem man nur weiß, er sei ein Poet, mit verhaltenem Lachen empfangen wird, wenn man von ihm erwartet, er werde jenes Durchschnittsmaß von Verstand und Willenskraft erst erweisen, das wir bei allen anderen Sterblichen voraussetzen: so sehen wir keinen Anlaß, sentimental und verstimmt zu werden ob dieser notwendigen Folge der poetischen Überproduktion. Aber versuchet, in einem Kreise gebildeter Männer die triviale Wahrheit zu verfechten, daß die Kunst für ein Kulturvolk täglich Brot, nicht ein erfreulicher Luxus sei – und Widerspruch oder halbe Zustimmung wird euch lehren, wie arg der Formensinn verkümmert ist in diesem arbeitenden Geschlechte. Es ist nicht anders, der ungeheuren Mehrzahl unserer Männer gilt die Kunst nur als eine Erholung, gut genug, einige müde Abendstunden auszufüllen, Wir widmen, was von Idealismus in uns liegt, dem Staate, uns bedrückt eine Geschäftslast, welche die älteren Geschlechter unseres Volkes nie für möglich gehalten hätten, wir wissen den Wert der Zeit so genau zu schätzen, daß der ruhige briefliche Gedankenaustausch unter tätigen Männern fast ganz aufgehört hat und selbst unser geselliger Verkehr überall die Spuren hastiger Unruhe zeigt. Eine solche ganz nach außen gerichtete Zeit sucht in der Kunst die Ruhe, die Abspannung. Wer will bestreiten, daß Gustav Freytag seine Popularität weit weniger seinem edlen Talente verdankt als seiner liebenswürdigen Heiterkeit, welche auch dem Gedankenlosen erlaubt, vor dem unverstandenen, aber lustigen Gebaren der Gestalten des Dichters ein gewisses Behagen zu empfinden? Sehr undankbar ist in solchen Tagen das Schaffen des pathetischen Dichters. Gelingt ihm sein schweres Werk nicht vollkommen, so vereinigt sich zu seiner Verurteilung der Haß der Massen gegen jeden, der ihren dumpfen Schlummer stört, und der gesunde Sinn für Harmonie, dem eine niedrige, doch erfolgreiche Bestrebung erfreulicher scheint als ein groß angelegtes, aber unfertiges Schaffen. Dabei lebt in diesem prosaischen Geschlechte unausrottbar doch die stille Hoffnung, daß das fröhlich aufblühende neue Leben unseres Staates auch die dramatische Kunst einer großen Zukunft entgegenführen müsse. Freilich nur eine unbestimmte Ahnung. Kein sicheres Volksgefühl zeichnet dem jungen Dramatiker gebieterisch bestimmte Wege vor; uns fehlt ein nationaler Stil, ein festes Gebiet dramatischer Stoffe, jede Sicherheit der Technik. Unermeßlich, zu beliebiger Auswahl breitet sich vor dem Auge des Poeten die Welt der sittlichen, sozialen, politischen Probleme aus; und wenn schon diese schrankenlose Freiheit der Wahl den geistreichen Kopf leicht zu unstetem Tasten, zum Experimentieren verleitet, so wird ihm vollends die Sicherheit des Gefühls beirrt durch die Wohlweisheit der Kritik. Scheint es doch, als verfolgten manche Kunstphilosophen nur das eine Ziel, dem schaffenden Künstler sein Tun zu verleiden, ihm den frischen Mut zu brechen. Was hat diese Altklugheit nicht alles bewiesen: für das Epos sind wir zu bewußt, für die Lyrik zu nüchtern, für das Drama zu unruhig; die alte Geschichte ist für unsere Kunst zu kahl, das Mittelalter zu phantastisch, die neue Zeit steht uns zu nahe – und wie die anmaßenden und doch im Grunde gehaltlosen Schlagwort sonst lauten. Zu den Füßen dieser überreifen Ästhetik treibt eine vulgäre Kritik ihr Unwesen, deren erschreckende Roheit täglich deutlicher beweist, daß die besten Köpfe der Epoche sich der Kunst entfremdet haben. Wir wundern uns gar nicht mehr, wenn ein tief empfundenes Kunstwerk als Nr. 59 unter »Fünf Dutzend neuer Romane« abgeschlachtet wird, wenn eine Dichtung von G. Freytag oder G. Keller alles Ernstes in eine Reihe gestellt wird mit den Arbeiten der Frau Mühlbach oder ähnlichen Produkten einer volkswirtschaftlichen Tätigkeit, welche sich lediglich durch das Verhältnis von Angebot und Nachfrage bestimmen läßt. Wir fühlen uns nicht mehr befremdet, wenn jener beliebige Herr Schultze, der im Erdgeschoß einer politischen Zeitung seinen kritischen Sorgenstuhl aufgestellt hat, mit den Dichtern und Denkern, deren Werke er beschwatzt, auf du und du oder gar im Tone des Schulmeisters verkehrt. Wir empfinden für den Kritiker sogar eine gewisse Hochachtung, wenn er die Kenntnisse eines angehenden Obersekundaners entfaltet – eine Bildungsstufe, welche in diesen Kreisen unserer Literatur nicht allzu häufig erklommen wird. Begreiflich in der Tat, wenn ein starker Künstlergeist, angeekelt von diesem nichtsnutzigen belletristischen Treiben, auch die ehrenwerten Ausnahmen übersieht, welche in unserer Presse zuweilen noch auftauchen, und grimmig seiner Straße zieht. Doch das schwerste Hemmnis, das die Gegenwart dem dramatischen Dichter in den Weg wirft, ist die Gärung, die Unsicherheit unserer sittlichen Begriffe. Wieviel einfacher als der moderne Mensch standen unsere großen Dichter zu den Problemen des sittlichen Lebens! Welchen sittlichen und ästhetischen Schatz besaß Schiller an Kants kategorischem Imperativ – eine großartige, streng sittliche Weltanschauung, wie geschaffen für den Dramatiker, denn sie läßt dem tragischen Charakter ungeschmälert die Freiheit. Seit die neue Philosophie den Glauben an Gott und Unsterblichkeit erschüttert hat, seit die Naturforschung beginnt den Zusammenhang von Leib und Seele schärfer zu beleuchten, steht der Dichter, wenn er zugleich ein Denker ist, den einfachsten und schwersten sittlichen Fragen minder unbefangen gegenüber; selbst die Idee der tragischen Schuld und Zurechnung, die dem Dramatiker unbedingt feststehen muß, wird ihm leicht durch Zweifel verwirrt und getrübt. Und wo ist sie hin, die edle, mit Geist und Empfindung gesättigte Geselligkeit, die in den Tagen von Weimar freilich nur einige auserwählte Kreise unseres Volkes beglückte? Die schamlose Frechheit der Halbwelt auf der einen, die unleugbar steifen, gezwungenen Formen unserer guten Gesellschaft auf der anderen Seite – in einer solchen Umgebung erlangt der Künstler nicht leicht die harmonische Bildung der sittlichen und der sinnlichen Kräfte. Das Edle und Große dieser durchaus von der Politik, der Volkswirtschaft, der Wissenschaft beherrschten Welt begeistert zu empfinden, ihr Leben mitzuleben und dennoch das Schöne, nichts als das Schöne zu schaffen, das ist die schwere Aufgabe des modernen Dichters. Ein Zug der Resignation, das Bewußtsein, daß nicht jede Zeit dem Künstler das Höchste zu erreichen gestattet, wird in solchen Tagen oft den Geist des Dichters ergreifen, und sicherlich viele der heutigen Poeten haben zuweilen mit eingestimmt in die Bitte, welche Friedrich Hebbel einst an seine Muse richtete: Du magst mir jeden Kranz versagen, wie ihn die hohen Künstler tragen, nur daß, wenn ich gestorben bin, ein Denkmal sei, daß Kraft und Sinn noch nicht zu Wilden und Barbaren aus meiner Zeit entwichen waren. Das ganze Wesen des Mannes liegt in diesen Zeilen: sein Stolz, sein ernster Künstlersinn und jene hoffnungslose Verstimmung, die ihn seinem Volke entfremdete. Aber wie schwer er auch irrte, den Ruhm, den er sich in jenen Zeilen erfleht, wird ihm heute kein Unbefangener mehr versagen. Er dachte groß von seiner Kunst, er lebte ihr mit rastlosem,, fruchtbarem Fleiße, mit Andacht und Sammlung, treu seinem Ausspruch: »leben heißt tief einsam sein.