Ludwig Bechstein Deutsches Sagenbuch Mit sechzehn Holzschnitten nach Zeichnungen von A. Ehrhardt Herausgegeben von Dr. Karl Martin Schiller Im F. W. Hendel Verlag zu Meersburg und Leipzig 1930 Vorwort   Et prodesse volunt et delectare poetae   Dem deutschen Volke übergebe ich dieses mit voller Liebe geschriebene Buch als ein treues Vermächtnis, dem deutschen Volke, und zumal seiner reiferen Jugend. Möge des Buches Inhalt nützen und erfreuen, anregen und beleben, für das Heimische Neigung wecken und wach erhalten helfen! Die Sage ist eine fromme Erhalterin und Nährerin der Heimat- und Vaterlandsliebe, ein ureigenstes Gut des Volkes; sie treu zu pflegen ist den zu solcher Pflege Berufenen eine heilige Pflicht. Es kann zwar nicht fehlen, daß auch die Sage, wie alles Gute und Schöne, ihre Widersacher, Verspotter und Verächter hat, es hat sich aber alle Verhöhnung und Nichtanerkennung tiefgewurzelter Eigentümlichkeiten einer Nation stets als haltlos und bestandlos erwiesen. Eine reichhaltige Sammlung deutscher Sagen wird hier dargeboten, wie noch keine gleiche vorhanden, eine vollständige nicht. Ein vollständiges deutsches Sagenbuch ist so wenig herzustellen als ein einiges deutsches Reich; aber wer nicht das Unmögliche will, kann bei gutem Wollen, bei Geschick und Ausdauer viel Nützliches schaffen und Ersprießliches zu Tage fördern. Ich mußte mich bei dem vorliegenden Buche, je mehr die Sagenfülle quoll und zuströmte, um so mehr beschränken. Im Hinblick auf die vorhandene Anzahl deutscher Sagen und die Zahl der hier aufgenommenen könnte ich sagen, daß ich nur einen Zweig des deutschen Sagenbaumes abgeerntet, wenn nicht jeder Vergleich hinkte. Die erwähnte überreich zuquellende Sagenfülle nötigte denn auch, so ungern es geschah, auf den großen Sagenreichtum des österreichischen Kaiserstaates vorläufig zu verzichten. Da ich aber bereits in früheren Jahren schon zu einem österreichischen Sagenschatz, dessen Erscheinen indes ungünstige Verhältnisse bald einstellten, zahlreiches Material gesammelt habe, so bleibt vorbehalten, mit einer Österreich umfassenden Sammlung hervorzutreten, sobald der Erfolg der vorliegenden dazu ermutigt. Es sei vergönnt, über das Sagensammeln hier ein Wort zu sagen; leider gibt sich an dieses gar manche unberufene Hand, die jener Hand von Ährenlesern gleicht, welche aus den Garben rauft, die zu Mandeln gehäuft noch auf dem Acker stehen, und da erntet, wo sie nicht gesäet hat. – Wir alle, die wir dieses Gebiet anbauen, können nicht der Schriftquellen, nicht der Bücher entraten, aber die Quellenangabe beschönigt und rechtfertigt noch keineswegs den offenbaren Nachdruck, der von vielen literarischen Langfingerern behufs sogenannter Auswahlen und Mustersammlungen ausgeübt wird, die sorglos und mühelos anderer Fleiß und Talent und ihrer Verleger Kosten ausbeuten. Der Sagensammler muß sich neben seinen Schriftquellen doch auch durch Gebirg und Wald und Flachland selbst in etwas bemüht, irgend einige Sagenblüten gefunden, einige schöne Steine zum großen deutschen Sagentempelbau selbst herbeigetragen haben, irgend etwas von ihm Neugefundenes vorzeigen, sonst ist er ein Tropf und nicht ebenbürtig, mitzuringen auf dieser olympischen Arena. – Auf mein eignes Leben warf schon frühzeitig der Sage süßer wunderbarer Reiz seine Morgenstrahlen. Als Jüngling wanderte ich in einem sagenreichen Gau Thüringens umher und freute mich am Duft der schönen Wunderblume Poesie. Ilm und Gera, die Fluren von Arnstadt und Erfurt, der Drei Gleichen nachbarliche Burgen und sagendurchklungene Haine boten in Fülle ihren Stoff, doch lange nachher lernte ich der Sagen Geheimnis, ihren ganzen Zauber, erst recht erkennen, und lernte daran niemals aus. Ich sammelte anfangs mehr ins Gemüt als in Bücher, versuchte nur schüchtern, die Sage in poetisches Gewand zu kleiden, und stand später davon ab, als ich durchfühlen lernte, daß der Dichter ihr nur selten wohl tut, wenn er bemüht ist, sie zu schmücken, obschon er dies letztere zu tun vollberechtigt ist. In den Sagensammlungen der Länder Thüringen und Franken, welche zwar Beifall, aber bis jetzt noch nicht die längst vorbereiteten Fortsetzungen fanden, betrat ich den von den Brüdern Grimm vorgezeichneten Weg schlichter einfacher Darstellung und Wiedergabe, sowohl des Chronikenstoffes als jenes dem Volksmund selbst entnommenen. Ich bin den Sagen viel und lange nachgegangen und nachgezogen; im Thüringerwalde kenne ich so ziemlich jeden Weg und Steg; ich überwanderte Harz und Riesengebirge, Rhön und Spessart; ich stand auf dem Aachener, auf dem Kölner Dom und auf dem Straßburger Münster; des Neckars, des Lech, des Rhein- und Mainstromes wie der Donau Wellen hab' ich fließen sehen. Ich hörte den Bach der Reismühle rauschen, der von Karl des Großen Geburt erzählt, und umwandelte des Untersbergs und des Watzmann sagenreiche Hochgipfel. Vielleicht sieht mancher diesem Buche die Quelle eigner Wahrnehmung an, die am Ende noch mehr wert ist als die Quelle trockner Schriftüberlieferung. Letztere nun bei jeder Sage anzuführen, erschien mir für meinen Zweck dieses Mal nicht nötig; wer die Quellen für den wissenschaftlichen Zweck braucht und sucht, findet sie bereits in Grimms und vielen andern Sammlungen, und da, wo ich Selbstgefundenes mitgeteilt, jedesmal durch ein »mündlich« den Leser mit der Nase darauf zu stoßen, daß er meinem Findeglück diese Sage verdanke, dürfte wohl allzu eitel erscheinen. – Bei dem Umfange, der dieser Sammlung zugedacht wurde, und der sich noch während des Drucks über das anfangs gesetzte Ziel erweiterte, galt es zunächst, sich klar zu werden über Anlage und Gliederung, und nach reiflichem Überlegen, ob chronologisch nach Mythe und Geschichte, ob nach Ländern oder Stromgebieten, nach Gebirgszügen usw. die Sammlung anzulegen sei – wurde sich für die Form einer idealen Sagen-Wanderung entschieden, die keinen Schlagbaum und keine politische Grenze kennt, keine Paßkarte braucht, nötigenfalls gleich Eppela von Gailing einen tüchtigen Sprung nicht scheut und von einem Völkergebiet in das andere schreitet, das jedem dieser Gebiete hauptsächlichst Eigene vor Augen bringt. Enge Landesgrenzen beachtete ich, wie der Leser sieht, auf dieser Wanderung keinesweges. Die Sage ist patriotischer wie die Politik; sie gibt nichts her von Deutschland, sie läßt von ihrem heimischen Gebiet nicht rupfen und zupfen im Süden, Westen, Norden und Osten; sie behauptet und verteidigt, was einmal deutsch ist, und hält es eisern fest. Die Wanderung beginnt am Ursprung des Rheins, folgt des letzteren Strömung durch das Schweizerland, streift in das Elsaß, berührt die Pfalz, die Wetterau, das Moselland, Lothringen und Luxemburg; steigt zum Niederrhein und Niederland hinab bis Friesland, grüßt Helgoland und das alte Dithmarschen, durchgeht Schleswig und Holstein, Mecklenburg und Pommern, West- und Ostpreußen mit ihren Ostsee- und Bernsteinküsten, und dann läßt sich der Wanderer auf den Flügeln der Kobolde von der russischen Grenze schnell hinweg in das Lüneburger Land tragen. Auf Westfalens roter Erde durchschreitet und durchkreuzt er ein sagenreiches Gebiet, bis er abermals den Schritt ostwärts lenkt, um die Marken zu durchirren. Von da zieht es ihn wieder zurück nach dem westfälisch-hessischen Boden, nach des Harzwalds Bergen und Burgen, nach des Kyffhäusers Gipfel. Dann aber lenkt sich der Schritt in das Thüringerland, der Blick in Thüringens sagenreiche Frühzeit, auf seine gefeiten Hochgipfel, seine von Sagenwundern durchrauschten Wälder, seine Klostertrümmer und Geisterschlösser. Das nachbarliche Vogtland erschließt seine Welt voll mythischen Zaubers, und Gera, Ilm und Saale führen zu dem thüringischen Flachland, das an Sachsen angrenzt. Die sächsischen Ebenen gewähren ihre Ausbeute, welche, sobald erstere verlassen werden, das Erzgebirge wie das Riesengebirge in noch reicherer Mannigfaltigkeit erschließen. Bis in des deutschen Böhmens Herz, die uralte Praga, erstreckt sich die Wanderung und wendet dann, um, vom Fichtelgebirge niedersteigend, fränkischem Boden zu nahen, dem Laufe der Werra durch heimisches Gebiet bis wiederum auf hessisches zu folgen, vom Hessenlande aus das Rhöngebirge zu besteigen und von diesem herab Mainstrom und Spessartwald ab und auf zu befahren. Von Bamberg nach Nürnberg läßt sich schnell gelangen, im Fluge ist Regensburg erreicht, zu dessen östlichem Stromgelände der Böhmerwald sich niedersenkt. Durch des Bayerlandes Gauen mitten hindurch geht es stracks nach Schwaben und durch Schwaben noch einmal westlich bis zur Pfalz und nach Baden, wo die letzte Umkehr genommen wird, um durch Südschwaben und Südbayern nach den Ufern des Lech und der Isar zu gelangen, von da zum Hochland emporzusteigen und vom südlichsten Endpunkt, wie beim Beginn auf Alpenhöhen, in die steinernen Meereswogen Österreichs hinüber zu grüßen: Auf Wiedersehen! – Auf dieser Wanderung nahm ich gern gründliche und gediegene Sagensammler zu freundlichen Geleitsmännern, deren Namen ich nur zu nennen brauche, um der Aufzählung von Büchertiteln überhoben zu sein. Voran stehen mit vollem Recht die Brüder J. und W. Grimm; es folgen K. Simrock und A. Stöber für Rhein und Elsaß, J.W. Wolf für die Niederlande, K. Müllenhoff für Schleswig-Holstein und Lauenburg, J.W.A. v. Tettau und J.D.H. Temme für Ost- und Westpreußen und Litauen, J.D.H. Temme und A. Kuhn auch für die Marken. Wo ich selbst am besten Bescheid wußte, bedurft' ich keiner Führer. Für Baden sorgte treulichst B. Baader, für Schwaben G. Schwab, und nach ihm E. Meyer, für Bayern A. Schöppner, letzterer nur mit zu vielem Ballast von Balladen und Romanzen, die an ihrem Ort wohl erfreuen mögen, und auch in ausschließlich metrischen Sammlungen, wie die allgemeindeutschen A. Nothnagels, H. Günthers, A. Kaufmanns für Franken u.a. gut beisammen stehen, aber in Sagensammlungen wie die vorliegende nicht gehören. Daß neben den genannten noch viele andere Werke benutzt werden mußten, Provinzsagensammlungen, Chroniken, Topographien u.dgl., versteht sich von selbst. Auch dem vogtländischen altertumsforschenden Vereine zu Hohenleuben verdanke ich schätzbare Beiträge. Keinen einzigen Gewährsmann habe ich geradezu abgeschrieben, weder die neuen, noch die alten, denn das erachte ich für eine gar geringe Kunst. Kinderleicht ist es, ein Buch zu füllen, wenn man wörtlich abdrucken läßt, was andere bereits drucken ließen. Nur wo ich Sagen in Dialekten in das Hochdeutsche zu übertragen hatte, übertrug ich meistens treu, um ihre Spitzen nicht abzustumpfen; außerdem habe ich jede Sage zu meinem Eigentum gemacht und sie nach meiner Eigentümlichkeit wieder neu erzählt; nur aus eignen, früher von mir selbst veröffentlichten Sagensammlungen nahm ich einzelne wörtlich wieder auf, und auch diese nicht ohne Feile. Ob ich den rechten Ton traf, wird sich zeigen. Einfachheit im Ton der Erzählung ist beim Wiedergeben der Sagen unerläßliche Bedingnis; keine novellistische, romanhafte Verwässerung, keine blümelnde Schreibweise steht der Behandlung der Sagen an, wo diese Selbstzweck ist – wohl aber darf der Erzählungston wechseln je nach dem Stoff, ja selbst nach der Zeit, der dieser Stoff angehört; er darf streng, herb und derb, romantisch, lustig, kernhaft, nicht minder idyllisch, rührend und erschütternd sein. Der Sagenerzähler muß wissen, welche Tonart er anzuschlagen habe; eine nach vorgefaßter Meinung bestimmte von ihm zu fordern, dazu ist keine Berechtigung vorhanden. Über einen Leisten läßt sich nicht alles schlagen. Die Sagen können so wenig eines Schriftstiles sein wie Häuser und Kirchen eines Baustiles. Das Einerlei ermüdet, und leicht wird ein frischer Geist des trockenen Tones satt. Viele Sagen sind so durch und durch voll Humor, daß ernste Erzählungsweise sie töten hieße – darum ward zum öftern die heitere vorgezogen. Metrisch bearbeitete Sagen in Prosa aufzulösen trug ich die größte Scheu und habe es nur einigemal getan; einmal beim alten Tannhäuserlied, dann bei Nr. 81, Der wilde Jäger, nach Bürgers Gedicht, weil dessen Ursprung ausschließlich in der bezeichneten Gegend zu suchen ist, bei Nr. 174, Die Schlacht auf dem Tausendteufelsdamme, nach einem Gedicht von Th. Fontane, und endlich bei Nr. 966, Eines Vaterunsers Wert, nach einem Gedicht von Th. Holscher (bei Schöppner), weil mir beide letztere Stoffe ausnehmend wohl gefielen, und namentlich auch die poetische Behandlung. Manche Sage, die ich allzudürftig auffand, konnte ich erweitern, aus Kenntnis ihrer Örtlichkeit oder aus andern schriftlichen und mündlichen Quellen, manche andere mußte ich kürzen und auf das rechte Maß zurückführen. Viele Sammlungen, ich will nur K. Geibels Rheinsagen und Lübecks Volkssagen von H. Asmus nennen, waren wenig zu benutzen, weil das meiste darin zu eigenmächtig ausgeschmückt, fast novellistisch erweitert ist. Vornehmlich galt es auch, die spät erst gemachte Sage links liegen zu lassen, welche die Reisehandbücher, besonders die den Rhein betreffenden, so häufig bieten. Außerdem fand ich noch mancherlei Beschränkung geboten. Die zahlreichen Sagen von geraubten Hostien, geschlachteten Christenkindern und dergleichen durch Juden habe ich mit Absicht nicht aufgenommen. Wenn sie auch nicht alten Haß nähren helfen, so verletzen sie doch und widerstreiten so gleichsehr dem christlichen wie dem ethischen Prinzip. Dieses Sagenbuch soll im besten Sinne ein Volksbuch sein und werden, daher ist die Fassung keine altdeutsch-mythologisch-gelehrte, um so mehr ist dennoch auf das hochwichtige mythologische Element in den deutschen Volkssagen mit allem Fleiße Rücksicht genommen worden, wie es noch im Bewußtsein des Volkes lebendig ist. Was aber dem deutschen Volksbewußtsein in der Gegenwart, ja selbst dem deutschen Lande allzufern liegt, wie die Stammsagen von Ost- und Westgoten, Vandalen, Hunnen, Longobarden, Herulern, Gepiden usw., das habe ich hier unberücksichtigt gelassen. Sparsam war ich mit Absicht in Aufnahme mythischer Heldensage, die in alt- und mittelhochdeutschen Gedichten gefeiert wird; auch sie ist noch immer nicht klar in das Volksbewußtsein getreten, die Literatur und die Schuldoktrin haben sie noch nicht mit dem Leben der Gegenwart vermittelt, und besonders zeigt letztere zu solcher Vermittelung noch keine rechte Neigung. Ebenso sparsam war ich in Aufnahme der Heiligensage (Legende) und endlich in der Gespenster- und Hexensage, die sich allenden wiederholt. Die letztere namentlich hat J.W. Wolf in seinen Niederländischen Sagen mit wahrer Vorliebe behandelt. Trefflich ist auch dessen Sammlung deutscher Märchen und Sagen, Leipzig 1845, insonderheit für Niederdeutschland. In gleicher Weise sammelte E. Meyer für Schwaben auf das fleißigste und dankwerteste, und es konnte seine Sammlung vorzugsweise für das mythologische Gebiet in Schwaben der meinigen zur Benutzung dienen. Wenn bei einigen Stoffen das Gebiet der Sage fast verlassen wurde, so geschah dies einesteils, um auch die Übergänge anzudeuten, wo Märchen und Sage sich begegnen und geschwisterlich umschlingen, so bei Nr. 333, Die Spinnerin im Mond, bei Nr. 385, Die Zwergensage, mit der auch im Kindermärchen vorkommenden Namensauskundschaftung, und bei einigen andern, wo die märchenhafte Färbung vorwaltet, andernteils aus andern bestimmten Gründen. So war bei Nr. 470, Das Mysterium, daran gelegen, doch endlich einmal dies fernliegende dramatische Rätsel, diese großartigste deutsche Opera seria alter Zeit, über welche die Literatur der Schauspielkunst bis heute noch nichts Rechtes beizubringen wußte und die Mitteilungen der thüringischen Chroniken so äußerst dürftig beschaffen sind, dem Auge etwas näher zu rücken, um zu zeigen, wie dieses Mysterium denn eigentlich beschaffen war, und damit neben der Sagenkunde der Sittenkunde zu nützen, denn beide müßten eigentlich stets Hand in Hand gehen. Ob diese, wie ich fest glaube, auf thüringischem Boden, wohin die fehlerhafte dialektische Schreibart deutet, geborene Mysterie älter oder jünger wie die, mit deren Bruchstücken Karl Ludwig Kannegießer seine Gedichte der Troubadours, Tübingen 1852, eröffnet, ist hier nicht der Ort zu untersuchen. Mone erwähnt ihrer in seinen altdeutschen und mittelalterlichen Schauspielen nicht. Dieses ernste Singspiel war voll dramatischen Lebens, voll Pomp und Herrlichkeit, voll Leidenschaft, voll erschütternder Wirkung, voll plastisch-mimischer Bildergruppen und ganz gewiß wunderbar schön, wenn auch ohne Virtuosentriller, ohne Ballett und ohne Tamtam. Wie im allgemeinen zu vermeiden ist, allzu Fremdländisches in heimische Kreise zu ziehen, so ist auch zu vermeiden, das Heimische zu verwirren und nicht Zusammengehörendes zu verschmelzen. So hat in unsern Zeiten die Poesie mit ihrer berechtigten Freiheit den Tannhäuser mit dem Wartburgkrieg in Verbindung gebracht, in Gedichten, in Dramen, in der Oper. Die Sage wie auch die Chroniken kennen diese Verbindung nicht, so wenig wie die Geschichte der Poesie sie kennt. Der Wartburgkrieg und die Tannhäusersage liegen geschichtlich ziemlich weit auseinander. Die erwähnte berechtigte Freiheit der Poesie aber darf sich die letztere dennoch von keinem nehmen oder verkümmern lassen; ihr muß es freistehen und wird es ewig freistehen, Sagenstoffe zu erfassen, zu schmücken, zu verherrlichen, nur darf von dem, der solches tut, gefordert werden, daß er dazu berufen sei. Mir erscheint in dieser Beziehung die Sage wie ein alter gleichzeitig kolorierter Holzschnitt auf Pergament oder ein Miniaturbild. Der Unberufene, der solche Bilder zu verschönern gedenkt, wird mit breitem Pinsel des Bildes edle Züge und Farben verwaschen, der Berufene wird mit seinem Pinsel dunklere Stellen mit leichtem, dauerbarem Golde höhen. Da jede Sage mehr Dichtung als Wahrheit ist, so haben die Dichter eigentlich an sie mehr Anrecht als die Forscher und die Wissenschaft, denn die Poesie gleicht dem Sternenhimmel über der dunkeln Erde. – In Berücksichtigung der vielen Sagen innewohnenden Volkstümlichkeit wurde auch mit Vorliebe der Spott- und Neckelust, der Lalenstreiche und veralteter, nun wohl meist abgekommener volkstümlicher Rechtsbräuche in Schimpf und Ernst gedacht – wie die Nrn. 61, 190, 341, 646, 716, 739, 771, 773, 802, 810, 830, 835, 870, 871, 874, 947-951 dartun, und wurde selbst manches der Sprache abhanden gekommene echt deutsche Wort wieder in sein Recht eingesetzt, auch überhaupt manche Hindeutung, mancher Fingerzeig gegeben, der einem und dem andern vielleicht nicht unwillkommen sein wird. Ferner wurde mit gutem Grunde Rücksicht auf die Verwandtschaft der Sagen untereinander durch einfache Hinweisung genommen. Hierin bleibt der Sagenforschung noch eine wichtige Aufgabe; die Verwandtschaft der Sagen geht häufig bis zur Zwillingsschwesterschaft; es sei nur an die Gangolfsbrunnen in Burgund und in Franken erinnert, Sagen Nr. 139 und 768, an die Doppelehe in Preußen und in Thüringen, Nr. 338 und 598, an die Kinderzüge, -tänze und -andachten Nr. 588, 647, 879, wie an die Kinderhinwegführung durch den Rattenpfeifer von Hameln, Nr. 294, und den Teufelsgeiger im Brauschtal, welche letztere Sage August Stöber in seinen Sagen des Elsasses, St. Gallen 1852, unter Nr. 160 mitteilt, so auch an die drei Auflagen Nr. 280 und 754. Es bedarf kaum noch der Erwähnung, daß die Sagenkunde jetzt bereits so gut auf den Standpunkt einer Wissenschaft gehoben ist als jede andere Hilfswissenschaft der Geschichte, als Denkmal-, Wappen-, Siegelkunde usw., und dabei ist sie eine ungleich lebendigere, denn sie nimmt nicht nur vom toten Stein, Schild und Wachs, sondern auch vom immerlebenden Mund des Volks ihre Zeugnisse. Aber leider entzieht die moderne Aufklärsucht mehr und mehr dem Volke seine Wunderblumen, jätet seine Poesie aus mit Stumpf und Stiel und reicht ihm dafür unter dem Namen des Apfels vom Baume der Erkenntnis den aschevollen Sodomsapfel sogenannter politischer Reife und den beißenden Rettich der Verhöhnung alles Gemütvollen, Edlen und Schönen, allen Glaubens und aller Treue. Darüber ließe noch vieles sich anführen und sagen, doch müßte ich nur das mannigfache Gute, was über Sagenforschung und dahin Einschlagendes in den Einleitungen der Grimmschen, der Wolfschen, der Müllenhoffschen, der Tettau-Temmeschen, der E. Meyerschen und andern Sammlungen gesagt ist, wiederholen. Auch A. Schöppner entwickelt in der Einleitung zu seinem Sagenbuch der bayrischen Lande viel Wahres und Beherzigenswertes über diesen Punkt. Möge die neu erwachte Pflege der deutschen Sagenblumen in strengwissenschaftlicher wie in schönwissenschaftlicher Beziehung, in ihrer Echtheit und geschmückten, ungeschminkten Einfachheit mehr und mehr Freunde finden und Boden gewinnen! Sie verdient es, und sie lohnt es durch geistigen Genuß. Welchen Bilderreichtum bietet sie nicht dem Dichter, dem zeichnenden wie dem plastischen Künstler dar, welch eine reiche Stoffülle! Ja, die deutsche Sage bleibt ein fort und fort frischquellender Goldborn für Poesie und Kunst, und – was noch höher zu achten, sie bleibt trotz allem Hohnlächeln der Neugescheiten, allem Gegenbemühen, allem Abschleifen und Verflachen und trotz der verkehrten Aufklärungssüchtelei der seminaristischen Afterschulbildung wie der konsistorialen und polizeilichen Bevormundung eine frischlebendige, unverwüstliche, sittliche und sittigende Volkskraft. Meiningen, am 24. November 1852. Ludwig Bechstein. *   Erste Sage. Vom deutschen Rheinstrom Heilige Wasser rinnen von Himmelsbergen – singt die Edda, das uralte Götterlied, so auch der Rhein, des deutschen Vaterlandes heiliger Strom, rinnt vom Gottesberge (St. Gotthard), aus Eispalästen, aus dem Schoße der Alpen nieder, als Strom des Segens. Schon die Alten sagten von ihm: Die Donau ist aller Wasser Frau, doch kannf wohl der Rhein mit Ehren ihr Mann sein – und die Urbewohner der Stromufer erachteten seine Flut für also wunderbar, daß sie neugeborene Kinder ihr zur Prüfung echter oder unechter Geburt übergaben. Rechtmäßige Abkömmlinge trug die Stromflut sanft zum Ufer, unrechtmäßige aber zog sie mit ungestümen Wellen und reißenden Wirbeln als ein zorniger Rächer und Richter der Uneinigkeit unter sich und ersäufte sie. Andere Anwohner brachten dem heiligen Strome ihr Liebstes, Pferde, zum Opfer dar. Durch Hohenrätiens Alpentalschluchten stürzt sich der Rhein mit jugendlichem Ungestüm, frei und ungebunden, umwohnt von einem freien Bergvolke, das in Vorzeittagen hartlastende, schwerdrückende Fesseln brach. Da zwang ein Kastellan auf der Bärenburg die Bauern, mit den Schweinen aus einem Trog zu essen, ein anderer zu Fardün trieb ihnen weidende Herden in die Saat, andere übten noch andere Frevel. Da traten Hohenrätiens Männer zusammen. Alte mit grauen Bärten, und hielten Rat im Nachtgraun unter den grauen Alpen. Auf einer felsenumwallten Wiese ohnfern Tovanosa will man noch Nägel in den Felsenritzen erblicken, an welche die Grauen, die Dorfältesten, ihre Brotsäcke hingen. Und dann tagten sie in Bruns vor der St. Annenkapelle unter dem freien Himmel, unter der großen Linde, nach der Väter Sitte, und beschwuren den Bund, der dem alten Lande den neuen Namen gab, den Namen Graubünden, und daß der Bund solle bestehen, solange Grund und Grat steht. Davon gehen im Bündnerlande noch alte Lieder. – Kaiser Maximilian nannte scherzweise den Rheinstrom die lange Pfaffengasse, wegen der zahlreichen und hochberühmten Bistümer und Hochstifte an seinen Ufern, und nannte Chur das oberste Stift, Konstanz das größte, Basel das lustigste, Straßburg das edelste, Speier das andächtigste, Worms das ärmste, Mainz das würdigste und Köln das reichste. *   2. Des Schweizervolkes Ursprung In alten Zeiten, bevor noch das Schweizerland bevölkert und bebaut war, saß ein starkes und zahlreiches Volk in Ost- und Westfriesland und im Lande Schweden, und kam über dieses Volk große Hungersnot und leidiger Mangel. Da beschlossen die Gemeinden, weil der Menschen bei ihnen zu viel, daß von Monat zu Monat eine Schar auswandern sollte, und sollte die das Los bestimmen. Wen es treffe, der müsse fort bei Strafe Leibes und Lebens, ob hoch oder niedrig, und mit Weib und Kindern. Als dies immer noch nicht fruchtete und dem Mangel steuerte, so ward fernerweit beschlossen, daß jede Woche der zehnte Mann ausgeloset werden und hinwegziehen solle. So geschah es, und zogen an die sechstausend Schweden fort und zwölfhundert Friesen mit ihnen, und ernannten sich Führer. Deren Namen waren Suiter, Swey und Josius, noch andere Restius, Rumo und Ladislaus. Sie fuhren auf Schiffen den Rhein hinauf und hatten unterwegs manchen Kampf zu bestehen; endlich kamen sie in ein Land, das hieß das Brochen- oder Brockengebirg (wie es auch im Harzwald einen Brockenberg hat), allda bescherte ihnen Gott Wonne und Weide, und sie bauten sich an und verteilten sich in das Land, wirkten und schafften. Ein Teil zog ins Brünig (Bruneck), ein anderer an die Aar. Ein Teil Schweden, die aus der Stadt Hasle (gehört jetzt dem Dänen) stammten, die erbauten Hasli und wohnten darin unter ihrem Führer Hasius. Restius erbaute die Burg Resty bei Meiringen und wohnte allda, Swey und Suiter gaben der Schweiz und dem Volke den Gesamtnamen. Auch das Bernerland gewannen sie, waren ein treu und gehorsam Volk, trugen zwilchne Kleider, nährten sich von Fleisch, Milch und Käse, denn des Obstes war damals noch nicht viel im Lande. Sie waren starke Leute, wie die Riesen, voll Kraft, und Wälder auszureuten war ihnen so leicht wie einem Fiedler sein Geigenbogen. Davon gehen noch alte Lieder, die sagen aus, wie ihrer ein Teil unter dem Führer Ladislaus und Suiter gen Rom gezogen und dem römischen Kaiser tapfer beigestanden gegen hereingebrochenes Heidenvolk, und wie beide Führer vom Kaiser Feldzeichen empfangen, Adler und Bären, ein rotes Kreuz, und auf der Krone des Aaren ein weißes, und haben dann diese Zeichen nach der neuen Heimat getragen. Immer noch erzählen sich auf ihren Bergen die Alpenhirten, wie die Vorfahren im Lande gezogen und wie die Berge eher bewohnt gewesen als die Täler. Erst ein späteres jüngeres Geschlecht habe die Talgründe bebaut, wie das auch in andern Bergländern geschehen ist. *   3. Sankt Gallus Schon in frühen Zeiten drang das Christentum in das rätische Gebirge. Ein britischer Königssohn, Ludius mit Namen, soll über Meer gekommen sein und diesem Lande zuerst das Evangelium gepredigt haben. Nach ihm heißt noch ein Gebirgspfad zwischen Graubünden und der Herrschaft Vaduz (Fürstentum Liechtenstein) der Ludiensteig. Nach ihm kamen die Apostel Rätiens und Helvetiens, Sankt Gallus und seine Gefährten Mangold und Siegbert, ersterer der Sohn eines Königs in Schottland, mit dem heiligen Columban an den Bodensee, zerstörten die Götzenbilder und brachen das Heidentum. Sie wohnten als fromme Einsiedler in Hütten, heilten Kranke und predigten das Evangelium. Ein alemannischer Herzog, Gunzo, wohnte in Überlingen, damals Iburinga genannt, dem war die Tochter schwer erkrankt; der heilige Gallus heilte sie, und dafür schenkte ihm und seinen Gefährten Gunzo ein großes Waldgebirge zum Eigentum, in welchem sie sich nun besser anbauten. Aus diesem ersten Anbaue ist die hernachmals so berühmte und herrliche Abtei Sankt Gallen geworden, welche einer Stadt und einem ganzen Lande den Namen gegeben. Aber St. Gallus blieb, als er noch im irdischen Leben wandelte, nicht beständig in seiner Einsiedelei, er stieg, als die Abtei St. Gallen schon begründet war, der Sitter entlang höher empor und erbaute sich an geeignetem Ort eine neue Zelle, das Hirtenvolk zu bekehren. Diese nannte das Volk des Abten Zelle, daraus ist der Name Appenzell entstanden. Das Hirtenvolk nahm auch willig das Christentum an, als aber später die mächtige Abtei dasselbe in seiner Freiheit bedrohte, erhob es sich zum Kampfe. Der Abt von St. Gallen suchte Hülfe bei Österreich, da saß aber droben auf der festen Burg Werdenberg ein edler Grafensohn, Rudolf von Werdenberg, der hielt zu den Hirten des Appenzeller Gebietes und führte sie zum Kampfe gegen St. Gallen. Am Stoß geschah eine heftige Schlacht, lange schwankte der Sieg, plötzlich kam über den Berg herüber eine großmächtige Schar Kriegsvolk den Hirten zu Hülfe – als die Feinde der Appenzeller diese erblickten, flohen sie eilend vom Schlachtfeld. Es waren aber die Hülfsvölker, die sich gezeigt und durch ihren Anblick von weitem den Feind hinweggeschreckt, keineswegs Kriegsmänner, sondern der Hirten Weiber und Töchter in männlicher Tracht gewesen. Seitdem blieb das Ländlein Appenzell mitten im St. Galler Lande ein eigenfreies und regierte sich selbst. *   Die St. Galler Mönche erbeten Wein 4. Die St. Galler Mönche erbeten Wein In der stattlichen Abtei St. Gallen war große Sorge um den lieben Wein. Es war eben ein durstiges Jahr gewesen und lange Jahre nichts Erkleckliches nachgewachsen; nur noch zween Ohmfässer lagerten voll in dem großen Abteikeller, die reichten voraussichtlich nicht mehr weit, und dann wäre den frommen Vätern eine weinlose, schier schreckliche Zeit gekommen. Da wendete Gott das Herz eines frommen und heiligen Mannes, des Bischof Adalrich in der alten Stadt Augsburg, daß er den nicht weniger frommen Vätern zu St. Gallen ein ganzes Stückfaß voll Wein in ihre Abtei verehrte. Da kam aber die Nachricht nach St. Gallen, das Faß sei unterwegs im Rhein ertrunken, der Fuhrmann habe auf der steilen Brücke über den Fluß in der Nähe des Bodensees die Pferde allzuhart angetrieben, da sei die Achse gebrochen und das Faß hinab in den Strudel gestürzt. Das war ein Schrecken! Ohne Säumen berief der Abt den Konvent, und bald wallte eine lange Prozession mit Kreuz und Kirchenfahnen und Heiligenbildern von St. Gallen herab, sang und betete und kniete am Strudel, und die Küper des Klosters suchten mit Stricken das Faß zu fahen, das glücklicherweise noch unversehrt war und im Strudel tanzte. Wäre der Strudel nicht gewesen, so wäre das Stückfaß längst in den Bodensee geflossen, und ward allda ersichtlich, wozu manchmal ein Strudel gut ist. Nach mancher Mühe gelang es unter Gebet und Fürbitte der lieben Gottesheiligen, das Stückfaß an den Strand zu ziehen, und nun wurde es bekränzt und im Triumphe nach der Abtei geführt, allwo ein Dankfest mit einem Te Deum laudamus und vielen Trankopfern gefeiert ward. Solches ist wahr und wahrhaftig geschehen, aber »das Märlein gar schnurrig« vom Abt von St. Gallen und dem Kaiser mit den drei Fragen hat sich mitnichten alldort begeben, sondern mit einem Abt von Kentelbury in Altengland, und ward nur durch Dichtermund auf deutschen Boden verpflanzt. *   5. Dagoberts Zeichen Es war ein König im Frankenreiche, Dagobert, ein Sohn Chlotars und Herr über Austrasien. Von dessen Taten leben noch in Sagen viele Kunden. Er führte große Kriege gegen die Sachsen und war dabei fromm und kostfrei. Selbst gegen Tiere übte er Milde, und es ging von ihm das Sprüchwort im Volke um: Wann König Dagobert gegessen hat, so läßt er auch seine Hunde essen, und eine andere Rede ward ihm nachgesagt, daß er auf seinem Sterbelager zu seinen Hunden gesprochen habe: Ihr guten Hunde, es ist doch keine Gesellschaft im Leben also gut, daß man sie nicht verlassen und von ihr abscheiden müsse. – Auf seinen Zügen drang König Dagobert auch bis in das Schweizer Alpenland und bis dahin, wo man die Landschaft vorzugsweise das Rheintal nennt, und ließ dort in die Talfelsen einen großen halben Mond einhauen, als Grenzzeichen seines Reiches. Da es mit dem guten Könige Dagobert zum Sterben gekommen war, erfaßten die Teufel seine Seele und brachten sie auf ein Schiff, mit ihr von dannen zu fahren. Solches ließ Gott der Herr geschehen, weil der König noch nicht gereinigt und gelöset war von aller Schuld. König Dagobert hatte aber einen Freund am heiligen Dionysius, dessen Gebeine er dereinst aufgefunden mit Hülfe seiner so sehr geliebten Hunde, und welchen Heiligen der König stets in stärksten Ehren hielt, dafür dieser ihn auch stetiglich schirmte und schützte. Da nun, als Dagobert verstorben war, erbat der Heilige die Erlaubnis von Gott dem Herrn, des Königs Seele zu retten, und als er die erhalten, fuhr er im Geleite anderer Gottesheiligen und vieler Engel zur See und dem Schiffe nach, darauf die Teufel mit Dagoberts Seele waren. Darauf entspann sich ein harter Kampf zwischen Engeln, Heiligen und Teufeln um des Königs Seele, in welchem die ersteren Sieger blieben, und trugen alsbald die Engel die Seele Dagoberts in den Schoß der ewigen Gnade, die Heiligen aber kehrten in das Himmlische Paradies zurück. *   6. Die Tellensage Lieder und Chroniken des Schweizerlandes preisen den Tell als den Befreier von hartem und lastendem Druck, als den Schöpfer der Schweizerfreiheit, und in alle Lande ist sein Ruhm erklungen, und ist ewig fortlebend und unaustilgbar. Es war zu den Zeiten, da Kaiser Albrecht von Österreich regierte, der war ein strenger und heftiger Herr und suchte, daß er sein Land mehre; so kaufte er viele Städte, Flecken und Burgen in dem Schweizerland, setzte auch in dieselben Landvögte ein, die in seinem Namen regierten. Drei Schweizerstädte und Landschaften aber wollten nichts von dem Österreicher wissen noch haben; da sandte ihnen der Kaiser zwei edle Boten, den Herrn von Liechtenstein und den Herrn von Ochsenstein, die mußten den Orten vortragen, daß sie sich doch sollten in Österreichs Schutz und Schirm begeben, da könnten sie es mit der ganzen Welt aufnehmen und ihr trutzen, wollten sie das aber nicht, so wolle der Österreicher ihr Feind sein, und sollten sie sich nichts Gutes von ihm zu versehen haben. Aber da sprachen die Männer von Schwyz: Liebe Herren, wir wollen dem Hause Österreich gern in allen Ehren zu Lieb und zu Dienst sein, aber wir wollen doch bei unsrer alten Freiheit bleiben, die noch niemalen ein Fürst oder Herzog angetastet hat. – Auf diese Rede brachen die Abgesandten rasch auf und ritten stracks nach Uri und Unterwalden, dort, dachten sie, würden sie sich gleich der Braut vermählen; es kam aber ganz anders, denn die drei Orte hatten sich schon miteinander verbunden und sich verschworen, treulich zusammenzuhalten, sagten auch, daß ihre Freiheit ihnen verbrieft sei von dem Kaiser Friedrich dem Hohenstaufen und Rudolf dem Habsburger, und ritten die Abgesandten unverrichteter Sache von dannen. Bald darauf sendete Albrecht von Österreich zwei Vögte, die hießen Grißler und Landenberger. Von denen sollte Grißler ein Amtmann zu Schwyz und Uri sein, der Landenberger aber zu Unterwalden, doch sollten sie sich zu Anfang gut und freundlich erzeigen, ob sie vielleicht in Güte das Volk bewegten, allein dieses ließ sich nicht bewegen, und da erhielten die Landvögte Befehl, den Bauern alles gebrannte Herzeleid anzutun. Als dieses nun geschah, so sendete das Volk Klageboten an Albrecht, der aber ließ diese gar nicht vor sein Angesicht. Nun gingen die Sendboten zu des Kaisers Räten und baten sie freundlich und ernstlich, sie sollten dem Mutwillen und der Plackerei der Vögte steuern und verhindern, daß sie mit neuer und unerhörter Schätzung das Volk bedrückten; aber die Räte sprachen: Ihr Männer seid selber schuld an allem Übel, warum wollt ihr euch nicht auch in unsers Herrn Gnade, Schutz und Schirm geben? Tätet ihr solches, so hättet ihr Ruhe und guten Frieden. – Da kehrten die Gesandten traurig heim und ohne Hoffnung und sagten den Ihrigen die schlimme Botschaft an. Damals hauste in Unterwalden ein gar redlicher Mann, der niemals Untreue verübte, der war dem Landenberger insonderheit verhaßt, und sein Name war Heinrich im Melchtal an der Halde. Zu dem sandte der Landenberger, der auf Burg Sarnen saß, einen seiner Knechte mit dem Gebot, dem Melchtaler die Ochsen vom Pfluge abzuspannen. Flugs gehorchte der Knecht und wollte dem Manne die Ochsen vom Pfluge wegführen. Heinrich im Melchtal aber sprach: Laß ab, meine Ochsen behalte ich. Hab' ich was Sträfliches getan, so soll man mich vorfordern und richten. – Der Knecht sprach: Bauer, ich tue, was meines Herrn Gebot ist, frag ihn selbst um die Ursach! Ihr Bauern seid selber Ochsen genug, daß ihr den Pflug selbst ziehen könnt. – Diese lose Rede hörte des Alten junger Sohn, der hieß Arnold, und nahm alsbald einen Stecken und schlug dem Knecht des Landenbergers einen Finger entzwei, daß ihm das Ochsenausspannen verging. Der Knecht entwich, die Tat dem Landvogt anzusagen, und der junge Arnold im Melchtal entwich nach Uri. Der Landenberger ließ alsbald Heinrich im Melchtal vor sich bringen und begehrte von ihm des Sohnes Aufenthalt zu erfahren. Da nun der Alte entweder nicht sagen wollte oder nicht wußte, wohin sein Sohn sich geflüchtet, so ließ der Landenberger dem Alten beide Augen ausstechen, nahm ihm sein Gut und trieb ihn ins Elend. Auf der Burg Roßberg hatte der Landenberger einen Pfleger sitzen, der hieß von Wolffen, das war auch einer von den Pressern, der kam in Konrads von Baumgarten Behausung und traf, wie er schon voraus wußte, nicht den Mann, sondern nur dessen frommes und schönes Weib an, zu der er ein sonderlich Gelüsten hatte, rief sie an, indem er vom Pferde stieg, sie solle nach einem Zuber umschauen und ihm ein Bad rüsten, es sei ihm baß heiß vom starken Ritt. Und als er nun im Bade saß, da winkte er ihr, sie solle zu ihm sitzen, sie aber tat, als wolle sie ihm gehorchen, zuvor aber sich ihrer Röcke außen abtun, ließ ihn sitzen und lief alsbald nach dem nahen Walde, wo ihr Mann Holz haute. Der hatte gerade Feierabend gemacht, kam ihr mit der Axt entgegen und hörte ihre Not und Klage und sprach: Dem Bader will ich das Bad wohl gesegnen – und lief einen nahen Pfad – traf den Wolffen noch im Zuber, des Weibes harrend, und schlug ihn mit der Axt dermaßen auf den Grind, daß der Kopf in zwei Hälften auseinanderspaltete. Der Landvogt Grißler, der zu Uri saß, hub an, auf einen Bühel über Altdorf eine neue Burg zu bauen, die sollte genannt werden »Zwing Uri unter die Stegen«, um so recht das Landvolk zu quälen und zu reizen, und weil der Grißler wußte, daß er allem Volke verhaßt war, und mutmaßete, es möge sich schon etwas Heimliches gegen ihn angesponnen haben, so ließ er mitten auf einem freien Platze, wo jedermann vorüberwandelte, eine hohe Stange aufrichten, mit einem Hute darauf, und befehlen, daß jedermann, wer es immer sei, dem Hute Reverenz erzeigen solle mit Bücken und Hutabnehmen, als ob es der Vogt selbst sei, und ließ heimlich spüren und aufpassen, wer das etwa nicht täte und den Gruß weigerte. Darauf ritt er gen Schwyz und kam über Stein, da wohnte ein gar frommer Mann, der hieß Werner von Stauffacher, der hatte noch nicht lange zuvor ein neues Haus an seines alten Statt gebaut. Da nun der Vogt vorüberritt, fragt er: Wem gehört dieses Haus? Der Stauffacher wollte recht höflich sein, sagte nicht, daß es sein gehöre, sondern antwortete: Meines Kaisers und Euer, Herr Landvogt, ich trag's von Euch zu Lehen! Beliebt Euch einzutreten? – Aber der Landvogt fuhr den Stauffacher scheltend an: Ich bin hier an des Kaisers Statt! Hast du um Erlaubnis gefragt zu diesem Bau? Nein! Und baut ihr Bauern nicht Häuser, als wenn Herren darinnen wohnen sollten? Das will ich euch wohl wehren! – Sprach's und ritt trutziglich weiter. Dem Stauffacher schmerzte die Rede sehr, aber sein kluges Weib tröstete ihn und sagte ihm, er solle sich doch umtun bei andern Freunden, ob es überall im Lande so getan sei, und mit ihnen Rats pflegen, daß es anders werde. Da ging Werner von Stauffacher gen Uri zu einem Freund, der hieß Walther Fürst, und bei dem fand er Arnold im Melchtal, der sich noch flüchtig hielt, und da ratschlagten die drei miteinander und wurden eins, daß sie noch andere treue und vertraute Männer aufsuchen und mit ihnen einen Bund gegen den Druck der Vögte schließen wollten. Das gelang ihnen trefflich, und ward ein großer heimlicher Bund, zu dem traten auch viele von ritterlichem Geschlecht, denn die Vögte waren auch ihnen aufsässig, nannten sie Bauernadel und adelige Kuhmelker. Darauf erkieseten die Männer des Bundes zwölf aus ihrer Mitte als ihren Vorstand, die kamen zusammen und tagten in ihren Sachen auf einer Matte, die man nennt im Gryttli, an dem Vierwaldstätter See, wie es nun werden sollte. Da rieten die von Unterwalden, man solle noch verziehen und zuwarten, weil es schwer wäre, in aller Schnelle die festen Plätze wie Sarnen und Roßberg zu gewinnen, und wolle man sie belagern, so gewinne der Kaiser Zeit, ein Heer zu senden, das sie allzumal aufreiben werde. Man solle lieber die Schlösser mit List gewinnen, niemand töten, der sich nicht bewaffnet widersetze, allen übrigen freien Abzug gewähren und dann die Festen bis auf den Boden schleifen. Als die Männer so tagten und den großen Bund beschwuren, da entsprangen der Matte heilige Quellen. Mittlerweile geschah es, daß ein Mann aus Uri, Wilhelm Tell geheißen, etliche Male achtlos an Grißlers Hut vorübergeht und ihm keine Reverenz macht. Kaum ward das angezeigt, so beschickte ihn der Vogt, Tell aber sprach: Ich bin ein Bursmann und vermeint' nit, daß so viel an dem Hut lieg, hab' auch nit sonder acht darauf gehabt. – Da ergrimmte der Vogt, schickte nach des Tellen allerliebstem Kind und sagte: Du bist ja ein Schütz und trägst Geschoß und Gewaffen mit dir herum, jetzt schieße diesem deinem Kind einen Apfel vom Kopf. – Dem Tell erschrak das Herz, und er sprach: Ich schieße nicht, nehmt mein Leben. – Du schießest, Tell! schrie der Landvogt, oder ich lasse dein Kind vor deinen Augen und dich hinterdrein niederstoßen. Da betete der Tell innerlich zu Gott, daß er seine Hand führe und des liebsten Kindes Haupt schirme. Und der Knabe stand still und ruhig und zuckte nicht, und Tell schoß und traf den Apfel. Da jauchzte das Volk laut auf und umjubelte den Tell, den meisterlichen Schützen, das verdroß erst recht den Grißler, und er schrie den Tell an, der noch einen Pfeil im Koller hatte: Du hast noch einen Pfeil, Tell, sag an, was hättst du getan, wenn du dein Kind getroffen? – Tell antwortete: Das ist so Schützenbrauch, Herr. – Nein, das ist eine Ausrede, Tell! antwortete der Landvogt. Sag es frei, ich sichere dich deines Lebens. – Wenn Ihr denn es wissen müßt, sprach Tell, und meines Lebens mich versichert, so höret denn, traf ich mein Kind, so hätte dieser Pfeil Euer wahrlich nicht fehlen sollen. – Ha, du Schalk und Erzbösewicht! schrie der Landvogt, das Leben hab' ich dir versichert, aber nicht die Freiheit. Ich will dich an einen Ort bringen, wo weder Sonne noch Mond dich bescheinen soll! – Hieß alsobald seinen Knechten, den Tell zu binden und ihn in sein Schiff bringen, darin er über den Urner- und den Vierwaldstätter See fahren wollte, und von Weggis nach Küßnacht reiten. Da schuf Gott der Herr einen Sturmwind und ein schrecklich Ungewitter, daß das Wasser ins Schiff schlug, da sagten die Schiffsleute dem Landvogt, daß der Tell der beste Schiffslenker sei, der allein könne sie noch aus der Todesgefahr retten. Darauf ließ der Landvogt den Tell losbinden, der ruderte flugs mit starken Armen und brachte das Schifflein nach dem rechten Ufer, wo das Schwyzer Gelände sich hinabsenkt, da war ein Vorsprung mit einer Felsenplatte, auf diese sprang plötzlich der Tell mit seinem Geschoß und Pfeil, das er rasch ergriff, stieß mit Gewalt das Schifflein von sich und ließ es durch die Wellen treiben. Des erschraken der Landvogt und seine Leute mächtig, Tell aber entfloh eilend auf Pfaden, die ihm wohlbekannt waren. Als die im Schiff bei Laupen kamen, legte sich der Sturm, Grißler ließ aber dennoch bei Brunnen anlegen, denn er fürchtete sich nun vor dem Ungestüm der Seen. Tell wandelte auf Bergpfaden hoch über den Seetälern und sah, wohin der Landvogt zog, und da fand sich zwischen dem Arth und Küßnacht eine hohle Gasse, dort harrte Tell des Vogts, und wie der durch die hohle Gasse dahergeritten kam, schoß ihn der Tell mit dem aufgesparten Pfeil vom Rosse herunter, wie ein Jäger eine wilde Katze vom Baume schießt. Nach solcher Tat wich der Tell ungesehen von hinnen, kam im Dunkel der Nacht im Lande Schwyz in des Stauffachers Haus zu Steinen, eilte dann durchs Gebirg zu Walther Fürsten in Uri und sagte allen an, was und wie es sich zugetragen, und daß es jetzt an der Zeit sei, loszuschlagen und das fremde Joch abzuschütteln. Nun war es nicht mehr weit hin bis zum neuen Jahr, denn als der Bund im Gryttli tagte, war schon Wintermond, und da ward zuerst Roßberg mit List eingenommen von den Unterwaldnern, und darauf Sarnen ohne Schwertschlag, und mußten alle Leute der Vögte Urfehde geloben und schwören, nimmermehr wieder in das Schweizerland zu kommen, und wurden über die Grenze vergeleitet; das noch nicht fertig ausgebaute Schloß Zwing-Uri wurde wie die genannten Schlösser der Erde gleich gemacht, und Werner Stauffacher brach Schloß Louvers, das in den See hineingebaut stand. Da nun Kaiser Albrecht von allen diesen Dingen die Kunde vernahm, geriet er in großen Zorn, nahm gleich ein Kriegsheer, die Schweizer zu züchtigen. Aber auf diesem Zuge, da er durch den Aargau ritt und gen Brugg wollte, wurde er von seinem eigenen Neffen, Johann, Herzog von Schwaben, ohnweit Königsfelden meuchlings erschlagen. Darum behielten die Schweizer Frieden und ihre Freiheit bis auf den heutigen Tag. Das ist die Sage von der Schweizer Bündnis und der Tat des Tell, welch letztere nur wie eine einzelne Alpenrose in den Kranz der Geschichte sich einflocht. Es ist bekannt, daß die Sage vom glückhaften Pfeilschuß auch in Dänemark sich findet, und nicht unmöglich ist, daß die frühern Einwanderer aus dem Norden sie schon mitgebracht und sie sich dann verjüngt hat. Ja, die drei ersten Gründer des Bundes der Schwyzer, Unterwaldner und derer von Uri – denen sich dann Zürich, Luzern, Zug, Glarus, Freiburg und Solothurn anschlossen, denen endlich Schaffhausen und Appenzell folgten – galten und gelten dem Landvolke als drei Telle, die in einer Felskluft verzaubert schlafen, wie Kaiser Friedrich im Kyffhäuser und Kaiser Karl im Untersberge. Sollte das Schweizer Vaterland in Not kommen, so werden die drei Telle aus ihrer Gruft hervorgehen und es aufs neue befreien. Den Weg zu ihrer Höhle weiß keiner, nur zufällig kam einst ein Hirte, der einer verlaufenen Ziege suchend nachging, an eine Höhle, da fand er die drei Männer, und der eine Tell richtete sich vom Schlummer auf und fragte: Welch Zeit ist's auf der Welt? – Hochmittag! antwortete der Hirte. – So ist's noch nicht an der Zeit! sprach der Tell und legte sich wieder zum Schlummer hin. Keiner hat nachher die Höhle wiedergefunden. *   7. Luzerner Hörner und Mordnacht Da die Schweizer aufstanden und zu Felde zogen gegen ihre Unterdrücker, gebrauchten sie allerlei Kriegsinstrumente. So hatten die von Uri einen Mann, den hießen sie den Stier von Uri, der blies ein mächtig Urhorn, das mit Silber beschlagen war; und wenn man einen Keil ins Mundstück schlug, konnte man auch daraus trefflich trinken. Die Luzerner brauchten eherne Hörner, wie die alten Römer gebraucht, die hießen sie Harschhörner, und die hatte ihnen König Karl verliehen, als sie mit ihm in der Roncevaller Schlacht gestritten, wo Held Roland fiel. Zur Zeit, als die Schweiz sich erhob, gab es in Luzern eine Partei, die war noch gut österreichisch gesinnt, die erkannten sich an den roten Ärmeln, die sie an ihren Wämsern trugen. Die versammelten sich unter dem großen Schwibbogen an der Ecke der Schneiderzunftstube und verabredeten, daß sie um Mitternacht alle Eidgenössischen überfallen und morden wollten. Ein Bettelbube vernahm's, ward aber entdeckt und mit dem Tode bedreut, wenn er nicht schweige; mußte deshalb einen Eid schwören, niemand den Anschlag anzusagen. Der Knab' ging auf die Metzgerzunftstube, da zechten noch viele Gesellen, und der Knabe legte sich auf die Ofenbank und seufzte: O Ofen, o Ofen, was muß ich dir klagen, Wel ich's beim Eed sonst niemand darf sagen. Die Landsknecht wollen, wenn's Zwölfe wird schlagen, Alles morden und alles erschlagen. Da horchten die Zecher hoch auf, und lief alsbald einer aufs Rathaus, ein anderer zum Glöckner, daß er nicht Zwölfe anschlage, ein dritter und vierter und fünfter zu den Zünften, und kamen den Rotmänteln zuvor. Hernachmals ist das Bild des Knaben auf der Metzgerzunftstube hinter dem Ofen gemalt lange Zeit zu sehen gewesen. *   8. Die Herren von Hohensax Zwischen dem Altmann-Berge, dem Nachbar des Hohen Säntis, und dem Rheintale liegt die alte Stammburg der Freiherren von Hohensax. Deren einer hieß Hans Philipp, war ein ritterlicher Kriegsheld und zog ins Niederland, für dessen Freiheit er mitfocht, war ein Protestant und gerade in Frankreich, als die Ketzerverfolgung begann. Mit Mühe entrann er der Pariser Bluthochzeit. Dieser Freiherr von Hohensax hielt die alten Lieder gar wert, welche die Minnesänger in der Schweiz und in Schwaben gedichtet und gesungen hatten, und besaß von ihnen jenes hochwerte Buch, das ein Stolz der deutschen Poesie, jetzt aber in den Händen der Franzosen ist, die es vordessen aus Deutschland entführt haben und nimmermehr wieder herausgeben, weil man es ihnen nicht wieder genommen hat, da es rechte Zeit dazu war. Gar wert hielt der Freiherr das alte Liederbuch, da geschah es, daß ihn, manche sagen um des Glaubens willen, sein Neffe Ulrich Georg von Hohensax erschlug, das geschah im Jahre 1559. Darauf kam das Buch mit dem unverwelklichen altdeutschen Liederschatz in die Hände und in die Liberei des Kurfürsten von der Pfalz gen Heidelberg, von wo es durch die Franzosen weggeschleppt wurde. Wunderbares aber begab sich mit dem Leichnam des Ermordeten; dieser verwesete nicht, als er in der Kirche zu Sennewald beigesetzt war, das dünkete die Umwohner ein absonderliches Zeichen, und meinten, obgleich der Verstorbene stetig ein Protestant gewesen, er müsse etwa doch ein heiliger Mann gewesen sein. Verschafften sich heimlich von ihm erst einen Finger, dann deren mehr, endlich wurde der ganze Leichnam hinweggeführt, gerade wie sein alter Liederschatz, nur mit dem Unterschied, daß die Sennenwalder Klage erhoben um den Leichnam des Hohensaxers und derselbe wieder herüberwandern mußte, da sie ihn denn noch heutigen Tages in ihrer Kirche als eine Mumie zeigen. – Vordessen lebte auch noch ein Freiherr dieses edlen Geschlechts auf Hohensax, der war mit einem Ding begabt, das nicht eben selten ist in diesen felsreichen Alpentälern, einem Glied, das ihn ärgerte, und konnt' und mocht' es doch nicht ausreißen und von sich werfen, wie die Schrift gebeut. Da zog er mit zu Felde, und in einer heißen Schlacht, in welcher Mann gegen Mann kämpfte, empfing er einen Schwerthieb, daß ihm gleich das Blut stromweis vom Halse abquoll. Doch hatte der Feind den glücklichsten Streich getan, er hatte dem Freiherrn von Hohensax das ärgernde Glied weggehauen, seinen Kropf. *   9. Ida von der Toggenburg Rheinaufwärts vom Bodensee liegt die Toggenburg, der nach ihr genannten Grafen uralter Stammsitz. Darinnen wohnte eine fromme Gräfin, Ida geheißen, aus dem Stamme derer von Kirchberg. Da geschah es eines Tages, daß sie ihren Brautring in das offne Fenster legte und die Sonne darauf schien, daß er hell blitzte. Ein Rabe sah den Ring, schoß daher, erfaßte ihn mit seinem Schnabel und trug ihn fort in sein Nest. Wohl vermißte die Gräfin ihren Ring, doch fürchtete sie ihres heftigen Gemahls Zorn, wenn sie den Verlust ihm melde, und daher schwieg sie. Nach einiger Zeit fand ein Jäger oder sonst ein Diener im Walde des Raben Nest und in dem Nest den Ring der Herrin, ohne daß er wußte, wem der Ring gehörte, steckte ihn an seinen Finger und trug ihn sonder Scheu. Da sah und erkannte der Graf seiner Gemahlin Ring, den er ihr selbst gegeben, am Finger des Knechts, glaubte sie treulos, ließ alsbald den unschuldigen jungen Gesellen am Schweif eines wilden Pferdes den felsigen Burgweg hinab zu Tode schleifen und warf die ebenso unschuldige Gemahlin vom Söller des Palas hinab in den waldigen Felsenabgrund. Aber Engel schirmten die Unschuld; sanft sank Ida, von unsichtbaren Händen getragen, durch schützendes Gezweig auf weiches Moos. Inbrünstig dankte sie den Heiligen für ihre wunderbare Rettung und wandelte weit von der Burg hinweg in eine unwegsame Wildnis. Dort erbaute sie sich eine Hütte von Gezweig und lebte als Einsiedlerin nur dem Gebet und der Andacht. Wasser war ihr Getränk, Waldbeeren und Wurzeln waren ihre Nahrung. Bald darauf sagte ein Diener dem Grafen von seines Mitgesellen Ringfund im Rabennest, und nun lastete seine Tat schwer auf des Grafen Seele. Einstmals verirrte sich unversehens ein Jäger des Grafen in diese Waldeinöde und fand die Einsame. Schnell trug er diese Kunde zu seinem Herrn, der längst jene übereilte Tat eines doppelten Mords ohne Verhör und Richterspruch bereute, und der Graf eilte zu der Einsiedlerin, wollte sie wieder hinauf in sein Schloß führen und erflehte ihre Vergebung. Aber Ida ließ sich nimmer bewegen. Der Graf von Toggenburg nahm das Kreuz, entbot seine Dienstmannen rings im Schweizerlande und zog mit ihnen, zur Büßung und Entsühnung seiner Tat, nach dem Heiligen Lande, dort gegen die Ungläubigen zu fechten. Dort kämpfte er mit in großen Schlachten und machte seinen Namen gefürchtet – aber es zog ihn die mächtige Sehnsucht im Busen immer wieder nach der Heimat zurück; immer noch hoffte er, Ida werde sich wieder mit ihm einigen, denn nie hatte er sie mehr geliebt, als seit er sie wiedergefunden. Und nach einem Jahre schiffte er wieder der Heimat zu. Aber da er nach Ida fragte, ward ihm die Kunde, daß sie im Kloster Fischingen den Schleier genommen und dort lebe, still und heilig. Da tat der Graf sich allen ritterlichen Geschmuckes ab, hing Wehr und Waffen in seine Kapelle und pilgerte hinab gen Fischingen als armer Einsiedler, erkor sich einen Platz in der Nähe des Klosters, darin lebte, büßte und betete der Graf, bis er starb. *   10. Der Pilatus und die Herdmanndli In der ganzen Schweiz, im Berner und Luzerner Land, im Haslital und fast allenthalben gehen Sagen von Zwergen und Berggeistern, die sich vielfach ähnlich sind. Absonderlich viel Redens ist von dem hohen Berge Pilatus und den Zwergen, die sonst in seinem Geklüft wohnen, die heißen Herdmanndli. Der Pilatus, das ist der rechte und wahre Broch- oder Brockenberg der Schweiz, auf welsch Fraxmont ( mons fractus ) geheißen, auf lateinisch aber mons pileatus , Hutberg, weil im Land die bekannte Rede geht: Hat der Pilatus einen Hut, So steht im Land das Wetter gut. Aber es geht die Sage, daß nach Christi unseres Herrn Leiden, Tod und Auferstehung der römische Landpfleger Pilatus in dieses Land gezogen sei, oder gar, daß der Satan seinen Leichnam hergetragen, und da habe er am Berge den ungeheuerlichen See gefunden, der hat weder Zu- noch Abfluß und ist wegen der unergründlichen Tiefe schwarz und gräßlich anzusehen, ein unheimlicher Moorgrund. Lange hat die Sage gelebt, daß, wer etwas in den See werfe, alsbald ein heftiges Unwetter mit Hagel und Wolkenbrüchen errege, wie auch das Gewässer den Krienser Boden und Luzern, die Stadt, in den Jahren 1332 und 1475 in große Not gebracht, darum hat man Fremde nicht gern hinzugelassen, und das Hineinwerfen von Steinen oder Holz bei Leib- und Lebensstrafe verboten. In diesen See habe sich der römische Landpfleger gestürzt, weil sein Gewissen ihn fort und fort gepeinigt, andere sagen, der Teufel habe ihn hineingesteckt. Die Herdmanndli, die wohnten vielfach in der Pilatushöhle, die hoch oben liegt, tief und schaurig. Sie waren den Menschen gar gut und hülfreich, gar »gespäßige Lüet«, wie die Hirten sagen, sie verrichteten nachts der Menschen Arbeit; kamen vom Berg auch herunter in die Täler, schafften und ackerten redlich, und ein Herdmanndli konnte mehr verrichten als zehn Meister mit allen Knechten. Aber sehen ließen sich die Manndli wunderselten, und auch da hatten sie lange graue Kutten an, die bis auf die Erde reichten, daß man nimmer ihre Füße sah. Einem Hirten begegnete es, daß er einen reichtragenden Kirschbaum oben am Berge hatte, dem pflückten die geschäftigen Zwerglein die Kirschen ab und brachten sie zum Trocknen auf die Hürden, daß hernach gutes Kirschwasser gebrannt werden konnte, der Hirt ward aber neugierig, zumal mocht' er gern die Füße der Herdmanndli sehen, war her und streute Asche rings um den Baum, als die Früchte im nächsten Jahre wieder reiften. Die Herdmanndli kamen, pflückten redlich die Kirschen ab, und am Morgen sah der Hirt ihrer Füßlein Spur in der Asche. Es waren eitel kleine Gänsefüße. Der Hirte lachte und sagt' es freudig seinen Genossen an, daß er nun wisse, was für Füße die Herdmanndli haben. Die Zwerge aber ergrimmten, zerbrachen des Hirten Dach und Fach, versprengten seine Herde, zerknickten den Kirschbaum Ast um Ast, und ihrer keines kam jemals wieder herunter, den Menschen hülfreich zu sein. Sie blieben droben in ihrer tiefen Höhle und in ihrem Geklüft wohnen. Der Hirte aber wurde ganz tiefsinnig, schlich bleich umher und hat nicht lange gelebt. *   11. Die Bergmanndli schützen Herden und Fische Die Bergzwerge schätzen und lieben die Gemsen, sie wollen nicht, daß die Jäger sie töten, und manchem Alpenjäger ist es deshalb schon gar schlecht ergangen. Guten Jägern, denen sie wohlwollten, haben sie wohl auch das eine und das andre Stück z'weg gestellt, der dürft' aber denn bei Leib und Leben nit mehr schießen, als mit den Bergmanndli verakkordiert war, sonst schmissen sie ihn die Felsen hinunter und bliesen ihm das Lebenslicht aus elendiglich. Da war einmal ein Gemsjäger, der verstieg sich hoch in die Felsen, auf einmal stand ein eisgraues Bergmanndli vor ihm da und sprach ihn zornig an: Was verfolgst du meine Herde? – Der Jäger war ganz erschrocken und sprach: Hab' ich doch nit gewußt, daß die Gemsen dein sind. – Sprach der Berggeist: Du sollst jede Woche vor deiner Hütte ein Grattier finden, aber du hütest dich und schießest mir kein andres. – So geschah's, der Jäger fand alle Wochen den frischen Braten, der macht' ihm aber gar keine Freud, er konnte die Jagdlust nicht bezwingen, stieg wieder hinauf zu Berg und Holz, ward auch bald eines Gemsenleitbocks ansichtig, auf den legte er rasch an, zielte und schoß – aber wie er losdrückte, hob sich hinter ihm der Berggeist aus dem Boden und zog ihm die Haxen unterm Leib weg, daß er niederstürzte und in den Abgrund hinunterschmetterte. In Malters saß ein Untervogt, der hieß Hans Bucher, der wollt' auch gern einmal ein Herdmanndli sehen; war gar ein eifriger Fischer und Jäger, aber sonst ein frommer Mann, stieg eines Tages hinauf am Pilatus, folgte dem Rümligbach und wollte gern Forellen fangen, da sprang ihm jählings ein Herdmanndli hinterwärts auf den Rücken und drückte ihn mit solcher Gewalt mit dem Gesicht in den Bach nieder, daß er schier vermeinte, er müsse versaufen. Dabei sagte das Herdmanndli zürnend: Ich will dir wohl lehren meine Tierlein fangen und jagen. – Als der Untervogt nach Hause kam, war er halbtot und sah im Gesicht aus wie der Tod von Ypern; war auch auf der einen Seite erlahmt und kam nimmermehr auf den Berg, zu jagen oder zu fischen. In Obwalden war ein alter Landammann, der hieß Heinrich Immlin, der hat selbst erzählt, wie er einmal zum Pilatus hinangestiegen auf die Gemsjagd, da begegnete ihm ein Zwergmanndli und heischte, er solle flugs umkehren. Nun ist der Landammann ein starker stattlicher Mann gewesen, der spottete des Zwergs und sagte: He, du wirst wohl große Macht haben, mir was zu wehren! – Kaum gesagt, so sprang ihn der Zwerg an, drückt' ihn an einen Felsen, schwer wie ein Pferd, daß ihm schier die Seele ausfuhr und die Sinne ihm vergingen. Lag da eine halbe Stunde für tot, bis die Seinen ihn fanden, erquickten und heimführten. *   12. Die Herdmanndli ziehen weg Es ist schon viel gesagt, wie gut gegen die guten Menschen die Berglütlenen des Pilatus waren; kleine, zwei Fuß hohe Männlein mit grünen oder grauen Röckchen, mit Füßen, die man nicht sah, langem Silberbart bis zur Erde herunter, die hüteten das edle Gestein im Berge, waren den Menschen hülfreich, kamen wohl auch und begehrten Speise, liebten insonderheit das Schweinefleisch, und wer ihnen gab, hatte es gut und erfreute sich ihrer Gunst. Wenn ihnen die Sennerinnen etwas Milch beiseite stellten, so molken und fütterten sie, und waren ganz heimisch bei den Mägden; sie konnten auch wahrsagen aus Karten und Händen und waren geschickt zu allen Dingen, aber erzürnen durfte man sie nicht. Wem sie im Sommer beim Heuen halfen, der konnte zufrieden sein, sie mehreten das Heu wunderbar. Manchmal sahen sie auch dem Heuen zu und halfen nicht. Einstmals verdroß das einen Heuer, der machte mit noch einem Kameraden, bevor die Arbeit anging, ein Feuer auf den Felsstein, darauf die Herdmanndli zu sitzen und zuzusehn pflegten, und kehrten dann geschwind Asche und Kohlen vom heißen Steine weg. Als die Manndli kamen und den Stein betraten, verbrannten sie sich ihre Füße. Da schrien sie überlaut: O böse Welt! O böse Welt! – und kamen nimmermehr wieder. So auch kamen Bergmanndli vom Pilatus ins Haslital von der Flüh herunter, den Heuern zuzuschauen; die waren gewohnt, sich auf die Äste und Zweige eines schattigen Ahornbaumes zu setzen. Das merkten Schälke und sägten die Äste knapp durch, daß die armen Manndli herunterfielen. Da erhuben sie ein jämmerlich Geschrei und riefen: O wie ist der Himmel so hoch! O wie ist die Untreu so groß! Heute hier und nimmermehr! Und nachher hat sich im Haslital niemals wieder eins sehen lassen. *   13. Der Dürst Um den moorigen See auf dem Pilatus und im ganzen Berggehege tobt der Dürst, das ist der wilde Nachtjäger, wie in Thüringen, im Vogtland und am Harz, der hat zur Gesellschaft auch ein gespenstig Weib, wie der Hackelberg die Tut-Osel, der wilde Jäger Thüringens die Frau Holle und der des Vogtlandes die Frau Berchta, die heißen sie drunten im Entlibuch, hart an des Bergstocks Westwand, das Posterli, und in Luzern kennen sie die Sträggele, die, wie die Hollefrau und die wilde Berchta, den faulen Mägden die Rocken wirrt. Mit gar wildem Saus und Braus fährt der Dürst über die Almen daher, reißt und rüttelt an den Sennhütten, bricht mächtige Baumstämme, wirft Felsen in die Gründe und führt wohl auch Kühe mit sich hoch in die Luft, die nimmer wieder herunterkommen oder halbtot und ausgemolken etwa erst am dritten Tag. Wenn ein Hirte das gewahr wurde, konnt' er noch Einhalt tun durch den Alpsegen, wenn er den zeitig durch einen Milchtrichter rief, daß der Dürst ihn noch hören konnte, so sank die entführte Kuh ganz sanft wieder auf die Matte nieder. Auf der Bründler Alp über Eigenthal kann man wohl noch heute den Alpsegen im Abendruf der Sennhirten vernehmen, der lautet gar wunderbar durch die Feierstille der Natur, wie Orgeltöne und Glockenklang, und widerhallt aus allen Klüften die Flichbanden nieder, wie Geistermusik. Das ist der Ruf und der Segen: Ho – ho – ho – öh – ho! – Ho – hi – ho – ho! – Ho lobe! Ho lobe! – Nehmet alle Tritt in Gottes Namen, in unserer lieben Frauen Namen! Lobi Jesus, Jesus, Jesus Christ! Ave Maria! Ave Maria! Ave Maria! Ach, lieber Herr Jesus Christ, behüt Gott aller Leib, Seel, Ehr und Gut, was in die Alp gehören tut. Das walt Gott und unsre herzliebe Frau, das walt Gott und der heilige Sankt Wendel! Das walt Gott und der heilige Sankt Antoni! Das walt Gott und der heilige Sankt Loy! – (Aloysius.) *   14. Von Drachen und Lindwürmen Auf dem hohen Pilatus hat es Drachen und Lindwürme vollauf gegeben, die hausten in unzugänglichen Höhlen und Schluchten des gewaltigen Alpenbergstocks. Oft haben Schiffer auf den Seen sie mit feurigen Rachen und langen Feuerschweifen vom Pilatus herüber nach dem Rigi fliegen sehen. Solch ein Drache flog einstmals in der Nacht vom Rigi zurück nach dem Pilatus; ein Bauer, der, von Horn bürtig, die Herden hütete, sah ihn, und da ließ der Drache einen Stein herunterfallen, der war wie eine Kugel geformt und glühend heiß; der war gut gegen allerlei Krankheit, wenn man davon eine Messerspitze voll abschabte und dem Kranken eingab. Zu andrer Zeit hat man einen grauslich großen Drachen aus dem Luzerner See die Reuß hinaufschwimmen sehen. Einstmals ging ein Binder oder Küfer aus Luzern auf den Pilatus, Reifholz und Holz zu Faßdauben zu suchen; er verirrte sich, und die Nacht überfiel ihn, mit einem Male fiel er in eine tiefe Schlucht hinab. Drunten war es schlammig, und als es Tag wurde, sah er zwei Eingänge in der Tiefe zu großen Höhlen, und in jeder dieser Höhlen saß ein greulicher Lindwurm. Diese Würmer flößten ihm viel Furcht ein, aber sie taten ihm kein Leid; sie leckten bisweilen an den feuchten salzigen Felsen, und das mußte der Küfer auch tun, damit fristete er sein Leben, und das dauerte einen ganzen Winter lang. Als der Frühling ins Land kam, machte sich der größte Lindwurm auf und flog aus dem feuchten Loche heraus mit großem Rauschen: der andre kleinere kroch immer um den Küfer herum, liebkoste ihn gleichsam, als wolle er ihm zu verstehen geben, daß er doch auch mit heraus sollte. Der arme Mann gelobte Gott und dem heiligen Leodager in die Stiftskirche im Hof zu Luzern ein schönes Meßgewand, wenn er der Drachengrube entrinne, und als der zweite Drache sich anschickte, aufzufliegen, hing er sich ihm an den Schweif und fuhr mit auf, kam also wieder an das Licht, ließ sich oben los und fand sich wieder zu den Seinen. Doch lebte er nicht lange mehr, weil er der Nahrung ganz entwöhnt war, hielt aber Wort und sein Gelübde, ließ ein prächtiges Meßgewand fertigen, darauf die ganze Begebenheit sticken und alles in das Kirchenbuch einzeichnen. Es soll diese Wundergeschichte sich ereignet haben 1410 oder 1420, und vom 6. November des einen Jahres bis zum 10. April des folgenden hauste der Küfer bei den Lindwürmern. *   15. Winkelried und der Lindwurm Zu Wylen, einem Dorfe nicht weit vom Pilatus, saß ein Mann, der hieß Winkelried, und in der Nähe droben am Berge hauste ein schädlicher Lindwurm, der fraß Menschen und Vieh und verödete den ganzen Landstrich, so daß ihn die Umwohner Öd-Wyler nannten. Nun hatte der Einwohner Winkelried ob einer Mordtat Leib und Leben verwirkt und war flüchtig worden, der sandte Botschaft, daß er, wenn man ihn wieder annehmen wolle, Mut habe, den Lindwurm zu bestehen. Diesen Kampf vergönnte man ihm gern, er bewahrte sich gut mit scharfem Schwert, und statt des Schildes hielt er in der linken Hand eine Dornwelle. Diese stieß er dem Drachen, sowie der auf ihn losfuhr, in den weitaufgesperrten Rachen hinein. Das waren dem Lindwurm zu viele Zahnstocher auf einmal; er wand und krümmte sich, und sowie Winkelried eine Blöße sah, stieß er ihm mit sichrer Hand das Schwert in den Leib. Der Lindwurm sank tot nieder, von seinem Blute troff Winkelnrieds Schwert, der schwang es hoch und freudig als Sieger und hatte sein Leben gewonnen, aber nur, um es alsbald zu verlieren. Denn vom Schwert ab floß das giftige Drachenblut und rann ihm über die Hand und den Arm, das brannte alsbald wie Feuer der Hölle, und der Held starb an diesem Brand. Das Land hatte er befreit, das Drachenloch wird noch heute gezeigt. Ein andres Drachenloch zeigt man bei Burgdorf mitten im Berner Lande. Es zogen zwei Herzöge von Lenzburg aus zu jagen, die waren Brüder und hießen Sintram und Bertram, oder nach andern Guntram und Waltram, und kamen in einem wilden Wald an ein wüstes Geklüft, darin lag ein ungeheurer Drache, der ebenfalls die Landschaft umher zur Einöde machte. Als der die jungen Jäger gewahrte, fuhr er alsbald auf sie los und schlang den Bertram, den Jüngsten, mit Haut und Haar durch seinen weiten Schlund hinab, Sintram aber fiel voll Mut den Drachen an, hieb ihm den Kopf ab, schnitt ihm den Leib auf und half seinem Bruder, der noch lebendig war, heraus. Danach ließen die Brüder der heiligen Margaretha zu Ehren eine Kapelle an dem Orte erbauen und die Tat durch ein Bild verewigen. *   16. Kastelen-Alpe Auf der Kastelen-Alpe wohnte ein reicher Bauer, der hatte viele Herden und Matten, und drunten in Kriens hatte er eine arme Muhme, die war Witwe, hatte nur eine einzige Tochter und nährte sich mit dieser gar kümmerlich, lag auch schwer an der Gicht darnieder. Da entschloß sich das Maidli, hinauf auf die Alp zum reichen Vetter zu gehen und ihn um eine Unterstützung anzusprechen. Da stieg ein schrecklich Gewitter am Himmel auf, als sie auf der Alpe ankam, ihr aber ward kein Trost und keine Gabe, nur Hohn und Scheltworte, und sie ließen droben auch trotz des drohenden Wetters das Mägdlein wieder fortgehen. Das kam tüchtig in das Wetter und erreichte mit Not die Hütte eines Sennen, das war ihr Bube Aloys, der hatte noch einen kleinen Käs, den gab er ihr für sie und ihre Mutter. Raschen Schrittes eilte die Dirne abwärts, da glitt sie auf der glatten Trift, fiel hin, und der Käs rollte in die Tiefe, unaufhaltbar in unzugängliche Felsklüfte. Weinend und kummervoll schaute die arme Dirne dem entrollten Käse nach, da faßte etwas ihre Hand, und sie erschrak zum Tode, und bei ihr stand so ein klein winziges graues Herdmanndli, das hatte auf seiner Schulter das verlorengegangene Stückchen Alpenkäse, etwa so groß wie ein Viertelsmühlstein und in der Hand ein Büschel Kräuter, und sprach: Magst den Käs mit heimnehmen und deiner Mutter von den Kräutern einen Tee kochen, sollst nicht mehr hülflos weinen. – Hoch droben im Gebirg aber tobte das Unwetter noch fort, über alle Maßen greulich, und war ein Donnern, Tosen und Krachen, als ginge die Welt unter. Wie das Maidli zur Mutter kam, war der Käs ein Stück so schweres Gold geworden, und vom Kräutertee wurde die Mutter ganz gesund. Über die Kastelen-Alp aber hatte sich im Gewitter ein Bergsturz geschüttet, die Matten verwüstet, die Herden erschlagen und ein Stein, etwa so groß wie ein Alpenkäs, hatte dem geizigen Vetter einen Fuß abgeschlagen. Später ist er noch zu seiner Muhme Haus gehinkt gekommen und hat gebettelt. *   17. Blümelis-Alpe Im Berner Oberland liegt ein Bergzug, die Klariden geheißen, darauf waren herrliche Weiden, alle voll der kräftigsten Alpenkräuter und Blumen, so daß jede Kuh des Tages dreimal gemolken werden konnte und jedes Melken dritthalb Maß in den Milcheimer gab. Da war auch eine Alp, die war absonderlich schön, triftreich und ganz voll Blumen, deswegen hieß man sie auch die Blümelis-Alp. Darauf hatte ein reicher Hirte sein Haus, das war ihm weit nicht schön genug, wollt's schöner haben, baut' ein großes neues, baute eine Treppe von eitel Käsen, darüber ging er mit seiner liebsten Sennerin, seinem Hund und seiner Kuh, und wenn die Käsetreppe schmutzig geworden war, so ließ er sie mit Milch abwaschen. Im Tale wohnte des Hirten fromme Mutter, die wußte nichts von ihres Sohnes Frevel und gottlosem Tun, ging einmal eines Sonntags hinauf auf die Blümelis-Alpe, wollte die Sennerei besuchen, und erdürstete sehr, bat deshalb, als sie kam, um einen Labetrank. Die Sennerin sah die Alte gar ungern kommen, und der Sohn desgleichen, und beide fürchteten deren Vorwürfe und wollten sie gern bald wieder hinab haben. Und als die Alte trank, fand sie, daß eine ruchlose Hand Sand auf die Milch gestreut hatte. Da wandte sich die Alte alsbald von hinnen, schritt die Alpe hinunter, stand drunten still, hob die Hände empor und verwünschte die Gottlosen. Alsbald brach ein Wetter los, wie wenn der Jüngste Tag käme, und der kam auch für die Blümelis-Alp und für alles, was auf ihr lebte, Hirt und Sennerin, Kuh und Hund – Haus und Gehöft – alles fand seinen Untergang, und über die Alpe lagerten sich Gletschereis und Felsentrümmer. Auf diesem öden Gefild spukte nachher der Geist des Hirten umher und klagte: Ich und min Kathryn, Min Kuh Brandlin, Und min Hund, der Rhyn Müssen stetig uf Klaride syn! Es geht die Sage, diese umirrenden Geister wären zu erlösen, wenn einmal an einem Karfreitag ein frommer Senne die gespenstige Kuh ganz stillschweigend ausmelke, der Dornen an den Handschuhen habe. Einstmal wagt' es einer, ob die Kuh sich wegen der Dornen noch so wild stellte, und hatte schon den Eimer halb voll. Da klopft' ihn ein Mann auf die Schulter und fragte: Schäumt's auch wacker? – Der Senn vergaß des Schweigens Bedingung und sagte: O ja, es schäumt wohl. – Da riß mit einem Ruck die Kuh sich los, trat den Eimer um und verschwand, und die Geister der Blümelis-Alp blieben unerlöst. *   18. Der ewige Jude auf dem Matterhorn Hoch im Alpengebirge, ohnweit Welschlands Grenzen und dem hohen Monte Rosa, des Name schon italienisch genannt wird, hebt sich ein mächtiger Bergstock, das Matterhorn geheißen, darunter liegt der Matterberg mit einem Gletscher, dessen ablaufendes Gewässer die Visper bildet, welche noch ihre Wellen nach deutschem Boden herabrollt. Da droben, wo jetzt nur das Schweigen der Öde lagert oder das Eis der Gletscher donnernd kracht, habe voreinst, so geht die Sage, eine blühende Stadt gelegen. Dahin sei auf seiner ewig rastlosen Wanderung auch der ewige oder, wie man in der Schweiz sagt, der laufende Jude gekommen, da haben die Leute ihm angesehen, daß er der laufende Jude war, und kein Mensch habe ihn in sein Haus aufnehmen wollen. So habe der laufende Jude gesagt, indem er bekümmert über der Menschen Härte hinweggegangen: Jetzt finde ich hier eine Stadt, und wenn ich werde wiederkommen, wird hier doch wachsen Gras, und werden stehen Bäume, und werden liegen große Felsen, und wird nichts mehr zu sehen sein von Häusern und Gassen, Mauern und Türmen. Und wenn ich nochmal werde kommen wieder, wird hier doch nichts mehr zu sehen sein von Gras und Kräutern, Bäumen und Steinen, sondern als nur Schnee und Eis, und wird liegen, als so lang ich noch muß wandern. – Und alles ist so in Erfüllung gegangen, wie der laufende Jude gesagt hat, der wandern muß bis an der Welt Ende, weil er unsern Heiland auf seinem Todesgange nicht Ruhe vor seiner Haustüre vergönnt hat, und wird allemal, wenn er hundert Jahre alt geworden, wieder so jung, wie unser Heiland war, da er nach Golgatha wanderte. Tiefer drunten im Vispertale, wo man von oben herein in das Nicolaital eingeht, liegt ein Dorf unterm Weißhorn, das heißt Täsch, und über Täsch rechter Hand lag auf sonniger Matte noch ein Dorf gleichen Namens, da stand einmal eine reiche Bäuerin, die hatte überm Feuer einen Kessel mit Anke (Rahm), den sott sie, und sollte gute Butter geben. Da kam ein armer alter Mann herein und bat, sie möge ihm doch ein Weniges von ihrer Anke zur Speise geben, ihn hungere gar sehr. Geh weg, du Lump! sagte die Frau, hier ist nichts übrig für solche Stromer. – O Bäuerin! sprach der Mann, hättest du mir etwas gegeben, so hätt' ich deinen Kessel segnen wollen, daß er nimmermehr leer geworden, so aber sei verflucht mit dem ganzen Dorfe! – Und da krachten alsbald droben der Cimagipfel und das Mittaghorn zusammen und schütteten Fels auf Fels herunter, und der ganze Ort wurde unter Trümmern begraben, und blieb nichts mehr sichtbar als die Fläche des Kirchenaltars, und über diesen fließt jetzt ein Bächlein aus dem Praborgne-Gletscher, der das Dorf überdeckt, herunter nach Täsch durch die Felsenschluchten in die Visp. *   19. Mutter Gottes am Felsen Unterhalb Täsch, wo das Dorf St. Nicolaus das Nicolaital beschließt oder dem, der im Gebirg von unten heraufkommt, eröffnet, hebt sich hoch über St. Nicolaus der Räti mit einer schroffen Felswand gegen das Tal; an dieser Wand steht ein kleines Muttergottesbild von Stein. Früher stand es unten am Weg, da flehte einer zu ihm, blieb aber unerhört, da griff er, als er wiederkam, hin und warf das Bild mit Unrat, und da weinte das Bild. Dennoch warf er's noch einmal, da hob sich das Bild hoch hinauf an die Felswand, dort stand's nun, und niemand könnt' es erlangen. Den Talleuten jammerte das, sie hatten das Bildchen lieb gehabt und es sehr verehrt und mochten's gar zu gern wieder herunter haben. Aber der Felsen an jener Wand war gar zu steil, keiner vermochte daran emporzuklimmen, und keine Leiter reichte zu solcher Höhe. Darauf wurden sie in St. Nicolaus Rates einig, sie wollten's von oben versuchen, und eine Schar erkletterte den Rätigipfel, und sie hatten sich Merkzeichen gemacht, und gerade über dem Bilde wurde nun an starken Seilen ein Mann hinabgelassen, der sollte es heraufholen. Schon war der Mann fast am Bilde, er sah es schon stehen, da sah er, wie das Seil immer dünner wurde, wie ein Bindfaden, und dachte, daß es nicht halten werde und er jämmerlich in den tiefen Abgrund stürzen, und schrie: Zieht auf, zieht auf, der Strick wird dünne! – Sie ließen ihn aber noch immer weiter herab, jetzt war er am Bilde, jetzt hätt' er's nehmen können, aber da war das Seil dünn geworden wie ein Haar, und er schrie nochmals: Um Gottes willen, zieht auf, sonst bin ich verloren! – Da zogen die Männer ihn hinauf, und je weiter er aufwärts kam, je dicker und stärker wurde wieder der Strick. Da nahmen die Leute von St. Nicolaus wahr, daß das Bild am Fels und nicht in einer Kapelle stehen wollte, wie jenes auf dem Milzeberg im Frankenlande auch nicht in einer Kapelle blieb, sondern auf seinem Felsblock am Wallfahrerweg seinen Stand behauptete. *   20. Das Paradies der Tiere Hoch droben auf dem Matterberge ist eine Stelle, die aber keiner oder doch gar selten einer finden kann, die hat der laufende Jud nicht mit verwünschen können, weil sie von Gott gefeit ist vom Anbeginne: da ist kein Schnee und kein Eis, da ist Sonne und Freude, Wonne und Weide, da quillt erst eigentlich mit leisem Gewisper die Visper hervor, die später erst unter dem Alp-Gletscher zutage rinnt, dort ist das Paradies der Tiere. Da gibt es herrliche Steinböcke und Gemsen, Adler und Geier, Schneehühner und Birkhähne, auch Murmeltiere, und keines beleidigt das andere, alle leben da friedlich beisammen. Nur alle dreimal sieben Jahre darf und kann ein Menschenauge in dieses Bergparadies der Alpentierwelt blicken, wo es so wonnevoll und schön ist, alles voll Alpenrosen und Gentianen, und von zwanzig Gemsenjägern glückt das auch kaum einem einzigen. Da stehen uralte Pinienbäume und Ahorne, und die Pinien tragen Zapfen, deren Kern süß schmeckt, wie Mandeln, das sind die Zirbelnüsse. Wem es glückt, in das Paradies der Tiere zu treten, der darf wohl von den Zirbelnüssen nehmen und kosten, aber nimmermehr ein Tier fangen oder töten, sonst kostet's ihm das Leben. Viele haben in die uralten heiligen Platanenstämme zum Zeichen ihres Alldagewesenseins ihre Namen geschnitten. Außerdem sieht man selten noch einen Steinbock und selten eine Pinie, und die stehen hoch und schwer erreichbar. Denn es geht die Sage, daß es zwar deren viele und überall gegeben habe, da habe aber die Dienerschaft immer gern die Nüsse genascht und darüber und mit Auskernen viel gute Zeit hingebracht und versäumt, da habe die Meisterschaft diese Bäume verwünscht, und nun seien sie unfruchtbar geworden oder unzugänglich. *   21. Die Teufelsbrücke Vom Multhorn, nicht allzufern von St. Gotthard, stürzt sich mit raschem Rollen und unbändigen Sprüngen ein wildes Bergwasser, die Reuß. Ein Alpenhirte liebte eine Sennerin, die er zum öftern besuchte, aber er hatte oft mit dem wilden Fluß seine Not, hinüberzukommen, und mußte doch hinüber und auch wieder herüber zu seiner Hütte und Herde. Als nun einstmals die Reuß recht angeschwollen war und wilder als jemals über die Felsen herabstürzte, da sah der Hirte keine Möglichkeit, hinüber und zu seiner Geliebten zu gelangen, und rief aus: Ei, so wollt' ich, daß der Teufel käme und baute eine Brücke über dich verfluchtiges Wasser. – Und da kam der Teufel gleich hinter einem Felsklumpen hervor und sagte: He! was gibest mir, wenn ich dir die Brücke baue? – He! was soll ich dir geben? fragte der Hirte. – Die erste lebendige Seele, die darüber geht, sagte der Teufel und dachte, es werde niemand schneller sein als der Hirte, hinüberzukommen. Ich bin's zufrieden, sagte der Hirt, und: Topp schlag ein! sagte der Teufel, und der Bub schlug ein. Jetzt baute der Teufel mit Hülfe aller seiner höllischen Geister die Brücke in ganz kurzer Frist, und als sie fertig war, setzte er sich hin und lauerte. Wer aber nicht darüberging, war der Hirtenbub, er jagte vom Gotthardgebirg unterm Hospital eine Gemse auf und trieb sie abwärts, immer der Reuß zu, bis an die Brücke, und da setzte sie flink hinüber. Der Teufel fuhr zu, wurde teufelswild über solches Wild und zerriß die Gemse in Stücken, nachdem er sie hoch in die Luft hinaufgetragen hatte. Nun ging der Hirte ungehindert, sooft er wollte, über die Brücke herüber und hinüber, doch soll es an derselben, die auf ewige Zeiten die Teufelsbrücke heißt, nicht recht geheuer sein, und es geht auch die Sage, der Teufel reiße alle Jahre ein Stück ein, daß immerdar daran gebaut werden müsse. *   22. Der Stierenbach Vom Surenenberge und seiner Alpentrift fließt ein Bächlein, das führt den Namen Stierenbach, und hat es davon im Engelbergstale und im Urner Lande eine gar wundersame Sage. Ein Alpenhirte hatte bei seiner Herde ein Lieblingslamm, wußte gar nicht, was er dem Tiere alles zugute tun sollte, und gab dem Lamme sogar den Namen Christian; das hätte wohl immer noch nicht so viel geschadet, denn Hirten und Schäfer, Kutscher und Eseltreiber nennen ihre Tiere häufig mit solchen Christennamen, wie Hans und Michel, Gret und Liese, aber der Surenenälpler trieb die Affenliebe zu dem Lamm allzuweit, wie verblendet, er taufte das Tier, wie man ein christlich Kind tauft, im Namen der heiligen Dreifaltigkeit. Darob verzürnete sich der liebe Gott und machte aus dem Lamm ein greulich Ungetüm, das fraß in einem fort, was ihm vorkam, fraß die ganze Alpe kahl, daß kein anderes Stück Vieh ein Hälmlein mehr fand, fraß Tag und Nacht. Bald waren die Engelsberger Triften abgeleert und guter Rat teuer. Da kam zu den Nachbarn, denen von Uri, ein fahrender Schüler, der gab Rat, das böse Untier zu vertreiben, war freilich eine langsame Kunst, und mußte, bevor sie ausgeführt wurde, noch manches Gräslein auf den Alpen wachsen und mancher Tropfen den Bach hinunterrollen. Und das war es, was der fahrende Schüler riet: Ein Stierkalb nehmt ihr, das füttert ihr bei Leib und Leben mit nichts als frischer Milch. Im ersten Jahr von einer Kuh, im zweiten von zwei Kühen und so fort, alle Jahre die Milch von einer Kuh mehr. Nach vollendeten neun Jahren laßt ihr den Ochsen durch eine reine Jungfrau hinauf auf die Alpe führen, dann wird der Ochse mit dem Untier kämpfen und es bezwingen. Das geschahe denn, die Urner erbauten einen Stall, darin sie das Stierkalb aufzogen, des Stelle zeigt man heute noch und nennt sie den Stierengaden. Dann leitete nach vollendeten neun Jahren eine reine Jungfrau denselben zur Alpe hinauf und verließ ihn. Gleich erschien das greuliche Untier, und der Stier stürzte sich auf dasselbe und kämpfte lange und sehr heftig mit ihm, bis er es endlich überwand und zu Tode stieß. Ganz erhitzt von dem Kampfe rann der Stier nach dem Bache hin und trank und trank ohn Ende, bis er hinstürzte und auch tot war. Davon hat der Bach den Namen Stierenbach erlangt, und oberhalb desselben sieht man noch im Felsgestein die Hufe des Stieres eingedrückt, mit denen er sich im Kampfe gegen das ungeheuerliche Bergwunder stemmte. *   23. Der Besserstein Im Aargau, da, wo Reuß und Limmat in die Aar und die Aar in den Rhein fließen, liegt der Geißberg, der trägt auf seinem Gipfel die Trümmer einer Ritterburg. Ein Herr von Villigen baute die Burg auf das schönste und festeste, hatte seine Herzensfreude daran, gedachte in ihr glücklichen Alters froh zu werden und in Leutseligkeit und Güte seinen Untersassen ein treuer Vater zu sein. Fertig stand der Bau, und festlich sollte er eingeweiht werden. Des Bauherrn Söhne und alle Gefreundete rings im Gau waren versammelt, und die Humpen kreisten. Der Ritter von Villigen sprach zu den Söhnen: Da schaut nun, wie gut sich's hier wohnen wird in der Pracht der Gegend, rund um uns her unsre fleißigen Leute und Mannen, mitten im Kreis der Dörfer unser stattliches Burghaus, fest gegen den Feind, offen dem Freund, den Bedrängten ein Schutz, den Dürftigen ein Hospitium! So wollt ich's haben. Ja, Vater, sprachen die Söhne, das ist traun eine wackre Trutzburg worden; da mag sich das nichtsnutzige Volk auflehnen oder nicht, wir zwingen es von hier aus, wir werden ihm den Fuß auf den Nacken setzen. Von hier aus können wir Zölle legen auf die Flüsse und den Rheinstrom, auf Wege und Stege. Der ganze Gau muß uns tributpflichtig werden, damit unser Gut sich mehre und unser Name ein gefürchteter sei im Rhein- und Schweizerlande. – Als der Herr von Villigen diese Rede seiner Söhne vernahm, war es ihm, als wolle sein Blut stocken und sein Herz brechen, und zürnend brach er aus: Entartete Söhne! So ist euer Sinn? Wartet, den will ich euch bessern! – Und warf seinen vollen Humpen zur Erde, daß er in tausend Scherben zerklirrte. Wie dieser Humpen zertrümmert liegt, so soll dieser stolze Bau, meine Lust und meine Freude, zertrümmert liegen! – Und berief seine Mannen, seine Untersassen, sein ganzes Volk, und hieß sie den neuen Bau abbrechen und verfluchte die Hand, die ihn wiederum zu bauen beginnen werde. Besser Stein, ein wüster Stein, als eine Zwingburg des Volkes und des Gaues, die Schimpf auf den edeln Namen derer von Villigen häuft! rief er – und seitdem liegt auf dem Geißenberge der öde Mauerrest und heißt allwege im Volke der Besserstein. *   24. Der Kreuzliberg Auch im Aargau, ohnweit Baden, wohnte auf einem Burgberge eine Königstochter, die oft zu einem nahen Bühel ging, wo sie im Schatten ruhte und der schönen Landschaft sich freute. Sie wußte aber nicht, daß Geister in dem Bühel hausten, deren Art keine gute war. Eines Tages kam sie abermals zu ihrem Lieblingsplatz, aber kaum erkannte sie ihn wieder; wildes Geklüft und geborstenes Erdreich starrte ihr da entgegen, wo sie noch kurz zuvor auf schwellendem Moos im kühlenden Baumschatten geruht hatte, und weit hinab in die Tiefe gähnte eine jähe Schlucht. Die Jungfrau aber war unerschrocknen Sinnes, weil sie rein und schuldlos war, und so setzte sie die Füße in den düstern Gang, um zu schauen, wie es darinnen beschaffen sei. Da gewahrte sie, daß es ein ungeheurer Keller war, Fässer lagen da über Fässern, und siehe, schreckhafte Gestalten huschten an sie heran, ergriffen sie an den Händen und zogen sie über alle die Fässer weiter und weiter zur Tiefe fort, so daß sie endlich aus Angst und Bangigkeit die Besinnung verlor und nicht mehr wußte, was mit ihr geschah. Da sie nun in der Burg daheim vermißt wurde, ward ausgesandt, sie zu suchen, und ward also gesucht an allen Orten und Enden ringsumher. Siehe, da fand sie einer nicht gar weit von dem Geisterhügel auf einer kleinen Anhöhe stehend, mit in die Erde gewurzelten Füßen, der Leib steinhart und die Arme in Äste ausgewachsen und gen Himmel ausgestreckt, wie die Jungfrau Daphne in der heidnischen Fabel. Alle, die das sahen, entsetzten sich vor dem grausenhaften Anblick solcher Baumverwandlung, und da ward nach dem nahen Kloster Wettingen hinübergesendet, von dort ein Wunderbild zu holen. Als das Bild gebracht ward, da schwand der unheimliche Zauber, der die Königstochter umstrickt hatte, und sie ward wieder erlöset. Des zum Andenken setzte man ein Kreuz auf den Berg, wo diese Sache sich begeben, der hieß fortan der Kreutberg, und jener Bühel, darin die Jungfrau die Fässer erblickt, und der sich wieder geschlossen, heißt der Teufelskeller bis auf den heutigen Tag. *   25. Die Würfelwiese Ganz nahe der Stadt Baden im Aargau liegt eine Wiese, welche die Würfelwiese genannt wird. Darauf soll oft der Teufel sein Spiel haben. Seit undenklichen Jahren werden auf ihr Würfel gefunden, viele Tausende, und keiner weiß, wo sie herkommen, ob Römer hier eine Würfelfabrik gehabt oder ob Meister Urian diese seine Lieblinge hier im Erdreich wachsen läßt, genug, sie kommen hervor, als ob sie quillten, mit jedem Maulwurfshaufen, und ist die Ursache noch niemals zu ergründen gewesen. *   26. Die Basler Uhrglocke Vorzeiten haben die Basler in ihrer Stadt eine sondre Zeitrechnung gehabt, daß allemal die Uhrglocke eine Stunde früher schlug als anderswo, darüber gehen noch verschiedene Sagen. Es habe ein Konzilium zu Basel noch etwas länger gedauert als der Unterflachsenfinger Landtag, nämlich dreizehn volle Jahre, das sei geschehen 1431 bis 1444, und da habe man die Zeit beschleunigen wollen und die Uhr um eine Stunde vorgerückt, sei aber mit diesem Fortschritt kein Haar breit weitergelangt. Andere sagen, daß einstmals eine Verschwörung zu Basel angezettelt gewesen sei, und hätten die Verschwörer zur zwölften Stunde den Rat überfallen und meuchlings ermorden wollen. Aber der allsehende Gott habe das durch ein Wunder verhindert, indem alle Glocken der Stadt mit einem Male statt zwölf Uhr ein Uhr geschlagen. Dadurch sei über die Aufwiegler ein sonderbarer Schreck gekommen, ihr Anschlag sei vernichtet, sie selbst verraten und insgesamt erschlagen worden. Darauf habe der Rat verordnet, stets die Uhrglocke eine Stunde vor der gewöhnlichen Zeit vorausschlagen zu lassen. *   27. Die Schlangenjungfrau im Heidenloch bei Augst Zwischen Basel und Rheinfelden liegt ein uralter Ort, heißt Augst, vom römischen Wort Augusta. Römerkaiser hatten dort ihren Hofhalt und bauten eine schöne Wasserleitung. An dieser ist ein Schlaufloch und unterirdischer Gang, der sich weit in die Erde hineinzieht, niemand hatte noch dessen Ende gesehen; heißt im Volke das Heidenloch. Da war im Jahre 1520 ein Schneider zu Basel gesessen, hieß Leonhard, der war auch eines Schneiders Sohn und fast ein Simpel. Er stammelte statt zu reden und war zu gar wenigen Dingen geschickt zu brauchen. Den trieb eines Tages die Neugier, doch zu versuchen, wie weit der hohle Gang eigentlich in die Erde hineingehe: da nahm er eine Wachskerze, zündete sie an und ging in das Schlaufgewölbe hinein. Nun aber war die Kerze eine geweihte, und da konnten ihm die Erdgeister nicht etwas anhaben, wie der Königstochter im Teufelskeller beim Kreuzliberg. Leonhard kam an eine eiserne Pforte, die tat sich vor ihm auf, und da kam er durch mehr als ein hohes und weites Gewölbe, endlich gar in einen Lustgarten, darinnen standen viele schöne Blumen und Bäume, und in der Mitte des Gartens stand ein wohlerbauter Palast. Alles umher aber war still und menschenleer. Die Türe zu dem stattlichen Lusthaus stand offen, da ging Leonhard hinein und trat in einen Saal, darin erblickte er eine reizend schöne Jungfrau, die trug auf ihrem Haupt ein guldig Krönlein und hatte fliegende Haare, aber o Scheuel und Greuel, von des Leibes Mitte abwärts an war sie eine häßliche Schlange mit langem Ringelschweif. Hinter der Jungfrau stand ein eiserner Kasten, darauf lagen zwei schwarze Hunde, die sahen aus wie Teufel und knurrten wie grimmige Löwen. Die Jungfrau grüßte den Leonhard sittiglich, nahm von ihrem Hals einen Schlüsselbund und sprach: Siehe, ich bin von königlichem Stamme und Geschlecht geboren, aber durch böse Macht also verwünscht und zur Hälfte in ein greulich Ungetüm verwandelt. Doch kann ich wohl erlöset werden, wenn ein reiner Junggeselle mich trotz meiner Ungestalt dreimal auf den Mund küsset, dann erlange ich meine vorige Menschengestalt völlig wieder, und mein ganzer großer Schatz ist sein. – Und da machte sie sich zu dem Kasten, stillete die murrenden Hunde, schloß einen mittlern Deckel mit einem ihrer Schlüssel auf und zeigte Leonhard, welch ein großes Gut an Gold und Kleinodien darinnen enthalten sei, nahm auch etliche goldne und silberne Münzen heraus und gab sie dem Leonhard und blickte ihn seufzend und gar inniglich aus zärtlichen Augen an. Leonhard hatte in seinem Leben noch keine Maid geküßt, es ward ihm jetzt warm ums Herz, und er wagte es, der Schlangenjungfrau einen Kuß auf ihren schönen Mund zu geben. Da erglühten ihre Wangen und erfunkelten ihre Augen, ihr Antlitz strahlte vor Freude, und sie lachte vor Lust und Hoffnung der Erlösung und preßte ihren Befreier mit heftiger Glut an die Brust. Und da geschah der zweite Kuß, und mit dem so ringelte sich der Schlangenschweif eng um ihn, als wolle er ihn auf ewig fesseln, und die Jungfrau faßte ihn noch fester mit beiden Händen an und lachte und biß ihn vor Lust in die Lippe. Da schauderte ihn vor solchen Zeichen überheftiger Liebeswut, und riß mit Gewalt sich los, nahm seine noch brennende Kerze und entwich. Die Jungfrau stieß hinter ihm ein wehklagendes Geschrei aus, das ihm durch Mark und Bein drang, und er kam aus dem Gang und Loch heraus, er wußte gar nicht wie. Seitdem empfand der Jüngling eine brennende Sehnsucht nach Küssen, nie aber fand er andrer Mädchen und Frauen Küsse so feurig und so süß als jene der Schlangenjungfrau, immerdar trieb es ihn zurück zu ihr, um das Werk der Erlösung an ihr zu vollbringen, aber da er nun andre geküßt, vermocht' er nimmer, den Eingang zur Schlangenhöhle wiederzufinden, und es soll dieses auch nach ihm keinem wieder geglückt sein. *   28. Herzog Bernhard hält sein Wort Im Dreißigjährigen Kriege kämpfte der Sachsenherzog Bernhard von Weimar in den Gefilden des Oberrheins. Da belagerte er das Städtchen Neuenburg, zwischen Basel und Breisach gelegen, das noch gut kaiserlich war und sich tapfer hielt. Der langen Belagerung und des hartnäckigen Widerstandes der Neuenburger äußerst müde, erzürnte sich der Sachsenherzog und verschwur sich hoch und teuer bei Himmel und Hölle: Komme ich in das Nest hinein, so soll weder Hund noch Katze mit dem Leben davonkommen. – Bald darauf mußten sich die tapfern Neuenburger, da sie die Belagerung nicht länger aushalten konnten, dennoch ergeben, und die Soldateska wollte schon ihr Mütlein im Blute der Bürgerschaft kühlen und alles ermorden. Da gereute dem Herzog sein vermessener Eid und des vielen edeln auch zum Teil unschuldigen Blutes, das hier vergossen werden sollte, und er sprach: Nur was ich schwur, wird gehalten, und nicht mehr und minder. Schont nicht Hunde, nicht Katzen, aber bei Leib und Leben gebiet' ich, daß der Menschen geschont werde. – Und also geschah es. Herzog Bernhard, der große Kriegesheld, hatte auch Breisach belagert und erobert, Freiburg eingenommen und bei Rheinfelden das Heer der Kaiserlichen geschlagen. Große Hoffnungen baute auf ihn das deutsche Volk, auch das im Elsaß, und jubelte ihm zu und begrüßte ihn überall als einen Retter, wie als einen Schirmvogt gegen das treulose Nachbarland. Aber er sprach ahnungsvoll: Ich werde des großen Schwedenkönigs Gustav Adolf Schicksal teilen – sobald das Volk ihn mehr ehrte als Gott, mußte er sterben. – Und ein Jahr nach Neuenburgs Einnahme starb er alldort, wo er menschlich gewaltet, der allgemeinen Sage nach an Gift, und die Zeichen dieser Tat deuteten alle nach Frankreich hinüber. *   29. Vom treuen Eckart Alte deutsche Heldenlieder singen und sagen vom treuen Eckart, dessen Gedächtnis blieb lange bei den Deutschen wegen seiner Ehrbarkeit und Frömmigkeit. Er war ein Held und Herzog im alten Breisgau und Herr im Elsaß, vom Geschlecht der Harlunge, und war Vormund und Pfleger zweier jungen Härtungen, welche die Bruderssöhne Kaiser Ermenrichs waren und Vettern des berühmten Dietrich von Bern. Der Eckart übte allezeit Treue und war schon dem Vater der Harlunge ein treuer Ratgeber gewesen; Kaiser Ermenrich aber hatte einen Ratgeber, der hieß Siebich, von dem sollen alle ungetreuen Räte in die Welt gekommen sein. Dieser verleitete den Kaiser zu bösen Taten. Und Ermenrich erschlug die jungen Harlunge, Eckart aber rächte sie, indem er mit anderer Helden Hülfe den Ermenrich wieder erwürgte und um dieser Tat willen hoch gepriesen ward. Die Harlunge hatten einen reichen Schatz, der ward in einen Berg verzaubert, das ist der Bürglenberg bei Breisach, und diesen Harlungenhort hat hernachmals der Geist des treuen Eckart gar sorgsam gehütet und jeden gewarnt, der ihn für sich erheben wollte, denn er sollte dereinst wieder an den rechten Erben fallen und diesen zu einem mächtigen Herrn des Landes machen. Darum sei im Volke das Sprüchwort entstanden: Du bist der treue Eckart, du warnest jedermann. Ob aber das derselbe treue Eckart sein soll, der im Thüringerlande vor des Hörselberges Höhle sitzt und vor dem wütenden Heere warnend wandelt, bleibt in dem Dunkel der alten Sagen geheimnisvoll verhüllt. *   30. Der Zähringer Ursprung Es geschah, daß ein König vertrieben war vom Reich und entflohn mit Weib und Kindern und seinem Gesinde, setzte sich mit ihnen auf einen Berg, richteten sich kümmerlich ein und lebten in Armut und Kümmernis eine gute Zeit. Endlich ließ der König ausrufen im Lande umher, wer da wäre, der ihm Hülfe tun wolle, sein Reich wiederzuerlangen, der solle sein, des Kaisers, Tochtermann und zu einem Herzog gemacht werden. Nun lebte hinter dem Berge Zähring ein Köhler, der brannte Kohlen im Walddickicht, und da begab es sich, daß er einstmals, als er die Meilerstätte räumte, einen schweren Klumpen geschmolzenen Metalles fand, und das war gutes Silber. Und als der Köhler wiederum kohlte, geschah es wieder ebenso, und immerfort, und war, als ob der Berg das Metall aus sich gebäre, und gewann der Köhler einen großen Schatz. Da er nun vernahm, was der vertriebene König ausrufen ließ, so nahm er eine Last seines Silbers und trat vor jenen und sprach, er wolle sein Sohn werden, seine Tochter freien und mit seinem Schatz ringsumher das Land sich zum Eigen erwerben, auch ihm, dem König, so viel seines Schatzes geben, daß er sein ganzes Reich wiedergewinnen könne. Des war der vertriebene König sehr froh, schlug den Köhler zum Ritter, gab ihm seine Tochter zum Ehegemahl. Und der Köhler ließ nun das Silber schmelzen, erbaute Zähringen, die Burg und den Ort, und erwarb alles Land umher, und der König machte ihn zu einem Herzog von Zähringen. Der König hat hernachmals mit seines Eidams Gut all sein Land und Volk wiedergewonnen, ist wieder ein mächtiger Herr und Kaiser geworden, und der Ort und Berg, wo er hingeflüchtet war und seinen Sitz allda genommen, heißt noch bis auf den heutigen Tag der Kaiserstuhl. Die Zähringer aber wurden ein mannlich Geschlecht und waren hochgeehrt im ganzen Gau. *   31. Das Riesenspielzeug In einem wilden Wasserfall in der Nähe des Breuschtales im Elsaß liegen die Trümmer einer alten Riesenburg, Schloß Nideck geheißen. Von der Burg herab ging einstmals ein Fräulein bis schier gen Hasloch, das war des Burgherrn riesige Tochter, die hatte noch niemals Menschenleute gesehen, und da gewahrte sie unversehens einen Ackersmann, der mit zwei Pferden pflügte, das dünkte ihr etwas sehr Gespaßiges, das kleine Zeug; sie kauerte sich zum Boden nieder, breitete ihr Schürztuch aus und raffte mit der Hand Bauer, Pflug und Pferde hinein, schlug die Schürze um sich herum, hielt's mit der Hand recht fest und lief, was sie nur laufen konnte, und sprang eilend den Berg hinauf. Mit wenigen Schritten, die sie tat, war sie droben und trat jubelnd über ihren Fund und Fang vor ihren Vater, den Riesen, hin, der gerade beim Tische saß und sich am vollen Humpen labte. Als der die Tochter so mit freudeglühendem Gesicht eintreten sah, so fragte er: Nu min Kind, was hesch so Zwaselichs in di Furti? Krom's us, krom's us! – O min Vater! rief die Riesentochter, gar ze nettes Spieldinges ha i funden. – Und da kramte sie aus ihrem Vortuch aus, Bauer und Pferde und Pflug, und stellt's auf den Tisch hin und hatte ihre Herzensfreude daran, daß das Spielzeug lebendig war, sich bewegte und zappelte. Ja min Kind, sprach der alte Riese, do hest de ebs Schöns gemacht, dies is jo ken Spieldings nit, dies is jo einer von die Burn; trog alles widder fort und stells widder hin ans nämlich Plätzli, wo du's genommen hast! – Das hörte das Riesenfräulein gar nicht gern, daß sie ihren Fund wieder forttragen sollte, und greinte, der Riese aber ward zornig und schalt: Potz tusig! daß de mir net murrst! E Bur ist nit e Spieldings! Wenn die Burn net ackern, so müssen die Riesen verhungern! – Da mußte das Riesenfräulein seinen vermeintlichen Spielkram als wieder forttragen und stellte alles wieder auf den Acker hin. Diese Sage wird auch von manchem andern Ort in Deutschland erzählt, und zwar auf ganz ähnliche Weise, vom Schlosse Blankenburg oder Greifenstein ohnweit Schwarzburg im Thüringerlande, auch vom Lichtenberg im Odenwalde, allwo gewaltige Riesen hausten. *   32. Der Krötenstuhl Im Elsaß war eine Burg, hieß Nothaeder, auf der wohnte ein Herzog, welcher eine überaus schöne Tochter hatte. Sie war aber nicht weniger stolz als schön, kein Freier, so viel deren kamen, ihre Hand zu erlangen, war ihr gut genug, und mancher nahm sich das Leben, weil er ihre Gunst nicht erlangen konnte. Der letzte, der das tat, verwünschte die hartherzige Jungfrau in einen harten Steinfelsen, und daß sie nur alle Freitag einmal sichtbarlich sich zeigen dürfe, aber auch nur alle drei Wochen einmal in ihrer wahren Gestalt als Jungfrau, zum andern Mal als eine Schlange und zum dritten als eine häßliche Kröte. Jeden Freitag kommt sie nun hervor, wäscht oder badet sich auf dem Felsen an einem Quellborn und sieht sich um nach allen Weiten, ob kein Erlöser nahe. Wollte jemand an das Wagestück gehen, der muß an einem Freitag auf den Felsen gehen, da findet er eine Muschel, darin liegen drei Wahrzeichen: eine dunkelgelbe Schlangenschuppe, ein Stückchen grasgelbe Krötenhaut und eine goldgelbe Haarlocke. Diese drei Dinge muß der Befreier zu sich stecken und bei sich tragen und zur Mittagsstunde am nächsten Freitag wieder hinauf auf den wüsten Felsen steigen, und zwar dreimal, und muß einmal die Schlange, zum andern die Kröte, zum dritten die Jungfrau küssen. Das war mehr verlangt als bei der schönen Schlangenjungfrau im Heidenloch bei Augst, eine Schlange und eine Kröte zu küssen, ohne zu entfliehen! Wem das aber möglich ist, der erlöset die Verzauberte, bringt sie zur Ruhe und wird durch ihre Schätze unermeßlich reich. Schon mancher fand die Merkzeichen, wagte sich in die öden Burgtrümmer und kam nimmermehr wieder, sei es, daß, ehe er den Kuß gewagt, Furcht und Grausen ihn tötete, sei es, daß er den Kuß wagte und vor Entsetzen in des Todes Arme sank, denn wie lieblich sie als Jungfrau erscheint, immer gleich jung, niemals gealtert, so schrecklich ist sie als Kröte, nämlich so groß wie etwa ein mäßiger Backofen, und spaucht Feuer – wer kann da küssen? Am allerschrecklichsten ist sie als Schlange, lang und stark wie ein Heubaum. Einmal hatte ein kecker Bursch doch sich überwunden und die Schlange geküßt, da war die Schlange hinweg, nun kam die Kröte, die war über alle Maßen abscheulich anzusehen, das Eingeweide drehte sich ihm im Leibe um, und er entrann; die Kröte aber hüpfte plump und schwer hinter ihm her und verfolgt' ihn bis zum Krötenstuhl – und spie ihm den Berg hinab noch ganze Bündel Feuer nach. *   33. Der Mühlenbär Im Elsaß, in der Gegend von Niederbronn und Gunthershof, liegt eine Mühle, in der sollte es gar nicht richtig sein, ein Bär sollte in ihr spuken. Wenn ein Mühlarzt zugereist kam oder aber am Werk etwas verbrochen war und ein solcher berufen werden mußte, blieb keiner länger denn eine Nacht in der Mühle, denn das Gespenst litt sie nicht, und zuletzt drohte ihr Verfall und dem Müller Verarmung, denn es blieb auch kein Mahlbursche. Da kam eines Tages ein frischer kecker Klapperbursche dahergewandert, sagte sein Müllersprüchlein ohne Anstoß her und bot um guten Lohn und gute Kost seine Dienste an. Der Müller war froh, daß wieder einer kam, nahm ihn gern in Dienst und hieß ihn die nächste Nacht mahlen. Der neue Bursch hatte schon von dem Mühlspuk gehört, fürchtete sich nicht, ließ sich gegen Mitternacht vom Glöcklein wecken, schüttete frisch auf, tat einen guten Zug aus der Bulle und legte sich auf ein paar Mehlsäcke, zu schlafen, neben sich legte er aber die scharfgeschliffene Mühlbarte. Er war noch nicht ganz eingeschlafen, als die Türe der Meisterstube, die herein in das Werk führte, aufging und ein schwarzer Zottelbär in die Mühle getreten kam. Er schnoperte und griff erst am Beutelkasten herum, ging zum Scheidekasten, schritt die Treppe hinauf an die Trommel und wurde jetzt den neuen Mahlburschen gewahr, der, die Hand am Beile, die ganze Zeit über den Bären beobachtet hatte, denn die Laterne brannte hell. Jetzt reckte der Bär mit Gebrumm die eine Tatze nach dem Burschen aus, der, nicht faul, hob das Beil, hieb zu, und die Tatze lag am Boden. Laut auf heulte der Bär und stürzte in die Meisterstube zurück. Als man am andern Morgen das Frühmahl einnahm, fehlte die Müllerin; sie lag im Bette, und fehlte ihr der rechte Vorderarm, da holte der Bursche die Tatze, und die Tatze war der Vorderarm, und die Müllerin war eine unholde Hexe. Solchen Hexenspuk mit Müllerinnen, die auch als Katzen erscheinen und arge Teufeleien treiben, erzählt man sich auch viel in Thüringen und Sachsen. *   34. Chorkönig Das alte Münster zu Straßburg hatte Chlodwig erbaut, der Frankenkönig; es war ursprünglich nur ein hölzern Gebäu, und im Jahre 1002 brannte es Hermann, Herzog von Elsaß und Schwaben, der mit Kaiser Heinrich um die Kaiserkrone stritt, fast ganz zum Grunde nieder, doch blieb das Chor Karl des Großen stehen, aber 1007 schlug das Wetter hinein, und der Rest des Baues sank in Trümmer. Da geschah es, daß Kaiser Heinrich II. im Jahre 1012 gen Straßburg kam, des Münsters Untergang beklagte und sich die Regel und Ordnung der Chorherren vorlegen ließ, die gefiel ihm also wohl, daß er bei sich beschloß, der Bürde seiner Königskrone zu entsagen und ein Chorherr in Unser Lieben Frauen Münster zu Strasburg zu werden. Das erschreckte gar sehr alle seine Getreuen, denn das Reich bedurfte seiner, und redeten ihm zu, von diesem Vorhaben abzustehen; Kaiser Heinrich aber, den man seines frommen Sinnes und seiner Mildtätigkeit gegen Klöster und Stifte den Heiligen nannte – er war auch der Begründer des Bistums Bamberg – wollte mitnichten von seinem Vorsatz lassen. Nun war zu Straßburg ein Bischof, der hieß Werinhard, als dieser sähe, daß der Kaiser sich nicht abbringen ließe von seinem Vorhaben, so nahm er vor, ihm die geistlichen Gelübde abzunehmen, vor allem das Gelübde des Gehorsams. Wie der Kaiser das geleistet hatte, befahl er ihm kraft Gottes und in dessen Namen, die Kaiserkrone zu behalten und des Reiches Regiment und Herrschaft, das seiner nicht entraten könne. Der Kaiser sah sich überlistet, doch gebot er, so solle fortan an seiner Statt ein anderer Chorherr im Frauenmünster Gott dienen und das Amt versehen und am Altar für ihn singen und beten, der solle der Chorkönig heißen. Stiftete auch eine reiche Pfründe in das Gotteshaus, das war die Chorkönigspfründe, die hat bestanden weit über tausendundsiebenhundert Jahre. Und Bischof Werinhard war es, der hernach im Jahre 1015 den Grundstein zu dem steinernen Münster in Straßburg legte. *   35. Sankt Ottilia Es saß auf Hohenburg ein stolzer Graf, Herr Attich geheißen, dessen Frau gebar ihm ein Mägdlein, und das war blind. Darob ergrimmte Herr Attich und schrie: Ein blindes Kind will ich nicht, fort mit dem Wurme, und schlagt ihm den Schädel an einem Felsen ein!, und tobte fort, die Mutter aber sandte alsbald die Amme in Begleitung treuer Knechte mit dem blinden Kinde weit, weit von dannen, gen Palma, das liegt jenseits der Alpenberge in Friaul, dort war ein Frauenmünster, und dorthin ward Herrn Attichs Töchterlein gebracht. Im Bayerlande aber war ein Bischof mit Namen Erhardus, der hörte im Traume eine Stimme: Mache dich auf gen Palma in das Stift, dort findest du ein blindes Mägdelein, das sollst du taufen und Ottilia heißen. Erhardus folgte ohne Weilen der Stimme des Herrn, so er im Traume vernommen, zog gen Palma in das Stift und fand das Kind und taufte es und segnete es, und siehe, da gingen über der Taufe dem Kinde die Augen auf, und ward sehend. Und Ottilia blieb im Frauenmünster zu Palma, erwuchs darinnen züchtiglich, erlernte die Orgel schön zu spielen, der Blumen zu pflegen und ihrer Pflichten treulich zu warten. – Herr Attich aber ward vom Himmel heimgesucht, daß er Reue und Leid fühlte ob seines von ihm verstoßnen Kindes willen, und es trieb ihn zu einer Pilgerfahrt nach Welschland, sein Kind zu suchen, und da er der Tochter Aufenthalt erfahren, zog er des rechten Weges und hörte nun in Andacht das Wunder, das mit ihr sich begeben, und führte sie zurück nach Hohenburg und an das Herz ihrer Mutter. Glanz und Reichtum umgab das holde fromme Kind, aber das alles lockte sie nicht, und auch als der Ruf ihrer Schönheit und Lieblichkeit sich in der Gegend verbreitete und Freier angezogen kamen, die gern um ihre Hand werben mochten, zeigte sie sich allen abgewendet, wollte allein des Heilands Braut sein. Da nun unter diesen Freiern ein reicher Graf des Gaues war, so gelobte Herr Attich diesem sein Kind zum Ehegenoß und gebot Ottilien, sich nicht länger zu weigern. Das erschreckte die fromme Jungfrau gar sehr, sie suchte Trost und Rettung im Gebet und fand endlich einen Ratschluß, welcher kein anderer war als schnelle Flucht. Da nun der Bräutigam am Morgen angeritten kam, war die Braut abhanden und nirgend zu finden. Boten ritten und liefen wohl im Vogesengebirge umher und auf und ab all um den Rhein, und keiner fand Herrn Attichs Tochter, bis nach dreien Tagen endlich die Kunde kam, Ottilia sei in einem Schifflein über den Rhein gefahren, mutterseelenallein, und mochte wohl ein Engel ihr Ferge gewesen sein. Da forschten nun ihr Vater und der Graf gar fleißig nach ihr und waren weit aus und kamen bis gen Freiburg im Breisgau, und als sie dort im Tale ritten, sahen sie auf einmal auf einer Bergeshöhe die Jungfrau wandeln und sprengten eilend hinan. Wie nun Ottilia ihre ihr schon nahen Verfolger erkannte, erschrak sie heftig und rief den Himmel um seinen Schutz an, und da sie an eine Felswand kam, die ihre Schritte gänzlich hemmte, da tat vor ihr die Wand sich auf und schloß sich wieder hinter ihr zu. Aus dem Felsen aber rieselte alsbald ein klarer Wasserquell, und die Verfolger standen davor und wußten nicht, wie ihnen geschehen war. Nun begann Herr Attich, aufs neue in sich zu gehen, seufzte nach der Tochter, blieb an der Quelle und rief dem starren Fels das Gelübde zu, wenn Ottilia wieder zu ihm komme, so wolle er an diesen Ort eine Kapelle bauen und aus seiner Burg ein Kloster, und das mit reichem Gut begaben. Solches alles geschah, und der Brunnen aus dem Fels ward der Ottilienbrunnen geheißen und übte wundersame Kraft an kranken Augen. Ottilia aber wurde Äbtissin des neuen Klosters, pflegte und heilte Kranke, ward ein Schutzengel des ganzen Gaues, ließ an den Bergesfuß noch ein Kloster, Niedermünster, bauen, und als sie endlich sanft und selig verschieden, ist sie heilig gesprochen worden und ward die Patronin der Augen und von Augenleidenden insonderheit angerufen. *   36. Vater und Sohn Es war ein Graf im Oberelsaß, Herr Hug von Egisheim, dem gebar sein Ehegemahl einen Sohn, der ward Bruno genannt in der heiligen Taufe. Aber ein böser Argwohn umdüsterte des Grafen Herz, als sei das Söhnlein nicht sein eigen, und da befahl er einem Knecht, daß er es hinaustrage in den Wald, es töte und ihm sein Herz, der Tat zum Zeugen, darbringe. Den Knecht aber jammerte des unschuldigen Kindleins, und konnte solchen Mord nicht über das eigene Herz bringen. Er gab das Kind in sichere Hut, erlegte ein Rehkälbchen und brachte dessen Herz seinem grausamen Herrn. Der Knabe erwuchs und kam weit hinweg, die Jahre vergingen, und über den alten Grafen kam die Reue, denn es war ihm klar und offenbar geworden, daß er damals im Irrwahn befangen die schrecklichste Sünde begangen hatte. Und da litt es ihn endlich nicht länger mehr in der Heimat, er verließ seine Schlösser und sein Land und ging in Pilgertracht über die Alpen und wandelte gen Rom, dem Heiligen Vater seine schwere Schuld zu bekennen und eine Buße sich auferlegen zu lassen. Und er kam zum Papste und kniete zu dessen Füßen und beichtete sein Verbrechen und flehte zerknirscht um Entsündigung. Da erhob sich von seinem Thronsitz der Heilige Vater und sprach: Graf Hugo von Egisheim! Der allbarmherzige Gott hat nicht gewollt, daß Bruno, dein Sohn, sterbe, sondern hat ihn aufbehalten zu hohen Dingen. Und Gott verzeiht dir durch mich, den Knecht seiner Knechte, den grausamen Vorsatz. Deine Reue soll deine Buße gewesen sein. Stehe auf, Graf Hugo, umarme mich, ich bin es, der dir Verzeihung kündet, ich bin Bruno, dein Sohn, Leo der Neunte geheißen auf St. Petri heiligem Stuhle! – Dem alten Grafen war, als ob er träume, als ob der Himmel sich ihm erschließe. *   37. Die Münsteruhr Zu Straßburg im Münster ist ein kostbar und verwunderungswürdiges Uhrwerk, das seinesgleichen in der ganzen Welt nicht hat. Hoch und stolz, ein wundersames figurenreiches Gebäu, steht es da vor Augen, aber leider steht es eben und geht schon längst nicht mehr. Im Piedestal zeigt sich neben einem Himmelsglobus ein Pelikan, darüber erhebt sich ein Kalender, in dessen Mitte die Erdkugel ersichtlich ist, zu beiden Seiten stehen der Sonnengott und die Mondgöttin, welche mit ihren Pfeilen Tages- und Nachtstunden zeigen. Schildhalter an den vier Winkeln des Kalendariums lassen Wappen erblicken. Darüber fuhren in Wagen, von verschiedenen Tiergespannen gezogen, die sieben Planetengötter als Tagesboten, jeden Tag zeigte sich sanft vorrückend ein anderes Gespann, stand in der Mitte zur Mittagsstunde und gab dann allmählich dem nachfolgenden Raum. Darüber ein großer Viertelstundenzeiger und zur Seite vier Gebilde, die Schöpfung, Tal Josaphat, Jüngstes Gericht und Verdammnis. Zur Rechten des Beschauers steht ein freier Treppenturm am Uhrgebäu, zur Linken ein ähnlicher von anderer Form mit Göttergestalten, auf der Spitze ein großer Hahn, welcher die Stunden krähte und mit den Flügeln schlug. Am Sockel der Türme halten zwei große aufrechtsitzende Löwen je einer den Helm mit dem Kleinod, der andere das Wappenschild Straßburgs. Recht in der Mitte ist das riesiggroße mannigfach verzierte und mit kunstvollem Triebwerk versehene Zifferblatt, umgeben von den Bildern der vier Jahreszeiten, darüber steht: Dominus Lux Mea-Quem Timeo . Den Zeiger bildet ein geschlängelter Drache, dessen Zungenpfeil auf die Stundenzahl deutet. Über dem Zifferblatte zeigte ein kleinerer Kreis mit der Mondesscheibe genau des Mondes wechselnde Zeiten. Darüber zeigten sich zwischen Schildhaltern und Wappenfiguren wandelnde Gestalten der Menschenalter, welche an die offen hängenden Viertelstundenglocken anschlugen, über ihnen hängt die Stundenglocke; nach jedem Viertelstundenschlage trat der Tod hervor, die Stunde zu schlagen, aber da begegnete ihm die Gestalt unsers Heilands und wehrte ihm, erst wenn die Stunde voll war, durfte der Tod sein Stundenamt üben. Hoch empor über allem diesen hob sich noch eine gotische Krone mit den freistehenden Gestalten der vier Evangelisten, die Tiere der Offenbarung neben sich, und über diesen standen zwei musizierende Engel, dahinter aber barg sich gar ein schönes klangvolles Glockenspiel, auch ist noch manch anderes künstliches Bildwerk an der Münsteruhr zu sehen und sind auch gedankenvolle Sprüche daran zu lesen. Dieses herrlichen Werkes Meister hieß Isaak Habrecht, der hatte gar lange gesonnen Tag und Nacht und gearbeitet unermüdlich, bis er es vollendet, und bis es durch seinen lebendigen Gang alle Welt zum Erstaunen hinriß. Da es nun vollbracht war, so gedachte der Meister, auch anderswo seine unvergleichliche Kunst zu üben, da blies der böse Feind dem Rate der Stadt Straßburg schlimmen Neid in das Herz, und sollte seine Stadt solch Wunderwerk nur einzig und allein haben. Und weil die Herren im Rate glaubten, wenn sie dem Meister Habrecht auch verböten, der Stadt Weichbild zu verlassen, werde er Straßburg dennoch den Rücken kehren, so wurden sie miteinander eins, ihn des Augenlichtes zu berauben. Das ward dem Meister angesagt, und wie er es vernahm, schauderte ihm, und sprach: Nur einmal noch muß ich mein Uhrwerk sehen, möcht etwan noch was daran bessern, denn ich's später nicht mehr vermag, wenn ich nicht sehend bin. Das wurde ihm vergönnt, und dann stieg der Meister zu seinem künstlichen Bau hinauf und trat hinein und schaffte was darin, eine kurze Weile. Und hernach haben sie auf dem Rathaus den Meister des Augenlichts beraubt. Aber siehe – da stockte mit einem Male das Uhrwerk. Christus und der Tod und die Alter der Menschen wandelten nicht mehr, das Glockenspiel verstummte, der Hahn krähte nicht, die Uhrglocken tönten nicht, der Zeigerdrache zeigte nicht, die Götter fuhren nicht mehr – alles stand. Bald aber nach der grausamen Tat wurden Meister Habrechts geblendete Augen aufgetan zum ewigen Licht – und vergebens sendete der Rat nach Künstlern umher, die das Uhrwerk wieder in Gang bringen sollten. Viele kamen, viele probten und pösselten daran und darin herum, keiner bracht's in Gang, von alter Zeit zu neuer Zeit, immer wieder – sie verdarben mehr, als sie gut machten, und so steht im Münster das Uhrwerk heute noch, wunderbar anzuschauen, aber ungangbar, und die Zeiger zeigen noch Tag und Stunde, an denen so grauenhafte undankvolle Untreue an dem kunstreichen Meister verübt ward. *   38. Straßburger Schießen und Zürcher Brei Im Zeughaus zu Straßburg wird ein eherner Topf gezeigt, den sandte einstmals die Stadt Zürch voll Brei dahin, den sie in Zürch gekocht und der noch warm in Straßburg ankam, das begab sich also. Die Straßburger hielten großes Freischießen und luden dazu ein alle Nachbarstädte am Rhein, in der Rheinpfalz, im Elsaß und in der Schweiz, die kamen auch durch Gesandte zahlreich und nahmen teil am Feste; am weitesten hatten freilich die Schützen von Zürch, drei Tagereisen. Da war zu Zürch ein wackerer Kumpan, der hieß Hans im Weerd, und sann ein lustig Stücklein aus. Wir wollen gen Straßburg zu Wasser fahren, da brechen wir kein Rad und fällt uns kein Roß, und wollen das tun, so Gott will, in einem Tag, und einen heißen Brei, den wir allhier gekocht, den Straßburgern mitbringen. Dieser Rat fand großen Beifall, alles ward vorgerichtet und gerüstet, der Brei wurde in einer Nacht gekocht, kam in einen warmen Topf von Erz, und der Topf wurde in heißen Sand gestellt, und nun ging es schnell zu Schiff, als die Sterne noch glänzten. Vom Schiffe wehten lustig die Wimpel mit Zürchs Farben, weiß und blau, und munter flog es über der Limmat rasche Wellen rasch dahin. Von der Limmat lenkten die fröhlichen Schweizerschützen in die Aar, vorüber an mancher fährlichen Stelle, und aus der Aar in den Rhein, am Höllenhaken kühn vorbei durch Strudel und Klippen. Da das glückhafte Schifflein gen Rheinfelden kam, wohin schon Kunde von seiner Fahrt gelangt, ward zur Mauer herab ein Korb voll edlen Weines zum Morgentrunk herabgelassen und unverweilt eingenommen. Als die Basler Glocke elf schlug, war es erst um zehn Uhr, und das glückhafte Schiff mit seinen Zürchern nahte schon der Brücke. Da schallte von aufgestellter Mannschaft und drängendem Volk herzlichfroher Bundesgruß entgegen, und die Geschütze krachten, aber wie ein Pfeil schoß das Schiff, getrieben von den Ruderschlägen stets sich ablösender kräftiger Ruderer, immer rheinabwärts, und vorn im Schiff am Steuer stand lugenden und sorgenden Blickes der Hans im Weerd, und mitten im Schiff saß Kasper Thomann, der Zürcher erwählter Obmann und Sprecher beim Schützenfeste. So ging es weiter und immer weiter, an Neuenburg vorbei, an Breisach vorbei, durch die hundert Inseln und Werder und Riede im Rhein. Wohl sank der Abend nieder, wohl tauchte hinter der Vogesen blauer Bergkette das glühende Rad der Sonne unter, aber was leuchtete dort weit, weit her über die unermeßliche Stromtalfläche, eine rote Feuersäule? Im Sonnenscheidekuß flammte Unser Frauen-Münsters Turmriese, und der Jubel der Schiffer grüßte das leuchtende ferne Ziel. Aber immer noch liegen Stunden zwischen dem Ziele und dem Schiffe – der Tag schwindet, die Nacht bricht an, hell und rund steht der Mond am Abendhimmel, das Münster taucht empor, wie ein Geisterschiff, von der Schützenmatte her dringt dumpfer Lärm des Volksgewimmels; jetzt beginnen auch die im Schiff zu blasen mit hellen Zinken und Posaunen, Pfeifen und Drommeten – jetzt endlich ist Straßburg erreicht, und am Guldenturm legt das Schifflein an. Jubel begrüßt die nimmermüden Stromfahrer, die das nie Dagewesene vollbracht, in einem Tage gefahren die unendlichen Strecken, und der Brei im Topfe noch warm, gerade noch so recht mundrecht. Das war ein gar festliches Begrüßen, mit Musik und Fahnen wurden die werten Zürcher Gäste auf die Maurerstube geleitet zum herzlichen Willkommen und frohen Mahle. Von da brachte man die Zürcher, nachdem der Brei verzehrt war, in den güldnen Hirsch zur Rast, und am andern Tage beim Schießen wurden sie hoch geehrt vor allen Gästen, und der Topf blieb aufbewahrt für ewige Zeiten. *   39. Das Hündchen von Bretten Dir geschieht wie dem Hündchen von Bretten! sagen die Leute in der Rheinpfalz. Damit deuten sie auf ein Wahrzeichen des Städtleins Bretten hin und bezeichnen mit dem Spruch den Empfang des bekannten Teufelsdankes für gehaltene Treue. Zu Bretten war ein Mann, der hatte ein treues frommes Hündchen, das hatte er mit Fleiß abgerichtet zu allerlei Dienst und Kunststück, insonderheit brauchte er es zum Fleischholen. In einem Körbchen, darin eingewickelt das Geld lag und auf einem Zettel stand, was es bringen sollte, holte es beim Metzger Wurst und Fleisch, rührte davon nie einen Bissen an, so brachte es dem Metzger viele viele Kreuzer ins Haus. Da fügte sich's, daß der Metzger einen Gesellen bekam, der war katholisch, der Mann aber, dem das Hündlein zugehörte, war evangelisch und sandte es auch am Freitag zum Metzger, daß es, wie gewohnt, sein Fleisch oder seine Wurst hole. Solches verdroß den Metzgergesellen, und er sagte: Warte, Ketzer, ich will dir den dir gehörigen Schlünker schicken, nahm das Hündlein, hackte ihm auf dem Bloch das geringelte Schwänzchen grausam ab und legt's in den Korb. Das arme Tier faßte den Korb, lief blutend nach Hause, stellte den Korb vor seinen Herrn, legte sich hin, winselte, streckte alle Viere von sich und starb. Die ganze Stadt Bretten war entrüstet über solch ungetreue Tat, der Gesell wurde alsobald ausgewiesen und des Hündleins Bild ohne Schwanz in Stein gehauen und übers Stadttor gesetzt, darüber ein Kranz, den Lohn der Treue anzudeuten. Dieses ist das Wahrzeichen von Bretten, in welcher kleinen Stadt der große Philippus Melanchthon geboren wurde. *   40. Trifels Über dem Anweiler Tale bei Landau erhob sich eine stattliche Kaiserpfalz, Burg Trifels. Es geht die allgemeine Sage, daß König Richard Löwenherz von England darinnen gefangengehalten worden vom Kaiser Heinrich. Niemand wußte, wo er hingekommen, und war große Sehnsucht nach Richards Wiederkehr in seinem Reiche. Nun hatte Richard einen treuen Dienstmann, der war ein Minnesänger und verstand sich meisterlich auf die Kunst des Gesanges und der Töne. Der machte sich mit einer Schar redlicher Mannen auf, seinen König allüberall zu suchen. Reichen Schatz an Gold und Kleinodien, den das Volk geopfert, nahmen sie mit sich zum Lösegeld. Auch König Richard war ein Minnesänger, und Blondel, so hieß jener treue Dienstmann, kannte und konnte des Königs Lieder. Vor mancher Burg, darinnen er den König gefangen glaubte, hatte Blondel schon Weisen angestimmt, auf welche, wie er sicher voraussetzte, der König, wenn er ihn hörte, singend antworten mußte, aber es war still geblieben hinter den festen Mauern. Schon war er am Donaustrom auf- und abgezogen und hatte auch all um den Rhein gesucht und gesungen, da vernahm er, daß in der Nähe der Stadt Landau, allwo man dazumal des Heiligen Reiches Kleinodien aufbewahrte, die Kaiser Friedrich auf den Trifels selbst eine Zeitlang bringen und bewahren ließ, auf dreien Felsenzacken gar ein großes und stattliches Kaiserschloß stehe, und da Blondel der Meinung war, nur in einem solchen Schloß werde der römische Kaiser seinen König und Herrn gefangen halten, so wandte er sich dorthin mit den Seinen, umschlich spähend die Mauern und stimmte am Fuße der starken und hohen Türme, in deren Tiefen und Verliesen man gewöhnlich die Gefangenen schmachten ließ, jene Weisen an, die nur König Richard konnte. Und – o Freude – endlich, endlich drang aus dem Gemäuer des Turms auf Trifels antwortender Gesang in gleicher Weise – hoch schlug vor Freude Blondels Herz, sein Richard, sein König war gefunden und bald darauf auch aus seiner Haft befreit. Vom Schlosse Dürrenstein am Donaustrome geht die gleiche Sage, alldort zeigt man noch ein Loch im Trümmerfelsen, darin Erzherzog Leopold von Österreich den heldenmütigen König soll gefangengehalten haben. *   41. Der Rotbart zu Kaiserslautern Bei Kaiserslautern ist eine Felsenhöhle von unergründlicher Tiefe. Von dieser geht des Volkes allgemeine Sage, daß Kaiser Friedrich der Rotbart, da er aus seiner Gefangenschaft in der Türkei gekommen sei, in Kaiserslautern sich niedergelassen habe. Dort habe er das Schloß gebaut und dem Weidwerk, wie der Fischerei in dem schönen See, der noch der Kaiserwerder heißt, obgelegen. In einem Tiergarten nahe am Schloß hielt der Kaiser allerlei wunderbarliche und fremdländische Getiere, und im See fing er einstmals einen großen Karpfen, dem steckte er einen güldnen Ring von seinem Finger an eine Flosse: der Fisch blieb und bleibt hinfüro ungefangen bis auf des Kaisers Wiederkehr. Endlich kam der Kaiser hinweg, niemand wußte zu sagen wie, und es ging die Rede, er habe sich in das tiefe Loch verwünscht auf lange Zeit, da drunten besserer Zeit zu harren. Im Schlosse blieb lange noch des Kaisers Bette aufbewahrt, hängend an vier eisernen Ketten. War es abends wohl gebettet, so war es morgens verwälzt, so daß man deutlich sah, es habe jemand darin gelegen. Einst fing man im Kaiserwerder zwei Karpfen, die waren um die Hälse mit Ringen und einer güldenen Kette verbunden, zum Angedenken wurden sie in Stein ausgehauen an der Metzlerpforte. Zu einer Zeit fand sich ein Mann, der wollte gern den Grund der großen tiefen Höhle ergründen, in welche der Kaiser sich verwünscht haben sollte, und ward an einem Seil hinabgelassen mit einem Faden, der oben an eine Schelle reichte. Und kam hinab und sah den Kaiser sitzen auf güldnem Sessel mit mächtig großem roten Barte, schaute sich um und erblickte einen großen weiten Plan, darauf standen viele Wappner. Der Kaiser nickte ihm zu und bedeutete ihn, nicht zu reden – und da grausete es dem Mann, und gab sein Zeichen an der Schelle, und ward also wieder heraufgezogen, wo er verkündete, was er geschaut. Um keinen Preis aber wollte er noch einmal hinunter. Weit über das deutsche Land hin verbreitet ist die Sage vom verzauberten Kaiser im Bergesschoß. Im Thüringer Lande ist sie am lebendigsten um den Kyffhäuser, so auch im Untersberge bei Salzburg und anderorts, wo es aber auch oft Kaiser Karl der Große oder auch Karl V. ist, den die Sage hineinbannt und zu künftiger Wiederkehr aufbewahrt. *   42. Die schiffenden Mönche Zu Speier kam einstmals ein Fischer an den Strand des Rheinstroms, der stellte seine Garne spät am Abend und legte seine Reusen und fuhr in seinem Kahn von einer Uferstelle zur andern. Da kam ein Mann daher in brauner Mönchskutte, und der Fischer grüßte ihn. Fischer, sprach der Mönch, ich bin ein Bote von weitem her und möchte gern überfahren. – Das kann geschehen, sagte der Fischer und fuhr den Mönch über. Als er wieder an seinen Strand kam, standen fünf andere Mönche da und harrten seiner und sprachen: Fahr über! – Warum reiset ihr so in später Nacht? Und soll ich nicht für meine Arbeit einen Lohn von euch verdienen? – Fischer, es treibt die Not, antworteten die Mönche, die Welt ist uns gram, fahr uns nur über um Gottes willen. Der Strom war ruhig und hell der Nachthimmel, der Fischer nahm die Männer in seinen Kahn und stieß vom Strande. Schnell ward es dunkel, der Himmel schwärzte sich, der Strom warf Wellen, es heulte der Sturm und trieb die schäumenden Wogen über Bord in das Schiff hinein. Wie geschieht uns? fragte der Fischer. War doch eben erst der Himmel rein und klar! Hilf uns, o Gott! – Was heulst und betest du, statt zu rudern? schalt den Schiffer einer der Mönche, entriß ihm das Ruder und schlug ihn, daß er niedersank. Die Mönche ruderten nun selber eilend durch den Strom, legten am andern Ufer an und verschwanden. Als der Fischer wieder zu sich kam, grauete schon der Tag, und kaum vermochte er, wieder überzufahren und seine Hütte zu erreichen. Des Weges aber, den die Mönche eingeschlagen, kam ein Bote, der wollte gen Speier, der sah dieselbigen Mönche sich entgegenkommen, sie fuhren auf einem Wagen, der war schwarz überhangen und hatte nur drei Räder; die Pferde, die ihn zogen, hatten nur drei Beine, und der Fuhrmann hatte eine Teufelsnase und eine Flammengeißel, rund um den Wagen her weberte es von Flammen. Der Bote kreuzte und segnete sich und zeigte dem Rat zu Speier dies Gesicht an, aus welchem man auf große Zwietracht unter den deutschen Fürsten schloß, an der in alten und neuen Zeiten niemalen ein Mangel. *   43. Die Schwabenschüssel Zu Speier auf dem Domplatz steht auf einem großen Fußgestelle von Quaderstücken auf drei Staffeln ein großer, tiefer, runder steinerner Napf, mag wohl ein Taufbecken sein aus grauen Zeiten, wie eins vor der Klosterkirchenruine zu Paulinenzelle liegt und anderswo dergleichen auch gefunden werden – das hat in seinem Rand eine Schrift, in Messing gegossen, diese besteht aus lateinischen Versen. Dieses Becken nennen sie dort die Schwabenschüssel, niemand weiß, warum. Sie hatten aber zu Speier damit einen sondern Brauch, nämlich wenn ein neugewählter Bischof alldort seinen Einzug halten wollte, so ward er nicht alsbald in die Stadt gelassen, sondern mußte vor dem Tore halten bleiben und zuvor geloben, der Stadt Rechte und Freiheiten nicht anzutasten, vielmehr aufrechtzuerhalten, und das angeloben mit Brief und Siegel, dann öffnete der Rat ihm das Stadttor, aber gleichwohl durften nicht mehr als fünfzig Mann des Gefolges in ihrer Wehr mit dem Bischof einreiten, und dann ward das Tor wieder hinter ihm zugeschlossen. Danach legte der Bischof seinen Ornat an und ward von Rat und Bürgerschaft und seinem Gefolge geleitet und begleitet bis auf den Domplatz an die Schwabenschüssel, dort nahm die Klerisei den neuen Bischof in Empfang und führte ihn unter einen Thronhimmel in den Dom mit großen Zeremonien und Gepränge. Der Bischof aber ließ nun Wein anfahren und in die Schwabenschüssel fließen, so viel als hineinging, und da konnte trinken, wer wollte, und derer, die wollten, waren immer viele, und der Wein floß endlos in den Napf, ein ganzes Fuder oder auch zweie. Da soff sich zum öfteren die Menge toll und voll, und mancher kam weit hergereist zu diesem Trunke, und ward ihm hernach weh und übel von dem vielen Saufen. Davon ist denn das Sprüchwort entstanden, wenn sich einer übersoffen und die Folgen verspürt: Der reist nach Speier. Andere aber deuten das auf die Reise zum kaiserlichen Kammergericht dortselbst, wohin gar mancher reiste, um zu – appellieren. *   44. Die Totenglocken zu Speier Kaiser Heinrich IV. nahm gar ein trauriges Ende; auch seine Gebeine ruhen im Dome zu Speier, aber sie kamen nicht alsbald nach seinem Tode dahin. Verstoßen von Thron und Reich, gedachte er, wie sein heiliger Vorgänger Heinrich II. die Absicht gehabt, dort im Münster zu Straßburg seine Tage zu beschließen, am Dome zu Speier einer Chorherrenpfründe teilhaft zu werden, allein da er, der den Dom gebaut und reich geschmückt, nicht, wie jener, jetzt eine Pfründe gründen und stiften konnte, so ward ihm auch solche nicht zuteil, und der Bischof Gebhard, den er, der Kaiser, als solcher selbst auf seinen Stuhl gesetzt und ihn bestätigt, weigerte ihm die Aufnahme. Da erseufzte der Kaiser und sprach: Gottes Hand! Gottes Hand liegt schwer auf mir!, und zog trauernd von dannen. Und es geht in Speier die Sage, daß, als der alte Kaiser endlich arm und elend zu Lüttich an der Maas verstorben, habe die Kaiserglocke im Dome von selbst zu läuten begonnen, und alle andern Glocken haben volltönig eingestimmt in das Geläute, und das Volk sei zusammengelaufen und habe gerufen: Der Kaiser ist tot, der Kaiser ist tot, aber wo? wo ist er gestorben? Das wußte keiner. Der Bischof zu Lüttich fühlte minder hart wie der undankbare Bischof zu Speier, er ließ den Verstorbenen mit gebührenden Ehren bestatten. Aber als das der unnatürliche Sohn Heinrichs, Kaiser Heinrich V., vernahm, ward der Bischof von Lüttich verurteilt, den Sarg des Bestatteten mit seinen eigenen Händen wieder auszugraben, da der Verstorbene im Banne dahingegangen und einen Gebannten die geweihte Erde nicht decken dürfe. Da ward der tote Kaiser in seinem Sarge auf eine Insel in der Maas gestellt, und niemand wartete sein, und niemand kümmerte sich um ihn. Aber siehe, da kam ein Mönch, den niemand kannte, der fuhr hinüber auf die Insel, und betete über dem Sarge, und las Messen über den Toten, und sang ihm das Requiem, und das trieb er fort und fort, bis Heinrich V. es vernahm und den Sarg mit den Resten seines Vaters gen Speier führen ließ. Und als nun der Sarg im Königschor des Domes beigesetzt werden sollte, litt es der Bischof nicht, ehe denn der Papst zu Rom des deutschen Kaisers Überreste aus dem Banne lösete. Das währte fünf Jahre; so lange blieb Kaiser Heinrichs IV. Sarg in Sankt Afras Kapelle unbeerdigt stehen. Aber den Kaiser Heinrich V. wußte Gottes Hand auch zu finden, denn er blieb erbenlos, fiel in des Papstes Bann wie sein Vater, und als er verstarb, da läutete vom Münsterturme zu Speier ein Glöcklein von selbst gar hell und schrillend – und keine andere Glocke fiel ein, und niemand wußte, warum es läute, und das Volk lief zusammen und fragte sich untereinander: Wo wird denn einer ausgeführt, daß das Armesünderglöcklein läutet? *   45. Die Juden in Worms Mitten im Wein- und Wonnegau am gesegneten Rheinstrom, im Mark der Pfalz, erbauten Völker der Frühzeit das uralte Worms; dort haben schon Juden gewohnt nahe sechshundert Jahre vor Christi unsers Herrn Geburt. Die waren in Verbindung geblieben mit dem Lande ihrer Väter, mit Palästina, als aber den Priestern zu Jerusalem einfiel, ihnen zu befehlen, sie sollten hinwegziehen aus dem allzufernen Lande, damit die Männer nach Jehovas Gebot die drei hohen Feste zu Jerusalem mitfeiern könnten, und wenn sie nicht kämen, würde die Strafe ihres Gottes sie treffen – da schrieben die Juden zu Worms an den hohen Rat zu Jerusalem zurück: Ihr wohnet im gelobten Lande; ihr habt einen Tempel, und wir haben einen Tempel; ihr habt eine Gottesstadt, und wir haben eine. – Und der Totenhof dieser Juden hieß der Heilige Sand, der war hoch mit Sand bestreut, welcher aus Jerusalem gen Worms geschafft worden war, so viel vermochte ihr Reichtum. Als die Juden zu Jerusalem den Weltheiland kreuzigen wollten, hatte die Judengemeinde zu Worms nicht dazu gewilligt, vielmehr in einem ernsten Schreiben davon abgemahnt, das hat ihr hernachmals gute Frucht getragen, denn die Kaiser haben sie mit großen Freiheiten begabt, und es ist das Sprüchwort im Reich ergangen: Wormser Juden, fromme Juden. Sie hatten einen Vorsteher aus ihrer Mitte, der hieß der Judenbischof. Er war der erste der drei obersten Rabbiner, die es in Deutschland gab, zu Worms, zu Prag und zu Frankfurt am Main. *   46. Von den Dalbergen Auch das Geschlecht der Dalberge, das dem Wormsgau entstammte, ist ein uraltes; es leitete die Wurzeln seiner mythischen Stammbäume tief hinab in die Zeitenfrühe, bis zur Wurzel Jesse. Ein Dalberg soll, nachdem Jerusalem durch Titus zerstört worden, mit der zweiundzwanzigsten Legion römischer Krieger nach Worms gekommen sein und dort den neuen Stamm begründet haben, auch Hauptmann der Stadt Worms geworden sein. Er brachte viele Juden als Sklaven mit und verkaufte ihrer dreißig um einen Silberling an die Stadt Worms. Im Mittelalter wurde den Dalbergen der Ehrentitel die Kämmerer von Worms, und sie wachten mit Ernst über ihres Geschlechts uralten Stamm. Einst wollte eine Dalbergin hinüber zum Stift auf Unser-Lieben-Frauen-Berge nahe bei Worms fahren, allwo der übervortreffliche Wein wächst, Liebfrauenmilch geheißen, der Kutscher aber wußte nicht, wohin sie fahren wollte, und fragte sie, da sprach sie ganz stolz: Zu meiner Muhme nach Liebfrauen – und meinte mit der Muhme die Jungfrau Maria. So sehr hob sich der Dalberge Geschlecht zur Blüte, daß zu Worms nach ihnen eine Gasse ausschließlich die Kämmerergasse hieß; auch standen unmittelbar unter diesen Kämmerern von Worms des Heiligen Reiches Kammerknechte, die Juden. Und wenn die deutschen Könige und Kaiser nach ihrer Krönung junge Edle durch den Ritterschlag erheben wollten, so mußte jedesmal vor allen andern der Herold ausrufen und fragen: Ist kein Dalberg da? *   47. Wormser Wahrzeichen Am westlichen Portal des uralten Domes Unserer Lieben Frauen zu Worms ist als ein steinern Bildwerk ein Weib mit einer Mauerkrone zu erblicken, reitend auf einem seltsamen vierfüßigen Tiere – das wird eines der Wahrzeichen der Stadt Worms genannt und ist vielfach ausgedeutet worden. Manche meinen, das Frauenbild stelle dar die Babylonierin der Apokalypse, andere die triumphierende christliche Kirche; noch andere meinten, es sei Brunhild, die Gemahlin des Austrasierkönigs Siegberth, über welche, nachdem sie bereits achtzig Jahre alt geworden, ein furchtbares Strafgericht ihrer Herrschsucht wegen gehalten ward. Drei Tage lang wurde Brunhild gemartert, alsdann auf ein Kameel gesetzt und allem Volke zur Verspottung darauf umhergeführt, endlich an eines wilden Hengstes Schweif gebunden und dahingeschleift über Stock und Steine. Ein anderes Wahrzeichen findet sich am Dome außerhalb als seltsames Steingebilde, das stellt den Teufel dar mit seiner Großmutter, und zwar sucht das liebholde Enkelchen etwas, was man nicht gerne nennt, vom Kopf der Großmutter zu entfernen. Weiter zeigt sich auf freier Straße westlich vom Dom nach St. Andreaspforte zu ein Felsstück, das warf vom Rosengarten, einer Insel im Rhein, welche berühmt ist durch das alte Heldenbuch, ein Recke bis herein in die Stadt. Ohnweit davon ward eine Stange aufbewahrt, so auch lange zu sehen, war groß wie ein Weberbaum, war spitz und dreiundzwanzig Werkschuh lang. Das soll, wie die Sage geht, der Weberbaum gewesen sein, mit welchem der hörnene Siegfried den Drachen erschlug, wie im Volksbuche zu lesen. Eine andere Riesenstange, sechsundsechzig Werkschuh lang, ward vordessen im Dome aufbewahrt, auch hat man lange Jahre hindurch bis zum großen Brande zu Worms des hörnen Siegfrieds Grab gezeigt. *   48. Die Königstochter vom Rhein Vor grauen Zeiten soll das alte Worms auch die Hauptstadt des burgundischen Reiches gewesen sein. Ein Zigeunerweib stahl aus der Insel des Rosengarten eine Königstochter in einem kleinen Badewännlein und trug sie über den Rhein. Niemand wußte, wo das Kind hingekommen. Sein Vater grämte sich zu Tode, und seine Mutter starb fast vor Herzeleid. Achtzehn Jahre gingen darüber hin, da ritt der Königssohn durch einen Wald, fand dort ein Wirtshaus und kehrte ein; den Wein, den er begehrte, brachte ihm eine schöne Jungfrau, die ihm über alle Maßen wohlgefiel. Da er nun eines Fußbades begehrte, so rüstete ihm das die Maid mit frischen grünen Kräutern und brachte es in einem Badewännlein dargetragen. Die Wirtin aber war ein häßliches, altes, braunes Weib, die gab der Maid böse Rede und sagte dem jungen Rittersmann, den sie nicht kannte, daß jene nur ein Findelkind sei, vor langen Jahren von ihr angenommen und auferzogen zu einer Dienstmagd. Wie aber der Königssohn sich das Badewännlein ansah, gewahrte er mit Staunen daran das burgundische Wappenschild und dachte bei sich selbst: Wie kommt dieses Wännelein mit dem Wappen meines Stammes in dieses schlechte Wirtshaus? Und da fiel ihm bei, gehört zu haben, daß vor langen Jahren sein Schwesterlein zusamt dem Wännchen, in dem es gebadet worden, aus dem Rosengarten verschwunden sei, und daß seine Mutter ihm oft erzählt, das Schwesterlein habe ein Malzeichen am Halse gehabt, und dasselbe Zeichen entdeckte nun alsobald der Königssohn am Halse der Dienerin. Da grüßte und umfing er sie als seine liebe Schwester, und als die Wirtin hereintrat, fragte er diese, von wem und von wannen sie diese edle Jungfrau habe. Die Wirtin erschrak gar sehr, zitterte und erbleichte und fiel auf die Kniee. Sie hatte, da die Wärterin nur auf eine kurze Zeit sich entfernt, Kind und Wännlein davongetragen und war eilend in einem Kahn über den Rhein hinübergefahren. Da zog der Königssohn sein Schwert, das war sehr spitz und scharf, und stach die böse Wirtin damit in das Ohr, daß die Spitze zum andern Ohr wieder heraustrat, hob die Maid samt dem Wännelein auf sein Roß und ritt gen Worms zu seiner Frau Mutter. Die Königin wunderte sich baß, als sie das Paar so seltsam daherreiten sah, und fragte ihren Sohn: Welch eine Dirne bringst du uns daher? Sie führt ja ein Wännelein mit sich, als wenn sie mit einem Kinde ginge. – Frau Mutter, ich bringe keine Dirne, sondern Euer verlorenes Kind, mein lieb Schwesterlein, samt dem Wännelein, darin es Euch geraubt ward vor achtzehn Jahren! – Bei dieser Rede fiel die Königin vor Freude in Ohnmacht, und als sie wieder in den Armen ihrer Kinder erwacht war, priesen alle drei den Herrn. *   49. Schwedensäule bei Oppenheim Am Rheinufer im Ried ohnweit Oppenheim steht oder stand über Steinstufen eine hohe Säule auf vier Kugeln, die das Postament trägt, ruhend, in Form eines Obelisken. Auf der Spitze trug sie den sitzenden schwedischen Wappenlöwen mit behelmtem und gekröntem Haupt, in den Vordertatzen Schwert und Reichsapfel haltend. Es geschah, daß König Gustav Adolf von Frankfurt über Darmstadt längs der Bergstraße dem Rheine zufuhr und mit vier Getreuen in einem Nachen von Rockstadt aus den Rhein befuhr, die Gegend zu untersuchen, doch mußten diese Schweden sich bald vor den um Oppenheim verschanzten Spaniern zurückziehen. Dann aber ließ der kühne Schwedenkönig in den Dörfern am rechten Rheinufer die Scheunentore ausheben und sein Volk statt auf Flößen auf diesen Scheunentoren überschiffen, griff die Schanzen an und nahm Oppenheim mit Sturm. Zum Gedächtnis dieses Sieges ließ König Gustav Adolf diese Säule mit dem Löwenbilde aufrichten. Nun trug sich's zu, daß hernach, als der tapfere Schwedenheld bei Lützen gefallen war, wieder Kaiserliche diese Gegend besetzten. Da unternahm es ein kaiserlicher Offizier nicht ohne Gefahr, den hohen Obelisk zu erklettern, um das Schwert dem Löwen aus der Tatze zu nehmen, dann später dasselbe als ein Siegeszeichen dem Kaiser Ferdinand II. darzubringen, großer Belohnung, vielleicht einer güldnen Kette sich verheißend. Aber der Kaiser wurde überaus zornig über dieses Geschenk und sagte zu dem Offizier: Wie konnte Er sich unterfangen, eines so großen und tapfern Helden Denkmal zu berauben und zu verunehren? Ihm gebührt eigentlich ein Strick um den Hals, als einem Räuber. – Und hat der schwedische Löwe sein Schwert hernachmals wieder erhalten, auch ist die Schwedensäule späterhin, als sie den Wogen des Rheins und dem Eisgange allzu nahe und zu gefährlich stand, abgebrochen und besser landeinwärts gesetzt worden. *   50. Siegenheim Nahe der Stadt Mannheim und an der Straße von da nach Heidelberg liegt das Dorf Seckenheim, früher Siegenheim, so genannt von einem großen Siege, den Pfalzgraf Friedrich I., Kurfürst, genannt der Sieghafte, im Jahr des Herrn 1462 in Siegenheims Gefild erfochten. Damals ward ein steinern Kreuz auf der Walstatt erhöhet, mit einer Gedenkschrift, welche Kurfürst Friedrichs Sieg gegen den Bischof Georg zu Metz, gegen den Markgrafen Karl von Baden und gegen Graf Ulrich von Württemberg erfocht, da gewann der junge mutige Sieger alle seine Gegner, den Markgrafen Karl von Baden, den Herzog Ulrich von Württemberg, den Bischof Georg von Metz und nicht minder als zweihundertundvierzig Grafen und Herren nebst noch einer großen Schar reisigen Volkes zu Gefangenen, ohne das Volk, welches erschlagen ward und die blutige Walstatt deckte. Da konnte man wohl vom Siege reden. Alle Gefangenen ließ der Pfalzgraf gen Heidelberg führen und mit den Fahnen, die er den Feinden abgenommen, die Heilige-Geistkirche daselbst ausschmücken. Die gefangenen Fürsten wurden indes standesgemäß behandelt und ehrlich gehalten, und des Abends rüstete man ihnen eine stattliche Mahlzeit, da gab es Wild und Fisch und Beiessen und Wein im Überfluß, und nichts mangelte, bis auf eines. Und der Kurfürst trat zu den Gefangenen und munterte sie auf, doch zuzulangen und wacker zu essen, es werde ihnen doch schmecken nach so heißem Tage. Aber sie aßen nicht, und einer sprach: Gnädigster Herr Kurfürst: es mangelt uns an Brot. – Ha so! gegenredete der Kurfürst, das tut mir leid, da ergehet es euch gerade wie meinen Untertanen, denen ihr und euer Volk alle Brotfrucht geraubt und verbrannt habt und nicht einmal der Früchte auf dem Felde verschont. Wo soll dann Brot herkommen? Mit großen Summen mußten die Gefangenen sich lösen und dachten all ihr Lebetag an den Tag bei Siegenheim und an das Gastmahl zu Heidelberg. *   51. Jettenbühel und Königsstuhl Nahe bei Heidelberg liegt ein Hügel, heißt der Jettenbühel, ist ein Teil vom Geißberg, nicht weit vom Königsstuhl, der sich hoch über Stadt und Tal erhebt. Man soll vom Gipfel dieses Berges, des Königsstuhl, den ganzen Rheinstrom abwärts bis nach Köln sehen können. Auf dem Königsstuhl habe schon vor Christi Geburt ein deutscher König regiert, und seine Burg habe Esterburg geheißen. Auf dem Jettenbühel aber habe das alte Heidelberger Schloß gestanden. In einer uralten Kapelle wohnte ein altes Weib, Jetta geheißen, und war eine Wahrsagerin, die sich vor wenig Menschen sehen ließ. Denen, welche kamen, ihre Zukunft von ihr zu erfahren, erteilte sie die Antwort aus dem offenen Fenster. Sie verkündigte, ihr Hügel werde dereinst von königlichen Männern, deren Namen sie singend nannte, bewohnt werden, und drunten das Tal werde von tätigem Volke wimmeln. Eines Tages stieg Jetta zum Fuße des Geißberges hinab, nach Schlierbach zu, wo ein Brunnen quoll, den sie gern besuchte, da lag eine Wölfin am Brunnen, die säugte Junge, zerriß und fraß die Jetta. Der Brunnen heißt noch bis heute der Wolfsbrunnen. Das Schloß auf dem Jettenbühel, die alte Pfalz, wurde am Tage St. Marci 1536 durch einen Blitzstrahl entzündet, wobei ein Pulverfaß in Brand geriet und einen Teil des Schlosses in die Luft sprengte. Kurfürst Friedrich I. von der Pfalz erbaute, da er in des Kaisers Acht gefallen war, einen starken und festen Turm und nannte den Turm Trutz-Kaiser. Gegenüber dem Kaiserstuhl liegt jenseit des Neckar ein Berg, der heißt Allerheiligen- oder Heiligenberg, darinnen sind viele Höhlengänge und unterirdische Klüfte. Schon zu Römerzeiten soll auf dem Berge ein Tempel gestanden haben, ein Pantheon der Heiden, und die unterirdischen Gänge sollen einem Orakel gedient haben. Sie werden noch die Heidenlöcher genannt und von Erdzwergen bewohnt. Von dem Heidentempel aber hat der Heiligenberg keinesweges seinen Namen, sondern von Kirchen und Klöstern, die man in späterer Zeit dahinauf erbaute. Denn als die Christenreligion in diese Gegenden drang, da schenkte der deutsche König Ludwig III. (regierte 877 – 882) dem nachbarlichen Kloster Lorsch den Berg zum Eigentum, da wurde dem heiligen Michael zu Ehren eine Kirche hinaufgebaut, allein sie ging wieder ein, zwei Benediktinerklöster, eins nach dem andern, und gingen wieder ein, eine Kirche dem heiligen Stephan, ging ein, und noch eine Kirche dem heiligen Laurentius, und ging wieder ein. Es war, als ob die alten Heidengötter auf ihrem Berge unsichtbaren gewaltigen Kampf führten gegen das Christentum und es auf ihrem Sitz nicht duldeten, und jetzt sind die heiligen Stätten wüst und öde, und nur die Heidenlöcher sind noch vorhanden. *   52. St. Katharinens Handschuh Gar eine schöne Schildsage hatten die edlen Herren von Handschuchsheim, deren letzter im Jahre 1600 des Todes verblich, indem ihn Friedrich von Hirschhorn zu Heidelberg auf offnem Markt zur Nachtzeit auf den Tod verwundet hatte, und mit deren erstem sich das Folgende soll begeben haben. Er war ein frommer junger Ritter, der ging fleißig zur Kirche, und es geschah, daß er im Gebet vor dem Altare der heiligen Jungfrau und Märtyrerin Katharina einstmals entschlummerte. Da sah er drei überirdisch schöne Jungfrauen vor sich stehen, doch die mittelste war die schönste von den dreien, die sprach: Wir kommen, dich anzuschauen, und deine Augen sind geschlossen; siehe uns an, und willst du dir ein Gemahl erkiesen, so wähle eine von uns dreien. Da sah der junge Rittersmann an der Palme und am Zackenrad, welches Flammen umweberten, daß St. Katharina selbst es war, die zu ihm gesprochen, und gelobte sich ihr mit allen Freuden. Sie aber setzte ihm einen Rosenkranz auf das Haupt, des Rosen dufteten wie Blüten des himmlischen Paradieses, und verschwand. Der Ritter, als er von seinem Traumgesicht erwachte, fand wirklich den Rosenkranz und bewahrte ihn heilig und fand, daß dessen Rosen nicht welkten. Nun drangen aber seine Verwandten in ihn, daß er sich vermähle, hatten ihm auch schon eine sehr tugendsame adelige Jungfrau auserkoren, und er konnte sich der Heirat nicht entschlagen, fuhr aber doch fort, seiner himmlischen Verlobten in Andacht zu dienen. Seine Hausfrau nahm indes bald wahr, daß der junge Gemahl sie nicht selten verließ, absonderlich des Morgens, wo er nach der Kirche ging, und argwöhnte Schlimmes, fragte auch ihre Kammermagd, wohin ihr Herr wohl immer gehe. Diese nährte nur den Verdacht der Frau, indem sie sprach, es dünke ihr, daß er zu des Pfaffen Schwester schleiche. Da ward die Frau unsäglich betrübt und weinte sehr, und als ihr Gemahl sie fragte, warum sie weine, so sagte sie ihm ihren Verdacht und ihren Kummer an. – Du bist töricht, antwortete ihr der Ritter, die, so ich inniglich minne, ist des Pfaffen Schwester nicht, ist eine viel Höhere und Schönere – und wandte sich hinweg von seiner Frau. Dieser brach solche Antwort fast das Herz, zumal sie gesegneten Leibes sich befand, und in Unsinnigkeit der Eifersucht ergriff sie ein Messer und stach sich's in den Hals. Da der Ritter nach Hause kam vom Gebet und das Unheil sah, erschrak er, daß ihm das Herz kalt ward, und fiel in Ohnmacht, und als er wieder zu sich kam, raufte er sein Haar und klagte aller Schuld sich an und rief unter tausend Tränen seine Heilige um Schutz und Beistand. Da erschien ihm die heilige Katharine abermals sichtbarlich mit ihren beiden Jungfrauen und sprach: Auf dein Gebet und meine Fürbitte ist deine Frau wieder lebendig geworden und hat ein Töchterlein geboren! – und neigte sich über ihn und wischte mit ihrer Hand über seine tränenquillenden Augen, daß die Hand ganz davon überfeuchtet wurde, und siehe, da ward aus dem Tränennaß ein Handschuh, so weiß und zart wie das Häutchen im Ei, und St. Katharina streifte ihn sanft ab und entschwand mit ihren Begleiterinnen, und der Ritter fand den Handschuh in seiner Hand liegen. Indem so kam ein Bote, der ihn suchte, und rief: Herr! dein Gemahl lebt und hat ein Töchterlein geboren. – Da ging der Ritter freudenvoll heim, umarmte und küßte Weib und Kind, und beide lobten Gott und die heilige Katharine. Die Frau ließ ein Kloster bauen, und der Ritter tat eine Bußfahrt in das Heilige Land, und als er zurückkam, ließ er jenen Rosenkranz und den Handschuh, den er auf seinen Helm gebunden mit sich geführt und der in allen Gefahren ihn wunderbarlich geschirmt hatte, in der Kirche zum Gedächtnis aufbewahren, nahm auch den Handschuh auf in sein Wappenschild und nannte sein Geschlecht und seinen Sitz Handschuchsheim. *   53. Des Rodensteiners Auszug Im Odenwalde oder nahe dabei stehen zwei Trümmerburgen, die heißen der Rodenstein und der Schnellert, zwei Stunden voneinander entfernt. Die Herren von Rodenstein waren ein mächtiges Rittergeschlecht. Einer derselben war ein gewaltiger Kriegs- und Jagdfreund, Kampf und Jagd war sein Vergnügen, bis er auf einem Turnier zu Heidelberg auch die Minne kennenlernte und ein schönes Weib gewann. Doch lange hielt er es nicht aus im friedsamen Minneleben auf seiner Burg, eine nachbarliche Fehde lockte ihn zu blutiger Teilnahme. Vergebens und ahnungsvoll warnte sein Weib, bat und flehte, sie nicht zu verlassen, da sie in Hoffnung und ihrer schweren Stunde nahe war. Er zog von dannen, achtete ihres Flehens nicht – sie aber war so sehr erschüttert, daß ihre Wehen zu früh kamen – sie genas eines toten Sohnes und – starb. Der Ritter war, dem Feinde näher zu sein, auf seine Burg Schnellert gezogen – dort erschien ihm im Nachtgraun der Geist seines Weibes und sprach eine Verwünschung gegen ihn aus. Rodenstein! sprach sie, du hast nicht meiner, nicht deiner geschont, der Krieg ging dir über die Liebe, so sei fortan ein Bote des Krieges fort und fort bis an den Jüngsten Tag! – Bald darauf begann der Kampf. Der Rodensteiner fiel und ward auf Burg Schnellert begraben. Ruhelos muß von Zeit zu Zeit sein Geist ausziehen und dem Lande ein Unheilsbote werden. Wenn ein Krieg auszubrechen droht, erhebt er sich schon ein halbes Jahr zuvor, begleitet von Troß und Hausgesinde, mit lautem Jagdlärm und Pferdegewieher und Hörner- und Trompetenblasen. Das haben viele Hunderte gehört, man kennt sogar im Dorfe Oberkainsbach einen Bauernhof, durch den er hindurchbraust mit seinem Zuge, dann durch Brensbach und Fränkisch-Krumbach und endlich hinauf zum Rodenstein zieht. Dort weilt das Geisterheer bis zum nahenden Frieden, dann zieht es, doch minder lärmend, nach dem Schnellert zurück. Im vorigen Jahrhundert sind im Gräflich-Erbachischen Amte zu Reichelsheim gar viele Personen, die den Nachtspuk mit eigenen Ohren gehört hatten, amtlich verhört worden und haben ihre Aussagen zu Protokoll geben müssen. Viele sagen zwar, es sei des Lindenschmieds Geist, der so ruhelos ziehe, und von dem am Rhein alte Lieder gehen, aber der Lindenschmied war ein Schnapphahn, den Kaspar von Freundsberg gefangennahm, und lange vor seinem Leben war der Rodensteiner zum Auszug und Kriegsherold bis zum Jüngsten Tage verwünscht worden. *   54. Eginhart und Emma Kaiser Karl der Große hatte einen jungen Kapellan, Eginhart geheißen, der ihm auch als Geheimschreiber treulich diente, und von welchem jenes großen und mächtigen Kaisers Leben beschrieben worden ist. Dieser liebte des Kaisers Tochter Imma oder Emma und wurde von ihr heftig wiedergeliebt, doch fürchteten sich beide, dem mächtigen Herrscher Karl ihre Leidenschaft zu entdecken, weil Imma bereits dem Könige von Byzanz verlobt war. Da geschah es, daß Eginhart in einer Nacht zu Imma kam und mit ihr von ihrer Liebe redete, bis der Morgen fast zu grauen begann. Aber während die Liebenden heimlich beisammen waren, fiel ein starker Schnee, und als Eginhart von seiner Geliebten hinweggehen wollte, da er über den Hof der Kaiserpfalz zu Ingelheim, wo sich dieses zutrug, wandeln mußte, erschraken beide sehr, denn sein Fußtritt von ihrem Gemach aus mußte ihn ohnfehlbar verraten. Da ersann Imma eine List, sie gürtete sich und trug den Geliebten auf ihrem Rücken durch den Schnee über den Burghof bis zur Stelle, wo er sicher war, und kehrte dann, in ihre eigenen Fußtapfen vorsichtig tretend, wieder zurück. Alles war still, und alles schlief, nur der große Kaiser nicht. Dieser wachte und sah aus seinem Gemach hinab in den Schloßhof und erkannte mit Schmerz die eigne Tochter – doch er schwieg. Der junge Kanzler aber gelobte sich nach der ertragenen Angst, des Kaisers Hof zu verlassen, kniete nieder vor seinem Herrn und bat ihn zu entlassen. Da der Kaiser nach der Ursache solcher Bitte fragte, so wandte Eginhart Mißmut vor, sein Dienst werde ihm nicht gehörig vergolten, und was er sonst für Ausreden brauchte. Der Kaiser versprach dem Jüngling baldigen Bescheid, setzte aber ein Gericht an, zu dem er seine weisesten Räte und Richter berief, und trug ihnen vor, was sich begeben habe, und was er mit Augen gesehen; heischte nun, da er in eigner Sache nicht Richter sein wollte, ihren Rat und ihr Urteil. Da stimmten die Räte und Richter fast allzumal für Milde und Verzeihen, und der große König, ob er auch im Herzen zürnte, mußte ihnen zuletzt beistimmen. Darauf ließ er seinen Schreiber vorfordern und sprach zu ihm: Schon lange hätte ich deine Dienste besser vergolten, hättest du mir früher dein Mißvergnügen entdeckt, nun will ich dir meine Tochter Imma zur ehelichen Frau geben, welche dich hochgegürtet so williglich durch den Schnee getragen hat. Und sandte nach der Tochter, und Imma kam mit hohem Erröten und ward ihrem Herzgeliebten alsobald angetraut. Der Kaiser begabte seine Kinder reich mit Ortschaften, Waldungen und Feldern und hielt Eginhart gar hoch in seinem Herzen. Als aber der große Kaiser verstorben war, da sehnte Eginhart sich vom Hofe hinweg mit seiner lieben Imma in beschauliche Stille, und König Ludwig der Fromme, Karols Sohn, begabte ihn mit zwei königlichen Villen im Odinwald, die hießen Michlinstadt und Mühlenheim. Nach einer Reihe glücklich verlebter Jahre wandte sich das Herz der Verbundenen mehr und mehr dem Himmel zu. Michlinstadt schenkten sie dem berühmten Kloster Lorsch, von dem überkamen es die Schenke von Erbach, die später Reichsgrafen wurden. Beide lebten fortan geistlich, nur noch als Bruder und Schwester verbunden: Eginhart ließ sich die Priesterweihen erteilen und erbaute eine Kirche mit Klosterzellen zu Obermühlheim, ließ dorthin heilige Leiber aus Rom kommen, und als seine Imma verstorben war, ließ er sie in seinem Kloster beisetzen, dessen erster Abt er wurde. Selig sei die Statt, wo du ruhest, sprach er an der Asche der Treugeliebten, und wo wir in Liebe Selige gewesen – und fortan wurde der Ort Seligenstadt genannt. Andere sagen, Karl der Große habe die Liebenden von seinen Augen verbannt und verstoßen, und sie haben lange dort um Seligenstadt in einer Waldeinöde beisammengewohnt, bis der Kaiser auf einer Jagd sie einst unvermutet wiedergefunden und aus Freude jene Stätte selbst Seligenstatt genannt habe. Da auch Abt Eginhart verstorben war, wurden seine Gebeine neben denen seiner Imma beigesetzt und ihnen dann ein kostbarer Sarkophag, darinnen sie ruhten, errichtet, und da nun die erlauchten Grafen von Erbach zu Erbach ihren Stamm von diesem edlen Paare ableiten, so ist durch Geschenk von hoher Fürstenhand ihnen dieser alte Sarkophag verehret worden und wird als das kostbarste Altertum zu Erbach noch bewahrt. Nicht minder aber ward zu Seligenstadt ein herrlicher andrer Marmorsarkophag mit den Gebeinen der Gründer der dortigen Kirche in derselben aufgestellt, und so ist es gekommen, daß Eginharts und Emmas Sarg an zwei verschiedenen Orten gezeigt wird und doch jeder von beiden der wahrhaftige ist. *   55. Die Windecker Über der Stadt Weinheim an der Bergstraße erhebt sich die Burgtrümmer Windeck, von welcher manche Sagen gehen. Einst jagte ein freisamer Rittersmann, als Windeck schon verfallen war, einen flüchtigen Hirsch, der flüchtete sich geradezu mitten in die Ruinen der alten Burg und entschwand seinen Augen, der Ritter aber sah sich einsam in stiller Ode. Der Tag war heiß, und ihn dürstete sehr, er gedachte wohl der Sage, daß in den verschütteten Kellern der Windeck noch manch ein gutes Trünklein liege. Siehe, da stand vor ihm ein Jungfräulein im schloßenweißen Gewande, die hielt ein köstlich Trinkhorn, das bis zum Rande gefüllt war, und bot es ihm zum Tranke. Der Ritter trank und konnte kein Auge mehr von der schönen Jungfrau wenden; sie aber nahm ihr Trinkhorn zurück und verschwand. Seitdem blieb der Ritter fort und fort an die Trümmer von Windeck gebannt, immer hoffend, daß die Herrliche, die ihn bezaubert mit ihren Augen, wie mit dem Tranke, ihm einmal wieder erscheine; niemand aber kann sagen, ob der Ritter sie noch einmal gesehen, denn auch als er endlich verstorben war, wandelte sein Geist noch ruhelos durch die Trümmer. Auch der Geist eines der letzten Windeckers soll zuzeiten auf dem Turme der alten Windeck erblickt werden, die Arme sehnend hinüberstreckend in der Richtung nach Straßburg. Eine Straßburgerin war sein Weib, Heimatliebe zog sie aus seinen Armen, im hohen Münster dort betete sie, im Münster starb sie, im Münster ist ihr Grab. Sehnend nach ihr brach im Tode des Gatten Herz. Anders als dieses Ritters Herz beschaffen waren die Herzen der allerletzten Sprossen des edlen Geschlechtes derer von Windeck. Unsäglicher Geiz war ihr alleiniges Glück. Einsam hausten und als Junggesellen die Brüder in der verfallenen Feste; diese baulich zu erhalten, hätte Geld gekostet, und solches hatten die Brüder viel zu lieb, um es hinauszustoßen aus ihrem Kasten in die feindliche böse Welt. Aller Dienerschaft taten sie sich ab, denn Diener kosten etwas, nämlich Kost und nebenbei doch noch Geld. Selbst Hund und Katze fraßen den Brüdern endlich doch gar zu viel, und sie fanden daß es ein kostspieliges Ding sei, vierbeiniges Vieh zu halten, zumal wenn es nicht zum wenigsten Milch oder Wolle gebe. Dennoch hielten sie beide gemeinschaftlich noch ein Tierchen, und das war eine Meise – die brauchte nicht viel – sie gaben ihr täglich eine Nuß. Da hatte einstmals einer der Brüder eine schlaflose Nacht, und in schlaflosen Nächten pflegen die Geizigen zu rechnen. Und da rechnete der Herr von Windeck und brachte heraus, daß das Jahr 365 Tage, auch manchesmal 366 Tage habe, und daß ebenso viele Nüsse sechs Schock und einige darüber machten, und daß ein Schock Nüsse, wenn sie billig, wie an der Bergstraße – anderwärts kosten sie mehr – drei Kreuzer kosteten, und daß dieses alljährlich die Summe von achtzehn Kreuzern und mehr betrage, sechsmal so viel, als eine Meise wert sei. – Am andern Tage teilte der Windecker seinem Bruder die angestellte Rechnung mit, worüber dieser erschrak und eine Zeitlang ganz tiefsinnend wurde. Wenn wir bedenken, lieber Bruder, sprach er endlich, daß bei sechs Schock Nüssen auch viele taube sind, so können wir sogar sieben Schock rechnen, ohne die Mühewaltung, welche das Füttern, Wassergeben und Bauerreinigen eines solchen unnützen Fressers verursacht. – Ja, lieber Bruder, sprach der erste wieder mit einem Seufzer, wir haben uns da von unsrer Gutherzigkeit gegen dieses unvernünftige Geschöpf, gegen unsre Meise, zu einer unverantwortlichen Verschwendung hinreißen lassen, denn bedenke, wie viele Jahre wir nun schon das nutzlose Geschöpf füttern! Es ist ganz unerhört! – Darauf wurden die Brüder alsbald einig, dem unnützen, kostspieligen Kostgänger den Bauer zu öffnen und ihn hinfliegen zu lassen, wohin er wollte. Aber der Schmerz über ihre zu spät von ihnen erkannte Verschwendung nagte den Brüdern am Herzen, sie konnten sich jene nicht vergeben, diesen nicht überwinden, und am folgenden Tage hatte der Gram über ihre Verschwendung ihnen zu gleicher Zeit das Herz gebrochen. *   56. Thassilo in Lorsch Es geschah, daß Kaiser Karl der Große zu streiten kam mit Thassilo, dem mannlichen Bayerherzog, der sein ganz naher Verwandter war, und da er großes Unrecht durch Anreizung der Widersacher Karls verübt, so übte Karl eine erschreckliche Rache und ließ ihm eine entsetzliche Strafe zuteil werden. Karl ließ den Agilolfinger Thassilo blenden, welches dadurch geschah, daß jener gezwungen ward, auf einen seinen Augen nahegebrachten, im Feuer glühend gemachten Schild zu sehen, bis ihm das Licht der Augen dunkel ward und gar verging. Sein langes Haar ward vor dem Thron ihm abgeschnitten und er zum Mönch geschoren, dann sollte er nach des Kaisers Gebot eingetan werden als Mönch in ein Kloster, damit er büße und bete all sein Leben lang. Darauf nach langen Jahren begab es sich, daß einstmals Kaiser Karl gen Lauresheim, das ist Lorsch, das Kloster, kam, und hatte den Herzog Thassilo längst vergessen, und sich gedrungen fühlte, zur Nachtzeit im Münster dort zu weilen und zu beten, da nahm er mit Staunen wahr, wie ein Mönch durch den Kreuzgang unsichern Trittes wandelte, welcher blind war, ihm zur Seite aber ein lichtumflossener Bote Gottes ging, der ihn leitete. Des Greises Züge kamen dem Kaiser bekannt vor, doch konnte er sich dessen Namens nicht entsinnen. Und der Mönch ward von Altar zu Altar geleitet und betete an jedem und schritt dann mit seinem überirdischen Führer still zurück. Darauf hat der Kaiser am andern Morgen den Abt des Klosters Lorsch zu sich entboten und hat ihn gefragt, welchen Mönch er im Kloster habe, dem ein Engel diene. Der Abt erstaunte und wußte nichts zu sagen, folgte aber des Kaiser Gebot, in nächster Nacht mit ihm des Mönchs wieder zu harren. Da geschah es ganz so wie in der vorigen Nacht, daß der blinde Mönch wieder kam und der Engel ihn geleitete. Und der Kaiser, gefolgt von dem Abt, ging, als der Mönch gebetet hatte, dem Mönch und dessen Führer nach, und trafen den Mönch allein in seiner Zelle. Der Abt kannte den Mönch aber nur unter seinem Klosternamen und wußte nichts weiter von ihm. Nun sprach der Abt ihn an, zu sagen, was er vordem in dem weltlichen Leben gewesen, und nichts zu verhehlen und zu verschweigen, denn sein Herr und Kaiser sei es, der vor ihm stehe. Da sank der blinde Mönch zu des Kaisers Füßen nieder und sprach: O Herr! Viel habe ich gegen dich gesündigt, und meine Buße währet für und für. Thassilo war ich vordem geheißen. – Da hub ihn der Kaiser gnädiglich auf und sprach: Schwer hast du gebüßt, und härter, als mir lieb, all deine Schuld sei dir vergeben. Da küßte der blinde Greis des Kaisers Hand und sank zur Erde und verschied. Im Kloster Lorsch ruht sein Staub. *   Der Heerwisch 57. Der Heerwisch Die Leute in der Gegend der Bergstraße und insonderheit um die Orte Lorsch und Hähnlein nannten und nennen die Irrwische Heerwische und haben einen Spottreim, daß sie sie anrufen, wenn sie, wie gewöhnlich nur geschieht, in der Adventszeit sich sehen lassen: Heerwisch, ho ho! Brennst wie Haberstroh! Schlag mich blitzeblo! Das ist aber schon mehr als einem übel bekommen. Da war vor länger als dreißig Jahren einmal ein junges Mädchen, das ging zur Abendzeit an einem Sumpf bei Hähnlein vorüber, da sah sie einen Irrwisch hüpfen und rief ihm keck und laut den Spottreim hinüber. Sogleich kam der Irrwisch über den Sumpf herübergeflattert, auf das Mädchen zu, dem ward angst – es eilte, was es eilen konnte, seinem Elternhause zu, der Heerwisch aber flugs hinterdrein, und hatte feurige Flügel, und schlug damit wie ein recht wilder großer Sumpfvogel auf das Mädchen los, und als sie, zum Tod geängstigt, das Haus erreichte und hineinschlüpfte, war der Heerwisch auch mit drin, machte die ganze Hausflur hell, trat ihr in die Stube nach und schlug mit seiner Flackerlohe alle Leute, die ihm in den Weg und Wurf kamen, dann fuhr er zum Schornstein hinauf und aus dem Schlot wie ein Feuerdrache und walzte über alle Dächer, daß sich männiglich entsetzte. Am andern Tage waren alle, und das Mädchen zumeist, »blitzeblo« von des Heerwisches Schlägen. Die Heer- und Irrwische und Feuermänner werden für Verstorbene gehalten, welche wegen ihrer Übeltaten im Leben die ewige Ruhe nicht finden, insonderheit sind es falsche Feldmesser, Grenzsteinverrücker und Bauern, die dem Nachbar die Furchen abpflügen, die in ganz Deutschland für solche gehalten werden, die als Feuermänner büßen müssen. Im deutschen Norden gelten die Irrwische für die Seelen ungetauft verstorbener Kinder. In Thüringen haben die Leute ein Sprüchwort, wenn einer recht hastig rennt: Du läufst ja wie ein feuriger Mann. *   58. Die Wiesenjungfrau und das Niesen Auf einer grünen Wiese bei Auerbach, eine Meile von Lorsch, hütete ein Hirtenbub seines Vaters Kühe, stand müßig und dachte an gar nichts. Da fühlte er auf einmal einen sanften Backenstreich auf seiner Wange von einer weichen Hand, und wie er erschrocken sich umdrehte, so stand eine wunderschöne Jungfrau vor ihm da, schloßschleierweiß, und tat den Mund auf, ihn anzureden. Aber der Bub tat vor Schreck einen Brüll, als wenn er am Spieße stäke, und rannte davon, nach Auerbach zu und hinein. Nach einiger Zeit hütete der Bube abermals auf jener Wiese und stand träumend in der heißen Mittagsstunde am Waldesrain. Da raschelte es am sonnigen Rain, als schlüpfe ein Eidechs ins Dorngebüsch, der Knabe blickte hin, da sah er eine kleine Schlange, die trug