« Oftmals berührt von den Sünden der Zeit, die er lästerte, hat er nie wissentlich ihren Launen gehuldigt; in ihm waltete jene vornehme Selbstgewißheit, welche jedes unmittelbar tendenziöse Einwirken der Poesie auf die Gegenwart verschmäht und sich des freudigen Glaubens getröstet, daß der Gehalt der Dichtung ein ewiger ist und seiner Stunde harren kann. Ein ditmarscher Kind, in einer engen und harten Welt aufgewachsen, bewahrte Hebbel immer einen Zug rauher reckenhafter Kraft, also daß starke nordische Naturen, wie der alte Dahlmann, ihm die Teilnahme des Landsmannes nie versagten, auch wenn sie seinen Wandlungen nicht folgen mochten. Er selber bezeichnete die altgermanische Welt und die Bibel gern als die Quellen seiner Dichtung. Doch auch andere, minder lautere Kräfte schlugen in sein Leben ein: die nervöse Sinnlichkeit des modernen Paris, die zersetzende, glaubenlose Reflexion der jungdeutschen Literatur. Verbittert durch die Entbehrungen einer freudlosen Jugend, ward der stolze Mann launisch, anmaßend, gehässig; bis zur Grausamkeit selbstisch mißbrauchte er die Güte der Menschen, die sich ihm liebend hingaben. Erst nach langen Irrgängen, da er endlich wieder zurückgriff zu den Sagengestalten unserer Vorzeit, die ihm die Träume der Knabenjahre erfüllt hatten, gelang ihm ein Kunstwerk, das dauern wird. Die Künstlertugend, welche an Hebbel zuerst in die Augen fällt, ist der seltene, dem Dilettanten allezeit unverständliche Sinn für die Totalität des Kunstwerks. Er verachtet das Haschen nach Einzelschönheiten, wie die kleinmeisterliche, an einzelne Auffälligkeiten sich festklammernde Kritik. Schon aus diesem einen Grunde sollte man endlich aufhören, ihn mit Grabbe zu vergleichen. Grabbe war das Kind einer sinkenden Epoche, welche die Ideale einer großen Vergangenheit in zuchtlosem Übermute zerschlug; in diesem rohen Talente war keine Entwicklung. Hebbel erscheint als der Sohn einer aufstrebenden Zeit, welche neue Ideale zu gestalten suchte. Freilich es war ein Suchen, an dem der grübelnde Verstand oft mehr Anteil hatte als die schaffende Phantasie. Der Dichter experimentierte, er tastete umher nach einem Kunstwerk der Zukunft, in seinen ersten Werken erschien die Intention ungleich stärker als die lebendige Ausführung. Das traurige Wort, womit Hebbel einst die Frage »Man weiß doch, was ein Lustspiel heißt?« beantwortet hat: – »Dies steht so klar vor meinem Geist, daß, wenn ich's minder hell erblickte, das Werk vielleicht mir besser glückte« – dieses unselige Geständnis gibt leider den Schlüssel zu einem großen Teile seines Schaffens. Er haßt die Phrase, niemals drängt sich bei ihm der Verstand in der prosaischen Form undramatischer Betrachtungen hervor; aber bei aller realistischen Anschaulichkeit im einzelnen läßt das Ganze oft kalt, erscheint als gemacht und geklügelt. Und so findet sich bei Hebbel, der nach dem edlen Ziele strebt, alles Geistige zu verleiblichen, das Zusammenfallen von Idee und Bild ebenso selten wie bei Klopstock, von dem ein altes treffendes Wort sagt, er habe alles Leibliche des Körpers entkleidet. Man hat Hebbel schweres Unrecht getan, wenn ihm die Wärme des Gemüts gänzlich abgesprochen ward. Selbst aus den verfehltesten seiner Gedichte bricht zuweilen, und dann ergreifend, eine starke und tiefe Empfindung hervor. Wer die Gedichte kennt, worin er Selbsterlebtes, wie das stille Glück des Hauses besingt, der wird den herzlosen Vorwurf der Herzlosigkeit nicht wiederholen. Er dichtete nur, wenn der Geist ihn rief, ließ oft jahrelang die halbfertigen Gestalten seiner Entwürfe ruhen, bis sie von selber wieder erwachten. Trotzdem trat in den also aus künstlerischem Drange entstandenen Werken die Reflexion zuweilen so stark hervor, daß der Hörer kaum wußte, ob ein Dichter oder ein Denker zu ihm sprach. Dies verrät sich vornehmlich in der Zeichnung der Charaktere. Otto Ludwig nennt in seiner grobkörnigen Weise Hebbels dramatische Gestalten kurzab »psychologische Präparate«, er meint: »sie thun dick, sie wissen sich etwas« mit ihrer Eigenart. Ein hartes Urteil, das Hebbels ältere Werke leider nicht immer Lügen strafen. Seine Charaktere handeln so folgerecht, daß wir jedes ihrer Worte vorausberechnen können; er motiviert oft mit überraschender Feinheit, und eine große dialektische Kraft steht ihm zu Gebote, um den Irrgängen innerer Kämpfe nachzugehen. Aber über dem allzu eifrigen Bemühen, den Charakteren feste scharfe Umrisse zu geben, verlieren sie die Farbe, das Leben. Wohl zwingt die strenge Prägnanz des Dramas den Dichter, seinen Menschen offenherzige Geständnisse in den Mund zu legen, welche der phantasielose Verstand unnatürlich findet; doch die helle Selbsterkenntnis, welche Hebbel seinen Charakteren leiht, überschreitet zuweilen die Grenzen der poetischen Wahrheit, und wie selten schallt aus diesen Menschen der volle Brustton naturwüchsiger Leidenschaft heraus, den, wie alles Herrlichste in der Kunst, keine Anstrengung des Hirns erklügeln kann! Es klingt wie ein unwillkürliches Selbstbekenntnis, wenn dieser zwischen dem Reiche des Gedankens und dem Reiche der Phantasie einherschwankende Geist einmal ausruft: Ein Shakespeare lächelt über Alle hin und offenbart des Erdenräthsels Sinn, indeß ein Kant noch tiefer niedersteigt und auf die Wurzel aller Welten zeigt. Der Denker verachtet den stofflichen Reiz, das Anekdotenhafte in der Kunst, er will nicht »der Auferstehungsengel der Geschichte« sein. Er fühlt, daß die moderne Bildung ein Recht hat, über die Tragik Shakespeares hinauszugehen und eine Tragödie der Idee, nach dem Vorbild des Faust, zu fordern; und so fest hält er diesen Gedanken, daß er niemals versucht, eine einfache Charaktertragödie zu schreiben. Die bunte Fülle des Menschenlebens reizt ihn nur, wenn sie ihm ein »Problem«, einen Kampf der Ideen zur Lösung darbietet. Unter allen Rätseln des Menschendaseins hat ihn keines so anhaltend beschäftigt wie das Verhältnis von Mann und Weib; von der Judith bis herab zu den Nibelungen, in den mannigfachsten Formen versucht er dies große Problem künstlerisch zu gestalten, immer tiefsinnig und mit starkem Gefühle, doch zuweilen spielt auch die häßliche Überfeinerung moderner Sinnlichkeit in seine Bilder hinein. Ganz modern ist auch seine Anschauung der Geschichte: er sieht in ihr nicht wie Shakespeare die ewig gleiche sittliche Weltordnung, die sich immer wieder herstellt, wenn die Leidenschaft des Menschen sie auf Augenblicke gestört; der Jünger der modernen Philosophen faßt sie auf als ein ewiges Werden. Er liebt den Zusammenstoß zweier Kulturwelten zu schildern: wie das Hellenentum aus der orientalischen Gebundenheit emporsteigt, das Christentum aus der jüdischen Welt, die neue Zeit aus dem Mittelalter. Ich kann jedoch nicht finden, daß der Dichter bei diesem kühnen Unterfangen immer glücklich ist. Die neue Welt, die aus der zerfallenden alten Ordnung sich erhebt, tritt nicht leibhaftig vor uns hin, sie wird uns lediglich angedeutet durch einen symbolischen Zug; und nur weil wir historische Schulbildung besitzen, erraten wir, was uns das Kunstwerk selber nicht sagt, daß die heiligen drei Könige, die am Schlusse von »Herodes und Mariamne« plötzlich auftreten, den Anbruch der christlichen Gesittung vorstellen sollen. Diese Neigung für symbolische Züge beherrscht den Dichter zuweilen so gänzlich, daß er in eine gleichgültige, ja absurde Fabel willkürlich eine Idee hineinlegt, welche ihr völlig fremd ist. Und da ja ausschweifende Phantastik im Innersten verwandt ist mit den Verirrungen überfeinen Verstandes, so erinnert Hebbel mit solcher Symbolik, solchem Mystizismus oft stark an Calderon. In der Einsamkeit brütender Betrachtung mußte die düstere Denkweise vom Leben, wozu Hebbels Natur neigte, zu erschreckender Stärke