in ihrem Mund eine blaue Blume und sprach: Guter, erlöse mich! erlöse mich! Mit dieser Blume öffnest du droben im alten Schloß Auerbach die verfallenen Keller und die Fässer voll Gold, und alles ist dein! Nimm die Blume, nimm die Blume! – Aber dem Buben wurde es ganz unheimlich und graulich, er hatte all sein Lebetage noch keine Schlange sprechen hören – und lief von bannen, als wenn der wilde Jäger hinter ihm drein wäre. Als der Spätherbst kam, hütete derselbe Bube zufällig wieder an derselben Stelle, und da empfing er wieder einen sanften Backenstreich und sah im Umdrehen wieder die weiße Jungfrau, welche ihn flehend ansprach: Erlöse mich! erlöse mich! Ich will dich reich und glücklich machen. Du allein kannst es, nur du allein. Ich bin verwünscht, zu harren und zu wandeln, und kann nicht eher zur Seligkeit eingehen, bis aus einem Kirschkern, den ein Vöglein auf diese Wiese fallen läßt, ein Kirschbaum groß und stark gewachsen ist, der Baum abgehauen und aus ihm eine Wiege gemacht wird. Nur das erste Kind, das in solcher Wiege geschaukelt wird, kann dadurch mich erlösen, daß es mit der blauen Blume, die ich hier halte, hinauf zur Burg geht und dort die unterirdischen Schätze hebt. Du bist das Kind, das in solcher Wiege gewiegt worden. – Als der Bube diese Rede hörte, zitterte er, und es lief ihm eiskalt über den Nacken, denn er hatte kein Herz, und wenn der Mensch kein Herz hat, ist er ein Tropf. Und kreuzigte und segnete sich und schüttelte mit dem Kopfe. – Wehe mir! Wehe! rief da die Jungfrau. So muß ich wieder hundert Jahre harren und wandeln, wehe dir, daß du kein Herz hast, so sollst du auch keins finden! – Und tat einen lauten Schmerzensschrei und verschwand. Der Bube aber ging von diesem Tage an still und bleich umher und hat nicht lange gelebt. Eine ähnliche Sage von dem Kirschkern, Baum und Wiege, an die sich Hoffnung auf Erlösung knüpft, geht von den Trümmern der Burgruine Raueneck in Osterreich. Dort bei Auerbach aber ist's auch sonst nicht geheuer. Über das Flüßchen, die Auerbach, geht ein Brückchen. Als einstens jemand darüberschritt, hörte er es im Wasser niesen, und zwar dreimal, und dreimal sprach er: Gott helf! Da stieg die Gestalt eines Knaben aus dem Wasser und rief: Gott danke dir, du hast mich erlöst! Darauf hab' ich dreißig Jahre gewartet. Ein anderer hatte oberhalb der Brücke auch dreimal niesen hören; zweimal hatte er Gott helf! gerufen, weil aber niemand einen Dank zurückrief, so schreit er beim dritten Male: Hole dich der Teufel! – Da hat es im Wasser einen Wall getan, als wenn sich jemand in demselben heftig umwälze, und darauf ist alles stille gewesen. *   59. Das versunkene Kloster Ohnweit des Fleckens Neuenkirchen im Odenwalde liegt ein stilles einsames Wiesental mit einem kleinen Weiher ohne Zufluß und ohne Abfluß. Dort hat vorzeiten ein Nonnenkloster gestanden, und darinnen war eine junge Novize, die hatte das Gelübde noch nicht abgelegt. Sie war zum Kloster gezwungen worden und liebte einen Ritter von einer der nahen Burgen, der oft zur Nachtzeit, wenn alles ruhte, heimlich in den Klostergarten kam und die Geliebte sah und sprach. Eines Abends kam ein müder greiser Pilger an die Klosterpforte und begehrte Einlaß und Obdach über Nacht, allein die Priorin und der ganze Konvent wiesen ihn ab. Nur die Novize bat, des alten Mannes Bitte doch zu gewähren, allein da sie noch nicht Nonne war, stand ihr nicht einmal zu, einen Rat zu geben, und die Pforte des Klösterleins blieb dem Pilger verschlossen. Da murmelte derselbe einen Fluch, schwang seinen Stab, schlug dreimal damit an die Pfortenmauer, und da versank das Kloster mit Kirche und Konventhaus lautlos in die Tiefe, und wo es gestanden, breitete eine stille Wasserfläche geheimnisvoll sich aus. Der Pilger aber schwand hinweg, an seine Stelle trat der liebende junge Ritter – und traute gar nicht seinen Sinnen, als er nichts mehr vom Kloster sah. Laut rief er den Namen der Geliebten durch die öde Stille, die ihn umschauerte, da scholl es aus der Tiefe herauf: Morgen zu dieser Stunde kehre wieder zu dieser Stätte! Einen roten Faden, der auf dem Wasser schwimmen wird, erfasse dann! Der Ritter tat in der folgenden Nacht, wie ihm geboten war, er faßte den Faden und zog an ihm, und da stand sein liebes Lieb vor ihm und küßte ihn und sprach zu ihm: Unschuldig muß ich mit den andern büßen, doch ist mir vergönnt, dich zu dieser Nachtstunde zu sehen, nur darf ich nicht über ihren letzten Schlag verweilen. Der rote Faden, an dem du mich emporziehst, ist mein Lebensfaden, darum halte mich nicht über die Zeit. – Lange sahen sich so die Liebenden fast in jeder Nacht, bis sie einmal allzu lange Herz am Herzen ruhten – da hatte der Ritter sein Lieb zum letzten Male in seinen Armen gehabt. Als er in folgender Nacht wiederkam und den Faden faßte, da war er nicht mehr rot – er war durchschnitten – wohl aber war rot der ganze See, vom Blute der Geliebten gefärbt. Andere sagen, der Nonnen Mißgunst habe ihn durchschnitten. Der Liebende blickte traurig in den See und versenkte sich selbst hinab in die Tiefe. In Mondnächten rauschen die versunkenen Nonnen bisweilen herauf und tanzen als Nixen mit Skapulier und Stola lustigen Ringelreigen am grünen Ufer, und Irrlichter mischen sich in ihren Reigen. Der Sagen von Jungfrauen, die aus Weihern emporsteigen und im Arm der Liebe oder der Freude des Tanzes die bestimmte Stunde vergessen, worauf von ihrem Blute die Seen und Weiher gerötet erblickt werden, gibt es in Deutschland wohl an die tausend. *   60. Der Lindwurm auf Frankenstein Überm Dorfe Eberstadt, zwei Stunden von Darmstadt, liegen die umfangreichen Trümmer der Burg Frankenstein. Darauf saß ein Ritter, der hieß Hans, nach andern aber Georg, drunten im Dorfe aber floß ein Brunnen, aus dem die Bauern ihr Wasser schöpften, und auch auf die Burg hinauf wurde solches Wasser geholt. Neben dem Brunnen wohnte ein greulicher Lindwurm, der ließ niemand zum Brunnen, es mußte ihm zuvor ein nicht zu kleines Tier geopfert werden, ein Schaf, ein Hund, ein Kalb, ein Schwein – er fraß alles und viel, und solange er fraß, konnte jedermann zum Brunnen – wenn er aber nichts hatte, so fraß er die Leute, die zum Brunnen kamen. Da entschloß sich der Ritter von Frankenstein, das Dorf und die Gegend von dem schädlichen Ungetüm zu befreien, wappnete sich und stritt mit dem Lindwurm, der wehrte sich gar wacker, spie so viel Feuer, als ihm möglich war, aber der Ritter schlug dem Wurm endlich den Kopf glatt ab, aber der spitze Pfeilschweif des Drachen kringelte sich um den Ritter und stach ihn hinterwärts, wo die Rüstung nicht deckte, in die Kniekehle, und da der ganze Wurm über und über, außen und innen giftig war, so mußte der wackere Ritter von Frankenstein am Drachengifte sterben. Danach ist er begraben worden zu seinen Vätern in die Kirche zu Niederbeerbach (andere sagen Oberbeerbach), wo die Frankensteiner schöne Grabmäler haben, und hat auch ein stattlich Monument erhalten im Harnisch mit Schwert und Streithammer, lebensgroß. Auf den Lindwurm, der seinen Schweif nach der Kniekehle richtet, tritt er, und Engel krönen ihn, ein echtes Bild des christlichen Märtyrers und Heiligen Ritter St. Georg. *   61. Das Frankensteiner Eselslehen Zu Darmstadt hat es vorzeiten gar böse Weiber gegeben, wollen hoffen, daß jetzt bessere darinnen sind. Diese damaligen Weiber prügelten ihre Männer, wie die Sage geht, nach Noten und so arg, daß die Männer sich ihrer Weiber und der Schläge nicht anders erwehren konnten, als daß sie Hülfe bei denen von Frankenstein über Bessungen suchten. Denen gaben die Darmstädter alljährlich zwölf Malter Korn, zwei Gulden und zwei Hessen-Albus Geld, dafür hielten die Frankensteiner einen Esel, den sandten sie jedesmal mit gutem handfesten Geleit, wenn er zur Stadt begehrt wurde, und auf sotanem Esel mußte das Weiblein reiten, das seinen Mann geschlagen, und zwar durch die ganze Stadt. Hatte die Frau den Mann geschlagen unversehens oder war dieser krank und seiner Kräfte nicht mächtig, so führte der Geleitsmann den Esel, hatte es aber zwischen Mann und Frau einen offenen und ehrlichen Kampf gesetzt und er von ihr das Beste abbekommen, so mußte der Mann zu seinem großen Schimpf den Esel selbst führen. Zu dieser Zeit ward das Recht und die Sitte gar streng gehandhabt zu Darmstadt, denn es war allda ein Bürgerausschuß, der übte die Polizei und war sehr gefürchtet von allem losen Gesindlein, das nannte ihn, weil er aus hundert Beisassen bestand, das böse Hundert. Da geschah es, daß einmal eine ganze Gesellschaft – ein Kränzchen würde man es heutiges Tages nennen – böser Weiber sich zusammentat, die Männer weidlich schlug, und da haben die Männer des bösen Hunderts an die Frankensteiner geschrieben, daß sie ihnen eilend nach dem Recht und Gesetz des Burglehens mit dem Esel möchten zu Hülfe kommen mit seinem Geleitsmann, und sie wollten beiden, dem Mann und dem Esel, ihren Stadtboten entgegenschicken, daß der beide herein nach Darmstadt geleite, sollten genugsam Mahl und Futter haben, und wenn sie den Esel gebraucht in ihren Nöten, so sollten beide wieder kostenfrei zurückgeleitet werden, damit daß die übermütige, stolze und böse Weibesgewalt möge unterdrückt werden und nicht weiter einreißen. Und auch hernachmals ist solche Strafe noch öfter zu vollziehen nötig gewesen, und andere Orte der Nachbarschaft haben den Esel auch nötig gehabt, wie Pfungstadt, Niederramstadt, Crumstadt, Goddlau usw., und Bessungen allein ist denen Rittern von Frankenstein hundert Malter Korn vom Eselslehen schuldig geblieben, daher liehen sie ihnen auch den Esel fürder nicht mehr, mochten ihre Weiber die Bessunger noch so sehr schlagen. *   62. Das goldne Mainz Mainz, die uralte Römerstadt nahe dem Zusammenströmen des Rhein und Main, von welch letzterm sie den Namen hat, wurde auch, gleich der aurea Roma , golden genannt, und eine angebaute Berghöhe über der Stadt empfing den Namen die goldne Luft. Viele haltlose Fabeln sind aufgebracht worden, wovon der Name der Stadt herzuleiten, während doch nichts näher lag als der Nachbarstrom. Die Römer gründeten dort Werke, deren Trümmer noch sichtbar sind, deren Name noch forthallt. Ein noch dauerbareres Werk, das Christentum, in Mainz eingeführt und befestigt, führte die Stadt zu hoher Blüte. Winfried Bonifazius wurde der erste Erzbischof zu Mainz, durch ihn und seinen mächtigen Einfluß ward der Grund gelegt, daß der Erzbischofsstuhl in dieser Stadt der bedeutendste in Deutschland wurde, und daß der Erzbischof von Mainz später zugleich des Reiches Kurfürst, der erste Mann nach dem Kaiser war. Doch soll Winfried nicht allezeit die Pracht und Macht gutgeheißen haben, die in der Kirche immer höher stieg, sondern vielmehr gesagt und geklagt haben: Vordessen waren die Priester golden und bedienten sich hölzerner Kelche, in unsern Zeiten aber bedienen sich hölzerne Priester goldner Kelche – und Spruch wie Sache vererbten sich so fort durch alle kommenden Zeiten, nicht nur im goldnen Mainz. *   63. Hatto, Heriger und Willigis Drei Namen der ältesten Erzbischöfe von Mainz hat die Sage des Volkes insonderheit von Mund zu Mund bis auf die späte Nachwelt getragen. Hatto war gar ein strenger Herr, zornigen, treulosen Gemütes, ohne Furcht vor Gott und ohne Liebe zu den Menschen. Er war es, der durch schändlichen Verrat den edlen Grafen Adalbert von Babenberg in das Lager König Ludwigs IV. lockte, welcher denselben enthaupten ließ. Wenn Bischof Hatto eine Rede bekräftigen wollte, so soll er immerdar das Wort im Munde geführt haben: Sollen mich die Mäuse fressen, wenn's nicht wahr ist. Nun trug sich's zu, daß unter Hattos Regierung eine große Not und Teurung entstand, daß die Leute Hunde und Katzen aßen und viele Hungers starben. Und da war des Bettelns und Gabenheischens in dem Bischofhof zu Mainz kein Ende, und meinte Hatto, es sei am besten, das arme Volk käme eilend von der Welt, so hungere es nicht mehr, und er bliebe ungeplagt. Ließ daher alle Armen der Stadt in eine Scheune draußen vor dem Tore entbieten, als wolle er ihnen eine Mahlzeit zurichten lassen, und als alle darinnen waren, ließ er das Scheunentor verschließen und die Scheune an allen vier Ecken anzünden. Da nun die Eingesperrten gar ein jämmerliches Geschrei erhoben, so sagte der grausame Bischof: Hört ihr, wie meine Kornmäuse pfeifen? Nun wird der Bettel wohl ein Ende haben, sollen mich die Mäuse fressen, wenn's nicht wahr ist! – Und siehe, da sprang eine Schar Mäuse aus dem Brand der Scheune hervor und an den Bischof hinan, die bissen ihn, und ihm graute. Als er nach Hause kam und sich zur Tafel setzte, liefen Mäuse auf der Tafel herum, fraßen von seinen Speisen, fielen in seinen Becher und bissen ihn in die Hände. Über seiner Lagerstatt und unter ihr und in ihr waren Mäuse und quälten ihn mit wütenden Bissen – da erkannte Hatto schaudernd das Gericht Gottes. Nun stand bei Bingen im Rheinstrom eine Wasserburg, dahin enteilte der Bischof, dort sicher zu sein, denn über das Wasser, meinte er, würden die Mäuse nicht kommen. Aber ehe er noch in das Schiff trat, waren schon die Mäuse drin, und da half kein Totschlagen, denn sie verkrochen sich, und ganze Scharen Wassermäuse kamen, die schwammen mit dem Schiff in die Wette nach der Turminsel bei Bingen. Auf einem großen Rheinfloß waren nicht so viele Menschen als Mäuse in und um Bischof Hattos Schiff. Und als er in dem Turme war, da fielen sie ihn an und bissen ihn und fraßen ihn bei lebendigem Leibe, und er litt brennende Höllenschmerzen von den zahllosen Bissen und verfluchte seine Seele zu allen Teufeln. Und die Teufel ließen nicht allzu lange auf sich warten, sie kamen dahergefahren im lichterlohen Brande und nahmen seine Seele und, was vom Leib die Mäuse übriggelassen hatten, und warfen es in den Schlund des Ätna. Und wo an einer Wand oder auf einer Tafel der Name des Bischofs Hatto zu lesen war, den nagten die Mäuse ab, selbst sein Gedächtnis zu vertilgen. Seitdem heißt der Rest von Hattos Wasserburg im Rhein bei Bingen der Mäuseturm. – Eine ähnliche Sage von einem Mäuseturm geht auch in der Provinz Posen, der steht im Goplosee. Ein frommerer Mann war Erzbischof Heriger, auch streng, aber gerecht. Einst kam gen Mainz ein Mensch, der rühmte sich großer Dinge. Himmel und Hölle habe er durchwandert, und im Paradiese habe er gesessen. Da nun Heriger nach der Hölle Gelegenheit fragte, so antwortete der falsche Prophet, die Hölle liege rings von dichten undurchdringlichen Wäldern umgeben, des lachte Heriger und sprach: In diesen Wäldern mag wohl gute Saumast gefunden werden. Aber sage an, was du im Himmel gesehen? – Im Himmel, antwortete der Sohn des Vaters der Lügen, da habe ich Christus sitzen sehen an großer Tafel, Sankt Johannes war sein Mundschenk – und Christus bewirtete alle Heiligen mit köstlichem Wein, und Sankt Petrus nahm sich des Kochens an und des Bratens, da gab es Essen in Fülle. Darauf sagte Bischof Heriger: Bessern Schenken als Sankt Johannes konnte sich Christus nicht erkiesen, denn dieser Gottesjünger trank nie Wein, während unsere Schenken viel trinken, aber Petrus kann doch nicht Koch im Himmel sein, da er des Himmels Pförtner ist. Doch sage an, welche Ehren dir im Himmel zuteil wurden? Welche Speise, welchen Trank ließ der Herr des Himmels dir reichen? An welchem Ort hast du gesessen? – Ich vermaß mich nicht, mich unter die seligen Himmelsgäste zu setzen, erwiderte der Lügner, sondern ich hielt mich heimlich in einem Winkel der Küche und nahm ein Leberlein oder Stückchen Lunge, das aß ich ungesehen. So hast du gestohlen in dem Himmel und konntest an dem heiligen Ort von deiner Art nicht lassen! rief der Bischof, und der Himmel sendet dich uns, daß wir dich dafür strafen. Ließ alsobald den Lügner an den Schandpfahl binden und mit Ruten stäupen, dann aber gehen, wohin er wollte. Erzbischof Willigis war ein gelehrter und frommer Mann und von Herzen demütig. Er war von niederer und geringer Herkunft, sein Vater war ein armer Rademacher. Das machte ihm Neid bei den adeligen Domherren, die ihre Ahnenproben ablegen mußten und beschwören, die malten ihm heimlich Räder an die Türen und Wände seines Bischofhofes, zu Schmach und Schimpf, und spotteten: Das ist unsers Bischofs Ahnenwappen. Willigis aber, der fromme Mann, nahm sich das mitnichten als eines Spottes an, er ließ über seiner Bettstätte ein hölzernes Pflugrad aufhängen und in seine Gemächer weiße Räder in rote Wappenfelder malen und dazu einen Reim setzen, der lautete: Willigis, Willigis, denk, woher du kommen sid. Und nachher haben dem frommen Willigis zum Gedächtnis alle nach ihm kommenden Erzbischöfe dieses Rad als Wappenzeichen beibehalten, und Stadt und Bistum Mainz haben es angenommen und beibehalten bis auf den heutigen Tag. *   64. Die heiligen Kreuze zu Mainz Zu Mainz hat eine schöne Kirche in der frühern Zeit den Namen Zu Unsrer Lieben Frauen im Felde geführt, das Volk aber nennt sie Heiligkreuz. Ein Schiff kam gefahren mit Männern und Frauen, die sahen in der Luft ein schimmerndes Kreuz schweben, das ihrem Schiffe nachzog und an seinen Mast sich heftete. Nahe der alten Schiffbrücke beim Holztor legte das Schiff an, und siehe, da war das schimmernde Kreuz kein Luftgebilde; sondern ein ehernes kunstvolles Kruzifix von wundersamer Meisterarbeit. Um nun dessen Bestimmung zu erkunden, wurde es zwei ungejochten und ungeschirrten Ochsen auf den Rücken gelegt, und diese ließ man ohne Leitung und Führung gehen, und da trugen sie das Kreuz auf den Hechtsheimer Berg, dort ward eine Kirche erbaut und das Wundergebilde darinnen zur Verehrung aufgestellt. Viele Kranke sind genesen, die vor dem Kreuze in Andacht knieten, bis die Kirche mit mehreren anderen in Flammen aufging, als Markgraf Albrecht von Brandenburg 1552 die Stadt Mainz einnahm. Zwischen dem Holz- und Bockstor aber ward noch lange Zeit ein Gemälde gesehen, davon noch heute Spuren zu entdecken sind, darstellend ein Kreuz, hangend an den Segeln eines stromaufwärts fahrenden Schiffes. Zwischen der Kirche zum Heiligen Kreuz und St. Alban stand vorzeiten eine offene Kapelle, darinnen war ein hölzern Kruzifix, darunter Maria und Johannes, zur Verehrung der Gläubigen aufgestellt. Nun lebte zu Mainz ein Bürger, des Name war Schelkropf, ein Spieler und Trunkenbold, der wenig aus dem Wirtshaus zur Blume kam, das in der ehemaligen Vorstadt Vilzbach stand. Eines Tages hatte er alles, was er besaß, verspielt und vertrunken und verwünschte in seinem wilden Rausche sich, Gott und alle Heiligen und schwur, mit seinem Schwerte das erste beste heilige Bild, auf das er stoße, mitten voneinander zu hauen. So taumelte er durchs Feld, und kam an die offene Kapelle, und rannte auf die hölzernen Bilder an, und stach und hieb. Und siehe, da sprangen ihm aus den leblosen Bildern, zumal aus dem Kruzifix, Ströme Blutes entgegen. Entsetzt stand er und sinnverwirrt, das Schwert entfiel seiner Hand, und so ward er gefunden und gefangen. Fromme Hände fingen in Schalen das rinnende Blut auf. Schelkropf wurde für seinen unerhörten Frevel lebendig verbrannt, das wundertätige Christusbild aber und das heilige Blut brachte man in die nahe Kirche. Als diese in Flammen aufging, blieb dieses heilige Kreuzbild verschont und ward gerettet, und noch heute wird es den Gläubigen in der St. Christophskirche zu Mainz gezeigt. *   65. Heinrich Frauenlobs Begängnis Es war in deutschen Lande ein Minnesänger, der sang viel süße Weisen zum Lobe der Frauen, vor allen zum Preise von aller Frauen Krone, deshalb gewann er auch den Namen Frauenlob, denn sein rechter Name war Meister Heinrich von Meißen. Viele Reisen machte der Sänger von einem deutschen Hofe zum andern, er sang irdische und sang Gottesminne. Zu Rostock war Markgraf Waldemar von Brandenburg gesessen, der hatte einen Rosengarten, und ließ ein Festsingen halten, da war Meister Heinrich der erste Singer. Einstmals lauerten Feinde ihm auf und umringten ihn mit Dräuen, sie wollten ihn töten. Da bat er, sie sollten ihm noch einen Sang zum letzten vergönnen, und als sie das taten, sang er so rührend zum Preise der himmlischen Frauen, daß jede gehobene Waffe sich senkte und die Feinde ihn ungehemmt und ungeschädigt von dannen ziehen ließen. Auf seinen Sangesfahrten kam Meister Heinrich auch nach Mainz und verstarb allda und wurde begraben im Umgang des Domes, neben der Schule, mit großen Ehren. Von seiner Herberge bis zur Grabstätte trugen ihn Frauen und erhoben um ihn großes Weinen und Wehklagen, des großen Lobes willen, welches der Sänger dem ganzen weiblichen Geschlecht zeit seines Lebens erteilt hatte. Und mit den Tränen, die sie vergossen, zugleich gossen sie eine Fülle edlen Weins auf Meister Heinrichs Grab, daß der Wein durch den ganzen Umgang der Kirche umherfloß. Und wäre manchem Dichter, der auch die Frauen minnt und preist, lieber, sie gäben ihm solchen Wein beim Leben. Mehr als ein Denkmal ist Heinrich Frauenlob errichtet worden im Dom zu Mainz, und seine Sänge sind noch unvergessen. *   66. Die heilige Bilhilde Zu Hochheim am Main saß ein Geschlecht edler Franken, und noch gewahrte man in neuern Zeiten beim Ziehbrunnen allda Reste ihres Burgsitzes. Das war zu den Zeiten Chlodowigs, des Frankenkönigs. Dieses Geschlechtes einer hieß Iberich, dem ward ein Töchterlein geboren, das wurde Bilhilde geheißen, aber es empfing nicht die heilige Taufe, weil durch Feindesverheerung alle Priester gemordet oder entwichen waren. Doch sendeten die Eltern das junge Töchterlein in seinem dritten Jahre gen Würzburg zu Kunegunde, einer Verwandten, und dort empfing es Lehre und wurde unter die Zahl junger Katechumenen von den Priestern aufgenommen. Zur Taufe gelangte das Kind aber dennoch nicht, denn man hielt es für getauft, und es selbst wußte nicht, daß es noch nicht der Taufe Sakrament empfangen. Das Mägdlein wuchs und blühte heran in Tugend und Gottesfurcht. Bilhilde blieb frei von Heidengreueln, die dazumal noch neben dem Christentum im Frankenlande heimisch waren, und der Ruf ihrer Schönheit, Frömmigkeit und Sitte drang weit umher in alle Gauen. Davon vernahm auch Hetan, des Thüringer Herzogs Ratulf Sohn, der war schon einmal vermählt gewesen und hatte zwei Söhne, und warb um die junge Bilhilde; Hetan aber war noch ein Heide, und Bilhilde nahm ihn nur auf den dringenden Wunsch ihrer Eltern zum Gemahl, und in der Hoffnung, es werde ihr gelingen, ihn zum milden Christentum samt den Seinen zu bewegen. Solches gelang ihr aber mitnichten, zu ihrer großen Kümmernis, daher lebte sie sehr still und schmucklos, in den Übungen strenger Kasteiung und Buße. Hetan fand den Tod in der Schlacht, und seine Witwe empfand ein Sehnen nach ihrer Mutter, auch ward ihr von dem Thüringervolke mit Undank gelohnt, daß sie die Christuslehre unter ihm auszubreiten bemüht gewesen, sie wurde verfolgt und zur Flucht genötigt und stieg mit ihren Jungfrauen zur Nacht in ein Schiff ohne Steuer und Fährmann. Aber Engel erschienen, die lenkten das Schifflein an allen Untiefen und an allen Klippen glücklich vorüber auf der langen weiten Stromfahrt, von der fränkischen Saale in den Main und vom Main an Hochheim vorüber, und landete in Mainz an, wo Siegbert, Bilhildens Ohm, Bischof geworden war, der empfing die fromme Jungfrau gar liebevoll, gab ihr Wohnung und half ihr zum Besitz ihres Erbes in Hochheim, denn ihre Eltern waren indes verstorben. Darauf stiftete die fromme Bilhilde ein Kloster, Altenmünster zu Mainz, von ihrem Erbgut, lebte gottergeben, züchtig, mildtätig, bis ihr Lebensziel fast erreicht war. Da träumte dreien Nonnen im selben Kloster, dem Bilhilde als Äbtissin vorstand, daß ihre Mutter und Oberin noch gar nicht getauft sei, und offenbarten es ihr, aber sie wollte und konnte das gar nicht glauben, bis es durch ein anderweites Gesicht oder durch die Stimme eines Engels auch ihrem Ohm offenbart wurde, der dann die fromme Christin in den Christenbund aufnahm. Nachher hat Bilhilde sich dem Weltleben völlig abgetan, und als sie verstarb, erschien ein Lichtglanz um ihre irdische Hülle, und Wohlgeruch erfüllte ihre Zelle. Kranke genasen in ihrer Nähe, Blinde wurden sehend, und Tote wandelten. Bilhilde wurde die erste Heilige des Frankenlandes. Viele sagten, Bilhilde sei noch beim Leben ihres Gemahls Hetan auf so wunderbar geleitetem Schifflein nach Mainz gekommen. Auch liegt eine Meile unterhalb Würzburg am Mainstrom ein Ort, heißt Veitshöchheim, der hat sich auch, gleich Hochheim, Bilhildens Herkunft, und daß sie ihm entstamme, angenommen, hat ihr einen eigenen Festtag gestiftet und bewahrt und verehrt von ihr Reliquien. *   67. Der Franken Furt Die Sage geht, daß die freie deutsche Stadt Frankfurt ihren Ursprung in solcher Weise erhalten habe. Unter Kaiser Karl dem Großen kriegten die Sachsen gegen die Franken und ihren mächtigen König, und waren erstere siegreich und trieben die Feinde bis hinab zum Ende des Mainstroms. Wie nun die Franken flüchtig an diesen Strom und an die Stelle kamen, wo jetzt Frankfurt liegt, und des Stromes Breite und Tiefe sie erschreckte, da sie weder Brücke noch Schiffe hatten, über den Main zu gelangen, siehe, da zeigte ihnen eine Hirschkuh gleichsam nach dem Ratschluß göttlicher Barmherzigkeit den Weg, indem sie ohne Gefahr durch den Strom schritt und also eine Furt anzeigte, wo die flüchtigen Franken nun ohne Gefahr über den Strom setzen konnten und setzten. Da nun später die nachfolgenden Feinde kamen und jene Furt nicht kannten und fanden, so mußten sie die Franken ferner unverfolgt lassen, und Karl der Große soll gesprochen haben: Besser, daß die Völker sagen, ich sei mit meinen Franken vor den Sachsen dieses Mal geflohen, als daß sie sagen, ich sei hier gefallen, denn weil ich lebe, kann und will ich meine Ehre retten. Dort nun siedelten Franken sich an, denn es war ein lieblich und fruchtreich gelegener Gau, und nannten den Ort die Furt der Franken, Frankfurt. Manche sagen, gleich damals haben die Sachsen den Ort Sachsenhausen, Frankfurt gegenüber dicht am Mainstrom, begründet, andere aber behaupten, dessen Gründung sei erst dann geschehen, als Karl der Große überwundene Sachsen aus ihrem Heimatlande hinweg und zur Ansiedelung im Frankenlande genötigt habe, von welcher bis auf den heutigen Tag noch viele Ortsnamen zeugen. Später erbaute Kaiser Karl selbst eine kleine Pfalz zur Frankenfurt und hielt sich Jagens halber gern dort auf, feierte Ostern da und hielt Reichskonvente. Auch Karls des Großen Sohn, König Ludwig, wohnte da, recht in seines weiten Reiches Mitte, und sein Sohn Karl, hernachmals Karl der Kahle genannt, ward allda geboren. Noch immer wird die seichte Stelle im Main gezeigt, wo der Franken Furt war und Frankfurts erster Anbau und Name sich begründete, und Kaiser Karls Pfalz stand da, wo jetzt die St. Leonhardskirche steht, und die neue Pfalz, welche Ludwig der Fromme erbaute und der Saal hieß, lag neben dem Fahrtor, davon hat noch bis heute die Saalgasse ihren Namen. Im Saalhof starben Ludwig der Deutsche, des frommen Ludwig jüngster Sohn, wie auch Hemma, dessen Gemahlin. Dieser König war es, der Frankfurt zu des ostfränkischen Reiches weltlicher Hauptstadt erhob, während Mainz die geistliche war. *   68. Des Königs Weihnacht Wo jetzt der Dom zu Frankfurt steht, stand schon zu König Ludwig des Deutschen Zeiten eine Kapelle, die hieß der Rudtlint, wie auch später zu St. Salvator, und war der heiligen Jungfrau Maria und Karl dem Großen geweiht. Ludwig der Deutsche feierte das Weihnachtfest in seiner Pfalz zu Frankfurt am Main und berief dorthin eine Reichsversammlung. Da geschah es, daß der Teufel in Gestalt eines Priesters und guten Geistes zu Ludwigs Sohne, Karl, trat und zu ihm sagte: Siehe, du bist der Jüngste unter deinen Brüdern, und dein Vater will das Reich deinem Bruder Karlmann geben, das doch dir von Gott bestimmt ist, und will dich verderben, solches will Gott nicht leiden. Karl aber entsetzte sich vor der Versuchung und eilte in die Kapelle, indem er rief: Hebe dich weg, Versucher! Du bist kein Bote von oben! Der Teufel aber folgte ihm in die Kirche nach und sprach: Wäre ich nicht ein Bote von oben, wie dürft' ich mit dir eintreten in dieses Gotteshaus? Wie dürft' ich das Sakrament des Altars, das heilige Meßopfer, vollziehen? – Und so betörte er Karls Sinn mit dem Trug der Hölle, und las die Messe, und reichte ihm die gebenedeite Hostie, und mit der Hostie fuhr er in ihn und besaß ihn. Da nun die Reichsversammlung war, redete Karl unsinnig in ihr, riß sich das Wehrgehenk von der Seite, schleuderte es samt dem Schwerte mitten in den Saal, riß den Gürtel sich ab und die Gewände vom Leibe und ward heftig hin und her gerüttelt, so daß alle Anwesenden sich entsetzten. Die Bischöfe aber ergriffen den vom bösen Feind Besessenen und führten ihn in die Kapelle, und der Erzbischof begann die Messe über ihn zu singen. Da begann Karl laut zu klagen und Weh über Weh zu schreien in einem fort, bis die Messe zu Ende war, aber die Priester ließen nicht ab mit Gebet, bis der Feind wieder von dem Königssohne wich und Karl durch Gottes Barmherzigkeit geheilt ward. Hielt also König Ludwig gar eine trübe Weihnacht zu Frankfurt. Aber was des Teufels Bosheit des Königs Sohn eingeflüstert, erfüllte sich später dennoch, denn Karlmann und Ludwig starben beide vor ihm, und Karl erhielt des Deutschen Reiches Krone, wenn auch nur auf kurze Zeit, denn er fiel in Schwermut und gab sich ganz in die Hände der Pfaffen. Da entsetzten ihn die Fürsten des Reiches und gaben das an Arnulf, einen natürlichen Sohn seines Bruders Karlmann. *   69. Vom Eschenheimer Turm Zu Frankfurt steht noch gar ein alter Turm von der ehemaligen Stadtmauer. Einst hatten die Frankfurter einen Wilddieb gefangen, des Name war Hänsel Winkelsee, und der saß schon neun Tage im finstern Loch, ehe Spruch und Urtel über ihn erging, und hörte allnächtlich die Wetterfahne kreischen und rasaunen über seinem luftigen Losament hoch oben im Eschenheimer Turme und sprach: Wär' ich frei, und dürft' ich schießen nach meinem Wohlgefallen, so schöß' ich dir, du lausige Fahn' – so viel Löcher durchs Blech, als Nächt' ich hier gesessen hab'. – Diese Rede hörte der Kerkermeister und trug sie vor den Stadtschultheißen der freien Stadt, und dieser sagte: Dem Kerl gehört keine Gnad' als der lichte Galgen; wenn er aber so ein gar guter Schütz sein will, so wollen wir ihm sein Glück probiere lasse. – Und da ward dem Winkelsee seine Büchse gegeben und gesagt, nun solle er tun, wes er sich vermessen: wenn er das könne, solle er frei von dannen gehen, wenn aber auch nur eine Kugel fehl gehe, so müsse er baumeln, und da krähe kein Hahn nach ihm. Da hat der Wildschütz seine Büchse genommen, und hat sie besprochen mit guten Weidmannssprüchlein, und hat Kugeln genommen, die auch nicht ohne waren, und hat angelegt und nach der Fahne gezielt, und hat losgedrückt. Da saß ein Löchlein im Blech, und alles hat gelacht und bravo gerufen. Und nun noch achtmal so, und jede Kugel an die richtige Stelle, und mit dem neunten Schuß war der Neuner fertig, der heute noch in der Fahne auf dem Eschenheimer Turm zu sehen ist, und war ein großes Hallo um den Schützen her. Der Stadtrat aber dachte bei sich: O weh, unsere armen Hirsche und sonstiges Wild, wenn dieser Scharfschütze und Gaudieb wieder hinaus in die Wälder kommt – und beriet sich, und der Stadtschultheiß sagte: Höre, Hänsel, daß du gut schießen kannst, haben wir schon lange an gemeiner Stadt Wildstand verspürt und jetzt auch deine Kunst mit Augen gesehen. Bleibe bei uns, du sollst Schützenhauptmann bei unserer Bürgerwehr werden. – Aber der Hänsel sprach: Mit Gunst, werte Herren, ins Blech hab' ich geschossen, und schieß euch auch auf euern Schützenhauptmann. Eure Dachfahnen trillen mir zu sehr, und euer Hahn kräht mir zu wenig. Mich seht ihr nimmer, und mich fangt ihr nimmer! Dank für die Herberge! – Und nahm seine Büchse und ging trutziglich von dannen. Mit dem Hahn hatte der Hänsel aber nur einen Spott ausgeredet, er meinte das Frankfurter Wahrzeichen, den übergüldeten Hahn mitten auf der Sachsenhäuser Brücke, die der Teufel hatte fertig bauen helfen. Denn als sie der Baumeister nicht fertig brachte, rief er den Teufel zu Hülfe und versprach ihm die erste Seele, die darüberlaufen werde, und jagte dann in der Frühe zu allererst einen Hahn über die Brücke. Da ergrimmte der Teufel, zerriß den Hahn und warf ihn durch die Brücke mitten hindurch; davon wurden zwei Löcher, die können bis heute nicht zugebaut und zugemauert werden, und fällt bei Nacht alles am Tage Gemauerte wieder ein. Auf der Brücke aber wurde der Hahn zum ewigen Wahrzeichen aufgestellt. Den meinte der Hänsel Winkelsee, daß er zu wenig krähe, nämlich gar nicht. *   70. Der Teufelsweg auf Falkenstein Auf der Höhe, vier Stunden von Frankfurt a. M., erhebt sich auf fast unzugänglichem Fels die Burgtrümmer Falkenstein, die Wiege eines im Taunus und der Wetterau gar mächtigen Geschlechts, von dessen Sprossen einige sogar Erzbischöfe von Trier wurden. Ein Ritter von Sayn minnte die Tochter eines Falkensteiners, aber der Vater war ihm abhold und wies des Ritters Werbung mit den höhnenden Worten ab: Meine Tochter will ich Euch gern zum Ehegespons geben, ich verlange nur einen geringen Gegendienst. Schafft diese Felsenzacken in einer Nacht zum gang- und reitbaren Wege um – das ist mein Beding und mein Bescheid! ... Unmögliches war begehrt, und hätten tausend und aber tausend Hände sich zugleich zerarbeitet an dem harten Felsgestein, es wäre nicht möglich gewesen, in solch kurzer Frist das Werk zu vollenden. Traurig zog der Ritter von Sayn, Kuno geheißen, von dannen, zog nach dem Heiligen Lande, focht tapfer in vielen Sarazenenschlachten, suchte den Tod, fand ihn nicht, blieb stets eingedenk seiner Minne und kehrte endlich in die Heimat zurück. Mit schmerzlichen Gedanken umirrte er den felsumtürmten Falkenstein, hätte gerne Kunde gehabt von seiner Geliebten – und starrte trübe die Felsen an, die mit ihrer Härte sein Geschick versinnbildeten. Hier hilft keine menschliche Macht, nur Zauber könnte diese Felsen zum Wege bahnen! seufzte der Ritter. Horch – da war es ihm, als höre er seinen Namen rufen – und wie er umschaut, hebt sich ein Erdmännchen in brauner Kutte, eisgrau und mit verschrumpfeltem Gesicht, aus einer Felskluft herauf und redet ihn mit sondrer Stimme an: Kuno von Sayn, was lässest du nach Silber wühlen drunten auf deinem Gebiet und störst unsre Ruhe? Willst du diese Felsen zum Wege gebahnt sehn? Willst du die Erbtochter vom Falkenstein, die droben noch einsam um dich trauert, nach dir sich sehnt, dein nennen? Dann gelobe nur eins und schwöre, es zu halten. – Dem Ritter war es seltsam zumute bei dieser Erscheinung und Rede, und dachte, es möcht' etwa eine Versuchung des bösen Feindes, und was er geloben solle, möchte etwa seine Seele sein. Er fragte daher nicht ohne Zagen: Was ist dein Begehr? – Da sprach das Erdmännchen: Versprich mir auf dein ritterlich Wort, daß du morgendes Tages alle deine Gruben, Schachte und Stollen willst zuschütten lassen, die wir ohnedies, so wir wollten, ersäufen könnten, so wollen wir in heutiger Nacht noch die Felsen ebenen, daß du, wenn du getan, was ich heische, am lichten Tag hinaufreiten und den Falkensteiner an seine Zusage mahnen kannst. – Des war der Ritter hocherfreut, er sagte gern zu, was der kleine Erdzwerg verlangte, und begab sich zur Ruhe. Als es Nacht geworden, regte sich's wunderbarlich um die Burg, es krachte, es polterte, es hackte, es schaufelte – tausend kleine Berggeister allzumal, obschon sie zwerghaft gestaltet waren, mit Riesenkraft begabt, förderten das verheißne Werk, und als der Hahn den Morgen ankrähte, war's vollbracht, und als die Sonne hinterm fernen Spessart heraufstieg, da ritt schon Kuno von Sayn den neuen Weg und ließ sein Horn erschallen, daß sich der Wächter auf dem Turme des Falkenstein nicht wenig verwunderte, und noch mehr der Falkensteiner, doch freute er sich auch ob des so lang ersehnten Weges und hat sein Wort gehalten und die Liebenden vereinigt. Der Ritter Kuno von Sayn hielt gleichermaßen auch sein Wort, das er dem Zwerg gegeben, und ließ die Schachte, darin er nach Silber gegraben, zuwerfen und eingehen. Der Felsenpfad, den die Erdgeister bahnten, heißt heute noch der Teufelsweg; er zieht unten an der westlichen Seite des Altking, wo die Berggeister hausen, durch die Schärdter Höhle vorüber zur Bergeshöhe. *   71. Die Eppsteiner Es hauste vordessen in den wirren Felsenschluchten und dunkeln Gebirgstälern um das heutige Eppstein ein wilder Riese, der lauerte den Jungfrauen auf, und wenn er eine fing, geschah ihr mehr nach seinem Willen als nach dem ihren. Einstmals gelang es ihm, ein Fräulein von Falkenstein, welches ein edler Ritter minnte, hinwegzuführen. Der Ritter, welcher Eppo hieß, folgte eilend dem Riesen nach, mit ihm zu kämpfen oder ihn durch List zu besiegen, und hatte ein eisernes Netz, das er an einem gewissen Ort aufstellte. Damit der Riese, wenn er ihn wahrnehme, ihn nicht sogleich erkenne, mußte der Knappe Eppos Gewand und Rüstung anlegen, und Eppo trug die des Knappen. Der Riese achtete sich keinen Deut um den Ritter, der ihm nachfolgen wollte, er war mit all seinen Gedanken nur bei seiner Gefangenen und trachtete danach, ihr zu tun wie den andern, aber ein Schutzgeist war mit und bei ihr, gegen den weder des Riesen Stärke noch seine Zaubermacht, denn er war auch ein Zauberer, etwas vermochte. Voll Grimm darüber wandte sich nun der Riese Eppo entgegen, und da er diesen daherkommen sah, so gebrauchte er sich seiner Zauberkunst und Macht und verwandelte Eppos Dienstmann in einen Felsen, meinte so, seinen Feind für genugsam lange Zeit an eine Stelle gebannt zu haben, und eilte vorwärts, um auch alles Gefolge des Ritters unschädlich zu machen. Darüber aber stürzte der Riese in das eiserne Netz, zappelte darin gar gewaltig, konnt' es aber nicht zerreißen, und nun kam der Ritter in Knappentracht, der sich verborgen gehalten, hervor, schleppte den Riesen auf einen hohen Felsen und stürzte ihn von da herunter, worauf er die Gefangene des Riesen aus ihrem Bann befreite und sie zum Ehgenoß gewann. Den verzauberten Dienstmann konnte Eppo leider nicht lösen, der steht heute noch starr und steif wie ein Felsen und ist ein Felsen und heißt der Mannstein. Darauf erbaute Ritter Eppo eine neue Burg auf den Fels, von welchem herab er den Riesen gestürzt, und das wurde der Eppstein, und zu den Gewölbrippen im Tor wurden statt der gebogenen Steine die Rippen des Riesen eingemauert und angeschmiedet. Dem Ritter aber und seiner Gemahlin entsproßte ein gewaltig Geschlecht mannlicher Helden und großer Kirchenfürsten; die Ritter empfingen aus des Kaisers Hand das Waldbotenamt am obern Taunus zu Lehen, und fünf Eppsteiner behaupteten nach und nach den erzbischöflichen Stuhl zu Mainz, drei davon hießen Siegfried, einer Werner und einer Gerhard. Dieser Gerhard, der zweite des Namens in der Mainzer Bischofreihe, war gar ein fester trutziglicher Herr, und wenn ein deutscher Kaiser anders wollte wie er, so schlug er an seine Tasche und rief: Potz Velten! Wenn ein Kaiser nicht will, wie ich will, so hab' ich schon einen andern Kaiser in der Tasche. – Einstmals, als auch ein Kaiser ihm nicht zu Willen war, ergriff er zornig sein Jagdhorn und schrie: Daß den Kaiser Gottes Marter schände! So mir's beliebt, so blase ich aus diesem Horne einen andern Kaiser heraus! – Er sprach auch solche Worte keineswegs in den Wind, er war es, der dem Grafen Adolf zur Kaiserkrone verhalf und ihm auch wieder davon half, doch hat es ihm später nicht geglückt, und fand Ursache genug, seine Keckheit zu bereuen. *   72. Blutlinde In der Nähe Wiesbadens steht bei der Burgtrümmer Frauenstein eine riesige Linde, von der die Sage geht, daß einst an ihrer Stelle sich gar Trauriges ereignet habe. Ein Fräulein aus dem Geschlechte der Frauensteiner liebte einen ihr nicht ebenbürtigen Jüngling und sah ihn oft, indem sie abends noch außerhalb der Burgfeste lustwandelte, an einem traulich schattigen Plätzchen nahe der Burgmauer, wohin ein sonst stets verschlossenes Pförtchen führte, zu welchem sie allein den Schlüssel bei sich trug. Endlich nahm ihr harter und stolzer Vater diese Zusammenkünfte wahr, zürnte heftig, überraschte die Liebenden und erschlug den Geliebten mit eigener Hand. Da brach die Tochter jammernd einen jungen Lindenschoß, steckte ihn durch das rinnende Blut ihres Geliebten in den Boden, sprach zu ihrem Vater nie wieder ein Wort und ging in das nächste Kloster. Täglich weinte sie um ihren erschlagenen Geliebten, der Lindenschoß aber schlug Wurzeln und trieb und ward ein Baum, und solange die trauernde Liebende lebte und weinte, so lange floß Blut aus des Lindenbaumes Gezweig, so jemand ein Blatt oder einen Ast abriß. Das tat aber bald niemand mehr, denn die Menschen scheuten sich, und so erwuchs die Blutlinde zu mächtiger Höhe und Dicke, und können den Baum jetzt kaum vier Mann umklaftern. Nahebei liegt ein uralt Gehöft, der Graroder Hof, von dem eine verwandte Sage geht. Ein junger Grafensohn des Lahngaues liebte ein seinem Geschlecht nicht ebenbürtiges Mädchen, deshalb stieß ihn sein Vater im Zorne von sich, daß er nie wieder vor sein Angesicht kommen solle. Das tat denn auch der junge Ritter, er ging und folgte dem Zuge seines Herzens und seiner Neigung. Aber um den alten Grafen her begann ein Sterben – sein Weib starb, seine Töchter starben, dann die vielen blühenden Söhne allzumal, einer nach dem andern; zuletzt hatte er nur noch einen – und auch dieser eine starb. Völlig vereinsamt, völlig kinderlos war der Greis, da gedachte er mit Schmerz seines verstoßenen Sohnes, wenn doch der noch lebte und bei ihm wäre, er wolle ihn gern nicht mehr um seiner Liebe willen verstoßen. Und ob er wohl noch lebte? – Da machte der alte Graf sich auf, den Sohn zu suchen, und suchte ihn ab und zu am Rheinstrom und in den Flußtälern, die in diesen münden, und in den Seitentälern und auf den Bergen. Da kam er einst ermüdet an ein kleines Winzergehöft, und da traf er ein Winzerpaar, Mann und Frau und wohl auch Kinder, und sah, wie diese Leute ringsum den Felsboden gerodet hatten und hatten Reben gepflanzt und gewannen ihr Brot, das sie mit ihm teilten, denn er war hungrig, und das junge Weib bot ihm Trauben aus irdener Schüssel, und der Mann trat dazu, auf der Schulter den blinkenden Karst, blinkend von stetem, fleißigem Gebrauche. Da erkannte der alte Graf mit einem Male seinen Sohn in dem Häcker und fiel ihm um den Hals und weinte und segnete. Darauf hat der Ritter über sein Weinberggehöft sich eine Burg gebaut und sie mit den Seinen bezogen, denn er wollte nicht mehr hinweg von dem Stück Erde, das er mit seinem Weibe gerodet und bebaut hatte. Das nannte man hernach den Grafenroder oder kurzweg Graroder Hof, weil ein Graf es gerodet hatte. Der alte Graf lebte noch lange Jahre glücklich bei seinen Kindern und Enkeln, und der junge Graf nahm zum Helmkleinod einen bärtigen Mann im schwarzen kurzen Rock, auf der Schulter eine silberne Rodhaue tragend, zum Andenken, daß er selbst mit seiner Geliebten den Boden gerodet habe. In der alten Kirche zu Schierstein am Rhein sind noch Grabmäler des Geschlechts zu sehen. *   73. Not Gottes Zu Rüdesheim am Rhein bewohnte das mannliche Geschlecht der Brömser von Rüdesheim ihre uralte graue Feste, deren Aufbau in die Römerzeit fällt, und weiter stromabwärts an der Waldberger Höhe ist das Kloster gelegen, welches den wunderbarlichen Namen Not Gottes trägt. Ein Brömser von Rüdesheim zog nach Palästina, tat allda viele mannliche Taten, bezwang viele Sarazenen und kämpfte mit einem Drachen, den er auch erlegte, aber bei dieser Gelegenheit oder bald darauf fiel er in die Hände der Ungläubigen, die ihm schwere Ketten zu tragen auferlegten. Da gelobte er in seinem Kerker, seine Tochter, die er als ein junges Kind verlassen, dem Himmel zu weihen, wenn sie am Leben bleibe und er in die Heimat rückkehre. Und siehe, des Ritters Ketten fielen von ihm ab, der Himmel nahm das dargebotene Opfer an, der Ritter entkam und eilte der Heimat zu. Freudvoll empfing ihn seine schön erblühte Tochter, und er offenbarte ihr sein Gelübde. Da wurde die Tochter bleich wie der Tod – sie war in Minne einem jungen Ritter zugetan, dessen Hand zugesprochen zu erhalten sie von ihrem Vater zuversichtlich gehofft. Aber es halfen nicht Flehen, nicht Tränen, der Vater glaubte dem Himmel vor allem schuldig zu sein, sein ritterliches Wort zu halten. Da enteilte die Tochter laut wehklagend der Brömserburg, erklimmte den nächsten Felsen und stürzte sich in den Strom hinab. – Groß war des Vaters Schmerz, und da er nun sein Gelübde nicht halten konnte, und um des teuern Kindes Schatten zu söhnen, tat er ein abermaliges Gelübde, er wollte ein Kloster erbauen. Es ging aber ein Mond nach dem andern hin, und mochte wohl so kommen, daß der alte Brömser durch alten Rüdesheimer seinen Schmerz hinwegbannte und darob sein Gedächtnis etwas schwach ward – da hatte er einmal ein nächtliches Gesicht: der Drache, den er in Palästina erlegt, war wieder bei ihm, und lebendig, und fauchte ihn mit weitaufgesperrtem Rachen an und drohte ihn zu verschlingen mit Haut und Haar – da sah er die Gestalt seiner Tochter, die winkte den Drachen hinweg und blickte gar wehmutvoll auf den Brömser und verschwand. Am Morgen aber kam des Brömsers Ackerknecht und sagte an, wie er in aller Frühe mit dem Pflug und den Stieren zu Acker gezogen sei, habe er eine klagende Stimme vernommen, die immerfort gerufen: Not Gottes! Not Gottes! Und die Stiere hätten nicht anziehen wollen, sondern immer am Boden gescharrt. Sogleich begab sich Ritter Brömser selbst hinaus auf das Ackerfeld, und da vernahm er dieselbe wehklagende Stimme: Not Gottes! Not Gottes!, die ganz in der Nähe von der Stelle drang, wo die Ochsen standen und scharrten, und zwar kam die Stimme aus einem hohlen Baume. Der Ritter rief und suchte, aber er entdeckte nichts, da ließ er den Baum spalten, und da entdeckte sich innen am Boden des hohlen Stammes eine Monstranz mit dem heiligen Leib und ein hölzernes Bild des Schmerzensmannes. Als diese Kleinode dem Baum entnommen waren, schwieg die Stimme, und die Stiere waren ruhig. Ein Jude hatte beide heiligen Stücke aus einer nahen Kirche entwendet und allda verborgen. Das erinnerte nun den Brömser stark an die Erfüllung seines Gelübdes; er gründete ein Kloster, ließ an des hohlen Baumes Stelle den Altar aufrichten und stellte das Christusbild darauf, und geschahen zu dem Kloster, das Zur Not Gottes genannt ward, und zu dem Bilde viele Wallfahrten rheinab und -auf, daß öfters an einem Tage sechzehntausend andächtige Waller da waren, und das Bild tat vordem große Wunder. *   74. Räderberg Auf dem Räderberge ohnweit Nassau soll vorzeiten ein Kloster gestanden haben, davon man noch einige Trümmer sieht, aber niemand wisse, wes Ordens. Einst ging ein Metzger aus Nassau gegen Abend aus, Vieh einzukaufen, und wandelte auf der Landstraße dahin, da fuhr vor ihm her eine Kutsche, und er folgte ihr immer nach und hatte des Weges weiter nicht acht. Auf einmal da hält die Kutsche vor einem großen schönen Landhaus, das dicht an der Straße steht, das aber der Metzger sich nicht entsinnen kann je gesehen zu haben, sooft er auch des Weges schon gekommen. Das Haus war hell erleuchtet, und aus der Kutsche sah der Metzger drei Mönche steigen, welche in das Haus hineingingen, und da er vermeinte, es sei das Haus ein Gasthaus, so folgte er ihnen ebenfalls nach, um des Hauses Gelegenheit zu erkunden und vielleicht da Herberge zu suchen. Er sah die Mönche in ein Zimmer gehen, wo ein Sterbender zu liegen schien, der ihrer harrte, um die Sterbesakramente zu empfangen, und dann trat er in einen großen Speisesaal, wo, so schien es ihm, viele Gäste beisammensaßen, aßen und ziemlich lärmend zechten. Als der Metzger eintrat, verstummten alle – aber der obenan Sitzende erhob sich und brachte dem Metzger einen Becher dar mit den Worten: Noch einen Tag! – Dem Metzger überlief es kalt bei der Stimme, die er hörte, und aller Durst verging ihm – da erhob sich ein Zweiter, trat an ihn heran, gleich wie jener, bot ihm einen Becher zum Trinken und sagte auch: Noch ein Tag! – aber der Metzger dankte. Da erhob ein Dritter sich, kam und sagte: Und noch ein Tag! Jetzt trank der Metzger und tat Bescheid, um nicht unhöflich zu erscheinen – als ein Vierter auf ihn zukam und ihm in gleicher Weise anbieten zu wollen schien. Da wurde es dem Metzger ganz unheimlich, und schlug ein Kreuz vor sich hin – und plötzlich war alles hinweg, er stand in tiefer Nacht ganz mutterseelenallein und wußte nicht, wo er war, um ihn war Waldgestrüpp und Ruinengemäuer. Zitternd und bebend erharrte der Metzger an der wüsten Stätte den Morgen, und als dieser anbrach, nahm jener wahr, daß er auf dem Räderberg sei, von der Landstraße weit, weit abgekommen, mitten in den Trümmern des verfallenen Klosters. Auf unbegangenem steinigen Wege fand der Metzger sich zurück, unterließ seinen Geschäftsgang, ging vielmehr zum Pfarrer und entdeckte ihm, was ihm geschehen war. Genau nach drei Tagen war der Metzger tot. *   75. Die Wisperstimme Ohnweit Lorch am Rhein liegt eine Mühle im Wispertale und am Wisperbach, darinnen lebten der Müller, seine Frau und einige Kinder ganz gut und glücklich. Das Haus lag dicht am Berg, auf dem die alten Schlösser Kammerberg und Rheinberg stehen. Einer Zeit geschah es, daß die Müllerin eine Stimme hörte, als wispere ihr jemand in das Ohr, und sähe doch niemand – und dann wisperte es von neuem: Gehe hinauf auf Kammerberg, hebe den Schatz im Turm – er ist dir bestimmt – der Schlüssel steckt am schwarzen Kasten. – Die Frau, dadurch beunruhigt, erzählte ihrem Manne, was sie immer um sich flüstern und wispern hörte, der aber sagte: Passen! Träumerei! Hirngespinste – kehre dich nicht an solche Dinge – unser Schatz ist der weiße Mehlkasten! – Aber die Frau hörte die Wisperstimme fort und fort und hatte keine Ruhe mehr und hatte auch Lust zum Schatz, wenn der ihr doch einmal beschert sei – und eines Morgens, da der Müller weit oben im Tale am Wehr in der Wisper zu bauen hatte und nicht so bald nach Hause zu kommen gedachte, ging die Frau mit ihrem jüngsten Kinde, einem Säugling, in aller Stille hinauf auf den Kammerberg. Der Müller aber vollendete sein Geschäft früher und kam nach Hause, es war gerade Mittag und Essenszeit, aber die Müllerin fehlte. Wie er nun nach der Mutter fragte, so sagte ihm sein ältester Knabe, daß seine Mutter mit dem Jüngsten auf dem Arm schon vor ein paar Stunden den Berg hinaufgegangen sei. Eilend rann der Müller hinauf, und als er in die Trümmer eintrat, hörte er die Stimme seines wimmernden Kindes, die aus der Öffnung eines halbverfallenen Turmgewölbes drang, stieg hinab und fand darin sein Weib leblos am Boden liegen. Eilend zieht er Frau und Kind aus dem Gemäuer und trägt und schleppt beide hinab in sein Haus. Dann ist nach langer Ohnmacht die Müllerin zu sich gekommen und hat erzählt, die Wisperstimme habe ihr Tag und Nacht keine Ruhe gelassen, sie habe hinausgemußt, und die Stimme habe ihr auf dem Wege noch zugewispert, sie solle ganz ohne Furcht und Bangen sein, es werde ihr nichts geschehen, nur reden solle sie um keinen Preis. Sie stieg in das Turmgewölbe hinab – da stand der Kasten, da stak der Schlüssel, sie öffnete – da lag das blanke Gold – sie durfte nur nehmen – da hört sie plötzlich ihren ältern Knaben hinter sich rufen: Mutter! Mutter! und antwortet unwillig: Was gibt's?, und da tut es einen entsetzlichen Krach, als berste der Turm und stürze das Gemäuer auf sie und ihr Kind nieder, und eine Stimme ruft aus: Weh! weh! Warum redest du? Nun bin ich wieder unerlöst auf aber hundert Jahre! – und da ist es der Müllerin schwarz vor den Augen geworden. – Und als sie das alles ihrem Mann erzählt gehabt, ist sie in eine tiefe, schwere Krankheit verfallen, und nach drei Tagen ist sie eine Leiche gewesen. So hat es der Wispermüller selbst erzählt im Jahr des Herrn achtzehnhundertundvierzehn. *   76. Die glühenden Kohlen Im Städtchen Lorch am Rhein, da, wo die Wisper in den Strom fällt, steht an der Stadtmauer auch eine Mühle, deren Räder die raschen Wellen der Wisper treiben. Einer Nacht erwachte die Magd in dieser Mühle sehr früh, es war ganz hell, und sie meinte schon, sich verschlafen zu haben, und eilte, das Feuer in der Küche zu schüren. Da gewahrte sie, wie sie durch das Küchenfenster in den Hof hinabsah, einen Haufen glühender Kohlen und ging eilend hinab, um davon um so schneller für ihr Herdfeuer Brand zu gewinnen. Drunten lagen um das Kohlenfeuer einige ihr unbekannte fremde Männer, sie aber fuhr, ohne sich an diese Männer zu kehren, mit ihrer Schaufel in die Kohlen hinein und kehrte mit der Schaufel voll in das Haus zurück. Aber als sie die Kohlen auf den Herd schüttete, so glühten sie nicht mehr, sondern waren erloschen. Sofort lief die Magd noch einmal hinaus und holte wieder eine Schaufel voll – es ging aber gerade wie beim ersten, die Kohlen waren tot. Und nochmals rannte die geschäftige Magd hinaus, da sprach einer der Männer mit tiefer Stimme: Du, höre, dieses ist das letzte Mal! – Die Magd erschrak, und befiel sie ein Bangen, doch sprach sie kein Wort und eilte nur, daß sie wieder an ihren Herd kam. Aber die Kohlen waren abermals erloschen – und jetzt hob die Turmuhr auf der Stadtkirche aus und schlug – und die Magd horchte und wollte gern wissen, wie früh es wäre, und zählte drei – vier – sechs– sieben – so spät könnt' es doch noch nicht sein – acht – neun – was ist das? – und die Uhrglock' schlug immer zu, und schlug Zwölf – und im Hof verschwand das Kohlenfeuer, verschwanden die Männer. Der Magd gruselte fürchterlich – sie eilte in ihre Bettkammer, kroch tief unter die Decke und betete so viele Seufzerlein und Reimgebetlein, als sie konnte und wußte. Am Morgen verschlief sie sich in aller Form, und statt ihrer trat der Müller zuerst in die Küche, der traute seinen Augen kaum, als er auf dem Herd statt glühender Kohlen einen Haufen glitzender Goldstücke liegen sah, nahm den Schatz und erbaute sich davon ein neues Haus zu Lorch, gab auch der Magd ihren guten Anteil vom durch sie gewonnenen Reichtum. *   77. Taube zeigt den Tod an Zu Armsheim auf dem Kirchhof steht ein Grabstein, darauf ist ein Pflug, auf dem eine Taube sitzt, eingehauen. Vor vielen Jahren hat dort ein junges Ehepaar gelebt, und die Frau hatte eine zahme Taube, die war ihr Liebling und nahm ihr aus dem Munde, was sie der Taube darbot. Die junge Frau war in guter Hoffnung, und eines Frühlingsmorgens befiel sie ein Bangen, als eben ihr Mann hinaus an den Acker gehen wollte zur Saat, denn es war Säezeit und der Morgen windstill und heiter. Aber die Frau bat gar herzlich ihren Mann: Bleibe bei mir! – Doch er entschuldigte sich mit seiner Arbeit Dringlichkeit und verhieß sich zu eilen und baldige Heimkehr. – Er hatte aber den Samen noch nicht zur Hälfte ausgestreut, da kam die Lieblingstaube seiner Frau geflogen, und flatterte umher, und setzte sich auf den Pflug, der auf dem Acker stand, und sah den Sämann an, und schlug mit den Flügeln. Und da er nicht abließ von seiner Arbeit, so flog ihm die Taube gegen die Brust und pickte ihn in das Kinn, und da gedachte er an seine Frau und eilte heim. Da fand er seine junge schöne Frau tot im Bette, denn sie hatte ohne Hülfe geboren, und zwei lebende gesunde Kinder lagen in ihren Armen. Es war niemand da gewesen, den sie nach Hülfe senden konnte, und er hatte ihre zarte Bitte nicht verstanden. Und war die treue Taube nicht, so wären auch die Kindlein Todes verblichen. Der Mann trauerte, solange er lebte, freite nie wieder und zog die Zwillinge mit Liebe auf. Auf der Gattin Grab ließ er das Bild der Taube meißeln und betete oft um Mitternacht auf dem Grabe seiner Entschlafenen. Mehr andere Sagen gehen von Tauben, deren eine einen Schatz angezeigt, die andere den Feind abgehalten, eine Stadt zu beschießen. *   78. Der Affe zu Dhaun Hoch über dem Städtlein Simmern liegt der alte rheingräfliche Burgsitz Dhaun, das war ein gar stattliches und schönes Grafenschloß mit herrlichem säulengezierten Palas – und über dem Eingang zum Palas wird ein Wahrzeichen in Stein erblickt, ein Affe, der einem Kinde einen Apfel darbeut, von welchem Bilde diese Sage geht. Es hatte ein Burggraf ein junges Kind gehabt, das hatte eine Wärterin, die wiegte das Kindlein im schattigen Burghof, und da der Tag ein Sommertag und schwül war, so nickte sie ein, und als sie aufwachte, war das Kindlein aus der Wiege und fort. Da ward ihr angst und bange, denn wie sie es auch ringsum suchte und in alle Winkel lugte – es war und blieb verschwunden. Da schlug ihr der Schreck in alle Glieder, zitternd vor dem Zorn der Gräfin und des Grafen dachte sie nichts Besseres tun zu können, als ihr Leben zu retten, und stürzte in den Wald, um auch da vielleicht noch eine Spur zu finden. Da kam sie in ein dunkles Dickicht, und siehe, da saß der Affe, den der Graf hielt, und hatte den jungen Grafensohn auf seinen haarigen Armen und küßte ihn gar zärtlich und schaukelte ihn, legte ihn dann sanft auf ein Lager von Moos, bot ihm einen Apfel dar, und als es den nicht annahm, sondern einschlief, wehrte der Affe eine Zeitlang die Fliegen von ihm ab, und dann entschlief er selbst. Des war die Amme froh, schlich leise hinzu und nahm das Kind und trug es fröhlich wieder zur Feste Dhaun hinauf, wo schon alles unruhig war und nach ihr rief und suchte. Da verkündete sie laut die Tat des Affen, und die erst entsetzten, nun hocherfreuten Eltern beschlossen, dieselbe in Stein ausgehauen und überm Torbogen ihres herrlichen Palas verewigen zu lassen. *   79. Das Pfaffenkäppchen Zwischen schroff und steil überm Tal der Nahe zum Himmel sich aufgipfelnden Felskolossen werden jetzt die Trümmer der einst trotzigen Burgfeste Rheingrafenstein erblickt. Auf der Kauzenburg saß ein junger Rheingraf, jagdlustig, mutig, der wünschte sich eine Burg auf diesen ungeheuren Felsen, stattlich wie die Ebernburg und der Landstuhl der Sickinger, unnahbar dem Feinde – und mit solchen Wünschen weilte er einstens sehnend und sinnend in der Nähe der Felsriesen, deren Gipfel noch kein Mensch erstiegen hatte. Da gesellte sich einer zu ihm, den man nicht gern nennt, der las in des jungen Rheingrafen Seele den Wunsch und redete ihn an und sprach: Eine Burg da droben, eine schöne stattliche, feste, ja, die wär' Euch recht! Nicht so? Fehlt nur der Baumeister – ja – und wenn einer käme, und baute sie über Nacht – dem verschriebet Ihr wohl einen stattlichen Lohn? Was gäbet Ihr solchem? Sagt es an! – Ihr redet wunderlich, erwiderte der Rheingraf. Seid Ihr der Mann, der das vermag, so fordert und bestimmt den Lohn. – Nur eine einzige Seele – die Seele dessen, der zuerst durchs Fenster der neuen Burg herab ins Tal der Nahe und über alle die Täler und Berge ausschaut – das ist wohl wenig für eine stattliche Grafenburg. Kommt heute abend wieder her, ich will es in Überlegung ziehen! sagte der Rheingraf und verließ gedankenvoll den Ort – eine Seele seinem Wunsche zu opfern, dünkte ihm sündlicher Frevel, und doch war sein Wunsch stark und groß. Daheim ließ er seinen Burgpfaffen kommen und offenbarte dem den Handel. Der Pfaffe schlug viele Kreuze und riet ernstlich ab, warnte gar treu vor des bösen Feindes List und Tücken und rückte sein schwarzes Käppchen auf dem Scheitel wohl hin und her. Da trat des Rheingrafen junges Ehegemahl herein und hörte das Gespräch und ließ erst den Pfaffen hinausgehen, dann sagte sie: Laß jenem nur gewähren, versprich ihm, was er begehrt, das andere findet sich. – Da ritt der Ritter wieder hinaus ins Nahetal und hielt ganz allein am Fuß der Felsen, und es dämmerte schon, oben aber sprang eine schwarze Gestalt von Fels zu Felsen, einer Gemse gleich, und mit einem Male stand der Fremde auch unten im Tale. Was machtest du da droben? fragte der Ritter. Ich nahm einstweilen die Maße, antwortete jener und fragte: Nun, soll ich? Fast hätte der Rheingraf gesagt: In Gottes Namen – da wäre es gleich aus gewesen – er besann sich und sagte bloß: Ja – aber bis morgen früh fertig, und daß nichts fehle, Bergfried, Mushaus, Palas, Luginsland, Mauern, Brücken, alles, was zu einer stattlichen Burg gehört. – Am andern Morgen glänzte die Burg flammenrot ins Nahetal herab, alle Welt war erstaunt, solch Wunder- und Zauberwerk war noch nicht da gewesen. Der Rheingraf ritt nun hinauf, und der Architekt der Nacht führte ihn in dem neuen herrlichen Eigentum umher, zeigte ihm Hallen und Säle, Brücken und Gänge und öffnete im Palas ein hohes Bogenfenster, die herrliche Aussicht bewundern zu lassen. Aber der Ritter sah nicht hinaus, er sagte spöttisch: Machet zu, hier zieht's, wir sind warm vom Steigen. Morgen wollen wir die Kauzenburg verlassen und hier heraufziehen. Ihr räumt wohl den Platz und nehmt ein Zimmer im Wächterturme? Nicht? – Der Teufel zog ein schiefes Maul, er hatte sich schon unendlich darauf gefreut, dem Rheingrafen einen Stoß aus dem Fenster in die schwindelnde Tiefe zu geben und mit dessen Seele davonzufahren. Am andern Morgen kamen der Rheingraf und die Gräfin, und der Burgkaplan, und das Hofgesinde, die Leibdiener, die Jäger, die Knappen, die Stallleute, die Wächter, die Hundejungen, die Hühnerwärter, die Schloßmägde, die Käsemutter, die Zwergin und die Pferde, die Kühe, die Esel, die Rüden, der Meeraffe, die Katzen. Es war ein Zug, schier gleich dem des Erzvaters Noah, da er in den Kasten einging, zu Roß, zu Esel, zu Wagen – alles auf das neue Schloß. Die junge Gräfin scherzte freundlich mit dem Burgkaplan, da droben werde es sehr zugig sein, sie wolle ihm ein wärmeres Käpplein nähen, er möge ihr das alte zum Muster einmal leihen – und als sie oben angelangt war, ließ sie durch die Knappen auch ein Eselfüllen hinauf in den Palas führen, und hieß es halten, und band ihm das Pfaffenkäpplein auf den Kopf, und ließ das Fenster öffnen und das Füllen daranstellen, das schaute gar fromm und bedächtiglich zum Fenster hinaus und spitzte die Ohren und witterte die frische Morgenluft. Der Teufel hatte lange schon still lauernd seitwärts gegenüber auf der Turmzinne gesessen, jetzt sah er das Fenster sich öffnen, sah des Pfaffen ihm wohlbekanntes Käppchen zum Vorschein kommen, und fuhr im Nu hin, und krallte seiner Meinung nach den Pfaffen heraus, und schmetterte ihn ins Tal, und fing die Seele auf. Herrgott, was der Teufel für einen Zorn hatte, als er von einer Tochter Evas sich überlistet sah und statt einer Pfaffenseele eine Eselsfüllenseele in den Klauen hielt! – *   80. Der Stiefel voll Wein Auf dem Steine, wo nun fortan dieser Rheingraf fröhlich hauste, ging es zum öftern gar hoch her. Da saßen eines Abends die Wild- und Rheingrafen und eine große Schar Ritter von den Nachbarburgen im Saale beisammen und zechten baß, und die Humpen kreisten. Da saßen Ritter von Sponheim, von Dhaun, von der Ebernburg, von Flörsheim, von Stromberg und tranken scharf und fest. Jetzt hob der Rheingraf einen mächtigen Reiterstiefel auf den Tisch und goß den voll Weines und rief: Wer diesen Humpen leert auf einen Zug, dem soll Hüffelsheim zu eigen sein mit Wonne und Weide und aller Zubehör! – Des verwunderten sich die Mannen und mocht sich's keiner vermessen, schien ihnen allen der Schluck doch zu groß, und selbst der Burgpfaff, der etwas zu leisten vermochte in guten Trünken, und mancher andere Wackere wagten sich nicht daran. Da saß auch ein alter Zecher im Kreise, Ritter Boos von Waldeck, der sah die andern alle der Reihe nach an und wartete, ob einer den Stiefel leeren wolle, und da es keiner tat, da faßte er ihn in die Hand, und ließ den Wein rinnen in seinen Schlund, und trank ihn leer bis auf die Nagelprobe, und dann sagte er: Lieber Rheingraf, dein Hüffelsheim schmeckte gut, wie wär' es nun mit Waldbökelheim? Der Mensch kann doch nicht in einem Stiefel gehen? – Aber der Rheingraf wollte nicht noch einen Ort an eine Rittergurgel verlieren und schwieg stille. Darnach ist das Sprüchwort aufgekommen: Der verträgt einen guten Stiefel. *   81. Der wilde Jäger Der Wild- und Rheingrafen einer war ein gewaltiger Jäger, aber nicht wie Nimrod vor dem Herrn, sondern so recht vor dem Teufel. Einen Tag und alle Tage ging es hinaus in die Forste, mit wildem, wüstem Gefolge. Werktag und Feiertag, das war dem Grafen alles gleich, in die Kirche ging er nicht, und die Pfaffen achtete er nicht, nur Jagen war seine Freude. Da geschah es eines Sonntagmorgens, daß der Wild- und Rheingraf abermals vom hohen Stein mit dem Gefolge seiner Jagdknechte und Rüden herab zu Tale zog, mit Horrido und Hussassa, wie der Dichter singt, durch Felder und Saaten, nichts achtend, niederstampfend in den Boden junge Saat und reife Ähren. Es währte nicht lange, so brachten die Hunde einen großen weißen Hirsch auf, dessen Spur sie nun mit lautem Kliffen und Klaffen folgten, und die Hifthörner klangen, die Hetzpeitschen knallten, daß es nur so sauste und brauste, immer dem Hirsch nach. In allen Tälern riefen die Kirchenglocken zu Gebet und Amt, der Wildgraf hörte es gar nicht. Ein Bäuerlein, in dessen Feld der fliehende Hirsch sich zu bergen suchte, sah den Troß auf sein Feld losjagen und fiel auf die Knie und flehte, seines Ackers, des einzigen, welchen es besitze, doch gnädiglich zu schonen – der Wild- und Rheingraf überritt den Bauer und stürmte mit dem ganzen Jagdtroß über den Acker hin. Der fliehende Hirsch mischte sich unter eine weidende Herde, da Sicherheit zu suchen – der Hirte sah die wilde Jagd annahen und flehte um Barmherzigkeit für das ihm anvertraute Vieh – der Wild- und Rheingraf knallte ihm mit der Peitsche um die Ohren und schrie: Hui hatz! hui hatz! – da fiel die blutgierige Meute mit wütenden Bissen den Hirten an, und rissen ihn nieder, und bissen die Rinder tot, und jagten den Hirsch weiter. Dieser gewann einen Wald, dessen friedliche Sonntagsstille jetzt gellend laut der Zug des wilden Jägers durchtobte. Im Walde stand eine Einsiedlerklause, und in diese floh jetzt der auf den Tod gehetzte Hirsch. Der Wild- und Rheingraf stürmte mit seinem Troß gegen die Klause an – der Klausner, ein Greis mit schneeweißem Bart, trat heraus und hob warnend die Hand. Nicht weiter! rief er mit starker Stimme. Hier ist das Asyl der Kreatur! – In der Hölle ist dein Asyl, du alter Hund und Narr! schnaubte der Wild- und Rheingraf den Klausner an und hob die Peitsche hoch gegen ihn auf. Aber die aufgehobene Rechte fiel nicht mehr zum Schlage nieder. – Nacht ward es plötzlich – der Klausner und die Hütte, der Hirsch und die Hunde, die Jäger und die Knechte – alles schwand, und des Wild- und Rheingrafen keuchendes Roß brach zusammen. Und da zuckte ein Blitz, und da fuhr des Teufels Faust riesengroß aus der Erde und drehte dem wilden Jäger den Hals um, und eine Stimme donnerte: Jage so fort, bis an der Welt Ende! – Und also geschieht es, wie viele viele Sagen melden, daß von Zeit zu Zeit die wilde Jagd durch die Lüfte und über Felder und Wälder fährt mit gräßlichem Geschrei, mit dem Kliffen und Klaffen der Hunde, mit gespenstischem Wild, und der wilde Jäger selbst als Wild gehetzt vom wilden Heere der Hölle. *   82. Spanheims Gründung Es war vordessen ein Graf von Vianden und Ravenzierburg, der liebte eine Gräfin des Nahegaues, welche eine Witwe war, und auch sie war ihm als dem zweiten Bewerber um ihre Hand nicht abhold – aber der Graf hatte in einer Fehde einen nahen Verwandten der Gräfin erschlagen, und so konnte und mochte sie ihm, schon der Verwandtschaft wegen, die Hand zum Ehebunde nicht so bald reichen, sondern band die Erfüllung seines Wunsches an eine Bedingung, welche Zeit vergönnte, jenen Fehdehandel mehr in Vergessenheit kommen zu lassen. Sie sprach zum Grafen von Wanden, er möge zur Sühne des Erschlagenen eine Pilgrimfahrt in das Heilige Land antreten und von dort ihr ein Zeichen von den heiligen Orten mitbringen, das geweiht und beglaubigt sei, daran werde sie seine aufrichtige Liebe und den Willen des Himmels zugleich erkennen.– Der Graf schied vom Heimatlande, und es währte wohl über Jahr und Tag, bevor er an die Rückkehr denken konnte. Er kämpfte gegen die Ungläubigen, betete an allen heiligen Orten und erwarb, sein Gelübde zu lösen, auch einen Span vom Kreuze des Herrn, dessen Echtheit der Patriarch von Jerusalem durch einen Pergamentbrief mit bleiernem Siegel beglaubigte. Der Graf von Vianden war sehr glücklich, einen so werten Schatz zu besitzen, und ließ eine kleine goldene Truhe anfertigen, besetzt mit Edelgesteinen und sehr kunstvoll, und in getriebenem Golde den Namen der Herrin, der er diente, auf dem Deckel der Truhe anbringen. Darauf schickte sich der Graf zur Heimreise an, voll Hoffnung auf endliches Glück. Aber das Geschick zeigte sich ungünstig. Auf der weiten Meerfahrt von Palästina nach den Küsten Italiens erhob sich ein furchtbarer Sturm, welcher das Schiff zu scheitern brachte, kaum daß die Mannschaft das nackte Leben davonbrachte. Alle Habe des Grafen und auch jenes wertvolle Kästchen verschlangen die Wogen des Adriatischen Meeres. – Arm und gebeugten Geistes, bekümmerten Herzens, ein bettelnder Pilgrim, durchreiste der Graf die Gauen Welschlands und Deutschlands, und so kam er auf seinen Heimatburgen wieder an, wo er zwar des Gutes und Geldes genug fand, allein nichts, was seinen Verlust hätte ersetzen können. Betrübt suchte er die Gräfin auf, sie hieß ihn freudig willkommen, er fand sie schöner und liebenswürdiger als je vorher, das schmerzte ihn um so tiefer, und er sprach: Frau Gräfin, Ihr seht mich mit leerer Hand Euch wieder nahen. Ich hatte ein kostbares Reliquienstück, einen echten Span vom Kreuze unsers Herrn, wohlbewahrt in köstlichem Schrein, für Euch vom Heiligen Lande mitgebracht. Ein Sturm, der unser Schiff scheitern ließ, raubte mir alle meine fahrende Habe und auch jenes Kleinod, das für Euch bestimmt war, das mein Glück an Eurer Hand begründen sollte. – Armer Graf, sprach die Gräfin, und ihre Augen strahlten ihn liebereich und minniglich an, so bringt Ihr vom Kreuze des Herrn keinen Span heim? War denn vielleicht auf dem Kästchen, das Euch der Meersturm raubte, mein Name zu lesen? Der Graf hörte ganz erstaunt diese Worte, er glaubte zu träumen und rief: Beim Kreuze des Heilands, Frau Gräfin, wie könnt Ihr wissen? – Gottes Hand, der Heiligen Fügung! antwortete ernst und liebreich die Gräfin, erschloß einen Schrein, nahm aus diesem des Grafen goldne Truhe und hielt sie dem Staunenden unter die Augen. Heute in der Morgenstunde hat es an mein Burgtor geklopft, wie der Pförtner öffnet, steht ein Jüngling draus, hell gekleidet, mit einem Antlitz schön wie die Morgenröte. Der spricht: Für deine Herrin – und gibt dem Pförtner dieses Kleinod in die Hand. Wie der es betrachtet und wieder zu dem Jüngling aufblickt, ist derselbe schon hinweggeschwunden. Brauchen wir weiter Zeugnis? Wir haben gehofft, jetzt laß uns glauben und lieben! – Mit diesen Worten fiel die junge Witwe dem Grafen um den Hals und küßte ihm den Verlobungskuß unter Freudentränen. Und als beide miteinander vermählt waren, erbauten sie eine neue Burg und ein Kloster, und gründeten einen Ort, und nannten den Spanheim, und stifteten den heiligen Span in ihr Kloster, und das Kloster begabte mit kleinen Partikeln von dem Span, reich in Gold gefaßt, auch das nachbarliche Kloster Kreuznach, ja dessen alter Name Crucinaha , dem Kreuze nahe, soll sogar davon abstammen. Und das Geschlecht der beiden Vermählten blieb gesegnet vom Herrn, viele fromme und berühmte Männer und Frauen gingen aus ihm hervor, stifteten Klöster, bauten Kirchen, kämpften im Heiligen Lande oder wandelten selbst als heilige Personen durch das Leben. *   83. Vom Ursprung des Moselweins Es ist eine alte Sage, daß der herrliche Moselwein aus dem deutschen Franken stamme. Merowig, der Westfranken König, habe zwölftausend Bewohner des Mosellandes in das morgenländische Franken geführt und aus letzterem zwölftausend Einwohner in das Moselland versetzt. Diese östlichen Franken waren gute Wingersleute, entnahmen aus ihrem heimatlichen Boden edle Reben und pflanzten diese im neuen Vaterlande an, wo sie herrlich gediehen und liebliche Weine lieferten bis auf diesen Tag. Die Mosel entspringt im Vogesengebirge im deutschen Sundgau aus zwei Hauptquellen, deren Flüsse sich bei Remiremont vereinigen, und durchfließt in den mannigfaltigsten Krümmungen das welsche Lothringen, dann begrüßt sie deutsche Gaue und rauscht altberühmten Städten vorüber. Wie vom Frankenwein bis auf den heutigen Tag der Spruch geht und gilt: Frankenwein, Krankenwein, also daß selbst Kranken derselbe heilsam sei, so von seinem Sohne, dem Moselwein, dem Erben seines Ruhmes und seiner Tugenden, geht und gilt der lateinische Reim: Vinum Mosellanum fuit omni tempore sanum , das ist zu deutsch: Moselwein soll allzeit gesund gewesen sein. *   84. Der Heiligen Gräber Im Mosellande beim Dorfe Chau steht eine dem heiligen Eucharius geweihte Kapelle. Sankt Eucharius war ein Sohn des Königs Baccius von Catalonien und der Lientrudis, dessen Gemahlin. Dieses fromme Paar gab aber nicht nur dem heiligen Eucharius das Leben, sondern auch dem heiligen Eligius, der heiligen Liberia, der heiligen Susanna, der heiligen Memia, der heiligen Oda und der heiligen Gertrudis. Alle diese Heiligen wurden mit vielen Edlen dieses Gaues durch die wilden Vandalenhorden, welche Julianus Apostata in das Land führte, umgebracht, an der Zahl zweitausendzweihundert, und das geschah im Jahre 262 nach Christi Geburt, am 10. Mai. So wurde jene Gegend ein großer Totenhof, und die alte Kapelle an der Mosel, Chau gegenüber, wurde zum Grabstein der frommen Märtyrer und bewahrt auf Gedenktafeln das Gedächtnis derselben der Nachwelt auf. *   85. Metz versagt den Tanz Das alte Metz, welches Frankreich, gleich den früher deutschen Städten Toul, Verdun und Straßburg, Deutschland abgedrungen hat, leitet schon von den Römerzeiten seinen Ursprung und Aufbau her. Ein Feldherr Julius Cäsars, Marius Metius, habe die Stadt, welche Cäsar hartnäckig widerstanden, einnehmen müssen, und habe sie verheert, dann aber herrlich wieder aufgebaut, nach seinem Namen Metia genannt, auch neunzehn Jahre daselbst regiert, auch einen Rat aus dreizehn Stadtältesten eingesetzt, der lange bestanden habe. Zur Zeit Kaiser Karls V. sandte König Heinrich II. von Frankreich den Connetable Annas Montmorency vor diese deutsche Reichsstadt, der versprach ihr völligen Schutz, wenn sie nur ein einziges Fähnlein französisches Kriegsvolk, darunter man einen kleinen Heerhaufen, etwa was heute eine Kompagnie besagt, verstand, einnehmen wollte. Dies bewilligte der Rat der Stadt Metz, und es zogen nicht minder denn dreitausend Franzosen, allerdings nur mit einem einzigen Fähnlein, in die Stadt und nahmen sie ohne Schwertschlag für ihren König in Besitz, befestigten die Stadt auf das beste und versahen sie mit Mundvorräten aller Art. Als nun im darauffolgenden Jahre Kaiser Karl V. mit einem Kriegsheere kam, Metz den Franzosen wieder abzunehmen, glückte ihm das nicht, obschon er mit siebenzigtausend Mann davorlag und vierzig Tage und Nächte lang die Stadt so heftig beschießen ließ, daß es gleichsam Kugeln regnete und die ganze Gegend von dem Pulverdampfe fort und fort wie in einen starken Nebel gehüllt blieb. Bis nach Straßburg hin ward der Donner des Geschützes gehört. Der tapfere Verteidiger von Metz war der Herzog von Guise, welcher dem Kaiser viel Volk zuschanden machte. Dazu halfen noch Hunger, Seuchen und Kälte gegen Karl V. streiten, und es sind damals vor Metz dreißigtausend Mann geblieben. Endlich brachte noch eine Kriegslist den Kaiser zum Abzug. Der Herzog, welcher fürchtete, die Stadt auf die Länge dennoch nicht halten zu können, zumal sie an ihrer schwächsten Seite angegriffen war, schrieb einen Brief an seinen König des Inhaltes, daß die Belagerung ganz fruchtlos und gefahrlos sei, zumal Karl sie an der stärkstbefestigten Seite am meisten angegriffen habe. Diesen Brief mußte ein scheinbar ungeschickter Bote durch das feindliche Lager tragen, sich fangen lassen, und nun gelangte der Brief vor Karls Augen. Dieser ließ sich wirklich betören, hielt den Brief für wahr, zog die Streitkräfte von der schwachen Seite zurück, griff an anderen sehr gut befestigten Stellen an, verlor die bereits errungenen Vorteile und mußte endlich nach dem Verlust von fast der Hälfte seines Heeres die Belagerung aufgeben. Da fehlte es nicht an Hohn und Spott, der sich reichlich über Karl in allen deutschen Landen ergoß, und da es ihm vor Magdeburg auch fast in gleicher Weise ergangen war, so lief gar bald der Spottreim von Munde zu Munde: Eine Metze und eine Magd Haben Karln den Tanz versagt. Dieses und noch anderes Leid soll sich der Kaiser so zu Gemüte genommen haben, daß er drei Jahre später der Regierung ganz entsagte und 1586 als Mönch in das Kloster St. Just in Spanien trat, wo er Uhren baute. In diesem selben Jahre geschah es, daß Metz, Toul und Verdun – Virdung zu deutsch – durch den Vertrag und Friedensschluß zu Cambray von Deutschland völlig abgetreten und unter den Schutz der Krone Frankreichs gestellt wurden. *   86. Der Teufelsbündner in Virdung Als die Stadt Virdung noch eine deutsche war, und zwar schon zu Kaiser Rudolf von Habsburg Zeiten, saß ein Bürger dortselbst, der verfiel in Armut und durch sie in Versuchung und Stricke, nach dem Sprüchwort: An armer Leute Hoffart wischet der Teufel seinen Hintern, denn jener Bürger mochte gar gern prangen und prassen. Damit er nun neue Schätze gewinne, verlobte er sich mit eines alten Weibes Beistand dem Teufel, schwur Gott und seinen Heiligen ab und empfing einen Heckebeutel mit Brutpfennigen; sooft er in den Beutel griff, so oft konnte er die Hand voll Goldes oder Silbers herausziehen. Da mehrte er seinen Reichtum von Tage zu Tage, kaufte Gärten und Häuser, Äcker und Wiesen und lebte alle Tage herrlich und in Freuden. Eines Tages aber geschah es, daß er vor seinem Hause im Schatten saß und mit Freunden zechte, da kamen zwei unbekannte ernste Männer auf schwarzen Rossen geritten, die führten mit sich ein drittes aufgezäumtes schwarzes Roß und trugen dunkle Tracht. Die Männer hielten an des Bürgers Haus und forderten, daß er das ledige Roß besteige. Der Bürger sahe mit Kummer, wo das hinauswolle, nahm traurig von seinen Angehörigen, zwei Söhnen und Freunden Abschied und bestieg das dunkle Roß, auf welchem er mit den beiden Reitern rasch von dannen ritt. Die Söhne hätten gern erfahren, wohin doch ihr Vater geritten auf Nimmerwiederkehr. Da fielen sie auf den Gedanken, die alte Hexe zu fragen und ihr Geld zu geben, daß sie ihnen ihren Vater zeige und den Ort, da er weile. Das alte Hexenweib ging mit den Jünglingen in einen Wald, wo sie ihre Zauberkunst übte und die Hölle beschwur. Da tat sich der Erdboden auf, und die Zwei steigen herauf, welche den Bürger hinweggeführt hatten, und waren schrecklich anzusehen. Da fragte die Alte die Jünglinge: Wollt ihr euern Vater auch sehen? – Den Ältesten ergriff ein Grauen, und er verneinte die Frage, der Jüngere aber besaß mehr Herzhaftigkeit und verlangte nach des Vaters Anblick. Da winkte das Weib den dunkeln Männern, und diese hießen den Jüngling ihnen folgen. Nach einer Weile kamen sie an ein schönes Haus, und in einem Gemach desselben sah der Jüngling seinen Vater, ganz so gekleidet, wie er von Hause hinweggeritten war, auch fast von solchem Aussehen, nur lag auf seinem Gesicht der Ausdruck eines namenlosen Leidens. Wie geht es Euch, Vater? fragte der Jüngling. Ist Euch wohl oder wehe? – Der Vater seufzte und sprach: Sohn, ich habe um irdisches Gut Gott entsagt und seinem Anteil an mir und habe dem Teufel Leib und Seele zu eigen gegeben. Tut euch beide ab eures ererbten Gutes, denn es würde dessen Nutzung euch schaden und euch der gleichen Pein überliefern, die ich dulde. – Leidet Ihr Pein, Vater? fragte der Sohn. Ich sehe doch nichts von einer Flamme! – Rühre an mich mit der Spitze deines kleinen Fingers, Sohn! antwortete der Vater, zucke aber schnell wieder hinweg. Da tat das der Jüngling und rührte seinen Vater nur so lange an, als ein Blitz zuckt, und verbrannte sich alsbald den Finger und die Hand und den Arm bis zum Ellenbogen und empfand den allerglühendsten Schmerz. Voll Entsetzen rief er nun: O armer, armer Vater! Können wir nichts für Euch tun, das Euch fromme und helfe? – In Ewigkeit nichts, sagte der Vater, als daß ihr euch des Höllengutes abtut. – Da nahm der Jüngling trauernd Urlaub von seinem Vater, und die Männer brachten ihn zurück zu dem Hexenweibe, dem zeigte er den verbrannten Arm, und wer ihn sonst sehen wollte, und gab alles vom Vater ererbte Gut nebst seinem Bruder an ein Kloster, das nahm es willig an, und schadete ihm mitnichten etwas, die Brüder aber sind Mönche geworden und haben ihr ganzes Leben hingebracht, für ihres Vaters Erlösung aus der Flammenpein zu beten. *   87. Die getreue Frau Florentina Zu Metz lebte ein edler Rittersmann, der hieß Alexander, der hatte eine gar tugendsame Ehewirtin, die hieß Florentina. Der Ritter gelobte sich zu einer Bußfahrt zum Heiligen Grabe, und sein Ehegemahl fertigte ihm ein feines neues Hemde, das zeichnete sie mit einem roten Kreuze und hieß es ihm stetig tragen. Es sei also gefeit und geweiht, daß es immer rein bleibe, zum Zeichen ihrer steten Reinheit und Treue, die sie ihm bewahren wolle bis zu seiner Wiederkehr. Im Heiligen Lande aber geriet Ritter Alexander aus Metz in Gefangenschaft und mußte mit anderen als Knecht den Pflug ziehen und Geißelhiebe und ein Joch auf seinem Nacken dulden wie ein Stier. Das Hemd aber blieb trotz harter Arbeit, trotz Staub und Schweiß und Blut stets rein und weiß, wie Schnee. Das verwunderte die Aufseher, und sie brachten es vor den Sultan. Da erkundigte sich der Sultan, welche Bewandtnis es mit des Sklaven Hemde habe, und Alexander erzählte ihm von der Treue und Reinheit seiner Florentina. Solches dünkte dem Sultan eine Lügenmäre zu sein, und er ward sehr neugierig, ob dem in der Welt nur so sein könnte, und ließ auf seine Kosten einen vertrauten Eilboten ins Abendland reisen, der kam auch glücklich nach Metz, erkundete die Frau, erzählte ihr von ihres Herrn harter Gefangenschaft und warb, da er sie zumal besonders schön fand, mit starker Versuchung um ihre Minne. Allein da er ganz vergebens sich um die Gunst der Frau bemühte, so zog er wieder ab und brachte seinem Herrn die Nachricht von Florentinas unwandelbarer Treue. Diese aber kleidete sich in Pilgrimtracht, nahm eine Harfe mit, die sie meisterlich zu spielen verstand, und reiste dem Heiden nach, holte zu Venedig ihn ein und fuhr mit ihm, ohne daß er sie wiedererkannt hätte, in das Heidenland. Als sie nun an des Heidenkönigs Hofe ankamen, meldete der Abgesandte, was er zu Metz ausgerichtet, und rühmte seines Reisegefährten kunstreiches Harfenspiel. Da wurde der Pilgrim an den Hof gefordert und durfte sich hören lassen und wurden ihm große Geschenke für sein Spiel dargeboten. Er weigerte aber, solche anzunehmen, und bat nur um die Freilassung eines der Sklaven, die im Pfluge gingen. Das ward ihm zugestanden, und nun ging Florentina zu den Sklaven und suchte unter ihnen ihren Mann, den bat sie los, gab sich ihm aber nicht zu erkennen, weder zu Lande, noch zur See, sondern blieb in ihrer Verkleidung als Mann und fuhr mit ihrem Manne der Heimat zu. Da sie noch zwei Tagereisen von Metz waren, sprach Florentina: Mein lieber Wandergesell, nunmehr gehen unsere Wege voneinander. Gib mir dafür, daß ich dich befreit, doch auch etwas zum Andenken. – Was soll ich dir geben, der ich so viel wie nichts habe? fragte der befreite Ritter. – Du hast ein sonderbares Hemde an, von dessen Wunder habe ich im Heidenlande reden hören, schneide mir ein Stück heraus, damit ich auf meiner Pilgerschaft auch andern von dem Wunder singen und sagen kann. – Weil du es bist und ich so großen Dank dir schuldig geworden, sprach der Ritter, so will ich's tun, keinem anderen auf der Welt gäbe ich vom Hemde, das mir meiner Frauen Reine und tugendsame Zucht so wunderbar verbrieft. – Schnitt ihm also ein Stücklein, nicht gar groß, aus dem Hemde heraus und schied so dankend von dem Pilgrim. Florentina eilte ihrem Gatten schnell voraus nach Metz, legte ihre Frauenkleidung wieder an, und als er nun, einen ganzen Tag später wie sie, daheim ankam, empfing sie ihn mit herzlicher Liebkosung und Freude, des ward er sehr glücklich. Als aber nun der heimgekehrte Ritter allmählich seine Freunde wieder sah, da merkte er an ihrem sondern Wesen, daß sie etwas Heimliches gegen ihn auf den Herzen hatten, und endlich sagte ihm einer: Mich nimmt viel Wunders, daß du dein Weib wieder daheim funden hast, sie muß deine Heimkunft gerochen haben. Ein fremder Mann war oft und lange bei ihr, und endlich ist sie ihm nachgefahren und zwölf Monate außen blieben und nur kurz vor dir wiederkommen. – Da ward der Ritter sehr zornig, lud seine Freunde und Verwandten zu einem Mahl und fragte dann dabei sein Weib öffentlich, warum sie so untümlich lange Zeit ihr Haus verlassen, und wo sie denn in der Welt herumgereist sei nach fahrender Fräulein Art. – Da stund die getreue Florentina schweigend vom Tische auf, ging in das Zimmer nebenan und kam als Pilgrim mit der Harfe wieder und reichte ihm das Stücklein Leinwand aus seinem Hemd. Da hob der Ritter seine Hände auf und rief: Vergib, du Himmlische, du Reine! Du befreitest mich aus Sklavenbanden, aus dem Joche am Pfluge, und fiel ihr weinend um den Hals und bat sie um Verzeihung, und jede Anklage verstummte auf immerdar. *   88. Triers Alter Trier und Solothurn sollen die ältesten Städte in Europa sein. Eintausendunddreihundert Jahre vor Christus habe Trier schon gestanden, wie alte Reimverse aussagen, ja Trier war lange die zweitgrößeste Stadt in der alten Welt, Rom die erste, und die Alten nannten es das reichste Trier, das beglückteste Trier, das ruhmwürdigste, das ausgezeichnete Trier – und dies schon zur Römerzeit, und zur Zeit des deutschen Mittelalters war Trier des Christentums Wiege, das zweite, das deutsche Rom. Triers frühe Kulturblüte brachen zuerst die Gallier durch eine dreimalige Verheerung und schufen aus der Stadt nur einen großen Totenhof. Dennoch verlangten einige dem Verderben entgangene Nobili noch blutige Zirkusspiele, wie sie in Rom stattfanden zur Zeit des tiefsten Sittenverfalles dieser Weltstadt. Die Astrologen nannten übrigens das Triersche Gebiet die Planetengasse, weil es dort so überaus häufig regnen soll. Man sagt auch von einem See in diesem Gebiete, darin sich zuzeiten ein wunderbarer Fisch soll sehen lassen, und wenn dies geschehe, bedeute es voranzeigend den Todesfall des jedesmaligen Landesherrn. Das schönste unter den vielen Baudenkmalen uralter Zeit ist der Dom zu Trier; lange zeigte man in ihm ein Horn, das die Einwohner die Teufelskralle nannten, und erzählten, der Erbauer des Doms habe allein nicht zustande kommen können und den Teufel zu Hülfe genommen und diesen überlistet, da habe der Teufel in seiner Wut die Altäre umreißen wollen, es sei ihm aber nicht gelungen, und habe er noch dazu eine Kralle lassen müssen. Im Dom zu Trier wird auch der ungenähte heilige Rock aufbewahrt, den Christus der Herr getragen haben soll, und um den die Kriegsknechte gewürfelt, weil er zu schön, als daß sie ihn hätten zerschneiden mögen. Es ist ein Mannsrock mit langen Ärmeln, aus zartem Linnenstoff, aus subtilen Fäden buntfarbig gewirkt. Die heilige Helena war es, welche diesen Rock mit einem Stücke des heiligen Kreuzes und einem Nagel, mit welchem Christus an das Kreuz geheftet war, nach Trier schenkte, wohin sie den frommen Bischof Agritius von Antiochia sandte. Dieser Rock genießt der andächtigsten Verehrung von vielen Millionen Gläubigen, die an seiner Echtheit nicht zweifeln, obschon an vielen Orten mehr derselbe Rock und doch nicht derselbe für echt gezeigt wird. *   89. Sankt Arnulfs Ring Von besonders hohem Alter ist auch zu Trier die Moselbrücke, ein dauerbares Gebäu von Steinen ungeheurer und ungewöhnlicher Größe, auf jeden Fall ein Bauwerk aus Römerzeiten; der Kaiser Nero soll schon über diese Brücke gezogen sein, um alles Land bis Köln zu erobern. Wo sich die Bogen der Brücke miteinander schließen, stehen Säulen, welche über die Brustwehr der Brücke emporragen, darauf sollen heidnische Götterbilder gestanden haben. Einst fühlte der heilige Arnulf sein Gewissen belastet, und da er von ohngefähr über die Moselbrücke ging, sah er in des Wassers Tiefe nieder, zog einen kostbaren Ring vom Finger und warf ihn voll Vertrauen auf Gottes Allmacht und Barmherzigkeit hinab in die Mosel, indem er rief: Wenn ich hoffen darf, daß meine Sünden mir verziehen werden, so werde ich diesen Ring wiederbekommen. Es vergingen wenige Jahre und der heilige Arnulf wurde unterdes Bischof zu Metz. Da lieferte eines Tages ein Fischer in die bischöfliche Küche einen großen Fisch, und da der Koch diesen zubereitete für die Tafel seines Herrn, fand er voller Verwunderung im Eingeweide des Fisches einen schönen Ring und brachte den Ring zum Bischof. Da sahe dieser, daß es sein Ring war, den der Fisch, ihn wohl für eine Speise haltend, beim Fallen hinabgeschlungen und einige Jahre bei sich behalten – und pries Gott in Demut für dieses Gnadenzeichen und tat sich aller sündigen Gedanken ab, um dieser Gnade sich wert zu erzeigen. *   90. Frevel wird bestraft Als im Jahre 1673 die Franzosen Trier belagerten, machten sie ringsum vor der Stadt alle Klöster der Erde gleich. Dem Kommandanten wurde auf das beweglichste zugeredet, nicht also zu verfahren, und ihm zu verstehen gegeben, keinem gehe es gut aus, der sich an Gotteshäusern und frommen Stiftungen mit frevelnder Hand vergreife. Der Kommandant aber sagte: Das ist nicht meine, sondern des Königs Sache, der es also haben will und befiehlt; hole mich der Teufel, wenn das Kloster nicht bis heute abend ein Aschenhaufen ist! – Kaum hatte er das gesagt, da er gerade auf einer Brücke hielt, so tat sein Pferd einen plötzlichen Satz, übersprang die Brückenbrustwehr und stürzte zusamt dem Reiter in die Mosel, wo der Reiter unten hin und das Pferd auf ihn zu liegen kam; Roß und Reiter hatten den Hals gebrochen. Dieses Kommandanten Nachfolger ritt auch dorthin, da warnte ihn die Schildwache und sagte: Hier ist nicht sicher reiten, auch zielt der Feind nach diesem Punkt. – Ho! lachte der Kommandant, der Feind kann mich hintenhin treffen.– In diesem Augenblicke fiel auf einer Bastion ein Schuß, und der Kommandant tat einen lauten Schmerzensschrei und stürzte samt dem Pferde. Die Kugel hatte den von ihm bezeichneten Ort wirklich getroffen, war aber nicht auf halbem Wege geblieben, sondern vorn wieder heraus und dem Pferde durch den Hals gedrungen. *   91. Die Martyrergräber Sankt Maximin heißt unterhalb Trier am Moselflusse eine alte, weitberühmte Abtei. Schon die Stätte, darauf sie steht, soll zur Heidenzeit einen Dianentempel getragen haben, und als ihrer Gründer rühmt sie sich des Kaisers Konstantin des Großen und seiner Gemahlin Flavia Helena. Zuerst wurde das Stift in die Ehre Johannes des Täufers geweiht, dann in die des heiligen Hilarius, unter dem vierten Abt Tranquillus aber erhielt das Stift den Leichnam Sankt Maximins und trug nun von diesem den Namen. In diesen Gegenden – manche sagen bei Neumagen – soll es gewesen sein, daß dem Kaiser Konstantin dem Großen das Kreuzeszeichen am Himmel erschien mit dem berühmten I. H. S. In Hoc Signo – scilicet vinces , in diesem Zeichen wirst du siegen, welche Buchstaben nach alter Schreibart den Namen Ihesus bedeuten. Hier sollen die heiligen Kirchenväter Ambrosius, Hieronymus und Athanasius eine Zeitlang gelebt, hier soll der letztere das nach ihm benannte Glaubensbekenntnis niedergeschrieben haben. Hier ruhen die Erzbischöfe Nicetius und Basinus, hier ruht Ada, Karls des Großen Schwester, welche einen Codex aureus der Evangelien schrieb. Und nahe bei Sankt Maximin liegt auf diesem uralt-heiligen Boden des Trierschen Gaues die Abtei zu Sankt Paulini. Die Krypta dieses Klosters ward zum riesigen Aschenkrug für eine Reihe der vornehmsten Märtyrer. Rictiovar, Kaiser Maximinians Präfekt, verfolgte auf seines Herrn Befehl die christliche sogenannte Thebanische Legion allenthalben, auch in dieser Gegend, und mordete schonungslos. Paulinus, Triers Erzbischof, wurde in eisernen Ketten aufgehenkt; einen der Heerführer der Legion, namens Tirsus, begrub man zur linken Paulins, den Konsul Palmatius ihm zur rechten Hand. Zu Häupten des Heiligen ruhten sieben Ratsherrn, die mit den Thebanern zugleich die Martyrerkrone empfingen, unter ihnen einer des Namens Maxentius. An diese reihten sich Constantius, Crescentius, Justinus, Leander, Alexander, Soter, die letzten drei Brüder. Zu Sankt Paulini Füßen wurden vier Martyrer beigesetzt, welche Rictiovar vor seinen Augen enthaupten ließ nach vorhergegangenen gräßlichen Martern: Hormisda, Papinius, Constans und Jovianus. Das Blut der gemordeten Tausende in Trier und auf diesem Gebiete floß in Bächen hinab zur Mosel und färbte ihre Wogen weit hinab rot, bis zum Schlosse Neumagen. *   92. Die heilige Genofeva Zu Pfalzel, sonst Pfälzel (kleine Pfalz), an der Mosel, steht ein getürmtes Haus, das Genofevenhaus geheißen, da lebte zu Erzbischof Hildulfs in Trier Zeiten ein Pfalzgraf Siegfried, der hatte eine treue und fromme Gemahlin, eines Herzogs Tochter aus Brabant. Aber es geschah, daß Siegfried in das Heilige Land ziehen mußte, ließ daher sein Weib in seiner Pfalz am Moselstrome zurück und übergab sie in die Obhut eines vertrauten Dienstmannes, des Namens Golo. Bevor der Pfalzgraf aber von hinnen schied, letzte er sich mit seiner Genofeva noch einmal herzlich, und sie empfing einen Sohn von ihm. Golo aber war ein schlimmer Hüter, er entbrannte in Liebe zu der schönen Herrin und begann Ränke zu schmieden, schrieb falsche Briefe, als sei Siegfried mit all den Seinen im Meere ertrunken, und las sie der Pfalzgräfin vor, und gestand ihr seine Liebe, und wollte sie umarmen, sie wehrte ihn aber mit einem Faustschlag ins Gesicht ab; nun verwandelte sich seine Liebe in bittern Haß; er entzog der Pfalzgräfin alle Bedienung, und als ihre Stunde nahte, wo sie des Söhnleins entbunden werden sollte, hatte sie niemand zum Beistand als eine alte Waschfrau. Da kam Botschaft in ihr Haus, daß ihr Herr lebe und heimkehre, des erschrak Golo, der Verräter, bis zum Tode und suchte Rat bei einem alten Hexenweibe, das riet ihm teuflischen Rat: Golo solle dem Pfalzgrasen einreden, der schöne Sohn Genofevas sei mitnichten der seine, wie er selbst berechnen könne, sondern Drakos, des Kochs. Solches tat Golo, indem er seinem Herrn entgegenreiste; da ward Siegfried sehr betrübt und wußte nicht, wie er sich des Weibes, das ihn nach des Lügners treulosem Bericht geschändet hatte, abtun solle. Da riet Golo, daß er Genofeva samt ihrem Kinde an ein Wasser führen und sie beide ersäufen wolle, und Siegfried willigte ein. Darauf bestellte Golo zwei Knechte, die mußten Genofeva und ihren Sohn hinwegführen und sollten sie umbringen, so oder so. Unterwegs aber jammerte den Knechten die schöne Frau und das schöne Kind, und sprachen untereinander: Was kann diese Frau verbrochen haben? Und was hat sie uns getan? Sollte ihr zu sterben bestimmt sein, brauchen wir ihr doch nicht das Leben zu nehmen. Wir wollen dem Hund, der da mit uns läuft, die Zunge ausschneiden und Golo zeigen, zum Wahrzeichen, daß wir die Frau getötet, und sie gehen lassen. Und so taten die Knechte und ließen die arme Genofeva mit ihrem Kinde trostlos und weinend und betend in öder Wildnis zurück. Das Kind nannte Genofeva Schmerzenreich, es zählte noch keine dreißig Tage, und der Schmerz vertrocknete alle Milch in seiner Mutter Brust. Da flehte die arme junge Mutter zur Mutter aller Schmerzen und aller Seligkeiten, und die ewige Jungfrau neigte der Verlassenen liebend ihre Gnade zu. Aus dem Waldesdickicht trat eine Hindin, die lagerte sich vor Genofeva hin, und Genofeva legte ihr Söhnlein an die Zitzen des Tieres, sich selbst aber nährte sie mit dem, was der Wald bot, und baute auch für sich und ihren Sohn eine Hütte aus Holzstämmen, Reisig, Dornen und Moos, da blieb sie sechs Jahre und drei Monate und sah kein anderes Wesen als die treue Hindin. Da geschah es, daß der Pfalzgraf Siegfried einmal in dieser Gegend des Waldes jagte, und da trieben die Hunde die Hirschkuh auf, welche mit ihrer Milch Genofeva und ihren Knaben ernähren half. Jäger und Hunde folgten dem Wild, und die Hinde floh zur Hütte Genofevas und kniete zu dem Knaben hin, und Genofeva wehrte mit einem Stock die nachhetzenden Hunde ab. Jetzt kam der Pfalzgraf, mit Staunen sah er das Weib im Walde, fast aller Kleidung entblößt durch diese lange Zeit, und der Pfalzgraf vermeinte, es sei etwa ein verlaufenes heidnisches Weib oder eine Zigeunerin, und rief sie an: Bist du eine Christin? – Sie antwortete: Ich bin eine Christin, aber gib mir deinen Mantel, daß ich mich bedecke. Das tat Siegfried und fragte sie, warum sie keine Kleider habe und so einsam im wilden Walde hause. – Meine Kleider sind vor Alter zerschlissen, sagte sie. – Wie lange wohnest du in diesem Walde? Und wes ist dieser Knabe? Wer ist sein Vater? Und wie heißest du? – Auf diese Fragen antwortete Genofeva: Sechs Jahre und drei Monate wohne ich einsam in diesem Walde! Der Knabe ist mein Sohn, und seinen Vater kennt Gott so gewiß, als ich ihn kenne. Und Genofeva ist mein Name! – Bei diesem letzten Wort erschrak der Pfalzgraf, und ein Kämmerling trat zu ihm und sprach: Herr, trügt mich nicht die Erinnerung, so ist das wahrhaftig unsere Frau, die schon so lange gestorben sein soll – schaut doch nach dem Muttermal an ihrem Halse. – Und siehe – sie hatte das Mal. Der Pfalzgraf war abseit getreten und wußte nicht, was er beginnen solle, und sprach: Sehet doch, ob sie auch den Trauring noch trägt! – Und sie trug ihn noch. Und es kam über den Pfalzgrafen ein unsaglicher Schmerz und eine tiefe Reue, und er eilte zu Genofeva hin, und schlang die Arme um sie, und küßte sie, und herzte den Knaben, und rief: Ja, das ist mein Weib! Das ist mein Sohn! – Und Genofeva erzählte, wie es ihr ergangen durch Golos Teufelstücke und Verrat, und da kam dieser, sich nichts von diesem Ereignisse versehend, da zürnten ihm die Mannen des Pfalzgrafen und wollten ihn niederstoßen. Aber der Pfalzgraf gebot ihnen Einhalt und sagte, daß dieser Verräter des Todes von Ritterhand nicht wert sei. Vier Ochsen, die noch an keinem Pfluge gezogen, wurden genommen, und an jeden Fuß und an jede Hand des Missetäters wurden Seile gelegt und an die Ochsen gespannt, und diese dann nach vier Seiten getrieben. So ward Golo lebendigen Leibes in vier Teile zerrissen. Nun wollte Siegfried seine Gemahlin auf sein Schloß führen und aller Ehren teilhaft werden lassen, allein sie willigte nicht ein, sondern sprach: Hier an diesem Ort hat die heilige Jungfrau mich beschirmt und behütet, die wilden Tiere unsichtbar abgewehrt, durch die Hinde mein Kind erhalten, dieser Ort soll meine Stätte bleiben und der Königin aller Engel geweiht werden. Dem willfahrete der Pfalzgraf Siegfried, sandte zu Hildulf, dem Bischof, und ließ durch ihn die Stätte weihen und ordnete auf Genofevas Bitten den Bau einer Kirche an. Die Pfalzgräfin wohnte nun unter besserm Dach, allein sie konnte keine künstliche Speise mehr vertragen, sondern nur die gewohnte Waldkost, und lebte nach dem Wiederfinden nur noch wenige Tage; sie starb froh und selig, und ruhte in der neu erbauten Waldkapelle zu Unser Frauen Kirche, ohnweit Mayen, und es sind allda manche Wunder geschehen, und ist die Geschichte von der frommen Genofeva durch alle Lande gegangen. Aber nicht allein in Pfalzel, sondern auch in Mayen, das im Maifelde liegt, wird ein Genofeventurm gezeigt, und die Frauenkirche alldort soll die rechte sein. Bisweilen soll man noch Genofeva hinter dem Hochaltar sitzen und spinnen sehen. *   93. Die Weingötter am Rhein Zu Bacharach am Rhein, wo nach altem deutschen Reimspruch der besten Weine einer wächst, soll vorzeiten ein Altar des Bacchus, des Weingottes, gestanden haben, und des Ortes Name soll von diesem Altar, Bacci ara , herrühren, diesen Altarstein nannten die Winzer umher auch den Elterstein. Dort ist auch ein Fels im Rhein, der wird nur bei ganz kleinem Rhein, bei großem Wassermangel und heißem dürren Sommerwetter, sichtbar und stets für eine dem Weinjahr günstige Prophezeiung genommen, denn es geht ein Sprüchwort, das lautet: Kleiner Rhein gibt guten Wein. – Viele meinen, daß dieser Fels selbst der Altar des Bacchus sei, und mit Figuren verziert, und vielleicht hat noch im schwachen Nachhall sich altheidnischer Kult darin erhalten, daß die Schiffleute, wenn der Elterstein sich zeigt, eine Strohpuppe als Bacchus aufputzen und auf dem Stein befestigen, so ist der Sagenglaube im Volke lebendig, wenn auch die Gelehrten ungläubig den Kopf dazu schütteln. Zu Caub, nahe der alten Burg Pfalzgrafenstein mitten im Rheinstrom, darin vorzeiten aller Pfalzgrafen Wiege stand, weil aller Pfalzgräfinnen Wochenbette darinnen aufgeschlagen werden mußte, lebt noch eine Sage von einem wunderlichen Heiligen, Theonest, des Name wie eine Verstümmelung des griechischen Wortes Dionysos (Bacchus) klingt. Dieser Theonest soll aber doch nicht ein heidnischer Weingott gewesen sein, sondern ein christlicher Märtyrer, der in Mainz bis auf den Tod gequält wurde, und dem es gelang, in einer Weinkufe statt Nachens auf dem Rheinstrom zu entkommen und sich abwärts tragen zu lassen. Je weiter Theonest fuhr, um so wohler wurde ihm zumute, und bei Caub landete er in seiner Kufe an, predigte das Christentum und pflanzte Weinreben, und zwar süße Trauben tragende, die kelterte er zuerst in seiner Kufe, und davon nahm der Ort, den er hier am Strome gründete, den Namen Caub an, und in das Stadtsiegel nahmen hernach dankbar die Cauber das Bild des heiligen Theonest, in seiner Kufe sitzend, als ihr Stadtwappen und führen es in ihrem Siegel. Und ist auch hernachmals Caub ein wichtiger Ort geworden durch Rheinzoll und Stromreederei. *   94. Die sieben Schwestern Am Rhein unterhalb dem Pfalzgrafenstein steht eine hochragende Burgtrümmer, Schloß Schönberg. Darauf sollen sieben so schöne Ritterfräulein gewohnt haben, daß ihre Schönheit selbst dem Schlosse, darinnen sie hausten, den Namen lieh. Aber die Fräulein, welches sieben Schwestern waren, so groß ihre Schönheit war, so kalt und gefühllos waren sie gegen die Minne. Keines Ritters Bewerbung erhörten sie, einen Freier nach dem andern wiesen sie ab, manches junge edle Herz brach an den Felsenherzen der sieben schönen Schwestern. Aber das Geschick beschloß ihre Strafe. Eines Tages landete ein Nachen unten am Fuße des Berges, darinnen sieben herrliche Jünglinge saßen, in ritterlicher Tracht und von vornehmem Gebaren. Sie kamen zur Burg, sie stellten sich den Fräulein dar, sie warben um Herzen und Hände. Es war vergebens, die sieben Schwestern blieben kalt. Mit einem Male verdunkelte sich der Himmel, eine höllische Musik ertönte, die Jünglinge umschlangen die sieben Schwestern, jeder eine, wie zum Tanzreigen, und schwangen sie tanzend und drehend aus der Burg, über die Zugbrücke, den Berg hinab in den Strom hinein, der stürmisch unter Donnern und Blitzen wogte. – Als es wieder hell und friedlich am reizenden Stromesufer geworden war, siehe, da ragten sieben Felsenspitzen aus dem Strome, in diese waren die Jungfrauen mit den Felsenherzen zur Strafe ihrer unnatürlichen Härte verwandelt. Größere Flut überwogt sie, kleinere läßt sie sichtbar werden. Die Rheinschiffer kennen sie unter dem Namen der sieben Jungfern und haben unter sich die Sage: Wenn einst ein Mächtiger diese Felsen dem Strombette enthübe und sie zu Säulen einer Betkapelle am Ufer bilde, so würden die Jungfrauen erlöst werden, wieder auf die sich erneuende Burg zurückkehren und jede nach der jahrhundertelangen harten Buße einen Mann beglücken. *   Lurlei 95. Lurlei Wo das Stromtal des Rheins unterhalb Caub am engsten sich zusammendrängt, starren hoch und schroff zu beiden Seiten echoreiche Felsenwände von Schiefergestein schwarz und unheimlich hoch empor. Schneller schießt dort die Stromflut, lauter brausen die Wogen, prallen ab am Fels und bilden schäumende Wirbel. Nicht geheuer ist es in dieser Schlucht, über diesen Stromschnellen; die schöne Nixe des Rheins, die gefährliche Lurlei oder Lorelei, ist in den Felsen gebannt, doch erscheint sie oft den Schiffern, strählt mit goldenem Kamme ihr langes flachsenes Haar und singt dazu ein süß betörendes Lied; mancher, der davon sich locken ließ, der den Fels erklimmen wollte, fand seinen Tod in den Wellenwirbeln. Rheinab und -auf ist keine Sage so in aller Mund als die von der Lurlei, aber sie gleicht dem Echo der Uferfelsen, das sich mannigfach rollend bricht und wiederholt. Viele Dichter haben sie ausgeschmückt – bis fast zur Unkenntlichkeit. Lurlei ist die Rhein-Undine. Wer sie sieht, wer ihr Lied hört, dem wird das Herz aus dem Busen gezogen. Hoch oben auf ihres Felsen höchster Spitze steht sie, im weißen Kleide, mit fliegendem Schleier, mit wehendem Haar, mit winkenden Armen. Keiner aber kommt ihr nahe, wenn auch einer den Felsgipfel erstiege, sie weicht vor ihm – sie schwebt zurück, sie lockt ihn durch ihre zaubervolle Schönheit – bis an des Abgrunds jähen Rand, er sieht nur sie, er glaubt sie vor sich auf festem Boden, schreitet vor und stürzt zerschmetternd in die Tiefe. Eine Sage von heitrerer Färbung als alle die andern, die, wenn sie sich auch sonst nicht gleichen, doch in der melancholischen Färbung und dem trüben Ausgang einander ähnlich sind, ist diese. Einst schiffte auch der Teufel auf dem Rhein und kam zwischen die Lurleifelsen; der Paß schien ihm zu enge, er wollte ihn weit haben und den gegenüberliegenden Felsenkoloß entweder von der Stelle rücken oder in solche Brocken brechen, daß sie den Strom ganz sperren und unschiffbar machen sollten; da stemmte er nun seinen Rücken an den Lurleifels und hob und schob und rüttelte am Berge gegenüber. Schon begann dieser zu wanken, da sang die Lurlei. Der Teufel hörte den Gesang, und es wurde ihm seltsam zumute. Er hielt inne mit seiner Arbeit und hielt es fast nicht länger aus. Gern hätte er sich selbst die Lurlei zum Liebchen erkoren und geholt, aber er hatte keine Macht über sie, wurde aber von Liebe so heiß, daß er dampfte. Als der Lurlei Lied schwieg, eilte der Teufel von dannen; er hatte schon gedacht, an den Fels gebannt bleiben zu müssen. Aber als er hinweg war, da zeigte sich, o Wunder, seine ganze Gestalt, den Schwanz nicht ausgenommen, in die Felswand schwarz eingebrannt, womit er sein Andenken bei der Lurlei verewigte. Nachher hat sich der Teufel sehr gehütet, der Sirene des Rheins wieder nahe zu kommen, und hat gefürchtet, wenn er von ihr abermals gefesselt werde, in seinen Geschäften große Unordnung und Unterbrechung zu erleiden. Die Lurlei aber singt immer noch in stillen ruhigen Mondnächten, erscheint immer noch auf dem Felsengipfel, harrt immer noch auf Erlösung. Aber die Liebenden, die sich von ihr betören ließen, sind ausgestorben; die heutige Welt hat keine Zeit, ihren Fels zu besteigen oder im Nachen sich in Mondnächten diesem zu nahen. Der Räderumschwung des raschen Dampfschiffes braust ohne Aufenthalt vorüber, und durch sein Rauschen dringt keine Sang- und Sagenstimme mehr. *   96. Sankt Goars Wunder Aus dem Lande Aquitanien kam ein frommer Mönch in die Rhein- und Mosellande. Auch an der Lahn nahm er eine Zeitlang den Aufenthalt, predigte, breitete das Christentum aus und übte manches Wunder. Ein Fels unterhalb der Lurlei zeugt noch von ihm; man erblickt in diesem Felsen eine ausgehauene viereckige Vertiefung und nennt dieselbe St. Goars Kanzel oder auch St. Goars Bett. Dort soll der heilige Mann lange Zeit gelebt und gewohnt haben, das Evangelium zu verkünden und verunglückenden Schiffern beizustehen. Noch ist, und für alle Zeiten, des Heiligen Name fortlebend in den einander gegenüberliegenden Ortschaften St. Goarshausen und St. Goar am Rhein, und zu Pfalzfeld in der Nähe hinter St. Goar soll ihm eine Denksäule errichtet worden sein. In seiner Zelle zu St. Goar soll der Heilige verstorben sein, worauf die Andacht ihm eine Kapelle dort errichtete, die schon zu Kaiser Karl des Großen Zeiten stand und berühmt war als ein Haus freigebiger Milde und Gastlichkeit gegen Reisende, Schiffer, Pilger und Wallfahrer. In der Gruft der von einem Grafen von Katzenellenbogen, denen diese Landschaft gehörte, erbauten Kirche steht die Bildsäule des Heiligen lebensgroß, und waren auch sonst viele Heiligtümer dort aufbewahrt, sind aber hinweggekommen. Manche nennen St. Goar den Apostel von Trier. Dorthin beschied ihn einst der Bischof Rusticus durch Sendboten; dieser hatte von des Heiligen Wundern gehört und konnte sie nicht glauben. St. Goar folgte den Boten, aber der Weg war völlig wüst und unwirtbar, es gebrach an Zehrung, und die Sendboten sprachen: Wenn kein Wunder hilft, so verschmachten wir. Da übte St. Goar gleich ein Wunder. Er rief in den Wald hinein, und es kamen drei milchende Hirschkühe, ließen sich melken, und ihre Milch rettete die Botschafter. Als der heilige Mann zu Trier vor den Bischof Rusticus geführt wurde, war ihm warm vom Gange, denn es war heiße Sommerzeit, und er sah sich im Versammlungssaale nach einem Ort oder Nagel um, seinen Mantel dahin zu hängen, gewahrte aber keinen solchen, und da hing er den Mantel auf einen Sonnenstrahl, der schrägwärts herein in den Saal fiel. Alle erstaunten, der Bischof aber zweifelte noch immer, und da ward ein Säugling hereingetragen, welcher am selben Tage gefunden worden war. Lasse uns, o heiliger Mann, so du es vermagst, aus dieses armen Säuglings Munde vernehmen, wer sein Vater ist! sprach der Bischof. Da rührte St. Goar mit dem Finger des Säuglings Lippen an, und die Versammlung vernahm deutlich aus des Kindes Munde die Worte: Pater meus: Rusticus, Episcopus! Da glaubte der Bischof ganz still an die Wundergabe St. Goars und versuchte ihn nicht weiter, wünschte auch nicht, daß der Säugling ferner spreche. – Einst fuhr Kaiser Karl der Große von seinem Palast in Ingelheim gen Koblenz, an St. Goars Zelle vorüber, ohne dort vorzusprechen, das nahm der Heilige übel und schuf einen so dichten Nebel, daß Karl landen und auf freiem Felde eine Nacht zubringen mußte. Seinen Söhnen hingegen, Karl und Pipin, welche einen Haß gegeneinander trugen und zufällig in St. Goars Zelle zusammentrafen, goß der Heilige Versöhnung in das Herz. Auch heilte er mildiglich auf ihr Anrufen des großen Kaisers Gemahlin Fastrada von heftigem Zahnweh. Karl der Große schenkte dankbar dem gastlichen Kapellenhause ein Faß guten Weines. Dieses segnete der Heilige mit der Kraft des Nimmerversiegens. Einst vergaß, vermutlich, weil er diese Kraft allzusehr erprobt, ein Pater Kellermeister den Hahn richtig zu schließen, so daß er stark tropfte, da kam eine Spinne daher, die webte so eifrig unter der Hahnöffnung fort und fort, bis sie das Gewebe so dicht gemacht, daß auch kein Tropfen mehr herauslief. Das alles wirkte noch lange nach seinem Ableben St. Goar durch seine fortdauernde Wunderkraft. *   97. Die Brüder Auf den nachbarlichen Burgen Sternfels und Liebenstein am Rhein wohnten zwei Brüder, die waren sehr reich und hatten die Burgen stattlich von ihres Vaters Erbe erbaut. Da ihre Mutter starb, wurden sie noch reicher, beide hatten aber eine Schwester, die war blind, mit der sollten nun die Brüder der Mutter Erbe teilen. Sie teilten aber, da man das Geld in Scheffeln maß, daß jedes ein volles Maß nach dem andern nahm, und die blinde Schwester fühlte bei jedem, daß eines so richtig voll war wie das andere; die arglistigen Brüder drehten aber jedesmal, wenn es ans Maß der Schwester ging, dieses um und deckten nur den von schmalem Rand umgebenen Boden mit Geld zu, da fühlte die Blinde oben darauf und war zufrieden, daß sie ein volles Maß empfing, wie sie nicht anders glaubte. Sie war aber gottlos betrogen, dennoch war mit ihrem Gelde Gottes Segen, sie konnte reiche Andachten in drei Klöster stiften, zu Bornhofen, zu Kidrich und Zur Not Gottes. Aber mit dem Gelde der Brüder war der Unsegen für und für, ihre Habe verringerte sich, ihre Herden starben, ihre Felder verwüstete der Hagel, ihre Burgen begannen zu verfallen, und sie wurden aus Freunden Feinde und bauten zwischen ihren nachbarlich nahe gelegenen Burgen eine dicke Mauer als Scheidewand, deren Reste noch heute zu sehen sind. Als all ihr Erbe zu Ende gegangen, versöhnten sich die feindlichen Brüder und wurden wieder Freunde, aber auch ohne Glück und Segen. Beide bestellten einander zu einem gemeinschaftlichen Jagdritt, wer zuerst munter sei, solle den andern Bruder frühmorgens durch einen Pfeilschuß an den Fensterladen wecken. Der Zufall wollte, daß beide gleichzeitig erwachten, beide gleichzeitig die Armbrust spannten, im gleichen Augenblick den Laden aufstießen und schossen, und daß der Pfeil jedes von ihnen dem andern in das Herz fuhr – das war der Lohn ihrer untreuen Tat an ihrer blinden Schwester. Andere erzählen, es habe das Geschick nur den einen Pfeil eines der Brüder dem einen der Brüder in das Herz gelenkt, darauf sei der andere zur Buße nach dem Heiligen Grabe gepilgert und im Morgenlande verstorben. Noch andere haben neue Märlein über dies feindliche Brüderpaar ersonnen, denen Kundige es auf den ersten Blick ansehen, daß sie früher nie als Sagen im Volke lebten. *   98. Die wandelnde Nonne Nahe bei Niederlahnstein, am rechten Rheinufer, stand einst ein Frauenkloster, Machern, darinnen ging es nichts weniger als gottwohlgefällig zu. Es gab Besuche von Mönchen aus Nachbarklöstern, gab wüste Gelage, Geschrei, auch nächtliche Reigen, und spät des Nachts fuhren die Mönche auf raschen Rollwagen durch den Hohlweg, einen Bach entlang, nach Herchheim und Niederlahnstein zu. Nur eine einzige Nonne war fromm und tugendhaft, sie betete viel und las die heiligen Geschichten, während ihre Schwestern sich im vollen Sinnentaumel aller Weltlust hingaben. Da kam einst ein frommer Klausner namens Michael, der in einem stillen Tale bei Marienburg hauste, in einer Sturmnacht an das Klostertor, als gerade im Kloster der Konvent die Lahnsteiner Kirmes feierte, wobei es hoch herging und nicht an geliebten Gästen fehlte, und begehrte Einlaß, allein die weltlichen Sünderinnen fürchteten einen geistlichen Zeugen und ließen ihn nicht ein, sie ließen ihn obdachlos und ungelabt draußen bleiben. Da verwünschte der fromme Mann im zornigen Eifer das ganze Kloster und die Nonnen zu Nachteulen und Nachtgespenstern und alle die buhlenden Mönche zu Teufelslarven, und am Morgen – war das Kloster verschwunden, und öde war die Stätte, wo es gestanden. Seitdem vernimmt man alljährlich zur Zeit des Lahnsteiner Kirmesfestes hinten in der Talschlucht, wo das Kloster stand, Gekreisch und Geheul und wilden Spuk, den Schall von Buhlliedern und wieder dazwischen fromme Weisen – und gewahrt auch wohl grausige Mönchsgespenster auf Rollwagen mit feuersprühenden Rädern durch das Tal dahinfahren. Die einzige fromme Nonne aber wandelt in heiligen Nächten und auch zu jener Kirmeszeit ernst und mild an einen verwitterten Bildstock, der am Bächlein steht, das aus dem Tale kommt, ab und auf und scheint in einem Buche zu lesen. Niemand tut sie etwas zuleide, grüßt auch wohl, doch ist ihr Anblick vielen schon schreckend gewesen. Das Kloster Machern aber, das hier der Einsiedel Michael mit seiner Verwünschung dem Boden enthob, wurde an der Mosel nahe bei Zeltingen wiedergefunden und dort mit frommen Insassen bevölkert. Vom Klausner Michael aber geht die Sage, daß er beim Nahen des Todes Gott angefleht, seinen Leichnam nicht unbegraben zu lassen, und siehe, als er Todes verblich, da läuteten die Glocken der alten Johanniskirche bei Niederlahnstein von selbst, von Engelhänden gezogen; da kamen Menschen herbei, erhuben des Klausners Hülle und bestatteten sie in des Johanniskirchhofs geweihete Erde. *   99. Die Frau von Stein Auf dem Schlosse Stein im Nahetale wohnte eine edle Herrin des gleichen Namens, die war eine Witwe und hatte einen gar mannlichen und ritterlichen Herrn zum Gemahl gehabt. Von dem hatte sie vier blühende Töchter und zwei Söhne, die hatten auch bereits den Ritterschlag empfangen, die vier Töchter aber waren alle vermählt, und jeder ihr Gemahl war auch ein Ritter, untadelig und wohlgetan. Da gab einstens die edle Frau von Stein ihren Söhnen, Eidamen und Töchtern ein stattlich Gastmahl, und hatte außer diesen niemand dazu geladen, und waren bei Tische alle fröhlich und guter Dinge, und da sprach die Frau von Stein: Vier biedere Ritter zu Eidamen, zwei biedere Ritter zu Söhnen, vier brave blühende Töchter! Und eines herrlichen Ritters Witwe! Welche Witwe kann, gleich mir, sich solchen Glückes rühmen? Dieser Ehren ist allzuviel, deren ich teilhaft worden! – Die Söhne, Töchter und Eidame vernahmen der Mutter Wort, priesen sie als die glücklichste Witwe des Reichs und ließen auf der Mutter Wohl und langes Leben die Becher freudig aneinanderklingen. Nach einer Weile verließ die Frau von Stein ihren Sitz, als wolle sie draußen noch etwas befehlen oder anordnen ... und die Versammelten plauderten lange, ehe ihnen auffiel, daß ja die Mutter gar nicht wiederkam. Vielleicht habe sie sich ein wenig zum Schlummer niedergelegt, vermuteten die Töchter und sahen leise in ihr Schlafklosett, die Frau von Stein war aber nicht darin. Das Gesinde ward befragt, aber keins hatte die Frau hinweggehen sehen – und niemand hat je erfahren, wohin sie gegangen, und niemand hat sie jemals wiedergesehen, denn nimmer kam sie wieder. *   100. Der kühne Kurzbold Es war ein Graf des untern Lahngaues, Kunz, ein Bruderssohn des deutschen Königs Konrad, des Vaters von Heinrich dem Finkler – der war gar ein tapferer Held und Degen, aber klein von Gestalt, daher hatte er den Beinamen Kurzbold erhalten, was nicht viel mehr besagen will als Däumling. Aber je kleiner Kurzbolds Körper war, um so größer war sein Geist, der verschaffte dem Helden den Namen des Weisen. Der Held Kurzbold hing mit eiserner Freundschaft an Heinrich dem Finkler, gegen den das salische Geschlecht der nahen Anverwandten Kurzbolds sich empörte und zu Felde zog. Das waren vornehmlich Giselbert, Herzog von Lothringen, Eberhard, Herzog von Franken, die führten ein Heer und wollten bei Breisig, unterhalb Andernach, über den Rhein fahren. Da harrte ihrer am andern Ufer Kurzbold mit nur vierundzwanzig Wappnern, und als der eine Nachen, darin Giselbert, der Lothringer, saß, anlanden wollte, da stieß Kurzbold seine Lanze mit so heftiger Gewalt in den Kahn, daß dieser alsbald sank und niedertauchte und die Rheinflut alle darinnen Sitzenden überströmte und verschlang. Während dies geschah, war Eberhard der Franke gelandet; alsobald wandte sich Kurzbold gegen ihn, rannte ihn an und stieß ihn mit seinem Schwerte durch und durch. Da Heinrich der Finkler nicht mehr am Leben war und Otto, zubenamt der Erste oder auch der Große, deutscher König geworden, hielt auch der den Helden Kurzbold gar wert. Da der König mit Kurzbold einstmals allein stand, geschah es, daß ein gefangener Löwe aus seinem Käsig brach und auf beide Männer zustürzte. Der König, der unbewehrt stand, griff nach Kurzbolds Schwert, das dieser an der Seite trug, aber Kurzbold kam dem König zuvor, warf sich dem Löwen entgegen und tötete ihn. Zu einer andern Zeit forderte ein riesenhaft gewachsener Peischeneger aus dem dem König Otto gegenüberliegenden Slawenheere des Herzogs von Böhmen die Heerführer Ottos zum Zweikampfe, indem er auf seine große Kraft und furchtbare Gestalt pochte. Da trat ihm, wie voreinst dem Riesen Goliath der kleine David, der kühne Kurzbold entgegen zum Fußkampf mit Lanzen, entglitt gewandt dem Stoß des Riesen und rannte ihn mit seiner Lanze und mit seiner schrecklichen Kraft sogleich zu Boden. Zweierlei mochte Held Kurzbold nicht leiden, Weiber und Äpfel, daher blieb er unverheiratet und erbenlos, gründete aber zu Limburg an der Lahn die herrliche St. Georgenkirche, die er dem Lindwurmtöter auf derselben Stelle erbauen ließ und weihte, wo, der Sage nach, vordem ein Lindwurm gehaust, der der frühern Burg, wie der heutigen Stadt, den Namen Lindburg gab, was eine spätere Zeit in Limburg umwandelte. In dieser Kirche ist des heldenmütigen Kurzbold Grabmal noch zu sehen. *   101. Die Luftbrücke Aus dem Ahrtale ragten stolz und kühn einst zwei stattliche Nachbarburgen einander gegenüber, zwischen beiden rauschte in der Taltiefe die Ahr, das waren die Schlösser Nuwenahr und Landskron, und hoch über dem Tale zog sich eine luftige Brücke, welche beide Burgsitze miteinander verband. Die beiden Herren dieser Burgen, der Graf von Nuwenahr und der Herr von Landskron, waren so traut befreundet, daß sie gemeinschaftlich diese Brücke bauten, welche mit unsäglicher Kunst gefügt war, ohne Stützen und doch dauerhaft, so daß die beiden Freunde zu jeder Stunde beisammensein und doch auch jeder schnell wieder in seinem Hause sein konnte, während ein nachbarlicher Besuch durch Herabritt und Hinaufritt mehrere Stunden in Anspruch nahm. Als diese Freunde verstorben waren, kam die Brücke in Verfall, die Elemente zerstörten sie, nur blieben an jeder Burg die Brückenpfeiler, die das Ganze mächtig stützen mußten, erhalten. Da geschah es, daß ein Rittersohn auf Landskron seine Nachbarin, eine junge Gräfin von Nuwenahr, liebte, die waren eingedenk ihrer Väter Freundschaft und wünschten sich sehnend die Brücke zurück. Da band die Grafentochter an einen Armbrustpfeil ein Garnknaul, ganz lose gewickelt, dessen Endfaden sie befestigte, und schoß den Pfeil zur Nachbarburg hinüber, da waren durch den Faden die Burgen wieder verbunden, und an dem Faden lief noch eine dünnere Schnur mit einem Vorhangring, daran ließen sich Brieflein und Liebespfänder hin- und herziehen in der Dämmerstunde; den dünnen Faden, dessen Farbe nicht ganz hell und nicht ganz dunkel war, gewahrte man kaum oben und von unten gar nicht. Als die Herzen beider Liebenden sich nun verständigt hatten, heirateten sie einander und bauten, wie die Sage meldet, die Brücke noch einmal neu, und dann ist sie wieder verfallen und nimmer wieder aufgebaut worden, und die Burgen sind verfallen, und Freundschaft und Liebe wohnen dort nicht mehr, ja Burg Nuwenahr ist bis auf seine Ruinen aus der Gegenwart hinweggeschwunden. *   102. Die Gefangenen auf Altenahr Wenn des jüngern Schlosses Nuwenahr (Neuenahr) bauliche Überreste vom Zahne der Zeit so ganz zermalmt sind, daß keine Spur mehr von ihnen zu erblicken ist, so ragt dagegen um so stattlicher die stolze Trümmer der Burg Altenahr auf felsreichem Kegelgipfel über dem Ort gleichen Namens in die Lüfte. Mächtige Gaugrafen beherrschten von ihr aus das Land, und einer derselben, Graf Friedrich von Hochstaden-Ahre, dessen Bruder Konrad von Hochstaden als Erzbischof in Köln gebot, schenkte die ganze Grafschaft mit den beiden Stammschlössern Ahr und Hochstaden dem Erzstift Köln, und das Erzstift wußte die starken Burgen wohl zu nutzen. Als einst eine Anzahl von Rat und Bürgerschaft Kölns sich gegen den Bischofstuhl erhob, wurden eilf Patrizier, die Führer der gegenbischöflichen Partei, gefangengenommen und auf Altenahr in sichern Gewahrsam gebracht. Da schmachteten sie hart und lange, und ihr einziger Zeit- und Leidvertreib war ein Mäuselein, das sie kirre gemacht hatten, und das ohne Scheu zu ihnen kam, doch immer schnell, wenn es Geräusch vernahm, in sein Loch zurückschlüpfte. Eines Tages beobachteten sie das Mäuslein auch, wie es munter sich sehen ließ und Brosamen knusperte – als plötzlich draußen Schlüssel klirrten, da fuhr es schnell in sein Loch, und da hörte einer, daß es in dem Loche auch klirrte, und begann nun nachzusuchen, als es wieder stille und sicher geworden war. Da fand sich in das Mauseloch verborgen eine Feile und ein Meißel, schon etwas rostig, aber doch noch brauchbar, so gut, daß bald genug die Gefangenen ihre Ketten abgefeilt und ihre Bande gesprengt hatten und die Gitterstäbe ihres Kerkerfensters durchschnitten. Darauf zerschnitten die Gefangenen ihre Gewande und machten Seile daraus und knüpften diese fest aneinander und stiegen durch das Fenster allzumal nieder, kletterten den steilen Ziegenpfad herab und entkamen glücklich, niemand konnte fassen und begreifen, wie solche Flucht möglich geworden. *   103. Vom Siebengebürg Von sieben Burgen, die auf nachbarlichen Berghöhen einander nahe lagen, hat das Siebengebürge am Rhein seinen Namen, und nicht von einem Gebirge, nicht Mons Sibenus , wie die Alten im barbarischen Latein es nannten, sollte es geheißen haben, sondern Heptapyrgos , obschon diese Berggruppe auch den Namen eines kleinen Gebirges verdient. Die Namen dieser Burgtürme waren: Drachenfels, Wolkenburg, Löwenburg, Babenberg, Blankenberg, Mahlberg und Stromberg. Die Niederländer hatten den Glauben, daß in dem innern Bergesschoß des Siebengebürgs der Fegefeuersitz sei, wie die Thüringer vom Hörseelberg glaubten, wohinein auch die armen Seelen gebannt würden, die das Jüngste Gericht den Böcken zugesellen müsse. Die hatten also schon etwas voraus, nämlich ihr Urteil. Bisweilen sieht man zwischen den Burgen und Bergen, deren viel mehr als nur sieben sind, eine und die andere Seele leibhaftig spuken gehn; da tappt sich mühselig ein Gespenst mit beschwerten Füßen durchs Klippengestein, das ist der Geist eines Wucherers aus Köln, hierher verwünscht, mit bleiernen Schuhen umzuwandeln bis zum Jüngsten Tag. Dort flackert ein rasches großes Licht heran, ein Feuermann, rast- und ruhelos; es ist der Geist eines weiland sehr feurigen Staatsministers aus Bonn, der feurig und eifrig bemüht war, das Volk zu schinden und mit ekelhaftem Geiz Schätze für sich zu häufen, und war ihm ganz einerlei, ob die ganze Welt zugrunde ging, wenn er nur hatte. Ein gemütlicher Bauer traf den Minister-Feuermann einstens bei Königswinter an, erkannte in ihm das Glied aus der berühmten Ministerfamilie Kümmelspalter und rief ihn an: Warte he mant en bisken! Ick will mir mant an ihm mine Piepe anzonden! – Su – hebbe jou Dank! – Da pustete und prustete der Feuermann und schnob einen ganzen Regen von Funken um sich her, mußte aber doch stillhalten und dem Bauer die Pfeife an sich anzünden lassen, und als der Bauer obigen Dank gesagt hatte, fügte er noch hinzu: He is mant doch ein schlechter Kerel geweten! Dat bisken Brennen schabt ihm nich de Lus! – Dort fährt viermal im Jahre auf einem Wagen mit Feuerrädern ein verdammter Bürgermeister Kölns, der seine Stadt an den Feind verriet, lichterloh brennend umher. Wenn die Talschluchten Nebel dampfen aus dem Siebengebürg und Wolken schwer um die Gipfel schweben, so sind das die ganzen Scharen armer Seelen, die von Zeit zu Zeit aus dem Bergesschoß, wie die Züchtlinge aus einem Philanthropin, herausdürfen, um der frischen Luft zu genießen. Sie müssen sich aber immer wieder hineinverziehen. Die höchste Spitze des kleinen Gebirgs ist der Drachenfels, er ist mit Drachen- und Lindwurmsagen völlig umschuppt und umpanzert, es wäre mit ihnen allein leicht ein Buch zu füllen. Hier hat der hörnene, nicht der fälschlich so genannte gehörnte Siegfried des alten deutschen Volksbuchs den Drachen erlegt, gebraten und mit seinem Fett, das zu Horn erhärtete, sich überall die Haut bestrichen, daß sie unverwundbar ward. Nur zwischen die Achseln vermochte er nicht zu langen, eine kleine Stelle blieb unbestrichen, und das ward hernach die Ursache, daß der Kampfheld erlag, denn gerade, als Siegfried sich an einem Brunnen niederbückte und diese Stelle preisgab, schleuderte ein boshafter Feind eine Lanze auf ihn, die ihm tödlich ward. *   104. Rolandseck Es saß auf hoher Burg am Rhein hoch über dem Stromtal ein junger Rittersmann, Roland geheißen, manche sagen Roland von Angers, Neffe Karl des Großen, der liebte ein Burgfräulein, Hildegunde, die Tochter des Burggrafen Heribert, der auf dem nahen Schloß Drachenfels saß, und wurde wiederum auch von ihr geliebt. Da auch der alte Burggraf nichts gegen die Verbindung seiner Tochter mit Ritter Roland einzuwenden hatte, so verlobte er ihm seine geliebte Tochter herzlich gern. Da erscholl, noch bevor die Vermählung des Brautpaares erfolgen konnte, ein Aufgebot der Ritterschaft gegen Hunnen und Heidenscharen, die im Osten das Reich bedrohten, und dem Ritter Roland geboten Pflicht und Ehre, diesem Aufgebot zu folgen. Große Taten der Tapferkeit tat Roland gegen die Heidenschwärme, und seine tapfere Hand entschied den Kampf zugunsten des Christenheeres. Davon kam die erfreuliche Kunde bald an den Rhein und auf den Drachenfels und weckte dort große Freude. Dann aber ward wieder eine Zeitlang keine Kunde vom Ritter Roland vernommen. Endlich kam ein heimkehrender Ritter am Siebengebürge vorüber und sprach ein Nachtlager auf dem gastlichen Drachenfels an, der verkündete, ohne daß er wußte, wie schmerzlich für seine Wirte seine Kunde sei, daß Ritter Roland in einem der letzten Kämpfe an seiner Seite den Heldentod gefunden habe. Da entstand großes Leid und Wehklagen, und Hildegunde war so trauervoll, daß sie sogleich den Entschluß faßte, im Kloster Nonnenwerth den Schleier zu nehmen, und da der Bischof, der über dieses Kloster gebot, ihr Verwandter war, so willigte er in Hildegundens dringendes Verlangen, ihr das Probejahr zu erlassen, und ließ sie schon nach eines Monates Frist als Nonne einkleiden. Am folgenden Tage stieg ein Gast zum Drachenfels empor, ward eingelassen und sah auf allen Mienen nur Trauer. Mit Schreck und Freude erkannte Ritter Heribert in dem Fremden den geliebten Ritter Roland. Wohl war dieser für tot vom Schlachtfeld getragen worden, aber wieder genesen, wohl hatte er Botschaft gesendet, aber der Bote war nicht angelangt, und nun fragte er nach seiner Hildegund und vernahm das Donnerwort: Sie ist eine Nonne! Schrecklich war, was Roland empfand. Stumm vor Schmerz geht er vom Drachenfels herab, besteigt sein Roß, reitet nach Rolandseck hinauf, entläßt seine Diener, wählt sich droben einen Felsensitz, wo er herabschauen kann nach Nonnenwerth, und schaut herab nach der Geliebten, jeden Tag, und Mond um Mond, und Jahr um Jahr, lebt als Einsiedler und murmelt Gebete, wenn drunten im Tale die Klosterglocke klingt. Bisweilen erblickt er die Nonne Hildegund, die aus Trauer um ihn das ewig unlösbare Gelübde tat – bis er einst sie lange nicht mehr sieht, bis ein Leichenzug ihm sagt, daß sie geschieden aus dem irdischen Leben und zum ewigen Frieden eingegangen. Und bald danach ist Roland erblichen gefunden worden und ihr dahin nachgegangen, wo alle liebenden Seelen im Schoße der ewigen Liebe sich wieder einigen. *   105. Die Knappschaft im Lüderich Wie zum Bau des Kölner Domes der Drachenfels einen großen Teil seines Gesteins lieferte, so auch lieferte der Lüderich über Vollberg, der ein Eigentum des Domkapitels in Köln war, sein Gestein, aber ein edleres als der Drachenfels, zum großen Dombau, wie die Sage geht. Der Schoß des Lüderichs gebar unermeßliche Ausbeute seines Bergbaues, und auch früher, schon in den Heidenzeiten, daher ward auch die spätere christliche Knappschaft im Lüderich angesteckt von heidnischem Wesen und allerlei Frevel. Noch ist eine Stelle dort zu finden, welche der Heidenkeller heißt, und die Sage kündet und deutet darauf hin, daß der Bergbau im Lüderich Heidentum und Christentum wohl eine Zeitlang gegenseitig bekämpft habe, ehe es zusammenschmolz und das Christentum den völligen Sieg errang. So gottlos war die Knappschaft, daß sie die Räder an Karren und Göpeln aus holländischen Käsen machten, daß sie runde Weizenbrote den Berg hinabkollern ließen, denen etwa das Bild der heiligen Hostien aufgedrückt war, und hinterdrein riefen: Fall dich tot! Herrgott! fall dich tot!, dann Steine hinterdrein schickten und schrien: Teufel! lauf dem Herrgott nach! lauf dem Herrgott nach! – Über solche und zahllose andere Frevel erwachte endlich der rächende Zorn des Himmels. Einem frommen Hirten, der auf sonniger Trift des Lüderichs seine Schafe weidete, erklang eine Stimme aus der Höhe: Hirte, treibe weg vom Lüderich! – Den Herren des Bergbaues erschien verlockend ein Jagdtier, dem sie nacheilten, es flüchtete in die Höhle des Heidenkellers, jene folgten, und da brachen mit einem Male unter Donnerkrachen alle Schachte zusammen und erschlugen die ganze Knappschaft; die Schachte ersoffen, die Stollen wurden unfahrbar, und das Wasser, das an einer Stelle aus dem Geklüft eines verschütteten Stollens hervordrang, war rot vom Blute der Erschlagenen, und immer noch quillt es, und immer noch ist dessen Farbe rot wie Blut. *   106. Die letzte Saat Bei Mülheim, nahe dem Rhein, lag vorzeiten ein Kloster namens Dünnwald, das war in Streit geraten über hundert Morgen Ackerlandes mit einem nachbarlichen Edeln, Junker Hall von Schlebusch. Das Kloster wie der Junker sprachen dieses große Grundstück als Eigentum an, doch hatte es der Junker im Besitz, aber alle Nutzung verzehrten die Kosten des vor Gericht geführten Rechtsstreites, die Anwälte, die Fürsprecher, die Richter, die Schöffen, die Schreiber. Da bot endlich der Junker Hall von Schlebusch gütlichen Vergleich an und sprach zu den frommen Vätern des Klosters Dünnwald: Fromme Väter, ich bin des langen Haders müde, der uns beiderseits nicht frommt. Die hundert Morgen sollen fürder und künftig für alle Zeiten des Klosters Eigen sein, nur eins bedinge ich: noch einmal eine, und zwar die letzte Aussaat. Ist die zur Ernte reif und gediehen und eingebracht, so begebe ich mich jedes Anspruchs an die hundert Morgen. – Der Himmel stärke Euch, edler Junker, in solch frommem Entschluß, sprach der Abt, doch seid Ihr wohl so gnädig, dieses Versprechen uns schriftlich zu geben. – Darauf wurde ein Brief auf Pergament doppelt geschrieben und ausgefertigt, und der Junker hing sein Siegel in Wachs daran, und der Abt des Klosters das seine, und das große Konventsiegel kam auch noch hinzu, und das des Priors, und noch zwölf Siegel erbetener ritterlicher Zeugen, und war ein sehr schöner Brief, diese Schenkungsurkunde auf ewige Zeiten nach der Ernte der letzten Aussaat, die noch des Junkers sein sollte. Junker Hall von Schlebusch ließ nun seinen Acker bestellen und die hundert Morgen besäen, das geschah im Herbst, und im Frühjahr ging die Saat auf, wollte aber gar nicht recht in die Höhe schießen wie andere Saat. Da nun das Fest der Hagelfeier kam, wo man mit Prozessionen und Fahnen die Felder umgeht und für sie betet, da sahen die Mönche nach der Saat auf dem künftigen Klostererbe – aber was sahen sie? – Eine Saat von Eicheln. – Betrug! Betrug! schrien Abt und Prior und Konvent – aber es half nichts, denn im Briefe stand: vnde bewilligen ihme deme edeln junkherrn Hall vom Sleehenbosche die letzte Vssaat sinder widerrede unde sinder alle geferde. deßez czo gezügen han wir erbeten etc. Lange noch freute Junker Hall von Schlebusch sich seines schönen herrlich gedeihenden jungen Eichenwaldes, er jagte noch Hasen und Hühner darin – die Bäume wuchsen, und Abt und Prior und der ganze damalige Konvent gingen einer nach dem andern zur ewigen Ruhe der Saat, von Gott gesäet – und immer noch wuchsen die Eichen, und im Archive der schöne Brief wurde grau, und die Siegel wurden voll Staub, und es dachte niemand mehr an ihn – und immer noch wuchsen die Eichen, und das Kloster versank in Schutt und Trümmer, und das neue Geschlecht, das gekommen war, konnte die Schrift des alten Briefes nicht mehr lesen. *   107. Der Alte-Berg Hoch und herrlich stand, landbeherrschend, das stolze Grafenschloß Berg überm Tal der Dhüne und gab der ganzen Grafschaft Berg den Namen, die hinter Jülich und Cleve in so vielen Titeln deutscher Fürstenhäuser unsterblich fortgeführt wird. An der Wupper wohnte ein Vogt, Eberhard, aus dem Hause Teißerbant, der hatte einen lieben Bruder, Adolf mit Namen, beide besaßen die Schlösser Berg und Altena. Adolf vermählte sich, und Eberhard minnte ein schönes Fräulein auf Burg Odinthal, aber dieses starb in seiner Jugendblüte. Graf Eberhard von Berg suchte seinen tiefen Schmerz durch Waffenlärm zu übertäuben, und da der Herzog Gottfried von Brabant dem Ritter von Limburg und den Grafen von Berg Fehde bot, so führte Eberhard die Scharen an und erfocht einen vollständigen Sieg, ward aber verwundet und kam von den Seinen hinweg, die ihn tot glauben mußten. Graf Eberhard trat eine große Wallfahrt gen Rom an, wie auch gen Compostell, dann kam er auf seinem Pilgergange nach Thüringen zum Schlosse Käfernburg, wo ein Verwandter von ihm namens Sizzo, nach andern Sieghard, wohnte. Dieser Sizzo war es, welcher unter der St. Johanniskirche auf dem Altenberge, wo der heilige Bonifazius den Thüringern zuerst das Evangelium predigte, noch eine Kirche in des heiligen Georgs Ehre erbaute, hernach im Tale das Kloster Asolverod gründete, zu welcher Gründung Graf Eberhard riet, und vom Kirchlein auf dem Georgenberge das Kloster nun Georgenthal nannte. Und da wurde Graf Eberhard von Berg und von der Mark der erste Abt. Allein der demütige und fromme Sinn dieses Grafen litt nicht lange diesen hohen Rang; er wollte dienen, nicht herrschen, legte daher die Abtwürde zu Georgenthal in Thüringen freiwillig nieder und zog als ein büßender Pilgrim weiter. Da kam er zu dem Kloster Morimund (Morimont) in der Champagne und bat daselbst um den geringsten Dienst. Dort ließ man ihn um Knechteslohn die Schweine hüten, und dies trieb er unerkannt lange Jahre. Sein Bruder Adolf und nicht minder der Bruder seiner verstorbenen Braut trugen großes Sehnen nach dem Verlorenen, und der letztere fand ihn auf einer Pilgerfahrt, die er zum Grabe des heiligen Aegidius in Morimund machte, unversehens in seinem niedern Dienste. Da nun der Freund in Eberhard dringt, ihm zu folgen, ruft dieser aus: Ja, hin nach dem alten Berge! Und bat den Abt von Morimund, zwölf Klosterbrüder mit ihm in seine Heimat ziehen zu lassen, zog heim und wandelte Schloß Berg in ein Kloster um, das er nun, vielleicht mit aus Erinnerung an jenes thüringische Altenberge, wo er oft auf waldiger Höhe im Gebet gekniet hatte, auch Altenberge nannte. Sein Bruder Adolf trat als Mitbegründer auch in das neue Kloster, dem Eberhard vorstand, und da es mit ihm zum Sterben kam und sein Bruder weinend an seinem Lager stand, sagte er einen Tag und eine Stunde voraus, wo er Adolf wiedersehen werde, und genau zu derselben Stunde ging Adolf zum Tode ein und zum Wiedersehen in dem ewigen Leben. *   108. Der Klosteresel Als die vormaligen Grafen und nun Klostermönche Eberhard und Adolf in Altenberge gestorben waren, wurde ein Mönch, der mit von Morimund gekommen und dort schon Subprior gewesen war, zum Abt von Altenberge erwählt, der hieß Berno. Unter ihm beschloß der Konvent, das Kloster von der steilen Berghöhe, auf der es lag, herab und in das Tal zu verlegen, durch das die Dhüne ihre raschen Wellen rollt. Einige schlugen nun diese, andere jene zum neuen Aufbau geeignete Stelle vor, aber die Meinungen waren sehr verschieden und ließen sich nicht vereinigen. Da riet Abt Berno, die Brüder sollten doch den Klosteresel entscheiden lassen. Da nun die Brüder mit dieser Entscheidung vollkommen einverstanden waren, so wurde der Esel an das Tor der alten Burg geführt und von da seinem Gang überlassen. Der Langohr schritt gemachsam den Berg hinab, und die Mönche folgten ihm. Im Tale, wo der Kaibach von der Spechtshard herunterkommt, und wo damals nur Wald und Waldwiesen waren, stand der Esel still, trank einmal, schaute sich um, iahte und legte sich. An dieser Stelle nun wurde das neue Kloster erbaut. Hundert Jahre hatte es dort bestanden, da war Konrad von Hochstaden, welcher zum Kölner Dome den ersten Stein legte, auch in Altenberge, und man legte dort den Grundstein zu einer Dom- und Klosterkirche von großer Pracht und Herrlichkeit, und in ihr sind die Grabstätten und Grabdenkmäler fast aller Grafen und spätern Herzoge von Berg und Mark, bis im Jahre 1511 das altberühmte edle Geschlecht erlosch. *   109. Der blühende Bischofstab Aus dem Geschlechte der Grafen vom Berge und Altena stammte auch Bruno, der sechsundvierzigste Erzbischof von Köln, das war gar ein andächtiger und frommer Priester und von so großer Demut und Bescheidenheit, daß er sich lange weigerte, sein wichtiges Amt zu übernehmen. Es drückte ihn die hohe Würde, und nur drei Jahre behielt er sie, dann kam er nach Altenberge von Köln herüber, hielt noch einmal in pontificalibus in der herrlichen Kathedrale das Hochamt und trat dann als schlichter Zisterziensermönch in die Schar der Brüder des Klosters Altenberge ein. Seinen Bischofstab hing er zum Andenken hinter dem Hochaltar der Kirche auf, diente Gott in Treue und starb am Tage des heiligen Gregorius im Jahre des Herrn eintausendzweihundert. Als die Brüder früh in die Kirche kamen, die Vigilien zu singen, war sie mit Wohlgeruch erfüllt, und dem Bischofstabe waren Palmenzweige und weiße Lilien entsproßt, die also dufteten. Da erkannten alle, welch ein heiliger Mann ihr Bruder Bruno gewesen. *   110. Immenkapelle Im Kloster Altenberge lebte auch ein Klosterbruder, der war des Klosters Bienenvater und schien nicht mit sonders hellem Geist begabt, viel eher am Verstande beschränkt, doch gar sinnig treu vom Herzen. Da man nun das Allerheiligste durch die Fluren trug unter Gesängen und Litaneien, der Saaten Wachstum und Gedeihen zu fördern, so dachte der Bienenvater in seiner Einfalt, wenn die heilige Hostie dem Korn und Weizen Gedeihen gebe, so könne, werde und müsse sie das auch dem Honig und Wachse, nahm heimlich eine geweihte Hostie und legte sie in das Bienenhaus in einen leeren Korb von Glas. Da schwärmten alsbald die Immen herbei und bauten um das Heiligtum von eitel Wachs ein überaus kunstvolles Sakramenthäuschen mit Türen, Kuppeln, Türmchen, Spitzbogen, Pfeilern und gar wunderzierlichem Schmuck. Darauf kamen die Tiere des Feldes und beugten sich vor dieser wunderbaren Monstranz. Da nun die Brüder solches Wunder anstaunten, bekannte der Bruder Bienenvater, was er getan, und da erhob man das Sakramenthaus der Immen und stellte es unter Absingung frommer Hymnen in der Klosterkirche auf, das Bienenhaus aber ward abgebrochen und an seine Stätte eine Kapelle gebaut, die nannte man hernach stetig die Immenkapelle. Der Klosterbruder Bienenvater aber ward von der Zeit noch stiller und in sich gekehrter und starb bald darauf. *   111. Nibelung von Hardenberg und der Zwerg Goldemar I Jülicher Lande saß ein Edler, des Namens Nibelung von Hardenberg, dem waren die Schlösser Hardenberg, Hardenstein und Rauenthal, und bei ihm wohnte ein Zwergenkönig oder Elbe, der hieß Goldemar, der war dem Nibelung von Hardenberg und nicht minder dessen schöner Schwester gar sehr zugetan, gab Ratschläge und war hülfreich in allen Sachen. Und obschon der Elb Goldemar sich nicht sehen ließ, vielmehr stets unsichtbar blieb, so ließ er sich doch deutlich wahrnehmen, er trank Wein mit dem Ritter, spielte mit ihm und seiner Schwester im Brett und selbst mit Würfeln und spielte auch die Harfe gar wundersam, daß kein Mensch auf Erden ihr solche Töne entlocken konnte. Wollte Nibelung sich überzeugen, ob wirklich der Elbe bei ihm sei, so fühlte er nach dessen Hand, und die war sehr klein, zart, weich und warm. Dieser Elb trieb es also drei Jahre lang auf Hardenbergs Schlössern und beleidigte niemand, da geschah es, daß er beleidigt wurde, denn die Hausgenossen, denen seine Anwesenheit unverborgen war, wurden von Neugierde geplagt, ihn zu sehen und doch zu erfahren, wie der Elbe aussähe. Da streuten sie heimlich Asche auf den Fußboden und Erbsen, und Goldemar der Zwerg kam, sich nichts versehend, in den Saal und trat auf die Erbsen und glitt aus und fiel, und seine Gestalt drückte sich in die Asche ab. Die war aber gestaltet wie eines sehr jungen Kindes Gestalt, und die Füße waren ungestaltet. Da kam der Elbe Goldemar nimmer wieder auf des Hardenbergs Schlösser. Er wandte sich anderswohin und entführte eine Königstochter, die hieß Hertlin. Die Mutter dieser Königstochter starb vor Leid über der Tochter Verlust, letztere aber ward durch den sieghaften Helden Dietrich von Bern, den alte Lieder feiern, befreit und von ihm geehelichet. Manche sagen, daß dieses Bern, wovon der Held Dietrich den Namen geführt, nicht das Bern in der Schweiz, auch nicht das welsche Bern, Verona, gewesen, sondern das rechte Dietrichs-Bern sei Bonn gewesen, der älteste Teil dieser Stadt habe auch Verona oder Bern geheißen, und da in dieses rheinische Land und Gefilde so viele Taten Dietrichs von Bern fallen, von denen in alten Heldenbüchern viel zu lesen, so dürfte wohl etwas Wahres an der Sache und Sage sein. Der Gezwerg Goldemar aber habe, nachdem ihm Dietrich die Beute abgedrungen, die Riesen zu Hülfe gerufen und Berge und Wälder ringsum schrecklich verwüstet. Die Stadt Elberfeld soll ihren Namen von nichts anderm tragen als von den Elben, auf deren Felde sie begründet ward. *   112. Das heilige Köln Köln ist eine der ältesten, größesten und berühmtesten Städte am Rhein. Es soll, nachdem seine Stätte schon von Urvölkern bewohnt worden, sechzehn Jahre vor Christi Geburt begründet sein, und zwar von Marcus Agrippa, dem Tochtermann Kaiser Augusts, daher sein lateinischer Name Colonia Agrippina , den es noch heute führt, und der offenbar auf Römeransiedelung hindeutet, sprächen nicht noch steinerne Zeugnisse für deren Vorhandensein schon in sehr früher Zeit. Es hatte die Stadt Köln so viele Kirchen und Kapellen, als das Jahr Tage zählt, und es birgt so viele Heiligen- und Martyrerleiber, daß der Stadt schon in früher Zeit der Beiname der heiligen wurde, auch ward Köln häufig das deutsche Rom genannt. Zahllose Wunderlegenden wären von alle den hier aufbewahrten Martyrerleibern, Schädeln und Gebeinen zu erzählen. Die drei Weisen des Morgenlandes, die das Christkind begabten, ruhen allda, St. Gereon mit seinen Kriegern, St. Ursula mit ihren eilftausend Jungfrauen, St. Georg der Drachentöter, die Mutter der Makkabäer mit ihren Söhnen, St. Matern, des heiligen Apostel Petrus Jünger, kein anderer als der Sohn der Witwe zu Nain, vom heiligen Petrus mit seinen Gefährten Eucharius und Valerianus nach Deutschland gesendet, im Elsaß, drei Meilen von Schlettstadt, abermals gestorben, begraben und nach vierzig Tagen mit dem Stab St. Petri, der noch im Kölner Domschatz vorhanden, berührt und wieder lebendig gemacht, der erste Bischof von Köln geworden und im einhundertundfünfzehnten Jahre seines Lebens zum dritten und letztenmal gestorben. Und nun die langen Reihen heiliger und frommer Bischöfe, dann Erzbischöfe aus den edelsten und berühmtesten rheinischen Geschlechtern, mit großer Macht begabt, unter ihnen St. Severin, St. Cunibert u.a. Und Anno, der heilige Erzbischof, mit dem die heilige Stadt Köln die erste Fehde hatte, ihn unterm Banner ihrer Heiligen und Märtyrer verjagte und dann aufs neue ihm dennoch huldigen mußte – und so viele andere. Gar große Rechte und Freiheiten hatte die Stadt und hat sie zum Teil noch immer, und sie stammen aus uralten Zeiten her. *   113. Der Bürger Marsilius Zu den Heidenzeiten geschah es, daß ein römischer Kaiser Köln belagerte und es in große Not brachte. Es begann in der Stadt an allem zu mangeln, am meisten aber war Mangel am Holz. Da war ein edler Bürger und Hauptmann in der Stadt gesessen, der hieß Marsilius, der ersann einen listigen Anschlag und gab guten Rat. Eine Schar Frauen, als Männer verkleidet, mußte mit Karren und Holzwagen zu dem einen Tore aus und nach dem Walde ziehen, dort Holz zu fällen oder auch nur so zu tun, als sei das der Schar Geschäft und Wille, die Bürger aber unter ihrem Führer Marsilius zogen zu einem andern Tore hinaus, um den Feind, sobald er sich gegen die Schar der Frauen wenden würde, in den Rücken zu fallen. Und es geschah alles so, wie es vorgesehen war, und die Bürger drangen mit großer Macht auf den Feind, und auch die Frauen trugen ihre Wehren nicht zum Schein, und die Kölner gewannen einen vollständigen Sieg, erwarben viele Beute und gewannen eine große Schar von Gefangenen, darunter den Kaiser selbst, der ihre Stadt belagert. Der ward in einen tiefen Turm gelegt und sollte dann auf offenem Markte enthauptet werden. Schon war ein köstlicher Teppich bereitet, der des Römerkaisers Blut trinken sollte, und schon mußte der Kaiser auf ihn niederknien; da sprach er: Ließet ihr mich leben, ihr Bürger von Colonia, so sollte euch mein Leben viel nützer sein denn mein Tod. – Da wurde dem Henker geboten, noch zu harren, und wurde noch einmal Rat gehalten, und Marsilius riet, dem Kaiser das Leben zu schenken, aber von ihm stattliche Gerechtsame zu begehren. Der Rat war den Kölnern abermals genehm, und Marsilius und die Senatoren entwarfen die Gerechtsame, welche sie fordern wollten, und schrieben sie auf eine glatte Tierhaut, und der Kaiser mußte sie besiegeln und seinen großen Ring in ein dickes Stück Wachs auf dem pergamentnen Brief drücken und seinen Namenszug danebenschreiben nach alter Sitte. Solches geschah an einem Donnerstage im Monat Junius, und hernachmals haben die zu Köln fort und fort am Donnerstag nach dem heiligen Pfingstfest diesen Tag begangen und ihn Holzfahrttag geheißen und sind mit Gesang und Spiel und Festlust nach dem Walde gezogen. Marsilius aber ward ob seines guten Rates hoch geehrt und der Stadt vornehmster Bürger und Hauptmann, und als er gestorben war, wurde sein Sarg in die Stadtmauer beigesetzt, da, wo man es nachher zu St. Aposteln genannt hat, und ihm ein steinern Denkmal aufgerichtet. Auch ist seine Bildsäule noch am Gürzenich zu sehen, dem alten Kauf- und Ballhaus der Stadt Köln, neben ihrem Begründer Marcus Agrippa, zu ewigen Ehren und Gedächtnis. *   114. Die Kölner Dom-Sage Da man begann, den Kölner Dom zu bauen, verdroß den Teufel mächtig, daß in der heiligen Stadt Köln, welche schon so viele Kirchen und Kapellen hatte, darinnen die Frommen Gott dienten, dem Herrn auch noch so ein übergroßes Haus erbaut werden solle; der Teufel nahm daher Menschengestaltung an, trat mit List zu dem Baumeister und sprach zu ihm: Du übernimmst ein unausführbar schweres Werk! Was wettest du, daß ich eher einen Kanal lege von Trier bis nach Köln, ehe du deinen Bau vollendest? Einen Kanal, mittelst dessen dieser guten Stadt reines Trinkwasser nicht minder als auch edler Moselwein zufließen kann, und meine ich fast, solcher Kanal wäre der Stadt nützer als noch eine Kirche zu den vielen, die Köln schon hat. – Was soll ich wetten? fragte der Baumeister. – Wir wetten, daß der von uns sein begonnenes Werk alsbald einstelle, es sei vollendet, soweit es wolle, wenn das des andern als vollendet erscheint. Ich das meine, wenn du die höchsten Kronen auf die Spitzen deiner Domtürme setzest, du das deine, wenn von Trier das Wasser in meinem Bau geflossen kommt und in deinen ausmündet. – Der Dombaumeister ging diesen Vertrag ein, und beide gingen an ihr Werk. Hoch und höher wuchs der Dombau, nah und näher rückten von Trier aus die Säulen einer gewaltigen Wasserleitung, ein stolzes Werk, wie nur die Kunst der alten Römer aufzuführen vermocht hätte. Da – als die Domtürme die Höhe des Krans erreicht hatten, da stand der Baumeister oben auf dem Gerüste und blickte hinab und sahe zu seinem Schrecken das Werk vollendet, der Kanal war bis an den Dom herangerückt, noch war er wasserleer, da schien in der Ferne ein weißer Punkt sich zu bewegen, näher und immer näher – und da kam das Wasser brausend geschossen, und auf dem Wasser schwamm eine weiße Ente. Als der Baumeister so sich überwunden sah, stürzte er sich von der Höhe des Turmes und des Baugerüstes in die Tiefe herab, und sein treuer Hund, der ihm auf das Gerüste gefolgt war, sprang ihm nach. Nimmer konnte der Dom vollendet werden, aber auch jene Wasserleitung brach die mächtige Hand der Zeit. Das Volk nennt ihre Trümmer die Teufelskralle. Zum Überfluß und als Siegeszeichen warf der Teufel einen Stein durch das Dach im Chor über der Heiligen-Dreikönigs-Kapelle, davon ein drei bis vier Fuß weites Loch blieb. Späterer Aufschrift zufolge soll es der Wind gewesen sein, der den Stein herabwarf; der Stein aber lag oder liegt noch auf dem Pflaster bei der Kapelle, die Leute nennen ihn den Teufelsstein, man sieht auf ihm eine Marke wie eine Hahnenkralle, die von der Teufelskralle eingebrannt ward. Da die Leiber der heiligen drei Könige gen Köln kamen, welche der Erzbischof Reinold II., ein Graf von Dassel, vom Kaiser Friedrich Barbarossa für Köln erbat, da dieser Mailand, allwo diese heiligen Leiber früher aufbewahrt wurden, hatte schleifen lassen, trug ein Kameel die werte Last, und es neigete sich, die Reste der Weisen zu ehren, ein Turm gegen sie und blieb in geneigter Stellung. Das Tor am Rhein, durch das sie gebracht wurden, ward alsbald vermauert, damit es nie wieder entweiht werde. Zahllose Wunder erzählt man von diesen Heiligen, deren drei Kronen die Stadt in ihrem Wappen führt. Einst kam aus Ungarland, wo wegen zu großer anhaltender Dürre merkliche Hungersnot entstanden war, eine Menge Volkes nach Köln und wollte die heiligen drei Könige um Regen anflehen. Kaum war das erste Gebet erklungen, als der Himmel sich trübte und heftiger Regen niederströmte zum Gnadenzeichen, und es hat dann im Ungarlande im Überfluß geregnet. Zum Danke dafür sind aller sieben Jahre Abgesandte aus Ungarn gen Köln gefahren, haben die heiligen drei Könige verehrt und ihre Kapelle und Priester begabt, und der Magistrat hat sie vierzehn Tage gespeist und getränkt und geherbergt. *   115. Albertus Magnus Es war ein berühmter Mönch und hochgelahrter Doktor des Namens Albertus Magnus, vordessen Bischof zu Regensburg und hernachmals zu Köln am Rheine gestorben und begraben. Er war in allen hohen Künsten erfahren, ja auch ein Baumeister. Manche sagen, daß Albertus Magnus den Grundplan des Kölner Doms erfunden und aufgezeichnet habe, und das Chor der vormaligen Dominikanerkirche habe er auch erbaut. In dieser Kirche ruhten seine Gebeine, kamen aber in St. Andreas' Kirche, als jene der Dominikaner ihre Zerstörung fand. Im Jahre 1248 kam Kaiser Wilhelm von Holland, Kaiser Friedrich des Zweiten Gegenkaiser, mit ziemlichem Hofstaate gen Köln, und zwar am Tage der heiligen drei Könige, den bat, samt seinem Hofe, Albertus in seinen Klostergarten zu den Predigern zu Gaste. Es war große Kälte eingetreten und fiel ein starker tiefer Schnee, da meinten die Räte und vornehmen Dienstmannen, der Mönch möge wohl sein Gehirn erfroren haben, daß er zu solcher Jahreszeit zu einem Gartenvergnügen einlade, und rieten dem Kaiser, ihrem Herrn, der Einladung keine Folge zu geben. Aber der Kaiser ließ sich dazu nicht bewegen, hieß vielmehr die Seinen ihm folgen, und kamen zu dem Predigerkloster, wurden auch alsobald in den Garten geleitet. Da lagen alle Bäume und Sträucher dick voll Schnee, und waren alle Wege verschneit, und alles Laub und Gras war bedeckt, unter den Bäumen aber standen die Tafeln mit kostbaren Gedecken und Aufsätzen und herrliche Sessel und schmucke Diener zur Aufwartung. Dem Kaiser machte das Seltsame solcher Anordnung eine Lust, und setzte sich auf den für ihn bereiten Stuhl, da mußten die andern sich auch setzen, und die Tafel Hub an. Da klärte sich der Himmel auf, und trat lieblicher Sonnenschein herfür, und verging der Schnee wie ein Dunst, und hoben sich Gras und Laub frischgrün zu Tage, und kamen Blumen aus dem Boden hervorgesproßt, und die Bäume alle trieben Laub und Blüten. Auch Vöglein kamen geflogen und sangen gar lieblich, und wurde sehr heiß allmählich, so daß der Bäume Blüten abfielen und die Fruchtkeime schwollen und die Früchte reiften. Und der Kaiser tät seine winterliche Pelzschaube ab, weil ihm allzu warm wurde, und die andern auch die ihrigen. Da nun die Mahlzeit mit großen Freuden geendet war, obschon niemand wußte, wer und von wannen die zierlichen und willfährigen Diener waren und wo die Speisen alle zubereitet wurden, da verloren sich die Diener, und die Vögel sangen nicht mehr und entflohen, die Blumen blühten ab, die Bäume wurden fahl, es ward kühl, dann kalt, die Winterschauben wurden wieder umgehangen, der Kaiser hob die Tafel auf, die Sonne verschwand, der Himmel ward grau, und auf Bäumen, Laub und Gras lag wieder Schnee. Alles eilte in das Kloster, um im warmen Refektorium vor der Kälte gesichert zu sein. Kaiser Wilhelm aber pries seinen kunstfertigen Wirt und begabte ihn und den Konvent mit Gütern reichlich und erlebte nie wieder solch wunderseltsames Gastmahl. *   116. Herr Gryn und der Löwe Zu Köln saß auf dem geistlichen Herrscherstuhle Erzbischof Engelbert, der hatte viel Streitens mit der Bürgerschaft, das bis zum blutigen Kampf gedieh. Dieser Bischof hatte einen Löwen, den hatten ihm zwei Domherren aufgezogen. Gegen den Bischof stand im steten Streite der Bürgermeister der Stadt, Herr Hermann Gryn, und hielt zur Gemeinde und verteidigte deren Rechte, doch war er mit den Domherren gleichwohl persönlich nicht verfeindet. So luden die zwei, welche des Erzbischofs enge Freunde waren, eines Tages – es soll im Jahre 1266 sich zugetragen haben – den Bürgermeister zu sich ein zu einem Gastmahl und brachten das Gespräch auf den Löwen, den sie heimlich hatten fasten und sehr hungrig werden lassen, und erboten sich, vor dem Essen ihm den Löwen sehen zu lassen. Sie führten Hermann Gryn an die Pforte des Löwenzwingers, öffneten diese und stießen ihn unversehens hinein, worauf sie die Türe zuschlugen und vermeinten, der Löwe werde ihn alsobald zerreißen. Der Löwe, als er den Mann sah, riß den Rachen mit den scharfen Zähnen weit auf, schlug einen Schweifring und legte sich nach Katzenart zum Sprunge; Herr Hermann Gryn aber, wie er sah, was ihm drohte, schlang rasch seinen Mantel um den linken Arm und faßte seine Gugel, die er in der Hand hielt, fest und zog sein Schwert und wartete nicht, bis der Löwe sprang, sondern stürzte sich auf ihn mit gezücktem Schwerte, fuhr ihm mit dem linken Arm in den Rachen hinein und durchstieß ihn mit dem Schwerte. Dann gewann er einen Ausgang und ging, ohne gegessen zu haben, seinem Hause zu. Dieses Mittagessen bekam aber den beiden Domherren gar übel, denn der Bürgermeister sandte seine Häscher unversehens und ließ sie greifen und aufhenken an einen Balken gleich am Tore des Chorherrenhauses neben dem Dom, das nannte man seitdem das Pfaffentor. Darauf wurde zum Andenken solchen Mutes das Bild Gryns mit noch dreien andern Löwenbändigern in Gesellschaft in Stein ausgeführt und zur Zier über dem Pfeilerbogengang am Rathaus angebracht, da sieht man die Mär von Herzog Heinrich dem Löwen, Simsons Löwenkampf und Daniel in der Löwengrube dem Kölner Löwensieger beigesellt. – *   117. Die Pferde aus dem Bodenloch Zu Köln nahe dem Eingange der Kirche zu den heiligen zwölf Aposteln war ein Gemälde zu schauen, das stellte eine gar absonderliche Geschichte dar. Es war ein Bürgermeister daselbst, hieß Richmuth von Andocht, dem starb sein Eheweib und ward begraben, und da man am Grabe den Sarg nochmals öffnete, wie es sonst üblich war, und über der Leiche betete, so sähe der Totengräber, daß die Frau einen großen goldnen Ring am Finger hatte, mit Edelsteinen wohl geziert. Da wurde in dem Totengräber die Gier lebendig, zur Nacht das Grab wieder zu öffnen und der Leiche den Ring zu stehlen. Aber wie er das tat, drückte die Leiche ihm die Hand zusammen, denn sie war nicht tot, sondern lebend begraben, und wollte sich aus dem Sarge helfen. Eilend entfloh voller Schreck der Totengräber, die Begrabene aber wickelte sich aus den Grabtüchern los, trat aus dem Grabe und ging auf ihr Haus zu, klopfte und befahl dem Diener, zu öffnen, sie sei es. Der Diener vermeinte ein Gespenst zu sehen und zuhören und lief eilend zu seinem Herrn, ihm die Begebenheit zu melden, und stammelte: Ach Herr! Unsere Frau – drunten vorm Hause steht sie leibhaftig und will, daß ich ihr auftue. – Du bist ein Narr, antwortete der Bürgermeister, Herr Richmuth von Andocht. Ebenso wahr könntest du sagen, meine Schimmel stünden droben auf dem Heuboden. – Kaum hatte er das Wort ausgeredet, so erhob sich von unten nach oben ein grausamer Tumult, und als der Diener nachsah, so standen schon die sechs Kutschenpferde oben, ohne die andern, die noch nachkamen. Der Bürgermeister war ganz starr vor Schreck und glaubte nun, und die Frau ward eingelassen und ihrer mit warmen Tüchern und Arzeneien wohl gepflegt, daß sie sich wieder erholte. Am andern Tage schauten zu jedermanns Verwunderung die Pferde aus den Bodenlöchern heraus, und man mußte große Gerüste und Maschinen anwenden, um sie nur wieder herunter in den Stall zu bringen. Darauf wurden einige Pferde ausgestopft, die mußten zum Andenken auch fürder oben herausschauen. Und die Frau lebte noch sieben Jahre lang und spann und webte einen schönen großen Vorhang von weißem Linnen, den sie in die Apostelkirche verehrte. Solche Sage ist an mehr als einem Orte gangbar, unter andern auch in der vormaligen alten Reichsstadt Schweinfurt, wo die Frau des Syndikus Albert Angetraute war, die als Wöchnerin beerdigt worden, und die der Totengräber durch seine Raubsucht erweckte, doch lebte sie samt ihrem Kindlein nicht lange, und ihr Grabmal wird noch auf dem Schweinfurter Gottesacker gezeigt. *   118. Umrittener Wald Nicht gar weit von Dören, zwischen Köln und Aachen, liegt ein Dorf, das führt den Namen Arnoldsweiler, und denselben Namen führt es von einem frommen Sänger, der am Hofe Kaiser Karl des Großen lebte und sein Liebling war. Da forderte einst der große Kaiser von Arnold, seinem Sänger, derselbe möge sich einen Lohn erbitten für seine vielen und schönen Lieder, und der Sänger bat, Karl wolle ihn mit einem Stück Wald begaben, so viel, als Arnold werde umreiten können in der Zeit, wo Karl sein Mahl halte. Das ward ihm gewähret; Arnold hatte aber schon von Strecke zu Strecke, so weit ein Roß im gestreckten Lauf aushalten konnte, ausgeruhte Rosse, die seiner harrten, aufgestellt und damit eine Waldstrecke vom Bürgelwald umstellt, die ein Mann kaum in eines Tages Länge umschritten hätte. Darauf begann er, als der Kaiser sein Mittagmahl begann, sein Jagen, bezeichnete und bestreute allenden, wo er vorbeisauste, durch Schwerthiebe in die Äste seinen Weg mit grünen Brüchen von Eichen- und Buchenlaub und kam schon wieder und trat vor den Kaiser, bevor dieser noch sein Mahl beendet, dieweil er noch beim Apfelessen verweilte. Da sprach Karl: Du hast dir gewißlich ein zu kleines Stück erritten, da du so bald wiederkehrest. – Arnold aber antwortete: Mitnichten, ich umritt ein großes Stück, das ein Mann wohl kaum in Tageslänge umwandeln kann. – Da fiel auf den Sänger ein ernster Blick seines Herrn, welcher bei sich dachte, daß im Bürgelwald für Arnold die Blume der Bescheidenheit wohl nicht gewachsen sei, und der Kaiser schwieg. Da nahm aber Arnold das Wort und sprach: Du zürnest mir, mein hoher kaiserlicher Herr! Zürne nicht! Nicht für mich umritt ich deinen Bürgelwald. Sieh, alle den Dörfern von Dören bis Bredburg und von Jülich bis Bergheim gebricht es an Holz. Für sie habe ich den Wald, den du mir zu schenken angeboten, umritten. – Da freute sich Kaiser Karl über seines Sängers Biederherzigkeit und sagte ihm gern die ganze Waldstrecke zu. *   119. Kaiser Karls Apfelschnitze Der große Kaiser und König Karl hatte eine Gewohnheit an sich, daß er allewege nach dem Essen am Tische sitzenblieb und einen Apfel aß, den er selber schälte. Einmal standen seine drei Söhne neben seinem Stuhl, da wollte er sie bewähren, wie gehorsam sie seien, und rief dem Ältesten, der hieß Karl, wie er selber, und sprach: Komm zu mir und tue deinen Mund auf und empfahe einen Apfelschnitz von mir. Karl aber sprach: Herr Vater, es wäre eine Schande, sollt' ich von Euch einen Apfelschnitz empfahen; ich kann wohl selbst einen Apfel schälen und auch essen. Da rief der Vater den andern Sohn, der hieß Pipin, und sprach: Komm, empfahe du den Apfelschnitz von mir in deinen Mund. Pipin sprach: Vater, was Ihr befehlt, dem bin ich gehorsam, und ging hin und kniete nieder und empfing den Apfelschnitz in seinen Mund, und der Vater sprach dazu: Ich mache dich zum König über Gallia und Italien. Und rief darauf den dritten Sohn, der hieß Ludwig, und sprach: Komm und empfahe den Apfelschnitz. Und Ludwig gehorchte gleichermaßen, da sprach der Vater: Dir gebe ich Lothringen und Burgund, und das ganze Deutsche Reich soll dein sein, wenn ich sterbe. Da kam Karl nun auch und sprach: Sieh, Vater, ich tue meinen Mund auch auf, gebt mir auch einen Apfelschnitz. Aber der König antwortete ihm: Mein Sohn, du bist zu spät gekommen. Ich gebe dir weder Apfelschnitz, noch Land, noch Leute. Darnach ist in diesen Landen ein Sprüchwort aufgekommen: Karle, du hast zu spät aufgeginnet. *   120. Dom zu Aachen Da der Dom zu Aachen erbauet ward, hehr und prächtig, drohte es zu gehen wie beim Dombau zu Köln; es gebrach an Geld, der Bau konnte nicht fortgeführt werden, und unvollendet stand das herrliche Münster. Da erschien vor dem hohen Rat ein reicher Fremder, der sagte, er habe wohl Geldes die Fülle, wolle das auch geben zu dem Dombau, damit er vollendet werde, aber ein hoher Rat müsse ihm auch etwas versprechen. Als nun der Rat den Fremden fragte, was es denn sei, das er begehre, da antwortete jener: Nicht viel, nur die Seele des Ersten, der nach der Vollendung den Dom betreten wird, verlange ich zu eigen. Muß damals eine fromme Menschheit gelebt haben, daß sich's einer so viel kosten ließ, um einer Seele habhaft zu werden, hat sie später schockweise billiger haben können – der Rat aber merkte, nun, daß der Fremde der Teufel sei – schauderte, zauderte, bedachte sich lange, sagte aber doch zu, unter dem Beding, daß der Pakt geheimgehalten werde. Und ward nun mit besonderer Kunst und Hülfe das Münster schnell und herrlich ausgebaut, ward aber auch das Geheimnis ruchtbar unter den Leuten, und wollte niemand in den Dom gehen, weder Pfaffen noch Laien. Der Teufel lauerte Tag auf Tag auf die erste arme Seele, und ward ihm schier Zeit und Weile lang, es kam niemand, und da bedräute er den hohen Rat, daß er bald genug einen aus seiner Mitte holen werde, wenn er nicht bald einen ersten Kirchengänger schaffe. Da ward dem Rat bange, sann auf eine List, ließ im Gebirg einen Wolf fangen, diesen an das Haupttor des Domes bringen, ließ die Glocken lauten, wie zum hohen Feste, und stieß, nachdem das Portal geöffnet war, den Wolf ins Gotteshaus, wo der Teufel schon so lange lauerte, da es noch nicht geweiht war. Alsbald fuhr der Teufel zu und packte mit einem Griff den armen Wolf, daß ihm alsbald die Seele aus dem Halse fuhr. Wie aber der Teufel sah, daß er nur eine schlechte Wolfsseele erlangt hatte, fuhr er mit Gebrüll aus dem Tempel und schlug die eherne Türpforte so heftiglich zu, daß sie borst und sich spaltete, und ist der Spalt noch heute zu sehen. Der Rat aber war froh, daß er des Teufels ledig war, und ließ den Wolf und dessen arme Seele in Erz gießen und im Dome befestigen. Die Seele hält das Mittel zwischen einer Artischocke und einem Tannenzapfen. Andere erzählen diese Sage anders, und zwar also. Der Rat zu Aachen hatte just, als der Teufel seine Bedingung machte, eine arme Sünderin in seinem Gewahrsam, die schon zum Tode verurteilt war, und deren Seele verloren gegeben wurde. Diese Verurteilte nun ward in die Kirche hineingestoßen und ihre Seele vom Teufel in Empfang genommen, der aber deshalb aus Ärger die Tür zuwarf, daß sie borst, weil des Weibes Seele ohnehin schon sein gewesen wäre. Hernachmals goß man das eherne Bild und stellte den Teufel selbst in Gestalt eines unreinen Tieres, des Wolfes, dar, welcher bemüht ist, die Seele in Form eines Tannenzapfens in seinen Rachen hinabzuschlingen. *   121. Der Teufel im Ponellenturm Zu Aachen in der Stadtmauer steht ein starker Turm, heißt der Ponellenturm, dahinein haben sie einen Teufel gebannt, daß er nimmermehr wieder heraus kann, darin höret man ihn öfters wild rumoren, plärren, an die Glocke schlagen, auch äfft er sonderlich die Vorübergehenden, aber heraus kann er nicht, der gebannte Teufel, ehe denn der Jüngste Tag kommt. Daraus ist ein Sprüchwort im Volke von einem Ding der Unmöglichkeit, oder wenn einer eine Sache, die ein anderer als nahe in Aussicht stellt, bezweifeln will, so sagt er: Ja, das wird kommen, wenn der Teufel von Aachen kommt – das ist so viel als nimmermehr. *   122. Vom Loosberg über Aachen Als der Teufel mit der Wolfsseele arg betrogen worden war, ergrimmte er heftiglich über die Stadt Aachen und fuhr auf Sturmwindsflügeln bis zum Meeresstrande im Niederland, sah da die weißen Dünen im fahlen Lichte schimmern und brütete einen Rachegedanken aus. Mit einer ganzen breiten Düne belud er sich, die hing ihm über die Schultern, wie einem Bauer der Querchsack, und nun ging es mit Teufelsgewalt auf Aachen los; schon war er über die Maas und gelangte an das Soerstal, da erhob sich ein starker Wirbelwind, der schmiß ihm aus der Düne vielen Sand in die Augen, und da hätte der Teufel sich fast verirrt. Da begegnete ihm ein altes Weib, das kam des Wegs von Aachen her, und der Teufel fragte es: Wie weit ist's noch bis Aachen? – Die Alte sah ihren Mann an, erkannte ihn am Pferdefuß, zeigte ihm ihren Schuh und sagte: Schauet, Herr! Die Schuhe zog ich zu Aachen neu an, und jetzt sind sie zerschlissen – so weit habt Ihr noch. Darob ergrimmte der Teufel, denn er war müd und matt und hatte die Schlepperei und den Sand in den Augen satt, und rief: Ins Teufels Namen, liege hier, Lausesand! – Und warf die ganze Düne hin, daß es krachte und stäubte, und hub sich von dannen. Das sind die beiden Berge, der Loos- oder Luisberg und neben ihm, niedriger, St. Salvatorsberg, und in Aachen sagen sie, entweder sei der Loosberg nach dem losen Sinn, mit dem das alte Weib den Teufel betrogen, und weil ein alt Weib loser sein kann wie der Teufel selbst, genannt, oder nach des Teufels Wort und Namengebung. In Aachen aber ward das Münster herrlich geweiht durch den Papst und Kaiser Karl den Großen, im Beisein vieler Bischöfe und allen Volkes. Auf den einen Sandhügel ließ Karl der Große eine Kapelle und ein Kloster erbauen und weihete sie dem Erlöser, weil die Stadt Aachen von der ihr durch den Bösen drohenden Gefahr erlöst worden, das ist die Kapelle St. Salvator. Als Aachens Münster geweiht wurde, sollten so viele Bischöfe dasselbe weihen helfen, als das Jahr Tage zählt, es kamen aber deren nur dreihundertunddreiundsechzig zusammen. Da erhoben sich zwei gestorbene Bischöfe aus Maastricht aus ihren Gräbern, dienten mit und legten sich dann wieder nieder zur ewigen Ruhe. *   123. Schlangenring Kaiser Karl der Große, da er in Jürch im Hause »Zum Loch« genannt wohnte, ließ eine Rügesäule aufrichten mit einer Glocke und einem Seile daran und gebot, wer Recht begehre, das ihm irgend geweigert werde, der solle an diesem Seile ziehen und diese Glocke läuten, es sei, wenn es sei, und selbst wenn der Kaiser am Mittagmahle sitze. Nun geschah es eines Tages, daß die Glocke erklang und des Kaisers Diener an die Säule eilten, da fanden sie niemand. Bald aber erschallte von neuem die Glocke, und fort und fort, und der Kaiser sandte abermals hin. Da fanden die Diener eine große Schlange, die hatte das Seil im Rachen gefaßt und läutete. Wie die Diener dieses Wunderbare dem Herrn überbrachten, erhub er sich alsbald und wollte auch dem Tiere Recht sprechen, so dieses solches begehre. Und siehe, der Wurm neigete sich vor dem Kaiser und wandelte von der Säule fort hinab zum Rand eines Wassers; dort fanden sie das Schlangennest, und auf den Eiern der Schlange saß eine übergroße Kröte, die wollte nicht herab. Alsbald gebot der Kaiser, ein Feuer zu schüren, die Kröte mit Zangen zu packen und zu verbrennen. Als dieses geschehen war und der Kaiser eines Tages bei Tische saß, ringelte sich dieselbe Schlange ins Gemach, kroch zur Tafel hinan, hob von einem Pokal den Deckel und ließ einen Ring mit einem kostbaren Edelstein aus ihrem Munde hineinfallen, verneigete sich gegen den Kaiser und schlüpfte schnell von bannen. Kaiser Karl nahm den Ring und schenkte ihn seiner Gemahlin Fastrada, die er sehr liebte und nun noch mehr liebte, denn es lag in dem Schlangenring ein heimlicher, wundersamer Zauber. Auch gebot der Kaiser, an dem Orte, wo er der Schlange Recht gesprochen, eine Kirche zu erbauen, dieses geschah, und hieß man dieselbe Wasserkilch. *   124. Kaiser Karl kehrt heim Im Dome zu Aachen steht ein Stuhl, der ist elfenbeinern, daran ist uraltes Bildwerk zu erschauen, und das ist der Stuhl Kaiser Karl des Großen. Als zu einer Zeit der starke Held auszog in das Heidenland, die Heiden zum Christentum zu bekehren, schied er sich von seinem Ehegemahl und gab seiner Hausfrauen auf, seiner in Züchten zu harren zehen Jahre lang, käme er dann nicht zurück, so wäre sein Tod gewiß. Werde er aber ihr einen Boten senden mit seinem Ringelein, das er ihr wies, dann solle sie dem alles vertrauen und tun, was er ihr entbieten ließ. Neun Jahre und viele Monden darüber stritt und siegte Kaiser Karl im Ungarlande gegen die Heiden, und daheim hielten sie ihn für tot, und weil das Land keinen Zuchtherrn hatte, erhob sich um Aachen und gegen den Rhein eitel Raub und Mord und Brand, und traten die Räte zu der Herrin, Karls Gemahlin, und lagen ihr an, einen andern Herrn und König zu erkiesen, damit das Land nicht zugrunde gehe. Lange weigerte sich die Frau, weil ihr noch kein Wahrzeichen gesendet war, aber endlich, da die Herren und Räte allzumal heftig in sie drangen, ließ sie es zu, daß ihre Vermählung mit einem reichen König anberaumt wurde, und kam die Zeit heran, daß nur noch drei Tage waren vor der Hochzeit, welche festlich begangen werden sollte. Da sendete Gott der Herr einen seiner Boten ins Lager nach dem Ungarland, der sagte Kaiser Karl an, was sich daheim begebe, und sprach zu ihm: Rüste dich und reite heim, binnen dreien Tagen ist Hochzeit! – Wie soll ich reiten, fragte Karolus, in dreien Tagen hundert Tagereisen weit und darüber? – Reite, und Gott wird mit dir sein! sprach der himmlische Bote, und da gewann der Kaiser ein gutes Roß, damit ritt er an einem Tag aus Bulgarien bis gen Raab, und am andern Tag von Raab bis gen Passau. Dort gewann er ein frisches Roß und kam gen Aachen vor das Burgtor, und Gott war mit ihm. Ganz Aachen war schon ein Sang und ein Schall von eitel Hochzeitglanz und Klang, denn andern Tages sollte die Hochzeit sein, und die Trauung früh im Dom. Da ging Kaiser Karl bei guter Zeit, da es noch Nacht war, in den Dom, setzte sich auf seinen elfenbeinernen Stuhl und legte sein großes Schwert quer über seine Kniee, saß allda ganz ruhig wie ein Steinbild und ruhete von seinem weiten Ritt. Da kam zuerst der Mesner in den Dom, der trug die Bücher vor und beschickte die Altäre und steckte Kerzen auf, und mit einem Male sah er auf dem Königsstuhle einen greisen Mann sitzen, in ernster Stille und mit blankem Schwert, da kam ihm ein Grauen an, und ging und sagte es den Domherren an. Die wollten solche Mär nicht glauben, denn auf dem Stuhle durfte niemand sitzen, er wäre denn König, kamen daher mit Licht, und der Kühnste unter ihnen nahte dem Stuhle unerschrocken. Aber als er den Mann darauf sitzen sah so still und wie steinern, entfiel der Leuchter seiner Hand, und er zitterte und entwich aus der Kirche und sagte dem Bischof von dem Ereignis. Der Bischof nahm sogleich zwei Kerzenträger der Kirche, ließ die vorangehen mit brennenden Kerzen und folgte ihnen hin zum Kaiserstuhle. Da sah er den Greisen sitzen und hub bänglich an zu sprechen: Sag an, wer bist du Mann, und durch wessen Gewalt unterfängst du dich, diesen Stuhl zu behaupten? Weißt du nicht, daß dies der Sessel ist unsers Herrn und Kaisers? – Darauf erwiderte der Kaiser: Wie du sagst, so ist es, da ich noch König Karl hieß, war ich euch allen wohlbekannt, da durfte keiner diesen Stuhl mir wehren! – Und erhob sich und stand vor dem Bischof in seiner stattlichen Größe, eines Kopfes höher als der größte Mann, und der Bischof rief frohlockend aus: Seid gottwillkommen, mein königlicher Herr! Segen sei mit Eurer Wiederkunft. – Da läuteten von selbst alle Glocken, des erschraken die Hochzeitgäste und zogen eilend von dannen, und der Bischof bat für die Königin und sagte, daß sie gedrungen worden sei, da verzieh ihr Karows gerne und gab ihr seine Huld zu erkennen, denn er liebte sie unabänderlich und konnte nimmer von ihr lassen. *   125. Fastradas Liebeszauber Mit einer unsterblichen Liebe liebte Kaiser Karl sein Ehegemahl Fastrada, bis sie erkrankte und starb. Dies geschah zu Frankfurt am Main, von wannen ihr Leichnam erhoben ward und gen Mainz geführt, ihn allda zu bestatten. Aber der Kaiser wich nicht von der Verstorbenen und duldete nicht, daß man sie von ihm entferne, denn es fesselte ihn ein Zauber, wie vorher an die Lebende, so jetzt an die Tote. Das ward des Kaisers Umgebung auf die Länge ganz unerträglich, fort und fort den Stank der Verwesung zu atmen, und endlich ahnete der weise Turpin, des Kaisers Ohm und Bischof von Mainz, daß ein Zauber hier walte, suchte und fand im Munde der Toten, oder nach andern in ihr Haar geflochten, den Ring mit dem Edelstein, den damals zu Zürch die Schlange in des Königs Becher gesenkt, und nahm den Ring an sich. Alsbald wich der Zauber von Fastradens Leichnam, die dem Kaiser bislang noch immer schön und frisch und blühend, wie eine Schlafende, erschienen war, deshalb er sie auch nicht zu bestatten erlaubte – und er erbebte jetzt vor ihrem Anblick und wollte sie nicht mehr sehen. Also ward Fastrada bestattet, aber nun wandte sich Karls ganze Liebe dem Erzbischof zu, der nun schon wußte, woher diese Neigung stamme. Und als Erzbischof Turpin im Gefolge des Kaisers gen Aachen zog, da sah er unterm Frankenberge einen schönen See, der war still und tief und heimlich. Dahinein warf Turpin den Schlangenring. Alsobald entwich die Zauberliebe aus Karols Herzen und wandte sich nun zu diesem See, wollte nimmer von ihm scheiden. Ließ ein Schloß zur Wohnstätte auf den Berg über dem See bauen, da weilte er nun immerdar und hatte seine Augen stündlich auf den See gerichtet und verordnete, daß man ihn bei seinem Absterben allda in seinem Münster zu Aachen begraben solle, befahl auch, daß alle seine Nachfolger zu Aachen vor ihrer Krönung sich sollten salben und weihen lassen, welches auch also geschehen ist in langer Reihe deutscher Kaiser bis nahe heran an die neue Zeit, da man nicht mehr deutsche Kaiser zu salben und zu krönen hatte und das Reich ein Ende genommen. *   126. Karl des Großen Tod und Grab Als es mit Kaiser Karl dem Großen zum Sterben kam, verordnete der Held, wie es mit seinem Begräbnis geschehen solle, und geschahen zugleich große Wunderzeichen am Himmel und auf Erden, welche des mächtigen Kaisers Absterben vorausverkündigten. So stürzte der bedeckte Gang ein, der von der Kaiserpfalz auf den Markt zum Münster führte. Und da Karolus nun verstorben war, da ward er beigesetzt im rechten Sinn, in eine neue wohlverwahrte Gruft, auf einem Stuhl von Marbelstein aufrechtsitzend, auf seinem Haupt die Krone und in der einen Hand den Szepter, in der andern das Evangeliumbuch, und ward dann über ihm die Gruft geschlossen und vermauert. Das geschahe gleich am zweiten Tage nach dem Tode des großen Herrschers, und kam nach wenigen Wochen Ludwig der Fromme, sein Sohn, und übernahm das Erbe des Reiches. Der sahe seinen Vater nicht mehr, und kein Mensch sah ihn mehr, bis man das Jahr Eintausend schrieb. Da trug des Reiches Krone Kaiser Otto III. vom Sachsenstamme, dem gelüstete zu einer Zeit, den Leichnam Karl des Großen zu schauen, ging zum Grabe dar, geleitet von zwei Bischöfen und einem Grafen, und ließ eine Öffnung in die Gruft brechen. Da saß der nun seit fast zwei Jahrhunderten beigesetzte Kaiser noch hoch und hehr, wie ein steinern Heldenbild, auf seinem Marbelstuhl, die Krone noch auf dem Haupte, das Szepter in der behandschuhten Hand und das Buch auf den Knien, schier dräuend und schrecklich. Alle beugten sich ehrfurchtvoll vor dem großen Toten und befanden, daß die Nägel fortgewachsen waren durch die Handschuhe hindurch, und daß die Fäule nur erst die Nase ergriffen. Die ließ Kaiser Otto von Gold ergänzen, schnitt dem Leichnam mit goldner Schere die Nägel ab und kleidete ihn in ein weißes Gewand. Dann entnahm er dem Munde Karols einen Zahn, diesen aufzubewahren als heilige Reliquie, dann ließ er das Grab wieder schließen und fest vermauern. In der Nacht darauf aber erschien Karolus dem Kaiser Otto III. im Traume, hehr und schrecklich anzusehen, und sprach zu ihm: Mußtest du kommen und meine Ruhe stören? Bald wirst du ruhen, wo ich ruhe, nicht weit von mir, und erlöschen wird mit dir dein Stamm. – Otto, der Kaiser, nahm sich dies Gesicht sehr zu Herzen; er gründete eine Kirche und ein Klosterstift und weihte es in die Ehre Sankt Adalberts, und im zweiten Jahre, nachdem er Karoli Leichnam gesehen, da war schon das Wort der Erscheinung erfüllt, und Otto III. ruhete in der Kaisergruft im Aachner Dome. Hernachmals hat nach aber zweihundert Jahren Kaiser Friedrich II. von Hohenstaufen Kaiser Karls Gebeine erheben und in einen prächtigen goldnen und silbernen Kasten legen lassen, die Krone aber und andere Kleinodien dem Domschatz überwiesen. *   127. Templerkirche zu Aachen Weit verbreitet war der Orden der Templer; auch zu Aachen erbauten sie ein Tempelhaus, dessen Stätte heißt noch heute der Tempelgraben. Als sich die Feinde des Ordens gegen den Templerbund erhoben, als der schreckliche Tag im Märzmond des Jahres 1314 den heldenherzigen Großmeister Jakob Molay nebst seinen Todesgenossen in Flammen zu Märtyrern verklärete, da versank zu Aachen plötzlich die Templerkapelle, an ihrer Stelle schoß ein Wasserstrahl aus dem Boden herauf, und ein Weiher bedeckte den Ort. Das war fast wieder volle hundert Jahre, seit Kaiser Friedrich Karl den Großen zum andern Male bestattet hatte. Immer noch quillt jene Quelle über der versunkenen Templerkirche, und im Märzen hört man wohl bei stiller Luft ihre tiefversunknen Glocken läuten, das klingt wie aus weiter Ferne und geisterhaft. Auch geht die Sage, daß in der Mitternachtstunde jenes Unheiltages drei Ritter in Templertracht, auf ihren Mänteln das rote Kreuz, von Blut gezeichnet, über den Tempelgraben wandeln. *   128. Die Hinzlein zu Aachen Allenden in Deutschland und den Nachbarländern gehen Sagen von Zwergen und Neckebolden, heißen da so und dort anders, Hinzelmännlein, Bergmanndli, Hütchen, Heinzchen, Wichtlein, Querchlein, Quarkse, stilles Volk, Unterirdische, sind ein wunderlich spukhaft Geistervolk, den Menschen gut und feindlich, je nachdem es kommt, hülfreich und zuwider, nütze und schädlich, doch am meisten den Guten mild und den Bösen feindlich gesinnt. Solcher Kobolde hatte es auch zu Aachen, hießen dort Hinze, wie man auch hie und da in Deutschland die Katzen nennt, die Hexenlieblinge, wohnten im Felsgeklüft unter der Emmaburg, da waren viele Gänge und unterirdische Keller, daraus zog in gewissen Nächten der Hinzenschwarm hervor mit spukhaftem Gelärm und Gepolter, klapperten an die Haustüren und trieben viel Tückerei und bösen Mutwillen. Kein Geisterbannspruch, kein Kreidekreuz an Türen und Läden half gegen den Nachtspuk der Hinzemännlein; erst als man eine Kapelle dicht an die Felsen der Emmaburg baute und deren Glocken zum ersten Male erklangen, da war alles vorbei – denn Glockengeläute können die Unterirdischen nicht hören und vertragen, aber die guten Aachener ahneten nicht, daß sie sich mit dem Kapellenbau erst recht eine Rute auf den Hals gebunden hatten. Denn die Hinzlein zogen zwar aus den Felsen fort, aber wo zogen sie hin? – In die Stadt Aachen zogen sie, in einen alten Mauerturm, zu dem ein unterirdischer Gang nach dem Felsen unter der Emmaburg führte, und nun ging der Spuk erst recht an. Der alte Turm lag ohnweit der Kölner Straße, da klopfte es zur Nacht an die Häuser, da knisterte es auf dem Herd, da rasselte und klapperte es in den Küchengeschirren, und das ging stundenlang so fort, daß kein Mensch ein Auge zutun konnte. Wußten sich keines Rates zu erholen gegen die schlimmen Poltergeister. Da kam von auswärts her ein weit umgewanderter Gesell gen Aachen, der vernahm von dem Spuk und erzählte, solcher Zwergvölker gebe es in Thüringen und Sachsen vollauf, bei Jena, bei Königsee, bei Plauen, in der Grafschaft Hohnstein am Harzwald, bei Zittau in Sachsen, im Zobten in Schlesien, im Kuttenberg in Böheim und an vielen andern Orten, auch im ganzen Vogtland, in der Schweiz am Pilatus, im Erzgebirge, im Untersberg bei Salzburg, sowie am Rhein usw. Da sei nichts besser, als man stelle vor jedes Haus ein Geschirr, ehern oder irden, dessen wären die Hinzlein sehr froh, benutzten es zur Nacht und stellten es ungeschädigt wieder an seinen Ort, ließen dagegen die Leute in Ruhe. Der Rat des guten Gesellen ward probiert und war probat, man folgte ihm und hatte Ruhe. Kamen nachmals zwei fremde Kriegsgesellen nach Aachen, die hörten in ihrem Quartier von der Sache und der Sage, hatten Spottens kein Ende, daß die Aachner Töpfe und Kessel für die Zwergmännlein hinstellten, deren es doch auf der Welt keine gebe, und vermaßen sich, nachts Wache zu stehen, da sollten die Hinzen statt der blanken Kessel blanke Degen finden. Darauf bezechten sich die Kriegsgurgeln, setzten sich vor die Tür, sangen und hatten sich sehr lustiglich, schrien immer einer den andern an: He da! Hinz! Jetzt kommt der Hinz!, trieben einander zur Kurzweil auf der Straße um, jagten sich, traten sich, rannten durchs Hinzengäßlein hinter bis zu dem alten Mauerturm, da hörte man sie beide noch einmal brüllen, dann war alles still. Am andern Morgen lagen die Prahlhänse tot vorm Hinzenturm, hatte einer den andern durch und durch gestochen. – Und noch lange nachher hat der Hinzenspuk gedauert, bis ein reguliertes Chorherrenstift erbaut ward in der Nähe der Spukgassen, da hat der abermalige mächtige Glockenschall die Hinzlein auf immer vertrieben. *   129. Die buckligen Musikanten auf dem Pervisch Zu Aachen, in der alten Reichsstadt, haben einmal zwei Musikanten gelebt, von denen hatte jeder einen nicht kleinen Buckel; das war aber auch alles, was sie miteinander gemein hatten, denn der eine war gut und wohlgesinnt, der andere war neidisch und tückisch, scheelsüchtig und habsüchtig. Nun trug sich's einstmals zu, daß der erstere auf ein Dorf erfordert war, dort zu einer Hochzeit mit aufzuspielen, und erst am späten Abend heimwanderte. Er mochte dort manch gutes Trünklein getan haben, denn er war ganz fröhlich, und als er auf seinem Wege am hohen Dome vorbeikam, pfiff er wohlgemut ein lustiges Schelmenstücklein. Indem schlug die Glocke Mitternacht, und alsbald war um ihn her ein Schwirren und Schweben, geisterhaft und grauenhaft, und die Gespensterfurcht ergriff den Spielmann und trieb ihn eilend vorwärts durch die Schmiedegasse vor auf den Pervisch, das ist der Fischmarkt. Siehe, da traf es der Spielmann ganz hell an, alle Fischbänke waren illuminiert, Wein und Speisen die Hülle und Fülle standen auf reich gedeckten Tafeln in köstlichen Gefäßen, und vornehme Frauen saßen da und schmausten und zechten. Da trat eine solche Dame auf den Spielmann zu und sprach: Holla, Fiedler! Du kommst gerade recht, jetzt geig uns eins auf, wir wollen tanzen! Doch zuvor trink erst einmal! – Und reichte ihm würzigen Wein in einem Goldpokal, und er trank und erglühte vor Lust, nahm sein Saitenspiel und geigte fröhlich darauf los. Und die Frauen begannen miteinander zu tanzen im wilden Reigen, und des Geigers Tanzweisen gellten wie toll durch die Nacht. Da schlug es drei Viertel auf Eins, und jetzt ließen allgemach die wirbelnden Paare vom Tanzen ab, wie ermüdet – und die Frau, die den Geiger angesprochen, trat jetzt wieder zu diesem und sprach: Habe Dank und auch Lohn – und dabei strich sie ihn mit ihrer Hand sanft über den Rücken, daß er vermeinte, sie wolle ihn an sich ziehen – aber indem war sie verschwunden, und alle andern Frauen desgleichen, und die Lichter, die Speisen, die Geräte – alles – und die Münsteruhr schlug eins. Der Spielmann ging nach Hause, so leicht, so wohlig – er wußte gar nicht, wie ihm geschehen. Und siehe, als er sich auskleidete, weg war sein Buckel, den hatte zum Lohn die nächtliche Tanzfrau ihm abgestreift. Bald lief durch ganz Aachen die Wundermär, die hörte nicht sobald der andere Buckelmusikant, als der Neid über ihn kam, und dachte, mir soll das doch wohl auch gelingen, was jenem Lump gelang. Konnte kaum die Nacht erharren, stand lange vor Mitternacht schon auf dem Pervisch, seine Geige mit dem Fiedelbogen in der Hand. Endlich schlug's, und da glänzten auch die Fischbänke voll Lichter, da standen die kostbaren Geräte, da reichte ihm eine Dame würzigen Wein, alles wie vor geschehen, und forderte auch ihn auf, seine Tanzweisen aufzuspielen. Solches tat er, aber seine Tänze wurden, ohne daß er wollte, Grabmelodien, der Tanz wurde ein Totentanz, die holden Frauenbilder wurden zu Gerippen, und als es drei Viertel schlug, huschte ein molkiges Schattengebild an den Spielmann heran, das hatte zuvor aus einem Silbergefäß etwa ein Kleinod gehoben, und sprach: Habe Dank und auch Lohn – und hing ihm und drückte ihm das Kleinod an die Brust, schier wie einen Orden. Dann schwand alles hinweg, und der Spielmann wankte und schwankte nach Hause, und war ihm weh auf der Brust, und hatte kurzen Odem. Und als er sich auszog, da hatte er den Buckel seines Spielgesellen vorn auf der Brust, und seinen eigenen dahinten, den hatte er auch noch, und mußte beide Buckel tragen bis an sein Ende. – *   130. Der fliegende Holländer Im Lande Limburg liegt ein altes Schloß, das ist Falkenberg genannt, darin es spukt und umgeht. Eine Stimme ruft gegen die vier Wände den Klageruf: Mörder! Mörder! – Zwei kleine Flämmchen flackern vor der Stimme her, aber den Rufer sieht keiner. Und das ist also seit sechshundert Jahren. Damals, vor so langer Zeit, stand das Schloß noch in seinem Glanze, zwei Brüder von Falkenberg wohnten darin, die hießen Waleram und Reginald und liebten beide die schöne Tochter eines Grafen von Cleve, Alix. Waleram war der Glückliche, den die Jungfrau erkor, und feierte mit ihr glänzende Hochzeit. Dem verschmähten Reginald aber wandte der Rachegeist das Herz im Busen, und er ging und ermordete die Liebenden in ihrem Brautbette. Im Todeskampfe griff Waleram in des Bruders Mordwaffe, schlug ihm die blutende Hand ins Gesicht und sank dann tot zurück. Der Mörder schnitt vom Haupt der von ihm erdolchten Braut eine Locke und entwich, war auch nimmer zu finden, als man die Toten fand und bejammerte und den Mörder ahnete. Es lebte dazumal nicht allzuweit vom Schlosse Falkenberg ein frommer Einsiedel, dessen Klause neben einer kleinen Kapelle stand. Bei dem klopfte es an um Mitternacht und begehrte Einlaß im Namen des Himmels. Reginald war's, den die Reue marterte, und auf dessen Gesicht die Spur einer blutigen Hand unaustilgbar sichtbar war, ein Wahrzeichen, was kein Wasser abwusch. Reginald beichtete dem Einsiedel seine schwere Schuld, und der hieß ihn mit ihm gehen, und führte ihn in die Kapelle, und kniete mit ihm am Altare, und betete mit ihm die ganze Nacht. Am andern Morgen gebot der Einsiedel dem Grafen Reginald von Falkenberg: Wandelt als büßender Pilger gen Norden und immer gen Norden, bis Ihr keine Erde mehr unter den Füßen habt, dann wird Gott Euch durch ein Zeichen offenbaren, was Ihr weiter beginnen sollt. Da sprach Reginald kein anderes Wort als Amen und verbrannte an der ewigen Ampel des Altars Alixens Locke und ging von dannen, gen Norden und immer gen Norden, und büßte und betete. Und da sind zwei Gestalten mit ihm gegangen, eine weiße zu seiner Rechten und eine schwarze zu seiner Linken; die zur Rechten bestärkte ihn im Büßen und Beten, die zur Linken aber flüsterte ihm zu, davon abzulassen und den Freuden der Welt zu leben, und so kämpften sie um seine Seele, und dieser Kampf, den er im Herzen fühlte und mitkämpfte, war seine Buße. So ging er Tage lang, und Wochen lang, und Monden lang, bis er am Meere stand und kein Erdreich mehr vor sich sah, darauf er seinen Fuß hätte setzen können. Aber da fuhr ein Nachen heran, da saß einer drin, der winkte Reginald und sprach: Exspectamus te ! Und das war das Zeichen, und Reginald stieg in den Kahn, und die zwei Gestalten mit ihm. Und der Mann im Nachen stieß ab und fuhr nach einem großen Schiffe hin, das im Meere lag und alle Segel aufgespannt hatte und alle Flaggen aufgezogen. Da stiegen die drei an Bord, und der Mann samt dem Nachen verschwand, und das Schiff segelte durch das Meer. Reginald aber ging unter das Verdeck des Schiffes, das ganz menschenleer war und ohne alle Bemannung; da stand eine Tafel und Stühle, und die drei setzten sich, und die schwarze Gestalt legte drei beinerne Würfel auf den Tisch und sprach: Jetzt wollen wir um deine Seele würfeln bis zum Jüngsten Tag. Und das tun sie noch heute, ohne Ruder und ohne Steuer fährt das Schiff durch den Ozean im Norden, zur Nacht webern Flammen auf seinen Masten und tanzen auf den Rahen. Seine Segel sind grau wie Erde, und seine Flaggen sind fahl wie abgebleichte Bänder an Totenkränzen. Sein Bord ist leer, und am Steuer steht kein Steuermann. Sein Gang ist Flug, und sein Begegnen ist Fluch, Unheil verheißend dem Fahrzeug, dem es begegnet. Mancher Schiffer hat es schon gesehen, und es hat ihm Grausen erregt. Selbst bei Windstille fliegt es wie ein Pfeil über die Meeresglätte. Und sie nennen es den fliegenden Holländer. *   131. Sankt Remaclus Fuß zu Spa In dem quellenreichen Spa, darinnen mehr denn hundert Gesundbrunnen ihre Heilwasser ausströmen, ist eine Quelle, die heißt Groesbeeck, die ist ein Jungbrunnen und Frauenbad, absonderlich heilsam und kräftigend. Nahe dabei ist das Zeichen eines Fußes tief in den Boden eingetreten. Einstens kam der heilige Remaclus, welcher im Lütticher Lande wohnte, zu dieser Quelle und verrichtete allda seine Andacht. Der heilige Mann mochte aber ermüdet sein oder sich allzu tief in sein Gebet versenken, er schlief ein über dem Gebet. Solches hat den lieben Gott in etwas verdrossen, und er schuf, daß einer der Füße des heiligen Mannes tief in die Erde sank und das Wahrzeichen also blieb, daß es nimmermehr wieder ausgefüllt werden konnte. Der heilige Remaclus aber fühlte tiefe Reue über sein Vergehen und legte sich die strengste Buße auf, dies sahe Gott mit Wohlgefallen an und schuf der Fußtapfe eine wunderwirkende Kraft. Frauen, welche Nachkommenschaft entbehren und Nachkommenschaft wünschen, halten in der Kirche des heiligen Remaclus zu Spa eine neuntägige Andacht und trinken an jedem dieser Tage aus dem Brunnen Groesbeeck ein Glas Wasser, indem sie den einen Fuß in die Fußtapfe des heiligen Remaclus setzen. Vielen hat dort ihr Glaube geholfen. *   132. Die schlafenden Kinder Im Lütticher Lande, zu Stockum, lebte ein armes Weiblein, eine Wittib mit drei Kindern, kümmerlich, denn es war teure Zeit, und sie mußte betteln gehen und konnte doch nichts erbitten und erbeten. Da kam sie voll Jammer zu ihren drei Kindlein daheim und sagte: Weh uns Armen! Die Herzen der Menschen sind hart, und Gott hat ihr Ohr verschlossen. Lasset uns mitsammen sterben, das ist das Beste für uns viere, da hungern wir nicht mehr! – Da die Kinder diese Worte vernahmen, begannen sie zu weinen, und eines derselben sprach: Ach, liebe Mutter, du wirst doch dich und uns nicht schlachten wollen – denn die Alte hielt schon das scharfe Messer in der Hand – laß uns doch lieber schlafen bis zum Herbst, da gibt es wieder Korn und Obst, da lesen wir wieder Ähren mit dir und können leben. Da fiel der Mutter das Messer aus der Hand, und den Kindern allen dreien fielen die Augen zu, und entschliefen, und schliefen und schlummerten in einem fort, durch den Winter und Frühling und Sommer, und wachten nie nicht auf. Viele Menschen kamen herbei aus Lüttich und aus Brabant und sahen mit Verwunderung die immer schlafenden Kinder, und alle schenkten der armen Frau etwas, und davon wurde die arme Frau sehr reich. Und als der Monat August kam, da die Sicheln der Ährenschnitter im Felde klangen, da wachten die Kinder allzumal auf und hatten einmal recht ausgeschlafen, lobten Gott und den frommen Heiland mit ihrer Mutter und litten nie wieder Mangel. *   133. Roß Bayard und Schloß Bayard Die vier Haimonskinder ritten zumal auf einem großen überstarken Rosse, des Name war Bayard. Viele Wahrzeichen gibt es noch von ihm im Lütticher Lande und der Gegend dort herum. Nahe bei Lüttich ist ein Felsen, der zeigt eine kahle glatte Stelle, darauf ist ein Rosseshuf eingetreten, der rührt vom Bayard her. Als das Roß auf Kaiser Karls Befehl von den vier Haimonskindern zur Sühne dargebracht wurde, ließ es der harte Kaiser von der Brücke zu Paris in die Seine werfen, nachdem es mit Stricken gebunden war, aber mit seiner Kraft zersprengte es die Stricke und kam wieder hervor aus dem Wasser und lief zu seinem Herrn und leckte ihm die Hand. Da ließ der Kaiser das Roß mit Steinen belasten und abermals in den Strom stürzen, und wiederum kam es hervor und hatte die Steine von sich geschüttelt und lief zu seinem Herrn und stand – und zitterte. Aber der Kaiser fand seines Zornes gegen das Roß kein Ende und gebot, es solle am Hals und an den Füßen mit Mühlsteinen belastet und zum dritten Male in die Flut geworfen werden. Als das kluge Roß Bayard dieses grausame Wort vernahm, erschrak es und entfloh ins Weite – aber der Kaiser gebot Reinhold von Dordone, dem jüngsten, aber stärksten Sohne Haimons, des Rosses Herrn, dem es willig wie ein Kind diente und gehorchte, daß er gehe und den Bayard fange. Da ging Reinhold – schwerer am Kummer auf seinem Herzen tragend, als das Roß an Steinen getragen hatte – und fing den Bayard und brachte ihn geführt, und so wurde das treue Roß zum dritten Male in die Flut gestoßen, so schwer belastet, daß es sich nicht wieder ihr entringen konnte. Es hob nur noch ein einziges Mal den Kopf in die Höhe und blickts auf Reinhold, seinen Herrn, hin, dann versank es. Da tat sich Reinhold aller ritterlichen Gewaffen ab, wanderte als Büßer von hinnen, kam nach Köln, der heiligen Stadt, und arbeitete allda unter den Maurern um kargen Lohn am Dombau, bis neidische Mitgesellen ihn durch einen Steinwurf töteten, den sie von einer Höhe niederwarfen. Das Roß Bayard aber blieb unvergessen, vielfach blieb sein Name in Ehren, ja es geht auch die Sage, daß es sich an ferner Stelle dennoch wieder aus dem Strom gerettet und in den Ardennerwald sich geborgen habe, wo es noch immer bisweilen sich sichtbar zeige. Bei Dinant ist ein vielfach zerklüfteter Fels, der heißt der Bayardsfelsen, und ohnweit Charleroi, oberhalb dem Dorfe Couillet, wird auch ein Bayardstritt im Stein gezeigt. Dem Rosse zu Ehren hatten die vier Haimonskinder ein Schloß Bayard genannt, das steht zu Dhuy in der Grafschaft Namur, dort haben sie öfter gewohnt, sowie auch auf dem Schlosse Reinoldstein in der Provinz Lüttich, wo nahe dabei Schloß Poulseur gelegen war, darauf Malagys, der Vetter der vier Haimonskinder, ein mächtiger und listiger Zauberer, wohnte, wie auch im Schloß Amblème, das noch nach ihnen heißt, und in Eggernwalde. Auch liegt ein Dorf, Berthem, im belgischen Lande, das hat das Roß Bayard zum Wappen. Auch zeigte man allda des Rosses große Krippe und nahe bei Berthem, im Walde Meerdael, auch einen Bayardhuftritt. Als Reinhold von Dordone von seinen Brüdern geschieden war, entsagte auch sein ältester Bruder Adelard der Welt, begabte die Abtei Corvey mit der Oberherrlichkeit von Berthem und trat als Mönch in jenes Stift, verstarb auch alldort eines seligen Todes. Über dem Hochaltare der Kirche zu Berthem fand sich vordem ein Gemälde aufgestellt, darauf sahe man Adelard und seine Brüder samt dem Rosse Bayard vor einem Kreuze knieen. *   134. Die Toten in Löwen Zu Löwen war ein Totengräber, der sollte ein Grab bereiten, fühlte sich aber krank, zumal war es am Abend Allerheiligen (Vorabend Aller Seelen) und schon recht kalt, und da bot sich, wie er klagte, sein Gevatter an, das Grab für ihn zu machen, was aber zu Nacht noch geschehen mußte. Vor Mitternacht war der Mann mit seiner Arbeit fertig und wollte vom Kirchhof hinweggehen, da sah er eine Prozession auf diesen gezogen kommen, die schritt über alle Gräber; es schienen weiße Mönche zu sein, und jeder trug eine Kerze, und wie sie an den Gevatter kamen, der ein Spielmann war, ließen alle ihre Kerzen vor ihm hinfallen, der letzte Mönch aber warf eine große Kugel vor ihm hin, mit zwei Dochten. – Ei, dachte der unerschrockene Spielmann, das ist schön weiß gebleichtes Wachs und ein guter Lohn für meine Mühe; sammelte daher alles sorglich auf, band es in sein Tuch und barg es daheim unters Bette, schlief auch ganz ruhig in dieser Nacht. Andern Tages aber, als der Spielmann sich früher niedergelegt hatte, konnte er nicht einschlafen, sondern wachte die Mitternachtstunde heran; siehe, da tat seine Kammertüre sich auf, und es kamen alle die weißen Mönche herein und stellten sich um die Betten her, in denen der Spielmann und seine Frau lagen, und bückten sich und schauten unter des Spielmanns Bette und zogen das Tuch mit den vermeinten Kerzen hervor, und über dem Bücken entfielen den Mönchen ihre weißen Kapuzen und Mäntel, und waren eitel scheußliche Gerippe, und schrieen: Mein Arm! Mein Bein! Mein Kreuz! Meine Rippe! Und meine Rippe! Und mein Kopf! schrie das letzte Gerippe, das hatte in der Tat keinen Kopf; und alle den andern Gerippen fehlte das, wonach sie riefen, und das alles hatte der Spielmann in seinem Tuche zusammengebunden und in der Meinung, es seien Wachskerzen und eine Wachskugel, nach Hause getragen. Nun langten alle mit ihren klapperdürren Armen nach ihren Gliedmaßen, und das Gerippe ohne Kopf bückte sich, und der Spielmann mußte ihm den Kopf selbst auf- und zurechtsetzen, dann langte es nach des Spielmanns Geige, drückte sie ihm in die Hände und machte das Zeichen, daß er aufspielen sollte, und nun faßten sich alle die Gerippe mit den dürren Fingern an und tanzten nach dem Spiel und klapperten, und der Spielmann klapperte auch nebst seiner Frau, und jene kreisten wild in der Kammer herum, war gar ein schauriger Totentanz und dauerte eine ewig lange Zeit, und wenn der Spielmann müde wurde, so langte ihm ein Gerippe eine Maulschelle in das Gesicht, die sehr weh tat. Endlich beim ersten Hahnschrei hüllten die Gerippe sich wieder in ihre Mäntel und huschten von hinnen. Der Spielmann und seine Frau haben von Stund an, als sie dies Schreckliche erlebt, nicht mehr geredet, nur daß sie in der Beichte erzählten, was sie gesehen, und dann sind sie bald darauf mitsammen gestorben. Besser als diesem Spielmann ist es einem frommen Bötticher zu Löwen ergangen. Der ging allabends, da er nahe an Sankt Quintini Kirchhof wohnte, auf diesen Kirchhof und betete für die Ruhe der Toten einen Rosenkranz oder zwei. Da geschah es, daß er eine Summe Geldes für abgelieferte Arbeit einnahm, das er zu sich steckte, da er gerade auf den Kirchhof gehen wollte, seiner Gewohnheit noch für die Ruhe der Toten zu beten. Es waren aber einige Spitzbuben in der Nähe, die wußten, daß der Bötticher Geld einnehmen sollte, und dachten gleich, er werde es zu sich stecken, die lauerten auf ihn, und da er auf den Kirchhof kam, fielen sie über ihn her und wollten ihn niederwerfen. Aber da rauschte und brauste, rasselte und prasselte es ringsumher, und es erhoben sich alle Toten, für deren Ruhe der Büttner so oft gebetet hatte, und schlugen mit Arm- und Beinknochen härtiglich auf die Räuber los, daß denen ein Grauen ankam und sie teils niederstürzten, teils eilends entflohen. So war der fromme Meister befreit und gerettet und hat nachher um so eifriger für die Ruhe der Toten gebetet. Der Magistrat aber ließ die Geschichte auf eine Tafel malen und diese an der äußern Kirchenmauer aufhängen, allwo sie noch zu sehen ist. Diese Sage geht auch mit weniger Veränderung in Deutschland von einem Ritter, Torringer geheißen, der, wenn er nachts am Kirchhof vorüberritt, nie unterließ, ein Gebet für die Toten zu sprechen. Eines Abends jagte er aber, von einer ganzen Schar wütender Feinde verfolgt, welche dicht hinter ihm waren, vorüber nach seiner Feste zu. Siehe, da erhoben sich die Toten rasch aus ihren Gräbern und traten zwischen den Fliehenden und seine Verfolger, die voll Entsetzen zurückprallten, wie sie die Schädel und Gerippe im Mondenscheine dastehen sahen und ihnen den Weg sperrten, und unbeschadet konnte der Ritter seine sichere Feste erreichen. *   135. Der Schwanritter Da Herzog Gottfried von Brabant zum Sterben kam und hatte keinen Sohn, so wollte er sein Land und Erbe seiner Gemahlin und seiner Tochter überlassen. Aber Gottfrieds Bruder, der Sachsenherzog, wollte darein nicht willigen und sagte, das Land sei kein Weiberlehen und Erbe, und nahm Brabant für sich. Da ward die Herzogin klagend bei König Karl, und der lud sie und auch ihren Schwager gen Reumagen (Nimwegen, Nijmegen) am linken Arm des Rheinstroms, die Wal geheißen, und da kam sie mit ihrer Tochter hin, und auch ihr Gegner. Und da geschah es, daß Karolus durch ein Fenster hinausschaute und hinab auf den Strom, da sah er einen Schwan schwimmen, der hatte ein silbern Halsband um und zog mit diesem an silberner Kette einen Nachen nach sich, und in dem Nachen lag ein Ritter im gleißenden Harnisch, auf seinem Schilde ruhte sein Haupt, seinen Helm und Halsberge hatte er abgetan und neben sich gelegt, und der Schwan ruderte an das Ufer heran. Alle Hofleute, die das samt dem Kaiser sahen, verwunderten sich hoch, vergaßen den Rechtshandel und eilten nach dem Ufer hinunter. Der ritterliche Jüngling im Nachen aber erwachte, tat sein Gewaffen wieder an, erhob den Schild, darauf acht Szepterlein um einen weißen Karfunkel gestellt waren, und stieg aus der Barke, zu dem Schwane sprechend: Fliege deinen Weg wohl hin, lieber Schwan, so ich deiner bedarf, will ich dir rufen! Da wandte sich der Schwan und ruderte im Wasser und entschwand samt dem Nachen den Augen der ihm Nachblickenden. Alles blickte ganz verwunderungsvoll nach dem Gast, dem Karol selbst die Hand bot und ihn nach der Burg geleitete, dann setzte er sich auf den Richterstuhl und hieß den Fremdling bei den Fürsten und Herren eine Stelle einnehmen. Es erhub nun die Herzogin ihre Klagen, und ihr Schwager brachte seine Gegenrede vor und sprach, daß er bereit sei, für sein Recht zu kämpfen, sie solle ihm nur einen Kämpen stellen, der mit ihm für ihr und ihrer Tochter vermeintes Recht stritte. Der Sachsenherzog war aber gar ein mannlicher Held und dem Besten im Kampfe überlegen, darum erbebte die Herzogin, denn sie wußte keinen Kämpen in ihrer Sippschaft, den sie wagen konnte aufzufordern, sich jenem gegenüberzustellen. Da weinte sie im bittern Schmerz, und ihre Tochter weinte mit ihr, und es war ihr weh im Herzen. Siehe, da erhob sich der junge Ritter, so mit dem Schwan gekommen war, von seinem Stuhl, neigte sich gegen den Kaiser und sprach: So du es mir vergönnest, großer Kaiser, so will ich wohl dieser Frauen Kämpe sein. Das wurde ihm gewährt, und er stritt darauf einen schweren Streit mit dem Sachsenherzog, doch obsiegte er ihm endlich und machte so der Herzogin und ihrer Tochter Erbe frei und ledig. Die danketen ihm in Züchten, und die Herzogin bot ihm jeden Kampfeslohn, den sie gewähren könne, und wär' es selbst ihrer Tochter Hand und einstiges Erbe. Da sagte der Jüngling, Werteres könne ihm nimmer geboten werden; sein Name sei Helias, das und mehr könne er von sich nicht sagen, und müsse er unerläßlich bedingen, daß seine Braut und Vermählte nie und nimmermehr ihn frage, wo er hergekommen, welches sein Geschlecht sei, wer ihm Vater und Mutter wäre, und solcher Fragen mehr, denn sowie sie solche Frage auch nur die leiseste und nur ein einziges Mal an ihn richte, müsse sie auf immer ihn verlieren. Diese Bedingnis deuchte der Prinzessin von Brabant gar leicht zu halten; sie gelobte ihm das und vermählte sich dem Schwanenritter Helias. Sie zogen nach Cleve, der uralten Stadt, wo schon Julius Cäsar eine Burg erbaut, erneuern das Schloß und nannten es die Schwanenburg und freuten sich des Lebens und der Landschaft, die schon manche mit den elyseischen Feldern der alten Mythe ob ihrer Anmut verglichen. Beide gewannen auch zwei blühende Kinder und waren sehr glücklich, wären es auch geblieben, wenn nicht der Weiber Erbsünde, die schlimme Neugier, die junge Herzogin gequält und immer mehr gequält hätte. Die mochte gar zu gerne wissen, wer denn eigentlich ihrer Kinder Vater sei, und so drückte es ihr fast das Herz ab, bis sie endlich die Frage tat, die ihr doch so ernst verboten war. Da sprach Helias: Nun hast du dein Glück zerbrochen und mein Glück und hast mich am längsten gesehen. – Und waffnete sich und winkte zum Fenster hinaus – da kam schon der Schwan geschwommen mit seinem Schifflein. Und der Herzog küßte seine Kinder und drückte seiner Gemahlin stumm und schmerzlich die Hand – die weinte überlaut und stürzte ihm voll Reue zu Füßen und wollte ihn zurückhalten, und auch alles Volk flehte ihn an, daß er bleiben sollte. Aber Helias konnte nicht bleiben – er segnete alle, bestieg seinen Kahn und fuhr von bannen. Tief drang der Kummer ins Gemüt der Herzogin, doch erzog sie die Kinder zu tüchtigen Rittern, und ihnen entstammten alle spätem Grafen und Herzoge von Cleve und Geldern und Reineck, die führten meist den Schwan im Wappen. Des Landes Heerschild aber blieb der weiße Stein im roten Felde, um den die acht goldnen Szepterstäbe gestellt sind, bis auf diesen Tag. Auf dem Schwanenturme der Schwanenburg aber zeugt noch ein weißer Schwan, der sich im Winde dreht, von dieser Geschichte. *   136. Gelre, Gelre! Im weiten offnen Lande zwischen dem Rheinstrom und der Maas hauste zu Kaiser Karl des Kahlen Zeiten ein untümlicher Drache, der zehrte Menschen und Tiere auf, und wenn er Hunger hatte, so schrie er mit lauter gellender Stimme immerfort: Gelre, Gelre! Die Menschen wichen aus der Gegend hinweg, die doch schön und fruchtbar war, denn das Untier war unüberwindlich. Nun saß in der Nähe ein Edler, Otto, Herr von Pont, der hatte drei Söhne, deren Altester hieß Leupold, und dieser Leupold war ein tapferer junger Degen und hatte Mut, dem Ungetüm zu Leibe zu gehen. Er wappnete sich auf das beste und erkundete den Ort, wo der Drache hause. Da ward ihm ein alter Birnbaum gewiesen, der voller Mistelpflanzen stand, und da dauerte es nicht lange, so hörte Herr Leupold den Drachen schon schreien: Gelre, Gelre! – Harre nur, dachte der junge Degen, ich will dich schon begelren, und rückte auf den Drachen zu. Dieser funkelte ihn mit feurigen Augen an, die wie Sterne blitzten, und sperrte seinen Rachen greulich auf und blies giftigen Atem daraus hervor, aber Herr Leupold stieß ihm seine Lanze hinein, daß am Hinterkopfe die Spitze wieder hervordrang, und stach ihn mit dem Schwerte in die Weichen und tötete ihn. Voll Dankes priesen die Bewohner der Gegend des jungen Ritters Heldentat und ernannten ihn zu ihrem Oberherrn. Er erbaute sich darauf da, wo er den Drachen überwunden, ein Schloß und nannte das nach dem Drachenschrei Gelre. Daraus ist der Name Geldern entstanden, den die blühende Provinz noch heute führt. *   137. Des Riesen Handwerfen Am Scheldefluß hauste zu Julius Cäsars Zeiten ein Riese auf einem hohen Turme, soll Antigonus geheißen haben, der bewachte das Land und nahm allen, welche dort vorüberreisten oder über das Wasser setzen wollten, die Hälfte ihrer Güter als Zoll ab. Wollten sie den nicht entrichten, so mußten sie mit ihm kämpfen, und dann hieb er dem Besiegten jedesmal die rechte Hand ab und warf sie in die Schelde. Da kam ein Mann, der hieß Brabon, mit mehrern andern Gefährten an die Stelle der Überfahrt, und fanden allda den Knecht des Riesen auf der Wacht, der wehrte ihnen den Übergang; sie sollten erst mit dem Riesen, seinem Herrn, das Ihre teilen, oder sie müßten ihre rechte Hand lassen. Dazu war Brabon nicht geneigt, weder zum einen noch zum andern; darauf schlug der Knecht an eine Eisenstange, die gab tiefen Glockenschall, und da kam der Riese trutziglich vom Turme herunter und fragte: Wer ist es, der mit mir kämpfen will? – Ich allein! erwiderte Brabon, und alsbald begann der Kampf. Da fiel manch harter Kampf und schwerer Streich. Der Riese war ein starker Wigand, und wohin er schlug, wuchs kein Gras mehr. Endlich aber obsiegte ihm dennoch der mannhafte Held Brabon und schlug ihm erst die rechte Hand, hernach auch den Kopf ab, und nahm die Hand und warf sie über den breiten Strom und rief: So weit ich diese Hand werfe, so weit soll auch dieser Strom zu dem Lande gehören, das ich mir jetzt erkämpft! – Und ging, und dankte für seinen Sieg dem Kriegsgotte Mars, und brachte ihm Opfer in seinem Tempel. Und die Hand fiel in des Stromes Mitte, und das Land ward nach dem Helden Brabant geheißen, und die Hälfte der Schelde gehörte fortan zu Brabant. Da nun Julius Cäsar aus Britannien zurückkehrte, kam Brabon zu ihm und erzählte ihm sein Abenteuer mit dem Riesen Antigonus, den er im Ried an der Schelde erschlagen. Da lobte ihn der große Feldherr, und zog mit ihm nach dem Ort, und ließ dort eine Burg erbauen, und weihte sie und gab ihr und dem Lande große Rechte und Freiheiten, und machte Brabon zu einem Markgrafen des römischen Reiches. Der Ort aber ward von dem Handwerfen Handwerpen genannt und wuchs und ward groß und mächtig und ist jetzt die Stadt Antwerpen. Damals hat Julius Cäsar Turnhout gegründet und mit großen Freiheiten begabt, und nahe bei Löwen das Kaiserschloß gebaut. Da er mit dem Helden Brabon dort auf die Jagd ging, schoß er einen mächtig großen Adler und nahm das für ein glückverkündendes Orakel der Götter an. Darum gründete er an jenem Ort eine neue Kolonie und nannte sie Aarschuß, das heutige Aerschot. *   138. Herr Lem Überhaupt gab es in frühen Zeiten in den niedern Landen gegen das Meer hin gar viele und gewaltige Riesen und Heunen, die waren aus Britannien gekommen, von der großen weißen Kreideinsel Albionien, das nach dem Trojaner Britus seinen spätern Namen Britannien empfing. Solch ein Riese saß da, wo jetzt Leiden liegt, der hieß Lem, und bekam einen Sohn, der hieß auch Lem, und später gründete er eine Stadt, da wurde er Herr Lem genannt, weil er darinnen als ein Herr gebot, und die wurde nach ihm genannt, das ist Harlem. Im Harlemer Walde stand ein Bacchustempel, und der ganze Wald war diesem Gotte heilig. Von ihm wird noch ein Kanalgraben bei Harlem Bakenessergracht genannt, und wo der alte Bacchustempel stand, steht jetzt die Bakenesserkerk. Des Riesen Herr Lem Frau hieß Walberech und soll ein abscheulich großes und starkes Mensch gewesen sein. Wenn sie von Holland nach England wollte, tat sie nur einen Schritt. Sie hatte große Pferde und Rinderherden, die weideten am Ufer der Nordsee, da kam ein Schiff mit Räubern gefahren, die landeten an und nahmen das Vieh von der Weide und beluden ihr Schiff damit, das nicht klein war. Als Walberech kam, nach ihren Herden zu sehen, waren diese fort, und fern auf der See schwamm das Schiff, wo die Herden darin waren. Da trat Walberech in das Wasser, langte hin, nahm ihre Herde wieder, hing die Ochsen und Kühe auf die eine Seite, die Pferde auf die andere, und die Schafe setzte sie auf ihren Kopf, die krochen darauf herum wie die Schafläuse auf einem Schafkopf. Das Schiff aber nahm Walberech, hob es hoch und schleuderte es dann mit Gewalt in das Wasser bis zum Grunde. Die Räuber fraß Walberech und trank ihr warmes Blut und ging dann wieder nach Hause. *   139. Gangolfs Brunnen Im Lande Languedoc war ein Graf, Gangolf mit Namen, der zog gegen die Sarazenen und Vandalen und kam in Welschland auf ein Blachfeld, wo ein klarer Brunnen sprang. Dort ließ er sich nieder, und ließ Gezelte schlagen, und trank mit all seinen Wappnern aus dem Brunnen, und ließ auch die Tiere tränken. Da kam des Feldes Eigentümer daher und schalt und sagte, das sei nicht des Landes Gewohnheit und Sitte, den Leuten das Gras zu vertreten, und sich ungefragt niederzulassen, und Menschen und Vieh aus fremden Brunnen zu tränken. Darauf sprach Gangolf sanftmütig und freundlich also: Es tut mir leid, mein guter Herr, daß es geschehen, doch zürnet nicht allzusehr, wenn es Euch genehm, so kaufe ich Euch den Brunnen ab. – Das, meinte jener Mann, sei ein Wort, das sich hören ließe, und lachte in seinem Herzen als ein Schalk, indem er meinte, den Brunnen möge der Fremde immerhin kaufen, wenn nur der Platz sein bliebe, auf dem er quelle. Und heischte des Geldes nicht allzuviel, und Gangolf zahlte es und hob sich hinweg mit den Seinen, nachdem er seinen Stab in den Quell eine Weile gestellt hatte. Da nun Gangolf wieder in seine Heimat nach der Grafschaft Burgund kam, stieß er seinen Stab in seinem Hof in den eignen Grund und Boden, da sprang alsbald ein heller, wasserreicher Quell, und jener Brunnen, den Gangolf im welschen Lande gekauft, versiegte auf immerdar. Diese burgundische Sage würde nicht unter den deutschen Sagen dieses Buches stehen, wenn sich nicht von ihr ein auffallender Widerhall, sogar bis auf den Namen, im östlichen Frankenlande fände. Am Felsenberge Milseburg im Rhöngebirge springt der von allem Volke wertgehaltene Gangolfsbrunnen. Da war ein Heiliger, Gangolf geheißen, der liebte diesen Berggipfel wegen seiner Einsamkeit und kam hinab nach Fulda, die uralte Bischofstadt, und fand bei einem Bürger einen klaren Brunnen, kaufte den dem Bürger ab, und derselbe meinte wunders, wie er den frommen Mann überlistet; denn, dachte er, der Brunnen mag immerhin sein eigen sein, mein bleibt doch der Platz, wo er quillt. Aber St. Gangolf ließ sich einen kleinen hölzernen Brunnenkasten machen, füllte den mit Wasser aus dem Brunnen, trug ihn eigenhändig auf die Milseburg, stellte dort den Kasten hin und durchstieß mit seinem Stabe den Boden. Siehe, da quoll das Wasser fort und fort von unten herauf in den Kasten, daß dieser überfloß, der Brunnen des Bürgers drunten in Fulda aber versiegte. Der Gangolfsbrunnen aber quillt noch unversiegbar fort bis auf den heutigen Tag, sein Wasser, wohl verstopft, soll sich jahrelang frisch erhalten, auch die sondere Tugend haben, für Frauen ein Kindleinsbrunnen werden zu können. *   140. Die Isabellenfarbe Es geschahe, daß die Spanier die Stadt Ostende belagerten, welches aber die Holländer auf das allerhartnäckigste verteidigten. Wenn jene auch ein Außenwerk einnahmen, so warfen die Belagerten alsbald ein neues Bollwerk auf. Isabella, die Gemahlin des Erzherzogs Albert von Österreich, eine Infantin von Spanien, die bei ihrem Gemahl im Lager war und kriegslustigen Gemütes, tat einen Schwur und sagte: Ich will nicht eher mein Hemde wechseln, bis daß Ostende über und von uns genommen ist, und meinte, es würde eine längste Zeit sein, wenn sie das Hemde acht Tage ungewechselt auf dem Leibe trüge. Aber so schnell ging es nicht, die Belagerung dauerte etwas länger; siebenzigtausend Spanier ließen vor Ostende das Leben, funfzigtausend Leben kostete die Verteidigung den Staatengeneralen von Holland. Ostende wurde darüber fast ein Steinhaufen, und Isabella blieb ihrem Schwur getreu und trug das Hemde fort und fort. Als die Belagerung begann (22. Juni 1601), war die Jahreszahl in den Worten enthalten: OstenDe nobIs paCeM : zeige uns den Frieden – und als sie endlich endete, nachdem sie nicht weniger als drei Jahre, zwei Monate und siebenzehn Tage gewährt, da konnte man das Jahr in den Worten finden: OstenDaM paCIs InItIa : ich will euch zeigen des Friedens Anfang. Und da nun endlich die Frau Erzherzogin Isabella ihr so lange getragenes Hemde auszog, so hatte das ohne die Löcher, die hineingefallen waren, eine sehr eigentümliche und unentschiedene Farbe, welche äußerst in Mode kam und nach der Infantin benamt wurde. Nie hat die Erfindung irgendeiner Farbe auf der Welt so viel gekostet als die Isabellenfarbe. *   141. Doktor Faust und sein Teufel Jost Auch das Niederland hat seine eigne Sage vom weitberufenen Doktor Faust. Selbiger war gar ein gelahrter Mann und hatte seinen Wohnsitz auf dem Schlosse Waerdenberg bei Bommel. Alldort laborierte und alchimisierte er, suchte den Stein der Weisen und konnte ihn nicht finden. Da dachte der Teufel, mit dem Doktor sei wohl ein Fang zu tun, trat daher zu ihm und sprach: Ohne mich wird dir nichts glücken, deine Köcheleien, und was du braust und destillierst, das alles taugt den Teufel nicht. Nimm mich zum Diener an, so sollst du haben, was dein Herz begehrt, sieben Jahre diene ich dir, und dann dienst du mir. Das war dem Doktor Faust recht, daß ihm der Teufel dienen wollte, denn er glaubte nicht an eine Ewigkeit und an eine Strafe drüben, und verschrieb sich dem Teufel mit seinem Blut. Und wie er das getan hatte, so war nichts so schön auf der Welt, was Doktor Faust nicht begehrt hätte; aus Paris mußten die besten Kleider kommen, aus Amsterdam die besten Leckereien, aus Harlem die schönsten und teuersten Tulpen, im Sommer aß Faust Eis und im Winter süße Trauben, das alles mußte der Teufel, sein Diener, der sich Jost nannte, herbeischaffen, denn Faust hatte seine größte Freude daran, den höllischen Knecht gehörig im Trabe zu erhalten. Wenn Faust von Waerdenberg nach Bommel fahren wollte, wozu er nicht länger Zeit brauchte als nach Konstantinopel, als wohin er auch zum öftern fuhr, so rief er seinen Teufel: Jost! Schlag eine Brücke über die Schelde, und brich sie hinter mir ab! Rasch! – Und in einem Augenblicke war die Brücke da und auch da gewesen. Die Bommeler Straßen hatten ein vorsündflutliches Pflaster, gerade wie manche gute Stadt im lieben Thüringer- und im übrigen Deutschland, da rief Faustus: Jost, pflastere rasch, pflastere vor den Pferden her, und hinter dem Wagen räume ab, ich kann die Bommeler nicht leiden – sie können auch fernerweit im Drecke baden. – In einem Keller zu Bommel hatten sie prächtiges Bier aus Tiel, das schmeckte Faustum, und er bezechte sich, und danach setzte er sich auf das Faß, wie er dort zu Leipzig in Auerbachs Keller auch getan, und Jost mußte das Faß samt Faustum aus dem Keller schroten, während derselbe reitend daraufsaß, das haben viele Gäste mit angesehen. Da Faustus wahrnahm, daß der Teufel ihm nichts zuliebe tat, sondern alles aus grimmem Haß, so ärgerte er ihn, ließ ihm keinen Augenblick Ruhe, und wenn der Teufel gedachte, es wäre genug getan, er wollte nun auch ruhen und ausschnaufen, da war es weit gefehlt, da säete sein schlimmer Herr einen Scheffel Korn unter die Dornhecken, dann mußte Jost alles zusammenlesen, da durfte kein Körnlein mangeln, oder der Doktor schüttete einen Sack Mehl aus dem Fenster, und Jost hatte es wieder aufzusammeln, daß ja kein Stäublein fehle. Darüber wurde der arme Teufel ganz mager, dünn und spinnebeinig, und er hatte es dicksatt und sprach endlich zu Faust: Höre, mein werter Doktor! Bei dir kann es kein Teufel aushalten, für solche Herrschaft dank' ich schön. Ich habe diese vier Jahre her mehr geschwitzt und gebraten als meine ganzen Lebetage in der Hölle. Du heizest einem ja ärger ein als Beelzebub und machst einem so warm, uff! Ich schenke dir die vier Jahre und deinen Kontrakt, gib mich frei, du sollst alles umsonst genossen haben! Aber Faust sagte: Quod non Diabole! Verträge muß man halten, bist du meiner müde, bin ich doch nicht deiner müde! Und so mußte der Teufel Jost dem Doktor Faust noch drei volle Jahre dienen. Als diese drei Jahre herum waren, wer war da froher als der Teufel? Er fuhr so recht wie der Teufel auf das Schloß Waerdenberg, packte Faustum und zerrte ihn an den Haaren durch ein engvergittertes Fenster des Schloßturmes, daß das helle Blut ringsherum spritzte. Das machte Flecken, die nicht wegzuwaschen sind und immer noch gezeigt werden. Seltsam ist's, daß die weitumgehende Sage vom Teufelsbündner Doktor Faust sich gern an Orte nahe verwandten Klanges heftet, die deutsche Sage läßt ihn im Lande Württemberg zu Knittlingen geboren werden, läßt ihn in Wittenberg lehren, in dessen Nähe enden, und die deutsch-niederländische Sage versetzt ihn nach Schloß Waerdenberg. Diesem Zusammenhang mögen die Forscher der Sage weiter nachsinnen, ob dies mehr als bloßer Zufall sei. *   142. Vom Zauberer Agrippa Der weit berufene Zauberer Henricus Cornelius Agrippa wohnte zu Löwen, er führte stets einen schwarzen Hund mit sich, der ihm auf dem Fuße folgte, wie dem Doktor Faust sein Hund Prästigiar; mochten wohl beide von einer Art abstammen, und hieß des Agrippa Hund Paradrius. Dieser weise Meister der Magie, Agrippa, hatte stets einen Schüler, dem er die schwarze Kunst lehrte, und der ihm als Famulus diente. Nun trug sich mit einem dieser Schüler folgendes zu. Der Meister mußte verreisen, und der Schüler, den er damals gerade hatte, war noch zu unerfahren, als daß der Meister ihn hätte in seine Heimlichkeit blicken lassen können oder wollen. Er gab daher beim Abschied den Schlüssel zu seinem Studierzimmer der Hausfrau und befahl ihr bei Leib und Leben, keinen Menschen in dasselbe einzulassen. Kaum aber war der Meister hinweg, so bat der Schüler die Frau, ihn in des Meisters Zimmer zu lassen, denn er war neugierig und brauchte allerlei Vorwand, und ob auch anfangs die Frau widerstand, so gab sie endlich doch nach und ließ den Schüler ein. Da lag das große Zauberbuch des Meisters auf seinem Pult an einer Kette, damit es keiner wegtrage. Neugierig trat der Jüngling hinzu, schlug das Buch auf und begann darinnen zu lesen, er wußte aber kaum, daß das, was er las, eine Beschwörungsformel war. Da klopfte es an die Türe. Jener überhörte das Klopfen und las weiter. Es klopfte noch einmal, aber jener hörte wieder nicht, er las immer weiter. Da sprang die Türe auf, und es trat ein höllischer Geist ein, fürchterlich anzusehen, und fragte: Was rufst du mich? Was soll ich dir tun? – Der Schüler bebte, als die übermächtige Erscheinung vor ihm stand, er vermochte nicht zu sprechen – das Entsetzen faßte ihn, er konnte auch den Geist nicht wieder hinwegbannen, zürnend hob der Geist die Hand, und der Schüler sank entseelt zu Boden. Das alles sahe in der Ferne der Zauberer Agrippa in seinem Erdspiegel und eilte flugs nach Hause zurück, rief einen dienstbaren Geist und gebot ihm, in die Leiche zu fahren und aus dem Hause zu wandeln, damit es nicht heiße, als sei bei ihm sein Schüler umgekommen, dann aber wieder von dem Körper zu weichen. Diesem Gebot gehorchte der Geist, und der Schüler wandelte wieder, wie lebend, durch die Straßen. Aber an einer Ecke fiel er um, denn der Geist hatte ihn wieder verlassen, und jedermann konnte nicht anders glauben, als daß ihn erst an dieser Stelle ein jäher Tod befallen. Da es mit Henricus Cornelius Agrippa zum Sterben kam, verfluchte er seinen Hund und rief: Packe dich hinweg, du, meiner Verdammnis Schuld und Urheber! – Und nach dem Tode des Meisters ist der Hund hinweggekommen, niemand wußte wohin. Einige sagen, er sei in das Wasser gesprungen und seit der Zeit nicht mehr gesehen worden, andere sagen, Agrippa habe den Hund vor seinem Ableben an einen Freund verschenkt, dem dann der Hund, gleich dem vorigen Herrn, auf eine Zeit habe dienen müssen. Es hatte jedoch mit solcher Gabe gar ein nachdenkliches Aber. *   143. Der Hund des Jan von Nivelle Zu Nivelle geschah es, daß Bouchard V., Herr von Montmorency, das Kloster von Sankt Gertrud besuchte, dessen Äbtissin gleichsam als die Herrin der Stadt angesehen wurde, und dessen Fräulein morgens geistliche, abends aber weltliche Kleidung trugen, auch, wenn es ihnen gefiel, das Kloster verlassen und heiraten konnten. Eines dieser Klosterfräulein gefiel dem Herr von Montmorency über die Maßen wohl, er liebte es und ward wieder geliebt, doch konnte er es nicht ehelichen. Die Frucht dieser Liebe war ein Sohn, der empfing den Namen Jan von Nivelle, und als derselbe herangewachsen war, schenkte oder kaufte ihm sein Vater ein kleines Gut mit einem Schlößchen, und der junge Herr zog abenteuernd in der Welt umher, erkämpfte manchen Dank und erwarb am Hofe Gottfrieds des Beherzten auch die Liebe einer schönen Dame, die ihm willig zu folgen verhieß, als er ihr antrug, ihm auf sein Schlößchen bei Nivelle zu folgen. Er setzte seine Angebetete hinter sich auf das Pferd, sein treuer Hund lief nebenher, und so ritten sie miteinander eine gute Strecke und wechselten manch süßes minnigliches Wort. Siehe, da kam ein stattlicher und schöner Ritter dem Jan von Nivelle entgegen, der bot ihm nach abenteuernder Ritter Brauch sogleich Kampf an und forderte, daß er mit ihm um die Dame eine Lanze brechen solle, und wer obsiege, dem solle sie gehören. Jan von Nivelle war tapfer genug, um keinem Abenteuer sich zu entziehen, hier aber sprach er: Weshalb soll ich kämpfen um das, was schon mein ist? Die Jungfrau wird wohl wissen, wem sie folgen will, sie allein mag entscheiden, wem sie gehört, nicht Schwert und Lanze! – Wohlan, edle Jungfrau, so entscheidet Ihr! sprach mit höhnischem Blick auf Jan von Nivelle der fremde Ritter, und siehe, die Jungfrau sprang vom Roß herab und ließ sich von dem Fremden auf das seine heben, sei es, daß dieser ihr besser gefiel, sei es, daß sie bereits im Einverständnis mit ihm war. Jan von Nivelle verlor über diese Treulosigkeit kein Wort; er grüßte seinen Gegner nach Rittersitte und ritt mit seinem Hunde weiter, nachdenkend über des Weibes Art und Launen. Er war aber noch gar nicht weit geritten, so kam sein Gegner ihm nachgesprengt, der die Schöne einstweilen seiner harren ließ, und rief: Meine Herrin hat gar ein großes Wohlgefallen an Euerem Hunde, edler Ritter! Wolltet Ihr mir den lassen ohne Gefährde? Außer dem müßten wir dennoch einen Gang miteinander tun. Jan von Nivelle blieb auch bei dieser sehr wenig bescheidenen Forderung ganz ruhig und erwiderte: Ich habe die Jungfrau nicht gehalten, nach eigener Wahl zu handeln, ich halte auch meinen Hund nicht; wen von uns zweien er erwählt, der nehme ihn hin. – Des war der Ritter sehr erfreut und lockte den Hund und bot ihm gute Bissen, aber der bleckte die Zähne gegen ihn und knurrte ihn grimmig an und wäre ihm vielleicht gleich in das Gesicht gesprungen, wenn sein Herr ihn nicht abgerufen. Dieser lenkte jetzt ohne Gruß sein Roß von dannen, der Hund schoß mit freudigem Bellen an ihm vorbei, und jener Ritter wandte sich beschämt zu der Jungfrau zurück, die an Treue der Hund beschämte. Das ist der Sagenstoff zu Bürgers Gedicht Das Lied von Treue. Es hat auch noch einen Jan Nivelle den Zweiten gegeben, der machte Bekanntschaft mit dem Zauberer Heinrich Cornelius Agrippa, und da dieser einst durch Nivelle kam, lud er ihn gastlich auf sein Schloß und bewirtete und herbergte den berühmten Mann allda auf das köstlichste, erzählte ihm die vorstehende Geschichte und wünschte sich auch einen so treuen Hund. Zum Danke verehrte Agrippa dem Schloßherrn einen schwarzen Hund – den haben viele für einen schlimmen Geist gehalten, und der Hund hatte einen ganz geheimnisvollen Namen, und niemand kannte ihn als sein Herr, Jan von Nivelle, allein. Diesen Hund mochte rufen und anlocken, wer da wollte, er hörte auf niemand als auf seinen Herrn. Dieser Jan von Nivelle-Montmorency soll der Großvater des Grafen Horn gewesen sein, der mit Egmont in Brüssel zugleich enthauptet wurde. Seine Mutter war Gudula Vilain von Gent. *   144. St. Johannisäpfel Es war ein heiliger Bischof von Tongern, zubenannt das Lamm, der war vorher ein Ackersmann gewesen, der seiner Pflicht lebte und fromme Werke übte. Eines Tages zog Johann seine Furchen auf dem Acker, da stand ein Mann in Pilgertracht vor ihm, von überirdischem Ansehen, und sprach: Gott grüße dich, Bischof von Tongern! Wen grüßet Ihr also? fragte Johann, indem er sich rings umsah. Dich! antwortete der Pilger, den der Herr ob deiner Frömmigkeit erkor zum heiligen Amte. – Solches glaube ich nimmermehr! Hebe dich weg, Versucher! rief Johann aus, so wahr das trockne Holz deines Stabes grünet und Früchte trägt, so wahr werde ich Bischof von Tongern. – Schaue und glaube dann! rief der Pilgrim, stieß seinen Stab in den frischgepflügten Ackerboden, und alsbald bedeckte sich derselbe mit junger Rinde, trieb Sprossen und Zweige, die setzten Blüten an, und die Blüten wurden schöne Apfel. Alles ging in Erfüllung, der Baum blieb stehen, und seine lieblichen Apfel wurden durch Schößlinge weit im Lande verbreitet und heißen St. Johannisäpfel bis auf den heutigen Tag. Noch weiter verbreitet sind die Sagen von grünenden Stäben, die meist zu Wunderbäumen erwuchsen, wie in Thüringen jener Wunderbaum zu Varila, den Bonifazius aufpflanzte, des Papstes Urban Stab in der Sage vom Ritter Tannhäuser und manche andere mehr. *   145. So viel Kinder als Tage im Jahre Eine Stunde von Gravenhage liegt ein Dorf, das heißt Losduinen (sprich Losdeunen), da hat ehemals ein Kloster gestanden; die Sage geht alldort, daß dieses Kloster wegen ruchlosen Lebens seiner Bewohner in einer Nacht versunken sei, und daß an einer gewissen Stelle, die aber nicht jeder findet, ein Sausen und Brausen in der Tiefe gehört werden könne. Nur die Kirche blieb erhalten, sie liegt außerhalb des Dorfes, östlich, und es werden in derselben zwei kupferne Taufbecken gezeigt, an die sich folgende Geschichtssage anknüpft. Graf Floris IV. von Holland hatte von seiner Gemahlin Mechthild eine Tochter, des Namens Margaretha, und vermählte diese mit Hermann I. Grafen von Henneberg, den die Alten als einen freudigen und mannhaften Helden priesen. Margaretha gebar ihrem Gemahl einen Sohn, Poppo, und eine Tochter, Jutta, welche letztere sich noch bei der Mutter Leben, mit dem Markgrafen Otto dem Langen zu Brandenburg, vermählte. Auch die Mutter hatte sehr jung geheiratet und reiste in ihrem zweiundvierzigsten Jahre nach dem Haag, ihrem Heimatlande. Da habe nun diese Gräfin ein armes Frauchen erblickt, das auf jedem Arm ein Kindlein trug und sie anbettelte, und die Kinder wären Zwillinge gewesen. Habe die Gräfin gezweifelt, daß eine Frau von einem Manne mehr denn ein Kind auf einmal empfangen könne, der Armen die Gabe geweigert, ja sie verhöhnt und geschmäht. Darüber ward die arme Frau kläglich weinend, hob ihre Augen gen Himmel und rief: O Herr und Gott, der du bist aller Dinge im Himmel und auf Erden mächtig, ich bitte dich demütiglich, daß du wollest dieser Gräfin so viele Kinder auf einmal in ihren Schoß bescheren, als Tage im Jahre sind. Und sei weinend hinweggegangen. Und am selben Tage fühlte die Gräfin sich gesegneten Leibes und nahm von Stund an zu und wurde so stark und so schwer, daß kein Mensch alle sein Lebtage dergleichen gesehen hatte. Nun hatte ihr Vater ein Haus in Losduinen, da blieb sie wohnen, denn sie vermochte nicht nach ihrer neuen Heimat in das Land Henneberg zu reisen, und am Charfreitag, als man schrieb eintausendzweihundertundsechsundsiebenzig, da gebar sie dreihundertundfünfundsechzig Kinder, Knäblein und Mägdlein durcheinander, alle ganz ausgebildet an allen Gliedern. Die taufte am andern Tage der Bischof Otto von Utrecht, ein Ohm der Frau, in den zwei Becken (nicht in einem, wie viele sagten und schrieben), die noch heute in Losduinen zu sehen sind, und nannte die Knäblein Johannes und die Mägdlein Elisabeth. Sie starben aber alle bald darauf an ihrem Tauftage, am Vorabend des heiligen Osterfestes, und die Mutter desgleichen, und wurden miteinander in der Klosterkirche begraben. Hernachmals ist diese Geschichte in mancherlei Denkversen in deutscher, lateinischer und holländischer Sprache auf eine Holztafel innerhalb der Kirche zu Losduinen verewigt worden, welche vormals links neben der Kanzel hing, ein Grabstein aber, dessen in vielen Schriften gedacht wird, welche diese Sage mitteilen, ist allda nicht vorhanden. Zum Andenken an jene Wundergeburt wurde an das Ufer der Maas eine Burg gebaut, welche so viele Fenster zählte, als das Jahr Tage hat, und es steht auch noch am Eingange des Dorfes Losduinen, wenn man vom Haag herkommt, fast vereinzelt ein großes Haus, das trägt über der Türe die Inschrift: IN DEN HENNENBERG – Den beiden Taufbecken legt das Volk eine wunderbare Kraft noch heute bei und hält sie in hohen Ehren. Unfruchtbare Frauen werfen stillschweigend nach und nach eine Handvoll Sand an die Becken, damit entlocken sie der Mutter Natur den erwünschten Segen. – Zu Delft in der schönen Hippolytikirche ist auf einer Tafel diese Geschichte geschildert, und in der Abtei zu Egmont soll ein Grabmal der Gräfin Margaretha befindlich sein. *   146. Der ewige Jäger Die alten Grafen von Flandern hatten ein Schloß, des Namens Wynendael, in dessen Nähe wohnte ein frommer Bauersmann, der hatte nur einen einzigen Sohn, aber der war nicht fromm und fleißig wie sein alter Vater, sondern mit Leib und Seele der Jagd ergeben, so daß er gar wenig daheim blieb oder seines Ackers wartete, sondern immer nur in den Wäldern herumstreifte, und da half kein Bitten und kein Drohen bei dem schlimmen Buben. Nun kam der Alte zum Sterben und fühlte sein nahes Ende und wollte vom Sohne Abschied nehmen und ihm noch eine Ermahnung zurücklassen, ließ daher denselben bitten, zu ihm zu kommen, aber der Sohn blieb draußen, obgleich er des Vaters nach ihm verlangende Worte vernahm, nahm sein Jagdgewehr, pfiff seinen Hunden und ging hinweg in den Wald. Darüber ergrimmte der sterbende Alte und hob die Hände empor in Verzweiflung und verfluchte den Sohn mit den Worten: So jage, jage, jage in alle Ewigkeit – in alle Ewigkeit – und sank zurück und war tot. Und seit dem Tage kam der Verfluchte nie mehr nach Hause, in den Wäldern hörte man ihn schreien: Jakko! Jakko! Jakko!, als Raubvogel hörte man ihn kreischen, als Hund bellen, und so muß er es forttreiben bis zum Jüngsten Tage, wo nicht noch länger. Erst als um Wynendael allmählich die Wälder ausgerottet wurden, verlor sich aus dortiger Gegend der Spuk des ewigen Jägers und zog sich höher hinauf, wo es noch Wälder gab. *   147. Tückebold Kludde In ganz Flandern und Brabant glaubt das Volk an das Dasein eines bösen Geistes und nennt ihn Kludde, aber auch Kleure. Er spukt überall und in allen Gestalten, häufig zeigt er sich dem Mahr verwandt, erscheint als altes mageres Pferd mit durchscheinenden Rippen und struppiger Mähne, mischt sich unter die des Nachts im Freien werdenden Rosse, und wenn einer der Hüter meint, er besteige einen der besten Hengste, um einen Ritt zu machen, so ist's der Geist Kludde in Pferdegestalt, der mit ihm wild davonrennt, als jage ihn der helle Teufel, bis er an ein Wasser kommt, wo er den verzagenden Reiter hineinwirft. Dann fängt der Geist Kludde an zu lachen, daß sich entsetzt, wer dies Gelächter hört, und legt sich auf den Bauch und wälzt sich vor Lachen, während sein Reiter aus dem Wasser- oder Schlammbade sich angstvoll herausarbeitet. Manchesmal flackern vor dem Kludde zwei blaue Flämmchen her, die nennen die Bauern und die Pferdeknechte Stalllichter und halten dafür, daß die Flämmchen des Geistes Augen seien. Kludde kann sich zum Baum machen, klein wie ein Schlehenstrauch und bis hoch in die Wolken wachsen; Kludde kann dich als Schlange umringeln und als Hornisse umsumsen, er schreckt dich als Fledermaus oder als Kröte, er kann Katze sein und Maus, Frosch und Ochse. Man hört ihn auch rufen, und sein Ruf lautet Kludde! Kludde! So ruft er seinen Namen, wie der Vogel Kuckuck, der verrufene Gauch. Er neckt und plagt zu Lande wie zu Wasser; am Seegestade ist er Neck, auf dem platten Lande Schreck, ein greulicher Spuk, selbst Werwolf. Geist Kludde soll der Geist eines Mannes sein, der mit dem Teufel ein Bündnis hatte, und zu ruhelosem Wandeln auf Erden und Plagen der Menschen verurteilt sein. Einstens ging ein Mädchen mit ihrem Geliebten und einem Freunde desselben über Land, und waren in guten Gesprächen, da rief der Liebhaber mit einem Male: Schaut dorthin! Was sehe ich dort? – Die andern sahen nichts. – Was siehst du denn? – Kludde ist's! Jetzt springt er als Hund! Seht, er streckt sich – jetzt ist er ein Schaf – jetzt eine Katze – nein – da ist er ein Baum geworden. – Die andern konnten nichts von alledem erblicken. – Sag's, wenn du ihn wieder siehst! rief der Begleiter, ich will auf ihn zugehen. – Da läuft er ja vor uns her! – Jener sah nichts, und sie wandten sich, nach Hause zu gehen. Vor dem Hause lag eine Steinplatte etwas lose, unter die man den Hausschlüssel zu legen pflegte. Und da rief der Liebhaber wieder: Seht! Seht ihr ihn nicht? Er sitzt ja auf der Platte, da kann ich nicht zum Schlüssel! Komm, Mieken, wir wollen dich erst nach Hause geleiten, du ängstigst dich. – Als die Freunde wiederkamen, sah der Liebhaber immer noch den Geist auf der Platte hocken, und der andere sah nichts. Dieser ging nun stracks auf die Platte zu und nahm ungehindert den Schlüssel, der Geist sprang hinweg. Ungehindert kam der Liebhaber in sein Haus und schloß es schnell. Der Begleiter bekam Kludde nicht ein einziges Mal zu Gesicht. *   148. Die Tückebolde Lodder und lange Wapper Ein dem Kludde verwandter Geist spukt in der Gegend um Brüssel umher, ganz in ähnlicher Weise. Schnitter, die abends ihre Kleider abgelegt hatten und ruhten, hörten von fernher kommend ein Gerassel, wie von Ketten, das näherte sich bis an den Ort, wo ihre Kleider lagen, die aber lagen ganz ruhig. Ein Gewitter zog heran, die Schnitter zogen ihre Kleider an und wollten heimgehen, da rasselte und prasselte es ganz in der Nähe, und plötzlich schrie einer der Schnitter: Lodder! Lodder! Schlagt zu! Schlagt zu! Ich sitze drauf. – Und da ritt er schreiend fort, und keiner sah, auf was er ritt, und alle lachten, denn der Geist Lodder war unsichtbar und rannte fort mit der erfaßten Last des Schnitters und warf ihn bei einem Weiher in das Gras und plumpste ins Wasser, und mußte jener froh sein, daß nicht er in das Wasser geworfen worden. Einem Zechgesellen begegnete es, daß er, als er abends ziemlich spät nach Hause kam, an der Erde etwas ticken und tacken hörte. Neugierig lauschend bog er sich nieder, ticketack, ticketack ging es fort und fort. Er griff hin, und siehe, unter einem Stein lag eine gehende Uhr. Er nahm sie und steckte sie ein, und in seiner Kammer zog er sie hervor, sie im Mondschein recht augenscheinlich zu betrachten, da zeigte ihr Zeiger auf Zwölf, und auf der Kirchenuhr schlug es Zwölf, die Uhr ging also genau, aber sie wurde mit einmal so kalt, eiskalt, und feucht, und so schwer, und wie der Gesell recht hinsah, hielt er eine dickaufgeschwollene Kröte in der Hand. Schaudernd warf er das Ungetüm zur Erde, und in dem Augenblick hatte er einen großen Hund bei sich in der Kammer, der hatte ein paar Augen wie zwei Schiffslaternen, und der Gesell fiel vor Schreck auf sein Bett, der Hund aber sprang zum Fenster hinaus und schlug ein Höllengelächter auf. So hat der Tückebold Lodder gar viele geäfft und mit seinem nächtlichen Erscheinen, teils mit seiner Stimme und seinem Gelächter, manche zum Tode erschrecken gemacht. Ein anderer Tückebold ist der lange Wapper, der spukte vornehmlich zu Antwerpen und gehörte zu demselben Gelichter; er verschmähte es nicht, selbst unschuldige Kinder zu betören. Er spielte mit ihnen um Schüsser und Knickers, ließ sie gewinnen, und wenn sie meinten, die Tasche recht voll gewonnene Küglein zu haben, und wollten sie zeigen, dann waren es Schaflorbeeren. Wenn er mit den Jungen das Diebspiel spielte, kartete er es so ab, daß er den Henker machte, und dann henkte er die armen Buben wirklich, und wenn sie sich zu Tode zappelten und die andern alle davonliefen, so schlug er ein unmenschliches Gelächter auf. Ein Büttnergesell trat bei einem Meister ein, schien ein anstelliger Bursche. Da der Meister ein Faß pichen wollte, hieß er den Gesellen das Pech einwerfen und Hobelspäne im Faß anzünden; der Gesell tat's, steckte aber mit dem brennenden Faß das ganze Haus in Brand, und als der Meister ihn wütend verfolgte, sprang der Gesell ins Wasser und puttelte darin herum und lachte wie ein rechter Kobold. Mit Mühe wurde der Meister Meister des Feuers. Ein Brauer hatte auch einen neuen Gesellen gedingt; der war gar kräftig und fleißig; am Abend rollte er eine schwere Tonne voll Bier mit einem Nebengesellen von ihrer Stelle, stellte dem Nebengesellen flink ein Bein, daß er fiel und unter die Tonne kam, die drückte ihn breit wie eine Oblate, und der neue Gesell lachte, daß die Gewölbe erbebten. Als die andern Braugesellen darüber sich erzürnten und ihn prügeln wollten, rannte er dicht vor ihnen her, und plumps, lag er im Braubottich, und plumps, purzelten drei, viere, die ihm dicht auf den Fersen waren, auch hinein und verbrühten sich elendiglich. Der lange Wappers aber schaute plötzlich aus einer Trebernbütte heraus und lachte, daß alle hohlen Fässer dröhnten. Eines Tages kam ein Mann zu Antwerpen die Straße entlang, der schrie: Kauft Muscheln, kauft Muscheln! Vor einer Türe saßen vier Frauen, die riefen den Mann an und hatten Lust, Muscheln zu kaufen. Er öffnete eine zur Probe, die war aber faul, er öffnete eine andere, die war desto besser. Die eine der Frauen führte sie zum Mund und wollte schmecken, ob sie gut sei. Da krabbelte es ihr im Munde, und sie spie das Eingenommene aus, da war es eine große, ganz schwarze, haarige Spinne. Die Frau brach vor Ekel alles aus dem Leibe heraus, der Tückebold lachte und verschwand samt seinen Muscheln. Zahllos sind die Sagen, die vom langen Wapper im Volke zu Antwerpen umgehen, es war nicht gut, ihn zu nennen, es ging mit ihm wie mit dem Weiberwetzstein zu Wendhausen in Franken, den keiner loben und keiner schelten durfte, und wer seinen Namen nannte, tat mehr übel als klug. Häufig hielt dieser Geist sich unter einer Brücke auf, sie heißt heute noch die Wapperbrücke, machte sich klein wie ein Schulbube, nahm der Abwesenden Gestalt an, absonderlich gegen die Dämmerung, wenn die Knaben spielten, und spielte ihnen selbst allerlei Schabernack. Der lange Wapper konnte sich so hoch und lang strecken, daß er bequemlich den Leuten in den höchsten Häusern in die obersten Stockwerke hineinsehen konnte. Da rief er denn denen, die er drinnen erblickte, und nicht immer in allertugendsamster Hantierung, manches erschreckende Wort zu. An vollen Tafeln saß er als Gast und zechte mit; ehe man es sich versah, besonders aber wenn der Teller umging, um die Zeche zu zahlen oder eine Auflage für Arme zu machen, hörten die andern sein Gelächter, er selbst war verschwunden. Gern weilte er bei Spielgesellen, spielte mit, verlor die größten Summen, dann hatte er nichts zu zahlen, begann Streit, lockte die Mitspieler vor die Türe, hetzte sie aneinander, daß sie zu den Messern griffen, und wollte sich totlachen, wenn ihrer einer oder etliche auf dem Platze blieben. Nur eifriges Gebet konnte und kann der lange Wapper nicht vertragen, das ist nicht seine Farbe. Damit war er leichtlich abzutreiben; so auch waren ihm Christus- und Marienbilder sehr zuwider. Als die Leute zu Antwerpen solches merkten, stellten sie deren Bilder an allen Straßenecken und schier in allen Straßen auf, da gab der lange Wapper der Stadt Antwerpen Valet und machte sich nach der See zu und hat seinen Spuk mit Fischern, Schiffleuten und Matrosen. *   149. Der Geist Osschaert Ganz Holland ist voll Spukgeister, Kobolde und Tückebolde; die stillen Flächen, die weiten Ebenen, die tiefen Gewässer – das flüsternde Röhricht, das murmelnde Wellenrauschen – aus allen brechen und sprechen die Stimmen der Natur geheimnisvoll, und des Volkes eigner Sinn gibt sich dem geisterhaften Geheimnis gern gefangen. Im Wanslande geht ein Geist um, der Osschaert heißt, der treibt viel mannigfaltigen Spuk, guten und schlimmen, recht nach Koboldnatur. Er teilt alle Eigenschaften des Kludde, des Lodder und des langen Wapper, macht sich groß, macht sich klein, macht sich sichtbar, macht sich unsichtbar, wandelt in Tiere sich um, wirft Trunkenbolde zur Abkühlung ihrer Saufhitze in manch ein kaltes Bad, äfft als Esel die menschlichen Esel, legt sich den Bezechten auf den Rücken, daß sie ihn huckepack tragen müssen, wie die Vollzapfen im thüringischen Städtchen Ruhla ihren Bieresel, so daß sie, wenn sie es schon satt haben, es noch satter kriegen, und dabei lacht er auch so herzlich, so laut und so wunderschön, wie nur immer ein Esel lachen kann; noch lieber aber kommt er vom Esel aufs Pferd als vom Pferd auf den Esel, wie so viele Gute zu kommen pflegen. Des Osschaerts Natur ist echt holländisch-amphibisch, er ist, gleich seinen gespenstischen Kumpanen, die oben genannt wurden, zu Land und zu Wasser heimisch; er handhabt Wasser und Land ganz nach seinem Belieben. Eines Tages ging ein alter Gärtner vom Dorfe zur nahen Stadt. Es war noch früh am Tage, aber dunkel, denn es war Winterzeit. Da sah er ein greulich Ding auf sich loskommen und simulierte aus, das möge wohl gar der Osschaert sein, wich ihm aus – sprang etwas hastig neben den Weg auf eine Wiese. Das Ding sah ihm nach und verschwand. Wie der Gärtner von der Wiese wieder auf die Heerstraße lenken wollte, fand er sich abgeschnitten und zwischen lauter Wassergräben, die in Holland das Allerhäufigste sind, was dort zu finden. Nun hatte aber der gute Mann Eile und war ihm gar nicht einerlei, daß er zwischen den Kanälen von einem zum andern irrte und doch über keinen hinwegkommen konnte, denn sie waren alle zu breit, und wie tief sie waren, das konnte man so eigentlich nicht wissen, gerade wie jener gute Schulrat bei einer Schulmeisteramtskandidatenprüfung sagte, als er die Frage nach der Höhe des Berges Sinai zur Beantwortung ausstellte und neben denen, die sie nicht beantworten konnten, er sie selbst auch nicht beantworten konnte: Man kann es so eigentlich nicht wissen. Da wurde dem alten Gärtner das Ding zu bunt, und er tat den Mund auf und tat einen Fluch, daß der Schnee sich erschrak, der auf den Baumästen lag, und herunterfiel. Da plumpste ihm aber gleich eine schwere Last auf den Rücken und spornte ihn, wie ein Reiter sein Roß, nach dem breitesten der Gräben hin und trieb ihn hinein, nolens volens , da half kein Zittern vor dem Froste. Und siehe als der Mann in den breiten Graben trabte, da machte er keinen Schuh naß, denn der Graben war gar kein Graben, sondern die salztrockne Heerstraße, aber seinen Aufhuck, o den behielt er und mußt' ihn noch eine gute Viertelstunde tragen und Lastgaul, wo nicht -esel sein, bis ihm eine Bäuerin begegnete, die eine Kiepe (Tragkorb) von Weidengeflecht trug, da hopste der Osschaert hinein, und jenem ward es leicht, der Frau aber schwer; sie wußte gar nicht, was sie auf einmal so Schweres trug, und stand und nahm den Korb ab und giekte hinein. Da flog ihr eine Fledermaus ins Gesicht aus dem Korbe, und sie tat einen Schrei, und die Fledermaus wurde so groß wie ein Mondkalb und lachte, daß es durch Mark und Bein drang. *   150. Die Mahr Was in andern deutschen Landen der Alp heißt oder die Trud, die grausen Nachtspuke, die die Menschen quälen, das ist in Holland und den Niederlanden die Mahr. Aber die Sagen von ihr sind häufiger und viel fürchterlicher als im innern Deutschland. Die Mahr ist nicht eigentlich ein Gespenst, sie ist eine dämonische Qual, von Menschen gegen Menschen verübt. Wer eine Mahr ist, deren Seele zieht aus, andere zu peinigen, zu reiten, wie der richtige Volksausdruck ist, und es ist das Sprüchwort: Reitet dich die Mahr! nicht viel anders zu verstehen als das: Reitet dich der Teufel! Absonderlich üben böse Hexenweiber das teuflische Mahrreiten. Zu Harlem ist's in einem reichen Hause geschehen, daß ein Mädchen unversehens in der Schlafkammer eines Knaben nackt am Boden liegend gefunden ward, neben ihr ein Besenstock, und das Mädchen schrie und jammerte. Als es gefragt wurde, bekannte es: Ich wachte in der Nacht, sah, wie meine Mutter aufstand, sich auszog, mit einer Salbe sich strich, einen Stock nahm und darauf zum Fenster hinausritt. Da stieg ich auch auf, holte auch einen Besenstock, strich mich auch mit der Salbe, fuhr auch aus dem Fenster, da kam ich über dieses Haus, ward hier hereingeführt, da lag meine Mutter auf des Knaben Brust gleich einer Mahr. Ich schrie laut vor Schreck: Jesus Maria!, da fuhr alsbald meine Mutter auf und mit geballten Fäusten an mir vorbei durchs Fenster fort. Als das Mädchen solches erzählt, wurde die Hexe verhaftet und gestand, daß sie in jeder Nacht da oder dort die Leute als Mahr gequält, und wurde verbrannt zur gerechten Strafe. Bei Vilforde fanden Schnitter ein Weibsbild liegen, die lag wie tot, doch war sie nicht kalt wie eine Tote, aber sie atmete auch nicht wie eine Schlafende. Ein Hirte, den die Schnitter herbeiriefen, sprach: Das ist eine Mahr, die ist ausgezogen, einen andern zu quälen. Die Schnitter wollten's gar nicht glauben, aber, der Hirte sagte: Harret nur, ihr sollt Wunder sehen! Und neigte sich zu der Liegenden und flüsterte ihr ein paar Worte ins Ohr, da kam ein klein Tierchen, fingerslang, weither gelaufen, blitzgeschwind, das kroch der Frau in den Mund. Der gab nun der Hirte einen Schub, daß sie um und um kollerte, da wachte sie auf, schaute starr sich um und flüchtete rasch davon. Einen jungen Menschen quälte jede Nacht die Mahr, er liebte ein Mädchen, das ein Kamerad von ihm auch liebte, ohne daß er's wußte, und klagte diesem seine Qual. Da sprach der Kamerad: Folge mir und tue das: halte gegen deine Brust ein wohlgespitztes Messer mit der Spitze, wenn du dich zu Bette gelegt hast, aber schlafe nicht ein. Das war ein Teufelsrat, denn der andere rechnete, wenn die Mahr auf jenen falle, solle sie ihm das Messer in die Brust stoßen, damit er des Nebenbuhlers ledig würde. Jener aber befolgte den Rat, nur verkehrt, denn er hatte das Richtige vergessen und hielt die Spitze und Schneide des Messers über sich; wie die Mahr auf ihn fiel, stach sie sich durch und durch und kam nimmermehr wieder. Selbst Pferde wurden von der Mahr geritten, wie denn das Wort Mahr selbst so viel ist als Pferd, wovon in deutscher Sprache noch die Worte Marstall und Mähre üblich sind, daher auch bei der bösen Trudentat der Begriff von reiten und geritten werden. Die Mahr ist aber selbst bisweilen Vampir, und ebenso vertauscht sie Kinder gegen Wechselbälge. Wer den Kindern abends ein Kreuz über Wickel und Wiege macht, hat nichts von der Mahr für sie zu fürchten. *   151. Die Klabautermännchen Was im höhern Norden die Trollen, Deutschland die Hinzchen, Heinzemännchen, Hütchen sind – Zwerge, zwerghafte Erdgeister, das sind in Holland und Niederland die Klabautermännchen, Kaboter- oder Kaboutermannekens; sie wohnen in Höhlen, sind oft hülfreich den Menschen, gutartig, dankbar. Beim Dorfe Gelrode liegt ein Kabouterberg, darinnen wohnten die Mannekens nahe einer Mühle, die schärften dem Müller seine Mühlsteine und wuschen sein Linnen, wenn er ihnen nur ein Butterbrot und ein Glas Bier zur Nacht hinstellte. Ein anderer Müller im Kempnerlande fand, wenn er zufällig etwas von seinem Butterbrote liegen ließ, des Morgens lange Zeit alle Arbeit in der Mühle getan, die er für den andern Morgen vorbereitet; er wußte, daß in der Nähe Klabautermännchen hausten, steckte sich hinter die Säcke und sah richtig in der Nacht ein solches Männchen alles tun, mit ungeheurer Kraft und Schnelligkeit, aber dabei verzehrte es das Restchen Butterbrot. Das Manneken war ganz nackt, das tat dem Müller leid, er bestellte ihm beim Schneider ein Kleidchen nach ohngefährem Maß und legte es ihm hin und ein großes Butterbrot daneben. Dann verbarg sich der Müller, das Klabautermännchen kam, tat einen Freudensprung, aß schnell das große Butterbrot, zog die Kleidchen an, verschwand und kam nimmermehr wieder. Nun wußte aber der Müller, daß die Klabautermännchen jeden Abend über einen Steg am Mühlbach schritten, und da lauerte er ihnen auf. Als sie kamen, waren alle nackt, und er ließ sie vorüber, bis das letzte kam, welches der Müller gekleidet hatte. Nach diesem langte er und rief: Hab ich dich? – da schrie es: Hülfe! Hülfe! aus dem Mühlbach, mit der Stimme von des Müllers Frau; der Mann erschrak, sah sich um, glitt aus vom Stege und plumpste selbst hinunter in das Wasser. Die Klabautermännchen aber schwanden hinweg und kamen niemals wieder. Ein anderer Kaboutermannekensberg liegt zwischen Turnhout und Casterle; die darin wohnten, waren aber böse von Natur, anderwärts gibt es hingegen viele gute, und wer sich gut mit diesen Manneken versteht, dem dienen sie gern und oft, häufig aber üben sie auch Tücke, besonders gegen solche, die ihnen abhold sind. Sie verderben die Butter, saugen die Kühe aus, treiben mannigfachen Spuk und Schabernack. Sie werden auch Rotmützchen und Klabbers genannt. Ein Bauer hatte ein gar hülfreiches Rotmützchen im Hause, das butterte ihm, leistete ihm allerlei Dienst, half ihn allmählich reich machen. Der Bauer kaufte Kühe, baute das Haus neu, und das Männchen tat mehr als drei starke Knechte, es pflügte auch und bestellte den Acker in aller Weise. Einmal hatte es der Bauer zu sehen bekommen, es trug sich ganz rot, hatte ein grünliches Gesicht und grüne Hände. Des guten Rotmützchens hülfreicher Fleiß verdarb jedoch den Bauer, er tat selbst gar nichts mehr, gewöhnte sich an das Wirtshausleben, an Trunk und Spiel. Rotmützchen warnte ihn, aber sein Warnen fruchtete nicht, ja eines Abends, als er spät und trunken nach Hause kam, schimpfte und schalt er den Hülfsgeist. Das Klabautermännchen verschwand. Am andern Tage lag die Frau des Bauern krank, das Vieh fiel in den Ställen, in den Strümpfen, die der Bauer nach und nach mit harten Talern gefüllt und wohl verborgen hatte, staken Kohlen und faule Kartoffelscheiben, die Felder hatte ein Hagel zusammengeschlagen und furchtbar verwüstet, das Haus hing auf eine Seite und drohte den Einsturz. Der Bauer ging in sich, bereuete, gelobte Besserung – das war alles vergebens. Hohnlachen erscholl um das Haus herum, das mehr und mehr verfiel. Der Bauer starb in Armut und Elend. Ein armer Bauernbursche liebte heftig ein reiches Mädchen und sie auch ihn, aber der Vater sagte nein. Wer nicht tausend blanke Gülden besitzt und aufzählt, die sein eigen sind, wird nicht mein Schwiegersohn, sagte er. Der arme Bursche schlich traurig heim, mochte seine Barschaft gar nicht zählen, er hatte nicht hundert Batzen, geschweige tausend Gulden. Ging hinaus zu Feld und Busch und dachte: Was liegt am Leben, wenn es nicht Liebe krönt? Willst's abwerfen. Siehe, da stand ein Klabautermännchen vor ihm, wie hergeschneit oder aus dem Boden herausgewachsen, und fragte ihn: Was fehlt dir? – Da klagte ihm der Bursche sein Leid. Wenn's weiter nichts ist, sagte der Klabautermann, zähle doch nur erst einmal dein Geld. – Ich hab's gezählt, es langt nimmer. – Hast nur nicht recht gezählt, geh, zähl noch einmal, es muß treffen! – Der Bursche ging, halb ungläubig, halb hoffend; er zog seine kleine Habe hervor und begann zu zählen und zählte und zählte und zählte immerfort, bis tausend Gülden voll waren, und da war's alle, nicht einer darunter, nicht einer darüber. Welch ein Glück! Er rannte wieder ins Feld hinaus, er wollte danken, er rief: Kaboutermänneken! Kaboutermänneken! – Ja guten Morgen, da war kein Kaboutermänneken weder zu hören, noch zu sehen. Nun lief er heim, hob und schleppte seinen Schatz zum reichen Bauer hin, zählt' ihm die blanken Gülden vor, bekam des Mädchens Hand und des Alten Segen und wurde ein glücklicher Mann. Im Kasteelberg bei Beveren im Hennegau wohnten auch Kaboutermannekens. Die wuschen den Leuten die Wäsche gegen Empfang von etwas Butter, Eiern, Milch, Mehl und wenigem Geld, bleichten sie auch im Mondenscheine ganz blütenweiß und hielten oft, derweil die Wäsche bleichte, in den Waschkufen einen Ball. Hernachmals sind die Männchen fortgezogen, man weiß nicht warum und wohin. Nur ein ganz altes blieb zurück. Das sehen bisweilen die Leute droben auf dem Berge sitzen, es hat einen eisgrauen Bart, der langt bis auf die Füße nieder, es sitzt und sinnt und schmökt seine Pipe und macht mit den Daumen die Mühle, ganz wie ein echter alter Holländer. *   152. Nix Flerus Nixen wohnen in Holland allenthalben, sie heißen dort Neck, in der Mehrzahl Necker, und führen auch zum öftern noch besondere Namen. Zu Lessinghe bei Ostende, am Canal de Furnes, war ein Bauernhof, darinnen hauste ein Nix, des Namens Flerus, als hülfreicher Hausgeist, welcher gleich Kludde und Lodder die Macht hatte, sich in jede Gestalt zu verwandeln. War ein Pferd krank und konnte seinen Dienst nicht tun, und man rief Flerus, so kam Flerus als Pferd und arbeitete für drei Pferde. Den Mägden erleichterte er ihre Arbeit auf alle Weise und verlangte nichts für alle Dienste, als daß ihm abends ein wenig Milch und Zucker hingestellt wurde. Dieser gute und willige Hülfsgeist wurde durch den einfältigen Vorwitz von ein paar jungen leichtfertigen Dienstmägden auf immer von dem Hause getrieben. Sie gedachten den Neck zu necken, es bekam aber schlecht. Eines Abends riefen sie: Flerus! Flerus kam, da schoben sie ihm seine Milch hin, hatten aber statt Zuckers Knoblauch in dieselbe getan. Da schüttelte sich Flerus, warf ihnen die Schale nach dem Kopf und rief zornige Worte: Milch und Lauch! Flerus zieht weg, Und das Glück auch! und verschwand. Nie sah und hörte man ihn wieder auf jenem Hofe, und von Stund an ging dort alles den Krebsgang, bis andere Besitzer den Hof bekamen, der noch bis heute der Flerushof heißt. Nicht alle Necker sind so gut wie Flerus, sie ziehen gern Menschen in das Wasser, mischen sich in Tänze der Uferbewohner und tanzen die Jungfrauen in die Flut. *   153. Die Meerminnen Meerminnen sind Dämonenwesen der See, weiblichen Geschlechts, sie können schön singen und auch fliegen. Schon die Alten kannten sie und nannten sie Sirenen. Sie sind den Nixen verwandt, haben fischgrätige Zähne und meergrüne Haare. Oft schon sind die Meerminnen Unheilverkünderinnen geworden, doch konnten sie auch Glück bringen. Zur Zeit, da die Antwerpner auch noch Schiffe zum Walfischfang ausrüsteten, so geschah es nicht selten, daß, wenn noch weit und breit kein Wal sichtbar war, eine Meerminne mit halbem Leibe aus dem Wasser tauchte, gegen das Schiff heranschwamm und sang: Scheppers, werpt de Tonnekens uit, De walvisch zal gaen kommen: Schiffer, werft die Tönnchen aus, Der Walfisch soll entgegenkommen. Da taten die Schiffer nach der Meerminnen Geheiß, warfen die Tönnchen aus, und nicht lange dauerte es, so ließ sich ein Walfisch sehen, der dann stets sicher erlegt wurde. Einst, schon sehr lange her, geschah es, daß im Hafen vor Muiden an der Südersee, ohnweit Amsterdam, eine Meermine schwimmend erblickt wurde. Diese Meerminne sang eine Prophezeiung: Muiden sol Muiden blyven, Muiden sol novit beklyven: Muiden soll Muiden bleiben, Muiden soll niemals bekleiden. Und es geschah also. Muiden, ein Hafenort, günstigst gelegen, blieb ein Flecken, und das nachbarliche Amsterdam wurde eine Weltstadt. In der Nähe von Dord (Dordrecht) liegt nahe der Landstraße ein großes stilles Wasser, daraus ragt ein Kirchturm hoch und einsam empor. Da hat vorzeiten die reiche und starkbevölkerte Stadt Zevenbergen gestanden. Ihr Reichtum machte die Einwohner übermütig, sie achteten des Goldes und Silbers nicht mehr, als wenn es Kupfer und Blei wäre; alle Schlösser und Riegel an den Türen, alle Beschläge an Fenstern, alle Nägel mußten von Gold oder Silber sein, so auch alles Tafel- und Küchengeschirr, so unbeschreiblich war der Reichtum. In die Kirche, die Sint Lobbetchen hieß (St. Elisabeth), ging niemand mehr, ihr Dach war auch nur mit Ziegeln gedeckt, die Dächer der Reichen aber glänzten wie Feuer, denn sie waren mit Goldblech überzogen. Da hob sich aus dem breiten Gewässer am Biesbosch eine Meerminne, die flog über Zevenbergen und sang mit einer kläglichen Weise: Zevenbergen sol vergan, En Lobbetjens Torn sol blyven staen. Diesen Sang hörten die Einwohner gar wohl und sahen das Zeichen, achteten aber der Warnung nicht, sie blieben, wie sie waren, und lebten fort, wie es ihnen gefiel, und da ließ es Gott geschehen, daß der Meerminne Prophezeiung sich erfüllte. Eine Sturmnacht kam, endloser Donner rollte über Zevenbergen hin, und die Flut kam, und die Stadt versank, und nur die Kirche blieb stehen, wie die Meerminne gesungen hatte, und weit und breit stand das Wasser da, wo die Stadt gestanden. Fischer haben bisweilen in der Tiefe die goldenen Dächer schimmern sehen, da wäre noch ein großer Reichtum zu holen, aber keiner wagt sich in die Tiefe und in die Stadt hinab, die der Fluch des Himmels getroffen. *   154. Geister in Friesland Schon zu Kaiser Lothars Zeiten gab es in Friesland viele Geister und Gespenster. Eine Sorte davon wohnte in Höhlen, wie die deutschen Wichtlein. Die Männlein hießen weiße Juffers, die waren nicht eben gutartig, vielmehr recht tückeboldig, die Weiblein aber hießen weiße Frauen, die waren besser, standen Kindbetterinnen bei, leiteten Verirrte auf rechten Weg, halfen Arbeit verrichten, besonders recht mühevolle. Sie wohnten gern in Hügeln oder in Gruben, die unbesucht waren, häufig ihrer drei beisammen, auch in alten Hünenbetten. Wer nachts an diese Hügel oder in diese Gruben trat oder auf so ein altes Hünengrab sich setzte, der konnte sondere und wunderbare Dinge vernehmen und viel von alter Zeit erfahren. Es war ein Sänger im Friesenlande, der hieß Bernlef und war blind, der hat viel gesungen von des Landes erster Art und des freien Volkes der Friesen Ankunft und Ursprung, den haben die guten Geister gelehrt und die Kunden alter Zeit auf seine Lippen gelegt. *   155. Stavorens Ursprung Des Friesenlandes Hauptstadt ist Stavoren. Die alten Friesen hatten einen Gott, den hielten sie so groß und mächtig wie das Römervolk seinen Jupiter, den nannten sie Stavo. Da nun zu einer Zeit aus fernen Landen drei Brüder zu Schiffe an die Küste kamen, Friso, Saxo und Bruno geheißen, von vielen Gefährten begleitet, welches zur Herbsteszeit geschah, so fanden sie das Land, welches damals Sueven bewohnten, die keine festen Wohnsitze behaupteten und sich der Spätherbstüberschwemmungen wegen in höheres Land zurückgezogen hatten, von Einwohnern fast ganz entblößt, erbauten ihrem Gott Stavo einen Tempel, gründeten eine Stadt und nannten sie nach ihrem Gott Stavoren. Diese Stadt wurde bald groß und viel größer denn jetzt, und die ganze Südersee war noch bewohntes Land, von dem jetzt nur noch hie und da als kleine Insel ein geringer Rest aus den Wogen ragt. Da blieben sie nun dreizehn Jahre, und ihr Volk mehrte sich, und sie hatten nicht Raum genug, darum sprach Friso zu seinen Brüdern, es sei besser, wenn sie sich teilten und jeder von ihnen mit den Seinen ein weites Land gewänne. Da schieden die Brüder Saxo und Bruno in Frieden von Friso, welcher blieb, und Saxo lief in die Elbe ein, ließ sich an ihrem Ufer nieder und bevölkerte das Land, und sein Volk wurde nach ihm Saxen geheißen. Bruno aber machte sich seßhaft am Weserstrome und gründete dort eine Stadt, die hieß nach ihm Brunosvic, die gab hernach dem ganzen Lande ihren Namen Braunschweig. Friso aber erreichte ein sehr hohes Alter, er herrschte über Friesland achtundsechzig Jahre und hinterließ sieben Söhne und eine einzige Tochter. Die Stadt Stavoren wurde und war vor diesem die allerberühmteste Haupt- und Residenzstadt der friesischen Könige, und war nirgends größere Handlung und Schiffahrt als in dieser Stadt, denn sie war überaus wohl gelegen und hatte einen vortrefflichen Hafen. *   156. Der Feuerpütz Es war zu Kaiser Titus' Zeit, vier Jahre nach der Geburt unsers Herrn, als im heutigen Westfriesland an einem Berge, der rote Kliff genannt, ein Feuerpütz aus der Erde schoß, der drei Tage lang loderte und weberte. Am vierten Tage kam ein Drache aus der Öffnung geflogen, aus der das Feuer schoß, hob sich hoch, schwebte eine halbe Stunde lang in Lüften und tat sich dann wieder nieder und hinein, woraus er gekommen war, ward nicht wieder gesehen, und das Feuer erlosch. Hundertundfünfzig Jahre später brach der Feuerpütz wieder auf und brannte ganz schrecklich, acht Tage lang, und flammte sehr hoch, daß allen, die daherum wohnten, bange ward; dann erlosch die Flamme. Die Einwohner fragten das Orakel ihres Abgottes Staffo, weil sie ein großes Sterben fürchteten, und der Gott sprach, von diesem Erdfeuer werde das Land nicht untergehen, eher von dem kalten Stoff, der nach Länge der Zeit ihm folgen werde. Und aber nach etwa hundertundvierundzwanzig Jahren borst der Feuerpütz beim roten Kliff zum dritten Male aus, doch achtzehn Tritte weiter von der ersten Stelle, und flammte eilf Tage lang sehr schrecklich hoch. Da brachten die Einwohner dem Abgott Staffo Brandopfer und fragten aufs neue das Orakel. Da gebot ihnen der Gott, aus der Nordsee drei Krüge Salzwasser zu holen und diese durch einen gegen die Glut gewappneten Ritter in den Flammenschlund werfen zu lassen, da werde der inwendige Brand ausgelöscht werden. Das wurde vollbracht, und der Brand löschte aus. *   157. Der überquellende Wasserpütz Da man südwestlich von Stavoren, eine halbe Stunde von der Stadt, einen Pütz (einen Brunnen) grub, so sprang statt süßen Wassers ein Überfluß von Salzwasser hervor, wie aus einem Springbrunnen, das quoll und quoll und drohte, Stadt und Land zu überschwemmen. Da fragten die Einwohner das Orakel ihres Gottes Staffo, und das sprach, der Pütz werde nicht aufhören überzuquellen, bis das Blut eines dreijährigen Knaben in dasselbe Wasser gesprengt und mit ihm gemengt werde. Solches geschähe eilend, da hörte der Pütz auf zu fließen, und war endlich kein Tropfen Wasser mehr in ihm zu sehen, und wo das übergequollene Wasser gestanden hatte, blieb das Land drei Jahre lang dürr und unfruchtbar, bis es allmählich wieder zu grünen begann und Früchte trug. *   158. Das Wunderkorn von Stavoren und der Frauensand Bei den Einwohnern der groß und reich gewordenen Stadt Stavoren ging es gerade so wie bei denen der Stadt Zevenbergen an der Südersee, sie führten ein üppiges Leben und kannten ihres Übermutes nicht Maß noch Ziel. Da war eine Zeit, in der das Korn sehr teuer wurde, und eine reiche Witwe rüstete ein Schiff aus und sandte es nach Danzig, dort Korn zu holen, und gebot dem Schiffer, ihr zugleich von dort das Köstlichste mitzubringen, was nur dort zu haben sei. Als nun das Schiff in See war, fiel das Getreide sehr schnell, und dem geizigen Weibe wurde bange, daß sie an ihrem Einkauf mächtig Schaden erleiden werde. Da nun das Schiff aus Danzig zurückkam, ging die Witwe alsbald an Bord und fragte den Schiffer, was er ihr Köstliches mitgebracht habe nächst dem Korn, das ohnedies nichts mehr wert sei, als ins Wasser geworfen zu werden. Der Schiffer neigte sich und sprach: Vieledle Frau, den schönsten Weizen bracht' ich Euch mit, den je ein Menschenauge hat erschauen können. – Was, Weizen? Und nichts Besseres? rief die Frau zornig aus. Von welcher Seite nahmst du den in das Schiff? – Von der Backbordseite, entgegnete der Schiffer. – Ei so wirf ihn ins Teufels Namen von der Steuerbordseite ins Meer, und das Korn dazu! Ich befehle es! – Der Schiffer gehorchte, da brauste es in den Tiefen, und die Wellen hoben sich und teilten sich, und es wuchs ringsum vor den Hafen eine mächtige breite Düne von Sand, Hügel auf Hügel, und auf der Düne lagen Korn und Weizen und keimten und schossen auf in Ähren, die blühten auf, aber taub, und trugen nimmer Frucht. Die Witwe kehrte in die Stadt zurück, um deren Hafen sich nun die Düne zog, daß kein Schiff mehr in den Hafen einlaufen konnte, und trug den Fluch der verarmenden Stadt und starb in Kummer und Elend. Aber auf der Düne, welche bis auf den heutigen Tag der Frauensand heißt, erwächst Jahr auf Jahr das taube Korn, der Dünenhelm oder Dünenhalm genannt, und weht und wiegt sich im Winde. *   159. Stavorens Untergang Das große Zeichen, das der Herr getan, als er die Sanddüne aus dem Meeresgrunde aufwachsen ließ, besserte noch lange nicht die Ruchlosigkeit der Einwohner von Stavoren, denn solcher Leute, wie jene gottlose Witwe war, gab es dort nur noch allzuviele. Da war eine reiche und übermütige Jungfrau, die hatte viele Schiffe in See und des Gutes so viel, daß sie nicht wußte, wie viel. Die beauftragte auch einen Schiffer zur Zeit, wo große Hungersnot im Lande war, ihr das Kostbarste und Wertvollste, was er in fernen Landen nur immer zu finden vermöge, mitzubringen. Und der Schiffer fuhr hinweg und kam bald wieder, und als die Jungfrau fragte, was er Köstliches für sie mitbringe, da er so bald zurück sei, sie habe ihn noch nicht erwartet, sprach der Schiffer: Meine Jungfrau, das Köstlichste ist jetzt, was der Mensch zum Leben braucht; ich bringe den schönsten Weizen. – Die Jungfrau aber hatte reichen Schmuck, Gold, Perlen und Diamanten erwartet und zürnte: Weizen! Was soll mir dieses elende Zeug? Gleich über Bord damit! – Das hörte eine Schar hungernder Armen, die flehten die Jungfrau kniefällig an, doch ihnen das Getreide zu geben, es nicht verderben zu lassen! – Aber die stolze Jungfrau blieb bei ihrem harten Sinne. Der Schifführer sprach: Meine Jungfrau, bedenket Euch wohl, es könnte Euch reuen! Gott hört und sieht Gutes und Schlimmes, er lohnt und rächt. Ein Tag könnte kommen, wo Ihr, hungrig und arm gleich diesen Elenden, gern die Körnlein einzeln aufläset, die Ihr jetzt in das Meer wollt schütten lassen! – Frecher Knecht! zürnte da die Jungfrau und schlug ein satanisches Gelächter auf. Gleich wirf den Weizen ins Meer, und diesen goldnen Ring werfe ich hinterdrein! So wenig werde ich verarmen, so wenig ich diesen Ring jemals wiedersehe! Und so geschah die gottlose Tat. Und wie die Jungfrau handelte, so handelten in anderer Weise freventlich auch die meisten Einwohner von Stavoren. Am andern Tage aber traf die Jungfrau die Nachricht, daß viele ihrer Schiffe auf der Heimfahrt aus dem Morgenlande gescheitert seien; am zweiten Tage die weitere Nachricht, daß ihre übrigen Schiffe von den Seeräubern genommen seien; am dritten Tage verbreitete sich die Kunde, daß ihr sonstiges Vermögen, das sie einem reichen Handelshause anvertraut hatte, durch den Fall dieses Hauses verloren sei. Am vierten Tage wurde aus ihrem Ziehbrunnen ein Seefisch, eine Bütte, herausgezogen, niemand wußte, wie dieser Fisch in den süßen Brunnen kam; als der Fisch geschlachtet wurde, fand sich in seinem Eingeweide – der Ring, den die Jungfrau mit frevelndem Ausruf in das Meer geworfen hatte. Noch ein Jahr verging, da sah man das vordem so stolze Weib betteln gehen von Haus zu Haus und auf dem Felde Ähren lesen, um sein elendes Leben zu fristen. Auch dieses Zeichen der Warnung, das der Herr tat, irrte die Einwohner von Stavoren nicht, ihr Leben fortzusetzen, obschon die Stadt durch den versperrten Hafen zu verarmen begann. Da geschah es mit einem Male, daß man in allen Ziehbrunnen Bütten und Schellfische und Heringe fing, daß das Wasser stieg und das Land sank, und mehr als drei Vierteile der reichen Stadt verschlang die Flut, die fort und fort am Lande nagt, und aller Segen war hinweg, und der Rest der Stadt verarmte mehr und mehr. *   160. Die sieben Meerminnen Ein friesischer Schiffer hatte sein Schiff gerüstet zu weiter Fahrt, und stand am Bord, und hob die Hand, und gelobte sich dem Meere. Es solle das Meer ihm schirmen und schonen sein Schiff und seine Ladung, so wolle er auch ihm getreu sein all sein Leben lang und nimmer an das Land begehren zu längerm Verweilen. Da hoben sieben Meerminnen ihre Leiber halb aus der Flut, und hörten seinen Schwur, und nahmen ihn, und tauchten wieder in die Tiefe nieder. Lange fuhr der Schiffer von Meere zu Meere, von Lande zu Lande, und sein Reichtum mehrte sich, aber er konnte dessen auf dem Schiffe nicht froh werden, ihn nicht genießen, und allmählich kam doch ein Sehnen in sein Herz nach dem Lande. Und da kam sein Schiff einst an einen blumenreichen Strand voll Reiz und blühender Gärten, und er sah eine wunderholde Jungfrau wandeln, die sein Herz gewann, und er gewann bald auch das ihre, freite um sie, verkaufte sein Schiff, erbaute ein herrliches Haus am Strande, schmückte es aus mit seinen Schätzen wie ein Königsschloß, und dahinein führte er seine Erkorene als liebe Braut. Aber siehe, in der Nacht, als der Schiffer im Arme seiner Liebsten ruhte, da hoben sich die sieben Meerminnen aus der See nahe dem Ufer an des Schiffers Palast und sangen ein entsetzlich Lied, und es rollte ein Wellenberg heran, der übersprang das Ufer und stieß ans Haus, da bebte das Haus in seinen Fugen; dem sprang ein zweiter nach, der brach die Türen ein und rauschte in die Flur, und ein dritter, der brach durch die untern Fenster, und ein vierter, der brach oben durch, und ein fünfter, der riß den Schiffer hinweg, und ein sechster, der fing den Schiffer auf und warf ihn im Zurückbranden in die wildwogende schaumspritzende See. Da empfingen die Meerminnen den Schiffer und führten ihn tief hinab zum Grunde. Dort muß er wohnen, von dort springt er mit den Wellen im Maimond herauf nach seinem zerstörten Hause und will sein Lieb retten, aber immer ziehen ihn die Meerminnen wieder zurück. *   161. Der Friesen Bekehrung Nach Friesland kam der heilige Wolfram, der wurde des Volkes und Landes erster Apostel. Ein Traumgesicht hatte ihm offenbart, daß er das werden solle, und so kam er zum Hofe des Friesenherzogs, der hieß Radbot, und wie der Heilige kam, da sollte dem Götzen nach der heidnischen Landessitte eben wieder ein Opfer durch den Strang gebracht werden, ein durch das Los erwählter Knabe des Namens Occo. Da bat Wolfram für den Knaben und um dessen Leben im Namen seines Gottes und Heilandes bei Herzog Radbot, und Radbot sprach: Siehe, ob dein Christus ihn vom Tode erretten kann, dann soll er dein sein. – Wie nun der Knabe zum Strange geführt und aufgeknüpft ward, da betete Wolfram, und da riß der Strang, der Knabe fiel zur Erde und wandelte unversehrt, und Wolfram taufte ihn. Da erkannte Radbot die Macht des Heilandes und dachte, sich auch zum Christenglauben zu bekehren. Ehe Radbot aber dazu schritt, erschien ihm in der Nacht der Teufel in Engelsgestalt und in herrlichem Geschmuck und flüsterte ihm zu: Warum willst du abfallen von deines Landes Gott? Tust du das nicht, so wirst du künftig wohnen in einem goldnen Hause, das will ich dir zeigen morgen des Tages. Nun frage aber auch Wolfram, wo denn sein Himmel sei, den er dir verheißt. Er soll ihn dir auch zeigen, so er das vermag. – Das sagte Radbot andern Tages dem heiligen Wolfram an und verhieß, er wolle ein Christ werden, wenn der Friesen Gott ihm nicht das goldne Haus zeige, Wolfram aber sagte, und wenn dem Herzoge auch solches Haus gezeigt werde, so werde es ein Gaukelspiel des Satans sein. – Da wurde nun ein Friese erwählt für Radbot und ein Diakon für Wolfram, die gingen aus zusammen, das Haus zu finden, und alsbald gesellte sich ein Dritter zu ihnen als ein Wegweiser. Sie kamen unvermerkt auf einen herrlichen Weg, der war mit Marmor geplattet, und von fern leuchtete ihnen das goldene Haus entgegen, herrlich und voller Glast, und darin stand auch ein Thron von Elfenbein mit Edelsteinen geziert und mit Purpur ausgeschlagen. Und der Führer sprach zu dem Diakon und zu dem Friesen: Sehet, das ist Herzog Radbots ewiges Haus. – Und der Diakonus sprach: Ja, wenn Gott es gebaut hat, so wird es ewig stehen, und schlug ein Kreuz gegen das Haus: hui, da schwand es dahin, und war ein stinkender Kothaufen, und der Marbelweg war eine Sumpflache, und der Führer war der Teufel selber, der verschwand mit Gestank und Zorngebrüll. Schnell waren der Friese und der Diakon zum Hause gelangt, aber drei Tage lang mußten sie mühsam durch Binsen und Geröhrig schreiten, ehe sie die Stadt des Herzogs wieder erreichten. Der Friese sagte seine Botschaft an, und was er gesehen, und ließ sich taufen. Sein Name hieß Sugomar. Und Herzog Radbot, als er diese Mär vernommen, wollte sich auch taufen lassen, und da er in das große steinerne Taufbecken treten wollte und schon einen Fuß hineingestellt hatte, fragte er, wo die Schar seiner Vorfahren sich befinde, bei den Seligen im Himmel oder bei den Teufeln in der Hölle. – Darauf antwortete der Bischof: Wer nicht glaubet und getauft wird, der wird nicht selig. – Da zog Radbot den Fuß wieder aus dem Becken und sprach: Wo meine Voreltern sind, will ich auch sein, bei meiner Magschaft und Sippschaft; was soll ich allein im Paradiese bei den wenigen Christenleuten? – Und ließ sich nicht taufen. Aber am dritten Tage starb Herzog Radbot und fuhr hin zu seiner Sippschaft und Magschaft. Da der heilige Bonifazius zu den Friesen kam und sie auch bekehren wollte, ließ wohl ein Teil sich taufen, aber nachher erschlugen sie ihn samt seinen Gefährten Adolar und Theoban und fielen wieder in das Heidentum zurück. *   162. Wittekinds Taufe Kaiser Karl der Große war gar mildtätig gegen Arme und Gaben Heischende, absonderlich an den großen Festtagen, deshalb folgten ihm auch die Bettler in Scharen nach. Da geschah es in einer Karwoche, daß Wittekind, der Sachsen Heerführer, der zu Engern saß, den Kaiser zu versuchen dachte, legte Bettlergewande an, ging in Karls Lager, wollte auch der Franken Heimlichkeit erkunden und setzte sich unter die Schar der Bettler. Da nun der erste Ostertag angebrochen war, wurde die heilige Messe gelesen, und wie der Priester das Heiligtum emporhob, so erblickte Wittekind durch ein göttliches Wunder in der Monstranz ein Kind, so schön, wie er noch nie eines gesehen hatte, und ward gegen das Kind voller Liebe. Nach dem Messeopfer wurden den Bettlern Silberpfennige ausgeteilt, und da wurde Wittekinds Heldengestalt erkannt trotz seiner Verkleidung und er vor Kaiser Karl geführt. Aber Karl empfing seinen großen Gegner gütig und sprach mit ihm über den Christengott und seinen Dienst, und Wittekind erzählte von dem Kinde, das ihm vorgeschwebt. Darauf hat der Sachsenheld die heilige Taufe willig angenommen und hat auch veranlaßt, daß viele seiner ihm untergebenen Fürsten und Führer sich taufen ließen, und Karl der Große machte ihn zum Herzoge von Sachsen, Engern und Westfalen und verwandelte das schwarze springende Roß, welches der Sachsenheld in seinem Schilde führte, in ein weißes. *   163. Das Oldenburger Horn Im heutigen Oldenburger Lande herrschte ein Graf, des Namens Otto, der hatte große Lust am Jagen, und zog aus mit seinen Vasallen, Jagdgenossen und Jägern nach einem Walde, der hieß Bernefeuer, nicht allzufern von dem Osenberge. Da stieß dem Grafen ein Reh auf, das floh vor ihm her, und er hetzte es mit seinen Rüden und kam in der Verfolgung seinem Jagdgefolge ganz aus dem Gesicht, und sein weißes Pferd trug ihn also schnell von dannen, daß er selbst seinen schnellen Winden aus der Spur kam und sich mit einem Male, ohne auch nur vom weiten etwas von seiner Jägerei zu sehen oder zu hören, auf einer stillen Bergfläche befand. Auch das Reh, das ihn so weit verlockt, sah er nimmer. Nun war die Hitze an diesem Tage groß, es soll im Julimond gewesen sein, und den Grafen durstete sehr, daher sprach er zu sich selbst: O Gott, wer kühlen Wassers nur einen einzigen Trunk hätte! – Siehe, da öffnete sich eine Felswand am Osenberg, und es trat aus ihr eine schöne, wohlgezierte Jungfrau, reizend anzuschauen, die hielt in ihrer Hand ein uraltes Jägertrinkhorn, verziert mit mancherlei seltsamem Bildwerk, das war von Silber überkleidet und kostbar vergüldet und überaus künstlich, voll Figuren, und das Horn war voll eines Trankes, den bot die Jungfrau dem Grafen sittiglich dar. Graf Otto nahm das Trinkhorn, schlug den Deckel auf und wollte es zum Munde führen, sah aber in das Horn hinein und beschaute den Trank, und der gefiel ihm mitnichten, denn als er ihn schüttelte, war er trübe und roch auch nicht wie Malvasier – und der Graf trank nicht. Die Jungfrau aber ermunterte den Grafen, er solle nur ihr vertrauen und trinken; es werde ihm und seinem Geschlechte gedeihen. Dies und die Landschaft Oldenburg werde davon ein gutes Gedeihen haben. – Aber der Graf weigerte sich fortdauernd, um so mehr, da die Jungfrau in ihn drang, doch zu trinken, und so sagte sie: Wo du nicht trinkest, wird in deinem Geschlechte und deiner Nachkommenschaft nimmermehr Einigkeit sein. Nun hielt der Graf immer noch das Horn mit dem Trunke in seiner Hand und hatte sein Bedenken, und da zuckte das Roß, und es troff etwas von dem Tranke über und auf des Pferdes hintern Bug, da gingen gleich dem Pferde die Haare weg. Jetzt langte die Jungfrau nach dem Horne und begehrte es wieder aus seiner Hand zu nehmen, aber der Graf behielt es in seiner Hand und ritt von dannen, und die Jungfrau schwand wieder in den Berg hinein. Den Grafen aber kam ein Grauen an, und schüttete das Horn aus, und behielt es, und ritt weiter, indem er sein Roß spornte, bis er sich wieder zu seiner Jägerei fand, zeigte ihr das Horn und erzählte, auf wie wunderbarliche Weise er zu dem köstlichen Kleinod gekommen sei. Darauf ist das Horn sorgsam im Schatz der Grafen von Oldenburg aufbewahrt worden. Dieser Graf Otto war dieses Namens der erste in seinem edlen Geschlecht und hatte von seiner Gemahlin Mechthild, Gräfin von Alvensleben, fünf Söhne, deren ältester war Johannes der Erste, dieser hatte wiederum fünf Söhne, von denen ward der erste Udo geheißen, Bischof zu Hildesheim, der zweite aber hieß Huno, der war gar herrlich und ehrenreich, also daß er den Beinamen Gloriosus empfangen hat. *   164. Friedrich der Löwensieger Graf Huno von Oldenburg war auch ein frommer und rechter Mann, der lebte zu den Zeiten Kaiser Konrad des Saliers und wurde von diesem Kaiser zu einem Reichstag nach Goslar beschieden. Aber über den Übungen seiner Frömmigkeit vor Gott und über guten Werken verabsäumte er den Fürstentag, weshalb Übelgesinnte ihn übler und aufwieglerischer Gesinnung ziehen und den Zorn des Kaisers gegen ihn erregten. Und der Kaiser gebot, Graf Huno solle seine Unschuld durch ein Gottesurteil beweisen oder als Aufrührer sterben. Er solle auf Tod und Leben mit einem ungeheuern, grausamen Löwen kämpfen. Nun hatte Graf Huno einen jungen freudigen Sohn, der war stark und gewandt und mutvoll, der begleitete seinen Vater an des Kaisers Hof und trat für seinen Vater als Kämpfer ein, denn Graf Huno war alt und wäre dem grimmen Löwen wohl leicht erlegen. Beide gelobten der heiligen Jungfrau, wenn ihnen der Sieg zufiele, ein reiches Stift zu gründen. Vor dem Kampfe ersann der junge Graf von Oldenburg eine List, er ließ eine Puppe von Stroh und Leinwand lebensgroß anfertigen und dieselbe ritterlich bekleiden, so daß sie einen Mann vorstellte, die trug er vor sich her, und als der Löwe ihm entgegensprang, warf er ihm die Puppe entgegen, darauf fiel er den Löwen an, während der Löwe den Strohmann zerriß, und besiegte ihn ohne Verletzung. Der Kaiser war froh und umarmte den jungen Helden, schenkte ihm seinen eigenen Schwertgurt und seinen Ring und belehnte ihn mit vielen Gütern. Lange Zeit sind von diesem Löwensiege im Friesenlande Lieder gesungen worden. *   Das Zwergvolk im Osenberg 165. Das Zwergvolk im Osenberge Im Osenberge, aus dem vorzeiten die Jungfrau trat, welche dem Grafen von Oldenburg das Horn darreichte, gibt es Zwerge und Erdmännlein. Im Dorfe Bümmerstett war ein Wirtshaus, das hatte von den Zwerglein gute Nahrung. Sie liebten das Bier und holten es gern, wenn es vom Brauen noch warm aus der Bütte kam, und bezahlten es mit gutem Gelde vom feinsten Silber, obschon solches Geld kein landübliches Gepräge hatte. Da ist auch einmal ein uraltes Zwerglein zu durstiger Jahreszeit in das Brauhaus gekommen und hat Bier holen wollen, hat aber großmächtigen Durst mitgebracht und gleich etwelche gute Züge in die Hitze getan, darauf ist es eingeschlafen tief und fest, und niemand hat gewagt, es zu stören oder zu wecken. Aber als das steinalte Männlein endlich wieder aufgewacht ist, da hat es angehoben bitterlich zu weinen und zu klagen: Ach ach ach! was wird mein Großvater mir nun für Schläge geben! – Und ist so eilend davongesprungen, daß es gar seinen Bierkrug vergessen gehabt, und nimmermehr ist das Männlein oder ein anderes Gezwerg wieder in das Brauhaus zu Bümmerstett gekommen. Den Krug aber hob der Wirt gut auf, und hatte die beste Nahrung; dann heiratete des Wirtes Tochter, blieb aber mit ihrem Mann im Hause und setzte die Wirtschaft fort, und hatten auch lange Zeit Nahrung vollauf. Aber endlich wurde durch Unvorsicht der Krug zerbrochen, und von da an ging gleich die Wirtschaft den Krebsgang, und mit dem Kruge war das Glück zerbrochen, denn Glück und Glas, wie bald bricht das, oder Glück und Glas, wie bald zerbricht ein Bierkrug! Der Wirt, der die Tochter des alten Wirts gefreit hatte, wurde an die hundert Jahre alt und hat es selbst oft und viel erzählt, es ist aber schon lange her, daß er es erzählt hat, schon volle zweihundert Jahre. *   166. Die Elben In den Gewässern um die Nordseeküsten, um Friesland und zwischen der Elbemündung und Helgoland, erblickt man häufig schwimmende Eierschalen; in diesen fahren die Elben herum. Das sind kleine zarte Elementargeisterlein, teils guter, teils schlimmer Art. Sie wohnen im Wasser und kommen oft in Wasserbläschen über fischleeren Weihern auf die Oberfläche, hausen aber auch in kleinen Hügeln; in Brabant heißen diese Hügel Alvinnenhügel, da hat das alte Wort Alf, Elf, Elbe sich nur in Alfin, Alvinne umgewandelt. So klein der Elben Erscheinen ist, so groß ist ihre Macht, dies deutet nichts besser an als der große gewaltige Strom, an dessen Ausgang in das Meer sie wohnen, und der ihren Namen trägt, die Elbe, darin wohl einen tiefen Sinn – des Naturgeistes Mächtigkeit zugleich im Kleinsten wie im Größten – die alte mythische Weisheit in der deutschen Sprache runischen Zauber bannte. So mag einer das Rätsel aufgeben, mit einem Wort das ätherisch Leichteste und etwas recht Schweres, ins Gewicht Fallendes zu nennen. Im Worte Elfenbein ist die Lösung gegeben. In Westflandern sagen die Leute, wenn der Wind recht pfeift und heult: Alvinna weint – und denken sich unter der Alvinna eine mythische Persönlichkeit, es ist aber eben nur die personifizierte Naturstimme, als elbisch-dämonische Macht im dunkeln Volksbewußtsein lebendig. *   167. Das heilige Land Hoch aus der Nordsee Fluten hebt sich die Insel Helgoland, deren Name noch im vorigen Jahrhundert gar nicht anders als Heilgeland geschrieben wurde, insula sancta , weil sie vor grauen Zeiten ein Götterheiligtum gewesen. Schon damals mochte der Reimspruch seine Geltung haben: Grün ist das Land, Rot ist der Rand, Weiß ist der Sand, Das sind die Zeichen von Helgoland. Als das Heidentum verschwunden war, hatten auf dieser Insel sieben ausgedehnte Kirchspiele Raum. Noch im Jahre 1530 ernährte die Insel, nachdem die Meeresflut längst des Landes größten Teil verschlungen, über zweitausend Bewohner fast ausschließlich durch den Heringsfang. Da kam es einigen Übermütigen bei, die nur geringen Fang getan, einen oder einige Heringe mit Ruten zu peitschen, da schwand auch dieser Segen hinweg, die Insel wurde immer kleiner und immer ärmer, und was vordem Tausende genährt, nährte nun nur noch Hunderte. Die Sage geht, daß das Heilgeland von alters her kein giftiges Tier auf sich dulde. Wegen der Heringe, sagen andere, sei es also gewesen, daß die Helgoländer oft nicht Tonnen und Salz genug für den reichen Segen gehabt, die Heringe seien sogar den Strand hinaufgelaufen, da habe eine alte Helgoländerin, darüber ärgerlich, einmal einen Besen genommen und sie hinuntergefegt, von dieser Zeit an seien sie ausgeblieben. *   168. Fositesland Auf der Insel Helgoland stand zu Heidenzeiten das Heiligtum eines Gottes des Namens Fosite oder Fosete, der war ein Gott der Eintracht und des Friedens. Kein unreines Tier durfte seinem Tempel nahen, und wer des Ortes Heiligkeit verletzte, mußte den Tod erleiden. Die Apostel dieses gottheiligen Landes waren Ludger und Wilibrord. Ludger schiffte, ein Kreuz in der Hand, auf die Insel zu, und sang den sechzigsten Psalm. Da ward ein Rauch erblickt, der von der Insel aufstieg und hoch über sie sich ausbreitete und alsdann verschwand. Da sprach Ludger: Wisset, meine Brüder, daß dieser Dampf Satan selbst war, den nun der Herr von diesem Insellande vertrieben. Und betrat das Ufer freudig und predigte Jesum Christum. Er zerstörte den Tempel Fosetes und baute an seiner Stätte die erste Kirche. Als Wilibrord eines der Tiere schlachtete, welche um Fosetes Tempel weideten und für heilig und unverletzbar galten, glaubten die Bewohner, er werde alsbald sterben, da dies aber nicht geschah, so ließen sie sich taufen. Selbst die Seeräuber in späterer Zeit achteten dieses Land also heilig, daß sie nie etwas davon hinwegführten, ja den frommen Einsiedlern, die dort wohnten, reichten sie sogar einen Teil ihrer Beute. So ist auch bis auf den heutigen Tag alldort ein tiefer heiliger Brunnen, darinnen, dem Meeresstrande so nahe, doch süßes Wasser quillt. Daraus sind die heidnischen Bewohner des Landes getauft worden. *   169. Der Jungfernstuhl und der Mönch auf Helgoland Da die eilftausend Jungfrauen unter Anführung der heiligen Ursula aus Albion gen Köln zogen, kamen sie auf ihrer Meerfahrt auch nach dem grünen Helgoland und landeten allda, aber die Einwohner verfolgten einige an das Land Gekommene, daß sie nicht wußten, wie sich retten, da eilten sie an den Strand und sprangen auf das Wasser, darin gingen sie nicht unter, sondern es hob sich ein Fels unter ihren Füßen, auf dem sie ruhten, bis ihr Schiff herankam und sie einnahm. Dieser Fels hat davon den Namen Jungfernstuhl erhalten. Um ihn her wurden noch lange Jahre die Fußtapfen der Jungfrauen tief in den Boden eingedrückt ersehen. Aber zur Strafe verwünschten die Jungfrauen alles auf der Insel, außer die Menschen. Da verwandelte sich alles Geräte in Stein. Ein Prediger hat davon lange ein Endchen Wachslicht in Verwahrung behalten, das ganz zu Stein geworden. Als hernachmals Helgoland dennoch christlich geworden war, hielten seine Bewohner fest am alten Glauben. Da sendete der König einen Mönch, welcher Luthers Lehre angenommen hatte, dorthin, diese Lehre dort zu predigen, aber die Einwohner stürzten ihn von einem Felsen herab in das Meer. Da wuchs ein steinern Gebilde aus der Tiefe, ganz wie ein Mönch gestaltet, und auf der Klippe ging der Geist des Bekehrers um und predigte mit einer Donnerstimme, so lange, bis sich die Leute dennoch zur neuen Lehre bekehrten, dann hatte der Geist Ruhe, aber der steinerne Mönch blieb als ein sonderbares Wahrzeichen stehen. *   170. Mannigfual In der Nordsee, erzählen die nordfriesischen Seefahrer, steuert ein Riesenschiff. Sein Umfang ist untümlich groß, die Masten sind höher als alle Kirchtürme, die Taue sind so dick wie große Tannen. In der Takellage sind Öffnungen, dahinein die Matrosen zum öftern gehen, der Einkehr halber, um eine Stärkung zu sich zu nehmen, denn wer als junger Matrose da hinaufklettert, der kommt erst in hohen Jahren mit grauem Haar und Bart wieder herunter. Der Kapitän reist zu Pferde auf dem Verdeck herum, um seine Befehle zu erteilen, und ist froh, wenn er in einem Tage herumkommt. Dieses wundersame Schiff heißt der Mannigfual. Insgeheim hält es seinen Kurs nur im hohen Norden, im tiefsten Fahrwasser, denn sonst könnte es in der Landnähe bald aufsitzen. Einstmals wurde das Schiff dennoch südwärts getrieben, es befand sich im Atlantischen Ozean und kam in den Kanal zwischen Dover und Calais. Da war ihm das Fahrwasser zu schmal, es füllte beinahe den Kanal ganz aus, da hätten die Franzosen auf trocknem Boden über das Schiff weg nach England spazierengehen können. Da fiel dem Kapitän ein guter Gedanke ein, er ließ die Backbordseite, nach Dover zu, ganz mit weißer Seife bestreichen, das glückte, jetzt wischte der Mannigfual glücklich durch die Meerenge und kam in die Nordsee. Aber die abgescheuerte Seife und der Schaum, den es gab, verliehen den Felsen der britischen Küste bei Dover ihre weiße Farbe bis auf den heutigen Tag. Einst geriet der Mannigfual in die Ostsee, Gott weiß wie. Da war das Wasser gar zu seicht. Die Schiffsleute warfen ihren Ballast, Schlacken und Asche über Bord, um das Schiff flott zu machen. Daraus ist die Insel Bornholm entstanden, und aus dem Unrat der Kabuse das dabeiliegende Inselchen Christiansoe. *   171. Der Geldsot In Süddithmarschen bei Marne rinnt eine helle Quelle über die Marsch hin, die blinkt wie Silber. Nahe dabei hat ein Dorf gestanden, das verheerte erst der Moskowiterkrieg, nachher kam die Seuche, und da starb es ganz aus bis auf einen einzigen Mann, das war der Hirte, und der erbte nun all das Geld und Gut, das die Verstorbenen hatten zurücklassen müssen, doch half es ihm auch weiter nichts, denn er verließ den Ort nicht. Er hatte aber seine Lust daran, alles zusammenzutragen, und versenkte dann alles hinab in den Quellbrunnen, und dann starb er und hinterließ keine Erben. Es mochte es aber im Vorbeireisen doch jemand gesehen haben, was der Hirte getan, denn die Sache kam unter die Leute, und der Brunnen wurde der Geldsot geheißen. Wenn einer mit einem Stocke in den Quell hineinstieß, klang es hohl, und man konnte bisweilen in der Tiefe den kleinen grauen Mann sehen, wie er, einen schwarzen Hut auf dem Kopf und ein brennendes Licht in der Hand, nachsieht, ob der Schatz noch ganz vorhanden ist. Wollte einer versuchen und hinabgreifen, so war der Hirte verschwunden. Einstmals haben sich ihrer Dreie verbunden, den Schatz zu heben, und haben die Quelle weit aufgegraben, und da sind sie auf einen großen Braukessel gestoßen, den konnten sie so nicht herausheben, da legten sie einen Windebaum quer über das Loch und banden Stricke an die Öhre und begannen den Kessel in die Höhe zu winden, das taten sie aber ganz stillschweigend, weil man beim Schatzheben ja nicht reden darf. Mit einem Male hörten sie Räder rollen und Achsen ächzen, und da fuhr ein Fuder Heu vorbei, das zogen sechs weiße Mäuse. Aber keiner von den Dreien verlor ein Wort, noch einen Laut, und der Kessel rückte schon merklich höher. Da kam der Mann mit dem dreieckichten Hute auf einem Schimmel geritten, der nur drei Beine hatte. – Guten Abend! sagte der Alte, aber die Drei waren klug und antworteten nicht.– Könnt' ich wohl das Heufuder einholen? fragte der Mann weiter, und da fuhr's dem einen heraus: Den Teufel wirst du's einholen, du lahmer Krüppel auf deinem lebendigen Dreibein! – O weh, da brach die Winde, und der Kessel versank, und nimmermehr, so viel ihrer es auch später wieder versucht haben, hat einer vermocht, ihn zu heben. *   172. Röwerlöwe Der Dithmarschen Volk liebte von Urväterzeiten her seine Freiheit über alles. Große Kämpfe hat es bestanden und blutige Schlachten geschlagen, und viele siegreich, bis es zuletzt noch überwunden ward. Aber immer noch ist in ihm die Erinnerung an seinen alten Ruhm lebendig, wie die Hoffnung auf seiner Freiheit Wiederkehr. Kaiser Karl der Große schon hatte mit den Dithmarschen zu kämpfen. Nun lebte zu Windbergen ein starker und tapferer Kampfheld, genannt Röwerlöwe, der trat in des Kaisers Dienst, und Karl setzte ihn zu einem Herrn über das Dithmarschenland und -volk als einen Vogt, der die Unterjochten im Zaume halten und zum Christentume zwingen sollte. Aber die Dithmarschen ließen sich mitnichten im Zaume halten, sie empörten sich gegen den Röwerlöwe, nahmen ihn gefangen und räderten ihn. Von diesem Röwerlöwe soll das berühmte Geschlecht derer von Reventlowen abstammen, er soll dessen Ahnherr gewesen sein. Lange Zeit wohnten seine Nachkommen noch in Dithmarschen, aber immer glimmte im Volk ein alter Groll gegen dasselbe fort, da hat es sich endlich hinweggewendet und sich über Holstein, Schleswig und Dänemark verbreitet. *   173. König Dan Im Lande Dithmarschen geht die Sage, daß der erste König von Dänemark Dan geheißen, der habe dem Lande den Namen gegeben, und nach ihm heiße es Danemark, er habe aber nicht im heutigen Dänemark gewohnt, sondern in Schleswig. Früher habe er auch lange Zeit unter den Heiligen im Kalender gestanden. Zu seiner Zeit war alles noch heidnisch, die Leute verbrannten ihre Toten, taten die Asche in Urnen und setzten sie bei in Riesenbergen (Hünenhügeln), König Dan wollte aber nicht verbrannt sein, sondern auf seinem königlichen Stuhl im Grabe sitzen, und wollte auch sein aufgesattelt Pferd bei sich haben, das ist auch so befolgt worden. Ohnweit Tönningen in Eiderstede ist ein kleiner Erdhügel mit einer Höhle. Darinnen sitzt König Dan wie der Kaiser Friedrich im Kyffhäuser, mit zweimalhunderttausend Mann Wappnern, und alle schlafen. Einstmals wurde einem zum Tode verurteilten Soldaten das Leben versprochen, wenn er in die Höhle hineingehen und berichten wollte, was er sähe. Da nun der Soldat in die Höhle kam, sah er den König sitzen an einem Tisch, und hatte sein Haupt auf den Arm gestützt und schlief. Der Bart war ihm lang gewachsen und hing unter den Tisch herab. Jetzt erwachte der König und fragte den Soldaten: Was willst du? – Mich schickt mein Herr und König herein, daß ich Nachricht von Euch bringe. Sage deinem Herrn, erwiderte König Dan, ich werde zu seiner Zeit wiederkommen und ihm Hülfe bringen, und er soll herrschen über die ganze Welt. – Diese Zeit ist noch nicht gekommen und dürfte wohl auch noch etwas lange verziehen. *   174. Die Schlacht auf dem Tausendteufelsdamme König Johann von Dänemark sprach zu dem Herzog, seinem Bruder: Was beginnen wir nur, daß wir das reiche freie Dithmarschenland an uns bringen? Da sprach der Herzog: Wir wollen einen Boten an die sächsische Garde senden, mit deren Beistand wollen wir wohl den Dithmarschen obsiegen. Und sendeten einen Boten auch in die Marsch und kündigten dem Volke an, daß der König drei feste Schlösser haben wolle im Lande, aber das wollten die Bauern mitnichten leiden. Und der Bote ging zurück nach Rendsburg, allwo der König lagerte und ein mächtig großes Heer sammelte aus Jütland, aus Fünen, aus Holstein und aus deutschen Landen; Soldknechte eine ganze Schar vom Rhein, aus Franken und Sachsen, die hatten sich zusammengetan und nannten sich die sächsische Garde. Und da die Garde zu dem Königsheere stieß, da fragte sie: Herr König, wo liegt denn das Dithmarschen? Liegt es im Himmel droben oder auf schlichter Erde? – Da sprach der König: Es ist nicht mit Kloben an den Himmel geschlossen, es liegt auf Erden. – Darauf sprach wieder die Garde: Herr König, wenn das Dithmarschenland nicht mit Kloben an den Himmel geschlossen ist, so soll es bald unser werden. – Und da ließ der König die Fahnen fliegen und die Trommeln schlagen und zog mit dem Heere von zwölftausend Mann auf das tiefe Land zu. Zuerst zog das Heer nach Windbergen, da lag es eine kleine Weile und rastete, hernach zog es weiter nach Meldorf zu und trieb allerlei Übermut und Grausamkeit. Sie steckten des Königs Banner hoch vom Turme aus und hingen ihre Schilde über die Mauer, alles den Dithmarschen zum Hohne. Die hatten nur eine kleine Schar von tausend Streitern und wichen zurück bis an die Hemmingstetter Brücke. Da war noch ein Wall aus der alten Sassenzeit und tiefe Graben, und die Graben waren schlammig und voll Wasser. Da machten die Dithmarschen in der Nacht ein Bollwerk, stopften die Lücken des alten Erdwalles mit Moos und Schlamm und Binsen, machten ein Pfahlwerk und erwarteten den Feind. Der kam im Frühstrahl herangezogen, voll Kampfesmut, und die Dithmarschen warfen ihnen einen Steinhagel entgegen. Die Feinde aber suchten in Eile den Graben zu überbrücken, sie banden Speere zusammen, und darauf warfen sie querüber wieder Speerbündel, und nun hinüber, aber rücklings wurden sie niedergestürzt und niedergeschmettert. Viele wollten im Sprung die Höhe des Walles gewinnen und schwangen sich am Schaft der Lanzen hoch empor, aber sie sprangen zu kurz, und wem ja der Sprung gelang, den empfing in Kolbenstreichen auf dem Wall der sichere Tod. Da leuchtete mancher alte Morgenstern vom Bornhöveder Schlachttage wieder hell, und manche verrostete Klinge von damals schliff sich heute wieder blank an Feindes Helm und Panzer. Aber siehe, plötzlich entstand ein Angst- und Schreckensruf im Kampfhaufen der Dithmarschen: Umgangen! Weh! Wir sind umgangen! Im Rücken heran zog Feindesgewimmel, das an anderer Stelle den Wall überklettert hatte, und es drohte nun der sichere Tod. Da trat plötzlich allen unversehens eine Dithmarschenjungfrau vor, die schwang hoch in der Hand eine Fahne mit dem Bilde des Heilandes und rief laut zur Mutter Gottes: Hilf uns, Maria, Gebenedeite, so gelobe ich dir ewige Keuschheit! – Und: Mir nach, rief sie, drauf! – und stürmte mit der Fahne und einem Schwert und fliegenden Haares geradezu gegen den Feind. Da entstand ein hartes und fürchterliches Schlagen, und lange stand der Kampf, aber die Übermacht der Feinde war allzu groß. Da aber hatte Gott ein Erbarmen und sandte die Flut. Die wälzte sich heran, krachte an die Schleuse, brach die Schleuse, überströmte die Felder von Hemmingstett, und wie die Bauern die Wogen daherbrausen sahen, da jauchzten sie in erneuter Kampflust, nahmen wieder hinterm Tausendteufelsdamme festen Stand, wo sie sicher vor der Flut waren, und schlugen auf den Feind los, den rings die Wogen bedräuten. Da war ein Gardenführer, sie nannten ihn den langen Jürgen, der hatte Herz im Leibe und spornte seinen Hengst, und sprengte glücklich auf den Wall, und rief: Wer wagt es mit mir, der komme heran! – Und da war ein Bauer, der hieß der Reimer von Wiemerstede, der sprang vor, schlug mit seiner Mordaxt des Junker Jürgen Speer zur Seite und hieb mit derselben Axt in den Panzer des Junker ein, die saß so fest, daß er sie nicht wieder herausziehen konnte. Da riß der Reimer den Jürgen am Axtstiel nieder, trat auf das Eisen und trat es dem Junker fünf Zoll tief in den Leib hinein. Und von den andern Feinden blieben zahllose Tote in dieser wilden Schlacht, außer denen, die von den Wogen verschlungen wurden, es blieben da fünf von dem Geschlechte derer von Rantzau, von Ahlefeld sieben, von Wackerbarth vierzehn, der König entfloh zu Schiffe. Lange sind noch Lieder von dieser Schlacht auf die sächsische Garde, von Jürgen Slens, von der kühnen Maid und dem Reimer von Wiemerstede im Dithmarschenlande gesungen worden. *   175. Wunderbäume in Dithmarschen und Holstein In der Kirche von Süderhadstede steht ein alter Holunderbaum. Zu diesem Baume, geht die Sage, kam oft der Geist des Königs geritten, der den Dithmarschen ihre Freiheit genommen. Er ritt auf einem grauen Schimmel und betete unter dem Baume. Einst wird die Zeit kommen, da wird auf dem Heideviert, darauf Süderhadstede liegt, eine große Schlacht geliefert, das fliehende Heer wird nach dem Dorfe zugetrieben werden und wird es mit Getümmel erfüllen. Da wird der König kommen, seinen grauen Schimmel an den Holunderbaum binden und niederknien und inbrünstig beten. Dann aber werden dreihundert Dithmarscher Bauern hinter der Kirche hervortreten, bewaffnet mit Sensen, Hauen und Dreschflegeln, und aus ihrer Mitte einer in grauen Hosen, blauer Weste und mit weißen Hemdsärmeln wird herzutreten und wird dem König auf die Schulter klopfen und wird sprechen: Herr König, Er hat uns die Freiheit genommen, doch sei Er nur gutes Mutes und besteige wieder sein Pferd, wir wollen Ihm doch beistehen. Da wird der König sich erheben und seine Leute sammeln, die Bauern aber werden den Feind aufhalten, und nach neuer blutiger Schlacht wird dann ein langer Friede ins Land kommen. So stand auch bei Süderhadstede zu den Zeiten der Freiheit auf einem schönen runden Raum eine uralte Linde, die ward der Wunderbaum geheißen im ganzen Marschlande. Ihre Höhe übertraf die aller andern Bäume ringsumher, ihre Zweige standen alle kreuzweis, ihresgleichen war nirgends zu finden. Jahr auf Jahr ergrünte sie frisch, trotz ihres hohen Alters, und die Rede ging, solange des Landes Freiheit blühe und grüne, werde auch der Wunderbaum also fortbestehen. Und so geschah es. Als der Dithmarschen Freiheit gebrochen ward, verdorrte die Wunderlinde. Aber noch geht die Sage: auf der dürren Linde wird eine Elster ihr Nest bauen und wird darinnen ausbrüten fünf weiße Junge. Das wird das Zeichen sein von der Freiheit Wiederkehr, und dann wird die Linde wieder ausschlagen und grünen, wie der dürre Birnbaum auf dem Walserfeld, wann der Kaiser Friedrich hervortritt und die große Freiheitsiegesschlacht schlägt. Und dann wird das Dithmarschenland auch wieder zu seiner Freiheit kommen. – Ein verheißungenreicher Holunder ist aus der Nortorfer Kirchhofmauer herausgewachsen und ein anderer in Schenefeld, an welche Bäume ganz ähnliche Prophezeiungen sich knüpfen. *   176. Der wilde Jäger in Dithmarschen Auch in Dithmarschen kennt man den wilden Jäger, wie am Rheine, auf dem Harz, in Thüringen, im Vogtlande und sonst. Also wird vom Freischützen zu Marne erzählt, daß er ein ziemlich wilder Bauernbursch gewesen, der die Jagd über alles geliebt, aber, nachdem er sich verheiratet und ein kleines Gütchen bewirtschaftete, dieses über der Jägerei vernachlässigt, mit dem Weidwerk aber gar wenig aufgesteckt habe. Da ging er einstmals ganz mißmutig durch den Wald nach Hause, denn er hatte den ganzen Tag noch keine Krähe und keine Klaue geschossen, siehe, da ging ein fremder Jagdgesell vor ihm her, der trug ein schönes Gewehr und eine bauschende Jagdtasche, und der Bauer mochte ihn gern einholen. Jener aber führte einen tüchtigen Schritt. Endlich tat der Bauer einen hellen grellen Jagdpfiff, jener jedoch kehrte sich gar nicht daran und stand nicht, bis er an einen Kreuzweg kam, da stand er endlich und erwartete den Bauer, und war ein ganz feiner, gutgekleideter Gesell. – Ihr habt wohl besser Glück gehabt als ich, sprach der Bauer zu ihm. Ich seh's Euerm Jagdranzen an, der ist gut gefüllt. – Ja, sprach der Fremde, kannst's auch so haben, kannst Kugeln schießen, die immer treffen, mit deinen Kugeln triffst du freilich nichts. Guten Weg! – Und wollte damit weitergehen, aber der Bauer-Jäger hielt ihn zurück und bat, ihm sein Geheimnis des Stetstreffens und Niefehlens zu lehren, und versprach ihm hohen Lohn. Jener aber sprach: Ich will es dir wohl lehren, du mußt mir aber schwören, keiner lebenden Seele mein Geheimnis zu verraten, denn tätest du das, so würde es dir übel ergehen. – Jener schwur und hob die Hand gen Himmel, da flogen zwei Raben auf und krächzten und schwirrten um die beiden Männer, und der fremde Jäger sagte jenem sein Geheimnis. Sotanes Geheimnis war aber gar entsetzlich, und der Bauer trug schwer daran, und lastete ihm auf dem Gemüte, und probierte es nicht, ging lieber gar nicht mehr hinaus in den Wald, sondern blieb zu Hause, aber auch da still und träumerisch. Die Frau sah ihres Mannes Veränderung, und hatte ihr sein Jagdgehen nicht gefallen, so gefiel ihr sein in sich gekehrtes Wesen noch viel weniger, und sie drang in ihn, ihr zu sagen, was ihm denn fehle. Er aber schwieg, sie aber ließ nicht nach mit Forschen und Fragen, Bitten und Betteln, bis er endlich ihr vertraute und sprach: Ich soll, wenn ich will, daß jede meiner Kugeln treffe, mein Gewehr mit einer geweihten Hostie laden statt mit einer Kugel, dann im Walde auf einen freien Platz gehen zur Mittagsstunde, da ein weißes Tuch ausbreiten, darauf treten und gerade in die Sonne schießen. Von da an soll jeder meiner Schüsse treffen und des Wildes nimmer fehlen. Wohl war das der Frau graulich zu hören, doch allmählich stillte sich ihr Grauen, und da sie mehr und mehr in Not, ihr Hauswesen aber in Verfall kam, so meinte sie, probieren könne er das Kunststück ja doch einmal, so sehr viel könne es doch nicht auf sich haben, es sei ein Jägerstücklein wie viele andere, und wenn es probat sei, wie sie gar nicht glaube, so hülfe es ihnen aus aller Not, und was ihres Zuredens Worte mehr waren. Und da dachte er es endlich zu wagen. Er hatte aber ganz und gar vergessen, daß er seinen Schwur schon gebrochen und das Geheimnis verplaudert hatte und daher schon jenem Argen verfallen war. Nun ging der Jäger zum Abendmahl, empfing die heilige Hostie, behielt sie im Munde und lud sie dann heimlich in seine Büchse. Dann tat er alles übrige nach der Vorschrift, ging noch denselben Sonntag zur Mittagszeit in den nahen Wald. Die Sonne schien hell. Der Jäger zielte, er schoß nach der Sonne. Da verfinsterte sich die Sonne, schwarzes Gewölk fuhr auf. Blitze flammten, Donner krachten, die zwei Raben waren da und krächzten und schlugen mit den Flügeln. Der Entsetzte sprang von seinem Tuche, bückte sich, wollt' es aufraffen, da waren die Fußtapfen, wo er gestanden hatte, voll Blut. Er stürzte aus dem Walde, die Angst brachte ihn fast um – dort stand sein Haus, das brannte lichterloh – das Wetter hatte hineingeschlagen, schreiend und heulend stürzten Weib und Kinder ihm entgegen. Und da war auch der fremde Jäger wieder da, der höhnte ihn, daß er ein schlechter Freischütz sei, der das Geheimnis nicht bewahrt habe. Und nun müsse er bis zum Jüngsten Tage jagen, Weib und Kinder müßten als Hunde ihn begleiten – am Tage müsse er bei den zwei Raben im Walde wohnen und nachts durch die Lüfte hetzen. Dieses geschah und geschieht noch immer, und die Leute nennen das den wilden Jäger. Wer ihn hört und das Wauwau der Hunde nachmacht, dem wirft er Knochen herab oder Stücke von verfaultem Wild und Pferden. Einem Mann aus Bornhövede ist das geschehen, auch einem aus Meinsdorf, die wurden gezwungen, selbst von dem Braten zu essen. Der wilde Jäger hat insgemein viele Hunde, meistens kleine Dächsel und andere, manchesmal brennt den Hunden auf dem Schwanz ein Licht. Manchesmal zieht er mitten durch die Häuser, und da tut er niemand etwas, wenn nur die Leute sich ruhig verhalten und sich an nichts kehren. *   177. König Abels Jagd König Abel, der Brudermörder, war Zeit seines Lebens ein gewaltiger Jäger, und als es mit ihm zum Sterben kam, wünschte er sich, statt der ewigen Seligkeit, ewig jagen zu dürfen. Dieser Wunsch ward ihm gewährt zur ewigen Strafe. Kohlschwarz im Gesicht, von zehn manchmal feurigen, aber kleinen Hunden begleitet, auf einem kleinen Pferde reitend, durchzieht er die Lüfte mit Lärm und Getöse und gellem Hornruf. Sein Schrei tönt: Hurra! Hurra! – Es war zur Zeit König Abels Leben nicht gut, ihm zu begegnen, und ist's auch heute noch nicht. Ein alter Bauer aus Dorf Danewerk erzählte, wie seiner Großmutter ihre Großmutter noch eine junge Dirne gewesen, da hätte um das Danewerk herum noch viel Gehölz gestanden, dahinein hätte die Dirne die Kühe getrieben und gehütet. Da habe sie einmal unversehens in der Luft ein fürchterliches Ramentern vernommen und wäre König Abel in Lüften dahergesaust mit seiner Jagd. Zehn Hunde, ganz weiße, hatte er bei sich, die hatten feurige Zungen aus dem Halse hängen. Ach, dachte die Dirne, nun bin ich so ganz allein, wie soll das wohl gehen? Sie hatte ein weißes Schürztuch um, das band sie ab, und wickelte es um ihren Kopf, und setzte sich bei einen großen Baum und weinte. König Abel kam nun heran und machte gar ein grausiges Geprassel und Getöse bei ihr herum, und dann zuletzt machte er sich wieder von dannen. Von den Hunden des Königs Abel kam aber einer zu der Dirne heran, und sprang ihr in den Schoß, und legte sich still hinein. Wie nun der Lärm vorüber war, so nahm sie den Hund im Schoß mit nach Danewerk, und da hat er sein Geschlecht vermehrt, daß noch immer solche Däckel dort gefunden werden. König Abels Jagd hat aber seitdem nicht mehr zehn Hunde, sondern nur noch neun. König Abels Pferd braucht auch Futter. Auf dem Hesterberg bei Schleswig bringen die Bauern aus Mielberg, wenn sie ein Stück Land mit Hafer besäen, einen Sack voll mehr mit, als sie brauchen, nachts kommt hernach allemal jemand, der den Hafer für sein Pferd braucht. Darum gerät aber auch der Hafer auf dem Hesterberg am allerbesten in ganz Schleswig. *   178. Der Wode Im Lauenburger Lande heißt der wilde Nachtjäger Wode, mag wohl ein Namensnachhall des altheidnischen Sachsenvolkgottes Wodan sein. Der Wode jagt vornehmlich, wie der Harz-, Thüringerwald- und Vogtland-Wilde Jäger in der Adventszeit und in den Zwölften. Er reitet das altheilige große weiße Roß, und es folgen ihm vierundzwanzig Hunde. Sein Pferd hat nur drei Beine. Wenn die Wodensjagd auf Zäune stößt, krachen sie gleich zusammen, über Nacht richten sie sich von selbst wieder auf. Des Woden Hunde bleiben bisweilen ermattet liegen, schnaufen, heulen und winseln, so geschah es in Wulfsdorf, in Fühlenhagen u. a. Andern Tages holt sie der Wode wieder. Läßt eine Frau zur wilden Jagdzeit Wäsche im Freien hängen, so wird sie von den Wodenshunden in Fetzen gerissen. Bäckt jemand zu dieser Zeit, so kann er es erleben, daß die Brotlaibe als Jagdhunde auf- und davonfliegen. Läßt jemand die Haustüre unversehens offen stehen, so kann er gewärtigen, daß das Wodensheer hereinzieht, und hindurch, und daß die Hunde auffressen, was sie vorfinden, absonderlich den Brotteig. Doch weiß der Wode solchen Verlust auch zu vergüten. Einst klagte ein Bäuerlein erbärmlich, was es denn nun mit den Seinen essen sollte, und ob es keinen Schadenersatz erhalten sollte. Der Wode schrie: Jo jo! ho ho! – schmiß einen toten Hund aus der Luft herunter dem Bauer vor die Füße und schrie dazu: Wirf's Aas durch den Schornstein! – Der Bauer erschrak und tat's. Der tote Hund war schwer. Auf des Bauern Herd zerplatzte der Hundebalg, und es rollte die Küche voll Goldstücke. Der Wode jagt, wie der wilde Jäger im Vogtland, die Wichtel, Holzweibel und Moosleute, die kleinen Waldfrauen, die Erd- und Bergmännchen, die die Leute dort im Lauenburger Lande Unterirdische nennen. Er vertilgte sie so ziemlich von der Erde. Sein Hauptjagdweg geht um Krumesse herum über das Moor nach Beidendorf zu. Ein Beidendorfer Bauer wollte einmal abends nach Krumesse zu, da kam ein ganzer Schwarm Unterirdischer dahergelaufen, waren aber dasmal gar nicht bange und riefen: Heut kann er uns nicht kriegen, heut soll er uns wohl in Ruhe lassen, heut hat er sich nicht gewaschen! – Als der Bauer ein Stück weiter gegangen war, fuhr der Wode daher und fragte den Bauer: Was riefen sie?, und der Bauer antwortete: Sie sprechen, du hättst dich von heut morgen nicht gewaschen! – Gleich ließ der Wode sein Pferd halten, ließ es stallen und wusch sich damit – dann ging die Jagd los. Ehe der Bauer Krumesse erreichte, sah er den Wode schon wiederkommen: der hatte ganze Bündel Unterirdische hüben und drüben am Pferde baumeln, wie Krammetsvögelklubs, und hatte sie mit den Haaren aneinandergebunden. Jetzt jagt der Wode bloß noch in der Luft, denn die Unterirdischen, meinen viele, hat er bereits alle von der Erde fortgebracht. Auch im Mecklenburger Lande wird der wilde Jäger der Wode genannt, und werden von ihm vielerlei ähnliche Geschichten erzählt. *   179. Die Unterirdischen Das Volk der Unterirdischen und der Glaube an dasselbe ist im deutschen Norden und weiter nordwärts verbreiteter als irgendwo; es wohnt unter der Erde, häufig in den alten Grabhügeln und Hünenbetten; im dänischen Schleswig heißt es Biergfolk, Ellefolk, Unnervaestöi, Unnerborstöi, auf Sylt Onnererske, auf Föhr und Amrum Onnerkänkissen, in Holstein Unnererske, Dwarge. Seit undenklichen Zeiten wohnen sie im Lande. Die Sage von ihrer Entstehung lautet: Christus der Herr wandelte einmal auf Erden und nahte einem Hause, darinnen eine Frau wohnte, die hatte fünf schöne Kinder und fünf häßliche. Der Häßlichen schämte sie sich vor dem hohen Gast und verschloß sie schnell im Keller. Wie nun der Herr in das Haus kam, sprach er: Frau, lasset Eure Kindlein zu mir kommen. Und da brachte die Frau ihre fünf hübschen Kinder, daß der Herr sie segne. – Und wo sind Eure andern Kinder? fragte der Herr. Andere Kinder hab' ich keine, log das Weib. So, sagte der Herr, und legte die Hände auf die fünf Kinder, und segnete sie und sprach: Was drunten ist, soll drunten bleiben, was oben ist, soll oben bleiben. – Als der Herr hinweg war, lief die Frau in den Keller, ihre häßlichen Kinder herauszulassen, aber da waren sie verschwunden. Aus ihnen ist das Geschlecht der Unterirdischen entstanden. Zahllos sind die Orte, welche das Volk in Schleswig, Holstein, Lauenburg, in Jütland und auf den Inseln nennt und kennt, wo Unterirdische sich aufhalten sollen, und noch viel zahlloser die mannigfaltigen Sagen von denselben. Die Onnerkänkissen auf Amrum haben ihr Wesen hauptsächlich im Fögedshoog bei den Dänen, da laufen sie auf dem Wasser Merum Schlittschuhe. Ein Mann ließ sich einfallen, ihnen nachzugraben, wie man einem Fuchs oder Dachs nachgräbt; da schrie es hinter ihm: Feuer!, und wie er umschaute, sah er sein Haus in hellen Flammen stehen. Eilends ließ er ab von seiner Gräberei und stürzte seinem brennenden Hause zu; als er hinkam, war keine Spur einer Flamme. Er war klug genug, sich die Lehre zu merken, er grub nicht wieder. Die Unterirdischen sollen auch an Gott glauben, aber vom Christentum wissen sie nichts, daher gehen sie auch nicht zur Seligkeit ein. Viele sonderliche Kunst wird den Unterirdischen zugeschrieben, besonders sollen sie die Verfertiger der so mannigfach geformten Grabtöpfe sein, die in Hünengräbern stehen, und von alle dem schönen Schmuck und den bronzenen Waffen, die in der Erde und häufig selbst in solchen Töpfen gefunden werden. Einen solchen Topf zu zerschlagen, bringt kein Glück, zeugt auch von geringem Verstand. Mancher ist über solchen nutzlosen Frevel ganz von Sinnen gekommen. Same, aus solchen Gefäßen gesäet, gedeiht besser als anderer, Hühner, aus denselben getränkt, werden nicht krank, Milch, in ihnen hingestellt, rahmt besser und gibt mehr Butter. Wie in Deutschland vom Zwergenvolk die Sagen gehen, daß es Kessel und sonstige Geräte leihe, besonders zu seinen Hochzeiten und Festen – so findet im Norden der umgekehrte Brauch statt, die Bauern leihen dergleichen bei den Unterirdischen und geben es nach gemachtem Gebrauch mit Speiseresten zurück. Was sich die Leute zu Zittau in der Lausitz von den in dortiger Gegend hausenden Bergzwergen erzählen, daß sie unsichtbar an Hochzeiten der Menschen teilnehmen, zwischen den Leuten sitzen und mit ihnen essen, das wird auch im Pinnebergischen erzählt und im nördlichen Schleswig. Wer den Unterirdischen etwas, das ihnen gehört, wegnimmt, erzürnt und vertreibt sie. Lärmenden Instrumentenschall können die Unterirdischen nicht vertragen, am wenigsten aber den Klang der Glocken, der hat sie fast überall hinweggetrieben, und dieser Glaube ist übereinstimmend in allen Landen. Die Unterirdischen holen auch oft irdische Wehfrauen hinab zu ihren Wöchnerinnen, belohnen sie scheinbar gering, aber wenn sie das Geringfügige, Hobelspäne, Sand Asche, Kohlen, Erbsen, Laub und dgl., nicht unklug wegwerfen, so verwandelt sich's in Gold. Meist werfen sie es aber weg, und bleibt nur ein kleines Restchen an der Schürze hängen oder fällt in den Schuh, und jene entdecken dann zu spät ihre Torheit, und welchen Reichtum sie verworfen. Unter dem Landvolke, so weit es noch an die Unterirdischen glaubt, herrscht mehr Furcht und Abneigung gegen sie als Neigung und Liebe; sie nennen sie Untüeg, Unzeug (Gezügk sagen die Thüringer). Vom Verkehr der Menschen mit den Unterirdischen, von Krieg und Frieden, Gunst und Tücke, Raub und Wiederbringung, Gaben, die Glück, Gaben, die Unheil bringen, und dergleichen mehr wären allein ganze Sagenbücher zu füllen. Auch die Wechselbälge sind der Unnereerdschen unliebliche Früchte. Letztere stehlen neugeborene Menschenkinder vor der Taufe und legen ihre verschrumpfelten Hutzelmännchen in die Wiegen. Mancher geht umher, und wenn er in den Spiegel guckt, weiß er nicht, ob er nicht vielleicht auch ausgetauscht worden. *   180. Die Kielkröpfe Es gab auch noch andere geisterhafte Wesen von dämonischer Art, deren Natur im Guten und Schlimmen, doch mehr im letztern, mit der der Unterirdischen verwandt ist. Wechselbalg und Kielkropf ist so ziemlich Maus wie Mutter. Beide Sorten sind ausgetauschte Kinder ohne Gedeihen, von häßlichem Aussehen, die stets quengeln und weinen und meist die Unterirdischen, wo nicht gar den Teufel zum Vater haben. Durch Mißhandlungen, die dem Kielkropf angetan werden, wird meist die Mutter desselben gezwungen, ihn wieder zurückzunehmen und das der Mutter heimlich entrissene eigene Kind zurückzugeben. Einstmals hat sich eine Frau mit solch einem Kielkropf Jahr und Tag gequält; sie hatte wahrscheinlich vergessen, während ihrer Wochen bis zur Taufe Tag und Nacht Licht zu brennen oder irgendein Kleidungsstück von ihrem Manne anzuziehen. Schon hatte sie den Balg sieben Jahre; er aß viel, aber wollte nicht wachsen, nicht laufen, nicht sprechen lernen, hatte einen großen Dickkopf und spinnenbeinige Armchen und Füßchen. Da kam zu der Bauernfrau eine alte Jatrin (Zigeunerin), der klagte die Frau ihr Herzeleid, das sie jahraus jahrein mit dem Kinde habe, und die gab guten Rat, was die Bäuerin vornehmen sollte, um zu sehen, ob ihr Kind etwa ein Kielkropf wäre oder nicht. Diesen Rat befolgte die Frau, sie leerte ein Gänsei aus, füllte Bier hinein und kochte es über der Lichtflamme. Auf einmal begann der bisher stets stumm gebliebene Kielkropf an zu sprechen und sagte: Ich bin so alt Wie Brennholz im Wald, So was hab' ich aber doch noch nicht gesehn! So? sagte die Bäuerin, bist so alt wie das Brennholz im Wald, so bist du mein Kind nicht!, und nahm ein Stück Holz und wollte auf das ungestaltete Kind losschlagen, aber da kam gleich eine alte Unnereerdsche gelaufen und nahm das Kind aus der Wiege und sagte: So will ich mein Kind nicht mißhandeln lassen! – und da sie weg war mit ihrem Balg, stand ein schönes wohlgewachsenes siebenjähriges Kind, das rechte der Frau, neben der Wiege. Ähnliches widerfuhr einer Frau in Jägerup bei Hadersleben, welcher eine kluge Nachbarin riet, den Wechselbalg in den geheizten Backofen zu schieben. Als sie dies tun wollte, kam schnell die unterirdische Mutter, brachte das umgetauschte Kind und sagte: So schlecht hätte ich nimmer an deinem Kinde getan!, indem sie ihr Kind nahm und verschwand. Im Dorfe Böken bei der Stadt Lauenburg war ein wundertätiges Marienbild von Holz, das heilte viele Kranke. Nun hatte in einem nahen Nachbardorfe ein Bauer lange Zeit in kinderloser Ehe gelebt und hielt deshalb seine Frau sehr übel. Endlich fühlte die Frau sich in Hoffnung, das machte den Bauer ganz glücklich, und er trug nun die Frau fast auf den Händen. Aber als sie geboren hatte, tauschten die Unterirdischen ihr Kind aus und legten einen Kielkropf ein, der hatte einen Kopf wie eine Metze und spindeldünne Gliedmaßen. Auch wuchs nichts an ihm, als nur der Kopf, der wurde größer als beim größten Menschen. Nach drei Jahren glich der Kopf des Jungen einem Riesenkürbis, und dabei konnte das Kind nicht stehen noch gehen noch sprechen, aber quarren und plärren den ganzen Tag, das konnte es meisterlich. Eines Abends, als die Frau dieses Goldsöhnchen auf dem Schoße hatte und sich mit ihm abquälte, sprach sie zu ihrem Mann: Du, mir fällt was ein, vielleicht kann uns noch geholfen werden; morgen ist Sonntag; nimm doch das Kind und die Wiege und geh damit nach Böken zur Mutter Maria, stelle die Wiege vor sie hin und wiege das Kind eine Zeitlang, vielleicht, daß es hilft. – Das will ich wohl tun, sagte der Bauer und ging am andern Tage mit dem in die Wiege wohlverpackten Kielkropf los. Als er auf die Brücke von Böken kam, rief drunten eine Stimme mitten aus dem Wasser heraus: Kielkropp, wo wullt du hen? und da antwortete das Kind in der Wiege: Ik wil my laten wegen, Dat ik sal gedegen (gedeihen). Da war der Bauer vor Verwunderung außer sich, daß sein Balg auf einmal sprach, besann sich aber gar nicht lange, sondern schmiß Kind und Wiege ins Wasser hinab und schrie hinterdrein: Kannstu nun spräken, du Undeert, Denn ga dorhen, wo du't hast geleert! – Da erhob sich unter der Brücke groß Schreiens, als riefen eine Menge Leute; und die Kielkröpfe tummelten sich lustig im Wasser, der Bauer aber lief, was er laufen konnte, heim zu seiner Frau. Eine fast gleiche Sage geht in der Gegend um Halberstadt, da redet auch der Kielkropf im Korbe: Ick well gen Hackelstadt (wohin eine Wallfahrt war), to unser leven Fruggen, und mi laten wigen, dat ick möge gedigen. Da warf der Bauer ebenfalls Kind und Korb ins Wasser, und die kleinen Teufel puddelten und purzelten mit Geschrei lustig im Wasser herum. *   181. Die Nissen und die Wolterkens In den nordischen Landen heißen die Wassergeister Nissen, auch Klabautermännchen, auch Nesse, Puge, Puke, Niskepuke, sind aber doch, wie die Kaboutermannekens in Holland, auch zugleich Hausgeister hülfreicher Art, und der Glaube an sie ist allverbreitet. Neben ihnen bestehen auch noch die Wolterkens, ebenfalls Hausgeistchen, Hausknechtchen, was die deutschen Heinzchen, Hütchen, Heimchen sind; der deutsche Name Heimchen findet sich im Nordischen als Chimeken wieder, und sonst haben sie auch noch gar verschiedene Eigennamen, wie guter Johann, Koome u. a. Zum gleichen Geschlecht werden gezählt die Schreckgespenster, der Büsemann, was in Deutschland der Butzemann, Pötz, Pöpel, Hullenpöpel, der Pulterklaes, der Noppert – in Deutschland der Herscheklaes (Nikolaus), Knecht Rupprecht und dgl. Auf einem Schiff in See klingelte der Kapitän dem Schiffsjungen und befahl eine Flasche Wein und zwei Gläser zu bringen. Verwundert fragend sah der Junge ihn an. Wie er das Verlangte brachte, saß ein Klabautermann am Tisch beim Kapitän, der Geist des Schiffes, sprach mit dem Kapitän und trank dann mit ihm. Ein kluger Kapitän wird stets gut Freund mit dem Klabautermann seines Schiffes sein, denn dann geht alles gut, kein Sturm hat dem Schiff etwas an, kein Brand bricht aus, kein Mangel, keine Krankheit, kein Seeräuber kann es kapern. Findet das Gegenteil statt, wird der Klabautermann ungut behandelt, so gibt es Lärm, Unordnung, Verwirrung, Meuterei, Feuer, Sturm und Untergang und im besten Falle viele viele unsichtbar erteilte Maulschellen und Prügel. – Einst fuhr Doktor Faust über See. Er hatte sich ein gläsern Schiff erbaut; weil er alle Wissenschaft der Erde kannte und studiert hatte, wollte er auch nun das Meer ganz genau ergründen, und da hatte er in seinem gläsernen Schiffskasten einen Niß, der mußte das Schiff lenken, vor Klippen bewahren, mit ihm untertauchen bis zum Grunde, daß Doktor Faust alle Untiefen kennenlernte und alle guten Fahrwasser. Und dazumal hat Doktor Faust die Seekarten erfunden und hat die ersten gezeichnet, denn vor ihm gab es keine. Eines Tages kamen sie an die Fährstelle am Eingange des Flensburger Hafens, da hatte es aber einen Faden – und war eine recht gefährliche Stelle, und das Glasschiff wäre um ein Haar krachen gegangen. Aber Doktor Faust schrie seinem Niß zu: Hol Niß! – da hielt der Niß das Schiff, daß es stand und nicht weiter gegen die Strandklippen fuhr. Von der Zeit an heißt jene Stelle bei den Schiffsleuten Hol-Niß-Fähr. Die Nissen wohnen in den Häusern in kleinen Balkenlöchern und sonstigen Winkeln; wird ihnen brav Grütze mit Butter, auch Milch und Butterbrot vorgesetzt, so sind sie die hülfreichsten Gäste, wer es mit ihnen nicht gut meint und trifft, dem geht alles die Quer, er verarmt und geht zugrunde. Zur Sage von den Nissen mischt sich ein Zug, der mit jener vom Alraun und Galgenmännlein tiefinnig zusammenhängt, nämlich der, erkauft zu werden um den billigsten Preis. Wer den Niß nicht mehr loswerden kann vor seinem Tode – denn höher, als man ihn selbst kaufte, ihn weggeben oder wegwerfen, verschenken und dgl. kann und darf man nicht, da kehrt er immer wieder – verfällt dem bösen Feind. Ein solcher Niß ist dann nicht mehr Hausgeist, er ist Alraun, Spiritus familiaris , und wer ihn besitzt, ist Teufelsbündner. Ein solcher Niß wird insgemein in einem Kasten verwahrt und gut gepflegt, gleich dem Alraun. In der Regel trägt er ein rotes Mützchen. Es kommt auch vor, daß Nissen miteinander uneins werden, da sie ohnehin heftiger und jähzorniger Natur sind, und sich prügeln. Ein Niß zu Süderenleben stahl für seinen Bauer in einer Zeit, da es sehr an Heu gebrach, als für seinen Herrn Heu aus der Scheune eines Hufners in Söderup, und dieses Hufners Niß stahl zu gleicher Zeit Heu vom Boden des Süderenlebener Bauers. Unterwegs trafen sie aufeinander und prügelten sich die ganze Nacht hindurch bis zum Tagesanbruch, so daß sie darüber ganze große Haufen von Heu verloren und auf einer Wiese verstreuten, die heißt davon noch heute Pugholm. So ging es auch mit zwei Nissen in Sundewitt, die Hafer gestohlen hatten an verschiedenen Enden, die stießen auseinander, daß sie über vier Scheffel ausgedroschenen Hafer aus den Hafergarben verloren, welche sie trugen. Der Nissen Hochzeitzüge gingen oft unsichtbar, den Begabten auch sichtbar, durch die Stuben, mit großer Pracht und höchst zahlreich, wie in der deutschen Sage. Die Wolterkens wohnen vornehmlich in reichen, vorratbegabten Häusern, verrichten Küchendienste, Mägde- und Knechtearbeit, ziehen Wasser, besorgen das Vieh, binden die Besen und lieben es, wenn ein Bauer sein Haus mit den Seinen – oft der Unruhe halber, die er von ihnen hat – verläßt, im Besengestrüpp zu sitzen und sich mit in die neugewählte Wohnung tragen zu lassen und dann neckisch zu rufen: Wir ziehen um! Will einer all dieses dämonische Gesindlein, wie es heißen mag. Klabautermännchen, Unterirdische, Nissen, Puke, Wolterkens usw., mit aller Gewalt los sein, so gibt es nur ein Mittel: er muß vor jeden Ausgang des Hauses ein Wagenrad stellen und dann das Haus samt allem Geräte, das darinnen ist, bis auf den Grund niederbrennen. Dieses selbige Mittel soll auch das unfehlbar beste zur Vertilgung der Wanzker sein. *   182. Allerünken Allerünken heißen in Dithmarschen die Alräunchen, wenn sie nicht Eigennamen haben. Eine Bauernfrau hatte so ein Ding im Hause. Sie brauchte bloß ein wenig Teig anzurühren, so wuchs ihr der ganze Kessel voll Klöße. Ein neues Dienstmädchen erfuhr von andern auf dem Felde, daß ihre Frau in einem Koffer das Allerünken verschlossen halte. Neugierig, wartete das Mädchen nur den Sonntag ab, als Bauer und Bäuerin in die Kirche waren, um zu stöbern und zu suchen, und richtig, sie fand den Schlüssel zum Koffer in seinem Versteck und schloß auf. Eine kleine Puppe lag in dem Koffer, hatte Kleidchen an, war weich gebettet und bewegte sich. Der Magd kam das Ding graulich vor, sie schlug den Deckel zu und legte den Schlüssel wieder an seinen Ort. Mittags nahm sie die nötige Menge Mehl zu Klößen für das Haus und Gesinde – Herrgott, wie quoll und schwoll das! Alles voll, alles voll, das ganze Dorf hätte ein Klößeessen halten können. Jetzt kam die Frau nach Hause und sah den Vorrat. Was fällt dir ein? Was soll diese Menge? Bist du unklug? – Das Mädchen antwortete: Ich habe nicht mehr Mehl zum Teig genommen, als nötig war. – Ha – so hast du – geh – wasche dir einmal die Hände und halte dein Maul! – Wie das Mädchen ihre Hände gewaschen hatte, war ihr die Kraft des Allerünken verloren. Manche haben auch das Allerünken Mönöloke genannt. Verfertigt wurde es in des Teufels Namen von weißem Wachs, in einen Rock von blauem Taffet gekleidet, und darüber ein Wams von schwarzem Sammet, Hände und Füße blieben bloß. Sie mußten gut verwahrt und reinlich gehalten werden, dann wurden die Besitzer reich. Wollte einer viel Getreide, so stellte er die Mönöloke unter den Getreidehaufen, Geld, unter den Geldkasten usf. *   183. Das Glück der Rantzau Das Geschlecht der Grafen Rantzau ist uralten herzoglich-schleswigschen Stammes. Einer Ureltermutter dieses Geschlechtes begegnete es, daß ein kleines Männlein mit einer Laterne zu ihr kam und sie in einen Berg holte zu einer Wöchnerin bei den Unterirdischen. Sie legte derselben nur die Hand aufs Haupt, und alsbald genas das Zwergenweiblein glücklich. Das Männlein begleitete dann die edle Frau wieder nach ihrem Schlosse zurück und gab ihr einen Klumpen gediegenes Gold und sagte: Lasse daraus fertigen fünfzig Rechenpfennige, einen Hering und zwei Spindeln und verwahre das alles wohl bei deinem Geschlecht, denn solches wird stets in Ruhm und Ehre bleiben, solange von diesen Stücken nichts verloren geht. – Dieses geschah, und die Stücke haben noch auf lange Zeit dem Hause Glück gebracht. Es soll sich diese Tatsache, die auf sehr verschiedene Weise erzählt wird, auf dem Schlosse Breitenberg zugetragen haben. Den goldenen Hering hatte zuletzt