anwachsen. Der Pessimismus ist insgemein eine Sünde begabter Menschen, denn nur ein heller Kopf wird die tiefen Widersprüche des Lebens, wird die schreckliche Tatsache, daß die Ordnung des Rechts eine andere ist als die Ordnung der Sittlichkeit, in ihrer ganzen Schärfe durchschauen, nur ein tiefes Gemüt sie in ihrer vollen Schwere empfinden. Kein Wunder, daß diese, die Werke aller bedeutenden tragischen Dichter überschattende, reformatorische Strenge, welche die Welt verachtet und Lügen straft, von dem Haufen verketzert und als unsittlich gebrandmarkt wird. Aber selbst ein tiefmelancholisches Gedicht wird dem Poeten nur dann gelingen, wenn ihm, ob auch verhüllt und verborgen, tief in der Seele der Glaube lebt an den Sieg des Geistes über die Gebrechen der Welt. Noch keinem echten Dichter hat dieser Glaube gefehlt, er atmet selbst in dem schwermütigsten Gedichte, das je in den Nebeln Altenglands ersonnen ward, in Walter Raleighs » the lye «. Hebbel wußte wenig von solcher Hoffnung. Wie er, der Konservative, nicht daran dachte, im Leben an der Heilung der kranken Welt mitzuwirken, so vermögen auch seine Gedichte, obwohl sie dann und wann von künftiger Versöhnung reden, von der Lebendigkeit dieses Glaubens nicht zu überzeugen. Die furchtbare Anklage, die er in einem abscheulichen Sonette gegen die menschliche Gesellschaft schleudert: »der Mörder braucht die Faust nur hin und wieder, du hast das Amt zu rauben und zu töten« – sie ist nicht ein wilder Ausbruch augenblicklichen Unmuts, sie blieb durch lange Jahre die Grundstimmung seiner Seele. Er erkannte mit eindringender Klarheit die Gebrechen der Welt, doch er verzweifelte an der Heilung. Ganz unerträglich wird diese Verbitterung des Gemüts, wenn Hebbel seinem eigenen Worte zum Trotz »die Kirsche vom Feigenbaum fordert« und seiner düsteren Phantasie die hellen Klänge der Komödie zu entlocken sucht. Er gesteht, daß er mit seinen Gedichten »seiner Zeit ein künstlerisches Opfer dargebracht« habe; und gewiß, einige der Ideen, welche das moderne Deutschland bewegten, fanden in den Werken dieses Dichters einen treuen und großartigen Ausdruck. Doch gerade die schönste und herrlichste Erscheinung unserer Tage, recht eigentlich die Signatur der neuen Zeit, das Emporwachsen unseres Volkes zum staatlichen Leben, blieb diesem verdüsterten Auge verborgen. Er sah in der Entwicklung unseres Volkes »nicht eine Lebens-, sondern eine Krankheitsgeschichte«. Nun warf ihn sein Unstern unter das verkommene Deutschtum in Österreich; »wir und germanisieren!« rief er hohnlachend. Die frohe Botschaft des Jahrhunderts, die Verjüngung der antiken Sittlichkeit, welche von jedem Menschen, auch von dem Künstler, zugleich die Tugenden des Bürgers fordert – an ihm fand sie einen tauben Hörer. Selbst die Dichtungen unserer kosmopolitischen klassischen Zeit tragen die Spuren der politisch-nationalen Kämpfe der Epoche weit deutlicher auf der Stirn als Hebbels Werke die Eindrücke der Gegenwart. Und wird ja einmal die Natur der Dinge mächtiger als Hebbels Verstimmung, entschließt er sich ein Zeitgedicht zu schreiben, so finden wir nicht, wie es bei dem Sohne der Marschen zu entschuldigen wäre, einen naturwüchsigen Ausbruch des Zornes über die Schmach seines Volkes, sondern ein griesgrämiges Epigramm über Staatsmänner, welche die Kunst verstehen, niemals zu erwachen, oder eine wegwerfende Bemerkung über moderne Staatsverfassungen – oder ein Gedicht an König Wilhelm, das im Grunde nicht gehauen und nicht gestochen ist, in schönen Versen nur die politische Ratlosigkeit des Dichters offenbart. Bei so trostloser Anschauung des Lebens weiß er nichts von jener edlen Volkstümlichkeit, welche der Ehrgeiz großer Dichter ist. Darum hat er, der Dramatiker, Schillers Größe lange gänzlich verkannt; darum verschmähte er die hohe Schule des Dramatikers, den Wechselverkehr mit der Bühne. Auch dieser Irrtum ist eng verflochten mit einer ehrenwerten Tugend, einer wohlberechtigten Verachtung gegen die bornierten Rücksichten der Konvenienz, welche gemeinhin das Bühnenschicksal eines Dramas bestimmen. Aber nicht die Theaterzensur allein verbannt seine Werke von den Brettern, sie sind in ihrer Mehrzahl in Wahrheit nicht darstellbar. Sie behandeln nicht bloß extreme Fälle, sondern abnorme, krankhaft seltsame Konflikte, welche keinen Widerhall erwecken in den Herzen der Hörer; und wer es verschmäht, die Edelsten seiner Zeit im Innersten zu bewegen, der mag der stolzen Hoffnung entsagen, für das Theater aller Zeiten zu schreiben. Hart, ja grausam ward diese gewollte Vereinsamung an dem Lebenden bestraft. Über den vielgelesenen Schriftsteller bildet sich die Welt zuletzt immer ein mildes, ausgleichendes Urteil. Doch die Werke dieses Sonderlings fielen zumeist nur einzelnen Kritikern in die Hände, die ihn von den Wällen ihres ästhetischen Systems herab schonungslos bekämpften. Nun geschah ihm, was gemeinhin den Einsiedlern des Gedankens widerfahrt: wie um Friedrich Rohmer und Schopenhauer – Männer, die ich übrigens weder unter sich noch mit Hebbel vergleichen will – so scharte sich um diesen vielbekämpften Dichter eine kleine Gemeinde fanatischer Anhänger, die durch unmäßiges Lob den Hohn der Gegner erweckten. So zwischen gehässigen Tadel und blinde Bewunderung gestellt, ward das wohlbegründete Selbstgefühl des Mannes krankhaft reizbar. Auch wir halten es für trockene Philisterweisheit, wenn dem Poeten zugemutet wird, er solle nicht empfindlich sein. Wer darf Angriffe auf sein eigen Fleisch und Blut mit Kälte ertragen? Und wer könnte die alte Wahrheit, daß ein halbes Lob tiefer verletzt als ein ganzer Tadel, bitterer empfinden als der Dichter? Führt doch der Künstler das Los des verwunschenen Prinzen: im Leben soll er sich schelten und stoßen lassen wie die anderen auch, und kaum nimmt er das Saitenspiel zur Hand, so ist er ein geborener Fürst und hat immer recht und treibt mit uns, was ihm gefällt; darum mögt ihr Nachsicht üben, wenn nicht ein jeder dies gespaltene Dasein mit Haltung zu tragen weiß. Aber es ist ein anderes, seinem Ärger über die Kritik einmal durch einen derben, in Gottes Namen ungerechten, Cynismus Luft zu machen – und wieder ein anderes, jahrelang die geschmacklose Rolle des verkannten Genies zu spielen, fortwährend mit »Wichten« und »Kannegießern« um sich zu werfen, jedes seiner eigenen Worte mit einer Andacht zu bewahren, die dem reichen Geiste schlecht ansteht, ja sogar nach Knabenart pathetisch zu prahlen: diese und jene Tugend hat mir noch niemand abgesprochen. Jene Liebenswürdigkeit, die, nach der Versicherung seiner Freunde, dem Menschen zuweilen eigen war, blieb dem Schriftsteller versagt. Es gibt glückliche Naturen – und viele unserer streitbarsten Männer, Lessing vornehmlich, zählen dazu – denen wir niemals grollen, auch wenn wir widersprechen; andere wieder, welche uns immer in Versuchung führen, mit ihnen zu rechten, sie mögen sagen, was sie wollen. Zu diesen letzteren zählt Hebbel, nach meinem und vieler anderer Gefühl; er hat den Mitlebenden erschwert, gerecht über ihn zu reden. Dem Toten sollen endlich die menschlichen Schwächen vergessen werden; auch von dem Kunstwerk seines Lebens gilt das gute Dichterwort, das er einmal über das Drama aussprach: »in einem Kunstwerk muß immer die letzte Zeile die erste recensieren.