Josias von Rantzau, ein tapferer Degen und kriegslustiger junger Held. Er ließ sich ein gutes Schwert fertigen und den Hering an dessen Griff umbiegen und als Bügel anbringen, trat dann in französische Dienste, hatte Glück in unzähligen Schlachten und wurde zuletzt Generalfeldmarschall. Fechten und Raufen war seine höchste Lust, dabei war er freilich unüberwindlich durch das Erbstück der Ahnfrau. Das wurde ihm, weil es ruchbar geworden, einstmals von einem Kriegskameraden, Caspar Bockwold, ins Gesicht gesagt, er habe gut Fechten und Händel suchen, man wisse wohl, daß er fest sei und sein Mut und seine Tapferkeit im Hering seines Degengriffes stecke. Darüber ergrimmte Junker Josias höchlichst, schleuderte alsbald seinen Degen von sich in den Rhein und forderte Caspar Bockwold auf der Stelle zum Zweikampf und besiegte ihn dennoch. Selten schlug es ihm fehl, als Sieger aus solchen Kämpfen zu gehen, er hatte deren aber so viele, daß er auch gar manche böse Scharte davon trug. Als er zu hohen Jahren kam, hatte er nur noch ein Auge, ein Ohr, einen Arm und ein Bein und außerdem noch an seinem Leibe sechsundfunfzig Male schwerer Wunden. *   184. Schwertmann In einem Hofe namens Rothwisch in der Krempnermarsch lebte vordessen auch solch ein Raufbold, aber noch viel schlimmer, denn er trieb es gar arg mit allen tollen Streichen, und hieß Schwertmann. Der hat für seine Übeltaten gar lange als Gespenst umgehen müssen, als Feuermann, und hat die Leute geschreckt und geängstigt. Als Schwertmann-gestorben war, sah man ihn auf seinem Leichenwagen wieder nach Hause fahren. Beim Leichenschmaus? saß Schwertmann unter den Leidträgern. Bald guckte er da, bald dort aus einem Fenster, einem Korbe, einer Luke, mit schrecklicher, abschreckender Fratze. Als Pfarrer und Küster kamen und diesen Geist bannen wollten, warf er ihnen alles Böse, das sie heimlich getan, laut vor, bis zum Geringsten. Endlich überwand ihn der Schulmeister, der im Überwinden Übung hatte, und trug ihn nun nach dem wilden Moor, ihn zu bannen. Da zischelte ihm Schwertmanns Geist ins Ohr: Nur nicht zu tief in den Sumpf, hörst du? Nur nicht zu tief. Als Schwertmann nun dorthin gebannt war, aber eben nicht zu tief, so wandelte er von Zeit zu Zeit als Feuermann herum und schreckte viele Leute. Die größte Pein litt er an seinen brennenden Füßen; wo er Schuhe fand, zog er sie an, weil sie seinen Brandschmerz linderten, es paßten ihm auch alle, nur konnte er kein Paar lange tragen, weil er jedes gleich durchbrannte. Oft bat er selbst Leute um Schuhe, die gleich verschwanden, sobald sie ihm hingesetzt wurden. Endlich hat ein Bäckergesell diesen ruhelosen Geist in einer Kiepe gefangen und sie ins Meer gesenkt, seitdem war Ruhe vor ihm, aber sein tolles Wesen bei seinem Leben und nach seinem Leben, das blieb im Gedächtnis der Leute, und sie sprachen sprüchwörtlich, wenn es wo recht wild und toll und übel herging: Da regiert Schwertmann. Wenn einmal einer etwa die Kiepe zufällig auffischt und öffnet, da wird er schon sehen, was für einen Fisch er gefangen hat. *   185. Die schwarze Gret und das Danewerk König Christoph I. von Dänemark hatte zur Gemahlin des Pommerherzogs Sambor Tochter, das war ein arges Jauberweib; sie hieß nur die schwarze Gret und hatte den Beinamen Springhest. Sie ist die Urheberin des berühmten Danewerkes, jenes riesigen und weiten Walles; den zu erbauen schloß sie einen Bund mit dem Teufel und gebot ihm, in einer Nacht den Wall fertig zu machen; nur ein einziges und zwar eisernes Tor solle hineinkommen, dafür solle dem Teufel gehören, was zuerst durch das vollendete Werk schreite. Da stellte der Teufel ein zahlloses Heer von Arbeitern in das Feld, davon füllte jeder nur dreimal seinen eisernen Hut voll Erde, so war der Wall fertig, und der Teufel stellte sich hinter dem Torflügel auf die Lauer, sah auch schon einen gutgekleideten Reiter die Landstraße daherkommen und freute sich auf den Fang. Aber zufällig hatte der Reiter einen Pudel bei sich, der lief vornweg nach Hundeart, und der Teufel riß ihn wütend in Stücke, wie auf der Reußbrücke die Gemse, auf der Regensburger Brücke den Hund, im Dom zu Aachen den Wolf, und wo sich sonst dieser Sage ein Widerhall findet. Da nun die wilde schwarze Gret, Springhest genannt, überhaupt ein gottloses, unseliges Leben führte, so ward ihr zur Strafe ihrer schrecklichen Sünden von Gott geboten, allnächtlich über ihr Teufels- und Danewerk als Geist zu reiten. Da haben viele Leute sie gesehen. Ihr Anzug ist ganz schwarz, aber ihr Pferd ist weiß, und sein Odem ist Feuer. Zwei Geister in weißen Kleidern folgen ihr, und da rennen und sprengen die Drei wie der wilde Jäger von Hollingstede bis Haddeby. Dieses Gespenst leidet nicht, daß auf seinem Walle etwas angebaut werde. In der Nähe von Haddebye heißt ganz besonders eine Stelle im Danewerke nach der Springhest Margretenwerk, da läßt sie sich am häufigsten sehen. Einstmals erschien sie armen Fischern vom Schleswiger Holm, die traurig waren, daß sie nach einer arbeitvollen Nacht nichts gefangen hatten, in aller ihrer königlichen Pracht, mit Perlen und Demanten geschmückt, wie man ihr Bild im Schlosse zu Husum sah, und gebot ihnen, die Netze noch einmal auszuwerfen, aber den besten Fisch, den sie fingen, den sollten sie wieder in das Wasser werfen. Die Fischer taten den glückhaftesten Zug, der seit St. Petri Zeiten getan worden, und der beste Fisch, der hatte Flossen von Smaragd, Schuppen von gemünztem Gold, und seine Nase war mit Perlen besetzt. Der eine Fischer wollte dieses Prachtstück gleich wieder in die Flut werfen, dem andern aber fraß die Habgier am Herzen, und er verbarg den Fisch gegen den Willen des andern, seines Gefährten. Rasch wurde fortgerudert, aber da begannen alle andern Fische auch Schuppen von gemünztem Golde zu bekommen und Perlen am Oberkiefer und Edelsteine statt der Flossen, und da wurde der Kahn so schwer, so schwer, und sank, und der Habgierige mußte ertrinken, der andere aber konnte nur mit genauer Not sein Leben retten. *   186. Prinzessin Thüra Auf der Thürenburg beim kleinen Danewerk saß vor langen Zeiten eine Königstochter, die hieß Thüra, nach ihr ist auch der Berg genannt. Nun kam dazumal ein fremder Prinz, um sie zu freien, der war aber so häßlich, daß niemand ihn ersehen konnte, auch die Prinzeß nahm ihn höchst ungern, konnte es ihm aber nicht abschlagen. Endlich fiel sie auf einen Rat. Kurz vor der Hochzeit nahm sie mit dem Bräutigam einen Spazierritt auf dem alten Wall nach Hollingstede vor, da ging damals noch eine Inbucht von der Westersee herein. Auf dem Rückweg ließ die Prinzessin ihr Schürztuch fallen, als ob der Wind es ihr entführte. Da sagte der Prinz: Prinzessin, Ihr habt Euer Schürztuch fallen lassen, wollt Ihr es nicht mitnehmen? – Darauf antwortete sie: Ei, wenn Ihr ein redlicher Ritter seid, so solltet Ihr, junger Herr, doch selbst absteigen und mir das Tuch aufheben! – Da ritt er hin zur Stelle und bückte sich vom Roß, und die Prinzessin ritt auch hin, zog, wie er sich bückte, sein Schwert rasch aus der Scheide und hieb ihm den Kopf ab. Als sie nun nach Hause kam und gefragt wurde, wo sie denn ihren Bräutigam gelassen habe, da sagte sie: Ach, wir ritten den alten Wall entlang, da sind die Unholde über uns gekommen und haben dem Prinzen den Kopf abgeschlagen, ich aber bin hinweggeritten. – Da wurde der Tote aufgesucht und in einen Riesenberg (Hünengrab) gelegt, auf das Eperstorfer Feld, wo man es in den Dreibergen nennt. *   187. Die Sassen und die Jüten Vorzeiten war, wie ein Mann zu Kurborg bei Schleswig am Danewerk erzählt hat, dieser Wall die Grenzscheide zwischen Jütland und dem Lande der Sassen, und den alten Wall, der das Danewerk heißt, den hätten die Jüten erbaut. Sie gruben, den Wall noch sicherer zu machen, da sie mit den Sassen in einem heftigen Kriege begriffen waren, auch noch einen Graben davor, der heißt noch heute der Kuhgraben. Und da banden sie eine Schar rote Ochsen zusammen, steckten auf jedes Ochsenhorn ein Wachslicht, hingen ihnen weiße Tücher über die Köpfe und dachten damit den Sassen bange zu machen. Aber die tapfern Sassen nahmen den Kuhgraben und die Ochsen dazu. Nachher lagen sie aber lange vor dem eigentlichen Wall; endlich fanden sie eine Stelle zum Hindurchkommen. Der Wall ging nämlich durch ein Torfmoor und war an dieser Stelle bloß von Torf aufgeworfen. Da steckten die Sassen Feuer in den Wall und brannten das Stück bis auf den Grund nieder. Noch ist die Stätte zu sehen und heißt der Sydergrund. Da nun die Sassen den Jüten immer näher kamen, vergruben diese ihre Kriegskasse in den Sydergrund, und die Sassen drangen durch den Wall und erschlugen in einer großen Schlacht zwanzigtausend Mann, dann kehrten sie wieder um. Die Jüten aber sammelten sich aufs neue und ließen sich vernehmen: Noch sind sie nicht den Kropper Busch vorbei! Sie trieben nun die Sassen auf die Heide und schlugen bei Kropp die zweite Schlacht. Da haben die Sassen vierzigtausend Mann verloren, und davon ist das Sprüchwort entstanden: Noch ist er nicht den Kropper Busch vorbei. In dieser Schlacht verloren die Sassen auch ihren Feldherrn, das war ein Mann von solcher Stärke, daß er mit seinem bloßen Finger in jeden Stein schreiben konnte. Nicht weit von Anschlag liegt noch so ein Stein, den er hingeworfen hat in der Schlacht, da sieht man noch alle fünf Finger, wie sie in den Stein eingegriffen haben. *   188. Totenkopf wandert Nicht weit von der Jütlandgrenze lagen zwei Burgen, Fobeslet und Drenderup, die Güter sind noch vorhanden. Auf Drenderup saß ein wüster Gesell, Ritter Adelbrand, auf Fobeslet aber ein holdes Fräulein, Antolille geheißen. Der Ritter liebte das Fräulein, und das Fräulein haßte den Ritter. Sie sagte ihm, er sehe aus wie ihres Vaters Hund, und ein andersmal, er sei nicht besser als ein alter Pantoffel. Das verwandelte des Ritters Liebe in grimmen Haß, und er schwur dem Fräulein furchtbare Rache. Sieben Jahre bewachte er ihre Burg, sieben Jahre durfte sie sich nicht herauswagen, und da sie dies auch nicht tat, so bekam er sie nicht in seine Gewalt. Da gab er, scheinbar des Harrens müde, seine Bewachung auf und reiste weg, und bald kam das Gerücht, er sei gestorben. Sieben Jahre war das Fräulein Antolille in keine Kirche gekommen, sie sehnte sich in eine solche, und da sie nun sich sicher glaubte, so verließ sie ihre Burg mit ihrem Gefolge. Plötzlich brach aus einem Hinterhalt Ritter Adelbrand, versprengte die Diener und ergriff die Unglückliche, die seine Liebe mit so bitterm Hohn gelohnt. Er band sie an den Schweif seines Pferdes und jagte so mit ihr davon auf seine Burg zu. Ihre Mutter sah's von den Burgzinnen und starb mit Antolille zu gleicher Zeit. Als Adelbrand seine wilde Rache gekühlt, tötete er alsbald sich selbst. In Drenderup begrub man die drei Leichen. Aber Adelbrands Schädel fand keine Ruhe in der Gruft; wie er so rastlos sieben Jahre arger Gedanken voll gewesen, so spukte und rollte er bald da, bald dort umher, schreckte die Menschen und weilte in keinem Grabe. *   189. Die schwarze Schule Viele Sagen gehen in Nordfriesland und in Norddithmarschen von der schwarzen Schule, in welcher kein anderer der Schulmeister ist als der Teufel selbst. In diesem seinem Seminarium unterrichtet der Schwarze junge Theologen und Schulmeister in gar mancherlei geheimen Künsten, doch nicht umsonst, sie müssen ihm ihre Seele verschreiben und eine gewisse Bedingung festhalten, fehlt einer deren und versieht's einmal, so ist seine Seele verloren. Die meisten versehen's. Da muß einer nur ein Strumpfband tragen, ein anderer darf sich nur einmal die Woche rasieren, ein dritter darf nie anders die Strümpfe anziehen als verkehrt. Die Künste, welche diese schwarzen Scholaren lernten, bestanden in Bannen, Festmachen, sich an andere Orte schnell hinzücken, erfahren, was daheim geschieht, und wenn sie noch so weit vom Hause sind, andere, besonders Diebe, stehenbleiben machen, sie festschreiben, festlesen und dgl. Bisweilen glückt es einem oder dem andern, den Teufel, der seinen Bündnern fort und fort nachstellt und dahin wirkt, daß sie das Gelobte nicht halten, zu überlisten, denn manchem Pastoren und Schulmeister auf dem Lande ist fürwahr der Teufel selbst noch nicht klug und schlau genug. So wird viel gesprochen von einem Pastor in Medelby im Amte Tondern, des Namens Fabricius, der konnte mehr als Brot essen, weil er in die schwarze Schule gegangen, und der durfte niemals zwei Strumpfbänder anlegen, sondern immer nur eins. Damit er nun sich vergäße, lagen gar manchesmal früh beim Aufstehen zwei Strumpfbänder auf seinem Stuhle, damit fing ihn aber der Teufel keineswegs. Hierauf plagte der Teufel das Mädchen, das für den Pfarrer Strümpfe strickte, als Floh, da ließ sie oft die Maschen fallen und juckte sich, und da wurden die Strümpfe zu weit, weil sie sich auch zum öftern verzählte, nun fiel der Strumpf ohne Band herunter auf die Ferse, das verschlug aber dem Pfarrer alles nichts, er band ihn doch nicht fest, sondern ließ ihn hängen, und der Teufel konnte ihm nichts anhaben. Ein anderer Pastor, hieß Ziegler, durfte auch nur ein Strumpfband tragen, doch nur auf Zeit eines Kontraktes mit dem Teufel, nach dessen Ablauf wollte jener kommen und ihn holen. Da nun die Zeit um war, kam der Teufel frühmorgens, und der Pfarrer zog sich langsam an; zuerst zog er die Strümpfe verkehrt an, das war dem Teufel schon ganz zuwider, dann zog er sich weiter sehr langsam an, und der Teufel verlor die Geduld und sagte: Mache endlich, daß du fertig wirst, das dauert ja eine Ewigkeit! Ich habe mehr zu tun. Jetzt warte ich keinen Augenblick länger, als bis du dein Strumpfband angelegt. Der Pastor Ziegler hatte schon das Strumpfband in der Hand, aber als der Teufel das sagte, legte er es ganz langsam wieder hin, sprach zum Teufel: Guten Morgen! – und legte sich auf die andere Seite. Wütend fuhr der Teufel von dannen und kam nimmermehr wieder, und nimmermehr wieder trug der Pastor ein Strumpfband. Als er noch einmal herumgeschlafen hatte, nahm er eine Schere und schnitt seine Strümpfe unter der Wade ab, so erfand er die Strumpfsocken, wie sie die meisten Männer jetzt tragen, und brauchte keine Strumpfbänder mehr. *   190. Spottnamen und Schildbürger im Norden Im innern Deutschland denken wir wunders was für weise Lalenburger wir im Schwaben- und Frankenlande, in Schilda und Schöppenstätt, in Wasungen und Ummerstadt usw. haben. Da schaut einmal hinauf nach Dithmarschen und Schleswig-Holstein, da ist des Volkes Necklust lebendig über alle Maßen. Da sind die Jagler bei Schleswig, die heißen die tollen Jagler, wie auf dem Rhöngebirge die Einwohner des Dorfes Ditges die tollen Dittiser; die wollten einen Balken partout die Quere durch ihr Tor schaffen, bis sie einen Spatzen mit einem Strohhalm fliegen sahen, der den Halm zur Längst in sein Nest zog. Die Hostrupper haben eine Scheuer, in der sie alle Dummheiten einheimsen und aufspeichern, daher das Sprüchwort gilt: Geh nach Hostrupp und laß dir die Narrheit verschneiden. Zu Gabel ging es mit einer Katze fast gerade wie zu Wasungen. Sie kauften solch ein rares Tier zum Mäuseausrotten für dreihundert Taler. Als der Handelsmann fort war, fiel den Gablern erst ein, daß sie zu fragen vergessen, was denn dieses Tier fresse. (Zu Wasungen kam die Rückantwort: Die Katze frißt alles, da entstand große Furcht, und man schaffte schleunigst die Katze wieder ab.) Dem reitenden nacheilenden Boten aber rief der Händler zu: Milch und Mäuse! Nun pfiff gerade der Wind etwas stark, und der Bote verstand: Milch und Menschen! und brachte im Galopp diese Antwort zurück. Welch ein Schreck! Wie da zu raten und zu helfen? Im äußersten Haus war schon die Katze, sie sollte von da reihum gehen, wie der Dorfspieß. Man wagte sich nicht an das menschenfressende Untier, man steckte das Haus in Brand, da sollte es drinnen verbrennen. Als das Haus im schönsten Brennen war, wurde es der Katze zu warm darin, sie sprang daher geschwinde heraus und lief in das nächste. Das wurde auch angesteckt; die Katze sprang von da, weil es wieder zu warm wurde, in das dritte Haus, und immer so fort, bis kein Haus mehr da war, da lief sie über Feld und kam nicht wieder. Die Gabler aber waren froh, daß sie die Katze und zugleich auch ihre Hausmäuse los waren, wie jene Guten, die ihr Haus niederbrannten, um die Wolterkens samt allen Wanzkern los zu werden. Die Romöer sind auch eine kluge Sorte. Sie wollten gern ihre Kirche zwei Ellen weiterschieben und meinten, da nur wenige Leute diese erbaut, so würden viele Leute die Kirche doch leicht fortschieben können. Damals trug man allgemein zu Romöe rote Jacken; alle hatten welche, nur Paul Moders, ein armer Robbenfänger, hatte keine. Da sagte er, alle Romöer sollten sich an der Nordseite zum Schieben anstellen, an der Südseite aber eine Jacke zwei Ellen weit von der Kirche legen, damit man richtig sehen könne, ob die Kirche weit genug geschoben sei. Der Vorschlag gefiel, die Jacke ward hingelegt, und alles schob. Jetzt kam Paul Moders und schrie: Genug! genug! haltet ein! Ihr habt die Kirche schon über die rote Jacke hinübergeschoben, ihr Simsone ihr! – Da waren die Romöer froh, daß es ihnen so wacker gelungen war. Am nächsten Sonntag wunderte sich jedermänniglich, daß auch Paul Moders mit einer roten Jacke in die Kirche kam, konnten gar nicht begreifen, wie der arme Transchlucker zu einer roten Jacke gekommen war. Die Büsumer an der See, die sind auch von den Pfiffigen. Einstmalen gingen ihrer Neun zu baden und schwammen wie die Enten. Jetzt hob sich der Vordermann und sagte: Mine Jongens, ik mutt doch würftig mal teilen, ob ay noch all dohopen sünt. Nun zählte er: Einer, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben, acht, ich bin ich, es muß beim Donner einer versoffen sin! Stille, laßt mich einmal zählen! rief ein anderer und zählte gerade wieder so. Ach Gott! ach Gott! Einer von uns muß versoffen sin! – Jetzt schwammen alle traurig zum Ufer; ein Fremder kam, dem klagten sie ihr Herzeleid, und der riet ihnen, sie sollten sich niederlegen und ihre Nasen in den Sand stecken, hernach die Löcher zählen. Selbiges taten sie, hurrah! da gab es neun Löcher, und keiner war versoffen. Den Mond wollten die Büsumer aus dem Brunnen schneiden, einen Hummer haben sie für einen Schneider angesehen, auf ein Feld säeten sie Kuhplapper, meinten, von selbigen Eiern sollten Kühe wachsen. Ein Mann stahl ihnen einen weißen Mühlstein, lange zogen sie ihm nach, folgten seiner Spur bis nach Hamburg, taten sich dort viel zugute auf Gemeindeunkosten, gingen auch in St. Michaels Kirche und erhoben auf einmal einen Heidenspektakel, indem sie überlaut schrien: Unser Mühlstein! unser Mühlstein! Der Herr Pastor hat ihn, hat sin Köpken durchgesteckt! – Sie hielten den großen und breiten runden Halskragen von Batist, den die Mode den Geistlichen um den Hals gelegt, für ihren großen weißen Mühlstein. Die Bishorster leitete ein Schalk an einem Seil in einen tiefen Brunnen, als sie nach gewohnter Weise die Christnachtmette besuchen wollten und sich an dem Seile, das sie ausgespannt hatten, um in der Nacht des Weges nicht zu fehlen, forthalfen. So erzählen die Haseldörfer, Bishorst aber hat die Elbe nach und nach ganz hinweggeflutet. Die Kisdorfer haben eine Sense, die ein Grasdieb liegen ließ, für ein gefährliches Tier angesehen und eilend eingezäunt. Auch sie trugen, wie ihre witzigen Brüder in Deutschland, den Tag in Säcken in ein neugebautes Haus. Die Fockbecker haben einen Teich mit eingesalzenen Heringen besetzt, meinten, übers Jahr reichliche Brut davon zu haben. War aber gefehlt; als der Teich abgelassen ward, war kein Hering drin, nur ein großer Aal. – Das ist der Heringsfresser, der muß sterben! rief der klügste Fockbecker. Wir wollen ihn essen, wie er unsere Heringe gegessen hat! schlug einer vor. Das ist nicht Strafe genug! rief ein zweiter, der sich einmal gebrannt hatte. Verbrennt ihn! Nein! schrie ein dritter, der einmal fast ertrunken wäre, brennen ist sehr schlimm, aber versaufen ist schlimmer. Wir wollen ihn in die Au schmeißen und ihn versaufen! – Alle stimmten dem letzten bei, zumal er am meisten schrie, und wie der Aal nun im Wasser fröhlich schnalzte und sich krümmte und schlängelte, da rief der letzte Weise: Seht ihr, wie er sich quält! Ja – das ist der schlimmste Tod, das Versaufen. – Wenn das Verdursten nicht noch schlimmer ist! rief einer, der gern das letzte Wort haben wollte. *   191. Die Rungholder auf Nordstrand Husum gegenüber in der Nordsee liegt die Insel Nordstrand, darauf lag einst ein reicher Ort, Rungholt, dessen Bewohner bauten große feste Dämme, und darauf stehend sprachen sie zum Meere voll Übermutes: Trotz um, blanke Hans! – In ihrem Übermut haben sie einmal eine Sau im Wirtshaus betrunken gemacht, ihr eine Schlafmütze aufgesetzt und sie ins Bett gelegt, dann sind sie zum Pfarrer gelaufen und haben ihm gesagt, er müsse kommen und einem Todkranken das heilige Abendmahl reichen. Da er nun das Sakrament nicht also schändlich entweihen wollen, haben sie ihn bedräut und mißhandelt, und schmählichen Unfug fortgetrieben. Da erging in der Nacht an den Pfarrer ein Zeichen und eine Stimme: Gürte dein Gewand und ziehe deine Schuhe an und wandere. – Da wanderte der Pfarrer fort mit den Seinen, so eilend er konnte. Darauf erhob sich ein Wind, und es schwoll das Wasser, und wuchs und wuchs an den Dämmen hinan, die dort Deiche heißen, und ging über die Dämme, und stand über ihnen vier Ellen hoch, und den Flecken Rungholt auf Nordstrand und sieben andere Kirchspiele verschlang das Meer. Einst soll es wieder auferstehen. Bei heller See erblicken Schiffer zum öftern den Ort und das Land auf des Wassers Grunde, seine Häuser, seine Türme und Windmühlen, auch wollen manche die Glocken der versunkenen Kirchtürme haben erklingen hören. Gleich den Rungholtern haben auch einstmals die bösen Bauern zu Lichtenau im großen Werder in Preußen (bei Danzig) getan, es ist ihnen solches aber übel genug bekommen. *   192. Die getreue Alte Zu Husum sollte einst ein Winterfest gefeiert werden auf dem Eise, denn das Eis war fest. Zelte wurden aufgeschlagen auf der herrlichen blanken Fläche zwischen dem Ufer und der Insel Nordstrand, Schlittschuh lief, was laufen konnte, Stuhlschlitten flogen dahin, Musik und Tanz, Lied und Becherklang verherrlichte den schönen Tag und die nahe lichthelle Mondnacht, die den Jubel noch vermehren sollte, denn schon ging der Mond auf. Alles und alles war hinaus aufs Eis und machte sich lustig, nur ein steinaltes Mütterlein war zurückgeblieben, hatte die Weltlust hinter sich, und wenn sie ja wollte, konnte sie hinaus und hinab aufs Eis sehen, denn ihr Häuslein stand auf dem Damme. Und sie tat's, sie sah gegen Abend hinaus und sah im Westen ein Wölkchen über die Kimmung heraufziehen, da befiel sie große Angst, denn sie war eines Schiffers Witwe und kannte die See und die Zeichen von Wetter und Wind. Sie rief, sie winkte – niemand vernahm sie, niemand blickte nach ihr – aber das Wölkchen wuchs zusehends und war ein Bote der Flut und schnell umspringenden Windes von Nord nach West. Und wenn die auf dem Eise nur noch eine halbe – eine Viertelstunde zögerten, so war es um sie getan, so stand Husum menschenleer. Wie die Wolke wuchs, zusehends, riesengroß, schwarz – wie sie schon den lauen Windhauch spürte, wuchs auch der Alten unsägliche Angst – und sie war allein, krank, halb gelähmt, machtlos. Dennoch ermannt sie sich, kriecht auf Händen und Füßen zum Ofen, nimmt einen Brand, zündet das Stroh ihres eignen Bettes an und kriecht zur Türe des Häuschens hinaus. Bald schlägt die Flamme aus dem Fenster, hinauf zum Dach, des Sturmes Odem facht hellodernde Glut an, und: Feuer! Feuer! schreit es auf dem Eise, und die Zelte werden verlassen, die Schlittschuhläufer fliegen dem Strande zu, die Schlitten lenken sich heimwärts. Und da faucht schon der Wind über die Eisfläche, da pocht's schon drunten und poltert, und wie Kanonendonner kracht das Eis in der Ferne. Die schwarze Wolke überzog den Mond und den ganzen Himmel, wie ein Leuchtturm flammt das Haus der Witwe und zeigt den Heimwärtseilenden die sichere Bahn. Wie die letzten am Strande sind, rollt die Flut ihre Wogen über das Eis und reißt Zelte und Tonnen, Wagen und Zechgeräte in ihre rauschenden Wirbel. Die arme Alte hatte ihr Häuschen geopfert, die Bewohner ihrer Stadt zu retten. Es wird ihr ja wohl nicht unvergolten geblieben sein. *   193. Treuer Herr, treuer Knecht Als auf der Lohheide die Holsten gegen die Dänen die große Siegesschlacht schlugen, fielen der Dänen so viele, daß die ganze Feldmark voll Leichen lag. Die schwarze Gret hat auch in dieser Schlacht mitgefochten. Graf Geert, der Holstenführer, ward im Schlachtgetümmel vom Pferde geworfen, aber ein Bauer aus Büttel bei Brockdorf in der Wilstermarsch half ihm wieder zu Roß und sprach: Nun gebrauche wieder deiner vorigen Kräfte. Zum Dank dafür befreite der Graf das ganze Dorf von der Landesschatzung. Einen Edelmann, Wedeke von Osten, der in dieser mörderlichen Schlacht fiel, hatte Graf Geert so lieb, daß er um ihn weinte. Derselbe Graf ließ in Rendsburg eine Schar Landsknechte zurück, an welche die Bürgerschaft noch Forderung hatte. Als sie aber den Lärm der Schlacht hörten, machte sich die Schar unter Führung des Ritters Burchard von Itzehude, des Grafen Marschall, auf, und dem Getümmel zu. Es war aber Nacht, und wie sie gegen Sehestedt oder Königsfährde kamen, ritt ihnen ein Dänenhaufe stracks in die Hände, den griffen sie an, erschlugen einen Teil und fingen die anderen, und der Marschall ritt mit ihnen nach Schloß Gottorp und pochte an, den Grafen Geert zu sprechen. Dieser war schwer verwundet, erhob sich aber dennoch vom Lager. Da sprach Burchard zu ihm: Herr, da ich Euch zuziehen und Hülfe leisten wollte, bin ich verwundet und gefangen worden und nur unter Geleit entlassen. Wes soll ich mich trösten? Wollet Ihr mich vom Feinde lösen? – Ohne Zweifel! antwortete der Graf. Ich habe der Dänen genug gefangen und gebe ihrer viele darum, dich frei zu machen. – Getreuer Herr, getreuer Knecht! sprach darauf der Marschall zu sich selber und rief dem Grafen freudiglich zu: Herr, ich bin nicht wund und nicht gefangen, aber ich bringe Euch gefangen den Dänenkönig, seine schwarze Gret und sein ganzes Gefolge! Laßt das Schloß auftun und verwahret alle wohl. – Da hat sich der König mit großem Gelde lösen müssen, und es wurde ein Sprüchwort unter den Leuten im Lande: Treu Herr, treu Knecht. Dasselbige Sprüchwort hat sich weit verbreitet, und hat in späterer Zeit ein Herzog zu Sachsen-Weimar es sogar auf Münzen prägen lassen, und liegt ein tiefer Sinn darin für Herren und Diener. *   194. Der Dom zu Schleswig Die Domkirche zu Schleswig war vorzeiten die schönste und prächtigste im ganzen Lande, aber durch Kriegszeiten geriet sie im Verfall, und als sie in Feindes Händen war, ward gar übel in ihr gehaust. Das Kriegsvolk lagerte in ihr, soff, spielte und fluchte. Bei einem Kartenspiele war einem wüsten Gesellen das Glück abhold, da verschwur er sich mit lästerlichen Flüchen und schrie: Ei so will ich dem alten Gott die Augen ausstechen! und warf sein Schwert hoch hinauf gegen das Domgewölbe. Und siehe – es fiel nicht wieder herab, sondern blieb droben am Gewölbe im Gemäuer fest stecken. Als die Feinde ihren Abzug genommen, wurde das Schwert entfernt, aber wenn man drunter stand, sähe man immer noch, wie man zuvor gesehen, des Schwertes Schatten, und der war nicht wieder auszutilgen. In derselben Kirche stand auch ein hölzern Bildnis des Erlösers, Christus unter dem Kreuze sitzend. Ein Trunkener stolperte mit einem Beil daher und hieb im frechen Übermut dem Bilde die große Zehe des linken Fußes ab. Da schmerzte ihn gar plötzlich sein eigner linker Fuß, und wie er nach Hause kam, hatte er den Stiefel voll Blut, und seine eigene Zehe war abgehauen. *   195. Die nächtliche Trauung Nahe bei Apenrade geschähe es, daß der Pfarrer eines ohnweit der Ostsee gelegenen Dorfe in der Nacht von ein paar Matrosen aus dem Bette geholt wurde, welche ihm einen schweren Beutel mit Goldstücken vorhielten und ihm sagten, diese solle er erhalten, wenn er ihnen alsbald in seinem Ornate zur Verrichtung einer heiligen Handlung folge, wo nicht, so müsse er unfehlbar und auf der Stelle sterben. Der Prediger folgte seinen rauhen Führern zu der Kirche, die in einer ziemlichen Entfernung vom Dorfe einsam stand. Er sahe sie von innen erleuchtet, und eine Schar bewaffneter Seeleute in fremder Tracht erfüllte ihre Räume. Er wurde zum Altare hingeleitet, dort stand ein junger Herr in reicher Tracht und eine Dame im Brautschmuck, hinter ihnen aber war die Gruft geöffnet. Da wurde dem Priester befohlen, das Paar zu trauen, und er tat es nicht ohne Beben, und als das Paar verbunden war, ward ihm weiter anbefohlen, eine Grabrede zu halten an dem offenen Grabe, als ob er jemand begrübe, und er tat auch dies nicht ohne Beben. Da er nun vollbracht, was von ihm verlangt worden war, so wurde ihm noch ein furchtbar schwerer Eid abgenommen, nun und nimmermehr zu sagen, was er hier gesehen und was durch ihn geschehen. Hierauf ist er, vom Grausen ergriffen, die Kirche hinter sich, eilend nach Hause gegangen, aber noch war er nicht weit von der Kirche, so hörte er in ihr einen starken Schuß fallen und einen lauten Aufschrei aus Frauenmund – enteilte ganz bestürzt und fast sinneverwirrt nach Hause. Er fand keine Sekunde Schlaf, und mit dem frühesten eilte er wieder nach jener Kirche hin. Auf hoher See sah er einen stattlichen Dreimaster mit russischer Flagge schwimmen. Als der Pfarrer in die leere Kirche trat, fand er alles in bester Ordnung – aber – in dem offnen Grabe, daran er in der Nacht die Leichenrede gesprochen, lag die Leiche der Braut, die er hatte trauen müssen, mitten durch das Herz geschossen. – Diese Sage wird auch auf Anholt erzählt und in ähnlicher Weise auch zu Lunden in Norderdithmarschen. Ganz so lebt sie aber auch zu Trotting auf Seeland, und der berühmte Philosoph Schelling hat sie in wohlklingende Terzinen umgedichtet. *   196. Der schnelle Reiter Tod Im Schleswiger und Dithmarscher Lande geht eine Sage um von einem bäuerlichen jungen Liebespaare, das hatte sich gar zu lieb, aber Gott fügte es, daß der Bräutigam krank ward und starb. Da wollte sich seine Liebste gar nicht zufrieden geben und weinte und jammerte den ganzen Tag, und wenn es Abend wurde, so ging sie hin auf sein Grab und weinte und jammerte die liebe lange Nacht. Da nun die dritte Nacht kam, seit er begraben war, und sie wieder dasaß und weinte, da kam ein Reiter auf einem Schimmel und fragte sie: Willt du mit mir reiten? Da schlug sie die Augen auf und sähe, daß es ihr Geliebter war, und sprach: Ja, ich will mit dir reiten, wohin du willt – und stieg mutig zu ihm auf sein Pferd, und fort ging es mit dem Wind um die Wette in die weite Welt. Da sie nun eine gute Strecke geritten waren, so sprach der Geliebte: Der Mond der scheint so hell. Der Tod der reitet so schnell. Mein Liebchen, graut dir nicht? Nein! sagte sie, was soll mir wohl grauen? Ich bin ja bei dir. Und weiter und weiter ging der Ritt und immer hastiger wie vorher, aber die Dirne saß fest auf dem Pferde und hielt den Geliebten umfaßt. Da fragte dieser zum andernmal: Der Mond der scheint so hell, Der Tod der reitet so schnell, Mein Liebchen, graut dir nicht? Nein! erwiderte sie nochmals, was soll mir grauen? Ich bin ja bei dir! – Aber es wurde ihr doch ein wenig wunderlich zumute; und da fragte er zum drittenmal: Der Mond der scheint so hell. Der Tod der reitet so schnell. Mein Liebchen, graut dir nicht? Da begann ihr zu grauen, fester hielt sie ihn umklammert und sprach kein Wort. Da sauste das Pferd dreimal mit ihnen in einem Kreis herum, und weg waren sie. Weitumgehend ist diese Sage, auch in England wie in Schweden ist sie verbreitet. Die Schauerverse des toten Reiters vernahm der deutsche Dichter Bürger und spann aus ihnen seine düstre Ballade Lenore. *   197. Der Zauberer von Plön Es saß auf dem Schlosse Plön Herzog Johann Adolf zu Holstein-Sonderburg, der war ein großer Kriegsheld, aber auch ein großer Zauberer. Er verstand die Passauer Kunst, war kugelfest und konnte sich unsichtbar machen. Die Feinde konnte er so verblenden, daß sie weder ihn noch seine Leute sahen. Einmal war er recht im Gedränge, da verwandelte er sich und alle seine Streiter in Bäume, da standen die Feinde und gafften den Wald an und traten an die Bäume und taten, was sie nicht lassen konnten, davon hatten hernach die Krieger Johann Adolfs ihre Stiefeln voll. Schloß Plön ist ganz von weiten Seen umgeben; in Ferne einer Meile davon liegt Stocksee, aber der Umweg, den man zu Lande machen muß, ist viel länger. Der Herzog war gern in Stocksee und fuhr Sommer und Winter über den großen Plöner See zu Wagen hinüber. Einmal fuhr ein Bauer hinter dem Herzog her und kam auch glücklich an den Strand. – In wessen Namen tatest du das? fragte ihn der Herzog. Im Namen von Euer Herzoglichen Gnaden! antwortete der Bauer. Das war dein Glück, sprach der Herzog, aber ein anderes Mal laß es bleiben! – Aus Stocksee wollte der Herzog gern eine Stadt gemacht haben und befahl beim Antritt eines Kriegszugs nach Ungarn und gegen Polen unter Kaiser Leopold, den Ort zu vergrößern, seiner Gemahlin aber, Dorothea Sophia, geborne Prinzessin von Braunschweig, gefiel Plön besser, sie nahm das für Stocksee ausgesetzte Geld und erbaute die Neustadt Plön. Als der Herzog zurückkam, fuhr er sogleich nach Stocksee, und da er von seinen Befehlen nichts vollzogen sah, schwur er, daß seine Frau sterben solle. Sie erfuhr das alsobald, und als sie aus einem Fenster des Schlosses ihren strengen Gemahl heranfahren sah, stürzte sie sich aus dem Fenster. Der Herzog aber gebrauchte seine Kunst, und sie kam ohne Schaden an den Boden, und der Herzog sagte ihr, er habe allerdings geschworen, daß sie sterben solle, doch Eile habe es mit dem Sterben keine, sie möge doch warten, bis ihr Stündlein von selbst schlage. Das hat sie getan und hat ihren Herrn und Gemahl noch überlebt. Zwischen Plön und Stocksee liegt ein Dorf, heißt Ruhleben, alldort hat Herzog Johann Adolf sein unruhiges Leben beschlossen, bei seinem Tode soll es aber eigen hergegangen sein, man spricht nicht gern davon, zeigt aber im stillen ein Fenster, aus welchem der Herzog von einem Unbekannten geholt worden sei. *   198. Die Seeräuber Es waren zwei Seeräuber, die auf der Elbe ihr Wesen trieben, von denen hieß der eine Klaes Störtebeker (Stürzebecher) und der andere Göde (Götke, Godeke) Michel, die waren zu Wasser und zu Lande gleich gefürchtet, und es gibt von ihnen Lieder und Geschichten ein langes und ein breites, wie von allen berühmten Räubern. Deren wohnten auch in der Engelsburg zwischen Niendorf, Bargenstede und Varenwinkel bei Meldorf, und auf der Insel Sylt war ein Seeräuber, der hieß der lange Peter. Seine Leute trugen hübsche Abzeichen und Orden, auf einer Seite ihrer Kleidung einen Galgen, auf der andern ein Rad, damit sie sich öfters ihrer Sterblichkeit erinnerten. An der Insel Alfen hängt die Halbinsel Kajnas, da hauste auch ein gefürchteter Räuber darauf, der hieß Kaj. Ein anderer hieß Bars, der hatte die kleine Insel Barsöe inne; auf Dorf und Schloß Schwienkuhlen bei Ahrensböck herrschte gewaltig Peter Muggel, der plünderte zu Land, war ein Teufelsbündner, ward erstochen und spukt noch heute. Ein anderer Land- und Wasserräuber saß auf Schloß Weseby und hieß Weser, dem ward endlich sein Schloß berannt und entbrannt, und er stürzte sich von einem hohen Turme mit seiner Schwester hernieder in die Flammen. Diese Räuber nannten sich Vitalienbrüder. Den Störtebeker brachte eines Blankenese Fischers schnöder Verrat samt seiner Bande in Bande. Alle wurden nach Hamburg geführt und dort auf dem Grasbrook geköpft, es waren ihrer nicht minder denn siebenzig. Das Blut floß so hoch auf dem Richtplatz, daß der Scharfrichter bis an die Knöchel darin watete. Da riefen ihn einige Ratsherrn an: Nun, Meister, wie war Euch zumute bei dem vielen Köpfen? Der Meister mochte wohl einen guten Trunk getan haben, er schwang sein Richtschwert hoch im Kreise überm Haupt und rief: Hoho, ganz wohl zumute, ihr gestrengen Herren! Ich könnte so fort köpfen, und wäre mir eine Lust, wenn der ganze hochweise Senat an meine Schneide müßte! Solche Antwort nahm ein hochweiser Senat der Stadt Hamburg gar krumm und übel, und mißfiel ihm, und ließ den kecken Schwätzer in Ketten legen und ihm darauf sein Haupt abschlagen nach Spruch und Urteil. Da nun die Hamburger den Störtebeker und seine Leute gefangen hatten. durchsuchten sie sein Schiff nach Schätzen, fanden aber nichts, und da sie nicht wollten, daß solches Raubschiff wieder in See steche und auf dem Meere oder der Elbe sich zeige, so verkauften sie es an einen Zimmermann als Wrack zum Zerschlagen und zur Alltagsnutzung. Wie nun der Zimmermann den großen Mast fällen wollte und ihn unten abzusägen begann, da stieß er auf etwas Hartes, davon der Säge die Zähne stumpf wurden, und siehe da, das Innere des Mastbaumes war Metall, eitel Kupfer. Der Zimmermann zeigte seinen Fund beim Magistrat an, und dieser unterzog nun den Dreimaster näherer Untersuchung. Siehe, da war der größte Hauptmast innen von gediegenem Kupfer, der zweite von Silber, der dritte von Gold, das war ein guter Fang, und in den Rahen und Bramsegelstangen steckte auch noch allerlei Gutes gut verborgen. Der Zimmermann ward reichlich belohnt, und aus dem Golde wurde eine Krone verfertigt, die reichte um den St. Katharinenturm herum, so groß war des Goldes Fülle. In der Franzosenzeit und -herrschaft, an welche Hamburg nur mit einem Fluche denken kann, solange es steht, ist auch dieser Goldschatz vom Feinde genommen und vermünzt worden. Auf Jasmund in Rügen hatten Störtebeker und Göde Michel tiefe Höhlen. Noch werden in Hamburg vier Richtschwerter gezeigt, mit denen diese beiden und ihre ganze Bande enthauptet wurden. *   199. Die Krempner Glocke Wieviel die Hamburger des Goldes übrig und genug hatten, erhellt aus dieser Sage. Zu Krempen hing eine herrliche Glocke in dem Kirchturm. Es hatte sich bei ihrem Guß etwas Besonderes zugetragen; da nämlich die Speise schon flüssig und alles zum Gusse fertig war, hatte der Meister noch ein Geschäft und befahl dem Lehrjungen die Obhut des Gießofens. Da stand auf einer Kapelle ein Schmelztiegel, in welchem Silber floß, der Meister mochte das wohl zu einer Zier oder Inschrift benutzen wollen, der Junge aber meinte, das müsse noch zur ganzen Masse, um sie recht gut und wohlklingend zu machen, und schüttete den Tiegel voll Silbers hinein zur Glockenspeise. Der Meister kam gerade dazu, ergrimmte und schlug mit seinem Stock so hart auf den Jungen, daß dieser tot niederfiel. Der Glockenguß fand statt, und als nun die Glocke Maria getauft war, in ihrem Stuhle hing und geläutet wurde, da hatte sie von dem Silber gar einen hellen, reinen Klang, dergleichen noch niemand so schön gehört hatte, aber immer klangen und lauteten die Worte hindurch: Schad um den Jungen! Schad um den Jungen. Da nun die Glocke so schön tönte, wurden die Hamburger neidisch auf die Krempner und machten sie ihnen feil. Sie boten und boten und boten zuletzt eine Kette von Gold, so groß, daß sie um ganz Krempen herumreichen sollte. Das waren endlich die zu Krempen zufrieden, die gute Maria ward auf einen Wagen gesetzt und fortgefahren. Aber auf einer nahen Anhöhe stand der Wagen und sank ein. Es wurde vorgespannt noch so viel, die Pferde vermochten nicht, ihn weiterzubringen. Da spannte man zwei Pferde am hintern Teile des Wagens an, und siehe, mit Leichtigkeit ließ er samt der Glocke sich ziehen, wieder hinab nach Krempen zu. Da hing die Maria bald wieder im Turm und ließ ihre wehmutvolle Klangstimme ertönen: Schad um den Jungen! Im Kriege der Russen gegen die Schweden, der auch über diese friedlichen Gefilde sich hinwälzte, haben die Schweden die schöne Kirche von Krempen in die Luft gesprengt, aber von der Glocke ist nichts entdeckt worden. Die Sage geht, sie sei in die Erde versunken und werde dereinst wohl wieder gefunden werden. Die Sagen von versunkenen Glocken sind über ganz Deutschland zahllos verbreitet, die vom Glockenguß in Verbindung mit des Lehrlings Tod begegnet nicht minder an vielen Orten, z. B. in der Stadt Breslau; Glocken in Wassertiefen hört man läuten, sowohl aus Orten, die wegen ihrer Sünden versanken, als auch einzelne Glocken, welche räuberisch hinweggeführt wurden und dann sich selbst der Räuberhand entrückten, so eine von Haddeby, eine von Gramm in Nordschleswig, eine Kapellglocke aus Neukirchen, eine im Flemhuder See u. a. *   200. Enten zeigen den Mord an Nahe bei Glückstadt steht einsam eine große alte Eiche und weit und breit herum keine zweite. An dieser Eiche Stelle stand früher nur ein kleiner Busch, und an ihm saßen ein paar Männer und sahen, wie denselben Ruheplatz ein wandernder Handwerker wählte, der sie nicht sah und, sich allein glaubend, sein Geld zählte. Schnell reifte im Herzen der Männer der Entschluß zu einer Untat. Sie überfielen den Handwerker und ermordeten ihn. Da rauschte aus dem Wasser des nahen Teiches ein Flug wilde Enten auf, die flogen schreiend über den Busch, und der Unglückliche hob sterbend seine Hand und rief: Zeugt, ihr Vögel, zeugt von dieser ungetreuen Tat! Die Mörder verscharrten die Leiche unter dem Busch und entflohen. An jener Stelle wuchs ein blutrotes Kraut, und die Pferde, welche dorthin zur Weide getrieben wurden, scheuten und bäumten sich, wenn sie vorbei sollten, und wieherten und scharrten mit den Hufen. Dies tun sie immer da, wo Unschuldige getötet wurden. Lange Zeit ging vorüber; der eine jener beiden Mörder verheiratete sich in einem nahen Dorfe, der andere diente auf einem Hofe als Knecht, sie waren alt und grau, und ihr Lebenswandel war untadelig. Eines Abends ging der eine mit seiner Frau spazieren und kam von ohngefähr an den Busch und an den roten Fleck – so hieß die Stelle schon seit lange von dem roten Kraut, das dort wuchs und nirgends anders in der ganzen Umgegend. Und da kam zufällig auch der Knecht und wollte ein Pferd von der Weide holen, und da flog ein Flug Enten schreiend aus dem Weiher auf, und beide Männer riefen erschrocken aus einem Munde unwillkürlich: Ha die Enten, die Zeugen! – dann aber schwiegen sie und erbleichten, und die Frau sah beide forschend an, und die Enten kreischten wieder, und die Männer erzitterten. Und daheim wurde der verheiratete Mann wortkarg und still und ging wie schwermütig umher, und die Frau klagte ihr Leid und sein Leiden den Nachbarn, und so habe es angefangen, dort am roten Fleck, wo die Enten geschrieen und die Männer gerufen hätten: Ha die Enten, die Zeugen! – Das kam vor den Bauernvogt, und der ließ in aller Stille beim roten Fleck nachgraben, und da fand sich ein Gerippe, und die Männer wurden verhaftet und gestanden im ersten Verhör die vor vierzig Jahren begangene Tat. Reuig erlitten sie zu Glückstadt den Armensündertod, und zum Gedächtnis wurde jene Eiche gepflanzt, die noch heute steht. So zeigten hier Enten die Mordtat an, wie im altdeutschen Märchen das Rebhuhn und in der griechischen Sage die Kraniche des Ibykus. *   201. Die Schwesterntürme In Broacker ist die Kirche mit einem Doppelturm geziert, die Schiffer auf der See erblicken diesen Turm zehn Meilen weit und haben an ihm ein Merkzeichen. Auf dem Schlosse dortselbst haben zwei Fräulein gewohnt, die waren Zwillingsschwestern und durch Fügung Gottes im Mutterleibe zusammengewachsen, die haben diesen Turm erbauen lassen. In Keitum klingt die Glocke, wenn sie geläutet wird, nie anders als: Ing und Dung! Ing und Dung! So hießen zwei Schwestern, die hatten nördlich von der Kirche ein Haus, darin sie klösterlich lebten, und sie waren es, die den Turm erbauen ließen. Zum Gedächtnis dieser Jungfrauen erhielt der Turm zwei Spitzen von Feldsteinen, welche sie selbst vorstellen sollen. Da man den hellen und herrlichen Ton der Keitumer Glocke bei klarem Wetter sogar auf dem festen Lande hören konnte, so gedachten die Bewohner des Fleckens Hoyer sie heimlich zu stehlen; als die Keitumer das merkten, banden sie eine Zeitlang ein Pferdehaar um den Klöpfel, da lautete es, als wenn die Glocke zersprungen wäre, und da ließen die Hoyeringer ab von ihrer List. Eine alte Sage ging, die Glocke werde einstens aus dem Turme herabstürzen und den schönsten Jüngling erschlagen, und nachher werde auch, wiewohl später, der Turm einfallen und die schönste Jungfrau unter seinen Trümmern begraben. Ersteres ist im Jahre 1739 in Erfüllung gegangen, letzteres aber noch nicht, daher kommen die Mädchen auf Sylt nicht gerne dem Kirchturme nah und gehen nicht gerne in die Kirche – geht die Sage. Auch im Dorfe Altenbruch an der Elbemündung in die Nordsee lebten einst zwei betagte Zwillingsschwestern, freuten sich der Achtung aller Bewohner; die erbauten von ihrem Überfluß an irdischem Gut Turm und Kirche und brachten ihr Leben in einträchtiger Liebe miteinander hin; da wurde der Turm in zwei hohen schlanken Spitzen ausgebaut und jede derselben mit einer schönen Krone geziert, und es bringen diese Spitzen die Namen der frommen Jungfrauen auf die späte Nachwelt. *   202. Die Hand aus dem Grabe Vor vielen hundert Jahren stand zu Marienstede im Lauenburger Lande in einer Kapelle ein Muttergottesbild mit dem Kinde, und dicht an der Kapelle hin floß ein Wasser. Welcher Kranke darin badete, der wurde gesund durch die Wunderkraft des Muttergottesbildes. Daher war viel Zustrom und Wallfahrens zu dem Mirakelbilde, und darüber hatte niemand mehr seinen Spott als ein benachbarter Edelmann; der hielt gerne die frommen Gläubigen für Narren und trieb Possen mit ihnen und spielte ihnen manchen Schabernack. So hatte dieser Edelmann einen Vogt, der war nur wenig oder gar nicht besser als sein Herr. Als einmal diesem Vogt sein Pferd krank wurde, daß ihm kein Viehdoktor helfen konnte, da dachte und sagte der Edelmann: Reite doch nach Marienstede und laß das Pferd aus der heiligen Pfütze saufen und schwemme es tüchtig darin herum, so wird es schon wieder genesen. Nun hatte der Vogt einen alten Vater, der ihn schon oft zum Guten vermahnt, aber der gottlose Sohn lachte den Alten stets aus, und wenn er ihm von Gott sprach, da sagte er: Ich bin so lange ohne den lieben Gott fertig geworden, daß ich vermeine, ich werde auch wohl noch länger ohne ihn fertig werden. Da nun der alte Vater hörte, daß sein Sohn wirklich das Pferd nach Marienstede reiten wollte, so warnte er ihn abermals und sprach: Solchen Frevel wird dir Gott nimmermehr hingehen lassen, versuche Gott nicht, er läßt sich nicht spotten! – Ei was! versetzte der Sohn, ist unser Pferd nicht auch deines lieben Gottes Geschöpf, und ist es nicht mehr wert als alle die alten Krüppel, die Tag um Tag nach Marienstede wallen? Der alte Mann aber, da er nun sah, daß mit guten Worten bei seinem verwahrlosten Sohn im Guten nichts auszurichten war, und ihn doch nicht der göttlichen Strafrute ausgesetzt sehen mochte, stellte sich vor das Pferd, da jener es wegreiten wollte, und faßte den Zaum und wollte ihn durchaus nicht weiterlassen. Da nahm der Vogt einen Riemen und schlug seinen alten Vater damit über den Kopf. Da hob der Alte seine Hand zur Höhe und rief: Daß dich Gott strafen möge, du Unmensch! Aber der gottlose Vogt lachte darüber und entritt und brachte sein Pferd nach Marienstede und tränkte es aus dem heilenden Wasser. Von diesem Tage an verlor das Wasser seine Heilkraft. Und mit dem Vogt nahm es ein böses Ende. Seit er die beiden Untaten getan, hatte er keinen vergnügten und gesunden Tag mehr, und bald darauf starb er. Als er begraben war und andern Morgens zeitig der Küster auf den Kirchhof kam, so sah er auf des Vogtes Grab etwas Weißes liegen, und als er näher darauf zuging, war es eine Menschenhand, und zwar dieselbe, mit welcher der Vogt seinen Vater geschlagen hatte. Nun gruben sie die Hand wieder unter, aber sie blieb nicht im Grabe, sie wuchs immer wieder heraus. Da brachten sie sie in die Kirche und legten sie in eine Blende der innern Kirchenmauer, und alle Jahre einmal erhebt der Prediger diese Hand und zeigt sie den Kindern und spricht: Diese Hand hat sich gegen den Vater aufgehoben, darum hat sie keine Ruhe bis auf den heutigen Tag. Auch in Oldenburg wird eine solche Hand gezeigt, ebenso in Lübeck und im Flecken Heinrichs auf dem Thüringerwalde liegt auch eine in einem kunstvollen Sakramentschrein aufbewahrt. Zu Groß-Redensleben in der Altmark hängt eine solche Hand an eiserner Kette in der Kirche. Ja bis nach Polen hinein geht diese Sage. *   203. Bischof Blücher Zu Ratzeburg war vordessen einer aus dem Geschlechte derer von Blücher Bischof. Das war so recht der lebendige Gegensatz von jenem Mainzer Bischof Hatto; er war über die Maßen mild und freigebig gegen die Armen. Einstens fiel große Teurung ins Land, und der gute Bischof Blücher gab und gab, bis seine Speicher leer waren, und blieb ihm selbst und den Seinen kein Korn mehr übrig. Aber Arme gab es immer noch, welche Korn heischten und um Brot baten, und der Bischof sprach zu seinem Schaffner: Gib diesen armen Leuten, was etwa noch da ist. – Herr, gegenredete der Schaffner, es ist rein nichts mehr da, Eure Böden sind so leer wie gefegte Tennen. – Ach geh doch, geh nur, mein Sohn! sprach der Bischof, es sollte doch wohl noch etwas, wär' es auch nur wenig, sich finden lassen. Gehe nur in Gottes Namen! – Der Bischof war der Meinung, der Schaffner werde wohl aus Vorsorge schon noch einen kleinen Vorrat beiseite geschafft haben, es war aber in Wahrheit kein Korn mehr auf den Böden vorhanden. Der Schaffner aber gehorchte und ging hinauf, und wie er die Türe der Kornkammer öffnete, da quoll ihm Kornes die Fülle entgegen, und es konnte den Armen reichlich gegeben werden, und der Bischof ging in seine Kammer und dankte Gott mit Freudentränen für dieses hohe Wunder. *   204. Der Gast des Toten In alten Zeiten war ein Totengräber über das ganze Kirchspiel Großberkentime, der mußte eines Abends um neun Uhr noch ein Grab graben, denn der Tote sollte am andern Morgen beigesetzt werden. Als er eine Weile gegraben hat, stößt er auf einen Sarg mit plattem Deckel, und da dieser ihm im Weg ist, holt er ihn heraus und stellt ihn beiseite und macht das Grab so viel tiefer, daß ein Sarg auf dem andern Raum hat. Der Sarg war aber so hübsch, fast wie neu, und der Totengräber, neugierig, wer darin liege, schraubt ihn auf. Da hat der Tote gar ein schönes Kissen von rotem Samt unter seinem Kopf. – Du scheinst mir ein vornehmer Herr gewesen zu sein, bei dir möcht' ich wohl gastieren. Da antwortete der Tote: Diese Ehre kannst du haben. – Darauf antwortete der Totengräber: Komm du erst bei mich zu Gast. – Das kann geschehen! sprach der Tote. – Nun, so komme morgen abend an die große Kirchenpforte, da will ich dich empfangen. – Den andern Tag sprach der Totengräber: Mutter, ich bringe heute abend einen Gast. – Was soll das für ein Gast sein? fragte die Frau. – Nun, du wirst ihn schon zu sehen bekommen, erwiderte der Mann, war Glock neun an der Kirchentüre, holte seinen Gast, brachte ihn ins Haus und aß und trank mit ihm wie mit einem andern. Als der Gast gesättigt war, holte er ihm eine Pfeife und Tabak, und da rauchte jener auch eine Pfeife, und nach einer Stunde Verweilens sagte der Gast: Nun gibst du mir das Geleite bis zur großen Kirchentür, und morgen abend bist du bei mir zu Gast. Und am andern Tage mit dem nämlichen Glockenschlag und an der nämlichen Stelle empfing der Gast den Totengräber und ging mit ihm durch eine Gruft unter die Erde. Da war gar eine schöne Stube, und daran stieß noch eine Stube, darin war prächtige Musik, in diese aber hineinzugehen verwehrte der unterirdische Gastfreund. Es war auch außerhalb schon schön genug, und der Totengräber sagte: Ach hier ist es ja herrlich, da möcht' einer wohl hundert Jahre sein. – Siehe, da kamen Leute, die gingen schweigend durch das Vorzimmer in jene Stube hinein, aus welcher die herrliche Musik ertönte, darunter war auch des Totengräbers eigner Vater. Ei, Vater, wo wollt Ihr denn hin? rief er ihn an, aber jener antwortete ihm nicht. Es dauerte nicht lange, so kam des Totengräbers Frau, und er rief ihr zu: Ei, Mutter! wo willst du denn hin? Aber sie hat ihm nicht geantwortet und ist auch dahinein gegangen, wo die wunderschöne Musik war. Nun kam seine älteste Tochter, wieder rief er, blieb ohne Antwort, schweigend ging sie hinein. Es kamen Vettern, Nachbarn, Bekannte, jeden Alters, selbst Kinder, und wen er anrief, antwortete nicht. Endlich kam auch seine jüngste Tochter, sein Liebling, und er rief: Meine Dirn, wo willst denn hin? Aber auch sie sah ihn nicht an und antwortete ihm nicht, still schritt sie dahin und ging hinein. Nun wurde der Totengräber aber böse und sagte: Ha, was ist das hier für ein Donnerloch, daß alles vom Hause wegläuft nach der schönen Musik? Und hatte Lust, auch hineinzugehen, aber da kam sein Gastfreund wieder, und er meinte auch, die Stunde sei wohl herum, die er ihm habe schenken wollen, und jener brachte ihn wieder vor die große Kirchentüre und verabschiedete ihn. Der Totengräber ging nach Hause und klopfte an, die Uhr schlug gerade zehn. Da rief drinnen eine fremde Stimme: Wer ist draußen? – Frag nicht lange, ich bin's! Wo sind meine Frau und meine Töchter? – Was für eine Frau? Was für Töchter? fragte es drinnen. – Meine, zum Kuckuck, ich bin ja der Totengräber. – Nein! rief der drinnen, das bin ich, du bist wohl wirr im Schädel! Warte, ich will dir gleich Beine machen! – Den Totengräber wunderte die Geschichte, und er rief: Schwerenot, dann behalte mich wenigstens über Nacht, morgen früh wollen wir sehen, wer von uns beiden der rechte Totengräber ist. – Und bat so lange, bis jener ihn einließ. Und da blieb er die Nacht über auf einem Stuhl sitzen, und am andern Morgen fragte er, wie der Priester heiße. Jener nannte den Namen. Hm! sagte der Totengräber, den Namen kenne ich nicht akkurat, geh doch mit mir zu dem Pastoren. – Da gingen die beiden hin, und der Pastor fragte den alten Totengräber nach seinem Namen und schlug im Kirchenbuche nach, da stand darin aufgezeichnet der richtige Name und war dazu geschrieben: Deeser Kulengraver is in de Gemeen wegkommen, unn kener het wüst, wo he blöven is. Und das war geschrieben worden vor hundert Jahren. Da fragte ihn der Pastor, ob er nicht das Nachtmahl empfangen wolle, und jener sprach ja. Darauf wurde der Küster geholt, die Kirche aufzuschließen, und der Priester reichte ihm das Abendmahl; das empfing der Alte mit gläubiger Seele, und als er den Wein empfangen hatte, sank er leise in sich zusammen und war tot. *   205. Till Eulenspiegels Grab Wer kennte nicht den lustigen Landfahrer und unverwüstlichen Vaganten des deutschen Volksbuches, Till Eulenspiegel? Der Urvater deutschderber Natürlichkeit, Schalkhaftigkeit und Possenreißerei, in dessen Spiegel so mancher spätere Schalksnarr sein eignes Gesicht erblicken mag, war dieser Till. Viele sprachen ihm die Persönlichkeit ab, weil sein Name symbolisch klinge, allein so gut im vierzehnten Jahrhundert, darin Eulenspiegel gelebt haben soll, einer Regenbogen, Rabenzagel oder Rosenblüt hieß, ebensogut konnte einer auch Eulenspiegel heißen. Genug, der lustige Geselle endete seine lustig genug beschriebene Abenteurerfahrt in der Stadt Möllen im Lande Sachsen-Lauenburg und ward allda begraben. Und wenn einer irgendwo stirbt und begraben wird, so ist doch mit einiger Wahrscheinlichkeit anzunehmen, daß er zuvor gelebt habe. Aber wie Eulenspiegel vielen zum Ärger und Possen allerlei Verkehrtes getan all sein Leben lang, so ist's auch geschehen, daß er im Tode noch die Leute äffte; sein Sarg kippte um und rutschte so in das Grab, daß er aufrecht darinnen stand, und die Totengräber meinten, weil er es einmal so haben wolle, möcht' er auch seinen Willen haben, und warfen das Grab zu. Darauf haben ihm die Möllner einen Grabstein gesetzt, auch denselben einigemal erneuern lassen. Auf den obern Ecken war links eine Eule, rechts ein Spiegel eingehauen, und noch in Mitte des vorigen Jahrhunderts las man darauf: Anno 1350 iß düsse Steen upgehafen, Tylle Eulenspiegel lehnent hirunter begraven, Merkt wol und denkt daran All de hier vor över gan, Wat ick gewest up Erden Möten my glieck werden. *   206. Dort tanzt Bornholm hin Dieses Sprüchwort wird in Holstein häufig vernommen. Einst gab ein Dänenkönig diese dänische Insel der Stadt Lübeck in Versatz, weil er ihr ein ziemliches Geld schuldete. Nach einiger Zeit aber beehrte der König die Stadt Lübeck mit seinem Besuche, da ward ihm zu Ehren ein großes Bankett veranstaltet und ihm ein Tanzfest gegeben, und die Frau des Bürgermeisters mußte dem Könige zur Rechten sitzen, und er sagte ihr viel Schönes und führte sie zum Tanze, den ersten Reigen mit ihr zu tanzen. Und wie nun dieses Paar sich gar schön mit Tanzen blicken ließ, da sagten die Lübecker: Dort tanzt Bornholm hin!, denn sie wußten wohl, daß der Bürgermeister die vom Könige seiner Frau angetane Ehre werde im Übermaße zu schätzen wissen, und sie irrten auch nicht, denn gar bald danach hatte der Dänenkönig sein Pfand wieder frei, ohne die schuldigen Gelder bezahlt zu haben. Seitdem hat sich das Sprüchwort erhalten. Andere erzählen diese Sage anders. Der Bürgermeister habe, von Eitelkeit gebläht, die Ehre haben wollen, mit der Frau Königin zu tanzen, und der König habe das ihm in höchsten Gnaden und nur unter der kleinen Bedingung gewährt, daß ihm Bornholm wieder freigegeben werde, und so sei es hingetanzt worden. *   207. Die drei Meister Zu Lübeck geschah es, daß bei einem großen Brande der Scharfrichter um das Leben kam, alsbald bewarben sich um dessen Stelle drei Meister, denn die Stelle war sehr einträglich, es gab manchmal an einem Tage dreißig bis vierzig arme Sünder durch das Schwert oder die scharfe Diele abzutun, dafür zahlte pro Mann löblicher Senat einen bis zwei rheinische Gulden. Nun wurde beschlossen, daß jeder der neuen Bewerber ein Probestück machen sollte, und der das beste tue, dem sollte die Stelle werden, das waren die Meister wohl zufrieden. An armen Sündern war kein Mangel, und die Probehinrichtung begann. Der erste Meister stellte den Verbrecher vor sich hin, führte einen Lufthieb, und man sah jetzt, daß jener ein rotes Schnürchen um den Hals hatte und närrisch mit den Augen zwinkerte. Der Meister sah das Volk an, wischte sein Schwert säuberlich und gab dem armen Sünder einen Tritt. Da fiel er um, und der Kopf fiel von ihm ab. Er hatte ihn unversehens so schnell und meisterlich geköpft, daß er's gar nicht gemerkt hatte, und die Zuschauer hatten es auch nicht gemerkt. Lauter Beifall lohnte den großen Mann, der sein Handwerk zur Kunst erhob. Der zweite Meister erklärte, da er nun sein Probestück ablegen sollte, er müsse nun um zwei Schafottkandidaten bitten, und hat darauf zweien mit einem Streich die Köpfe abgeschlagen, ganz kunstgerecht und meisterhaft, und viel Lob und Beifall geerntet. Der dritte Meister erforderte wieder nur einen Delinquenten, legte diesem zwei eiserne Ringe um den Hals, und zwischen beide Ringe legte er im Nacken eine Erbse. Hierauf schwang er sein Schwert, und mit sicherer Hand hieb er genau die Erbse in zwei gleiche Hälften und zwischen den beiden Ringen hindurch den Kopf vom Rumpfe. Das ward für das allergrößeste Kunststück angesprochen, und dieser Meister erhielt die Bestallung, die andern beiden aber wurden mit stattlicher Verehrung entlassen. *   208. Rabundus Rose Im Chorgestühle des Domes zu Lübeck an der Nordseite wird noch des Domherrn Rabundus Sitz gezeigt. Lange ging die Sage, daß, wenn ein Domherr daselbst sterben sollte, so finde er auf seinem Stuhlkissen eine weiße Rose. Welcher Domherr diese Rose fand, der bestellte sein Haus und bereitete sich in frommer Stille zum seligen Heimgang vor. Nun war unter den Domherren einer des Namens Rabundus, der fand eines Morgens die Rose auf seinem Sitz; er hatte aber noch nicht Lust abzuscheiden und bei Christo zu sein, hatte noch viele Geschäfte, nahm daher die Rose und warf sie schnell auf seines Nachbars Sitz, des Domherrn Konrad Barner von Moislinghe. Da dieser kam und die Rose fand, erschrak er aufs heftigste, und nach drei Tagen war er tot. Rabundus aber nahm sich seine böse Tat zu Herzen, und da er sein Ende nahe fühlte, bekannte er sie seinem Beichtiger und schwur, daß er künftig durch ein anderes Zeichen den nahen Tod eines Domherrn verkündigen wolle. Und also geschah es. Als Rabundus nicht lange nachher verstorben war und wiederum der Tod eines andern Domherrn bevorstand, tat es unter seinem Grabstein drei Klopfer, die klangen Donnerschlägen gleich. Darum ward auf Rabundi Grabstein auch eine Keule angebracht und die Inschrift: Pulsibus in duris do signum morituris. Und dieses Klopfen ist hernachmals gehört worden, solange in Lübeck Domherren lebten. Die Schläge krachten wenig gelinder, als wenn das Wetter einschlug, oder wie Kartaunenschüsse, und beim dritten Schlag lief der Knall über dem Gewölbe der ganzen Kirche der Länge nach durch, daß man glauben mochte, es würde das ganze Gebäu zusammenkrachen und -prasseln. Einmal geschahe dergleichen sogar mitten unter der Hauptpredigt, daß die Menschen aus der Kirche eilen wollten, aber der Prediger blieb fest auf seiner Kanzel und ermahnte die Menge, sich von einem Teufelsgespenst nicht schrecken zu lassen. *   209. Der Wald kommt Vor alten Zeiten lag die Stadt Lübeck mit den Bewohnern der Insel Rügen im Krieg, die noch heidnisch waren und einen Tribut heischten für ihren Abgott. Sotanen Tribut haben aber die von Lübeck nicht zahlen wollen, und da sind ihnen die Rügier vor die Stadt gerückt und haben sie einzubekommen gesucht. Damit aber ihre Zahl nicht gleich erblickt werde, haben sie im Lauerholz Büsche und kleine Bäume gefällt, und diese haben die Kriegsleute vor sich her gehalten und sind so gegen die Stadt herangezogen, so daß die Turmwächter schrien: Der Wald kommt, der Wald kommt! Das Lauerholz rückt gegen die Stadt heran! Am Hochgericht machten die Rügier halt und warfen einen tiefen Graben auf und verschanzten sich und fügten den Bürgern viel Schlimmes zu. Darauf wurde ein starker Ausfall beschlossen, und es fand ein ernstes Schlagen statt, aber da die Nachricht in die Stadt kam, es stehe um die Bürger nicht zum besten und sie würden wohl zurückgedrängt werden, da erhoben sich die Frauen, bewaffneten sich mit dem, was sie fanden, drangen in die St. Jakobskirche, nahmen dort eine Fahne und stürmten zur Stadt hinaus, und als die Bürger dieses neue Heer anrücken sahen, wuchs ihnen der Mut, den Rügiern aber entfiel er, und sie wurden also geschlagen, daß sie das Feld räumten und das Lager, und daß unermeßliche Beute und selbst ihr Abgott in die Hände der Lübecker fiel. Darauf sind sie nimmer wiedergekommen. Die Sage vom kommenden Wald begegnet da und dort in stets verschiedener Färbung. *   210. Der Herthasee Im Eiland Rügen war das Heiligtum der Mutter Erde, als Göttin gedacht von den alten Urvölkern des germanischen Norden und Hertha geheißen. Ein geheiligter Buchenwald, die Stubbenitz genannt, umgab einen tiefen See; im Walde stand der mit einem Gewand bedeckte Wagen der Göttin, darin sie alljährlich einmal das Land durchfuhr im Geleite eines einzigen Priesters, dem ihr Wille offenbart ward. Zwei heilige Kühe zogen den Wagen der Göttin, und wohin derselbe kam, da war Freude die Fülle und eitel Friedensfest; niemand durfte da streiten, keine Waffe durfte ergriffen werden. Das währte so lange, als die Göttin an einem Orte verweilte, und wenn sie nicht mehr weilen wollte, da führte der Priester sie zurück in ihr Heiligtum. Dann wurde in dem düstern See ihr Wagen, Gewande und ihr Bildnis gereinigt, und die Sklaven, welche dabei dienten, wurden in dem See geopfert, damit ihrer keiner je erzähle, was er geschaut. Die Sage geht, daß die Insel Rügen weder Wölfe noch Katzen dulde. *   211. Pape Dönes Glockenspiel Wie der Stürzebecher und seine Raub- und Mordgesellen auf Jasmund ihre geheimen Schlupfwinkel hatten, so saß ein ähnlicher Kumpan in einem unwegsamen Walde bei Ratzeburg, nur daß dieser kein Seeräuber war, sondern ein Landräuber, der hieß Pape Döne und war von unermeßlicher Stärke, die er sich durch ein Teufelsbündnis verschafft hatte. Er durchstreifte die Fluren als Bettler, fiel über die Reisenden her, überwältigte auch den stärksten Mann und schleppte ihn und all sein Gut nach seiner verborgenen Höhle und Mordgrube. Dort schnitt er seinen Ermordeten die Hirnschalen ab, zog die Haut davon, trocknete und bleichte erstere und hing sie an einer Schnur zwischen Bäumen auf, dann schlug er mit seinem Stecken daran und lauschte, welchen Klang oder Ton die Hirnschale von sich gab, und fand, daß nie einer klang wie der andere, und wie jeder Mensch seinen eignen Kopf hat, so ist auch der Klang seines Gehirndeckels vom andern verschieden, woraus leichtlich zu erklären, warum so viele Menschen so unharmonisch miteinander leben, weil eben ihre Hirnschalentöne nicht zusammenpassen. Von dieser Erfindung, welche Pape Döne sein Glockenspiel nannte, soll er auch, indem er Töne suchte, den Beinamen Döne erhalten haben. Wenn nun der musikalische Mann, der Urerfinder der Schädellehre, gleich wie auf einer Strohfiedel auf den Hirnschalen sich hören ließ, so machte er sich das Vergnügen, diese zu gleicher Zeit auch tanzen zu lassen, und dazu sang er wohlgemut eine spöttische Tanzweise: So danzet, so danzet, min levesten Söne, Dat Danzen, dat maket ju Vater Pape Döne. Diesen verruchten Musikanten soll endlich der Teufel niedergeworfen haben, willens, mit seiner Seele an einen Ort zu fahren, wo Tanz und Spiel ein Ende haben, aber Pape Döne wollte nicht und versprach dem Teufel sieben Seelen statt seiner armen einzigen, wenn er ihm noch Frist gönne, und der Teufel war auch so dumm, sich im Netz der Arglist Pape Dönes fangen zu lassen. Kaum war der Teufel fort, so ging Pape Döne nach Lübeck, suchte einen Mönch auf und beichtete ihm seine Sünden, indem er herzlich bat, jener möge ihn gegen den Teufel in Schutz nehmen. Der Mönch versprach dies, wenn Pape Döne alle seine Untaten bekennen, alle ernstlich bereuen und dafür der strafenden Gerechtigkeit sein Leben zur Sühne bringen wolle. Pape Döne war von der letzten Bedingung nichts weniger als erbaut, aber es galt seine Seele zu retten. Da nun der Teufel nach einer Zeitlang kam und nach den sieben Seelen Erkundigung einziehen wollte, war Pape Döne fromm geworden, herzte und küßte ein Kruzifix und hielt es dem Teufel hin, er sollte es auch küssen. So etwas war dem Teufel noch nicht vorgekommen, er pfauchte Feuer und ließ Gestank fahren und fuhr ab, lauerte aber, als am andern Tage Pape Döne zum Galgen geführt wurde, um an selbigem als bußfertiger Sünder zu sterben, auf Pape Dönes Seele. Wie ward aber dem Teufel, als er zwei Engel sah, welche der fromme Mönch aus dem Himmel herabgebetet, und welche die Seele ganz frisch, wie sie aus dem Körper fuhr, in Empfang nahmen und mit in den Himmel! Darüber ärgerte sich der Teufel so sehr, daß er schwarz wurde. Seitdem ist der Teufel schwarz. *   212. Die Ururalte Zu jener Zeit, als das Wünschen noch etwas half, denn heutzutage hilft es wunderwenig mehr, und war auch dazumal schon der Wünsche Erfüllung nicht allewege heilsam, da lebte zu Lübeck eine Frau, die war frisch und munter, gesund und stark, sie aß auch gern und trank gern und hatte alles, was ihr Herz begehrte. Und weil es nun also mit ihr stand, so gefiel es ihr auf der Welt ausnehmend wohl, und sie wünschte sich, nie zu sterben, sondern ewig zu leben, nicht aber in einem ewigen seligen Leben, wie andere fromme Christen wünschen und hoffen, sondern hienieden auf dieser Erdenwelt, bei gutem Essen und Trinken. Und weil damals mit Wünschen noch etwas anzufangen war, so wurde jener Frau der Wunsch erfüllt, und sie lebte immer darauf los und war gar eine lustige Alte; sie hatte aber doch etwas beim Wünschen vergessen, nämlich des Körpers Rüstigkeit mit einzubedingen. Nun tat es ja wohl einhundert Jahre leidlich gut, aber als sie die hundert Jahre aufgeladen hatte, da drückten diese doch gar sehr, so daß die Alte zusammenkroch, mehr und mehr, und konnte erst nicht mehr gehen, dann nicht mehr stehen und hernach auch nicht mehr selbst essen und trinken, und sterben konnte sie auch nicht. Die Menschen mußten sie füttern wie ein kleines Kind und heben und tragen. Das war aber noch nicht genug; sie kroch hernach noch immer mehr und mehr zusammen und trank und aß zuletzt gar nichts mehr. Endlich vermochte sie sich nur noch dann und wann ein wenig zu regen. Da meinten die Leute, es wäre am besten, wenn sie ihnen untern Füßen wegkäme, weil aber doch noch Leben in ihr war, so taten sie die kleine zusammengeschrumpfelte Alte unter ein Glas und hingen sie in der Kirche auf. Da hängt sie nun noch immer in der Lübecker Marienkirche, ist so groß wie eine Maus und bewegt sich nur alle Jahre einmal. *   213. Altmecklenburg Ohnweit Wismar liegt ein Kirchflecken am Schiffgraben, der aus dem Schweriner See in die Ostsee führt, der heißt Mecklenburg, dort ist noch ein alter Wall zu sehen, und das ist die Stätte, die dem ganzen großen Lande Mecklenburg den Namen verliehen hat. Im Innern dieses Walles ruhet noch, wie die Sage geht, eine goldene Wiege und im Grunde der wasserreichen Wiese eine vorzeiten versunkene kupferne Brücke. Viel altes Scherbengerät hat sich dort gefunden, auch nennt und zeigt man noch die Stelle, wo der Brunnen dieser alten Wendenburg soll gestanden haben, die eine große Stadt geschirmt, von welcher nichts mehr übrig als der heutige offne Flecken, der allein den alten Namen gerettet. Der Name soll vom Mäkeln (Handeln) herrühren, und das alte Mecklenburg soll vorzeiten eine hochberühmte Handelsstadt gewesen sein und fünf deutsche Meilen im Umfang gehabt haben. Einst führte Herzog Albert von Mecklenburg Krieg mit der Königin von Dänemark, der schwarzen Gret, und wurde ihr Gefangener, da haben die Frauen des Herzogtums zusammengeschossen Gold und Geschmeide, um ihren Herrn aus der Gefangenschaft zu lösen, und haben ihn erlöset, und da hat er ihnen das Recht verliehen, Lehengüter besitzen zu dürfen gleich den Männern, und soll dort die ausschließlichen Mannlehen nicht geben. *   214. Der Fürstin Traum Nach Mecklenburgs Abblühen kam die Stadt Wismar zu hohem Flor. Dort schlug seinen Wohnsitz auf Fürst Johannes, der Theologe zubenamt, der erkürte zur Gemahlin Luitgardis von Henneberg und gewann von ihr sechs Söhne. Der älteste, Heinrich, vermählte sich mit Anastasia, Herzog Barnim I. in Pommern Tochter. Fromme Sehnsucht trieb den Fürsten zu einem Zuge nach dem Heiligen Lande, davon er den Beinamen der Pilgrim empfing, aber seine Gemahlin kam während seiner Heilfahrt in Not und Bedrängnis. Denn Markgraf Otto von Brandenburg verband sich mit den Fürsten von Sachsen, Meißen, Thüringen und Holstein und fiel in das Mecklenburger Land. Da nun die Fürstin Anastasia um ihre beiden Söhne und um ihr Land in großen Sorgen stand, so erschien ihr der heilige Franziskus im Traume und sprach zu ihr: Fasse Mut, ich verheiße dir und den Deinen den Sieg. Des zum Zeichen wirst du morgen des Tages in den Lüften eine Erscheinung sehen. Und als die Fürstin am andern Morgen erwachte und gläubig hoffend zum Himmel aufblickte, so sahe sie ein Panier schweben mit dem Bilde des Heiligen, der ihr erschienen war. Da sandte Anastasia sogleich nach einem Maler, der mußte den heiligen Franziskus malen, und es mußte ein neues Panier mit diesem Bilde gefertigt werden, das gab sie ihrem ältesten Sohne, welcher auch Heinrich hieß, und verhieß ihm und seinem Bruder den Sieg. Da zogen die Fürstensöhne mit dem neuen Panier hinaus und führten ihr Heer gegen den weit überlegenen Feind und schlugen diesen bei Gadebusch aufs Haupt. Der junge Fürst Heinrich kämpfte mit Löwenmut und wurde Hernachmals auch der Löwe zubenamt. Seine Söhne wurden die ersten Herzoge von Mecklenburg. Fürstin Anastasia aber, die ihren Traum so wunderbar erfüllt sah, wendete ihren Dank dem Kloster des heiligen Franziskus in Wismar zu, zeigte sich mild und freigebig gegen dasselbe und schmückte den Chor der Klosterkirche mit drei neuen Fenstern, von denen das mittelste die heilige Jungfrau und zu den Seiten die Bildnisse des heiligen Franziskus von Assisi und des heiligen Antonius von Padua im herrlichsten Farbenschmuck zeigten. So bezeugte Fürstin Anastasia ihren Dank für die Traumerscheinung und die göttliche Hülfe. *   215. Das Teufelsgitter In der Marienkirche zu Wismar ist um den Taufstein ein eisernes Gitter gestellt, das hat der Schmied vollbracht mit der Hülfe des Satans und ist also künstlich, daß keiner es vermag nachzumachen oder Anfang und Ende zu finden. Ein solches Gitter, aber um die Kanzel herum, zeigt man auch in Lübeck und nennt denselben künstlichen Meister wie in Wismar. In einer Nacht soll der Teufel es verfertigt haben. Zu Wismar war auch ein Priester, der hatte ein seltsamliches Gelüsten. Er legte sich ein Buch an, dahinein schrieb er die Namen reicher Leute der Stadt mit gewissen Summen, als wenn sie ihm diese Summen schuldeten, und dann ging er hin und bestahl nach und nach diese Reichen. Wenn er nun einen bestohlen hatte, so schrieb er in seinem Buche zu dessen Namen dedit , zu Dank vergnügt. Endlich kam die Sache an den Tag, nachdem der Schlaukopf lange Jahre so fort gestohlen, und wurde der Täter vom verdienten Strang zu lebenslänglichem Gefängnis begnadigt. *   216. Der englische Schweiß Im Jahre 1529 kam aus England eine gefahrliche Krankheit, die wurde die Schweißsucht oder der englische Schweiß genannt. In Hamburg gewann sie auf dem Festland den ersten Boden und raffte binnen zweiundzwanzig Tagen tausend Menschen dahin. Von da ging sie weiter nach Lübeck, Wismar, Rostock, Greifswalde, Stettin, Danzig und breitete sich weit umher im Lande aus. Sie flog gleichsam durch die Städte und Länder im Hui. Man schrieb ihre Ursache der eigentümlichen Witterung des Jahres zu: gelinder Winter, trockner Mai, naßkalter Sommer und darauf solche Hitze, daß es unmöglich war, nicht zu schwitzen, und wenn einer nackend gegangen wäre, und mit dieser lähmenden Hitze kam die Sucht. Zu Lübeck war ein Doktor, der hieß Varus und hatte seines Glaubens halber aus England flüchten müssen, der heilte manchen von der schwitzenden Krankheit. Da Doktor Varus nun ein frommer und glaubenseifriger Mann war und wahrnahm, daß die Geistlichen und ihr Anhang das Evangelium nach der neuen Lehre nicht wollten gelten und sich ausbreiten lassen, so begab er sich zu einem hohen Ratsverwandten mit einem Buche in der Hand und fragte ihn, ob er nicht Gottes Lohn verdienen wolle und wolle helfen, daß eines frommen Mannes Testament möchte bestätigt werden und Rechtskraft erlangen. – Darauf sagte der Ratsherr: Wenn das Testament recht gemacht ist, so wird es ein ehrbarer Rat wohl konfirmieren. – Da hub der Doktor wieder an und sprach: Der es aufgerichtet hat, ist ein guter, frommer Mann und heißt Jesus Christus. Er hat sein Testament mit seinem Tode und seiner Auferstehung bestätigt, will nun ein ehrbarer Rat zu Lübeck dasselbige auch konfirmieren, so wird er Gott einen großen Dienst erweisen. – Der Ratsherr wendete sich um und ließ den Doktor stehen, aber am andern Tage wurde ihm die Stadt verboten. Die Schweißsucht regierte so heftig, daß mehr als ein Haus ganz verlassen und verschlossen werden mußte. Auf der Universität Rostock wurde im Jahre 1529 kein einziger Student immatrikuliert. Binnen vierundzwanzig Stunden wendete sich die Krankheit zum Leben oder zum Tode. Die hülfreichen Mittel gegen diese Krankheit, welche weder Kinder noch Alte, sondern nur die Kräftigen und Kräftigsten ergriff, waren: nicht überwarmes Lager, aber Bewahrung vor jeder Zugluft, einfachste Kost, Leibesöffnung durch Rhabarbar, reine Luft, sorgsame Wartung; die Kranken sollten sich nicht durch Umwälzen erkühlen, keine Luft unter die Arme kommen lassen. Je stiller der Kranke lag, um so besser, und beim Umkehren, wenn es durchaus nötig, solle er vor aller Luft behütet werden. Auch solle man ihm guten Trost einreden, daß seine Schwitzqual nur eine kurze Zeit daure und er dann genese, solle ihn mit duftendem Rosenwasser bestreichen am Haupt, hinter den Ohren und über dem Nacken und an den Schläfen und ihn starken Weinessig durch die Nase einatmen lassen. Der Essig übertreffe, sagten die Schweißärzte, um vieles Kamphor und Opium. Zum Labetrunk keinen Malvasier, Würzwein, pommerschen Schlurf oder Ratzeburger Rommeldaus, das starke Bier, sondern dünnen Kovent, durch ein Röhrlein gesogen. Gut zum Tranke war auch Ochsenzungen- und Borretschwasser mit Kandiszucker, wenig auf einmal, kaum einen Löffel voll durch ein Rohr. In Anfang der Krankheit mußten die Kranken vor dem Schlafe bewahrt werden, denn Schlaf war der halbe Tod. Nasenbluten, das sich nicht selten einstellte, sollte man nicht zu stillen suchen. Nach dem Verlauf der vierundzwanzig oder achtundzwanzig Stunden vorsichtiger Wechsel der Wäsche, gewärmt, und später zum Getränk Einbeckisch und Güstrower Bier und zuletzt wieder, was jedem schmeckte und was er haben konnte. *   217. Die Wassermuhme Bei Slate ohnweit Parchim an der Elde fließt ein tiefer Bach, der nahebei in die Elde fällt. Eines Abends erging sich der Prediger des Dorfes am Wasser entlang unter den hohen Eichen. Die Sonne war untergegangen, und die Dämmerung brach herein, da rauschte es im Wasser, und eine dumpfe Stimme ward hörbar, die sprach: Die Stunde ist da, aber der Knabe noch nicht. Dieses Wort aus dem Wasser machte den Geistlichen bedenklich, er gab seinen Spaziergang auf und ging nach dem nahen Dorfe zu. Da lief ihm ein hübscher Knabe entgegen. Der Pastor rief ihn an: Wohin, mein Sohn, wohin so eilend? – Zum Bache! rief der Knabe dreist. Ich will Muscheln dort suchen und bunte Steine! – Gehe nicht, mein Knabe! sprach der Geistliche. Laufe lieber zu mir in das Haus und hole mir meine Bibel. Du sollst auch einen Schilling haben. Der Knabe lief hin und holte die Bibel und brachte sie und wollte dann schnell nach dem Wasser eilen, da sie aber jetzt im Dorfe und in des Kruges Nähe waren, sprach der Pastor: Verziehe noch, Knabe, du sollst auch einmal trinken. Und heischte Bier im Krug für den Knaben, und der Knabe trank. Da scholl ein Schrei und ein Rauschen vom Wasser her, und der Knabe sank tot nieder. Die Stunde war da und der Knabe auch. *   218. Der Gast des Pfingsttänzers Zu Kessin war lustiger Pfingstreigen, das Pfingstbier war gut und die Freude groß. Ein munterer Bauernknecht war unter den Tänzern, der war von einem entfernten Dorfe hergekommen und tat das beste mit. Als aber Mitternacht herzukam, mochte er nicht länger bleiben, obschon die Tänzer ihn dazu nötigten und die Dirnen sich merken ließen, daß sein Weggang ihnen nicht lieb sei, aber er ging. Stockdunkel war es auf des Knechtes Pfad, aber dieser hatte nicht zu viel getrunken und schritt sicher fürbaß, dann tat sich der Himmel flammend auf und machte alles in weite Ferne taghell, und ein schwerer Donnerschlag rollte, und dann war es wieder tiefdunkel, aber der Bursche fürchtete sich nicht, sondern ging gottgetrost seinen Weg. Auf einmal hallt es neben ihm wie Tritte, und im Dunkel der Sommernacht sieht er, daß ein langer Mann neben ihm wandert. Der lange Mann grüßt ihn nicht, und der Knecht grüßt nicht den langen Mann, denn viel Grüßens ist im Mecklenburger Lande nicht Sitte. Jetzt kamen die stillen Wanderer an einen schmalen Steg, da fing der lange Mann an zu reden und fragte: Wie willst du da hinüberkommen? – Der Nase nach! Ist's deine Sorge? antwortete der Knecht mit landüblicher Derbheit und schritt über den Steg. Der Lange folgte ihm. Nach einer Weile kamen sie an ein umzäunt Gehöft. Wie willst du da hinüberkommen? fragte wieder der Fremde. – Geht dich das an? fragte der Knecht zurück. Ohne deine Hülfe! und stieg über den Zaun. Da kletterte der Lange auch über den Pfahlzaun. Jetzt ging der Knecht an das Haus, das war verschlossen. Wie willst du da hineinkommen? fragte der lange Mann. Du wirst mir doch nicht aufschließen! antwortete der Knecht, klopfte ans Fenster, und da war eine alte Frau im Stübchen, die erhob sich, schlug Licht und trippelte zur Türe und schloß auf. Das war des Burschen Mutter, die hieß ihn willkommen. Der Fremde trat uneingeladen mit in das Haus und in die Stube, und da sagte der Bursche: Ach Mutter, da ist auch ein fremder Mann, dem ist nicht wohl zumute, geht doch hin zum Herrn Nachbar, dem Pastor, er möchte kommen und den fremden Herrn aus Gottes Wort trösten. Da schauerte es dem Langen durch alle Gebeine, und hörte auf, lang zu sein; er kroch in sich zusammen und wurde klein und immer kleiner, und endlich kroch er unten durch die Türspalte wie ein Mäuslein und war dagewesen. Und der Knecht und seine Mutter freuten sich und dankten Gott, daß sie den schlimmen Gast los waren. *   219. Der Gast des Kornwucherers Auf dem Hofe Großen-Metchling im Mecklenburger Lande saß ein alter geiziger Pachter, der häufte Ernten auf Ernten, und wenn das Korn nicht recht teuer wurde, so verkaufte er nicht, und wenn ihn auch die Leute fußfällig darum baten. Er hatte alle Kisten und Kasten voll Geld und Gut, aber tagtäglich suchte er mehr zusammenzuscharren, und durch unerhörten Kornwucher war er einzig und allein so reich geworden. In die Kirche ging er nicht; er sprach: Ich diene meinem Gott im Freien, dem Teufel aber diente er, dem Gott Mammon. Er übersah die Saatfelder und rechnete aus, wieviel sie tragen würden, und ärgerte sich, daß auf den Ackern seiner Nachbarn auch Getreide stand und diese auch ernten würden. So ging er ebenfalls an einem Pfingsttage draußen herum, sah, wie alles fröhlich wuchs und Gottes Segen wieder sichtbar nahe war, und wie es doch nun an ein Räumen der Kornspeicher gehen müsse, und war sehr unzufrieden und verwünschte und verfluchte die wohlfeile Zeit, wie alle nichtsnutzigen elenden Kornwucherer tun. Da kam ein Mann dahergefahren, der saß in einer schwarzen Kutsche, und ein schwarzer Kutscher lenkte schwarze Rosse; der Mann bot spöttisch gute Zeit und hielt an. Er stieg auch aus, und es hing ein langer Mantel über ihm, der seine Gestalt ganz einhüllte. Gute Aussicht auf gesegnete Ernte, nicht wahr? fragte der Fremde, und der Pachter murrte: So halb und halb; Pfingsten kann man den Erntemond noch nicht loben. Vorrat ist Herr! – Ihr habt wohl noch Vorrat? fragte der Fremde. – Etwas, nicht allzuviel, war die Antwort. Der Fremde fragte nach dem Preise, der Pachter forderte den höchsten Preis, der Fremde sagte: Topp, ich kaufe. – Dem Pachter lachte das Herz im Leibe, doch ärgerte er sich, daß er nicht noch mehr gefordert hatte, und lud den Fremdling ein, mit ihm zu frühstücken. Der Fremde ging mit dem Pachter. Wie beide den Hof betraten, schrien Hühner und Gänse und Enten wild durcheinander und flatterten auf und davon, und der Hofhund winselte, zog den Schwanz ein und kroch tief in seine Hütte. Die Frau des Pachters war in der Kirche, er ließ aber durch die Magd tüchtig aufschüsseln. Der Fremde neckte die Magd, dabei fiel unversehens sein Messer vom Tische, und wie die Dirne sich bückt, sieht sie des Fremden Füße, einen Geierfuß und einen Pferdefuß. Die Magd eilt zur Türe hinaus, stößt auf die Pachterin, die eben aus der Kirche kommt, teilt ihr mit, was sie gesehen, und die Frau sendet sie, eilend den Pastor, der gerade aus der Kirche komme, hereinzubitten. Dieser kommt im ganzen Summarium, wie man dortigen Landes sagt, im höchsten Ornat, die Bibel unterm Arme. Der Fremdling erschrickt, ruft aber dem Pastor frech entgegen: Guten Tag, Pfaffe! Hast du das Messer noch, das du als Bube mir, deinem Mitschüler, gestohlen? – Ganz verwirrt tritt der Geistliche zurück, und jener spricht: So sind sie! Andern wollen sie Buße predigen und sind doch selbst nicht rein. – Da fährt ein Geistlicher aus dem nahen Brudersdorf am Hause vorbei, die Frau ruft ihn herein, auch er tritt im ganzen Summarium, die Bibel unterm Arm, in die Stube. Da zittert und bebt der Fremde, diesem konnte er nichts vorwerfen, und jener bedräut ihn hart als den bösen Feind, den Unkrautsäemann, den brüllenden Löwen, und endlich öffnet er ein Fenster und ruft: Fahr aus, du unsauberer Geist, und gib Raum dem Heiligen Geist! Rasch fuhr unter Donnergeprassel der Böse aus dem Fenster, und aus den Kornspeichern da zog es wie Dampf und Nebel, Wolke auf Wolke, daß die Leute vermeinten, es brenne droben, aber es war nur der Kornwurm, der ausflog in zahllosen Millionen, drei Ernten auf einmal, die des Kornwucherers Geiz der Armut vorenthalten. So groß ist Gottes Macht und strafende Gerechtigkeit, daß er ein kleines Käferchen zur Rute macht, die den schändlichen Kornwucherer auf das empfindlichste züchtigt. Der Pachter war bis in sein Innerstes erschüttert, er ging in sich und wurde ein frommer Mann, verkaufte den Überfluß seines Getreides um gerechten Preis und hielt nicht wucherisch damit zurück, er hatte Sorge, es möchte ihm noch einmal von bannen fliegen. Heutiges Tages wird in Büchern geschrieben, der Kornwucher sei eine Fabel, ein Wahnglaube. Es heiße nicht Wucher, sondern Handel. – Wer es glaubt! *   220. Der heilige Damm An der Ostsee in der Nähe von Dobberan war ein Ort in großer Bedrängnis von der Flut, und die Einwohner sahen ihr gewisses Verderben vor Augen. Mit jedem Tage entführte die Flut ein Stück vom Lande, schon drohte den nächst am Ufer gelegenen Häusern der Untergang. Da wurden im ganzen Mecklenburger Lande Betstunden angeordnet, und das Flehen und Schreien eines ganzen Landes fand Gnade vor dem Herrn. Zum letzten Male hatten sich mit Furcht und Zagen die Bewohner zum Schlummer niedergelegt, und viele fanden ihn nicht, denn die See rauschte gewaltig und ging hohl, und der Boden erzitterte, und es zuckten Blitze über die Meereswogen. Dann wurde es stiller, und der Mond trat hinter Wolken hervor, und da schauten manche vom Strande ängstlich hinaus, da lag etwas Großes, Dunkles im Wasser, und manche meinten, es sei der Kraken, der seinen inselgleichen Rücken aus der Flut hebe, und als der Tag kam, siehe, so verlief sich das Wasser mehr und mehr vom Strande, und vor den Blicken der erstaunten Bewohner lag eine hohe Düne wie ein Wall und fester Damm. Der war auf das Gebet des Landes in einer Nacht entstanden durch die göttliche Hülfe, und alles Volk lobte Gott, und sie nannten den Damm den heiligen Damm und konnten ihn nicht ohne Dank und Verehrung erblicken. *   221. Die Sieben in Rostock Die von alten Zeiten her berühmte Universitäts- und Münzstadt Rostock ward als merkwürdig von den Alten bezeichnet wegen der Siebenzahl. Die Stadt hatte sieben Tore, sieben Brücken, sieben sämtlich vom Markt ausgehende Hauptstraßen, sieben Türme und sieben Türen im Rathause, an der Marienkirche sieben Portale, an den Uhrwerken sieben Glocken und im Rosengarten, der aus alter Zeit berühmt ist, und dessen oben in der Sage von des Minnesängers Heinrich Frauenlobs Begängnis zu Mainz gedacht wurde, sieben uralte Linden. Man hat vor alters wohl manches Mal Rostock spottend nachgesagt, es habe zu diesen vielen Sieben auch nur sieben Studenten, und es ist sogar gedruckt worden, es lebe und sterbe mancher Rostocker, ohne nur einen Studenten gesehen zu haben. Den alten Namen aber hat Rostock von einem Rosenstock, es ward urbs rosarum , die Rosenstadt, genannt, und das steht wieder mit dem erwähnten Rosengarten in Verbindung. *   222. Sankt Nikolaus in Greifswald Zu Greifswalde hat in einer der Kirchen daselbst ein hölzern Bildnis des heiligen Nikolaus gestanden. In diese Kirche brach nächtlicherweile ein Dieb ein, wollte den Gotteskasten erbrechen und das darin befindliche Geld enttragen. Da erhob St. Nikolaus Bild drohend den Arm gegen den Dieb. Der aber war unerschrocken und sprach: Lieber Herr Sankt Nikolaus, ist das Geld im Kasten dein oder ist es mein? Weißt du was? Wir wollen darum laufen, wer zuerst an den Kasten kommt, dem soll das Geld sein. Und lief also stracklich durch das lange Schiff der Kirche dem Chore zu, aber siehe da, das Bild lief auch und stand am Kasten, als der Dieb hinzukam. Ei, Sankt Nikolaus! rief der Dieb, du könntest fürwahr beim Herzog oder Markgrafen Laufer werden, du hast gewonnen, aber was in aller Welt nützt dir das Geld? Wäre ich, wie du, von Holz und hätte nimmer Durst noch Hunger, wollt ich keines Geldes begehren! Darum habe ein Einsehen und ein Nachsehen und gönne mir das Geldlein. – Damit brach er den Gotteskasten auf, nahm kecklich das Geld und trug es von dannen. Aber bald darauf starb dieser Dieb und wurde ehrlich begraben, denn niemand wußte, daß er ein Kirchenräuber war. Da sind die Teufel aus der Hölle heraufgestiegen, haben seinen Leib aus dem Grabe geholt und ihn bei den beraubten Gotteskasten niedergeworfen, darauf aber ihn draußen vor der Stadt an die Flügel einer Windmühle gehenkt. Von diesem Augenblicke an drehten die Flügel dieser Windmühle sich links und liefen links herum, solange sie stand, zum Wahrzeichen des Unrechts und des Unrechten. *   223. Vineta Bei der Insel Usedom ist eine Stelle im Meere, eine halbe Meile von der Stadt gleichen Namens, da ist eine große, reiche und schöne Stadt versunken, die hieß Vineta. Sie war ihrer Zeit eine der größesten Städte Europas, der Mittelpunkt des Welthandels zwischen den germanischen Völkern des Südens und Westens und den slavischen Völkern des Ostens. Überaus großer Reichtum herrschte allda. Die Stadttore waren von Erz und reich an kunstvoller Bildnerei, alles gemeine Geschirr war von Silber, alles Tischgeräte von Gold. Endlich aber zerstörte bürgerliche Uneinigkeit und der Einwohner ungezügeltes Leben die Blüte der Stadt Vineta, welche an Pracht und Glanz und der Lage nach das Venedig des Norden war. Das Meer erhob sich, und die Stadt versank. Bei Meeresstille sehen die Schiffer tief unten im Grunde noch die Gassen, die Häuser eines Teiles der Stadt in schönster Ordnung, und der Rest Vinetas, der hier sich zeigt, ist immer noch so groß als die Stadt Lübeck. Die Sage geht, daß Vineta drei Monate, drei Wochen und drei Tage vor seinem Untergang gewafelt habe, da sei es als ein Luftgebilde erschienen mit allen Türmen und Palästen und Mauern, und kundige Alte haben die Einwohner gewarnt, die Stadt zu verlassen, denn wenn Städte, Schiffe oder Menschen wafeln und sich doppelt sehen lassen, so bedeute das vorspukend sichern Untergang oder das Ende voraus – jene Alten seien aber verlacht worden. An Sonntagen bei recht stiller See hört man noch über Vineta die Glocken aus der Meerestiefe heraufklingen mit einem trauervoll summenden Ton. *   224. Weh über Pommerland! Es war im Jahre 1624, da ward in Lüften eine seltsame Stimme gehört, die rief: Weh! weh über Pommerland. Weissagende Vögel erschienen, schneeweiß von Farbe, nicht größer wie Schwalben, und wurden von mehreren Leuten gesehen und gehört. So vernahm eines Leinewebers Frau auf dem Wege von Kolbetz nach Selov eine warnende Vogelstimme. Und das Weh über Pommerland hat nicht auf sich warten lassen, der bereits damals entbrannte Dreißigjährige Krieg brachte des Wehs genug und mehr als zuviel. Mit hunderttausend Mann zog Wallenstein nach Stralsund und schwur, er wolle und müsse diese Stadt und Festung gewinnen, und wenn sie mit Ketten an den Himmel geschlossen wäre. Und obschon er sie damals nicht gewann, so ward doch das Land ringsumher verderbt in Grund und Boden, und späterhin, im Jahre 1678, wurde Stralsund in einem andern Kriege innerhalb achtzehn Stunden durch Bomben entzündet, eingeäschert und erobert. *   225. Julin Da, wo heute Wollin, die Stadt am breiten Dievenowstrome, liegt, der das Große Haff mit der Ostsee verbindet, hat vorzeiten auch gar eine große, geld- und volkreiche Stadt gelegen, die hieß Julin. Sie hob sich absonderlich zur Blüte nach dem Untergange der Stadt Vineta, und aller Handel zog sich nach ihr. Julin führte Kriege auf eigne Hand mit dem Dänenkönige Suen Otto, der mächtig war, und dreimal machten die Krieger Julins diesen König zum Gefangenen. Das erstemal mußte er so viel Silber zu seiner Lösung geben, als er schwer war, das Geld gab die königliche Kammer her. Das zweitemal mußte der König so viel Silbers zur Lösung geben, als er in seiner schweren Rüstung wog. Da hatte die Kammer kein Geld mehr, und es mußten königliche Krongüter verkauft und verpfändet werden. Da sich aber der König Suen Otto zum drittenmal unterfing, gegen Julin zu streiten, und zum drittenmal Gefangener wurde, da verlangten die zu Julin eine schwerere Lösung, nämlich des Königs Schwere in Gold. Da war nun guter Rat teuer, denn die Kammer hatte kein Geld, und die Krongüter lagen in Pfandschaft. Da haben alle begüterten Frauen Dänemarks ihren reichen Goldschmuck zusammengetan, und er hat hingereicht, den König zu lösen, dafür zum Danke gab König Suen Otto ein Gesetz, daß jede Frau Erbrecht haben solle auf ein Dritteil des Nachlasses ihres Gatten ohne Gefährde, da früher ihnen nur gar ein geringer Teil vergönnt war. Als die Stadt Julin vom heidnischen Glauben zum christlichen Glauben übertrat, meldeten sich bei dem Bischof Otto auf einmal zweiundzwanzigtausend Einwohner zur Taufe an. Hernachmals aber ist das Volk von Julin wieder gottlos geworden, hat Christum verleugnet und ist in die heidnischen Greuel zurückgefallen, hat einen alten Götzen wieder hervorgesucht und ihm Feste gefeiert. Da hat Gott der Herr sich erzürnt und Feuer niederregnen lassen, wie auf Sodom und Gomorrha, und Julin von Grund aus verbrannt und nicht gelitten, daß sich durch neuen Bau die Stadt wieder erhole und aufrichte. Endlich kam auch noch im Jahre 1170 der Dänenkönig Waldemar durch die Dievenow mit einer großen Flotte, plünderte den Rest der Stadt und verbrannte, was von ihr wieder neu gebaut war, abermals. Da ward Julin verlassen, und seine Stätte blieb auf immer öde, und die wenigen Flüchtigen, die dem Verderben entrannen, erbauten die Stadt Wollin in der Nähe des alten Julin, die es nie zu hohem Flor hat bringen können. – Noch eine blühende Stadt, welche Julins Schicksal ein Jahrhundert früher teilte, war Jomsburg. Es war rund um einen schönen Binnensee gebaut, ganz nahe dem Jaminschen See, jener ist jetzt ein Sumpf und heißt die Müsse. *   226. Die Könige Widewuto und Bruteno Es waren in alten Heidenzeiten zwei Brüder im Lande Preußen, bevor es noch diesen Namen führte, die herrschten über den kimbrischen Volksstamm und waren auf Flößen an das Ostseegestade gefahren gekommen, hatten das Land eingenommen und sich mit ihrem Volke Wohnsitze gebaut. König Widewuto erfand den berauschenden Trank des Met zu bereiten, und Bruteno diente den Göttern als oberster Priester, und beide wurden hochbetaget. Da Bruteno einhundertundzweiunddreißig Jahre alt geworden, Widewuto aber einhundertundsechzehn Jahre, so versammelten sie all ihr Volk zu einem großen Opferfesttag und verteilten das Land. Widewutos ältester Sohn hieß Lithuo, der empfing, indem er den Göttern Gehorsam gelobte und Andacht, und indem er mit der einen Hand seines Vaters Haupt berührte und mit der andern die heilige Eiche, das Land vom Briko und Nyemo (Bug und Niemen), den beiden Flüssen, bis an den Wald Thamsoan, und dieses Land wurde dann nach ihm Litauen geheißen. Hierauf gelobte Widewutos zweiter Sohn, des Namens Samo, und empfing auf gleiche Weise das Land von Krono und Hailibo bis an das Wasser Skara, und das wurde hernachmals Samland genannt. Samo hatte ein Weib, die hieß Pregolla, die ist später in dem Flusse Skara ertrunken, und darauf hat dieser Fluß den Namen Pregel empfangen. Widewutos übrige Söhne, deren noch zehne waren, empfingen allzumal auch weites Land, darinnen ein jeder Raum hatte zu herrschen. Bruteno, der den Göttern als erster Priester diente, hatte keine Söhne, aber nach seinem Namen wurde Land und Volk genannt, Brutenien und Brutenen, aber die Massovier, der Brutenen Feinde, nannten sie Bruti – darüber entspann sich ein Krieg, und die Brutenen wollten sich nicht Bruti, das ist wilde Bestien, schimpfen lassen; darauf nahmen die Massovier Vernunft an und nannten die Brutener auch prudentes und praescii , das ist die Gescheiten, daraus ist der Name Pruski und Preußen geworden, und diesen Namen haben sie sich eher und besser gefallen lassen und ihn vor andern liebgewonnen und beibehalten. *   227. Romove Wo die heilige Eiche der alten Preußen stand, war eine große Stadt, und die hatte von ihren Erbauern, welche einen Heereszug gen Rom gemacht hatten, den Namen Roma nova erhalten, daraus ward in der Folge Romove. Die Eiche war sechs Ellen im Durchmesser, Sommer und Winter blieb sie grün, und durch ihr dichtes Gezweig und Laub fiel nicht Regen noch Schnee. Ringsum war durch acht Ellen hohe seidene Vorhänge ihres Stammes Anblick den Uneingeweihten entzogen. Drei Götter wurden unter dieser heiligen Eiche verehrt, das waren Perkunos, der Donnergott, Pikollos, der Todesgott, und Potrimpos, der Kriegsgott und der Ernten. Geopfert wurden diesen Göttern alle Christen, welche die heidnischen Preußen in ihre Gewalt bekamen. Außer dieser heiligen Eiche standen deren noch mehr im alten Preußenlande, alle vom Volke hochverehrt und beschirmt, so eine nahe bei Wehlau an der Straße von Königsberg nach Ragnit; eine andere stand am Flüßchen Bachnau, ohnweit dem Frischen Haff, eine dritte eine Stunde davon, wo die Stadt Thoren liegt, nach dem Meeresstrande zu. Die heiligen Eichen und selbst die Plätze, darauf sie gestanden, blieben noch lange lange Zeit beim Volke in hohen Ehren, als längst schon das Christentum ihm mit Feuer und Schwert gepredigt worden war. Als dies geschehen, wurde zu Romove eine Kirche und ein Kloster erbaut, es ist aber damit, wie mit der ganzen Stadt, zum Ende gediehen, und es ist kaum noch eine Spur mehr von Stadt, Kirche und Kloster vorhanden. *   228. König Widewuto opfert sich selbst Da König Widewuto oder Waidewut, wie er auch genannt wird, zu hohen Jahren gelangt war und die Lande an seine Söhne alle verteilt waren und er fühlte, daß er nicht mehr kühnlich gegen die Feinde stehen könne, da ließ er nahe der heiligen Eiche zu Romove einen Holzstoß schichten und Tieropfer darbringen, er selbst aber stand in allem Glanze seiner Königswürde, hielt eine Schale voll Met und goß diese einer schwarzen Kuh zwischen die übergoldeten Hörner und sprach vor dem Volke, das mit brennenden Fackeln den lohenden Scheiterhaufen umstand, ein Gebet zu seinen Göttern: Euch alle, ihr Götter der Erde und des Meeres, des Lichtes und der Finsternis, dich, Donnerer Perkunos, dich, Pikollos, Gott des Todes, und dich, Potrimpos, Gott der Schlachten, rufe ich an, daß euer Auge auf mich sich lenke und senke, auf mich, den König, der seinem Volke sich selbst zum Opfer darbringt, damit es siege und in Ruhm und Ehren fortbestehe für alle Zeiten! Und als der König diese Worte gesprochen, stürzte er sich mutvoll in die lodernde Flammenlohe, und das Volk warf seine Fackeln über ihn und erhob das Geschrei der Klage und den Gesang der Schlacht, und die Krieger schlugen dreimal auf ihre Schilde, daß sie dröhnten und von ihrem Schall die Luft erzitterte und die Wälder ihn widerhallten. *   229. Sankt Adalbert Der erste Christenpriester, der das Licht des Evangeliums nach dem alten Preußenlande trug, war der heilige Adalbert. Er kam aus Polen, wo er die Lehre Christi gepredigt, und verkündete das göttliche Wort im heutigen Kulmer Lande, dann in Pomesanien. Von da kam er nach Danzig und nach Samland. Aber an der Stätte in der Nähe des Bernsteinortes Fischhausen, wo am Strande der Ostsee noch die Ruinen von St. Adalberts Kapelle einsam trauern, überfielen die Heidenpriester den heiligen Mann und töteten ihn mit sieben Wunden. Als der Polenkönig Boleslaus Gorvin diese Tat erfuhr, wünschte er den Leichnam des heiligen Märtyrers, aber die Priester heischten für denselben so viel Goldes, als der Leichnam schwer sei. Da sendete der König vieles Gold, allein es wog den Körper noch nicht auf, bewegte noch nicht die Schale, darauf der Leichnam lag. Da warfen die Abgesandten des Königs noch ihr eignes Gold hinzu, vergebens. Weiter so kamen noch preußische Christen, die Adalbert getauft hatte, und gaben alle ihr Gold – aber alles vergebens. Da kam ein altes Weib, die sahe, daß die Leute Gold auf die Wagschale warfen, und wollte ihr Scherflein auch darbringen, sie hatte aber nur zwei Pfennige, die warf sie zu dem Golde, und siehe, alsogleich sank die Schale mit Gewalt, und der Leichnam stieg in die Höhe, und mußte wieder weggenommen werden alles hinzugelegte Gold, und als nichts mehr auf der Schale lag als die zwei Pfennige der Frau, da traten beide Schalen in das Gleichgewicht und ward so der heilige Leichnam aufgewogen. *   230. Heiligenbeil Als die Heidenpriester am preußischen Ostseestrande den heiligen Adalbert erschlagen hatten, vernahm das Anselmus, der Bischof von Ermeland, der machte sich auf und kam zu der großen heiligen Eiche, unter welcher ein Heidengötze verehrt ward, und die Waidewut, der König, mit seinem Bruder Bruteno, dem obersten Priester, selbst geheiligt hatte. Diese Eiche war nicht kleiner wie die zu Romove und blieb ebenfalls im Sommer und Winter gleich grün. Da nun der neue Apostel kam, so begann er an der Eiche zu predigen und befahl alsbald einem Christen, der ihn begleitete, mit der Axt Hand an den geheiligten Stamm zu legen. Allein der führte kaum den ersten Hieb in den Baum, so entfuhr die Axt dem Schaft, sprang zurück und jenem an den Kopf, daß er alsbald entseelt niedersank. Da erhoben die Heiden ein frohlockendes Jubelgeschrei. Aber der fromme Anselmus ließ sich nicht schrecken. Er nahm eine neue Axt und führte in den Baum Hieb auf Hieb, und es geschah kein weiteres Zeichen. Dann ließ er die Eiche samt dem Götzen niederbrennen, erbaute an jener Stätte eine Kirche, darin das Beil verehrt werden sollte, und es gründete und bildete sich um dieselbe eine Stadt, die nannte man Heiligenbeil. Das Beil ist wohl im Laufe der Zeiten abhanden gekommen, aber die Stadt führt den alten Namen fort und führt auch das Beil in ihrem Wappen. *   231. Das Bernsteinrecht Am Gestade des Frischen Haff war vorzeiten das edle Naturgeschenk des Bernsteins überaus reich. Aber der Menschen Habgier schmälert gar oft den Gottessegen. Sonst konnte den Bernstein, den die See an den Strand warf, auflesen, wer wollte, aber das ist schon lange her. Als der Marienorden in das Samland kam, eignete er sich den Alleinbesitz des Bernsteins zu, und Bruder Anselmus von Losenberg, der Vogt auf Samland, machte ein neues Recht und Gesetz, daß jeden Sammler, der nicht vom Orden Erlaubnis oder Auftrag habe, die Strafe des Stranges treffen solle. Das ging dem Volke schwer ein, daß es nicht aufheben sollte, was verstreut am Boden lag und keines Menschen Eigen war, insonderheit dem Volke der Fischer, bei dem es leichtlich geschehen konnte, daß eine Meereswelle ihnen ein Stück oder etliche in Boot und Nachen warf. Aber der Vogt hielt unerbittlich auf seinem Gesetz, und wer zur Anzeige kam und des geständig war, daß er Bernstein aufgehoben, ward gehenkt ohne Gnade am ersten besten Baum. Als aber Anselmus, der Vogt, gestorben war, hat es nicht gut um die Ruhe seiner Seele gestanden. Man hat seinen irren Geist in Sturmnächten, in denen die See den meisten Bernstein auswarf, am Strande wandeln sehen und ihn rufen hören: O mein Gott! Bernstein frei! Bernstein frei! – Und seit so viele Menschen um des Bernsteins willen eingekerkert, gequält und hingemordet worden sind, ist des Bernsteins viel, viel weniger geworden und wirft die See nicht den tausendsten Teil so viel mehr aus als sonst. Es war eine Zeit, da baute und bildete man aus Bernstein Altäre, Heiligenstatuen, große Prunkschreine und kostbare Gefäße, hoch und weit und voll köstlicher Zierat, das kann heutzutage nur noch selten gemacht werden, man bildet nur allerlei kleines Gerät und Tand daraus. Bisweilen sehen die beutesüchtigen Strandreiter und Wächter große herrliche Stücke in der Ufernähe schwimmen, wenn aber die Mannschaft mit den Gezeugen hinrudert und sie einfischen will – ist's ein Blendwerk und ein Schaum. *   232. Die Nixe von Nidden Der Ort Nidden am Kurischen Haff könnte auch Midden heißen, denn er liegt so recht mitten auf der Kurischen Nehrung, dieser längsten Landzunge weit und breit. Es ist nicht geheuerlich, dort abends einsam zu wandeln. Manchem ist es schon geschehen, daß er dort am glatten Spiegel des Kurischen Haffs wandelte, da sähe er nicht weit vom Uferrande ein grünes Eiland von nicht großem Umfange, von dem wehte Blumenduft zu ihm herüber und süßbetörender Gesang, und er sah wohl eine weiße Jungfrau auf dem Eiland, die winkend ihren Schleier wehen und ihre Stimme so wonnesam erschallen ließ wie die Lurlei am fernen Rheinstrom. Wenn nun ein Jüngling hingerissen von der Allgewalt dieses Gesanges, der in Worten das Glück pries, bei ihr auf ihrer glückseligen Insel zu weilen im trauten Alleinsein, und angelockt vom Zauber der Schönheit der ihm sehnsuchtvoll zuwinkenden Jungfrau, die immer näher kam, weil sie auf einer schwimmenden Insel stand, zu ihr hinüberzuschwimmen strebte, so floh die Insel wieder vor dem Schwimmer, daß er ihren Strand nimmer erreichen konnte und nimmer festen Boden gewinnen, und endlich sah er Jungfrau und Insel vor seinen Blicken versinken, und in dem Wellenstrudel, der dadurch entstand, ward auch er hinab zur Tiefe gerissen. Noch keiner von allen, die dieses treulose Glück versucht, ist wiedergekehrt, und nicht einmal einen Leichnam solcher hat die Meerfei der Tiefe zurückgegeben. *   233. Der Glomssack zu Memel Ein Glomssack ist ein Sack, darinnen die litauischen Glomskäse aufbewahrt werden, die nicht so klein sind wie die zu Suhls im preußischen Henneberg, welches wohl die kleinsten Käschen auf der Welt sind, daher Gamaschenknöpfe genannt, und sonderlich appetitlich und köstlich. Zu Memel aber hing das Abbild eines litauischen Käsesackes in Erz gegossen und zwei Zentner schwer an der äußeren Festungsbrücke und diente als Gewicht beim Auf- und Niederziehen. Einstmals ward Memel vom König Erich von Schweden hart belagert, wehrte sich auf das tapferste, zehrte aber auch so, und zuletzt war es mit dem Proviant Matthäi am letzten und Schmalhans sehr bedeutend Küchenmeister. Der ganze Vorratrest bestand in einem handlichen Glomskäse, und da dachten die Belagerten: Übergeben müssen wir uns doch, ob wir nun erst noch diesen Käse verspeisen oder nicht. Sie nahmen also den Käse und einen Glomssack, taten ihn hinein, luden ihn auf eine Blide und warfen ihn in das feindliche Lager, daß die Schweden dachten: Bomben und Granaten! Was kommt da für eine höllische Bombe? Wie es nun der große Käse war, so sagten die Schweden untereinander: Wo noch soviel zu essen ist, da können wir unsern Schwedentrunk nicht anbringen. Wenn diese Käsefresser es noch zum Wegwerfen haben, während bei uns im Lager Mangel einreißt, so tun wir besser, wir ziehen ab von Memel. So sprachen sie, ließen sich den Glomskäse schmecken und zogen ab. Die Memler aber zu dankbarer Erinnerung ließen einen Glomssack mit einem Glomskäse darin zum ewigen Andenken in Erz gießen und an derselben Stelle aufhängen, wo der wirkliche Käse hinausgeschleudert worden war. *   234. Der Schloßvogt Auf dem runden Schloßberge über Tilsit hart am Ufer der Memel hüteten Hirtenknaben aus dem Kämmereidorfe Altpreußen ihr Vieh und standen betrachtend an einer recht in der Mitte des Berges tief in die Erde hinabgehenden Öffnung, erzählten auch einander dies und das, welche Bewandtnis es mit diesem unergründlichen Loche habe: daß vor alten Zeiten hier oben ein Schloß gestanden voll unermeßlicher Schätze, dessen tiefen Graben und doppelte Wälle man noch erkenne; daß dieses Schloß in einer Nacht plötzlich versunken sei, und das Loch sei der bis zur Bergeshöhe heraufreichende Schornstein; bisweilen lasse sich der Schloßvogt sehen, ein altes graues Männchen mit schneeweißen Haaren. Und da wurden die Hirtenknaben sehr neugierig, wie tief diese Höhle sei, und ob sich nichts aus ihr erlangen lasse. Sie schleppten ein Seil herbei und banden den jüngsten ihrer Schar, so sehr er sich auch sträubte und schrie, daran und ließen ihn hinunter. Das Seil war zweimal so lang wie der Kirchturm der deutschen Kirche in Tilsit und hing immer noch straff, obgleich sie schon längst das Schreien ihres Gefährten nicht mehr hörten. Endlich ward es leicht und krümmte sich, jener hatte also den Grund erreicht. Sie riefen hinunter – alles blieb still; sie warteten lange und bange – endlich zogen sie das Seil herauf – es war leicht und – leer. Voll Angst liefen nun alle vom Berge, und am andern Morgen wagten sie sich nicht wieder zum Schloßberggipfel. Noch trieben sie unentschlüssig auf der Straße, siehe, da kam der Knabe, den sie gestern in den Berg hinabgelassen, ihnen munter entgegen. Seine Taschen und seine Mütze waren voll Gold, und er erzählte nun seinen Kameraden, die ihn neugierig umringten, was ihm geschehen war. Ich kam, erzählte er, in eine große Küche, darinnen funkelte es rings von prächtigem Geschirr und Geräte. Und da kam ein altes graues Männchen, das muß wohl der Schloßvogt gewesen sein, das grüßte mich freundlich und sagte: Das ist hübsch von dir, daß du mich auch einmal besuchst, habe nur nicht Bange, und band mich los vom Strick und führte mich durch das Schloß von einem Zimmer in das andere, da lag alles voll Gold und Schätze. Hernach wurde ich müde, da führte mich der Schloßvogt zu einem schönen Bette, darin schlief ich prächtig. Heute morgen kam das alte Männlein, als ich gerade ausgeschlafen hatte, an mein Bette, hieß mich aufstehen, füllte mir Mütze, Taschen und Hände voll Gold und sagte: Das sollst du vom Schloßvogt verehrt erhalten!, dann brachte er mich an ein enges Tor, schloß es auf und hieß mich hinausgehen. Wie ich draußen war, war ich im Tale, und wie ich mich umsah, war das Tor mitsamt dem Schloßvogt verschwunden. Die Hirtenknaben verwunderten sich über diese Erzählung sehr. Sie beneideten ihren Kameraden um sein vieles Geld, dazu sie ihm doch eigentlich wider seinen Willen verholfen, und meinten, einen kürzeren Weg als durch den Schornstein hinab in das Goldschloß und zu Geld zu gelangen gäbe es auf der Welt nicht. Sie eilten daher auf den Berg, so schnell sie konnten, losten, welcher von ihnen zuerst hinabgelassen werden solle, und den das Los traf, den ließen sie hinunter unter Bedingung der Teilung dessen, was er empfangen würde. Richtig kam das Ende des Seils wieder leer herauf, und am andern Morgen gingen sie erwartungsvoll dem Kameraden entgegen. Aber er kam nicht und soll noch heute wiederkommen. Seitdem hat es keinen wieder gelüstet, in die Tiefe hinabgelassen zu werden. *   235. Der Opferstein auf dem Rombinus Bei der Stadt Ragnit an der Memel, aber drüben jenseit des Flusses, erhebt sich ein bewaldeter und zerklüfteter Berg, der heißt Rombinus. Vorzeiten war auf ihm der alten Litauen berühmtestes und größtes Heiligtum, mit einem riesigen Steinaltar, auf welchem dem Gotte Potrimpos seine Opfer dargebracht wurden. Der Gott selbst sollte diesen Stein an jenen Ort gelegt haben und unter denselben eine goldene Schüssel und eine silberne Egge begraben, weil er der Gott der Fruchtbarkeit und der Ernte. Da war des Opferns auf dem Rombinus kein Ende, und die Sage ging schon damals, solange der Stein auf dem Berge liege, werde Litauen in Glückesblüte stehen, würde aber der Stein hinweggerückt, so werde der Berg selbst einstürzen und Unglück das Land heimsuchen, und diese Sage ging von einem Jahrhundert in das andere, als längst keine Opfer mehr auf dem Rombinus gebracht wurden. Da kam – im Jahre 1811 soll es geschehen sein – ein deutscher Müller nach dem Dörfchen Barten (Bardehnen) nordöstlich vom Rombinus, der wollte zwei neue Windmühlen anlegen und suchte in der Gegend umher nach festen Steinen. Da kam er auch auf den Rombinus, und der Opferstein dünkte ihm baß geeignet zu seinem Werke. Allein die Umwohner sagten ihm, diesen Stein dürfe er nicht wegnehmen, von dem hange das Glück des Landes ab. Der Müller sagte den Leuten, daß sie noch im heidnischen Aberglauben befangen seien, ging zum Landrat und ließ sich die Erlaubnis schriftlich geben, den Stein wegnehmen zu dürfen. Diese erhielt er, denn der Landrat wollte nicht minder aufgeklärt sein wie ein deutscher Windmüller. Aber siehe da, die Erlaubnis half erst recht nichts, denn es rührte kein Arbeiter ringsumher eine Hand, auch nicht um den reichsten Lohn, den der Müller bot. Jetzt mußte der Müller erst im Lande herumreisen, sich herzhafte und nicht abergläubische Leute zu suchen. Endlich fand er nach langer Mühe drei kecke Gesellen, die erboten sich, den Stein zu sprengen und vom Berge wegzuführen, es war aber keiner von ihnen aus der Nähe des Rombinus. Einer war aus Gumbinnen, der zweite aus Tilsit und der dritte aus Altpreußen bei Tilsit. Jetzt gingen die vier Männer zum Rombinus hinauf und begannen die Arbeit. Der Müller tat den ersten Schlag auf den Stein, da fuhren zwei Splitter davon, die schossen ihm in die Augen, daß er alsobald erblindete und blind blieb sein Lebelang; vielleicht, daß er noch am Leben ist. Der Geselle aus Tilsit krellte sich beim zweiten Schlag, den er tat, den Arm so stark, daß ihm die Markröhre zersprang und er einen dritten Schlag nicht tun konnte. Aber den beiden andern Gesellen geschahe nichts, sie ließen sich auch nicht warnen, überwältigten den Stein und schafften ihn vom Berge herab. Als aber der Gumbinner Geselle nach getaner Arbeit wieder in seine Heimat wanderte, hat er diese nimmer erreicht und ist elendiglich am Wege hinter einem Zaun verstorben. Die goldene Schüssel und die silberne Egge, von der die Sage ging, hat keiner gefunden. Seit der Stein hinweg war, begann der Memelstrom am Berge zu arbeiten und zu nagen und ihn zu unterhöhlen, und im Jahre 1835, im September, geschahe nachts ein donnerähnliches Krachen und war ein großes Stück des Rombinus eingestürzt, und viele fürchteten, es werde noch mehr einstürzen und die alte Unglücksprophezeiung sich erfüllen. *   236. Die fliegenden Toten In der Stadt Ragnit sind zwei Kirchhöfe, einer für die deutsche, einer für die litauische Gemeinde, einer östlich, der andere südwestlich von der Stadt, doch liegen sie so, daß zwischen ihnen weder Haus noch Hecke, weder Baum noch Zaun noch Mauer steht. Und da begibt es sich besonders in Sturmnächten, daß die Toten beider Gemeinden, die einander im Leben gut kannten, sich gegenseitig besuchen und durch die Nacht zu Hunderten, ja zu Tausenden von einem Kirchhofe zum andern fliegen, gar nicht hoch über der Erde und in gerader Linie. Nicht jeder ist imstande, sie zu sehen, aber die in der Mitternachtstunde eines Sonntags Geborenen, die sehen den grauenhaften Totenflug. Und dem kann nichts widerstehen. Ein Fremder zog nach Ragnit, baute sich dort an mit einem hübschen und festen Haus am südlichen Stadtende, aber die erste Sturmnacht warf es über den Haufen, während einige alte, schon halb verfallene Häuser, die aber seitwärts standen, unversehrt blieben. Der Fremde ließ das Haus wieder aufrichten, und es ereignete sich ganz das nämliche. Da sagte ihm ein Mann, der in der Mitternachtstunde vom Sonnabend auf den Sonntag geboren war, daß sein Haus in der Linie des Weges der fliegenden Toten stehe, und zeigte ihm eine Scheuer in der gleichen Richtung, von der nur eine Dachspitze in diese Linie hineinragte, die stets und stets, sooft sie erneut worden, wieder abgerissen worden sei. Darauf rückte der Fremde sein Haus zur Seite und den fliegenden Toten aus dem Wege, und da steht es heute noch, ohne jemals wieder Schaden genommen zu haben. *   237. Die weiße Jungfrau der Bayerburg Als Herzog Heinrich von Bayern im Jahre 1337 dem Deutschen Orden mit starker Heeresmacht zu Hülfe zog, erbaute er eine Schutz- und Trutzburg dem alten Ordenshause Christmemel am Memelstrome gegenüber, die war gar groß und fest und wurde die Bayerburg genannt. Die sollte die ganze Gegend schirmen gegen das heidnische Litauen, und eine große Stadt mit dem Sitz eines Erzbischofs sollte sich um sie her begründen. Allein dem ward nicht also. Der Ordenshochmeister setzte einen Komtur in die Bayerburg und vierzig Ritter, die sollten sie behaupten und ein gottseliges Leben in der Burg führen. Solches führten sie aber mitnichten, sondern ein Leben voll Lust und Schlemmens, mit Trunk, Spiel und Buhlerei. Einstmals brachten sie eine edle christliche Jungfrau in ihre Gewalt, die sie zu ihren Sünden zu nötigen versuchten, allein die Jungfrau willigte nimmer ein und rief in ihrer Not den Herrn an, ihren Leiden und der Ritter Greuel ein Ende zu machen. Und da tat sich die Erde auf und verschlang die Burg, die Ritter und die Jungfrau. Ihr aber ward ob ihrer Reinheit willen vergönnt, als Schutzgeist der Gegend bisweilen sichtbarlich zu erscheinen. Sie warnt die Leute vor Bösem und erzeigt ihnen Gutes. Wo die Burg gestanden hatte, gähnte ein tiefer Schlund und Abgrund hinab, in diesen stürzte vor langer Zeit ein Kind, und die Eltern jammerten ratlos droben am Rande des Abgrundes, denn niemand traute sich hinabzusteigen. Da entstieg dem Abgrunde die weiße Jungfrau und hielt in ihren Armen das unversehrte Kind, gab es zurück und verschwand. So ist sie vielen hülfreich gewesen. Auch die Schätze der versunkenen Burg, die sie bewacht, würde sie gern verteilen, aber ein schwarzer Teufel wohnt mit ihr zugleich in der Tiefe, der wehrt es ihr. Einst wird die weiße Jungfrau den schwarzen Teufel überwinden und alle ihre Schätze im Lande austeilen. *   238. Schlacht im Nebel In den endlosen Kriegen des Deutschen Ordens gegen das litauische Heidenvolk geschah es im Jahre 1394, daß das Ordensheer bis zur Landeshauptstadt Wilna vorgedrungen war und diese Stadt belagerte. Den Belagerern die Zufuhr abzuschneiden, führte Großfürst Witoudt ein starkes Heer heran und schlug Lager. Die Zufuhr aber zu schützen, entsandte der Meister vier Banner, jedes von hundert Mannen, die stießen bei Redemynne auf die litauer Fürsten Witoudt und Karjebut von Sewerien mit ihrem großen Heer, doch lag noch ein Fließ oder Bruch zwischen den Ordenskriegern und den Litauern; um diesen zogen erstere, und da gewahrten sie, daß des Feindes Heer also groß war, daß zehn Feinde auf einen Christenreiter kamen. Dennoch wagten sie mutig den Angriff, und da ließ Gott aus dem Bruch einen dichten Nebel aufsteigen, daß die Litauer ihrer Gegner Kleinzahl nicht wahrnahmen, sondern meinten, der Hochmeister mit dem ganzen Ordensheer stehe gegen sie, und da die Kreuzritter so tapfer und heftig angriffen, so hielten die Litauer nicht stand, sondern flohen von allen Seiten nach allen Seiten. Und solange der Kampf währte, in welchem gar viele Heiden erschlagen wurden, vermochte kein Wind den Nebel zu zerteilen. *   239. Der König im Berge Auf einer Höhe bei Lauenburg in Kassuben hatte sich im Jahre 1596 eine ungeheure Kluft aufgetan. Deren Tiefe, und wie sie innen beschaffen sei, hätte der Rat gern erfahren; nun waren allda zu Lauenburg zwei Gefangene, das waren zum Tode verurteilte Missetäter, denen bot der Rat Leben und Freiheit, wenn sie es wagen wollten, hinab in die Tiefe zu steigen und Kunde heraufzubringen von dem, was sie drunten gesehen. Diese Missetäter fuhren hinab, tief, unendlich tief, und als sie endlich drunten im Berge ankamen, da erblickten sie einen großen und schönen Garten, und in dem Garten stand ein Baum mit lieblicher weißer Blüte. Und unter dem Baume stand ein Kind, das winkte den Männern und führte sie über einen weiten Plan zu einem Schloß. Daraus klang vernehmlich mancherlei Saitenspiel und liebliches Getöne, und wie das Kind den Männern die Pforte öffnete, sahen sie drinnen im Saal einen König auf silbernem Stuhle sitzen, der hielt in der einen Hand einen goldenen Szepter und in der andern Hand einen Brief. Diesen Brief gab der König in des Kindes Hand, und das Kind gab ihn den Missetätern. Die brachten ihn herauf, und dann ward ihnen ewiges Schweigen auferlegt, und sie wurden freigelassen, und niemals hat jemand erfahren, was in dem Briefe gestanden hat. *   240. Danzig Vom Ursprünge des Namens der Stadt Danzig gehen vielerlei Sagen, von denen manche sehr haltlos und offenbar später erst gemacht sind. Vom Tanz, den man früher Danz schrieb, kommt vielleicht der Name, vielleicht auch nicht. Ein Dorf des Namens Hochzeit liegt nahe bei Danzig, warum sollte der Tanz von Hochzeit fern sein? Es wird aber erzählt, daß im Dorfe Wiek am Ostseestrande ein vornehmer Däne hauste, der war ein großer Seeräuber, machte seinen Namen furchtbar und barg in Wiek seine Raubschätze; da gaben die Umwohner dem Orte den Namen Danske-Wiek, des Dänen Wiek, und daraus wurde durch der Zeiten und der Sprache Wandlung Danswieg, Danzig. Ob nun dieser Däne des umliegenden Landes Herr geworden oder ein von der Sage genannter Hagel, der auf dem nahen Hagelsberge saß und tyrannisch herrschte, bleibt ungewiß. Zu dem Gebietiger des Landes aber kamen die Einwohner des Ortes Wiek und trugen ihm das Anliegen vor, eine Stadt zu erbauen, er sollte ihnen nur so viel Raum und Boden vergönnen, als sie mit ihren Armen umfangen könnten. Andere nennen als solchen Grundherrn den ersten Herzog von Pommerellen, Sobislaus, der habe, da er vom König Woldemar von Dänemark mit Krieg überzogen worden, noch keinen festen Platz im Lande und daher selbst den Wunsch gehabt, einen solchen zu gründen. Daher habe er sich gegen die Wieker erboten, ihnen den Grund und das Holz zu solchem Aufbau zu schenken, und die Bewohner haben nun gebeten, ihnen so viel Boden einzuräumen, als sie mit ihren Armen umspannen würden. Und als dieses bewilligt war, da kamen auf den bestimmten Tag alle Bewohner des Ortes zusammen, jedes Geschlechtes und Alters, was nur gehen konnte, und faßten sich an den Händen und umschritten einen mächtigen Platz und kreisten so viel Raum ein, als hernach die Altstadt Danzig bedeckt hat. Das war die erste und auch die größte große Runde, die jemals getanzt worden ist, und von da an mag wohl der Rundtanz aufgekommen sein. *   241. Marienkirche zu Danzig Die Danziger Marienkirche (Ober-Pfarrkirche) enthält viel Wunderbarliches, davon weit und breit erzählt wird. Über St. Hedwigs Kapelle, andere sagen vor der Kapelle der elftausend Jungfrauen, ist ein Schnitzbild des gekreuzigten Heilandes von unübertrefflicher Schönheit und grausenhafter Wahrheit. Der Künstler, der dieses Bild fertigte, hatte, wie die Sage geht, sich einen schönen Jüngling gewonnen und ihn an sich gelockt mit mancherlei Verheißung, darunter auch die, ihm seine Tochter, die der Jüngling liebte, zur Frau zu geben, habe ihn aber, um ein wahrheit- und lebendigtreues Vorbild für sein Kunstwerk zu haben, erst betäubt und dann an ein Kreuz geschlagen, sein Sterben beobachtet und dann sein Gebilde vollendet. Da nun aber über den Tod des Geliebten auch der Tochter Herz brach, erfaßte die Reue den Künstler, und er endete sein Leben durch Selbstmord. Ein Tabernakelschrein umschließt in derselben Kirche ein wundersam liebliches Tonbild der heiligen Jungfrau. Der Künstler, der dasselbe fertigte, tat dies im Gefängnis, wo er auf den Tod saß. Als er sein Bild vollendet hatte, sandte er es dem Rate der Stadt als ein Andenken für die Marienkirche. Wer das Bild sahe, wurde von seiner Schönheit und dem jungfräulichen Liebreiz ergriffen, den es zeigte. Da meinten die Väter der Stadt, und alles Volk meinte das gleiche, dieser Künstler sei ein Mann, den ein frommer und hoher Geist beseele, und dem sein Vergehen müsse verziehen werden. Solches ist denn auch geschehen, und der Künstler hat nachher noch lange in Ehren gelebt. Wie im Münster zu Straßburg, so auch in der Pfarrkirche zu Danzig war ein treffliches Uhrwerk, das hatte ein Meister aus Nürnberg gefertigt, der hieß Hans Düringer. Zwei große Scheiben zeigten Sonnen-, Planeten- und Mondeslauf, des Tierkreises Bilder und die heiligen Feste und Zeiten. Wandelnd traten, in sinnreichen Bildnissen ausgedrückt, die Evangelien von Sonntag zu Sonntag vor die Augen der Frommen. Die zwölf Apostel schritten im Kreise hervor, die Tagesstunden bezeichnend; über ihnen schlugen Adam und Eva auf Glocken, die Stunden und Viertelstunden anzuzeigen, und auch die Jahreszeiten waren künstlich vorgestellt. Herrlich war das Werk im Gange und die Bewunderung aller Welt. Da geschah, was auch in Straßburg sich begab. Der Neid erwachte, der Künstler sollte kein zweites Werk solcher Art vollbringen – er ward geblendet – gab vor, im Uhrwerk noch etwas nachsehen zu müssen, ward hineingeführt, hemmte durch einen einzigen Griff für immer des Werkes Gang und stürzte sich vom Turme herunter. Der Marienkirche höchster Stolz und höchster Schmuck ist ein Gemälde des Jüngsten Gerichts, vollendet von den Künstlerhänden der berühmten Maler Johann van Eyck und seines Bruders Georg. Dieses herrliche Bild hatte der Papst für Rom bestellt, aber der Himmel bestellte es für Danzig. Ein Seeräuber erbeutete das Schiff, auf dem es nach der Heiligen Stadt befördert werden sollte, aber ein Danziger Schifffahrer, der mit dem Seeräuberschiff in Kampf kam und es eroberte, gewann es für sich und schenkte es seiner Vaterstadt. Andere sagen, jenes holländische Schiff sei gescheitert und das Bild samt seiner Kiste fern im Meere schwimmend von einem Danziger Schiffer aufgefunden worden. Der König von Frankreich habe vergebens eine Tonne Goldes für das Bild geboten. Auch versteinertes Brot wird in der Marienkirche zu Danzig gezeigt, und geht davon mehr als eine Sage. Einmal habe zur Zeit großer Hungersnot ein Mönch ein Brot in der Kutte getragen, und ein hungernd Weib habe ihn für ihr verschmachtendes Kind um ein Brosamlein angefleht, er aber habe gesagt, er trage kein Brot, er trage nur einen Stein, und da sei über den Notschrei der Frau das Brot alsbald zu Stein geworden. Aber es wird auch gesprochen, daß eine reiche Danziger Frau in der Zeit derselben Hungersnot ihr schönes und sehr geliebtes kleines Kind, da es sich verunreinigt hatte, weil Tuch und Schwamm ihr nicht sanft und weich genug für des Kindes zarte Haut gewesen, mit Semmelkrumen abgeputzt habe, da wäre ihr unter der Hand die Krume zu einem rauhen Steine geworden, der des Kindes Haut blutrünstig gerissen, daß es an der nimmer heilenden Wunde gestorben, worüber die Mutter in Wahnsinn verfallen. Ganz ähnlich wie die von dem Brotstein des Danziger Mönchs lautet auch eine Sage vom Brotstein im Kloster Oliva (berühmt durch den Friedensschluß 1660) nahe bei Danzig, allwo der Brotstein noch hängt und außer der einen noch manche andere Sagen von ihm erzählt werden. Er soll sogar noch wie Brot riechen. *   242. Der Spring in Heiligenbrunn Ein reicher Kaufmann zu Danzig hatte eine schöne Tochter, und diese traf das Unglück, daß sie nach einer schweren Krankheit erblindete, und keine Kunst der Ärzte vermochte ihr das verlorene Augenlicht wiederzugeben. Das hatte schon ein Jahr gedauert, als die Jungfrau mit ihren Eltern sich auf dem Johannesberg erging, und da sie bekümmert und erschöpft war und über ihr Unglück weinte, so wurde ihr aus einer nahen Quelle Wasser gereicht, die schmerzenden Augen zu netzen und die Glut zu kühlen. Aber siehe, wie sie sich mit dem Wasser benetzt hatte, wurden unversehens ihre Augen aufgetan, und sie ward wieder sehend. Da dankten Vater, Mutter und Tochter dem himmlischen Helfer im heißen Gebet und rühmten allüberall der Quelle Wunderheilkraft, und das Land ward ihres Rufes voll; viele Blinde wurden sehend, und die Quelle wurde heilig gehalten und der Ort, der sich um sie her anbaute, Heiligenbrunn genannt. Da kam ein Spötter und Wunderleugner nach Heiligenbrunn, der ritt auf einem alten blinden Gaul und rief: Ist euer Wasser so wunderwirkend, so muß es auch dem Vieh gedeihen. Wenn es meine Mähre sehend macht, will ich's glauben. – Und ritt das blinde Pferd nach der Heilquelle und ließ es aus ihr trinken. Und senkte das Tier seinen ganzen Kopf in den Born, und da es diesen aus dem Wasser zog, sahe der Ritter, daß es sehend geworden, weiter aber sahe er hernach nichts mehr, denn über seine Augen lagerte sich die Nacht der Blindheit. Aber von derselben Stunde an verlor das Wasser seine Heilkraft, wie an andern wunderwirkenden Quellen bei deren frevler Entheiligung auch geschehen. *   243. Hela Von Danzig und der Weichselmündung gerade nordwärts liegt auf der äußersten Spitze der Landzunge, die das Putziger Wiek von der Ostsee scheidet, ein kleines Städtchen, das führt den Namen Hela. Selbiges ist ein trauriger und düsterer Name, denn Hela hieß die Todesgöttin in dem skandinavischen Mythus, ein Begriff der Erstarrung, der Kälte und des Reiches unter der Erde, und es wollen manche, daß von diesem Namen sogar das deutsche Wort Hölle abstamme. Aber da, wo jetzt Hela liegt, und insonderheit einige tausend Schritte hin am äußersten Oststrande, war vorzeiten keine Hölle, sondern eitel irdischer Glanz und Helle, aber das ist freilich schon viele hundert Jahre her, da stand dort eine reiche, große und prächtige Stadt, belebt vom Handel und Wandel, besucht von allen Völkern des Morgen- und Abendlandes, gleich Stavoren und Vineta und Julin; aber wie es in diesen blühenden Städten ging, also ging es auch in Hela, der wachsende Reichtum machte die Menschen gottvergessen. Aber es steht geschrieben: Wer sich auf seinen Reichtum verlässet, der wird untergehen – und Hela ist untergegangen mitten in seinen Sünden. Es soll dieser Untergang durch die brausende Meeresflut in einer Nacht vom ersten zum zweiten Pfingsttage geschehen sein, weil es dahin gediehen war, daß der Handels- und Betriebsgeist keines Sonn- und Feiertags mehr achtete und Werkeltage aus ihnen machte, wohin auch die Neuzeit wieder steuert, die dem armen arbeitenden Volke seinen Sonntag nimmt – und nur an diesem hohen Festtage kann zuzeiten bei ruhiger See das meerverschlungene Hela erblickt werden. Und da sieht man in den reichen Straßen die Bewohner geschäftig wandeln in ihrer Prunktracht und Verkehr treiben und kann die Uhren schlagen hören und die Glocken läuten, aber in die Kirchen sieht man niemand gehen, weil das die Leute verlernt hatten über dem Jagen nach dem Mammon. Wenn der erste Pfingsttag still war und den Hinabblick nach Hela vergönnte, erhebt mit Sonnenuntergang sich der Nordostwind und wühlt das Meer auf, als solle sich der alte Pfingststurm erneuen, und als wolle er gar die ganze Landzunge verschlingen. Da eilen Schiffer und Fischer, Fahrzeuge und Nachen zu bergen und den sichern Strand zu gewinnen, denn furchtbar toben an diesem nordöstlichen Strande der Ostsee empörte Wogen. *   244. Werwölfe, Vampire und Unterirdische Viel weiß des Volkes Glaube und Aberglaube an den Ostseeküsten und dann weit hinab und hinauf in West- und Ostpreußen, in Litauen und bis nach Polen hinein, ja bis Serbien, Bosnien und in die Türkei von dämonischen Wesen zu erzählen, und ließen sich davon allein Bücher füllen. Der Werwolf oder Wärwolf ist gedacht als ein Mensch, der durch Zaubermittel sich zur Nachtzeit in ein reißendes Tier, insgemein in einen Wolf, verwandelt und Menschen und Vieh anfällt, um ihnen das Blut warm aus dem Herzen zu saugen. Was der Werwolf so im Freien und an Wachenden übt, das tut der Vampir in den Gemächern an den Schlafenden. Der Werwolf wandelt noch unter den Lebenden, der Vampir ist ein Abgeschiedener, der seinem Grabe entsteigt und die Menschen würgt. Das ist beider Gemeinsames und Besonderes, aber die Verwandtschaft ist noch enger begründet. Stirbt der Werwolf und wird begraben, dann wird auch er Vampir und kehrt mordend aus dem Grabe wieder mit nie gestilltem Durst nach dem Blute der Lebendigen. Vampire werden aber auch solche Tote, welche von ihrem Grabeskleid irgendeinen Zipfel oder das Endchen eines Schleiers oder Bandes mit dem Munde erlangen; daran schmatzen sie, und solange sie schmatzen, so lange haben und üben sie des Grabentsteigens und des Blutsaugens dämonische Gewalt. Dabei machen sie den Anfang mit den nächsten Verwandten, dadurch sind schon ganze Familien und Dörfer ausgestorben. Ein Jäger aus Danzig beging abends sein Revier und sah sich plötzlich von einem ungewöhnlich großen Wolf angefallen, da er aber nicht unvorbereitet war, so schoß er, und seine Kugel zerschlug dem Wolf den rechten Vorderfuß. Mit lautem Geheul ergriff der Wolf hinkend die Flucht. Der Jäger folgte der Spur des Blutes, nachdem er von neuem seine Büchse geladen, denn er wollte sich in Besitz des schönen Wolfspelzes setzen. Die Spur leitete ihn zu einer Hütte im Walde und in diese hinein. Da fand er eine Frau und einen Mann, und die Frau verband des Mannes rechte Hand, die von einer Kugel zerschmettert war. Der Jäger zeigte die Sache an, der Mann ward eingezogen, bekannte, daß er ein Werwolf sei, und wurde lebendig verbrannt. Im Dorfe Grabau (manche schreiben Crakau) nahe bei Danzig, nach der Küste zu, begann einmal vor noch nicht allzu langer Zeit ein allgemeines Sterben, und besonders wurden Jungfrauen in der Blüte ihres Lebens hingerafft, und jede so schnell Gestorbene hatte am Herzen ein kleines Wundenmal. Da fielen endlich die Dorfältesten auf den Gedanken, es möge wohl ein Vampir auf ihrem Kirchhof liegen, und ließen viele Gräber und Särge öffnen, und da fand sich auch ein Leichnam, der war nicht verweset gleich den andern, sondern Nägel und Barthaar waren ihm gewachsen, und an seinen Lippen zeigte sich die Spur frischen Blutes. Alsbald wurde das bekannte, bis nach Serbien hinein und dort sehr häufig angewandte Mittel ebenfalls angewandt. Das Haupt des Toten wurde mittelst eines Grabscheites vom Körper abgestoßen und durch das Herz ein Pfahl von Dornholz geschlagen und alles zu Asche verbrannt. Da hörte das Sterben auf. Vor Herzog Albert in Preußen wurde einstens von den Bauern ein Gefangener gebracht und beschuldigt, derselbe sei ein Werwolf; da befahl der Herzog, ihn genau zu beobachten, ob und wie er sich in einen Wolf verwandle. Und der Gefangene gestand ohne Zwang, er werde alljährlich um das Johannisfest und um Weihnachten ganz wild, es wüchsen ihm unter großen Schmerzen Wolfshaare, und er bekomme einen heftigen und unbändigen Trieb, Menschen und Tiere zu zerfleischen, daher mochte er wohl den Bauern einige Enten und Gänse, vielleicht auch Schafe zerrissen haben. Eine Verwandlung des Gefangenen aber in eine Wolfsgestalt erfolgte nicht. In Livland wissen die Leute zu erzählen, daß, wenn die Christnacht vorüber ist, ein hinkender Junge durch die Orte gehe und die Bösen zusammenrufe wie der Hirte seine Herde, und ein anderer langer Mann haue die Säumigen, die nicht folgen wollen, grausam mit einer Draht- und Stachelgeißel und treibe sie mit Zwang von hinnen. Dann, indem sie diesem Hirten folgen, nehmen sie Wolfsgestalt an und fallen in die Herden, wo sie deren finden, aber Menschen dürfen sie nicht verletzen. Fließende Wasser teilt der Führer des Werwolfheeres mit seiner Rute oder Geißel, daß sie trocknen Fußes hindurchgehn. Solcher Spuk dauert nur, solange die zwölf Nächte währen, vom ersten Christtag bis zum heiligen Dreikönigstage oder großen Neujahr, dann legen jene schrecklichen Ungetüme ihre Werwolfsgestalt ab und werden wieder in Menschen verwandelt. Der Blutspur nach gehen auch gern nach dem Volksglauben in der Gegend um Danzig die Unnereerdschkens (Unterirdische) und weilen am liebsten da, wo Menschenblut vergossen wurde. Auf einem Dorfe bei Danzig hatte sich ein Knecht im Stalle erschossen, und alsbald schlugen in diesem Stalle die Unterirdischen ihre Wohnung auf, quälten und vertrieben das Gesinde und wichen nicht eher, bis der Stall abbrannte. Die Natur dieser Erdgeister wird von den Bewohnern nicht wie anderwärts als aus Güte und Tücke gemischt geschildert, sondern durchweg boshaft, schadenfroh und menschenfeindlich, ganz der Nachtseite der slawischen Dämonenwelt angehörend. Auch sie bringen Wechselbälge in die Wochenstuben und legen diese an die Stelle schöner Kinder. Einst ging ein Schäfer, der ein geübter Geigenspieler war, zur Nacht nach Hause, da begegnete ihm ein kleines, ganz gelb gekleidetes Männchen und fragte ihn, ob er mitkommen, aufspielen und Geld verdienen wolle. Dem Schäfer war nichts lieber, und ließ sich willig leiten. In einem hellen Saal traf er Hunderte von Zwergenmännlein und Fräulein an, alle waren gelb gekleidet; sie reihten sich zum Ball, und der Schäfer spielte trotz dem Musikanten auf dem Pervisch zu Aachen, bis er fast nicht mehr konnte. Hierauf wurden ihm die Taschen mit Geld gefüllt und ihm gesagt, er möge nichts davon anrühren, bis er zu Hause sei. Dann ward er hinweggeführt, und es war ihm, als lege er sich daheim nieder, sehr ermüdet. Als er erwachte, lag er auf seinem Kartoffelacker unter einem Baume und die Geige neben ihm, die Sonne aber stand schon hoch am Himmel. Wie ein Traum dünkte alles dem Geiger, doch gedachte er des empfangenen reichen Lohnes und griff in seine Tasche. Die waren voll Schuppen der Tannenzapfen. Verruchter Dreck! murmelte der Schäfer und leerte ärgerlich seine Taschen aus. Als er heimkam und die Jacke auszog, klingelte etwas in der einen Tasche, und wie er hineinfühlte, zog er einige uralte Mariengroschen heraus. Die waren noch hängengeblieben am Futter. Als ob der Kopf ihm brenne, eilte der Mann wieder hinaus zu seiner luftigen Schlafstelle – er fand nichts mehr, wohl aber war ihm, als höre er hoch auf des Baumes Zweigen und unter dem dichten Kartoffelkraut ein schadenfrohes Gekicher. *   245. Der blaue Ärmel In der Rudauschen Schlacht ging es hart her und brachte der Feind die deutschen Ordensritter schier zum Weichen. Der Fahnenträger fiel und mit ihm das Banner, aber da trat ein tapferer Gesell hinzu, ergriff das Banner und schwang es freudig. Das war ein Schustergeselle, genannt Hans von Sagan, und war der Sohn eines Bürgers im Kneiphof, jenem Teil der alten Stadt Königsberg, den der Hochmeister Winrich von Kniprode erbaut. Da sammelten sich die schon Fliehenden und die Zerstreuten allzumal wieder um das frisch aufgerichtete Banner, stritten mannlich gegen den Feind, gewannen die Schlacht und behaupteten das Feld. Hans von Sagan aber, der Kneiphofer, trug einen blauen Ärmel. Als die Schlacht völlig gewonnen war, gebot der Hochmeister, der wohl fühlte, wieviel der Orden dem tapfern und mutigen Gesellen danke, daß Hans sich eine Gnade vom Orden ausbitten möge. Da bat Hans, den Kneiphöfern alljährlich am Himmelfahrtstage ein Gastmahl zu geben auf des Ordens Kosten. Dieses wurde ihm gewährt, und hat hernach solches Bankett den Namen das Schmeckbier empfangen. Aber der Hochmeister tat noch mehr, er verlieh dem Kneiphof einen blauen Arm ins Wappen, dessen Hand eine Krone hält zum Andenken, daß Hans von Sagan dem Orden gleichsam die Krone und Herrschaft in jener bedrohlichen Schlacht gehalten habe. *   246. Die zwölf Johannes In Königsberg waren ihrer Zwölfe, die hießen allesamt Johannes, und hatten die gemeine Rede vernommen, daß einem, der Johannes heiße, der Teufel nichts anhaben könne, der täuschte sie mächtiglich. Denn da sich nun diese zwölf Gesellen zusammengetan, den Teufel zu berufen, ihm ihre Armut zu klagen und sich von ihm reich machen zu lassen, so gingen sie alle zusammen hinaus auf den Glappenberg, der jetzt der Rollberg heißt, zogen einen Kreis, stellten sich hinein und begannen den Teufel zu beschwören. Sie wünschten sich vornehmlich jeder einen Schilling, der stets Geld heckte, und war ihr Glaube, der Teufel bringe dreizehn Schillinge solchen Beschwörern dargetragen; einer davon gehöre ihm, und wer nun durch Los oder Unglück den Teufelsschilling empfange, dessen Seele verfalle beim Tode dem Teufel, die andern Eilfe aber gingen frei aus. Da nun aber, so rechneten die Beschwörer, der Teufel ihrer keinem etwas anhaben könne, weil sie alle Johannes hießen, so sei keine Gefahr dabei, der Teufel müsse die Schillinge doch bringen und den Unglücksschilling für sich behalten, mit der Erlaubnis, sich selbst zu holen, wenn es ihm beliebe. – Es kam aber ganz anders. Der Teufel war nicht in freigebiger, brutpfennigspendender Laune. Er erschien, und zwar in mancherlei Weise, führte lange Gespräche mit seinen Beschwörern, und diese in allerhand Sprachen, und verwirrte ihre Sinne so ganz und gar, daß vier von ihnen niederstürzten und ihren Geist aufgaben, vier andere wurden ganz irrsinnig, und viere rannten von dannen und gelobten zur Buße ihrer Freveltat eine Wallfahrt nach St. Jakob in Compostell. Das ist geschehen zu Königsberg unter der Regierung des Hochmeisters Hans von Tieffen, und wäre wohl nicht geschehen, wenn diesen zwölf Johannessen die alte thüringische Sage kund gewesen wäre von dem Frankenkönige, der ein Glücksschiff hatte, das alle Tage einmal die Welt umfuhr, und darauf zwölf Schüler waren, die auch alle Johannes hießen, von denen aber nahm sich alle Jahre der Teufel einen, und den letzten ließ er auf den Petersberg bei Erfurt fallen, der zuvor der Berbersberg hieß. Auch da hatte der Name Johannes, der noch heutiges Tages in der deutschen Christenheit und vornehmlich auf dem Lande so allverbreitet ist, seine Schirmkraft gegen den Bösen nicht bewährt. *   247. Schnabelschuhe Zur selben Zeit, als die Teufelsbeschwörung durch die zwölf Johannesse in Königsberg sich zutrug, hatte der Modenteufel ein tolles Tragen spitzer Schuhschnäbel auf die Bahn gebracht. Die wurden getragen erst eines Fingers lang, dann einer Spanne lang, und mancher trug sie eine halbe Elle lang und meinte damit so vielen Staat zu machen wie hernachmals die Kriegsleute mit Pluderhosen und in neuer Zeit die Vornehmen mit chinesischen Fingernägeln. Da trug sich's zu, daß eines Hauptmanns Sohn aus Marienburg vom Teufel besessen ward, und wurde dieser Teufel, der den Jüngling besaß, beschworen, auszufahren; da redete der Teufel aus dem Junker heraus: Ausfahren will ich wohl, aber ich muß erst wissen, wo ich darauf hineinfahren soll. Wollt Ihr mir nicht vergönnen, in die Schnabelschuhe zu fahren? Ich vermeine, es sei für zehntausend Teufel Platz in selbigen, und da man dem Teufel so viel in die Schuhe schiebt, kann er sich auch einmal selbst in die Schuhe schieben. – Das wurde dem Teufel vergönnt, und er fuhr in die Schnabelschuhe. Als das nun ruchbar wurde im Lande Preußen, da wollte kein Mensch mehr solche Schuhe tragen, und die Mode kam in Abnahme und hörte zuletzt ganz auf. Wo aber hernachmals dieser Teufel hingefahren ist, als es keine Schnabelschuhe mehr gab, davon ist keine gewisse Kunde aufbehalten, er müßte denn in das Kreuztor zu Königsberg gefahren sein, das am Ende der Burgfreiheit stand, da wo der Roßgarten anfängt; nebenan zur Rechten im Winkel stand ein altes Klostergebäu zum heiligen Kreuz, und das Tor war stets verschlossen. Als aber hernachmals die Mönche vertrieben wurden, fuhr der Teufel in das Tor und machte, daß es immer offen stand, wie sorgsam man es auch verschlossen halten wollte. Endlich ist es im Jahre 1705 ganz abgebrochen worden. *   248. Die Schatzgräbermönche Bei Königsberg liegt ein vereinzelter Berggipfel mit schöner Aussicht, der heißt der Galtgartenberg oder der Rinau, und sind dortherum der Höhen nur wenige, und kann einer weit umschauen von der Höhe des Rinau, unter sich die alte Königsstadt und nordwärts die dörferbesäete Landschaft und darüber hinaus rechts das Kurische Haff und links der Ostsee endlosen Spiegel und zwischen beiden zur dämmernden Ferne sich verlierend die grüne Linie der Kurischen Nehrung, südostwärts aber das Frische Haff. Auf diesem Gipfel war vorzeiten auch ein Heidenheiligtum, und soll da droben absonderlich ein Abgott des Namens Ligo verehrt worden sein, ein Gott des Frühlings und der Freude, von welchem uns wenig Kunde überkommen; vielleicht ist er ein und derselbe Gott mit dem, den die Polen Ligiez nannten, ein Ruhestifter und Versöhner. Reine Jungfrauen mußten ihm heilige Flammen nähren. Später sollen die Herren über Samland, Samos Nachkommen, der ein Sohn König Waidewuts war, auf dem Berge gewohnt und ihre Götter droben verehrt haben in einem heiligen Haine, und zwar vornehmlich den Gott der Tafelfreude Curcho oder Gorcho und den Herdengott Warskaito, wie auch den Geflügelgott Ischwambrat, welche Götterdreiheit im uralten Mythus der Preußen den zweiten Rang nach den höchsten Göttern Perkunnos, Pikollus und Potrimpus einnahm. Endlich eroberte der Deutsche Orden auch Samland und zerstörte die heidnischen Heiligtümer, und in noch späterer Zeit drängte die Lehre Luthers auch den Marienorden zur Seite, die Klöster wurden aufgehoben, und die Mönche und Nonnen wurden zu Herden ohne Hirten. Da waren vierzehn Mönche, die hatten nichts mehr zu leben, wohl aber manche Kenntnis von geheimen Dingen, und die wußten wohl, daß auf dem Rinau Schätze vergraben waren in nicht geringer Zahl. Die wanderten hinauf, gar wohl mit allem versehen, was zum Schätzegraben nötig, stießen auf altes Trümmergemäuer und schlugen ein. Da fanden sie ein Gewölbe, darinnen standen große Urnen, aber bei jeder Urne lag ein schwarzer Hund, und jedem Hunde rauchte es aus dem Maule, und das war ein so giftiger Brodem, daß gleich fünf Mönche tot niederstürzten und drei andere, die mit den übrigen flohen, des andern Tages starben. Da sahen die sechs übrigen Mönche, daß sie doch noch nicht alles mit sich getragen zum Schatzgraben, und beredeten sich, es dennoch noch einmal zu versuchen, aber mit besserem Rüstzeug, und gingen nochmals hinauf, nahmen Heiligenbilder mit, mit geweihtem Öle bestrichen, und das Allerheiligste und hielten das an die Grube und lasen eine heilige Messe und sangen Litaneien. Da verschwanden die Hunde, und der Gifthauch ward nicht mehr verspürt, und die Urnen konnten ohne Beschwerde hinweggenommen werden, nur waren sie sehr schwer. Die Mönche hatten eine große Freude, und es war schön anzusehen, wie jeder Mönch eine große schwere Urne vom Berg heruntertrug, daß er schwitzte und keuchte, denn diese Töpfe waren einige Fuß hoch und hatten Bäuche fast wie die der Mönche. Im Beisein des Bischofs und des Hauskomturs schritten sie nun zur sorgfältigen Untersuchung des Inhaltes dieser altheidnischen Aschenkrüge. Da fand sich allerlei Schönes: Lehmen, Sand, kleine Kohlen, Knochenreste, Asche – aber von Metall, geschweige von edlem, nicht ein Splitter. Da zogen die Mönche lange Gesichter, denn sie waren keine Altertumsforscher, sonst hätten sie auch an den leeren Urnen noch eine große Freude gehabt und wären froh gewesen, dieselben ganz und unzerbrochen vom Rinau heruntergebracht zu haben. Und weil niemand da war, an dem sie ihren Verdruß auslassen konnten, so mußte der Teufel herhalten. Er mußte das Gold in den Töpfen in schnöde Asche und Kohlen verwandelt haben und hatte doch im entferntesten nicht daran gedacht, der arme Teufel, dem immer alles in die Schuhe geschoben ward. *   249. Jodokus' Eiche Nicht allzuweit von Königsberg liegt die Stadt Labiau, dort stand vorzeiten hart am Wasser eine große Eiche, die war dem heiligen Jodokus geweiht, das war ein Schirmvogt der Gewässer. Und die Eiche hatte eine Höhlung, dahinein warfen die Schiffer, die auf der Deine fuhren, im Vorbeifahren einen Opferpfennig, und wer das tat, den sicherte und schirmte der Heilige vor Stürmen, und die Schiffer opferten gern ihren Pfennig, denn es war gar ein wunderbarliches Gefühl ihnen vererbt aus Urväterzeiten her, dieses altheidnische Verehren geheiligter Eichen. Da ließ eines Tages ein Bösewicht sich gelüsten, seine gierige Hand nach dem Schatze auszustrecken, und raubte alles, was er fand, nahe an vierzig Mark. Von Stund an verdorrte die Eiche, aber wie die Eiche verdorrte, verdorrte auch des Räubers Hand. Die Schiffer aber wissen noch immer die Stelle, wo die Eiche stand, und die noch fromm sind unter ihnen, werfen an jener Stelle immer noch ihren Opferpfennig in den Fluß, obschon seit langen Zeiten auch des heiligen Jodokus in jener Gegend kaum noch jemand eingedenk ist. Dieser Wasserheilige ward abgebildet mit dem Stabe in die Erde stoßend, aus welcher eine Quelle entspringt. *   250. Der Hungerkerker in Tapiau Tief unterm Schlosse zu Tapiau ist ein Gewölbe, das stieß früher an die Sakristei der Krypta der Ordenskirche. Von diesem Gewölbe gehen schaurige Sagen, was alles in ihm die Ordensritter Greuelvolles vollbracht. Zu Zeiten des Hochmeisters Heinrich von Richtenberg lebte ein frommer und gelehrter Mann, Dietrich von Kuba, der war beider Rechte Doktor und wohlgelitten bei zwei Päpsten, Paulus dem Andern und Sixtus, dessen Nachfolger, und der letztere ernannte ihn zum Bischof von Samland. Das war aber geschehen ganz gegen Wunsch und Willen des Deutschordensmeisters und seines Kapitels, und der Ernannte ward ihnen verhaßt, denn der Orden war verwildert und wollte keinen Römling und Papstgünstling und mehr ritterlich leben denn geistlich. Der Bischof aber gedachte in seinem Sinn unter des Papstes Schutz den verderbten Orden zu bessern und zu reformieren, und wer in der Welt mit Glück reformieren will, der muß eine eiserne Faust, eine eherne Stirne und ein feuriges Herz haben, sonst wird es ihm nimmer gelingen, denn die Welt will nicht reformiert und gebessert sein. Und des Bischofs Dietrich von Kuba Eigenschaften reichten nicht aus, einer zahlreichen ritterlichen stolzen und mutvollen Ritterklerisei allein gegenüberzustehen. Die Ordensgebietiger nahmen ihn gefangen und ließen ihn in das Schloß gen Tapiau führen, wo er in ehrlicher Haft nach Standesgebühr gehalten ward. Aber dort umspann schnöder Verrat den gefangenen Bischof; er wird zu einem Fluchtversuch beredet, entdeckt und nun sein Verderben beschlossen. Der Hochmeister und das Ordenskapitel verdammten den unglücklichen Mann zum Hungertode. In das erwähnte Gewölbe ward er gebracht, dort an die Mauer angeschmiedet und fortan ohne Trank und Speise gelassen. Acht Tage lang schmachtete er hier in unendlicher Qual. Am achten Tage hörte das Volk in der Kirche, da die Sakristeitüre zufällig offengeblieben war, eine heisere Stimme wimmernd rufen: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Mein Gott, mein Gott, erbarme dich meiner! Diese Stimme ward nachher noch oft gehört, als des Bischofs Leiche längst beigesetzt war, was in Königsberg geschah. Die Untat ward ruchbar, der Papst ergrimmte gegen den Orden, aber der Orden schwur sich rein. Eine Zeit darauf erkrankte der Hochmeister heftig. Schon war er jedoch wieder auf dem Wege der Genesung, als er mit einem Male auffuhr und rief: Meinen Harnisch! Mein Roß! Der Bischof – ich muß fort! Der Bischof ladet mich vor Gottes Gericht! Herr, mein Gott, erbarme dich meiner! – Und sank um und war tot. *   251. Der Schloßberg bei Kreuzburg Über Kreuzburg hat vorzeiten ein Schloß der Deutschherren gestanden, davon sieht man noch Trümmer, und es ist auf dem Berge nicht geheuer. Eine weiße Jungfrau wandelt auch dort und hofft auf Erlösung, wie die Sage an so viele Schloßberge und Trümmerburgen knüpft. Unter den Trümmern ruhen noch viele verborgene Schätze. Spielenden armen Kindern, welche zufällig in eines der halbverfallenen Kellergewölbe gerieten, erschien die weiße Jungfrau und füllte ihnen die Mützen mit Gold. Jubelnd brachten sie die Gabe nach Hause, und die bedrängten Eltern waren glücklich. Andere neideten diesen ihre Begabung, sie durchkrochen alle Gewölbe, es erschienen ihnen aber nur Kröten und Unken und keine gabenspendende Jungfrau. Eines Abends hatten die Schuhmacher ihren Jahrestag gefeiert und sich tüchtig bezecht. Da meinten zwei Gesellen, es wäre doch schön, wenn sie die Jungfrau im Schloßberg aufsuchten, Mut hätten sie dazu, und torkelten in der Nacht den Berg hinaus. Sie sahen auch die Jungfrau in der Tat sitzen, das Kleid derselben kam ihnen ganz blümerant vor, vor sich hatte sie eine Braupfanne voll Gold und in der Hand eine silberne Kelle. Die Schustergesellen boten ihr einen recht schönen guten Abend und baten um einen Zehrpfennig. Da winkte ihnen die Jungfrau, ihre Schurzfelle aufzuhalten, und da strich sie mit der Kelle das gehäufte Gold von der Braupfanne in die Schurzfelle. Sie hatten ganz schwer an der Last zu tragen. Mit Neugier erwarteten die Meister und Gesellen auf der Herberge ihre kecken Kumpane. Endlich kamen sie und jubelten, obschon ihre Köpfe schwerer und ihre Schurzfelle immer leichter geworden waren. Jetzt schütteten sie den Schatz auf den Tisch – 0 pfui alle Teufel – was war das für Gold? Gelbe Molche, grüne Frösche, braune Kröten, faules Holz. Und das Ungeziefer kroch umher und hüpfte gar in das Putziger Bier und in das Danziger Goldwasser, daß es ein Ekel war. Da sind die beiden Gesellen furchtbar durchgebleuet worden, denn das Handwerk hielt es für einen Schimpf und Schabernack, den die beiden ihm hätten antun wollen. *   252. Die Ritter und die Nonnen Zu Kreuzburg stand vorzeiten ein uraltes Rathaus auf dem alten Markt, da ward in jeder Neumondmitternacht ein sonderer Spuk erblickt. Vom Schloßberg herab auf dem sogenannten Kirchenweg kam ein Zug von vier offenen uraltväterischen Wagen, jeder mit vier Pferden bespannt, die ersten beiden mit Schimmeln, die andern beiden mit Rappen. Ruhig gingen die Schimmel, unruhig die Rappen; diese bäumten sich und schnaubten Feuerfunken aus den Nüstern. In den vordern Wagen saßen, je zu sechs, zwölf Nonnen im weißen Ordenshabit mit Skapulier und Rosenkranz, aber ohne Kopf, in den folgenden Wagen zwölf geharnischte Ritter, jeder hielt seinen Helm im Arm, und im Helm steckte auch gleich sein Kopf. In lautloser Stille umkreiste dieser Zug dreimal den Markt, es schallte kein Hufschlag, es ward kein Räderrollen gehört. Der Kutscher der Nonnen war ein weißes Lamm, jener der Ritter ein schwarzer Ziegenbock. Endlich ging der Zug in das alte Rathaus hinein, und drinnen erschallte wilde Musik und wurden Stimmen der Ritter und Nonnen vernommen, laut und brausend und fein und süß, wie Trinklieder und melodische Hymnen durcheinander, wie dort im verwünschten Kloster bei Niederlahnstein am Rhein. Mit dem ersten Glockenschlage der Mitternachtsstunde kamen die Wagen mit ihren Insassen wieder aus dem Rathaus hervor, zogen wieder dreimal um den Markt und fuhren aber nicht die Kirchenstraße zurück, sondern zur Schloßstraße hinaus, und war nur noch das graulich und verwunderlich anzusehen, daß auf den Leibern der Ritter die Nonnenhäupter und auf denen der Nonnen die behelmten Häupter der Ritter saßen. Als im Jahre 1818 der Markt samt dem alten Rathaus abbrannte bis auf ein einzelnes altes Gebäu, sind die Ritter und Nonnen, aber jedes mit seinem eigenen Kopf auf richtiger Stelle, erschienen, haben über Schutt und rauchende Trümmer neunmal den Markt umzogen und ihr nächtliches Fest in dem einzelnen alten Hause gehalten, doch minder wild und laut, es hat eher geklungen wie Orgelton und fromme Choräle. Beim Neubau des Marktes mußte auch jenes alte beschädigte Haus abgetragen werden, damit der neue Markt größern Raum gewinne, und in der ersten Neumondnacht, nachdem dies geschehen, ward über seiner Stätte gar eine sanfte und liebliche Musik vernommen und ein wonnevoller Gesang: Gloria sit patri, filio et spiritui sancto! Und damit haben die Ritter und Nonnen Abschied genommen und sind eingegangen zur ewigen Ruhe. *   253. Bartensteiner Bartel Bei der Stadt Bartenstein fließt die Alle, die ihre sanfte Strömung nach Königsberg lenkt. Dicht über dem Fluß in der Stadtnähe ist ein Hügel, der eine Burgtrümmer trägt und einen kolossalen Granitblock, der einer menschlichen Figur nicht unähnlich sieht. Die Burg auf dem Hügel war der Sitz eines ehemaligen Herrschers in diesem Lande, Barto geheißen; ein Zauberfluch ließ seine Burg in die Tiefe versinken und den Barto versteinert zutage bleiben. Das Volk nennt den Stein den Bartel, und nach ihm soll die Stadt am Fuße des Hügels heißen. Im Berge sollen noch große Schätze verborgen ruhen, und ein Gang, der unter der Alle hinwegführt, soll in der Kirche eines Nachbardorfes ausmünden, man weiß aber nicht, in welche. Im nahen Bartelsdorf möchte das wohl am ersten sein, wenn es eine Kirche hat. Ein anderer menschengestaltähnlicher Stein ward früher in der Johanniskirche zu Bartenstein aufbewahrt, jetzt steht er im Rektoratgarten. Ein Bürgermädchen – die Sage nennt sogar dessen Namen, Guste Balde – sollte auf Geheiß der Mutter zur Messe gehen, aber der eitlen Dirne waren ihre Kleider nicht schön genug, und sie weigerte sich gegen ihre Mutter des frommen Ganges. Da rief die Mutter voll Zorn: Ei, daß du zu Stein würdest, du putzsüchtige Närrin! – und darüber stand die Tochter ganz versteinert und blieb ein Stein bis auf den heutigen Tag. *   254. Miligedo Auf dem Schlosse zum Bartenstein saßen die Kreuzherren mit vierhundert Wappnern, und die heidnischen Preußen hielten das Schloß rings umlagert. Ihr Führer hieß Mattingo. Unter der Besatzung des Schlosses war ein starker Riese, der hieß Miligedo, war zuvor ein Heide gewesen, hatte sich aber bekehrt und war als Kämpfer in den Marienorden getreten. Die Heiden fürchteten ihn sehr, denn er war schier unüberwindlich; da sie ihn nun viel lieber unter den Toten als unter den Lebenden sehen wollten, so machten sie einen Anschlag gegen ihn. Ein rüstiger Kämpe mußte Miligedo zum Zweikampfe herausfordern. Miligedo erschien ganz allein und ohne weitere Waffen als eine Keule, aber die war nicht leicht, ihr Knopf war voll Blei gegossen. Jetzt rückte der Kampfgeselle gegen ihn an, gut versteckt aber lauerten noch zwanzig Preußen in einem ganz nahen Hinterhalt. Miligedo begrüßte seinen Gegner mit einem Hauptstreich, er schlug ihm nämlich den Helm gleich in die Hirnschale hinein, daß er tot zusammenstürzte. Da brachen die zwanzig versteckten Feinde hervor und fielen ihn an wie eine Meute Hunde einen Edelhirsch. Miligedo aber wirbelte mit seiner Keule im Kreise herum, und wo die hintraf, wuchs kein Gras. Es dauerte gar nicht lange, so lagen fünfzehn im Sande, und Miligedo hatte noch keine Wunde. Die übrigen entflohen, und Miligedo ging geruhig auf das Schloß Bartenstein zurück. *   255. Die Allensteiner Zwergmännlein Höher hinauf an der Alle liegt das Städtchen Allenstein, dem sie ebenso den Namen verlieh wie dem tiefer abwärtsliegenden Allenburg. In Allenstein hausen Zwergmännlein in großer Zahl. Eines reichen Ratsmannes Frau namens Schellendorf saß eines Abends allein in ihrer Stube; die Mägde waren im Hause beschäftigt, die Frau feierte und hatte kein Licht. Sie hing ihren Gedanken nach. Da öffnete sich die Stubentüre ganz weit, und in die Stube wimmelten die kleinen Männlein, jedes trug einen spitzen Hut und ein Laternchen mit blau brennendem Licht, auch führte jedes ein Zwergenfrauchen oder Jungfräulein im besten Putz. Die Frau Schellendorf erschrak und schlug die Hände vor die Augen, blinzelte aber durch die Finger und sah, daß sich die Pärlein zum Reigen stellten und solchen auch alsbald gar zierlich begannen. Da trat plötzlich ein Männlein aus dem Kreis vor die Frau und rief mit grölzender Stimme: Was blinzelst du? Du sollst nicht blinzeln! Mache deine Augen ganz zu! – Die Frau tat es nicht, sie äugelte ferner durch die Finger. Da sprach das Männlein wieder: Laß dir raten, Frau, und mache deine Augen zu! Sie aber tat es dennoch nicht. Darauf sprach das Zwergmännlein zu einem andern: Verschließe die Fenster! Und gleich trat dieses andere Männlein vor die Frau und blies ihr in die Augen. Vom Augenblicke sah sie keinen Stich mehr und ist blind geblieben all ihre Lebetage. *   256. Die weißen Tauben Als der Deutsche Ritterorden im Jahre 1325 nötig fand, die von ihm bis jetzt behaupteten Landstrecken zu schützen und feste Punkte zu haben, wurden im Lande Galindien das Schloß Wartenburg (auch an der Alle) und im Bartenlande das Schloß Gerdauen gegründet und erbaut, um welche Schlösser sich hernachmals Städtlein anbauten. Da nun der priesterliche Ritterorden diese beiden neuen Schlösser mit feierlichem Hochamt und Messe einweihete, da flog über dem Schlosse Wartenberg eine ganz weiße Haustaube, über Gerdauen aber flogen zwei, und das war das erstemal, daß in dieser Gegend Haustauben erblickt wurden, denn damals war das meiste Land umher nur noch eine öde weite Wildnis, von düstern Föhrenwaldungen unterbrochen, in denen nur die wilde Taube heimisch war. *   257. Die Barstukken In der Stadt Rastenburg und bei derselben gibt es auch Zwergmännlein, die führen dort den seltsamen Namen Barstukken, auch Fingerlinge, und die sind nicht so böse als die andern, die weiter nordwärts hausen. Sie wohnen vornehmlich in einem Hügel bei dem Dorfe Heiligelinde, wo in den Heidenzeiten eine übergroße Linde gestanden haben soll, unter welcher nach dem Volksbrauch die Götter verehrt wurden. Die Barstukken erscheinen als gute und hülfreiche Hausgeister, welche bei Kranken wachen, wenn die Wächter schlummern, besonders bei Mondschein. Denen sie gütig gesinnt sind, denen schleppen sie zu, was sie von denen nehmen, die sich nicht hold gegen sie beweisen. Man mußte ihnen ein sauberes Tischchen decken und darauf einfache Kost stellen, Brot, Butter, Käse, Bier, Milch, damit waren sie zufrieden und verzehrten es. Blieb alles unberührt, so war das kein gutes Zeichen, dann wollten die Barstukken nichts mehr von dem Hausbesitzer wissen und taten für das Gesinde keine Arbeit mehr. Die Barstukken, auch Berstuken genannt, hatten einen Gott über sich, der hieß Puschkait. Seine und ihre Wohnung war unter Holunderbüschen. *   258. Heiligelinde Als die Götterstätte in der Nähe von Rastenburg zerstört war, blieb doch dem Volke, obschon es zum Christentum bekehrt war, die Stelle lieb und wert, und es wurde auf jenem Hügel eine junge Linde gepflanzt. Nun saß einmal vor vielen hundert Jahren ein Missetäter zu Rastenburg auf den Tod gefangen, dem erschien, weil er reuig war, am Tage vor seiner anberaumten Hinrichtung die heilige Jungfrau, die sprach ihm tröstlich zu und gab ihm ein Messer und ein Stück Holz und sagte: Schnitze aus dem Holz, wozu du Lust hast, und setze das Bild dann auf eine Linde. Solches tat er und begann zu schnitzen, und am andern Morgen war es die kostbarste Schnitzerei geworden, ein übervortreffliches Marienbild mit dem Jesusknaben auf dem Arm, und nun erzählte der Gefangene von der Wundererscheinung. Darauf wollte ein Rat zu Rastenburg den Gefangenen nicht richten, sondern gab ihn frei, damit er Mariens Befehl vollziehe. Darauf ist der Mann aus Rastenburg gegangen gen Rössel zu, aber er ist vier Tage herumgeirrt, bis er eine Linde fand, und das war auf dem alten Götterhügel, darauf stellte er sein Bild. Es war aber der Ort gar nicht weit von Rastenburg und noch näher bei Rössel gelegen und führt jetzt die Straße von einem Ort zum andern dort vorbei. Als das Bild auf der Linde stand, blieb die Linde Sommer und Winter grünen, und das Bild begann Wunder zu üben, wie jenes wundertätige Holzbild der heiligen Jungfrau mit dem Kinde unter der Linde zu Grimmenthal, die noch heute steht. Ein Blinder ward vorbeigeführt, der sah einen hellen Schein, dem ging er nach, und als seine Hand die Linde berührte, wurden seine Augen aufgetan, und er sah zuerst vor allem das Bild und betete dankend an. Das Vieh, das am Baume vorbeigetragen wurde, beugte die Kniee vor dem Bilde. Da nun die zu Rastenburg von dem Bilde hörten, wollten sie es bei sich verehren und in gute Obhut nehmen, stellten daher eine große Prozession an und zogen über Poswangen und Pötschendorf nach dem Hügel und holten das Bild; allein am andern Morgen war es fort und wieder an der alten Stelle. Da haben die Rastenburger eine noch größere Prozession angestellt und sind wieder hingezogen und haben das Bild geholt, es ging ihnen aber wieder ebenso – das Bild kehrte zu seiner Linde zurück, wo es stehen wollte. Und nun wurde dort eine Kapelle gebaut und entstand eine große Wallfahrt, und ein Ort baute sich an, der wurde Heiligelinde genannt. Alle Bäume in der Gegend zwischen den vier Dörfern Pötschendorf, Beeslack, Kattmedien und Rabowen, deren genauen Mittelpunkt Heiligelinde bildet, neigen ihre Wipfel jener Kapelle zu. Gleiche Wanderung eines Marienbildes, von welcher die Sagen häufig melden, wird auch von Kulm erzählt, allwo das Bild immer wieder aus der Kirche auf die Stadtmauer wich. *   259. Sankt Georg schützt Holland Als der Hochmeister Albrecht mit den Polen kriegte, waren diese schon bis zum Städtchen Preußisch-Holland vorgedrungen, welches nicht weit von Elbing liegt, und hielten es mit achttausend Mann umlagert; im Städtlein aber war gar wenig streitbare Mannschaft, dennoch geschah den Belagerern ein großer Schade, und sie vermochten nicht, Holland zu gewinnen. Denn wenn sie einen Sturm unternahmen, sahen sie einen bekreuzten Ritter mit einem wunderlichen uralten Helm und einem strahlenden Panzer, darüber eine weiße bekreuzte Tunika den Streitern voran, der immer da vorkämpfte, wo die Belagerten sich schwach zeigten. Das haben hernachmals die Gefangenen selbst ausgesagt, welche bei einem Ausfall gemacht wurden, und als das Polenheer vor Holland über zweitausend Mann verloren hatte, ward die Belagerung aufgehoben. Auch die Kugeln, die der Feind in die Stadt geschossen, hatten keine Wirkung. Eine derselben aus einer Notschlange traf in eine Wiege, in welcher zwei Kinder schliefen, ohne eines derselben zu verletzen. Ein offenbares Zeichen höheren, göttlichen Schutzes. Gleiche Hülfe von oben ließ auch der Stadt Elbing der Himmel angedeihen, als im Jahre 1260 die heidnischen Polen die Stadt mit großer Macht belagerten. Männer mit weißen schwarzbekreuzten Mänteln kämpften an der Spitze der Christenstreiter mit feurigen Schwertern, und die Belagerung ward gänzlich abgeschlagen und der Feind in Unordnung und wilde Flucht gebracht. *   260. Die drei Hostien Dem Helfer in Not und Gefahr, dem siegreichen heiligen Ritter Georg, war zu Elbing eine gar schöne und zierdevolle Kirche erbaut und geweiht worden, aber im Jahre 1400 geschah es, daß diese Kirche in Brand geriet und bis zum Grunde niederbrannte, denn sie war nicht von Stein, sondern nur von Holz. Alle ihr Geschmuck, Reichtum und ihre Zier war durch die Flamme vernichtet, doch fand sich unversehens im Schutt eine Kapsel völlig unversehrt, und darin waren drei kleine geweihte Hostien enthalten. Mit großer Feier und Andacht wurde das hochheilige Sakrament erhoben, in einer Kirche verwahrt, und an die Stelle der eingeäscherten St. Georgskirche ließ der Hochmeister durch den Bruder Hellwing Schwang eine neue, steinerne Kirche erbauen, welcher dann die Hostienkapsel feierlich zugeeignet wurde, und gab ihr den Namen Zum Leichnam Jesu. Viele Wunderwerke sind hernachmals in dieser Kirche geschehen. *   261. Die Wunder der Marienburg Als die Kreuzherren in dem Heiligen Lande waren und in Jerusalem wohnten, da war alldort ihre Burg dasselbe Haus, darin der Heiland mit seinen Jüngern zuletzt geweilt und das Nachtmahl eingesetzt hatte. Da nun die Ritter nach Deutschland heimkehrten, nahmen sie von diesem Hause einen behauenen Stein mit sich über Meer und weiheten ihn zum Grundstein des Ordenshaupthauses Marienburg. Darum segnete der Herr diesen Bau, daß er so groß und fest und herrlich wurde und in all seiner alten Pracht und Schönheit noch steht bis auf den heutigen Tag, während tausend und abertausend Schlösser in Trümmer sanken. Zahlreiche Wunder haben sich im Schlosse Marienburg begeben, wie die Sage geht. So steht noch weit in die Ferne sichtbar und leuchtend außerhalb der Schloßkirche das riesighohe Marienbild, welches der Hochmeister Konrad von Jungingen setzen ließ. Ein frommer Meister fertigte dieses zwölf Ellen hohe Bild und setzte daran den Preis seines ganzen Lebens. Als das Bild nun vollendet war und an seine Stelle gebracht werden sollte, da tat es dem Meister weh, sich von dem lieben Bilde zu trennen, und zündete vor ihm geweihete Kerzen an und betete vor ihm und weinte bitterlich. Da war ihm, als sehe die Mutter aller Gnaden ihn strahlend an, und als hebe das Bild gegen ihn winkend die Hand, und ging vor dem Bilde ein zum ewigen Frieden. Nach der Schlacht bei Tannenberg, welche die Kraft des Ordens brach, war Marienburg der Ritter letzte Stütze und Schirmhut, wurde aber von den Polen hart belagert und umdrängt. Da ärgerte einen Polenfürsten das herrliche im Glanze seiner Goldmosaik strahlende Marienbild, das gleichsam wie das Symbol des ewigen Sieges des Christentums gegen das Heidentum hoch erhoben über dem wilden Toben und Drängen stand, und er wollte es vernichten oder doch verhöhnen und schänden. Schieße nach der Maria! Schieße ihr die Augen aus! gebot der Polenfürst einem seiner Söhne, und der Sohn spannt die Armbrust, legt den schweren Bolzen auf und zielt nach des Bildes Augen. Aber plötzlich senkt er die Armbrust und ruft: Vater! Wo ist denn das Bild? Ich sehe es ja nicht mehr! Mir wird so schwarz vor den Augen! Der junge Polenprinz war plötzlich erblindet. Darüber ergrimmt der Fürst, er nimmt selbst die Armbrust, zielt gut und trifft – beinahe – denn vor dem Bilde wendet sich rückprallend der Pfeil und fährt dem Fürsten pfeilgeschwind mitten durch das Herz. Einst waren auf Marienburg zwei Liebende. Da aber das Haus des Ordens ein Haus der Entsagung von irdischer Lust sein sollte, so duldete es nicht dergleichen Gefühle, und die Liebenden wurden in Steine verwandelt, wie Mönch und Nonne in der Wartburg Nähe in riesige Felsen. Lange hat man auf Marienburg diese Steine gezeigt und wahrgenommen, daß sie aus Schmerz noch salzige Tränen weinten. *   262. Der Remterpfeiler Ein großes Wunderzeichen begab sich zur Marienburg, als dieselbe von den Polen belagert wurde. Die Polen hatten einen Troßbuben gefangen und fragten ihn aus nach des Baues Gelegenheit, wo seine größte Schwäche und wo das Geschütz den meisten Schaden bringen könne; sie versprachen ihm nicht nur die Freiheit, sondern auch hohen Lohn, und der Bube, der zumal einen Haß gegen den Hochmeister hatte, beschrieb dem Feind, wie das ganze weite und kühne Bogengewölbe des Remters auf einem einzigen gewaltigen Pfeiler mitten im Remter laste. Bräche eine Kugel den Pfeiler, so müsse das ganze Gewölbe zusammenstürzen. Das dünkte den Polen eine gute Kunde und eine leichte Sache, den ganzen Nest des Ordens mit einem Schlage zu vernichten. Es ward daher mit dem verräterischen Knecht ein Zeichen verabredet, das er geben sollte, wann der Ordenskonvent im Remter beim Mahle sitze, und das größte und stärkste Geschütz wurde nach dem Pfeiler gerichtet, der Bube aber freigelassen. Bald darauf, als dieser die Zeit ersah, daß alle Ritter im Remter versammelt waren, hing er einen roten Hut an einem Fenster aus, wie verabredet war, und der Arkebusier im Polenlager brannte sein großes Stück los, und im Remter geschah ein Donnergeprassel, aber der Pfeiler stand ruhig – die Kugel hatte ihn gar nicht getroffen, sie war oben durch die Mauer gefahren und hatte über dem Kamin ein Loch geschlagen, allwo sie noch heute eingemauert zu sehen ist. *   263. Der Buttermilchturm Zu Lichtenau ohnweit Marienburg saßen böse Bauern, die waren voll Übermut, Tücke und Frevel, weil sie reich waren; denn es steht geschrieben: Der Reichtum verleitet zu Sünden und hindert den Weg zur Seligkeit. Viele Stücklein ihrer argen Tücke und Bosheit werden noch in der Gegend erzählt, eines der schlimmsten führten sie aus gegen ihren Pfarrer, dem sie taten wie die bösen Rungholder auf Nordstrand und ihn zwingen wollten, eine Sau zu kommunizieren, weil der Pfarrer, des Name Wolfgang Lindau war, ihnen den Spiegel herber Wahrheit vorhielt und ihr schlechtes Leben ohne Rückhalt von der Kanzel rügte und strafte. Da nun der Pfarrer sich mit List der Schmach entzog und – während die Lichtenauer im Kruge blieben und fortzechten – eilend zum Neuenteich ritt, wo der Pfleger von Marienburg wohnte, trieben die Bauern es toller und toller und administrierten selbst eine Hostie der Sau, die sie aus einer Rübe schnitten, wie jene Studenten zu Halle, die Gottes Gericht furchtbar traf. Dazu kam gerade der Pfleger mit einiger Mannschaft und schlug auf sie los, aber die Bauern, nicht faul und dazu über und über voll, drehten den Spieß um und die Stuhlbeine aus und schlugen des Pflegers Mannen schmählich in die Flucht, ihn selbst aber fingen sie, zausten ihn am dicken Bart, zogen diesen durch ein Astloch in der Türe und verspündeten ihn mit einem Keil und ergossen über ihn allen Hohn und alle Schlechtigkeit, die nur jemalen böse versoffene Bauern ausüben können. Unterdessen aber rückte von Marienburg her, wohin der Pfleger eilend gesandt, und wohin auch seine Leute flüchtig eilten, eine größere Ordensmacht, die befreite den Pfleger und trieb die Bauern zu Paaren. Alle Täter und Teilnehmer an dem ganzen unerhörten Frevel wurden gefangen nach Marienburg geführt und dort in die tiefsten Kerker geworfen. Darauf wurde der Bauern Strafe ernstlich beschlossen; sie mußten die Landstraße vom Kruge zu Lichtenau bis in das Schloß Marienburg durchaus mit Mariengroschen belegen, einen an den andern; dadurch wurde ihnen ein Merkliches von der Übermutquelle abgezapft, dann mußten sie einen Turm an der Nogat bauen, und den Mörtel dazu durften sie nicht mit Wasser bereiten, sondern mit Buttermilch, welche einen festern Kitt gibt, wie allbekannt ist. Diese Buttermilch hatte Lichtenau einzig und allein zu liefern. Der Turm bekam davon den Namen Buttermilchturm und steht heute noch. Und als der Turm fertig war und recht gut und fest gebaut, da mußten die Lichtenauer Bäuerlein, die Saukommunizierer, in ihn einkriechen und blieben darinnen stecken ein Jahr und sechs Wochen und bekamen nichts als Wasser und Brot, und da sind ihnen die bösen Possen und Frevel vom Grund aus wegkuriert worden. Manche erzählen anders, wie der Buttermilchturm entstanden sei. Der Woiwode Stanislaus Kostka habe zu den Bauern eines Dorfes geschickt und um etwas Buttermilch bitten lassen; da haben die Bauern den Boten ausgehöhnt, andern Tages aber ein ganzes Faß voll Buttermilch dem Woiwoden zuführen lassen. Der Woiwode verstand aber keinen Spaß, er ließ die Überbringer greifen, in einen Turm werfen und stellte ihnen im selbigen ihr Buttermilchfaß zu selbsteigner Verfügung; sie mußten die Milch und, als diese Matte und Quark geworden, auch diese verzehren bis zum letzten Quentlein, dann wurden sie wieder herausgelassen. Kein Wunder, daß sie, da sie herauskamen, käsweiß aussahen. *   264. Die heilige Dorothea Es war im Preußenlande eine fromme Wundertäterin Dorothea; die Gabe der Weissagung war ihr verliehen, und sie hat auch den Fall des Deutschen Ordens vorausgesagt. Als sie unzählige Wunder getan und viele Wallfahrten verrichtet hatte, verschloß sie sich in eine Bußzelle am Dom zu Marienwerder, und als sie ihr Ende herannahen fühlte, ließ sie den Domherrn Johannes von Marienwerder rufen, daß er ihre letzte Beichte höre. Als die Mitternachtstunde kam, umwogte eine himmlische Helle das enge Gemach der frommen Büßerin, und Engelstimmen erklangen in harmonischen Chören zwei Stunden lang um ihre Zelle. Währenddessen ward Dorotheas Seele zu Gott enttragen, und es fingen des Domes Glocken von selbst zu läuten an, und das dauerte so lange, bis jener himmlische Gesang zu Ende ging. Im kleinen Chor der Domkirche zu Marienwerder wurde Dorothea beigesetzt, und noch an ihrem Grabe geschahen große Wunder, und Scharen frommer Pilger wallten zu demselben. Das Volk sprach sie heilig, wenn auch nicht der Papst zu Rom. Denn die römische Kirche hatte schon eine Heilige dieses Namens, die unter Diokletian ihr Martyrium empfing. Eine zweite Heilige des gleichen Namens wurde unter Kaiser Nero enthauptet samt ihrer Schwester Euphemia, und eine dritte litt dieselbe Strafe ihrer Glaubenstreue zu Cäsarea in Kappadozien. *   265. Die Geister auf der Christburg Da, wo heute die Stadt Christburg liegt, war eine Heidenfeste, welche der Marienorden lange belagert hielt. Endlich in einer heiligen Christnacht ward die Feste von dem Orden erobert und von da an besessen und empfing von dem Tage an den Namen Christburg. Das Schloß wurde neu erbaut und mehr und mehr befestigt und war lange Jahre ein starkes und unüberwindliches Bollwerk gegen das Heidentum. Da kam die Zeit, daß sich der Orden beriet, Krieg zu führen gegen den tapferen Polenkönig Jagiello, da war ein Komtur auf Christburg, der hieß Otto von Sangerwitz, der sah dieses Krieges unglückseliges Ende voraus und widerriet ihn. Allein er wurde überstimmt und mußte mit ausziehen. Da nun der Auszug begann, so fragte ein Chorherr den Komtur: Wem willst du nun dieses Schloß anvertrauen? – und darauf antwortete Otto von Sangerwitz ganz heftig: Dir und allen bösen Geistern, die zu diesem Kriege geraten haben! – Über diese harte Antwort erschrak der Chorherr heftig, fiel in ein hitziges Fieber, und andern Tages war er tot. Von Stund an mußte sein Geist im Schlosse zu Christburg spuken. Als nun die unglückliche Schlacht am Tannenberge geschlagen war, in welcher unter so vielen anderen tapfern Streitern auch der Komtur von Christburg fiel, kehrten die Geister aller Kreuzherrn, die zu diesem verderblichen Kriege geraten hatten, der den Orden fast ganz aufrieb, auf das Schloß Christburg zurück und spukten dort greulich. Kein Mensch hatte Ruhe vor ihnen, es ging alles darunter und darüber. Die Pferde standen unversehens in der Küche, wenn der Koch an sein Geschäft gehen wollte, und wenn die Knechte auf den Boden gingen, Futter für die Pferde zu holen, lagen die Weinfässer droben; der Kellermeister, wenn er in den Keller kam, fand einen Brunnentrog und Wasserkübel. Ein neuer Komtur des Namens von Frauenburg konnte es nicht auf dem verwünschten Schlosse aushalten; die Geister hingen ihn im Brunnen auf, setzten ihn auf den First des höchsten Daches, zündeten ihm seinen Bart an, daß er brannte wie ein Strohwisch – bis er von dannen zog, und blieb kein Ritter mehr dort, ward also das Schloß verlassen und verfiel. Da kam einstmals nach ein paar Jahren ein Schmied aus Christburg von einer Wallfahrt heim und hörte von dem Spuk, wie es zugehe da droben auf dem Schlosse, daß die Ordensritter, wenn sie essen wollten, die Schüsseln voll Blut gefunden hätten, und wenn sie hätten beten wollen, hätten sie Kartenspiele in den Händen gehabt statt der Breviere, und da dachte der Schmied, er wolle doch auch einmal sich hinaufmachen auf das wüste Schloß, ging aber weislich nicht abends, sondern am hellen Mittag hinauf. Und wie er auf die Brücke kam, da traf er gleich einen Bekannten, der sein Gevatter war, und hatte ihm ein Kind aus der Taufe gehoben, und war der Bruder des Komturs Otto von Sangerwitz. Den schrie der Schmied fröhlich an und freute sich, ihn wiederzusehen – sei ihm doch, als habe er gehört, der Herr Gevatter sei auch in der Tannenberger Schlacht geblieben. Und wie es komme, daß die Leute drunten in der Stadt sich so wunderliche Dinge von dem Schloß erzählten? Der Ritter sprach: Folge mir, ich will dir zeigen, wie das alles kommt. Und führte ihn über Wendelstiegen und durch Säle und Hallen und zeigte ihm des Unfuges und des Greuels so viel, daß dem Schmied die Haare sich zu Berge hoben. Dann gingen sie wieder aus dem Schlosse, und hinter ihnen schallte ein Heulen und Wehklagen wie das Heulen der Verdammten, und konnte nicht entsetzlicher und schrecklicher sein in der untersten Hölle. Und da sprach der Ritter zu dem Schmied: Gehe hin und sage dem neuen Hochmeister an, was du hier gehört und gesehen, denn so war unser Leben, und so ist nun unser ewiger Jammer; und sage ihm, er solle den Orden bessern. Und als diese Worte gesprochen waren, verschwand die Gestalt des Komturs vor des Schmiedes sichtlichen Augen, und es grauste ihn, denn nun erst nahm er wahr, daß er mit einem Geiste es zu tun gehabt, und allerdings war auch dieser Bruder in der Tannenberger Schlacht geblieben. Seinen Auftrag zu vollziehen, ging der Schmied zum neuen Hochmeister und sagte ihm treulich alles an, dieser aber ergrimmte über solchen Bericht, als wolle der Schmied seinen hochwürdigen Orden schänden, ließ ihn greifen und verurteilte ihn zum Tode des Ersäufens. *   266. Der Irrgarten Als die Lust und Neigung, gen Jerusalem zu ziehen und die Heilige Stadt gegen den Feind zu schirmen und zu verteidigen oder wieder einzunehmen, wenn sie in Feindes Händen sei, was des Deutschen Ordens erster Zweck und erste Aufgabe war, bei dem Orden in Abnahme kamen, ward ein Ausweg ersonnen, das Gelübde scheinbar zu erfüllen. Es wurden in der Nähe der befestigten Schlösser Irrgänge mit Gräben und Verschanzungen angelegt, diese stellten die Heilige Stadt vor und wurden Jerusalem genannt, dann wurden Kriegsübungen vorgenommen mit Angriff und Verteidigung. Eine Zeitlang mochte es damit den Rittern ernst sein, bald aber wurde ein Schimpfspiel daraus, eine Kurzweil, die den schwelgerischen Gelagen folgte. Auch bei Riesenburg war ein solcher Irrgarten und in ihm ein großes Kreuz gegraben, da ist es nun geschehen, daß die Ritter, welche den Ernst der Eroberung Jerusalems zum Schimpfspiel verdreht hatten, durch die Irrgänge spuken mußten zu ihrer großen Qual, aber in das Kreuz kamen und durften die Geister nicht hinein. Hatten sie früher ihre Knechte durch den Irrgang gejagt und getrieben, so trieben nun die Knechte die Ritter und wurden hinwiederum von Teufeln getrieben, ein toller Spuk, der durch die Nächte bis zum ersten Hahnschrei währte. *   267. Die umreitenden Feldmesser Es ist eine allgemeine Sage, daß ungetreue Feldmesser nach ihrem Tode auf den Feldern, die sie falsch und treulos vermessen haben, rast- und ruhelos umgehen müssen, bis irgendein Zufall sie erlöst, manche aber haben auch keine Erlösung zu hoffen bis zum Jüngsten Tage. Nahe bei Graudenz am Weichselufer aber werden Feldmesser, welche parteiisch die Ländereien einer Gemeindefeldflur vermessen, allnächtlich als spukhafte Reiter erblickt, welche auf schwarzen, feuerschnaubenden Rossen mit glühenden Mähnen über das Gefilde jagen, glühende Meßketten und Stäbe in den Händen. Viele der Umwohner dieser Gegend wollen sie also erblickt haben. *   268. Kulmer Pfarrkirche Als die schöne und ehrwürdige Pfarrkirche zu Kulm erbaut wurde, gedachte der Baumeister sie nach dem Stil seiner Zeit mit zwei hohen Türmen nebeneinander von gleicher Höhe zu versehen, war aber verpflichtet worden und hatte das versichern müssen, zu einer bestimmten Zeit den Bau ganz vollendet zu haben. Allein beim Bauen geht es, wie jedermänniglich weiß, nie so geschwind, als die Leute meinen, die nichts davon verstehen, und kann niemals alles pünktlich an einem bestimmten Tage fertig sein. Also erging es auch beim Kirchenbau zu Kulm, und als der Endtermin herannahte, war wohl die Kirche und der eine Turm fertig, der zweite aber kaum bis zur Hälfte. Der Meister wollte sein Wort halten und es zwingen, nahm der Arbeiter mehr und ließ arbeiten Werktag und Sonntag und Feiertag ohne Aufhören. Und wirklich wurde noch zu rechter Zeit der Turm fertig, und das Weihefest sollte begangen werden. Aber da umdüsterte sich der Himmel, ein Wetter zog heran mit grauenvollem Gewölk, und aus dem Gewölk heraus zuckte der Engel des Herrn mit flammendem Schwert und traf des letzten Turmes Krone, und der Turm brannte aus und nieder bis auf den Grund. Das übrige Gebäu blieb aber alles unversehrt. Hernach ist abermals der Turm wieder erbaut worden, allein kaum war er vollendet, so traf ihn der Feuerstrahl des Himmels aufs neue, und so blieb der Turm hierauf für alle folgenden Zeiten unvollendet. *   269. Die Frauen zu Kulm Im Pommerlande und über Kassuben herrschte ein Herzog des Namens Swentipol, der war zum Christentum bekehrt, aber in seinem Herzen war er ein Heide geblieben, daher unterhielt er auch heimliche Freundschaft mit den heidnischen Preußen, und zuletzt zeigte er sich durch offenen Abfall als wahren Widersacher des Christentums und des Deutschen Ordens. Als solcher befestigte er seine Burgen an der Weichsel und führte offnen Krieg gegen den Orden, verschmähte aber auch die List nicht, wenn es nur galt, das Leben vieler Christen in seine Gewalt zu bekommen und hinzuschlachten. So rückte er auch mit großer Kriegsmacht vor Kulm und hätte die Stadt gar gern in seine Gewalt gebracht, konnte aber gegen dieselbe mit Stürmen nichts ausrichten, machte einen scheinbaren Rückzug und legte sich mit seinem Volk in einen Hinterhalt, einen morastigen Bruch, welcher Ronsen hieß, und rechnete, daß die Belagerten bald herauskommen würden, um von den Dörfern neue Mundvorräte beizutreiben. Das geschah auch wie erwartet. Swentipol brach mit seinem Volk aus dem Hinterhalte hervor und erschlug alle Ritter und Knechte, meinte dann, es sei ein leichtes, jetzt die Stadt einzunehmen. Aber in die Stadt war durch einen Flüchtling schon die Kunde von des Feindes Überfall und Heranzug gekommen, da scharten sich die Frauen und Jungfrauen zusammen, warfen sich in Männertracht und Rüstung und besetzten die Mauern, entschlossen, die Stadt auf Tod und Leben zu verteidigen, denn was sie von den Heiden zu befahren hatten, konnten sie wohl denken. Wie nun Swentipol diese stattliche und wohlgerüstete Heerschar auf den Mauern von weitem sah, dachte er, daß er Kulm schwerlich sonder großen Verlust an den Seinen gewinnen werde, und nahm den Abzug. Das hat den Frauen und Jungfrauen von Kulm viel Ruhm und Ehre gebracht, daß sie so mutig und tapfer den Feind abwehren wollen, und ist der Nachwelt unvergessen. *   270. Swentipols Scherz Zur selben Zeit, als Herzog Swentipol gegen den Deutschen Orden aufgestanden war, lagerte er in Pomesanien an einem lustigen Ort an der Weichsel, etwa zwischen Kulm und Thorn, und war guter Dinge. Nun war ein Mann am Hofe Swentipols, der fürchtete sich vor den Deutschrittern schier mehr als vor dem Teufel, und Swentipol hatte mit ihm stets seinen Spott ob jenes Zagheit. So dachte der Herzog auch einen guten Scherz sich aus, ein vertrauter Diener solle über Tafel hastig kommen und schreien: Die Ritter! die Ritter sind da!, und da wollte Swentipol sich recht an des Hofmanns furchtsamem Wesen ergötzen; sagte das auch seinen Heerführern an, daß sie sich, wenn der Diener schreie, ganz ruhig verhalten sollten. Da nun alles beim Mahle saß und der Diener seines Herrn Befehl zu rechter Zeit vollziehen wollte, draußen stand und ohngefähr in das Feld blickte, sah er wirklich die Ordensritter gegen das Lager heranreiten, eilte daher voll Schreck und Angst in den Tafelsaal und schrie: Die Kreuzherrn kommen! Wiß und wahrhaftig! Sie kommen! Rettet euch! Kaum hörte der furchtsame Hofmann dies Geschrei, als er vom besten Bissen aufstieg und eiligst das Weite suchte, auch gelang ihm seine Flucht trefflich, er erreichte einen nahen Busch und rettete sein Leben. Swentipol und seine Hauptleute aber lachten allzumal über den Feigling, der Diener schrie aber immerfort: Auf! Auf! Die Ritter kommen! Da rief Swentipol ihm zu: Halte nun endlich dein Maul, dummer Narr! Siehst du nicht, daß es genug ist? Sie kommen aber doch, die Ritter! Sie kommen! schrie der Diener in einem fort, und schrie gar nicht lange mehr, da waren die Ritter wirklich da und schlugen auf ihre Feinde, die sich eines Überfalles nicht versahen, grimmig los, und alle bis auf Swentipol wurden erschlagen, er selbst aber und nur einer der Seinen retteten sich mit Not und Gefahr durch Schwimmen, indem sie die Weichsel erreichten und sich in den Strom warfen. *   271. Thorn aus einer Eiche Da, wo jetzt Thorn steht, stand in den alten Heidenzeiten die vierte der berühmtesten heiligen Eichen im Lande Preußen, darunter ehrten Priester und Volk die drei ersten Gottheiten des Landes, Perkunos, Pikollos und Potrimpos, und die drei nachfolgenden Götter und auch alle andern geringeren. Die Eiche war von übermächtigem Umfange und auch hoch wie eine Warte. Da kam der erste Landmeister, Hermann von Balke, in das Preußenland, der vertrieb die Heiden und eroberte ihre heilige Stätte und benutzte deren Befestigung. Er war viel klüger als alle die Eiferer, welche die heiligen Eichen umhieben, er ließ die eroberte stehen und machte sie zu einem festen Turme, baute Brustwehren auf sie und wehrte von ihr den Feind trefflich ab. Da nannte man die Eiche Thorn, das ist Turm, und Hernachmals baute sich alldort ein Ort an, der ward auch Thorn genannt, bald aber wieder verlassen und eine Meile weiter wieder angebaut wegen allzu häufiger Überschwemmung, und das wurde das heutige Thorn. An jener alten Götterstätte aber finden sich noch Trümmer, und sie ist ein gemiedener Ort, denn es soll dort nicht geheuer sein von Gespenstern und Geistern. Und lautet diese Sage ungleich glaubhafter und deutscher als jene andere, die Thorn von einem Römer Thorandus gründen läßt oder vorgibt, die Eiche sei ein dem Gotte Thor der skandinavischen Mythe geheiligter Baum gewesen, weil Thor und Perkunos, jeder als Donnergott gedacht, gleichsam ein und derselbe ist. Perkunos war aber im altheidnischen Mythus der Preußen die oberste Gottheit und Thor im skandinavischen nicht die oberste, welches wohl zu unterscheiden. *   272. Ein Dieb rettet Thorn Im Dreißigjährigen Kriege, der seine verderblichen Heereswogen auch über das alte Preußenland wälzte, rückte der schwedische Obrist Helmold Wrangel, insgemein der tolle Helm genannt, in Eile vor Thorn und wollte nach seiner tollen Art die Stadt überrumpeln und einnehmen. Solches wäre ihm auch fast geglückt, aber er hatte keinen guten Tag und keine günstige Stunde gewählt, denn zufällig traf es sich, daß die Thorner einen Dieb hängen wollten, und wie der Dieb auf der Leiter stand und ihm schon die Schlinge um den Hals gelegt werden sollte, schaute er in das weite Feld hinaus und sahe die feindlichen Heerhaufen daherziehen, schrie deshalb überlaut: Der Feind, der Feind! Da liefen die Leute nach der Stadt, und das Amt lief, und die Schergen liefen, und der Henker ließ den Dieb von der Leiter fallen und lief, und der Dieb lief auch, und drinnen in Thorn stürmten sie mit den Glocken und griffen zu den Waffen, den Feind abzuwehren, und wie der tolle Helm ans Tor kam, da war es zu, und von der Mauer herab knallte böser Gruß entgegen, da mußte der Obrist Helmold von Wrangel wieder umkehren und der Stadt Thorn den Rücken zeigen. Dem armen Dieb, der seines Leibes vor dem Tore keinen Rat gewußt und auch wieder mit in die Stadt hineingelaufen war, wurde gern das Leben geschenkt. *   273. Die Fingerlingsbraut An einigen Orten im alten Preußenlande nennen die Leute die Barstukken auch Fingerlinge wegen ihrer kleinen Gestalt. Da saß zu einer Zeit beim Städtlein Leuenburg ein mannlich Geschlecht, die Freiherren von Eulenburg auf Prassen. Und da war auf Prassen gerade ein junges Edelfräulein, das war gar wunderhold und lieblich und von kleinem Wuchs, das sahe der König der Fingerlinge und begehrte es zu freien. Ließ deshalb sittiglich Werbung tun bei den Eltern durch eine Gesandtschaft seiner Zwergmännlein und ließ denen ansagen, wenn sie ihm ihre Tochter gewährten, so solle das Geschlecht derer von Eulenburg gesegnet fortblühen auf alle Zeiten und solle sotanes Glück haften an einem goldenen Fingerreif, der aber wohl und sorgsam bewahrt werden müsse und nimmer verloren gehen dürfe. Das Fräulein aber werde glücklich sein. Die Eltern überlegten sich den Antrag und fanden für wohlgetan, in ihn zu willigen, denn wer sähe nicht gern die Zukunft seines Geschlechts für alle Zeiten gesichert? Darauf bat die kleine Gesandtschaft, es möge ein Zimmer im Schlosse Prassen bestimmt werden, in welches die junge Braut hineinzuführen sei, jedem Lauscherauge und -ohr aber müsse das verschlossen bleiben. In diesem Zimmer nun werde der Barstukkenkönig das Fräulein empfangen. Dieses geschahe, das Fräulein wurde hineingeführt, und niemals hat ein sterbliches Auge es wiedergesehen, und niemand hat erfahren, wohin es gekommen. Man will nachher noch öfter in diesem Zimmer vom Treiben der Fingerlinge etwas wahrgenommen haben, als aber die Neugierde wuchs und die Lauscher es darauf anlegten, etwas zu erlauern und zu erlugen, haben die Fingerlinge das Schloß verlassen, das verheißene Glück ist aber bei dem Geschlecht dauernd geblieben, aus den Freiherren sind Grafen geworden. Einem spätern Besitzer des Schlosses Prassen rief wispernd, als er beim Mahle saß, eine feine Stimme zu, er solle nach dem bewußten Zimmer gehen und hineinrufen: Rotöhrchen! Gelböhrchen ist tot. Als er dies tat, so antwortete eine Stimme: So? Ist Gelböhrchen tot? O große Not! O große Not! – und seitdem habe sich kein Fingerling mehr auf Prassen spüren lassen. Diese beiden Namen aber erinnern an den neckischen Wasserkobold im Flüßchen Spreu im Frankenlande, Schlitzöhrchen geheißen. *   274. Die Kobolde Was im alten Preußenlande die Barstukken, das sind im nordwestlichen und südlicheren Deutschland die Kobolde, denen allda der Namen gar viele und mannigfaltige zugeteilt worden sind, so Heinzchen (bis Aachen), Hütchen und Hinzelmännchen (im Münsterlande), Knechtchen, Kurd Chiemchen, Heimchen (im Vogtlande), Hütchen und Wichtlein (in Thüringen und Franken bis nach Böhmen). Ihre Verrichtung ist fast überall dieselbe: Haus-, Küche-, Boden-, Keller- und Stalldienstleistung, ihr Lohn ein hingestelltes Schüsselchen mit Essen oder Milch. Ihr Anblick ihnen selbst vom Menschenauge unlieb – meist unhold, oft grauenhaft, nackt, in kleiner Kindesgestalt, ein Schlachtmesser durch den Rücken. Ein Kobold auf einem Schlosse zu Flügelau hieß Klopfer. Der tat lange Zeit treulich alle Arbeit, bis eins vom Hausgesinde darauf bestand, ihn sehen zu wollen, da fuhr der Klopfer als Feuerflamme zornig zum Schornstein aus und entzündete das Schloß, daß es bis auf die Mauern abbrannte. Ein ähnlicher Hausgeist auf dem Schlosse Calenberg hieß Stiefel; wieder ein anderer beim Dorfe Elten im Herzogtum Cleve hieß Ekerken (Eichhörnchen), der war von echter Koboldnatur, mehr neckisch und tückisch als hilfreich: man sah von ihm nur bisweilen eine kleine Hand wie die eines Kindes. Aller Kobolde Kobold aber war der vielberufene Hinzelmann. *   Hinzelmann 275. Hinzelmann Im Lüneburger Lande auf dem Schlosse Hudemühlen über der Aller begann man im Jahre 1584 zuerst einen Poltergeist zu spüren, der seine Anwesenheit durch allerlei Pochen und Lärmen kundgab; dabei aber ließ er es nicht lange bewenden, sondern er begann zu reden und zu sprechen, erst mit dem Gesinde, dann auch mit dem Schloßherrn, endlich auch mit fremden Gästen, was im Anfang allen gar graulich vorkam, unverhofft eine Stimme bei sich im Zimmer oder in der Küche vernehmlich reden zu hören und doch keinen Redenden zu erblicken. Da aber diese Stimme gar mild und fein war wie die eines Kindes, da der Spukgeist niemand beleidigte, vielmehr oft lachte, Kurzweil trieb, auch sang, so wurden die Schloßgenossen allmählich an ihn gewöhnt, so daß sie sich nicht mehr fürchteten und grauten, ja an ihn die Frage wagten, wer und woher er sei, wie er heiße, was er gerade auf Hudemühlen zu schaffen habe. Darauf erwiderte er, daß er vom böhmischen Gebirge komme, dort sei seine Gesellschaft, die wolle ihn nicht leiden, deshalb sei er ausgewandert, bis sich seine Sachen in der Heimat besserten. Er heiße Hinzelmann, auch Lüring, und habe eine Frau, die heiße Hille Bingels, von der er jetzt getrennt lebe. Einst werde er sich auch sichtbar zeigen, jetzt schicke es ihm noch nicht, und er sei ein so guter und ehrlicher Hausgeist als irgendeiner und viel besser als viele schlimme. Das war nun dem Schloßherrn und dem Gesinde auf Hudemühlen verwunderlich anzuhören und ganz grauerlich, mit so einem wunderseltsamen Gesellen zusammenzuleben, der nicht daran dachte, seinen Abzug bald zu nehmen, und da dachte der Schloßherr, du willst ihm aus dem Wege gehen und nach Hannover ziehen. Ließ derohalb den Reisewagen zurichten und fuhr nach Hannover zu. Auf der stillen, öden, menschenleeren Strecke zwischen Essen und Brockhof sahen Kutscher und Diener fort und fort eine kleine weiße Flaumfeder neben dem Wagen herfliegen und wußten gar nicht, wie das zugehe, daß diese Feder fort und fort den Wagen begleitete. Als nun der Schloßherr eine Nacht in Hannover zugebracht hatte, war seine goldne Halskette fort, und er machte deshalb Lärm und beschuldigte die Leute im Hause der Entwendung, der Wirt aber nahm sich seiner Leute an und verlangte Beweis oder Genugtuung. Tief verstimmt darüber saß der Schloßherr auf seinem Zimmer, da fragte es neben ihm: Warum bist du traurig? Wohl wegen der Kette, so dir fehlt? – Wie? Du bist hier, Hinzelmann? Mir gefolgt? Und warum? Wo ist die Kette? – Sahst du nicht die weiße Feder, die neben deinem Wagen flog? fragte der Geist. Das war ich, und ich folgte dir zu deinem Besten! Die Kette hast du gestern abend selbst unter dein Hauptkissen verborgen. – Und siehe, es befand sich also. Dem Schloßherrn war zwar lieb, daß die Kette wieder da war, aber daß Hinzelmann da war, das war ihm nicht im mindesten lieb, und zürnte mit dem Geist und beschloß, wieder auf Schloß Hudemühlen zurückzureisen, da er dem Kobold nicht entgehen konnte und dieser an seine Person sich fesseln zu wollen schien. Auf dem Schlosse Hudemühlen nun verwaltete Hinzelmann den Küchendienst in musterhafter Weise; er spülte auf, kehrte scheuerte, putzte, mahnte Knechte und Mägde zum Fleiße an, teilte wohl auch nötigenfalles Scheller aus, pflegte auch der Rosse, wusch, kämmte, striegelte sie, daß sie zunahmen und glatt und glänzend aussahen wie die Aale. Hoch im Oberstock des Hauses Hudemühlen hatte sich Hinzelmann ein Kämmerchen zur Wohnung ausersehen, darin hatte er einen kleinen runden Tisch, einen Sessel, dessen Sitz das zierlichste Strohgeflecht war, das man nur sehen konnte, und welches er selbst kunstreich verfertigt, und eine kleine zubereitete Bettstatt, die aber nie verrammelt war, nur ein Grübchen, wie etwa eine Katze macht, wenn sie sich auf ein Bette legt, fand sich jeden Morgen darin. Aus das Tischchen kam eine Schüssel süße Milch mit Semmelbröckchen, das leckte und schleckte der Hinzelmann so rein aus wie ein Kätzlein sein Schüsselchen. Bisweilen speiste der Geist aber auch mit an Tafel, wo ein Gedeck für ihn bereitgehalten ward. Hinzelmann war gern fröhlich mit den Fröhlichen, sang Reimverschen und Scherzlieder, doch nie eins, das unehrsam gewesen wäre, neckte gern, doch ohne Tücke, und hatte wohl seine Freude daran, wenn das Gesinde aneinander geriet, hetzte auch wohl ein wenig zu und ließ die Schläge, die es dann gegenseitig setzte, bis zu roten Striemen und blauen Flecken gedeihen, aber nicht weiter, daß Gesundheit und Leben nicht litten. Wenn die Gäste einander in die Haare gerieten und vom Leder ziehen wollten, konnten sie die Degen nicht aus den Scheiden bringen, oder es fand sich kein tödliches Gewehr, weil der Hinzelmann alles versteckt hatte. Einen Edelmann, der sich vermaß, den Hinzelmann mit Hülfe einiger Bewaffneten auszutreiben, foppte der Geist weidlich und schreckte ihn dann in Gestalt einer großen Schlange. Einen andern verhöhnte er und sagte ihm, was derselbe noch nicht zu wissen schien, daß er ein großer Narr sei. Als aber gar ein Teufelsbanner kam, der ihn mit Formeln wegplappern wollte, so riß ihm der Geist das Beschwörungsbuch in hundert Fetzen, warf diese im ganzen Zimmer herum und kratzte den Banner blutrünstig, gleich als sei er eine böse Katze. Der Geist hielt sich auch zum christlichen Glaubensbekenntnis, wenn er schon bei dessen Hersagung mit leiserer und heiserer Stimme über manches hinwegglitt; er sang auch geistliche Lieder mit solchen, denen er wohl gewogen war, und diese mit seiner klarer Stimme, genug, es war ein sehr wunderlicher Geist. Einem Freund des Hauses, der vorbeiredete und dies ins Schloß melden ließ, der aber die Einladung Hinzelmanns wegen abschlug, weil er nicht mit einem Teufelsgespenst am Tische sitzen wollte, drohte Hinzelmann mit Rache, machte ihm die Pferde beim Weiterfahren scheu, brachte ihn in Angst und Schreck und warf Wagen und Gepäck und den Reisenden zwischen Hudemühlen und Eickelohr in den Sand. Dem weiblichen Geschlecht war Hinzelmann sehr gewogen und sehr freundlich und umgänglich mit demselben. Besonders erfreuten sich die Schloßfräulein Anna und Katharine seiner Gunst; er unterhielt sich gern mit ihnen, begleitete sie, wenn sie über Land fuhren, als Flaumfeder, ja er schlief zu ihren Füßen auf ihrem Deckbette. Es war aber diese Neigung des Geistes für die beiden Jungfrauen von äußerst lästiger Art, denn er verscheuchte ihnen alle Freier, und es ist dahin gekommen, daß sie beide ledig geblieben und ein hohes Alter erreicht haben. Hinzelmann warnte manchen vor Unglück und Schaden, so eine» tapfern Obersten, der zum Besuche nach Hudemühlen kam und ein guter Schütze und großer Jagdfreund war. Derselbe rüstete sich zu einer Jagd, als Hinzelmann sich vernehmen ließ: Thomas, siehe dich im Schießen vor, sonst trifft dich ein Unglück. Der Oberst achtete der Warnung weiter nicht, aber bei der ersten Jagd zersprang ihm beim Abdrücken auf ein Wild die Büchse und schlug ihm den Daumen weg. Ein anderer mutiger Kriegsmann kam auch zum Besuch, das war ein Herr von Falkenberg, der ließ sich viel mit Hinzelmann in Gespräche ein, neckte ihn und führte allerhand Spottreden gegen ihn, die den Geist verdrossen. Endlich sagte Hinzelmann: Falkenberg, Falkenberg, jetzt verspottest du mich! Komm nur in ein Treffen, da wird dir das Spotten wohl vergehen! – Dem Herrn von Falkenberg waren diese Worte sehr bedenklich, er schwieg und ließ den Geist in Ruhe. Bald darauf zog Falkenberg im Dienste eines deutschen Fürsten mit zu Felde, da riß ihm im ersten Treffen eine Falkonettkugel das Kinn hinweg, und nach drei Tagen starb er an dieser Wunde unter den größten Schmerzen. – Einen übermütigen und hoffärtigen Schreiber äffte und tückte Hinzelmann vielfältig, störte ihn in seiner Liebschaft und quälte ihn des Nachts. – Eine Magd, die den Hinzelmann gescholten hatte, sperrte er eine ganze Nacht lang in den Keller hinter Schloß und Riegel, wo sie sich fast zu Tode fürchtete. Da der Schloßherr wiederholt in Hinzelmann drang, sich ihm doch einmal zu zeigen oder sich mindestens anfühlen zu lassen, gab auf langes Drängen und Bitten Hinzelmann endlich nach und sagte: Siehe, da ist meine Hand. Da fühlte der Schloßherr hin, und es war ihm, als fühle er die Finger einer kleinen Kinderhand, aber kalt, und blitzschnell zog der Geist sie zurück. Als nun der Herr auch bat, ihm sein Antlitz befühlen zu dürfen, und Hinzelmann es zugab, so tastete der Herr an einen kleinen kalten Schädel, der ihm fleischlos zu sein schien, ehe er aber deutlich fühlen konnte, war der Schädel zurückgezogen. – So hatte auch die Köchin die leibliche Ruhe nicht mehr, sie wollte den Hinzelmann durchaus einmal sehen, er sagte ihr aber immer, es sei noch nicht an der Zeit, sie würde ihren Vorwitz bitterlich bereuen, aber sie hielt an, wie das kananäische Weib, bis ihr endlich Hinzelmann sagte, sie möge andern Tages vor Sonnenaufgang hinab in den Keller kommen, aber in jeder Hand einen Eimer Wasser mit hinunterbringen. Das deuchte ihr ein seltsam Verlangen, aber ihre stachelnde Neugier überwog jedes Bedenken, sie ging in den Keller und brachte das Wasser mit. Erst sah sie gar nichts, endlich aber fielen ihre Augen auf eine Mulde in der Ecke, und darin lag ein etwa dreijähriges nacktes totes Kind, dem steckten kreuzweis übereinander zwei Messer im Herzen, und der ganze kleine Leib war mit Blut überlaufen. Über diesen Anblick entsetzte sich die Magd so sehr, daß sie laut aufschrie und dann ohnmächtig niederstürzte. Da nahm der Geist die Wassereimer und goß ihr deren Inhalt über den Kopf, einen nach dem andern, da kam sie wieder zu sich, sah die Mulde und das Kind nicht mehr und hörte nur Hinzelmanns Stimme: Siehst du? Ohne das Wasser wärst du hier im Keller gestorben und nicht wieder zu dir gekommen! – So ungern und so wenig Hinzelmann sich Erwachsenen zeigte, und dann meist schrecklich, so gern gesellte er sich sichtbarlich als ein schönes Kind unter Kinder, spielte mit ihnen, hatte gelbes Lockenhaar bis über die Schultern hängen und ein rotes Sammetröcklein an. Wenn aber Erwachsene seiner gewahr wurden, schwand er sogleich aus dem Kinderkreise hinweg. Als der Geist vier Jahre lang auf Hudemühlen zugebracht, schied er freiwillig und verehrte noch vor dem Scheiden dem Schoßherrn dreierlei Andenken, das war ein kleines Kreuz, von Seide geflochten, fingerslang, inwendig hohl und gab geschüttelt einen Klang von sich, dann ein sehr kunstvoll geflochtener Strohhut und endlich ein lederner Handschuh mit Perlenstickerei in wunderbaren Figuren. Solange diese Stücke in guter Verwahrung beisammenblieben, solle des Hauses Geschlecht blühen und wachsen, würden sie aber mißachtet und verzettelt, so würde das Gegenteil stattfinden. Diese Stücke sind hernach im Besitz der beiden alten Fräulein Anna und Katharine geblieben und von ihnen bis zu ihrem Tode gar hehr gehalten und nur selten gezeigt worden, dann fielen sie an ihren Bruder, der sie überlebte, zurück, kamen auf dessen einzige Tochter, die sich vermählte, und sind dann wahrscheinlich verstreut worden. Hinzelmann schied im Jahre 1588 von Hudemühlen und soll hernach zu Estrup, auch im Lande Lüneburg, seinen Aufenthalt genommen haben. *   276. Der Graf von Hova Drei Gaben sind es, die in mannigfaltiger Gestaltung die Sage durch Erd- und Wassergeister, durch Zwerge und Kobolde edeln Geschlechtern insgemein verleihen läßt und an dieser Gaben Dauer der Geschlechter Fortblühen und Dauerbarkeit knüpft. Wie der Hinzelmann dem Herrn auf Hudemühlen Kreuz, Hut und Handschuh schenkte, die Frau von Hahn dreierlei Stücke Goldes, der letzte Graf von Orgewiler von einer Feine ein Streichmaß, einen Trinkbecher und einen Kleinodring empfing, ingleichen auch die Frau von Rantzau durch ein Männlein oder Fräulein Rechenpfennige, einen Hering und eine Spindel zum Geschenke und Andenken von den Unterirdischen bekam und andere anderes erhielten, also geschähe es auch einstmals einem Grafen von Hoya, daß in der Nacht ein kleines Männlein an ihn herantrat und ihn, da er sich entsetzte, ansprach und sagte: Fürchte dich nicht und höre die Werbung, so ich an dich zu tun habe, und schlage mir meine Bitte nicht ab. – Was begehrst du? fragte der Graf und fügte hinzu: So ich's ohne meinen und der Meinen Schaden gewähren kann, sage ich dir's zu. – Darauf hat das Männlein also gesprochen: Nächste Nacht wollen unserer etliche in dein Haus kommen, deiner Küche und deines Saales sich bedienen, ohne Nachfragen und Lauschen deiner Diener, deren keiner etwas davon erfahren darf, das soll dir und deinem Geschlechte zugute kommen, und in keiner Art soll jemand geschädigt werden. – Der Graf sagte zu, den Wunsch des Zwergmännleins zu erfüllen, und trug Sorge, daß seine Leute sich alle niederlegten und ihrer keiner um Küche oder Saal im Wege war. Da kamen in der Nacht die kleinen Leute alle zu Hauf, wie ein reisiger Zug, und wimmelten über die Brücke hinauf in das Schloß und in die Küche und schafften und rüsteten, kochten und brieten und trugen Speisen auf in den Speisesaal, was aber sonst in diesem sich begab, ist niemand kund geworden. Gegen Morgen kam dasselbige kleine Männlein, das den Grafen zuerst angeredet, dankte ihm höflich und brachte ihm drei Gaben dar; das waren ein Schwert, ein Salamanderlaken und ein güldner Ring mit einem roten Leuen eingegraben, diese drei Stücke solle der Graf wohl bewahren und nicht von sich und seinem Hause lassen, so werde es Glück haben und behalten. Hernachmals hat der Graf wahrgenommen, daß der rote Löwe im Ringschildlein jedesmal erbleichte, wenn in seinem Hause ein Sterbefall bevorstand. Nach der Zeit sind aber die Stücke doch hinweggekommen, und das Grafenhaus ist darauf erloschen; die Grafschaft Hoya aber ist dem Hause Hannover zugefallen. *   277. Der Grinkenschmied Drei Stunden von der Stadt Münster liegt der Detterberg, auf dem wohnte vor alten Zeiten ein wilder Mann, den hießen die Leute Grinkenschmied. Er wohnte in einem tiefen Erdloche, das ganz mit Gras und Sträuchern überwachsen war, daß, wer es nicht wußte und kannte, es auch nicht auffinden konnte. Und in dem Loche da hatte er seine Schmiede und arbeitete treffliche und rare Sachen, die waren von ewiger Dauer, und seine Schlösser vermochte niemand ohne seinen eigenen Schlüssel zu öffnen. An der Kirchentüre zu Nienburge soll auch ein Schloß von ihm sein, das hatte die Eigenschaft, daß es die Diebe, die es erbrechen wollten, gleich festnahm und gefangen hielt. Wenn nun in der Nachbarschaft eine Hochzeit war, so kamen die Bauern zum Grinkenschmied und liehen von ihm einen Bratspieß, dafür mußten sie ihm dann einen Braten geben. Da kam denn auch so ein Bauer vor das Loch und rief: Grinkenschmied! Gib mir 'n Spieß! – Der Grinkenschmied rief dagegen, weil er dem Bauer nicht trauen mochte: Kriegst keinen Spieß, gib mir erst 'nen Braten! – Kriegst keinen Braten, behalt' deinen Spieß! rief der Bauer wieder hinunter. Darüber wurde der Grinkenschmied gar zornig in seinem Loche und schrie dem Bauer nach: Wahre dich, daß ich mir keinen Braten nehme! – Der Bauer ging ganz ruhig nach Hause, aber als er nach Hause kam, scholl ihm großes Wehklagen entgegen, sein bestes Pferd lag tot im Stalle, und eines seiner Hinterbeine war samt dem Schenkel ausgelöst, als hätte es ein Wildbretsmetzger kunstgerecht gemacht, und – fehlte, war hinweg. Das war Grinkenschmieds Braten. *   278. Jägerstücklein Im Münsterlande besaß ein Edelmann weitausgedehnte Forste, und da begab sich's auf seinem Gute, daß der Förster meuchlings erschossen wurde, und als ein anderer die Stelle bekam, ging es diesem ebenso und andern, welche folgten, desgleichen, da mochte endlich niemand mehr in diesem Walde Förster sein, denn die Sache hatte sich in der ganzen Gegend ausgesprochen, und man erzählte sie ganz genau, wie es zugehe mit diesen rätselhaften Ermordungen, nämlich sobald der neue Förster in den Wald trete, knalle in weiter Ferne ein Schuß, ihn aber treffe stets die Kugel mitten in die Stirne, so daß leicht zu ermessen war, daß hier etwas Übernatürliches und grauenhaft Geheimnisvolles im Spiele sein mußte. Daher blieb der Wald einige Jahre fast ganz ohne Aufsicht, bis sich endlich ein vagierender Jäger meldete, der ganz so aussah, als fürchte er weder den Teufel noch seine Großmutter. Der Edelmann sagte ihm aber ganz ehrlich, welche mißliche Bewandtnis es mit der Försterstelle habe, und daß er ihm kaum zur Annahme derselben raten könne und dürfe, wie gern er auch seine Waldung wieder in forstlicher Aufsicht habe: denn auch dazumal wußte man, was man da und dort in neuerer Zeit mit Willen vergaß, daß alle Waldbewirtschaftung nichts nutzt und Schaden verursacht, die nicht durch Forstverständige betrieben wird, womit an vielen Orten und Enden sich manche Gemeinde selbst recht derb ins Auge geschlagen hat. Der Weidmann aber sagte, er wolle es darauf wagen, er fürchte sich nicht vor den unsichtbaren Scharfschützen, er könne auch Jägerstücklein und habe für den, der ihm ans Leben wolle, auch eine gewisse Kugel gegossen und im Rohre stecken, und übernahm also die Stelle und den Wald. Am andern Tage versammelte der Edelmann mehrere Jagdgesellen, den neuen Förster auf seinem ersten Gange in den Wald zu begleiten, aber kaum war dieser betreten, so knallte in der Ferne ein Schuß, aber im selben Augenblicke warf der Jäger seinen Hut in die Höhe, und wie der Hut niederfiel und aufgehoben ward, sahe man, daß er von einer Kugel gerade da durchbohrt war, wo er auf der Stirne des Jägers aufsaß. – Jetzt komme ich, spricht der Hanswurst, sagte der Jäger, nahm seine Büchse von der Achsel und rief: Dem Gruß einen Gegengruß! und schoß. – Alle wunderten sich, die dabei waren, auf das höchste und folgten dem Jäger tief durch den Wald, bis sich an dessen Ende ein Mühlhaus zeigte, aus welchem Klagegeschrei erscholl. Als die Waldgesellen hinzutraten, fanden sie darin den Müller tot – eine Büchsenkugel war ihm mitten durch die Stirne gegangen; er war der jagdzauberkundige Schütze gewesen, der jeden Förster aus der Ferne mit Freikugeln traf, um allein im Walde des Wildstandes Herr zu sein. Dem Edelmann grausete vor solchen Künsten, wie sein neuer Förster nicht minder übte. Dieser konnte die Feldhühner nach seiner Tasche fliegen lassen, soviel er deren bedurfte. Das Wild bannte er, daß es stehenbleiben mußte, wo er wollte, und völlig schußgerecht. In die unglaublichste Entfernung traf der Jäger stets und sicher. Darum nahm der Edelmann einen schicklichen Vorwand und entließ ihn bald wieder aus seinen Diensten. *   279. Jungfer Eli In der Davert, einem Walde im Münsterlande, sind viele Gespenster und Poltergeister gebannt, da dürfen sie nicht heraus, um so greulicher durchspuken sie den Wald. Einer dieser Geister gehörte einer Haushälterin an, welche im Münsterschen Stifte Freckenhorst einer frommen Äbtissin diente, aber nichts weniger als selbst fromm war, vielmehr recht böse, geizig und gottlos. Diese Haushälterin hieß Jungfer Eli. Arme jagte sie mit der Geißel aus der Pforte des Stifts; die Klingel an der Türe band sie fest, daß kein Bettler anläuten konnte; Knechte und Mägde plagte und schalt sie, ließ es wohl auch bei letztern nicht an Püffen und Schellen fehlen. Jungfer Eli trug ein grünes Hütchen mit weißen Federn daraus, so sah man sie häufig im Garten gehen oder sitzen. Eines Tages kam eine Klostermagd eilend zum Pfarrer, er möge gleich ins Stift kommen, Jungfer Eli wolle sterben. Der Pfarrer eilte, sein Weg führte ihn durch den Garten, und da saß Jungfer Eli in ihrem grünen Hütchen mit weißen Federn auf einem Apfelbaum. Wie aber der Pfarrer dennoch in das Haus trat, führte ihn die hochwürdigste Frau Äbtissin an das Bette der Kranken, und da lag Jungfer Eli doch wieder darin und schalt und belferte: Das dumme Mensch hat gesagt, ich wolle sterben, ist nicht wahr, ich will nicht sterben, ich sterbe nicht, ich halt's nicht aus! Geht zum Kuckuck! Endlich aber mußte Jungfer Eli doch sterben, sie mochte wollen oder nicht; wie sie starb, zersprang eine Glocke der Abtei, und bald darauf ging Jungfer Elis Spuken an durch Küche und Stall, über Treppen und Gänge. Mit Saus und Braus fuhr sie wie ein Wirbelwind im ganzen Abteigebäude herum, ja selbst im Stiftswalde sahen sie die Holzknechte von einem Ast zum andern fliegen. Bisweilen trug sie, wie sie sonst getan, eine schöne Torte aus der Küche nach dem Zimmer der Äbtissin, zeigte sie den Mägden und bot sie ihnen an und sagte: Tort, Tort! Wenn nun jene die Torte nicht annahmen, weil sie sich entsetzten, schlug Jungfer Eli ein Gelächter auf, daß die Kannen klirrten, und warf ihnen die Torte vor die Füße, und da war es insgemein ein runder Kuhplappert. Selbst die Äbtissin blieb nicht ungeplagt; auf einer Fahrt nach Warendorf wollte Jungfer Elis Geist zu ihr in den Wagen, und jene entging ihr nur mit List, indem sie einen Handschuh fallen und, während Jungfer Eli sich danach bückte, den Kutscher eilend davonjagen ließ. Endlich berief die Äbtissin die Geistlichkeit der ganzen Gegend, den Spukgeist zu bannen. Die geistlichen Herren fanden sich ein mit allem Rüstzeug zum Bannen und Teufelaustreiben und begannen im Herrenchor der Stiftskirche ihre Zitationen. Da rief eine Stimme: He gickt, he gickt! Und es fand sich, daß sich ein Knabe in die Kirche geschlichen hatte und lauschte. Der Knabe wurde hinausgejagt und schlug draußen ein Höllengelächter auf, er selbst war Jungfer Eli und durch die Herren selbst vom Banne befreit. Doch hals ihr das nicht, denn es wurde gleich ein stärkerer Bann angewendet und Jungfer Eli in die Davert gebannt. Alle Jahre einmal fährt der Sage nach Jungfer Eli mit Gebraus und Getümmel wie die wilde Jägerin über die Freckenhorster Abtei, wirft einige Schornsteine ab und zertrümmert Fensterscheiben, und mit jedem hohen Feste kommt sie der Abtei wiederum einen Hahnenschritt näher. – Von dem Hahnschritt näher erzählt auch die Sage von einem umgehenden Bauer bei Bassum. *   280. Die drei Auflagen Über die Stadt Osnabrück war ein Graf von Tecklenburg als Kirchenvogt gesetzt mit allerlei Rechten. Eines davon war, daß die Metzger sich von ihm mußten ihre Taxe setzen lassen. Diese Taxe brachte stets ein kleiner Burgzwerg auf einem Esel herunter in die Stadt, und ehe er mit der Taxe da war, durften die Metzger kein Lot Fleisch verkaufen, was ihnen stets sehr störend war, denn wenn die Käufer vom Markte hinweg waren, konnten die Metzger ihr Fleisch selbst essen. Vergebens bedrohten sie den Burgzwerg, wenn er sich nicht besser eile, und endlich, als seines Zögerns kein Ende wurde, so griffen sie ihn und zerhackten ihn und legten die Stücke in des Esels Tragkörbe und ließen diesen allein hinauf zur Tecklenburg treiben. Schrecklich war der Zorn des Grafen, er befehdete die Stadt, tat ihr allen Tort an und quälte sie so lange, bis sie um Gnade bat. Der Graf von Tecklenburg aber hatte nicht Willens, Gnade zu üben, sondern sprach höhnend, er wolle Gnade üben gegen das verräterische Osnabrück, wenn die Stadt binnen Jahresfrist zwei Scheffel Wiefelinghöfer einliefere, welches kleine Silberheller waren, die ein früherer Bischof aus dem Geschlechte der Grafen von Weckelinghofen hatte prägen lassen, und die man nur noch selten sah, sodann zwei blaue Windhunde und zwei Rosenstöcke ohne Dornen. Da war guter Rat sehr teuer, diese drei Auflagen zu erlegen. Weit und breit wurden Boten umhergesandt, schlechte Heller gab es genug, aber keine Wiefelinghöfer; blauen Dunst genug, aber keine blauen Windhunde; Rosenhecken genug, aber nirgend dornenlose, denn das gemeine Sprüchwort sagt ja ausdrücklich: Keine Rose ohne Dornen. Für die Münzen wurde endlich doch Rat geschafft, denn der Rat zu Osnabrück ließ verkündigen, daß er Agio auf die Wiefelinghöfer Heller zahle, da strömten aus allen Nachbarlanden die Bettelleute wie Sand am Meere ins Bistum Osnabrück und lieferten Wiefelinghöfer ein, bis der Rat genug hatte und den Kurs wieder sinken ließ, wie ein Rothschild. Unterdessen waren ein Paar weiße Windhunde in ein Zimmer mit blauen Glasfenstern gebracht worden, blau angestrichen, die wurden von blaugefärbten und -gekleideten Wärtern gefüttert mit Blaumeisen, Blaukehlchen und gekochtem Blaukohl aus blauen Geschirren. Da bekamen die Windspiele Junge, die waren schon etwas blau angelaufen, dann wurden von diesen Jungen aber Junge erzielt, die waren blitzblau. Mittlerweile hatte der Rat ausgesonnen, Rosenschößlinge durch enge Glasröhren wachsen zu lassen, da blieben die Dornen inwendig, denn sie hatten keinen Raum, hervorzutreiben. Und so erfüllten die Osnabrücker die drei schweren Auflagen mit Last und Mühe und hatten fortan wieder gute Ruhe; die Metzgerzunft aber wurde bedeutet, ihre Hackekunst nicht wieder an Zwergen zu üben. Das Geschlecht der blauen Windspiele verlor sich bald wieder, aber die dornenlose Rose ward fortgepflanzt und hat sich von Osnabrück aus in alle deutschen Gärten verbreitet. *   281. Hüggeleschmied Nahe beim Dorfe Hagen in der Nähe von Osnabrück ist ein Erzberg gelegen, der heißt der Hüggele, darin hat es vordessen Goldes und Silbers in Fülle gegeben, und hatte auch eine Höhle, in der wohnte ein seltsamer Schmied, in manchen Dingen dem Grinkenschmied verwandt. Er war ein guter Mann beim Leben gewesen und hatte in Osnabrück gewohnt, aber als an einem Sonntag seine Frau aus der Kirche ging und vom Blitz erschlagen wurde, da war er in Verzweiflung gefallen, hatte gegen Gott gemurrt und sich selbst verwünscht. Und da war ein ehrwürdiger alter Mann zu ihm gekommen mit langem weißen Bart, der hatte ihn heißen mit sich gehen und hatte ihn in die Höhle des Hüggele geführt, da solle er über die Berggeister die Aufsicht führen und selbst schaffen und durch rastlose Arbeit büßen. Da hat der Hüggeler stetig geschafft und gehämmert, viel Geräte gefertigt, auch die Pferde beschlagen; die Leute kamen dann, banden das Pferd an einen Pfahl und verließen es auf eine Zeit. Wann sie wiederkamen, war es beschlagen; da legten sie den Lohn aus einen Stein und führten das Pferd hinweg. Sehen ließ sich der Hüggeleschmied niemals. Ein Bursche, von Habsucht verblendet, drang einstmals in Hüggeleschmieds Höhle ein und heischte Gold von ihm. Hüggeleschmied schenkte ihm eine goldene Pflugschar. Kaum war er heraus, so wollte er proben, ob sie auch wirklich Gold sei, und fuhr mit der Hand daran. Im Nu hatte er sich die ganze Hand verbrannt, und was in der Höhle Gold geschienen, war beim Tageslicht nur Glut. Dann war es eine Pflugschar von Eisen. Hätte der Narr fleißig mit ihr geackert, wäre er reich geworden, so aber verfluchte er die Pflugschar und den Hüggeleschmied ob der verbrannten Hand, da fuhr die Pflugschar in die Erde hinein und war da gewesen, im Hineinfahren aber erglänzte sie doch wieder wie gediegenes Gold. *   282. Das Heilige Meer An der Straße zwischen Freren in der Niedergrafschaft Lingen und Ibbenbüren ist das Heilige Meer gelegen, ein weiter See, zweitausendfünfhundert Schritte im Umfange, von dem sagt man, daß es weder Holz noch Schiffe auf sich schwimmen lasse. Dort hat vorzeiten ein reiches Kloster gestanden, in dem es mehr weltlich zuging als geistlich, und lebten Abt und Konvent dem Sinnengenuß sonder Ordnung und Zucht. Da ist es durch des Himmels Zorn in einer grausen Wetternacht untergegangen und ein See an dessen Stelle getreten, des Wasser ist so hell und klar, daß man an sonnigen Tagen drunten noch des Klosters Türme erblicken kann. Manche Leute wallen noch hin und holen dieses Wasser, gleichsam als ein geweihtes, zu heiligem Gebrauch. Bei Stürmen wirft das Heilige Meer noch immer Balken und Sparren des versunkenen Klostergebäudes an die Ufer. Der vorübergehende Landmann, der solche sieht, betet ein Vaterunser oder ein Ave. *   283. Seltsame Brunnen Bei Paderborn ist ein Brunnen, Metron genannt, aus diesem fließen drei Bächlein; deren eines führt ein klares, helles, warmes Wasser, das andere ein trübes, weißes und kaltes Wasser von einem starken Geschmack und das dritte ein grünliches, klares und säuerliches Wasser. Wenn aus dem mittelsten Bächlein Vögel trinken, fangen sie an zu zittern und sterben, und fanden sich solcher Eingeweide und Lungen ganz zusammengezogen und verschrumpft. So quillt auch eine Meile von Paderborn beim Dorfe Altenbeken ein mächtiger Quell zutage, der heißt der Bullerborn oder Polderbrunnen, mitten in sandiger Ebene, wo man keine Quelle vermuten sollte, der kommt und verschwindet dreimal des Tages und bricht dann jedesmal so stark hervor, daß seine Flut drei Mühlgänge treiben könnte, und verrinnt dann, wenn er die ganze Ebene mit großem Getös überschwemmt, wieder im Sande. In Paderborn selbst aber entspringt aus dreien Quellen unterm Choraltar im Dome das Flüßchen Pada, von dem die Stadt ihren Namen soll empfangen haben. *   284. Köterberg Der Köterberg an der Landscheide des paderbornschen, corveyschen und lippeschen Gebietes mag wohl ehedem Götterberg geheißen haben. Viel erzählt von ihm die Sage; daß er innen voll Schätze sei, daß an seinem südlichen bewaldeten Fuße eine Harzburg gestanden habe, deren Reste noch zu sehen, und bei Zierenburg, zwei Stunden von ihr, eine Hünenburg. Öfters haben die Hünen, die auf diesen Burgen wohnten, mit Hämmern herüber- und hinübergeworfen. Einem Schäfer, der auf dem Köterberge seine Herde hütete, erschien eine reizende Jungfrau in königlicher Tracht, die trug in ihrer Hand die Springwurz, bot sie dem Schäfer dar und sagte: Folge mir! Da folgte ihr der Schäfer, und sie führte ihn durch eine Höhle in den Köterberg hinein, bis am Ende eines tiefen Ganges eine eiserne Türe das Weitergehen hemmte. Halte die Springwurz an das Schloß! gebot die Jungfrau, und wie der Schäfer gehorchte, sprang die Pforte krachend auf. Nun wandelten sie weiter, tief, tief in den Bergesschoß hinein, wohl bis in des Berges Mitte. Da saßen an einem Tische zwei Jungfrauen und spannen, und unterm Tische lag der Teufel, aber angekettet. Ringsum standen in Körben Gold und Edelsteine. Nimm dir, aber vergiß das Beste nicht! sprach die Jungfrau zum Schäfer; da legte dieser die Springwurz auf den Tisch, füllte sich die Taschen und ging. Die Springwurz aber ließ er auf dem Tische liegen. Wie er durch das Tor trat, schlug die Türe mit Schallen hinter ihm zu und schlug ihn hart an die Ferse. Mit Mühe entkroch der Schäfer der Höhle und freute sich am Tageslichte des gewonnenen Schatzes. Als er diesen überzählte, gedachte er sich den Weg wohl zu merken, um nach Gelegenheit noch mehr zu holen, allein wie er sich umsah, konnte er nirgend den Ein- oder Ausgang entdecken, durch den er gekommen war. Er hatte das Beste, nämlich das beste Stück zur Wiederkehr, die Springwurz, vergessen. *   285. Deesenberg Gleich dem Köterberge ist auch der Deesenberg weit berufen, daß in ihm viele Schätze verborgen liegen und mancher in das Innere Geführte das Beste vergessen habe. Die Burg auf dem Deesenberge soll, wie manche behaupteten, Karl der Große erbaut und allda seinen Sitz gehabt haben in den Kriegen gegen die Sachsen, habe sich auch mit feinem Hoflager hinabgebannt in den Bergesschoß, wo er gleich dem Barbarossa an einem Steintisch sitzt, durch den sein langer Bart gewachsen ist, und daraus er einst wieder hervorgehen werde und sein großes zerfallenes Reich wiederherstellen. Hirten und Schäfer haben den alten Kaiser vordem zuzeiten sitzen sehen, und solche, die ihm Lieder vorpfiffen, sind beschenkt worden. Ein Bäcker aus dem nahen Warburg, der dem alten Kaiser Weißbrot brachte, empfing reiche Begabung. Sonst ist der Stadt Warburg vom Deesenberge aus mehr Drangsal als Begabung widerfahren. Andere Kunden berichten, daß schon vor Karl dem Großen auf dem Deesenberg eine Bergfeste der alten Sachsen stand, und manche behaupteten dann, der Deesenberg sei das alte Dispargum, darum einst so viel unnützen Gelehrtenstreites war, recht wie um des Kaisers Bart, weil alle die uralten befestigten götterheiligen Burgstätten in frühester Heidenzeit Dispargen hießen, da blieb denn an einer und der andern der frühere Klang des Namens haften, und so mag wohl auch auf dem Deesenberge eine Disparge gestanden haben. Da nun Karl der Große die alten Burgen in jenem Lande alle gewann, Iburg und Syburg, Ehresburg und Bransberg und Bukke und andere, so befestigte er die starke Burg noch mehr und setzte einen seiner Treuen des Namens Konrad Speegel als Burgmann darauf, von dem stammt das berühmte Geschlecht der Spiegel vom Deesenberge ab. In spätern Zeiten wurde die Burg den Bischöfen von Paderborn und den Abten von Corvey ein Dorn im Auge, denn die Besitzer plagten die Umgegend, insonderheit Städte und Stifter, weidlich, und ward oft heftig um den Deesenberg gestritten, die Burg erobert, zerstört und wieder aufgebaut, bis das zahlreich vermehrte Geschlecht ihrer Besitzer am Bergesfuß vier neue Stammsitze baute und die alte Stammburg verließ. *   286. Graf Erpo von Padberg Auf der Burg Bukke, später Bocke, die auch aus den alten heidnischen Sachsenzeiten herstammte, saß ein Graf von Padberg und Flechtorp, der war von wilder und jäher Gemütsart und schonte nichts, wenn erst sein Zorn gereizt war. So hatten sich einmal die Einwohner des Dorfes Horhusen, das jetzt nicht mehr vorhanden, gegen den Grafen aufgelehnt, und er brach alsbald auf, das Strafamt zu üben, alles zu ermorden und den Ort niederzubrennen, denn in jener Zeit parlamentierten die Herren nicht erst ein langes und breites mit dem Aufruhr. Da nun die Rache ihren Anfang nahm und die ersten Häuser bereits brannten, so liefen einige Einwohner voll Schreck und Entsetzen in die Kirche zum heiligen Märtyrer Magnus, rissen das Kruzifix vom Altar und trugen es dem Wüterich entgegen, beim Bilde des Gekreuzigten um Schonung und Gnade flehend. Graf Erpo aber wollte nichts davon wissen, er schlug mit seinem Schwert auf das Bildnis unsers Erlösers, daß die Dornenkrone gleich in Stücke zersprang und zur Erde fiel. Aber im selben Augenblicke durchzuckte des Grafen Hand ein jäher Schmerz, das Schwert entfiel ihr, und die Finger verkrümmten. Da erkannte der Graf die strafende Hand Gottes, ließ ab von Ausübung seiner Rache, begabte die Kirche des heiligen Magnus, erbaute ein Kloster zu Flechtorp und brachte in dasselbe die Gebeine des heiligen Landelin, die früher in Bocke verwahrt waren, und die Bischof Badured im Jahre des Herrn 836 aus Cambray erhalten und der Pfarrkirche des alten Ortes Bukke geschenkt hatte. Graf Erpo starb ohne Erben, und all sein Gut fiel dem Kloster Flechtorp zu. *   287. Die dreieckte Wevelsburg Hoch überm Almetale unterhalb Paderborn erhebt sich auf einem steilen Felsenberge die Trümmer der alten Wevelsburg über dem gleichnamigen Dorfe. Ein Ritter Wevelo von Büren soll ihr den Namen verliehen haben, da er ein Jagdhaus auf der Stätte einer viel ältern Burg sich erbaute, die schon der heilige Mainolf, ein Sachse von Geburt, dessen Taufpate Karl der Große in eigner Person gewesen, besaß und bewohnte. Aus dem Jagdhaus Wevelos ward aber später wieder ein fester Burgsitz, und als solcher umfing die Burg als ein Gefängnis den heiligen Norbert, allwo dieser fromme Mann in einem tiefen Burgverlies schmachtete, das noch bis heute gezeigt und das Norbertsloch genannt wird. Damals besaß Friedrich Graf von Arensberg die Feste, er war es, der Norbert so hart gefangen hielt. Allen Vorstellungen, Norbert freizugeben, widerstand der Arensberger auf das hartnäckigste und verschwur sich hoch und teuer bei einem Mahle, das auf der Burg gehalten wurde. Da geschähe aber etwas sehr Unerwartetes und gar Schreckliches vor den Augen aller Gäste, denn plötzlich schrie Friedrich von Arensberg: Helft, helft! Ich erplatze! – und da erplatzte er auch alsbald, und seine Gedärme fielen ihm aus dem Leibe heraus auf die Erde. Darauf wurde Norbert sogleich freigegeben. Die Wevelsburg ist in eines Dreieckes Form erbaut; sie wurde noch mancher Fehde und manches Kampfes Ursache. Von den Arensbergern kam sie an die Grafen von Waldeck, dann an andere Besitzer und zuletzt an das Hochstift Paderborn. Fürstbischof Dieterich erbaute ein neues, schönes Schloß auf der Wevelsburg altem Grund; das kostete ohne die Frondienste und Fuhren sechsunddreißigtausend Taler, aber die Schweden unter Krusemark verwüsteten es vierzig Jahre nachher auf die greulichste Weise. In dem alten vergessenen Ritterroman Kuno von Kyburg ist der Wevelsburg auch eine Rolle zu spielen vergönnt worden, und nicht unanziehend ist, was sich zu damaliger Zeit, als Kuno von Kyburg durch die Leserkreise spuken ging, auf ihr begab. Ein reicher Lord in England besaß eine im Dreieck erbaute Burg, und diese Seltsamkeit dünkte den Seltsamkeiten liebenden Sohne Albions ein unschätzbares Besitztum. Er meinte, sagte und glaubte, eine dreieckige Burg sei in der ganzen Welt nicht mehr zu finden als nur einzig und allein in England, und auch da nur einzig und allein in **shire, und die sei die seine, des Lords. Da führte das Mißgeschick dem Lord einen Emigranten aus Frankreich zu, der hatte sich in der Welt umgesehen, war auch in Deutschland, in Westfalen und auf der Wevelsburg gewesen, und da nun der Lord so hoch Rühmens machte von seiner dreieckten Burg, so sagte der Emigrant, solcher Burgen gebe es mehr, in Deutschland wisse er auch eine. Das wollte der Lord nimmermehr glauben, nein, dreieckte Burgen könne es nicht weiter geben, der Franzose solle mit auf die Reise, diese Burg müsse der Lord sehen, sagte er, und alle Kosten wolle er tragen und verlange nichts weiter, als daß der Franzose beschämt eingestehen solle, nur der Lord besitze eine dreieckte Burg. Da haben sich die beiden Herren miteinander auf die Reise gemacht und sind Tag und Nacht gereist, über den Kanal und nach Amsterdam, durch Holland und durch das schöne Land Ober-Yssel, nach Westfalen herein, nach Münster und Telgte, über Warendorf nach Rheda und Wiedenbrück, durch Rietberg über das Lauer Bruch, bis sie dahin gekommen sind, wo die Lippe und die Alme sich einen, und endlich sind sie auch auf die Wevelsburg gekommen. Und da hat sich der Lord die Burg recht genau angesehen, und dann hat er gesagt, es sei leider wahr, er sei nicht allein ein dreieckter Burgbesitzer, und ist nach Hause gereist voller Zorn und hat seine Burg abbrechen lassen und sich eine neue vieleckte gebaut, weil er nicht mehr haben sollte eine dreieckte Burg allein. *   288. Der Glockenguß zu Attendorn Eine Witwe, welche zu Attendorn im Lande Westfalen lebte, hatte einen einzigen Sohn, und der ging in die Fremde nach Holland, wo er treu und fleißig arbeitete, die Mutter unterstützte und auch für sich etwas zurücklegte, was er aber alles nach Hause zur Mutter sandte, es ihm aufzubewahren. Da kam eines Tages mit anderen Sachen eine kleine schwarze, aber sehr schwere Metallplatte, welches Erz die Frau, die einen kleinen Laden hielt, unter die Bank stellte, da sie nicht recht wußte, wo sie es aufbewahren sollte, seiner auch nicht hoch achtete. Nun traf es sich, daß die zu Attendorn wollten eine neue Glocke gießen lassen, und da gingen Männer aus der Gemeinde von Haus zu Haus und erbaten altes Metall, Erz, Messing, Kupfer, Zinn, alles, was gut war zur Glockenspeise von zerbrochenen oder abgängigen Geschirren und Hausgeräten, und da die Witwe gerade nichts Entbehrliches von solcher Art hatte, so fiel ihr die alte schwarze Erzplatte ihres Sohnes ein, und sie gab diese den Männern hin. Der Glockengießer reisete bald darauf nach Arensberg, wo er auch Arbeit hatte, indes bereitete sein Geselle zu Attendorn alles zum Guß vor bis zu des Meisters bestimmter Ankunft, formte die Glocke und brachte einstweilen alles Erz in Fluß. Siehe, da blieb der Meister, durch andere Arbeit verhindert, aus, und der Geselle konnte nicht anders als den Guß vollenden, auch war er seiner Sache gewiß. Und das Werk gelang ganz vortrefflich, und als nun die Glocke geläutet wurde, hatte sie einen überaus herrlichen Klang, so daß alles, und sein Werk am meisten, den Meister lobte, obgleich selber Meister nur noch ein Geselle war. Heitern Sinnes gedachte dieser nun nach Arensberg zu reisen, um seinem Meister dort zu helfen, und als er schied, da gaben ihm viele gute Gesellen das Geleite, und hinter ihm schallte das herrliche Geläute seiner Glocke, ihm zu Dank und Ehren. Als nun der wandernde Geselle mit seiner Geleitschaft gegen das Schloß Schnellenberg kam, begegnete ihm auf einer steinernen Brücke zu Pferde sein Meister, welcher schon erfahren hatte, daß der Geselle ohne ihn den Glockenguß meisterlich vollbracht, voller Zorn und Wut, schnaubte ihn mit den Worten an: Was hast du getan, du Bestia! und schoß ihm auf der Stelle eine Kugel durch den Kopf und sprach zu den erschrockenen Geleitenden: Der Kerl hat die Glocke gegossen als ein Schelm, sie muß umgegossen werden! Ritt auch stracklich, als habe er was Rechtes vollbracht, nach Attendorn, in Absicht, die Glocke wirklich umzugießen. Allein die Zeugen der Mordtat klagten ihn an beim Rat, und der Rat ließ ihn alsbald festsetzen und bedeuten, es sei nicht Brauch im Reich, daß jeder Meister an seinem Gesellen zum Scharfrichter werde, und ließ ihn befragen, was ihn zu solcher Untat getrieben, denn ein Hochweiser Rat zu Attendorn sah klüglich ein, daß wohl mehr dahinter verborgen liegen müsse als bloßer Zorn und Eifersucht über ein noch dazu wohlgelungenes Werk des Gesellen. Erst fragten sie gütlich, dann peinlich und sehr peinlich mit eisernen Fragezeichen, als da waren Daumschrauben, spanische Stiefeln, gespickter Hase und dergleichen, und da bekannte der Meister Glockengießer, er habe sich so sehr verzürnt über den Gesellen, weil unter dem eingelieferten Metall eine schwere schwarzgefärbte Goldplatte gewesen, die er, der Meister, für sich habe wegzwacken und zurückbehalten wollen, die habe der Geselle aus Unkunde auch mit eingeschmolzen, und davon habe die neue Glocke den herrlichen Klang. Darum habe er die Glocke nochmals umschmelzen, das Gold ausscheiden und sie neu gießen wollen. Mit diesem Bescheid auf seine Fragen war der Rat zu Attendorn zufrieden und ließ dem Meister den Kopf abschlagen, dem unschuldigen Gesellen aber auf jener Brücke ein steinernes Kreuz zum Andenken errichten. Niemand aber konnte denken, wer in der Stadt zur Glocke eine so kostbare Beisteuer gegeben habe. Da kehrte der Sohn der Witwe mit ziemlicher Habe aus Holland zurück und fragte bald seine Mutter, wo sie die schwere Goldplatte aufbewahrt habe, so er ihr gesendet. Gold? Das war Gold? schrie die Witwe und wurde vor Schrecken bleich und schier ohnmächtig und bekannte mit Zittern, daß sie das ja unmöglich habe wissen können, daß sie die schwarze Platte hingegeben habe zum Glockenguß. Darauf sprach der Sohn: Beruhiget Euch nur, meine liebe Mutter! Es ist gegeben zu Gottes Ehre. Und nun erzählte die Frau ihrem Sohne die Geschichte von dem Glockenguß, und wie es dabei ergangen, daß durch jenes Gold zwei Menschen, einer unschuldig und einer schuldig, ihr Leben eingebüßt, daß sie aber nimmermehr habe denken können, daß aus ihrer Hand das vielbesprochene Gold gekommen, und der Sohn sagte: Gott hat es also vorausbestimmt, wir wollen über den Verlust nicht klagen und nur über das Unglück trauern, das jenes Gold geboren. Nach langen Jahren entzündete ein Wetterstrahl den Glockenturm zu Attendorn, und in der Glut schmolz auch die Glocke. Da ward das Erz gesammelt und geprüft und also goldhaltig befunden, daß von seinem Wert der ganze Turm neu gebaut und mit Blei gedeckt werden konnte. – Ähnliche Sagen von getöteten Glockengießergesellen durch des zornigen Meisters Hand gehen noch viele in Deutschland, so in Groß-Möhringen in der Mark, in Waltershausen in Thüringen und an manchem andern Ort. *   289. Vom Eisenberge Im Waldeckischen erhebt sich ein hoher Berg, den ein Schloß krönte, Berg und Schloß war der Name Eisenberg gemeinsam. Des Eisenerzes birgt der Berg in Fülle in seinem Innern, und auf dem Schlosse herrschten in grauen Zeiten die mannlichen Grafen von Waldeck; viele des edeln Geschlechtes wurden auf dem Schlosse geboren. Aber nicht Eisen allein, auch Gold lieferte der Eisenberg, und lange ward in ihm ein ergiebiges Goldbergwerk betrieben. Aber das Schloß ward Trümmer und schwand hinweg, und das Bergwerk ging ein. Eines Tages hütete ein Schäfer auf des Berges einsamer Höhe. In der Mittagsstunde legte er sich zur Ruhe unter den Schatten eines Holunderbaumes, und als er wieder aufwachte, hatte die Dämmerung schon begonnen. Die Herde lag friedlich um ihn her, aber der Leithammel fehlte. Da hörte der Schäfer diesen kläglich blöken und folgte der Stimme des treuen Tieres. Siehe, da blitzte klarer Schein aus einem verfallenen Kellergewölbe der alten Burg, und drunten im Gewölbe steht der Hammel, und neben ihm steht ein großer Kessel voll alte Taler. Der Hirte, nicht faul, steigt hinunter, greift zu und stopft sich Tasche und Hut voll Taler, dann gibt er dem Hammel einen sanften Stoß, wieder hinaufzuspazieren, und spricht: Du bist ja ein tausendsappermentscher Teufelskerl! Wie der Schäfer geredet hat, erhebt sich droben am Eingange in den Keller ein eisgrauer alter Mann, angetan mit einem langen weißen Rocke, mit Streifen besetzt, rot wie Blut, der hebt ein silbernes Horn zum Munde und bläst mit einem allgewaltigen Schall, daß die Bäume wie vom Sturmwind geschüttelt rauschen, das Gewölbe erdröhnt und der Erdboden schüttert. Von dem entsetzlichen Schall vergeht Hören und Sehen dem Hirten, er wirft alles genommene Geld von sich, unendliches Zagen und Grausen erfaßt ihn, er stürzt besinnungslos zu des alten Greises Füßen nieder. Lange lag er so, als er wieder zu sich kommt, ist es heller Tag, seine Sachen liegen oben neben ihm – die Herde liegt auch da, kein Stück fehlt, nur das Geld, nur das Gewölbe, nur der Kessel, selbst der verfallene Eingang sind verschwunden. *   290. Wetterburg Im Waldeckischen Lande erhebt sich auch die alte Wetterburg, von der ein bedeutender Rest noch im wohnlichen Stande steht. Auf der Wetterburg saß Philipp II. Graf zu Waldeck, der war im Bündnis mit Erzbischof Albrecht von Mainz, gegen welchen Ritter Götz von Berlichingen mit der eisernen Hand in Fehde war. Und da gedachte Götz den Waldecker in seine Gewalt zu bekommen, zog durch die Lande und näherte sich mit seiner Schar der Wetterburg, wo er sich nahe dem Wege von der Burg nach Dalheim in den Hinterhalt legte. Als Götz von Berlichingen nun da lag und lauerte, ward er eines Schäfers ansichtig, der seine Herde hütete, und siehe – mit einem Male rannten fünf Wölfe aus dem Walde und fielen in die Herde ein. Des freute sich des biedern Götzens deutschritterliches Herz, und hörte und sah es gern – wie er selbst erzählt hat – und wünschte den Wölfen Glück und auch sich und sagte zu den Wölfen: Glück zu, lieben Gesellen! Glück zu überall! Und als dies gute Omen sich gezeigt hatte, da kam Graf Philipp von Waldeck von der Wetterburg herunter, und Götz griff ihn an auf paderbornschem Boden und nahm ihn gefangen, dann führte er ihn auf kölnischen Boden, dann durch des Grafen eignes Land, dann durch die Landgrafschaft Hessen, von da aus durch das Hochstift Hersfeld, von da nach Fulda und in die Grafschaft Henneberg und weiter durch sächsisches Land und durch die Hochstifte Würzburg und Bamberg in die Markgrafschaft Nürnberg und in die Bayrische Pfalz bis an den Ort, da er ihn hinhaben wollte, auf eine seiner Burgen im gottgeliebten Schwabenlande. Hierauf berechnete Götz von Berlichingen die vielen Kosten, welche dieser Zug ihm verursacht, und die Zehrung seines Gefangenen, und wenn ihm diese ersetzt würden, wolle er ihn wieder loslassen. Nur hundert Gulden Zehrungskosten und außerdem noch achttausend Gulden – so solle Graf Philipp II. von Waldeck wieder frei werden. Des Grafen treuer Bundesgenoß Kurfürst Albrecht zu Mainz gab keinen Deut her zur Auslösung des Gefangenen, auch fiel ihm nicht ein, gegen Götz einen Feldzug zu unternehmen. Da schnitt der Gefangene einen Büschel seiner grauen Haare ab und schrieb an seinen Sohn, auch Philipp geheißen, und bat ihn beweglich, das Lösegeld für ihn aufzubringen. Solches tat auch der Sohn und zog seinem alten Vater bis Koburg entgegen, wohin Götz seinen Gefangenen vergeleiten ließ, und umarmte den Vater, der noch nach einer Hast von zwanzig Wochen den nämlichen Koller trug, in dem er war gefangen worden, unter Tränen, aber der Vater tröstete ihn mit weisen Worten über des Lebens Wechsel, des Glückes Unbestand, und wie auf Regen Sonnenschein, auf Trauer Freude folge. Von der Wetterburg überblickt der Wanderer einen schönen Teil von Westfalens roter Erde, worauf die heilige Feme ihre blutigen Urteile sprach und vollzog. Besonders zeigt sich die alte Femdingstuhlstadt Volkmarsen, davor »vff dem ride die wirdige königliche Dingstatt des kaiserlichen freienstuls« stand und »die echten rechten freischöffen und procuratoren der heiligen heimlichen achte« zu Gericht saßen. Gar gruselig ist davon zu lesen im Ritterromane Kurt von der Wetterburg oder die unsichtbaren Oberen, es ist aber alles nicht wahr, dieweil es nie Ritter gab, die von der Wetterburg sich nannten oder schrieben. Im alten Keller der Burg aber läßt die Sage keinen poetischen Femrichter, sondern einen sehr prosaischen Geist in Gestalt einer Branntweinstonne spuken, und ist solches gar ein arger, gefährlicher Geist. *   291. Schellpyrmont Eine Stunde weit von dem blühenden Badeort Pyrmont ragt der Schellenberg empor, der trug ein uraltes Schloß, dessen Ursprung in die früheste deutsche Vorzeit hinaufragt. Die Sage will, dort habe Thusnelde gewohnt, Hermanns des Cheruskers Weib. Thusnelde hatte ein Vögelein, das konnte reden, flog im Lande umher und sagte ihr Neues an. Da kam eines Tages das Vögelein auch geflogen und schrie fort und fort: Hessental blank! Hessental blank! und zeigte damit an, daß ein Römerheer durchs Hessental ziehe, von dessen hellen Rüstungen und Gewaffen das Tal erglänzte. Da sandte Thusnelde alsbald Eilboten ab an Hermann, daß er sein Heer rüste, dem heranrückenden Feind zu begegnen. In späterer Zeit war der Schellenberg ein Eigentum der Grafen von Peremont, in deren Grafschaft er lag, und ward deren Stammname abgeleitet vom Namen Petri mons , welsch Pierre mont , daraus zuletzt Pyrmont geworden sei, denn Kaiser Friedrich der Rotbart habe dem Erzbischof Philipp von Köln dieses Stück von Westfalen oder ganz Westfalen zu Lehen gegeben, und dieser habe auf dem Schellenberge ein neues festes Schloß gebaut und dasselbe dem heiligen Apostel Peter zu Ehren Petrimons genannt. Dies zu glauben oder nicht steht einem jeden frei, doch ist außerdem aus keinem der vielen Petersberge, bei Halle, bei Erfurt und sonst, ein Pyrmont geworden. Auch Schellpyrmonts Trümmer haben die Schatzgräber durchwühlt, aber nichts Sonderes gefunden. *   292. Der goldene Kegel Bei Arzen, zwischen Pyrmont und Hameln, liegt der Lüningsberg, auf dem haben über einen schönen grünen Rasen weiße Geister zur Nachtzeit mit goldenen Kugeln nach goldenen Kegeln geschoben. Das ist ein Rollen und Klingen gewesen, daß bisweilen die Vögel vom Schlummer erwachten und des Waldes Tiere gekommen sind und haben neugiervoll unter den Büschen hervorgelugt; die Menschen aber haben sich nicht herzugewagt, denn jedem, der dies hätte versuchen mögen, wandelte ein geheimes Grauen an. Ein kecker Webergeselle faßte sich aber endlich doch ein Herz, er meinte, solch ein goldener Kegel sei mehr wert wie ein hölzerner Webstuhl, und wollte sein Glück einmal mit den Geistern versuchen. In einer lauen Sommernacht erstieg er den Lüningsberg, trat in den Wald, kam an den Geisterrasen, sah des Berges kleine weiße Geister, wie sie eifrig Kegel schoben und keinen Kegeljungen dazu brauchten, denn die Kugeln rollten von selbst zurück, und die Kegel stellten sich von selbst wieder auf. Pfeilschnell und klingend rollten die Kugeln, mit tönendem Hall sanken die Kegel um, und die Tiere lauschten, und die Vöglein huschten im Gezweig. Hui, flog ein Kegel um, der rollte rasch zu dem Weberburschen hin, der ängstlich und bebend im Gebüsche lag, er hatte ihn in der Hand, wußte selbst nicht wie, und nun auf und davon. Alsbald, wie die Geister den Verlust ihres Kegels erblicken, setzen sie hinter dem Räuber her, der läuft schon über die Wiese am Bergesfuß, da fließt die Humme, und ein Baumstamm liegt über ihr als Brücke von einem Ufer zum andern. Wie der Webergeselle den morschen Stamm betritt, merkt er die Geister dicht hinter sich, verfehlt den rechten Tritt, springt in den Bach hinab. Da rufen Stimmen: Das war dein Glück! Im Wasser haben wir keine Macht! Hätten wir zu Lande dich erreicht, so hätten wir dir den Hals umgedreht! und schweben von bannen – der Bursche aber hielt den Kegel fest, kam glücklich heim, baute vom Golde des Kegels ein Haus, freite sein Mädchen und wurde glücklich. Noch zeigt man am Mühlbach das Haus, eine große Linde steht davor, noch zeigt man auch am Lüningsberge die Geisterkegelbahn, aber die Geister kegelten seitdem nicht mehr, da der neunte Kegel ihnen geraubt wurde. *   293. Spuk unter den fünf Eichen Nahe bei Arzen liegt ein Dorf, heißt Selxen, und nahe diesem Dorfe standen fünf alte Eichen, jetzt stehen nur noch drei, man nennt es aber immer noch unter den fünf Eichen, dort tollt zur Nachtzeit greulicher Spuk umher. Schwarze Riesenhunde mit feurigen Telleraugen und rasselnden Ketten, dreibeinige Hasen, luftiges Galgengesindel vom nahen Totenberge, schwarze Raben, Fledermäuse so groß wie Nachteulen rennen, kriechen und fliegen durcheinander. Man sieht wohl auch nackte Jungfern tanzen von greulicher Gestalt. Einstens gingen zwei Bursche von Großenberken, wo sie gearbeitet hatten, nach Selxen zurück, denen begegnete bei den fünf Eichen ein wunderliches Spukding. Es hatte weder Kopf, noch Arme, noch Füße und hullerte auf sie zu und ließ ein Stöhnen hören. Der eine Bursche wollte beherzt darauf zugehen; der andere aber riß den Kameraden zurück, zu seinem Glück. – Ein alter Chirurg aus Arzen hatte noch spät einen Kranken besucht, und als er an die fünf Eichen kam, da saß ein weißes Kaninchen am Wege, das fing der Chirurg, tat es in seinen Schersack und trug es fort, aber je weiter er ging, je schwerer wurde der Sack, er konnte ihn zuletzt nicht mehr tragen, setzte ihn hin und öffnete ihn. Da stieg ein Ding daraus hervor wie ein Mondkalb, über alle Maßen abscheulich, das fauchte ihn an, und da lief er, was er laufen konnte, und ließ den Sack samt allem Gerät darin im Stiche. – Ein anderes Mal kam ein alter Jude des Weges, auch schon spät am Abend, da saß an den fünf Eichen eine weiße Gans. Gott, dachte der Jude, was soll sitzen hier über Nacht die schöne Gans? Ich will sie doch nehmen mit mir und will sie machen fett. Die Gans aber wollte sich nicht gleich fangen lassen, sie zischte und schlug heftig mit den Flügeln, der Jude aber wurde ihrer endlich doch Herr und steckte sie in die Kiepe, die er trug. Wie er aber weiterging, so dachte er: Gott, gerechter, was ist doch die Gans so schwer. Wenn ich sie doch nur erst derham hätt'! Aber er brachte die Gans nicht heim, er mußte stehenbleiben, da rief es aus der Kiepe: Gleich trägst du mich wieder unter die fünf Eichen, Jud, vermaledeiter! Ach wie zitterte und bebte da das arme alte Jüdchen, half aber alles nichts, es mußte gehorchen und die schwere Last wieder zurücktragen, zum Glück wurde sie nun wieder mit jedem Schritt leichter, wie sie erst schwerer geworden war. Und wie das Jüdchen dort bei den Eichen war, kroch ein uraltes spindeldürres Weib fast mit einem Totenschädel und roten Augen und Haut wie Pergament aus der Kiepe und sagte: Danke auch schön, daß du mich getragen hast! und gab ihm einen Schlag ins Gesicht, daß er um und um taumelte. Hinter ihm drein aber rief aus den fünf Eichen eine spottende Stimme den Neckereim: Wer mir die Gans gestohlen hat, Der ist ein Diebl Wer mir sie aber wiederbringt. Den hab' ich lieb. Der arme Jude hat fast den Tod davon gehabt und hat weder bei Tage noch bei Nacht jemals wieder Verlangen getragen, eine Gans, die nicht sein war, zu fangen und heimzuschleppen, wollte auch niemals unter den fünf Eichen lieb gehabt sein. *   294. Die Kinder von Hameln Es geschah im Jahre 1284, daß ein Mann von wunderlichem Aussehen und bunter Tracht gen Hameln kam, der war ein Rattenfänger und verhieß sich, gegen ein gewisses Geld die ganze Stadt von dem Ungeziefer der Ratten und Mäuse zu befreien. Das ward ihm denn von einem hohen Rate und der Bürgerschaft zugesichert, und darauf zog derselbe Mann ein Pfeifchen hervor, ging durch die Gassen und pfiff, wie heutzutage in manchen Städten Hirten und Nachtwächter pfeifen, weil das Blasen auf dem Kuhhorn nicht städtisch genug klingt, und siehe, da kamen die Ratten und Mäuse aus allen Häusern gesprungen und liefen in Scharen hinter ihm drein, wie vordessen hinter dem Bischof Hatto von Mainz her. Da nun der Rattenpfeifer durch alle Gassen gegangen war, so wandelte er mit seinem grauen Gefolge durchs Wesertor hinaus dem Strome zu, schürzte sein Gewand, trat in den Strom, Ratten und Mäuse folgten ihm blindlings nach und ersoffen wie Pharaos Heer im Roten Meere. Nun waren aber die Bürger zu Hameln damaliger Zeit gerade so erschrecklich klug wie viele Menschen noch heutzutage nicht nur zu Hameln, sondern allüberall, sie legten den Maßstab des Lohnes nicht an die Kunst und Wissenschaft, so einer innehatte, sondern an die Arbeit und Plage, die einer hat, um etwas zu vollbringen, und sprachen unter sich: Es ist doch ein sündliches Geld, was dieser Rattenfänger sich bedungen hat für so gar keine Mühe; ja wenn er Fallen gestellt und Gift gelegt hätte in jedem Hause, das ließe sich hören – aber so! Und ist es nicht heillos, daß er das Ungeziefer in die Weser gelockt hat, wo es nun die Fische fressen? Da mag ein anderer Weserfische essen, wir danken dafür. Und wie hat er es denn vollbracht? Mit einem Satanskunststück! Vielleicht gar nur ein Blendwerk; wenn er das Geld hat und fort ist, haben wir zuletzt unsere Ratten wieder. Wir wollen ihm nur das halbe Geld geben, und wenn ihm das nicht recht ist, so wollen wir ihn als einen Zauberer in den Turm werfen und abwarten, ob die Ratten und Mäuse nicht wiederkommen. – So sprachen erst unter sich die vorsichtigen und weisen, auch höchst sparsamen Bürger und Ratsherren zu Hameln, dann hielten sie das alles dem Rattenfänger vor und boten ihm das halbe Geld und drohten ihm mit dem Turme. Da nahm der Künstler das Geld und ging im Zorne. Darauf geschähe, daß am Tage Johannis und Pauli, der heiligen Märtyrer, war der 26. Tag des Heumondes, als die Leute in der Kirche waren, derselbe Rattenfänger wieder in den Straßen zu Hameln gesehen wurde, aber in Tracht eines Jägers mit schrecklichem Angesicht und mit einem roten, verwunderlichen Hut, und pfiff durch alle Gassen. Da kamen aber keine Ratten und Mäuse aus den Häusern, denn die blieben vertrieben und aufgerieben, wohl aber die Kinder, Knaben und Mädchen vom vierten Jahre an, und liefen dem Rattenfänger nach, auch eine schon ziemlich große Tochter des Bürgermeisters, der am meisten den Künstler angeschnurrt und bedräuet hatte, und die Kinder folgten ihm mit großen Freuden, führten sich an den Händen und hatten ihre Lust, selbst ein blinder und ein stummer Knabe gingen die letzten mit im Zuge, und der Stumme führte den Blinden, und hinterdrein kam auch noch eine Kindsmagd, die ein Kind im Mantel trug, die wollte auch sehen, wo es denn hingehen sollte. Der Schwarm zog, den Jäger an der Spitze, die schmale Gasse zum Ostertore hinauf und dann hinaus nach dem Koppelberg zu, der tat sich aus, der Pfeifer ging voran, die Kinder folgten, nur der stumme Knabe, der sich mit dem Blinden führte, blieben draußen, weil der Blinde nicht so sehr eilen konnte, denn knapp vor ihnen tat sich der Berg mit einem Male wieder zu, und da wandte die Kindsmagd auch wieder um und brachte das Geschrei aus in der Stadt, daß die Kinder in den Koppelberg geführt worden. Welch ein großer Schrecken! Die Kirche wurde geschlossen, die Eltern eilten voll Angst hinaus zum Berge, kaum fanden sie noch eine schmale Schluft als Wahrzeichen. Einhundertunddreißig Kinder kamen so hinweg, und nimmer kamen sie wieder, und war in der ganzen Stadt nur ein herzzerreißendes Jammern und Wehklagen und aufs neue schmerzlich offenbar, daß der blödsinnige Geiz und die torheitvolle Sparsucht die Wurzeln allen Übels sind. Lange, lange trauerte Hameln um seine verlorenen Kinder – zwei steinerne Grabeskreuze wurden ihnen an der Stelle geweiht, wo der Berg sich hinter den Kindern zugetan – eines den Knaben und eines den Mägdlein. In der Straße, durch die der Zug zuletzt gegangen, durfte nie wieder Trommelschall und Musikgetöne lautbar werden, selbst der Brautzüge Musik mußte in ihr verstummen, deshalb wird sie auch bis heute die Bungen- (Trommel-) straße genannt, weil in ihr nicht darf getrommelt werden; lucus a non lucendo . Der Unglückstag blieb schwarz angeschrieben in Hamelns Annalen; das Rathaus verewigte sein Andenken in diesen Zeilen einer Steinschrift: Im jar 1284 na Christi gebort tho Hamel worden uthgevort hundert vnd driczig kinder, dosülvest geborn, dorch enen piper vnter den köppen verlorn. An der neuen Pforte wurde die Kunde lateinisch in Stein geschrieben; im Jahr 1572 ließ der damalige Bürgermeister die Wundermär in der Glasmalerei der Kirchenfenster bildlich erneuern, die auch ohne das, vom Mund zu Munde gehend, unsterblich fortlebte. Noch geht die Sage, daß die Kinder von Hameln unter der Erde hinweg nach dem Lande Siebenbürgen geführt worden seien, wo sie wieder an das Tageslicht gekommen und dort, nachdem sie erwachsen, den sächsisch-deutschen Volksstamm begründet hätten. Den grausamen Rattenfänger und Teufelspfeifer hat niemand wiedergesehen, aber nach ihm haben hernachmals alle Ratten- und Mäusefänger des Heiligen Römischen Reichs Jägertracht angelegt und sich Kammerjäger genannt, wie es Kammerknechte, Kammerboten und andere Kammerbetitelte gab und noch gibt. *   295. St. Viti Gaben Vom Kloster Corvey bei Höxter an der Weser gehen viele schöne Sagen. Das Kloster war dem heiligen Veit geweiht und hatte zwar arme, aber sehr fromme Mönche. Nur einmal im Jahre hielten sie ein Gastmahl, und das geschah am St. Vitustage, zu Ehren des Schutzpatrons, und war dennoch mäßig und beschränkt, denn die Einkünfte des Klosters waren gering. Einmal geschahe es, daß St. Vitustag, welches ist der 15. Juni, herankam und es leider dem Kloster fast an allem zu einem Festmahl Nötigen gebrach, an Fischen, an Wildbret und an Wein, nur Gemüse war vorhanden. Vergebens sannen die Mönche, wie sie ohne das Nötigste ihr Fest begehen sollten, siehe, da plätscherte es im Klosterbrunnen, und zwei große Karpfen schwammen darin, und auf dem Hofe stellten sich zwei prächtige Hirsche ein, die waren feist vor der eigentlichen Feistzeit. Das war eine Freude! Fast hätte der Bruder Klosterkoch getanzt. Und da kam mit strahlendem Gesicht der Bruder Kellermeister und trug zwei große Krüge, die er gefüllt hatte am Quell, der in der Kirche hinter dem Altar sprang, und verkündete, daß das Wasser dieses Quells in Wein verwandelt sei. Da nun die Kunde solcher hohen Wunder dem Abt angesagt war, so sprach dieser: Brüder, lasset uns in Demut und Dankbarkeit diese Gaben Gottes und unsers heiligen Schutzpatrones genießen. Es genüge uns aber an einem Hirsch und an einem Fisch, und jeder fülle sich nicht mehr als zwei Kannen Weines. Da ließen die Brüder ohne Widerrede den einen Hirsch ins Freie und den einen Fisch in die Weser und segneten im Herzen den guten Abt, daß er ihnen doch statt nur eines Krüglein Weines deren mindestens zwei erlaubt hatte, und hielten ihr Festmahl zu Ehren St. Viti in Eintracht und Liebe. Seitdem erneute sich diese Spende des Heiligen an jedem Jahrestage, und immer wurde also verfahren wie am ersten. Endlich aber starb der gute und fromme Abt und ward ein anderer erwählt, dessen Gott der Bauch und dessen Heiliger Herr Bacchus war, der bekannte brave Mann, und als St. Viti Jahrtag wieder kam, da ließ der Abt beide Hirsche schlachten und beide Fische und Weines die Fülle füllen und bezechte sich zu Ehren St. Viti weidlich. Und als wieder ein Jahrtag kam, da kam mit ihm weder Hirsch noch Fisch, und der Altarquell sprudelte nach wie vor recht klares frisches Wasser, und der Küchenmeister im Kloster Corvey hieß Bruder Schmalhans. *   296. Engel und Lilien Im Kloster Corvey erschienen alljährlich, und wohl sonder Zweifel am Jahrestage St. Veits, in der Kirche zwei Engel oder auch mehrere, und wenn die Knaben im Singechor das Gloria sangen, stimmten die Engel am Grabmal des heiligen Veit das Responsorium an mit wunderherrlichen Stimmen. Da war einmal ein Propst im Kloster, der glaubte nicht an Engel, und als der himmlische Gesang wiederum sich hören ließ, schritt er hin zum Kenotaph St. Viti und fragte frech: Was singet ihr hier? Wer seid ihr? Von wannen kommt ihr? Da sangen die Engel zur Antwort: Kommet, wir wollen wieder zum Herrn! Die nach ihm fragen, werden ihn preisen! Seitdem durchtönte nie wieder Engelgesang die Klosterkirche, wie es seit dreihundert Jahren immer geschehen war, und das Kloster kam in Verfall, sein weitverbreiteter Ruhmesstern erlosch. Was sich im Dome zu Lübeck zugetragen mit den voraussagenden Todesrosen und dem Mönche Rabundus, dasselbe begab sich im Kloster Corvey mit Lilien. Im Chore der Kirche hing ein eherner Kranz, und im Kranz war eine Lilie, und wenn einer der Brüder sterben sollte, so kam diese Lilie allezeit wunderbarlich herab und lag drei Tage vorher im Stuhle des Bruders, dem zu sterben bestimmt war, und der dann ernst und still sich vorbereitete zum seligen Dahinscheiden. Dieses Wunder war mehrere hundert Jahre lang im Gange, da fand einst ein junger Klosterbruder, der früher als die anderen in den Chor kam, auf seinem Stuhle die Lilie und dachte bei sich selbst, indem er erbebte: Soll ich schon sterben und bin noch so jung? Wäre es nicht besser und mehr in der Ordnung, es ginge damit der Reihe nach, erst die Alten, damit die Jungen Zeit gewännen, auch alt zu werden? Und da lag schon die Lilie aus des jungen Klosterbruders Hand im Stuhle des ältesten Mönchs. Da dieser nun kam und die Lilie sah, entsetzte er sich fast bis zum Tode, denn das hohe Alter stirbt am mindesten gern, weil das Leben so schön ist und den Ältesten nur als eine kurze Spanne erscheint, und erkrankte, doch nicht zum Sterben; nach dreien Tagen aber lag der junge Klosterbruder, der das Todeswahrzeichen, die Lilie, von sich ablehnen wollen, kalt und steif auf dem Brett, von einem jähen Tod hinweggerafft. *   297. Das Fräulein vom Willberg Nahe bei Höxter bildet die Lage der drei Dörfer Godelheim, Amelunxen und Ottbergen ein Dreieck, durch welches die Aa fließt. Godelheim gegenüber liegt der Wiltberg oder Willberg, auf dem ist es nicht geheuer, vorzeiten wohnten Hünen auf ihm, die sich mit den Hünen auf dem nahen Brusberg viele zentnerschwere Steinkugeln zuwarfen. Noch sieht man mitten im Tale das tiefe Loch, das einmal eine solche Kugel, die zu kurz geworfen wurde, in den Erdboden schlug. Ein Fräulein wandelt am Willberge herum und erscheint bisweilen und begabt die Menschen, wenn sie verständig sind. Zwei junge Bursche aus Wehrden, Peter und Knipping haben sie geheißen, gingen in den Wald nach Vogelnestern, der eine war erstaunlich faul, legte sich unter einen Baum und schlief ein, und das war der Peter. Knipping verlor sich im Walde und suchte Nester. Da zupfte den Peter etwas am Ohr. Er wachte auf, sah sich um und sah nichts. Das geschah, nachdem der faule Peter wieder eingeschlafen war, zum zweiten und endlich gar zum dritten Male. Da mochte der Peter nicht länger liegenbleiben an einem so unruhigen Ort und stand auf, einen ruhigeren zu suchen, wo er im Frieden schlafen könne. Siehe, da ging vor ihm her eine weiße Jungfer, die knackte Nüsse auf, warf die Kerne zur Erde und steckte die Schalen in die Tasche und verschwand. Peter las die Nüsse auf und aß sie, und es freute ihn, daß er nicht die Plage gehabt, sie selbst aufknacken zu müssen, denn das wäre ihm schon zu viel Arbeit gewesen. Da Peter nun den Knipping wiederfand, erzählte er ihm, was ihm begegnet war, und zeigte ihm den Ort, wo das wandelnde Fräulein verschwunden war, danach machten sie sich Merkzeichen, holten noch ein paar Kameraden und gruben an derselben Stelle. Da fanden sie ihr Glück, vieles Geld, so viel sie einsacken konnten. Am andern Tage wollten sie mehr holen, da war aber alles verschwunden. Peter war ganz glücklich, er baute sich von seinem Geld ein Haus, darin er herrlich schlafen konnte. Ein anderer älterer Mann, auch aus Wehrden, ging nach Amelunxen, um auf dortiger Mühle Korn zu mahlen. Auf dem Rückwege ruhte er ein wenig aus am Teich im Lau, da erschien ihm das Fräulein vom Willberg und sprach zu ihm: Trage mir zwei Eimer voll Wasser hinauf auf die Stolle vom Willberg. Solches tat der Mann, und als er die zwei Eimer voll Wasser auf den Gipfel des Berges gebracht, sprach das Fräulein: Morgen gehe nach Ottbergen, suche den Schäfer auf und bitte ihn um den Blumenbusch, den er auf seinem Hute trägt, dann komme zu dieser Stunde wieder. Auch dieses tat der Mann, ungern gab ihm der Schäfer den Blumenbusch, ein schönes Jungfräulein hatte ihm denselben geschenkt, er hatte aber nichts damit anzufangen verstanden, wußte nicht, daß das Fräulein vom Willberg die Geberin und daß im Busch die Wunderblume war, vor der sich alle Schlösser und Riegel auftun. Als jener mit dem Busch zum Fräulein auf den Berggipfel kam, sah er eine vorher nie erblickte eiserne Türe, mußte den Blumenbusch vor das Schloß halten, und da sprang die Türe auf. In einer Höhle sah der Mann ein uraltes graues Männlein sitzen, dem war der Bart durch den Tisch gewachsen, und ringsum standen Schätze zu Hauf. Über dem Tisch hing ein goldener Kronenleuchter. Jetzt begann der Mann einzusacken und legte, die Hände frei zu haben, den Blumenstrauß auf den Tisch. Das Fräulein sprach zu ihm: Vergiß das Beste nicht. Da langte der gute Mann nach dem goldenen Kronenleuchter. Da hob das graue Männlein seine Hand und gab ihm eine Dachtel. Des erschrak der Mann über alle Maßen und eilte von dannen, ließ die Blumen liegen und hörte nicht auf des Fräuleins wiederholten Ruf: Vergiß das Beste nicht! Krachend flog die Gewölbetüre hinter ihm zu. Als er drunten am Berge war, angesichts Godelheim, wollte er seinen Schatz zählen – da fand er statt Geldes in seinen Taschen eitel Papierzettel, es stand auf jedem ein Wappen und ein Geldwert. Der gute Mann konnte aber nicht lesen, was daraufstand, und warf das Papier in die Aa, da floß es hin, sein Glück. Es war das erste Papiergeld. *   298. Gaul aus dem Pfuhl Bei Dassel liegt ein Pfuhl, von dem geht die Sage wie von den Teufelskreisen auf dem Schneekopf im Thüringer Walde und vom schwarzen Moor auf dem Rhöngebirge, daß er unergründlich sei und ein Wohnplatz und Tummelplatz des Teufels. Zu Leuthorst saß ein Bauer, der konnte nimmer genug haben und hatte neben dem Pfuhl einen Acker, den pflügte er an einem Sonnabend und brachte sein Werk vor Feierabend nicht zu Ende und pflügte immer fort. Die Betglocke läutete, aber der Bauer hatte kein Acht darauf; er stand nicht still wie andere bei den dreimal drei feierlichen Schlägen, tat seine Mütze nicht ab und sprach kein frommes Vaterunser, er rief vielmehr seinen Pferden zu: Jü hott, ihr Schindmähren! Wollt ihr ins Teufels Namen ziehen, daß 's endlich ein Ende wird? Hatte auch seinen Jungen bei sich, der mußte neben den Pferden herlaufen und sie schlagen und antreiben, und endlich prügelte er selbst die Pferde und den Jungen wie unsinnig und wünschte sie zu allen Teufeln. Schon wurde es dämmerig, da stieg ganz langsam ein großer kohlenschwarzer Gaul aus dem Meerpfuhl, und wie der Bauer den sah, freute er sich der Hülfe und rief dem Jungen zu: Geh hin, fange den Gaul und spanne ihn vor den Pflug in aller Teufel Namen, daß wir mit dem verfluchten Acker zu Rande kommen! Der arme gescholtene und geprügelte Junge heulte und schrie, doch gehorchte er und holte den schwarzen Gaul als Vorspann, und nun ging es, heissa, hast du nicht gesehen; die Schar riß Furchen in den Acker so tief wie ein Weggraben, und der Bauer konnte die Hand nicht mehr vom Pflugsterz bringen und mußte laufen, und wie er an des Ackers Ende war und wenden wollte, da ließ das der Gaul nicht zu, sondern zog immer geradeaus, frisch und gewaltig, bis an den Pfuhl, und da ist er hineingegangen mitsamt dem Bauer, Pflug und Pferden, und ist keines davon wieder zum Vorschein gekommen. In selbigem Teufelspfuhl liegt auch eine goldene Glocke, die stammt vom Kirchturm zu Portenhagen, und weil sie einen so wonnesamen Klang hatte, dem niemand wiederstehen konnte, und alles in die Kirche gleichsam magisch zog (jetzt gibt es leider keine solchen Glocken mehr), da hat sie der Teufel aus Gift und Ärger geholt und in den Pfuhl geworfen. Einst wagte sich ein Taucher in den Meerpfuhl hinab, vielleicht die Glocke heraufzuwinden; da sah er auf einer grünen Wiese einen Tisch, und auf dem Tisch stand die Glocke, aber unter dem Tisch lag der Teufel als ein schwarzer Hund, der funkelte ihn an mit feurigen Augen und streckte eine armslange feurige Zunge gegen ihn heraus, und daneben war auch ein grünes Meerweib, das rief: Noch nicht an der Zeit! Noch nicht an der Zeit! Da eilte der Taucher, wieder hinaufzukommen, und seitdem hat niemals wieder jemand die goldene Glocke gesehen. In der alten Grafschaft Dassel ist auch ein Dorf, Evenhausen, in dessen Kirchturm hängt eine Glocke, von deren Läuten das Volk fest glaubt, daß es die Gewitter vertreibe. Diese Glocke hat die bekannte Aufschrift, welche über Schillers Gedicht von der Glocke zu lesen ist: Vivos voco, mortuos plango, fulgura frango. *   299. Die Hünen Viel weiß in den Gegenden um Höxter, Corvey, Brakel und den Landstrecken durch Westfalen die Sage von den Hünen, Heunen oder Riesen zu erzählen, ja sie erstreckt sich auch nordwärts bis über die Lüneburger Heide hinaus und in die bremenschen Geest- und Marschgegenden. Hünengräber, Hünenbetten, Hünensteine, Hünenkeller, Hünenburgen ruhen im Lande verstreut und gelten dem Volke als Zeugen vom Vorhandengewesensein eines gewaltigen großwüchsigen starken Geschlechtes, es ist aber dabei etwas Eigenes und Wunderbares, die Sage, welche Geister und Gespenster, weiße Jungfrauen und schwarze Hunde zahllos wandern, welche Zwerge und Kobolde einzeln und in Menge sich den Menschen zeigen läßt, läßt mit sehr wenigen Ausnahmen die Hünen weder wandern noch erscheinen; sie berichtet nur von deren ehemaligem Dasein, zeigt Spuren ihrer gewaltigen Kraft und nennt die Orte, wo sie gewohnt, gespielt, gekämpft, mit Kugeln und Hämmern sich aus Stundenferne geworfen haben. Mannigfach blieb der Name des Riesengeschlechtes an Orten haften, so liegt über Brakel die Hinnenburg, die Namen naher Dörfer, Riesel und Reetsen (bei Driburg), scheinen auf Riesen zu deuten. Bei Dransfeld im Göttingenschen liegt ein Hunnen- oder Hünenberg, darinnen will man gleichwohl Riesen gesehen haben; überm Dorfe Altenhagen liegt auch eine Hünenburg. Der letzte ihrer Bewohner brach sie in Trümmer und wälzte auf sich selbst den größten Stein als Grabesdecke. Auf dem Wege nach Salzwedel beim Dorfe Lübbow liegt ein riesiger Hünenstein, eines heidnischen Gottes Altar – der kehrt sich in jeder Christnacht vor Unwillen um, wenn der Hahn kräht. Bei Freren in der Niedergrafschaft Lingen steht auch ein gewaltiger Hünenstein, und sind dort reiche Gräber. In der Lüneburger Heide im Amte Knesen liegt der Pickelstein, den warfen die Hünen vom Kläbesberge dahin. Sieben Kreuze und ein Hufeisenabdruck sind an ihm zu ersehen, und es geht die Sage, daß diese ein Heerführer mit seinem Schwert in den Stein gehauen, und den Hufschlag habe sein Roß eingedrückt als ein Wahrzeichen seines Sieges. Vorzeiten soll das Hegegericht der umliegenden Dörfer am Pickelstein gehalten worden sein. Bei Sievern ruht noch unangetastet ein Hünengrab, das Bülzenbette geheißen, von besonderer Art und Größe. Es ist nicht gut, die Hünengräber zu durchwühlen und die längst Begrabenen in ihrer Ruhe zu stören. Ein Kanonikus zu Ramelsloh grub nach an einem Riesendenkmal bei Steinfeld, dem erschienen in der Nacht drei Männer, von denen der eine einäugig war, mit drohenden Blicken und sprachen zu ihm mit wunderbaren Lauten in uralter Stabreimweise: Heldentod haben Hier wir erlitten. Für das Vaterland Fochten und starben wir. Störern unsers Staubes Strahlt Glücksstern nimmer. Der Kanonikus zu Ramelsloh hat nie wieder nachgegraben. *   300. Amelungen Wundersam verschmilzt sich in den Sagen dieses Gebietes die Kunde von den Hünen (Riesen) und den Hunnen. Gar schwer ist es, zu scheiden, ob der Namensnachhall, der sich an Berge und Burgen knüpft, mehr dem ureinwohnenden riesigen Geschlecht, das lange vor Karl des Großen Zeit diese Gaue bevölkerte, zuzuschreiben sei oder jenem Hunnenvolke König Etzels, das durch Deutschland zum Rheine zog und im Nibelungenliede seine Verherrlichung findet. Unter Etzels Hunnen waren drei Brüder, die nannte man die Amelungen, sie hießen Walamir, Widimir und Theodimir; das waren mit die tapfersten Helden im ganzen Hunnenheere. Nun ist es eigen, daß in der Gegend um Höxter nachfolgende Orte liegen, die samt und sonders an den Namenshall der Amelungen stark oder schwach erinnern: Amelunxen, Amelungshorn, Amelsen, Amelshausen; ja selbst Hameln und Hamelschenburg könnten dahin gedeutet werden, wie andererseits der Dorfname Hiddenhausen, im Dreieck mit Barntrup und Pyrmont, wieder an den friesischen Riesen Hidde erinnert, der zu Karl des Großen Zeiten im Lande Braunschweig lebte, von Karl mit Ländereien an der Elbe begabt wurde und Hiddesacker, heute Hitzacker geschrieben, gegründet haben soll. *   301. Die Zwergenwiege Obschon die Sage geht, daß ein Riese Hiddesacker oder Hitzacker gegründet, so ist gerade zu Hitzacker von Riesen wenig oder gar nicht, desto mehr aber von Zwergen die Rede. Diese sind dort sehr häufig und zu allen Zeiten wahrgenommen worden, bis sie zuletzt ausgewandert sind, weil es ihnen ging wie insgemein den Auswanderern, es gefiel ihnen nicht mehr da, wo sie wohnten, in den Bergen und vornehmlich im Schloßberge zu Hitzacker. Lange haben sie sich mit den Einwohnern sehr gut gestanden, und nicht haben sie, wie die Heinzchen zu Aachen, von diesen Geschirre geliehen, sondern die Leute liehen dergleichen von den guten Zwergen, selbst Braupfannen, wofür sie nichts verlangten, als daß die Leute ihr Geräte reinlich und sauber wieder an den Ort zurückstellten, wo sie es genommen, und etwa einen Krug Frischbier dazu und etwas frisches Brot. Aber einstmals hat ein reisender Handwerksbursche, der so eine Pfanne fand, die zur Zurücknahme hingestellt war, den Zwergen das Brot weggegessen und das Bier weggetrunken und etwas Unsauberes in die Pfanne getan, da sind die Zwerge böse geworden, haben ihr Geräte nicht mehr hergegeben und sich ihr Bier in den Kellern selbst geholt, haben auch die Kinder hernach gern umgetauscht, und wäre solches dem Bürgermeister Johann Schultz, da seine Mutter mit ihm in den Wochen lag, beinahe selbst begegnet, denn die Wöchnerin sah schon, wie sie in der Nacht aufwachte, eine ganze Herde Zwerglein in ihrer Stube sitzen, die einen Wechselbalg wärmten und ihr Kind angriffen, weil sie aber Dosten und Dorant bei sich im Bette hatte, konnten sie ihr und ihrem Kinde nichts anhaben, doch behielt letzteres ein Mal. Dosten und Dorant sind gar gute Kräuter, das erste heißt auch Wohlgemut ( Origanum ), untergestreut vertreibt es die Nattern; des zweiten Name ist vielen Kräutern gemein: der Katzenmünze, dem kleinen Löwenmaul, der Schafgarbe und dem Andorn ( Marrubium ), der letzte ist der echte. Da die kleinen Leutchen fortzogen, hat ein Fährmann sie über die Elbe gefahren, da hat es nur so gewimmelt im Kahn, und hat der Fährmann eine gute Belohnung bekommen. Im Weinberge bei Hitzacker haben die Zwerglein eine goldene Wiege von ihrem Königskind zurückgelassen, die läßt sich alljährlich einmal sehen in der Johannisnacht von zwölf bis ein Uhr, wer gerade die rechte Stelle trifft und sich zu solcher Nachtzeit an den Berg traut. Ein schwarzer Hund mit feurigen Augen bewacht sie. Wer sie holen will, darf nicht reden und darf sich nicht vor dem Teufel fürchten. Zwei beherzte Bursche wollten an das Wagestück gehen, da sahen sie schon die Wiege und keinen Hund, aber plötzlich sahen sie, daß sie unter einem Galgen standen, und oben auf dem Balken saß der Teufel und fahndete mit Schlingen nach ihren Hälsen, da schrieen sie erschrocken auf, und da waren auch gleich Wiege, Galgen und Teufel verschwunden. *   302. Der Brautstein Vielfach trifft man in weiten ebenen Landstrecken des nördlichen Deutschlands, wo weit und breit kein Urgebirge zu erblicken, vereinzelte, oft sehr große Granitfelsenstücke an; die Gelehrten nennen dieselben erratische Blöcke. Ein solcher Block oder Stein liegt auch in der Nähe des Städtchens Lüchow auf der Kolborner Heide, er sieht über und über rotgesprenkelt aus und ragt vier Fuß hoch über den Boden. Ein adeliges Liebespaar, dem des Schicksals Fügung Abschiednehmen gebot, denn der Ritter mußte in den Krieg ziehen, saß auf diesem Steine, der inmitten eines Birkenwäldchens lag, und gelobte sich gegenseitig ewige Treue. Ringsum am Boden blühte ein niedriges Sträuchlein voll weißer Blumen in Fülle. Der Ritter warf die Besorgnis im Gespräche hin, ob die Geliebte ihm wohl treu bleiben werde, sie aber fühlte sich durch solche Frage sehr gekränkt und schwur, daß, wenn sie treulos werde, dieser Fels sich bewegen und ihr Grabstein werden solle. Bei so heftigem Schwur gab sich der Ritter zufrieden und schied beruhigt von der lieben Braut. Es kam aber nach einer Zeit, daß die liebe Braut gar schön ihres fernen Bräutigams vergaß, wie das so zuweilen zu geschehen pflegt, und hatte einen neuen Buhlen und ging mit ihm spazieren auf der Kolborner Heide ins Birkenwäldchen, und kamen auch von ohngefähr an den Felsblock und ließen sich darauf nieder und führten Gespräche von der Liebe des Nächsten. Da erhob sich mit einem Male der Stein riesengroß aus der Erde und zurückweichend – der Liebhaber stürzte an den Rand der dadurch entstehenden Vertiefung, die Treulose aber stürzte hinein recht wie in ein offenes Grab und ward vom Stein, der gleich über sie sich wälzte, so zerschmettert, daß ihr Blut ihn bespritzte und auch die weißen Blumen rings umher. Wieder nach einer Zeit kehrte der Ritter heim, und sein Weg führte ihn durch jenes Wäldchen, und da er an den Stein kam, sah er, daß er mit rötlichen Flecken und Adern überlaufen war und die Blumen rot waren, die zuvor weiß gewesen. Da ahnete ihm nichts Gutes, und er zog sein Schwert und führte einen Streich auf den Stein, da sprang ein Blutstrahl heraus, und ein Klageschrei tönte aus der Tiefe. Da pflückte der Ritter einen Strauß von den Blumen, bestieg sein Roß und zog wieder in den Krieg, aus dem er nimmer heimkehrte. Die Blume, welche zuvor weiß und hernach rot blühte, das ist die Heide. Und den Stein hat man hernach den Brautstein genannt und die Heide Brauttreue. Selten findet man hie und da noch einen Heidestengel mit weißen Blüten. *   303. Die Wehklage Auf der Lüneburger Heide wandelt das Klageweib, ein riesiges hohläugiges, todbleiches Gespenst, in Sturmnächten im wehenden Leichengewand umher und heult durch die Nächte mit grausenvollem Wimmern. Über die Häuser, darinnen jemandem der baldige Tod bestimmt ist, streckt das Gespenst den langen Knochenarm, und ehe der Mond sich vollendet hat, ist auch eine Leiche im Hause. Man weiß auch in Thüringen von diesem Nachtgeist zu sagen und nennt ihn dort Wehklage, so in den Städten Weimar, Erfurt und nach dem Harze herüber. Dunkel, wie die Zeit seines Erscheinens, ist dieses Gespenstes Ursprung und in Schauer gehüllt. Bestimmte Sagen gibt es von ihm sehr wenige. *   304. Die Salzsau Vor achthundert Jahren war um Lüneburg noch eitel Wald und Morast, da geschah es, daß Jäger einer wilden Sau nachgingen, die fühlte sich so recht nach Herzenslust im Schlamm und legte sich dann auf eine trockene Stelle und schlief, und wie die Sonne so recht auf die Sau schien, da gewannen deren schwarzbraune Borsten gar eine schöne weiße Farbe. Das nahm die Jäger wunder, und sie töteten die Sau, und da fanden sie, daß eitel gutes reines Salz an den Borsten kristallisiert war, von einer herrlich gesättigten Sole. Dadurch ward das ergiebige berühmte Salzwerk zu Lüneburg zuerst entdeckt, und es wurde auch von selbiger Sau etwa ein Schinken nicht gegessen, sondern zum ewigen Andenken in eines hochweisen Rates Küchenstube zu Lüneburg aufbewahrt, mit lateinischen Versen und in einem gläsernen Kasten. Auch die Haut mit den kandierten Borsten ward aufbehalten. Das Salzwerk ward die Sülze genannt, und weil Lüneburg neben ihm einen namhaften Berg und eine treffliche Brücke hat, die über den Fluß Ilmenau führt, so ward ein lateinischer Denkspruch auf diese drei Herrlichkeiten gedichtet, der gerade so anfängt, wie es in einem auf die sieben Wunder von Jena lautet, nämlich: Mons, fons, pons . Damit allem Mutwillen beim Salzwerke gesteuert werde, wurde in Zeiten ein Turm erbaut, welcher der weiße Turm hieß, aber seine weiße Farbe nicht, wie die Salzsau, von Salzkristallen erhielt, in diesen Turm legte man mutwillige und boshafte Sülzer und legte sie an eine große schwere Kette, und da hat sich der Teufel auch in den Turm gelegt und hat darin herumrumort, wie im Ponellenturm zu Aachen, und hat alle Nacht ein Maul voll davon abgebissen, welches ihm nicht schlecht muß bekommen sein, denn schon vor mehr als hundert Jahren geschah Meldung vom weißen Turme, daß er ganz zerfallen sei und nur die große Kette noch gezeigt werde. *   305. Der nackte Spiegel Nördlich von Lüneburg liegt die Stadt Bardewick, die war einst gar groß und blühend, reich und mächtig, und das zu einer Zeit, wo die Salzsau noch gar nicht zur Findung der Lüneburger Sülze Anlaß gegeben hatte und diese jetzt so volkreiche Stadt wohl kaum begründet war. Da ließ sich's im Jahr 1189 die Stadt Bardewick gelüsten, sich gegen ihren Herrn, Herzog Heinrich den Löwen von Braunschweig, aufzulehnen und ihm den Einritt in die Stadt zu verwehren. Der war aber ein Löwe, welcher keinen Spaß verstand, am wenigsten den des Trotzes; er zog daher vor die Stadt und traf Anstalt, sie zu stürmen. Die Bürger aber pochten auf ihren Mut und ließen den Herzog von der Mauer herunter einen nackten Spiegel sehen, zum Schimpf und Hohn, und war sotaner Spiegel nicht sonders hell und blank geputzt. Darob ergrimmte der Herzog fürchterlich und schwur den Bardewickern den Spiegel zu putzen, daß die Stadt ewig an ihn denken sollte. Und er hielt Wort auf eine löwengrimmige Weise; drei Tage stürmte er und gewann die Stadt, ließ alles, was nicht entrinnen konnte, niedermachen und verwandelte die blühende alte Stadt ganz und gar in einen Trümmerhaufen. So schwer ward nie ein Hohn bestraft. Ein Jahr später erst ward den Flüchtlingen vergönnt, aus den Trümmern von Bardewick weit davon eine neue Stadt anzulegen, und das wurde Lüneburgs Ursprung, und erst lange nachher siedelten sich allmählich wieder Einwohner auf der Stätte des zerstörten Bardewick an. *   306. Bremer Roland Auf dem großen und weiten Marktplatz zu Bremen steht eine uralte Rolandsäule, die ist das Zeichen der Freiheit dieser Stadt, die nimmer vergehen soll, solange das alte Heldenbildnis steht. Die Sage geht, daß für den Fall, daß ja ein Naturereignis den Roland niederstürze, im Ratskeller noch ein zweiter Roland als Ersatzmann aufbewahrt werde, und müsse solches jedoch innerhalb vierundzwanzig Stunden geschehen, sonst sei es getan um die Bremer Freiheit. Am Rolandbilde steht diese Schrift: Friheit do ick ju openbar Da Carl un mannig fürst vorwar Deser stadt gegefen hat, Deß danket Got, ist min rath. Unten aber am Rolandbilde wird die Figur eines Krüppels erblickt als ein Wahrzeichen, an welche Figur diese Sage geknüpft ist. Es war eine Gräfin von Lesmon, die war reich an Land und Gütern und besaß eine ausgedehnte stattliche Weidefläche. Da es nun dem Stadtrat an einer solchen gebrach, ward sie angegangen durch des Rates Abgeordnete, ihm ein Stück davon kauf- oder lehenweise abzutreten. Da nun darüber die Gräfin mit den Herren Gespräches im Freien pflog, kroch ein äußerst lahmer Krüppel heran und bat die reiche Gräfin um ein Almosen. Dieses dem Krüppel darreichend, sprach die Gräfin lächelnd zu den Ratsverwandten: Ich will der guten Stadt Bremen von meiner Weide so viel zum Geschenk machen, als dieser Lahme in einem Tage umkriechen kann. Sie meinte damit nicht allzu viel zu verschenken, und der Rat meinte auch nicht zu viel zu erlangen, denn das Kriechen des armen Krüppels war gar jämmerlich anzusehen – aber als ihm nun guter Lohn verheißen ward, so fing der Krüppel an so munter und rasch zu kriechen, daß jedermänniglich sich verwunderte, denn er war, obschon lahm, ganz stark von Knochen und von rüstiger Kraft, und so umkroch er die ganze große Bürgerweide, die noch heute der Stadt Eigentum ist. Der hohe Rat bedankte sich bei der Gräfin auf das schönste, verpflegte den Krüppel lebenslänglich auf das beste und ließ zum ewigen Andenken dessen Bild unterm Bilde der Stadtfreiheit, am großen Roland, anbringen. *   307. Gottes Krieg Im Jahre 1349 kam über die gute Stadt Bremen schweres Verhängnis. Die Pest wütete in ihr, und außen vor den Mauern lag ein Feind, Graf Martin von Oldenburg, der sie hart belagerte und bedrängte. Zuletzt wurde die Not durch die Krankheit in der Stadt so groß, daß die Bürger die Mauern nicht mehr verteidigten, die Tore nicht mehr verschlossen, sondern in mutloser Ergebung untereinander sprachen: Sterben müssen wir doch, einerlei wie – komme es, wie es komme. Da nun die Hauptleute vor den Kriegsherrn traten und sprachen: Die Stadt ist offen und unverteidigt, lasset uns hineinfallen und Beute machen nach dem Kriegsbrauch und dem Recht des Eroberers, da sprach Graf Martin von Oldenburg mit ernster Würde: Mitnichten soll also geschehen, denn da Gott, der allerhöchste König, mit der Stadt Bremen kriegt und sie in größter Not sich schon befindet, so ziemt es sich nicht, daß auch wir sie ferner schädigen. Lasset uns einziehen als menschliche Bezwinger, denn ob wir jetzt der Stadt Bremen feind sind, so können wir in der Folge doch wieder ihr Freund werden. Und so geschah es, und der Graf zog ein, und durfte keiner von seinem Volke an Menschen oder am Eigentum der Stadt sich irgendwie vergreifen. *   308. Die sieben Trappen In der Gegend von Hannover beim Dorfe Benthe stehen im Felde sieben Steine aufrecht beisammen, die nennt das Volk die sieben Trappen oder die sieben Gruften. Ein Ackerbauer kam mit seinem Knecht von der Arbeit zu dieser Stelle, und der Knecht erinnerte seinen Herrn, daß er noch ein gut Teil Lohnes stehen habe und diesen Lohn jetzt ausgezahlt zu erhalten wünsche. Der Bauer konnte oder wollte sich auf diese Schuld von dem Knecht nicht besinnen und sagte, er sei dem Knecht nichts schuldig. Der Knecht aber sprach: Ich schwöre bei Gott, daß Ihr mir es schuldig seid! – Und ich schwöre bei sieben Teufeln, daß ich dir nichts schuldig bin! schrie der Bauer. Und der Teufel soll mich beim siebenten Schritt in die Erde schlagen, wenn ich nicht recht habe! – Sprach's, und richtig – beim siebenten Schritt krachte es wie ein Gewitter, die Erde tat sich auf, und vom Bauer blieb nichts zu sehen als seine letzten sieben Trappen, die er dem weichen Fußboden eingedrückt. Nach anderer Sage war es ein Brauer, der mit seiner Magd also ungerecht handelte und sich dem bösen Feind verschwur, und den das gleiche Los für seine Gottlosigkeit traf. Nachher wurden die sieben Steine zum Gedächtnis und Wahrzeichen in die Erde gesetzt und der Gemeinde Benthe deren Erhaltung vom Amte Calenberg empfohlen, gegen Empfang eines halben Scheffel Roggens alljährlich. Niemand geht gerne nachts bei den sieben Trappen vorbei, denn es ist dort nicht geheuer, und mancher Spuk hat dort die Wanderer geäfft und mehr noch erschreckt. *   309. Hilde Schnee Kaiser Ludwig der Fromme jagte einst zur Winterszeit im Walde und verlor sein Reliquienkreuz, das er stetig am Halse trug. Da sandte er Diener aus, das vielwerte Kreuz zu suchen, und siehe, tief im Walde trafen sie mitten im Schnee einen blühenden Rosenstrauch, und an diesem Strauche lag des Königs Kreuz, ließ sich aber nicht von dannen heben und wegnehmen. Da ward dem König die Wundermär angesagt, und er eilte selbst an den Ort und fand nur eine Waldstrecke beschneit in Form eines großen Kirchenschiffes und am obern Ende den über und über voll blühenden Rosenstock und daran am Stamm das Kreuz, daß sich der König über alle Maßen verwunderte. Da rief er aus: Das ist Hilde-Schnee (Rosenschnee), und kniete nieder und betete zu Gott, ihm zu offenbaren, warum das Kreuz nicht von der Stelle wolle. Und da ward ihm offenbaret, einen Dom zu bauen: So weit des heiligen Schnees Umfang reiche, so groß solle des Domes Umfang sein. Da gelobte der König den Bau, und da vermochte er sein Kreuz wieder an sich zu nehmen. Ludwig ließ alsbald den Raum abstecken, den Tempelbau beginnen und trug Sorge, daß der Rosenstock erhalten bleibe. Um das hohe Münster siedelten sich nun Bau- und Werkleute und andere Fromme an, der König verlegte das Bistum von Elze an diesen Ort, der nun fortdauernd Hildeschnee hieß, bis daraus im Laufe der Zeit der Name Hildesheim entstand. Der Rosenstock wuchs fort und gedieh und steht heute noch am Hildesheimer Dome. Seine Wurzeln treibt er bis unter den Hochaltar, da schnitzte einst ein frommer Domherr aus einem Wurzelstock ein Kruzifix, das ward in hohen Ehren gehalten, und jeden Karfreitag, oder jeden Morgen in der Karwoche, mußten die Domherren das Kreuz in das Heilige Grab legen, das im Paradiese, oder der Vorhalle, bereitet war. Einstmals vergaßen die Domherren, dies zu tun, da hob das Bild sich von seiner Stelle und wandelte von selbst in das Grab. Seitdem ward es das Wandelkreuz genannt und noch mehr denn zuvor verehrt. Auch im Hildesheimer Chorgestühle soll, wie zu Corvey durch die Lilie und zu Lübeck und Breslau durch eine Rose, der jedesmalige bevorstehende Tod eines Chorherrn durch eine weiße Rose angezeigt worden sein. *   310. Hütchen Da Bischof Bernhard zu Hildesheim regierte, fand sich in seiner Residenz ein eigentümlicher Kobold ein, welcher nicht wie jener vielförmige Hinzelmann vorzog, unsichtbar zu bleiben, sondern sich vor jedermann in einem Bauernkleide sehen ließ, sehr fromm und gutmütig erschien und beständig einen spitzen Filzhut tief über das Gesicht trug, daher ihn das Gesinde bald nicht anders nannte als Hödeken, das ist Hütchen, weil man von seinem Kopfe eigentlich nur den Hut sah. Dieser seltsame Geist ließ sich gern in mancherlei Gespräche ein, gab guten Rat, fragte und antwortete und erzeigte sich gefällig und hülfreich. Zu einer Zeit, da Graf Hermann von Winzenburg durch einen seiner Vasallen wegen schlimmen Handels und begangener Untat samt seiner Gemahlin ermordet worden war und dadurch des Grafen Land herrenlos, weil er noch keine Kinder hatte, trat Hütchen in derselben Stunde, in welcher die Tat geschah, in des Bischofs Schlafgemach, erweckte ihn und sprach: Stehe auf und wappne dich; die Grafschaft Winzenburg ist erledigt. Nimm dein Volk und gewinne sie dir und deinem Stift. Da brach Bischof Bernhard schleunig auf mit Kriegsvolk, fiel in die Grafschaft, nahm Besitz von ihr und ließ Hildesheim vom Kaiser auf ewige Zeiten mit ihr belehnen. Später fand sich noch ein Erbberechtigter, und um diesen nicht zu sehr zu verkürzen, bekam er nun die Grafschaft vom Bischof zu Lehen. Dieser Graf von Winzenburg hatte zwei Söhne, die schon erwachsen waren und in Unfrieden lebten. Es war bei der Belehnung festgesetzt, daß nicht der Älteste, sondern immer der die Vorhand haben solle, welcher zuerst um die neue Belehnung nachsuchen werde. Als der alte Graf starb, hatte der ältere Bruder nichts Eiligeres zu tun, als sich zu Pferde zu setzen und gen Hildesheim zu jagen; der jüngste aber hatte kein Pferd und war ratlos und konnte für sich nichts hoffen. Da trat Hütchen zu ihm herein und gab guten Rat. Schreibe einen Brief an den Bischof, sprach er. Melde deines Vaters Ableben und suche um die Belehnung nach. Dein Brief soll schneller hinkommen als dein Bruder. Da schrieb der jüngere Graf schnell seinen Brief und drückte sein Siegel darauf, und Hütchen nahm den Brief, schlug Richtwege ein geradeaus über Gebirg und Wald gen Hildesheim und kam eine oder einige Stunden früher an als jener, gerade so früh, daß in der Kanzlei des Bischofs für den jüngeren Bruder ein neuer schöner Lehenbrief in bester Form geschrieben werden und des Bischofs und Kapitels ovale Siegel in blechernen Kapseln darangehängt werden konnten. Der Bergpfad heißt noch heute Hütchens Rennpfad und ist nicht leicht zu finden. So leistete Hütchen gute und nützliche Dienste und erwies sich vielen hülfreich. Einem armen Nagelschmiede schenkte er ein halbes Hufeisen, Nägel daraus zu schmieden, jeder Nagel aber, den der Mann daraus fertigte, ward zu Gold. Der Tochter desselben gab er eine Rolle Spitzen, die kein Ende nahm, soviel man davon maß, doch durfte eine gewisse Zahl Ellen nicht überschritten werden. Ein Domherr zu Hildesheim, dem der Wein besser zu Halse ging als die Weisheit und die Wissenschaft, sollte zu einer Kirchenversammlung als Orator abgeordnet werden, da ward ihm schrecklich bange, denn er fühlte gar zu sehr selbst, daß sein Wissen und Weissagen Stückwerk sei, und daß er mit seiner Redekunst nicht glänzen werde. Auch dem half Hütchen aus Angst und Not; er fertigte ihm ein kleines Kranzgeflecht von Lorbeerlaub, Siegwurz und Allermannsharnisch, das mußte der Chorherr bei sich tragen, und siehe da, auf der Kirchenversammlung erschien der Orator von Hildesheim als ein gar großes und hell brennendes Kirchenlicht, und war jedermänniglich erstaunt und erbaut von des Mannes mächtiger Redegabe, und hätten viel spätere Redner von ihm lernen oder sich glücklich schätzen können, wenn ein gescheites Hütchen ihnen beigestanden. Zu Hildesheim hatte ein Mann ein schönes Weib mit einem vielliebenden Herzen, der mußte verreisen und übertrug dem Hütchen die Hut und Ehrenwache. Welche Not aber Hütchen hatte, diesem Ehrenamte vorzustehen, das ist nicht zu sagen. Freudig eilte der Geist dem endlich heimkehrenden Manne entgegen und sagte: Gut und dreimal gut, daß du wieder da bist! Einmal und nicht wieder dein Weib gehütet, lieber alle Schweine in ganz Sachsenland auf einmal als solch überlistigen und ränkevollen Weibes Hut! Da aber Hütchen neben großer Gefälligkeit doch jezuweilen die schlimme Koboldnatur blicken ließ, sich zornig und rachsüchtig zeigte, auch unnachsichtig der Dienerschaft Fehler rügte, so wurde er dem Gesinde und endlich auch dem Bischof selbst doch zur überlast, und so bannte ihn durch kräftige Beschwörung der Bischof von Hildesheim hinweg. *   311. Irmensäule Im Dom zu Hildesheim wird gezeigt eine Säule, zierlich von Marmor, mit vergoldeten Erzringen, eilf Fuß hoch und ein Marienbild tragend. Die soll früher des alten Sachsengottes Irmin Bildsäule getragen haben und wird daher noch immer Irmensäule genannt. Jenes Götterbild stand zu Eresburg, jetzt Stadt Berge an der Diemel, und ward gebrochen von Karl dem Großen im Jahre 772. Wenn mit einem Messer an die Säule geschlagen wird, gibt sie einen hellen Schall; bei heißer Sommerzeit ist sie sehr kalt und schlägt sich aller Dunst an ihr in Tropfen nieder, so daß sie zu schwitzen scheint. Die Sage geht, daß Karl der Große sie habe nach Hildesheim bringen lassen, und nachderhand hat man auf die ehernen Ringe lateinische Verse eingegraben, welche aber zur Irmensäule und ihrer Geschichte keinen Bezug haben, vielmehr darauf hinzudeuten scheinen, daß die Säule keine andere Bestimmung hatte, als einen riesigen Leuchter abzugeben. Manche sagen, Irmen sei Irmin, Armin, Herrmann, der Befreier Deutschlands, dem göttliche Verehrung zuteil geworden. Ob der Name des Dorfes Armenseid bei Alfeld nicht ein verstümmelter Nachhall des Namens Arminsäule sei, lohnte sich wohl zu erforschen zu suchen. *   312. Von Heinrich dem Löwen Herzog Heinrich, der Herr der Braunschweiger Lande, fuhr über Meer; ein Sturm erfaßte sein Schiff und verschlug ihn und sein Schiffsvolk in unbekannte Meere; alle Speise ging ihnen aus, und der Hunger quälte sie über die Maßen. Da mußte einer nach dem andern sein Leben opfern für der andern Sättigung, und bestimmte das Los den, welcher sich mußte töten lassen. So fristeten sie eine Zeit ihr Leben, und immer fügte es Gott, daß das Los des Herzogs nicht gezogen wurde. Endlich war nur noch der Herzog und ein einziger Diener auf dem Schiffe, und der Hunger nahm kein Ende. So losen wir nun zum letztenmal, sprach traurig der Fürst, und wen das Los trifft, der sterbe. – Nein, lieber tötet mich, o Herr! sprach der treue Knecht. – Nein, wir losen, antwortete der Herzog. Und da warfen sie das Los, und es traf Heinrich. Aber der Diener sprach: Nimmer werde ich meinen liebwerten Herrn töten, ich habe noch einen Rat, ich will Euch in eine Ochsenhaut einnähen und Euer Schwert dazu, vielleicht sendet der Himmel Euch eine Rettung. Das war der Herzog zufrieden, und als es geschehen war, so kam ein Vogel Greif geflogen, der faßte die Haut in seine Krallen, glaubte ein Tier zu rauben und trug die Beute weit übers Meer in sein Nest, dann flog er wieder hinweg, und Heinrich durchschnitt mit dem Schwerte die Haut, und da die jungen hungrigen Greifen ihn anfielen, schlug er ihnen mit dem Schwert die Köpfe ab, dann nahm er sich eine Klaue mit und stieg von dem hohen Baume, darauf das Greifennest war, in den Wald hinab. Lange irrte der Fürst in diesem wilden Walde, endlich hörte er ein nie vernommenes Geschrei, ein Brüllen, das wie Donner klang, und einen heisern pfeifenden Laut und gellend, daß der ganze Wald davon schallte. Wie nun der Fürst dem furchtbaren Schreien nachging, so sah er einen großen Löwen und einen entsetzlichen Lindwurm miteinander im wütenden Kampfe, doch drohte schon der Löwe zu unterliegen. Da gedachte der Fürst, daß der Löwe doch ein schönes und edles Tier und der Tiere König, der Lindwurm aber ein giftiges Tier sei, und stand dem Löwen bei, befreite ihn und erlegte den Lindwurm nach langem Kampfe. Wie der Löwe sich befreit und sein Leben gerettet sah, streckte er sich dankbar zu des Herzogs Füßen und verließ ihn nur, um Speise zu fangen, die er mit ihm teilte. Dem Herzog war in dieser Einsamkeit, in dieser Gesellschaft und bei dieser Kost nicht allewege wohl zumute. Da das Meer nahe war, so baute er sich, so gut er konnte, ein Floß und fertigte ein Ruder, und als der Löwe eines Tages wieder jagen gegangen war, da bestieg der Herzog sein Floß und stieß vom Strande. Bald aber kam der Leu zurück, vermißte den Herrn, folgte seiner Spur, kam zum Strande und sprang alsbald in die Meerflut, dem Floß nachschwimmend, das er auch bald erreichte, und dort streckte er sich wieder geruhig vor den Herrn hin. Aber auf dem Meere gab es kein Wild zu jagen, und die Pein des Hungers kehrte ein mit verzweifelnden Gedanken. Da erschien dem Herzog der Teufel und sagte ihm: Daheim bei dir in Braunschweig geht es heute lustig zu, da ist Freude die Fülle, und du schwebst hier herum zwischen Wasser und Wolken und hungerst; hier ist Hunger bei dir, und dort daheim bei dir ist Hochzeit, denn dein Weib ist deines Ausbleibens müde und nimmt sich einen andern jungen Mann, einen gar schönen Grafen; dich hält sie längst für tot. Herzog Heinrich erschrak über diese Rede, und der Teufel fuhr fort: Du möchtest doch wohl gern auch bei sotaner Hochzeit sein! Ergib dich mir, so führe ich dich noch heute heim, da kannst du mit tanzen. – Das wolle Gott nicht, das ewige Licht, daß ich ihm abfalle und dein sei, sprach der fromme Herzog, und der Teufel antwortete: Was dein Gott will oder nicht will, weiß ich nicht. Helfen scheint er dir nicht zu wollen, ich aber will's, ich bin da, besinne dich, eh dich's reut, zu solcher Hochzeit kommt einer nicht alle Tage, und morgen wär's zu spät. – Meine Seele würde ewigen Schaden leiden, so ich dir folgte, sprach wieder der Herzog, und der Teufel erwiderte: Deine Seele wird auch nicht schnurstracks in den Himmel fahren, Pein muß sie leiden, so oder so. Du hast von meinem Reiche keine rechten Begriffe, es ist gar nicht so übel, da zu sein, die sogenannte Seligkeit ausgenommen, sieh, ich wohne schon lange allda und befinde mich leidlich wohl. Ich schlage dir vor, du läßt dich heimführen. – Aber mein Löwe, sagte Heinrich, der ist gar zu gut und treu, möcht' ihn nimmer missen. – Auch den bringe ich, sagte der Teufel zu und stellte die Bedingung, daß Heinrich nur dann ihm angehören sollte, wenn er ihn bei der Wiederankunft mit dem Löwen auf dem Giersberge nahe bei Braunschweig schlafend finde. Außerdem verlangte der Teufel für seine große Mühe gar nichts. Herzog Heinrich, der sich herzlich nach seiner Gemahlin, wie nach Erlösung aus seiner trostlosen Lage sehnte, willigte endlich in diesen Beding und ward alsbald vom Teufel durch die Lüfte bis auf den Giersberg geführt und auf diesen abgesetzt. Nun wache fein! rief der Teufel und schwang sich wiederum hinweg, den Löwen zu holen. Der Held fühlte sich von Entbehrung und der Luftfahrt matt und todmüde, bald konnte er sich des Schlafes nicht mehr erwehren, er legte sich in das Grüne und schlief wie ein Toter. Jetzt kam der Teufel mit dem Löwen weit durch die Luft gesaust. Mit seinem Teufelsauge sah er schon aus endloser Ferne den Schlafenden und schnalzte vor Freude mit der Zunge, denn er hatte vorausgewußt, daß der Fürst schlafen müsse und werde. Aber als er näherkam, sah der Löwe bald auch den Herrn liegen, steif und starr, meinte, derselbe sei tot, und erhob ein so furchtbares Gebrüll, daß sie drunten in Braunschweig sagten: Wir bekommen Gewitter, es donnert schon. Von dem Gebrüll aber wachte Herzog Heinrich auf, und der Teufel war wütend, daß er ihn nun nicht schlafend fand, und warf den Löwen aus der Höhe herunter, daß es krachte. Der Löwe aber, nach Katzenart, fiel sich keinen Knochen entzwei, sondern kam auf seine Beine zu stehen und folgte darauf seinem Herrn nach der Stadt und nach seiner Burg, aus der ihm viel Musikgetön und Jubel entgegenscholl. Das war die Hochzeitfreude. Der Herzog ließ die Braut als ein Pilgrim um einen Trunk Weines bitten, und diese sandte den Becher. Der Pilgrim zog einen Ring vom Finger, warf ihn, nachdem er getrunken, in den Pokal und bat den Diener, der Herrin beides zu übergeben. Da erkannte die Herzogin ihres Gemahles Ring und ließ den Pilgrim zu sich in den Saal entbieten; der kam, und ihm folgte sein Löwe nach. Da erkannte sie ihren Gemahl und fiel ihm zu Füßen und hieß ihn willkommen, und alle Diener jauchzten, und der junge Bräutigam wurde durch eine junge Braut entschädigt. Hernach hat Herzog Heinrich, den man nur den Löwen nannte, noch lange Jahre glücklich regiert, und da er endlich starb, hat sich sein Löwe auf sein Grab gelegt und ist auch gestorben. Da wurde er auf der Burg begraben und ihm ein ehern Denkmal errichtet. Andere sagen, Herzog Heinrich habe solch ehernen Löwen schon bei seinem Leben gießen und aufrichten lassen. Des jungen Greifen Klaue aber hatte Heinrich im Dom aufhängen lassen, zum Zeichen seiner Meer- und Luftfahrt. *   313. Die tote Braut Es war ein Brauer zu Braunschweig, der hatte eine schöne Tochter, und diese liebte von Herzen einen jungen Kaufmann aus Bremen, und die Liebenden beide schwuren einander im Leben und im Tode treu zu sein, und wer die Treue bräche, den solle der andere Teil noch im Grabe mahnen dürfen. Nun mußte der Kaufmann von dannen reisen, in der Welt sein Glück zu machen und zeitlich Gut zu erwerben, und blieb länger aus, als seine Geliebte hoffte. Der Vater aber hatte ohnedies diese Liebe nicht gern gesehen und sich einen Schwiegersohn gewünscht, der baß verstände, gute Braunschweiger Mumme zu brauen, und da er einen hübschen und geschickten Werkmeister hatte, so wollte er, dieser und kein anderer solle sein Schwiegersohn werden, und die Tochter mußte sich diesem von ihr nicht geliebten Mann verloben. Aber bald darauf warfen Sehnsucht und Gram sie auf das Krankenlager, von welchem sie nicht wieder aufkam. Kaum war sie begraben, so kam ihr früherer Bräutigam an, erfuhr, daß seine Braut als die Verlobte eines andern gestorben sei, und konnte der Sehnsucht nicht widerstehen, sie noch einmal zu sehen. Er verleitete daher den Totengräber durch Geld, heimlich das Grab wieder aufzuschaufeln und den Sarg zu öffnen. Als dies geschehen war, lag das Mägdlein, bleich und schön, mit einem Kranz um die Stirne im himmlischen Frieden, der vom Angesicht der Toten uns anblickt, und da sprach der Jüngling: O meine liebe, liebe Braut, konntest du wirklich mein vergessen? So mahne ich dich bei unserm dreimal heiligen Schwur an dein mir gegebenes Gelübde! Als der junge Kaufmann diese Worte gesprochen hatte, ist die Tote erwacht und hat die Augen aufgeschlagen und geseufzt: Dein, nur dein, im Leben und im Tode, und hat ihre Arme erhoben und fest um ihn geschlungen. Da ist der Totengräber vor jähem Schreck umgefallen, und als er wieder zu sich kam, siehe, da war der Sarg leer und von den beiden Liebenden keines mehr zu sehen gewesen, und nie hat wieder jemand etwas von ihnen erfahren. Da nun diese Geschichte in der Leute Mäuler kam, schämte und ärgerte sich der zweite Bräutigam, der Mummebrauer, über alle Maßen, zumal er bei sich dachte, die ganze Sterbe- und Begrabe- und Aufgrabesache möchte wohl nur ein abgekartet Spiel gewesen sein, ihm die Braut zu entreißen, und wußte sich nichts Besseres zu raten, als dem Teufel die Sache in die Schuhe zu schieben, der so immer alles getan haben soll, was die Menschen Unrechtes oder Dummes taten und tun. Ließ derohalben ein abscheulich Zerrbild schnitzen und am Hausgesimse, recht vor aller Augen, fest machen, da sah man ein Mägdlein aus einem Sarge steigen und dem Teufel mit dem Pferdefuß die Hand reichen, und ließ auch einen nicht weniger überaus abgeschmackten Spottreim darunter schreiben, der gerade schmeckte wie saure Mumme. Lange hat das alte Haus gestanden mit Reim und Bildwerk, endlich ist's abgebrochen worden, aber die Sage davon lebt noch im Volke zu Braunschweig immerdar fort. *   314. Die Tänzer von Kolbeck Im Dorfe Kolbeck bei Halberstadt war vor langen langen Jahren ein Bauer, der hatte immer den Krug lieber als die Kirche und trieb gern leichtfertige Sachen. So ließ er sich beigehen, in einer Christnacht mit noch fünfzehn Kameraden, die er beredete, und drei Weibsbildern während der Christmette auf dem Kirchhof einen Tanz zu halten mit lautem Juhu und Heirassa. Darauf trat der Pfarrer aus der Kirche und strafte die Tänzer, welche die heilige Weihnacht so freventlich entweihten, mit ernsten Worten, aber der Bauer kehrte sich nicht daran, vielmehr rief er dem Pfarrer spottend zu: Du heißest Ruprecht, ich heiße Albrecht! Sing du drinnen deine Leichen (Liedweisen), Wir singen und tanzen draußen unsern Reigen. – Da hob der Pfarrherr seine Hände auf und rief: Ei so wolle Gott und Sankt Magnus, daß ihr tanzen müßtet Jahr und Tag! Und alsbald ging diese Verwünschung in Erfüllung. Die Tänzer vermochten nicht einzuhalten, nicht aufzuhören, fort und fort riß es sie hin mit Allgewalt, der Morgen kam, und der Tag verging wieder – sie tanzten, und durch die Nacht hindurch tanzten sie, und am folgenden Morgen, und das immer so fort, Tag und Nacht. Regen traf sie nicht, die Sonne brannte sie nicht, nicht Hunger und Kälte, nicht Durst und Hitze fühlten sie, ihre Schuhe rissen nicht ab, an ihren Kleidern war kein Zergang. Als der tolle Reigen begann, wollte der Küster, dessen Schwester auch dabei war, dieser mit Gewalt Einhalt tun und sie losreißen, da hatte er ihren Arm in der Hand, und sie tanzte einarmig weiter. Und das ging so fort Tag und Nacht, zwölf volle Monden lang, und hatten sich bis auf halbe Leibeshöhe in die Erde getanzt und einen Graben mitten durch die Gräber. Da kam endlich der Bischof Heribert von Köln, der sprach über die Tänzer Gebet und Formel und lösete sie aus dem Bann ihrer Sünde. Viere sanken alsbald tot zu Boden, die andern erkrankten schwer. Danach hat man so viele Steine an den Ort gesetzt, als Tänzer und Tänzerinnen waren, und hat das Dorf Tanzdorf genannt, und ein Grauen ging die Menschen an, wenn sie nur den Namen nennen hörten. *   315. Die Kröppel Zwischen Braunschweig und Halberstadt bei Dardesheim und in der ganzen Umgegend längs den nördlichen Ausläufern des Harzwaldes hin gibt es viele Sagen von Zwergen, und werden dieselben, wie sie fast in jeder Gegend anders heißen, dort herum Kröpel oder Kröppel (Krüppel) von ihrer kleinen, schiefen und zum Teil buckligen Gestalt genannt oder auch Lüttchen (kleine Leute). An vielen Orten zeigt man noch Felshöhlen als ihre früheren Wohnungen, denn jetzt gibt es längst keine Zwerge mehr. Ihre Art und ihr Wesen war dem gleich, wie sie am häufigsten geschildert werden. Gut und hülfreich, Gefäße leihend, mit geringer Belohnung zufrieden, aber auch mit Diebesgelüsten begabt und leicht erzürnt. Bei Dardesheim kommt aus einem Berge der Smannsborn; dort wohnten sie am liebsten; östlich zieht am Berg ein Acker hinan, den hatte ein Schmied namens Reichert mit Erbsen bestellt, wie aber die Erbsen reif waren, wurden sie ausgepflückt. Das verdroß den Schmied, und er legte sich auf die Wacht, sah und hörte aber niemand, und doch fand er abermals Erbsen weggepflückt. Da dachte er, du willst die Erbsen gleich auf dein Acker ausdreschen, und brachte sich einen tüchtigen Dreschflegel mit in sein Wächterhäuschen, mit welchem er am grauenden Tag sein Werk begann. Auf einmal hörte er einen Schrei – und siehe, da lag ein Kröpel, dem er nicht nur die Nebelkappe ab-, sondern auch den Schädel eingeschlagen hatte. Dadurch nun, daß der Kröpel die Kappe verloren, mußte er sichtbar werden, die andern hatten aber bei der Flucht die Kappe mit weggerafft. Späterhin sind die Kröpel über das Dorf Warnstedt zwischen Quedlinburg und Thale hinweggezogen und haben ihren Weg morgenwärts genommen, vielleicht ihrer alten Heimat wieder zu. Auch bei Seehausen im Magdeburgischen gab es deren viele und ebenso zwischen Blankenburg und Quedlinburg. Dort war in einem Dorfe, vielleicht in Warnstedt oder Westerhausen, ein Bäcker, dem stahlen die Zwerge so viel Brot, daß er darüber arm wurde. Da vertrugen die Leute sich ferner nicht mehr mit den Kröpeln, sondern nötigten sie auszuwandern. Seitdem läßt sich nur selten noch ein Zwerg blicken. *   316. Der Graf im Feuer In der Gegend um Halberstadt liegt ein Berg, der ist der Feuerberg geheißen, darin hat der Böse sein Wesen und quält die Bösen. Ein schlimmer Graf schuldete einem Manne seit vielen Jahren vieles Geld, und der Gläubiger konnte die Bezahlung nimmer erlangen. Nach einer Zeit war der Graf abhandengekommen, und die Rede ging, er sei in fernen Landen gestorben, der Teufel möge wissen, wo er liege. Der wußte auch, wo er den Grafen hingetan. Nun machte sich jener Mann noch einmal auf, von den Erben seine Schuld zu heischen, allein die wußten von keiner Schuld und drohten dem Manne Zahlung mit harter Münze auf seinen Rücken an, so er nicht gehe auf Nimmerwiederkehr. Da ging der arme betrogene Mann traurig im Walde, und da trat ihn ein Fremder an und fragte ihn, was ihm denn fehle. Und da klagte ihm der Mann sein Leid und seinen Kummer. Willst du den Grafen sehen, so folge mir nach, sprach der Fremde, und der Mann folgte ihm nach und kam auf einen hohen kahlen Berggipfel, der tat sich auf, und da sah jener alles darinnen hell und lichterloh brennen, und mitten in der ungeheuern Flammenlohe saß auf einem glühenden Stuhle der Graf und schrie ihn an: Nimm dies Tuch, bringe es den Meinen zum Zeichen, daß du mich gesehen, und sag ihnen, wie ich leiden muß, und reichte es dem Gläubiger hin, und seine Finger und Hände glühten und knisterten und sprühten Funken von sich. Darauf ward der Mann zurückgeführt und hat sein Geld dann gern erhalten. Später hat sich der kahle Feuerberggipfel mit Eichen und Tannen bewaldet. *   317. Der Hackelnberg und die Tut-Osel Im Braunschweiger Lande saß ein gewaltiger Nimrod, der auch in der Tat Oberforst- und Jägermeister war, Herr Hans von Hackelnberg, dem war Jagen seines Lebens einzige Lust. Da übernachtete er einmal so recht mitten in seinen Jagdparadiesen, den Wäldern, auf der alten Harzburg, hatte aber einen bedenklichen Traum. Es träumte ihm, ein ungeheurer Eber nehme ihn an und kehre gegen ihn seine furchtbaren Hauer und verwunde ihn und renne ihn nieder. Den Traum konnte der Hackelnberg gar nicht vergessen. Nicht lange danach stieß ihm im Vorharz wirklich ein Eber auf, wenn auch nicht so schrecklich wie der geträumte, auch erfüllte sich nicht der Traum, denn Hackelnberg fällte den Eber mit geschicktem Stoß seiner knotigen Saufeder so kunstgerecht, wie nur immer ein Oberjägermeister ein Schwarzwild fällen soll und darf. Und nun lachte Herr Hans von Hackelnberg über seinen dummen Traum, gab dem toten Eber einen tüchtigen Fußtritt gegen den Rachen und sagte: Du sollst es mir noch nicht antun! – meinte damit, dieser Eber bringe ihn nun nicht nieder, wie der im Traume getan. Aber wie er getreten hatte, fühlte er plötzlich einen schneidenden Schmerz am Fuße, und siehe, durch des Trittes Heftigkeit hatte der scharfe Hauer des erlegten Ebers des Stiefels Leder durchschnitten und den Fuß verwundet. Hackelnberg achtete der Wunde nicht und jagte weiter, aber dadurch machte er es erst recht schlimm, der Fuß schwoll an, und als Hackelnberg wieder auf die Burg kam, mußte man ihm den Stiefel abschneiden. Der Verwundete konnte nun auch nicht mehr reiten, sondern mußte nach Wolfenbüttel fahren, und das ging damals nicht wie heute mit Dampf, sondern mit harten Rippenstößen langsam und beschwerlich im Ockergrunde hin, und der Kranke erreichte Wolfenbüttel nimmer. Nahe bei Hornburg, nächst dem Dorfe Wülperode, stand ein Hospital, dahinein ward der Ritter gebracht, beklagte gar sehr, daß er nicht mehr jagen könne, und wünschte letztlich nichts weiter, als ewig auf Erden jagen zu können, da möge der liebe Herrgott in Gottes Namen seinen Himmel für sich behalten, und dann starb er an seiner Wunde und ward in Wülperode begraben, wo sein Denkmal steht und sein Harnisch hing. Des Hackelnbergers letzter Wunsch aber ist ihm erfüllt worden; er darf nicht nur, er muß hetzen und jagen bis zum Jüngsten Gericht, er ist der wilde Jäger des Harzwaldes und zieht mit tollem Spuk zur Nachtzeit oft gar schrecklich umher. Da begleitet ihn oder fliegt ihm voran ein Nachtgespenst in Gestalt einer riesengroßen Ohreule, das ist die Tut-Osel, also genannt von dem entsetzlich tutenden Geschrei, das sie ausstößt. Diese Eule war vorzeiten eine Nonne in einem thüringischen Kloster und hieß Schwester Ursel; die hatte eine Stimme, wenn sie sang, daß es rein zum Davonlaufen war, wenn die armen Nonnen das nur gekonnt und gedurft hätten. Sie wurde, weil ihre Stimme der einer Trompetengans ungleich ähnlicher klang als der eines Mädchens, nur die Tut-Ursel genannt. Endlich starb sie, und alle Schwestern waren froh, daß sie sie weder mehr hörten noch sahen, denn sie war auch sonst kein Engel – aber o Schreck, gleich nach ihrem Tode tutete sie durch ein Loch im Kirchturme und tutete in den Chorgesang hinein, in die Metten und in die Vigilien. Ach Gott, die Tut-Ursel! schrie eine junge Nonne, unbedacht das Gelübde des Schweigens brechend, und da schrie der ganze Konvent, und stürzten aus der Kirche, und wollten alle lieber sterben, als wieder hineingehen, solange sich die Ursel hören lasse. Da hat man weither, aus Österreich, einen Kapuziner-Teufelsbanner verschrieben, der hat die Tut-Ursel in Gestalt einer Ohreule auf die alte Dummburg zwischen Halberstadt und Quedlinburg, wo Bode und Selke zusammenrinnen, bei den Dörfern Adersleben und Hadersleben, gebannt. Dort ist nun just auch des Hackelnberg liebstes Jagdrevier und Hauptsitz, und ist ohnehin viel greulicher Spuk immer dort erschienen, heißt auch ein naher Bergkopf der Hackel, und da hat sich die Tut-Osel dem jagenden Ritter zugesellt; da jagt er zu Roß über und durch dick und dünn und pfatscht durch die Sümpfe, und die Osel schnalzt das Pfatschen nach, und er schreit juhu, und sie schreit tutu, und Gott gnade denen, die selbigem Paare unterwegs aufstoßen. Wenn einer sie merkt, muß er sich nur auf den Bauch legen und stilleschweigen und den Lärm über sich vorüberbrausen lassen. Bis in die Marken hinein zieht der Jäger, ja zu Drömling in der Altmark rühmen sie sich, der Hackelnberg sei bei ihnen zu Hause, und drohen: Daß dich der Jäger hole! Auf dem Schlößchen Meisenberg im Selketale wird ein aus Holz geschnitzter Trinkbecher gezeigt, der stellt den Hackelnberg vor, wie er leibte und lebte. Wenn im Theater der Freischütz gegeben wird, pflegt in der Regel in der Wolfsschlucht jedesmal auf einem Baume eine große Eule mit feurigen Augen zu sitzen und höchst langweilig fort und fort mit den Flügeln zu schlagen. Das ist die Tut-Osel. *   318. Das Grundlos Nicht weit von des Hackels nördlicher Spitze ist ein großer Erdfall zu sehen, zum Teil mit Wasser ausgefüllt und am Rande mit hohem Schilf überwachsen, wie deren um den Harz, besonders am südlichen Teile, gar viele zu gewahren sind, der heißt das Grundlos, darum, weil mit der längsten Stange seine Tiefe noch nicht ergründet werden konnte. Auf dieses Erdfalles Stelle hat vor langen Jahren eine Raubburg gestanden, auf welcher viel unmenschliche Grausamkeit verübt wurde. Endlich aber ermüdete die lange Langmut des Himmels, und über Nacht fiel auf die Raubburg und deren Insassen das Unglück, wie ein gewappneter Mann. Die Burg versank unter Höllengepolter in eine unendliche Tiefe, und über ihr schossen rauschende Wasser in einen See zusammen. Die Ritter wurden in Hechte, die Knappen in Karpfen verwandelt und die alte Schaffnerin, die treulich zu allen Untaten geholfen hatte, in eine Karausche, groß und wohl einen Zentner schwer. Die jagen und verfolgen sich unaufhörlich im Wasser des Grundlos, und weil selbige Ritter nichts nutz waren, so spricht man noch heute von einem Kerl, dem man wenig oder gar nichts Gutes und desto mehr Schlimmes zutraut: Das ist ein rechter Hecht. *   319. Hünenblut Nicht weit vom Hackel, zwischen Egeln und Westeregeln (Kreis Magdeburg), steht ein Wassertümpel, der ist beständig rot. Das soll noch aus der Zeit der Hünen herrühren, von deren ungeheuerlicher Größe des Volkes Phantasie sich die kühnsten Bilder schuf. Zwei Hünen bekämpften und verfolgten einander; der eine fliehende schritt über die Elbe, wie ein Kind über einen Graben schreitet, und so war er mit wenigen Schritten in der Gegend von Egeln. Da hob er den einen Fuß nicht hoch genug auf, stieß sich damit an der Turmspitze der alten Burg, stolperte und fiel mit der Nase gerade auf einen Feldstein bei Westeregeln, und zwar mit so großer Heftigkeit, daß er das Nasenbein brach und eine große Lache Blutes ihm entströmte. Das ist das Hünenblut. Andere sagen, ein Hüne, der bei Westeregeln gewohnt, sei zum Spaß oft über das Dorf hinüber- und herübergesprungen und habe sich endlich bei einem Sprunge an der Turmspitze die Zehe aufgeritzt. Da sei aus der kleinen Wunde im großen Bogen das Blut niedergeflossen und habe jene noch immer rote Lache gebildet, die man noch heute das Hünenblut nennt. *   320. Der Werwolfstein Mit dem Hackel hing vorzeiten das Brandsleber Holz zusammen, das sich nördlich gegen Eggenstedt zieht. In diesem Holze hauste ein Unbekannter, der den Leuten als Schäferknecht diente, und den sie nur den Alten nannten, denn keiner wußte seinen Namen, auch war er bald da, bald dort und blieb bei niemand lange. Einst diente der Alte auch einem Schäfer namens Melle bei der Schafschur, aber als diese vorüber war, war auch der Alte fort und hatte des Schäfers Lieblingslamm, welches er bereits vergebens vom Schäfer zum Geschenk erbeten, mit sich hinweggenommen. Einmal aber, als der Schäfer Melle im Kattentale hütete, rief ihm unversehens der Alte zu: Guten Tag, Melle! Dein Lamm läßt grüßen! Darüber erbost, stieß der Schäfer einen Stein auf seine Schippe und warf ihn nach dem Alten, da wurde der Alte mit einem Male ein grimmer Werwolf und stürzte auf Melle zu. Dieser floh und rief im Fliehen seinen Hunden. Die Hunde fielen sogleich den Werwolf wütend an; nun wandte sich der zur Flucht, und auch Melle wandte sich und wurde jetzt Verfolger, und so hetzten sie den Werwolf bis in die Gegend von Eggenstedt, und der Schäfer schrie: Sterben sollst du! sterben! Plötzlich nahm der Werwolf wieder die Menschengestalt des Alten an und flehte um Schonung. Aber der Schäfer dachte an keine Schonung, er schlug schonungslos auf den Alten los, und siehe, plötzlich war der Alte abermals verschwunden, und der Schäfer schlug auf einen Dornenstrauch, aber er hieb immerzu, auch der Strauch sollte niedergeschlagen werden. Da wurde der Strauch wieder zum Alten, der noch einmal um sein Leben flehte, vergebens – und noch einmal wurde der Alte Wolf und wollte fliehen, aber die scharfe Schippe am knotigen Hirtenstabe traf ihn auf den Schädel, und er sank tot nieder. Nahe dabei lag ein vereinzelter Felsblock, dort wurde der Alte eingescharrt, und der Block heißt noch heute Werwolfstein. *   321. Der Croppenstedter Vorrat Zwischen Halberstadt und Egeln liegt das Städtchen Croppenstedt, da haben sie ein seltsam Wahrzeichen, das ist ein silberner Pokal, der steht alldort auf dem Rathause und heißt der Croppenstedter Vorrat. Darauf sind in getriebener Arbeit dreizehn Wiegen abgebildet zu sehen und eine Mulde, und in jeder Wiege liegt ein Kind, und in der Mulde liegt auch eins, und dabei erzählen sie, es habe einstmals zu Croppenstedt ein Kuhhirte gelebt, der habe es in einem Jahre dahin gebracht, daß ihm von zwölf Geliebten vierzehn Kinder geboren worden, und dies bezeugt auch eine Inschrift in lateinischen Versen an dem Becher. Die zwölf glücklichen Mütter hätten sich zu rechter Zeit nach Wiegen umgetan, allein der ganze Vorrat an Wiegen zu Croppenstedt habe sich nur auf dreizehn Wiegen erstreckt, und da habe sich das vierzehnte Knäblein (es waren lauter Knäblein) mit einer Mulde begnügen müssen. Zum Angedenken eines so fruchtbaren Jahres ließ der Rat des Städtleins den Silberpokal anfertigen, und solange dieser treulich aufbewahrt wird, soll es dem Städtlein Croppenstedt niemals an Wiegenvorrat und an Kindersegen gebrechen, denn von dort schreibt sich das alte gute Sprüchwort her: Vorrat ist Herr. *   322. Quedl Wie im Dome zu Braunschweig ein Denkmal steht, aus dem ein Mann neben einem Frauenbild mit einem starken Bart zu sehen, von dem die Sage meldet, daß die Tochter diese Entstellung ihres Gesichtes sich von Gott erbeten, um vor unnatürlicher väterlicher Liebe beschützt und bewahrt zu bleiben, so soll auch Kaiser Heinrich III. schöne Tochter in gleicher Lage zu Gott inbrünstig gebetet und gefleht haben, doch zu ihrer harten Prüfung ganz vergebens. Und da sie nun darüber schier verzweifeln wollte, erschien ihr der böse Feind und erbot sich, ihr zu helfen, daß ihres Vaters, des Kaisers, allzustarke Zuneigung in Abneigung sich wandle, und zwar wolle der Teufel dies ganz uneigennützig tun, wenn er sie nur in dreien Nächten nacheinander nicht schlafend fände. Finde er Mathilde freilich schlafend, so werde er wohl einigen Teil an ihr ansprechen dürfen. Die Kaisertochter ging mit standhaftem Mute diesen höchst bedenklichen Vertrag ein und begann die Stickerei eines großen Teppichs, welche Arbeit sie munter erhielt, da sie zur Nachtzeit daran stickte. Als nun aber in der zweiten und dritten Nacht vor Müdigkeit ihr dennoch die Augen zufielen, da weckte sie Quedl, ihr treues Hündlein, das knurrte und bellte und zupfte ihr am Gewande, und wenn der Teufel kam und nachsah, ob sie schlief, so fand er die Kaisertochter wachend, und da er ihrer unsterblichen Seele nichts anhaben konnte, wohl aber, weil sie nur mit ihm in Pakt und Bündnis sich eingelassen, ihrem Leibe, so griff er ihr mit seiner Kralle ins Angesicht, quetschte ihr die Nase platt, kratzte ihr ein Auge aus und schlitzte ihr den Mund auf. Wie nun Mathilde mit durch Gottes Verhängnis und des Teufels Bosheit also entstelltem Antlitz wieder vor ihres Vaters Angesicht trat, wich von ihm alle sündliche Liebe; sie aber tat aller Weltfreude sich ab, erbaute eine stattliche Abtei und nannte sie nach ihrem Hündlein, das durch seine Wachsamkeit sie errettet, Quedlinburg. *   323. Die Elbjungfer An der Elbe wohnt eine Nixe, die nennen sie in der Magdeburger Gegend die Elbjungfer. Sie hat sich früher öfter gezeigt in Gestalt eines bürgerlichen Mädchens in schlichter Tracht mit einer weißen Schürze, deren Saum aber stets naß war. Sonst hat man sie auch am Ufer sitzen und ihr langes goldgelbes Haar kämmen sehn; wenn aber Leute herzu naheten, ist sie vor ihren Augen in das Wasser gehüpft. Viele hat sie in den Tod gelockt und manchen kühnen Schwimmer hinabgezogen. Auch von einem Wassermann gehen Sagen, der in der Elbe sich aufhalte. Einst wollte, weil das Magdeburger Brunnenwasser hart, das der Elbe aber weich ist, jenes auch mühselig außerhalb der Stadt geholt werden mußte, die Bürgerschaft eine Wasserleitung aus der Elbe nach der Stadt bauen. Der Bau begann mit Einrammen von Pfählen, aber da sah man zur Mittagsstunde, wann niemand arbeitete, einen nackenden Mann, der stand in der Flut bei den Pfählen und rüttelte dran und schüttelte dran und ließ sie, als er sie ausgerissen, den Strom hinabschwimmen. Da mußte man ablassen von dem begonnenen Bau. Einst geschahe es, daß sich ein adeliger Jüngling zu Magdeburg mit einem schönen Fräulein verlobte, aber eines Tages ging er aus zu baden und kehrte nicht wieder heim, die Elbjungfer hatte ihn zu sich gelockt. Alle seine Angehörigen und zunächst seine Braut waren in größter Bestürzung, allenthalben suchte man ihn, und selbst drei Tage lang im Strome, allein vergebens. Da kam ein Schwarzkünstler nach Magdeburg, den befragten die Eltern der Braut, und er brauchte seine Kunst und sagte hernach zu diesen: Den Junker hat die Elbjungfer, die läßt ihn lebend nimmer los, es wäre denn, daß eure Tochter bereit sei, ihr eignes Leben anstatt ihres Bräutigams der Elbjungfer dahinzugeben, oder daß sie beide sich der Nixe versprechen. Die Braut war auch gleich bereit, ihr Leben für das des Geliebten hinzugeben, die Eltern aber fanden diesen biedern Entschluß nicht für geeignet und das Opfer nicht so dringlich, vielmehr drangen sie in den Schwarzkünstler, er solle den Bräutigam herbeischaffen, lebendig oder tot, wenn es nicht anders sein könne. Darauf beschwur der Schwarzkünstler die Elbjungfer, den Geraubten fahren zu lassen, das tat sie auch; sie legte ihn an das Ufer, nur schade, daß er tot war und ganz voll blauer Flecken, die sie ihm vor lauter heftiger und grausamer Liebe gedrückt und gezwickt hatte. *   324. Magdeburgs Erbauung Magdeburg ist eine uralte Stadt, die soll Julius Cäsar begründet haben, siebenundvierzig Jahre vor Christi Geburt, und habe einen Tempel in ihr erbaut, den er der Venus geweiht, dessen Stätte man noch zeigt, und der erste Name dieser alten Stadt war Parthenopolis; vom Mädchenbilde der holden Liebesgöttin aber hat man sie später Maidenburg und endlich Magdeburg genannt. Nach Karl des Großen Zeit wurde die Stadt von den Wenden und Ungarn ganz verwüstet und blieb nur ein kleiner, von armen Elbfischern bewohnter Ort. Den schenkte hernachmals Kaiser Otto der Große seiner Gemahlin Editha, der es allda wohlgefiel, und diese begründete das neue Magdeburg und in Gemeinschaft mit ihrem Gemahle auch den Dom, darinnen neben ihrem Gemahle auch ihr herrliches Marmorbildnis zu sehen. Das eine Kaiserbildnis hält einen runden Reif in der Hand, der aus neunzehn kleinen vergoldeten Tönnchen gebildet ist, die bedeuten, daß auf den Dombau neunzehn Tonnen Goldes verwendet worden sind. Die Kaiserin Editha fuhr damals in einem Wagen herum und bestimmte Ausdehnung, Mauern und Befestigung der neuen Stadt. Am und im Dome ist mancherlei steinern und hölzern Bildwerk zu sehen, an das sich Sagen knüpfen. Ein Schäfer mit seinem Knecht und Schafen und Hunden, der nach einem Sterne am Turme blickt. So hoch der Stern steht, so hoch habe der Schäfer den Turm auf seine Kosten bauen lassen. Ein Mönch, auf den der Teufel lauert, weil er in unbedachter Vermessenheit sich ihm verschworen. Zwei gefesselte Männer aus Holz im Dome selbst stellen zwei Grafen von Gleichen vor, die den Dombau wehren wollten, und deren Bildnisse man dann in Ketten aufhing. *   325. Kriegesvorzeichen Magdeburg hat mehr als kaum irgendeine andere deutsche Stadt durch verheerende Kriege gelitten. In der frühen Zeit schon durch wilde vom Osten her eindringende Völker zerstört, hat es der Trübsal und der Zerstörung hernachmals noch übergenug erduldet. Fast immer sind dem Unglück aber auch Zeichen vorhergegangen, die es voraussagend meldeten. Unter Kaiser Heinrich IV. waren schreckliche Wunderzeichen am Himmel zu sehen, auf der Marsch in der Stadtnähe ward eine große Rabenschlacht gehalten, die dauerte einen ganzen Tag lang, und die Marsch bedeckte sich über und über von den im heftigen Streit miteinander gebliebenen Raben. Die Bischofstäbe in den Kapellen schwitzten und deuteten den Angstschweiß der Geistlichkeit und Bürgerschaft vor; Kinder redeten im Mutterleibe, und aus angeschnittenem, frischbackenem Brot floß häufig Blut, und hinter all diesen Zeichen drein folgte schreckliches Weh. So geschähe es auch, da Magdeburg im Streite lag mit Herzog Georg von Mecklenburg, der in das Land eingefallen war und es arg verwüstete. Da rüstete sich die Stadt und zog am Tage des heiligen Mauritius, welcher der Schutzpatron der Stadt ist, die Bürgermeister an der Spitze, dem Feind zu einer großen Schlacht entgegen. Da kamen sie in das Feld zwischen Hillersleben und Meseberg, über der Ohre drüben, eine Meile von der Stadt, und da begegnete ihnen ein Mann in Tracht und Gestalt eines Bauers, gar alt und eisgrau, aber mit ganz jugendlichem und schönem Antlitz, blühend und holdselig, der hob die Hände gegen sie auf und sprach: Wohin gedenket ihr, Bürger von Magdeburg? Wisset ihr nicht, daß der Tag eures Schutzheiligen euch niemalen Glück gebracht? Ward nicht vor zweihundert Jahren (1350) auf diesem Boden und an diesem Tage Magdeburgs Macht geschlagen und gebrochen und später noch einmal an demselben Tage? Kehret um und sehet, daß ihr eure Stadt gut befestiget, denn das Unglück ist euch nahe! Einige wenige der Mannen verwunderten sich über dieses Mannes Rede und wollten sie beherzigen, die stets unverständige Menge und Überzahl solcher Wehrschaft aber dünkte sich wunderklug, hatte schrecklichen Mut und meinte, den Feind zu fressen und aufzureiben, daß kein Stäublein von ihm vorhanden bleibe, zumal auch die Bürgerhauptleute sonderlich entbrannte Kampfhähne waren, trotz den Rummelpuffen des tollen Jahres. Aber nach einer halben Stunde sangen sie aus einem andern Tone; da war die Schlacht schon vorbei, wie ein geschwindes Wetter. Die Magdeburger verloren zwölfhundert Tote und dreihundert Gefangene und elf Stück Feldschlangen und sonstige Kriegsmenagerie, auch elf Bürgerfähnlein, und die Spötter und Verächter des greisen Warners waren alle erschlagen oder gefangen oder in die Ohre gejagt mit einem großen Teile des von ihnen angeführten Volkes; dieses Todesbad nannte man hernach spottweise die Magdeburger Taufe. Als man später fleißig Nachforschung nach jenem Alten hielt, der das Unglück vorausgesagt, hat ihn weder vorher noch nachher jemand gesehen gehabt oder eine Nachricht von ihm erteilen können. Wie Magdeburg von Kaiser Karl und in dessen Auftrag vom Kurfürsten Moritz zu Sachsen hart belagert wurde, war es zwar glücklicher, aber das nächste Jahrhundert offenbarte ihm genugsam durch manches Zeichen die unter Tilly nahende abermalige Zerstörung. *   326. Zauberverblendung Ein Zauberer kam gen Magdeburg, schlug auf offnem Markt seine Bude auf und sammelte viel Volkes um sich her, sammelte auch ein ziemliches Geld ein, bevor er anfing mit seinem Hokuspokus und Abrakadabra. Da nun das Spiel im Gange war, zeigte sich unter andern ein allerliebstes wunderkleines Pferdchen, das tanzte im Ring und belustigte die Menge; gegen das Ende aber stellte der Zauberer seine Frau, seine Magd, den Hanswurst und das Pferdchen nebeneinander und hub einen Schwatz an, darin er klagte über das schlechte und schmachvolle Zeitalter, in welchem man jetzt lebe, wo die Leute davonliefen, wenn der Teller käme und sie bezahlen sollten, und wie ein ehrlicher Mann es doch zu gar nichts Rechtem bringen könne. Habe es nunmehr mit den lieben Seinigen satt auf dieser Welt und absonderlich in Magdeburg, wolle daher auswandern und davonziehen, zunächst gen Himmel, und wenn es ihm da nicht glücke, gen Bitterfeld (zwischen Dessau und Halle), allwo es auch gar schön, und darauf warf er ein Seil in die Luft, das erfaßte flugs das Rößlein und fuhr stracks daran in die Höhe, und der Zauberer erwischte das Pferdchen beim Schwanz, rief: hoppdiho! und fuhr auf, und seine Frau hing sich an ihres Mannes Beine und die Magd an der Frau ihre Beine und der Hanswurst an der Magd ihren Nock, und so fuhr die Gesellschaft aufhin, und der Zauberer rief aus der Luft herunter: Sehen wir uns nicht mehr auf dieser Welt, So sehen wir uns doch in Atterfeld! – und alles Volk lachte und staunte mit weit offnem Munde, bis ihm in der Richtung nach dem Himmel und gen Bitterfeld zu die Gesellschaft aus den Augen kam. Da kam ein Bürger aus der Stadt gegangen, dem sagten seine Bekannten von dem Wunder, es wäre schade, daß er es nicht auch gesehen, so was sehe man nicht alle Tage. Aber der Bürger sprach: Das kann nicht wahr sein, denn alleweile habe ich den Zauberer, sein Rößlein und seine Leute in ihre Herberge eingehen sehen, sind also derohalben weder gen Himmel noch gen Bitterfeld durch die Luft gefahren. – *   327. Capistranus' Kardinalsbirne Als der eifrige Barfüßermönch Johann Capistranus gen Magdeburg kam, um auch allda dem Volke Buße zu predigen, und daß es sich abtue allen eiteln Schmuckes, da zog ihm der Erzbischof Friedrich mit seiner ganzen Klerisei entgegen unter Glockengeläute mit Kreuzen und Fahnen, und viel Volk folgte nach, und ward also prächtig empfangen und ihm auf dem neuen Markt ein hoher Predigtstuhl erbaut, von dem herab er predigte. Da brachten die Männer alle Brett-, Würfel- und Kartenspiele, Larven und Pritschen und Narrengugeln vom Mummenschanz, und die Frauen brachten ihre Schnüre und Schleier und Zöpfe und allerlei Putztand; da ließ der eifrige Volksprediger ein Feuer schüren und alles Dargebrachte darin zu Asche verbrennen. Capistranus predigte so gewaltig, daß die Leute weinen mußten, wenn sie auch zu fern standen, ihn zu verstehen; wie mögen erst die geweint haben, die ihm nahe standen! Er erschloß die Tränenschleusen und ließ sie stromweise rinnen, welches Kunststück ihm noch immer nachzutun versucht wird. Da man nun beim Mahle nach der Predigt dem Capistran ganz besonders gute Birnen auftischte, die ihm sehr trefflich mundeten, zumal er sich den Hals mochte sehr trocken geredet haben, so segnete und weihete er diese Birnen, und dieselben haben von da den Namen Kardinalsbirnen empfangen. Ob sie nun besser von Art und Geschmack sind als die Melanchthonsbirne, welche der Sage nach im Superintendenturgarten zu Pegau seit dreihundert Jahren gepflegt wird, weil Melanchthon sie vortrefflich befand, das werden wohl leichter die Pomologen als die Theologen entscheiden. *   328. Wolmirstedts Name Als Kaiser Karl der Große in diesen Gegenden zog und an die Elbe kam, gefiel ihm die Lage und Landschaft dort, wo der Lauf der Ohre dem Elbstrom zustrebt, ausnehmend wohl, er ließ seine Kriegerscharen Lager aufschlagen und Wachthügel aufwerfen und sprach: Wohl mir die Stätte! – weil er allda ruhen wollte und auch eine bessere reinere Luft spürte als in manchem nachbarlichen Strich Landes, zum Beispiel in Halle. Da ist hernachmals ein Ort und aus dem Ort ein Städtlein geworden, das hat den Namen Wolmirstedt behalten. Beim Dorfe Jerschleben (Gersleben) sind noch Hügel, die oben etwas ausgegraben und hohl, das sollten die Wachthügel gewesen sein, und werden noch heute die Karlskessel genannt. *   329. Isern-Schnibbe Nahe bei der Stadt Gardelegen an der Milde liegt ein festes Haus, die Isern-Schnibbe genannt, das soll gar ururalten Ursprunges sein. Drusus, der Römerfeldherr, soll dasselbe schon begründet, der Göttin Isis darin ein Heiligtum errichtet haben. Davon hieß es dann Isisburg und Isenburg. Vergebens belagerten es die Wenden, sie bekamen manche harte Schlappe und mußten mit Schnipp und Schnapp abziehen, daher nannten sie das feste Haus die Isern-Schnibbe. Um dieses Haus herum war, wie in einem Garten, die Stadt gelegen, davon sie auch den Namen Gardelegen erhalten; aber da sich durch eine Räuberbande, die in einem nahen Busche hausete, und welche die Gardelegener einfingen, ihnen eine noch bessere Gelegenheit zu einer Stadt bot, so legten sie das neue Gardelegen dahin, wo es jetzt noch steht. Vor dreihundert Jahren stand auf der alten Stadtstätte noch ein altes Steinkreuz mit unlesbarer Inschrift, das war dem heiligen Petrus zu Ehren errichtet, und alljährlich zog am Sonntag Exaudi die ganze Stadt hinaus nach dem Kreuze in der Gegend des Hauses Isern-Schnibbe und freute sich des Tages. Am Ende der Burgstraße nach der Isern-Schnibbe hin war sonst auch ein Tor, dadurch ritten die Herren von Alvensleben ein, welche die Gerichtsbarkeit über die Burgstraße hatten, in der Nähe reich begütert waren und zumeist auf ihrem Haupthaus zu Calbe saßen. Und weil das Tor der Burgstraße infolge des Öffnungsrechtes für die Herren von Alvensleben Tag und Nacht nach deren Verlangen offengehalten werden sollte, so entstand Zwistigkeit zwischen ihnen und dem Magistrat von Gardelegen, denn der Magistrat war der Ansicht, wenn man in einer Stadt bei Tage und bei Nacht die Tore aufgesperrt halten solle, da brauche man weder Schutzwächter noch Mauern, und hätte daher viel lieber dieses Tor statt ganz offen ganz zu