« Er ist wirklich gewachsen mit seinem Volke, das er nie ganz würdigte, er befreundete sich als reifer Mann mit den einfachen Idealen, die er einst mißachtet, er lernte die Größe des edelsten unserer Dramatiker schätzen und schuf endlich jene hochpoetischen Gestalten der Nibelungen, die nicht mehr angekränkelt sind von der Blässe des Gedankens. Von diesen letzten Werken des Dichters fällt verklärend ein Lichtstrahl zurück auf die unfertigen Dichtungen seiner früheren Zeit. Kein Zweifel mehr: der friedlose Sinn, der aus Hebbels älteren Dramen spricht, ist nicht die blasierte Ironie der Romantiker, nicht die zuchtlose Frivolität, der buhlerische Weltschmerz der Jungdeutschen, er ist der tiefe und wahre Schmerz eines starken Geistes, der erst nach harten Kämpfen eine Versöhnung finden konnte, welche der Glückliche, der Gedankenarme mühelos erreicht. – Der Dichter wies in seinem Eigensinne jede Kritik der Wahl seiner Stoffe zurück, weil »das einmal lebendig Gewordene sich nicht zurückverdauen« lasse. Heute, da wir sein Schaffen im ganzen überschauen, wird uns das Körnlein Wahrheit deutlich, das in diesem anmaßenden Ausspruch liegt; auch in den seltsamsten Experimenten des Poeten läßt sich eine gewisse Notwendigkeit nicht verkennen. Wir gehen rasch hinweg über Hebbels erste Novellen, die in der Art des Humors an Jean Paul, in der Hast der Darstellung an Heinrich Kleist erinnern. Wie seltsam verkannte der Dichter sein ganz und gar nicht populäres Talent, wenn er hoffte, seine niederländische Geschichte »Schnock« werde im Bauerkittel von Fließpapier auf den Jahrmärkten feilgeboten werden; den derben Ton herzhaften Spaßes, den der Bauer verlangt, findet dieser Poet des Gedankens nicht. In seinem ersten Drama Judith versucht Hebbel in der Seele der epischen Heldin der Bibel einen Bruch, einen Kampf hervorzurufen, er will uns an ihr das Recht des Weibes auf wahre Liebe zeigen und dergestalt den Liebling starkgeistiger Maler und Poeten dem modernen Bewußtsein verständlich machen. Freilich wird das gräßliche Weib selbst dadurch kein tragischer Charakter; denn unter den widerstreitenden Gefühlen, welche ihr Herz bewegen, der religiösen Begeisterung für ihr Volk, der durch den Anblick kläglicher Schwächlinge geschärften Ruhmbegierde, endlich der geheimen Liebe zu dem einzigen ganzen Manne, den sie kennt, tritt bald die nackte tierische Sinnlichkeit als das herrschende Motiv hervor. Noch häßlicher ist Holofernes, wohl der unwahrste aller jener souveränen Kraftmenschen, in deren Schilderung sich die Literatur jener Tage gefiel, bei aller scheinbaren Größe ein lächerlicher Prahler. Wahrhaft empfunden sind allein die glaubenseifrigen Gestalten des jüdischen Volkes. Hier war es dem Sohne strenger bibelfester Bauern leicht, aus voller Seele zu schaffen. Aber wie fremd steht die Frömmigkeit des Alten Testaments neben einem Materialismus, der an die häßlichsten Ausgeburten der poésie de sang et de boue gemahnt! Diese Zerfahrenheit der Stimmung, diese Unsicherheit der sittlichen Begriffe des Dichters raubt dem Stücke, trotz der in mächtigem Aufschwung stetig anschwellenden Handlung, die innere Einheit. Selbst jenes verwirrenden und berauschenden Reizes, den die Judith bei der ersten Aufführung immer bewähren wird, entbehrt die Genoveva. Hebbel versteht noch nicht, den unbestimmtesten und darum bildsamsten der Verse zu gebrauchen: sein dramatischer Jambus ist korrekt und entspricht durch die Härte seiner männlichen Endungen äußerlich dem Wesen des Dramas, aber er hat weder lebendige Kraft noch melodischen Fluß. Mißachtend das durch die Natur des Stoffes Gebotene hat der Poet das wehmütig-liebliche Volksmärchen gewaltsam in eine Tragödie verwandelt, indem er den versöhnenden Schluß hinwegließ und jede Spur des Naiven und Naturwüchsigen vertilgte. Ja, er benutzte den mythischen Stoff, um an ihm die Unwahrheit unserer sittlichen Gesetze zu zeigen. Hier freilich sind »Satzungen und Rechte, die das Lebendig-Freie schamlos knechten.« Diese Menschheit ist befangen in formalistischer Sittlichkeit: nur ein Äußerliches erblickt sie in der Ehre, der Treue, dem Glauben, zu deren Schutze sie die blutbefleckten Hände hebt. Doch wir erkennen in ihr unser eigenes Gefühl nicht wieder; rein unbegreiflich erscheint in dieser gebundenen Welt die ganz moderne Empfindung des Versuchers Golo. Die Handlung ist ein gehäuftes Maß von Schrecknissen – denn bei Hebbel erscheint der Tod stets als die gräßliche Kere, nimmer als milder Genius – die Diktion bietet einen jähen Wechsel von Frost und Hitze; der letzte Eindruck ist vollkommene Ermüdung und die ratlose Frage, ob die wirre Symbolik dieser Szenen wirklich eine Tragödie der ehelichen Treue vorstellt? Verdankte die Judith ihren Erfolg vor allem ihrer Wahlverwandtschaft mit gewissen krankhaften Verstimmungen der Zeit, und hatte die Genoveva als ein Verstandeswerk gar nur das Staunen eingeweihter Literatenkreise erregt, so fand die Maria Magdalena den verdienten Beifall aller Unbefangenen, ein wahrhaft poetisches Werk, das über seiner klaren und strengen Komposition und über der ergreifenden Wahrheit seiner Charaktere alle seine Mängel leicht vergessen läßt. Hebbel war kühn genug, aus der Not eine Tugend zu machen, die »schreckliche Gebundenheit in der Einseitigkeit« – jene Klippe, an der die meisten bürgerlichen Dramen und Dorfgeschichten scheitern – zum Mittelpunkte des tragischen Konflikts zu erheben. Die Hohlheit kleinbürgerlicher Ehrbegriffe mit ihren schrecklichen Folgen soll dargestellt werden. Zu solcher Arbeit ist Hebbels große dialektische Kraft wie geschaffen. Auch das Eingehen auf Sitten und Zustände, welche dem Poeten genau bekannt waren, ist ihm zum Heile ausgeschlagen. Nicht als meinten wir mit den Verehrern photographischer Wahrheit, der Künstler solle nur Verhältnisse schildern, die ihm durch persönliche Erfahrung vertraut geworden; wer das Zeug hat zu einem Dichter, trägt ein Bild der Menschheit im Herzen. Hebbel jedoch mußte durch einen Stoff, dessen feste Schranken ihm selbst wie den Lesern wohlbekannt sind, von seiner Unart, symbolische Züge in die Aktion zu legen, abgehalten werden. Er bewährt hier seinen Ausspruch: »überall soll der Dichter ökonomisch sein, nur nicht in seinen Grundmotiven.« Der Bau des Dramas ist musterhaft knapp und gedrungen, auch die Naturlaute der Leidenschaft erklingen tief erschütternd, das Stück würde das Muster eines bürgerlichen Trauerspiels sein, wenn nicht der Dichter durch die Unsicherheit seines sittlichen Gefühls auch dem Hörer das Gefühl verwirrte. Der Hörer nimmt Partei – nicht wie der Dichter will für die büßende Heldin, sondern für den harten alten Philister Meister Anton. Das unglückliche Mädchen hat sich im Zorn verschmähter Liebe einem ungeliebten Manne verlobt, und da ihr Gewissen sie noch immer der alten, jetzt sündhaften Liebe zeiht, wähnt sie sich verpflichtet, dem eifersüchtigen Bräutigam durch verzweifelte Hingebung ihre Treue zu beweisen. Eine solche Tat ist denkbar – denn was wäre unmöglich für ein geängstetes Mädchengewissen – doch sie steht sittlich tiefer als ein in der Hitze natürlicher Leidenschaft begangener Fehltritt. Der Dichter soll uns nicht einreden, das Mädchen sei durch diesen Schritt nicht innerlich befleckt worden. Der alte borstige Vater hat ganz recht, wenn er die Schande nicht auf seinem ehrlichen Bürgerhause dulden will – und über solchen unabweisbaren Verstandesbedenken geht uns die Freude an dem schönen Gedichte fast verloren. Mit diesem Werke war ein großer Erfolg errungen, des Dichters dramatisches Talent unzweifelhaft erwiesen. Wer hätte nicht hoffen sollen, Hebbel werde mit frischem Mute, mit seiner jetzt durch schöne Reisen erweiterten Bildung fortschreiten