gesehen. Nun traf sich's eines Tages, daß auf dem Rathaus zu Gardelegen ein Zweckessen stattfand, bei welchem auch das älteste Familienoberhaupt derer von Alvensleben zugegen war, und da war man fröhlich und guter Dinge und berührte keinen Streit. Nur im Scherz gedachte der Bürgermeister des Tores und sagte: Was meint Ihr, gnädiger Herr, wenn wir's zumauern ließen? – Ho! sagte der Herr von Alvensleben, wartet noch ein wenig, ich will erst spazierenreiten! – Bis Ihr zurückkommt, kann es zu sein! sagte jener drauf, und der Ritter hob den Humpen, tat einen Schlurf und rief: Habt Ihr so flinke Maurer? Um Euer ganzes Nest reit' ich im Schritt herum und bin doch wieder da, ehe eine Schwelle so hoch liegt, daß ich nicht darüber hinübersprengen könnte! – Versucht's, Herr Ritter! – Topp! Ich reite! rief der Herr von Alvensleben und ließ sein bestes Roß vorführen und ritt zum Burgtore hinaus. Der Bürgermeister hatte aber mit Absicht den Scherz auf die Bahn gebracht, um ihn in Ernst zu verkehren, er hatte die Maurer und die Steine und Kalk und Mörtel alles schon zur Hand, und hinter dem Reiter schloß sich der Torflügel, legte sich Stein auf Stein. Der Reiter ritt wohlgemut über die Mildebrücke und um die Stadt herum, brauchte nicht sonderlich lange Zeit, hatte ein treffliches Roß und die beste Laune, als er aber schon sein Ziel wieder im Auge hatte, da stürzte sein Roß, doch ohne Schaden, und hier der Aufenthalt, dort die Eile ursachten, daß binnen der kürzesten Zeit die Gardelegener ein Tor und die Herren von Alvensleben ein Recht weniger hatten. *   330. Solis-welte In der Altmark liebt man Ursprungssagen aus frühesten Zeiten. Julius Cäsar gründete nach dortiger Sage in Deutschland den Planetengöttern zu Ehren sieben Städte, dahin ja auch die magdliche, dem Planeten Venus geweihte Stadt Magdeburg deutet. Die dem Sonnengotte Sol geweihte Stadt aber liegt in der Altmark, hieß früher Soliswelte – das sollte vom alten Wort Welle , die bogenförmige Laube, also Hütte, oder von dem jüngern Wort Wellermauer, eine Lehmwand, abzuleiten sein, wer es glauben will – und heute heißt sie Salzwedel. Andere sagen, daß, wie den Isistempel bei Gardelegen, Drusus hier einen Solistempel gegründet habe. Das Götterbild des Phoibos Apollon stand noch, als Karl der Große das Heidentum brach und die alten Tempel zerstörte. *   331. Stock voll Dukaten Zu Salzwedel ist einmal ein Mann gewesen, der hatte von einem andern hundert Dukaten geliehen, hatte aber keine Lust, dieses Gold wieder zurückzuzahlen. Er habe es ihm ja schon gegeben, sagte er zu dem Mahnenden, sooft dieser kam, und so ward er endlich verklagt. Nun gebrauchte der böse Schuldner sich dieser List. Er ließ einen Spazierstock hohl drehen, barg in diesen das Röllchen mit den hundert Dukaten fest, daß es nicht klapperte, und kam mit diesem Stock auf das Rathaus, wo er seinen Gläubiger schon nebst dem Richter seiner harrend fand. Nach Reden und Gegenreden schritt der Richter zur Eidesabforderung, dazu war der treulose Mann bereit, er drückte geschwinde dem Gläubiger seinen Stock zum Halten in die Hand, weil er die rechte Hand emporheben und die linke auf ein Kruzifix über einem Evangelienbuch legen mußte, und schwur frech und sicher, was jetzt die Wahrheit war, daß er die hundert Dukaten vollwichtig und vollgezählt in des Gläubigers Hände zurückgegeben habe. Somit war die Sache abgetan, der Gläubiger ging traurig und beschämt, der Schuldner aber triumphierend nach Hause, nur war es schade, daß er nicht auch nach Hause kam, denn unterwegs ereilte den Meineidigen das schwere Gericht des allsehenden Gottes. Er stieß auf einen Müllerwagen, dessen Pferden sandte der Herr ein paar Hornissen auf den Hals, daß sie wütend wurden und durchgingen und den Mann umstießen und den Wagen über ihn hinwegrissen; zwei Räder gingen über ihn und gaben ihm den Armsündertod des Gerädertwerdens ohne Zeremonie und zwei über den Stock und sprengten ihn auf, da fielen die hundert Dukaten heraus, und der offenbare Betrug fiel auch mit heraus und kam ans Licht. Hernachmals ist diese Geschichte in der Katharinenkirche auf der Neustadt zu Salzwedel abgebildet worden. *   332. Tetzel und der Ritter Da Tetzel, der Ablaßkrämer, mit seinem Kasten im deutschen Lande herumzog, kam er auch nach der Altmark und in ein Dorf bei Salzwedel, heißt Flechtingen, und schlug seinen Kram auf, predigte von den Sündenstrafen, dem Fegefeuer und der Höllenpein und rühmte die Kraft des Ablasses. Nun saß zu Flechtingen ein Edelmann, Herr Bernard von Schenk genannt, der hörte auch andächtiglich zu und nahm sich's absonderlich zu Herzen, daß einer nicht nur für begangene, sondern auch für vorhabende und zukünftige Sünden, sie bestehen, aus welcher Tat sie wollen, sich Ablaß kaufen könne, und für das Geld springe seine Seele, sobald es im Kasten klinge, aus dem Fegefeuer und bleibe sündelos noch drei Tage nach der aschgrauen Ewigkeit. Das alles malte der Ablaßprediger mit feurigen und beredten Worten aus, und der Ritter trat auch hinzu und kaufte sich einen gar schönen Brief, auf Pergament gedruckt, und Tetzel mußte seinen, des Ritters, Namen und das Datum hineinschreiben, auch ein Siegel wurde nicht vergessen, und die nachbarlichen Edeln kauften auch, und der Kasten wurde schier voll Ortstaler und Goldgülden, und Tetzel zog mit seinem Kasten wohlgemut von dannen. Wie er nun so durch den Flechtinger Forst zog, siehe, da harrete seiner schon, ihm vorausgeeilt, Herr Bernard von Schenk und sagte: Pfaff, tue mir die Freundschaft und gib mir –, Meinen Segen, o frommer Sohn, den sollt du haben! unterbrach ihn Tetzel und hob die Hände zum Segnen. Nein, deinen Kasten, den Segen laß ich dir! erwiderte der Ritter. Des erschrak Tetzel mächtiglich und sprach die beweglichen Worte: Solch ein edler Ritter wird nicht so ehrlos sein, das Gut der Kirche anzutasten, das sie zu frommen Werken und zur Wiederherstellung gebrechlicher Gotteshäuser gar notwendig braucht. Kirchenraub ist ja der sträflichste Raub und neben dem Vater- und Muttermord die größte und schwerste Sünde! Da zog Herr Bernard von Schenk den kurz zuvor erst gekauften Ablaßbrief hervor und hielt ihn Tetzeln vor Augen und sagte: Mag es eine Sünde sein, hier ist mein Ablaß dafür, von Euch selbst, ehrwürdiger Vater, mir erteilt, daher ziehet mit Gott und lasset den Kasten mit mir ziehen und empfanget auch meinen Segen. So Ihr es wollt, könnt Ihr auch den Heiligen Vater zu Rom von mir grüßen. Da nun Tetzel nur ein schwaches Geleit bei sich hatte, dem Ritter aber mehrere mannliche Reisige gefolgt waren, so mußte er mit kummervollem Blick auf den geldvollen Kasten von diesem Abschied nehmen und seines Weges ziehen. Herr Bernard von Schenk aber nahm das Geld und zeigte sich als ein echter und rechter Schenk, er schenkte es zum Bau einer Kirche, die dem Dorfe Flechtingen damals noch fehlte. Den großen und dicken Ablaßkasten aber, den schenkte er in die Kirche zu Wittenberg, wo er noch steht und gezeigt wird. Tetzel aber ließ sich einen andern Kasten machen, das wird der sein, der hernach nach Goslar gekommen ist, woselbst er sich noch befindet. Es gibt der Ablaß- und Tetzelkästen auch sonst noch hier und da, aber das Geldlein ist herausgetan. *   333. Die Spinnerin im Mond In einem Dorfe bei Salzwedel, es könnte Wiebelitz gewesen sein, lebte ein altes armes Weiblein, hatte eine einzige Tochter, die hieß Marie, und das war gar ein geschicktes Kind und half der Mutter leichtlich über die Armut hinweg. Marie konnte täglich beinahe zwei Zahlen Garn spinnen, und ihr Faden war unvergleichlich gleich und fein. Aber so fleißig die Marie war, so lebensfroh war sie und in der Spinnenkoppel (Spinnstube) stetig die Lustigste, zumal wenn die Rädlein beiseite gesetzt wurden und der Tanz anging, der spät genug aufhörte. Der Mutter war das gar nicht lieb, daß das Töchterlein zum öftern bis nach Mitternacht umhertollte und ihre Ermahnungen sich so gar wenig zu Herzen nahm. Nun war wieder ein Winter fast zu Ende, und Marie war der Fleiß selbst gewesen, und es kam der Abend von Mariä Lichtmeß, wo noch einmal Spinnekoppel sein sollte, den Winter zu beschließen, denn: Lichtmeß muß man die Wurst bei Tag eß', lautet das Sprüchwort, und die Mutter sprach zur Tochter, als diese ihr Rädchen aufnahm, um fortzugehen: Liebes Kind, heute ist ein Marientag, heute darf kein Kind ungehorsam gegen die Eltern sein, sonst straft es der Himmel alsogleich, darum versprich mir, daß du heute nicht wieder bis nach Mitternacht ausbleibst, sondern vor Mitternacht heimkommst, und daß du heute nicht zum Tanze gehst, ich verlasse mich darauf. Marie versprach mit nassen Augen, was ihre Mutter verlangte, und nahm ihr Rad und ging. Es wurde sehr fleißig gesponnen, aber nun kamen die jungen Bursche und hatten im Wirtshause ein paar Prager Musikanten gefunden, das war etwas Neues, die mußten mit, und nun ging das Tanzen los. Marie wollte fort, wollte der alten Mutter Wort halten, allein die Bursche und die Mädchen ließen sie nicht fort, sie mußte mit an den Reigen, die Spielleute pfiffen und fiedelten auch gar zu schön. Und als die Marie einmal im Tanzen war, da ging sie nimmer davon, da konnte die Alte lange warten, denn Tanzen war Mariens Wonne und ihr Glück. Und da ging die Mitternachtstunde vorüber, ehe sie es nur dachte, und als der lustige Kreis das Haus verließ, wurden die Mädchen mit Musik nach Hause gebracht und bekamen schöne Ständchen, das hallte gar lieblich durch die helle Mondnacht und die tiefe Stille. Da kamen sie auch am Kirchhof vorbei, dessen Tor offen stand, und stand eine alte Linde darauf, darunter war ein freier ebener Raum, und dahinein gingen die Tänzer und die Spielleute und begannen von neuem den Tanz. Erst schauerten und scheuten die Dirnen, dann folgten sie doch, halb gezwungen, und endlich auch Marie. Die alte Mutter aber wartete daheim und weinte über ihr Kind, und da sie von weitem den Freudenschall hörte, dachte sie gleich, dabei werde die Marie nicht fehlen, und machte sich auf und kroch aus dem Häuschen, ihr Kind zu holen. Da sah sie nun zu ihrem Schreck und Zorn ihre Marie unter den Kirchhofspringern und rief ihr zu mit strengem Gebot, sogleich nach Hause zu folgen. Aber die Maid rief: Ei Mutter, der Mond scheint ja noch so hell und schön! Geh nur hin, ich komme bald! Da hob die Alte ihre beiden dürren Hände zum Himmel auf und schüttelte ihre grauen Haare, die ihr wild um das Haupt hingen, und schrie im wilden Grimme: Ei daß du Rabenkind im hellen Monde säßest fort und fort und hättest immer und ewig deine verfluchte Spinnekoppel droben oder beim Teufel und seiner Großmutter! Und wie die Alte diesen Fluch gesprochen, schlug sie hin und war tot, Marie aber behielt nicht Zeit zum Jammern und Klagen, samt ihrem Rädchen ward sie schnell entrückt hinauf in den Mond, da sitzt sie, da sinnt sie, da spinnt sie – wenn der Mond recht hell scheint, kann man sie gar deutlich sehen, und all ihr wunderzartes überfeines Gespinst, das streut sie vom Mond herab, zum Frühlingsbeginn, wann die Spinnekoppeln enden, und im Herbst, wann sie beginnen und die Abende sich längern, da führt es der Wind an hellen Tagen dahin und dorthin, und schwimmt weiß durch die Luft und zieht regenbogenfarbig glänzend von Strauch zu Strauch, von Blume zu Blume, und die Leute nennen es Marienfäden, Marienseide, fliegenden Sommer. *   334. Arendsee Das Städtchen Arendsee dankt seinen Namen einem großen umfangreichen See, der dicht danebenliegt. Ehe noch das Städtlein erbaut war, und ehe der große See vorhanden war, stand an dessen Stelle eine große Burg, die ist aber in einer Nacht mit Mann und Maus versunken, und nur ein Mann, der Arend hieß, und seine Frau, die ziemlich weit von dem Schlosse waren, sahen es, denn auf einmal hörte die Frau ein Krachen und ein gewaltiges Rauschen und rief ihren Mann: Arend, seh! – und beide mußten eilend flüchten, daß die Flut sie nicht auch erreichte. Die haben hernachmals beide ausgesagt, daß die Flut überschnell die ganze Burg samt allen Bewohnern verschlungen. Weshalb sie das getan, ist nicht kund geworden, schwerlich jedoch, um die Bewohner für ihre Tugend zu belohnen. Hernach hat jenes gerettete Paar sich angebaut am Seeufer und so allmählich den Ort begründet, der vom Ausruf der Frau den Namen des Mannes Arendsee bekommen hat. Der See friert nur dann zu, wenn der Belt zufriert, und da fängt er erst an zu rauchen wie ein Backofen und läßt in seinem Innern ein Geheul und Krachen hören und ein Getöse über sich in der Luft, daß es Grausen erregt, es zu vernehmen. Es werden bisweilen im See, wenn die Sonne recht hell scheint, und wenn es recht still ist, die Mauern und Gebäude des versunkenen Schlosses erblickt. Als einstmals einige vorhatten, des Sees Tiefe zu ergründen, und ein Seil hinabließen, ward plötzlich von unten an dem Seile gezuckt, und wie sie es heraufzogen, war ein Zettel daran befestigt, auf welchem aus Hiob stand: Willt du der Welt Lauf achten, darinnen die Ungerechten gegangen sind? Die vergangen sind, ehe denn es Zeit war, und das Wasser hat ihren Grund weggewaschen. – Und die im Schiffe saßen und das lasen, erbebten und ließen ab von ihrem Vorhaben. *   335. Mutter Emerentia Zu Arendsee war ein Nonnenkloster des Benediktinerordens, nur für adelige Jungfrauen, das großen und guten Rufes sich erfreute. Das Haus ist noch allda zu sehen und auch die Kirche, mit mancherlei Bildwerk geziert. Als der erste Religionskrieg in Deutschland entbrannt war und die katholische Religion in diesen Landen verdrängt wurde, drohte auch diesem Kloster Angriff und Plünderung, doch ward der feindliche Heerführer bewogen, der Domina aus besondern Rücksichten freien Abzug zu gewähren. Diese edle Klosterfrau hieß Emerentia von Rietdorf, und als ihr freier Abzug gewährt war, sprach sie ferner Wunsch und Bitte aus, es möge ihr erlaubt werden, auch vom Kloster einiges in Sicherheit zu bringen, etwa so viel und nicht mehr, als sie unter ihrem Chormantel werde bergen können. Da vermeinte nun der Heerführer, die hochwürdige Frau werde die reichen Meßgewande und sonstigen Kirchenornate gern mit fortschleppen wollen, und gestand nicht ohne Zögern und ungern diese Bitte zu, denn es war doch hauptsächlich auf des Klosters Plünderung und Spoliation abgesehen. Als nun die Domina aus dem Kloster trat, da bauschte ihr Mantel weit, weit um sie her, und der Feind dachte in seinem Sinn: Nun, die macht ausgebreiteten Gebrauch von der Erlaubnis, die hat sich ja beladen wie ein Kameel. Was hatte aber Mutter Emerentia unter ihrem Mantel? Zehn Paar Füße sah man darunter gehen. Sie hatte die neun Klosterjungfrauen ihres Konvents unter den Mantel gehüllt, wie eine treue Henne die Küchlein unter ihre Flügel, damit ihnen nicht Leid noch Unbill widerfahre. Das brachte der frommen Mutter Emerentia großen Ruhm. Ihr Bild wurde hernachmals in der erhaltenen Klosterkirche an der Orgelempore angebracht, wie sie mit ihrem Mantel die Jungfrauen deckt, und darüber wurde geschrieben: Die Versammlung des jungfräulichen Klosters Arenthsee. darunter aber: Emerentia von Rietdorf, Domina. Allheide von Eickstedte, Anna von Baldenstedten u. s w. *   336. Osterburger Pech Als Kaiser Lothar einstens durch die Altmark reiste, wollte die Stadt Osterburg der Ehre seines Besuches auch gern teilhaft werden, sandte daher Abgeordnete aus ihrer Mitte an den kaiserlichen Herrn und ließ ihn feierlich einladen. Der Kaiser nahm die Einladung an und kam, brachte aber ein überaus zahlreiches Gefolge mit, dessen sich in solcher Zahl das gute Städtlein gar nicht vermutet und versehen hatte. Gleichwohl geschah alles, was nur geschehen konnte, den hohen Gast zu ehren, welcher auch zufrieden war, aber nicht so waren das einige seines Gefolges, die begannen Hader zu suchen bei dem Feste und verhöhnten bei einem Aufzuge insonderheit das löbliche Gewerk der Büttner, das eine große Braupfanne voll Bier dahertrug und einen Reifentanz anstellte. Dieses Handwerk nahm das übel, meinte, auf grobe Klötze gehörten grobe Keile, und hämmerten und pochten auf ihre Gegner nach Büttnerart; so gedieh der Hader zur Keilerei und die Keilerei zum Getümmel und das Getümmel zur Schlacht, in welcher fast alle Einwohner von Osterburg erschlagen und Stadt und Burg zertrümmert wurden. Das war ein teurer Besuch. Vor hundert Jahren ist es geschehen, daß einem Brauer zu Osterburg seine Bottiche behext waren, so daß ihm kein einziges Gebräu geriet, welches letztere Mißgeschick auch außerhalb Osterburg manchem Brauer noch in neuester Zeit widerfahren soll. Guter Rat war folglich teuer, und gutes Bier war gar nicht zu bezahlen. Der Brauer wandte sich dahin und dorthin um Abhülfe, und endlich erfuhr er, daß in Stendal ein wahrer Hexenmeister wohne, der alles vermöge, und dem kein böser Geist widerstehen könne. Er berief also diesen Wundermann, und selbiger kam, läuterte und weihte auf ganz besondere Weise das Pech und begann unter wunderlichen Zeremonien und Zaubersprüchen die Bottiche auszubrennen. Aber der gute Zauberer mußte etwas versehen haben, oder der Geist, der in den Bottichen saß, mußte stärker sein als die gegen ihn angewendeten Wunderkräfte, denn mit einem Male brannte das Pech die Bottiche an, und die Bottiche brannten das Haus und das Haus brannte die Straße an, und in wenigen Stunden lagen mehr als zwei Dritteile des Städtchens Osterburg in Asche. Osterburg hatte den höchsten und künstlichst gebauten Kirchturm in der ganzen Altmark, auch dieser Turm wurde ein Opfer derselben verderblichen Feuersbrunst. So war durch dieses geweihte Pech aller Hexerei in den Braubottichen auf das kräftigste gesteuert. *   337. Die rote Furt Ohnweit Osterburg ist vorzeiten eine große und blutige Schlacht geschlagen worden. Albrecht von Askanien und Huder von Stade stritten allda um den Landesbesitz, um die Altmark. Auf beiden Seiten blieben viele Krieger tot, und deren Blut rötete die Erde weit umher, nicht minder ein Bächlein, die Elia geheißen. Das Erdreich dort herum ist noch immer rot, und das Bächlein nahe dem Dorfe Kruncke heißt noch bis heute die rote Furt. Anderer Sage nach soll aber die rote Erde und die rote Furt davon herrühren, daß vorlängst zwischen den beiden tapfern Städtlein Osterburg und Seehausen, die einander so nachbarlich nahe liegen, daß der Weg von einer Stadt zur andern kein Dorf berührt, eine mörderliche Schlacht geschlagen worden sei, in welcher Schlacht der Anführer der Osterburger, dieweil es in der ganzen Stadt an Pferden gänzlich Mangel gehabt, auf einem Ochsen geritten und zu Felde gerückt sei. Von der roten Erde bei Deutz geht die ähnliche Sage einer großen Schlacht. *   338. Zwei Frauen zugleich Alle Welt kennt die Sage von der Doppelehe des Grafen von Gleichen in Thüringen, wenigen aber mag bekannt sein, daß diese Sage in der Altmark ihren treuen Widerhall findet. Zu Aulosen in der Landschaft, die man in der Wische nennt, saß ein Herr von Jagow, der war gar fromm und gottesfürchtig, und diese Gemütsrichtung bestimmte ihn, seine Heimat und Frau und Kinder zu verlassen und gegen die Ungläubigen zu Felde zu ziehen, wie man dazumal insonderheit die Türken nannte. Dort aber geriet er in Sklaverei, und es trug sich mit ihm aufs Haar alles genau so zu, wie die Sage von dem Grafen von Gleichen meldet, Gefangenschaft, Gärtnerschaft, sowie Liebschaft mit der vornehmen Türkin, Eheversprechen, Flucht, Dispensation des Papstes und endliche Heimkehr. Die Frau von Jagow saß an einem Gründonnerstag mit ihren Kindern bei Erbsen und Stockfisch und dachte an ihren lieben Mann, als unversehens selbiger mit einem wunderschönen Frauenbild vor ihre Augen trat. Die Freude war groß und herzlich, und die beiden Frauen wurden zwei ebenso gute Freundinnen miteinander wie die deutsche und die morgenländische Frau von Gleichen und sind dies auch, was viel sagen will, unter allen Umständen bis an ihr Ende geblieben. Noch zeigt man der Türkin Bildnis unter den Ahnenbildern der Familie von Jagow, und der erfreute und nicht nur glücklich heimgekehrte, sondern auch glücklich bleibende Herr von Jagow stiftete auf den Gründonnerstag eine Armenspende, bestehend in Erbsen und Stockfisch, zu seinem ewigen Andenken, nebst einer Zugabe von Speck und Brot, und haben sich seitdem viele tausend Arme an diesem Tage dort trefflich sattgegessen. Die türkische Gemahlin aber wurde nach ihrem Ableben zu Großen-Garz in eine Gruft beigesetzt; ihr Körper wurde noch als Mumie gezeigt, und ein Leichenstein in derselben Kirche ließ die beiden gleichzeitigen Frauen des Ritters nebeneinander erblicken, gleich dem Leichenstein des Grafen von Gleichen zwischen seinen beiden Frauen im Dome zu Erfurt. *   339. Jungfrau Lorenz In der Nähe von Tangermünde war früher ein großer und weitausgedehnter Forst, dieser war Eigentum einer Jungfrau des Namens Lorenz. Der Wald war also groß, daß seine Herrin, als sie eines Tages in demselben lustwandelnd sich erging, sich verirrte und sich nimmer zurechtfinden konnte. Drei Tage lang irrte sie verzweifelnd in dem Waldesdickicht umher, nährte sich von Beeren und trank aus Rieselbächen. Sie glaubte schier, nie wieder des Waldes Ende zu finden und darinnen sterben zu müssen, so sehr sie auch den Himmel anrief, ihr Hülfe zu senden. Siehe da, als sie am dritten Tage wieder recht inbrünstig gebetet hatte, erschien ein Hirsch, der hatte ein Geweih wie Elche so groß und nahte ihr ganz zahm, neigte sich vor ihr und schaufelte sie, ehe sie sich's versah, mit seinem mächtigen Geweih vom Boden empor und auf seinen Rücken und trug sie fort, immerfort durch den weiten Wald, sanft und recht wie stolz auf seine Last, bis sie endlich den Wald sich lichten und beim Heraustritt die Tore von Tangermünde vor sich liegen sah. So kam Jungfrau Lorenz wieder in ihrer Heimat an und erfüllte sogleich ein Gelübde. Sie schenkte einen guten Teil des Waldes der Nikolaikirche zu Tangermünde, ließ ihr Bildnis von Holz auf einem Hirschgeweih künstlerisch ausarbeiten und in der Kirche aufstellen mit der Verordnung, daß dasselbe bewahrt bleiben solle für alle Zeiten, und solange von der Kirche noch ein Stein auf dem andern stehe. Die Kirche blieb stehen und steht heute noch, und das Bild wird heute noch gezeigt, obschon die Stürme der Zeit so vieles brachen und änderten. Aus der Kirche wurde ein Lazarett, all ihre Bilderzier wurde entfernt oder zertrümmert, nur das Bildnis der Jungfrau Lorenz überdauert alles. Sie selbst scheint dasselbe unsichtbar zu schützen, Gepolter und unheimlicher Lärm entsteht, wann jemand nur wagt, an den Zacken des Hirschgeweihes etwas aufzuhängen. Der ganze Landstrich zwischen den Dörfern Grobleben und Bölsdorf, den die Jungfrau Lorenz an die Kirche schenkte, und in welchem jetzt kein Wald mehr ist, heißt noch immer das Lorenzfeld. *   340. Der Geiger im Chorrock Nahe bei Tangermünde liegen zwei Dörfer ohnweit voneinander, Ost- und Westheeren, und zwischen beiden liegt die gemeinsame Kirche. Der Pfarrer an dieser Kirche war aber vor langer, langer Zeit ein lustiger Bruder, dem die volle Flasche lieber war als der leere Kelch und die Fiedel lieber als die Orgel. Er verstand selbst gar schön und lustiglich die Geige zu spielen und gönnte seinen Beichtkindern die Tanzfreude viel mehr, als seine Herren Confratres im geistlichen Amte zu tun pflegen. So spielte er auch einstmals am heiligen Pfingstfeste seinen Pfarrkindern auf seiner Fiedel zum Pfingstreigen auf, der sich unter der hohen Linde lustig drehte. Es zog ein schweres Gewitter auf, doch die Frohen achteten dessen nicht. Der Dorflinde dichtes Laubdach bot lange Schutz gegen fallenden Regen. Der Donner begann zu rollen, aber der Lärm der Freude ließ ihn überhören. Warum hätten die Dirnen und Bursche nicht tanzen und jauchzen und sich freuen sollen, solange ihr Pfarrer es ihnen nicht verwehrte? Plötzlich zuckte ein entsetzlicher langer Wetterstrahl an der Linde nieder, ein fürchterlicher Donnerschlag krachte über den Tanzenden, streckte zwölf tanzende Paare tot nieder und warf den geigenden Pfarrer in den Staub, verwandelte seine Fiedel samt dem Bogen in Splitter und schlug ihm die rechte Hand ab oder den ganzen Arm. Der geigte nimmer wieder zum Tanze. – In Schlesien ist Ähnliches geschehen, daß der Blitz eine ganze Tanzgesellschaft erschlug. *   341. Der Altmarkstädte Name und Ruhm Die Stadt Stendal galt ehedem als die Hauptstadt der Altmark und ist auch heute noch die bedeutendste unter diesen Städten, steht immer noch obenan. So lebt noch ein alter Reim im Volke von den sieben Städten der Altmark, der singt und sagt etwas von deren Bewohnern: De Stendaler drinken gerne Win, De Gardeleger wöllen Jonker sin, De Tangermünder hebben den Mot, De Soltwedler hebben det Got, De Seehuser det sind Ebentur, (Abenteurer) De Werbner geben den Weiten dhur, (den Weizen teuer) De Osterberger wollten sich reken Und deden den Bullen vor den Bären steken. Stendal lag in seinen ersten Anfängen in einem steinigen Tale, nach alter Weise Sten-dal geschrieben. Die Wärme dieser sonnigen Bergabhänge begünstigte den Weinbau, der sich zu hoher Blüte hob, seit unter Albrecht dem Bären Rheinländer eingewandert waren, die ihn pflegten; es war naturgemäß, daß sie nicht allen Wein ihren Nachbarländern zuführten, sondern ihn auch gern selbst tranken. Gardelegen hingegen wurde durch Brauereien reich; sein Bier hieß Garlei. Die Stadt Tangermünde bewährte Mut und Treue in schweren Kämpfen; Salzwedel war Hansestadt und mehrte ihren Reichtum durch blühenden Handel. Den Seehausern ward nachgeredet, daß sie allerdings gern auf der See gehaust und die Insel der Glückseligkeit gesucht hätten, obschon vergebens. Werben nutzte die Fruchtbarkeit seiner Gegend, in der Wische genannt, zu lebhaftem Getreidehandel, und den Osterburgern begegnete ein unvergeßner Lalenstreich. Sie hielten eine Herde Ochsen, welche auf die Stadt zukamen, für eine Bärenherde und rüsteten sich mit Spießen, Mistforken, Stangen und Heugabeln zu kräftiger Abwehr. Stendal vor allem rühmt sich der Erbauung durch Kaiser Heinrich den Städtegründer; oft soll er dort residiert haben, noch wird das Haus gezeigt in dem ältesten Teile der Stadt. *   342. Hunde verschmähen Brot Es geht ein gemeines Sprüchwort, wenn man von einem recht geringschätzig redet: Er ist so schlecht, daß kein Bettler einen Pfennig und kein Hund ein Stück Brot von ihm nimmt. Das schreibt sich her von den durch den Fluch der Kirche Gebannten. In der Altmark war ein reicher Graf des Namens Heinrich, manche sagen von Gardelegen, andere von Osterburg. Der war ein schlimmer Herr von Jugend auf und machte auch dem Hochstift Magdeburg viel zu schaffen. Da tat ihn endlich der Erzbischof dieses Hochstifts in den Bann. Des lachte und spottete Graf Heinrich über die Maßen und däuchte ihm lächerlich – allein bald fühlte er mehr und mehr die entsetzliche Wucht des Kirchenbannes. Als ihm die Türen der Kirchen und Kapellen verschlossen blieben, als in seinem Gebiet keine Glocke mehr läutete, als die Menschen ihn mieden, seine Diener von ihm zogen, keine Hand sich regte, ihm auch nur einen Trunk Wasser zu bieten, da ward ihm wunderlich zu Sinne. Die Menschen sind unvernünftig, sprach er, da lob' ich mir die Tiere. Wahrlich, ich glaube, die Hunde haben mehr Vernunft. Und nahm Brot und lockte die Hunde und brach ihnen das Brot – aber die Hunde nahmen es nicht, mocht' er es ihnen vorwerfen oder in der Hand reichen. Da erkannte der Graf, was es mit dem Bann Schweres auf sich habe, bereute seine Sünden und büßte sie, indem er gelobte, zu Stendal einen herrlichen Dom zu bauen. Da ward sein Bann gelöst und der Dom zu Stendal erbaut, schön und kunstvoll. *   343. Die Rolandsäulen Fast im ganzen Harzgebiet, im Braunschweigischen und Hannoverischen und ebenso in der Altmark und in der Mark Brandenburg werden in vielen Orten und Flecken, selbst in Dörfern auf offenen Plätzen Rolandbilder, gleichwie zu Bremen, angetroffen, Rolandssäulen geheißen, deren Gestaltung sehr oft edel und schön, häufig aber auch grotesk, buntbemalt und höchst lächerlich erscheint. Sie sind uralten Ursprunges und stellen den Helden Roland, den Vetter und Paladin Karl des Großen, dar als einen Schirmherrn der Gerechtigkeit, daher fehlt dem Roland fast nie das Schwert. Karl der Große soll, wie die Sage geht, die Aufstellung dieser Bildsäulen von Stein oder Holz angeordnet haben, wenn sie nicht Nachklang aus urfrüher Zeit sind, in die keine geschriebene Kunde hinaufreicht. Die urältesten dieser Säulen werden nicht mehr gefunden, die vorhandenen tragen allzumal in ihrer mittelalterlich-ritterlichen oder antik-römischen Gestaltung, wo sie einem Kriegsgott ähnlich sehen, das Gepräge spätern Ursprunges. In vielen Orten der Marken sind die alten Rolandbilder verstümmelt, zertrümmert, ja sogar begraben worden. Zu Stendal, wie auch zu Brandenburg, zu Prenzlau u. a. stehen berühmte Rolandsäulen. Der Roland zu Stendal ist absonderlich riesig und grotesk, wohl der größeste. Seine Waden sind mannsdick, sein Schwert ist zwölf Ellen lang. Am Hinterkastell hat des Künstlers Laune ein lachendes Schalksgesicht angebracht; die Leute nennen es den Eulenspiegel. Manchmal schon hat der Roland, wenn gesamte oder vereinzelte Narrheit es ihm allzubunt machte, sich herumgedreht oder doch wenigstens den Kopf gewendet. Anno achtundvierzig soll das am letzten geschehen sein. *   344. Die wüsten Türme Sowohl die Domkirche als die Marienkirche zu Stendal haben jede zwei schöne Türme, doch dient stets nur einer davon als Glockenturm, und der andere, der keine Glocken trägt, wird der wüste Turm genannt. Die Sage geht, daß beide wüsten Türme durch einen unterirdischen Gang miteinander verbunden seien, der unter dem Domhof, der Hallstraße und dem Markt hinstreiche, und die Hallstraße soll absonderlich ihren Namen daher haben, daß es unter ihr hallt und hohl klingt. Lange Zeit aber ward dieser Gang für ungangbar gehalten, und man wußte nicht mit Gewißheit, ob dem also sei, daß er von einem wüsten Turme zum andern führe. Da erwachte die Neigung, der Sache und Sage auf den Grund zu kommen. Ein Missetäter, der auf den Tod gefangen saß, sollte den Gang beschreiten und, wenn er dies glückhaft vollende, nicht zu Stendal gehangen werden, sondern ein Stück Geld bekommen, sich dafür anderswo hängen zu lassen, wo es ihm selbstbeliebig sei. Man hing ihm ein Grubenlicht an die Mütze und eine Trommel um, ließ ihn vom wüsten Turm des Domes in den Gang steigen und befahl ihm, zu trommeln, damit man ohngefähr höre, wo er stecke. Dies geschah pünktlich, man vernahm den dumpfen Trommelschall unter der Erde ganz gut längs des ganzen Domhofes und in der Hallstraße – aber mitten in derselben hörte die Trommel mit einem Male auf – alle war's. Niemals kam der Trommler wieder zum Vorschein, und niemand wagte, ihm nachzugehen. Nur die Geister der alten Chor- und Stiftsherren, vielleicht auch regulierter Chorfrauen wandeln von einem der wüsten Türme zum andern, und sie werden es ohne Zweifel gewesen sein, die dem Eindringling in ihr geheimnisvolles Reich den Weg plötzlich abschnitten. *   345. Die goldne Laus Zu Bismark oder nicht gar weit davon ist im Jahre 1350 ein Kreuz vom Himmel gefallen, welches alsbald, sowie es erhoben ward, Wunder tat. Man erbaute ihm daher eine besondere Kirche, weihete sie der Himmelskönigin und nannte sie Zum heiligen Kreuze. Den Teufel verdroß das sehr, daß so viele Andachten zum heiligen Kreuz geschahen, und um das Kreuz zu höhnen, schuf er ein ungeheuerliches Getier in Gestalt einer Laus und setzte es über dem Kirchengewölbe in den Turm, da sahen es die Leute, absonderlich die Wallfahrer, wie Gold blitzen und mit den Füßen zappeln, und dadurch wurde die Andacht vom heiligen Kreuze abgelenkt, denn eine goldne Riesenlaus sah man nirgend anderswo, heilige Kreuze aber allenthalben. Aber was an Mehrung des Zulaufs und der Opferspenden das Kreuz nicht tat, das tat nun die Laus, deswegen wurde dieselbe von einer goldnen Spange umfangen und an einer goldnen Kette festgehalten und empfing zu ihrer Speise täglich ein Pfund Fleisch. An jedem Wallfahrtstage wurde den Gläubigen die Laus von oben her, vom Gewölbe, gezeigt; sie war so groß wie eine Taube, und unten an der Kirchturmmauer war sie in ihrer natürlichen Größe abgebildet. Jetzt steht die Kirche Zum heiligen Kreuz schon längst nicht mehr, auch das heilige Kreuz selbst ist verschwunden, aber die Trümmer der Kirche liegt noch einsam in der Feldflur bei Bismark, nach Stendal zu, der Weg dahin, der alte Wallfahrerweg, heißt noch die heilige Gegend. Auch die Laus ist verschwunden, aber ihr Name blieb an der Trümmer haften, die heißt noch bis heute die goldne oder auch die verwünschte Laus. *   346. Die Totenglocke Zu Calbe an der Milde, dem Sitze der edeln Herren von Alvensleben, steht das feste Haus, wie man das Stamm- und Ahnenschloß dieser alten und begüterten Familie nennt, und in diesem Hause hing eine Glocke, die begann von selbst anzuschlagen und zu läuten, wann ein Glied der Familie derer von Alvensleben mit Tode abgehen sollte, mochte sich dieses auch in den fernsten Landen befinden. So wunderbar die Eigenschaft dieser Glocke war, so wenig Angenehmes hatte sie für das lebende Geschlecht, dessen zahlreich verzweigter Stamm in vielen Gliedern blühte, wenn sie so plötzlich in das schönste Frühstück oder Mittagsmahl hinein ihre schaurige Prophetenstimme erschallen ließ. Da hatte einer des Geschlechts den einfachen und gar nicht übeln Gedanken, die Glocke zu beseitigen. Mit einem Male war sie weg, und noch heute weiß keiner, wo sie geblieben. *   347. Die Frau von Alvensleben Die Chroniken melden von einer frommen adeligen Witwe aus dem alten Geschlechte derer von Alvensleben, daß sie gar gütig, gottesfürchtig, mildtätig und hülfreich gewesen, absonderlich stand sie den Bürgerfrauen zu Calbe im Werder gern bei in schweren Kindesnöten. Da kam einmal in einer Nacht eine Botin vor das Schloß und rief zu der Edelfrau hinauf, sie wolle doch ja aufstehen und sich ankleiden und ihr folgen zu einer Frau, die in äußerster Not und Gefahr schwebe und wisse ihres Leibes keinen Rat, und wohne die Wöchnerin nahebei draußen vor der Stadt. Darauf erwiderte die Edelfrau, daß es ja mitten in der Nacht sei, wo die Tore geschlossen gehalten würden, wie sie denn hinauskommen sollten? Aber die Botin antwortete, das Tor sei schon geöffnet. Und da ging die Frau von Alvensleben mit. Unterwegs flüsterte die Botin ihr zu, sie solle nicht bange sein, nur aber nichts annehmen von Essen und Trinken, was man ihr auch bieten würde. Das Tor war wirklich für sie geöffnet, und draußen im Felde währte es nicht lange, so kamen sie an einen Berg, der stand auf, und obwohl die Frau von Alvensleben nun sahe, daß dieser Gang keiner von den gewöhnlichen sei, so hatte sie doch keine Furcht und ging getrost weiter. Da kam sie in ein Gemach, darinnen fand sie ein kleines Weiblein liegen, das der Hülfe einer Wehmutter dringend bedurfte. Diese Hülfe leistete nun die Frau von Alvensleben dem kleinen Weiblein, und nachdem sie ihr Geschäft glücklich vollbracht und ein gesundes Kindlein zur Welt befördern helfen, rüstete sie sich wieder zum Hinweggehen und tat nicht, wie die gewöhnlichen Wehmütter tun, die gern und oft und viel essen und trinken und ihren Weck auch noch mitnehmen, sondern sie rührte von allem, was da für sie schon bereitstand, nichts an. Die Botin, welche sie hergeführt, brachte sie auch wieder zurück und leuchtete ihr mit der Laterne, wie sie vorher geleuchtet. Vor dem Tore des Schlosses aber blieb sie stehen, sprach noch einmal den Dank der Wöchnerin aus und gab ihr von dieser einen schönen güldnen Ring, indem sie sagte: Bewahret diesen Ring zum Andenken als ein heiliges Pfand und laßt ihn niemals von Euerm Geschlechte kommen. Solange der Ring in Euerm Geschlechte aufbehalten bleibt, so lange wird es fortblühen, geht er verloren, dann verlöschet Euer ganzer Stamm! Als Hernachmals das Alvenslebensche Geschlecht sich in zwei Linien teilte, bis zu welcher Zeit der Ring sorglich aufbewahrt worden sein soll, da habe man, sagen einige, auch den Ring geteilt, doch damit viel Gutes nicht erzielt. Denn die eine Hälfte des Ringes sei in einem Feuer zerschmolzen, und seitdem sei auch die Linie, die sie besessen, in Verfall und Abnehmen gekommen und ergehe ihr nicht gut. Andere aber sagen, der Ring sei noch unversehrt aufbehalten, und damit er ganz sicher bewahrt bleibe, sei er in Lübeck in einem hohen Hause verwahrlich niedergelegt, wieder andere behaupten, er befinde sich noch bis zur Stunde im Hause zu Calbe und sei von einem gewöhnlichen einfachen Goldreif in nichts unterschieden. *   348. Der Adel der Marken Da Kaiser Heinrich der Finkler, auch der Städtegründer geheißen, zu Stendal saß, hatte er im Sinne, gegen die Wenden zu ziehen, die damals noch jenseit der Elbe seßhaft waren, und rüstete lebhaft gegen sie, wie nicht minder der Wendenkönig Mizisla gegen ihn. Der hatte seinen Hauptsitz in Brandenburg und sandte Botschaft an Heinrich, die gar trotzig lautete. Da ließ der Kaiser einen alten räudigen Hund vorführen, vor der Abgesandten Augen erbärmlich stäupen und an einem Baume aufhängen, aus welcher symbolischen Antwort jene Heinrichs Sinn genugsam erkennen konnten. Darauf schrieb der Kaiser einen großen Landtag gen Stendal aus, rief alle Sachsen, Thüringer, Märker und sonstige Verbündete zusammen und ernannte viele tapfere und tüchtige Mannen, die nicht zu dem Fürsten- und Herrenstande gehörten, zu eitel Rittern und Edelingen und sprach: Adel – edel! Eid – halt! – und gab ihnen Waffen und Wappen; die aber zuvor schon Hauptleute und Heerführer gewesen, die wurden zu Grafen und Herren ernannt; so schuf sich Kaiser Heinrich ein kräftiges, dankbares und anhängliches Heer, rückte damit mitten im Winter über die zugefrorene Elbe vor Brandenburg, schlug Lager auf dem Eise, stürmte die Stadt, nahm sie ein, zerstreute und erschlug das Heer der Feinde und begründete seinem Volke feste Sitze in dem Obotritenlande. Daher der zahlreiche Adel in den Marken, die vielen reichen und blühenden edeln Geschlechter, daher die alte, feste, durch den Lug und Trug der Schwarmgeister nicht zu untergrabende unerschütterliche Treue gegen ihren König und sein Haus, die nicht nur in den edeln Geschlechtern, die im ganzen Volke der Märker lebt und ein Fels ist und ein rechter Markstein, über den die welschen Gaukler und ihre Affen nimmer schreiten dürfen. Nach erkämpftem Siege erbaute Kaiser Heinrich auf dem Harlungerberge der Jungfrau Maria eine runde Kirche, baute weiter abwärts ein Blockhaus und nannte es Werben, weil er allda ferner um den Sieg werben wollte, den er auch erwarb, denn alle die Neugeadelten fochten neben denen vom alten Adel wie Löwen, und ihre Tapferkeit gewann dem Kaiser den Sieg. *   349. Das Fräulein bei Wittenberge Unterhalb Werben beginnt eine Landschaft, die nennt man in der Priegnitz, da liegt noch ein Fleck, heißt die alte Stadt, und darüber, wo jetzt Ackerfeld ist, erhebt sich ein hoher Hügel. Das soll die Stätte sein, wo früher das Schloß der Herren von Wittenberge stand und zu seinem Fuße das alte Wittenberge. Es ist nicht geheuer an diesen verödeten Stätten, und man sagt insonderheit, daß ein verwünschtes Fräulein dort wandere. Dieses Fräulein, als es noch im Leben wandelte, war einem Ritter verlobt, der von ihr hinweg in den Krieg ziehen mußte, und brach ihm die Treue. Als er voll Sehnsucht nach ihr heimkehrte, fand er sie als eines andern Weib, und zwar als das eines der Herren von Wittenberge. Darüber wurde der Hintergangene Bräutigam also zornig, daß er ein Heer sammelte, dem von Wittenberge Fehde bot und Burg und Stadt angriff, gewann und zerstörte. Dafür, daß durch seine Untreue so viele unschuldige Menschen umkommen mußten, wurde das Fräulein verwünscht, ruhelos umzugehen bis an das Ende der Tage. Von da an begannen die Einwohner der Stadt, soviel ihrer geflüchtet waren, die Stadt an einer andern Stelle wieder aufzubauen. Dieselbe hat jetzt eine berühmte Eisenbahnstation, und denkt dort niemand mehr an das wandelnde Fräulein. *   350. Wunderblut Von Blutregen und sonstigem Wunderblut gehen in den Marken viele Sagen. Zu Beelitz blutete eine Hostie fortwährend, weil ihr Leides geschehen war, und geschahen dorthin viele Wallfahrten. Zu Zehdenick drückte ein Weib eine geweihte Hostie in Wachs und vergrub sie, da sie einen Bierschank hatte, vor dem Bierfasse unter den Zapfen, das Bier zu mehren, wie jener fromme Klosterbruder zu Altenberge die Bienenstöcke. Aber von da ab hatte die Frau in ihrem Gewissen keine Ruhe, und sie mußte ihre Sünde beichten und offenbar machen. Da ihre Tat nun ruchbar ward, so ging man in ihren Keller und fand allda quillendes Blut an der Stelle, wo die Hostie vergraben lag. Man erhob die blutige Erde und trug sie in die Kirche, und es ward dahin alsbald ein großer Zulauf von Vornehmen und Geringen nach Zehdenick, selbst die Markgrafen Johannes und Otto von Brandenburg reisten dahin, begleitet von ihrer Schwester Mechtild, Herzogin von Braunschweig und Lüneburg, und dem Bischof Ruthgerus zu Brandenburg, und stifteten auf Anraten ihres Beichtigers zu Zehdenick ein Jungfrauenkloster Zisterzienserordens. Zu Wilsnack in der Priegnitz verbrannte ein böser Edelmann Dorf und Kirche. Aber unversehrt blieb mitten in den Flammen der Altar, und es brannten seine Kerzen, und drei Hostien, die der Pfarrer dort verwahrt, lagen mitten auf der Leinwand, aber mit Blut besprengt, und eine Stimme mitten in der Nacht gebot dreimal hintereinander dem Pfarrer, Messe zu lesen am Altare der verbrannten Kirche. Und er tat also, und die heiligen Hostien taten große Wunder, daß zu ihnen die Gläubigen walleten und strömten aus allen nordischen Reichen. Im Dorfe Schönhagen unweit Pritzwalk hat ein Hirschgeweih einen ganzen Tag und eine Nacht lang Blut geschwitzt, als eine Frau des Hauses von Pritzken gestorben war und begraben wurde, und niemand wußte solches Wunder zu deuten, denn schon seit vierzehn Jahren hing dieses Horn an einer und derselben Stelle. So auch schwitzte eine Magd zu Großmantel, einem Dorfe in der Gegend von Stargard, Blut, drei Tage hintereinander, daß alle Welt sich davor entsetzte. *   351. Das Grab des Remus Bei der Stadt Rheinsberg ist ein See gelegen und in diesem See eine Insel, auf der fand man vorzeiten ein mächtiges Steingrab und in dem Grabe große Gebeine eines gewaltigen Hünen. Von den Steinen war der eine schöner Marmor, und waren darauf sechs Habichte gehauen, auch eine Schrift, die aber so sehr verwittert war, daß sie niemand mehr lesen konnte. Und da fand sich alsbald auch ein kluger und weiser Diftelkopf, derselbe vielleicht, der in Salzwedel den Sonnentempel und bei Gardelegen die Isisburg kraft seiner Phantasei gründete, und spintisierte aus, daß erstens dieses Grabmal ein römisches sei, daß zweitens das Städtlein Rheinsberg in alten Zeiten keinesweges Rheinsberg sich geschrieben, sondern Remsberg, wie auch drittens der dortselbst vorbeifließende Fluß keineswegs der Rhein sei oder so heiße, auch nicht Rhin oder Rinne, sondern Rem. Daraus folge nun sonnenklar viertens, daß der Name des Städtchens früher Remus gelautet habe, und nicht minder sonnenklar fünftens, daß Remus, der Bruder des Erbauers von Rom, keinesweges von seinem Bruder Romulus umgebracht worden, weil er spöttlich über dessen neue Mauern hinweggeturnt, sondern stracklich aus Latium in die Mark Brandenburg, Grafschaft Ruppin, mit einigem Anhang gezogen sei, auch sechstens keineswegs, wie andere behauptet, die Stadt Reims oder Remus in Gallia, sondern lediglich und ausschließlich siebentens Remus am Flusse gleichen Namens begründet und erbaut habe, worauf er alldort verstorben und auf der Insul im Rem sich habe begraben lassen. Solche absonderlich belustigende Schnurren und Schnaken heckten vordessen die gelahrten Diftler aus, mit gar großem Aufwand von überschwenglichem Wissen, und ist deren Geschlecht auch noch keineswegs ausgestorben. Mancher brütet über ein paar alten Aschentöpfen zeitlebens und läßt sich's gutes und schweres Geld kosten, Bücher mit Abbildungen voll tollen Unsinnes darüber zu schreiben und herauszugeben, und so erfüllt sich fort und fort das Wort der Schrift: Wenn du den Narren im Mörser zerstießest mit dem Stempel, wie Grütze, so ließe doch seine Narrheit nicht von ihm. *   352. Die vermauerten Tore In vielen Städten der Mark Brandenburg findet sich das Ungewöhnliche, daß neben dem offenen Stadttor noch ein zweites vermauertes erblickt wird, und zwar ist gleich ersichtlich, daß das vermauerte das ursprüngliche Tor ist, das gerade in die Straßen führte, während das jetzt im Gang befindliche schrägwärts ausmündet. Solcher Tore haben Kyritz, Wittstock, Wusterhausen in der Grafschaft Ruppin, Soldin drei, Friedeberg zwei, Morin zwei, Berlinchen zwei, Königsberg zwei, Schönfließ zwei, auch Landsberg an der Warthe, Beerwalde, Woldenberg, Fürstenwalde, Mittenwalde, Bernau. Gransee hat deren auch zwei. Man weiß nicht mehr recht Grund und Ursache dieses in früher Zeit erfolgten Torumbaues anzugeben. In Gransee geht die Sage, daß, als die frühere Wendenbevölkerung von den Deutschen vertrieben worden sei und letztere sich der Stadt bemächtigt, sie die Wenden so sehr mißachtet haben, daß sie die Tore hinter ihnen zugemauert und neue Tore in die Mauer gebrochen haben. Es blieb von solcher Mißachtung des unterjochten Volksstammes der Wenden noch bis auf den heutigen Tag ein Nachhall im Brauch: auf vielen Dörfern, wo Deutsche und Wenden nebeneinander wohnen, dürfen letztere nur durch kleine Nebentüren in die Kirche gehen. *   353. Ratten vertrieben Zu Neustadt-Eberswalde gibt es keine Ratten; früher waren sie dort zahllos und fraßen fast die ganze städtische Kornmühle auf. Da kam ein fremder Mann, der erbot sich, dieses Ungeziefer für immer zu bannen, und wollte erst nach Jahr und Tag den Lohn für seine Kunst; nur zwei Taler wolle er vorweg und acht Taler übers Jahr. Solchen Vorschlag war der Rat zu Neustadt-Eberswalde gar wohl zufrieden, und derselbe Mann gebrauchte sich nun seiner Kunst. Ob er gepfiffen hat, wie der Rattenfänger zu Hameln, meldet die Sage nicht, aber pfiffig muß er es jedenfalls angefangen haben, denn gleich den Ratten zu Hameln fühlten sich die zu Neustadt-Eberswalde veranlaßt, zu Haufen die Mühle zu verlassen und in die Finow zu springen, in welcher sie allzumal hinabschwammen, und nie kam eine einzige wieder. Aber der Mann kam wieder, als das Jahr herum war, und heischte seinen rückständigen Lohn. Da gedachte der Rat weislich an den Ausgang der Kinder zu Hameln und vergnügte den Rattenjäger bei Heller und Pfennig mit Freuden. Nachher sind niemals wieder, weder in der Stadt, noch in der Stadtmühle, Ratten verspürt worden. *   354. Schlangen vertrieben Um die Stadt Bernau, wie auch um die Stadt Prenzlau findet man, soweit in die Feldflur das Geläute einer gewissen Glocke schallt, keine einzige Schlange. In Prenzlau hat sie ein Mann hinweggebannt, her das Leben verwirkt hatte, und hat sich dadurch vom Tode errettet, in Bernau aber hat es mit der Schlangenvertreibung eine andere Bewandtnis. Es sollte eine Bürgerglocke gegossen werden, und nach dem Brauch ward ein Sammelumgang gehalten bei den Bürgern um allerlei Metall, und die Leute brachten dergleichen auch wohl selbst dargetragen. Da nun der Meister schon die Erze schmolz, kam ein altes Weib gegangen und sprach, sie habe kein Erz zu schenken, wolle aber doch etwas geben, das nicht zu verachten sei. Und da ließ sie eine Otter und eine Natter, die sie lebendig bei sich trug, in den schmelzenden Metallbrei hineinlaufen und sagte voraus, sobald die Glocke geläutet werde, würden sich alle Schlangen, von denen die Flur wimmle, fortbegeben. Und also geschah es auch. Es war, als ob die Schlangen erschreckten, als ob sie gleichen glühenden Tod fürchteten: soweit der Schall der Glocke drang, flohen sie entsetzt in entgegengesetzter Richtung von dannen. Nach einer langen Reihe von Jahren bekam die Glocke einen Sprung und konnte nicht mehr geläutet werden. Darauf sind die Schlangen in Haufen wiedergekommen. Da ließ der Rat im Jahre 1649 die Glocke umgießen, und siehe, als sie zum ersten Male wieder geläutet wurde, begaben sich alle Schlangen, schädliche und unschädliche, aufs neue auf die Flucht. *   355. Die stummen Frösche Zu Schwante in der Nähe von Oranienburg ist der adelige Rittersitz der Familie von Redern. Die Gegend ringsum ist äußerst reich an Fröschen, weil in den nahen ausgedehnten Forsten der Sumpfstellen gar viele sind. Nun war zu einer Zeit ein Herr von Redern bedeutend erkrankt, und da die Frösche absonderlich zur Nachtzeit einen untümlichen Lärm mit ihrem Geschrei machten, so konnte der Kranke in keiner Nacht schlafen, und sein Zustand wurde immer schlimmer. Da kam eines Tages ein Armer in das Haus und bettelte. Die Edelfrau reichte ihm mit eigner Hand eine Gabe und weinte. Da fragte der Arme, warum sie denn weine, und sie sagte ihm, daß ihr Mann so krank läge, und daß es mit ihm nicht besser werden könne, weil das Froschgeschrei ihm keine Minute des Schlummers genießen lasse. Darauf sagte der Bettler: Wenn dem gnädigen Herrn damit, daß die Frösche schweigen, kann geholfen werden, dann soll ihm geholfen werden. Da ward ihm, wenn er solches Wunder bewirken könne, ein ganzer Sack voll Korn, so schwer er selbst ihn zu tragen vermöge, verheißen. Jetzt ging der Bettler aus dem Schlosse, umging es im weiten Umkreis, soweit nur eine Froschstimme schallen und gehört werden mochte, und brauchte seine geheime Kunst. Und siehe, da verstummte das laute Froschgeplärr und tat keiner wieder ein Maul auf, und der Edelmann bekam Schlaf und genas; und der Arme bekam seinen Sack voll Roggen und sagte im Scheiden: Auf hundert Jahre wird es gut tun, länger nicht – dann mögen andere sehen, was sie können. Immer noch sind die Frösche zu Schwante stumm, was ihnen sehr störend ist, die hundert Jahre sind noch nicht vorüber, aber bald. Bisweilen fängt schon einer oder der andere an zu probieren, ob noch Stimme vorhanden, besinnt sich aber schnell, daß es noch nicht an der Zeit ist, und schweigt. Aber wenn die hundert Jahre herum sind, Himmel, was wird das für eine Lust und für ein Fest unter den Fröschen werden! Schwante, dann freue dich! *   356. Es spukt in Tegel – – Wir haben ja aufgeklärt! Das Teufelspack, es fragt nach keiner Regel, Wir sind so klug, und dennoch spukt's in Tegel, läßt Altmeister Goethe im Faust den Proktophantasmisten sagen. Ja, es hat sehr in Tegel gespukt. Tegel ist ein ehemaliges Jagdhaus des Großen Kurfürsten, das in der Umgegend zum Unterschiede vom Dorfe Tegel Schloß Tegel heißt. Dort nistete sich zu Ende des vorigen Jahrhunderts ein Poltergeist ein, der Tag und Nacht rumorte und den Bewohnern keine Ruhe ließ. Zunächst entsprach dieses Gespenst seiner Natur durch Poltern, dann begann es mit Steinen nach den Leuten zu werfen, welche Steine zum Überfluß sehr heiß waren und mutmaßlich unmittelbar aus dem Kalkofen der Hölle. Man hörte es auch mit Peitschen in den Stuben knallen, und auf diese Weise war seine Gesellschaft keinesweges angenehm. Mit dem Feuer ging dieses Gespenst ganz gefährlich um, und die Eßwaren ließ es auch nicht unangetastet. Auch zeigte es sich bisweilen sichtbar, bald groß, bald klein, bald schwarz, bald weiß, bald eins, bald zwei, auch zu dritt beliebte es sich sehen zu lassen. Und war doch eine Zeit, wo die Aufklärung im schönsten Gange, im blühendsten Wachstums war. Ganz Berlin war voll davon, in allen Kreisen der Gesellschaft wurde von nichts gesprochen als von dem Spuk in Tegel, Bücher wurden darüber geschrieben – und endlich ist der Geist wieder hinweggekommen, man hat nicht erfahren, wohin. Einige sagten, er sei in den Tegelsee gebannt worden, Spötter aber behaupteten, der damalige Besitzer des kleinen bescheidenen Jagdschlößchens, der bekannte Buchhändler Nicolai, habe ihn in die von ihm besorgte kritische Zeitschrift Allgemeine deutsche Bibliothek gebannt, darin der Tegler Poltergeist hernach noch oft genug Rumor gemacht habe. *   357. Zauberweiber in Berlin Zu Berlin lebten im Jahre 1553 zwei arge Zauberinnen, die konnten Reif und Schnee, Eis und Hagel machen und machten dessen auch, die Frucht zu verderben. Einstmals stahlen sie einer Nachbarin ein junges Kind, töteten und zerstückelten es und kochten es in ihrem verfluchten Hexenkessel. Die Mutter, welche ihr Kind vermißte und suchte, kam zu diesen Weibern unversehens, warf einen Blick in den Kessel, sah darin ihres verlorenen Kindes Gliederlein und entwich schweigend, die Untat dem Rate anzuzeigen. Der sandte alsbald Männer, welche die Weiber ergriffen und gefangen hinwegführten. Da sie nun peinlich befragt wurden, was sie mit ihrem Geköch für eine Absicht gehabt, so gestanden sie ein, sie hätten ein Unwetter zuwege brauen wollen und einen darauffolgenden großen Frost mit Eis, daß alle Blüte und alle künftige Frucht hätte verderben sollen. Da wurde ihnen nach Verdienst gelohnet; sie wurden auf Schleifen zum Tore hinausgeführt, unterwegs mit glühenden Zangen gezwickt und draußen auf dem Anger lebendig verbrannt. Ein paar andere solche Hexenweiber und liebste Teufelsbuhlen zu Berlin waren zu einer Zeit in einem Wirtshaus beisammen, die hatten jede eine Gelte voll Wasser vor sich, rührten darinne, streuten schwarzes Pulver hinein und hatten dabei viel unverständlichen Gemürmels. Der Wirt, der selbigen Weibern nicht über den Weg traute, hatte in der Wand ein Guckloch und lugte und lauschte, was sie trieben. Und da fragte die eine: Was meinst? Soll es dem Korn gelten oder dem Weine? – Allen beiden! antwortete die andere. – Und wann? fragte die erste wieder. – Morgen in aller Frühe, ehe der Tau fällt, sprach die andere. Darauf haben sich die Hexenweiber zu Bette gelegt, und da hat sich der Wirt in die Kammer geschlichen und die Gelten über die Schlafenden ausgeschüttet und dazu gerufen: Allen beiden! Da wurde im Augenblick das Wasser zu Eis, das umschloß die Weiber und umgab sie rings gleich einer Rinde, darinne sie erfroren und erstickten. Die Flur mit Korn und Wein aber war gerettet. *   358. Die gespenstigen Mäher Zur Zeit der Haferernte im Jahre 1559 ward in der Nähe der Stadt Köln an der Spree ein verwunderlich und seltsam Gesicht erblickt. Man sahe auf dem Felde mit einem Male fünfzehn Männer, die sich als Mäher anstellten, obschon niemand sie bestellt hatte; bald darauf gesellten sich diesen funfzehn noch zwölf andere, und waren schon die ersten von sonderbarem Ansehen, so waren die nachgekommenen noch schrecklicher, denn die ersten hatten doch Häupter gleich andern und gleich wirklichen Menschen, die letzten aber hatten keine Häupter, und waren scheußlich und gräßlich gestaltet. Diese siebenundzwanzig Mäher führten in ihren Händen große Sensen und hieben mit diesen mit mächtiger Gewalt in den Hafer hinein, daß es nur so rauschte, als wenn Schwaden auf Schwaden dahinsänke, und dennoch fiel kein einziger Halm, sondern der Hafer blieb stehen, nach wie vor, auch ward vom Tritt sotaner Mäher keine Ähre geknickt oder gebogen. Über diese wunderbare und grauenhafte Erscheinung erscholl großes Geschrei am Hofe und in der Stadt Berlin, und viele Hunderte zogen hinaus, diese Mäher zu sehen. Darunter waren etliche, die wollten ihren Mut sehen lassen, gingen furchtlos auf die Mäher zu und fragten sie, woher sie kämen, wer sie seien, wer sie zu solcher Verrichtung berufen, allein auf keinerlei Fragen haben die Männer geantwortet, sondern nur immerfort mähend in den Hafer gehauen. Da nun die Beherztesten noch näher gingen und die Mäher greifen wollten, glitten sie vor ihnen her wie Schatten, ungreifbar, und setzten ihr fruchtloses Geschäft scheinbaren Hafermähens ununterbrochen fort. Solches Gesicht hat einige Tage angehalten, darauf sind die Mäher nicht mehr gesehen worden. Da nun die allgemeine Meinung war, daß diese Erscheinung auf keinen Fall etwas Gutes vorbedeuten könne, so versammelte Kurfürst Joachim der Andere die gelahrtesten Prediger in der Mark, damit sie ein Urteil fassen und fällen sollten, was dieses unerklärbare Gesicht bedeute. Lange berieten die Prediger und suchten und fanden in der Heiligen Schrift, in den Propheten und in der Offenbarung mancherlei Stellen, die sich auf jenes Gesicht anwenden ließen, und von denen manche gut paßten, andere aber wie die Faust auf das Auge, und einigten sich dahin, daß sie eine große Pestilenz prophezeiten, wo der grimme Tod als Mäher seine Garben niederschlagen werde – es war aber nichts mit der Prophezeiung und ist keine Pestilenz gekommen. *   359. Der Hirsch Sankt Huberti Demselben frommen Kurfürsten, Joachim dem Andern, ist es begegnet, daß er im Jahr 1570 in der Köpenicker Heide bei Berlin jagte und eines stattlichen Hirsches ansichtig ward, den er alsbald verfolgte. Und im Dahinjagen ward er eingedenk eines Gesichtes seines Vaters, Joachim des Ersten, den man ob seiner Weisheit und Milde und würdigen Alters Nestor nannte, welches dieser auf derselben Heide gehabt. Ein großer starker Keiler war plötzlich auf ihn losgestürzt, als er ganz allein und seinem Gefolge voraus war. Der Kurfürst war ein mutiger Jäger und nahm das wilde Tier an und stieß ihm den Sauspieß mitten in den Rachen hinein, aber siehe, da fuhr eine Feuerflamme aus dem Halse des Tieres, und plötzlich brannte der hölzerne Stiel der Saufeder lichterloh in der Hand des Fürsten, der Keiler aber wandte sich, und als das Gefolge herbeikam, fanden sie ihren Herrn bestürzt und mit verbrannter Jagdwaffe in der Hand. Das hatte Kurfürst Joachim seinem Sohne öfters erzählt, und anderthalb Jahre darauf war er gestorben. An diese Erscheinung dachte jetzt der Sohn Joachim Nestors, da stand mit einem Male der Hirsch und kehrte sich gegen ihn, und siehe, zwischen dem Geweih erblickte der Fürst gerade wie einst der Schutzpatron aller Jäger und Weidwerksgenossen ein leuchtendes Kruzifix. Da tat er, was der Jäger Hubertus auch getan, er stieg vom Pferde, kniete nieder und betete; der Hirsch aber verschwand. Den Kurfürsten mahnte diese Erscheinung an baldiges Scheiden, und im darauffolgenden Jahre ist er selig verstorben. Den Hirsch hat keiner wiedergesehen. In der Köpenicker Heide hört man zum öftern zur Nachtzeit Jagdgetöse und schallenden Lärm von Hörnern und Hunden, Peitschenknall und Jägerrufe, besonders in und über dem Müggelberge, doch weiß niemand, wer dort jagt. *   360. Die weiße Frau Es ist eine allgemeine Sage, daß, gleich wie in andern Fürstenschlössern, auch im Königsschlosse zu Berlin eine weiße Frau umwandle, welche sich sichtbar zeige bei bevorstehenden wichtigen Ereignissen, namentlich bei Sterbefällen. Zahllos sind die Anführungen solcher Fälle, vor denen sie erschienen sein soll, aber schwankend und ungewiß sind die Angaben und Annahmen, wen auf Erden dieser ruhelose Geist beseelt, wer in solcher Tracht, altväterisch, grabsteinähnlich, das Haupt mit einem Matronenschleier bedeckt, starren, steifen Gewandes, im Leben umgewandelt. Spinnwebfarben ist ihr Gesicht, Moderduft ist ihr Parfüm, Grauen weht eisig vor ihr her, und Odemstocken folgt ihrem Verschwinden. Gar viele hohe Personen nennt die Sage, denen sie soll erschienen sein, bald in Zimmern, bald auf den Gängen, bald am hellen Tage, bald im Zwielicht, bald in tiefer Nacht. Einige nennen sie die Ahnfrau des königlichen Hauses, aber welche der Ahnfrauen soll es sein? Die erste Zollerin aus der Zeiten Frühe oder die erste Burggräfin von Nürnberg, Sophia? Elisabeth von Meran oder Margaretha von Kärnten? Die Hennebergerin Elisabeth, Johann II. Burggrafen von Nürnberg, des Reichsfürsten, oder die Sachsin Elisabeth, Friedrich V. Burggrafen von Nürnberg, Markgrafen zu Brandenburg erlauchte Gemahlin, oder die bayrische Elisabeth, Friedrich, des ersten Kurfürsten, hohe Vermählte? Niemand weiß es. Einige sagten und schrieben, daß jene Gräfin von Orlamünde es sei, die Albrecht der Schöne, Burggraf zu Nürnberg, geliebt haben soll, allein deren Geist ist gebannt an das alte Haus Plassenburg und kann nicht wohl im Schlosse zu Berlin umgehend gedacht werden. Wer sie auch sei und gewesen sei, so sei ihr Erscheinen stets das eines guten Geistes. *   361. Der starke Jochem Zu Kurfürst Georgs Zeiten lebte zu Berlin ein Edelmann, Joachim von Schapelow geheißen, sie nannten ihn nur kurzweg den starken Jochem wegen seiner ungeheuren Stärke. Niemand konnte ihn niederringen, obgleich er von Gestalt nichts weniger als ein Riese war. Da kam einmal ein fremder Fürst an den Berliner Hof, der hatte in seinem Gefolge einen ungemein großen und auch sehr starken Mann, den konnte auch keiner bezwingen, und der Fürst rühmte absonderlich dessen Stärke gegen den Kurfürsten, und daß seinesgleichen nicht zum zweiten Male gefunden werde. Hm, machte der Kurfürst, mein Schapelow nimmt's am Ende doch mit deinem starken Hans auf! – und da wetteten die Fürsten miteinander um vier Eimer, das sind zwei Ohm, Wein, wessen Mann obsiege, der solle selbigen Wein gewonnen haben. Die Kämpfer traten auf den Plan, der große Ausländer und der kleine, aber kernfeste Märker. Der Kampf begann, und nach kurzem Ringen warf Schapelow seinen riesigen Gegner zu Boden, daß ihm die Rippen krachten, und als dieser wieder aufzustehen versuchte, ergriff ihn der starke Jochem, hielt ihm beide Hände eisenfest, packte ihn, trug ihn zum Fenster und wollte ihn hinauswerfen – was jedoch der Kurfürst verhinderte. Um nun den Schapelow für seine Anstrengung auch zu belohnen, so befahl er ihm, sich im Hofkeller seinen Lohn zu holen und sich so viel Wein zu nehmen, als er auf einmal herauftragen könne, der solle ihm eigen gehören. Das war dem starken Jochem sehr willkommen, er stieg hinab in den Keller, besah sich die Fässer und griff nicht blöde zu. Der Kurfürst und sein hoher Gast standen oben auf dem Söller nach dem Hofe und blickten hinab, da erschien der wackere Jochem unten auf der Kellertreppe. Er hatte drunten aus zwei Eimern die Spunde geschlagen, hatte einen vollen Eimer unter dem rechten, einen unter dem linken Arm, und an den Fingern, die er in die Spundlöcher gesteckt, trug er rechts einen Eimer und links auch einen Eimer, da sonst ein Mann an einem einzigen vollen halben Eimerfaß gerade genug zu tragen hat. Die Herren lachten über diese komische Erscheinung und bewunderten die gewaltige Kraft des Mannes, und der Kurfürst rief hinunter: Bist du des Teufels, Schapelow? Wenn du meinen Wettgewinn wegträgst, was trägt's denn mir? – Ach Durchlaucht! rief Joachim von Schapelow hinauf, es trägt's nicht aus. *   362. Das große Los Zu Berlin war ein armer Schuhmacher, dem hing ein Jude statt baren Geldes für Stiefeln oder Schuhe ein Lotterielos auf; der Mann legte das Papier ins Fenster und hatte dessen keine Acht. Als der Sonntag kam, ging er mit seiner Frau spazieren, ließ aber aus Ursachen die Kinder daheim. Die Kinder hatten ihre Lust mit Pappen und Kleistern, und wie sie nach Papier umhersuchten, fanden sie auf dem Fensterbrett das Los. – Ach, ein Bild! so riefen sie, das muß hin – zu den andern Bildern – an die Stubentüre! – Gesagt, getan, das Los bekam auf seine minder schöne Rückseite eine merklich dicke Lage Mehlkleister und erhielt seine Stelle neben einem berühmten Kriegshelden, einer Kompanie Soldaten und sonstigen Dreier- oder Pfennigbildern, welche das Bilderquodlibet an der Stubentüre bereits bilden halfen. In der Woche tat der Schuhmacher einen Geschäftsgang, von diesem kam er ganz atemlos nach Hause, seine Augen glänzten – er stürzte nach dem Fenster, seine Hand streckte sich nach dem Papiere aus – es war fort. Wo – wo – wo ist das Los? Das Papier? Hier hab' ich's hergelegt! Himmel tausend Donner – Frau und Kinder zitterten – der Schuster wurde wild – seine Hand erfaßte den Knieriem, es drohte ein schreckliches Gewitter – da faßte das jüngste Kind, ein Mägdlein mit schelmischen Augen, des Vaters Hand und sah ihn bittend und zitternd an und wies nach der Türe. Da klebte das Los, gut und sicher – aus dem Fenster hätt' es vielleicht ein Windstoß geweht. Goldkind! rief der Schuster, und hob das Kind empor, und küßte es, und ließ den Knieriem fallen. Aber das Los saß fest, herunter ging es nicht – der Versuch, mit Wasser es abzuweichen, hätte das dünne Papier jedenfalls vernichtet. Der glückliche Gewinner, denn das Los war als großes Los aus der Ziehung gekommen, faßte sich kurz, er hob die Türe aus den Angeln und trug sie huckepack auf das Rathaus, wo die Ziehung stattfand. Alles erstaunte, als das Los so groß und schwer hereinkam, doch da alles in Ordnung befunden ward, so mußte gleich dem Besitzer des glückhaften Loses die Türe zum Zählbrett dienen. Darauf hat selbiger Schuster in der Wallstraße zu Berlin ein hübsches Haus erbaut und über der Türe sich selbst abbilden lassen, wie er seine Stubentüre huckepack trägt, dem Helden Simson ähnlich, der gar ein Stadttor trug, dem aber ein schlechtes Los gefallen. Das Haus hat die Nummer 25. *   363. Der Blumenthal Zwischen Berlin und dem Oderbruch liegt ein weit ausgedehnter Wald, darin hat vor alten Zeiten eine Stadt gestanden, von der sich noch Spuren finden lassen, aber keine Sage, keine Chronik kündet von ihrem Ursprung, Bestehen und Vergehen. Nur übergroße und bemooste Trümmer zeigen noch alte Ummauerung, Straßen und Tore an, und zur Nacht tanzen Irrlichter über der längst verödeten Stätte. Blumenthal soll die Stadt geheißen haben, und manchesmal soll sie in besondern Nächten sich sichtbar zeigen voll ernster Schönheit, belebt von einem ernsten Volke. Man hat den Raum des alten verschollenen Blumenthal gemessen nach Länge und Breite; vier Tore führten hinein, die Hauptstraße hatte die Richtung nach Strausberg. Vier ummauerte Plätze trugen eine Kirche, ein Schloß, ein Rathaus und ein Kloster. Mitten in der Stadt ruhen drei mächtige Hünengräber. Man sagt, daß vor einigen hundert Jahren das Mauerwerk noch manneshoch über der Erde sichtbar gewesen, jetzt aber ist alles überraset und übergraset, und starke Baumstämme bedecken den Boden. Von dieser vormaligen Stadt Blumenthal hat der ganze weite Forst den Namen der Blumenthal empfangen. *   364. Die Geharnischten Zu Küstrin hat es sich am Bartholomäustage des Jahres 1555 begeben, daß man auf dem Markte mit einem Male zwei Geharnischte sah, und zwar geharnischt vom Kopf bis zum Fuße, die gingen miteinander Hand in Hand um den ganzen Markt, während droben am Himmel ein seltsames Wunderzeichen erblickt wurde. Da sahe man eine große Schlacht, hörte in der Luft großes Getümmel und jämmerliches Geschrei. Plötzlich vernahm man auch einen lauten wehklagenden Ruf der beiden Geharnischten, und so verschwanden sie vor aller Augen und ebenso das Luftgesicht einer Schlacht in den Wolken. Niemand wußte diese Zeichen zu deuten, und so sehr man auch von ihnen fürchtete und mannigfaches Unheil daraus prophezeite, so geschahe doch darauf nicht mehr und nicht minder, als was auf das Erscheinen der gespenstigen Mäher bei Berlin geschah, nämlich – nichts. Im darauffolgenden Jahre erschien zu Küstrin des Nachts am Himmel ein feuriges Chasma, und erzeugeten sich am Himmel unzählige Flammen, auch zwei flammende Säulen, und ward von oben eine Stimme gehört, welche schrie: Wehe, wehe der Christenheit! Wie in Berlin, so waren nach der Zeit auch zu Küstrin zwei verrufene Wetterhexen und boshafte Zaubersäcke, die schufen, als ein Pfarrer begraben ward, der öfter gegen ihren Unfug gepredigt, ein greuliches Unwetter mit Schloßen und Hagel, Donnern und Blitzen, daß die Menschen vermeinten, es komme der Jüngste Tag oder sei schon beihanden. Da man nun gegen die beiden alten Hexen Verdacht schöpfte, so wurden sie eingezogen, erst üblichermaßen gütlich und dann peinlich befragt und gestanden dann, sie hätten allerdings das Ungewitter hervorgerufen, damit der Wahn entstehe, der Pfarrer habe es mit dem Teufel gehalten, und seine Seele sei von diesem geholt worden. Darauf wurden sie gerechtfertigt, will sagen: verbrannt. – *   365. Die Adamstänzer In der Mark, in Thüringen, auch sonst in Deutschland, in Böhmen und in Holland erhob sich zu einer Zeit eine Sekte von Leuten, die gingen unbekleidet einher, weil der Urvater Adam auch keine Kleider gehabt, trieben allerlei seltsame Bräuche, andern Christen zum Ärgernis, sich selbst zur Schande, und nannten sich Adamiten. Sie führten auch Tänze auf, bei denen sie splitternackt einhersprangen. Eine solche Gesellschaft war auch im Dorfe Virchow in der Neumark, die nahm zwei Fiedler und zwei Bierschenken mit, sie selbst waren sieben Paare, und Schenken und Fiedler mußten auch also nackend mitlaufen. Und der Tag, an welchem sie es taten, war der heilige Pfingsttag, derselbe, an welchem der Herr auch die gottlosen Tänzer von Kolbeck strafte. Da huben die Adamstänzer und Tänzerinnen auf einem Plan vor dem Dorfe ihren gottlosen Reigen an, wild und sündlich und schändlich, aber als sie zum dritten Male antraten, geschahe ein Blitz und ein Donnerschlag bei hellem Himmel, und der helle Himmel wurde plötzlich schwarz wie die Nacht, und den Tänzern und Tänzerinnen erstarrte vor Schreck das Blut in den Adern, und diese Erstarrung mehrte sich, und keiner regte mehr ein Glied, weder die Adamstänzer, noch die Schenken, noch die Fiedler. Sie waren allzumal zu nackten Steinen geworden und müssen also stehen von Jahrhundert zu Jahrhundert, und nur ganz langsam sinken sie allmählich ein. Jetzt sind sie immer noch zwei bis dritthalb Fuß hoch, die Schenken in der Mitte des Kreises sind noch zwei Ellen hoch. An den Spielleuten, die außerhalb des Kreises stehen, erkennt man noch die Fiedeln. Das Volk nennt sie noch heute den Steintanz oder die Adamstänzer. In Amerika gibt es noch bis heute eine zahlreiche Sekte, die Gott durch Tanzen und Narrensprünge zu ehren vermeint wie einst die Adamiten. *   366. Die Strohbrücke Mancher sah wohl schon ein Holzgebild oder ein Porzellanfigürchen, darstellend einen jungen Mönch, der eine Schütte Stroh auf dem Rücken trägt, und in der Schütte Stroh gucken schelmisch oben ein Köpfchen und unten ein Paar Füßchen heraus, die beide keinem Männlein angehören – und keiner dachte wohl dabei daran, daß diesem Gebild eine Sage zum Grunde liegt. In der Uckermark lag ein Kloster des Namens Himmelspforten, nahe dabei zwei Seen, Modernitz und Sidow genannt, welche miteinander durch einen Wasserarm verbunden sind, von einem Steg überbrückt, über den der Weg von Himmelpforten nach dem Dorfe Lichen geht. Da hatte nun vorlängst, als im Kloster Himmelpforten noch Mönche waren, ein Mönch im Dorfe Lichen ein Liebchen, das mochte er wohl für seine wahre irdische Himmelpforte halten, die ihm den Weg in den Himmel aufschließen sollte. Ward daher mit sich und dem Liebchen einig, es in eine Schütte Stroh zu verpacken und huckepack in das Kloster zu tragen. Die Sache machte sich ganz vortrefflich, nur war die Schütte Stroh etwas schwerer, als sonst eine solche zu sein pflegt. Aber wenn Unglück sein Spiel haben soll, bricht einer den Arm im Bette; dort auf der Brücke stand der gestrenge Abt von Himmelpforten und ward des Strohträgers ansichtig und erwartete ihn. Da begann das Mönchlein zu schwitzen, teils von der Last, die es trug, noch mehr aber vor Angst, und grüßete den Abt mit frommem Gruß demütiglich. Was trägst du denn, mein Sohn? fragte der Abt. – Eine Schütte Stroh, hochwürdigster Vater Gnaden, antwortete bebend das Mönchlein. – Wo hast du denn die bekommen? – Drüben in Lichen, hochwürdigster Vater Gnaden! – Aber ich sehe mein Sohn, sie wird dir zu schwer, komm, ich will sie dir abnehmen! – O nein, hochwürdigster Vater Gnaden, das würde sich für Euch nicht schicken. – O doch, mein Sohn, wir sind ja Brüder, und es stehet geschrieben: Einer trage des andern Last. – Da nun der geängstigte junge Mönch sich nicht mehr zu helfen wußte, so lösete er das Trageband und ließ die Schütte auf den Boden gleiten, und wie die Füßchen den Boden spürten, siehe, da lief die Schütte, was sie laufen konnte, von der Brücke herunter und wieder nach Lichen zu. Der Abt aber schlug ein Kreuz und rief: Apage Satana! Was ist dies für ein Zeichen? – Der Mönch fiel dem Abt zu Füßen und rief: Verzeihung, hochwürdigster Vater Gnaden! Diese Schütte Stroh ward mir nicht geschenkt – ich hatte sie – genommen! – Da strafte der Abt den Mönch mildiglich und warnte ihn, solche grobe Sünde nie wieder zu begehen. Unter der Brücke saß ein Bäuerlein, das sah das Wunder, welches sich begeben, daß eine gestohlene Strohschütte lebendig wurde und dahin lief, woher sie genommen war, und brachte es unter die Leute. Seitdem wird jene Brücke zwischen Lichen und Himmelpforten die Strohbrücke genannt. Ähnliches wird von einem jungen Mönch aus einem Kloster des Harzes erzählt. *   367. Die Geldfresserin Zu Frankfurt an der Oder hat sich im Jahre 1536 eine verwunderliche Geschichte zugetragen. Eines Mannes, Marx Fischers, Tochter Gertrud diente zu Lebus als Magd; die war eine Teufelsbuhle, und ihr höllischer Galan besuchte sie als ein stattlicher Kriegsmann. Sie wurde aber ganz und gar von ihm besessen und offenbarte bald genug, daß es ein Geldteufel war, der in ihr stak. Wohin sie griff, an Wände, Tische, Bänke, an der Leute Röcke, Ärmel, Barette, stets berappte sie Geld, oft eine ganze Handvoll, Groschen und Pfennige, Silber und Kupfer, wie es gang und gäbe war im Lande, und das führte sie dann alsbald zum Munde und zerbiß es, kaute es und verschlang es. Da ward sie von Lebus nach Frankfurt, ihrer Heimat, zurückgebracht, ihr mit Beten zu helfen, und auch alldort trieb sie das seltsamliche Geldessen fort. Sie verspeiste auch Nähnadeln und Stecknadeln und redete mit einem Male hochdeutsch, da sie doch vorher nur stets den landüblichen Dialekt gesprochen. Da ward ein Exorzist verschrieben, der sollte ihr den Teufel austreiben, allein weder Weihwasser noch Geißel, weder Gebet noch Formel half. Nur erst, als Herr Andreas Ebert aus Grüneberg in Schlesien sich fragend über diesen verzweifelten Fall an Doktor Luther nach Wittenberg wandte und auf dessen Anraten die Besessene in seine Predigten führen ließ und mit der ganzen Gemeinde für die Geldfresserin betete, wich der Teufel, aus Respekt vor dem Grüneberger, aus ihr, doch nicht ohne Geplärr und Rumor in der Kirche, und endlich wußte die arme Magd nicht, wie ihr geschehen war, und hat, ohne je wieder eine Anfechtung zu erleiden, noch viele Jahre nachher frisch und gesund zu Frankfurt an der Oder gedient. *   368. Das wunderbare Christusbild Zu Wittenberg ist ein Christusbild von wunderbarer Art, das erscheint einem jeden Menschen einen Zoll größer, als er selbst ist. Tritt ein Mann vor dasselbe, der über die gewöhnliche Mannesgröße hinausragt, so wächst es Zoll um Zoll bis zu seiner Höhe und noch einen Zoll darüber, und tritt ein kleiner Mensch davor, so wächst es in sich hinein, bis es dessen Kleinheit nur um einen einzigen Zoll überragt. Und treten mehrere von unterschiedlicher Größe davor, so sieht es doch ein jeder nur mit seinen Augen in seiner eigenen Größe und einen Zoll höher. Wie das zugehe, ob durch irdische Kunst oder himmlische Kraft, hat noch keiner zu ergründen vermocht. *   369. Erscheinungen zu Wittenberg Im Jahre 1553 ist des Nachts ein feuriger Mann oben am Schloßturm, da, wo er anfängt, sich zu spitzen, eine lange Weile herumgegangen, das haben viele glaubwürdige Leute gesehen und bestätigt, und nicht lange darauf haben sich in demselben Schlosse drei Männer sehen lassen in schloßenweißer Kleidung, die sind bei dreien Stunden umhergegangen, haben sich über Geländer und Brüstungen gelegt und hinab in den Hofraum geschaut, sind durch alle Fürstengemächer still und ernst gegangen und von vielen Leuten gesehen worden. In demselben Jahre, kurz vor der Schlacht von Sievershausen, in welcher Kurfürst Moritz von Sachsen seinen Tod fand, flammte im Saale des Schlosses zu Wittenberg ein helles Feuer auf; alle, welche diese Flammen von unten sahen, rannten eilends hinauf, die Glut zu löschen, und als sie hinaufkamen, sahen sie nichts. Drunten sahen sie es wieder im Saale lichterloh brennen. Das geschahe zu dreien Malen. *   370. Das Männlein auf dem Rücken Ein Seiler aus Torgau, der über Land gewesen war und seines Weges heimwärts wandelte, traf einen Knaben auf dem Felde an, der saß am Boden, hatte ein Brettspiel vor sich liegen und spielte in demselben. Da der Weg nicht breit war und das Knäblein schier mitten im Wege saß, so stieß der Seiler im Überschreiten an das Brett, so daß die Steine sich verschoben. Da schrie der Knabe: Warum verrücket Ihr mein Brettspiel? Wartet nur, mein Vater wird's Euch danken! Und rückte darauf seine Steine wieder in Ordnung, und der Seiler ging weiter. Nicht lange währte es, etwa nach hundert Schritten, so holte der Mann ein uraltes graues greises Männlein ein, das sehr müde schien und ihn ansprach, es sei gar so müde, er möge es doch tragen. Des lachte der Seiler über die Maßen; ob das Männlein ihn für ein Kameel halte, das einen alten Affen tragen müsse? – Mußt doch tragen, mußt doch tragen! Hast meinem Söhnlein das Spiel verrückt! rief das Männlein und sprang mir nichts dir nichts dem Seiler auf den Rücken und war so schwer, ach so schwer, und jener mochte schütteln und rütteln, wie er wollte, er rüttelte und schüttelte das alte Männlein nimmer ab. Und so hockelte er es bis vor das Tor von Torgau, dort fiel es von ihm wie ein Nußsack und war verschwunden. Von Zorn und Angst und Mattigkeit schwach und krank kam der Seiler nach Hause, und nach zehn Tagen war er tot. Nun hatte der Seiler einen kleinen Sohn, der jammerte und schrie unsäglich, da trat das Bübchen zu ihm, dem sein Vater das Spiel verstört, und sprach: Höre auf zu klagen und zu weinen. Deinem Vater ist ganz wohl geschehen. Bald sollst du und deine Mutter ihm nachfolgen, denn es wird eine gar schlimme Zeit kommen in Preußen, Meißen und Reußen, darinnen niemand besser sein wird als denen, die gestorben sind. – Das geschah im Jahre 1669, und gingen bald darauf der Kriegstroublen genug durch die Länder, da der Kurfürst von Brandenburg mit einer Armee von zweiundzwanzigtausend Mann zu Roß und zu Fuß aufbrach und gegen die in Deutschland eingefallenen Franzosen zu Felde zog und andere deutsche Völker sich ihm verbündeten. *   371. Die Teufelshufeisen Im Städtchen Belgern zwischen Torgau und dem durch die Schlacht, in welcher Kurfürst Johann Friedrich der Großmütige zum Gefangenen gemacht wurde, berühmten Mühlberg hat es sich begeben, daß einer Bierschenkin, die zwar sehr gutes Bier hatte, dasselbe aber sehr knapp maß, ein seltsamliches Abenteuer zustieß. Zu Belgern wurde vorzeiten, wird auch vielleicht noch jetzt ein über die Maßen gutes Bier gebraut, und wenn von dem Torgauischen Bier das Sprüchwort ging: Torgauisch Bier ist der Armen Malvasier – dieweil es einen überaus würzhaften Geruch und Geschmack hatte – so galt von dem Belgerschen Bier der lateinische Spruch: Cerevisia Belgrana omnibus est sana , Während man dem Wittenberger Bier, Kuckuck genannt, spöttlich nachsagte, daß diesem Vogel unterweilen von den Brauern der Hals allzu lang gedehnt werde. Jene Bierwirtin nun mochte es mit dem Teufel entweder verdorben oder es mit ihm allzu gut gemeint haben, genug, der Teufel ritt sie in einer schönen Nacht vor die Schmiede in Pferdsgestalt, lärmte den Schmied munter und gebot ihm, sein Pferd zu beschlagen. Derselbe ging rasch an seine Arbeit, wie er aber dem Pferde den rechten Vorderfuß hob, raunte ihm die Bierschenkin, welche seine Gevatterin war, zu: Gevattersmann, verfahret doch nicht so eilig! – Der Schmied erschrak zum Tode und antwortete: Jo, Frau Gevattersche! Reitet Euch denn der Teufel? – Freilich wohl! antwortete das Pferd, knapp Maß, knapp Maß! Tu's nimmer, tu's nimmer! – Da konnte der Schmied vor Zittern kein Glied rühren, und ließ die Hufeisen fallen, und lief in die Schmiede, und machte sich darin zu schaffen die längste Zeit und sagte, er könne die Nägel nicht finden – und die Kohlen wollten nicht brennen, und da krähete der Hahn. Hui – waren Reiter und Stute ihm aus den Augen. Am andern Tage lag die Krügerin krank im Bette und blieb lange krank; an ihrem Hause hingen statt des üblichen Bierzeichens vier Hufeisen, und als jemand diese herabtun wollte, verbrannte er sich die Hände daran derb und tüchtig. Dieselbe Sage wird auch erzählt vom Orte Schwarzenstein bei Rastenburg an der Guber, dort soll der Schmied zwei Hufeisen wirklich aufgenagelt haben, die man dann an den Händen der Bierschenkin fand, mühsam abnahm und in der Kirche aufbewahrte. *   Der Teufel ein Fürsprech 372. Der Teufel ein Fürsprech Durch die Mark zog ein Landsknecht, der blieb in einer Stadt krank liegen und gab seinen vollen Geldbeutel, den er mit sich führte, der Wirtin, denselben zu verwahren. Dieser gelüstete nach dem Gelde, und ward eins mit ihrem Mann, dasselbe zu verleugnen. Da nun der Landsknecht genesen war und weiterziehen wollte, forderte er sein Geld. Da schrie ihn das Weib an, was er sich zeihe, was er beginne? Sie wisse nichts vom Gelde, habe keins von ihm empfangen, und schalt ihn auf das ärgste. Er nun schalt das Weib wiederum eine untreue Diebin, indem so kam der Wirt hinzu, verteidigte sein Weib und warf den Landsknecht zur Türe hinaus; ziehet der Landsknecht vom Leder, haut in die Türe, stürmt das Haus. Schreit der Wirt: Nachbarjo! – wird gleich ein ziemlicher Zulauf, wird der Landsknecht verstrickt und in Nummer Sicher gebracht, darauf wird Gericht über ihn gehalten und er wegen Haus- und Stadtfriedensbruch, propter vim publicam , zum Schwert begnadigt. Da kam zu dem Gefangenen der Teufel und sagte: So und so steht es mit dir. Willst du dich mir ergeben, so errette ich dir den Hals, willst du nicht, so kostet dich der Handel selbigen. Der Landsknecht war aber keiner von den übel verschrieenen Landsknechten, sondern ehrlich und fromm, und da er sich schuldlos wußte, antwortete er, er wolle lieber zehnmal sterben, als dem Teufel seine Befreiung danken. Da ihm nun der Teufel vergebens die Schmerzen des Todes, den er erleiden sollte, schilderte und jener immer sich gleich und standhaft blieb, so sagte der Teufel endlich: Und ich will dir dennoch helfen, ohne allen Beding und ohne Zusage und Lohn von deiner Seite, damit du siehst, daß der Teufel nicht so schwarz ist, als ihr ihn malt, und auch uneigennützig sein kann. Verlange daher, wenn du vor das Gericht gefordert wirst, um dein Urteil zu vernehmen, einen Rechtsanwalt, einen Fürsprech zum Verteidiger, dann will ich in einem blauen Hut mit weißen Federn in der Nähe stehen, mitten unter den andern Advokaten, kein Advocatus Diaboli , die in der Regel erbärmliche Schächer sind, sondern Diabolus Advocatum . Dem Landsknecht dünkte solches höfliche Anerbieten des Teufels nicht gegen Gott zu sein, und nahm es an, sintemal doch einem jeden sein Hals lieb ist, und so provozierte er auf einen Fürsprech und deutete auf den Herrn mit dem blauen Hut. Der Teufel verneigete sich sittiglich gegen den Gerichtshof, bat um das Wort, erhielt solches und hub an zu sprechen trotz einem. Er trug den ganzen Handel noch einmal vom Anfang an vor, wie des frommen Landsknechts Vertrauen auf das schändlichste von der falschen Wirtin getäuscht worden sei, wie der Wirt nicht von ungefähr zu dem Hader gekommen, sondern mit seiner schlechten Frau im Einverständnis gewesen und schon im Hinterhalt gelegen habe. Wie ferner der Wirt – welcher mit seinem Weibe mit anwesend war – den Landsknecht zuerst mit tätlicher körperlicher Mißhandlung verletzt und aus dem Hause geworfen, der Landsknecht aber niemand angegriffen, sondern mit seinem Schwert bloß einige unerhebliche Ritze in die Haustüre gehauen, wozu ihn gerechter Zorn über die gegen ihn begangene Untreue hingerissen, daher ihm die zur Last gelegte vis publica gar nicht anzurechnen sei, mindestens nicht bis zur Lebensstrafe. Nun erhob sich der Wirt und zürnte in ungeschlachter Rede gegen den Teufel: das seien alles Kniffe, Ränke und Rechtsverdrehungen; man kenne wohl das Sprüchwort: Advokaten – Teufelsbraten – Murren auf der linken, Beifall auf der rechten Seite der Zuhörer –, ihn, den Wirt, aber solle gleich der Teufel bei lebendigem Leibe holen, wenn er oder sein Weib je von dem Landsknecht Geld empfangen oder auch nur bei ihm gesehen, und werde ein weiser hoher Gerichtshof sich nicht in seinem nur allzu gerechten Urteil irren lassen durch einen – hier würde der Teufel noch einen ganzen Sack voll Ehrentitel an den Hals geworfen bekommen haben, wenn der Oberrichter den Wirt nicht zur Ordnung gerufen hätte. Der Fürsprech des Landsknechts lächelte, er neigte sich nochmals vor dem Gericht und bat aber ums Wort. Mein Klient, hub er an, hat mir seinen Beutel nebst Inhalt also beschrieben. Derselbe ist von Wildleder, durch langen Gebrauch unsauber, an der einen Schnur, womit er zugezogen wird, hängt ein Ringlein von Messing. In dem Beutel befinden sich fünfzig und fünf kurfürstlich brandenburgische Taler mit dem Bildnis Joachimi, sechs rheinische Goldgülden, zwanzig Schreckenberger, dreizehn sächsische Gröschlein, ferner eine spanische Doppelkrone mit dem Bildnis Königs Philippi, ein Doppeldukaten Herzog Richards von Bayern, Pfalzgrafen bei Rhein, und außerdem noch zwei Schaustücke, eines mit dem Bilde Kaiser Maximiliani, eines mit dem Caroli quinti und endlich ein kupferner Schaupfennig, auf welchem steht: Ehe man brech Treu und Glaub in Not, man soll ehe willig gehn in Tod. Alle Zuhörer erstaunten über des Fürsprechs treffliches Gedächtnis, am meisten der Landsknecht selbst, denn er hatte dem Teufel von dem Inhalt seines Beutels kein Wort gesagt, kannte so genau gar nicht die Münzen, und was auf ihnen für Schriften geprägt waren, davon konnte er keine einzige lesen. Will nun ein hoher Gerichtshof, fuhr der Fürsprech weiter fort, die Gnade haben und zwei sichere Boten in dieses unschuldigen Wirtes Haus senden, so dürfen dieselben nur im Hintergebäude hinter dem letzten Schornstein rechter Hand drei Ellen und eine Spanne hoch fühlen, da werden sie die Hände voll Ruß bekommen, und unter diesem Ruß wird sotaner Beutel meines Klienten sich finden lassen. Die Wirtin tat einen Schrei, und dem Wirt begannen die Kniee zu schlottern, beide aber wurden kreideweiß und fielen auf ihre Knie nieder. Die Boten gingen, und der Teufel sprach: Mit Verlaub, ihr Herren! Machen wir einmal gegen eure Gewohnheit kurzen Prozeß! Dieser Schächer Geständnis leset ihr in ihren Armesündermienen – einen mußt' ich haben, den Gast oder den Wirt – das Weib laß' ich euch, das ist mir zu gefährlich. Der Wirt hat sich mir verschworen, des seid ihr alle Zeugen! – Sprachs – packte den Wirt im Nacken, fuhr mit ihm zum Fenster hinaus und führte ihn über den Markt in den Lüften hinweg, wohin, erfuhr niemand, konnten sich's aber schon denken. So kam der Landsknecht zu seinem Recht und auch wieder zu seinem Gelde. *   373. Der letzte Groschen In der Mark, nach Polen zu, kam zu einer Zeit, da Teurung herrschte, ein ganz armes Bäuerlein zur Edelfrau und klagte ihr seine große Not, er habe ein krankes Weib und viele kleine Kindlein und für sie und sich zu essen gar nichts, die Edelfrau wolle doch aus Gnade ihm einen Scheffel Korn vorstrecken. Sie aber schlug es ihm rund ab, nur gegen bare Bezahlung könne sie ihm sotanes Korn ablassen. Der Mann ging fort und bettelte und suchte, daß er das Geld leihe, und bracht's mit großer Not zusammen, doch fehlte ihm noch ein Groschen. Ging aber doch wieder zu der Edelfrau und zählte ihr das Geld vor. Aber da fehlt ja noch ein Groschen! sprach sie hart. Der Arme bat und flehte, sie wolle ihm doch um Gottes willen das Korn dafür geben, er habe mit größter Mühe dieses Geld zusammengebracht und wisse den Groschen nicht zu schaffen. Aber da leuchtete kein Stern, die Edelfrau bestand auf dem Groschen. Weinend ging der Arme hinweg und hungerte und bettelte von neuem – endlich gewann er auch den letzten Groschen – und legte ihn in der hartherzigen Herrin Hand. Indem so entfiel der Groschen ihrer Hand – gierig und hastig bückte sie sich selbst danach, ihn wieder aufzuraffen, aber da verwandelte sich der Groschen in eine große greuliche Schlange, die durch ihre Hand und um ihren Arm sich wand und sie mit schmerzlichen Bissen verwundete. Und da half kein Herr Gott! und kein Ach Gott! Die Schlange blieb ihr am Arme, biß und quälte sie fort und fort, und nach dreien Tagen fuhr die Frau in Raserei von hinnen. *   374. Das Glück im Brunnen Zu Schilda im Amte Torgau, dessen Bürger unter dem Namen der Herren von Schilda bekannt sind, und welches Städtlein von wegen der kurzweiligen Reden und Taten, so man von denen Einwohnern erzählt, weitberühmt ist, hat sich im Jahre 1553 diese wahrhaftige Geschichte zugetragen. Es wohnete daselbst ein Bürger, der hieß Urban Ermtraut, der hatte auf seinem Hof einen tiefen Brunnen, aber des Wassers wenig darin, und wollte ihn tiefer graben lassen, verdingte das einem Maurer des Namens Hemberg. Der machte sich am 18. November im Brunnen sein Gerüst über dem Wasser, stellt die Leiter ein, steigt herauf, verzehrt sein Morgenbrot, muß aber erst ein Maß fertigen, daran es ihm gebricht, bevor er weiterarbeiten kann, hat jedoch seinen Hammer drunten liegenlassen, steigt nochmals hinunter, denselben zu holen; indem, wie er drunten ist, verfällt unten das Erdreich, weichen oben die Steine und bricht mit Donnergepolter der ganze Brunnen zusammen, daß er sich mit Schutt und Gestein füllt bis herauf zum Rande. Alle Welt zu Torgau erschrak. Der ist gut aufgehoben! sprachen die weisen Herren zu Schilda, lasset ihn begraben sein! Damit war es abgetan. Der Rat war doch noch weiser wie die Bürger, der beriet sich und ratschlagte ein langes und ein breites, endlich drang die Meinung durch: Nein! Der Brunnen muß geräumt werden und der arme Verschüttete heraufgeholt und dahin begraben werden, wo ihm als einem Christen zu liegen ziemt. Das geschahe am 21. Tage des Wintermonds, und es wurde nun erst begonnen zu graben nach der Zeche und nach Schachten fort und fort. Und am folgenden Tage nach Mittag um zwei Uhr kamen die Arbeiter auf einen großen Stein, da ging ein Loch hinunter, da stießen sie eine Stange hinab, zu fühlen, wie tief es gehe – und da schrie es drunten: Au! meine Nase! – und der Verschüttete lebte noch und hatte sich von selbiger Stange unangenehm berührt gefühlt und schrie, sie möchten ihn um Gottes willen aus dem kalten Loch helfen, es sei gar nicht schön da herunten! – Wie nun die Arbeiter hörten, daß der Mann noch lebte, arbeiteten sie sehr fleißig bis zehn Uhr abends, da wurden sie seiner ansichtig; er stand hinter der Leiter, die hatte ihn gegen die Steine geschützt, aber mit dem halben Leib stak er im Erdreich, und rief: Sagt meiner Frau, sie solle mir eine Biersuppe kochen, dieweil mich hungert! – Aber indem er das rief, tat das Erdreich unter den Arbeitern wieder einen Schuß hinab und auf ihn drauf und verschüttete ihn aufs neue ganz und gar. – Nun ist's aus, nun ist Feierabend! sprachen die Arbeiter und stiegen gemächlich wieder hinauf. Droben aber stand der Bürgermeister zu Schilda, Herr Jakob Schmied, und befahl zu arbeiten ohne Aufhören. Man sollte Schilda nicht auch noch zu den vielen Lügenmären, die über das Städtlein im Schwange gingen, nachsagen, es begrübe die Leute in die Brunnen. – Und so ward aufs neue begonnen, mit keiner Hoffnung – doch um Mitternacht gelangten sie zu dem verfallenen Maurer, und da fragte er: Ist die Biersuppe fertig? Und brachten ihn frisch und gesund herauf, und war vier Tage und drei und eine halbe Nacht, achtundachtzig Stunden, im Brunnen gewesen; ließ sich seine Suppe von Torgauer Würzbier übertrefflich schmecken und lobte Gott, dessen hohe Wundermacht er im Finstern erkannt hatte, wie geschrieben steht im 88. Psalm V. 13. *   375. Die Erbsensteine In einer Zeit großer Teuerung trug sich's zu, daß ein reicher Bauer in der Mark, der noch mehrere Ernten liegen hatte, vermeinte, er werde Hungers sterben müssen, denn solche Zagheit befällt oft die Geizigen, und weil das Korn sich nicht mehren und nicht wohlfeiler werden sollte, so besäete der Geizige seinen Acker mit Erbsen, aber ganz heimlich, und sprach dazu: Ich säe Erbeis, Daß's weder Gott noch die Welt weiß. Aber ein Nachbar, welcher der Erbsen wirklich bedurfte und deren ebenfalls säete, hörte diese Worte und rief jenem auf seinen Acker hinüber: Lieber Nachbar! Ich säe auch Erbeis, Aber, daß Gott und die Welt darum weiß. Da geschahe das Wunderbare, daß des letztern Mannes Erbsensaat keimte und fröhlich aufgrünte, aber die Saat des Geizigen, die ist durch Gottes Schickung samt der Ackerkrume versteinert. Und die in Steine verwandelten Erbsen sind noch heutiges Tages vorhanden, man kann darin Erbsen aus der versteinerten Ackerkrume gleichsam wie aus einer Hülse lösen, und die Hülsen selbst lösen sich vom Gestein ab und sind steinern. Solcher Erbsensteine und Erbsenäcker finden sich aber nicht allein in der Mark, sondern auch in Thüringen und in Westfalen. Zwischen Eisfeld und Krock am Abhang des Thüringer Waldes gegen Franken liegt ein solcher Erbsenacker, aber die Sage von ihm lautet ganz anders. Ja dieselbe Sage in wieder veränderter Form klingt aus Palästina herüber und tut überall dar, wie die kindliche Phantasie wundersame Gebilde der Natur sich poetisch zu deuten und zu erklären versuchte und verstand. Und da war es vorzugsweise das Reich der Steine, an dem jene Phantasie ihre Kraft übte. *   376. Sündelstein und Lügenstein Mit großen Steinen hat sich der Teufel immer gern zu schaffen gemacht. Ein solcher liegt bei Osnabrück, ragt dreizehn Fuß tief aus der Erde, und die Bauern sagen von ihm, der Teufel habe ihn an einer Kette gehalten und durch die Lüfte geführt, um da oder dort diese oder jene Kirche einzuschlagen. Dies habe er auch an einer Kapelle versuchen wollen, aber eines sündlosen Priesters Gebet habe ihn gezwungen, den Stein fallen zu lassen. Noch zeigen die Bauern im Stein die Stelle, wo die Kette gesessen, und nennen ihn den Sündelstein. So auch liegt ein ähnlicher Fels auf dem Domplatz zu Halberstadt, mit dem der Teufel als Vater der Lügen dem Dombau ein Ende machen wollte. Der Baumeister aber nahm diese Absicht wahr und verhieß in aller Schnelle dem Teufel, ein Weinhaus neben den Dom zu bauen, sobald dieser letztere vollendet sei, da warf der Teufel den Stein hin. Man sieht daran noch die Spur des glühenden Daumens. Hinterdrein hielt der Baumeister nicht Wort. Der Stein heißt deshalb der Lügenstein. Bei der Mündner Glashütte im Geismar-Wald liegt auch ein Stein, in den hat ein daraufsitzender Feldherr seine Spur gedrückt. Er zweifelte an seinem Glücke, und daß er so wenig siegen werde, als der Stein weich werden. Und siehe, da erweichte sich der Stein, was außerdem wunderselten geschieht. *   377. Die Wittekindsburgen Held Wittekind, oder Widukind, der Sachsenherzog, hatte eine Burg in der Gegend von Minden auf einem schönen Berge, da, wo das Wesergebirge beginnt und man einen reizenden Punkt der Gegend die Porta westphalica nennt, die hieß die Wittekindsburg oder Wekingsburg, auch Wittgenstein. Eine andere stand auf dem Werder, da wo die Herforder Werre in die Weser fließt, und eine dritte hatte Wittekind nahe der heutigen Stadt Lübbecke erbaut, die hieß die Babylonie. Von allen gehen noch Sagen um im Lande Westfalen. Die Burg bei Minden, oder der Ort selbst, habe erst Visingen geheißen, da habe Karl der Große, als Wittekind Christ geworden, gern einen Bischofsitz alldort begründen wollen und begründet. Denn es sei Raum genug vorhanden gewesen, auch bedurften die Menschen in jenen frühen Zeiten, obschon sie größer und stärker waren wie das heutige Geschlecht, des Raumes ungleich weniger wie letzteres. Und da habe Wittekind zu dem Bischof gesprochen: Es soll mein gut Schloß Visingen an der Weser gelegen zu gleichem Recht mein und dein sein und kein Streiten um das Mein und Dein: min-din, und von da sei der neue Sitz Mindin genannt worden, daraus dann hernachmals Minden entstand. Auch Wettin, der Sachsenfürsten hehre Stammburg, soll Wittekind erbaut haben, und Wittenberg dankt ihm nicht minder seine Gründung. Nahe der Burg am Werder soll ein greiser Christenpriester dem Helden Wittekind auf dessen Jagdgange im tiefen Walde begegnet sein und zu ihm gesprochen haben, er solle an Christum glauben und an die Macht des ewigen Gottes. Da habe der Heidenheld ein Zeichen dieser Macht gefordert, und der Priester habe im Gebet zu Gott gefleht um solch ein Zeichen. Mache, daß Wasser aus diesem Felsen springt, so will ich die Taufe annehmen! habe Wittekind gerufen, und da habe sich das Roß emporgebäumt, mit dem Huf an den Fels geschlagen, und ein Wasserstrahl sei aus dem Gestein gerauscht. Da stieg der Held vom Roß und betete und baute nachderhand eine Kirche an den heiligen Ort, die hieß dann Bergkirchen, und der Born darunter quillt noch heute und heißt der Wittekindsborn. Als aber der große Wittekind nach einem Leben voll mannlicher Kämpfe gestorben war – manche sagen, in einer Schlacht gegen den Schwabenherzog Gerwald gefallen –, da ist zwar sein Leib in Engern, wo er auch eine Burg hatte, beigesetzt worden, aber viele haben ihn nachher doch noch wiedergesehen. Die Sage geht, daß die Schlacht auf dem Wittenfelde gar vielen braven Streitern das Leben gekostet, und daß der Held endlich flüchtend gegen Ellerbruch gezogen. Da nun im Heerestroß viele Weiber und Kinder gewesen, die nicht gut fortzubringen, da habe sich das Sprüchwort erfüllt: Krupp unter, krupp unter (krieche ein), die Welt ist dir gram – und es habe sich unten an der Babylonie der Berg aufgetan, und Wittekind sei mit seinem ganzen flüchtigen Heer und allem Gefolge hineingezogen und habe sich da hineinverwünscht für ewige Zeiten. Manches Mal sieht man ihn in gewissen Zeiten mit auserlesenem Gefolge im Wesergebirge auf weißen Pferden reiten, da besucht er seine Burgen, auch wird das Heer erblickt mit blinkenden Spießen, und lauter Lärm wird dann vernommen, Rossegewieher und Hornschall, und die Anwohner sagen, es bedeute Krieg, wenn der Wittekind aus der Babylonie ausreite, wie dort vom Rodenstein und Schnellert die verwandte Sage geht. Auch um den grundlosen Kolk, einen Moorsee in Westfalen, spuken zur Nacht Wittekinds Heerscharen und ziehen nach der Widekesburg – einer öden Trümmerstätte. *   378. Wittekinds Grab und Gedächtnis Da Wittekind, der große Sachsenheld, der, solange es ihm nur möglich war, die Freiheit seines Volkes gegen Kaiser Karls Unterdrückung schirmte, gestorben war, so fand er sein erstes Begräbnis zu Engern in dem Stift, was er selbst begründet und erbaut, doch ward seinem Gebein, wie ihm selbst im Leben, wenig Ruhe beschieden. Denn hernachmals wurde es von Engern in einen schlechten Kasten nach Herford gebracht, und hernach aber nach Engern, doch wurde sein Gebein gleich dem eines Heiligen verehrt, auch sein Andenken in so hohen Ehren gehalten, wie kaum ein anderes eines deutschen Fürsten und Helden aus so früher Zeit, denn vormals ließen alle Fürsten zu Sachsen mit Stolz ihren Namen bis zu Wittekind zurückführen, ebenso die alten Herzoge zu Bayern, zu Schwaben, die Kapetinger in Frankreich, die Herrscher Oldenburgs und Dänemarks, Savoyens und andere. Da wollten alle Wittekinder sein. Kaiser Karl IV. hat des Helden Grabmal hoch geehrt und erneuern lassen. Es war darauf eine Schrift in Kreuzesform und des Helden Bild nach uralter Art mit perlengezierten Schuhen, Purpurtunika mit edelstein- und sternenbesäetem Überwurf, gar köstlich, und einem Hute, der einer Krone ähnlich. *   379. Der Soester Schatz Nicht weit von Soest in Westfalen lag ein altes zerstörtes Haus, Mauerreste eines Burgstalles etwa, darinnen sollte, so ging die Sage, ein großer Schatz in eiserner Truhe verborgen liegen, bewacht von einer verwünschten Jungfrau und einem schwarzen Hunde. Es müsse und werde einst, so meldete die Sage weiter, ein fremder Edelmann kommen, den nie eines Weibes Brust gesäugt, der werde die Jungfrau erlösen, den Schatzkasten gewinnen und mit einem feurigen Schlüssel ihn erschließen. Trotz dieser bestimmt ausgesprochenen Vorhersagung wagten sich aber doch unterschiedliche Schatzgräber, fahrende Schüler, Teufelsbanner und solche Vaganten mehr an des Schatzes Hebung, jedoch vergeblich, denn sie sahen so seltsame Gesichte und erhielten zumeist so übeln Willkommen, daß ihnen die Lust, wiederzukehren, auf immer verging. Einst geschah es, daß ein junges Mädchen aus einem nahen Dorfe ein paar Geißen hütete und ganz zufällig in den Hof des alten Gemäuers kam, da trat unversehens eine Jungfrau auf das Kind zu und fragte, was es da zu schaffen habe. Das Mägdlein sagte, es suche Beeren und Kirschen für sich und Futter für seine Ziegen. Da zeigte die Jungfrau auf ein Körbchen voll Kirschen und sagte: So nimm dort von den Kirschen, komme aber nicht wieder, damit dir nicht Übels begegnet. Das Kind erschrak, furchtsam griff es nach den Kirschen und nahm nur sieben Stück und eilte aus dem Gemäuer. Als es die Kirschen draußen essen wollte, waren sie in das reinste Gold verwandelt. Die Jungfrau aber soll das Los zahlreicher Schwestern teilen, sie soll noch immer unerlöst sein. *   380. Die Königstochter In Oberhessen ist ein Berg gelegen, heißt der Christenberg, darauf stand vorzeiten ein Schloß, darin ein König wohnte, welcher nur eine einzige Tochter hatte, welche wundersam begabt war. Dieser König hatte einen Feind, welcher mit Heeresmacht kam und ihn in seinem Schlosse belagerte. Eines Tages blickte die Tochter hinaus, da sahe sie einen Wald sich gegen das Schloß bewegen und rief: Vater, gebt Euch gefangen! Der grüne Wald kommt gegangen! Nun hieß aber auch der Feind des belagerten Königs Grünewald, und so hatte der Tochter Rede einen Doppelsinn. Da sie nun so klug und verständig war, sandte ihr Vater sie dem Feinde entgegen, damit sie mit ihm unterhandle. Und da unterhandelte sie, daß sie freien Abzug haben solle und mitnehmen, soviel sie auf einem Esel fortbringen könne. Darauf setzte sie ihren Vater auf den Esel, packte dem letztern auch noch nebenbei ein Ziemliches an Schätzen auf und zog von dannen, indem sie den Esel leitete. Als sie eine gute Strecke so fortgegangen war, war sie müde und der Esel noch mehr, da hielt sie an einer hübschen Stelle an und sprach: Hier wolle mer ruhen. Als sie nun geruht hatten und weiterkamen, erreichten sie durch Wildnisse das Gebirge und fanden einen Flecken. Da sagte die Tochter: Hier hat's Feld! – Und sind allda geblieben und haben sich ein Schloß gebaut und haben das Hatzfeld genannt, und von jenem Ort der Rast empfing das Dorf Wollmar den Namen. *   381. Die grüne und die dürre Linde Hinter dem Geißenberge in Westfalen, auf dem vordessen weit verrufene Räuber hausten, besonders einer, Johann Hübner genannt, der nur ein Auge hatte und stets ein eisernes Wams trug, erhebt sich mit drei Spitzen der Kindelsberg, auf dem hat auch ein Schloß gestanden, das war voll Ritter, die gerade so schlimm und so schlecht waren wie ihre Nachbarn, die Räuber auf dem Geißenberge, nur daß sie reich waren und ein ergiebiges Silberbergwerk besaßen; dieser Reichtum aber war es eben, der sie übermütig machte. Sie spielten nur mit goldnen und silbernen Kegeln und Kugeln, wie die Einwohner zu Reichmannsdorf bei Saalfeld in Thüringen, buken sich dicke Kuchen von Semmelteig so groß wie Kutschenräder und machten Löcher hinein und steckten sie an die Achsen, während teure Zeiten waren und die Menschen kein Brot zu essen hatten, bis Gottes Langmut über der Ritter Frevel und Sünden ein Ende nahm und ihre Strafe einen Anfang. Spät eines Abends kam ein weißes Männlein in das Schloß auf dem Kindelberge und prophezeite, alle gottlosen Bewohner der Burg würden sterben, und nur der jüngste Sohn und eine Tochter, die beide fromm waren, würden am Leben bleiben; zum Wahrzeichen werde morgenden Tages eine trächtige Kuh im Burgstalle zwei Lämmer werfen. Das Männlein wurde als töricht verlacht und spöttlich aus der Burg gewiesen – und des andern Tages kalbte die Kuh nicht, sondern sie lammte. Da war der Schrecken und die Angst groß, und am dritten Tage kam eine schwinde Krankheit, gleich einer Pestilenz, und raffte alle die Gottlosen dahin. Der am Leben bleibende jüngste Sohn zog mit einem jungen Grafen von der Mark in den Krieg und verlobte ihm seine Schwester, um welche auch, wiewohl vergebens, einer der Raubritter vom Geißenberge warb, den man nur den Ritter mit dem schwarzen Pferde nannte. Sie wies ihn aber ab und sagte, sie werde ihn lieben, wenn die Linde vor ihrem Fenster dürr sei und nie mehr grüne. Da hob der Raubritter heimlich die grüne Linde aus und setzte eine dürre hin, und als er nun ihre Hand forderte, die doch schon versagt war, sprach sie zu ihm: Ich kann dich doch nicht lieben, und wenn ein ganzer dürrer Lindenwald draußen stände. Da stach ihr der Ritter sein Schwert durchs Herz. An demselben Tage kehrte ihr Verlobter mit ihrem Bruder aus dem Kriege heim, und als er sein Lieb ermordet fand, schwur er sie zu rächen, zog aus und erschlug den Ritter mit dem schwarzen Pferde. Dann begrub er mit dem Bruder die Jungfrau, und sie setzten eine grüne Linde auf ihr Grab und einen großen Stein, der immer noch vorhanden ist. *   382. Die zwei Gleichen Nicht weit von Göttingen liegen auf einer Berghöhe zwei Burgruinen, Altengleichen und Neuengleichen genannt. Die Sage geht, daß in sehr frühen Zeiten zwei Grafen aus dem Sachsenlande sie erbaut, welche dann von diesen Burgsitzen aus das Land bedrückt und beraubt hätten, da seien sie unter der Regierung Kaiser Otto IV. befehdet, von den Bewohnern des Landes vertrieben und ihre Burgen zerstört worden, darauf sie sich nach Thüringen gewendet und dort die unter dem Namen der drei Gleichen bekannten Bergschlösser erbaut hätten. Es beruht das aber alles auf Nachrichten, die nur als Sage annehmlich klingen. Die einst schönen und stattlichen Nachbarburgen bei Göttingen gehörten zwei Dynasten; Ezike und Elle von Reinhausen genannt. Der letztere dieser Brüder, Elle, brachte ein mannlich Geschlecht hervor, davon ein Sproß mit dem Bischofshut von Hildesheim sein Haupt geschmückt sah. Doch endlich blühte dieses Geschlecht dennoch ab, und die Burgen sind hernachmals an die Familie von Uslar gekommen. Diese war in zwei Linien geteilt; das Haupt der einen hatte Altengleichen mit drei Vierteilen der Herrschaft inne, das Haupt der andern bewohnte Neuengleichen und besaß nur das letzte Viertel der Gleichenschen Herrschaft. Solcher Ungleichheit halber liebten sich diese beiden Herren keineswegs, sie haßten sich vielmehr recht gründlich und so sehr, daß einer den andern mit einem Pfeilschuß zu töten beschloß. Diesen argen Gedanken blies jedem von beiden der Teufel zu gleicher Zeit ein, und die beiden im Haß einander gleichen Bewohner der Burgen Gleichen gedachten an einem und demselben Morgen jeder den Nachbar und Feind zu erlegen. Der Teufel lenkte jedem zugleich den Schuß in das Herz hinein, und so starben sie wie jene Ritter auf den zwei einander nachbarlich nahen Rheinburgen, die man die Brüder nennt. *   383. Burg Plesse Auf dem Plesseberge, anderthalb Stunden von Göttingen, liegt die Trümmer des ehemaligen Bergschlosses Plesse. Von dieser Burg gehen gar mancherlei Sagen. Ein Kind ward lebendig in der Mauer beigesetzt, als man die Burg erbaute, um sie, nach frühem Wahn, unüberwindlich zu machen. Vor fünfzig Jahren fand man das Särglein mit den Gebeinen. Hinter der Burg ging ein Felsenbrunnen zur Tiefe, in dessen Gemäuer ein heimlicher verborgener Eingang zu einem unterirdischen Gang in das Innere der Burg führte, so daß man aus der Burg Wasser holen konnte, auch wenn sie belagert war. Ein mannhaftes Rittergeschlecht nannte sich nach der Burg edle Herren von Plesse, und obschon die einst stattliche Burg in Trümmern liegt, bewachen und beschirmen die Rittergeister noch ihren einstigen Wohnsitz. Einem Maurer, der Steine aus dem Burggemäuer brach, um sie drunten zu verwenden, schreckte ein seltsames unerklärbares Geräusch, daß er fast darüber die Besinnung verlor und endlich von dannen eilte, ohne je wieder hinauf und nach Burgsteinen zu begehren. Der letzte edle Herr von Plesse war Dietrich VI., mit ihm ist am 22. Mai 1571 das Geschlecht ausgestorben, und dann ist alsbald die Plesse ein Zankapfel zwischen Braunschweig und Hessen geworden, bis endlich die Burg nach manchem Streit an Hannover gelangt ist. Hauseten oben über der Erde auf Plesse große und tapfere Ritter, so hauste ebendaselbst unter der Erde ein kleines winziges Völklein, von dem eine gar wunderliche Mär umgeht. *   384. Das stille Volk zu Plesse Tief unterm Boden des Burgberges der Plesse wohnt ein stilles Zwergenvolk, hülfreich und guttätig den Menschen, das sich unsichtbar zu machen vermag und durch jede verschlossene Türe, durch jede Mauer wandelt, so es ihm beliebt. Bei dem tiefen Felsbrunnen ist der Haupteingang in des stillen Volkes unterirdisches Reich. Wie die Herren Studenten zu Göttingen gar gern die Burgruinen der beiden Gleichen und die absonderlich schöne und anmutige der Plesse besuchen, so tat auch ein Göttinger Student im Jahre 1743. Er hatte ein Buch mitgebracht, und da er sich auf dem von lieblichen Schatten malerischer Bäume umspiegelten Burgplatz allein fand, legte er sich auf den Rasen und las. Ein süßer Geruch, wie von Waldmeister, Maienglöckchen und Flieder, schläferte ihn ein. Lange schlief er, bis ein Donnerschlag und strömender Regen ihn weckten. Dunkel war es um ihn her, nur Blitze beleuchteten mit fahlem Schein die verwitternden Trümmer. Der Student betete, denn damals pflegten die Studenten noch zu beten, jetzt werden's wohl nur noch wenige tun – da kam ein Licht auf ihn zu. Ein kleines altes Männchen mit eisgrauem Bart trug's und hieß jenen ihm folgen. Das Männlein führte den Jüngling zum Brunnen, in welchem ein Brettergerüst stand, darauf traten beide, und jetzt ging es wie auf der schönsten Versenkung eines Theaters sanft zur Tiefe bis auf den Wasserspiegel. Da wölbte sich eine Grotte, in der es trocken und reinlich war. Da sagte das Männlein: Es stehet dir nun frei, hier im Trocknen zu verharren, bis droben das Unwetter vorüber, oder mir in das Reich der Unterirdischen zu folgen. Der Student erklärte, letzteres wählen zu wollen, wenn keine Gefahr ihm drohe. Darüber beruhigte ihn das alte eisgraue Männlein, und so folgte er ihm gleich einem Führer durch einen gar niedern und engen Gang, der für das Männlein just hoch und weit genug war, aber für den Bruder Studio nichts weniger als bequem, so daß ihm ganz schlecht wurde. Endlich traten beide aus dem Gange und sahen vor sich eine weite Landschaft, durch die ein rauschender Bach floß, mit Dörfern aus lauter kleinen Häusern, wie die chinesischen, und ganz kunterbunt bemalt, wie die Wachtelhäuser. In das schönste dieser Häuschen traten sie ein, und darin war des eisgrauen Männleins werte Familie, welcher der Studiosus Theologiä aus Göttingen vorgestellt wurde. Hierauf grüßten ihn die Anwesenden mit einer stillen Verbeugung. Dann stellte das Männlein dem Studenten die werte Familie vor, seinen Vater, das war aber ein ganz schneefarbiger Greis, und ebenso seine Mutter, beide waren so alt, daß sie nur noch auf Stühlen sitzen, nicht mehr stehen und gehen konnten; dann seinen Großvater und seine Großmutter, die hatten beide kein Härlein mehr auf ihrem Kopf und kein Fleisch mehr auf ihren Knochen und konnten bloß liegen, dann des Männleins Frau, auch schon aus den Zwanzigen und etwa in den Sechzigen, und ihre Kindlein von dreißig bis vierzig Jährchen und die kleinen Enkelchen etwa von vierzehn bis fünfzehn Jahren. Dann sprach der alte Großvater einige Worte des Grußes, der Gast aus der Oberwelt möge sich nur umsehen und ohne Furcht sein. Dann kam die jüngste Tochter, die war nur eines Schuhes hoch, doch dreizehn Jahre alt, und sagte: Es ist angerichtet. Das hörte der Student gern, daß die stillen Leutchen auch anrichteten. Und die Tafel war königlich, was die Geräte, Tafeltücher, von Asbest gewebt, Teller und Löffel von Gold, Messer und Gabeln von Silber und dergleichen betraf. Das Essen war und schmeckte gut, und was das Trinken anlangte, so dünkte dem Studenten, er trinke den köstlichsten Wein, die Zwerglein aber behaupteten, es sei nur Wasser. Nach Tische erzählte der uralte Vater dem Studenten viel von der Einrichtung des unterirdischen Reiches. Ihm und den Seinen, als geborenen Herrn desselben, gehorche alles willig und gern. Landstände habe das Land keine, und er als Regent halte auch keine Minister, die einen so teuer und so unnütz wie die andern. Es gebe in diesem stillen Reiche nur Friede, Zufriedenheit und Wohlwollen. Ein jeder tue ungeheißen seine Pflicht. Es gebe keine Zwiste, keine Kriege, keine sogenannte Politik. Man kenne hier unten keine Wühler als die Maulwürfe und Reitmäuse, und die stammten aus dem unterirdischen Reiche. Wie der Alte noch redete, erscholl ein Zeichen von einem stark geblasenen Horne: das Zeichen zum Gebet. Alles faltete die Hände und fiel auf die Kniee und betete still und leise. Der Abend brach an, und es kamen Lichte auf großen silbernen Armleuchtern, und man ging in ein anderes Zimmer. Alles, was er bis jetzt gesehen, gehört und wahrgenommen, reizte gar sehr die Wiß- und Neubegier des Studenten. Er dachte, es müsse nicht übel spekuliert sein, über diesen so wohlgeordneten Staat unter dem althessischen Boden eine Reisebeschreibung zu verfassen und herauszugeben, wie weiland Nils Klimm getan, zu Nutz und Frommen der Oberwelt, und wollte schon beginnen, sich Bemerkungen in seine Brieftasche zu machen. Aber das alte Männlein verhinderte ihn daran und sagte: Laß das! Ihr da oben lernt doch nicht, glücklich zu sein; ihr versteht das Befehlen so schlecht wie das Gehorchen. Ziehe hin und fürchte Gott, ehre den Herrscher und die Gesetze und scheue niemand! Der Studiosus fand es sonderbar, daß man die Gäste, die man erst eingeladen, gehen heiße, mußte sich aber fügen. Er empfing noch einige Gaben mit auf den Weg und fand sich unversehens wieder oberhalb des Brunnens auf der Plesse. Der Morgen war prächtig angebrochen, und der Burgwald erschallte von Vogelstimmen. Der Studiosus besah die Gaben und befand, daß es Gold und Edelsteine waren von hohem Wert. Er hatte, wenn er diesen Reichtum gut und vernünftig anwandte, genug für sein ganzes Leben. *   385. Von den Schweckhäuserbergen In der Göttinger Gegend zwischen den Dorfschaften Waake, Landolfshausen und Mackenrode, die recht in einem Dreieck zueinander liegen, liegen auch drei Berghöhen, welche man vereint die Schweckhäuserberge nennt. Eine dieser Höhen ist etwas länglich gedehnt, wie so manches in dieser Erdenwelt, die heißt der lange Schweckhäuserberg, und derselbe trug früherhin auf seinem Gipfel ein Ritterschloß. Obschon keine Trümmer davon mehr vorhanden sind, gehen doch die Einwohner der drei genannten Orte gern hinauf auf den Gipfel, der freien Natur und schönen Aussicht zu genießen, besonders am ersten Ostertag, und erzählen sich mancherlei Mär und Sage von diesen Bergen. Daß ein Heidentempel droben gestanden mit einem ehernen Riesenbilde, hohl, wie der Herkules auf der Wilhelmshöhe bei Kassel, das die Heidenpriester zu allerlei Trug und Blendwerk benutzt, und statt selbst zu predigen, hätten sie das metallene Bild predigen lassen. In den Bergen aber seien Zwerge seßhaft gewesen. Von sotanen Zwergen hat einer die Tochter eines Schafhirten gern gesehen, aber sie liebte bereits einen treuen Schäfer und war für den Quarksen nicht zu Hause, zumal er neben der Kleinheit vorn und hinten mit einem merklichen Verdruß aufwartete, kleine Schweinsäugelein, beträchtliche Lippenwülste, Schlappohren, ein aschgraues Gesicht und die Annehmlichkeiten grüner Zähne und stets feuchter Nase, etwa wie der Spiegelschwab im Volksmärchen, besaß. Doch hatte der Zwerg eine große Tugend, er war über die Maßen reich und spendierlich und schenkte drauf und drein, und da die Mutter besagten Mägdeleins, das Lorchen hieß, die Gaben nicht zurückwies, so vermeinte der Zwergenmann, er habe nun ein Recht, und sagte endlich kurz und rund zur Alten: Daß du es weißt, deine Tochter wird mein, es wäre denn, du wüßtest meinen Namen zu nennen; kannst du das, wenn ich wiederkomme, so soll es auch gehen wie im Kindermärchen, dann will ich weichen, und das Lorchen soll freie Wahl haben, nach dem Orakel der Gänseblume, zwischen Edelmann, Bettelmann, Schulmeister, Pfarr. Damit ging er nicht in bester Laune hinweg. – Das war der Mutter des Mägdleins gar unlieb zu hören, klagte es dem Liebhaber ihrer Tochter und riet ihm um sein selbst und seiner Liebe willen, des Zwergen Namen auszukundschaften. Das däuchte nun freilich dem jungen Gesellen ein schweres Stück und war's auch in der Tat, denn es gibt der Wichtlein wohl ab und auf all um den Rhein, in Preußen und Reußen, dünken sich Wunders viel zu sein und zu bedeuten, und so einer nach ihnen umfragt in allen Landen, so hat niemand die Tausendteufelskröpel jemals auch nur nennen hören. – Der Schäfer spähte nun gar fleißig umher, und als einmal der Zwerg sich zeigte, schlich er ihm nach, allein plötzlich verschwand der Zwerg an einem Steinfelsen. Als der Schäfer zum Fels trat, sah er eine schöne rote Blume darauf blühen, und innen hörte er hämmern und klingen. Der Zwerg schmiedete und sang dazu: Hier sitz' ich, Gold schnitz' ich, Ich heiße Holzrührlein, Bonneführlein. Wenn das die Mutter wüßt'. Behielt' sie ihr Lürlein. Das nahm sich der Schäfer zu Ohren und hinterbrachte es schnell seiner Liebsten und ihrer Mutter. Bald darauf kam der Zwerg wieder und fragte: Weißt du meinen Namen? – Ach! sagte die Alte, wie kann ich Euern Namen wissen? Ihr werdet wohl am Ende Vitzliputzli heißen! – Nein, so heiße ich nicht! grölzte der Zwerg. Oder Peter Neffert! riet die Alte neckend weiter. – Nein, so gar nicht! antwortete jener. Ich frage zum dritten und letzten Mal: wie heiße ich? – Da sang die Alte: Im Felsen sitzt Ihr, Gold schnitzt Ihr! Ihr heißet Holzrührlein, Bonneführlein. Und weil das die Mutter weiß. Kriegt Ihr nicht mein Lürlein! Das hat dir der Teufel gesagt, Weib! schrie voll Ärger der Zwerg, fuhr ab und ließ sich nimmermehr wieder sehen. Der Schäfer aber hat das Lorchen geheiratet und ist mit ihr gar glücklich geworden. *   386. Der Drescher und der Zwerg In der Burgscheuer zu Schweckhausen draschen einmal zwei Drescher Erbsenfrucht auf der Tenne aus; die Schoten waren groß und ausgiebig, und nach dem Ausdreschen würfelten sie die Erbsen, aber als sie bald fertig waren, sahen sie, daß es kein Haufen wurde. Die Erbsen flogen wohl durch die Luft, und die Spreu fiel nieder, aber auf die Tennen kamen keine Erbsen. – Höre, das geht nicht mit rechten Dingen zu, sagte der eine Arbeiter zum andern, und der erwiderte: Da hat der Kuckuck sein Spiel, und warf seine Wurfschaufel in die Höhe, nach der Stelle hin, wohin sie die Erbsen geworfen. Mit einem Male steht ein Zwerg sichtbarlich vor ihnen, der hält einen großen Sack aufgesperrt, und dahinein waren alle Erbsen geflogen. Durch den Schaufelwurf war aber dem Zwerg die Nebelkappe vom Kopf gestreift, daher war er nun sichtbar geworden, rasch fuhr der Knecht zu und nahm die Kappe weg, und der andere griff nach seinem zur Seite liegenden Dreschflegel, um auf den Zwerg loszuschlagen. Der aber flüchtete eilend von dannen, ließ den Sack mit Erbsen zurück und auch seine Nebelkappe. Die ist hernach noch lange im Schloß aufbewahrt worden, und die Herren haben damit viel Kurzweil getrieben. *   387. Graf Isang Der letzte Besitzer der Burg Schweckhausen hatte eine sehr schöne Tochter, Bertha genannt, um diese warb Graf Isang, welcher ein wilder und wüster Ritter war, dessen Schloß zwischen Bernshausen und Seeburg stand. Auch er war der letzte seines Geschlechts und hatte schon viele Untaten getan, die sich gar nicht niederschreiben lassen. Die schöne Bertha wollte gar nichts von der Werbung des Grafen Isang wissen, aber da dessen Mutter eine gewaltige Zaubrerin war, so verwünschte sie das Mägdlein, daß es im Burghain nachts so lange umgehen und seufzen sollte: Hilf mir! hilf mir!, bis jemand zu ihr sagen würde: Helfe dir der liebe Gott! Aber auch damit solle sie noch nicht erlöst sein, sondern der Sohn zweiter Ehe einer Frau, der als Pfarrer studiert habe und noch ein reiner Jüngling geblieben sei, wenn er seine erste Predigt tue, der könne Bertha erlösen. Da hat nun die arme Bertha fort und fort spuken müssen die längste Zeit. Der Graf Isang wurde aber von nun an nur immer ärger und schlimmer und häufte Schuld auf Schuld, Sünden auf Sünden. Da brachte ihm eines Tages sein Koch einen silberweißen Aal, es war aber eine weiße Schlange, und der Graf war begierig, davon zu essen, und verbot, daß irgend jemand von der Dienerschaft es wage, auch von dem weißen Aal genießen zu wollen. Da nun der Graf von der Schlange gegessen hatte und hinab in den Hof kam, da hörte er viele Stimmen, und hörte die Tiere sprechen, und verstand ihre Sprache. Aber erfreuend war es nicht, was Graf Isang hörte. Die Hennen gackerten: Packe, packe, packe dich! – Der Hahn schlug mit den Flügeln und krähte den Grafen an: Flieh, flieh, flieh, flieh! – Die Tauben gurrten: Die Burg, die Burg, die Burg geht unter! – Gänse und Enten schnatterten durcheinander: Graf Isang, Graf Isang! Es ist alle, alle, alle. Wo dein Haus heute stand, ist morgen Wasser, Wasser, Wasser, Wasser! – Dem Grafen rieselte es kalt durchs Gebein, da er die Tiere also reden hörte. Da stürzte sein Diener atemlos herbei und rief: Hört Ihr's, Herr? Hört Ihr's, was die Hunde heulen und winseln? Auf, auf, auf! Das Haus soll im Hui, im Hui versinken, verschwinden! – Und da entbrannte der Graf im jähen Zorn und zog sein Schwert aus der Scheide und schrie: Selbst Hund! Hatte ich nicht allen verboten, vom weißen Aal zu essen, nun hast du's doch getan und hörst den Unsinn und schwatzest ihn gleich nach! Fahre zur Hölle, du Teufelsrabe! Du Unsinnskrächzer! – und damit spaltete der Graf dem Diener den Kopf und ritt aus der Burg hinaus nach dem Städtchen Gieboldehausen zwischen Göttingen und Nordheim zu. Hinter ihm sank unter Erdbeben und Donnerkrachen seine Burg in den Boden, und an ihre Stätte trat ein tiefer See. Graf Isang aber trat in ein Kloster zu Gieboldehausen und büßte reuig seine Sünden ab und machte reiche Schenkungen von seinem Erbe. Auch die arme Bertha von Schweckhausen hat hernachmals, doch nach langer Zeit, durch einen außerordentlich tugendhaften jungen Pfarrer ihre Erlösung gefunden. *   388. Der Glockensee Zwischen Northeim und Uslar liegt der Flecken Moringen; dort ist in einem Garten ein kleiner See, den nennen sie den Opferteich. Vor alten Zeiten haben Tempelherrn zu Moringen einen Sitz und Klosterhof gehabt. In noch frühern Zeiten wurde unter alten Eichen, die in des Teiches Nähe standen, Gericht gehalten, und die Schuldigbefundenen wurden als Sühnopfer der Gerechtigkeit tot oder lebendig in den Teich gestürzt, daher sein Name Opferteich. Derselbige Teich ist nicht groß, aber sehr tief und wird durch unterirdische Quellen unterhalten, sichtbaren Zufluß hat er nicht. Als das Tempelhaus noch stand, ließen die Klosterbrüder eine neue Glocke gießen und in dem Kirchturm aufhängen. Aber sie ließen selbige Glocke nicht erst taufen, wie doch allgemeiner Brauch war, denn die Templer taten manches, und manches taten sie nicht, das beiderseits ihnen bösen Ruch machte. Als daher zur Christmette die Glocke zum ersten Male geläutet wurde, tat sie einen schrillen Klang und fuhr zum Schalloch heraus gerade in den kleinen tiefen See hinab, und da liegt sie noch bis heute, und der See hat von ihr den zweiten Namen Glockensee erhalten. In jeder Christnacht läutet die Glocke eine ganze Stunde lang, und bei hellem Wetter sieht man sie bisweilen im Grunde liegen und grüngoldig heraufschimmern. Kein Fisch kann im See leben, und lebt keiner darin, wegen der Glocke. – Bei Ricklingen, ohnweit Hannover, ist ein unergründlicher mit Wasser gefüllter Erdspalt, eine wahre Teufelskutte, in die hat der Teufel eine ganze Kirche gestürzt, deren Glocken man noch Ostern und Pfingsten läuten hört. *   389. Der Heinrichswinkel Nicht weit hinter dem Harzstädtlein Gittelde, das manche auch Gattelde schreiben und Gittel sprechen, und das in alten Zeiten Chatila geschrieben ward, nach der Staufenburg zu, da liegt der merkwürdige Raum, auf welchem des Sachsenherzog Heinrich des Finklers Vogelherd stand, als ihn die Abgesandten des Reichs aufsuchten und die Kaiserkrone ihm darboten. Dort saß Heinrich mit seinem Gemahel im lauschigen Winkel einer grünen Laube, und als er die Gesandten nahen sah und wußte nicht, was sie wollten, da winkte er ihnen mit der Hand, zu warten, bis er sein Netz zusammengezogen habe. Der Fleck heißt noch bis auf den heutigen Tag der Heinrichswinkel. Bei Gittelde hatte der Herzog eine kleine Burg, deren ehemalige Stelle man noch zeigt und die Burg nennt, nahe dabei ist eine Wiese, die heißt der Kaisergarten, Heinrich legte dort einen Garten an. Rundum hatte Heinrich außer diesen seinen Lieblingsorten Jagdhäuser, so eines auf dem Berge, der die spätere Staufenburg trug, eins in Gittelde, eins in Seesen, eins zu Herzberg, eins zu Scharzfeld, eins zu Schildberg, eins auf dem Harzburgberge. Eine andere Anhöhe hieß die Vogelsburg und lag über einem Ort, der Hernachmals Vogelsbeck benannt wurde. Alldort erlegte Junker Heinemann von Gittelde einen Bären, der den Herzog hart bedrängte, ward hoch belobt und belohnt, und Heinrich erbaute an dem Ort eine Kapelle, und die Priester mußten darin beim Messedienst vor dem Altar auf das Fell des Bären wie auf einen Teppich treten. – Die Staufenburg ist Hernachmals durch den Kaiser Heinrich I. gar stattlich auf- und ausgebaut worden, und er hat sie als einen Lieblingssitz betrachtet. Hernachmals in spätern Zeiten hat sich auf der Staufenburg noch mancherlei Geheimnisvolles zugetragen, und ihre Mauern sahen nacheinander der Liebe Wonnen und der Liebe Pein im vollsten Maße, so daß sie für Herzog Heinrich von Braunschweig, der seine Eva von Trott droben wohnen hatte und barg, selbst gar ein traulicher Heinrichswinkel geworden. – Auf einer Felsklippe ist noch ein Frauenfuß tief eingedrückt zu sehen, dort stand oft lange ein schönes Weib mit sehnsuchtsvollem Blick und schaute dem Kommen des Liebsten entgegen. Man will sie auch noch jetzt erblicken mit goldgelbem, fliegendem Ringelhaar, wie die alten deutschen Meister ihre schönsten Marienbilder malten. *   390. Das Teufelsloch zu Goslar Im Dom zu Goslar hat man lange an einem Pfeiler einige Ellen hoch von der Erde unvertilgbare Blutflecken gezeigt. Im Jahre 1063 kam Kaiser Heinrich IV. nach Goslar, da erhob sich zwischen dem Bischof Horzilo von Hildesheim und dem Abt Widerad von Fulda ein heftiger Rangstreit um den Vorsitz, um die Ehrenstelle. Dieser Streit ging so weit, daß die erbitterten Gegner gegenseitig Bewaffnete in die Kirche bestellten, die ihnen den erstrebten Sitz erkämpfen sollten, und wirklich gedieh es durch des Teufels Anstiften dahin, daß in der Kirche mit den scharfen Waffen gekämpft wurde und das Blut an die Pfeiler umherspritzte und zur Kirchtüre hinaus auf den Kirchhof floß. Daran hatte der Teufel ein herzinniges Wohlgefallen. Er stieß ein Loch in die Wand und stellte sich den Kämpfenden dar, feuerte sie an und empfing die Seelen derer, die in diesem gottlosen und verruchten Kampfe fielen. Als endlich das Morden aufhörte, welches durch die drei Weihnachtsfeiertage gedauert haben soll, andere sagen, es sei vor Pfingsten gewesen, und der Priester am Altare intonierte: Hunc diem gloriosum fecisti! , da steckte der Teufel seinen Kopf durch das von ihm gemachte Mauerloch, streckte seine feuerrote Zunge armslang heraus und plärrte mit grober und lauter Stimme: Hunc diem bellicosum ac cruentum ego feci! – Hernachmals haben sie das Loch zumauern wollen, allein es blieb offen. Vergebens ward es mit Weihwasser besprengt und ward der Mörtel mit Weihwasser angemacht; wenn es auch zu war, der letzte Stein fiel immer wieder heraus, gerade wie beim Loch auf der Frankfurter Mainbrücke. Endlich wurden Baumeister vom Herzog von Braunschweig erbeten, die mauerten in das Teufelsloch eine schwarze Katze ein und sprachen beim Einsetzen des letzten Steines: Willst du nicht festsitzen in Gottes Namen, so sitze fest in des Teufels Namen! Da hielt auch dieser Stein, aber einen Riß bekam die Mauer doch wieder, und der ist auch nicht wieder wegzubringen gewesen. Vor dem altertümlichen Rathaus auf dem Markte zu Goslar steht ein mächtig großes metallenes Schallbecken, das soll ein Werk des Teufels sein. Wer um Mitternacht daranschlägt, soll ihn rufen. Ob er kommt, weiß man nicht so ganz sicher. Es hat einen wunderbaren Klang, und wird an dasselbe geschlagen, wenn Feuer in der Stadt ausbricht, so dient es anstatt einer Sturmglocke. *   391. Der Rammelsberg und der Rammberg Vom erzreichen Rammelsberge bei Goslar gehen viele Sagen. Es soll mehr Holz in ihm verbaut sein als in der ganzen Stadt Goslar. Kaiser Otto II. hatte einen Jäger, der hieß Ramm, und dieser Jäger hatte eine Frau, die hieß Gosa. Diesem Paare, das er sehr schätzte, schenkte der Kaiser das ganze Gebiet am Harzwald, darinnen heute Goslar und der Rammelsberg liegen, und auch weiter hinaus, über Andreasberg und Harzgerode hin, und es gründete daselbst Städte und begann den Bergbau. Nach dem Jäger wurde der eine Erzberg Rammelsberg genannt und nach der Frau Gosa der Fluß Gose, desgleichen die Stadt Goslar und deren berühmtes Bier, die Gose, wem sie schmeckt. An der St. Augustinerkapelle auf dem Frankenbergischen Kirchhofe ist des Paares Leichenstein zu erblicken. Der Jäger trägt ein erhobenes Schwert über sich in der Hand, Frau Gosa eine Krone. Der Jäger Ramm war es, der zuerst die Spur des Bergsegens entdeckte. Er verfolgte ein Wild, konnte zu Pferde nicht durch das Dickicht des Waldes dringen, band das Pferd an einen Baum und verfolgte jenes weiter zu Fuße. Als er zurückkam, hatte das Pferd mit den Hufen gescharrt und edle Erzgesteine zutage gefördert. Diese brachte Ramm dem Kaiser mit. Als der Bergbau sich anhub, hatte der Teufel auch eine Grube, die war ausschließlich sein und sehr silberreich. Woher hätte er sonst auch das viele Geld nehmen sollen, das er denen verschaffen mußte, die sich ihm verschrieben. Er ließ daher drauf und drein arbeiten und bezahlte die Knappschaft wöchentlich gleich den andern Gewerken. Da aber alle Ausbeute, welche der Rammelsberg lieferte, gemeinsam verkauft wurde, welches man alldort die Kommunion nannte, und der Erlös dann unter die Grubenherren geteilt wurde, so ließen sich einstmals die übrigen Gewerken beigehen, den Teufel zu beschuppen, worüber er so böse wurde, daß er seine ganze Grube zusammenwarf und unzugänglich machte, und wurden bei tausend Menschen vom einbrechenden Gestein erschlagen. Dieser verfallene Ort heißt noch bis heute die Teufelsgrube. Oben auf dem Gipfel des namenverwandten Rammberges über Harzgerode liegen viele Felsblöcke umher verstreut, das nennt man die Teufelsmühle. Einem Windmüller stand seine Mühle nicht hoch und frei genug, er wünschte sich eine dort hinauf, der es nie am Wind fehlen solle. Der Teufel versprach ihm solch ein Werk vom allervortrefflichsten Bau. Die wolle er in einer Nacht bauen und vor dem ersten Hahnenkraht vollenden, dafür solle nach dreißig Jahren angenehmen Lebens die Müllerseele des Teufels sein. Gleichwohl verrechneten sich bei diesem Kontrakt beide Kontrahenten. Der Teufel brachte zwar die Mühle fertig, allein da er sie dem Müller zeigte, entdeckte dieser, daß noch ein Mühlstein fehle; eilend fuhr der Teufel von dannen, diesen Stein zu holen, aber wie er wiederkehrte, da krähte schon der Hahn auf der untern Mühle. Darüber bekam der Teufel einen solchen Zorn – es mußte ihm schrecklich viel an der Müllerseele liegen –, daß er mit dem Stein gleich das ganze neue Werk zusammenbrach, Flügel, Räder und Wellen in Splitter knickte und die Steine bis fast aufs Fundament über den ganzen Gipfel des Rammberges verstreute. Der Müller war gescheit genug, seine Seele jetzt Gott zu befehlen, und begehrte nimmer wieder eine Mühle auf der gefährlichen Höhe. *   392. Die Gruben zu St. Andreasberg Tief im Harzgebirge liegt die Bergstadt St. Andreasberg mit vormals reichem Grubenbau. Unter den Gruben, von denen leider gar viele auflässig geworden sind, waren St. Andreas und Samson, Katharine Neufang, der große Johann und der goldne Altar die reichsten. Die geringeren hatten auch schöne Namen, wie Morgenröte, Abendröte, Teuerdank, Engelsburg, drei Ringe, Weinstock und noch viele andere. Es gab auch Berggeister in den Gruben. Ein redlicher Gräflich-Hohensteinischer Obersteiger, bereits alt und betagt, mit eisgrauem Haar und Bart, des Namens Jakob Illing, befuhr einst eine Grube und traf auf einen Berggeist, welcher den Obersteiger anhauchte. Da wurde dem alten Mann seltsam zumute, und versahe sich seines baldigen Todes. Als er wieder aufgefahren war, bereitete er sich christlich auf sein nahes Ende vor, es fiel ihm auch alles Haar aus, so daß er völlig kahl wurde, allein er blieb nicht nur am Leben, sondern es wuchs ihm neues schönes schwarzes Bart- und Haupthaar, er verjüngte sich zusehends, wurde ein prächtiges Männchen, freite aufs neue, zeugte viele Kinder und starb erst im höchsten Alter. Seine Nachkommen haben hernach gar lange Reihen von Jahren dem Grubenhagenschen Bergwerk als Bergmeister löblich vorgestanden. Ein anderer Steiger brachte zur Zeit guter Ausbeute einige reiche Stufen aus dem großen Johann und dem goldnen Altar beiseite, sie als Ersatz aufzubewahren, wenn einmal die Beute geringer ausfallen werde. Aber seine Mitgesellen, die das bemerkt hatten, glaubten, er habe die Stufen für sich über Seite gebracht, klagten ihn der Veruntreuung an, und da auf solcher damals die Todesstrafe stand, so wurde mit dem armen Manne kein langes Federlesens gemacht. Als er nun auf der Richtstatt kniete, um enthauptet zu werden, so rief er zuvor: Gott wird ein Zeichen tun, daß meine Unschuld erkannt werde! Fluch über die Gruben, bis ein Graf mit Glasaugen und Rehfüßen geboren wird und am Leben bleibt! Da tat der Scharfrichter seinen Schwertstreich, das Haupt des unschuldigen Mannes fiel, aber dem Rumpfe entsprangen statt des Blutes zwei Milchströme; das war das Zeichen, welches Gott tat, und gleichzeitig hörte man von fern ein Donnerkrachen, davon die Erde erbebte. Die genannten Gruben waren in sich zusammengebrochen und nie mehr befahrbar. Endlich geschah es, daß wirklich ein junger Graf geboren wurde mit Glasaugen und Rehfüßen, da hoffte man auf neuen Bergsegen aus jenen verschütteten Gruben, aber die Hoffnung trog, das seltsame Kind konnte nicht am Leben erhalten werden, sondern starb, und die Gruben blieben verschüttet auf immerdar. *   393. Der Geist auf Scharzfels Auf der Burg Scharzfels im Harz, die eine wahre Felsenburg war, saßen im eilften Jahrhundert edle Grafen von Lutterberg oder Scharzfeld. Einer derselben, der zu Kaiser Heinrich IV. Zeiten lebte, hatte ein schönes Weib, die dem Kaiser allzuwohl gefiel. Auf der Burg aber wohnte ein Hausgeist von der Natur des Hütchen und Hinzelmann, doch ist dessen Name vergessen. Er hatte schon Scharzfels aus dem Felsen aushauen und mit erbauen helfen und erschien bisweilen als ein alter Mann, klein und krüppelhaft, in der Tracht eines Bergmanns oder Schanzgräbers. Er hatte seinen Wohnsitz im Wartturme und zeigte sich bisweilen den Burgbewohnern, und zwar lebhaft und kurzweilig, wenn Erfreuliches – trauervoll aber, wenn ein Unglück bevorstand. So ließ er sich in der Küche, im Hofe und in den Ställen blicken. Da nun einstmals der Graf und seine Gemahlin von einem Hoffeste in Goslar, dazu der Kaiser sie beide geladen hatte, zurück auf ihre Burg kamen, erblickten sie den Burggeist traurig und mit Augen voll Tränen, gerade als sie durch das Tor schreiten wollten, und ahndeten ein Unglück. Nicht lange danach kam ein Mönch aus dem Kloster Pölde, der ein Hausfreund auf Scharzfels war, als Sendbote des Kaisers und entbot den Grafen in sein Kloster, wo sein Lehensherr, der Kaiser, seiner harre, um ihn fernhin mit Botschaft zu entsenden. Als der Graf hinweg war, kam der Kaiser bald hernach wie von ungefähr vor einem Unwetter auf einem Jagdritt Schutz suchend nach der Burg hinauf, der Mönch, sein Vertrauter, begleitete ihn, und mit dessen Hülfe vollbrachte der Kaiser seinen schändlichen Willen an der arglosen Gräfin, die sich von dem hohen Besuch einer solchen Schandtat nicht im entferntesten versehen. Da entstand aber alsbald auf der Burg ein furchtbares Rumoren, der Geist warf die Dachungen der Türme ab und zeterte es in alle Lüfte hinaus, was der Kaiser mit seinem Helfershelfer, dem nichtswürdigen Mönch, vollbracht, und verfolgte den Mönch so eifrig und entsetzlich, daß dieser sich über dem Felsenufer des Harzflusses die Oder erhenkte, da, wo man es noch die Schandenburg nennt. Dem Kaiser reute lebenslänglich, was er getan. Der Geist litt auf dem Turm von Scharzfels nie mehr ein Dach. Manche sagen, daß nicht einer Gräfin von Lutterberg oder von Scharzfels, sondern einer Rittersfrau des Namens von der Helden vom Kaiser Heinrich so unfürstlich sei begegnet worden. *   Die Nixei und das Weingartenloch 394. Die Nixei und das Weingartenloch Eine Stunde von der ehemaligen Burg Scharzfels liegt in der Nähe des Dorfes Osterhagen eine weitberufene Höhle, aus der ein Wasser rinnt, das sie die Ruma nennen. Das Wasser quillt bisweilen rot hervor, und das ist das Blut einer Nixe, welche die Liebe zu einem Erdensohn, gleich andern Nixen da und dort, unglücklich gemacht. Dieses Wasser füllt einen kleinen See, der Nixteich genannt, und ein Gehöft in der Nähe heißt die Nixei. Dort soll die Nixe mit ihrem Jüngling, der ein Riesensohn war, ihre heimlichen Zusammenkünfte gehabt haben, bis der Vater des Jünglings, ein grimmiger und ungeschlachter Bergriese, dies entdeckte und dem Liebeshandel ein Ende mit Schrecken machte. Seitdem wurde die arme Nixe in jene große und furchtbare Kristallhöhle eingeschlossen, aus der sie noch immer sich zu befreien sucht, und bei solchen Anstrengungen mischt sich dann ihr Blut mit dem aus der Höhle, welche das Weingartenloch heißt, hervorquellenden Wasser. Aus den Steinbrüchen nahe der Nixei soll das Kloster Walkenried ganz und gar erbaut worden sein. In der Höhle selbst ruhen nach der Sage die reichsten Schätze, aber es ist kein Kinderspiel, sie zu erlangen. Viele holten sich über solchem Bemühen schon den Tod: Berggeister, Bergzwerge und Bergmönche gehen allzumal darinnen um, seltsame Stimmen schallen, die Metalle reden, und den Rückweg aus dem Höhlenlabyrinth findet kaum einer wieder, oder er hat sonst ein Unglück. Es ist noch nicht fünfzig Jahre her, da kam ein Mann von Eimbeck und gedachte, in der Höhle einen guten Fang zu tun. Er war mit allem wohlversehen, brachte auch Gefährten mit von Lauterburg, kroch hinein, und siehe, da hielt ihn der Gänge einer, durch den er sich hindurchzwängte, eisern fest, er konnte nicht vor, nicht rückwärts. Vergebens ward Bergmannschaft entboten, ihn herauszuhacken und herauszuschaufeln, es glückte nicht, wie beim Maurer im Brunnen zu Schilda; zuletzt flehte er inständig, ihm den Tod zu geben, denn seine Lage war trostlos und ganz entsetzlich – da ward ein äußerstes Mittel versucht, nämlich ihn mit Stricken zu umgeben und auf Tod und Leben herauszuziehen. Jawohl, auf Tod – denn als nun so recht kräftig gezogen wurde, da tat es endlich einen Ruck, und da hatten sie den Mann glücklich befreit. Schade nur, daß dabei sein Kopf abgerissen war. In der Höhle liegt ein großer Balken über dem unterirdischen Wasser, dahinter sitzt der Teufel neben Gold- und Silberhaufen. Wollen Leute davon haben, müssen sie zu dritt kommen und losen, wer ihm verfallen soll. Zwei gehen dann frei aus und dürfen des Mammons nehmen, so viel sie tragen können. Den dritten, den das Unglückslos trifft, zerreißt der Teufel in Stücken. Zum öftern kamen ein paar Fremde, die waren Venetianer und konnten schwarze Kunst und verlockten Leute, mit ihnen in das Loch zu gehen, denen spielten sie mit List das Todes- und Teufelslos zu, so daß sie stets leer und doch schätzebeladen ausgingen. Und da beredeten sie wieder einen Mann namens Schlosser aus Osterhagen, dem boten sie vieles Gold; er war sehr arm und hatte acht Kinder, aber er fürchtete sich. Doch hatte dieser Mann eine kluge Frau, die redete ihm zu, er solle nur getrost mitgehen. Sie wolle schon dafür tun, daß er wiederkomme. Und da nähte sie ihm braunen Dost in die Jacke und hieß ihn in Gottes Namen zu gehen. Das Zauberkraut schützte ihn, das Los traf nicht ihn, wie schlau es auch die Venetianer anfingen, sondern einen von den beiden; mit reichem Gut kehrte er aus der Höhle zurück, zog nach Andreasberg und baute sich dort ein schönes Haus. Was er aber in der Höhle Schreckliches gesehen, wie der Teufel den einen Venetianer lebendig zerrissen, das hat er all sein Lebtage nicht vergessen können. *   395. Vom Kloster Walkenried Es war eine junge Gräfin von Lohre, Alheidis, Herrn Ludwigs von Lohre Tochter, die tat geradeso wie jene Kunigunde von Kynast, sie ließ ihre Freier dreimal um die Burgmauer reiten, das brachte manchem den Tod, ihr aber nicht. Es fand sich einer, der das Abenteuer mannlich bestand, das war Herr Volkmar, Graf von Klettenberg, und als sie nun diesen geheiratet hatte, da bereute sie ihre Frevel und Sünden und ward eins mit ihm, ein Kloster zu gründen. Beide reiseten nach Köln am Rhein und nach Trier und besuchten die Gräber der heiligen Märtyrer und nahmen aus dem Kloster Kampen siebenzehn Mönche mit aus ihr Gut Walkenried. Dort ward im Jahre 1127 ein herrliches Klosterstift nach der Ordensregel St. Benedikts begründet, dann aber in ein Zisterziensermönchskloster umgewandelt. Zweitausend Arbeiter hatten rastlos den Bau gefördert, doch soll er dreißig Jahre lang gedauert haben. Die Grafen von Herzberg und Lauterberg steuerten auch zum Klosterbau, sie ließen eine Million Steine anfahren. Gar eifrig erwies sich insbesondere die Gründerin Alheidis, sie opferte selbst ihren Schmuck dem Klosterbau und legte Segen und Fluch auf ihn, nämlich Fluch für den, welcher den Bau schädigen und das Kloster berauben würde. Der Fluch für solchen unfrommen Räuber lautete hautschauerig: Verflucht seien alle seine Werke! Verflucht sein Ausgang und sein Eingang! Verflucht sei sein Leben und verflucht sein Sterben! Sein Tod sei wie eines Hundes Tod! Wer ihn begräbt, der werde vertilgt! Verflucht sei die Erde, darin er jenen begräbt, und so der Räuber nicht Buße tut, so bleibe er bei dem Teufel und seinen Engeln in dem ewigen Feuer! Wo so christlich gebetet wurde und nebenbei die allerhöchste verschwenderischeste Pracht zum Aufbau und Ausschmuck des Stifts verwendet wurde, daß man den von Kreuzgängen umgebenen Garten das Paradies nannte, da mußte der Teufel auch dabei sein. Selbiger hat sich im Kloster viel und mancherlei zu schaffen gemacht, absonderlich aber seine Tücke im Bauernkriege gezeigt, wo er seine größte Lust und Freude daran gehabt, das überaus herrliche Gotteshaus und wundervolle Klostergebäude fast gänzlich aus purer Lust am Frevel zerstören zu sehen, so daß daraus Behausungen der Vögel und Füchse wurden. Die Bauern exerzierten damals mit Waffen gewaltiglich, und alle Welt sollte ihr lieber Bruder sein. Da war bei sotaner Walkenrieder Bauernwehr ein kecker Schafhirte aus Bartefelde, hieß Hans Arnold, der war Hauptmann und stolzierte prunkhaft mit Gückelhahnfedern auf dem Schlapphut vor den beiden Grafen von Lohre und Klettenberg her, die in die allerliebste Bauernbrüderschaft gezwungen waren. Drehete sich der Held auf einem Beine um, schwang seinen Spieß und rief: Siehst du, Bruder Ernst, wie ich Krieg führen und exerzieren kann? Was kannst du denn, hehehe? Graf Ernst von Klettenberg antwortete trocken: Bis zufrieden, Hänsel! Das Bier gäret wohl, es ist aber noch nicht im rechten Fasse, dahinein es kommen wird! – Das war ein böses Wort, das nahmen die Herren Bauern sehr übel und hätte dem Grafen fast Prügel getragen. Er hatte aber doch recht gehabt, denn als das Blättlein sich wendete, so kam schon das Bier in das rechte Faß zusamt der Hefe und ward der Spieß garstig umgedreht, nämlich manchem kecken Bäuerlein im Leibe. *   396. Zaubersaal und Lutherfalle Im Kloster Walkenried zeigt man noch einen alten wüsten Boden, den nannte man früher einen Saal. Herzog Christian Ludwig zu Braunschweig hatte nach der Reformation in Walkenried eine gute Klosterschule einrichten lassen, wie zu Pforte, zu Meißen, zu Schleusingen, zu Roßleben und andern Orten andere fromme Fürsten auch getan, und hatte alle Einkünfte des Stiftes Walkenried dazu bestimmt und gesagt, er begehre in seinen Schatz keinen Heller von dem Vermögen der geistlichen Stifter. In dem erwähnten Saale nun spielten einstens die Schüler und hatten ein Zeichen gelegt, wer unter ihnen darüber und am weitesten springen könne. Da war ein Knabe aus dem nahen Städtlein Ellrich dabei, der hieß Damms (wurde hernachmals Superintendent und berühmt), und der blieb auf einmal auf einem gewissen Platz, dahin er beim Springen gekommen, stehen wie gebannt und war nicht davon wegzubringen und wegzureißen. Auch der herzugerufene Rektor vermochte es nicht. Da gedachte der Rektor, es müsse hier ein geheimer Zauber walten, und gebot dem Schüler, umherzublicken, ob er nicht ein Zeichen oder eine Schrift erblicke. Das tut der Knabe, und da nimmt er über sich einen Kreis wahr und an der Ostwand eine griechische Schrift, nach Süden aber angemalte Charaktere, und beschreibt sie, und liest die Schrift, und da wird er wieder frei. Der Rektor machte Anzeige davon, und es soll dann gen Westen in der Mauer am Fenster in einer Blende ein Steintopf voll Brakteaten, jeder so groß als ein Ortstaler (1/3 Taler- oder ½ Guldengröße), gefunden worden sein. Später haben noch andere gesucht mit Zauberformeln und Wünschelruten, aber obschon die Wünschelrute geschlagen und es heller Tag gewesen, so wäre ein Schrecken über sie gekommen und gewesen, als wenn ein Wirbelwind zwischen ihnen hindurchbrause und sie bis zur Decke emporziehe. Andere sagen, jener Rektor habe den Schatz heimlich gehoben und solchen Thesaurum ad usum Delphini auf sich transferieret. Noch andere haben wissen wollen, der berühmte Benediktiner und Chymiker Basilius Valentinus, der auf dem Petersberge zu Erfurt lebte und sich im Besitz des Steines der Weisen befand, habe auch im Kloster Walkenried auf eine Zeit gelebt, und jener verborgene Schatz im Zaubersaal, den der Schulrektor gefunden, sei der Stein der Weisen gewesen, welches jedoch aus vielen Gründen billig in Zweifel zu ziehen und ganz ohne Beispiel sein dürfte. Es geht auch noch die Sage, daß einst auf einer Reise durch den Harz Doktor Martin Luther von Nordhausen, allwo er gepredigt, und vom Erzbischof von Mainz beredet, mit diesem in das Stift zu Walkenried gekommen, da habe der Mönche Arglist den Reformator, dessen Werk und Wirken ihnen gar sehr zuwider, heimlich aus der Welt schaffen wollen und ihn nach einer Falle geführt, die sie bereit hatten für Missetäter. Dies Werk hieß der Marienkuß, hatte den Anschein einer kleinen Kapelle, darinnen brannte vor einem dunkeln Madonnenbilde ein ewiges Licht, das Bild aber war eine eiserne Jungfrau, und trat einer in dieses Kapellchen, so wich der Boden, und er stürzte in eine grauenvolle Tiefe hinab. Schon nahete Lutherus sich dem verräterischen Ort, siehe, da lief sein Hündlein vor ihm her und hinein, tat einen Schrei und verschwand. Da deutete Lutherus mit der einen Hand nach der Falle und mit der andern nach oben und sprach mit ernster voller Stimme nur die zwei Worte: Gott wacht! – und ging, und die Mönche erbebten. *   397. Der letzte Graf von Klettenberg Die Grafen von Hohenstein, Lohre und Klettenberg waren ein besitzungenreiches Geschlecht im Harzgebirge, zwei Städte, Ellrich und Bleicherode, gehörten ihnen und viele Ortschaften, Burgen, Gehöfte und Mühlen. Der letzte, vielleicht ein Enkel jenes Ernst, der dem Bauernhänsel zu Walkenried eine so treffende Antwort gab, war Graf Ernst VII. Dieser wackere Degen war in seinen jungen Jahren, zu alten kam er leider nicht, ein guter Zechbruder und tapferer Trinker. Einst war zu Ellrich auf des Grafen Kemnats daselbst eine schöne Zahl von Harzgrafen und Rittern versammelt; die Humpen kreisten fröhlich in der Runde, und in heiterer Weinlaune setzten die lustigen Kumpane eine güldne Kette zum Preise aus für den, der ihnen allen obsiegen und noch stehen werde, wenn sie alle unter den Tisch getrunken wären. Der Kampf ward hitzig und lange geführt; fort und fort wurde der kreisende Pokal geleert, bis endlich die Köpfe schwer wurden und die Helden sanken. Nur zwei hielten sich noch, zuletzt aber ergriff der eine die Goldkette, fast schon im Sinken, und hing sie dem Sieger lallend um. Dieser Sieger war Graf Ernst, der edle. Derselbige fühlte, da er im Trinksaale nichts mehr zu tun fand, ein Bedürfnis nach frischer Luft, denn es war nichts Kleines, als Sieger im Weinlanzenbrechen über so vielen tapfern Grafen und Rittern zu stehen, die alle unterlegen waren. Im Schmuck der glorreich errungenen güldenen Kette bestieg der Graf sein bereitstehendes Roß und trabte durch Ellrich, doch war ihm etwas schwül, und die frische Luft machte ihn im Sattel wanken und schwanken, wenn es nicht neben der frischen Luft etwas anderes war. Es war gerade Sonntag, und aus der offenstehenden St. Niklaskirche klang erbaulich Orgel und Gesang. Nun war Graf Ernst VII. von Hohenstein, Herr zu Lohre und Klettenberg, gar ein frommer Held, auch Administrator des Stiftes Walkenried, und da dünkete ihm, man müsse dem lieben Gott nicht ausweichen, lenkete sanft sein Rößlein nach der Kirche und vergaß nur eines, nämlich abzusteigen, er ritt ganz wohlgemut in seligem Taumel mitten durch die Gemeinde, stracklich auf den Altar zu, daß jedermänniglich erschrak und die Geistlichen sich kreuzigten und segneten. Aber siehe da, das Stampfen und Schlagen der Rosseshufe, das mit der ganzen Erscheinung die Andacht mächtig störte, nahm plötzlich ein Ende, denn durch ein Wunder des über den Frevel erzürnten Gottes entsanken plötzlich den Füßen des Pferdes alle vier Hufeisen zugleich, ja dasselbe soll selbst samt dem Reiter niedergesunken sein, mindestens auf die Kniee. Darauf trabte Graf Ernst ganz geräuschlos wieder aus der Kirche, die vier Hufeisen aber wurden zum Wahrzeichen an deren Türe genagelt, wo sie lange blieben, bis ein Brand die Kirche zerstörte, dann sind sie auf das Rathaus gekommen. Graf Ernst, welcher solchen gewaltigen Fehden, wie diese für ihn so siegreiche war, wohl häufig beiwohnen mochte, brachte sein Leben nur auf vierunddreißig Jahre, vier Monate und zweiundzwanzig Tage, doch war er zweimal vermählt. Er starb als ein frommer Christ und erhielt zu Walkenried seine Ruhestätte, und zwar in der jetzigen Klosterkirche, dem früheren Kapitelhause, und wurden sein gräfliches Wappen, wie seine Siegel und sein Degen mit ihm begraben, es ward ihm eine gar schöne Parentation gehalten und ein stattliches Denkmal errichtet, darauf er in seiner Rüstung in Lebensgröße knieend zu erblicken ist, über seine Brust weit herabhangend die bewußte güldne Kette mit wertem Kleinod. Sieht Ritter Götzens von Berlichingen Grabmal sehr ähnlich. *   398. Die Kelle Von der Kelle, einer viel besuchten Gipshöhle, die früher viel anders und schöner sich darstellte als jetzt, nachdem sie allmählich in sich zusammengebrochen, geht manche Sage. Der ursprüngliche Name ist Kehle, so viel als Schlund, und die Sage will, daß dieser schöne, aber auch schaurige Schlund alljährlich ein Menschenleben zum Opfer fordere. Um ihn zu versöhnen, zog in der früheren Zeit ein Priester aus Ellrich mit voller Prozession der Gemeinde, mit Kruzifix, Kirchenfahnen und Heiligenbildern nach der St. Johanniskapelle in der Nähe der Höhle und dann nach dieser selbst, senkte ein Kreuz in den eisigkalten Wasserspiegel und zog es wieder daraus hervor, und dann rief er: Kommt und guckt in die Kelle, So kommt ihr nicht in die Hölle. Auch wohnt in der Kelle eine Nixe, und diese besonders hat es an der Art, Menschen in ihr Wasser zu locken, das kalt und giftig ist. Selbst ein Frosch, den einer hineinwirft, wird gleich starr und steif, was soll da erst ein Mensch tun, der kein Frosch ist! An jenem Tage, der Lissabon durch ein entsetzliches Erdbeben zerstörte (1.Nov. 1755), ward im Kehlholze über der Kelle ein seltsames unterirdisches Getöse vernommen, und in Ellrich hörte man ein langanhaltendes Krachen, wie von fernem Donner, auch zeigten die Müller an, daß das Wasser urplötzlich mit ungewöhnlicher Gewalt auf die Mühlen geschossen sei. An demselben Tage ist gleicherweise der Salzunger See in heftige Bewegung geraten, das Wasser ist in die Tiefe hinab wie in einen Trichter gestrudelt und dann wieder mit Rauschen und Brausen hervorgebrochen, so daß es die Ufer überflutet hat. Das hat in den zwanziger Jahren noch ein alter glaubhafter Mann erzählt, der es selbst gesehen, dennoch haben es Neugescheite verlacht und für Fabel erklären wollen. *   399. Maria im Elende Tief im Harzgebirge führte ein Fuhrmann zur Winterszeit eine Last Weines, und an unwegsamer sumpfiger Stelle blieb sein Wagen stecken, ja es drohten Schiff und Geschirr im Schnee und Morast gar zu versinken. Da rief er, in tiefer Waldeinsamkeit sich von aller menschlichen Hülfe verlassen sehend, Gott und die heilige Jungfrau an, ihn aus diesem Elende zu retten, und siehe, es erschien ihm die Königin der Himmel und rettete ihn. Da sie ihn nun fragte, welche Fracht er geladen habe, und er antwortete: Wein!, so wünschte sie den Wein zu kosten. Dazu war der Fuhrmann gleich willig und bereit, allein er klagte, daß er keinen Becher habe. Da rührte Maria an einen Dornenstrauch, und alsbald sproßten Rosen aus dem Strauche, welche Maria brach und zu einem Becher formte, den sie dem Fuhrmann gab. Dieser ließ Wein in den Rosenbecher fließen, und siehe, der zarte Pokal hielt den Wein, wie aber der Fuhrmann nun den Wein seiner Retterin reichen wollte, so war sie verschwunden, und sein Blick suchte sie vergebens ringsumher. Leicht zogen jetzt die Pferde die Last des Wagens, bis sie an ein einsames Kirchlein kamen, das schon zu des Bonifazius Zeiten in diesen tiefen Waldeinöden erbaut sein sollte. Der Fuhrmann erkannte darin, daß seine Pferde am Kirchlein anhielten, den Wink des Himmels, hier zu danken, er trat hinein und erstaunte, als er in dem darin aufgestellten Marienbilde ganz das holdselige Frauenbild wiedererkannte, das ihm helfend und rettend erschienen war. Dankend kniete er nieder und stellte das wundersame Gefäß, den Blumenkelch, auf den Altar und erzählte allen Menschen, die er traf, das hohe Wunder. Da strömten aus Nähe und Ferne bald die Gläubigen herbei, die Wunderkraft der hülfreichen Maria im Elende anzurufen; es begründete sich, wie dort zu Grimmenthal im Henneberger Lande, ein Wallfahrtort und ein Hospital; es mußten neue und viele Türen in die Mauerwände der Kirche gebrochen werden, und die Wände bedeckten sich mit Krücken der Lahmen und Brüchigen, die geheilt von dannen gingen. Ein Nonnenkloster entstand, eine neue herrliche Kirche ward erbaut und die Rosenkirche genannt, weil ein Kreuz von vierundsiebenzig steinernen Rosen ihr Gesimse zierte. Auch ein Haus für sechs Kanoniker ward erbaut, und große Schätze wurden gesammelt, welche noch dort vergraben liegen sollen, nachdem schon längst der Glanz und aller fromme Wunderglaube dahin ist. Als die Zeit der Verwüstung gekommen war und das hülfreiche Marienbild beseitigt wurde, hat es sich erhoben und ist nach Heiligenstadt gewandelt, wo es noch bis heute der Verehrung gläubiger Christen sich erfreut. *   400. Jungfrau Ilse Hoch oben am felsreichen Brocken entspringt ein Bergbach, der mit starkem Fall zu Tale rinnt, das ist die Ilse. Unten im Tale, nicht weit von dem ehemaligen Klosterort Ilsenburg, ragt senkrecht ein mit einem eisernen Kreuz geschmückter steiler Fels empor, das ist der Ilsenstein. In diesem Steine wohnt des Flüßchens Nixe, die Jungfrau Ilse; bisweilen tritt sie in Mondscheinnächten oder am frühen Morgen aus dem Stein hervor, in der klaren Flut zu baden. Wer da das Glück hat, sie zu sehen – selten nur ist dies einem vergönnt –, den macht sie reich. Sie soll eines Harzkönigs Tochter gewesen sein und von einer bösen Hexe aus Neid in den Stein verwünscht, bis Zeit und Stunde kommen, sie zu erlösen. Nur ein völlig reiner und tugendhafter Jüngling und so schön wie die Jungfrau Ilse vermag dies; er darf noch nie geliebt haben, und Ilse muß die erste Maid sein, der sein Herz in Neigung sich zuwendet. Einst wandelte ein Köhler am frühen Morgen durch das waldige Tal abwärts; er sah die Jungfrau Ilse und grüßte sie. Sie winkte ihn zu sich, und er folgte ihr bis an den Fels, in dem er eine Türe erblickte, die er früher nie gesehen. An dieser Pforte nahm sie ihm seinen Ranzen ab und ging hinein. Bald kam die Jungfrau Ilse wieder heraus und übergab ihm den Ranzen, sagte ihm aber, er solle ihn ja nicht eher öffnen, bis er seine Wohnung erreicht habe. Erst war der Ranzen leicht, er wurde aber mit jedem Schritt schwerer, und die Neugier des Köhlers, was wohl darinnen sei, wuchs gleich der Schwere mit jedem Schritt. Sie werde ihm wohl einen Schabernack gespielt und Steinklumpen hineingetan haben, dachte er. Auf der Ilsenbrücke hielt er an, öffnete den Ranzen, fand ihn aber nur voll Eicheln und Tannenzapfen. Was soll ich an dem Zeuge tragen? sagte er und schüttelte es in die Ilse hinab, da hörte er ein Klingeln drunten auf den Steinen, es blinkte und blitzte wie helles Gold herauf und verschwand. Geschwind schloß er den Ranzen, einige Eicheln rasselten noch darin. Als er heimkam, waren sie Goldstücke, und der Rest reichte dennoch hin, ihn reich zu machen. *   401. Der Brunnengeist auf Regenstein Eine uralte Felsenburg am Niederharz ist der Regenstein oder Reinstein, zu den Zeiten Kaiser Heinrich des Finklers entstanden, ganz in Felsen gehauen. Es saßen Grafen darauf, die führten ein Hirschgeweih in ihrem Wappen. Einer derselben, Friedrich genannt, blieb erbenlos mit seiner Ehefrau, und beide trauerten darüber sehr, daß ihr Geschlecht mit ihnen erlöschen solle. Nun war auf dem Regenstein ein tiefer Felsenbrunnen, dahinein war des Ahnherrn Geist gebannt, der erteilte bisweilen Rat und sagte zukünftige Ereignisse voraus. Deshalb lag Graf Friedrichs Hausfrau ihren Gemahl an, doch den Geist zu befragen, ob es nicht möglich, daß ihr Geschlecht sich forterbe. Und da nun in der Mitternachtstunde eines Marientages Graf Friedrich sich dem Brunnen nahte, so erschien ihm seines Ahnherrn Geist und sprach: Was ihr hoffet, wird euch erfüllt. – Da fragte der Graf den Geist, ob für ihn keine Ruhe und Erlösung zu hoffen. – Wann der Reinstein zur Trümmer wird, dann werde ich Ruhe finden! antwortete der Geist und verschwand. Das war ein Wort, welches wenig Hoffnung gab, denn daß die Burg, das Felsenhaus, je eine Trümmer werden könne, schien undenkbar. – Noch in demselben Jahre schenkte Graf Friedrichs Gemahlin ihm einen Erben, einen frischen Knaben, der den Namen Konrad empfing. Und im darauffolgenden Jahre ward ein zweiter Knabe geboren, der ward Helmold genannt. Bei dessen Geburt ließ der Geist des Ahnherrn im Brunnen sich sehen und sprach aus: Dieses Kind wird meine Erlösung bewirken, wie er meinen Namen führt. Da offenbarte sich, daß der Geist im Brunnen jener des wilden Ahnherrn Helmold von Regenstein sei. Helmolds, des Letztgeborenen, Erziehung wurde vernachlässigt, er entfloh, wurde ein Räuberhauptmann, verlangte nach seiner Eltern Tode sein Erbteil von seinem Bruder Konrad, und da dieser es weigerte, so eroberte Helmold mit seiner Schar die Burg, zwang seinem Bruder sein Erbteil ab, versöhnte sich jedoch mit ihm, verleitete ihn aber zugleich selbst zur Wegelagerei, und dieses hatte zur Folge, daß der Herzog von Braunschweig die Burg belagerte, einnahm und das Raubnest so weit zerstörte, als es nicht ganz und gar aus Felsen bestand. Da ist des Ahnherrn Geist zum letzten Male aus dem Brunnen des Regenstein gestiegen und zu seiner ewigen Ruhe gelangt. *   402. Die Teufelsmauern Vom alten Felsenschlosse Regenstein bei Blankenburg an erblickt man in der Richtung nach Gernrode und Ballenstedt zwischen diesen Städten und Quedlinburg hochgegipfelte Felsenreihen, die, von ferne gesehen, Mauertrümmern ganz ähnlich erscheinen und öfters unterbrochen sich erstrecken; sie ähneln alten Festungsmauern, in die mit Kanonenkugeln Breschen geschossen sind, und bieten manches phantastische Gebilde dar. Die Sage geht, daß, als Gott der Herr die Erde geschaffen, so habe der Teufel, als Urkommunist, begehrt, mit ihm zu teilen, und alsbald in dieser schönen Harzgegend begonnen, sein Reich abzugrenzen. Vor allem habe er sich den Harzwald mit seinem Thronberge, dem Brocken, seinen Pfuhl bei Thale und so manches andere vorbehalten, Orte, die er auch bis dato noch nicht gänzlich aufgegeben, und dem lieben Gott das platte Land vergönnt. Und damit ihm sein Lieblingsgebirge, und darin sein Bad, sein Bette, seine Kanzel und seine Mühlen, um so sicherer bleibe, habe er begonnen, dasselbe mit einer riesigen Felsenmauer zu umwallen. Der liebe Gott sah dem Werke des Teufels eine Zeitlang zu, bis er ihm ein Ende machte und mit einem Zucken seiner Augenwimper die Mauer brach. Wer von Gernrode nach Quedlinburg den Fußweg geht, geht mitten durch die Mauer wie durch ein Nadelöhr. *   403. Roßtrappe und Cretpfuhl Von keiner Felsengruppe des Harzgebirges gehen der Sagen so viele als von dem schaurigen Talkessel, den nahe beim Dorfe Thale die Bode, das wilde Waldwasser, brausend durchwallt. In frühen, frühen Zeiten bewohnten Riesen den Harzwald; ein solcher Heune hatte eine schöne Tochter, die liebte einen jungen Riesensohn des Namens Wittig, welcher dem Felsen, der heute die Roßtrappe heißt, gegenüber seinen Wohnsitz hatte, ihr Vater wollte aber nichts von dieser Liebe wissen und verbot ihr dieselbe mit Strenge. Da beschloß das Riesenfräulein heimliche Flucht, und da der Vater unter solchen Umständen nicht an ihre Mitgift denken konnte, so beschloß sie, diese selbst mitgehen zu heißen. Sie nahm daher nebst andern Schätzen auch ihres Vaters schwere goldene Krone und setzte sie auf ihr Haupt, stieg zu Roß und eilte dem Felsgebirge zu, in der Nähe des Geliebten sich zu bergen. Bald aber ward ihre Flucht entdeckt, und die Verfolgung brauste hinter ihr her. Auf hohem Felsenvorsprung, der in jähe Tiefe hinab sich senkte, rings Fels an Fels aufgegipfelt, und im Tale der schwarze strudelnde, schäumende Waldbach, sah sie sich umringt, aber da zwang sie ihr Roß zum entsetzlichen Sprung über den Talkessel, und glücklich kam sie hinüber, wohin kein Verfolger ihr nachkonnte; nur die Krone entfiel ihr tief in den Bodestrudel hinab; die Stelle, wo des alten Harzkönigs Krone noch immer in der Tiefe ruht, heißt noch heute das Kronenloch, und da, wo des Rosses Huf dem Fels durch die Gewalt des Sprunges sich eingedrückt, blieb die Spur stets sichtbar und hat der ganzen wildschönen Felsengruppe den Namen die Roßtrappe gegeben. Eine Stelle nahe dabei wird der Tanzplatz genannt; auf ihr tanzte die Hünentochter vor Freude, der Verfolgung entronnen und mit ihrem Geliebten vereinigt zu sein. Andere nennen denselben Platz des Teufels Tanzplatz, ein kleines Filial von seinem großen hoch oben auf dem Brockengipfel. Zu einer Zeit wollten die Umwohner gar die goldene Krone des Harzkönigs wiedergewinnen, ein Taucher ward geworben, der mußte hinab in den Bodewirbel; er tat es nicht gerne, doch glücklich fand er die Krone und hob die Hand, und ihre goldenen Zacken glitzerten über dem Wasser. Aber gleich darauf entfiel seiner Hand die Krone. Nochmals tauchte er nieder, nochmals fand er die Krone und ließ ihre blitzenden Zacken dem zahlreich versammelten Volke sehen, da entfiel sie ihm abermals, denn sie war schwer. Und wieder tauchte er hinab in den Cretpfuhl, aber nimmer kam er wieder herauf. Ein Blutstrom sprang aus dem Wasserwirbel, zum Zeichen, daß die unterirdischen Mächte, welche die Krone bewachen, ihn getötet hatten. Jetzt soll immer noch ein schwarzer Hund die Krone hüten. Tiefe Stille waltet über dem schauerlichen Grunde, nur das Wasser der Bode rauscht und rollt fort und fort über das dunkle Gestein. *   404. Das quellende Silber Im Tale, wo die Bode aus den Schluchten der Roßtrappe hervorkommt und friedlicher fließt, hat vordessen ein armer Bauer gelebt, der schickte seine Tochter in die nahe Waldung, etwas Holz zu sammeln. Das Kind füllte sich mit abgefallenen Ästen und Zweigen den Tragkorb und auch noch einen Handkorb, so viel es fortbringen konnte, und ging heimwärts. Da ist ihm ein altes schneeweißes Männlein begegnet, das hat ihm geboten, sein zusammengelesenes Holz wieder auszuschütten und ihm zu folgen, es wolle ihm etwas Besseres zeigen. Nahm das Kind an die Hand, führte es wieder zurück an einen Hügel und zeigte ihm einen Platz, der war zweier Tische breit, und darauf quoll eitel Silbergeld, kleine und große Münzen, mit uralter Schrift darauf und einem Marienbild, wie die Stadt Goslar am Harz in ihrem Wappen führt und solcher Münzen viele hat prägen lassen. Das Mädchen erschrak vor dem quellenden Silber und fürchtete sich, das Männlein aber füllte ihm selbst den Handkorb mit den uralten und doch noch blanken Harzgulden. Den Tragkorb aber wollte das Mädchen nicht ausschütten, es sagte, zu Hause brauchten sie Holz, Milch und Suppe zu kochen für die kleinen Kinder und ihnen eine warme Stube zu machen. Da ließ es das Männlein dabei bewenden und ließ das Mädchen nach Hause gehen. Da dieses nun sein Glück erzählte und es im Dorfe herumkam, da entstand ein Laufen und Rennen, jeder Nachbar wollte der Erste sein, jeder nahm einen Feuereimer oder zwei und einen Schöpfstutz mit, als wenn es brenne, aber es hat ihrer keiner weder das Männlein noch den Ort des quellenden Silbers gefunden. Der Herzog von Braunschweig kaufte von den alten Münzen ein ganzes Pfund und ließ die Stücke im Münzkabinett aufbewahren. *   405. Der Mägdesprung Im Selketale gipfelt sich eine schroffe Felswand empor, ähnlich dem Ilsenstein im Ilsetale, auch auf dem Gipfel mit einem eisernen Kreuze geziert, dem, wie jenem, ein anderer, nur minder hoher Felsen so gegenübersteht, als hätten beide zusammengehört. Auf beiden wird eine in den Fels tief eingedrückte Fußtapfe gezeigt und auch eine ähnliche Sage wie vom Ilsensteine erzählt. Eine Liebende, deren Geliebter auf dem gegenüberstehenden Felsen ihrer harrte, ward von so heftiger Sehnsucht zu ihm getrieben, daß sie den gewaltigen Sprung hinüber wagte, und hüben und drüben drückten ihre Fußspuren sich dem Felsen ein. Daß nur eine Hünentochter solches vermochte, liegt in der Örtlichkeit bedingt. Andere erzählen, daß bloß, um bei einer lieben Gespielin zu sein, die junge Hünin, vom Petersberge herkommend, welche erstere drüben auf dem Rammberge unter der Teufelsmühle erblickte, den Sprung gewagt. Da sie eine Weile unschlüssig stand und die Sprungweite maß, während die Freundin ihr drüben winkte, sah sie drunten ein Knechtlein, das in der Harzgeroder Gegend pflügte und ihr lachend zurief: Springe doch, springe doch, Riesenmaid! Da bog die Hünenmagedein den ungeheuern Leib zu Tale, und streckte den Arm so lang aus wie die Jungfrau Helvetia im Bilde auf den neuen Schweizer Münzen, und raffte das Knechtlein samt Pferden und Pflug empor, und tat ihren Hupf hinüber samt allem, was sie in ihr Schürztuch geladen hatte, und da haben die beiden Hünentöchter tausend Spaß mit dem niedlichen Spielzeug, dem Menschlein, den Pferdlein und dem seltsamen Geräte, dem Ackerpflug, gehabt. *   406. Falkenstein und Tidian Weit berufen ist das stattliche Schloß Falkenstein im Harz über dem Selketale, vorzugsweise weit und breit das Schloß genannt, darauf haben schon in uralten Zeiten mannliche Harzgrafen gesessen und hat ein Graf Hoyer von Falkenstein das berühmte alte Rechtsbuch, der Sachsenspiegel genannt, durch einen Edelmann, Ecko von Nebkau, sammeln und aus der lateinischen in die deutsche Sprache übertragen lassen. Auf Schloß Falkenstein hauste ein Burggeist, der manchen Spuk übte. Da einstmals viele Grafen und Herren der Umgegend, darunter auch ein Graf von Anhalt war, auf Falkenstein beim Spiele saßen und dieser Graf alles verloren hatte, was er bei sich trug, setzte er noch ein oder einige Haare seines Bartes zum Spielpfande ein und verlor auch die. Niemand unterfing sich, dieselben ihm ausraufen zu wollen, und er selbst tat es auch nicht. Aber in der Nacht stattete ihm der Burggeist einen Besuch ab und forderte das Spielpfand und nahm's. Einen andern edlen Herrn, der in verschlossener Kammer schlief, soll derselbige Geist aus dem Bette geworfen haben, doch könnte dies auch der Weingeist gewesen sein. Schloß Falkenstein ist noch im Stande trefflicher Erhaltung, und werden daselbst viele merkwürdige Gegenstände gezeigt. Nahe beim Falkenstein liegt der Wald Tidian und in demselben eine tiefe Höhle, die Tidianshöhle geheißen, von der geht manche Sage. Es ruht in ihr neben andern reichen Schätzen ein ganz goldner Mann; wem es glückte, von diesem Mann etwas abzubringen, der hatte, wie die Goldschmiede erprobten, ein Gold, das an Reinheit und Feinheit jedes andere übertraf. Ein Schäfer, der so glücklich war, die Wunderblume zu finden, fand auch die Tidianshöhle; die eiserne Türe öffnete sich ihm, und er gewann Goldes die Fülle, das ein Goldschmied in Quedlinburg ihm abkaufte, gegen den der Schäfer kein Hehl machte, wo er es gewonnen. Der Goldschmied sprach zu ihm: Bringe mehr, und der glückliche Schäfer, immer noch im Besitz der Wunderblume, ging und fand und brachte mehr. Da kam ein Graf von Falkenstein zum Goldschmied, ein Geschmeide zu kaufen, verlangte es vom feinsten Golde, und da sprach der Goldschmied: Das feinste Gold kommt vom Tidian. Vom Tidian, aus meinem Walde? fragte erstaunt der Graf und erfuhr nun des Schäfers Glück. Solches wollte der Graf nicht nur teilen, denn vom Teilen mit dem gemeinen Mann sind die Grafen und Herren allüberall niemals und im geringsten nicht Freunde gewesen, sondern er wollt' es alleinig besitzen, ließ den Schäfer entbieten und befragte ihn scharf, warum er ihm, dem Grafen, das Gold aus dem Berge trage, gleich solle er den Ort zeigen, wo er es gefunden. Dem armen Schäfer, der an ein Unrecht nicht gedacht und genommen hatte, was gütige Berggeister ihm gönnten, erzitterte das Herz, er ließ seinen Hut aus der Hand fallen, da sprang des Grafen Affe herbei und nahm den Hut, spielte damit und zerbiß und zerpflückte die Wunderblume in eitel kleine Stücken. Wohl führte gehorsam der Schäfer seinen strengen Herrn in den Tidian, wohl fand er die Höhle, aber wo die eiserne Türe zum Innern sich geöffnet, da hemmte jetzt starrer Fels jeden Weiterschritt. Die Sage geht, daß die Tidianshöhle ihre Schätze so lange festhalten müsse und werde, bis auf Schloß Falkenstein drei Herren geboren werden und gewohnt haben, von denen einer blind, einer lahm und einer stumm ist, und dieses ist noch nicht dagewesen. *   407. Der Gott im Kasten In der Gegend von Harzgerode und Günthersberge liegt ein uraltes Dorf, heißt Waterleben (Wasserleben), darinnen wohnten zu des löblichen Bischof Friedrich von Halberstadt Zeiten zwei fromme Schwestern, von denen hatte die eine ihr notdürftiges, ja gutes Auskommen, der andern aber ging alles krebsgängig, obschon sie es am Fleiß nicht mangeln ließ; betrübte sich deshalb nicht wenig und beneidete ihre Schwester, ließ ihr auch das mit Worten fühlen. Da sprach die glücklichere Schwester: Was neidest du mich? Ich habe unsern Herrgott im Kasten, der segnet all das Meine und gibt mir das Glück im Schlafe. Diese Worte nahm sich die arme Schwester zu Herzen, und als sie Ostern zum Nachtmahl ging, behielt sie die heilige Hostie im Mund und tät sie dann heimlich daheim in ein Tüchlein gewickelt in ihren Kasten. Als sie nun nach ein paar Tagen nachsehen wollte, ob der Herrgott im Kasten ihr etwas Rechtschaffenes zuwege gebracht, so sah sie, daß die Hostie Blut schwitzte, wie jene, die das Weib zu Zehdenick in der Mark vorm Bierfaß vergraben, und war das ganze Tuch, darin sie die Hostie gewickelt, von Blut durchnäßt. Erschrocken rief die Frau ihren Mann herbei, dieser zeigte es dem Pfarrer an und der Pfarrer dem Bischof zu Halberstadt, und da kam die ganze Klerisei der Umgegend, den Bischof an der Spitze, in Prozession, erhoben die Hostie und trugen sie unter Gesängen und mit brennenden Kerzen bis nach Hauslar (andere nennen Heudeber) und wollten sie gen Halberstadt führen. Aber von dem Altar, auf den die Hostie dort gesetzt ward, konnte sie nicht wieder abgenommen werden, und mußte allda bleiben, blutete aber fort und fort. Da kamen so viele andächtige Waller, daß von ihren Gaben gar bald ein Kloster gestiftet werden konnte. Ob der armen Frau, die gern auch den Gott im Kasten haben wollte, das heilige Blut in etwas zugute gekommen, davon meldet die Sage nichts, doch ist, daß es geschehen, wohl zu hoffen. *   408. Der Totenweg Nicht weit von Waterleben liegt das Dorf Rottleberode, nahe dabei ist ein Teich und ein Hohlweg, den nennen die Leute den Totenweg. Als eine Anzahl Harzgrafen, darunter Graf Botho VII. von Stolberg, dessen Schwiegervater Graf Heinrich von Schwarzburg und Graf Heinrich der Kühne von Hohnstein, als Erbverbrüderte gegen den Bischof Burchard III. von Halberstadt kriegten und dieser Bischof in der güldnen Aue viel Schaden tat und allen Mutwillen alldorten ausübte, ließen sie die Wege aus dem Harzwald verhauen, griffen des Bischofs Heer in diesem Hohlweg an, erlegten eine große Anzahl, nahmen über siebenhundert Mann gefangen und jagten die übrigen in den Teich. Von da an hieß jener Hohlweg der Totenweg, und man hat bisweilen in ihm des Nachts wildes Schlachtgetümmel vernommen und Geister miteinander heftig kämpfen gesehen. *   409. Der Tanzteich Beim Dorfe Sachswerfen an der Straße von Nordhausen nach Ilfeld, dicht unter einem abschüssigen Gipsfelsen, liegt ein Teich, der über sechs Morgen im Umfang hat. Einst stand an dessen Stelle ein Wirtshaus, darinnen ward alle Sonntag getanzt; das wäre nicht sündlich gewesen, aber die Tanzlust der Menschen wuchs so sehr, daß sie auch unter der Kirche schon zu hüpfen und zu springen begannen. Als es das erstemal geschah, kam ein Gewitter und schlug in einen Baum ein; beim zweiten Male erbebte die Erde, daß alle Balken krachten; beim dritten Male, da sich die Tanzenden nicht durch diese Anzeichen irren und warnen ließen, schickte der Herr ein Wetter und ein Erdbeben zugleich; das Wetter schlug in das Haus ein, und das Erdbeben machte es mit allen Musikanten und Tänzern in die Tiefe versinken. An des Hauses Stelle trat ein tiefer Teich, der bis heute der Tanzteich heißt. Im Teiche sollen viele und darunter uralte Fische sein. Vor Jahren hat sich in diesem Teiche ein rätselhaftes Tier blicken lassen, das niemand kannte. Da man aber Anstalten machte, es zu fangen, tauchte es unter und kam niemals wieder zum Vorschein. Das Wasser des Tanzteiches sieht schwarz und grausenhaft aus. Man erzählt, daß Kähne, auf denen der Teich befahren wird, zu tanzen beginnen. Nahe dabei ist eine Höhle, das Ziegenloch, dahinein soll das Wasser strudeln. *   410. Die Quäste Im Harz ohnweit Roßla und Wallhausen erhebt sich eine Burgtrümmer auf dem Quästenberge, der aber früher Finsterberg geheißen haben soll, und das Dorf Quästenberg am Fuße soll auch eine Stadt gewesen sein. Der Burgherren einer hatte eine Tochter, die ging als junges Kind aus der Burg und verirrte sich, Blumen suchend, in dem Walde, der rings die Burg umgab. Als das Töchterlein nicht heimkehrte und vermißt wurde, entstand große Sorge um dasselbe in den Herzen seiner Eltern, die ganze Dienerschaft ward ausgesandt, es zu suchen. Indessen hatte ein Köhler dasselbe schon im tiefen Walde gefunden, wie es harmlos aus seinen Blumen einen Kranz wand, und nichts von ihm über seine Herkunft erfahren können; er hatte es aber mit in seine Hütte genommen, ihm zu essen gegeben und es bei sich behalten. Zu ihm in seine stille Waldeinsamkeit drang nichts von der Sorge und dem Suchen, die dem verlorenen Kinde galten, bis einige Leute von Roda, einem mansfeldischen Dorfe, es auf einer Wiese wieder mit Kranzwinden beschäftigt fanden und von ihm zu der Köhlerhütte geleitet wurden; diese Leute wußten von dem Verlust des Kindes, befragten den Köhler und erfuhren von ihm, daß er dasselbe im Walde allein gefunden habe. Nun eilten alle mit dem Kinde nach der Finsterburg, und der Köhler trug den Kranz, den es gewunden hatte, solchen Kranz nannte man aber damals Quäste. Große Freude über des Kindes Wiederkehr war auf der Burg. Der Ritter schenkte dem Köhler und den Einwohnern zu Roda die Wiese, auf der sein Töchterlein wiedergefunden wurde, und ordnete ein Volksfest an, das alle Jahre am Tage der Auffindung des Kindes, am dritten Pfingsttage, gehalten werden sollte. Da ziehen die Bursche – denn das Fest besteht noch immer – eine starke Eiche auf den Burgplatz, befestigen einen Kranz wie ein Wagenrad groß daran und richten sie auf, es wird sogar zur Erinnerung noch Gottesdienst gehalten. Auch nannte jener Ritter seine Burg fortan Quästenburg und nicht mehr Finsterburg, und im Volke heißt noch heute die jetzt öde Trümmer die Quäste. *   411. Stammschloß Anhalt Nicht gar weit vom Schlosse Falkenstein, nur eine halbe Meile, liegen auf dem großen Hausberg die geringen Reste einer Burg, welche einem noch blühenden Fürstenhause, den Gebietern dieser ganzen Harzgegend, den Namen verlieh; das ist Anhalt, in undenklich früher Zeit auf einem Jaspisfelsen ohne Holz erbaut, daher On-Holt genannt. Darauf ist ein sehr tiefer Felsenbrunnen, der war lange verschüttet, ist aber in neuer Zeit wieder bis zum Grunde aufgeräumt worden, und in dem Brunnen ist ein Schatz verborgen, der liegt in einem Kessel, es hat ihn aber noch niemand zu heben vermocht. Einst machte eine Gesellschaft den Versuch und ließ einen Bergmann in den Brunnen hinab. Dieser vollbrachte alles nötige Zauberwerk glücklich, und siehe, der Kessel rückte auch wirklich herauf, ganz voll alter Taler und Goldgülden, so nahe an die Hand des Bergmanns heran, daß dieser nur zugreifen durfte. Sowie er aber die Hand danach ausstreckte, um einzusacken, so zog sich der Kessel zurück wie eine spröde Schöne, dann kam er wieder nahe und äffte den Bergmann so fort und fort, bis dieser des Gaukelspieles überdrüssig war und einen Fluch tat. Plauz, fiel der Kessel in die Tiefe, und der Bergmann hörte das Gold und das Silber noch lange klingeln und rollen und an die Felswände des Brunnens anschlagen. In der Nähe liegt auch eine Wiese, die Pfannenwiese genannt, die hat ihren Namen von einer in ihr verborgenen Braupfanne voll Gold und Silber, wie denn der Sagen von verborgenen und verzauberten Bergschätzen auf und am Harzwalde so viele sind, daß ihre Zahl in das Unendliche geht. *   412. Doktor Faust auf Anhalt Zum Grafen von Anhalt kam zur Winterszeit der weitberufene Doktor Faustus, und da er die Frau Gräfin in gesegneten Umständen sah, so fragte er sie, ob sie nicht irgendein Gelüste oder Verlangen habe nach etwas Besonderem, wie bei Frauen in Hoffnung nicht selten, so wolle er es ihr gern vermöge seiner Zauberkunst verschaffen. Solches freundliche Erbieten nahm die Frau Gräfin gütig auf und erwiderte, es würde ihr wohl ein großes Verlangen befriedigt werden, wenn sie statt des trocknen Konfekts und der trocknen Nüsse frischen Obstes, als Weintrauben, Kirschen und Pfirsiche, teilhaft werden könnte, die werde aber jetzt im rauhen Winter weder er noch ein anderer Zauberer herbeizuschaffen vermögen. Da nahm Doktor Faustus drei silberne Schüsseln, setzte sie vor das Fenster des Tafelzimmers, murmelte eine Zauberformel und brachte dann alsbald die erste Schüssel voll frisches Obst, Äpfel, Birnen und Pfirsiche, die zweite voll Kirschen, Aprikosen und Pflaumen, die dritte voll blauer und grüner Trauben herein und hieß sie ohne Zagen davon essen, was die Gräfin auch mit großem Wohlbehagen tat. Als nun die Zeit kam, daß Doktor Faustus von Anhalt Abschied nehmen wollte, so ersuchte er den Grafen und die Gräfin, ihn auf einem Spaziergang zu begleiten, er wolle ihnen etwas Neues zeigen. Dieses geschah im Geleite des gräflichen Gefolges, und als man vor das Burgtor trat, sah man auf einer Höhe, der Rombühl genannt, ein neuerbautes Schloß sich erheben, auf dessen breiten Wallgräben Wassergeflügel schwamm; das Schloß hatte fünf Türme, und als die Gesellschaft näherkam, fand sie zwei Tore und den Zwinger belebt von einer Menagerie seltener Tiere, die darin umhergingen und sprangen, ohne sich zu beschädigen, Affen, Meerkatzen, Bären, Gemsen, Strauße und sonstige Tiere. In einem Saale harrte ein auserlesenes Frühmahl, bei welchem Doktor Fausts Famulus, Christoph Wagner, den Diener machte, und in welchem eine unsichtbare Musik sich hören ließ. Speisen und Weine waren solcher Art, daß sie alle mit Wohlgefallen sättigten. Als die Gesellschaft aus diesem schönen Schlosse nach länger als einer Stunde Aufenthalt wieder aufbrach und sich dem Schlosse Anhalt wieder näherte, nicht ohne rückwärts nach dem neuen Schloß zu blicken, da hörten und sahen sie, wie dieses unter Schüssen und Krachen wie von Büchsen und Kartaunen in Flammen aufging, Faustus und Wagner waren verschwunden, und alle fühlten einen Löwenappetit, und es kam ihnen allen der Hunger in den Leib, und mußten noch einmal frühstücken, denn, was sie gegessen, war eitel Blendwerk gewesen. *   413. Das ist des Manns Feld Da Kaiser Heinrich auf seiner Pfalz Wallhausen in der güldnen Aue Hoflager hielt, wollte er einem seiner Mannen eine Gnade erzeigen, und so erbat sich dieser ein Stück Feldes, angrenzend an die güldne Aue, so groß, als er mit einem Scheffel Gerste werde umsäen können. Dieses Ansuchen gewährte ihm der Kaiser, und der Mittelsmann säete nun nichts weniger als dicht, sondern lang und weit und umfing den Bodenraum einer ganzen Grafschaft. Das verdroß des Kaisers Ritter und Dienstmannen, und murrten gegen ihn, daß jener Kämpe mit ziemlicher Unbescheidenheit zu Werke gegangen, der Kaiser aber lachte und sprach: Wort ist Wort. Was der Mann umsäet hat, das ist des Manns Feld. Von da ab wurde und blieb der neuen Grafschaft der Name Mansfeld, und in das Wappen, das die Grafen annahmen, wurden Gerstenkörner gestellt, welche die Heraldiker hernach Wecken nannten, weil sie den Ursprung vergessen hatten und die Körner undeutlich ausgedrückt fanden, wie sie aus den ursprünglichen Pfauenschweifwedeln durch den Hut überm Wappen der alten Grafen von Henneberg ein paar unbedeutende Rohrkolben gemacht und andere solche Schnitzer mehr auf gar vielen alten Geschlechterwappen.