auf so glückverheißendem Wege? Statt dessen verlor er sich jahrelang in zielloses Experimentieren, er schrieb jene unglückseligen Märchendramen »der Diamant« und »der Rubin«, deren Symbolik zu enträtseln der Mühe nicht lohnt. In Unteritalien lernte er eine Welt verrotteter Zustände kennen, einen tief unsittlichen Polizeistaat, einen leeren Lippenglauben, einen getretenen und verwilderten Pöbel, eine gewissenlose Geldmacht. Hier, wenn irgendwo, war seine Verachtung der schlechten Wirklichkeit am Platze, hier mußte er fühlen, daß des Künstlers Hände zu rein sind, um die Verwesung byzantinischer Verhältnisse zu berühren. Und hier gerade ließ er sich durch eine aberwitzige Anekdote anreizen zur Erfindung seiner berüchtigten Tragikomödie »ein Trauerspiel in Sicilien«, welche ein tragisches Geschick in untragischer Form darstellen, des Hörers Lachmuskeln zucken und zugleich ihn vor Grausen erstarren machen soll. Das heißt doch nur die gemeine Prosa des Alltagslebens geradeswegs in die Kunst einführen. Das tragische Geschick in untragischer Form stöhnt und ächzt auf allen Märkten; ihm die tragische Form zu finden, ist des Dichters schönes Recht. Hebbels feiner Formensinn hat ihn davor bewahrt, den unglücklichen Gedanken weiter zu verfolgen. Auch ein anderes Experiment dieser Zeit blieb liegen. In der Tragödie »Moloch« wollte der Dichter »ein Volk stammeln lassen«, die Uranfänge der menschlichen Gesittung, die Entstehung der Religion darstellen – ein Versuch, der mit ungemeiner dichterischer Kraft begonnen, schließlich doch in undramatische Symbolik verlaufen mußte. Wiederum in den zerfressenen italienischen Verhältnissen wurzelt das Schauspiel Julia – eine Schilderung moderner Blasiertheit und Verworfenheit, wie sie nur einem völlig umnachteten Auge erscheinen konnte, ein Drama ohne Abschluß, ohne jedes Interesse, gerade darum gefährlich und unsittlich, weil Hebbel die unnatürliche, kläglich-sentimentale Handlungsweise seines Helden, der sich selber eine wandelnde Leiche nennt, als eine sittliche darstellen, sittlich erhebend durch das abgeschmackte Drama wirken will. Das waren böse Tage für Hebbel, da sein Selbstgefühl im selben Maße wuchs, wie die Teilnahme der Leser sich ihm entfremdete. Selbst die Freunde fragten verwundert, ob er denn aus dem ewigen Rom nichts anderes davongetragen habe als die seine Durchbildung der Form, welche fortan alle seine Gedichte auszeichnete. Auch das bedeutendste Drama dieser unseligen Periode ist ein Werk des kalten Verstandes. »Herodes und Mariamne« schildert das Judentum in seiner Selbstauflösung und ist zugleich eine Tragödie der ehelichen Treue; so bildet es ein Gegenstück zur Judith und zur Genoveva. Herodes kann es nicht ertragen, daß sein Weib ihn überlebe, zweimal stellt er sie, während er zu gefahrvollen Fahrten verreist, unter das Schwert des Henkers. Gegen solchen Zwang sträubt sich der Stolz der Gattin, denn »das kann man thun, erleiden kann man's nicht.« Und dieser bei aller Seltsamkeit gewaltige, echt dramatische Konflikt, der schon in der Darstellung des Josephus jedes Herz bewegt, läßt bei Hebbel vollkommen kalt. So sehr ermangeln diese Menschen der Ursprünglichkeit und Freiheit, so sehr befremdet uns die moderne epigrammatische Sprache an historischen Personen, deren grundverschiedene Gesittung wir von Kindesbeinen an kennen. Endlich, endlich nach so langem theoretischen Umhertasten öffnete sich Hebbels Gemüt wieder natürlicheren, einfacheren Gefühlen, als er die »Agnes Bernauer« schrieb und auf heimatlichem Boden Menschen schuf, so wahr und tüchtig, wie sie ihm seit der Maria Magdalena nicht mehr gelungen waren. Hier erscheint der moralische Revolutionär als politisch konservativ: die Berechtigung des Allgemeinen, des Staates, wird gezeigt gegenüber dem subjektiven Belieben der Leidenschaft. Hebbel bleibt vollkommen frei von der sentimentalen Auffassung der Liebe, deren heute der vornehme Pöbel voll ist. Leider verrät die Heldin kaum durch ein hingeworfenes Wort eine Ahnung von der Schwere ihrer Schuld, und wir empfinden ihren Tod als eine brutale Mißhandlung. Der wahrhaft innerlich ringende Held des Stücks vielmehr ist Herzog Ernst; sollte das Werk dramatisch wirken, so mußte der alte Herzog in den Mittelpunkt der Handlung treten. Dann ließ sich ein besserer Schluß finden als dieser unselige fünfte Akt, wo Hebbel, der sonst das Gräßliche liebt, einen tödlichen Gegensatz durch eine übereilte Versöhnung beendet. In Einem Aufzuge die Ermordung der Agnes, den wütenden Kampf des Sohnes gegen den Vater und die Beilegung des Streites darstellen – das verletzt jene Einheit der Zeit, welche der Dramatiker auch nach Lessing noch achten soll, das bleibt unglaublich, obschon der Poet durch die sprudelnde Heftigkeit, welche er dem jungen Herzoge leiht, uns darauf vorbereitet hat. Aber wie das Land nach langer Wasserreise begrüßen wir in dem Stücke wieder eine warme natürliche Stimmung, wir freuen uns der getreuen Genossen des jungen Herzogs und der kernhaften Bürger. Lebendig tritt die gärende Zeit uns vor die Seele, wo die Tage der Hohenstaufen bereits als ein ferner schöner Jugendtraum in der Sehnsucht der Menschen lebten und moderne Diplomatenkunst die ritterliche Vasallentreue zu verdrängen begann. So war das Eis gebrochen, und die gesunde freudige Stimmung hielt an. Das gemütvolle Versmaß, das uns Deutschen wie ein liebes altes Märchen zum Herzen redet, das Metrum der deutschen Reimpaare, ward von Hebbel glücklich benutzt für das kleine Künstlerdrama Michelangelo. Diese geistreiche Behandlung einer sinnigen Anekdote gewährt manchen tiefen Einblick in die Geheimnisse künstlerischen Schaffens; und doch ist genug Handlung in dem Stücke, um selbst auf der Bühne Interesse zu erregen. Mögen andere rügen, daß die Schilderung der Kunstfreunde und dilettierenden Künstler sich von tendenziöser Bitterkeit nicht frei hält und sehr deutlich an des Verfassers eigene Fehden mit der Kritik erinnert; mögen sie tadeln, daß die Gestalt des Raffael, wie fast alles Holde und Milde bei Hebbel, ganz schattenhaft gehalten ist: – uns widersteht es, an einem erfreulichen und mit Unrecht vergessenen Werke zu mäkeln. Dieser Michelangelo lebt wirklich – ein hohes Lob, da die allzu verbreitete Kenntnis der Kunstgeschichte hier der freien Tätigkeit des Dichters schwer beengende Fesseln anlegte. Mancher akademisch korrekte Künstler wird an dem jugendfrischen, vielsagenden Worte »die Ordnung, mein' ich und bleibe dabei, beginnt erst bei der Staffelei« seine eigene Hohlheit erkennen; mancher, der Hebbel mit Mißwollen betrachtet, wird aus diesen einfachen Szenen den heiligen Ernst des Schriftstellers begreifen. Noch einmal, in der Tragödie Gyges und sein Ring, hat Hebbel einen Schatz von Formenschönheit und Kunstverstand an einen undankbaren Stoff verschwendet. Der Dichter versteht, uns in die Atmosphäre längst entschwundener Zeiten zurückzuzaubern, »an den alten Nil, wo gelbe Menschen mit geschlitzten Augen für todte Könige ew'ge Häuser bau'n,« Wo nicht stellenweise eine allzu moderne Bewußtheit der Sprache uns die Stimmung verdirbt, steht sie wirklich farbenprächtig vor uns, die reiche Wunderwelt des Herodot, die mit der Fülle ihrer reinmenschlichen Konflikte unseren Poeten ein so dankbares Feld eröffnet. Dennoch wird dies Trauerspiel mit vollem Rechte nie auf der Bühne Fuß fassen, denn es ist ein antiquarisches Stück. Es ist ein sinniger, freilich mehr für eine Novelle als für eine Tragödie der Ehe geeigneter Gedanke, daß auch in der innigsten Vereinigung jeder Gatte ein Etwas zurückbehält, das Schonung erheischt, das er dem Gemahl nicht hingeben kann, ohne sich selbst aufzugeben; aber wie wenige Leser werden aus der seltsamen Handlung des »Gyges« diese Idee erraten! Heute, da man den Dramatiker unaufhörlich auf historische Stoffe verweist, kann nicht laut genug die einfache Wahrheit wiederholt werden, daß der Dichter seine Menschen in den Herzen seiner Zuschauer, der Kinder seiner Zeit, entstehen und wachsen lassen muß. Mag er getrost Weltverhältnisse aus den Tagen vor der Sündflut uns vorführen: in den Empfindungen seiner Charaktere dulden wir nichts Antiquarisches. Gerade unser Publikum mit seinen abgestumpften Gefühlen wird nur durch einfach-drastische, sofort verständliche Empfindungen erregt werden. Dieser König Kandaules, welcher »Zeugen braucht, daß er nicht ein eitler Thor ist, der sich selbst belügt, wenn er sich rühmt, das schönste Weib zu küssen,« welcher darum den Fremden als Zuschauer an das eheliche Lager führt – er handelt nach unsern Begriffen mit einer brutalen Roheit, die seinen Edelmut uns völlig unglaublich macht und jedes tragische Mitleid aufhebt. Hier aber sind unsere Begriffe im Rechte, weil wir leben. Nur ein bedauerndes Achselzucken haben wir für die untadelhafte Komposition, die Melodie der Sprache und den Gedankenreichtum des Dichters, der in diesem Werke sich glänzend entfaltet. Wie nämlich Kandaules in seinem Hause die Schranken altheiliger Sitte zerstört, so wagt er auch im Staate »an den Schlaf der Welt zu rühren«, obwohl er »nicht die Kraft hat, ihr Höheres zu bieten«. Und in diese dumpfe gebundene Menschheit tritt der einzige, den wir ganz verstehen, der jugendliche Gyges, der Mann der freien entschlossenen Tat, der Sohn des klaren Hellenenvolkes, das die Fesseln starrer Sitte lächelnd abgestreift hat. Wie seine Dramen, so zeigen auch Hebbels kleine Gedichte eine auffällige Ungleichheit des Werts. Wir sehen eine ursprünglich poetische Natur vor uns, welche durch übereifrige Verstandestätigkeit sich der schönsten Früchte ihres Talents beraubt. Hebbel erstrebt eine Universalität, woran selbst ein Goethe nie gedacht hat – ein Unterfangen, wobei einem pathetischen Dichter das Ärgste widerfahren muß. Ein Mann wie er konnte in seiner Jugend ein Mädchen erschrecken durch heiße, despotische Leidenschaft; er konnte dann ein edles Weib mit jener tiefen und ernsten Mannesneigung erfassen, wovon so manches schöne Gedicht an Christine Kunde gibt; versucht er jedoch zu tändeln und leicht zu kosen, so zeigt er nur die Grazie eines seiltanzenden Elefanten. Auch für das einfache Lied fehlt ihm die Naivität. Dagegen sind mehrere der Balladen durch ihre einheitliche Stimmung sehr wirksam; nur leiden sie meist an zu großer Länge; denn der Dramatiker weiß nichts von dem Kunstgeheimnis des lyrischen Rhapsoden, durch Verstummen das Tiefste zu sagen. Die Gedichte »dem Schmerz sein Recht« erschüttern durch den heftigen rastlosen Kampf eines aufwärts strebenden Geistes; doch zeigen auch sie, wie selbst die schönsten Gedichte der Sammlung, eine ungelöste Zutat von Reflexion. Das Epigramm ist natürlich stark vertreten: fast überall Gedanken eines gescheiten Mannes, aber auch überall eine unselige Störung, bald durch die Breite der Darstellung, bald durch die Prosa des Gedankens oder durch ein geschmackloses Bild. Selbst das verständigste der Gedichte, selbst das Epigramm, muß in der Phantasie des Künstlers empfangen werden. Es ist doch ein frischer, erfreulicher Dichterzug in Hebbels Leben, wie er, entzückt von dem liebenswürdigen Spiele einer Künstlerin, sie rasch entschlossen von der Bühne heimführte. Beglückt an der Seite dieser edlen Frau, in dem Frieden eines wohlgeordneten Hauses ließ er jetzt in dem kleinen Epos »Mutter und Kind« alles wieder zu frischem Leben zu erwachen, was vorzeiten seine Phantasie erregt: das derbtüchtige niederdeutsche Bauernleben, das reiche Hamburg und seinen furchtbaren Brand. Auch die Ideen, welche seinen Kopf vorzugsweise beschäftigt, das Verhältnis von Mann und Weib, die Fragen von der Armut und dem Sozialismus, spielen in das Gedicht hinein. In dieser kleinen Welt reinmenschlicher Empfindungen hat der Dichter jene Wärme des Gefühls, jene Freude an dem Milden und Gemütlichen, jene gläubige versöhnte Stimmung wiedergefunden, die auf seinen langen spekulativen Irrfahrten fast verloren schienen. Welches irdische Glück ist diesem höchsten vergleichbar, das uns über uns selbst erhebt, indem wir's genießen, und wem wird es versagt, wem wird es gekränkt und geschmälert? ... Und so ist die Natur gerecht im ganzen und großen und verteilt nur den Tand, die Flitter, nach Lust und nach Laune. Uns scheint, in diesen Worten über die Elternliebe liegt unendlich mehr Tiefsinn und kräftiger Mannesmut, als in den heftigsten Invektiven, welche Hebbel je gegen die Gesellschaft geschleudert. Der wesentliche Mangel des Werks zeigt sich in der Form. Wir meinen hier nicht die übermäßige Anwendung des Trochäus, die Hebbel sich erlaubt. Denn der Hexameter ist zwar keineswegs, wie Hebbel meint, »der deutscheste Vers«, sondern ein Maß, das einer ursprünglich der Quantität entbehrenden Sprache niemals ganz natürlich zu Gesichte stehen kann; doch gerade deshalb mag der deutsche Dichter bei dessen Handhabung mit großer Freiheit verfahren. Sein feines Gehör allein muß ihn warnen vor dem Schein der Dürftigkeit, der durch zahlreiche Trochäen entsteht, wie vor dem haltlosen, hüpfenden Wesen und dem zischenden Mißklang gehäufter Konsonanten, welche die Daktylen der »korrekten« Platenschen Schule in den Hexameter bringen. Wir meinen, hier die Form in einem minder äußerlichen Sinne. Die ungeheure, vollkommen nur einmal erfüllte Aufgabe, in unserer aufgeregten Zeit das erhabene Gleichmaß epischer Diktion und Empfindung zu bewahren, war dem Dramatiker unlösbar. Bald staut seine Rede sich auf in abgebrochenen Sätzen, bald stürmt sie daher in langen Perioden, die ebenmäßige Wallung des Hexameters geht verloren. – Und dies einfach herzliche Gedicht ging in der Lesewelt fast spurlos vorüber. Ist es doch längst kein Geheimnis mehr, daß das Los der Gedichte heute in den Händen der jungen Damen liegt. Wirken Tragödien zu aufregend auf die Gemüter der Fräulein – nun, hier ist ein Epos aus der stillen Welt des Hauses, ganz dazu geschaffen, ein einfaches Mädchen sanft zu bewegen. Doch leider, keine Spur von Sentimentalität und augenverdrehender Frömmigkeit; und diese Bäuerin hat so gesunde Nerven, sie untersteht sich sogar, im Grünen zu gebären! Mon Dieu , welche Pensionsdirektrice von Pflichtgefühl darf ihren Zöglingen solche Natürlichkeiten bieten? Unterdessen reifte langsam des Dichters größtes Werk, die Nibelungen. Wenn der gebildete Durchschnittsmensch heute schon beim Anblick des Titels einer Nibelungentragödie mit der Ruhe des Weisen zu sagen liebt: das sind alte Geschichten, der Himmel bewahre uns vor dieser tausendjährigen Hexerei – so können wir nicht bestimmt genug die Überzeugung aussprechen: nur wenige moderne Dichter haben die gewaltige Versuchung nicht empfunden, die Gestalten des Nibelungenliedes irgendwie nachzubilden. Da steht sie vor uns, eine jener grandiosen Fabeln, woran die Kunst und der Glaube von Jahrhunderten gearbeitet, das Wunderwerk eines ganzen Volkes, in ihren Grundzügen hoch erhaben über jeder Anfechtung der Kritik. Und mit dem vollen Reize der Jugend tritt das altehrwürdige Werk vor unsere Augen. Seit zwei Menschenaltern erst hat sich die