– Des Hauses Mansfeld Ahnherren haben die alten Historiker, die so zuverlässig sind wie die alten Heraldiker, weit über die Zeit der Kaiser Heinriche hinaufgerückt, sie glänzten nach ihnen schon unter den Rittern der Tafelrunde. *   414. Schloß Mansfeld Die Sage geht, daß auf der Stätte, darauf Schloß Mansfeld sich erhob, jener Lindwurm hauste, und zwar in einem ungeheuerlichen Lindenwalde, den der Ritter St. Georg erlegte. Der Berg heißt noch bis heute der Lindberg, und St. Georg wurde als der Grafschaft Mansfeld Schutzpatron gar eifrig verehrt und sein Bild, den Lindwurm erlegend, zu Roß und zu Fuß auf die mansfeldischen Münzen geprägt, nicht minder war ihm die Kirche des Städtleins Mansfeld geweiht. Ja die Einwohnerschaft ehrte diesen Heiligen so hoch, daß sie ihn für einen Grafen und Herrn von Mansfeld hielt und überall sein Bildnis, selbst in Fensterscheiben und an Öfen, wie an Gebäuden, Säulen und Brücken, anbringen ließ. Das Schloß war groß, stattlich und fest, jedes neue Jahrhundert erweiterte es und schmückte es aus und brachte auch mancherlei Bildwerk an. So zeigt man noch als Wahrzeichen einen Mönchs- und einen Nonnenkopf und erzählt als Sage, daß ein klösterliches Liebespaar auf dem Schloß gefangengehalten worden; da erhenkte sich das arme Nönnlein in ihrer dunkeln Kammer, und der Mönch stürzte sich vom Schlosse, worauf die Geister beider in liebender Unzertrennlichkeit dem Geschäft des Spukens oblagen. Auch heitere Trinkbilder zierten manchen Eingang, denn die edlen Grafen waren mannliche Zecher und taten's dem Grafen Klettenberg zum mindesten gleich. Einst besuchte Doktor Luther die hohen Herren, von ihnen eingeladen, da schwemmte ihm schon der Wein die Treppe herab entgegen, und droben die Trinker wankten und schwankten. Da rief Luther ihnen prophetisch zu: Ei, ihr Herren, dünget ja gut und schön! Da wird brav Gras danach wachsen! Und dem geschahe also. Gras wächst seit lange auf Treppen und Gängen und in den Höfen des Schlosses Mansfeld, hohes Gras, und die Grafen sind längst ausgestorben, der goldene Saal ihres Schlosses ist eine Trümmer. *   415. Stein und Schlacht am Welfesholz Ohnweit dem Städtchen Hettstedt liegt das Welfesholz, da liegt nahe dem Holze ein Stein in der Feldmark zwischen Helmsdorf und Gerbstädt, nur wenige Schritte von dem Schleifwege, welcher von Zabenstedt nach dem Welfesholze führt; derselbe Stein ist gar hoch berühmt. Der Ahnherr der Grafen von Mansfeld, Graf Hoyer, war Kaiser Heinrichs V. Feldmarschall und führte dessen Heer gegen die Sachsen, die unter Graf Wiprecht von Groitsch stritten. Graf Hoyer war, wie der große Römer Julius Cäsar, aus seiner Mutter Leib geschnitten, und da die Schlacht am Welfesholze beginnen sollte, so ritt der Graf zu jenem Stein und sprach stolz und freudig: Ich Grave Hoyer ungeborn, Han noch keine Schlacht verlorn. So wahr ich greif' in diesen Stein, Auch diese Schlacht muß meine sein! – und da griff er mit eiserner Hand in den Stein wie in einen Weizenteig und begann die Schlacht. Aber des Grafen Zuversicht und Stolz brach sein furchtbarer Gegner, Graf Wiprecht von Groitsch, der im persönlichen Kampfe nach der tapfersten Gegenwehr den Helden fällte und erschlug. Die Sachsen siegten, und des Kaisers Heer wich vom Kampfplatz, soviel dessen nicht erschlagen ward. Ein Weidenstock rief in dieser mörderlichen Schlacht: Jodute! Jodute!, den uralten Hülferuf. Das half zum Siege. Die Sachsen errichteten darauf eine Siegessäule, die sie Jodute nannten und ihr viele Ehrfurcht erwiesen; später wurde eine Kapelle an den Ort gebaut, und aus dem Jodute schufen die Mönche mit klugem Sinne ein Signum Adjutorii , das Volk aber in seinem unklugen Sinne machte einen neuen Heiligen des Namens Jodute daraus. Der Stein am Welfesholz steht noch auf dem Acker, fast eine Elle dick und breit, und die Spur des Griffes von der Heldenfaust ist tief in denselben eingedrückt. Er gleicht einem weißen Kiesel und wird beim Gewitter weich. Wenn einer mit einem Stock daranschlägt, soll er erklingen, als ob er hohl wäre. *   416. Die Geister auf Arnstein Nahe beim Dorfe Harkerode überm Tale des Flüßchens Eine ruhen die Trümmer der mansfeldischen Burg Arnstein. Auf dieser Burg saß auch ein Graf Hoyer zur Zeit Kaiser Karl V., und war dieses Kaisers Feldmarschall, ein Schrecken der Feinde, wie sein ruhmreicher Ahnherr, jener Hoyer, der in der Schlacht am Welfesholze fiel. Er war aber gar hart, grausam und tyrannisch, ließ viele Gefangene in seinem Burgverlies auf Arnstein verschmachten, und auch sein Gemahl war von gleicher Strenge und Herzenshärte. Dafür sind sie beide schon beim Leben oft verwünscht worden, und nach ihrem Absterben gedieh die Verwünschung dahin, daß sie beide in einem Winkel hoch oben in der Burgmauer einander gegenübersitzen und wimmern und stöhnen müssen. Die Gräfin spinnt und spinnt und muß ohn' Ende spinnen bis zum Jüngsten Tage. Am Fuße des Burgberges geht ein spukender Mönch um, der alle sieben Jahre einmal herauf auf die Burg kommt und sie durchpoltert. Sonntagskindern zeigt er sich bisweilen sichtbarlich, andern nie; es ist aber kein Gewinn und keine Freude, sotanen Mönch zu sehen, denn sein Anblick erregt ein unaussprechliches Grauen. *   417. Neun Kinder auf einmal Zu Querfurt saß ein Graf des Namens Gebhard, dessen Bruder war der heilige Bruno, der Apostel der heidnischen Preußen nächst dem heiligen Adalbert. Graf Gebhard war ein strenger und ernster Herr, starren Kopfes und raschen Handelns. Da er nun einmal eine Zeitlang aus seiner Herrschaft abwesend war, gebar ihm seine Gemahlin, eine edle Sachsin, auf dem Hause Querfurt auf einmal neun Kindlein. Über so reichen Segen erschraken sie und ihre Frauen nicht wenig und getrösteten sich von dem Grafen und Herrn nichts Guten, denn er war gar wunderlich und hatte schon zum öftern sich ungünstig über Frauen geäußert, die mehr als ein Kind, etwa zwei oder drei, zugleich geboren, nun vollends dreimal drei, das dürfte ihm schier allzu viel dünken und nicht mit rechten Dingen zuzugehen scheinen. Wurden daher untereinander Rates, eines der Kindlein, das erste und stärkste, zu behalten und die acht übrigen beiseitezuschaffen, und ward einer der dienenden Frauen befohlen, die acht Kindlein in einem Kessel hinwegzutragen und den Kessel, mit Steinen beschwert, in den nahen Schloßteich zu senken. Dieser Trägerin begegnete der heilige Bruno, welcher damals in Querfurt lebte und in früher Morgenstunde bei einem schönen Quellbrunnen auf- und abwandelte und sein Gebet sprach, und da er ein Kindlein winseln hörte, fragte er, was sie trüge. Das Weib erschrak und sprach: Junge Welflin (Hündchen) – und wollte rasch vorübereilen, allein Bruno nötigte sie, den Mantel von dem Kessel aufzurücken, und sah die acht Kindlein und zwang der Frau das Geständnis ab, wem sie gehörten, die ihm nun auch die ganze Wahrheit sagte. Bruno legte ihr tiefes Schweigen auf, selbst gegen die Mutter, taufte in dem kupfernen Kessel, darin die Kindlein lagen, dieselben an dem Quellbrunnen und nannte sie insgesamt Bruno nach sich selbst, dann brachte er sie unter bei guten treuen Leuten zur Pflege und Auferziehung und hielt alles tief geheim, bis die Zeit kam, da er wieder gen Preußen zu ziehen gedachte. Der aufbehaltene neunte Knabe wurde Burkhart genannt und ward Hernachmals der Großvater Kaiser Lothars. Da nun Bruno aus dem Lande zu ziehen im Begriff stand, offenbarte er seinem Bruder das Geheimnis und nahm ihm das Versprechen ab, seiner Gemahlin jene frevelnde Tat nicht entgelten zu lassen, die nichts anderes wisse, als daß die Kindlein tot seien, und die Jahre her stets tiefe Reue und schmerzliche Betrübnis darob empfunden. Dann ließ er die acht Knäblein, eines gekleidet wie das andere, in das Schloß bringen und stellte sie den Eltern vor, da sahen sie wohl an Gestalt und Gebärden, daß sie des neunten rechte Brüderlein, und war Leid und Freud beieinander. Doch ließ Graf Gebhard seine Gemahlin nicht ganz ohne Strafe. Er ließ ihr ein Paar neue Schuhe machen, nicht von Leder, sondern von Eisen, und dieses Eisen ließ er glühend machen, und solche rote Schuhe mußte die Frau Gräfin auf eine Zeit anziehen, darum, daß sie in den kindermörderischen Rat eingewilligt. Selbige Schuhe, wie jenen Taufkessel zeigt man noch in der Kirche zu Querfurt, der Quellbrunnen wird noch heute der Brunsborn genannt, und der Teich, dahinein die Welflin gesenkt werden sollten, heißt noch bis diesen Tag der Wölfenteich. In der Lauterburg bei Querfurt geht noch ein Spuk um, das Schlüsselweibchen genannt. *   418. Sankt Bruno und die Eselswiese Da der heilige Bruno am Donnerstage in der Osterwoche Abschied nahm von seinem Bruder und gen Preußen zog, ritt er auf einem Esel, und sein Bruder und viele Herren begleiteten ihn. Wie sie nun über den Anger hart hinter Querfurt ritten, wurde des heiligen Mannes Esel stätig und wollte nicht weiter, darin sahen die Geleitenden ein Anzeichen, daß Gott den Zug Brunos nicht wolle, und beredeten ihn zur Umkehr auf das Schloß. Gleichwohl fand der heilige Mann keine Ruhe, es drängte ihn seiner Bestimmung entgegen, und diese war keine andere als der Martyrertod, den er auch fand, als er dennoch nach Preußen gezogen war und dort das Evangelium lehrte und predigte. Er wurde mit achtzehn Gefährten gefangen, grausam gepeinigt, verstümmelt und getötet, das geschah in Litauen nahe der Grenze gegen Rußland im Jahre 1008 oder 1009. Auf der Wiese aber, darauf der Esel des heiligen Bruno stätig ward, und die bis heute die Eselswiese heißt, ward eine Kapelle erbaut, zur Eselstatt genannt, da ward an jedem Donnerstag nach Ostern reichlicher Ablaß erteilt, und entstand eine große Wallfahrt und viel Zustrom des Volkes von allen Orten und Enden. Endlich ward ein Jahrmarkt auf den Tag bestimmt, der zuletzt drei Tage dauerte, und so ist es geschehen, daß ein stätiger Esel das ganze Volk umher auf die Beine gebracht und laufend gemacht hat, welches Wunder nicht bloß zu Sankt Brunos Zeiten, sondern auch in späteren sich zum öfteren hie und da hat verspüren lassen. *   419. Der Nonnengeist zu Gehofen Zu Gehofen, zwischen Querfurt und Heldrungen, lebte Frau Philippine Agnes von Eberstein, eine achtbare Edelfrau. Dieser erschien im Jahr 1683 ein Gespenst in Gestalt einer Nonne und flüsterte ihr zu, abends sechs Uhr solle sie auf den Hof gehen und allda einen großen Schatz heben, der sei ihr beschert und keiner andern. Dieser Geist war von kleiner Gestalt, weiß gekleidet, auf dem Schleier über der Stirne mit einem roten Kreuz gezeichnet, trug in der Hand einen Rosenkranz und hatte nach damals üblicher Tracht ein weißes Vorstecktüchlein vor dem Munde. Da der Gemahl der Frau von Eberstein schwer erkrankt daniederlag und dieselbe abgemattet war von Nachtwachen, auch merklich furchtsam und bange war, so gab sie dem Ansinnen des Nonnengeistes keine Folge, hatte aber deshalb viel von demselben zu leiden. Das Nonnengespenst griff die Edelfrau tätlich an, drückte und zwickte sie und verursachte ihr körperliche Schmerzen, unter beständigem Andringen, den Schatz zu heben. Der Geist war ebenso redselig als zudringlich. – Ich war eine des Geschlechtes von Trebra, flüsterte er der Frau von Eberstein erzählend zu, und wohnte hier auf dem Gut, das früher unserer Familie gehört hat. Im Dreißigjährigen Kriege vergrub ich den Schatz – hebe ihn – hebe ihn! – Nimm deinen Beichtiger dazu, deine Hausgenossen – es soll dir kein Leid widerfahren – ich schütze dich, ich führe den schwarzen Hund hinweg, der den Schatz bewacht – hebe ihn, und nie siehst du mich wieder. Wirf eine Schürze oder ein Fazinettlein darauf, wenn du den Schatz siehst! Hebe ihn – es sind auch drei Ringe dabei, die werden deinem Geschlecht stets Glück bringen. Hebst du den Schatz, so soll nach vier Jahren deine Tochter auch einen heben! – Und so ging es in einem fort; die Edelfrau litt schrecklich unter diesen fortwährenden Peinigungen. Sie sah den Geist, als sie einmal über den Hof ging, mit flehentlichen Gebärden nahe der Kapelle stehen und auf den Ort des Schatzes deuten – ja sie sah den Schatz offen und fühlte, wie der Geist, als sie sich zum Weggehen wandte, sie am Rocke festhielt. Da wurde die so sehr geängstigte Frau von Eberstein ganz schwermütig und gemütskrank, sah aber immer den Geist, und andere sahen ihn nicht, und niemand glaubte ihr, nur ihr kleines Töchterlein, das noch nicht reden konnte, deutete mit seinen Fingerchen nach der Stelle, wo der Geist stand. Dessen Quälereien trieben die Edelfrau fast zur Verzweiflung und währten schon in den vierten Monat. Bei einer Ausfahrt zu Schlitten stand der Geist an der Brücke – da feuerte die Frau zwei scharfgeladene Pistolen nach ihm ab, aber die Folge war nur um so größere körperliche Peinigung. Auf Mund und Wangen und auf die Brust schlug der Geist die Leidende, warf sie im Bette empor, hielt den Mund ihr zu, legte sich auf sie wie ein Alp. Endlich ließ er ab, mit einem Male, und die Edelfrau ließ in öffentlicher Kirchenversammlung dem Herrn für ihre Erlösung danken. Der Schatz blieb ungehoben. *   420. Der immerlebende Rabe Zu Merseburg im Schloßhof wird ein Rabe lebend erhalten als immerwährender Sagenzeuge. Es lebte daselbst ein Bischof, Thilo von Trotha geheißen, ein heftiger und jähzorniger Herr, der hielt im Hause zum Vergnügen einen zahmen Raben. Der Rabe tat, was er nicht lassen konnte, er stahl wie ein Rabe, so stahl er auch einen kostbaren, hoch wertgehaltenen Ring seines Herrn, des Bischofs, und trug den Ring in sein Nest, das er auf einem hohen Turme des Merseburger Schlosses hatte. Der Bischof aber vermeinte nicht anders, als der Ring sei ihm gestohlen und sein, alter Kammerknecht sei der Dieb, und ließ diesen Diener peinlich befragen und ihm durch die Folter das Geständnis der Schuld entreißen, und ließ ihn zum Richtplatz führen. Mit zum Himmel erhobenen Händen beteuerte der Greis seine Unschuld – doch sein Haupt fiel unter dem Henkerschwerte. Da geschah es nach einer Zeit, daß ein Sturm des Raben Nest vom Turme warf, darin fand sich mancherlei güldenes und silbernes Kleinod und auch des Bischofs Ring, um den der fromme Kämmerling unschuldig war gerichtet worden. Das traf des strengen Bischofs hartes Herz wie ein Blitzstrahl, und er büßte hart und schwer seine ungetreue Tat an dem Kämmerling. Er tat sich seines Familienwappens ab und nahm ein neues an und setzte in das Schild einen Raben, der einen Ring im Schnabel trug, und oben aus der Krone hoben sich als Helmkleinod zwei Arme und Hände, deren Finger einen Ring faßten. Dieses Wappen ließ der Bischof Thilo von Trotha allenthalben anbringen, daß es ihn überall an seine Untat erinnere und zu steter Buße mahne, innen und außen am bischöflichen Palast, im Dome, an den Mauern, in den Zimmern, auf den Gängen. Und verordnete, daß im Schlosse fort und fort ein lebender Rabe solle gehalten werden, wie denn auch noch geschieht. Und immer noch ist das neue Wappen zu erblicken, am schönsten auf dem ehernen Kenotaph, das dem Bischof Thilo von Trotha im Dome zu Merseburg errichtet ward. *   421. Des Bischofs Katze Es saß zu Merseburg ein Bischof des Namens Michael, der hielt eine Katze, mit der er sehr vertraut war; es war dieselbige aber keine gewöhnliche Katze, sondern ein Spiritus familiaris. Einstmals reiste Bischof Michael von Merseburg nach Leipzig, da kam er an einen Hügel, und auf diesem sah er einen ganzen Schwarm Katzen, was ihn baß verwunderte. Er ritt näher zu dieser Katzenvolksversammlung hin und rief: He, ihr Katzen! Seid ihr denn alle beisammen? – Da antwortete ihm eine der Katzen: Es fehlt keine, außer des Bischofs Michael von Merseburg Katze. – Wie der Bischof in seinen Palast zurückkehrte, sprach er zu seiner Katze: Höre du, da ich gen Leipzig ritt, sah ich auf einem Hügel am Weg einen ganzen Katzenkonvent und vernahm, daß du allein noch fehltest! Warum bist du nicht auch dabei gewesen? – Auf diese Rede pfauchte die Katze ganz abscheulich den Bischof an, tat einen Satz hinauf zum Fenster, fuhr hinaus durch die Luft und kam niemals wieder. Hernachmals ist in dasselbige Fenster ein Glasgemälde gekommen, darstellend den Bischof Michael und seine Katze, und jener Hügel ist der Katzenberg genannt worden. *   422. Der Thüringer und Sachsen Herkunft und Streiten Alte Sagen gingen, ein Volksstamm sei von fernher, aus dem Ostland, auf zwölf Schiffen in die Gegend gekommen, darin heute Lübeck liegt. Dies Volk habe sich Petreoli, Kieselinge, genannt und die Thyrigeten, die in selber Gegend seßhaft waren, vertrieben. Deren Männer haben sich töricht zum Streite gestellt, und deshalb seien sie Törlinge genannt worden, sie selbst aber nannten das streitbare Volk, das sie von seinen Wohnsitzen wegtrieb, Saxen. Da habe ein Saxenjüngling um güldne Hals- und Armringe, die er trug nach der Sitte der Urzeitvölker, eine Handvoll Erde von einem Törling gekauft, und der habe aus Gutheit ihm den ganzen Schoß mit seiner Erde gefüllt und des klugen Handels sich erfreut – jener aber die Erde zu seinem Volk getragen, und da sei sie fein gerieben und damit ein großes Gebiet umsäet worden. Und so besetzten und besaßen die Saxen das Land der Törlinge, und bebauten es, und trieben jene Ureinwohner über den Harz hinüber, und setzten sich fest an der Unstrut bis zur Saale und bis zur Elbe und bis zur Werra, wo sie das heutige Eichsfeld umfließt, und die Döringer wichen zurück weiter westwärts und besaßen immer noch ein schönes und reiches Land, das durch acht Worte, die mit W stabten, sonderlich genannt und bekannt ward. Diese acht Worte und Wohllaute waren: Wiesen und Weiden, Wässer und Wälder, Waid und Wein, Wolle und Weizen. Insonderheit war die güldne Aue, darinnen heute die Städte und Orte Frankenhausen und Sangerhausen, Heldrungen und Gehofen, auch Allstedt und Wallhausen und Tilleda, die alten Kaiserpfalzen, und mancher andere namhafte Ort liegen, gar ein gesegneter Strich Landes, den einst ein Graf Botho von Stolberg, welcher aus Jerusalem heimkehrte, viel höher pries als ganz Palästina. Darum bauten die alten Duringer im Unstruttals eine Grenzfeste gegen die Ostmark, daß sie geschieden seien gegen Saxen und Sorben, und nannten sie Schidinge, das ist Scheidungen, darauf saßen ihre Führer und herrschten allda gleich Königen. Ein solcher Herrscher war Merovig, aus fränkischem Königsstamme, der Sohn von des Frankenkönigs Chlodio Gemahel, die ihn, am Meere badend, von einem Meerwunder empfangen. Der erbaute im Lande Duringen manchen festen Ort und in der Nähe von Erfurt sich selbst auch einen Herrschersitz, die Merwigsburg, heute noch Möbisburg geheißen, wo man den Ort der alten Burgfeste noch zeigt. Unter Merovig kam der Hunnenkönig Attila in das Land Duringen, die Geißel Gottes, und wütete darin. Man sagt, daß er zu Isenach Hof und Hochzeit gehalten und bei Tonndorf gefischt und geweidwerkt, wo noch eine Stelle der Königsstuhl heißt. Merovig hatte einen Sohn, der hieß Childerich, der nutzte nicht viel und wurde auch nicht König, sondern die Thüringer hatten sich einen andern Gebieter erwählt, der hieß Basinus. Zu diesem Basinus kam Childerich und entlockte ihm sein Weib. Basinus hinterließ, da er starb, drei Söhne, die hießen Balderich, Berthar und Irmenfried, die teilten das weite Reich, und Irmenfried ward Thüringen als Erbe zuteil. Er erkor sich zur Gemahlin die Schwester oder Schwestertochter des Ostgotenkönigs Theoderichs, Amalbergs, die ebenso schön als stolz war. Sie deckte einstmals ihres Gemahls Tisch nur halb, weil er nur ein halbes Reich habe, und reizte ihn an, seiner Brüder Tod herbeizuführen. Dann gab sie im Bunde mit einem treulosen Rat, der Iring hieß, ihrem Gemahl falsche und verkehrte Anschläge ein, welche zur Folge hatten, daß Theoderich, sein eigner Schwager, ein Frankenheer gen Thüringen und gegen Irmenfried führte. Das hörten die Taxen gern und verbanden sich mit den Franken gegen die Thüringer. Da sind harte Streite geschehen und ward aus der güldnen Aue eine blutige, und die Unstrut stemmte sich von Leibern der Erschlagenen, über welche die Franken gleichwie über eine Brücke gingen, und Irmenfried entfloh mit den Seinen nach Burg Scheidungen, dem festen Wohnsitz, und Theoderich mit Franken und Saxen folgte ihm nach, und den letzteren verhieß Theoderich, wenn Scheidungen gewonnen werde, so solle alles Land jenseit der Unstrut das ihre sein und ewiglich bleiben. Und da griffen die Saxen furchtbar an, und die Franken verwunderten sich über deren starke Leiber und Gemüter, über ihr langes Haar, ihre groben Gewände, großen Schilde, mächtig starken Spieße und langen Messer, die sie an den Seiten trugen und Sax nannten. Und sie hatten auch ein Banner oder Feldzeichen, darin war ein Löwe, ein Aar und ein Drache. Der in Scheidungen bedrängte König Irmenfried sandte heimlich einen Vertrauten in das Lager zu seinem Schwager, der flehte um Gnade für Amalbergs und ihre Kinder, und Theoderichs Räte murrten über die Saxen und das ihnen gegebene Versprechen, und so ward heimlich Friede geschlossen in dem Sinne, daß die Gegner sich vereint der in das Land gerufenen Sachsen entledigen wollten. Da geschah es, daß ein Sachse einen Falken fing, der einem Thüringer gehörte; um diesen Falken wiederzuerlangen, offenbarte der Thüringer der Sachsen heimlichen Anschlag; den trug der Sachse schnell in das Lager, und da berieten die Fürsten und Hauptleute, was zu tun sei. Einige rieten zum schleunigen Abzug in aller Stille, aber ein greiser Führer, Herr Hagk (andere sagen Hadegast), ergriff das Banner, widerriet den Abzug, riet zum Angriff, und zwar zu plötzlichem, zur Überrumpelung im Schlafe. Solcher Anschlag ward ausgeführt, mit Not entkam der König mit den Seinen im Schlachtgetümmel, die Unstrut wurde abermals ein Blutstrom, und die Sachsen waren nun Herren des Landes und teilten sich in dasselbe und nannten den Siegestag Communio , das ist Teilnehmung, weil jeder sein Teil nahm. Da hat der alte Sachsenführer Hagk die Sachsenburg erbaut und zuerst bewohnt. Es wird auch noch bis heute die zwiefache Ruine der Sachsenburg (Ober- und Unterburg) die Hakenburg vom Volke genannt und geht die Sage, daß auf ihr Karl der Große der Sachsen urältestes Landesrecht, den Sachsenspiegel, ihnen gegeben habe. Viele andere Burgbaue sind damals entstanden, aber das alte Königreich Thüringen ging unter. *   423. Die Bonifaziuspfennige In das Land an der Unstrut ist hernachmals der heilige Bonifazius, der Thüringer Apostel, gekommen, das war in der Zeit, als die Hunnen die deutschen Länder gleich Heuschreckenschwärmen überzogen und verheerten, und Bonifazius half den Thüringern durch sein Gebet zum Siege, daß sie der Hunnen viele Tausende erschlugen, so daß die Unstrut sich weithin mit Blut färbte, dann ließen die Thüringer sich taufen und glaubten an den eingebornen Sohn Gottes. Eine Sage geht, an der Sachsenburg sei der heilige Bonifazius einmal von den heidnischen Thüringern verhöhnt worden. Sie wollten Geld und Gut von ihm, keine Lehren, und warfen mit Steinen nach dem Bekehrer. Da verwünschte der heilige Mann alles Geld im Lande zu Stein, und augenblicklich schrumpfte jeder Pfennig zu einer steinernen Linse zusammen. Davon findet man immer noch an der Sachsenburg und an der Arnsburg über dem Dorfe Seeg, auf der Hainleite, welche der Bonifaziusberg genannt wird, und nennt sie Bonifaziuspfennige. – Als Bonifazius die Thüringer zum Christentum bekehrt hatte, freute sich darüber Kaiser Karl der Große über die Maßen und sandte einen Boten ins Land, der sie seines Schutzes und seiner Hülfe versichern mußte. *   424. Ludwig mit dem Barte und sein Stamm Kaiser Konrad II. sandte einen Verwandten in das Thüringer Land, der hieß Ludwig und trug einen langen Bart, darum nannten ihn die Thüringer den Grafen im Barte, und gewannen ihn lieb, weil er leutselig war und guten Rat erteilte, und wählten ihn hernachmals zu ihrem Richter. Als solchen bestätigte Kaiser Konrad den Grafen im Barte gern, verlieh ihm Güter und machte ihn zu einem Vizedom in Thüringen und zu einem Landrichter, und Konrads Nachfolger bestätigte ihn in allen Besitzungen und Würden. Darauf erbaute Ludwig sich eine Burg auf einem hohen Berg über Friedrichrode, und als er sie vollendet sah, rief er freudig aus: Nun schaue, welch eine Burg! Davon ward sie Schaueinburg genannt, hernach Schauenburg. Graf Ludwig im Barte vermählte sich mit Cäcilie, einer jungen Witwe, die brachte ihm Sangerhausen, die Stadt, zu, nebst vielem Reichtum an Geld und Gut, Land und Leuten, und bekam von ihr einen Sohn, auch Ludwig genannt, der ward getauft in der Kirche auf dem Altenberge, wo der heilige Bonifazius mit zu allererst den Thüringern das Evangelium gepredigt, die hatte Graf Ludwig erbaut, und ließ sie weihen in die Ehre St. Johannis des Täufers am Tauftage seines Erstgebornen durch Bardo, den Erzbischof zu Mainz, und waren viele Fürsten, Grafen und Herren aus Thüringen und den Nachbarlanden Zeugen. Nachderhand bekam Graf Ludwig im Barte durch sein Gemahel noch zwei Söhne und drei Töchter. Ein Sohn hieß Beringer, der empfing von der Mutter Erbe Sangerhausen mit Zubehör, doch starb er bald nach dem Vater. Ein Sohn, den Beringer hinterließ, hieß Konrad, der erbaute Hohnstein am Harz, weil sein Bruder Ludwig ihm Sangerhausen abkaufte, und ward der Grafen von Hohnstein Ahnherr; Ludwigs dritter Sohn hieß Heinrich, der war gar still und ruhig, und die Leute gaben ihm den Zunamen Rape. Der hat Rapenberg erbaut und bewohnt. Dreißig Jahre lang hat Ludwig im Bart im Lande Thüringen gewohnt und gewaltet und ihm treulich vorgestanden. Er starb auf einer Fahrt nach Speier zu Kaiser Heinrichs III. Begräbnis, auf der Rückreise in Mainz, und ward alldort in St. Albans Kirche begraben. Am Nikolaitorturm zu Eisenach steht noch verwittert sein steinern Bild mit langem Bart. Er ward der Ahnherr aller Landgrafen von Thüringen. *   425. Die Frau von Weißenburg Ludwig, des bärtigen Ludwig Sohn, freite eine Tochter Herzog Ulrichs zu Sachsen, war aber gar übel mit ihr zufrieden und sandte sie wiederum dahin, woher sie gekommen war; darüber zergrämte sie sich, denn sie hatte ein stolzes Herz, und starb noch selben Jahres. Nun zog Graf Ludwig, noch jung und wieder ledig, im Lande umher und besuchte den Pfalzgrafen Friedrich zu Sachsen, der saß auf Schloß Weißenburg, der hatte ein über die Maßen schönes Weib, Adelheid geheißen, und sie gefiel auch gleich über die Maßen dem Grafen Ludwig, und er höfelte um sie her und tanzte mit ihr, und er gefiel ihr und durfte sie heimlich besuchen. Da faßten sie einen Rat, der nicht gut war. Als eines Tages der Pfalzgraf im Bade saß, hörte er Rüdengebell und Hörner, vielleicht fühlte er auch bereits welche, und fragte, wer so freventlich in seinen Wildbann breche, und da sagte man ihm, wer es sei; manche berichteten, Frau Adelheid selbst habe es ihm unter Stachelreden gesagt, und da wurde der Pfalzgraf wild und fuhr aus dem Bade, warf nur leichtes Gewand über und jagte auf einem Renner dem Grafen Ludwig nach. Das war es gerade, was dieser wollte. In einem Gehölz, die Reuse genannt, erwartete Ludwig den Pfalzgrafen, und da dieser ihn nicht mit Honigworten begrüßte, sondern ihn anschalt als einen Gauch und ehrlosen Wicht, so drehte Ludwig sich um und stieß den Pfalzgrafen mit seinem Speer tot vom Rosse. Von dieser sehr untreuen Tat ist viel in den Landen geredet und gesungen worden. Des Pfalzgrafen Witib auf Weißenburg stellte sich gar kläglich an, als sie ihres Herrn und Gemahls Tod vernahm, betrauerte selbigen auch ein züchtig Jahr, und dann heiratete sie ihren geliebten Freund, den Grafen Ludwig, und beging mit ihm fröhliche Hochzeit auf der Schauenburg. Der lebte mit ihr lange Zeit ganz glücklich, mehrte sein Land, erbaute ihm feste Schlösser und Trutzburgen und befestigte seine Städte, so Freiburg an der Unstrut und die Neuenburg darüber, aber da die Verwandten des durch ihn gemordeten Pfalzgrafen Rache heischten und er sich der Ladung des Kaisers nicht stellte, so ließ der Kaiser allenthalben auf ihn fahnden und stellen, wie auf einen schlimmen Vogel, und so sehr Graf Ludwig auf seiner Hut war, so kam er endlich doch im Erzstift Magdeburg in Haft und ward als Gefangener auf die feste Burg Giebichenstein ohnweit Halle geführt und allda festgehalten. *   426. Der Sprung vom Giebichenstein Graf Ludwig saß lange auf Giebichenstein, denn der Kaiser war außer Landes, und niemand anders konnte und durfte den Grafen richten wie der Kaiser selbst, obschon sich von diesem nicht viel des Guten in dieser Sache zu versehen war. Zwei Jahre und acht Monate waren schon über dieser Haft dahingegangen, und der Gefangene blickte kummervoll aus einem Turmgemache, darinnen ihn sechs Ritter täglich bewachten, in den Saalgrund, über welchem, auf steil emporgegipfelte Felsen gebaut, Burg Giebichenstein sich erhob. Da nun Graf Ludwig vernahm, der Kaiser wolle ihn hinrichten lassen ob seiner Tat am Pfalzgrafen, ward ihm bange, und er begann sich für krank auszugeben und bat, daß sein Schreiber zu ihm gelassen werde, er wolle sein Seelgeräte aufrichten und sein Haus bestellen, auch einen Diener forderte er, den an sein Gemahl Frau Adelheid zu entsenden. Und als ihm dies gestattet wurde, gebot er heimlich dem Diener, an einem gewissen Tage, wenn er das Seelgeräte abzuholen komme, zu bestimmter Stunde mit seinem weißen Hengst, der Schwan genannt, drunten am Saalufer zu harren, auch das Roß wie zur Schwemme in den Saalstrom zu reiten. Hierauf klagte sich der Graf ernstlich krank, das währte mehrere Tage, und er machte auch sein Testament und ließ sich sein Sterbehemde bereiten und mehrere Mäntel bringen, dieweil ihn friere; in diese hüllte er sich und wankte am Stabe im Zimmer auf und ab, während seine sechs Wächter sich die Zeit mit dem Brettspiel vertrieben. Da es im Steingemache noch sehr kühl war, draußen aber die Sommersonne des Augustmonats warm schien, so lehnte sich der kranke Graf in das große Bogenfenster, das er geöffnet, und wärmte sich – und da er drunten den Diener zu Roß nebst seinem Schwan in die Saale einleiten sah, auch zwei Fischernachen, die mitten im Strome hielten, so war er plötzlich nicht mehr krank, sondern mit einem Satz im Fenster, und mit einem zweiten außerhalb des Turmes, und mit wenigen Schritten ganz vorn am Felsenvorsprung, und mit dem Rufe: Jungfrau Maria! Hilf deinem Knechte! sprang er vom Felsen gerade herab in den Strom. Die Mäntel umgaben ihn wie ein Rad, die Kähne ruderten herbei, der Landgraf gewann einen Kahn, gewann den Schwan, und als droben die Brettspieler erschreckt emporfuhren und zum Fenster hineilten, sahen sie schon den kühnen Springer das Ufer gewinnen und westwärts reiten. *   427. Sankt Ulrichs Kirche Da Landgraf Ludwig von Thüringen, der Springer zubenamt, sich durch seinen kühnen Sprung aus dem Turm und vom Fels hinter Giebichenstein in die Saale aus langer Haft errettete, rief er noch einmal im Fliegen: Hilf deinem Knecht, Jungfrau Maria!, und als er nun auf seinem Schwan entrann, nahm er den Fluchtweg nach Sangerhausen zu, wo seine Adelheid weilte, und rief unterwegs St. Ulrich an, seinen Schutzpatron, daß der ihn ferner rette und schirme, und gelobte ihm ein stattliches Gotteshaus. Und bevor noch der Landgraf eine Bußfahrt gen Rom vollbracht, erfüllte er treulich sein Gelübde und ließ die Kirche in Marien und St. Ulrichs Ehre erbauen und weihen und in einen Stein die Worte graben: Suscipe servum, virgo Maria! – welche Worte er ausgerufen, da er von Giebichenstein entsprang. Noch ist St. Ulrichs des Helfers und des Landgrafen Steinbild in dieser Kirche zu sehen, und viele fromme und gläubige Seelen haben durch so viele Jahre in derselben ihre Andacht zu Gott dem Herrn und dem heiligen Mittler verrichtet. Zu einer Zeit aber ist es zu Sangerhausen geschehen, daß der Teufel eine Schar Leute berückte, Männer, Frauen und Kinder, die kamen alldort heimlich in einem Hause zusammen, den Teufel anzubeten, der ihnen, wie behauptet ward, in Gestalt einer Hummel vor das Maul flog, und dann löschten sie die Lichte aus und trieben ganz abscheuliche Unzucht durcheinander, recht hummeltoll. Ein Schmied offenbarte dieser frömmelnden Wollüstler arges Unwesen dem Grafen, der damals, 1454, über Sangerhausen gebot; dieser glaubte nicht an die unerhörte Mär, aber der Schmied führte den Grafen verkappt in die Versammlung, damit er den argen Frevel mit eigenen Augen sehe und höre, und da sah und hörte der Graf sein blaues Wunder, ließ alsbald die Rotte einziehen und Gericht über sie halten. Darauf sind sie samt und sonders zum Feuertod verurteilt und verbrannt worden. *   428. Kaiser Friedrich Auf dem Kyffhäuserberge steht weit sichtbar ein alter Turm, die Warte der Kaiserburg, welche dieser Berggipfel trug, und deren Trümmer eine Strecke unter dem Turme noch erblickt werden; diesen Turm nennt alles Volk in der güldnen Aue den Kaiser Friedrich. Da der wirkliche Kaiser Friedrich, zubenamt der Rotbart, vom Papst in den Bann getan ward, so schlossen sich ihm alle Kirchen und Kapellen, kein Priester durfte ihm Messe lesen. Da legte der edle Held ein Gewand an, das ihm aus India verehrt worden, nahm ein Fläschchen mit duftendem Wasser zu sich, bestieg sein Leibroß und ritt in einen dunkeln Wald tief hinein. Wenige seiner Getreuen durften ihm folgen, aber auch ihnen entschwand er, denn in dem tiefen Walde drehte er ein wunderbares Fingerlein und wünschte sich aus ihrem Angesicht. Alsbald entschwand er der Herren Blick und ward von ihrer keinem mehr gesehen, und so war der hochgeborene Kaiser verloren. Alte Bauern haben ausgesagt, er lasse sich noch bisweilen als ein Waller erblicken und habe verkündigt, er werde einst noch auf römischer Erde gewaltig werden und die Pfaffen stören und das Heilige Grab wieder in die Gewalt der Christen bringen, daß nimmer wieder ein Schwert darum gezogen werde; dann werde er seinen Schild hangen an den Ast eines dürren Baumes und guten Frieden aufrichten im Lande und auf den Festen. Das gleiche Recht werde er allen bringen, die heidnischen Reiche sich unterwerfen, die Kraft und Macht der Juden niederwerfen, daß sie nimmer wieder aufkommen, die Nonnen verehelichen und zur Arbeit leiten. Wann das geschähe, so kämen uns gute Jahre, und der dürre Baum werde wieder ergrünen. So klangen Sage, Lied und Prophezeiung aus grauer Zeit, und die darauffolgende Zeit schmolz Kaiser Friedrich I., des Rotbart, Heldenbild mit dem Bilde Kaiser Friedrich II. zusammen, denn auch dieser hatte sein Deutschland verlassen, kehrte nimmer wieder, und ob er tot war, so glaubte doch das treue Volk, er lebe, und harrte ohn Ende seiner Wiederkehr. Und da er nicht wiederkehrte, so sagte es, Kaiser Friedrich habe sich mit seiner Tochter, mit all seinem Hofgesinde, mit seinen Wappnern und Zwergen tief in den Schoß der alten Kaiserfeste Kyffhäuser verwünscht, und da sitze er schlummernd, mit langem Bart, der um seinen steinernen Tisch gewachsen, erst zweimal herum, wann aber der Bart das drittemal herumlange, dann werde der Kaiser wiederkehren und das Reich wieder behaupten. Um den Berg, darunter der Kaiser verzaubert im Halbschlummer sitzt, fliegen fort und fort die Raben, und nur alle hundert Jahre sendet der Kaiser einen Zwerg herauf, daß er frage und schaue, ob die Raben noch fliegen. Und wenn er nun rückkehrt und kündet, daß sie noch immer fliegen, da neigt der Kaiser trauriger denn vor sein greises Haupt und zwickert wieder mit den Augen im halben Schlummer. *   429. Kaiser Friedrichs Gaben Viele haben den Kaiser Friedrich sitzen sehen in seiner unterirdischen Halle, bald allein, bald im Kreise seiner Wappner, bald mit der Prinzessin, seiner Tochter. Manchem Schäfer erschien ein Zwerg, manchem die Tochter selbst. Ein Schäferknabe pfiff auf seiner Schalmeie ein höfisches Lied, da hob sich hinter ihm ein ehrwürdiges Greisenhaupt und fragte mit milder Stimme: Wem hat dies Lied gegolten, Knabe? – Und der Knabe rief kecklich: Kaiser Friedrichen hat es gegolten! – Und da winkte der Greis dem Knaben, daß er ihm folgte, und der Knabe ward hinabgeführt von dem Greise, und drunten, wo alles voll Schätze lag, standen die Wappner und neigten sich tief vor dem Alten. Da sah der Schäfer erschreckend, wer sein Führer war, und der Kaiser sprach: Dieser Knabe hat uns geehrt!, zeigte ihm der unterirdischen Halle Pracht und Glast, brach von einem Gefäß einen Fuß und gab den dem Knaben und sprach: Gehe und künde es droben: wann die Zeit sich erfüllet, daß Gott der Herr aus diesem Bann uns löset, dann soll das Deutsche Reich frei werden. Der Schäferknabe kam herauf, er wußte nicht, wie ihm geschehen. Des Kaiser Friedrich Gabe in seiner Hand war von purem Golde. Ein anderer Hirte, aus Sittendorf, stand droben an dem Kaiser-Friedrich-Turm, voll Kummer, denn er hatte ein Liebchen, das er nicht heiraten konnte, weil er zu arm war. Da sah er eine schöne blaue Blume im Winde nicken, die pflückte er und steckte sie auf seinen Hut. Da schaute aus des Turmes Mauerspalte ein Gezwerg, das winkte dem Hirten, und er kroch ihm nach. Drunten sah er viele schöne Steine, von denen hob er welche auf, und überm Bücken entfiel ihm die Blume. Im Zwielichtdämmer sah er in der Tiefe der Bergeshöhle den Kaiser Friedrich sitzen, aber es grausete ihn, und er wandte sich zurück. Vergiß das Beste nicht! rief der Zwerg ihm zu, doch der Hirte enteilte. Droben stand er wieder, außen am Turme, und wieder rief der Zwerg aus dem Gemäuer: Wo hast du die Blume? – Der Hirte nahm den Hut ab und sah, daß die Blume fehlte. Ach – verloren! sprach der Hirte. – O du großer Tor! rief der Zwerg, mehr als der Kyffhäuser und die Rothenburg war die Blume wert!, und verschwand. Am Abend kam zu seinem Mädchen der Hirte und erzählte ihm, was ihm begegnet – an die Steine dachte er – er zog sie aus der Tasche, und 0 Freude! sie waren klingendes Gold. Einem armen Schäfer, der gar schön auf seiner Flöte blies, erschien am Kaiser Friedrich ein Zwerglein und fragte ihn, ob er wohl den verwünschten Kaiser sehen und ihm ein Stücklein aufspielen wolle. Der Schäfer sagte ja und kam in die Tiefe und blies. Da hob der Alte sein Haupt aus dem Schlummer und fragte: Fliegen die Raben noch um den Berg? – Sie fliegen noch, antwortete der Schäfer. – Da erseufzete der Kaiser Friedrich und sprach traurig: Aberhundert Jahre schlafen!, und nickte ein. Darauf hat der Zwerg den Schäfer wieder emporgeführt und ihm gar nichts gegeben, und dachte der Schäfer bei sich, hier unten ist auch Dürrhof, gerade wie droben; der Geber ist gestorben, der Schenker ist verdorben. Um den Turm lag des Schäfers kleine Herde. Klein? Wie war sie doch so zahlreich! Hatte wohl ein guter Kamerad seine größere Herde auch herzugetrieben? Wo war er denn? Es war kein anderer Hirte da. Der Schäfer zählte und zählte, von eins zu zehn und mehr, zwanzig, bis fünfzig, und immer mehr, hundert Stück mehr als heraufgetrieben, die waren sein, die waren für das Flötenstücklein Kaiser Friedrichs Gabe. Ein Kornfuhrmann aus Reblingen im Ried, der Getreide nach Nordhausen fahren wollte, ward durch einen Zwerg veranlaßt, das Korn in den Kyffhäuserberg zu fahren, aber nicht mehr von dem im Gewölbe in zahlreichen Fässern offen stehenden Golde zu nehmen als den Marktpreis und -wert. Er tat's und brachte uraltes Geld mit heraus. Ein anderer, aus Gehofen, dem das gleiche unter gleicher Bedingung begegnete, sackte sich die Taschen mächtig voll, der hatte, als er zu Tage kam, nur alte verwitterte Münzen von Blei, rannte wieder auf die Burg, rief nach dem Zwerge, bat, ihm doch nur zu geben, was seine Ware wert, aber es ließ sich kein Zwerg mehr sehen. Da begann das Bäuerlein zu fluchen und zu wettern, was das für eine Tausendteufelslumpenwirtschaft sei, daß man hier das Korn um bleierne Plapperte kaufe und auf den alten Kaiser los die Leute beschuppe, und der Donner solle das ganze kaiserliche Geld in den Erdboden verschlagen! – aber das bekam dem Bäuerlein noch schlechter, dieweil es von unsichtbaren Händen noch viel mehr Maulschellen als zuvor Münzen empfing. Kinder und Erwachsene fanden in den Ruinen oder am Wege hingebreitete Flachsknotten, bisweilen selbst zur Winterzeit – Musikanten, die in Winternächten am Kyffhäuser vorüber spielend zogen, empfingen grüne Zweige – wer solche Dinge fand oder erhielt, ihrer nicht mißachtete, dem wurden sie zu Gold. Durstenden wurde Getränk beschert. Einer Burschenschar, die fröhlich bei ihrem Bier Kaiser Friedrichs Gesundheit trank, erschien ein kleiner Kellner mit goldenem Becher und zwei Flaschen besonderen Weines und traktierte sie alle und schenkte dem, der die Gesundheit ausgebracht, den Becher. Glückliche Neujahrsänger und Choradjuvanten fanden auf dem Berge mitten im Winterschnee eine Kegelbahn und Männer, die sich mit Kegeln vergnügten; sie empfingen einen Kegel, und als sie ihn herabbrachten, war er ganz Gold. Einer Maid ward im Pfänderspiel scherzend aufgegeben, sie solle auf den Kyffhäuser gehen und Kaiser Friedrichen drei Haare aus dem langen roten Barte ziehen. Die Dirne ging und kam nach einer Stunde wieder und hatte drei lange Haare, brennend rot. Alles staunte. Sorglich bewahrte sie dieselben in Papier gewickelt auf. Als sie ein Jahr später über ihre Lade kam und das Papier in die Hand nahm, war es so schwer, so schwer. Sie öffnete es – die drei Haare waren in drei zolldicke Goldstangen verwandelt. Und solcher Sagen von des Kaiser Friedrich Gaben ließen sich allein ein Buch vollschreiben. *   430. Bergentrückung In Tilleda dicht am Fuße des Kyffhäusers, wo eine der alten Kaiserpfalzen der güldnen Aue stand, lebte ein armes braves Brautpaar, das wollte Hochzeit machen, es mangelte ihm aber an Küchengeschirr, da es doch einige Gäste geladen hatte, und der Vater des Mädchens sprach, halb im Scherz: Geht doch auf den Kyffhäuser hinauf und borgt euch von der Prinzessin, was ihr braucht. Das Pärchen ging hinauf, und droben wartete schon die Prinzessin, die zeigte ihnen lange viele schöne Sachen und gab ihnen Hausrat, so viel sie wollten, und sie trugen ganz schwer daran, als sie wieder herunter nach Tilleda schritten. Doch seltsam kam ihnen alles vor. Der Weg war noch der alte, aber wo des Brautvaters Hütte gestanden hatte, da lag jetzt ein großer Ackerhof. Sie sahen auch lauter fremde Gesichter, veränderte Tracht und verwunderten sich darüber, wie sich die Menschen über sie verwunderten. Da sie gar niemand kannten, so suchten sie den Pastor auf, der war ihnen aber auch fremd, doch fragte er freundlich: Wer seid ihr denn, ihr guten alten Leute? Wo kommt ihr denn her? – Ei, vom Kyffhäuser kommen wir, antworteten die jungen Liebenden, und dünkte ihnen wunderseltsam, daß der Pfarrer sie alte Leute nenne. Sind vor zwei Stunden hinaufgegangen. Und sagten ihre Namen. Der Pfarrer schüttelte den Kopf und schlug im Kirchenbuche nach, und siehe, da fand er ihre Namen; sie waren zweihundert Jahre in den Berg entrückt gewesen. Da ließen diese Uralten sich einsegnen, setzten sich auf den Kirchhof, auf die Gräber, und weinten, denn auf Erden hatten sie keine Stätte. Und da fielen ihre Leiber in Asche. Ähnliches trug sich zu mit Peter Klaus, dem Ziegenhirten von Sittendorf, der folgte einer Ziege nach, die von der Herde weg ins Gemäurig sich verkrochen; endlich fand er sie, Hafer fressend, der durch ein Loch in das Gewölbe fiel, und über sich hörte er Pferdegestampfe. Hernach hat er sich weiter umgesehen und ist zu Rittern gekommen, die Kegel spielten, und hat aufsetzen müssen, und hat aus einer Kanne voll Wein, die niemals leer wurde, trinken dürfen, bis ihm der Schlaf kam. Als er wieder aufgewacht war, da hat er draußen in der Ruine gelegen, unter hohem Gras, und unter Bäumen, die er vorher nicht gesehen. Klaus pfiff seinen Hund, es kam kein Hund; er sah sich nach den Ziegen um, und da waren keine Ziegen mehr da. Verdrüßlich ging er in sein Dorf herab; am Hirtenhaus, das fast verfallen war, lag ein magerer Hund, der knurrte ihn garstig an, und ein Junge schrie: Heda! Was will der alte Lump? – Er fragte einige Leute, sie sahen ihn von der Seite an, ganz neugierig, gaben aber keinen Bescheid. Wo wohnt Kurt Steffen? fragte er endlich. – Ho Alter! rief ein Mütterchen, der wohnt schon seit zwölf Jahren nicht mehr hier, der ist nach Oldisleben unter der Sachsenburg gezogen! – Der Velten Steier? – O je! schrie eine andere, der liegt schon fünfzehn Jahre auf dem Kirchhof. – Jetzt ward Klaus eines jungen Weibes ansichtig, die trug auf dem Arme ein Kind und führte an der Hand ein vierjährig Mädchen, und alle drei Gesichter glichen Klausens Frau. Da fragte Klaus diese: Wie heißt Ihr und Euer Vater? – Marie! antwortete die junge Frau, und mein Vater hieß Klaus, Gott habe ihn selig! Er ist vor zwanzig Jahren auf den Kyffhäuser gegangen; Hund und Herde kamen ohne ihn ins Dorf, er kam nimmer wieder, und wir fanden ihn nicht, ob wir Tag und Nacht nach ihm suchten. – Ach Gott! seufzte Peter Klaus, meine Tochter, meine liebe Marie! Ich bin es ja. Kennst du deinen Vater nicht mehr? So hätte ich zwanzig Jahre droben mit Kaiser Friedrichen verträumt? Und dünket mich doch nur ein paar Stunden! Einem andern Hirten, der Schweine am Kyffhäuser hütete, verlief sich auch ein Stück seiner Herde, wie jenem die Ziege. Erst nach drei Tagen fand er es wieder und sah es aus einer Kluft in der Burg sich herauszwängen, was schwer hielt, denn es war in der Zeit eine rechte Fetzensau geworden, vorher war sie mager, und jetzt war sie so feist, daß sie schwabbte. Sie war im Berge gewesen und in kurzer Zeit dick und fett geworden. Als das Gerede davon unter die Leute kam, wollte der Graf von Schwarzburg gern wissen, ob daran etwas Wahres, und ließ einen auf den Tod Gefangenen in das Bergloch einkriechen, der sollte schauen, was es drunten gebe, und tat es denn auf Gefahr seines Lebens. Der ist nun hineingekommen auf dem Sauwege und hat den Kaiser gesehen, und der hat ihn sehr ernst angeblickt, ihm einen goldnen Ring gegeben und gesagt: Bringe diesen Ring dem Grafen. Er solle nicht wieder dahin schicken und blicken lassen, allwo er nichts zu schaffen und zu suchen hat. – Der Bote brachte Ring und Gruß dem Grafen, der erste war schöner wie der zweite, und durfte frei von hinnen gehn. *   431. Kaiser Friedrichs Hofgesinde Gar vielerlei Volk und Einzelpersonen nennt die Sage, welche Kaiser Friedrichs unterirdischen Hofstaat bilden helfen. Die vornehmste Person nach ihm ist die Prinzessin, seine Tochter, eigentlich nur Nichte; ihr dienet eine Schar Edelfräulein, und reiten mit ihr zur Nachtzeit auf weißen Rossen und in weißen Kleidern über den Kamm des Kyffhäusergebirges, gesellen sich auch wohl dem wilden Heer und den Hörseelbergerinnen. Weiter eine Schar von Rittern, Mönchen und Zwergen, des Kaisers Hofgesinde, allzumal mit in den Bergesschoß hinabverwünscht. Endlich weilt auch drunten der Schmied von Jüterbog, des Kindermärchens Held, zu dem sich St. Petrus in eigner Person bemühte, drei Wünsche ihm schenkte, die der Schmied töricht genug tat, doch auch wirksam genug, mit ihnen den Tod zu bannen und dem Teufel das Leder so arg zu versohlen, daß dieser, als der Schmied gestorben war und nicht in den Himmel eingelassen ward, weil er sich nicht die ewige Seligkeit gewünscht, und auf die Hölle zumarschiert kam, sich so sehr fürchtete, daß er die Hölle alsbald verbarrikadieren ließ und in Belagerungszustand erklärte. Da konnte nun der arme Schmied von Jüterbog nicht in den Himmel und nicht in die Hölle, und im Fegefeuer mochte er gar nicht bleiben, es war ihm darin zu heiß, da suchte er das Kühle und ging hinunter unter die Kyffhäuserburg, und da ist er noch und beschlägt des Kaisers Pferde und die der Prinzessin und der Luftreiterinnen mit Hufeisen von blankem Golde. Wenn sie nicht immer in der Luft ritten, würden sie manchmal eins verlieren, so aber ist auf solchen Fund nicht zu hoffen. Venetianer, Steinsucher, Schatzgräber und Teufelbanner haben auf, im und am Kyffhäuser schon hundertfach ihr Wesen getrieben, auch davon gibt es viele Sagen und Geschichten; manchesmal sind sie durch Wesen, die dem unterirdischen Hofhalt angehörten, arg geschreckt worden. Auf der Rothenburg fand man auch das angebliche Götzenbild, den weitberufenen Püsterich, der in Sondershausen noch vorhanden ist, und über den auch ganze Bücher voll zusammenfabuliert worden sind. Der Büchlein, Artikel und Aufsätze über den Püster sind, genau gezählt, netto vierundneunzig, und dies ist der fünfundneunzigste. *   432. Die Flegler Im Jahre 1412 erhob sich in der güldnen Aue zuerst ein wüster Volkshaufe, Bauern, Holz- und Waldleute, unter dem Banner des Dreschflegels, der war ihre Fahne, die erkoren einen Schnapphahn zum Führer, Friedrich von Heldrungen, und brausten wie die wilde Jagd über die güldne Aue und den Harz, brachen die Feste Hohnstein und andere Burgen, sengten und brennten, stahlen, raubten und teilten, denn ihr Glaube war, es müsse auf Erden alles gemein sein, daher singt auch ein altes Lied von ihnen, daß sie hätten getobt als rasend' Hund, gemein! gemein! schrien zu aller Stund. Die Flegler sangen und pfiffen das alte, gar zu verlockende Lied von der Teilung und Gütergemeinschaft, das sich, wie des Donners Widerschall an Wolken, an den Jahrhunderten bricht – aber auch die Taktschläge zu ihrem Liede blieben nicht aus. Die Ritter verbanden sich, erschlugen die Bäuerlein, wo sie sie fanden, oder ließen die Gefangenen, paarweise gekoppelt wie die Jagdhunde, zu Tode geißeln. Den Haupthahn der Bande erschlug gar einer aus den Fleglern selbst, ein Harzköhler mit einem Schürbaum, wie Untreue ihren eigenen Herrn schlägt. Wundersam spuken Geschichten und Geschicke bisweilen vor in Jahreszahlen. Nimmt man 1412 und multipliziert: einmal eins ist eins, viermal zwei ist acht, und schreibt es nieder, so hat man achtzehn, zählt man dazu die Ziffern der Jahrzahl, so sind es vier, addiert man deren Nennwert, so macht er acht, diese Zahlen nebeneinandergeschrieben, erscheint die Jahrzahl 1848, da es auch solcher Flegel und Flegler in Menge gab, die sich gebärdeten wie die Rottgesellen, von denen das alte Lied von 1412 sang und sagte. Darum hat Salomo so recht, wenn er sagt: Was ist's, das geschehen ist? Eben das hernach geschehen wird. Was ist's, das man getan hat? Eben das man hernach wieder tun wird, und geschieht nichts Neues unter der Sonnen. Geschieht auch etwas, davon man sagen möchte: siehe, das ist neu? Denn es ist vor auch geschehen in vorigen Zeiten, die vor uns gewesen sind. *   433. Werke der Buße Da Ludwig, Graf von Thüringen, den sie den Springer nennen, Sankt Ulrich zu Sangerhausen das getane Gelübde erfüllt hatte, ergriff ihn und seine Frau Adelheid die Reue über die begangene Untat am Pfalzgrafen Friedrich. Eines Karfreitags setzte sie ihm Fleischspeisen vor, und als er sie darüber befragte, warum sie ihn am heiligen Tage, wo sich zieme zu fasten, zur Sünde des Fleischessens verlocken wolle, da erinnerte sie ihn schmerzlich an die genossene noch sündlichere Fleischeslust, um derentwillen ein Meuchelmord begangen worden, und da weinte er mit ihr und gelobte eine Bußfahrt gen Rom, da solle der Papst ihn büßen und auch sie, und seinem Ausspruch wollten sie Folge leisten. Solches geschähe, und Papst Stephan fand auf der Welt keine bessere Buße, als die Ehegatten zu scheiden, ihren Kindern einen guten Teil ihres Erbteiles zu entziehen und selbiges zum Bau und zur Ausstattung zweier Klöster – möglichst weit voneinander – verwenden zu lassen. So begründete Graf Ludwig das Kloster Reinhardsbrunn in einem Thüringerwaldtale und Adelheid das Kloster Oldisleben, beide für Mönche; die letztere verwandelte auch ihre Burg Scheiplitz in ein Jungfrauenkloster und wurde dessen erste Äbtissin, in Oldisleben aber ruht ihre Asche. Zu Oldisleben fiel 1136 ein Stein vom Himmel, so groß wie ein Menschenkopf. Gespenstige Mönche spuken dort, und rächende Grabsteine bestrafen frevelnde Unbill an ihnen durch Erteilung fünfzeiliger Diplome ins Gesicht von unsichtbarer Hand. Von Schätzen im Kloster Oldisleben ist nicht minder die Rede als von solchen im Kloster Sittichenbach, der alten Zisterzienserabtei, und in Göllingen, wo der heilige Günther begraben liegt. *   434. Geheul und Geschrei Zu Frankenhausen, der alten Salzstadt, deren Quellen die Franken behaupteten, als in den frühen Zeiten Sachsen, Franken und Thüringer in diesen Gegenden blutige Kämpfe miteinander hatten, und die von den Franken ihren Namen trägt, ist noch ein Rest der alten Schirmfeste gegen die Sachsen im Hausmannsturm, der Altenburg oder dem alten Frankenhause zu erschauen. Dort war auch ein Zisterziensernonnenkloster zu St. Georg, und in dessen Kirche stand ein Wunderbild der heiligen Jungfrau Maria. Selbiges Bild zeigte ein liebliches Engelantlitz und war sanft gerötet, holdselig zu erblicken in guter und glückseliger Zeit. So aber trübe Zeiten herannaheten, verblich des Bildes Farbe und lieblicher Schimmer, und also geschahe es auch im Jahre 1525, da der wilde Schwarmgeist die Bauern zu hellem Aufruhr nötigte, da sie Burgen und Klöster brachen, ausplünderten und einäscherten. In jener Zeit sind die Klöster Ilfeld, Walkenried, Volkenrode, Kelbra, Sittichenbach, Oldisleben und andere mit ihren herrlichen Kirchen ganz verwüstet worden, bis die Zuchtrute wie ein Wetter des Herrn auf die Raubrotten niederschlug. Das war die Zeit, wo Thomas Münzer den Agitator spielte, und das Volk aufwiegelte, und seine Regenbogenfahne wehen ließ, und deren etwa fehlendes Rot mit dem Blut der gemeuchelmordeten Abgesandten der Fürsten ersetzte. Dem Bauernheer waren aus Frankenhausen und allen Dörfern der Umgegend die Weiber und Kinder der Gideonsstreiter, die in ihrer Verblendung dem Münzer folgten, auch nachgefolgt, die bargen sich in einem Walde, von wo aus sie den Berg über der Stadt sehen konnten, auf dem das Bauernlager aufgeschlagen war. Da nun die Schlacht mit den Herren der gegen das Bauernheer herangezogenen verbündeten Fürsten, dem Kurfürsten Johann und Herzog Georg zu Sachsen, dem Herzog Heinrich zu Braunschweig, Landgraf Philipp zu Hessen, den Harz- und andern Grafen, nachdem die zu gütlichem Vergleich entsandten Botschafter ermordet worden waren, entbrannte, Thomas Münzers lügnerisches Maulwerk, womit er die armen Bauern betört und verrückt gemacht hatte, sich als ein klarer und barer Trug erwies und über siebentausendfünfhundert Bauern mit ihren blutigen Leibern die Walstatt deckten, der ganz in Büffelleder eingenähte Held aber, wie die meisten solcher Maulhelden, in der schimpflichsten Flucht vom Schlachtfelde wich und sich in oder unter ein Bette verkroch, da erscholl von jenem Walde her ein entsetzliches wehklagendes Geheul und Geschrei der unschuldigen Weiber und Kinder jener durch die Aufruhrgelüste des Münzer verführten Bürger und Bauern, die zusahen, wie ihre Väter, Söhne, Brüder, Bräutigame und Freunde ohne Gnade hingeschlachtet wurden. Darnach wurde jenem Wald der Name Geheul und Geschrei und jenem Berge der Name Schlachtberg auf alle Zeiten. Das geschah am Montage nach dem Sonntag, da man in den Kirchen Cantate sang. Die Bauern sangen auch vor der Schlacht, gar ein schönes Lied: Nun bitten wir den Heiligen Geist! – aber der Heilige Geist war ihrem Tun und Treiben so fern, wie fern der Himmel von der Hölle ist, und konnte ihre Bitten nicht erhören. *   435. Der heilige Günther in Göllingen Zwischen Frankenhausen und Sondershausen lagen im Wippertale zwei Klöster, die in den Gauen umher besondern Rufes sich erfreuten, das waren St. Gertrudis zur Kapellen, insgemein Kapellen genannt, das lag unter der Arnsburg zwischen Seege und Günzerode, und St. Wippert in Göllingen. Kapellen soll der Ort gewesen sein, wo im Jahre 1197 die deutschen Fürsten Philipp von Schwaben zum deutschen Kaiser kürten. In Göllingen lebte im eilften Jahrhundert der heilige Günther, welcher ein reicher thüringischer Gaugraf war, der zur Buße seiner Jugendsünden in Hersfeld geistlich wurde und seinen Gau dem heiligen Wippert zum Eigen schenkte und nur Göllingen zum Aufenthaltort sich vorbehielt. Dieser Graf Günther soll ein Sohn des Markgrafen Ekkard gewesen sein und ein Urahnherr der Grafen von Käfernburg und Schwarzburg, deren Nachkommen noch heute Sondershausen und Frankenhausen besitzen und den Namen Günther stets in ihrem Geschlechte fortführen. Günther hatte das Gelübde getan, nimmer Fleisch zu essen, da derselbe nun einst bei einem mächtigen Herrscher zu Gast war und dieser ihm nötigend zusetzte, von einem aufgetragenen gebratenen Pfau zu essen, so rief der fromme Mann Gott an, ihn aus dieser Verlegenheit zu ziehen, und siehe, da bekam der gebratene Pfau in seiner Schüssel Federn, wurde lebendig und flog auf und davon. Dieser fromme Mann und Wundertäter ist fern von Thüringen, im Lande Böhmen, gestorben und hat noch nach seinem Tode viele Wunder getan. Die beiden Klöster im Wippertale hielten gute Freundschaft und Nachbarschaft miteinander und führten heimliche Gänge unter der Erde von Kapellen nach Göllingen, die gegenseitigen Besuche unsichtbar zu machen, welche die Mönchlein und die Nönnlein einander abgestattet haben sollen, wie die Sage geht. *   436. Ursprung der Grafen von Schwarzburg Viele wollen den Ursprung und die Abkunft der alten Grafen von Schwarzburg vom heiligen Günther nicht gelten lassen. Ein Verwandter und Heerführer des großen Sachsenherzogs Wittekind, genannt Wittekind der Schwarze, soll deren Ahnherr gewesen sein, ebenso jener der Grafen von Gleichen; nach andern sollen wieder jene Brüder von Gleichen, welche die Burgen bei Göttingen hatten und, von dort vertrieben, nach Thüringen kamen und Schloß Gleichen neben Mühlberg und Wachsenburg erbauten, die Stammväter der heutigen Schwarzburger Fürstenhäuser gewesen sein. Noch ein Stück höher hinauf in den nachtdunkeln Schwarzwald der Urgeschichte rückt besagter Ursprung ein dritter Chronist, nämlich bis in die Zeit, da Dietrich von Bern lebte und die Thüringer heftig mit Sachsen und Franken zu streiten kamen. Da habe ein Graf eine Kohlbaude und Meilerstätte auf einem Berge angetroffen und habe auf diesem schwarzen Berg eine Burg erbaut, siehe, da war die Schwarzburg fertig. Nach andern habe Kaiser Lothars sechster Sohn, Gundar, das ist Günther, geheißen, der habe Schloß Käfernburg bei Arnstadt erbaut, und der sei der wahre Stammvater des hohen Geschlechtes, das sich frühzeitig zur Blüte hob und durch die Reihe der Jahrhunderte fortpflanzte, berühmte Klöster gründete, auch Deutschland einen Kaiser gab. Alle Welt weiß von dem Raub der sächsischen Prinzen durch Kunz von Kauffungen, weit minder aber bekannt ist der Raub zweier junger Grafen von Schwarzburg durch Jost Hake, welcher gar ein tapferer Kriegsmann war und im Schmalkaldischen Kriege auch den Grafen Hugo von Mansfeld aus dessen eignem Schlosse zur Nachtzeit gefangen hinwegführte. Erst nach zwei Jahren gab er ihn um tausend Goldgülden wieder frei. *   437. Die Auswanderung der Heiligen Zwischen Sondershausen und Mühlhausen in Thüringen lag das Zisterzienserkloster Volkenrode, früher Folcodesrode geheißen. Darin lebte ein frommer Abt, der hatte einen Traum von drei Jungfrauen aus dem Gefolge der eilftausend, die mit St. Ursula in Köln begraben liegen, zog hin, fand deren Leichname auf und führte sie nach seinem Kloster, wo die heiligen Leiber großer Verehrung teilhaft wurden. Da aber eine Zeit großer Kriegsunruhen kam, so wurden die Kirchenschätze heimlich verborgen, und die drei Jungfrauengerippe bekamen ihre Stelle unterm Dach und wurden vergessen. Solche Vernachlässigung mißfiel aber den heiligen drei Jungfrauen – sie hatten im Leben Theumata, Eleumata und Christantia geheißen – höchlich; sie klopften einigemal stark an ihren Schrein, in dem sie lagen, allein es ward überhört; darauf erschienen sie dem Küster und mahnten ihn, sie an einen schicklicheren Ort als unters Dach zu Katzen und Mäusen zu bringen; allein der Küster verdämmerte den Befehl zu wiederholten Malen. Darauf geschahe es in der Nacht, als die Mönche mit dem Abt im Chor die Matutine sangen, daß drei Jungfrauen in die Kirche traten, gegen den Altar sich verneigten, dann gegen den Abt, dann gegen die Konventualen und dann durch eine Türe in der Kirche, welche stets fest verschlossen gehalten wurde, mitten hindurchgingen. Jeder Mönch glaubte, diese Erscheinung allein erblickt zu haben, und dann offenbarte sich, daß alle sie zugleich gesehen hatten, und da kamen sie auf den Gedanken, ob das nicht die drei Ursulinerinnen gewesen, und gingen auf den Kirchboden hinauf, da lag wohl noch unversehrt der heilige Reliquienschrein, aber ohne die jungfräulichen Gebeine. Da fuhr der Abt gen Köln zur Frau Äbtissin des Klosters und Stifts der heiligen Ursula, und da fanden sich die Körper der Jungfrauen wieder auf derselben Stelle, allwo man sie ausgegraben, und wie zuvor ein Traum dem Abt von Folcodesrode gezeigt, und da wollte der Abt sie wiederhaben, aber die Frau Äbtissin sprach: Nein, hochwürdigster Herr Abt; die lieben Herrinnen sind uns gar sehr willkommen. Hättet Ihr sie besser gehalten, würden sie wohl bei Euch in Thüringen geblieben sein. Als nun der Abt über solch abschlägigen Bescheid sehr bekümmert war, faßte die Frau Äbtissin ein christlich Mitleiden und suchte ihm aus dem Knochengerümpel ein etwas schadhaftes Jungfrauenhaupt, das gab sie ihm als Ersatz, und er zog damit traurig heim. *   438. Der braune Bühel Auf dem Wege von Nordhausen und vom Harze her im Eichsfelde nach Duderstadt liegt ein zuckerhutförmiger Hügel, der das Ansehen hat, als sei er von Menschenhand also pyramidal aufgetürmt, den nennen die Einwohner der umliegenden Dörfer den brunen Büdel – braunen Beutel – hat aber wohl ursprünglich Bühel gelautet, und die Vornehmen nennen ihn den Riesenhügel. Einst stand ein Riese da oben, der sah hinunter in die goldne Mark nach Duderstadt, und gefiel ihm baß, nur drückte ihn etwas in den Schuhen, und schüttete es aus, da war's der Sand, der Bühel. – Andere sagen spöttlich dem brunen Büdel nach, er stamme unmittelbar vom Himmel, denn derselbe sei einstmals ausgekehrt und durch ein kleines Loch der Kehricht herabgeworfen worden, und das sei der Büdel. Vom Riesenhügel und seinen Nachbarbergen, dem Sonnenstein und dem Ohmberge, übersieht man einen guten Teil des Eichsfeldes mit vielen alten Burgen, Städten, Dörfern, Klöstern und Kapellen, den Harz- und den Thüringerwald, einen Teil der Rhön, ja selbst bei hellem Himmel in dämmernder Ferne den Teutoburger Wald. Über Duderstadt hinaus schweift der Blick nach jenem Seeburg, von welchem oben die Sage Nr. 387 erzählt. *   439. Die wilde Kirche Auf den Ohmberg im Eichsfeld kam auf seinem Bekehrungsgange durch Thüringen auch der heilige Bonifazius und zerstörte dort eine heidnische Opferstätte auf einem Felsen, der noch jetzt der große Stein heißt. Dort pflanzte er ein Kreuz auf und predigte von einem grausam steilen Felsen, der, vom Ohmberge abgerissen, ganz einzeln sich erhebt, fast wie der erst spät wieder zugänglich gemachte Bonifaziusfels beim Schlosse Altenstein, und dieser Fels und Ort heißt noch heute die wilde Kirche. An des Berges Fuß gründete Bonifazius ein Kloster, das hieß zu den drei Annen. Als einstens eine furchtbare Pest das Eichsfeld verheerte und die Geistlichen dahingerafft hatte, sollen neugeborne Kinder zur wilden Kirche getragen und allda von einem Einsiedler getauft worden sein. Es ist dort nicht so recht geheuer; manche haben schon wundersamen Glockenklang vernommen, und eine Frau erblickte selbst die Glocke, silberhell in offner Glockenstube hangend über einem auch offnen überherrlichen Dome, darinnen die Kerzen brannten und ein greiser Bischof das heilige Amt hielt. Ganz erstaunt eilte das Weib, ihren Mann zu rufen, als sie ihn aber endlich gefunden hatte und zur Stelle führte, war die Kirche verschwunden, gleich der Geisterkirche am Ochsenkopf und auf Burg Waldstein. *   440. König Dagobert heil Des Eichsfeldes Hauptstadt heißt Heiligenstadt, und über das ganze Land weht es wie Weihrauchduft, klingt es wie Klosterglocken. Der Stadt und dem Lande webt die Sage manch güldnen Heiligenschein. Das rührt aus frühen, frühen Zeiten her. Der Frankenkönig Dagobert ward in seinem Alter von schlimmer Krankheit befallen, dem Aussatz, übertrug die Regierung seinem Sohne und treuen Räten und zog mit seiner Gemahlin in die Ferne, zu suchen, ob er Heilung fände. Da kam er auf das Eichsfeld und lebte allda verborgen vor dem Auge der Menschen in einer Einöde, erbaute sich da einen Wohnsitz und diente Gott in einer Kapelle, die er der heiligen Jungfrau und Sankt Petrus weihte. Die Zeit, die König Dagobert nicht im Gebet zubrachte, vertrieb er sich mit der Jagd, und auf einem seiner Jagdgänge ward er von so großer Müdigkeit befallen, daß er sich in das Gras niederlegte und alsbald entschlief. Da der König erwachte, fand er das Gras stark betaut, aber alle Teile seines Körpers, welche der Tau benetzt hatte, waren zu seiner großen Freude heil vom Aussatz und rein wie die Haut eines jungen Kindes. Da eilte er fröhlich zu seiner Gemahlin und kündete ihr das Wunder, und sie riet ihm, sich noch öfters an jener Stelle in das taufeuchte Gras zu legen, und so wurde er ganz heil. Und da sprach er: Wahrlich, hier ist der Heilung und der Heiligen Statt! Und darauf ward dem König durch einen Traum offenbart, daß an jener Stelle die Heiligen Aureus und Justinus begraben lagen. Diese Heiligen waren zu des König Etzel Zeiten zu Mainz gefangen worden, durch göttliche Hülfe aber entkommen und hatten ihren Weg nach dem Eichsfeld zu genommen. Ein Präfekt des Attila folgte ihnen nach, fing sie zu Rusteberg und tat ihnen alle erdenklichen Martern an, um sie zum Rückfall in das Heidentum zu bewegen. Das war aber vergebens. Stachelschuhe verletzten die standhaften Christen nicht, glühend gemachte und ihnen aufgesetzte Helme fielen kalt zu Boden. Wilde Tiere schonten die mit Ketten an Bäume Gefesselten, denn es brannten Kerzen vor ihnen und stiegen Engel vom Himmel, die mit ihnen beteten. Endlich ließ der Präfekt die frommen Märtyrer enthaupten und ihre Leiber im Walde verscharren. König Dagobert ließ nun an der Stätte seiner Heilung ein Münster erbauen und ordnete einen Propst und zwölf Chorherren hinein, nannte den Ort Heiligenstadt und ordnete das Münster dem Bischofsitz Mainz unter, unter welchem auch die nach und nach entstehende Stadt dieses Namens beständig blieb. Noch heißt die Stätte, wo Dagobert gewohnt hat, die alte Burg. *   441. Des Teufels Kanzel Unter den vielen Kanzeln, deren Besitzes der Teufel sich erfreut, ist eine der schönsten im Eichsfeld gelegen, und zwar ohnweit der Ruine des uralten Berg- und Stammschlosses Hanstein in der Germarmark. Der Teufel feierte einer Zeit die beliebte Blocksbergnacht und war guter Dinge, hielt auch der Hexenvolksversammlung auf dem Brocken eine übertreffliche, will sagen unübertreffliche Rede auf breitester Grundlage, trotz einem Reichsparlamenter, und rühmte sich seiner großen Kräfte, durch die er nun schon so manches Jahrtausend an der Spitze der Opposition gegen den Absolutismus des alten Weltmonarchen die Rechte der äußersten Linken wirksam vertrete, von denen geschrieben stehe, daß sie als Böcke ihm, dem Ur-Stinkbock, und seinen Engeln für ewige Zeiten angehören sollten. Da nun nach gehaltener Predigt von der Teufelskanzel der Becher kreiste, so fragten einige der Sprecher im Ausschuß den Präsidenten, ob er, da er so großer Kräfte sich rühme, wohl auch einen Felsblock ebenso groß wie seine Kanzel auf den Meißner in Hessen tragen könne, denn dort fehle es noch daran. Der Teufel sah sich den Felsblock auf dem Blocksberg an und meinte, das sei ihm ein leichtes, welches ihm aber nicht so obenhin geglaubt wurde, ging daher eine Wette um einige Faß Wein ein, packte den Block auf und wanderte oder flog flugs nach dem Hessenlande. Der Weg war aber sehr harschelig und uneben, besonders im Eichsfeld, und es ging dem Teufel gerade wieder, wie es ihm ergangen war, da er die Sanddüne am Meeresstrande gen Aachen schleppte; er ärgerte sich, daß er der Narr gewesen, dem Volkswillen Rechnung zu tragen und sich ihm aufzuopfern, und als er in die Nähe der Burg Hanstein kam, war es alldort so still und menschenleer, daß er dachte, hier sieht dich niemand, hier kannst du ein Eckchen ausruhen. Legte sich daher in das hohe weiche Gras und pflegte der Ruhe. Es dauerte aber gar nicht lange, so kam ein hübsches Hexchen auf seinem Besenstiel vom Blocksberg dahergefahren, das sah den Teufel liegen, so lang er war, und rief spöttisch: Junker Hans, was machst du? Schläfst du oder wachst du? Greinst du oder lachst du? Blitz! fuhr da der Teufel empor, dem Hexchen nach und fing sich's, führte es hinunter nach Witzenhausen zum Wein und zeigte ihm, was er machte. Die Felsenkanzel ließ er liegen, wo sie lag, nahm dafür gleich einige Stückfässer Witzenhäuser Wein als Rückfracht mit auf den Blocksberg und bezahlte damit seine Wette. Die Gäste schauderten, als sie selben Wein tranken, und das Ansehen des Präsidenten erlitt eine Schwankung. *   442. Der kleine Schneider Zu Duderstadt in der goldnen Mark lebte ein Gewandschneiderlein, das war nicht höher als viertehalb Fuß, hatte aber eine große dicke Frau, und die wollte einstmals in die Wochen kommen. Da nun die Kindermuhme kam, so sprach sie leise mit der Frau und drehte sich dabei immer vorsichtig nach dem kleinen Manne um, der dort saß und eine Schneidersrechnung schrieb, und den sie nicht kannte. Endlich aber fand sie es doch ganz und gar unpassend, daß selber Kleine Ohrenzeuge ihrer Verhandlungen mit der Wöchnerin sei, und wendete sich zu ihm und sagte: Lütje Jonge, ga dog an beten met dinen Schrybebouke weg, oder spele buten; ek hevve met diner Moime tau spräken, un dat schikt sek nich vor lütje Krabben, tau horken. Auf diese Rede ward dem Schneiderlein heiß und kalt, es begann zu greinen und sagte: Ick ben ja der Egtemann sülvest! – Da erschrak die langfingerige Frau und bat tusendig umme Unveröbelunge. *   443. Der Mönch von Reifenstein Im Eichsfeld zwischen Worbis und Mühlhausen lag ein Kloster des Namens Reifenstein, das war uralten Ursprunges. Ein Kriegsobrist des Hunnenkönigs Attila, welcher Rive hieß, kam in diese Gegend, ersah sich einen Berg und baute eine Burg darauf, die er Rivestein nannte. Noch ist ihre Stätte gekannt und heißt die alte Burg, der Wald um sie her wird der Burghagen genannt. In später Zeit erwarben die Grafen zu Gleichen und Tonna, denen auch die nahe Burg Gleichenstein gehörte, den Reifenstein, und einer dieser Grafen namens Ernst, welcher söhnelos war, gründete im Tale unter dem Burgberge ein Zisterziensermönchskloster, dazu er Mönche aus dem Kloster Volkenrode nahm und es reich begabte. Damals war das Land umher noch kaum bebaut, nur ein Dörflein, Albolderode, lag in der Nähe. Durch gute und schlechte Zeiten brachte Kloster Reifenstein sich hin, bis die allerschlechteste ihm kam, die Zeit des Bauernkriegs. Da war im Kloster ein nichtsnutzer Mönch des Namens Heinrich Pfeifer, eigentlich Schwertfeger, dem gefiel es nicht in der Kutte und in der Zucht, war tückischen, verschlagenen, boshaften Wesens, mußte oft wegen seiner schlechten Aufführung Pönitenz tun, und da er dies satt hatte, entsprang er aus Reifenstein, zog die Kutte aus und mit ihr den Christen, ja den Menschen. Er warf einen tödlichen Haß auf alle Klöster, vor allem aber auf Reifenstein, rannte nach Mühlhausen und begann dort sein aufwieglerisches Treiben, brachte Verwirrung und Zwietracht zwischen Rat und Gemeinde, verband sich mit dem von Altstadt entlaufenen Pfarrer Thomas Münzer und wiegelte unter Vorwand und Larve der Berechtigung aus göttlichem Wort das gemeine Volk auf, dem nichts lieber war, als nicht zu arbeiten und Korn und Tuch den Reichen aus christlichem Recht abzufordern, denn Christus habe geboten, sagten diese Kommunisten von 1525, mit den Dürftigen zu teilen. Wer da nicht willig gab, dem ward das Seine mit Gewalt genommen. Als der Pfeifer sich sicher sah in einer Rotte aufwieglerischen Gesindels, da hatte er einen schönen Traum – die Rottführer solcher Art haben immer schöne Träume – wie er eine große Herde Mäuse in den Sack jagte, das deutete er also, daß er, der Pfeifer, den ganzen Adel und die Klerisei auf dem Eichsfeld und im Thüringer Lande zu vertilgen und aufzureiben von Gott berufen sei, unternahm daher, trotz Münzers Widerraten, einen Raubzug ins Eichsfeld, brach und verbrannte Klöster und Burgen, während der Schwarmhaufe von Langensalza die Klöster Schlotheim und Volkenrode verwüstete und den Raub nach dem Dorfe Germar nahe Mühlhausen führte; dorthin kam die Bande Pfeifers mit neun Wagen voll Glocken, Haus- und Kirchengerät und Geschmeide. Da empfing sie der Münzer freudiglich als echt christliche Brüder und hielt ihnen vom Pferd herab eine Predigt von der Freiheit und Brüderlichkeit und teilte den Raub. Dann wurden die Schlösser Ebeleben und Almenhausen geplündert und verbrannt, andere Klöster auch heimgesucht und wurde nochmals in das Eichsfeld eingefallen und vor Heiligenstadt gerückt. Da ging es, wie es zu allen Zeiten geht, daß die Bürger teils im Herzen schon dem Aufruhr zugeneigt sind, teils das Herz selbst in der Kniekehle haben und, statt den Raubbanden mit festem Mut entgegenzutreten und ihnen ihr schmutziges Handwerk zu legen, sie einlassen und um die Spitzbuben scherwenzeln. Heiligenstadt nahm die neuen wunderlichen Heiligen mit Karst und Dreschflegel im Dreckkittel so freundlich auf, wie es kaum die lieben Gottesheiligen aufgenommen, wenn solche hätten kommen mögen, und was noch nicht von Klöstern und Schlössern geplündert und verwüstet war, das ward es nun. Ein gewisser Michael Zimmermann lief nach Bartloff, holte Feuer allda und steckte damit Reifenstein in Brand. Als der unsinnige Aufruhr seinen Gipfelpunkt erreicht hatte, setzte Thomas Münzer den trefflichen Pfeifer zum Statthalter in Mühlhausen, und als das Bauernschlachten bei Frankenhausen erfolgt war, entwich auch dieser Held schimpflich zu heimlicher Nachtzeit, wurde verfolgt, eingeholt, gefangen und ihm hernach am Hohlweg nach Buttstädt zu der Kopf abgeschlagen. Er zeigte keine Reue und erlitt den Tod mit trotzigem Gemüte. Für sich selbst hat er nichts erlangt, auch nichts gewollt, aber über die Stadt Mühlhausen brachte er nachhaltiges Weh, schwere Sühne und den lastenden Druck der verbundenen rächenden Fürstenmacht über des Reiches freie Stadt. *   444. Des Königs Abenteuer In der St. Georgenkirche zu Mühlhausen erblickt man noch manch altertümliches steinernes Bildwerk, das wird gedeutet auf der Stadt Mühlhausen Ursprung, und haben sie dort darüber eine gar verwunderliche Sage. Vorzeiten war ein König in Thüringen gesessen, der fuhr einstmals auf die Jagd, und da sprangen seine Winde im Dickicht um einen Baumstrunk herum und wollten sich davon nicht wegbringen lassen. Da mußte einer von des Königs Dienern auf den Baumstrunk klettern, der von obenhinein hohl war, und sehen, was darinnen stecke, dieweil die Rüden also bellten. Da fand sich ein kleiner wilder Mann darinnen, den holten sie heraus, und der König freute sich seines Abenteuers, ließ den wilden Mann zu sich in den Wagen sitzen und Jagd Jagd sein. Er nannte seinen eingefangenen wilden Mann Noah, tat ihn in ein Gewölbe und wartete und pflegte sein selbst. Eine Zeit aber, da der König verreisen müssen, spielte sein Sohn Georg den Ball im Schlosse, und der Ball fiel durch ein Loch in das Gewölbe hinab. Da rief der kleine Königssohn hinunter: Wilder Mann Noah, gib mir mein Bällchen heraus! – Darauf antwortete der wilde Mann: Dein Bällchen kann ich dir nicht herausgeben, denn würfe ich's hinauf, so würde es so weit fliegen, daß du es nimmer wiederfändest. Gehe aber hin in deines Vaters Gemach, hole den Schlüssel und öffne mir, so will ich es dir herausgeben. – Da holte der Prinz im Gemach seines Vaters den Schlüssel, denn niemand konnte sonst das Gewölbe öffnen. Er öffnete es, und der wilde Mann kam heraus, gab ihm das Bällchen und sprach: Du hast mir aus meiner Not geholfen, und wenn du einmal in Not kömmst, so komme in den Wald und rufe mich, so will ich dir auch heraushelfen. – Bald darauf kam der König nach Hause, und sein erster Gang war, sein Abenteuer zu besuchen. Aber wie erschrak er, da er das Gewölbe leer fand, und sein Verdacht, den wilden Mann herausgelassen zu haben, fiel sogleich auf seinen Prinzen. Er ließ ihn vor sich rufen und fragte: Georg, du hast wohl den Schlüssel genommen, das Gewölbe eröffnet und den wilden Mann Noah herausgelassen? – Der kleine Prinz gestand offenherzig, daß er solches getan. Da verstieß der König im Zorn seinen Prinzen, denn sein Abenteuer war ihm lieber als alles. Traurig schied der Prinz aus seines Vaters Hause und irrte als ein armer Knabe umher, bis ihn endlich ein Schäfer zu sich nahm. Dieser Schäfer vermutete bald, daß der Knabe aus keinem geringen Stande sei, und behielt ihn bei sich. Er erzog ihn so weit, daß er ihn bei der Herde brauchen konnte. – Da nun der Schäferknecht Georg die Jünglingsjahre erreicht hatte, fügte es sich, daß er bekannt wurde mit einem hübschgebildeten Mädchen, das er zu seiner Braut ernannte. – Damals hauste in der Gegend ein ungeheuerliches Tier, welches man den Lindwurm nannte, und diesem Lindwurm mußte alle Jahre ein Mensch geopfert werden. Nach alter Meinung war dies Tier eine Verwünschung. Wenn es sein Opfer nicht auf den Tag empfing, brüllte es gleich einem Donnerwetter, welches dem Lande Verderben drohte. Nun kam wieder die Zeit, daß das Volk zusammengerufen ward und das Los geworfen; wen es betraf, mußte das Opfer des Lindwurms werden. Das Los traf gerade die Braut des Schäfers Georg. Da fiel ihm ein, was ihm der wilde Mann versprochen hatte. Er trat vor und bat um Aufschub der Opferung, er wolle den Lindwurm töten oder sich für seine Braut dem Ungeheuer opfern – lief eilend in den Wald und rief den wilden Mann Noah um Hülfe und Beistand an. Da kam der wilde Mann und gab ihm ein Schimmelpferd und ein Schwert und sagte ihm, er solle ein weißes Gewand anziehen, sich auf das weiße Pferd setzen, das Schwert an dem Kopfe des Pferdes herabführen und gerade auf das Ungeheuer losreiten. Dieses würde begierig seinen Nachen weit aufsperren; dann solle Georg das Schwert dem Tiere gerade zum Rachen hineinrennen. – Dieses alles geschah, und so wurde die Braut Georgs wie auch das ganze Land von dem Ungeheuer befreit. Großer Jubel entstand unter dem Volke, und Freude vernahm man überall, so daß Georg zum Ritter geschlagen wurde. Da man nun nach Georgs Herkunft forschte, da gestand er, daß er des Königs Prinz sei, und erzählte sein Schicksal. Da wurde ihm gesagt, sein Vater sei gestorben, und er könne sicher nach Hause gehen und das Reich übernehmen. So war aus des Königs Sohn ein Schäferknecht geworden, aus dem Schäferknecht ein Ritter und aus diesem wieder ein König. Als nun Georg das Königreich übernommen, reiste er im Lande herum, sein Reich zu besehen und kennenzulernen, auch selbst Abenteuer zu bestehen. Da kam ihm ein Örtchen zu Gesicht, das war eine Ansiedelung um ein Mühlhaus, und das Örtchen hatte noch keine Kirche. Da nun der junge König gern dem lieben Gott seinen Dank abstatten wollte, so erbaute er dieser angesiedelten Gemeinde ein Gotteshaus, das seinen Namen als des Stifters Georg erhielt, und der Baumeister mußte seine ganze Geschichte in Stein bilden. Das ist der Anfang der Stadt Mühlhausen geworden. *   445. Mühlhäuser Brunnen Bei und zu Mühlhausen sind Brunnquellen, die sind weit und breit berühmt. Eines dieser Wasser heißt die Breitsülze und entspringt nordwestlich eine halbe Stunde von der Stadt am Herbstberge. Die Sage geht, daß da, wo jetzt das Antoniushospital ist, ein Kloster gestanden habe, darin habe ein Mönch gelebt – andere sagen, der Mönch sei aus Kloster Reifenstein gewesen –, der habe in der Stadt ein heimlich Lieb gehabt, das er nächtlich besuchte, und wobei er durch einen Stein ging, den man noch zeigt. Endlich kam die Sache an den Tag, der Mönch wurde gefangen und auf den Adlerturm gesetzt und saß alldort auf den Tod. Da es nun der Stadt an genügsamem fließenden Wasser gebrach und jener Mönch aufs Wasserleiten sich verstand, so ward ihm die Freiheit geboten, wenn er die Quelle der Breitsülze, welche tiefer liegt als die Stadt, in diese hereinleiten wollte. Der Mönch ging an das schwierige Werk, leitete in lauter Schlangenlinien die Quelle um den Herbstberg, um den Thonberg und den Kalbberg herum, ließ sie einen Weg von siebentausendsechshundertundzehn Schritten machen, fast zwei und eine halbe Stunde, daß es oft scheint, als fließe das Wasser bergauf, und brachte das Wasser glücklich in die Stadt, worauf er seine Freiheit erlangte. Eine ganz ähnliche Sage geht in Gotha von der Leitung des Flüßchens Leine, welche auch durch einen geschickten Mönch bewirkt wurde. Wundersam schön ist der Brunnen zu Popperode (Wüstung), abendwärts der Stadt, ein mächtiger Quell und spiegelklar bis zum Grunde. Seine Nymphe spendet unerschöpflich ihren quellenden Segen; sein Wasser speist zwei Teiche und treibt zwölf Mühlen. Zum Dank dafür wird ihm alljährlich unter Reden und frommen Lobgesängen ein Doppelfest der Jugend gefeiert. Dicht am Becken, das unter uralten Lindenbäumen ruht, steht ein getürmtes Lustschlößchen von eigentümlichem Bau, in dessen kühler Halle stand und steht manch guter Spruch. Der schönste und beste dieser Sprüche ward hinweggetüncht und möchte wohl erneut werden: Ut lymphae Nymphas coronat, Ad fontem frontem fronde corones. Von dem Breitsülzenbrunnen geht noch diese Sage. Er ist früher der Brunnen eines Klosters gewesen. Bei dem genannten Kloster stand wie bei den meisten Klöstern eine Kirche, deren angrenzender Turm drei silberne Glocken enthielt. Zur Zeit der Mühlhäuser Kriege wurde das Kloster ganz zerstört, und um die silbernen Glocken nicht in des Feindes Hand kommen zu lassen, versenkte sie ein Mönch in den Brunnen, indem er sagte: Diese Glocken kommen nicht eher zu Tage, bis drei Personen den Brunnen fegen und eine derselben ihren Tod in der Quelle des Brunnens findet. Vor vielen Jahren träumte dem Schullehrer zu Ammern, er solle nach der Breitsülze gehen, so würde er am Ufer ein Seil finden. An diesem Seile solle er ziehen, so würden drei silberne Glocken heraufkommen. Dreimal träumte der Mann das gleiche, dann machte er sich auf und ging nach der Breitsülze. Je näher er dem Brunnen kam, desto schöner hörte er schon die Silberglocken läuten. Jetzt kam er an und fand alles, wie ihm geträumt hatte. Er zog an dem Seile, und siehe, drei silberne Glocken stiegen empor. Da ritt ein Reiter vorüber, der rief: Guten Morgen, Herr Schullehrer! Guten Morgen! – Ganz freundlich antwortete der Gegrüßte: Schönen Dank! – aber bei diesen Worten versanken die Glocken mit einem grausamen Geräusch und sind nie wieder zu Tage gekommen. *   446. Winfried und Sturmi Die heiligen Männer Winfried und Sturmi kamen auch in das alte Hessenland, die Heiden zu bekehren. Zu dieser Zeit kriegte Karl der Große im Diemellande und eroberte die Eresburg, auf der die Irminsäule stand, die er zerstörte, und den Desenberg, zwei feste Plätze. Am Desenberge, wo sein Heer im heißen Sommer fast verschmachtete, rief Karls Gebet den Bullerborn hervor, der noch heute fließt. Winfried kam zu einem Berge, darauf ein Heidenheiligtum stand, das brach er und ließ darauf die erste Christenkirche bauen, das ist der Christberg oder Christenberg, da noch heute die Leute einen Fußtritt im Stein zeigen, der von Winfried sich einprägte, als er im heiligen Eifer auf den Boden stampfte. Und am andern Ort, wo lange des großen Kaisers Lagerstatt und Heerstelle war, wird, hoch über der Weser, ein alter grauer Stein gezeigt, auf dem Karl zu Gericht saß und in denselben die Schwere seines ihn stützenden Armes sichtbarlich eindrückte; später entstand dort die Burg und das heutige Amt Herstelle. Eine Stunde weit von einem Hofe, welcher Geismari hieß, dessen Name der später daraus entstandenen Stadt Hofgeismar blieb, da, wo jetzt das Dorf Eberschütz liegt, ragt eine steile Felswand hoch überm rechten Ufer der Diemel empor; droben der höchste, umwallte Punkt heißt die Klippe. Auf dieser Höhe hielten die Heiden ihren Ding. Da kam zu ihnen ein Greis mit einem Pilgerstabe, den keiner kannte, im Priesterkleid der Christen und predigte ihnen von Christus Geburt, Leben, Leiden und Sterben, Auferstehung, Himmelfahrt und Wiederkunft. Da nun die Heiden diese Reden hörten, dünkte sie ihnen eine Mär und unglaublich, und bedräueten ihn. Er aber stieß seinen Stab in den Boden und sprach: So wahr und wahrhaftig die Botschaft ist, die ich euch verkündet, das ewige Evangelium, so wahr wird dieser Stab durch die Allmacht des einzigen und wahren Gottes Knospen, Blätter und Blüten treiben! Und hob die Hände auf, und es geschahe das Wunder. Der Stab ergrünte, trieb Knospen, Zweige, Blätter, Blüten, und die Heiden glaubten und ließen sich taufen. Solches Wunder tat Sturmi, Winfrieds frommer Schüler. Eine ganz gleiche Sage geht vom Orte Groß-Vargula, nur daß dort Winfried-Bonifazius selbst es war, der das Stabwunder verrichtete, und dort die Sage noch hinzufügt, daß der Wunderbaum, von fremdländischem Ansehen, einer Palme gleich, lange gestanden habe und verehrt worden sei. *   447. Der Stuffenberg In der Gegend von Eschwege und Wanfried liegt ein hoher Berg, zu dem geschehen alljährlich viele Wallfahrten, absonderlich aus dem Eichsfeld, darauf erbaute Winfried eine Kapelle. Da nun der Bau im Gange war, kam zum öftern ein fremder Mann gewandert, der fragte die Maurer und Zimmerer, was es denn geben solle, und diese antworteten: Ei, eine Scheuer soll es geben! – Mit diesem Bescheid ging der Mann immer wieder seiner Wege, endlich aber trat er auch einmal unversehens in die Scheuer – da stand ein Altar darin und auf dem Altar ein Kruzifix, und war keine Scheuer, sondern eine christliche Kirche – und da schmiß die Türe hinter ihm zu, daß er nicht herauskonnte. Hu! da ward dem Fremden angst und bang, und hätte mögen des Teufels werden, wenn er nicht schon selbst der Teufel gewesen wäre, und raffte sich zusammen und fuhr oben durch den Giebel, wo noch eine Ritze war, mit Geprassel hinaus und riß ein Loch, das hat nimmermehr wieder zugebaut werden können; dann fuhr er in den Stuffenberg hinein, da blieb auch ein Loch, das heißt das Stuffensloch, und zuzeiten soll es aus dem Loche dampfen, und Nebel sollen daraus aufsteigen, Rückbleibsel des Angstschweißes, den der Teufel damals schwitzte. Auch bei der Stadt Gernrode am Harz erhebt sich ein Stuffenberg, darauf ein Lusthaus und die schönste Aussicht auf die Teufelsmauern, auf Quedlinburg und Halberstadt. Die Kapelle aber, die auf dem Stuffenberge bei Wanfried der heilige Bonifazius erbaute, ist St. Gehülfen genannt, und von ihr heißt der Berg auch der Hülfenberg. Manche nennen St. Gehülfen auch die heilige Kümmernis, und die heilige Kümmernis war eine wunderschöne Prinzessin, die erfuhr, was der Gründerin des Stiftes Quedlinburg begegnete, und da ließ ihr Gott der Herr einen Mannesbart wachsen und nahm ihr ihre unsägliche Schönheit. Solcher Hülfen- und Kümmerniskapellen gibt es viele in deutschen Landen, und ist deren in einer besonderen Sage von ihrem Bilde bei der Stadt Saalfeld weiter unten näher gedacht. *   448. Hermann von Treffurt Bei Treffurt über Wanfried ragt am linken Ufer der Werra ein mächtig hoher Berg weit sichtbar empor mit steiler Absenkung in das Werratal, der heißt der Hellerstein, auch wohl der Normannstein. Zu Treffurt lebte ein frommer Ritter, Hermann von Treffurt geheißen, der war in allem trefflich wohlgetan, nur einen Fehler hatte er, wenn das ein Fehler sein soll, er hatte im Bezug der Frauenminne ein sehr weites Herz und war im hohen Grade das, was die Frauen einen losen und schlimmen Mann nennen, wofür er Gott dankte. Dieser brave Ritter versäumte niemals, wann er so da oder dorthin ritt, wo er eine Buhlschaft hatte – und er ritt viel –, die Gezeiten der heiligen Jungfrau Maria zu beten, denn selbige war die einzige Jungfrau, die Ritter Hermann von Treffurt in Ehren hielt. Einer Nacht kam der Ritter geritten, mocht' etwa in Kreuzburg gewesen sein, allwo es schöne und gütige Frauen hat, aber da derselbe wohl nicht allein, als ein zweiter Ritter Tannhäuser, im nahen Venusberge gewesen war, sondern etwa auch im Bacchusberge vorgesprochen hatte, so entnickte er, und sein Roß schlug hinter Selmannshausen einen Nebenweg linker Hand ein, welches fast schlimm war wie alles Linke und Linkische. Es trug ihn, statt im Tale nach dem ganz nahen Treffurt, allgemach einen ziemlichen Umweg zur Höhe des riesigen Hellerstein empor und immer weiter und weiter vor bis an den jähen Abhang, da freilich stutzte es und prallte zurück, und vom Rückprall erwachte der Ritter aus minneseligem Traume, dachte, du dummer Gaul, was weckst du mich? und ließ dem Roß zur Strafe derb die Sporen fühlen. Da setzte das Roß in den ungeheuern Abgrund, der war etwan dreimal so hoch als der vom Giebichenstein hinunter ins Saaletal, und als der fromme Hermann plötzlich fühlte, daß er nicht mehr ritt, sondern flog, da rief er Ludwig des Springers Ruf: Hilf heilige Maria! Hilf deinem Knechte! Und da war ihm, als umfahe ihn ein warmer weicher Frauenarm und halte ihn und hebe ihn, da das Roß sich zu Tode fiel und vom Fall des Ritters Schwert in der Scheide wie Glas zersplitterte, sänftiglich aus dem Sattel, daß er sich auch kein Aderlein und kein Knöchlein verstauchte. Nach solch wunderbarer Errettung vom jähen Tod in allen Sünden tät sich der fromme Ritter aller Welt- und Minnelust ab, wurde noch frommer, als er vor gewesen war, ging nach Eisenach, zwischen Kreuzburg und dem Venusberg gelegen, wurde allda ein Mönch und diente ausschließlich in Gebet und Treue der heiligen Jungfrau, deren rettender Arm allein ihn gehalten und gehoben, und ward ihm, gleich jener schönen Sünderin im Evangelio, viel vergeben, dieweil er viel geliebet. *   449. Der Gürtel der Jungfrau Über Kreuzburg im Werratale, Mihla gegenüber, wo der Herren von Harstall uraltes Geschlecht noch blüht, lag ein herrliches Kloster, das hieß Münsterkirchen. Es war reich begabt und reich geschmückt, hatte hohe Kuppeln und Türme und ein prachtvolles Geläute, das weithin talab und -auf vernommen ward. Aber die Kriege, welche Thüringen verheerten, haben das Kloster Münsterkirchen zu einer Wüstung gemacht, und die Rede geht, daß von den Steinen seiner Gebäude fast der ganze Flecken Mihla gebaut worden sein soll. Zuletzt war nur noch ein niederer grüner Hügel übrig, und man nannte die Stätte, welche der Strom im großen Bogen umfloß und öfters überflutete, nur den Sand. Aber an hohen Kirchentagen, und wann fromme Waller das Tal abwärts zum Gehülfenberge zogen, da hörte man tief im Schoße der Erde die große Glocke von Münsterkirchen läuten. Diese Glocke hatte denselben Namen wie ihre berühmte größte Schwester in Erfurt: Maria gloriosa . Da geschah es, daß ein junges armes Mädchen auf dem Anger am Sand die Herde hütete und einschlief unter dem Erlengebüsch am Werraufer, und da träumte ihr, sie sähe zwei wildaussehende Männer auf dem nahen Hügel miteinander kämpfen, und dazu hörte sie vernehmlich die versunkene Glocke läuten. Da sie nun erwachte, so sähe sie zwei junge Stiere heftig miteinander streiten, die stampften und wühlten mit ihren Hufen die Erde auf, daß die Butzen nur so darum flogen, und die Hirtin eilte hin, die kämpfenden Tiere auseinanderzujagen, und siehe, da ragte dort, wo die Stiere den Boden aufgewühlt hatten, der Henkel der Glocke aus dem Boden. Freudig erschrocken löste rasch die Jungfrau ihren Gürtel ab, band ein Ende an die Glocke und das andere an einen nahen Strauch, jagte die Stiere vom Hügel und eilte nach Mihla hinüber, ihren Fund zu künden. Da zog die ganze Gemeinde heraus, und erhob feierlich die schöne große Glocke von Münsterkirchen, und führte sie in ihren Ort. Es ist die größte von Mihlas Glocken. Der Jungfrau Gürtel übte allein die magische haltende Kraft, sonst wäre die Glocke wieder in die Tiefe hinabgesunken. Zu Berka, zwischen Kreuzburg und Eisenach, hängt im Kirchturm auch eine schöne große Glocke, die haben auf einem überm Ort liegenden Berge spielende Kinder gefunden, man zeigt noch die Stelle, und niemand dort zweifelt an der Wahrheit dieser Sage. Sie hat auch eine Inschrift, aber, sagte der Pfarrer, es waren schon viele Gelehrte da und haben die Schrift nicht lesen können. Das kommt daher, daß viele Gelehrte Wunders viel lernen und können, nur nicht Deutsch, denn die Schrift ist mit deutschen Buchstaben gegossen und ganz gut zu lesen. *   450. Der Elbel In der Gegend um Mihla und an diesem Orte selbst heißt der wilde Jäger der Elbel, hochbedeutsam für den deutschen Mythus. Er wohnt in den Felsklüften über der Wüstung Wernershausen, wo einst ein Burgsitz derer von Wangenheim war, die bis heute tüchtige Jäger sind. Höher hinauf nach dem Hainich, der, ein langgestreckter Bergwald, zwischen dem Unstruttal und dem Werra- und Hörseltal sich hinzieht, ist der Elbelstein und die Elbelskanzel. Elbel und seine Jagd durchsausen und durchbrausen den Hainichwald und seine Angrenzungen, das ist sein Revier. Ein Herr von Harstall zu Mihla, der zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges lebte, hatte einen Leibjäger, das war ein wilder Weidgesell, hieß aber weder Max noch Kaspar, sondern Hölzerkopf, dem stieß einmal auf einem Birschgange der Elbel mit seiner Jagd auf, voran floh und flog ihr im vollen Laufe eine schöne Jungfrau mit flatterndem Haar, die dem Hölzerkopf so wohl gefiel, daß er sich gleich selbst zum Elbel wünschte. Unmutig, daß solches Wild nicht für ihn, schoß er, als die wilde Jagd vorbeigesaust war, seine Büchse aufs Geratewohl ab, und siehe, der Schuß geriet sehr wohl, denn ein Rehbock, den er zuvor gar nicht gesehen hatte, brach angeschossen durchs Dickicht, stürzte zu seinen Füßen hin und verendete. Von da an traf jeder Schuß, den Hölzerkopf tat, ein jagdbares Hochwild, und er merkte nun, daß der Elbel es angenommen, daß er sich ihm verlobt. Eines Tages, als Hölzerkopf mit seinem Herrn zur Jagd zog, setzte er sich nieder und begann zu frühstücken, während der Herr von Harstall weiter wollte und unwillig fragte, was das heißen solle. – Können's ja bequem haben, gnädiger Herr! sprach Hölzerkopf, wir wollen die Hunde loslassen, uns aber nicht ermüden. – Tat's, ließ die Hunde los, trank einmal, spannte den Hahn, schoß ins Blaue, da sprang gleich ein stattlicher Edelhirsch, fast aufs Blatt getroffen, heran, und Hölzerkopf reichte dem Herrn von Harstall das Weidmesser und sprach: Gnädiger Herr, beliebt dem Sechzehnender den Genickfang zu geben? – Ha! du bist ein Hexenmeister, ein Freischütz! rief der Herr von Harstall und warf den dargebotenen Hirschfänger von sich, denn er war gar ein frommer Herr. Du hast deinen Abschied, du magst fortan dem Elbel dienen, nicht mir! – Das will ich auch, mit dero gnädiger Erlaubnis, sprach trotzig der Hölzerkopf, setzte seinen Hut auf, warf die Büchse über, trank noch einmal, schmiß sein Glas in Scherben und ging ohne Gruß und Dank von dannen. Fortan ist dieser Jäger nie anders als im Gefolge des Elbel erschienen, und oft hat man ihn bei diesem im Zwielicht auf dem Anstand auf dem Elbelstein stehen sehen. – Heutiges Tages ist auch im Hainichwalde, den die neue Straße von Eisenach und Mihla nach Mühlhausen mitten durchschneidet, nicht mehr viel zu jagen, und die Freischützen sind rar geworden. Hölzerköpfe gibt es noch in Menge – ja – aber sie sind leider Gottes keine Hexenmeister. *   451. Wie die Wartburg erbauet ward Über Eisenach, wo der alten Sage nach in grauen Zeiten ein König des Namens Günther soll gesessen haben, dessen Tochter Chrimhilde Etzel, der Hunnenkönig, freite und stattliche Hochzeit allda hielt, hob ragend über alle Nachbarberge ein felsreicher Gipfel sein vom Fuße der Menschen selten betretenes Haupt. Wohl umgürtete auch bereits eine Burgenkette das Thüringerland, denn es standen schon die alten Dispargen der Frankenkönige auf götterheiligen Höhen, Kyffhausen, Disburg, Merwigsburg, Scheidungen und andere, und es schirmten die Trutzfesten Heldburg, Koburg, Sorbenburg, Rudolfsburg, Eckartsburg, Freiburg, Giebichenstein, Sachsenburg, gleich den Geschlechterwiegen Greiffenstein (Blankenburg), Schwarzburg, Käfernburg, Gleichen, Blankenburg am Harz, Anhalt, Mansfeld, Stolberg, Frankenstein, Frankenberg, Henneberg u.a. neben so manchem Dynasten- und Herrensitz. Einen solchen hatten jenseit des Waldes die Herren von Frankenstein über Eisenach, das war der Mittelstein, ihr Stammschloß aber lag überm Walde drüben im Werratale. Da nun Graf Ludwig, Ludwig des Bärtigen Sohn und später zubenamt der Springer, von seiner Schauenburg durch das Tal ritt, in dem er hernachmals das Kloster Reinhardsbrunn gründete (nach einem Töpfer also genannt, dem an einer gewissen Stelle wunderbare Flämmchen erschienen), so kam er das Hörseltal entlang, der Spur eines Wildes folgend, und ward durch den Anblick eines Felskegels überrascht, der, sonnig angestrahlt, sich hoch über die Nebel hob, welche die Täler umschleierten. Der junge Graf hielt sein Roß an, sann und dachte und sprach es laut: Wart Berg, du sollt mir eine Burg werden! und erwartete sein Gefolge. Da vernahm er nun von ältern Jagdbegleitern, daß jener Berg nicht sein und seines Vaters Eigen sei, sondern der Frankensteiner, deren Gebiet an das seine grenze. Aber das irrte den Grafen Ludwig nicht, er ersann eine sonderliche List, ließ von seines Vaters nahem Gebiete heimlich und zur Nachtzeit Erde in Körben auf den Gipfel schaffen, sie droben handhoch übern Boden breiten, dann begann er Wälle aufzuwerfen und Grund graben zu lassen. Spät genug wurden die Herren von Frankenstein inne, daß hoch über ihrem Mittelstein jemand baue, ohne sie zu fragen. Ob sie das nun schon nicht leiden wollten, so ging es ihnen wie dem Knaben im Liede, der das Röslein brach, sie mußten es eben leiden, denn wenn sie den Grafen angriffen, so konnte er von seiner Höhe herab mitten in ihren Mittelstein ganze Fuder von Steinen schleudern lassen. Nun war gerade eine Zeit grausamer Hungers- und Durstnot, als dieses sich im Jahre 1067 zutrug; es gab so wenig Wein, daß er an manchen Orten sogar zum Abendmahl fehlte, welches sehr schrecklich war. Da nun die Armen allerorten hörten, daß der Thüringer Graf eine Feste baue, so strömten sie in Scharen herzu und schleppten Steine und halfen arbeiten, nur um das tägliche Brot zu gewinnen und nicht Hungers zu sterben, denn es hatte sich schon zu dieser Zeit zugetragen, daß ein Mann aus dem Grabfeld, der auch mit seiner Frau und einem zarten Kinde nach Thüringen herein zum Burgbau zog, sein Kind hatte schlachten und essen wollen, welches auch geschehen wäre, wenn ihm nicht Gott zwei Wölfe gezeigt, die soeben eine Hinde zerrissen hatten. Da scheuchte er die Wölfe von ihrer Beute und führte die Hinde zur Sättigung mit sich fort. Mittlerweile klagten nun die Herren von Frankenstein bei Kaiser und Reich, daß der Graf auf das Ihre baue, und da auch zu jener Zeit die Prozesse schon die längliche Natur hatten, die ihnen zum großen Nutzen und Frommen der Gerichte und Anwälte bis auf unsere Tage wohlweislich erhalten worden ist, so wurde der Bau unterdessen fertig, und der Graf nannte die neue Burg Wartburg, von dem Wort, so er damals gesprochen, als er den Berg zum ersten erblickt hatte. Wie nun endlich ein Spruch geschehen sollte, da erbot sich der Graf zum Beweise gegen die Frankensteiner, daß er nicht auf das Ihre, sondern auf das Seine baue, erkor sich nach der Sitte zwölf Eideshelfer, das an Ort und Stelle eidlich zu erhärten, trat mit diesen Ehrenmännern hin, zogen ihre Schwerter, steckten sie in den aufgeschütteten Boden und schwuren mit ihm einhelliglich, daß sie auf des Grafen eigner Erde und auf seinem Boden ständen. Gegen die Eidesleistung solcher Schwurhelfer und Geschwornen galt nun keine Einrede, und die Herren von Frankenstein mußten vom Gericht von Rechts wegen das höchste Unrecht leiden. Also ist die Wartburg erbaut und benamt worden. In neuerer Zeit sind auf ihr tief unterm Schutt zwölf große eiserne Schwertklingen, stark gerostet, überkreuzt beisammenliegend, aufgefunden worden, und wird dafür gehalten, daß das die Schwerter der Eideshelfer Graf Ludwigs gewesen, die in den Boden eingesenkt worden, diesen noch mehr zu festen. *   Der Schmied in Ruhla und der Edelacker 452. Der Schmied in Ruhla Graf Ludwig, der die Wartburg bauete und auch Eisenach, die Stadt, mit Mauern umgab, der Reinhardsbrunn, das Kloster, gründete und in demselben als Mönch büßte, verließ einen Sohn, auch Ludwig geheißen, den machte der Kaiser zum Landgrafen in Thüringen, und derselbe war, da er noch ein Jüngling war, gar gütig und demütig gegen Edle und Unedle und von mildem Wesen; solches ward ihm von seinen Vasallen für Schwäche und Torheit ausgelegt. Er strafte nicht gern und hörte nicht gerne klagen, hatte zu allen Menschen das beste Vertrauen und wußte nicht, daß die Edeln seine Untertanen schmählich bedrückten, und daß Bürger und Bauern von ihnen viel böser Gewalt erleiden mußten, zumal die, so um ihn waren, zu verhindern wußten, daß Beschwerden an den Herrn gelangten. Da geschah es, daß der junge Landgraf eines Abends auf einem Jagdritt sich im Forste verirrte und in die Nähe des Ortes Ruhla kam, da sah er das helle Feuer einer Waldschmiede durch die Nacht leuchten, ging darauf zu und bat den Schmied um Herberge. Der Schmied kannte ihn nicht und fragte ihn, wer er sei. – Ich bin Eures Herrn, des Landgrafen, Jäger einer. – Pfui des Landgrafen! rief der Schmied und spuckte aus und wischte sich. Wer ihn nennt, muß sein Maul wischen, daß er es nicht verunreint mit dem Namen. Pfui des übelbarmherzigen Kunzenherrn! Um deines Herrn willen herberge ich dich wahrhaftig nicht! Geh, ziehe nur dein Pferd in den Schoppen, dann komme her und sitze nieder, iß und trink, was da ist, und ruhe auf dem Heu, denn Bettgewand ist hie nicht vorhanden. – Der Landgraf, ganz verwundert ob dieser groben Rede, schwieg ganz still, ging und brachte sein Pferd unter Dach und kam wieder in die Schmiede. Der Schmied kümmerte sich so viel als gar nicht um ihn, schürte sein Feuer, zog den Blasebalg, hitzte und hetzte, glühte sein Eisen, löschte es, glühte wieder und hämmerte und rief bei den Schlägen fort und fort: Landgraf Ludwig, werde hart, werde hart! und schlug mit dem gewichtigen Hammer, daß die Funken stoben, und erzählte alles nach der Schnur her, worüber die Untertanen klagten, und schob alle Schuld und alles Unrecht, was im Lande geschah, auf den Landgrafen und verwünschte und verfluchte ihn in die unterste Hölle. Er sang das alte Lied von den dünkelvollen Räten, die alles besser wissen, sich und ihre Weisheit für unfehlbar halten, die Fürsten glaubend machen, es stehe alles gut im Lande, und hinterdrein ist's Lug und Trug, und der Aufruhr schlägt in hellen Flammen aus, und alles Unglück, das daraus entsteht, wird hernach den Fürsten in die Schuhe geschoben. Dem Landgrafen erschrak das Herz im Leibe, als er aus dieser harten Stimme des Schmiedes des Volkes Stimmung gegen sich vernahm, und er nahm sich vor, dem Unfug, den seine Edeln verübten, ein Ende mit Schrecken zu machen. Ganz hart geschmiedet verließ er, nachdem er kein Auge zugetan, die Ruhlaer Waldschmiede, und sein milder Sinn war in einen eisernen verkehrt. Er nahm die Zügel der Regierung in die eigne Hand und zog sie so straff, daß die edeln Rosse schäumten und knirschten und sich bäumten, aber das Volk atmete freier auf, und ward ihm wohler, denn die ritterlichen Vasallen durften es nicht mehr placken und schinden. *   453. Der Edelacker Da nun in Thüringen der mannliche Landgraf zu seinem Volke hielt und ihm die Last abnahm, mit der es die Räte und die Amtleute bedrückt, von denen der Schmied gesagt hatte, daß sie als schlaue Jäger die roten Füchse – nämlich die Goldstücke – in ihre Beutel trieben, wurden ihm seine Edeln allzumal mächtig gram, denn des Fürsten Tun dünkte sie eine unerhörte Neuerung, und lehnten sich auf gegen ihn und sprachen: Wir wollen das nicht fürder leiden. Als solches dem Landgrafen hinterbracht ward, daß sie als widerspenstige Vasallen einen Willen für sich apart haben wollten, tat er einen eisernen Panzerrock an und zog nach der Numburg über Freiburg mit Heeresmacht und nahm die, so sich zusammengerottet, gegen ihn zu streiten, alle gefangen und führte sie über der Burg auf ein flaches Feld und hielt ihnen dort eine Rede, in der er ihnen alles sagte, was er auf dem Herzen hatte, daß sie lehenseidbrüchige Rebellen seien, und daß ihre Köpfe eigentlich jetzt vor ihre Füße gehörten. Er wolle aber nicht, daß man ihm nachsage, er töte seine eigenen Diener; Schätzung ihnen auflegen wolle er auch nicht, er wolle sich nicht, wie sie getan, mit der Untertanen Gut bereichern, sie aber ungestraft entlassen, würde Ursachen, daß sie fürder seinen Zorn verlachten, so wolle er ein Beispiel geben zur Nachachtung für die künftigen Zeiten. Ließ sich Stränge und Halftern reichen, spannte die Edeln je vier und vier an einen Pflug, den die Diener halten mußten, und trieb sie, mit einer Geißel nebenhergehend wie ein Ackersmann, eine lange Furche zu ahren. Und als eine Furche gezogen war, da ließ er den Pflug wenden und vier andere einspannen und ahrete also einen ganzen Acker, wie mit Pferden, und ließ dann den Acker mit großen Steinen zeichnen, zum ewigen Gedächtnis, und machte ihn zu einem Asyle. Daraus nannte er den Acker den Edelacker, und derselbe heißt heute noch so und liegt nahebei hinter der alten Numburg auf freier Höhe. Die so schwer gedemütigten Vasallen aber mußten ihm aufs neue schwören und hulden, sie mußten, oder der Zorn ihres Herrn kam über sie wie ein Ungewitter. *   454. Die lebendige Mauer Über des Landgrafen Ludwig Tat ward viel Redens im Thüringerlande. Die, so gezogen hatten und die Geißel gespürt, schämten sich und seufzeten im stillen; andere, die nicht dabei gewesen, sprachen, sie hätten eher den Tod erlitten als solche Schmach. Am schlimmsten erging es in der öffentlichen Meinung den Beamten, wie allemal, wenn sich Hader und Zwietracht erhebt in einem Lande zwischen Fürst und Volke, sie mußten nun allein die Sündenböcke sein, sie mußten alles verschuldet haben. Einige trieben ihren Groll bis zu Mordversuchen, aber Gottes Hand schirmte den Regenten, und die Meuchelmörder nahmen ein schmähliches Ende. Der Landgraf ging mit seinen Dienern immer und überall in einem Eisenpanzer, darum und von seiner Strenge ward er der eiserne Landgraf geheißen. Dieser Landgraf hatte den höchsten irdischen Herrn im Reiche zum Schwager, Kaiser Friedrichen, den Rotbart. Der kam von seiner ohnweiten Kaiserburg Kyffhausen herüber auf die Numburg zum Besuche, die war aber noch ohne Mauern, und dem Kaiser gefiel die niuwe Burg, und sprach: Schade, daß sie nicht Mauern hat, sie sollte stark und feste sein. – Ho, sagte Ludwig, um die Mauern sorg' ich nit, die kann ich haben, alsbald ich will. – In wie kurzer Zeit? fragte der Kaiser. – Näher denn in drei Tagen. – Das ist bei Gott nicht möglich, entgegnete der Rotbart, und wenn alle Maurer des Reichs beisammen wären. – Darauf ging der Kaiser zu Tische, und der Landgraf entsandte sogleich Eilboten durch sein ganzes Land an alle seine Grafen und Edeln, daß sie alsbald gen Freiburg aufbrechen sollten im besten Geschmuck der Waffen mit nur wenig Wappnern – war auch eine gute Gelegenheit, der Vasallen Gehorsam zu prüfen – merkten das auch und kamen allzumal pünktlich. Und als der Morgen des dritten Tages anbrach, da richtete der Landgraf alles zu nach seinem Willen und ging zu seinem Schwager ins Gemach und sprach: Mein Kaiser, die Mauer ist fertig. Da bekreuzte sich der Kaiser und dachte, hier müsse Satans Hülfe im Spiel sein, und trat heraus und staunte; denn da ersah er eine lebendige Mauer stehen rings um die Burg, Mann an Mann, im Glast der Harnische und Gewaffen. Wo ein Turm stehen mußte, stand ein Graf, und vor ihm sein Bannerträger, und dazwischen die Herren und Edeln. Da flatterten im frischen Morgenwind bunt und schön die Bannerfahnen der Grafen von Schwarzburg und von Käfernburg, von Gleichen, von Hohnstein, von Stolberg, von Mansfeld, von Rheinstein, von Orlamünde, von Arnsburg, Beichlingen, Gleisberg, Lobdaburg und anderer und so vieler edler Herren von Apolda, Blankenheim, Heldrungen, Treffurt, Kranichfeld, Leutenberg, Salza, ohne den zahlreichen niedern Adel, der nicht über weite Herrschaften gebot, aber doch stattliche Burgsitze und viele Güter hatte. Da rief Kaiser Friedrich aus: Fürwahr, solch eine edle, köstliche, teure und feste Mauer sah ich noch nie! Habe Dank, Schwager, daß du solche mir gezeigt. *   455. Des eisernen Landgrafen Begängnis Landgraf Ludwig der Eiserne fühlte sein Ende nahen und lag krank auf der Neuenburg, um die er einst den lebendigen Mauerring gestellt, da gebot er und ordnete an, daß alle die Ritter und Vasallen, die ihm widerspenstig gewesen, soviel ihrer noch am Leben, herbei sollten, und sollten ihn, wann er gestorben, auf ihren Achseln ehrbarlich tragen von Freiburg bis Reinhardsbrunn, so lieb ihnen ihr Leben wäre. Und das mußten sie ihm an die Hand geloben, und tätens auch, ob gern oder ungern, denn sie fürchteten ihn mehr als den Teufel und gedachten auch, er möchte sie etwa aber versuchen und prüfen, sich lebendig in den Sarg legen und tragen lassen, und so sie's nicht täten, würde er herausfahren und über sie kommen mit seinem Zorn und seiner Strafe. Und da der Landgraf nun gestorben war, hielten sie getreulich das Gelübde und trugen ihn in Furcht und Zittern den langen, weiten Weg, über zehn Meilen, wechselten oft ab, und wo sie ruhten, setzten sie den Sarg in die Kirche und ließen vor des Landgrafen Seele beten, denn sie waren der Meinung, dieselbe bedürfe der Fürbitten sehr. Herrlich war des Landgrafen Begängnis zu Reinhardsbrunn im Kloster, viele deutsche Fürsten waren gekommen, diesem beizuwohnen. Der Erzbischof Wigmann aus Magdeburg hielt ihm das Seelenamt. Ludwig ward begraben in der Klosterkirche neben dem Altar des heiligen Kreuzes, und über sein Grab ward sein Bild gestellt, im vollen Harnisch, wie man gewohnt war, ihn im Leben zu sehen. *   456. Wie Reinhardsbrunn geschirmt ward Der eiserne Landgraf hinterließ einen ältesten Sohn, wieder Ludwig geheißen, außer diesem noch drei Söhne, Hermann, Friedrich, Heinrich, und eine Tochter Jutta. Ludwigs, des jungen Landgrafen, Gemüt war wieder mild und gütig, wie das seines Vaters zuvor auch gewesen war, ehe es der Menschen Schlechtigkeit und Gewalttaten kennenlernte, desgleichen fromm und freigebig gegen die Klöster. Er wohnte zumeist auf Wartburg und zog hernach mit Kaiser Friedrich in das Land Apulia. In dieser Zeit begann ein Herr von Salza aus dem Altenberge, der im Klostergebiet von Reinhardsbrunn lag, eine Burgfriede und Kemnate aufzubauen. Da nun der Landgraf wieder heimkam, klagte ihm solches der Abt von Reinhardsbrunn an einem Sonnabend. Da sandte der Landgraf Boten an die nächsten Vasallen und Dienstmannen, und am Sonntage früh war er schon mit Rittern und Reisigen in dem Kloster, hörten dort eine Messe. Dann gebot der Landgraf dem Abt, nicht eher das Hochamt zu beginnen, bis er mit den Seinigen zurück sei. Dann durchritt er mit seinem Haufen, der mit Sturmgerät wohl versehen war, die schweigenden Forste still hinauf zum Altenberge, darauf die neue Burg stand und der Herr von Salza ruhig saß. Bevor er nur an Arges dachte, war seine Burg berannt und eingenommen; er selbst wurde mit den Seinen als Gefangener nach Reinhardsbrunn geführt, wo nun das Hochamt begann, und mußte vor dem Kruzifix hergehen und Urfehde schwören auf ewige Zeiten. Am nächsten Tag ward die Burg bis auf den Grund zerstört und abgebrochen, und Holz und Steine wurden dem Kloster zuteil. Dort hatten die Mönche noch eine Klage. Sie hatten ein Fuder Wein in Würzburg gekauft, allwo der beste wuchs, aber im Herausführen nach dem Thüringer Walde hatte ein fränkischer Ritter, der nicht weit von der Straße saß, Wein und Wagen und die sechs Pferde an sich genommen, dieweil ihn auch durstete. Als das dem Landgrafen geklagt ward, ließ er dem Ritter um die Rückgabe schreiben, das däuchte dem spöttlich, was kümmerte ihn der Thüringer Landgraf und seine durstigen Mönche! Aber eines schönen Morgens wehten die thüringischen Fähnlein um die fränkische Ritterburg und war diese umstellt, daß weder Mann noch Maus herein oder hinaus konnte, und der Landgraf war selber da und schwur, der Ritter solle ob zu großen Durststillens im Wein der Reinhardsbrunner nun verhungern. Da mußte der Ritter gute Worte geben und sich und seine arme Seele lösen, und der Landgraf ließ ihm kund tun, was er zu tun habe. Im Büßerhemde, wie Kaiser Heinrich IV. zu Canossa, einen Strick um den Hals, ein blankes Schwert gegen seine Kehle haltend mußte der Ritter vor den Landgrafen treten und um Gnade und Leben flehen. Den Wagen mußte er herausgeben und die Pferde und den Wein, mußt' es auch alles selbst nach Reinhardsbrunn fahren und geleiten lassen, dann durfte er sein Leben und seine Burg behalten und zusehen, wie er auf andere Weise wieder zu Wein gelangte. *   457. Von dem Hörseelenberge Mitten im Thüringerlande, zwischen Gotha und Eisenach, liegt ein hoher, schroffer, kahler Berg, von weitem recht anzusehen wie ein Sarg; dicht an seinem Fuße hin zieht die Eisenbahn, die schneidet durch ein Dorf des Namens Sättelstedt. Dieser Berg ward der Hörseelenberg geheißen schon in grauen Zeiten, darum, weil man in und aus ihm manch seltsamlich und grauenhaft Getön vernommen, absonderlich bei einer Felskluft hoch oben unterm steinigen Gipfelhorn nach Eisenach hinwärts, und das war das Geschrei der Seelen, das man allda hörte, neben dem Geräusch unterirdischer fallender Wasser und dem Geheul der Windsbraut, darum nannte man den Berg auch auf Latein Mons horrisonus . Von ihm hat auch das Talflüßchen, die Hörsel, seinen Namen, und er wird bis heute Hörselberg, das ist das alte Hörseelenberg, genannt. Viele wunderbarliche Sagen gehen bis auf den heutigen Tag von diesem Berge, der auch eine Wetterscheide ist; oft umwebern ihn meteorische Flammen, und die Blitze spielen um seinen kahlen Scheitel. Einst erhoben sich am hellen Tage bei Eisenach drei große Feuer, brannten eine Zeitlang in den Lüften, taten sich dann zusammen und wieder voneinander und fuhren endlich alle drei in den Hörseelenberg hinein. Ein König in England hatte ein holdseliges Frauenbild aus geringem Stande zu sich erhoben, Reinssweig oder Rinswiga genannt, war aber bald hernach verstorben, und Reinssweig betrauerte ihren Herrn und Gemahl tief und sehr und ließ viel für ihn beten, damit seine Seele vom Fegefeuer erlöst werde. Da hatte sie zu einer Nacht ein Gesicht, und sie hörte ihres Gemahles Stimme und sah seine Gestalt und erfuhr von ihm, er leide Pein im fernen Thüringerlande in eines Berges Schoß mit andern armen Seelen, und ihre Fürbitten und Gebete überm Meere drüben frommten ihm nicht. Da erhob sich die Königin mit all ihren Schätzen, ihren Jungfrauen und ihrer Dienerschaft und fuhr über Meer nach Deutschland herüber, und der Schatten zeigte ihr die Straßen an, und sie kam an des Berges Fuß, wo er sanft nach Gotha zu sich abdacht, dort baute sie ein Kirchlein und ein klösterliches Haus, und da sie selbst zum öftern die Stimmen der gequälten Seelen zu vernehmen glaubte, so nannte sie den Ort Satans Stätte, daraus ist hernachmals Sättelstätt geworden, als sich Leute anbauten und den Ort bewohnten. Diese fromme Königin erbaute in jener Gegend der Kapellen noch mehrere und diente nebst ihren Frauen Gott im eifrigen Gebet, bis sie ihres Gemahles Seele aus dem Fegefeuersitz im Hörseelenberge erlöste. Als sie dann gestorben war, sind ihre Jungfrauen nach Eisenach gezogen, allwo Ludwig des Milden Tochter, Jungfrau Adelheid, das Nikolaikloster begründet hatte, und haben in diesem Kloster als Benediktinerinnen ihr Leben beschlossen. *   458. Des eisernen Landgrafen Seele Ludwig der Milde, des eisernen Sohn, hätte gern gewußt, wie es um seines Vaters Seele beschaffen sei, denn er mußte hören, daß man seinen Vater nicht segne, obschon er dem Volke gegen den Druck seiner Edeln geholfen, denn dem Volke macht es auch der Beste nie zu Dank, nicht einmal der liebe Gott. Solches vernahm ein Ritter am Hofe, der hatte einen Bruder, und selber war ein Pfaffe zu Eisenach und in der schwarzen Kunst wohl erfahren. Da mußte der Pfaffe den Teufel beschwören und befragen, wo des Landgrafen Seele sei. – Da sagte der Teufel, wenn er mit ihm fahren wolle, solle er die Seele sehen, und verhieß, daß das ohne Schaden geschehen solle. – Das war der Pfaff zufrieden, und der Teufel setzte ihn auf seine Schultern und fuhr mit ihm stracklich in den Hörseelenberg hinein in gar kurzer Zeit, denn er hatte nicht weit zu fahren und fuhr viel schneller wie ein Dampfwagen. Da sah der Pfaff mit Grausen mancherlei Qual und Pein, und ein anderer Teufel hob von einer Grube einen ehernen Deckel und blies mit einer ehernen Posaune in die Grube, daß es also schallte, daß der ganze Berg und die Welt davon erzitterte. Darauf gingen Feuerfunken und Schwefelbrodem aus der Grube, dann kam die Gestalt des Landgrafen herauf, ganz hager und traurig, nur ein Schemen, und klagte sich an, er habe den geistlichen Stiftern zu wehe getan, sein Sohn solle doch ihnen das entzogene Gut, das er, der eiserne Landgraf, treuen Dienern zugewendet, den Stiftern zurückgeben, so werde er ihn aus der Pein erlösen. – Da sprach der Pfaffe: Wenn ich solche Mär ansage, werden sie sprechen, ich habe sie selbst erdichtet, und werden mich fragen: Gibt denn der Pfaff ein Opfer wieder? – Da sprach die arme Seele: Ich will dir ein Zeichen sagen, das geheim ist, da werden sie glauben. – Und sagte ihm also ein genaues Wahrzeichen, das niemand wußte, dann ward der Landgraf wieder zur Grube gesenkt, darüber wurde es dem Pfaffen grün und gelb vor den Augen, und gelb blieb er auch, nachdem er zurückgeführt worden war vom Teufel und alles, was er gesehen, und auch das Wahrzeichen treulich berichtete; aber die, welche die Güter inne hatten, glaubten dennoch nicht und behielten selbige inne und sagten, es möge wohl alles nicht wahr und nur ein angestelltes Pfaffenstücklein sein. – Der Pfaff aber wollte nichts mehr von Zauberei wissen, er gab Pfründe und Lehen auf und wurde ein Mönch im Kloster Volkenrode. *   459. Von Frau Venus und dem wilden Heer Zu denselben Zeiten war es offenbar und landkundig, daß im Hörseelenberg auch ein heidnisch Frauenbild verwünscht worden, die erschien den Leuten voller Huld und lockte sie in den Berg mit buhlerischem Liebeszauber, darum ward sie Hulda geheißen, und war solch Götterweib kein anderes als Frau Venus, die Göttin aller Liebe, in den Berg gebannt zu scheinbarer Freude und doch zu ewiger Pein, denn sie, die Schönste, warmer weicher Lust gewohnt, mußte als Schreckgespenst und Schauerholle in den kältesten Winternächten mit all ihrer Buhl- und Genossenschaft in greulicher Larvengestalt über Berge und Wälder hinjagen, mit Halloh und Hussa und dem ganzen Lärm und Geschrei und Gejohle des wütenden Heeres. Da sahe man Geköpfte, die ihre Köpfe unterm Arm trugen, daherfahren, andere wälzten sich, auf Räder geflochten, um, wie Ixion in der heidnischen Mythe, manche hatten das Angesicht im Nacken, andere hatten es auf der Brust, manche hatten Schlangenschwänze und Eidechskrallen; manche tanzten und hüpften auf einem Bein daher, andere schlugen Räder wie die Betteljungen, und allerlei Wild und Hatzhunde jagten mit. Vor dem Heere her schritt ein Greis am weißen Stabe, der hieß die Leute aus dem Wege gehen, daß sie nicht Schaden litten, den nannte man den treuen Eckart, und brachte das Sprüchwort von ihm auf: Du bist der treue Eckart, du warnest jedermann. Manche nennen auch die Frau Hulda oder Frau Venus Herodias, des Herodes Tochter, die Johannis des Täufers Haupt forderte und zu ewiger Wanderung verflucht ward gleich dem laufenden Juden. Wann es schneit, sagen die Kinder in Thüringen: Frau Holle schüttelt ihr Federbett aus; verlarvte Gespenster heißen nach ihr Hullenpöpel. Gleich der wilden Jägerin Bertha oder Berchta belohnt sie fleißige Mägde und bestraft die Faulen, zerzaust und verwirrt auch letzteren den Rocken. Vom treuen Eckart ging der Glaube, daß, wenn das wilde oder wütende Heer nicht ziehe, so sitze er außen an der Höhle und warne jedermann, hineinzugehen, als ein Engel in Menschengestalt von Gott an diesen Ort geordnet. *   460. Vom edlen Ritter Tannhäuser Da Ludwig der Milde, Landgraf von Thüringen, auf einem Kreuzzug im Morgenlande gestorben war, verließ er keine Kinder, und das Land fiel an seinen Bruder Hermann. Zu dessen Zeiten blühte in deutschen Landen der Minnesang und ward geübt und geliebt von Fürsten und Edeln, und Fürst Hermann versammelte viele Sänger zu seinem glänzenden Hofhalt auf der Wartburg. Eine Zeit nach ihm lebte auch ein Minnesänger im Frankenlande, der führte wie die meisten seiner Sanggenossen ein Wanderleben. Da habe ihn, als er am Hörseelenberge vorüberzog, die Erscheinung eines wunderholden Frauenbildes aufgehalten, das sei niemand anders als eben Frau Venus selbst gewesen, und ihm gewinkt, ihr in den Berg hineinzufolgen, und obschon auch ihn der treue Eckart gewarnt, habe der Ritter doch nicht zu widerstehen vermocht, und sei hineingegangen, und habe sich von Frau Venus umstricken lassen, und habe ein ganzes Jahr im Berge verweilt. Viele alte Lieder singen und sagen, wie nun die Reue über den Tannhäuser gekommen, daß er sich besonnen und in sich gegangen, und habe wieder aus dem Berge herausbegehrt. Als er solches nun äußerte, erinnerte Frau Venus ihn an seinen Eid, den er ihr geschworen, allein Tannhäuser leugnete ihr solches in ihr schönes Gesicht hinein. Darauf erbot sie sich, ihm eine andere Gespielin statt ihrer zu geben, aber er sprach, so er solches täte, müsse er ewig ob solcher Vielweiberei in der Glut der Hölle brennen. Da lachte Frau Venus hell auf und fragte ihn, was er doch von der Hölle Glut schwatze. Ob er diese je bei ihr empfunden habe? Ob nicht ihr roter Mund zu allen Stunden ihm freundlich zugelacht? So ging der Streit noch eine Weile fort, bis Tannhäuser in seiner Undankbarkeit für alles Liebe und Gute, was Frau Venus an ihm getan, sie eine Teufelin schimpfte. Das nahm Frau Venus endlich übel und drohte, es ihm entgelten zu lassen. Da schrie der Tannhäuser die Jungfrau Maria an, ihm von dem Weibe zu helfen, und da sprach Frau Venus mit Stolz: Nun könne er hingehn, er möge sich nur bei dem Greise beurlauben – er werde dennoch ihr Lob noch preisen. Nun ging der Tannhäuser reuevoll aus dem Venusberge und wallete gen Rom zum Papst Urban, dem klagte und beichtete er seine Sünden und bekannte, daß er bei einer Frau mit Namen Venus ein Jahr lang gewesen. Der Papst hielt in seiner Hand den hohen Stab mit dem römischen Doppelkreuze und sprach zu dem reuigen Sänger: So wenig der dürre Stab hier grünet, kommst du, der du bei des Teufels Hulde warst, zu Gottes Hulde! Vergebens flehte der Tannhäuser, ihm eine jahrelange Buße aufzuerlegen, dann zog er wieder aus dem ewigen Rom voll Leid und Jammer und klagte bitterlich, daß des Papstes hartes Wort ihn auf ewig von Maria, der himmlischen Huldin, scheide, daß Gott ihn nicht annehme, und verwünschete sich wieder zu Frau Venus in den Hörseelenberg. Die stand schon da und lachte hell und spottete ihm entgegen recht teufelisch: Seid gottwillkommen, Tannhäuser, mein lieber Herr, ich hab Euer recht lang entbehrt, mein auserkorener Buhle!, und lachte noch einmal und riß ihn durch die Höhlenpforte mit sich hinab. Aber am dritten Tage danach, da hub des Papstes Stab an zu grünen, und nun sandte der Papst Boten aus in alle Lande, wo der Tannhäuser hingekommen wäre – der war aber wieder in dem Berg bei seinem schlimmen Lieb, und deshalb ist der Papst Urban der Vierte auch mit in die ewige Verdammnis gefallen, wie das alte Tannhäuserlied schließt: Des must der vierte Bapst Urban Auch ewigklich sein verloren. Denn er hatte selbst, bevor er Papst wurde, mit einem Weibe im Bistum Lüttich, genannt Frau Eva in der Klause, die im abergläubischen Müßiggang sich verschlossen hielt, in sonderlicher Freundschaft gestanden und ihr zuliebe das Fronleichnamsfest gestiftet; er hatte drei Jahre lang mit großem Blutdurst die Parteien der Welfen und Ghibellinen aneinandergehetzt, und die Sekte der Bettelbrüder hatte er als ein rechter Heuschreckenkönig mit den schönsten Freiheiten begabt. Drei Monate lang leuchtete ein wundergroßer Komet schrecklich durch die Nächte, bis in die Nacht, in welcher Papst Urban IV. 1265 starb, da hörte er auf zu erscheinen. *   461. Das kleine Hütchen In einem Dorfe hinter dem Hörseelenberge gibt es Hütchen, das sind kleine Hausgeisterlein von gar hülfreicher Art, doch leidlich zu erzürnen. Ein solches Hütchen war im Gehöft eines Bauers viele Jahre lang, half bei der Arbeit unsichtbar und ließ sich wohl bisweilen auch sehen. Zusehends mehrte sich des Bauers Reichtum, aber wie es fast immer der Fall ist, daß der, welcher hat, nie genug haben kann, so auch dieser Bauer. Einmal erblickte er das kleine Hütchen, wie sich's gar emsig plackte und mit aller Mühe einen langen Strohhalm, der ihm sehr schwer zu halten war, die Bodentreppe hinanzog. Über solche zwecklose und nichtsnutzige Arbeit erzürnte sich der Bauer, fuhr das Hütchen zornig an und rief: Ei, daß dich, du fauler Schlingel! Augenblicklich verschwand das kleine Hütchen, auf der Treppe aber lag jetzt sichtbar ein großer Sack voll Getreide, daran vier Mann zu tragen hatten; das war der Strohhalm gewesen. Das Hütchen ließ sich nie mehr weder hören noch sehen, und nach einiger Zeit brannte das Haus des reichen Bauers nieder samt der vollen Scheuer, sein Vieh fiel, und er kam durch allerlei Unglück so herunter, daß er bettelarm wurde. *   462. Der Krieg auf Wartburg Bei Landgraf Hermann und seiner Gemahlin Sophia waren auf Schloß Wartburg im Jahre 1206 eine Zahl meisterlicher Minnesinger, die hießen Walther von der Vogelweide, Reinhart von Zwetzen, auch Reimar Zweter genannt, Wolfram von Eschenbach, Heinrich von Ofterdingen, Meister Biterolf und Heinrich von Rispach, der tugendhafte Schreiber genannt, der war des Landgrafen Kanzellar und auch ein Ritter. Diese Sechse hielten ein Wettsingen miteinander, darin sie das Lob guter Fürsten priesen und vornehmlich das des gastlichen Landgrafen Hermann von Thüringen, der Grafen Poppo und Hermann des Weisen von Henneberg, auch des Markgrafen Otto von Brandenburg, zubenamt mit dem Pfeile, der selbst ein Minnesinger war. Besonders waren es die Henneberger, von denen Wolfram von Eschenbach und Heinrich von Rispach den Ritterschlag und Rosse und Gewande empfangen hatten, welche der genannte Heinrich, Biterolf und Wolfram von Eschenbach priesen, ebenso pries Heinrich von Rispach den Thüringer Landesherrn, aber Heinrich von Oferdingen, ein Osterreicher, obschon ihn alte Bücher einen Bürger von Eisenach nennen, und, wie viele glauben, der Dichter des hochwerten Nibelungenliedes, pries Leopold, Herzog von Osterreich, und sang, daß dieser vor allen Fürsten strahle gleich der Sonne vor allen Gestirnen. Da wurde der Sängerkampf also ernst und heftig, daß die Sänger beschlossen, es solle der Unterliegende durch die Hand des Henkers sterben. Alle waren gegen Heinrich von Ofterdingen erbittert und hätten ihn gern vom Thüringer Hofe weggehabt. Da nun alle gegen ihn, den einen, sangen, so unterlag er, und nur die gütige Landgräfin, zu der der Verfolgte sich flüchtete, schirmte ihn, indem sie ihren Mantel über ihn breitete, als er Rettung flehend zu ihren Füßen sank. Heinrich von Ofterdingen erbat sich ein Jahr Frist, er wolle von dannen reisen und einen größern Meister holen, der solle urteln und richten. Damit meinte er den berühmten Meister Klinsor vom Ungarland, der ein Minnesinger und ein Zauberer zugleich war. Ofterdingen zog nun von Wartburg fort, gen Österreich zu seinem gefeierten Herzog und von diesem nach Siebenbürgen zu Klinsor, der ihm seine Begleitung nach Thüringen zusagte, ihn bei sich behielt und sich und ihm mit Dichten, Singen und allerlei Kurzweil die Zeit vertrieb, so daß unvermerkt das Jahr verstrich und Ofterdingen endlich bange ward, er werde zur bestimmten Frist Wartburg nicht wieder erreichen. Da er nun gegen Klinsor ängstlich klagte, beruhigte ihn der und sagte: Wir haben starke Pferde und einen leichten Wagen, wir kommen wohl noch zeitig hin, und gab ihm einen Schlummertrunk, als es Abend geworden, legte ihn auf eine lederne Decke und sich dazu und ließ sich und ihn von den Geistern, denen er gebot, sänftiglich in der Nacht gen Eisenach in das beste Wirtshaus tragen, das war dazumal nicht der halbe Mond oder Rautenkranz, sondern der Hellegrafenhof am St. Georgentor linker Hand, wenn man zur Stadt ausging. Wie der Türmer den Tag anblies, erwachte Ofterdingen und hörte den Klang der Glocke, die zur Frühmesse läutete, von St. Georgen, und rief: Wie ist mir doch? Dieselbe Glocke hört' ich schon, ich meint', ich war' zu Eisenach, ist das nicht Sankt Jürgentor? – Klinsor lächelte und sprach: Siehe zu, ob du nicht träumest. – Da nun die Kunde hinauf auf Wartburg kam, daß die zwei Meistersänger gekommen seien, gingen die Sänger alle herab, sie zu begrüßen und hinaufzugeleiten, und wurden gar herrlich von dem Fürstenpaare und seinem Hofstaate empfangen. *   463. Meister Klinsor weissagt aus den Sternen Der Meister Klinsor behielt seine Herberge in Eisenach der Stadt bei und saß eines Abends im Garten seines Wirts, des Hellegrafen, wohin die Hofdiener und viele ehrbare Bürger aus Eisenach kamen, um ihren Abendtrunk zu trinken, die ehrten den Sänger, der ihnen viel aus fernen Landen sagte und stetig neue Zeitung wußte, die er aus den Sternen las, und waren gern um ihn. So baten sie ihn wieder, daß er ihnen neue Zeitung möge ansagen, und er ging eine Strecke von ihnen und blickte hinauf in den Sternenhimmel, kam wieder und sprach: Heint nacht wird meinem Herrn, dem Könige Andreas von Ungarn, eine Tochter geboren, die wird dem Sohn eures Herrn, des Landgrafen, verlobt werden und also heilig, daß ihr Lob sich über alle Lande der Christenheit verbreiten wird. Als diese Kunde nun auch vor den Landgrafen und seine Gemahlin kam, waren sie erfreut und entboten Klinsor aufs neue zu sich auf die Wartburg und an ihren Tisch, und nach dem Essen gingen die Fürsten und Herren und die Sänger in den hohen Palas, auf daß nun Klinsor ihr Streiten schlichte, was ihm auch gelang, nur mit Wolfram von Eschenbach hatte der Meister vom Ungarland selbst schwer zu kämpfen, so daß er einen Geist statt seiner herbeirief, der hieß Nasias, allein auch gegen den behauptete sich Wolfram in hohen Dingen so kundig und erfahren, daß jener weichen mußte und Klinsor erstaunte und vermeinte, Wolfram möge wohl kein ritterlicher Sänger, sondern heimlich ein Priester sein, und da Wolfram seine Wohnung auch in der Stadt hatte, beim Bürger Titzel Gottschalk am Brotmarkt, so sandte Klinsor ihm zur Nachtzeit noch einmal seinen Geist Nasias; der sah sehr grausenhaft aus und legte Wolfram so hohe Fragen vor, daß er sie nicht zu lösen vermochte, sondern verstummte. Da lachte der Geist laut auf, wie ein Teufel lacht, und schrieb mit seinem Finger in einen Stein an der Wand, als ob er ein weiches Wachs gewesen wäre: Du bist ein laie snipen snâp – und entwich. Die Schrift blieb in der Wand stehen und war zur Nacht feurig, da ward ein Gelaufe vom Volk in das Haus, und wollte jeder den Stein sehen, solches ärgerte den Hausbesitzer Gottschalk, und ließ den Stein aus der Wand brechen und in die Hörsel werfen. Da nun Klinsor die Sänger versöhnt hatte, beurlaubte er sich von dem Landgrafen und ward mit Geschenken entlassen, darauf ist er wieder in seiner Lederdecke von dannen gefahren und hin, woher er gekommen war. *   464. Die kleine Braut aus Ungarn Als der Sohn des Landgrafen Hermann von Thüringen und der Landgräfin Sophia, Ludwig geheißen, eilf Jahre und die Tochter des Königs Andreas von Ungarn vier Jahre alt war, sandte das Landgrafenpaar Boten nach Ungarn, für den Sohn um die Hand der kleinen Königstochter zu werben; die Gesandten waren sonderlich vornehme Männer, Frauen und Jungfrauen, nebst Ingesinde, und fuhren in vier Wagen und hatten vierzig Pferde. Dort an des Ungarköniges Hofe wurden sie stattlich empfangen, und als sie ihre Werbung getan, befragte sich der König bei Meister Klinsor über den Landgrafenhof, den jungen Fürstensohn und das Land. Da wußte Klinsor, der alles aus eigner Anschau kannte, viel Rühmens zu machen vom Hofe und von Land und Leuten, also daß er den König und die Königin von Ungarn zur Zusage bewegte zu dem, was er ja ohnehin in den Sternen als einen überirdischen Beschluß gelesen. Aber die Gesandtschaft hatte noch einen absonderlich wichtigen Auftrag, zeugend vom hochverständigen Sinne ihres Herrn und ihrer Herrin, denn sie wünschten, daß ihres Sohnes junge Braut und zukünftige Gemahlin nicht ungarisch, sondern deutsch erzogen werde, ganz entgegen der Unsitte späterer deutscher Fürsten, die ihre Kinder französisch erziehen ließen, damit sie ja recht frühzeitig das welsche Gebaren hoch-, ihr Vaterland aber mißachten lernten. Und das ungarische Königspaar sah ein, daß dieser Wunsch ein gerechter, denn wer über ein Land herrschen will, muß es kennen und lieben; die Liebe zu einer neuen Heimat kann aber nicht plötzlich und über Nacht kommen, sondern sie muß allmählich empfunden und anerzogen werden. Und die Eltern sagten auch dieses zu und gaben ihr liebes Elisabethlein dahin, ausgestattet mit einem überreichen Brautschatz und geleitet von einem zahlreichen und glänzenden Gefolge. Mit vier Wagen waren die thüringischen Gesandten gekommen, und mit dreizehn fuhren sie wieder ein in das Thüringerland, nebst vielen herrlichen Pferden mit prächtigen Geschirren zum Geschenk für den Landgrafen, denn es war eine alte Fürsten- und Völkersitte, sich gegenseitig viele Pferde zu schenken; schon der Thüringerkönig Irminfried oder Herminfried hatte an den Ostgotenkönig bei der Werbung um Amalberga eine stattliche Anzahl schneeweißer preiswerter Rosse zum Geschenk geschickt. Heutzutage denkt einer Wunders, was er Großes tut, wenn er einem ein Pferd oder zwei schenkt. Da nun die kleine Braut mit ihrem zahlreichen Gefolge und Geleite gen Eisenach gekommen war, war auf der Wartburg große Freude, und zogen der Landgraf und seine Gemahlin und der Hof herab in die Stadt, und begrüßten das Königskind, und holten es festlich ein, und führten es wie in einem Triumphzuge hinauf auf das Wartburgschloß. *   Die heilige Elisabeth 465. Die heilige Elisabeth Das Königskind Elisabeth erwuchs auf der Wartburg in Holdseligkeit, Frömmigkeit und Tugend zu aller Freude, ebenso ihr Verlobter, der junge Landgrafensohn, der früh den Vater verlor und die Herrschaft antrat und seine Verlobte immer lieber gewann, obgleich Elisabeth ob ihres frommen Sinnes und ihrer Demut manchen Spott und Hohn erleiden mußte, davon gar viel erzählt wird. Und als der Landgraf seine Hochzeitfeier mit ihr beging, da haben zwei edle thüringische Ritter, Graf Reinhard von Mühlberg und Ritter Walter von Vargula, die sie einst aus dem Ungarlande nach Thüringen abgeholt, sie im schönsten Schmuck in Sankt Georgs Kirche geführt. Als junge Frau lag die fromme Landgräfin vielleicht mehr, als ihrem Gemahl lieb sein konnte, frommen Werken und Bußübungen ob. Sie zerschnitt oder verschenkte ihre schönsten Kleider und ging einfach und ärmlich einher, aber wenn es nötig war, umkleidete sie der Himmel selbst mit reichen und königlichen Gewanden. Elisabeth, die fromme Landgräfin, war eine wahrhafte Mutter der Armen und gegen diese schier allzu freigebig, so daß man sich sogar darüber aufhielt und es tadelte. Es war aber auch eine schwere Zeit gekommen, Mangel und Not, und die Scharen der Armen wuchsen zusehends. Da geschah es, daß Elisabeth, wie sie täglich tat, einmal wieder Speisen und Gaben hinabtrug an den Ort, wo die Lahmen und Blinden und Notleidenden sich einfanden, und ihr der Landgraf begegnete, der diesmal kein freundliches Gesicht zeigte, denn es war ihm eben frisch hinterbracht worden, wie sie alles verschenke. Da rief sie der Landgraf nicht gerade zärtlich an: Was trägst du da?, und sie sah in seinen Mienen den Wetterbaum seines Unwillens aufsteigen und erbebte und sprach mit unsicherer Stimme: Herr, Rosen! – Zeige her! rief der Landgraf und hob die Hülle von dem Korbe – siehe, da war der Korb eitel voll Rosen und andere blühende Blumen. Da stand der Landgraf beschämt vor ihr da, und wenn der und jener Diener wieder sich unterfing, gegen die milde Freigebigkeit der Herrin zu reden, so sprach der Landgraf: Lasset sie immer gewähren, da sie an Almosengeben ihre Freude hat, wenn sie uns nur Wartburg und Eisenach und die Niuwenburg nicht verschenkt. – In der Hand dieser edlen und frommen Spenderin mehrten sich auch alle Gaben gar wundersam, auch wurden ihre Gewande nicht naß und nutzten sich nicht ab. Da Agnes, Landgraf Ludwigs Schwester, mit einem Herzog von Österreich Hochzeit hielt, war die Wartburg voll Gäste, und alles prunkte im Festgewande, Elisabeth aber hatte am Tore einen armen preßhaften Greis, der halbnackt einherging, gefunden, der bat gar zu sehr um ein Gewand, seine Blöße zu bedecken, und da gab ihm die Landgräfin ihren Mantel; da man nun zu Tische gehen sollte, fragte der Landgraf seine Gemahlin, wo sie denn ihren Mantel habe, denn es war die Frauensitte so, im leichten Mantel bei Festen einherzugehen, und da antwortete sie kleinlaut und erschrocken: In meiner Kammer; so sendete der Landgraf eine Jungfrau hin, und siehe, da hing ein Mantel, schöner wie der einer Königin, himmelblau mit goldnen Bildchen überstreut, der Arme aber war verschwunden. Ein anderes Mal hatte Elisabeth gar einen Aussatzkranken mit herauf in das Haus genommen und ihn in ihr Bette legen lassen – das erregte ihr einen großen Sturm bei ihrer Frau Schwiegermutter, war auch just nicht appetitlich – allein als man nun kam, den Aussätzigen hinauszuwerfen, lag ein wunderbar schönes Kruzifix in dem Ehebette, überaus kunstvoll, aber leider nicht mehr auf der Wartburg vorhanden. Darüber vergoß der fromme Gemahl dieser überfrommen Frau heiße Tränen. Der Kranke aber war Eli geheißen, den Elisabeth so treulich wartete, er genas und wohnte hernach noch lange nahe der Wartburg in einer ganz engen Felskluft und lebte von Wurzeln und Kräutern, der bekannten Waldbruderkost. Die Höhle ist noch vorhanden. Eines Tages ward die milde Herrin, da sie in Eisenach die Kirche besuchte, vor dem Portale von einer ganzen Schar Bettler umringt; sie gab, solange sie noch zu geben hatte, bis ihre Münze zu Ende war, aber da war immer noch ein armer Alter, einer von den beharrlichen, der bestand auf einer Gabe und drängte sich ihr bis in die Kirche nach; das erbarmte die freigebige Herrin, und sie zog einen ihrer reich mit Silber gestickten Handschuhe aus und reichte diesen dem unabweisbaren beharrlichen Greis. Das sahe ein Ritter, der auch zur Kirche einging, trat schnell herzu und gab dem Alten für den Handschuh vieles Geld. Hernach hat er selben Handschuh an seinen Helm als ein Kleinod befestigt und ist in das Heilige Land gezogen, hat auch allda ritterlich gekämpft, und der Handschuh hat ihn geschützt wie ein Talisman, daß er glücklich wieder die Heimat sah. Und dann hat er Elisabeths Handschuh in sein Wappen gesetzt. Ganze Bücher sind vollgeschrieben von den Taten und Wundern der frommen Landgräfin Elisabeth, die ein gottgefälliges heiliges Leben führte, darum sie auch nach ihrem Tode unter die Zahl der Heiligen aufgenommen worden ist. *   466. Der heilige Ludwig Landgraf Ludwig, der in noch sehr jungen Jahren schon die Regierung des Thüringerlandes überkommen, war fromm und gütig, und sein Gemüt stimmte in den meisten Dingen mit dem himmlischen Gemüt seiner Elisabeth überein. Er war ihr auch getreu wie Gold und ließ sich nicht zur Untreue verlocken, obschon in diesem Punkt jene Zeit nicht anders und nicht besser war als die heutige. Wie mild und gut und frommgesinnt dieser Fürst auch war, so war er doch auch ein strenger Schirmherr des Rechts und gar oft der geringen Leute Schutz und Trost. Einem armen Kleinkrämer, der ihn um freies Geleite bat, sicherte er dieses nebst der Zollfreiheit in allen thüringischen Städten und Ortschaften zu und fragte ihn freundlich, wie hoch er seinen Kram schätze. – Da sagte der Krämer: Zehn Schillinge, Herr, ist alles wert. – So! sagte der Landgraf, da wollen wir Kumpanei machen, du hast zehn Schillinge Waren, ich gebe zehn Schillinge bar dazu, nun warte deines Handels; hast du Gewinn, will ich ihn teilen, hast du Verlust, will ich dich schadlos halten. Der Begabte zog froh von bannen, sein Handel ging trefflich, er hatte guten Gewinn und führte redliche Rechnung. Er konnte immer mehr Einkäufe machen und endlich nicht alles selbst tragen, sondern schaffte einen Esel an, mit dem zog er bis gen Venedig und kaufte und tauschte dort kostbare Waren, als Glas, Metall, Elfenbein und Korallen, ein, auch Ringe, Perlen und Edelgesteine, und zog wieder heim und kramte von Stadt zu Stadt in Deutschland; da kam er auch nach Würzburg, der Bischofresidenz, und da sahen etliche fränkische Ritter von der Sorte, die gern ohne Geld kauft, den reichen Kram. Die nahmen auf dem Weiterwege den Esel samt den Waren und achteten des Geleitsbriefes vom Thüringer Landgrafen so wenig wie dessen Hofdienertracht, die der Kaufmann trug. Da nun der Krämer traurig heimkehrte und seinem Herrn die Unbill klagte, sprach dieser: Warte nur, mein Geselle, ich schaffe schon unsern Esel und unsere Waren wieder bei!, entbot alsbald seine Mannen zu einer Heerfahrt, kündigte von Stund an dem Bischof Fehde an und fiel in das Frankenland ein wie ein Hagelwetter, wobei freilich gar viele Unschuldige bitter leiden mußten, und ließ dem Bischof sagen, er suche seinen Esel. Da haben die fränkischen Ritter den Esel und die Waren herausgeben müssen, wie jener ihr Vorgänger an Ludwigs Ohm den Wein, und mußten den Landgrafen und des Bischofs Untertanen schadlos halten. Ein anderes Mal fuhr der Landgraf auch in Kaufmannsangelegenheiten, da man Kaufleute gefangen hielt, die seine Untertanen waren, mit Heeresmacht bis nach Polen und eroberte und zerstörte dort das Schloß Lebus. Da Landgraf Ludwigs Schwester Agnes sich dem Herzog von Österreich vermählte, brachte dieser seinem Schwager als eine Seltenheit einen großen lebendigen Löwen mit, der ward im Wartburghofe verwahrt gehalten, wie jetzt der Fuchs. Da geschah es eines frühen Morgens, daß der Landgraf leicht bekleidet und ganz ohne Waffen hinab in den Hof ging, etwa zu beten oder der Morgenfrische zu genießen. Da stand plötzlich der schreckliche Löwe frei und ledig vor ihm da, denn aus Versehen des Wärters war die Käfigtüre nicht gut verschlossen, und der Löwe hatte sich herausbegeben, auch etwas frischer Luft zu genießen. Da nun die beiden Herren, der König der Tiere und der Landgraf von Thüringen, einander gegenüberstanden und sich ansahen, zeigte der Landgraf seinen rechten Mannesmut, er schrie den Löwen hart an, indem er ihm dräuend die geballte Faust entgegenwarf, darob erschrak der Löwe und legte sich auf die Erde und schlug mit dem Schweife. Das Geschrei des Herrn aber ward gehört und ward Lärm, und der Wärter, den der Löwe kannte, brachte das gewaltige Tier wieder in seinen Käfig zurück. Das geschah ein Jahr vorher, ehe Landgraf Ludwig zu großem Schmerz und Unglück der heiligen Elisabeth die Meerfahrt nach dem gelobten Lande antrat, von der er nicht wiederkehrte. *   467. Sophias Handschuh Als Landgraf Ludwig auf der Fahrt zum Heiligen Lande gestorben, die heilige Elisabeth mit ihren Kindern durch ihren Schwager Heinrich Raspe schmachvoll von der Wartburg vertrieben war, dem dafür auch kein Segen blühte, denn er blieb von drei Gemahlinnen erbenlos, und als auch er dahin war, da erhob sich um das Thüringer- und Hessenland ein großes Streiten. Die älteste Tochter der heiligen Elisabeth, Sophia, hatte sich einem Herzog von Brabant vermählt, hatte von diesem einen Sohn, war aber schon Witwe; die machte gerechten Anspruch für ihren jungen Sohn an ihr Muttererbe. Aber eine Schwester des heiligen Ludwig und Heinrich Raspes, Jutta, hatte zum Gemahl Heinrich den Erlauchten, Markgrafen von Meißen, der hatte bereits für sich und seine Erben Besitz vom Thüringerlande genommen. Sophia zog in das Hessenland und gewann sich mächtigen Anhang; zudem war die kaiserlose Zeit, in der es gar wild durcheinander ging, zumal in Thüringen. Da wurde zu Eisenach ein Tag der Vergleichung anberaumt, auf dem erschienen Heinrich und Sophia in Person und waren beiderseits zur Einigung dahin geneigt, daß der künftige Kaiser den Streit entscheiden solle, ob der Sohn der Tochter oder der Sohn der Schwester des Thüringer Landgrafen mehr Anrecht an das Erbe habe: da sprachen der Marschall Helwig von Schlotheim und einige andere thüringische Edle zu Markgraf Heinrich dem Erlauchten: Herr, verheißet nicht zuviel! Stündet Ihr mit einem Fuße im Himmel und mit dem andern auf der Wartburg, so müßtet Ihr den aus dem Himmel ziehen und auch zu dem auf der Wartburg setzen. Da zog sich Heinrich zurück, die Sache zu bedenken, und hinterdrein beschwur er auf eine Rippe der heiligen Elisabeth nebst zwanzig Eideshelfern sein Recht auf Thüringen. Da weinte die Herzogin von Brabant Tränen des Zorns, zog ihren Handschuh aus und schleuderte ihn hoch in die Luft empor und schrie: Nimm hin, du Feind aller Gerechtigkeit, dich, Teufel, meine ich, nimm diesen Handschuh, und die falschen Ratgeber alle dazu! Und der Handschuh fiel nicht wieder aus der Luft herunter, und von jenen Räten und Eideshelfern soll keiner eines guten Todes gestorben sein, darum, daß sie das heilige Gebein entweiht und einen solchen Eid geschworen hatten. Und nun entbrannte ein heilloser Krieg, der ganz Thüringen verdarb. Einmal wollte die Herzogin von Brabant wieder nach Eisenach hinein, das Tor ward ihr aber nicht aufgetan, da nahm sie eine Spaltaxt und hieb in das Georgentor ein paar solche Kimmen in das Eichenholz, daß man sie noch nach zweihundert Jahren sah. In diesem Kriege zerstörte Markgraf Heinrich den Mittelstein, die alte schöne Burg der Frankensteiner, und auch andere Burgen um die Wartburg her und ließ einen treuen rechtskundigen Rat, genannt Heinrich Velsbach, der ihm hartnäckig entgegen war, und den er in seine Gewalt bekam, mittelst eines großen Wurfgeschosses durch die Luft hinab nach Eisenach schleudern. Als dieser Mann von der Blide aufflog, schrie er noch vernehmlich, daß es alle hörten: Thüringen gehört doch dem Kinde von Brabant! Neun Jahre lang dauerte der Krieg, und endlich erfolgte dennoch, wozu man ohne Krieg sich hätte einigen können, die Teilung des Landes in Thüringen und Hessen, welches letztere Hermann, der Sohn Sophias, das Kind von Brabant, zugeteilt bekam, und wurde also der erste Landgraf von Hessen und aller Hessenfürsten erster Ahnherr. Heinrich der Erlauchte aber hatte mehrere Söhne, da behielt er für sich und seinen jüngern Sohn Dietrich die Markgrafschaft Meißen und gab seinem ältesten Sohn Albrecht die Landgrafschaft Thüringen. *   468. Der Wangenbiß Albrecht, Heinrich des Erlauchten Sohn, nahm zur Gemahlin Margarethen, Kaiser Friedrichs II. Tochter. Da hallte nach langem lauten Lärm des Krieges die Wartburg von Freudenfesten wider. Es hatte aber die junge Landgräfin, die ihrem Gemahl mehrere Söhne schenkte, ihr Unglück selbst mit in das Haus gebracht in einem schönen Hoffräulein, das gefiel dem Mark- und Landgrafen nur allzuwohl und immer mehr, bis beide auf tückischen Verrat sannen, Margarethen aus dem Wege zu räumen. Der Knecht, welcher mit dem Wartburgesel täglich aus der Stadt mancherlei Bedarf heraufholte, ward heimlich gedungen, als ein Teufelsgespenst zur Nacht in das Gemach der Landgräfin zu treten und ihr das Genick zu brechen. Auch mußte er schwören, niemanden den Anschlag zu verraten. Aber diesem Knecht schlug das Gewissen, und traute sich nicht der ungeheuern ruchlosen Tat, eine unschuldige wehrlose Frau, die er nie anders als gütig gesehen, und die selbst ihn, den geringsten der Knechte auf dem Hofe, freundlich gegrüßt hatte, im Schlafe hinzumorden, zögerte daher und bedachte sich lange. Das merkte der Landgraf und fragte ihn eines Abends verblümt, aber streng: Hast du die Ernte geworben, die ich dir befohlen habe? – Des erschrak der Knecht und antwortete: Herr, ich will sie werben! – und dachte bei sich: Nun muß es geschehen – wie Gott will! – Und da es tiefe Nacht war, trat er in das Schlafgemach der Landgräfin, die ganz allein schlief, kniete an ihr Bette hin und rief: Gnädige Frau! Gnadet mir des Leibes! – Erschrocken fuhr Margaretha vom Schlummer auf und fragte: Wer ist da? Wer bist du? – Und da sagte der Knecht ihr alles an, daß sie auf das heftigste erschrak, doch sprach sie gefaßt: Rufe mir eilend den Haushofmeister, den Schenken Rudolf von Vargula! – Solches tat der Knecht, und Margaretha sprang vom Lager und kleidete sich eilend an. Und da der Schenk kam, fragte sie ihn heftig weinend um Rat. Den gab er ihr in Kürze. Sie solle an Gut und Geld einpacken, was tragbar sei. Dann wurden in aller Stille ihre Haushofmeisterin und eine ihrer Jungfrauen geweckt, die mußten eilend Bettgewand und Leinlaken in lange Streifen schneiden und aneinanderbinden, und Margarethe ging in Begleitung des Schenken auf das gemalte Haus bei dem Turme, wo ihre Söhne Friedrich und Diezmann schliefen, und fiel auf ihr Bette, und küßte sie unter heißen Tränen, und biß vor Liebe und grausamem Schmerz den ältesten, Friedrich, in die Wange, daß sie blutete, und fiel auf den zweiten, und wollte ihm auch also tun, doch der Schenk wehrte es ihr, und sie sprach unter strömenden Tränen: Ich will sie zeichnen, daß sie an dieses Scheiden gedenken, solange sie leben. – Nahm also den herzlichsten und schmerzlichsten Abschied von ihren Söhnen, davon Friedrich drei Jahre und Diezmann anderthalb Jahre alt war, und ward dann samt dem Knecht und den beiden Frauen von dem Gange am heutigen Ritterhause, das ist in der Vorderburg, wo des Kommandanten Wohnung ist, aus einem Fenster in dunkler Nacht die hohe steile Mauer hinabgelassen, und mußten den schroffen Felsenberg hinabklimmen und entwandern. Da gingen sie durch die Nacht und den grauenden Morgen südwestwärts durch die weiten Wälder, bis auf die Burg Krainberg bei Salzungen, die gehörte auch den Herren von Frankenstein, war aber jetzt halb dem Abte von Hersfeld, und dessen Burgmann nahm sie gastlich auf und ließ sie dann gen Fulda geleiten zu dem Abt; der empfing als der Kaiserin Erzkanzellar die Tochter seines Kaisers mit allen Ehren und geleitete sie gen Frankfurt in ein Frauenkloster, darin sie schon im nächsten Jahre vor Kummer und Herzeleid starb. *   469. Friedrich des Gebissenen Taufritt Es ist gar nicht zu sagen, was für Kampf und Streit und Unglück sich im Thüringerland und um dasselbe erhob durch den Treuebruch Landgraf Albrecht des Entarteten, denn die Söhne Margarethens stritten, als sie zu ihren Jahren gekommen, gegen ihren Vater, und der Vater stritt gegen die Söhne. Landgraf Albrecht hatte seine Kebse gefreit und wollte gar das Land seinen rechten Söhnen abdringen und dem Apitz, seinem Bastard, zuwenden. Einmal hatte er sogar seinen ältesten Sohn als Gefangenen lange im Turm der Wartburg liegen, der ward aber heimlich befreit. Endlich verkaufte Albrecht ganz Thüringen für zwölftausend Mark Silber an Kaiser Adolf von Nassau, dem widersetzten sich die jungen Markgrafen samt der ganzen Ritterschaft, darüber erwuchsen neue schwere Kämpfe, und des Kaisers Volk hausete gar schlimm und übel in Thüringen, davon noch ein altes Lied geht, wie eine ganze Schar dieses Heeres, das in Rastenberg ein Kloster zerstört und die Nonnen geschändet, dafür von den Thüringern und Hessen kapaunt worden. Indessen starb Albrechts Kebse, Kunne von Eisenberg, und ihr Apitz folgte ihr noch im selben Jahre nach, da freite baldmöglichst seinen Söhnen zum Trotz Albrecht die reiche Witwe eines Grafen von Arnshauk, Adelheid, die nur eine einzige Tochter hatte, so Elisabeth hieß, diese blieb auf ihrer väterlichen Burg zurück, war vierzehn Jahre alt und ein gar tugendsames und holdseliges Jungfräulein. Die sahe Friedrich mit dem Wangenbiß und entbrannte in Minne gegen sie, und nach einer Zeit entführte er sie unversehens, brachte sie auf sein Schloß Gotha, den festen Grimmenstein, und schrieb an seine Stiefmutter und warb um Elisabeth, die ihm, da sie schon in seinen Händen war, nicht füglich versagt werden konnte, ward also seiner beiden Eltern Schwiegersohn. Das hinderte aber keineswegs, daß Streit und Krieg sich fortspannen, in welchem die Zwingburg Klemme, ein Bau Heinrichs des Erlauchten zu Eisenach, abgebrochen wurde und zwei schöne Türme der Frauenkirche ihrer Glocken beraubt und auch niedergerissen wurden. Bald darauf erhielt Landgraf Friedrich heimliche Sendung von der Wartburg, nahm nur fünfzehn tapfere Mannen mit sich, bargen sich in der Nähe der Wartburg in einer seitab des Tales gelegenen waldigen von Felsen umgebenen Schlucht, die heute noch das Landgrafenloch heißt, klimmten dann empor, kamen zur Burg an der hintern Seite, wo jetzt der Turm steht, und da waren schon Mannen, die ihnen die Mauern ersteigen halfen. Da fing Friedrich seinen Vater ohne Schwertschlag und entsandte ihn nach Erfurt. Die Landgräfin blieb aber bei ihrem Sohne auf der Wartburg, dahin dieser seine junge Gemahlin Elisabeth eilend kommen ließ. Aber mit der Wartburg hatte Friedrich noch nicht das Land, denn das gehörte doch noch dem Vater oder aber dem Kaiser, der es gekauft, und selbst die Bürger von Eisenach wollten nichts von dem jungen Landgrafen wissen, und da wurde die Wartburg enger umlagert und bedrängt als je, und rings um dieselbe wurden kleine Bergfrieden aufgeführt, Schanzen und Blockhäuser, und aller Zugang und alle Zufuhr ihr abgeschnitten, was das Schlimmste war, denn mit Stürmen war der Burg nichts anzuhaben, auch nicht viel mit Steinschleudern, da sie himmelhoch über alle den Lagern der Feinde sich erhob. In diesen Zeiten gebar Frau Elisabeth die Jüngere auf Wartburg ein Töchterlein, und da kein Pfaffe auf der Burg war, war guter Rat teuer, das Kind zu taufen, denn damals war nicht Sitte, vier oder sechs Wochen oder noch länger damit in Gottes Namen zu warten, auch beschäftigten sich nicht, wie in unsern Zeiten, Personen, die keinerlei priesterliche Weihen empfangen, mit dem Vollzug der heiligen Taufhandlung. Der Landgraf aber, schnellen Entschlusses und freudig zu jeder raschen Tat, hieß die Amme samt dem Kinde zu Roß steigen, erkor zwölf tapfre Kampfgesellen, ritt mit ihnen den Berg herab, um die Stadt herum, über den Gaulanger und Sengelbach, und erst da vernahmen die Wächter ihren Ritt und bliesen Lärm. Rasch ritten Friedrich und die Seinen nun den Talweg entlang, nach Tenneberg zu, doch hörten sie nach einer Weile, daß sie verfolgt wurden. Auf einmal ließ die Amme ihr Zelterlein ruhiger traben und die Ritter an sich vorbeireiten: das Kind schrie, der Landgraf blieb neben ihr halten und fragte: Was ist's? Warum eilst du nicht? Was fehlt dem Kinde? Schweige es! – Herr, sprach die Amme, es will gestillet sein, es schweiget nicht, es sauge denn! – Da rief der Landgraf den Seinen zu: Haltet! Meine Tochter soll ob dieser Jagd nichts entbehren, und sollte es das Thüringerland kosten! – Und da scharten sich alle um die Amme her, in Willens, wenn die Feinde herankämen, das Kind und sie auf Leben und Tod zu verteidigen – aber die Feinde ließen ab von ihrer Verfolgung, obwohl Friedrich schier zwei Meilen weit immer hinter sich den Hufschlag ihrer Pferde vernommen hatte, und so kamen die Reiter mit Kind und Amme glücklich nach Schloß Tenneberg, wohin der Abt von Reinhardsbrunn, das nahe dabei gelegen, entboten wurde, der mußte die Tochter taufen und nach der Mutter Elisabeth nennen. Danach hat Friedrich sich Hülfe gewonnen, die Wartburg stattlich gespeist, die Belagerung tapfer abgewehrt und alle Grafen und Herren Thüringens auf seine Seite gebracht. Darob ergrimmte Kaiser Albrecht gar sehr und wollte das Thüringerland wiederum mit Heeresmacht überziehen und bezwingen, wie er zu gleicher Zeit die Schweiz bezwingen wollte. Da geschah es, daß all seinem Wollen ein Ziel gesetzt ward durch seines Neffen, Herzog Johanns von Schwaben, meuchelmörderische Hand, und gewann das Land hernach durch selben Landgrafen Friedrichen mit dem Wangenbiß, den man auch den Freudigen nennt, guten Frieden. *   470. Das Mysterium Da wieder Friede und Freude seit langen Jahren im Thüringerlande war und vornehmlich auch zu Eisenach, wo es vorher gar unfroh gewesen und das Gras auf dem Markt eine halbe Elle hoch gewachsen war, da führten alldort die Predigermönche nach der Zeit Gewohnheit am Abend vor dem Sonntage Misericordias ein Mysterium auf, das war ein geistlich Schau- und Singspiel, und war der Schauplatz auf der Rolle zwischen dem Barfüßerkloster und Sankt Georgen; da waren der Landgraf Friedrich der Freudige und der ganze Hof Zuschauer und die angesehensten Bürger zu Eisenach. Die Schaubühne teilte sich in den Vordergrund und einen erhöhten Hintergrund, auf letzterem erschienen und handelten zunächst die himmlischen Personen, Christus, Maria, Engel und der Engelchor, und die Reden in rezitativischer Weise wie die Chöre waren teils in lateinischer, teils in deutscher Sprache abgefaßt. Die Chorgesänge bestanden zumeist aus den in den Kirchen gebräuchlichen Antiphonen und Responsorien. Christus erschien, Engel mit der Einladung entsendend zu seiner »groczen wertschaft.