Liebe unseres Volkes wieder der alten Dichtung zugewendet. Seitdem sind die Gestalten des hörnernen Siegfried und der Rächerin Kriemhild einem jeden eng verwachsen mit jenen ersten Empfindungen der Kindheit, welche ewig frisch bleiben, als wären sie gestern empfunden. Und dieser Schatz gewaltigster menschlicher Leidenschaft, der unsere Maler zu immer neuen Nachschöpfungen reizt, ist uns überliefert in einer poetischen Bearbeitung, die dem feineren Kunstsinne der Gegenwart nimmermehr völlig genügen kann. Denn – zum Schrecken orthodoxer Germanisten sei gesagt, was jedes einfache Gefühl sofort empfindet – neben Stellen von hinreißender Kraft und Schönheit dehnen sich im Nibelungenliede weite Strecken von langweiliger Einförmigkeit. Auch der Inhalt bietet oftmals eine fremdartige, ja feindselige Mischung von altnordischen, deutsch-heidnischen und christlichen Elementen. Die ungeheure Bewegung und leidenschaftliche Wildheit des Stoffes, welchen die epische Form oft kaum bewältigen kann, fordert den Dramatiker ebenso laut zum Nachbilden auf, wie jene Keime verschlungener, eingehender Charakteristik, die sich im Epos nur halb entfalten dürfen. Gründe genug, um in unzähligen modernen Menschen den Wunsch zu erregen, daß die Heldengestalten der alten Sage auf der Bühne erscheinen möchten, wo, nach Hebbels schönem Worte, wo sich die bleichen Dichterschatten röthen wie des Odysseus Schaar von fremdem Blut. Aber wie läßt sich diese ungeheure Fabelwelt dem Verständnis unserer Hörer erschließen? Am nächsten liegt es, durch sorgfältige psychologische Motivierung die alten Recken uns menschlich nahe zu führen. Dieses Weges ist Emanuel Geibel gegangen – und der Erfolg bewies, daß auf solche Weise die finstere Größe des alten Gedichtes gänzlich verloren geht. Wie anders ist Hebbel verfahren! Ein ungeheures Geheimnis bleibt immerdar über den riesigen Gestalten dieser Sage, das keine Kunst unserer helleren Zeit lichten kann. Sollen unsere Hörer an einen Hagen Tronje wirklich glauben, so gilt es nicht, ihn hinabzuziehen in unsere Kleinheit und Feinheit, nein, es gilt, ihn noch reckenhafter erscheinen zu lassen und die Wunder der alten Göttersagen, die im Nibelungenliede schon halb verwischt sind, in voller Pracht zu entfalten. Von vornherein muß der Hörer empfinden, daß er die Welt des hellen, bewußten Verstandes verlassen hat, daß er unter Menschen tritt, die wahllos, zweifellos, wie die Naturgewalten, das Ungeheure tun, die der vollbrachten Untat hart und sicher in die Augen sehen und sie auf sich nehmen wie der Hagen des Liedes, der bei jedem neuen Frevel sich vordrängt und spricht »laß mich den Schuldigen sein.« Diese Erhöhung der Helden fast über das Maß des alten Liedes hinaus hat Hebbel mit bewundernswürdiger Kunst vollzogen. Wie vertraut sind diese Menschen mit aller Heimlichkeit des Naturlebens. Beredt wird ihre Zunge nur, wenn sie sich erzählen von den Geheimnissen des Waldes, von den Seherworten, die aus dem Nixenbrunnen ertönen, von den Wundern des nordischen Eislandes, von jenen Runen, darüber ein Held vergeblich sinnen mag bis an seinen Tod. Wo es zu handeln gilt, gehen sie ans Werk wortlos, sicher, unentwegt; dann und wann bricht aus den geschlossenen Lippen ein Ausruf jenes gräßlich wilden Humors hervor, der sich schon in dem alten Liede findet, wenn es von Volker spricht: »das ist ein rother Anstrich, den er am Fidelbogen hat.« Doch während der Dichter so trotzig allen unseren konventionellen Begriffen ins Gesicht schlägt, ist er um so maßvoller und schonender verfahren, wo er unser sittliches Gefühl zu verletzen fürchten muß. Jener König Gunther, der schon in dem alten Liede eine sehr widerwärtige Rolle spielt und bei jedem Versuche eingehender psychologischer Zergliederung notwendig ekelhaft erscheinen muß, ist von Hebbel mit sicherem künstlerischen Takte in den Hintergrund geschoben worden. Jung und schwach läßt er den grimmen Hagen gewähren, der ihn und seine Brüder ganz beherrscht. Ebenso ist jener nächtliche Ringkampf auf Brunhilds Lager von Hebbel sehr schamhaft behandelt, und wer sich einmal eingelebt in die wunderbare Luft dieses Dramas, wird ohne jeden Anstoß daran vorübergehen. Auch daß Hebbel den ganzen Inhalt des Nibelungenliedes in die dramatische Form umgegossen hat, können wir nur billigen. Denn wenn man so gern auf die attischen Dramatiker verweist, die nur einzelne Katastrophen aus der reichen Fülle der homerischen Gedichte sich auswählten, so will diese gelehrte Vergleichung hier nimmermehr passen. Wie Schuld die Schuld gebiert – dies Fortwirken des Frevels, welches in der ursprünglichen Form der Sage, in dem Fluche, den Andwari über das Gold gesprochen, sogar noch schöner ausgedrückt war, bildet recht eigentlich den Kern der Tragik des Nibelungenliedes. Darum müssen wir sehen, wie Siegfrieds Mörder und ihr ganzes Geschlecht untergehen; eine Vision, welche dies nur andeutete, kann uns nicht genügen. Wer diesen Stoff dramatisch gestaltet, muß verzichten auf die konzentrierte Schönheit des Einzeldramas, er ist gezwungen zur zyklischen Behandlung. Hebbel griff zur Dreiteilung; er läßt auf ein kurzes Vorspiel »Der hörnerne Siegfried« zwei Trauerspiele »Siegfrieds Tod« und »Kriemhilds Rache« folgen. Diese Einteilung ist eben deshalb ein großes künstlerisches Verdienst, weil der Laie meinen wird, sie verstehe sich von selbst. Sie bietet dem Dichter den Vorteil, daß er, ohne je in undramatische Breite zu verfallen, den reichen tragischen Gehalt seiner Fabel wirklich erschöpfen kann. Es gibt einige Stoffe von so unergründlicher tragischer Tiefe, daß sie unserer Seele bei jeder neuen Betrachtung immer neue und immer ergreifendere Situationen enthüllen. Wer hat das Bild von Paul Delaroche »Maria in ihrem Hause in der Nacht nach der Kreuzabnahme« gesehen, ohne im ersten Augenblick zu erstaunen über die Neuheit der Erfindung und im zweiten ihre Notwendigkeit freudig anzuerkennen? Und wenn die Bauern vom Oberammergau ihr Passionsspiel aufführen, was ist es, das diese Tausende während langer Stunden in atemloser andachtsvoller Stille fesselt, den blasierten Großstädter so gut wie die schwäbische Bäuerin, die meilenweit gewallfahrt zu der heiligen Handlung? Es ist nicht bloß die einzige Erscheinung, daß hier die künstlerische Kraft, die in den Tiefen unseres Volkes schlummert, frei und freudig aus dem Verborgenen hervortritt; es ist nicht bloß die erhabene Weihe, welche der Glaube von Millionen über den grandiosen Mythus von der Kreuzigung Christi ausgegossen hat. Noch ein anderer, rein ästhetischer Grund gibt den anspruchslosen Zeilen des alten Dorfschulmeisters eine so mächtig erschütternde Kraft. Jener eine Tag des Todes Christi ist so überschwenglich reich an tragischen Momenten, daß der Nachdichter nicht nötig hat, zu jenen Verkürzungen zu greifen, welche das Drama insgemein verlangt. Stunde für Stunde vielmehr des schmerzensreichen Tages geht in jenem Passionsspiele an uns vorüber. Also hat der Zuschauer den zweifachen Genuß der tragischen Erschütterung und zugleich der vollen ungetrübten Naturwahrheit; denn auch jener letzte Schein des Absichtlichen, der nach Goethes tiefem Worte jedem Kunstwerke anhaftet, verschwindet bei dieser glücklichen Fabel. Einen ähnlichen Moment voll unerschöpflicher Tragik bietet die Nibelungensage in dem Morgen nach Siegfrieds Ermordung, und Hebbel hat verstanden, die Gunst der Fabel auszubeuten. Kein Augenblick des Grausens wird uns erlassen von der Stunde an, da Kriemhild erwacht und der Kämmerling über den toten Mann vor der Tür stolpert, bis zu jener schrecklichen Totenprobe, da der grimme Hagen unerschüttert ruft: das rothe Blut! Ich hätt' es nie geglaubt, nun seh' ich es mit meinen eignen Augen. In solcher Weise ist der fünfte Akt von Siegfrieds Tod das Schönste geworden, was Hebbel je geschrieben. Wenn Hebbel in klarer und berechtigter Absicht das Maßlose, das Reckenhafte seiner Helden in den gewaltigsten Umrissen gezeichnet hat, so war sein Plan doch keineswegs, uns durch das Fremdartige dieser Erscheinungen lediglich in Erstaunen zu setzen. Nein, wir sollen empfinden, dies ist das Geschlecht der Heiden, der Gewissenlosen, das einer neuen reinen Menschheit die Stätte räumen soll. Darum hat er jene Spuren des Christentums, welche in das Nibelungenlied hineinspielen, weiter verfolgt und den Heiden Hagen in grimmiger Feindschaft der Kirche gegenübergestellt. Zuletzt, als die Heiden sich hingemordet, ergreift der Christ Dietrich von Bern das Zepter der Welt »im Namen Dessen, der am Kreuz verblich«. Dies war sicherlich der einzige Weg, um das Entsetzen dieser Fabel zu einem für das moderne Bewußtsein versöhnenden Abschlusse zu führen. Dennoch liegt hier eine Schwäche des Werkes. Die christlichen Elemente treten im Verlaufe der Handlung so wenig hervor, Dietrich selbst greift so wenig in das Spiel ein, daß sein letztes Aufsteigen fast wie ein symbolischer Zug, zum mindesten nicht als eine Notwendigkeit erscheint. Der ruhige gewaltige Alte des Nibelungenliedes ist uns verständlicher als dieser Dietrich, der so befremdlich mitten inne steht zwischen der heidnischen und der christlichen Welt. Gerade vor diesem schönen Drama haben wir aufs neue empfunden, wie ganz eigen unser Volk zu seiner Geschichte steht, wie vertraut und zugleich wie fremd die Jugend unseres Volkes uns erscheint. Jene jugendliche Naivität des Naturlebens, welche sich im Drama schon wegen seiner klaren bewußten Kunstform nur leise andeuten läßt und nur in der Breite des Epos zu ihrem vollen Rechte kommt – sie ist es, die noch heute das Gemüt des Deutschen zu seinen alten Mythen hinzieht. Was aber des Dramatikers eigentliche Aufgabe bildet, das Gemütsleben dieser epischen Zeit, das ist uns in solchem Maße fremd geworden, daß wir dreist behaupten können, ein Trauerspiel aus der französischen oder italienischen Gegenwart dürfe sich heute mit größerem Rechte ein deutsches Trauerspiel nennen als eine Dramatisierung der Nibelungensage. Dem Dramatiker sind, weil seine Kunst gewaltiger als irgendeine andere den ganzen Menschen erschüttert, engere Schranken gesetzt bei der Wahl seiner Stoffe als dem Maler oder dem erzählenden Dichter; und dieser Einsicht voll hat sicher schon mancher moderne Poet der reizenden Versuchung dieser Fabel widerstanden. So gewiß wir beim Hören von Uhlands Ballade »Jung Siegfried« uns willig in die alte Wunderwelt versenken, ebenso gewiß ruft das Drama den Verstand zum schonungslosen Mitsprechen auf. Indem Hebbel seine Recken gänzlich aus der Welt unseres Denkens und Empfindens heraushob, hat er zwar den einzigen Ton angeschlagen, der diesem Stoffe geziemt, doch er hat zugleich verzichtet auf die höchste Lust des Dramatikers, daß die Hörer fortwährend mit seinen Helden leiden und denken, sie treiben oder zurückhalten möchten. Allerdings bietet dies Drama auch mehrere Charaktere, welche uns völlig verständlich sind, namentlich den Charakter der Kriemhild, den nach unserem Gefühle schönsten des Werkes – wie ja auch Shakespeare in dieser alten Sagenzeit mehrere Stoffe von rein menschlichem für alle Zeiten gültigem Gehalte gefunden hat. Aber daneben stehen sehr viele Züge eines halb bewußtlosen Menschenlebens, das »keinen Grund braucht« für sein Handeln, während der heutige Zuschauer sich doch fortwährend im stillen nach den Gründen fragt. Und untersuchen wir, was Hebbel neu geschaffen hat in dem alten Stoffe, so finden wir zwar einzelne überraschend feine Motivierungen, welche das Lied gar nicht oder nur leise andeutet, wir sehen Brunhilds geheime Liebe zu Siegfried, wir erfahren, daß die Eifersucht Kriemhild bewog, ihre Schwägerin zu schelten, und daß der Neid der letzte Grund des Hasses ist, den Hagen gegen Siegfried hegt, aber wir können nicht sagen, die Helden seien uns in dem modernen Drama vertrauter geworden als in dem alten Liede. Unvermeidlich vielmehr treten in dem Drama einige moderne Züge störend hervor. Die alten Recken beurteilen sich gegenseitig mit einer bewußten Klarheit, welche zu ihrem eigenen Tun wenig stimmt; und wenn Brunhild zu Günther spricht: in dir und mir hat Mann und Weib für alle Ewigkeit den Kampf um's Vorrecht ausgekämpft – so offenbaren auch diese Worte ein helles Bewußtsein, das wir der Königin von Isenland nicht zutrauen. Gestehen wir also: wenn uns die Lust anwandelt, uns zu erfreuen an der Größe unserer Sagenzeit, so greifen wir lieber zu dem Nibelungenliede selber als zu dem neuen Drama. Denn in einer Erzählung vergangener Taten nehmen wir vieles arglos und willig hin, was uns in der unmittelbaren Gegenwart des Dramas verletzt, und während die Mängel des alten Liedes uns nur wie das Blei erscheinen, worein die Natur das Silber verborgen hat, machen die Mängel des modernen Wecks den Eindruck einer fremden künstlichen Zutat. Der Dichter hat das mögliche geleistet, aber er hat gewisse Bedenken nicht überwinden können, welche notwendig gegeben sind durch die ungeheure Kluft, die unser Empfinden von dem Seelenleben der epischen Tage trennt. So war dem kräftigen Manne doch gelungen, das Echte seines Wesens der Mitwelt zu offenbaren, und auch sein letztes Werk gab ein Zeugnis von der Läuterung dieses Geistes. Er nahm die Fabel des Schillerschen Demetrius wieder auf; doch Schillers Drama einfach fortzusetzen kam ihm nicht bei: »ich könnte ebensogut da zu lieben anfangen, wo ein Anderer aufgehört hat.« In seinen jungen Jahren wäre ihm unzweifelhaft der verzwickte Charakter eines tugendhaften Betrügers ein reizender Vorwurf gewesen; jetzt stand er anders zu den sittlichen Fragen. Sein Sinn war jetzt so ganz auf das einfach Edle gerichtet, er empfand so lebhaft die Gemeinheit, die in jedem Betrüger liegt, daß ihm sogar Schillers Idealismus nicht mehr genügte. Schiller wäre, erklärte er oft, mit seinem Betrüger nicht zu Ende gekommen. Er faßte den Demetrius als den Betrogenen, der erst ganz zuletzt, da er nicht mehr zurück kann, seine eigene Schuld erfährt, und stellte den Usurpator so rein und edel hin, daß ich fast zweifle, ob nicht das vollendete Wert an dramatischem Interesse ebensoviel verloren hatte, als der Held an Tugend gewann. Hebbels realistischer Sinn zeigt sich diesmal nur in der drastischen Schilderung des slawischen Volkslebens, die unser deutsches Gefühl fremdartig berührt. Überhaupt liegt über dem tief durchdachten Werke eine seltsame Kälte; unter den vielen, welche sich an dieser erhabenen Schicksalstragödie, versucht haben, reicht keiner an Schillers feurige schwungvolle Weise heran. Das Gedicht abzuschließen war dem Dichter nicht vergönnt. Eben jetzt begann die Welt dem lange Verkannten zu danken, da warf ihn eine tödliche Krankheit nieder. Er hörte noch auf dem Krankenbette, seinen Nibelungen sei der große Berliner Dramenpreis zuerkannt worden. Die Antwort, die er dem Boten gab, ist wie der letzte Pinselstrich zu dem Charakterbilde des düsteren schwerkämpfenden Mannes, der die helle Lust am Leben niemals ganz gekostet hat. Er sagte trüb: »Das ist Menschenloos, Bald fehlt uns der Wein, bald fehlt uns der Becher.« –