« Die zehn Jungfrauen traten im Vorgrund auf, und die Engel vollbrachten an sie die göttliche Ladung mit dem Geheiß, daß sie sollten »bornte lampeln tragen czu eime rechten bekeyntnisse,« und zogen sich zurück. Die Jungfrauen sonderten sich in die fünf klugen und die fünf törichten ab und stellten Betrachtungen an, die klugen fromme, die törichten Weltlust atmende, dann wandten sich die letztern freudevoll und tanzend ab. Während nun eine der klugen Jungfrauen ihren Schwestern erbaulich Tröstliches vortrug, fiel ein Nebenvorhang, und die Bühne zeigte die törichten bei einem Mahle entschlummert. Eine von ihnen ermunterte jedoch zur Wachsamkeit, während die klugen ihre Lampen mit Öl füllten und anzündeten. Darauf schritten die unklugen wieder zur Mitte und flehten die klugen Schwestern um Öl an. Die Antwort, welche sie erhielten, war der gute Rat, zu gehen und zuzusehen, wo sie Öl bekämen. Nun hoben die unklugen schmerzliche Klage an, indem sie, Öl zu kaufen suchend, die Bühne umwandelten. Engelstimmen geboten Schweigen, und der himmlische Chor erklang: Ecce sponsus venit! Als dieser geendet hatte, erschien der Heiland in der Glorie seiner Herrlichkeit, von seiner Mutter geleitet, und der kluge Jungfrauenchor begrüßte beide mit Feierliedern. Maria neigete sich zu ihnen und bekränzte die Jungfrauen mit himmlischen Kronen und redete sie mit den Worten an: Sit willekom ir vzerwelten kinder myn! usw. Da brachen die Jungfrauen in den Jubelchor aus: Sanctus, sanctus, sanctus! , und die Engel stimmten an: Gloria et honor – daß das Haus von Schauern der Andacht erfüllt ward. Christus hielt nun sein heiliges Mahl, zu welchem die klugen Jungfrauen mit ihren brennenden Ampeln emporwandelten, die unklugen aber blieben auf der Bühne und flehten Christus jammernd an, durch seinen bittern Tod ihn bittend: Vns hat vorsumit unse tumpheyt, nu laz vns genize dyner grozen barmeherczigkeyt vmme Mariam, die liben mutir dyn, vn laz vns armen ezu dynir wertschaft in! Christus verneinte mit Strenge, sich lateinischer Bibelsprüche bedienend und diese deutsch erläuternd, so unter andern: Amen amen dico vobis nescio vos! Ich enweiz niht, wy ir sit. – Da warfen die fünf Jungfrauen mit ihren lichtlosen Lampen sich auf den Boden nieder und richteten nun zur heiligen Jungfrau die flehendste Bitte, daß doch sie, die niemand ihre Barmherzigkeit versage, von ihrem Sohn Vergebung ihnen erflehen wolle. Aber Maria erwiderte, wenn sie nur früher ihr oder ihrem Kinde etwas zuliebe getan hätten – nun fürchte sie, daß ihre vereinten Bitten erfolglos sein würden, doch wolle sie versuchen, bei ihrem Kinde Gnade zu finden. Und nun wandte sich Maria mit Knieebeugen zu dem göttlichen Sohne und sang: Miserere, miserere, miserere populo tuo – daß es allen Hörern erschütternd durch die Herzen drang, und dann sprach sie zu dem Erlöser, er möge aller Not und aller Schmerzen gedenken, die sie um ihn gehabt und erlitten, und ihr dieselben jetzt dadurch lohnen, daß er diesen Armen vergebe. Aber wie ein Donnerwort scholl es aus dem Munde des strengen Richters: Coelum et terra transibunt, verbum autem meum in aeternum permanet! Wie darob alle Hörer erzitterten – da traten drunten den unklugen Jungfrauen gegenüber zwei entsetzliche Teufelsgestalten, Beelzebub und Luzifer, auf und begehrten die Schar der Verfluchten in die Hölle zu führen; auf ihren teuflischen Rat, sagten sie, hätten jene sich versäumt, und Christus rief: Recht gerichte sal gesche. Die vorvluchten muzzen von my ge in dy tifen helle vn werde der tufele geselle. – Da heulte jubelnd das Höllenchor aller Teufel und Verdammten laut auf: Prelle here prelle! das hieß: Verwirf sie, Herr, verwirf sie! (vom Worte prellen, zurückfahren, abprallen), und kaltes Entsetzen ergoß sich über den Zuschauerraum. Der Landgraf erseufzete tief. – Wieder beugte Maria ihre Kniee vor Christus und wiederholte noch wortreicher ihre Fürbitte. Da sprach Christus sanft zur heiligen Mutter: Swigit vrowe mutir myn – und verneinte abermals, und zu den Jungfrauen strafend sich wendend, verstieß er sie mit den heftigsten Worten in das ewige Feuer, während die Teufel eine große Kette herbeischleppten und damit die Jungfrauen umschlangen, sie vom Boden wieder emporreißend, deren erste nun in die jämmerlichste markerschütternde Wehklage ausbrach. Sie verwünschte ihre Mutter, daß sie sie geboren, daß sie sie nicht erschlagen; sie beklagte, daß sie nicht, statt eine Christin zu werden, ein Hund geworden, daß man sie nicht vor der Taufe erhenkt, dann würde ihr jetzt nicht so weh sein. Sie verwünschte ihren Vater, daß er sie mit zärtlicher Liebe erzogen, sie habe nun keinen andern Wunsch, als eine Kröte zu sein, aller Welt ein Scheusal, so könne sie jetzt doch in einen unreinen Pfuhl kriechen und der Hölle entfliehn. Schreiend in heller Verzweiflung unterbrach sie eine ihrer Schwestern, und in einem Strom entsetzlicher Reden, das Haar sich raufend, verfluchte diese nun die Hoffart und alle andern Laster. Da hub eine dritte an und rief den Tod, warum er sie nicht ertöte; das allerjämmerlichste Sterben wäre ihr willkommner als die drohende gnadenlose Pein. Die vierte wandte sich an die Zuschauer und rief ihnen zu, daß sie, die Törichten, ihnen zu einem Spiegel gegeben seien, zu einer furchtbaren Warnung. Endlich die fünfte fluchte diesem Tage und warf die trostlose Frage auf, an welchen Vormund sie sich denn wenden sollten, wenn selbst Marias Fürbitte nichts nütze sei, wie jene Weltgerichtshymne, das Dies irae , fragt: Quem patronum rogaturus? – Der Landgraf, nun schon ein bejahrter Mann, schüttelte sein Haupt und murmelte in sich hinein: Misericordias! Misericordias! – Mittlerweile war viel Volk auf die Bühne getreten, an dieses wandten sich jetzt die törichten Jungfrauen, jammernd auf die Brust sich schlagend, mit grauenvoller Heftigkeit, und eine nach der andern sagte aufs neue ihre Wehklage, und das Volkschor antwortete einförmig im schmerzlichen Tone: O we vn o we! – und nichts weiter. Sie mahnten das Volk zu Buße und Reue, warnten vor Sünden und gingen dabei mit rednerischer Kunst von den bisherigen Reimpaaren ab, in einen epischen Rhythmus fallend, so unter andern: Nu clagit armen alle, daz vnser je wart gedacht. Vns haben vnse sunde in groz herczeleit gebracht. Wy muzzen in der helle grozen kummer dol(dulden) yr vrowen weynet vnse vngevelle und hutit vch, so tut ir wol. So ging es lange kläglich fort, während Christus, Maria, die Engel und die klugen Jungfrauen durch den emporrollenden Vorhang der Hinterbühne den Blicken entzogen wurden, der mutmaßlich nun ein Bild der flammenden Hölle zeigte, und als die letzte Jungfrau noch die Schlußworte rief, in denen sich die volle Verzweiflung darüber ausdrückte, daß keine Fürbitte, kein Meßopfer ihnen helfen könne: Eyn tot baz hulfe dem eyn selgerete? Wy verdinent gotis czorn! da schrieen die Schwestern und alles Volk, und da jauchzten die Teufel frohlockend in den Chor: Des sint wy / syt ir ewigklichen vorlorn! Und da hörte man einen Aufschrei von einer Mannsstimme und gleich darauf einen schweren Fall. Der Landgraf war ohnmächtig von seinem Sessel gestürzt – der Schlag hatte ihn gerührt. Allzu machtvoll hatte dieses erschütternde Spiel, dargestellt mit allem glühenden Eifer des Fanatismus, ihn ergriffen, wirre Gedanken hatten sein Gehirn durchfiebert, was es denn sei, wenn nicht Reue, nicht Buße, nicht Andacht und Flehen, selbst nicht die Fürbitte Marias den Sündern Vergebung erflehen könne bei dem, der doch, wie die Schrift lehrte, für die Sünder gestorben war. Zwar erholte sich der Landgraf, er lebte noch eine gute Zeit, aber die freudige Kraft war gebrochen, sein früher so frischlebendiger Geist blieb trüb umwölkt, und die Pfaffen mit ihrem mit entsetzlicher Kunst dargestellten gotteslästerlichen Spiel hatten ihn auf ihrer Seele. *   471. Junker Jörg Nach der Zeit ward ein Mann abends auf die Wartburg gebracht; da wohnten schon keine Landgrafen mehr droben, sondern ein Hauptmann und Amtmann, der hieß Hans von Berlepsch, und der mit ihm den gefangenen Mann brachte, hieß Burkhard Hund von Wengkheim, der hatte seinen Burgsitz auf dem Altenstein jenseit des Thüringer Waldes, war aber des Kurfürsten zu Sachsen Amtmann zu Gotha. Die hatten Befehl von ihrem gemeinschaftlichen Herrn, dem Kurfürsten, erhalten, einen Mann, der von Möhra her über den Wald beim Altenstein die Straße nach Sachsen ziehen werde, mitten im Walde aufzuheben, um ihn wohlbewacht, doch ungefährdet auf die Wartburg zu bringen und denselben dort gut zu halten und zu pflegen, auch statt des mönchischen Gewandes, das selbiger Mann trug, ihm ein ritterlich Gewand und ein Schwert zu geben. Und sollte der gefangene Mann sich nennen Junker Jörg, weil er ritterlich stritt gegen den Drachen der Pfaffenverblendung, welche den Menschen so vielen Mißtrost gaben, wie jener Papst Urban dem armen Ritter Tannhäuser und jene Predigermönche zu Eisenach dem freudigen Landgrafen. Und tat Junker Jörg droben auf der Wartburg die größte Rittertat des Geistes, die je (außer Christus) ein Mann getan, er übertrug das Wort Gottes, das alleinige Wort des Heils, die Bibel, in die deutsche Sprache. Solche Arbeit ärgerte und verdroß den Teufel gewaltiglich, und er umsumsete und umbrumsete den gelahrten Ritter und Doktor gar arg und wollte ihn irre machen, ließ ihm auch des Nachts keine Ruhe, sondern rasselte und rappelte in den Nüssen, die der Doktor in einem Sack unterm Bette hatte, polterte auch auf dem Boden und auf dem schmalen Gang im Ritterhause, vor der Zelle, herum, aber der Doktor sprach bloß: Bist du's, so sei es! – Aber endlich hat doch einmal der Doktor aus Zorn, als er wieder recht eifrig arbeitete und der Teufel in Gestalt einer Hummel oder Hurnauspe recht eifrig um ihn herumsumsete, das Tintenfaß genommen und es nach ihm geworfen, daß ein großer Tintenfleck an der Wand worden, und von da ab hat ihn der Teufel auf Wartburg in Ruhe gelassen. Der Fleck ist aber zum Andenken geblieben, und wenn die Wand überstrichen worden, ist er wieder zum Vorschein gekommen, und endlich hat jeder, der's gesehen, davon ein Bröcklein zum Wahrzeichen mit sich davontragen wollen, da hat es freilich verschwinden müssen, und ist jetzt eher ein Loch in der Wand als ein Fleck. *   472. Mönch und Nonne Angesichts der Wartburg und ganz nahe der Trümmerstätte der zerstörten Dynastenburg Mittelstein, jetzt Mädelstein geheißen, stehen zwei Steinfelsen, die sind so zueinander geneigt, daß sie sich zu Häupten fast berühren, und heißen Mönch und Nonne. Da es in Eisenach noch Klöster gab, waren drunten in einem ein Mönch, im andern eine Nonne, die liebten einander und verabredeten auf dieser Höhe ein Stelldichein, auf einer Stelle, wo man von der Stadt aus nicht gesehen werden konnte. Sie herzten sich und küßten sich und verwünschten den Klosterzwang, der sie für ewig trennte, und wünschten, wie Liebende tun, sich ewig nahe sein, sich ewig küssen zu können. Und da sie dies so beweglich wünschten, so ward der Wunsch erfüllt, sie wurden zu hohen Steinfelsen, die von weitem gesehen immer noch menschliche Gestalt zu haben und einander zu küssen scheinen. *   473. Die verfluchte Jungfer Nahe der Wartburg ist eine Felsenhöhle, die wird allgemein das verfluchte Jungfernloch geheißen, und geht von ihr manche Sage. Es war eine Jungfrau zu Eisenach von übergroßer Schönheit, die hatte goldgelbes langes Haar wie Seide, wie die alten Maler so gern es malten, und auf selbiges Haar wie auf ihre Schönheit war die Maid überaus eitel und wußte wenig anderes zu tun, als sich zu strählen und zu putzen und im Spiegel zu besehen und sich zu freuen, was sie doch für ein prächtiges, liebholdes Frauenbild sei, darüber vergaß sie aber aller Frömmigkeit und Gottesfurcht, und ging ihr gerade umgekehrt wie jener Maid zu Bartenstein, die nicht in die Messe wollte, weil sie zu geringe Kleider hatte und deshalb von ihrer Mutter zu Stein verwünscht wurde. Diese Eisenacher Jungfrau ging nicht in die Kirche, weil sie zu viele und zu schöne Gewände hatte und mit ihrem Putz darob niemals fertig wurde, und da hat ihre Mutter sie auch – nicht zu Stein – sondern mit all ihrer Pracht, mit Hab und Gut in das alte Steinloch hinein verflucht und verwunschen. Alle sieben Jahre einmal erscheint die also verfluchte Jungfrau dort, da sitzt sie und weint, und seidne Kleider umwallen sie, und darüber fließt ihr goldnes Haar, das kämmt sie mit goldnem Kamme, wie die Lurlei am Rheinstrom. Vor der Höhle ist ein Platz, da wächst nimmermehr Gras, weil das der Platz ist, wo sie sitzt, und es ist dort nicht geheuer. Manchmal ist ein rotes Hündlein bei ihr erblickt worden. Einem Schäfer sind die Schafe dort geschreckt worden, daß die ganze Herde auseinanderlief und vierundzwanzig Stück von den Felsklippen herunterfielen. Einer Hirtenfrau, die ihrem Manne Essen brachte, ward die Jungfrau sichtbar und bat sie, ihr das Haar zu strählen, das tat die Frau und pries die Jungfrau ob ihrer Schönheit und rühmte sich, daß auch sie sehr schön gewesen sei, und sang dazu gar artlich: Ja dieweil ech noch jungk woar, da ech en zoartes, nettes, schienes Fräuchen woar, hatt' mech jiedermoann liep! und da wollte die Jungfrau der guten Frau recht reichlich lohnen, führte sie in die Höhle und ließ ihr von ihrem Schatze nehmen, so viel sie wollte. Aber als das Hirtenfrauchen sich wandte, fortzugehen, da sah sie einen großen Hund und erschrak und ließ alles fallen und rief: Ach Herr Jehchen! Bießt hä dann? – da verschwand Schatz und Jungfrau und Hund und alles. Ei du verflucht'ges Jungfernloch! rief die Frau und entrann. Hernachmals hatte sich dieser selben Frauen Kind dort herum im Walde verirrt, acht Tage lang wurde es vermißt und nicht aufgefunden. Endlich fand es der Vater im Waldesdickicht munter und wohlauf, und als es befragt ward, wie es sich denn diese lange Zeit über erhalten, da sagte es: Eine schöne Jungfer ist kommen, die hat mir zu essen und trinken geben und hat mich zudeckt. – Ein Fuhrmann, der des Weges fuhr, hörte droben an der Felskluft laut niesen. Er rief hinauf: Gott helf! – Es nieste wieder – Gott helf! – noch einmal – Gott helf! – und so eilfmal hintereinander, und der gute Fuhrmann rief jedesmal: Gott helf! – Da es aber den zwölften Nieser tat, so hatte er es satt, Gott helf! zu sagen, tat einen Knaller mit der Peitsche, daß der Schall von allen Felsen im Marientale zurückprallte, und rief hinauf: Alle Tausendschockschwerenot! Wenn dir Gott nicht hilft, so helfe dir der Teufel! – Da gellte droben ein lauter schmerzlicher Aufschrei einer weiblichen Stimme. Das war die verfluchte Jungfer. Hätte der Fuhrmann nur noch einmal Gott helf! gerufen, so wäre sie erlöst gewesen. *   474. Vom Inselberg Einer der höchsten Berge des Thüringer Waldes ist der Inselberg. Vor alters schrieben manche seinen Namen Heunselberg und wollten ihn von den Heunen, Hünen, ableiten, andere Emsenberg, weil ein Flüßchen, die Emse, nahe seinem Gipfel entspringe; näher kamen die, so ihn Einzelberg nannten, weil sein hohes Haupt über alle seine Nachbarberge vereinzelt emporragt, ja häufig erscheint es wie eine Insel über dem Nebelmeere, das rings um seinen Gipfel flutet, wie sein Haupt sich zuerst über der Flut erhoben, die einst ganz Thüringen bedeckte. Über ihn dahin zieht die alte Hochstraße, der Rennsteig, Rennsteg, Rennweg, Rinneweg, der über das ganze Thüringer Waldgebirge viele Meilen weit sich erstreckt. Es geht die Sage, daß jeder Landgraf von Thüringen diesen Weg mit seiner Ritterschaft reiten mußte, sobald er die Regierung Thüringens angetreten hatte. Nahe dem Inselberg haben in alten Zeiten Bergleute vom Harz den Bergbau begonnen und Orte angebaut, deren Namen eigentümlich fremdländisch klingt: Tabarz, Cabarz, und mögen wohl Einwanderer von weither auch andere Bergorte im Schoß des Waldgebirges begründet haben, die in Sprachlauten und Trachten sich von den eigentlichen Thüringern merklich unterscheiden. Viele Venetianer sind nachderhand in das Gebirge gekommen, welche die Leute Erzmännerchen und Walen nannten, die haben manch reichen Schatz hinweggetragen, denn im Inselberggraben, im Bärenbruch, im ungeheuern Grund, an der Schönleite und weiter hin nach der Ruhl zu, in der Ruhl, dem Flüßchen, und sonst, auch im Backsteinsloch, gab es Goldsand, obschon minder viel als in Kalifornien, doch hat er manchen reich gemacht. Seit die Walen dagewesen sind, findet man nichts mehr. *   475. Der Venetianer Ein Wale kam alljährlich in das Lauchatal, der wußte, daß das Sprüchwort wahr sei, das am Inselberge üblich ist: Es wirft oft ein Hirte mit einem Stein nach der Kuh, der mehr wert ist als die Kuh selbst. Ein junger Bursch aus Cabarz oder Tabarz mußte dem Walen als Führer dienen, der wurde hernachmals, da der Venetianer längst nicht mehr kam, ein Fuhrmann und kam weit in der Welt herum, einmal sogar mit Gütern bis nach Venedig. Da fiel ihm ein Kaufladen in das Auge, darin blitzte und funkelte an einem Schaufenster alles von Gold und Edelsteinen, und wohnte da ein reicher Juwelier. Dieser sah den Thüringer stehen und gaffen und grüßte ihn in deutscher Sprache und war kein anderer als jener Gold- und Steinsucher, den er früher im Gebirge geleitet, der sagte ihm, all dieses Gold und alle diese Steine habe er in dem schönen Thüringen gewonnen, die Thüringer verständen nicht, es auch zu finden und die Steine zu schleifen, man finde dort nur ungeschliffene. Mit reichem Geschenk entließ der Venetianer den Thüringer. Ahnliche Sagen werden viele erzählt; eine fast gleichlautende auch vom Bayerberg vor der Rhön. *   476. Karles Quintes Am Fuße des Inselberges liegt ein gewerbtätiger Flecken, der heißt Brotterode; früher stand ein Schloß allda, und der Ort hieß Brunewartesrode. Im Burgberg liegt ein großer Schatz verzaubert, eine weiße Jungfrau hütet ihn und erscheint nur alle sieben Jahre und flüstert leise vor sich hin: Ein Knäblein von sieben Jahren mit weißen Haaren kann mich erretten. Diese Jungfrau war die Kammerzofe der stolzen Gräfin und mußte dieser die langen Haarflechten strählen. Darüber ward die Gräfin, wenn es ein wenig rupfte, stets sehr ungehalten und scheltig, da hob einmal die Jungfrau an zu wünschen, daß sie mitsamt der Gräfin und der Burg möchten zwanzig Klafter tief in den Erdboden hinein versinken, welcher Wunsch auch alsbald seine Erfüllung fand. In der Kirche zu Brotterode hängt eine Fahne mit dem Bergwappen, Keil und Schlageisen, darüber eine Krone, die nennen sie die Funn von Karles quintes und halten sie gar hoch und wert. Es ist nämlich, wie die Sage geht, geschehen, daß einst die Gemahlin von Kaiser Karl V. in Brotterode ihre Niederkunft hielt, und ward allda trefflich bewirtet und gehalten, dafür schenkte der Kaiser dem Orte den großen Gemeindewald, das Blutgericht und das Fahnenrecht, an die Fahne geknüpft, nebst vielen andern Freiheiten. Das Fahnenrecht besteht darin, daß während der acht Tage lang dauernden Kirmse, solange die Fahne, die unterm Geläute aller Glocken am Kirchturme ausgesteckt wird, ausgesteckt bleibt, jeder Nachbar einheimisches und fremdes Bier nicht nur trinken, sondern auch ausschenken darf, wenn er Lust hat. Wegen diesem Aushängen der Fahne muß ihr Tuch zum öftern erneuert werden. Im Kirchturmknopf zu Brotterode wurde vor Jahren eine Schrift gefunden, die lautete: Diese kirche ist angefangen worden zu bawen als ein münch namen Lutherus wider die papisten angefangen zu schreiben, deme aber das maul bald gestopft werden sol. Nur neun Jahre später ließ Landgraf Philippus von Hessen, wie in seinem ganzen Lande, so auch in Brotterode evangelisch predigen. *   477. Geister um Brotterode Um Brotterode gab und gibt es mancherlei Geister, davon konnte man sonst viel erzählen hören. Da ist ein Berg nahebei, den nennt man das Ave Maria; ein wunderlich ausgehöhlter Fels heißt die Kirche, ein anderer die Kanzel. Auf selbiger Feldkanzel haben die Leute zum öftern einen Schulmeister stehen sehen, der hat ein Gesicht gehabt wie Spinneweben und hat eine lange Rede gehalten, trotz einem 1848er, doch lauter unverständigs und unverständlichs Zeug. Vielleicht ist selbiger spukhafte alte Schulmeister in neuer Zeit erlöst und durch einen jungen abgelöst worden. Im Keller eines Wirtshauses erschien eine Flitterbraut, das ist eine Jungfrau im vollen dort üblichen Brautstaat, die hütete einen mächtigen Schatz und zeigte ihn der Tochter des Hauses; der Schatz wurde auch in deren Beisein glücklich gehoben, aber die Tochter starb bald darauf, denn von denen, die bei Hebung des Schatzes zugegen sind, muß stets einer sterben, deshalb spielten jene Fremden in der Weingartenhöhle am Harz immer dem Führer, den sie mitnahmen, das Todeslos in der Hand. Am Mönch, einer Bergwiese bei Brotterode, stand vorzeiten eine Schleifmühle, deren Besitzer ganz wohlhabend war, das machte, er hatte einen Hausgeist, der unablässig arbeitete und das Glück mehrte. Dieser Geist erschien bisweilen als seltsamlich gekleidetes kleines Männchen und ließ auch einen eigentümlichen Ton vernehmen. Einmal geschah es, daß dem Schleifmühlenbesitzer, als er diesen Ton vernahm, die Laune anwandelte, denselben nachzumachen – alsbald verstummte der Geist – ließ sich fortan weder hören noch sehen, die Arbeit blieb ungetan, und der Schleifmüller mußte in Armut sterben. Jetzt ist nicht einmal von seinem Hause eine Spur zu finden. Zweien Brüdern, die auch Schleifmühlen hatten, dienten auch in gleicher Weise rastlos tätig zwei Hausgeister. Sie ließen sich wunderselten erblicken, wann dies aber geschah, so sah man sie nur immer in alter, abgeschabter Tracht. Darauf kamen einmal die beiden Brüder zu sprechen und meinten, es zieme sich, dankbar gegen diese hülfreichen Geister zu sein, die ihnen so nützlich; ließen also nach ohngefährem Maß schöne neue rote Jäckchen und blaue Höschen machen und legten diese Kleider neben die Klingen, welche stets in der Nacht von den Geistern geschliffen wurden. Siehe, da erschienen die Geisterlein, stutzten, blickten einander an und sagten: Da liegt nun unser Lohn, nun müssen wir auf und davon. Nahmen die Kleider, fuhren von dannen, kamen nie zurück. Auf die Orte Brotterode und Friedrichrode haben die Thüringer ein böses Spottlied. Wer es hören und Schläge besehen will, der darf in beiden Orten nur danach fragen. Jede Strophe fängt mit einer Frage an: z. B. Was habn se dann für Stadtmaurn drob'n? Drob'n zu Friggerode? *   478. Das Alp als Flaumfeder In dem Stadtflecken Ruhla, in dessen Nähe vor alters der eiserne Thüringer Landgraf hart geschmiedet wurde, gibt es Sagen von Bergschätzen und allerlei Geistern, guten und bösen, vollauf. Jäger spuken, Pfarrer spuken, Jungfern spuken, Hexen, Mönche, Kroaten spuken, es spukt eine Gans und endlich sogar ein Esel, der Bieresel genannt, der sich den spät vom Biere heimkehrenden Männern aufhockt, sie auch wohl umhalst, wie das römische Gespenst Empusa in Eselgestalt die Reisenden. Da ist denn bei so vielerlei Geister- und Hexenspuk auch das Alp zu Hause, das die Schlummernden nächtlich quält, ähnlich dem oder der Mahr in den Sagen des Niederlands. Dagegen gibt es aber ein probates Mittel. Der Gequälte muß nämlich, sofern er es vermag, rasch aufstehen und das Schlüsselloch zustopfen, denn durch dieses geht das Alp aus und ein. Solches Kunststück wußte einmal einer und probierte es, und siehe, da ward das Alp sichtbar und saß auf seinem Bette, hatte einen weißen Schleier und war ein wohlgetanes Frauenbild. Das war dem Rühler gar nicht uneben, er behielt die Schöne bei sich und lebte mit ihr als einer Frau. Sie war auch still und gefügig, aber sie lachte nie und bat ihn stets, das Schlüsselloch zu öffnen, denn nur durch dieses und nicht durch offne Türen und Fenster kann das Alp wieder entweichen, daher auch Goethe im Faust den Mephistophiles sagen läßt: 'S ist ein Gesetz der Geister und Gespenster: Wo sie hereingeschlüpft, da müssen sie hinaus. Einstmals aber, da die stille Frau ihre Bitten wiederholte, dachte er: Hm, du willst doch sehen, wo das hinaus will, sie geht ja doch nicht durch das Schlüsselloch, und wenn sie fort will, kannst du sie ja halten – ließ sich aber gegen sie nichts merken und räumte unversehens die Verstopfung des Schlüssellochs hinweg. Da wurde das Frauchen kleiner und immer kleiner und endlich gar zu einer Flaumfeder, und da haschte er nach ihr, aber das Wehen seiner Hand trieb sie hinweg, und husch, flog und zog sie durch das Schlüsselloch und war dagewesen. *   479. Der Wittgenstein Im Talgrund des Ruhlawassers zwischen den Dörfern Schönau und Farrenrode hängt eine Felswand, die heißt der Wittgenstein. Darauf stand vorzeiten ein Schloß, und darin lebte eine Prinzessin, und die wohnt jetzt im Wittgenstein. Alle sieben Jahre einmal tritt sie heraus aus dem Felsen; wer sie erblickt und nicht erschrickt und vor ihr sich fürchtet, dem gibt sie wohl eine gute Gabe, wer aber vor ihr flieht, hat Schlimmes zu gewärtigen. Rühler Choradjuvanten, die nachts am Wittgenstein vorüberzogen und ihr das Neujahr ansangen, fanden mitten im Schnee einen Haufen Knochen, aber nur einer von ihnen nahm ein paar davon, in Willens, sich ein paar Messerschalen davon zu machen, denn in Ruhla wohnen neben den Tabakskopf- und Pfeifenfabrikanten Messermacher in großer Zahl. Andern Tages fand er in seiner Tasche zwei dicke Goldstangen. Als er das seinen Gefährten erzählte, rannten sie alle wie besessen nach dem Wittgenstein – aber da lag nur der Schnee und von Knochen kein Splitter mehr da. Jener Glückliche wurde reich durch das Gold. Andere – Musikanten – empfingen grüne Zweige, die sie wegwarfen. Nur einer steckte den Zweig auf seinen Hut, der wurde zu Gold, und nun kam derselbige Mann erst recht auf einen grünen Zweig. Der Farrenröder Hirte fand bei seiner Herde oft eine schöne fremde Kuh, wußte nicht, woher sie kam, noch wohin sie ging. Früh war sie da, abends war sie hinweg. Endlich ging er ihr nach, und siehe, sie verschwand unter Erlen und Weidengebüsch und ging in eine Kluft des Wittgenstein. Der Hirte ging ihr nach und auch hinein, da kam er an eine Türe und klopfte an. Gleich stand die Jungfrau da und fragte: Was willst du? – Ich wollte um das Hutgeld gebeten haben für die Kuh, die Ihr alle Tage zur Herde schickt, antwortete kecklich der Hirte. Darauf hat ihm die Prinzessin einen alten Silbertaler gereicht und gesprochen: So – habe deinen Lohn dahin! Hättest du ihn nicht geheischt, wäre er dir reichlicher zuteil geworden. – Die schöne Kuh kam nie wieder heraus und auf des Hirten Weide. *   480. Das Löttöpfchen In das Tal, darinne der Wittgenstein liegt, blickt ein niederer grauer Turm herab, der ist der Überrest des ehemaligen Schlosses Scharfenberg und heißt bei den Umwohnern wegen seiner Form das Löttöpfchen. Es spukt dort, manchmal walzt ein brennendes Faß vom Berge nieder, und am Bergesfuße, nahe beim Dorfe Thal, ist auch eine verrufene Stelle. Ein Stein steht dort, auf dem sind zwei Messer eingegraben. Dort haben zwei Brüder einander erstochen. Zur Zeit Landgraf Friedrich des Ernsten, welcher der Sohn Friedrich des Gebissenen war, ging es um den Scharfenberg bunt und noch mehr blutig her. Der Landgraf fehdete mit dem Grafen von Henneberg, die hatten Scharfenberg besetzt und plagten das Thüringer Land nach Eisenach und bis Gotha hinein: sein Gegner aber hatte Salzungen und die Herrschaften Frankenstein und Altenstein an sich gebracht und plagte das Henneberger Land im Werratal und nach Buchen zu; nun verband sich der Landgraf mit den Erfurtern, nahm viel Volk aus den thüringischen Städten und schloß den Scharfenberg ein. Der Graf von Henneberg aber fuhr mit einem großen Heer aus Franken über den Wald daher und schlug mit seinem Volk greulich auf die Thüringer los. Dem Landgrafen ging es hart an den Kragen, er wäre unfehlbar selbst erschlagen worden, denn es blieb viel Volks, wenn er nicht als ein gemeiner Wappner ohne Auszeichnung und Helmkleinod geritten wäre und nicht ein gewaltig tapferer Bürger, Hans von Frymar genannt (Friemar ist ein gothaisches Dorf), der hager und starkknochig war, auch ein solches Pferd ritt, ihm stets zur Seite geblieben wäre und mit der Wucht seiner Streitaxt jeden niedergeschmettert hätte, der dem Landgrafen feindlich zu nahe kam. Der Landgraf aber mußte dennoch endlich mit großem Verlust das Feld räumen, und die Besatzung des Scharfenberges ließ freudig vom Löttöpfchen die Siegesfahne hoch über die grünen Wälder wehen. *   481. Das Backofenloch In der Gegend der Burgruine Scharfenberg hebt sich ein hoher Berg empor, der heißt der Wartberg oder auch Martberg; das ist gar ein eigentümlicher sagenumklungner Hochgipfel, von dem sein Nachbar, der Hörseelenberg, sich wunderkräftig ausnimmt. Da ist, recht dem Hörseelenloche gegenüber, auch eine Höhle, die heißt das Backofenloch, darinnen hat viel Goldsand gelegen, den die Venetianer hinweggetragen haben, und sonst sind noch um den Berg her viele alte versetzte Schachte und Stollen, denn da steckt noch edlen Metalles genug, wer es zu finden versteht. Da blühen am Trinitatissonntage, am Sommersonnenwendetag und am Johannistag die Wunderblumen, da öffnet ihrem Finder sich die Unterwelt und ist bereit, ihn reich zu machen ohne Verlust an seiner Seele. Vielen schon ist das geglückt. Das Backofenloch, das kann jeder finden und kann auch hineinkriechen, so tief er mag, aber Gold findet er nicht darin. Der alte Oberförster König hat das Folgende nicht nur erzählt, sondern es ist auch von ihm in das Ruhlaer Forstarchiv eingetragen worden. Als junger Bursche und Jägerlehrling beging König häufig das ausgedehnte Ruhlaer Forstrevier. Einmal auf dem Heimwege begegnet ihm ein fremder Mann und fragt nach dem Backofenloch. König geleitet den Fremden, der ein Venetianer war, zu der gewünschten Stelle, dieser kriecht in das Loch, holt einen Sack voll des gelbgrauen Sandes, der darin befindlich ist, und gibt dann seinem Führer ein in Papier befindliches Pulver, indem er ihm sagt: In dieser Berghöhle liegen große Schätze. Suche nur darin nach braunen und schwarzen Körnern, wirf sie dann in einen Schmelztiegel und setze etwas von diesem Pulver dazu. Damit ging der Fremde von König hinweg; der aber, als ein junger Bursche, achtete nicht sonderlich dieser Rede, noch des Pulvers, sondern steckte es ein und warf es daheim in seine Lade. Jahre vergingen, und er dachte gar nicht mehr daran. Da traf er eines Tags abermals einen Walen im Revier, der nach dem Backofenloch fragte. Auch diesen geleitete König hin, und auch dieser sprach wieder vom Reichtum der Höhle und erwähnte der schwarzen braunen Körner. Dadurch aufs neue aufmerksam gemacht, gedachte König doch einen Versuch zu machen, ging in die Höhle, suchte und fand auch von den beschriebenen Körnern, nahm sie mit und suchte daheim das Pulver. Nach langem Suchen fand er das Papier, das war aber mürb und zerrieben und das Pulver größtenteils herausgefallen, so daß nur noch ein kleiner Rest vorhanden war. Dies nahm er, warf's mit den Körnern in einen Tiegel, glühte ihn und schmolz ein großes Goldkorn. Später habe er nur mit Mühe einige Körner gefunden und auch in diesen, ohne das Pulver, ein winzig Körnlein Gold gefunden. *   482. Das Geißbeinsloch In des Backofenlochs Nähe am großen Wartberge ist auch das von den Venetianern versetzte (verzauberte) Geißbeinsloch, voller Schätze, doch nimmer zu finden. Es ist mit dem Hinterbein einer Geiß versetzt und unsichtbar gemacht, deswegen heißt es das Geißbeinsloch. Nur alle vier Jahre ist es an zweien Tagen offen, das ist der Walpurgistag und der Johannistag, da kann hineingehen, wer es sieht. Noch in neuerer Zeit hat der Oberförster König das Loch bei einem Jagen offen gesehen und den Erzstock darin funkeln sehen, von dem ein Zentner dreißig Pfund Gold und fünfundvierzig Pfund Silber ausgibt. Der Oberförster war ganz allein, verwunderte sich, so plötzlich einen Höhleneingang an einem Ort zu finden, über den er, der das ganze Revier kannte wie seinen Handschuh, schon unzählige Male gegangen war, rief daher seinen Kreisern und ging, da sie ihn nicht hörten, ein Stück Weges zurück, bis sie zu ihm stießen, da er ihnen nun geschwind seine Entdeckung zeigen wollte. Aber da war das Glück im Geißbeinsloch selbst auf die Hinterbeine getreten, und Fels und Höhle waren verschwunden wie ein Nebelbild. *   483. Schlangensuppe Am Wartberg entspringt auch ein Brunnen, der heißt der Silberborn, an dem rastete an einem goldnen Sonntag (Trinitatissonntag) der Hirte von Schmerbach, da sah er aus dem Walde heraus einen Mann mit allerlei Gerät und in fremdländischer Tracht auf die maigrüne sonnige Bergestrift treten und sah auch gleich an einem Felsen nahebei eine früher nie daran wahrgenommene Öffnung. Der fremde Mann grüßte den Hirten, packte seinen Kram ab, winkte den Hirten zu sich und bat ihn, ihm behülflich zu sein, es solle sein Schade nicht sein, hieß ihn ein Feuerchen anmachen und schnitt sich von einem Haselnußstrauch eine Gabelgerte ab. Dann breitete er ein Tuch auf den Rasenteppich, zog drei Kreise mit einem weißen Stabe, den er in der Hand trug, und langte ein Pfeifchen hervor, darauf pfiff er in seltsamer Weise. Da kamen Schlangen und Würme in großer Zahl aus den Felsenklüften und Büschen und endlich auch ein großer Lindwurm, der setzte sich gerade vor den Beschwörer hin und riß den Rachen auf, und alle andern zischten greulich und ringelten sich in einem weg, und der Venetianer, denn ein solcher war der Schlangenbeschwörer, zitterte. Endlich erschien auf einer hohen Ulme eine ganz silberweiße Schlange mit einer goldnen Krone, die schlängelte sich von ihrem Baume herab, kroch über die Trift und auf das Tuch, da sprang der Beschwörer schnell hinzu, schlug das Tuch zusammen, nahm die Krone und barg sie und tötete den Lindwurm, den er festspießte, dann pfiff er wieder, und die Schlangen krochen von dannen. Die gefangene Otterkönigin tötete hierauf der Venetianer, zerstückte und kochte davon in seinem Kesselchen eine kräftige Suppe, dann setzte er sich hin, gemütlich seine Schlangenmahlzeit zu halten, zu der er den Hirten gastlich einlud. Dieser weigerte sich beharrlich, bis er sich endlich zureden ließ, mit vieler Überwindung einen Löffel voll zu genießen, doch als es nun ging wie bei jenem Kinde auf dem Thüringer Walde, zu dem der Hausunk kam und mit von seiner Milchsuppe aß, aber nur die Milch, und das Kind zu ihm sagte: Eß nett nu Nü, eß a Nocke! (Iß nicht nur Brühe, iß auch Brocken), und der Venetianer dem Hirten auch zuredete, von den Schlangenbrocken zu essen, da verweigerte das der Hirte durchaus. Gleichwohl wurden ihm schon von der guten Suppe, die viele Schlangenfettaugen hatte, die eignen Augen hell; er sah alles rings im überirdischen Glänze und in der Berghöhle, die sich aufgetan, alles voll Gold und Silber, das ist auch das Geißbeinsloch gewesen. Beide gingen nun und nahmen davon, und dann verschwand alles, wie hinweggeblasen. Hättest du von der Schlange selbst gegessen, sagte, als er fortging, der Venetianer, so hättest du immerfort die Höhle offen gesehen und immer wieder hineingehen und holen können, so aber nicht. Lebe wohl und besuche mich einmal in Venedig. Hier hast du ein Wünschtüchlein, das bindest du dir um den Kopf. Da hat sich hernach der Hirte bald da, bald dorthin gewünscht, und einmal auch nach Venedig; da kam er in einen Marmorpalast, vor welchem eine Wache stand, und da fand er in einem reichen Nobile seinen Schlangensuppenkoch wieder, der ihn gastlich empfing und herrlich beschenkte. *   484. Die Reifsteigshalde Über dem Marktflecken Ruhla liegt am Reifsteig eine große Waldwiese, die Reifsteigshalde. Diese kann man an gewissen Tagen nicht finden. So ging es dem alten Oberförster König in der Ruhl, der noch in aller Andenken lebt. Eines Tages im Spätherbst ging derselbe am Reifsteig hin, um ein feistes Stück Wild bei einer auf der Reifsteigshalde angelegten Salzlecke zu schießen. Im Walde war ein Schneisengang befindlich, und wenn man diesem folgte, konnte man nicht fehlen. Oben ging dann der Weg über eine Wiese hinweg, die man mußte rechts liegen lassen, dann wieder in das Holz hinein. Früh neun Uhr ging Oberförster König in Ruhl aus, ging anfangs in Gedanken, stand plötzlich mitten im Bergwald, glaubt zu weit links gegangen zu sein, geht zurück bis nahe an die Halde, sieht sie nicht, verirrt sich wieder zu weit rechts, geht noch mehr zurück, achtet auf die Schneis, kommt aber immer nicht zum Salz, und ob er gleich der kundigste Berggänger seines Wohnortes und diesen Weg mehr denn als fünfhundertmal gegangen, so ist er doch von früh neun Uhr bis nachmittags um drei Uhr im Walde umhergeirrt und diesen Tag doch nicht zum Salz gekommen. Am andern Tag hat er es, wie er oft selbst erzählt hat, ohne einen Schritt irre zu gehen gefunden. *   485. Wo der Hund begraben liegt In Winterstein liegt der Hund begraben; das ist ein Dorf hart am Fuße des Inselberges, durch den fließt die Emse, da haben früher auch viele Bergleute gewohnt, und die Herren von Wangenheim haben ein Bergschloß gehabt, das ist jetzt eine Trümmer, es sind aber noch drei wangenheimische Schlösser allda. Einer dieser Herren war, wie fast alle seine Vorfahren und Nachkommen, Jägermeister eines Herzogs von Gotha, der hatte einen sehr gescheiten und treuen Hund, des Name war Stutzel, und als der Herr von Wangenheim gestorben war, hatte seine Witwe den Hund noch lange. Stutzel war so geschickt und klug, daß er mit Briefen, die man an sein Halsband befestigte, ganz allein nach Gotha auf den Friedenstein und zur Herrschaft ging und wieder mit Briefen zurück, so daß sich der gothaische Bote den Weg über Winterstein fast ersparen konnte. Die Witwe war nun dem Stutzel über alle Maßen gut, und da er endlich den Zoll der Natur bezahlte, da ließ sie ihn in einen Sarg legen und weinte schmerzlich und wollte haben, daß auch die Dienerschaft weinen sollte. Die tat's der Herrin und dem Stutzel auch zulieb und heulte und schrie aus Leibeskräften um den gar guten Hund, bis auf eine alte Köchin, die weinte, wie die Jette Thok in der Nordlandsmythe um Baldur, mit trocknen Augen – darob zürnte die Herrin und gab ihr auch kein Trauerkleid, wie das übrige Gesinde empfangen. Da sie aber in die Küche kam, wo die Köchin Zwiebeln schnitt, davon ihr die Augen tränten, so sprach sie schmerzvoll: Nicht wahr, nun weinst du doch noch um den guten Stutzel? Sollst nun auch ein Trauerkleid haben! Die alte Köchin lächelte durch die Tränen und sagte nicht nein. – Nun wollte die Frau von Wangenheim, Stutzel solle feierlich beerdigt werden, und zwar nirgend anders hin als auf den Gottesacker; da kam der Pfarrer aufs Schloß und sagte: Gnädige Frau, dieses gehet nicht an. Der Gottesacker ist für Christenleute und nicht für einen Hund. Nicht einmal einen Juden dürfte ich auf selbigem begraben lassen. – So! sagte die Frau Jägermeisterin von Wangenheim Witwe, gehet es nicht an? Das tut mir leid. Der selige Stutzel war gar kein Hund, er hatte Menschenverstand, hat auch sogar ein Testament gemacht und darin Seiner Kirche einhundert Taler vermacht und Ihme selbsten fünfzig Taler, notabene, wenn ihm ein Plätzchen auf dem Kirchhof würde, außer dem aber nichts. – Das ist freilich ein ander Ding, gnädige Frau, die Kirche ist sehr arm, sagte darauf der Pfarrer, ei der gute fromme Stutzel! Wer weiß, ob nicht in ihm ein lieber Mensch verzaubert war, da er so vielen Menschenverstand gehabt. Nun – ich denke – ein Eckchen im Kirchhof – Ihro Gnaden mich dienstwilligst zu erzeigen. – Wurde darauf ein feierliches Leichenbegängnis veranstaltet und mußten Knechte und Mägde, so alle in Trauer gekleidet, hinter dem Hundesarg hergehen. Aber das wurmte die Gemeinde und kam herum in der Gegend, und wo sich ein Wintersteiner sehen ließ, lachten die Leute und spotteten, wie ohnehin die Thüringer gern spotten: Na, bei euch zu Winterstein leigt ja der Hund uff'm Kerfich (Kirchhof) begraben! – und kam vor die gnädige Landesherrschaft, wurde selbige darob sehr ungnädig, kam eine Kommission vom herzoglichen Consistorio zu Gotha, wurde der Pfarrer amtlich vernommen. Sagte, er hätte es um des armen Kirchleins willen zugelassen, half ihm aber sotane Ausrede gar nichts; Pfarrer wurde abgesetzt, und Stutzet wurde ausgegraben, ob die Frau von Wangenheim aber das Geld zurückerhalten hat, ist sehr zu bezweifeln; ein Herr von Wangenheim, der dieses selbst erzählt hat, wußte davon nichts. Nun ließ die Frau Jägermeistern von Wangenheim Witwe den Stutzel zum zweiten Male beisetzen, und zwar im Garten, und ließ ihm einen Stein zum Denkmal setzen, darauf der unvergeßliche Stutzel abgebildet war, wie er leibte und lebte, und eine schöne Grabschrift war darauf zu lesen, die Stutzels Tugenden der Unsterblichkeit überlieferte. Und noch immer geht das Sprüchwort: In Winterstein – da liegt der Hund begraben. *   486. Fische auf Bäumen Die freundliche Stadt Waltershausen am Fuße des Thüringer Waldes, nicht weit von Reinhardsbrunn, Schnepfental und dem Inselberge, führt in ihrem sehr alten Stadtwappen einen Karpfen auf drei Bäumen. Dort war vorzeiten oben vor dem Walde am Fuße des Strömelberges eine schöne Quelle, welche in die Stadt geleitet war. Eines Tages aber ergoß sie einen so furchtbar starken Wasserstrom, daß die Stadt und die ganze Gegend völlig überschwemmt wurde und alles zitterte und zagte, denn in vielen Häusern füllte das Wasser die untern Stockwerke, und da sie zum Teil keine obern hatten, war das gar schrecklich. Als das wilde Wasser sich in etwas verlaufen hatte, fand man Fische, Karpfen, Aale und Forellen, auf den Bäumen, und darum nahm zum ewigen Gedächtnis dieser Flut die Stadt den Karpfen auf Bäumen zum Wappen und Wahrzeichen an. Damit nun solche Wassersnot nicht wiederkehre, denn die Quelle quoll noch immer überstark, ließ der Stadtrat einen Klostermönch von Reinhardsbrunn herüberkommen, daß er die Quelle stopfe. Der ging hinauf, stopfte einen Samt- oder Kuttenärmel hinein und versprach sie, da hörte sie gar auf zu fließen; der Ort heißt noch bis heute der Samtärmel oder der Kuttenärmel. Da nun der Ärmel kein Tröpflein Wassers mehr ausfließen ließ, war guter Rat wieder teuer, und es hat hernach die Stadtgemeinde der Dorfschaft Wahlwinkel ihren Bach abgetauscht um ein Stück Tannenwald und ihn nach der Stadt geleitet. Selbiges war klug und weise, sonst gäbe es kein Wasser zu Waltershausen und könnte das dortige gute Bier nicht gebraut werden. *   487. Die weiße Frau auf Tenneberg Dicht über der Stadt Waltershausen liegt Schloß Tenneberg, dahin Landgraf Friedrich der Freudige sein neugeborenes Töchterlein von der Wartburg brachte und es taufen ließ; dies Schloß hat auch Landgraf Albrechts Sohn von der Kunne von Eisenberg eine Zeitlang innegehabt, mußte es aber bald wieder räumen. Auf Tenneberg geht ein Gespenst um in Gestalt einer weißen Frau; sie tritt aus einem Turme, darinnen bisweilen Lichtschein erblickt wird, und wandelt durch die Gemächer und hebt die Hand zum Haupt, als wolle sie dort etwas fassen, etwa eine Krone, und den Blick richtet sie suchend nach dem Boden. Einst kam eine Dame unter fürstlichem Geleite auf das Schloß, die blieb allda und durfte nimmer wieder einen Fuß in das Freie setzen. Sie saß in jenem Turme und trug ein langes weißes Kleid. Wer sie war, wußte niemand, dunkle Gerüchte nur liefen um, sie sei König Heinrichs von England für tot ausgegebene Gemahlin Anna, geborene Prinzeß von Cleve. Andere sagten, sie sei nicht die währe Königin Anna, sondern eine andere, die für jene sich ausgegeben, und deshalb werde sie gefangen gehalten. Viele aber waren der Meinung, wenn sie eine gemeine Betrügerin sei, so würde man von ihr nicht so viel Aufhebens machen, sondern ihr den Staupbesen verabreichen lassen und sie Landes verweisen. War jene Frau nun eine Königin oder war sie keine, das ist nie an den Tag gekommen, aber gequält ist sie worden und gemartert, irrsinnig ist sie geworden, und der Teufel hat sie auch gepeinigt und ihr hart zugesetzt, bis sie elend in ihrer Gefangenschaft gestorben. Nun wandelt sie als weiße Frau durch das schier öde Schloß und seine weiten Zimmer voll alter Jagdbilder und altmodischen Gerumpels und sucht – ihre verlorene Krone. *   488. Ohr druff Nicht weit von Waltershausen liegt die Stadt Ohrdruf, über der liegt auch ein Schloßberg, aber das Schloß ist längst verschwunden. Am Fuße des Schloßbergs quillt der Herlings- oder Hörlingsbrunnen. Zuzeiten wandelt in der Mittagsstunde eine weiße Jungfrau, die ein großes Gebund Schlüssel trägt, vom Schloßberg zum Hörlingsbrunnen herab, badet sich in dem Brunnen und geht dann wieder hinauf. An welche Bedingung ihre Erlösung geknüpft ist, weiß niemand. Wenn einer in die Nähe des verrufenen Ortes kommt, so kommt ihn schon ein Grauen an; die Leute sehen oft die Geister, aber sie weichen ihnen schweigend aus. Im Tale fließt aus dem Thüringer Walde heraus das rasche Flüßchen, die Ohre, deren Quelle hoch oben in der Nähe von Oberhof entspringt. Vorzeiten mangelte der Gegend Wasser, da stieg ein bekutteter Mönch hinauf auf die Berge, der hatte die Wünschelrute und suchte, und da sie schlug, legte er sich mit seinem Ohr auf den Boden (Ohr druff), da hörte er der Bergquelle Getön unterm Boden, grub nach und brachte die Ohrequellen zu Tage. In diese Gegend kam Bonifazius, der Thüringer Apostel, bekehrte die Bewohner und empfing Land und Waldung. Am Ohreufer ist dem heiligen Manne der Erzengel Michael erschienen mit großem Glanze und hat ihn ermutigt zur Ausdauer in seiner Sendung. Am Ohreufer hat ihm ein Fischaar Speise zugetragen, da alle Nahrung in den öden Forsten ihm und seinen Begleitern mangelte, und in Ohrdruf hat der Heilige dem Erzengel Michael eine Kirche und ein Kloster geweiht und gegründet, welche im Jahre 909 von den Hunnen zerstört, Hernachmals aber um so schöner wieder aufgebaut wurden. *   489. Sankt Johannis Kirche Da der heilige Bonifazius zuerst im Ohretale und auf diesen thüringischen Gefilden weilte, bis er weiterzog und in Arnstadt, Gotha, Erfurt, Salza, Langensalza, Thomasbrück, Vargula, Treffurt, Kreuzburg, Salzungen und anderwärts die Christenlehre predigte und Kirchen und Klöster gründete, soll er auf dem Altenberge das erste Kirchlein erbaut und in Sankt Johannis Ehre geweiht haben. Da strömte viel Volkes hin, und das Kirchlein faßte nicht die Menge der neuen Bekenner, und mußte der fromme Mann in das Freie treten und predigen, da waren aber ganze Schwärme zahlloser Raben und Krähen, die schrieen und lärmten nach ihrer Art also sehr, daß sie des Predigers Worte übertönten. Da hob er seine Hände auf und bat Gott, die Vögel zu zerstreuen – und alsbald erhoben sich die Scharen und flogen von bannen und ward kein solcher Vogel wieder gesehen, solange Sankt Johannis Kirche stand. Dort um sie her war dann auch der Begräbnisplatz der ersten Christen, doch kam die Zeit, daß es den Leuten zu beschwerlich ward, da hinauf zu gehen und auch die Toten so hoch zu tragen, brachen daher das Kirchlein ab, zumal es baufällig war, und schafften Steine und Gebälk herab, es am Fuß des Berges wieder aufzubauen, wo sich das Dorf Altenberge begründet hatte. Am Morgen war aber immer wieder alles fort und wieder droben eingefügt an seinen Ort und an seiner Stelle. Sankt Johannis Kirche wollte nicht im Tale stehen. So ließ man sie stehen und erbaute an den Bergesfuß, doch auch noch hoch genug, über dem Dorfe eine neue Kirche, St. Immanuel genannt. Endlich in den Zeiten ewiger Strömung, und da die Johanniskirche nicht mehr besucht ward, erlag sie den Stürmen, die über den hohen Berggipfel brausten, und alle Spur von ihr schwand hinweg bis auf geringe Überreste. Eines Tages fand ein Holzhauer am niedern Geäst eines uralten Baumes droben einen hochaltertümlichen Schlüssel hängen, das war der Schlüssel zur Johanniskirche. Hernachmals ist aus eines frommen Holzhauers Anregung ein hoher Leuchter auf dem Berg errichtet worden, der ward volksfestlich eingeweiht als Bonifaziusdenkmal und zur Erinnerung an sein Walten und Wirken in dieser Gegend und in schöner brüderlicher Eintracht von Geistlichen der drei christlichen Glaubensbekenntnisse gesegnet; der steht noch und heißt der thüringische Kandelaber und ist weit sichtbar im Land umher. *   490. Asolverod Einige Stunden weit von Ohrdruf, eine halbe Stunde hinter Arnstadt, stand die Käfernburg, allda wohnte ein frommer Graf des Namens Sizzo, dem gehörte das Land bis zu den Waldstrecken um den Altenberg, der erbaute hinter der Sankt Johanniskirche auch ein Kirchlein, das ward dem heiligen Georg geweiht, und seine Stätte nennen die Waldleute noch bis heute Sinngörgen. Da kam Eberhard, Graf von der Mark und Herr zu Berg, zum Besuch auf die Käfernburg, dessen oben die Sage Nr. 107 gedenkt, und sprach gar viel über fromme Werke mit dem Grafen Sizzo, dessen Gemahlin Gisela und beider Söhnen Heinrich und Günther, denn er war begriffen auf einer Bußfahrt und hatte sich allen ritterlichen Prunkes und Wesens abgetan. Da wurden sie überein Rates, die Georgenkirche auf dem Altenberge in ein Tal zu verlegen und dabei ein Kloster zu begründen, und fanden gar ein schönes Tal, fast so schön wie das zu Reinhardsbrunn, gegen die Ebene nach Gotha und Erfurt zu offen und rings von Bergen und Waldungen traulich umfriedet, von einem muntern Bach durchrollt, wo sich für die frommen Väter die schönsten Fischteiche anlegen ließen. Ein Mann des Namens Asolv hatte dort bereits gerodet und urbar gemacht, nach diesem nannte man den neuen Anbau Asolverod. Da aber St. Georgenkirche herab ins Tal kam, die sich nicht so sträubte, den Altenberg zu verlassen, wie Sankt Johanniskirche, so gewann der Name Georgenthal die Oberhand. Nun wurde das Kloster mit Zisterzienserordensbrüdern besetzt, und Eberhard wurde sein erster Abt, bis diese Würde ihm zu hoch und zu anmaßlich vorkam und er sie niederlegte und fortging und ein Hirte wurde zu Kloster Morimont in der Champagne. Georgenthal aber wurde neben Reinhardsbrunn eins der berühmtesten Klöster Thüringens und ist jetzt, nachdem vom Kloster bis auf die Umfassungsmauer und den schönen Fischteich das meiste verschwunden, gar ein schöner, stattlicher Ort. Innerhalb des Umfanges der alten Klostermauer steht noch als Fruchthäuschen der Rest einer mutmaßlichen Kapelle, das zeigt eine kunstvoll gearbeitete gotische Rose als ehemaliges Fenster, und es geht die Rede, daß deren Kreisumfang genau übereinstimme mit dem Kreisumfang des Glockenrandes der großen Maria gloriosa im Dom zu Erfurt. Unter der Rose liegt ein großmächtiger Schatz vergraben, sub rosa – unter dem Rosensiegel des Geheimnisses! Die jetzige Kirche zu Georgenthal soll nur des ehemaligen Klosters Schafstall gewesen sein; die alte Kirche ist ganz hinweg, der Bauernkrieg verheerte und zertrümmerte das reiche Stift. *   491. Luthersbrunnen Eine Stunde oberhalb Georgenthal in demselben Tale liegt der große und häuserreiche Flecken Tambach, in dessen Nähe gibt es auch der örtlichen Sagen gar viele. Da hat es kleine Schlösser gehabt fast auf allen Felsen umher, den Waldenfels, die Krahenburg, die Hohe Warte, den Falkenstein, von dem ein Ritter seine Gefangenen stürzte, die sich nicht lösen konnten, von deren verspritztem Blut wurden die weißen Blumen am Fels betaut und wurden rot, die heißen jetzt Blutnelken. Reicher Bergsegen war auch allda, es ist aber jetzt alles auflässig geworden, und allenden herrliche Quellen und Brunnen. Als Doktor Luther in Schmalkalden 1537 auf dem Fürstentage war, erkrankte er so heftig, ja tödlich, daß er darauf bestand, fort und zu den Seinen zu reisen, und gab ihm der Kurfürst von Sachsen seinen Wagen und seine Pferde und sein Geleite; fuhr die lange Höhe bis zum Rennstieg hinan, da man es droben auf der Fläche den Rosengarten nennt, und wieder zu Tale, empfand brennenden Durst und ließ halten an einem Quellbrunnen nahe am (alten) Weg, fühlte sich auf den Trunk merklich erleichtert, und im Gasthaus zu Tambach nahm er eine Kohle und schrieb damit an die Wand: Tambach est mea Pniel – den Namen der Stätte, wo Jakob mit Gott gerungen – ibi apparuit mihi dominus. M. L. Das hat lange in jenem Hause gestanden, und jener Brunnen, aus dem Lutherus Genesung trank, heißt heute noch der Luthersbrunnen. So wasserreich wird der Schoß der Berge in jener Gegend geglaubt, daß im Volke die gemeine Rede geht, für den Sperrhügel werde in Erfurt alljährlich noch gebetet, daß er seinen Schoß nicht auftue, denn es sei eine alte Sage und Prophezeiung, daß dieses dereinst geschehen werde – wenn es aber geschehen werde, so würde die Wassermasse in den Wedelbach fallen, dann in die Apfelstedt, die mit der Ohre vereinigt als die Koller – weil selber Bergfluß bisweilen ohnehin gewaltig braust, kollert und toll tut – in die Gera fällt, und das ganze Gefilde von Erfurt weit und breit überschwemmen. Deshalb sei zu Erfurt eine ewige Messe gestiftet, daß fort und fort für den Sperrhügel gebetet werde, und sei dem Stift St. Petri alldort dafür ein Stück Waldung zu eigen gegeben. Über den ganzen langen Rücken des Sperrhügels zieht der alte Rennweg hin. *   492. Teufelsbad und Teufelskreise Vom Sperrhügel läuft der Rennweg fort und fort über den Gebirgsgrat des Thüringer Waldes einerseits nach dem Inselberg, anderseits nach dem Beerberg in der Nähe des Schneekopfgipfels hin, den drei höchsten Punkten des Waldgebirgs. Wie auf dem Hochgipfel des Harzes, dem Brocken, so hat auch auf dem Schneekopf der Teufel seinen Aufenthalt, Spiel-, Turn- und Tummelplatz. Wenn es ihm in einer seiner gottverfluchten Spielhöllen in den Bädern drunten zu heiß geworden, geht er der Abkühlung halber in das Teufelsbad auf dem Schneekopf, und wenn es ihm einmal nicht mehr in den Kreisen der menschlichen Gesellschaft gefällt, fährt er hier herauf in die Teufelskreise, da ist ihm sehr wohl, da neckt und foppt er die Reisenden, und wo er nicht ausreicht, tut's trotz ihm der dicke Kreiser auf der Schmücke, der Schmücke Schmuck und Zier, die nur ein halbes Stündchen hoch unterm Schneekopfgipfel liegt. Auf der Schmücke ist eine Fohlenweide, da hatte ein reicher Filz auch ein sehr schönes Fohlen dabei, aber wenn Unglück sein Spiel haben soll – gerade als er hinaufkam, nach dem Fohlen zu sehen, hatte sich's verlaufen, war nirgend zu finden. Da brannte der Rhein und der Main, der Mann war außer sich – rannte selbst mit fort, das Fohlen im Walde zu suchen – und murmelte immer vor sich hin: Wo es nur der Teufel hat? Wo es nur der Teufel hat? – und da kam er unvermerkt an das Teufelsbad – und siehe – da drinnen hatte es der Teufel – es guckte gerade nur noch mit dem Hinterviertel heraus und schien tot. Der unglückliche Fohlenbesitzer schlug die Hände überm Kopf zusammen, rief, schrie – niemand hörte ihn, niemand kam zu Hülfe, er allein vermochte nicht das Pferd aus dem Wasser zu ziehen, dennoch wagte er sich auf der schwankenden Moosdecke bis an das arme Rößlein und dachte: Verfluchtiger Teufel, den schönen Schweif sollst du doch nicht haben, den kann der Kreiser zu Schneiseschlingen mir abkaufen und damit die Kramtsvögel fangen, die er seinen Freunden – verspricht, aber alle selber ißt. – Zog sein scharfes Taschenmesser, schnitt rups und kahl den Schweif dicht am Bürzel ab und trabte wieder zur Schmücke hinunter. In der Türe stand Herr Joel und rief ihm freudig entgegen: Es ist da! Es ist da! – Was ist da? fragte der Geizkragen. – Das Fohlen! – Wo? Wo? – Na, es wird etwa im Speisesaal sein oder auf dem Oberboden! – Was zum Kuckuck habt Ihr denn da in der Hand? Ihr seid wohl unversehens Pascha von einem Roßschweif geworden? – Der Fohlenbesitzer hörte auf kein Wort weiter, er rannte in den Stall – da stand sein Fohlen – aber o Schrecken – der Schweif war ihm abgeschnitten rups und rattenkahl, den hielt der Filz in der Hand, und der Bürzel blutete noch. So hatte ihn der Teufel geäfft, den Schaden hatte er, und für den Spott brauchte er droben auf der Schmücke nicht zu sorgen. Der Kreiser kaufte die Pferdehaare nicht und schickte andern auch keine Kramtsvögel. Einem Bergmann aus Goldlauter begegnete einst in einer Mondnacht da droben ein großer stattlicher Reitersmann in einem roten Mantel, der fragte ihn um den Weg nach dem Teufelsbad, und der Bergmann ging mit und zeigte den Weg. An Ort und Stelle stieg der Reiter ab, gab dem Bergmann sein Pferd zu halten und senkte sich mir nichts dir nichts in das Teufelsbad hinein. Der Bergmann schauderte, und das Roß schnaubte Feuer und stand nur auf drei Beinen, weil es deren nicht mehrere hatte. Nach einer Weile stieg der Reiter wieder aus dem Bad und auf sein Roß, ließ sich wieder auf den Weg bringen und ritt nach dem Finsterberg zu, übers Mordfleck hinüber, nachdem er dem Führer zugerufen: Fülle Laub in deinen Kober! – Das tat denn auch der Bergmann und schlug den steilen Weg nach Goldlauter hinunter ein – da dünkte ihm, der Kober sei doch gar zu schwer und das doch eigentlich ein schlechter – nein – gar kein Lohn für einen Weg zu weisen und ein dreibeiniges Pferd zu halten. Laub in den Kober – lausig und power – murrte der Bergmann und schmiß das Laub wieder aus dem Kober heraus. Als ihm am andern Morgen seine Frau Essen in den Kober tun wollte, hingen an dessen Wänden noch unterschiedliche Goldblättlein – das war für die armen Bauern ein gefundenes Essen – es machte sie reich. Aber wenn der Bergmann erst das andere Laub nicht weggeworfen hätte, zum Grafen von Henneberg hätte er gehen und fragen können: Wie teuer dein Land? *   493. Der Jägerstein Nicht weit von den Teufelskreisen steht im Schneekopfwalde einsam unter den Bäumen ein Denkstein. Ein Förster zu Gräfenrode, dessen Revier sich bis auf diese Höhen herauf erstreckte, fand hier seinen Tod. Er hatte einen Jägerburschen, welcher sein Vetter war und wirklich Caspar hieß – mit dem er in großem Unfrieden lebte und ihn den Herrn mit Strenge fühlen ließ. Da sich nun droben im Schneekopfreviere zum öftern ein sehr großer feister jagdgerechter Hirsch von vielen Enden, aber über sechzehn, hatte erblicken lassen, so gab der Förster dem Caspar den Auftrag, selben Hirsch zu schießen. Aber wer den Hirsch nicht schoß, war der Caspar, dieweil er ihn, und wenn er ihn auch ganz nahe vor dem Lauf hatte, stets fehlte, und wenn er nun nach Hause kam, so mußte er Hohn und Spottreden über sein Ungeschick in Menge vernehmen, und in Gesellschaft, wenn die Weidgenossen der Umgegend droben auf der Schmücke oder im Auerhahn oder zu Oberhof beim Trunke zusammensaßen, da sagte jener Förster oft spöttisch in Caspars Gegenwart: Ja, mein Vetter, der Caspar, was der für einen Treffer hat, das ist unglaublich – es glaubt's niemand! Der trifft im Finstern, daß man gar nicht sieht, was er geschossen hat! – und dergleichen Stichelreden mehr. – Das wurmte nun den Caspar gehörig, und da er an einem alten Weidgesellen einen Freund hatte, den solches auch wurmte, so sagte ihm der kurz und gut: Caspar, die Geschichte mit dem Hirsch da droben ist nicht richtig, das kennen wir, den wirst du mit einer Bleikugel in Ewigkeit nicht treffen, das hat was anders auf sich. Geh einmal morgen in der Früh hinauf nach Gehlberg in die Glashütte und laß dir eine gläserne Kugel machen, das ist gleich geschehen, und die lade nur stillschweigend in die Büchse und gehe abends wieder hinauf auf den Anstand. Diesen Rat befolgte der Caspar, stand droben, lauerte, da krachte es in den Büschen, und da kam der Kapitalhirsch und äsete sich, und Caspar nahm ihn fest aufs Korn und drückte los und sah die Kugel wie einen blitzenden Feuerpfeil nach dem Hirsch fahren und diesen zusammenbrechen. Freudig über seinen endlichen Glücksschuß eilte er hin; er brauchte dem Hirsch den Genickfang nicht zu geben, er war verendet – aber – es war ja gar kein Hirsch, es war Herr Johann Valentin Grahner, sein Prinzipal, der sich mit bösen Weidmannsstücklein stets in den Hirsch verwandelt hatte. Der Schreck war groß, aber geschehen war geschehen. Caspar zeigte die Sache an, Herr Grahner wurde ehrlich begraben, und der Schuldiener zu Gräfenrode schnitt sich eine frische Feder und schrieb in das Kirchenbuch: A. 1690. den 16. Sept. ist der Fürstl. Sächs. Forst-Knecht, Herr Joh. Valentin Grahner, abends nach 4 Uhr von seinem Vetter Caspar, der ein Jäger-Bursch war, im Walde am Schneekopf, in Verblendung einer Hirschgestalt, an den Schlaf durch den Kopf geschossen worden, da Knall und Fall eins gewesen ist. *   494. Die Wunder der Berge Vom Gebirgskamm, auf dem sich die Hochwarten des Beerberg und Schneekopf erheben, rieseln und rauschen die Quellen mannigfalt nach Osten und Westen zu Tale. Die muntere Lauter, die westwärts rollt, führte einst lauteres Gold in ihrem Rinnsal, davon hat das Dorf Goldlauter seinen Namen. Dortherum stand und steht in den Bergen viel edles Metall. Unterm Hirschkopf, wo die Gold, das Bächlein, entspringt, steht im Berge ein goldner Hirsch – aber das Bergwerk ist mit einem Hufeisen versetzt. Bedeutsam heißt der Felsen, wo es steht, die Hoffnungswand. Oben am Schneekopf ist ein Ort, der heißt die goldne Brücke, da ist des Reichtums genug hinweggetragen worden. Ostwärts fließen die Quellen der muntern Gera, der gepriesenen Ilm; und allenden weiß die Sage von gefeiten Stellen, von verschlossenen Schätzen, von Wächterjungfrauen, die sie hüten, von glücklichen Fündnern zu erzählen, denen alles zu Golde wird, was sie zur Glücksstunde an besonderen Stellen aufgehoben und mit sich getragen, Laub und Frösche, Käfer und Spinnen. Im obern Ilmgrunde steht der blaue Stein, gleich unterm Mordfleck an den Freibächen, auch mit einem Ort, die Hoffnung genannt, es ist um ihn nicht geheuer, der Herr der Wüstenei hat dort sein Wesen und Affenspiel. Burgruinen bergen in ihren verschlossenen Kellern manchen Schatz und auch Fässer, deren Dauben längst verfault, aber der Weinstein hält den Wein umschlossen in seiner Kristallhöhle. Da ist kein Tal und kein Tälchen, darin nicht ein Venetianer seinen Aufenthalt und seinen Silberborn gehabt. Feuermänner wandeln, besonders Amtleute und Förster, die im Leben Untaten getan oder die Leute allzu hart geplagt. Wer von alledem erzählen will, weiß gar nicht, wohin zunächst sich wenden. *   495. Der rote Stein Bei der Bergstadt Suhl, allwo es im Jahre des Herrn 1238, am 5. Mai, bei einem starken Gewitter Fleisch geregnet, steht ein Porphyrfels, der heißt der rote Stein. In demselben ist eine Jungfrau verzaubert, welche die Gewohnheit hat, vielmal hintereinander zu niesen, wie die bei Eisenach. Dieser Stein liegt zwischen Suhl und dem eine halbe Stunde von der Stadt gelegenen Gasthaus zum fröhlichen Mann. Einst kam ein Hochzeitzug geschritten, Musik voran, mit Lärm und Jubel, Brautpaar und Hochzeitgäste zogen hinauf zum fröhlichen Mann, sich dort gütlich zu tun, da ward aus dem roten Stein eine Stimme vernommen, die kreischte, daß es allen durchs Herz fuhr: Heute rot, übers Jahr tot! Und ein Jahr darauf war die junge Frau tot. Seitdem schweigt jeder Hochzeitzug, er komme von der Stadt herauf oder ziehe nach ihr hinab nach genossener Festlust auf dem fröhlichen Mann, und wandelt an dem roten Steine still vorüber. *   496. Zauberkünste in Heinrichs Unter Suhla liegt der Stadtflecken Heinrichs, über diesem Ort aber eine Steinburg mit verzauberten Schätzen, die nicht wohl zu heben sind. Ein Hirte pflückte droben eine weiße Lilie, und es ging ihm wie seinen Kameraden, daß er im Bergesschoß das Beste vergaß. Die zuschlagende Türe des Felsengewölbes schlug ihm die Ferse wund, daß er lange daran kurieren mußte. Nach Heinrichs sind einmal drei Wildschützen gekommen, die waren ihrer Kunst so gewiß wie der Hänsel Winkelsee, der zu Frankfurt am Main den Neuner durch die Eschenheimer Torturmfahne schoß, und kehrten im Gasthaus zum goldnen Hirsch ein, schon des Namens wegen, um hinten im Hofe, wo der Keller, ein Glas gutes Bier zu trinken, welches allda zu haben. Da kam unter den Gästen, die da zechten, die Rede auf die Schießfertigkeit und wurde manch hübsches Jägerstücklein erzählt, denn dortherum wimmelt es von Jägern, und zumal von Schützen, und dazumal gab es auch noch etwas zu schießen, trotz der vielen heimlichen Schützen, wie diese drei welche waren, obschon jedermann es wußte, und auf Kugeln besprechen, stets und sicher treffen und dergleichen anziehende Gesprächsgegenstände, und da rühmte sich der und jener und ward gesagt, die Drei sollten doch auch ihre Kunst einmal sehen lassen, wenn sie Wildschützen sein wollten, obgleich sie keine sein wollten. Da brach einer ein Kleeblatt ab, und der zweite langte eine Leiter und legte sie an die Steinwand des Gebäudes, das den Hof des goldnen Hirsches hinten beim Keller abschließt, und der dritte ging aus dem Hause über die Straße bis an die gegenüberstehende Häuserreihe, behielt aber, da die Torfahrt offenstand und die Flur hoch gewölbt und auch nach dem Hofe offen war, das Kleeblatt im Auge und zählte neunzig Gänge. Darauf haben die Schützen nach dem Kleeblatt geschossen, jeder nur eine Kugel, und wie einer schoß, schwand ein Blatt des Kleeblattes, aber die drei Kugelspuren nebeneinander sind noch sichtbar bis auf diesen Tag. Dann sind die drei Wildschützen stillschweigend zum Ort hinausgegangen. Einigen Bauern in Heinrichs war das Vieh bezaubert, daß sie keine Butter mehr gewinnen konnten, da gingen sie zu einer alten Hexe und fragten diese um Rat, was sie dagegen tun sollten. Da unterwies das Hexenweib die Bauern, sie sollten in aller Teufel Namen zu einem Töpfer gehen, dort in gleichem Namen einen Topf bestellen, den solle der Töpfer auch in aller Teufel Namen fertig machen, und dann sollten sie den Topf ebenso auf einem vierspännigen Wagen abholen und dafür zahlen, was gefordert werde, ohne zu handeln. In diesen Topf sollte dann alle Milch nach und nach ein- und auch wieder ausgegossen werden. Diesen ganzen Hexen- und Teufelsrat befolgten die Bauern zu Heinrichs, wo das Hexenwesen, wie im ganzen Henneberger Land, in so voller Blüte stand, daß eine Herzogin zu Sachsen, deren Gemahl ein Landesteil dieser gefürsteten Grafschaft bei einer Erbverteilung zufiel, erklärte, sie gehe nicht in den Bereich der schwarzen Henne, und auch wirklich nicht hineinkam, denn sie starb, bevor ihr Gemahl Besitz nahm. Es wurde aber, bevor der Topf noch gebraucht ward, durch das auffallende Abholen desselben beim Töpfer, wo fünfzehn Groschen für den Topf bezahlt wurden, auf vierspännigem Wagen die Sache ruchbar, kam vor das Konsistorium und wurde der Teufelei ein Ende mit Schrecken gemacht. Die Bäuerlein mußten im Armsünderhemd Kirchenbuße tun und mehr Strafgeld zahlen, als alle Butter eines ganzen Jahres in Heinrichs wert war, den Topf zerschlug der Scharfrichter auf dem Schindersrasen, und an demselben angenehmen Ort wurde die Hexe verbrannt. Ein Glück für die Bäuerlein, daß der Topf noch nicht gebraucht war, sie hätten sonst mitbrennen müssen ohne Gnade. *   497. Die Harchelsbeerhecke Von Heinrichs im Talgrunde der Hasel abwärts wird ein Dorf erreicht, des Name ist Dillstedt, da ist ein Platz, den nennen die Leute nur die Malscht, das ist Malstätte, darüberhin gingen sonst immer die Brautleute, wenn sie mit ihren Gästen in das Wirtshaus zum Tanze zogen, wie die Suhlaer an ihrem roten Stein vorbei zum fröhlichen Mann. Am Wege stand eine Harchels- (Stachel)beerhecke, und da einstmals auch ein Brautpaar mit aufspielender Musik dort vorbeizog, da sang ein Vögelein mit lauter Stimme aus der Hecke: Heut werrschtde nauf g'klunge un übbers Jaar nauf g'sunge! Und wie das Jahr herum war, da ging mit Trauerliedergesang ein Leichenzug über die Malscht, und das war das junge Paar, sie waren beiderseits an einer schwinden Krankheit gestorben; seitdem geht kein Brautzug mehr über die Malscht, und sollte einer, um in das Wirtshaus zu gelangen, den größten Umweg nehmen. *   498. Das verwünschte Dorf In der Flurmarkung von Dillstedt fliegt eine Wüstung, die heißt Germelshausen, da hat ein Dorf gestanden, steht auch noch, aber keiner sieht es, auch ist nicht gut, es zu sehen. Vor hundert Jahren ohngefähr kam der Feldscherer von Dietzhausen, zwischen Dillstedt und Heinrichs, durch den einsamen Grund zwischen Nora und Marisfeld, den der Görzbach durchfließt, und so kam er in ein Dorf hinein und sah da die Leute in die Kirche gehen und wunderte sich der altvaterischen Tracht, und als er nach Nor kam, wo man sich neumodisch trägt, fragte er, was denn das für ein Dorf sei, es konnte ihm aber niemand Bescheid geben, und die Leute sagten, da, wo er es beschrieb, am Görzbach, liege kein Dorf. Zu derselben Zeit, es war Michaelis und in Dillstedt Kirmse, ging der Schuhmacher von Wichtshausen, zwischen Dillstedt und Dietzhausen, ein einfacher und schlichter Mann, nach Marisfeld zu, der kam zum erstenmal in jene Gegend und gelangte nahe an ein Dorf, darin krähten die Hähne und bellten die Hunde, und vor ihm her nahebei ging eine Frau, die eilte nach dem Dorfe. Der Mann rief sie an, um sich nach dem Wege zu befragen, aber sie hörte ihn nicht und schritt nach dem Dorfe auf einem ganz verraseten Fußpfad, des Mannes Weg aber führte ihn seitwärts vorbei und an einem ganz übergraseten Teich vorüber, und er wunderte sich, daß die Leute diesen Teich so ganz vernachlässigten. Als er sein Geschäft zu Marisfeld vollbracht und wieder heimwärtsging, war der Teich und das Dorf verschwunden. Ein Nachbar, dem der Schuhmacher das erzählte, sagte ihm, er solle froh sein, daß er der Frau nicht nachgefolgt sei, da wäre er wohl nicht wieder heimgekommen. Er habe das verwünschte Dorf Germelshausen gesehen, und es sei dortherum gar nicht geheuer. *   499. Von einem Bergmann und einer Braut Aus dem Dietzhäuser Grund geht ein Bergweg nach Benshausen; dort herum sind vor alters auch Bergwerke gewesen und wohnten Bergleute im Ort. Von denen ist einmal einer am Sonnabend zur Beichte gegangen, und am Sonntag darauf wollte er zum Abendmahl gehen. Nun ist alter Brauch, daß nach der Beichte niemand mehr arbeiten soll, sondern seine Gedanken all auf das fromme Vorhaben richten. Der Bergmann aber wollte sein bißchen Lohn nicht einbüßen und fuhr nach der Beichte dennoch wieder vor Ort. Aber kaum war er in der Grube, als der Schacht einstürzte und alle Spur von ihm verschwand. Erst nach hundert Jahren, da andere Bergleute dort einschlugen und ein Bergwerk bauten, fanden sie in einem Gang einen Bergmann, der hatte einen großen langen Bart und schien zu schlafen. Und da sie um ihn redeten, erwachte er und fragte gleich: Hat es schon zusammengeschlagen? Ich muß zum Nachtmahl gehen! – Da sprachen die andern: Es ist heute kein Sonntag und ist keine Kirche, es ist Werkeltag. – Doch, sprach er, nächten bin ich zur Beicht gewesen, und heint muß ich zum Abendmahl gehen. – Da geleiteten sie ihn aus der Grube und nach der Kirche und holten den Pfarrer, der gab ihm das heilige Abendmahl, und wie er es empfangen hatte, stürzte er zusammen und war ein Häufchen Asche. Ähnlich ging es in Benshausen zu mit einer Braut, welche gezwungen heiraten mußte. Vor der Trauung, als es zum zweiten Male läutete, war sie fertig angezogen, weinte sehr und sprach: Laßt mich nur erst noch einen Augenblick allein hinaus in den Garten, ich muß frische Luft schöpfen – denn das Herz war ihr gar zu sehr beklemmt. Im Garten weinte sie bitterlich über ihr Unglück, da trat ein fremder Mann, den sie nie gesehen, ihr nahe, der fragte sie um ihren Kummer, und sie klagte und vertraute ihm alles, er aber sprach ihr Trost zu mit milder Stimme und wandelte mit ihr und sprach allerhand, lobte auch ihren Garten und sagte, seiner sei auch recht schön, wenn sie ihn sehen wollte, gleich daneben, und da stand ein Pförtlein auf, und sie traten ein, gleichwohl hatte die Braut diesen Garten noch niemals gesehen, auch niemals einen so wunderschönen Garten, in dem so vielerlei zu sehen gewesen wäre. Die schönsten Blumen und Vögel, Springbrunnen, Baumgänge, Lauben, Gebüsche, Rasenplätze, Beeren und Früchte aller Art. Darüber freute sich die junge Braut und vergaß ihr Herzeleid, das sie drückte, und der Mann sprach gar angenehm mit ihr. Mit einem Male schlug es zusammen, da gedachte die Braut ihrer Pflicht, nahm höflich und züchtig Abschied von dem Mann und ging wieder in ihren Garten zurück und durch denselben vor in das Haus, um nun mit Bräutigam und Gästen in die Kirche zu ziehen. Aber da war alles verändert und ihr fremd, und fremde Menschen staunten sie an, ihren altväterischen Brautputz, und fragten sie, was sie wolle, und wo sie herkomme. – Da waren kein Bräutigam, kein Vater, keine Mutter, keine Hochzeitgäste – und da wurde nachgeforscht, und da fand sich, daß vor hundert Jahren eine Braut kurz vor dem Zusammenschlagen in den Garten gegangen und nicht wiedergekommen war, gleich jenem Brautpaar, das hinauf zum Kyffhäuser ging, Hochzeitgeräte zu leihen, und schwer daran zu tragen glaubte, als es herabschritt; es trug nur schwer an der Last seiner Jahre. Da hat sich die Braut wieder zurückgesehnt aus der ihr fremden Welt in den Garten des freundlichen Mannes, der kein anderer war als Christus, unser Herr und Heiland, und ist bald darauf eingegangen in den Garten des himmlischen Paradieses. *   500. Fahrsamen In einem gewissen Hause zu Benshausen muß ein Jäger umgehen, weil er Fahrsamen gewann (soll Farnsamen heißen). Diesen Samen zu gewinnen ist eine teuflische Kunst, ähnlich der, die jener Jäger in Dithmarschen übte, der in die Sonne schoß, doch bedurfte der Benshäuser dazu keiner heiligen Hostie. Er mußte zur Sommersonnenwendezeit, wenn die Sonne die Mittagshöhe erreicht hat, in die Sonne schießen, da fielen drei Blutstropfen herunter, die mußte er auffangen und aufbewahren, das war der Fahrsamen. Nun konnte der Jäger, solange er den Fahrsamen bei sich trug, schießen, wonach er wollte, es ging ihm nimmer fehl, bis zuletzt, da es an ein seliges Sterbestündlein kommen sollte, da fehlte es merklich sehr. Der Jäger sagte voraus, man werde einstmals von ihm einen garstigen Brüll hören, dann werde er weg sein, und so geschah es auch; der Teufel holte ihn, da seine Zeit um war. Auf dem Wege nach Virnau hat man diesen Jäger nachher oftmals sitzen sehen in altmodischer Tracht, mit umgeschlagenem dreieckten Hütlein, und hatte bei sich drei kleine weiße Hündlein, wie der Wode, zu jeder Seite eins und eins auf dem Schoße. *   501. Frau Holle und der treue Eckart Unter Benshausen liegt der Stadtflecken Schwarza, durch den zog einstmals zur Weihnachtszeit die Frau Holle mit ihrem wütenden Heere, voran aber ging der treue Eckart und warnte die Leute, im Wege zu bleiben, damit ihnen kein Leides geschehe, denn das Heer nahm die ganze Wegbreite ein, und auf den die Larven stießen, dem erging es nicht gut. Da nun der Schwarm durch den Ort gebraust war, kamen zwei Knaben des Weges, die trugen Krüge voll Bier, das hatten sie auf dem Köhler geholt, einem Wirtshaus mit Mühle, gleich am Wege, eine Strecke unter Schwarza, allwo es immer gutes Bier gibt, und ist viele Einkehr daselbst. Diese Knaben hieß der treue Eckart auch zur Seite treten, und sie drückten sich furchtsam seitab; gleichwohl wurden sie doch wahrgenommen, und da die wilden Jäger immer Durst haben, so traten einige der Furien zu ihnen, entnahmen ihnen die Krüge und züllten ihnen das Bier aus. Darüber waren hernach die Knaben sehr bekümmert, denn sie fürchteten daheim Schläge, wenn sie kein Bier brächten, und hatten doch kein Geld, anderes zu holen, aber auf einmal stand der treue Eckart wieder bei ihnen und sprach: Seid nur getrost, ihr Jungen; es war gut, daß ihr das Bier freiwillig hergetan, sonst stände es jetzt schlecht um eure Hälse. Geht nur immer getrost heim mit euern Krügen, sagt aber binnen drei Tagen keiner Seele etwas von dem, was euch heint abend begegnet. Wie nun die Knaben heimkamen, waren die Krüge voll und schwer und war ein Bier darin, wie solches die Mannen zu Schwarza noch nie getrunken, just wie englisch Öl (Ale), als wär' es in Tölz gebraut, was aber das Beste und Wundersamste war, die Krüge wurden nicht leer, sie gaben fort und fort Bier her, das war eine ganz prächtige Sache – bis die drei Tage um waren und die Knaben ihr Schweigen brachen. Da war's alle. *   502. Der Tannenbusch Wenn man von Schwarza dem dunkeln Bergwasser der Schwarza entgegengeht, kommt man bald nach dem Dorfe Birnau. Daselbst lebte ein alter Förster, der hieß Jakob, den neckte oft, wenn er im Walde ging, mancherlei Spuk. So geschah es ihm auch zu einer Zeit, daß, wenn er auf den Anstand ging und ihm ein Hirsch in den Schuß kam, ihm, sowie er schießen wollte, ein Tannenbusch vor die Büchse trat, so daß er niemals schießen konnte, denn sowie er sich seitwärts bog, rückte der Busch nach, und wenn er dann ärgerlich das Rohr absetzte und an eine andere Stelle ging, so war zwar der Tannenbusch fort, aber auch der Hirsch. Das machte dem alten Förster viele Sorge, und er ging nach Dreißigacker, allwo ein Scharfrichter wohnte, den fragte er um Rat in dieser Sache. Der Scharfrichter besann sich gar nicht lange, sondern sagte: Wenn Euch der Tannenbusch wieder vor den Lauf tritt, so zieht Euren Hirschfänger und putzt ihn nur aus. Bald ging der alte Förster Jakob wieder auf den Anstand, und siehe, es währte nicht lange, so zeigte sich ein Hirsch, und auch der Tannenbusch stand vor der Mündung des Gewehrs. Flugs tat der Förster, wie der Scharfrichter ihm geraten hatte, zog den Hirschfänger und begann den Busch auszuputzen. Doch war es ein hartes Holz, kein Zweiglein fiel ab, aber in den Stahl des Seitengewehrs sprang manche Scharte, so daß Jakob bald abließ und nach Hause ging. Im Dorfe Birnau aber fand sich eine Frau tödlich krank, hatte viele Wunden an ihren Armen und Beinen, und kein Mensch wußte, wie sie dazu gekommen. Sie war die Hexe, die in Gestalt eines Tannenbusches den Förster geäfft, weil er sie zum öftern im Walde auf dem Holzdiebstahl angetroffen, ihr den Korb zertreten, sie geprügelt, in die Waldbuße geschrieben und ihr sonst allerlei Tort und Schimpf angetan hatte. *   503. Vom alten Schloß Hallenberg Wer von Birnau immer weiter talaufwärts geht, überschreitet die Grenzmark der hessischen Herrschaft Schmalkalden und gelangt nach Steinbach-Hallenberg, wo hoch überm großen langgebauten Flecken malerisch die Trümmer des Schlosses Hallenberg horstet. In jener Gegend gibt es viele Sagen auf den Höhen der Berge wie in den Talgründen. Die Burg Hallenberg soll derselbe Baumeister erbaut haben, welcher Schloß Hennebcrg erbaute; sie war auch eine Hennebergische Burg. Im Gemäuer droben wird noch eine Höhlung gezeigt, in der ein Särglein gefunden wurde, darin eine Kindesleiche. Von Zeit zu Zeit läßt sich am Schloß eine weiße Jungfrau sehen, die wandelt in der Mittagsstunde den Berg herab bis an das alte Malzhaus, das mit einem Türmchen geziert ist, darin hangt noch ein Glöckchen, das früher auf der Hallenburg hing, von silberhellem Ton und Klang, daher es auch das Silberglöckchen genannt wird. Man sagt, daß einige Juden aus Schwarza das Glöckchen ganz mit Silber anzufüllen sich einst erboten hätten, wenn man für dieses Silber ihnen jenes überlassen wolle; man ist aber auf diesen angetragenen Tausch nicht eingegangen. Das Glöckchen trägt die Inschrift: Ave Maria gracia, MCCCCXX . Die Leute haben einen Aberglauben, daß abgefeiltes Metall davon gut sei gegen die Schwerenot und fallende Sucht, daher sieht man vielfache Spuren von Einfeilungen rund um den Rand herum. Die Feile wird von den Kranken auf Butterbrot eingenommen, es soll probatum sein. Ohnweit Steinbach-Hallenberg sind die Silberlöcher, durch diese fließt ein Wasser, und unter dem Wasser ist eine Höhle, daraus haben vordessen die Venetianer großes Gut getragen. Ein Köhler mußte ihnen immer seinen Harztiegel leihen, darin schmolzen sie das edle Erz. Endlich dachte der Köhler, du kannst ja auch einmal hinuntergehen und für dich etwas holen und auch schmelzen, und wollte in die Höhle hinein, aber da lag ein unbändig großer Hund drin, der bleckte ihm die Zähne, und hatte feurige Augen und machte ein Geknurr, als ob's der leibhaftige Satan selbst wäre – da verging dem Köhler das Goldlangen. *   504. Ebersdorf und Ebersgrund Von Steinbach-Hallenberg nach Stadt Schmalkalden zieht sich ein hügeliger Wiesengrund hin, darauf hat vorzeiten ein Dorf gestanden des Namens Ebersdorf. Das Dorf war reich, und seine Bewohner hatten Bergbau auf Gold, Silber und Kupfer. Da wurden sie ob des gewonnenen Reichtums übermütig, frevelten am Heiligen, gingen nicht mehr in die Kirche und führten ein gottloses und üppiges Leben. Nun diente in Ebersdorf eine fromme Magd, die war gebürtig aus Springstillen, einem Dorfe nahe bei Schmalkalden, die bat an einem Sonntag Urlaub von ihrer Herrschaft, daß sie nach Hause gehen dürfe und das heilige Abendmahl empfangen. Über diesen gottwohlgefälligen Vorsatz wurde sie gescholten und verhöhnt, doch durfte sie von dannen und ging weinend ihres Wegs. Als sie zurückkam, fand sie das Dorf nicht mehr, nur ragte da, wo es gestanden, in der Mitte ein Hügel, und aus diesem blinkte der Turmspitze goldnes Kreuz, wie ein Kreuz über einem großen Grabe. Das Dorf war versunken, doch hörte sie noch in der Tiefe die Hähne ängstlich krähen. Da wandte sich die Magd abermals zurück in ihren Heimatort und kündete, was sie gesehen; niemand aber glaubte ihr, doch gingen viele Springstiller mit und sahen das Wunder, welches sich begeben. Nun war auch das Kreuz vollends in die Tiefe gesunken, auch krähte kein Hahn mehr in und nach dem Dorfe, und über seiner Stätte lagerte tiefe, grauenvolle Stille. Nach einiger Zeit nahmen die Leute von Springstille Besitz von der Flurmarkung, und daher kommt es, daß noch heute viele Springstiller im Ebersgrunde Wiesen besitzen. Man sieht noch den Kirchhügel in des Talgrundes Mitte und erblickt in der Nähe alte Heckenlinien, die Abgrenzungen ehemaliger Gärten. *   505. Gadamars Gesicht Aus dem Ebersgrund gelangt man nach Asbach und in den Talkessel, darinnen die alte Stadt Schmalkalden liegt, berühmt ob der in ihr gehaltenen Fürstentage, mehrmaliger Anwesenheit Doktor Luthers, der beim Rentmeister Balthasar Wilhelm am Topfmarkt, jetzt Kaufmann Sanners Haus, wohnte und auch im selben Hause eine Predigt hielt, und durch jene berühmten von Melanchthon alldort verfaßten Artikel des christlichen Glaubens. Zu Schmalkalden lebte im Jahre 1526 ein frommer Mann des Namens Siegmund Gadamar und war dieses Jahres ein Bürgermeister, denn allda bestand seit langen Zeiten her die Einrichtung, daß zwei Bürgermeister und zwei Gemeindevormünder und nicht eine Heerschar von Stadt- und Gemeinderäten das städtische Regiment verwalteten, diese aber wurden jedes Jahr von der Gemeinde neu gewählt, nur daß meistenteils der zweite Gemeindevormund eines Jahres zum ersten im folgenden erwählt wurde. Dieser fromme Herr Gadamar hatte sich der neuen Lehre des Evangeliums zugewendet, wie auch frühzeitig Balthasar Wilhelm, Luthers nachmaliger Wirt, getan, und hatten beide mancherlei Anfechtungen darob. Ging eines Abends Herr Gadamar mit bekümmertem Gemüt schlafen, kam, er wußte nicht wo und wie, in eine Stube, darin ein trotziger Leue stand, fürchtete sich aber gar nicht, war ganz mutig, dann sah er eine Anzahl Fürsten im Kreise stehen, die wider den Löwen ratschlagten, etwan sieben, und an einem Tische saß ein alter Mann, der nahm sich keiner Sache an und tat, als schliefe er. Auf diese Fürsten ging der Löwe grimmig los, und sie hatten keine Waffen und zagten, einer aber nahm kecklich einen Stuhl und wehrte damit den Leuen ab. Der Löwe aber schlug seine Pranke durch den Stuhl, und blieb selbe drinnen stecken, da hatte der Fürst gleich einen hessischen Bock- oder Kampfdegen in der rechten Hand und stach damit auf den Löwen los, daß es puffte, doch hörte Gadamar es eben nur puffen und sah nicht, daß der Löwe verwundet ward, die andern aber zagten und gaben Rat, dem Löwen den Schweif abzuhauen, darinnen habe er seine größte Stärke, und da hieb einer aus ihrer Mitte dem Tiere den Schweif ab, ohne daß der Seher sah, woher jener das Schwert nahm. Darauf gingen sie alle aus der Stube und ratschlagten, und das Haus war ganz finster, der Löwe aber wirkte sich aus dem Stuhle los und legte sich vorn an der Türe auf die Bank und gewann wieder Stärke und wurde so grimmig, daß er schäumte, und rollte seine Augäpfel so sehr, daß man nur das Weiße sah, und ob solchen Ingrimmes sah er erst gar nicht, daß die Fürsten wieder in das Zimmer traten, wieder unbewehrt, und der Löwe wollte sie zerreißen. Da erhob sich am Tische der Mann, der zu schlummern geschienen hatte, und hob nur zwei Finger drohend gegen den Löwen, sprach aber kein Wort, und der Leu gehorchte ihm. Der Mann aber verwandelte seine Gestalt und war Jesus Christus, und ein Menschenbild sprach zu Gadamar: Dies Gesicht merke, und vergiß es nicht. Hernach im Jahre 1537 ist zu Schmalkalden vorm Auertore über einem Weiher, die Totenlache genannt, von vielen ein Wolkengesicht am Himmel und auf Erden gesehen worden; eine Nebelgestalt stand da, hoch wie ein Turm, und auf dem Turm ward Lichtschimmer erblickt, und Kriegergeister schwebten um die hohen Zinnen. Drunten am Turm aber stand ein riesengroßer grauer Mann, der schöpfte Wasser, und da kam ein greulicher Drache hinter dem Turm hervor, der sperrte den Rachen auf gegen den Mann, als wolle er ihn verschlingen, der aber blieb unerschrocken und streckte ihm etwas entgegen, etwa wie einen Kelch oder ein Buch, da berstete der Drache und verschwand, und alles hüllte sich in Nebel ein. *   506. Haderholz und Falkenburg Hoch über Schmalkalden talaufwärts hinter dem Seligental führt rechts ein Bächlein, die Silge, eigentlich die Selige, denn das Bächlein gab dem Orte seinen Namen, einen waldigen Talgrund hinein, über dem einander gegenüber zwei felsengekrönte Bergköpfe ragen. Darauf standen in grauer Zeit zwei Ritterschlösser, das eine hieß die Falkenburg, und der Name des andern ist vergessen. Die beiden Ritter, die auf diesen Burgen saßen, haßten sich und bekämpften einander, besonders haderten sie um eine Waldstrecke, die der Falkenburg gegenüberlag, auf der Seite von des Falkenburgers Feind, und die der letztere als sein Eigentum in Anspruch nahm; die heißt bis heute noch das Haderholz, und die öde Burgstätte heißt der Haderholzkopf. Diese Ritter also haßten einander, sie hatten aber jeder ein erwachsenes Kind, der eine einen Sohn, der andere eine Tochter, und diese beiden liebten einander trotz der Väter Haß. Da sie aber nicht zueinander auf die Burgen kommen konnten und durften, weil die Väter nächst sich nichts mehr haßten als diese Liebe ihrer Kinder, so kamen sie heimlich im Silgegrund an einem traulichen Quellbrunnen zusammen, erbauten sich dort ein Hüttchen und pflegten alldort der süßen Minne, leider aber in solcher Weise, daß sich's zuletzt seitens der Maid nicht mehr verhehlen ließ. Da mißhandelte der Vater sie so sehr, daß es ihr ungerade ging und sie starb. Da flüchtete ihr Geist in das Selige Tal zum Hüttchen der Liebe und erschien ihrem Geliebten, der schon mehrere Tage dort ihrer vergebens geharrt hatte. Da brach auch ihm der Kummer das Herz. Seitdem erscheint von Zeit zu Zeit das Ritterfräulein, und wäscht im klaren Bach kleine Kinderwäsche, und breitet sie zum Trocknen auf die Waldwiese unterm Haderholze aus. *   507. Die Ritter des Hermannsberges Nicht weit von Steinbach-Hallenberg, recht mitten im Waldgebirge, liegen zwei Berge, der kleine und der große Hermannsberg. Über letztern läuft ein steiler, haushoher Porphyrfelsenkamm, wie eine Riesen- oder Teufelsmauer, grau bemoost und mit alten Bäumen bewachsen. Da droben soll ein Schloß gestanden haben, bewohnt von einem Grafen, welcher Hermann hieß. Er führte gar ein übles Leben mit seinen Rittern und gewann dadurch einen großen Schatz, daß er zwölf Seelen opferte. Zur Strafe seiner Untaten ward er mit den Seinen in den Berg verflucht; zuzeiten hört man ein wildes, wüstes Toben dieser Ritter, sieht auch wohl den Grafen umgehen; so hat ihn mancher Förster und Kreiser auf sich zukommen sehen mit einem spinnewebenen Gesicht. Ein Führer geleitete einen Fremden über die Waldestrift, wo man von Steinbach-Hallenberg nach Mehlis geht, an einem Märzmorgen. Es hatte einen frischen Schnee gelegt. Da kam der Geist sichtbarlich und ging an den Wanderern vorüber; wie sie sich umsahen, weil sein Aussehen sie entsetzte, war er verschwunden, und im Schnee war, wo er gegangen, kein Fußtapfen zu erblicken. Einst hütete ein Hirte am großen Hermannsberg, da verlief sich der Brüller (Herdochse), und der junge Knecht ging in den Wald, ihn zu suchen. Da kam er zu einer Gesellschaft Herren, die vergnügten sich mit Kegelschieben, und da sie ihn sahen, winkten sie ihm, ihnen die Kegel aufzusetzen. Dies tat er, und als sie ihr Spiel beendigt hatten, gingen sie hinweg und sagten, er möge nur die Kegel mitnehmen. Er belud sich mit dem Spiel, kam wieder zur Herde, zu der sich indes der Ochse wiedergefunden hatte, trieb sie heim und wurde verwundert gefragt, wo er denn bleibe und gewesen sei, er sei schon drei Tage nicht nach Hause gekommen. Er aber beteuerte, kaum eine halbe Stunde von der Herde gegangen zu sein, die Herren hätten ihn genötigt, ihnen die Kegel aufzusetzen. Da fragte man weiter, ob er auch einen Lohn bekommen. O ja, sagte der Knecht, ich habe das ganze Spiel mitgebracht, draußen liegt's unter der Treppe. – Nun wollte der alte Hirt selbst den Ranzen mit den Kegeln unter der Treppe hervorziehen, vermochte das aber nicht, hingegen der Junge, wie er angriff, brachte ihn gleich hervor, und da waren die Kegel von purem Golde. Zu einer andern Zeit, als der junge Knecht wieder im Walde hütete und herumschweifte, fand er die Gesellschaft wieder, setzte wieder auf, und da bekam er auch die Kugeln. So war er zweimal glücklich. In einem Dorfe am Fuße des großen Hermannsberges saßen an einem Winterabend einige Männer und karteten, und die Magd saß auf der Ofenbank. Da es schon spät war, so war sie an ihrem Spinnrad eingenickt. Sie zu ermuntern, sprach ihr Herr: Magd, geh hinauf auf den Hermannsberg, hol uns eine Flasche Wein. Dies sagte er, weil die Sage geht, daß in den verschütteten Kellern des ehemaligen Schlosses viele Fuder steinalten Weines liegen. Die Magd, dumm und schlaftrunken, macht sich in der Tat auf, empfängt auch droben, sie hat nicht zu sagen gewußt wie, eine Flasche Wein in ihre Hand. Als sie herunter und wieder in die Stube kommt, fährt der Herr sie an: Wo bist du gewesen? Wo bleibst du so lange? – Ihr habt mir ja geheißen, verteidigt sie sich, daß ich auf den Hermannsberg gehen solle und Euch Wein holen, so hab' ich's getan, und hier ist auch der Wein. – Verwundert hörten und sahen das die Männer, die Flasche war ganz grau und schimmlig. Doch brachen sie sie an und tranken mit gutem Mut den alten Felsenwein. Er war vom besten und brannte wie Feuer. *   508. Die Schlange am kalten Brunnen Zwischen dem großen Hermannsberge und dem Ruppberg liegt ein anderer hoher Berg, der Donnershauk, auf den Karten Steinhauk bezeichnet. Wo dessen Fuß sich zum Junker, so heißt ein Wald- und Weideplatz, der früher den Junkern auf dem Ruppberg gehörte, hinabsenkt, entspringt ein frischer Quell, der kalte Brunnen. Dort hütete einst ein Bärenbacher Hirt; da kam zu ihm die Jungfrau des Ruppberges herabgewandelt, die sprach zu ihm: Dort bei dem kalten Brunnen liegt ein großer Stein und unter ihm ein großer Schatz, hebe beide, so werde ich aller Qual überhoben sein! Der Hirte ging hin, aber da lag auf dem Stein eine mächtige Schlange, sie bäumte sich zischend gegen den erschrockenen Hirten und zeigte ihm den aufgesperrten Nachen und die drohenden Zähne. Zaghaft entfloh der Hirte, doch später ist der Stein hinweggekommen, desgleichen auch der Schatz, und die Jungfrau erscheint keinem mehr. Aber der Brunnen quillt noch fort. *   509. Die Ruppbergsjungfern Auf dem Ruppberg, der die Gestalt eines Zuckerhutes hat und der spitzeste ist von allen Thüringer Waldbergen, hat vorzeiten ein Schloß gestanden, das hat Gebhard von Nordeck gebrochen und davon eine Kapelle in die Ehre Sankt Blasii erbaut, dort ist hernachmals das Dorf Blasienzelle entstanden. Im Grunde des Ruppbergschlosses liegt ein großer Schatz, der ist versetzt mit drei Erstgeburten, die müssen alle drei Johannes heißen und müssen dem Bösen geopfert werden, der den Schatz als schwarzer Hund bewacht. Manche haben die Schatzhebung versucht, sie ist aber allen mißraten. Vom Ruppberg wandelt nicht immer nur eine weiße Jungfrau, sondern es wandeln ihrer drei, erscheinen einzeln oder beisammen und niesen, um erlöst zu werden, dabei haben sie bisweilen einen Weich (eine Wäsche), den sie trocknen. *   510. Vom Reißigenstein Unterhalb Mehlis liegt ein bewaldeter Berg steil und schroff über der Straße, die von Benshausen abwärts, nach Blasienzelle auswärts führt. In Büchern nennen sie ihn den Reißigberg, von dem sagt ein alter Hennebergischer Geschichtschreiber: Denkwürdig ist auch ein Berg, der reißende Stein, ist eine ziemlich hohe Klippe, an welcher zur Nachtzeit nicht viel Ruhe ist, indem die Steine von oben herab in die gerade unten vorbeigehende Landstraße springen, wodurch viele Leute erschrecket worden; dem Vernehmen nach lassen sich allda viele Gespenste sehen. – Dem reißenden Stein gegenüber ist sonst ein Frauchen mit einem Schlüsselbund umgegangen, das erschien den Leuten in der Mittagsstunde und schrie wehklagend: Drei Viertel für ein Pfund! Drei Quärtchen für eine Kanne! Es war eine Handelsfrau, die ihre Kunden bei Lebzeiten also betrogen hatte, die mußte nun dort umgehen, wie die Biermesserin Frau Holle im Walzerholze bei Arnstadt. Doch hört und sieht man sie jetzt nicht mehr, vielleicht fand sie ihre endliche Erlösung. Überm Berg drüben hinterm reißenden Stein ist der Höselberg, in den ist ein Amtmann verwünscht, der muß als Feuermann dort spuken. Im Jahre 1561, borst eine Kluft am Klingesberge und wich das Erdreich, also daß es zehn besamte Acker fünf Ellen hoch bedeckte, vier Acker Wiesen verwüstete. Bäume niederriß und der Berg in der Nacht sechzehn Schuh weit fortrückte. Das ward für ein gar schlimmes Anzeichen gehalten. *   511. Die Glocke vom Gottesfeld Wer vom Schneekopfgipfel dem Rennstieg südostwärts folgt, dann durch endlose Waldungen auf einsamen Gebirgspfaden ganz südlich sich schlägt, kann zum hohen Adlersberg gelangen, auf dem sich eine weite Wiesenmatte breitet, die heißt das Gottesfeld. Dort droben lag eine Stadt, die hieß aber nicht Gottesfeld, denn ihre Bewohner waren so gottlos und lasterhaft, daß die strafende Hand Gottes sie ganz von der Erde hinwegtilgte. Sie versank mit allen ihren Bewohnern, und die Stätte, wo der Herr Gericht gehalten, ward Gottesgerichtsfeld genannt, woraus hernachmals Gottesfeld wurde. Nach langen Jahren hütete droben am Adlersberg ein Hirte aus Schleusingen seine Herde, der sah ein wildes Schwein an einer Stelle wühlen und wühlen, und wie er hinzukam, so stand das Ohr einer Glocke zutage. Der Hirte warf gleich seinen Lappen (Halstuch) auf den Fund, damit derselbe nicht wieder versinke, und eilte nach Leuten, jenen emporzuheben. Die Glocke wurde nach Schleusingen gefahren und auf den Turm gebracht, aber da sie nun zum erstenmal geläutet wurde, gab sie einen ganz entsetzlichen schauerlichen Ton von sich, und beim dritten Schlage zersprang sie. Da sie nun neu gegossen ward, so klang ihr Ton nichtsdestoweniger unharmonisch, und es war, als ob sie riefe: Sau aus, Sau aus! – und dann zersprang sie abermals, und als sie zum dritten Male umgegossen war, war ihr Schall um nichts gebessert, und sie zersprang wiederum und ward hernach nur zum Sturmläuten gebraucht. In dieser Gegend steht auch der Schlüsselheinzestein, ein senkrechter Porphyrfelsen, um diesen läßt sich ein gespenstiger Reiter sehen, der einst mitsamt seinem Roß die Felswand hinabstürzte, wobei Roß und Mann tot blieben. *   512. Raubschloß Hermannstein und andere Wer vom Schneekopf nordostwärts den Schritt in die Talgründe lenkt, den führen tiefeinsame Pfade herab zu den Quellen der Ilm in den alten Längwitzgau und zu einem Felsriesen, dem Hermannstein, welcher aber vom Volksmund Hammerstein genannt wird. Er trug eine Burg oder doch eine Warte, und soll erstere eine über der Straße aus Sachsen durch Thüringen nach Franken gar günstig gelegene Raubburg gewesen sein. Ein Bischof von Mainz habe sie von Erfurt aus zerstört. Es ist dort nicht geheuer, und die Holzleute sind oft schon durch ein gräßliches Getöse dort geschreckt worden. Ritter Hermanns Geist reitet mitternachts auf schwarzem Roß um den Felsenberg; Kräutersammler, die in der Johannisnacht auszogen, um mit dem frühesten an Ort und Stelle zu sein, haben ihn gesehen. Um Ilmenau herum soll es außer dem Hermannstein noch mehrere Raubschlösser gegeben haben, so eins auf der Sturmheide, welches Kaiser Rudolf 1290 brechen ließ. Die Ilmenauer besorgten dies mit höchstseiner Erlaubnis außerordentlich gern selbst und fingen neunundzwanzig Räuber, denen samt und sonders in Erfurt die Köpfe abgeschlagen wurden. Ein zweites Schloß stand, wie die Sage geht, zunächst an Ilmenau, nach dem Eichicht zu, das ist mit Mann und Maus in einer für das Schloß nicht schönen Nacht versunken, und an seine Stelle ist der große Teich getreten. *   513. Die Zwerge der Kammerlöcher Nicht weit von Ilmenau liegt ein Dorf, Angelrode, und in dessen Nähe ist eine vielfach zerklüftete Bergwand mit mancherlei Schluchten und Höhlen, Felsenkammern gleich, welche man die Kammerlöcher nennt. In diesen Kammerlöchern hausten einst Zwerge in großer Anzahl. Sie wühlten von der Wache, so heißt der Teil des Berges oberhalb des Dorfes Angelrode, weil im Dreißigjährigen Kriege ein schwedisches Wachtpikett dort gestanden, bis zum Kümmel, dem vorspringenden Bergstock, an welchem das Angelroder Wirtshaus mit seinem vortrefflichen Felsenkeller gelegen, einen Stollen und gelangten durch diesen in den Wirtskeller, dem sie an Wein und Lebensmitteln merklichen Abbruch taten. Diese Zwerge hausten im Schoß der tiefen Felsenkammern lustiglich und taten sich gütlich an des Wirtes Wein und Bier und sonstigen Vorräten. Außerdem übten sie noch manchen Schabernack und manche Neckerei gegen die Bewohner der umliegenden Dörfer. Der Wirt wußte lange nicht, wer seine Diebe seien, warf Verdacht auf sein Gesinde und seine Hausgenossen, kränkte diese und hatte viel Verdruß. Endlich geriet er auf den Einfall, Asche in den Keller zu streuen, um vielleicht an den Fußtapfen die unsichtbaren Beizapfer zu erkennen. Und als er eines Abends dies getan und des andern Morgens nachsah, fand er zahllose kleine Spuren von Gänsefüßen ähnlichen Füßchen, die aus einer Felsspalte im tiefsten Hintergrund des Kellers gekommen waren und in diese sich verloren. Der Wirt holte sich Rat bei einem weisen Mann, welcher lautete, man solle, wenn man die Nähe der stets unsichtbaren Zwerge vermute, mit Taxuszweigen nach ihnen schlagen; jeder Zwerg, der getroffen werde, würde dann augenblicklich sichtbar. Auch sei den Zwergen die Form des Kreuzes verhaßt, und wenn man am goldenen Sonntag Eibenbüsche kreuzweise über ihre Wege lege, so beschritten sie letztere nimmermehr wieder. Der Wirt befolgte den Rat, teilte ihn weiter mit, und am nächsten Trinitatissonntag stieg das halbe Dorf Angelrode hinauf in die Kammerlöcher, brach dort Eibenzweige ab und steckte sie kreuzweis an die Ställe, in denen die Zwerge das Vieh behext, und in die Keller, aus denen die Zwerge allerlei geholt. Ob auch einige der Zwerge von den Eibenruten getroffen und sichtbar wurden, weiß man nicht, der Rat des weisen Mannes blieb aber doch in Ehren, denn wenn kein Zwerg sichtbar wurde, so war es eben ein Beweis, daß keiner getroffen worden war. Das neckische Zwergvölkchen aber wanderte nun aus. In einer Nacht hörte man vom Kirchenholz herab durch das Dorf und die jenseitigen unfruchtbaren Felsanhöhen hinauf nach Rippersrode zu ein anhaltendes Trippeln und Trappeln, als ziehe ein Heer von vielen tausend kleinen Leutchen vorüber, und ward ein leises Weinen und Schluchzen dabei vernommen. Nimmermehr kamen sie wieder. Von der Zeit an wurde es Brauch zu Angelrode, daß alljährlich am Trinitatissonntage alt und jung hinauf auf den Weißenberg und in die Kammerlöcher ging, dort Taxuszweige brach und sie kreuzweis in die Küchen, Keller, Stuben und Ställe steckte. Und obschon der Aberglaube, daß damit den Zwergen und Hexereien gewehrt werde, verschwunden ist, so ist doch der Brauch geblieben, und namentlich säumt des Dorfes fröhliche Jugend nicht, am genannten Tage Eibenzweige von des Berges wundersamen Felsenkammern herabzuholen. Auch geht die Sage, daß zuzeiten in dem schaurigschönen Felslabyrinth der Kammerlöcher oder Felsenkammern über Angelrode sich ein schneeweißer Hirsch mit goldnem Geweih blicken lasse, jedoch nur von Sonntagskindern und auch nur von unbefleckten. Einem solchen ist Macht gegeben, den Hirsch zu fangen und ihn in die Tiefe der größten Felsschlucht zu führen, dort schlägt der Hirsch mit dem Goldgeweih an das Gestein, das Geweih fällt ab, dem Glücklichen zum Lohne, und zugleich öffnet sich ein Gang in das Berginnere, darinnen sich nun eine Kammer nach der andern zeigt, alle voll Gold und Silber, Perlen und Edelsteine. Da mag der Erwählte dann getrost zufassen und davontragen, so viel er kann. Dem Hirsch aber wächst in Jahresfrist ein neues Geweih, aber nicht alle Jahre findet sich ein auserwähltes Glücks- und Sonntagskind, das reinen Herzens und makellosen Wandels, ja kaum alle hundert Jahre einmal. *   514. Vom Singerberge Zwischen Ilmenau und Stadtilm, die beide am Ilmfluß liegen, erhebt sich ein einzelner Hochgipfel, das ist der Singerberg. Er ist einer der vielen Sagenberge des Thüringerlandes, und die Sagen von ihm sind teils den übrigen verwandt, teils eigentümlich. Er soll den Namen tragen vom Gesang und Getöne, das zuzeiten in seinem Innern vernommen wird, gleich wie im Hörseelenberge. Auch in ihm soll ein Mann verzaubert sitzen, und ein Schloß ist in seinen tiefen Schoß hinab verwünscht. Bisweilen gelingt es wohl einem, die Öffnung zu finden, die hinein- und hinunterführt. Ein Schäfer fand eine gelbe Blume und pflückte sie, dem erschien eine Prinzessin und leitete ihn in das Innere, wo an einer Tafel viele eisgraue Ritter schlafend saßen, denen allen die Bärte durch den Tisch gewachsen waren. Und da ist es ihm ergangen wie den Hirten und Schäfern im Kyffhäuser, Fragen nach dem Flug der Vögel, hier schwarzen und weißen, Wiederentschlummern, Gewölbe voll Waffen, Rossen und Schätzen, und der Lohn – eine Tasche voll Sand, den aber der Schäfer einmal nicht wegwarf, sondern davon reich ward. Auch die Sagen von der zauberhaften Bergentrückung wiederholen sich am Singerberge. Ein Fuhrmann fand im Berge Nachtquartier mit Schiff und Geschirr, da er in Meinung, in einen großen Gasthof am Wege zu fahren, in den Berg hineinfuhr. Herrlicher Stall, glänzende Bewirtung; am andern Morgen spannte er wohlgemut ein, wendet sich noch einmal, in das Haus zu gehen und die Zeche zu bezahlen – weg ist das Haus, weg die Stallung – weg sind die Wirtsleute und ihr Gesinde. Grausen ergreift den Fuhrmann – er fährt von dannen, kehrt im nächsten Wirtshaus ein, sieht da den Kalender, nimmt ihn von der Wand, liest die Jahrzahl und staunt. Sieben Jahre, sieben Monate und sieben Tage war er im Singerberge gewesen. – Ein Hirte blieb gar hundert Jahre darin. Häufig erscheint am Berge die weiße Jungfrau, die nicht fehlen darf, wo ein Schloß stand; sie äfft oft Jäger und Holzleute, wie auch die Reisenden. Auch wird, das ist die allgemeine Sage, für den Singerberg in allen katholischen Kirchen Erfurts jährlich einmal gebetet, wie für den Sperrhügel und für den Schneekopf selbst im nichtkatholischen Arnstadt, daß er nicht berste und von ihm aus das ebene Land überflutet werde. Dieweil er aber der Singerberg heißt und ist und die Singer und Sänger das Wasser erst nicht lieben, so ist sein Schoß angefüllt mit vielen hunderttausend Fässern Weines, den die Ritter des Schlosses darin aufgehäuft und seltsamerweise nicht selbst getrunken haben. Etwas von diesem Wein entrinnt alljährlich dem Bergesschoße, das mischt sich in seine Quellen, darum sind sie so erquicklich und labend – wenn aber nicht mehr für den Berg und überhaupt nicht mehr gebetet wird, dann sollen alle Fässer bersten und soll die Weinflut aus dem Berge strömen, und alles Land mit allem Vieh und Menschenkindern werden dann darin untergehen als in einer zweiten Sündflut; das wäre viel schlimm und des Guten zu viel auf einmal, darum sollen die Menschen den lieben Gott und das Beten nicht ganz und gar vergessen. *   515. Doktor Luther verwünscht das Singerberger Schloß Vom guten Singerberger Wein weiß die örtliche Sage seiner Gegend noch ein mehreres zu erzählen. Vorzeiten lebte droben ein Graf in großer Eingezogenheit, der in dem Ruf eines Schätze aufhäufenden Filzes stand. Ein junger Verwandter, welcher Lust hatte, den Alten möglichst bald zu beerben, verband sich mit einigen Schnapphahnen, die Burg zu überfallen, den Grafen zu töten und die Schätze zu teilen. Dieses führten sie aus und verbreiteten die Nachricht, der Graf sei gestorben. Der junge Ritter blieb im Besitz des Schlosses und führte mit seinen Raubgesellen ein zügelloses Leben, da haben sie den Reisenden aufgelauert und sie beraubt oder auf die Burg geschleppt und erst gegen hohes Lösegeld freigegeben. Einmal fingen sie eine vornehme Frau mit zwei Töchtern und Dienerschaft, um die entstand großer Streit, denn sie wollten dieselben nicht um Lösegeld ziehen lassen, sondern selbst besitzen. Wer den reichsten Fang tue, sollte die Schönste erhalten. So zogen die Ritter aus, nachdem sie die schönen Gefangenen der alten Schließerin auf die Seele gebunden hatten, daß die sie gut bewahre. Die erste Beute, die einem der Wegelagerer in die Hände fiel, waren einige Erfurter Mönche, und unter denen befand sich auch der Doktor Luther. Nur der letztere wurde als Geisel behalten und die andern entlassen mit dem Geheiß, Lösegeld für ihn zu senden. Ein Knappe sollte den Mönch bewachen, während der Schnapphahn weiter nach Beute strebte. Aber da ist der Knecht müde und schläfrig geworden und ist auf dem Rasen, darauf er saß, eingenickt, und Luther ist davongegangen. Da hat er über sich die stattliche Burg gesehen und gehofft, hier Schutz zu finden, da hat aber die gefangene Frau auf der Mauer gestanden und von der Zinne gerufen: Fliehe eilend! Hier wohnen Raub und Mord! Diesem Geheiß hat Luther willfahren wollen, ist aber einigen der Raub- und Rottgesellen in die Hand gelaufen und von diesen mit auf die Burg hinaufgeführt worden. Und da haben sie am Abend den gefangenen Mönch zu sich in ihr Zechgelag bringen lassen und von ihm verlangt, ihnen Liedlein zu singen und die Zeit zu vertreiben. Der Mönch stimmte scheinbar in ihren Ton ein, sang aber lateinische Formeln, die sie nicht verstanden, und deren geheime Kraft sie einschläferte. Als sie nun alle schliefen, auch die Knechte und die Schließerin, hat er die gefangenen Frauen mit deren Schätzen aus der Burg geführt und im Gehen eines seiner Lieder gesungen, und dann hat er die Burg verwünscht mit Mann und Maus, daß sie niemals wieder ein Menschenauge erblicken solle, als wer seines Liedes Melodie auf der Berghöhe ertönen lasse. Bald kam das Schloß in Vergessenheit, und es gingen viele, viele Jahre hin, und der Singerberggipfel blieb öde und einsam. Da hat einstmals ein Schäfer seine Herde hinaufgetrieben und von ohngefähr auf seiner Schalmei die Melodie jenes Liedes angestimmt, siehe, da ist das Schloß vor seinem Blick emporgestiegen mit offnen Toren und Hallen, und er hat sich hineingewagt, aber alles darin still und schlafend gefunden. Vom Wein, der da in Fässern und Krügen in Fülle vorhanden war, füllte er seine Kürbisflasche und verließ die Burg wieder, nach seiner Herde zu sehen. Da ist die Burg hinter ihm alsbald wieder hinweggeschwunden. Der Wein war köstlich und hatte die allerpreiswerteste Eigenschaft, er ward nicht alle, so viel auch der gute Schäfer davon trank. Aber die Burg fand er niemals wieder, sooft er sie auch suchte, denn er wußte den Zauber nicht, der sie ihm zeigen konnte, er dachte nicht wieder daran, auf dem Berggipfel die Melodie jenes Liedes zu blasen. Nach einiger Zeit war der Schäfer zu einem guten Freund gekommen, dem hat er sein Abenteuer mit dem Singerbergschloß erzählt und zu ihm gesprochen: Da koste nur einmal den Wein, wie aber der andere hat trinken wollen, hat er gesagt: Du Narr! Es ist ja nichts drin. – Und da ist es gerade gegangen wie mit den Bierkrügen der Knaben in Schwarza und wie mit dem Perchtenbier: als die Knaben ihr Geheimnis verplaudert, die Kürbisflasche war und blieb leer. *   516. Paulinas Zelle Vom Singerberg herunter und vom Dorfe Singen an seinem östlichen Fuße führt ein stiller Weg in ein noch stilleres Tal. Darinnen birgt sich die schönste und erhabenste aller Klosterruinen Thüringens: Paulinzelle, von welcher manche Sagen umgehen. Paulina, eine Tochter des Grafen Moricho, Truchseß Kaiser Heinrich IV., lebte, nachdem ihre Eltern tot waren, einige Zeit zu Merseburg bei ihrem mütterlichen Oheim, dem Bischof Werner, und wollte einst den Grafen in der Längwitz, Sizzo geheißen, der sich auch einen Grafen von Käfernburg und Schwarzburg nannte, besuchen. Sie ritt nur mit einer Zofe und einem Diener und verirrte sich in den damals ungeheuern und ausgedehnten Forsten. Der Diener wurde zur Kundschaft ausgesandt und kam nicht wieder, so war denn Paulina mit der Zofe allein in dem wilden Walde. Sie trieben ihre Saumtiere so lange vorwärts, bis diese vor Ermattung nicht weiterkonnten. Schon glühte das Sonnenlicht nur noch an den höchsten Wipfeln, als sie auf einer Wiese, welche zwei Bäche (Bären- und Rotenbach) umflossen, eine unbewohnte Köhlerhütte trafen und darin etwas von Kohlenstaub geschwärztes Brot und ein dürftiges Strohlager fanden. In der Nacht träumte Paulina, sie bete hier an einem Altare. Sie erwachte, errichtete von einigen daliegenden Holzstücken einen Altar, stellte ihr kleines Kruzifix, das sie am Halse trug, darauf und betete inbrünstig. Indes trat ihre Begleiterin aus der Hütte und erzählte ihren Traum, der wunderbarlich mit dem Paulinas zusammentraf. Das hielt Pauline für einen Wink von oben und beschloß, hier eine Zelle zu bauen. Am Morgen reisten sie weiter und kamen an ein ärmliches Fischerdörflein, wo sie kaum etwas Brot und Fisch erhielten. Dieses Dorf, Fischerau, wurde später von den reichlich belohnten Bewohnern zu Ehren der Gräfin Gräfinau genannt. Paulina erwarb bald darauf vom Grafen Sizzo Ländereien in dieser Gegend und führte ihren Entschluß aus, dort eine Zelle zu erbauen, darin sie mit den in diese Waldeinsamkeit ihr gefolgten Frauen frommen Betrachtungen sich hingab. Später mehrte sich das Frauenkloster, der Bau der großen Kirche wurde begonnen, auch später ein Mönchskloster hier errichtet. Die Kirche ward gar prachtvoll erbaut und mit mancherlei steinernem Bildwerk geziert, so unter andern auch mit einem Lindwurm, denn als Paulina einst den Rinnegrund hinaufreiste, wurde sie von einem greulichen Lindwurm, welcher – für die ganze Umgegend ein Schrecken – unterhalb Leutnitz in einer Höhle hauste, angefallen. Sie aber schlug ein Kreuz und rief ihren Schutzheiligen an, wodurch das Untier besiegt wurde. Zum Andenken an dies Abenteuer ließ sie den Lindwurm in Stein hauen, dessen Bild noch jetzt an einem erhaltenen Säulenkapitäl am Haupteingang der Klosterkirche zu sehen ist. *   517. Paulina lohnt die Arbeiter wundersam Während des Klosterbaues wohnte Paulina auf dem in der Nähe und nördlich von Paulinzelle gelegenen Kimberge in einem Hause, von dem sich noch jetzt Spuren finden. Von hier aus beaufsichtigte sie den Bau des Klosters, weil sie hier das ganze Tal und die Straße, auf der die Bausteine herbeigeschafft wurden, überblicken konnte. An jedem Abend kam sie mit einer Schürze voll Geld hernieder zu den Bauleuten, ermahnte sie zum Gebet und ließ jeden so viel Geld nehmen, als seine Hand faßte. Einst dachte ein Arbeitsmann durch einen tiefern Griff mehr als die andern zu ergreifen; aber beim Nachzählen fand er, daß er keinen Pfennig mehr oder weniger habe, als er verdiente. Diese Wundertat verschaffte Paulinen große Verehrung im Volke. *   518. Die Kirchensäulen und der Teufel Der Steinmetz, welcher den Plan zur Paulinzeller Kirche angab, faßte den Gedanken, die Kirche von beiden Seiten auf Säulen aus einem einzigen Steine zu stützen. Alle, die das hörten, wunderten sich über das kühne Unternehmen, und um es ausführen zu sehen, boten sich viele Maurermeister zu Gehülfen an. Paulina betete auf Bitten des Baumeisters allemal, wann eine Säule im Steinbruch gehoben wurde, für das Gelingen, und so waren alle Säulen bis auf zwei glücklich aufgerichtet. Als aber die zwei letzten gehoben werden sollten, wurde Paulina durch ein Gespenst im Gebete unterbrochen, und augenblicklich entstand eine Erderschütterung, welche die zwei Säulen zusammenneigte, so daß von jeder ein Stück abgeschlagen wurde. Aber der Steinmetz fügte die Stücke wieder so geschickt und so fest zusammen, daß sich männiglich über dessen Kunst und über die Macht des Gebetes der Gräfin verwunderte. Der Baumeister hatte mit dem Teufel einen Bund geschlossen, daß ihm derselbe dabei helfe, und zum Lohne die erste Seele versprochen, welche die Kirche betrete. Da nun die Kirche fertig war und eingeweiht werden sollte, schob man zuerst ein Schwein durch die Türe, welches der Teufel aus Zorn und Scham über seine Überlistung wütend packte und mit ihm durch die Decke fuhr. Dabei hinterließ er nach seiner Art einen greulichen Gestank, der kaum den Düften des Weihrauches wich, und in der Decke blieb ein Loch, das nimmermehr wieder verschlossen werden konnte. *   519. Wittekind, der schwarze Ritter Nicht weit von Paulinzelle erhebt sich in einem felsreichen Waldtale Schloß Schwarzburg stattlich und schön, die auf der Stätte eines der ältesten thüringischen Burgbaue steht. Die Stammsage des Grafengeschlechtes von Schwarzburg kündet, daß einst ein naher Verwandter des großen Sachsenfürsten Wittekind, und den gleichen Namen mit diesem teilend, von Karl dem Großen gefangengenommen worden. Die Tapferkeit, die dieser Sachsenführer und seine Söhne bewiesen, habe Karolo wohl gefallen, und er habe jene zum Christentum bekehrt, habe sie taufen lassen und sei ihr Taufpate geworden. Da habe nun Wittekind, zubenannt der Schwarze, den Namen Ludwig empfangen, seine beiden Söhne aber, die Wittekind und Walperto geheißen, wären Karl und Ludwig genannt worden. Wittekind der Vater habe nun die Schwarzburg erbaut und sie seinem ältern Sohn zum Erbe bestimmt, Ludwig, der jüngere Sohn, sei Erbauer des Schlosses Gleichen geworden. Karl der Große erhob seinen Paten Karolus zu einem Grafen von Schwarzburg und begabte ihn mit einem Strich Landes im Thüringer Walde von zwanzig Meilen im Umkreis. Als der große Karl Ludwig den Bärtigen zu einem Grafen von Thüringen erhoben hatte, ordnete er ihm zwölf edle Vasallen zu, darunter waren auch die Grafen von Schwarzburg, die sich in sehr früher Zeit, schon im Jahre 1099, von Gottes Gnaden schrieben. Auch wurden sie später den Viergrafen des Reiches zugezählt. Das feste Haus Swartzinburg, wie die älteste Urkunde, die seiner erwähnt, schreibt, gehörte dem edlen Grafengeschlechte, ehe es noch von der Burg den Namen annahm. Der erste, der sich einen Grafen von Schwarzburg nannte, nannte sich auch zugleich einen Grafen von Thüringen und einen Grafen von Käfernburg. Sein Name war Sizzo, sein Vater hieß Gundar, aus welchem Namen später der erbliche Familienname der Fürsten von Schwarzburg, Günther, gebildet wurde, und lebte zu Ende des eilften und im Beginn des zwölften Jahrhunderts. Graf Sizzo wurde der Gründer des nahe bei Schwarzburg liegenden Dorfes Sitzendorf. Sizzos Söhne wohnten auf den Schlössern Schwarzburg und Käfernburg. Aus dem fürstlichen Hause Schwarzburg gingen in später Zeit hervor ein deutscher Kaiser, zwei Erzbischöfe, ein Großmeister des Deutschen Ordens und mancher heldenmütige Streiter. *   520. Der Greifenstein Ein thüringischer Graf des Namens Heinrich brachte aus einem Kreuzzuge einen Greifen mit, andere sagen einen Falken, der nur auf den Namen Greif gehört. Einst ließ der Graf den Greif nach einem Reiher steigen, er stieg und kam nicht wieder, das war dem Grafen sehr leid, und er gebot seinen Dienern, allüberall zu suchen und zu spähen, ob sie den Greif fänden – es war aber vergebens. Des andern Morgens ging der Graf selbst wiederum aus, den Falken zu suchen, den er sehr ungern mißte. Da erblickte er ihn nach dem Kesselberge zu hoch in der Luft schweben und im Nu auf einen Schwarm Vögel niederstoßen, die sich auf einem nahen Berge niederließen. Eilends bestieg der Graf diese Anhöhe und fand seinen Greif an dem Orte, wo sonst die Burggerichte gehalten wurden, im Gebüsche seine Beute verzehrend, rings umher aber Singvögel, die von ihren Nestern aufflatterten. Ei, ei, du loser Schelm, sagte der Graf scherzend, hab' ich dich nicht gehalten wie ein Kind, und doch willst du mich verlassen? Freilich ist's hier schöner als auf meiner Hand, und du hast dir wahrlich keine üble Residenz erwählt. So sprach der Graf, und seinen Greif auf die Hand nehmend und streichelnd, schaute er sich um, und weil ihm der Platz so wohl gefiel, da man von ihm aus Tal und Gegend weit überschaute, so kam es ihm in den Sinn, hier eine Burg zu erbauen. Noch in demselben Jahre wurde der Grund gelegt; der Bau währte mehrere Jahre, denn es wurde so fest und stark gebaut, wie wenn die Mauern ewig halten sollten; ja, der Mörtel, der noch jetzt mit unverwüstlicher Festigkeit die mürben Sandsteine zusammenhält, soll mit Wein angemengt worden sein, damit er die Steine um so fester kitte. Die Burg aber nannte der Graf zum Andenken seines Greifes, der den Platz erwählt, Greifenstein, das Volk nennt sie nur das alte Schloß und glaubt, sie sei bei einer Belagerung zerstört und verbrannt worden, obgleich diese Meinung der Geschichte zuwiderläuft; in der Geschichte aber heißt sie die Blankenburg, und die Grafen von Schwarzburg hatten sie inne und wohnten auf ihr. *   521. Der Mönch auf Blankenburg Auf dem Burghofe der alten Blankenburg läßt sich in der Dämmerstunde oft ein Mönch mit grauem Haare und Barte sehen, der den Leuten winkt, sie möchten ihm folgen. Das hat aber bis jetzt noch niemand gewagt als ein Schäferknabe, der auf dem mit Gras bewachsenen Hofe seine Lämmer weidete. Den führte der Mann mit langer grauer Kutte, die mit einem Stricke umgürtet war, an ein eisernes Tor. Der Mönch berührte es mit dem Finger, und im Nu sprangen die Flügeltüren auf und eröffneten den Blick in unterirdische Säle, wo das Licht der Lampen, die von der Decke schimmerten, sich in tausend goldenen Geräten spiegelte. Der Saal war mit harten Talern gepflastert, und in den Winkeln lagen Haufen Goldstücke. Obgleich der Mönch winkte, hineinzutreten und zuzulangen, so traute sich doch der Bube nicht, und als er dem vor Staunen fast an die Stelle gebannten Knaben lange zugewinkt, verschwand er plötzlich, und es war keine Spur von Tor und Saal mehr zu sehen. Das soll der Arzt Freidank sein, welcher den Kaiser Günther, der hier auf dieser Blankenburg geboren wurde, vergiftete und so lange hier umgehen muß, bis ihm, dem treulosen Verräter, ein Mensch Zutrauen geschenkt hat. Sonst mußte jedes Kind, welches zum ersten Male den Greifenstein besuchte, ein Stücklein Brot mitnehmen, womit es den Mönch begütigen könne, wenn er erschiene. Dabei wurde dem Kinde, das sich aus Furcht vor dem Mönche scheu an die Eltern schmiegte, der tiefe, jetzt leider fast ganz verschüttete Brunnen gezeigt, welcher ehemals so tief gewesen sein soll, daß ihm das Wasser aus der Schwarza zufloß, und aus dem der Storch die kleinen Kinder holt und sie den Müttern, den Geschwistern aber große Zuckertüten mitbringt. *   522. Das gefährliche Pfand Auf einem Edelhofe unter Blankenburg, etwa in Watzdorf, war Spinnstube, es wurden Pfänder ausgelöst. Was soll tun das Pfand, das ich hab' in meiner Hand? wurde gefragt, und ein vorwitziges Mädchen sagte: Auf die Burg gehen und eine Kachel von dem alten Öfchen holen! Der kecke Vorschlag ging durch, aber selbst den beherzten Burschen graute vor der Ausführung. Das Pfand gehörte einem Mädchen – Sophie Brandt soll sie geheißen haben –, und sie machte sich, um nicht furchtsam zu erscheinen, auf den Weg. Als sie in das einzig übriggebliebene halb verfallene Stübchen der Burg tritt und eben beschäftigt ist, eine Kachel aus dem verwitterten Ofen zu brechen, hört sie in der Nähe Tritte und leise Stimmen. Sie schlüpft erschrocken hinter den Ofen und verbirgt sich. Es waren mehrere Räuber, die vom Raube kamen und hier ihre Beute teilen wollten. Sie schürten mitten im Zimmer ein Feuer an, aßen und tranken, und nachdem sie die Beute geteilt, streckten sie sich sorglos auf den Fußboden, um zu schlafen. Als das vor Angst halbtote Mädchen merkte, daß sie fest schliefen, schlich sie sich hervor, schritt über den Räuber, der sich vor die Tür gelagert, weg und entfloh aus allen Kräften, immer die Räuber auf ihren Fersen wähnend. Leichenblaß tritt sie in die Spinnstube; kaum hört sie den allgemeinen Jubel, womit sie empfangen wird, mit zitternder Hand legt sie die Kachel auf den Tisch – und sinkt entseelt zu Boden. *   523. Die törichten Musikanten Mehrere Musikanten aus Klein-Gölitz, die in Blankenburg beim Tanze mit aufgespielt hatten, gingen auf dem Nachhausewege am alten Schlosse vorüber. Der Mond beleuchtete die gelben Mauern, und durch die verödeten Fenster neigten sich grüne Büsche. Der eine sagte: Wie wäre es, Kameraden, wenn wir den alten Grafen, die da oben umwandeln, ein Ständchen brächten; solche große Herren nehmen das gar gut auf, zumal wenn sie so selten Musik hören wie da droben! Den andern war es recht, und sie spielten einen gemütlichen Dreher. Die heitern Weisen hallten lustig in die Nacht hinein, und ihr Klang brach sich sanft widerhallend an den alten Mauern. Oben aus den Fensterhöhlen schienen verwitterte Gesichter freundlich zu nicken. Als die letzten Töne verklangen, trat ein graues Männchen – die Musikanten hatten es nicht kommen sehen – zu ihnen, schenkte jedem einen Buchenzweig und sagte: Bringt das eueren Kleinen mit, die schnabulieren gern Bucheckern! Unterwegs warfen alle den Zweig lachend weg und sagten: Wenn der wunderliche Mann uns wenigstens ein Zuckerbrötchen mitgegeben hätte, denn Bucheckern essen unsere Kleinen dieses Jahr nicht, da wir welsche Nüsse die Fülle haben, und in denen steckt doch ein ordentliches Bübchen (Kern). Nur der Baßspieler steckte das Zweiglein zum Andenken in seinen Baß. Des andern Morgens kamen seine Kinder fröhlich gehüpft und fragten: Vater, was habt Ihr uns denn für gelbe Nüßchen mitgebracht, die taugen doch nicht zum Essen, denn sie sind hart, daß man sich die Zähne dran ausbeißen könnte! Und als der Vater den Zweig betrachtete, siehe! da war er in pures Gold verwandelt, und so wurde er der reichste Mann im Dorfe. Die andern Musikanten durchsuchten nun jedes Gräschen am Wege, um ihr Zweiglein wiederzufinden, aber es blieb nicht nur verloren, sondern sie sollen noch obendrein von unsichtbaren Händen unbarmherzige Nasenstüber bekommen haben. *   524. Heilsberg Von der Einführung des Christentums in die Gegend von Blankenburg, Schwarzburg und Rudolstadt geht diese Sage. Winfried Bonifazius kam auf seinem Bekehrungszuge durch Thüringen über die steinige Hochebene, darauf jetzt Trappendorf liegt, durch öde Waldwildnisse. Da er nun mit seinen Gefährten in einem Talgrunde lagerte, so ließ er sein Pferd weiden, und da dessen Fuß wund war, scharrte es damit heftig, und da entsprang eine Quelle, von deren Wasser der Fuß des Rosses alsbald heil wurde, wie sich auch im Spring in Heiligenbrunn die göttliche Wunderkraft offenbart. Da drang gar bald der Ruf des heilenden Wassers zu den Bewohnern der Umgegend, sie strömten herbei, hörten Winfrieds Lehren, ließen sich aus der Heilsquelle taufen, und viele siedelten sich dort an. So ist das Dorf Heilsberg entstanden, darin nun Winfried eine Kirche gründete, deren Schutzpatron er hernachmals ward, auch nahm die Gemeinde des heiligen Mannes Bild in ihr Siegel auf, und am Turme der Kirche ward das Hufeisen jenes Rosses von dem geheilten Fuße befestigt. Zur alten Bonifaziuskapelle in Heilsberg kam auf einem Zuge durch Thüringen König Ludwig, Karl des Großen Sohn, und vernahm die Geschichte der Gründung und Entstehung, betete allda und begabte das Kirchlein reichlich, ließ auch in einen großen Stein eine Inschrift graben zum ewigen Gedächtnis seiner Schenkung, die ist allda bis zum Jahre 1816 geblieben, dann aber nach Weimar gebracht worden, allwo sie in sicherer Obhut aufbewahrt wird. Diese alte Schrift ist eine steinerne Rätselnuß, an der sich die Gelehrten ihre Weisheitszähne ausbeißen können, so sie deren haben. Noch keiner, weder in der Zopf- und Perücken-, noch in der neuesten Waldschratbartzeit, hat diese Rätselschrift richtig und verständig gelöst und gelesen, und die Versuche solcher Lösung, welche in öffentlichen Druckschriften bekannt worden sind, sind bis jetzt auf der Kindheitstufe der Forschung stehengeblieben. *   525. Die Totenschauerin Auf dem Schlosse zu Rudolstadt lebte einst eine Prinzessin, die hat eine gar traurige Begabung gehabt. Wenn in dem fürstlichen Hause ein Sterbefall eintrat, so sahe sie statt der wirklichen Leiche auf dem Paradebette jedesmal die nächstfolgende. Und obschon dieses zweite Gesicht die Prinzessin gar traurig machte, weil ihr Herz stets den Schmerz um zwei Glieder der Familie empfand, so konnte sie doch nicht unterlassen, jedesmal in den Sarg zu blicken, doch behielt sie, was sie schaute, stets als tiefes Geheimnis in ihrer Brust verschlossen, aber ihr Leben ging dabei trübe und traurig hin. Zu einer Zeit aber setzte sie ihren letzten Willen auf, ordnete ihr Begräbnis an und entschlummerte bald darauf sanft – sie hatte sich selbst im letzten Sarge erblickt – und nahm diese dunkle Gabe mit in das Grab. In der gewölbten Torhalle des Rudolstädter Schlosses ist eine eiserne fest verschlossene Türe, durch diese tritt, ohne daß eine Angel sich regt, zu gewissen Zeiten zur Mitternachtstunde eine weiße Gestalt mit marmorbleichem Antlitz, schreitet die Stufen herab, wandelt über den Schloßhof und verschwindet dann wieder. Diese Erscheinung soll der Geist jener totenschauenden Prinzessin sein und jedesmal dann erblickt werden, wenn dem fürstlichen Hause ein Trauerfall bevorsteht. *   526. Das Frühmahl Auf dem Schlosse zu Rudolstadt herrschte die verwitwete Katharina von Schwarzburg, eine geborene Fürstgräfin von Henneberg, als der niederländische Krieg durch die Lande wütete. Sie hatte für das Land ihrer unmündigen Söhne einen kaiserlichen Schutzbrief erwirkt, denn es nahten ihm des blutgierigen Herzogs Alba räuberische Scharen. Der Herzog kam in Rudolstadt an und lud sich auf ein Frühstück bei der Gräfin auf dem Schlosse ein, und diese Einladung konnte nicht abgelehnt werden. Während der Herzog mit seinen Begleitern und Gefolge sich's wohlschmecken ließ, taten die spanischen Soldaten nach ihrer Gewohnheit, trieben den Bauern das Vieh weg, plünderten und erpreßten Geld. Klage auf Klage traf ein, und die Gräfin hieß ihren ganzen männlichen Hofstaat und alle Schloßdienerschaft sich bis an die Zähne bewaffnen, dann trat sie in den Speisesaal zum Herzog Alba und schilderte ihm die Ungebühr seiner Soldateska, indem sie ihm des Kaisers Freibrief zeigte. Alba aber sagte: Krieg ist Krieg! – Da sprach die Gräfin: Schreibt einen Brief, Herr Herzog, an Euer Volk, daß sie meinen Untertanen alles wiedergeben, was sie raubten, und auf der Stelle ihrer Zügellosigkeit Einhalt tun. – Wie, Frau Gräfin? fragte unmutig der Herzog und zeigte keine Neigung, der Aufforderung Folge zu leisten, da rief die Gräfin ganz entrüstet: Ihr wollt nicht? Nun, bei Gott, Fürstenblut für Ochsenblut! – Ein Handwink der mutvollen und entschlossenen Frau, und durch alle Türen drängte sich, Mann an Mann, eine Schar Geharnischter mit bloßen Schwertern und spitzen, scharfen Partisanen. Der Herzog wurde blaß und flüsterte mit dem Herzog von Braunschweig, der mit ihm war. Dann schrieb er die Ordre. Der Herzog von Braunschweig lachte und lobte, äußerlich im Scherz, innerlich im Ernst, die herrliche deutsche Frau, die nun gar demütig dankte und die Bewaffneten entließ. Alba schwieg und ging und mag lange an das Rudolstädter Frühmahl gedacht haben. Diese wackere Gräfin ruht in der Kirche zu Rudolstadt, und über ihrer Gruft ist ein schönes metallenes Denkmal mit nachrühmender Schrift zu lesen. Sie war eine große Beschützerin verfolgter protestantischer Geistlichen, so namentlich des Kaspar Aquila und Justus Jonas. *   527. Die Hangeeiche Überm Saalstrom drüben zwischen Rudolstadt und Saalfeld ist ein Bergzug, dessen höchster Gipfel der Kulm heißt, von dem auch manche Sage geht, da war einst ein schöner Eichenwald, und in demselben stand eine besonders große uralte Eiche. Es geschah zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges, daß eine Abteilung Kriegsvolk im Dorfe Reichenbach am Fuß des Waldberges im Quartier lag, sich dort gütlich tat und dann weiterzog. Am Tag darauf sollte das heilige Abendmahl im Gotteshause den Frommen dargereicht und dem Herrn für den Abzug der Soldateska gedankt werden, siehe, da fehlte der goldene Altarkelch, den in uralter Zeit ein frommer Mann der Kirche geschenkt hatte, und alle Anzeichen ließen vermuten, daß der Kelch von den Soldaten gestohlen worden sei. Da erbot sich der alte Schultheiß, ein bejahrter Mann, den Kriegern zu folgen und von dem Hauptmann den geraubten Kirchenpokal zurückzufordern, wie sehr er dabei auch sein Leben der Gefahr aussetzte. Er ereilte den Soldatenhaufen auf der mittlern Heide, und unter jenem mächtigen Eichbaum hingestreckt fand er den Hauptmann und brachte seine Klage vor. Mit strengem Blick hörte der Hauptmann die Beschuldigung, daß einer seiner Leute den Kelch geraubt, und befahl sofort, wenn der Schuldige unter ihnen sei, solle er den Becher herausgeben. Keine Hand rührte, kein Schuldiger meldete sich. Nun wohlan! rief jetzt der Hauptmann dem Schulzen zu, suche euren Kelch! Bei welchem du ihn findest, der soll auf der Stelle an dieser Eiche henken, findest du ihn aber nicht, so henkst du, dafür, daß du meine Leute solcher Tat geziehen! Erschreckt bis zum Tode begann der Schultheiß sein Suchen und fand nichts. Schon glaubte er sein Leben dem Tode verfallen, da blinkt etwas hell aus dem Schatten eines Busches, da liegt ein schlafender Soldat, den Kopf auf dem Tornister ruhen lassend, und aus dem Tornister blinkt der Altarkelch. Gefunden! ruft laut der Schulze und zieht den Kelch hervor. Verwünschungen der Kameraden und Fußtritte wecken den Schlafenden, der ganz betäubt die Klage hört, und da tritt auch schon der Profoß heran mit dem Strick, und nach kurzer Frist bedeutete der Hauptmann ihn, den Dieb zu henken. Endlich hat dieser begriffen, um was es sich handelt, und beteuert laut seine Unschuld, und da alles nichts hilft und er zur Eiche hingedrängt wird, ruft er verzweiflungsvoll: So möge niemals, so wahr ich unschuldig sterbe, ein Eichbaum in diesem Walde grünen und aufkommen! So starb er, und starb unschuldig. Der ihn aufhenkte, war der Dieb, der rasch und heimlich, als er des Hauptmanns Schwur hörte, den Kelch aus seinem Tornister nahm und in den des schlafenden Kameraden steckte. Kaum war nun der Kamerad gehenkt und der Schulze mit dem glücklich gefundenen und zurückerhaltenen Gottestischbecher nach Reichenbach zurückgeeilt, so erwachte die Natter des Gewissens in dem Henker, und er zitterte, wo er eines Eichbaums ansichtig wurde. Nirgend Rast und nirgend Ruhe findend, verließ er seine Fahne, ging zur Eiche zurück, schnitt den armen Kameraden ab, begrub ihn unter tausend bittern Reuetränen und knüpfte sich selbst an einen Ast der Eiche auf. Andere sagen, er habe sein Verbrechen dem Hauptmann eingestanden und dieser ihn alsbald am selben Baum sein Recht widerfahren lassen. Auf der Heide aber starben bis auf die Hangeeiche alle Eichbäume ab, das machte die Verwünschung des unschuldig Gemordeten, und der Wald trägt keine mehr, selbst die Hangeeiche dorrte endlich ab oder ward vom Sturme gefällt. *   528. Der Wassermann Zu Unter-Preilipp, einem Dorfe unterm hohen Kulm, das bis hinab zum Saalufer reicht, allwo ein uralt Kirchlein mit köstlichen Schnitzbildern und einem Handörgelein, das Herzog Ernst der Fromme selbst gespielt haben soll, ward nachts an die Türe der Wehmutter gepocht, und draußen hat ein kleiner Mann gestanden und sie gerufen; da sie nun herunterkam, ist er hinunter ins Unterdorf gegangen nach der Saale zu und hat ihr drunten eine Binde über die Augen geworfen und darauf mit einer Gerte auf das Wasser geschlagen, und da hat sich das Wasser auseinandergetan und sind die zwei auf Stufen tief hinuntergeschritten und zuletzt in eine kleine Stube gekommen, wo der kleine Mann der Frau das Tuch abnahm und sie eine kleine Frau in einem kleinen Bettchen liegen sah, die ihrer Hülfe dringend bedurfte, worauf der Mann die Stube verließ. Da nun die Wehmutter alle ihre Sachen mit gutem Glück verrichtet hatte, sprach die kleine Frau: Ich bin eine Christin getauft wie du, aber der greuliche Wassermann hat mich ausgetauscht, da ich noch ein Sechswochenkind war, der frißt meine Kindlein alle am dritten Tage. Er wird gleich wiederkommen und dir viel Geld bieten, nimm aber ja nicht mehr, als andere dir geben, ich weiß, eure Art nimmt gern so viel als möglich, nimm auch keinen Weck mit und trinke keinen Wein, wenn er dir es anbietet, sonst dreht er dir hinterdrein den Hals um. Die Wehmutter befolgte diese Lehren genau und ward glücklich und ohne Gefährde zurückgeleitet; beim Abschied grölzte noch der Wassermann: Du hast klug getan, nicht mehr zu nehmen, als dir gebührte – und da hat hernachmals die Hebamme auch nicht mehr bei den Leuten geschleckt und sich füttern lassen und auch noch mit nach Hause genommen und keine großen Taler gefordert von armen Leuten. *   529. Der Wechselbalg zu Großwitz In derselben Gegend, aber hinter Saalfeld, waren Bursche und Mädchen in einer Lichtstube versammelt und alle fröhlich, bis auf eine Kindsmagd im selben Hause, die war mürrisch und verdrüßlich, weil sie gar zu große Not mit dem stets schreienden und mißgestalteten Kinde ihrer Dienstherrschaft hatte, welches leider Gottes ein Wechselbalg war. Hinten im Hofe war ein alter halbverfallener Keller, in welchem sich bisweilen ein Licht sehen ließ, und das geschah auch am selben Abend, wo die Bursche und Mädchen Spinnstube hatten, und da sagten die Mädchen, die Bursche sollten doch hineingehen in den Keller und sehen, was das für ein Licht sei. Die Bursche hatten aber keine Lust und sagten, die Mädchen sollten doch hineingehen, und die es tue, solle einen nagelneuen Rock gekauft bekommen, nur ein Wahrzeichen müsse sie mit herausbringen. Keine der Jungfern hatte Lust, bis auf die Verdrüßliche, die sagte: Wenn ihr mir den kleinen Schreibalg da so lange halten wollt, will ich schon gehen. – Dies ward zugesagt und getan, und die Magd ging; der Keller stand auf, und in der Tiefe schimmerte ein Licht. Da nun die Magd hineinblickte, ob alles sicher sei, so grölzte es hinten hervor: Guckst du, so werf' ich! – Ganz unerschrocken aber versetzte die Magd: Wirfst du, so fang' ich! – Das wiederholte sich noch zweimal, und die Magd hob ihre Schürze auf, und da flog etwas Dunkles aus der Höhle hervor und plumpte schwer in ihre Schürze und zappelte, und war ein kleines Kind. Das war Wahrzeichens genug; eilend trug die Magd das Kind vor ins Haus, und wie alle es voll Verwunderung ansahen, trat die Hausfrau dazu und Hub an zu schreien: Herr Gott! Herr Gott! Mein Kind, mein liebes Kind! Wie ist es wieder so schön geworden! – Und war wirklich dieser Frau ihr Kind, und der Wechselbalg in der Wiege war auf und davon. – Da ist in jener Gegend das Sprüchwort aufgekommen, wenn einem oder einer ganz unversehens etwas zuteil wird: Ich bin dazu gekommen wie die Magd zum Kind. *   530. Das Heringsmännchen Zu Saalfeld an der Johanniskirche ist ein uralt verbröckelt Steinbild zu sehen in Gestalt eines Männchens, das einen Fisch emporhält, das nennen sie das Heringsmännchen, und das ist das Wahrzeichen dieser uralten Stadt, in der leider Gottes im Jahre 875 die drei Enkel Karl des Großen, Ludwig des Deutschen Söhne Karlmann, Ludwig der Jüngere und Karl der Dicke, das große herrliche Deutsche Reich zum ersten unter sich geteilt haben. Die berühmte Benediktinerabtei daselbst hatte schon Karl der Große gegründet. Da, wo das Heringsmännchen steht, soll die alte Landesgrenze zwischen den Thüringern und den Sorbenwenden gewesen sein, welche mit den Thüringern in steter Feindschaft lebten und sie nicht anders nannten als Thüringer Heringsnasen. Die uralte Sorbenburg in Saalfeld, die am obern Ende der Stadt nach dem Fluß und Walde zu steht und noch als mächtige Trümmer bewundert wird, soll eine Trutzburg gegen die Sorben gewesen sein, wenn selbiges wahr ist; sie heißt im Volke gar nicht Sorbenburg, sondern der hohe Schwärm, welchen Namen die Diftler äußerst weise in arx alta Sorabarum verdolmetschten: Sorabarum – Sbarum – Schwarm, wie Chatten – Hatten – Hetten – Hessen – unumstößlich. Trifft's nicht, so fehlt's doch. *   531. Kirche und Brücke ein Geld Es ist eine bekannte Sage unter dem Volke zu Saalfeld, daß die große und schöne Saalbrücke; welche fünf hohe und weite Bogen hat, gleichzeitig mit der St. Johanniskirche erbaut worden sei, und da soll der Bau der Brücke doch noch drei Heller mehr als jener der Kirche gekostet haben. Einem deutschen Meister war der Bau der Kirche, einem welschen jener der Brücke übertragen. Beide wetteiferten miteinander, wessen Werk zuerst werde vollbracht sein, und aus dem Wetteifer ward ein häßlicher Kampf des Neides. Sie wollten den Wettkampf ausführen auf Tod und Leben, und so geschah es, daß immer einer das Fortschreiten vom Werk des andern eifersüchtig betrachtete. Endlich war die Kirche fertig, nur ein Stein war noch anzubringen an der Turmspitze und das Kreuz daraufzusetzen, doch die Nacht brach ein und zwang die Vollendung bis zum andern Morgen zu verschieben. Das erfuhr der Meister, welcher die Brücke baute, und trieb nun in einer wilden Sturmnacht die Vollendung seines Baues bei Fackeln und lodernden Pechkränzen, ja man sagt, er habe die Hülfe des Bösen erbeten und ihm seine Seele gelobt, nur um über den verhaßten Nebenbuhler triumphieren zu können. Dieser machte sich am frühen Morgen auf und erklomm die Turmspitze, aber wie sein Lehrling ihm nun den letzten Stein reichte, wie er diesen einsetzte und das Kreuz befestigen wollte, scholl ein lautes Freudengeschrei von der Brücke herauf zum Zeichen, daß sie vollendet sei; und ein tödlicher Schreck durchbebte den Meister. Das Turmkreuz aber entsank seiner Hand, das heilige Zeichen wollte nicht aufgesteckt sein von dem Mann mit einer Gesinnung voll Haß und Bosheit. Dem fallenden Kreuze stürzte sich der Meister nach und zerschellte an den scharfen Ecken der Strebepfeiler. Auf der Brücke aber ward im gleichen Augenblick eine gellende Hohnlache gehört, man wußte nicht, ob sie der Baumeister ausstieß oder ein Fremder, der bei ihm stand, und der ihn gleich darauf von der Brücke hinwegführte. Keiner sah ihn wieder. – Eine dieser sehr ähnlichen Sage geht auch vom Regensburger Dom und der Regensburger Brücke. *   532. Die Jungfrau mit dem Bart Auf der Brücke zu Saalfeld steht eine alte Kapelle mit einem St. Gehülfenbilde, von welchem mehr als eine Sage geht. Zwei Grafen von Arnstadt sollen diese Kapelle gegründet haben, und war zu ihr am dritten Pfingsttage und am Allerheiligentage gar ein großer Zulauf um Ablaß. Die Sage zu Saalfeld berichtet, daß eines Sorbenwendenfürsten Tochter, insgeheim der Lehre Christi zugetan, jede Werbung heidnischer Liebhaber beharrlich ausgeschlagen und in ein Kloster habe gehen wollen. Dieses kundgewordene Bekenntnis und dieser Vorsatz reizten ihres Vaters Zorn, besonders aber ihr Abfall von den Slawengötzen, und er schwur, so sie sich nicht seinen Befehlen füge, solle sie den Tod des Christengottes sterben, den sie im Herzen trage und bekenne. Da nun die edle Jungfrau standhaft blieb, so hielt der unnatürliche Vater sein grausames Wort und ließ sie mit den Armen an ein Kreuz nageln. Da sie nun, also freventlich dem Auge der Menge zur Schau gestellt, am Kreuze hing, flehte sie zum Heiland in ihrer tiefen Marter, er möge doch die Gnade an ihr erzeigen und ihrer Gestalt Unkenntlichkeit verleihen, und ihre Bitte fand Erhörung durch ein Wunder, es wuchs ihr ein starker Mannsbart, und ihre Gestalt wurde in eine männliche verwandelt. Ein edler Jüngling, der heimlich die Jungfrau geliebt hatte, kam herbei und versüßte ihr den Tod mit seinem Saitenspiel, dem zum Danke ließ sie einen ihrer goldnen Schuhe vom Fuße fallen. Das ist hernachmals in einem schönen Steinbilde an der Brückenkapelle dargestellt worden, welches noch heute wohl erhalten ist. Andere sagen, es stelle jenes Bild die heilige Kümmernis dar, welche ihr eigner Vater mit sündlicher Liebe verfolgt, bis sie sich von Gott die Verunstaltung erfleht und erbetet, worauf der Vater sie kreuzigen ließ, damit sie den Tod des Erlösers sterbe, an den sie glaubte. Solches geschah, und sie ward eine heilige Märtyrerin, und weil ihres Vaters Begehren und Strenge ihr den tiefsten Kummer ursachte, so ist sie hernachmals St. Kümmernis genannt worden, steht aber nicht im römischen Heiligenkalender, und wurden viele Bilder und Kapellen ihr zu Ehren aufgerichtet. Einstmals war ein armer Spielmann dem Hungertode nahe, der hatte in seinem eigenen Kummer ein gar großes Vertrauen zu St. Kümmernis und kniete vor ihrem Bilde und flehte sie um Hülfe an; selbiges Bild war aber gar ein reiches und prächtiges und trug goldne Schuhe. Da nun der Spielmann gebetet und vor dem Bilde eine andächtigfromme Weise aufgespielt hatte, ließ das Bild den einen goldnen Schuh vom Fuße fallen, gerade vor den Spielmann hin. Der nahm dankbar die werte Gabe und ging, sie zu verkaufen; der Goldschmied aber, der den Schuh wohl kannte, weil er ihn nebst dem dazugehörigen gefertigt, zog den Spielmann vor Gericht und klagte ihn des Diebstahls an, worauf derselbe gerichtet und zum Tode verurteilt wurde. Auf seinem letzten Gange ward der Spielmann wieder an dem Bilde vorbeigeführt, da kniete er noch einmal nieder und flehte die heilige Kümmernis an, seine Unschuld zu bezeugen, und siehe, da warf sie ihm sichtlich auch ihren anderen Schuh zu – daraus nun seine Unschuld klar ward, und alles Volk pries die göttliche Hülfe, den Erlöser und seine Heilige, dadurch wurden der Bilder von ihr noch mehr, und zwar nun solche mit dem Spielmann und dem ausgezogenen Schuh. Eins ist in Wien, eins in Ettersdorf bei Erlangen usw. *   533. Das Nonnenkloster zu Saalfeld In unvordenklicher Zeit war das Haus der jetzigen Hofapotheke ein Nonnenkloster, es ist nach dem hohen Schwarm der urälteste, doch schon ganz byzantinische Bau der Stadt, und noch zeigt sich daran manch rätselhaftes Steingebilde. In selbigem Hause soll es vordessen greulich gespukt haben, es gingen darin, soviel der etwas beschränkte Raum erlaubte, sämtliche Nonnen, Priorinnen und Äbte um und wandelten durch die unterirdischen Gänge, von denen einer nach dem Peterskloster führte, auf dem jetzt das Schloß steht, ein anderer nach dem Barfüßerkloster, ein dritter unter der Saale hinweg nach Altensaalfeld, mit einem Stationspunkt unter der Gehülfenkapelle in einem Brückenpfeiler, ein vierter unter die Sorbenburg, ein fünfter unter das Schlößchen Kitzerstein, und wo sonst noch die Nonnen ihre Gänge hin hatten und ihre Besuche her empfingen. Wo jetzt das Laboratorium der Hofapotheke, da war ehedem das Refektorium, und in dem Gastzimmer war das Dormitorium der Nonnen. Unter dem Kohlengewölbe öffnete sich eine Falltüre zu einem Unterkeller, die soll hernachmals vermauert worden sein, darinnen setzten die Nonnen dasjenige im stillen bei, was die Welt nicht mit Augen sehen durfte. Aber von Zeit zu Zeit, hauptsächlich am Tage der unschuldigen Kindlein, ist dasjenige in blutiger und dräuender Gestalt erschienen und hat sich nicht durch aufgeschütteten Kalk, nicht durch die Falltüre und die Kellergewölbetüre bannen lassen. Auch ist im Kloster ein beständiger Hader und Unfriede – eifersuchtswegen – gewesen, und sagen die Leute, es wären dieserhalb außen am Hause Hund und Katze als ein Wahrzeichen angebracht worden – doch sind es die Gestalten eines Leuen und eines Bären. – Endlich ist an einem schönen Morgen das alte Kloster zugewesen und auch zugeblieben – kein Gesicht hat sich mehr darinnen erblicken lassen – und als man endlich öffnete, war das Innere so tot und öde, als habe seit Jahren niemand mehr drinnen gewohnt. Niemand kann sagen, wo die Nonnen hingekommen sind. Einige meinen, sie seien ihre gewohnten Gänge gegangen und nicht wiedergekommen: andere aber sagen, sie seien verwünscht, müßten ewiglich in diesen Räumen bleiben und so lange spuken, als nur ein Stein des uralten Klosterbaues auf dem andern stehe. Andere haben diesen Termin minder lang gestellt und sagen, sie haben bloß so lange spuken dürfen, als es Mönche zu Saalfeld gegeben, und diese Zeit sei schon längst vorüber, und wären die spukhaften Nönnlein nun alle erlöst. – Vor dem Hause lag oder liegt noch ein großer Stein, darauf sitzt in jeder Neumondnacht eine Schleiereule und schlägt mit den Flügeln und tut einen markdurchdringenden Eulenschrei, wie die Tut-Osel. *   534. Die silberne Orgel Zu Saalfeld war ein Barfüßerkloster, das hatte eine große und schöne Kirche, die war dem heiligen Andreas geweiht, und später wurde in die Kirche die Münzstätte verlegt, daher heißt sie, obschon die Münze längst ein eigenes Gebäude erhielt, immer noch die Münzkirche. In dieser Kirche und im ganzen ehemaligen Kloster ist es nicht geheuer, Mönche wandeln, Kohlen flimmern, Schätze glühen aus der Tiefe herauf. – Im Klostergebäude ist das frühere Lyzeum, jetzige Realgymnasium. Einst kam ein Lehrer in der Nacht die Straße herauf und sah die Kirche hell erleuchtet. Er trat hinein und erblickte eine Tafel voll brennender Kerzen und funkelndes Tischgeräte, daran saßen der Fürst und sein Hofstaat in vollem Glanze. Bergleute gruben in den Boden ein und warfen heftig Schutt aus, der flog bis dicht vor des Lehrers Füße, und es fiel ihm etwas auf und in die Schuhe. Hoho! Nur nicht zu hastig! rief der Lehrer halblaut einem Knappen zu. Da tat es einen Schlag wie ein Donner, die mächtige Türe flog zu, die Kerzen verlöschten, und der Lehrer fand sich in tiefer grauenvoller Finsternis allein. Vor Angst zitternd sank er in die Knie, sprach ein Gebet, erhob sich dann und suchte einen Ausweg, den er auch durch das Sakristeipförtchen fand, wo er auf den Schulsaal gelangte. Am Morgen sieht er einen Glanz am Boden, der kommt von seinen Schuhen, aller Schutt und Staub, der in der Nacht auf und in sie hineingefallen, war zu klarem lichten Golde geworden. Lange ging und noch immer geht die Sage, daß in der alten Münzkirche eine silberne Orgel tief vergraben sei. Das hätten die Mönche des Barfüßerklosters getan, als die Reformation sie aus Saalfeld vertrieb und sie mit ihrem Klosterschatz nach Erfurt flüchteten, die Orgel aber wohl nicht fortbringen konten. Ein Saalfelder Herzog, Christian Ernst, wollte den Schatz heben, berief Bergknappen und Schätzebeschwörer und ließ in stiller Mitternachtstunde einschlagen. Bald kündete ein hohler metallener Klang, daß schon ein Kasten erreicht sei, kein Laut ward rege, alles lauschte mit verhaltenem Atem, die Bergknappen arbeiteten schweigend fort, da schrie auf einmal eine Stimme: Es brennt! Zugleich sah man Flammen lodern, und mit einem dumpfen Klang sank der Schatz zur Tiefe. Es war aber das Feuer kein Spuk der Geister, sondern es brannte in der Tat im Sparrwerk des Kirchendachs, und die Spur davon ist am Gebälk noch zu sehen. Niemand wußte, wie das Feuer ausgekommen, und ungehoben blieb bis heute der Schatz und die silberne Orgel. *   535. Gottes Finger Nach der für den Kurfürsten Johann Friedrich den Großmütigen zu Sachsen so unglücklichen Schlacht bei Mühlberg mußte dieser Fürst als Gefangener seinem Überwinder Kaiser Karl V. folgen. Auf diesem Zuge kamen beide nach Saalfeld. Der Kaiser bezog das neuerbaute Gasthaus zur goldnen Gans in der Nähe des Rathauses, das jetzt zum goldenen Anker heißt, und der gefangene Kurfürst erhielt sein Losament in einem gewölbten Gemach nahe dem Hofe, vor welchem eine Leibwache spanischer Soldaten sich aufpflanzte. Das waren des neuen Gasthofs erste Gäste. Der edle Gefangene, Herr des Landes und doch in Gewalt des Feindes, trug mit der Würde, die seinen Charakter auszeichnete, sein Los, aber in diesem Kerkergewölbe fiel eine Angst gleich einer Bergeslast auf seine Seele. Er vermochte nicht das Bangen, das ihn drückte, zu bewältigen und bat die Wachen, sie möchten ihm vergönnen, nur einen Augenblick im Hofe frische Luft schöpfen zu dürfen. Der Kaiser ward um Erlaubnis befragt und gewährte. Und kaum war Johann Friedrich aus seinem Gefängnis getreten, so stürzte mit Donnergepolter das Gewölbe über jenem Gemach zusammen und hätte unfehlbar den Kurfürsten erschlagen, wenn er noch darunter geweilt. Dieses sichtliche Zeichen der allwachenden Vorsehung bewog Karl V., seinem erhabenen Gefangenen ein besseres Gemach anweisen zu lassen. Fünf Jahre lang trug Johann Friedrich Last und Leiden der Gefangenschaft; als er endlich frei geworden, kam er wieder nach Saalfeld, wohnte, umjubelt von seinem treuanhänglichen Volke, wieder in der goldenen Gans und publizierte den getreuen Ständen in feierlicher Versammlung auf dem Rathaus seinen kaiserlichen Restitutionsbrief. *   536. Das bescherte Glück Dicht bei Saalfeld liegt das Stift Graba, dort träumte einem jungen Menschen, es sei ihm ein großer Schatz beschieden, er solle nur zur gehörigen Zeit nachgraben an einer Stelle, die der Traum ihm ganz genau bezeichnete, dort werde er einen Topf gefüllt mit Golde finden. Am Morgen darauf begegnete er einem seiner Bekannten und erzählte ihm den wunderlichen Traum. Dieser lachte darüber und redete ihm die Sache aus, ging aber in der folgenden Nacht in aller Stille hin, grub und fand wirklich den bezeichneten Topf. Leider aber war der Topf statt mit dem erwarteten Golde mit gelben Ameisen angefüllt bis zum Rande. Ärgerlich über die Täuschung, und um sich für die gehabte Anstrengung und Nachtwache zu rächen, nahm dieser gute Freund den Fund und schüttete seinem Freunde, der den Anlaß zu sotaner herber Täuschung mit seiner Traumerzählung gegeben, die kleinen gelben Ameisen in das Bette. Vergebens aber lauschte er auf den Schrei, wenn dieser von den Bissen der Ameisen erwachen werde; der Freund schlief wie ein Toter. Als dem Träumer der anbrechende Morgen die Augen aufschloß, sah er sich in lauter Golde liegen – denn ihm war einmal das Glück beschert und nicht dem andern. *   537. Das Mäuselein Nicht weit von Saalfeld liegt ein Ort mit einem Rittersitz, Unterwirrbach, da wurde ein Knecht gar häufig und sehr von der Alptrude gedrückt und konnte gar keinen Frieden haben, und schlug auch kein Mittel an, denn das unfehlbare, das Verstopfen des Schlüsselloches, welches jener Gute in der Ruhl anwandte, kannte und erfuhr er nicht. Da schälte einer Zeit das Gesinde spät abends in der Stube Obst, und da kam einer Magd der Schlaf an, und sie legte sich auf die Bank, ein wenig zu ruhen. Wie sie nun eine Weile dortgelegen hatte und einige hinsahen, ob sie schlief oder ob sie nicht bald wieder aufwachen werde, siehe, da kroch dem schlafenden Mensch ein rotes Mäuselein zum Maule heraus, daß sich alle entsetzten und einander anstießen und sich's zeigten. Das Mäuselein lief am Getäfel hinauf an das Fensterbrett, dort klaffte ein Fenster, und husch war es hinaus. Eine Zofe, die bei dem Gesinde saß und Äpfel schälen und auch essen half, war neugierig und wollte die Schlafende wecken, die andern aber sagten ihr, sie solle das nicht tun, es sei vielleicht nicht gut; sie ließ sich aber nicht abhalten und ging doch hin und rüttelte die Schlafende, sie lag aber starr, wie recht eigentlich entseelt, obschon sie sich noch nach einer andern Stelle hin bewegen ließ. Bald hernach kam das rote Mäuselein wieder durchs Fenster hereingehüpft und wollte wieder einkriechen, wie jenes kleine fingerlange Tierchen in das Weibsbild, welches Schnitter bei Vilforde im Niederland fanden, und welches eine Mahr war, aber es fand nicht mehr an der Stelle, wo es ausgekrochen, den Mund der Magd, lief ängstlich hin und her, und endlich verschwand es. Die Magd aber erwachte nimmer zum Leben, sie war jetzt und blieb tot – vergebens bereute die Zofe ihren Vorwitz. Es war aber dieselbige Magd eine Trude gewesen, die den Knecht im Schlafe gedrückt hatte, denn seit sie tot war, blieb er von allem Alp- und Trudendrücken frei. *   538. Der Fluch der Witwe Zwischen Saalfeld und Gräfenthal liegt Reichmannsdorf, allwo in frühern Zeiten des Bergsegens und Bergbaues kein Ende war, darum heißt noch immer ein Berg in der Nähe der Goldberg und ein anderer der Venusberg, darinnen eine Grube liegt, die den Namen führt Zufällig Glück, und mag wohl der, der in den Venusberg baute, zufällig Glück gehabt haben. Der Ort hatte früher auch einen andern Namen, da aber der ergiebige Bau alle Einwohner zu reichen Mannen machte, so bekam er den Namen Reichmannsdorf. Schon im Jahre 1335 stritten und verglichen sich die Grafen von Orlamünde und die von Schwarzburg über den Ertrag der Gold- und Silberbergwerke, die im Umfang von fast zwei Meilen um den Ort abgeteuft wurden, und deren Anzahl zweihundertundzwanzig überstieg. Die Einwohner wurden, wie die Sage erzählt, so übermütig, weil sie so viel gewachsenes Gold und Silber gewannen, daß sie mit goldnen Kegeln spielten und mit goldnen Kugeln danach schoben. Der Ort genoß die Rechte einer Bergstadt und ward im Scherz die Vorstadt von Saalfeld genannt. Zu einer Zeit geschah es, daß in einem der Reichmannsdorfer Schachte eine so große Stufe gediegenen Goldes gefunden wurde, daß sie viertausend Gulden geschätzt wurde. Das Mineral hatte im Bruch die Form eines Sessels bekommen, und da gerade zu jener Zeit ein Sachsenherzog kam, das reiche Gewerk zu beschauen, so legte man die Stufe auf ein mit Stricken befestigtes Brett, und darauf fuhr nun, von einem Knappen begleitet, der Herzog in den Schacht. Er kehrte befriedigt zurück und lohnte seinem jungen Geleitsmann mit einer Handvoll Dukaten. Der junge Gesell ließ bald darauf das Geld sehen und tat sich gütlich beim Kirmsentanz, und da kam er in den Verdacht, daß er Erze gestohlen habe, ward auch sofort auf heimliche Anklage eingezogen und mußte auf der Folter den Diebstahl eingestehen, den er doch nicht begangen hatte. Nach der Art jener Zeit, Diebe nicht jahrelang in Gewahrsam und liebevoller Verpflegung zu halten, vielmehr kurzen Prozeß mit ihnen zu machen, wurde der unschuldige Knappe auf den Richtplatz geführt, um dort an den Galgen gehenkt zu werden. Vergebens flehte seine arme alte Mutter für sein Leben, vergebens beschwur sie und er selbst seine Unschuld, und daß jenes Gold ein Geschenk des gütigen Herzogs gewesen. Der Arme mußte henken. Da erfaßte Verzweiflung die alte Mutter, sie taumelte vom Richtplatz, sie wankte auf die reichste Grube zu, in welche der Sohn mit dem Herzog gefahren war, sie umwandelte diese dreimal und sprach in der Hölle Namen schreckliche Zauberflüche aus. Dann ergriff sie ein Gefäß voll Mohnsamen, das sie mit sich führte, und schrie: Verflucht sei dieses Bergwerk um meines unschuldigen Sohnes willen! So viele Körnlein Mohnes hier niederrieseln in die Tiefe, so viele Jahre lang finde man kein Körnlein Goldes wieder! Und als sie so gerufen hatte, stürzte sie sich, den Zauber zu vollenden und den unterirdischen Geistern für die Erfüllung ihres Fluches ein lebendes Opfer darzubringen, in den tiefen Schacht. Wie sie unten zerschellte, durchdröhnte ein unterirdischer Wetterschlag das ganze Gebirge, der Hauptschacht stürzte zusammen, wilde Wasser ersäuften ihn, und der bei weitem größte Teil des Reichmannsdorfer Bergsegens hatte ein Ende, und mit ihm verschwand auch die Prachtliebe und der Glanz der Ortsbewohner. – Auf ähnliche Weise ist auch zu Schleiz im Vogtlande ein reicher Schacht von einer alten Hexe verflucht worden. *   539. Die wilde Bertha In der Gegend um Saalfeld, im Saaltale, auf der Heide, in den Bergwerken von Kamsdorf, im Orlagau und nach dem Vogtlande hinüber, wie in diesem selbst, läßt die Sage des Volkes zahlreiche mythische Wesen in abgesonderten Gruppen bestehen; diese bilden das Volk der Riesen, der Zwerge, letztere als Bergmännchen, der Haus- und Hülfsgeister als Heimchen, der Wichtlein, Moosmänner, Holz- und Moosweibel als scheue Waldzwerge, die der wilde Jäger fast beständig in der Hurre hält, jagt und tötet, wie der Wode im Dithmarschenlande die Unterirdischen; sodann die Drachen, die Saalnixen und endlich der wilde Jäger selbst mit seiner Jagdfrau, der wilden Bertha. Er hat keinen bestimmten Namen, nur einmal halb verbürgt begegnet er unter dem Namen Berndietrich; sie aber heißt auch die eiserne Bertha, die Bildabertha, Hildabertha (Hulde-Bertha?) und im südlicheren Deutschland Perchta und Prechta. Bertha, Jäger und Moosleute erscheinen zottelig, ungekämmt, struppig, und die Hildabertha hat ganz die Eigenschaft der Hulda, die um den Hörseelenberg jagt, faulen Mägden den Flachs zu verwirren und den Rocken zu zerzausen, besonders am letzten Tage im Jahre. Manche Leute sollen deshalb an diesem Tage Klöße und Hering essen, der Thüringer Heringsnasen Lieblingskost, und den Kindern, die sie ohnehin viel mit Bertha zu fürchten machen, sagen, wenn sie das nicht äßen, komme die wilde Bertha, schneide ihnen den Bauch auf, nähme heraus, was darinnen, und nähe den Bauch wieder zu, wobei sie sich statt der Nähnadel einer Pflugschar und statt des Heftfadens einer Hemmkette bediene. Es hat aber das Heringsessen am letzten Tag des Jahres noch einen weit verbreiteteren Grund, indem die Leute den Glauben haben, der Rogen des Herings, an diesem Tage genossen, bringe im nächsten Jahre Geld; aus gleichem Grunde werden mittags am selben Tage Linsen gegessen. *   540. Das Beil im Kopfe Ein Bauer aus einem Walddorfe der Saalfelder Gegend fuhr zu Holze in den Zwölften, wo die Geister in Feldern und Wäldern häufig umfahren. Da kam ihm in einem engen Hohlweg die wilde Jagdfrau entgegen auf einem Wagen, den zwei Katzen zogen. Der Bauer konnte nicht ausweichen oder wollte nicht und hub an, greulich zu fluchen. Da hub aber die Frau Bertha ihr Beil auf und schlug es mit einem mächtigen Hiebe dem Bauer handtief mitten in der Stirn in den Schädel und fuhr brausend mit ihrem Gespann über seinen Kopf und seinen Wagen hinweg. Der mächtige Schlag hatte den Bauer betäubt, und er hatte gemeint, es wäre sein Letztes, doch als er zur Besinnung kam, fand er sich heil und unverletzt, aber – mitten in seinem Kopf stak samt dem Stiel, wie in das Fleisch gewachsen, die Spaltaxt der Frau Bertha und war nicht zum Wanken und Weichen zu bringen. So kam der Bauer in sein Dorf zurück, trug zu jedermanns Verwunderung die Axt im Kopf und mußte sich daheim halten oder beständig eine hohe Mütze tragen, denn kein Bader und Feldscher war imstande, ihm die Axt aus dem Kopf zu bringen. Doch konnte er seiner Arbeit warten. So geschah es, daß jener Bauer, der nun schon ein Jahr so gestraft war, eines Tages wieder zu Holze fuhr, und da begegnete ihm wieder die Jagdfrau, ganz wie das vorige Mal. Da war er aber geschwind mit Ausweichen und trieb sein Vieh zurück und gab der Frau Bertha Raum. Da dankte das Waldweib gar freundlich und strich ihm mit der Hand über die Stirne, und weg war die Bertha. Da fiel das Beil dem Bauer aus der Stirne in die Hand, und am Kopf sah und fühlte er keine Spur einer Wunde oder Schmarre, als er aber das Beil recht betrachtete und betrachten ließ, fand sich, daß es von lauterem Golde war. *   541. Halbpart auf der Hohenwart Ein Anwohner des Sorbitzbaches wanderte des Nachts von der Hohenwart – am Saalufer bei Kaulsdorf – herunter dem Valleidatale zu. Das wilde Heer war gerade zur Jagd auf dem hohen Waldrücken ausgezogen, und aufgescheucht flohen die Waldweibchen und grauen Moosmännchen vor ihren Verfolgern her. Der Wanderer horchte dem furchtbaren Getöse zu, sah beim Mondenschein das tolle Treiben mit an, bis ihn vor Grausen selbst toller Mut ergriff, so daß er aufschrie: Hussa! Hussa! Halbpart mir hier auf der Hohenwart! – Hussah! erging die Antwort darauf, und am Morgen lag ihm das ganze Haus voll Geflügel, dem insgesamt die Hälse umgedreht und die Beine ausgerupft waren, und Wildbret, wie es der Mann teilweise noch niemals gesehen, Wichteln und Wachteln durcheinander, und an den Türpfosten hingen Viertel von Waldweibchen und Moosmännchen, die stanken über alle Maßen. *   542. Hünschchen Auf der Heide, wo der Kulm ragt, der in den Heidenzeiten oft Feuer ausgestrahlt haben soll, und wo die Hangeeiche steht, liebt der wilde Jäger oft zu hetzen und die Moosleute zu jagen. Einstmals hörte ihn ein Bauer aus Arnsgereuth, der tat auch seinen Jagdjauchzer, wie der Sorbitzbächler, und geriet ihm ebenso wohl, doch nicht ganz so reichlich, das machte, weil er nur in die wilde Jagd hineinjuhut hatte und nicht gleich halbpart begehrt. Er wurde der glückliche Finder eines Moosweibchenviertels, das vor Fäulnis schon ganz grün war, das war an seiner Haustüre aufgehängt, an den Haken, daran er, wenn er schlachtete, sein Kalb oder sein Schwein aufzuhängen pflegte. Voll Entsetzen lief der Bauer zu einem Gutsherrn und fragte den um Rat, der sagte, er möchte das Fleisch ja nicht anrühren, solle es nur hangen lassen. Solches tat das Bäuerlein, und da kam das übelstinkende Viertel hinweg. Der hat nicht wieder mitgeschrieen. Auf der Kegelbahn in Preilipp, wo man die Saale weithin überschauen kann, waren Sonntags die jungen Bursche des Dorfes versammelt bis in die sinkende Nacht hinein und machten sich lustig. Auf einmal erblickten sie den wilden Jäger, wie er ohne Kopf über der Saale drüben hinritt. – Wartet, dem muß ich eins anhängen, rief ein vorlauter Bursche, ich weiß, wie man ihn recht ärgern kann! – Vergebens gaben ihm die andern gute Worte, er solle doch ja stille sein; er trat vor und rief laut: Hünschchen, Hünschchen! Hast schöne rote Strümpfchen! – Kaum hatte er das Wort ausgesprochen, da plätscherte es durch die Saale, und der wilde Jäger rückte an. Eiligst ergriffen die Bursche die Flucht und sprangen in das erste beste Haus hinein, worin sie sich verschlossen und verriegelten. Sie waren kaum hinein, da hielt der wilde Jäger auch schon vor der Türe und pochte und tobte greulich, und als beim anbrechenden Morgenlichte das junge, geängstigt gewesene Volk heraustrat, lag ein Stück rohes Fleisch vor der Haustüre, das einen fürchterlichen Gestank verbreitete. Das Schlimmste bei der Sache war, sooft auch das stinkende Fleisch weggeschafft wurde, es kam ein- und allemal von selber wieder bis zum nächsten Sonnabendabend, da verschwand es. *   543. Frau Welle Die Hohewart liegt bei Kaulsdorf über Saalfeld und hat den Namen von einem Turme, der daraufstand, und in dem Turme hat eine weise Frau gewohnt, welche die Umwohner zu Rate zogen, diese Rune wurde Frau Welle genannt, und man nennt nach ihr noch das Tal unter der Hohenwart das Valleidatal. Bisweilen hielt sich Frau Welle auch in einer Berghöhle auf, und dort soll sie fort und fort noch als ein Geist erschienen sein, ganz in schneeweißes Linnen gekleidet, mit einem breiten Gürtel aufgeschürzt und mit fliegendem, bis auf die Fersen herabwallendem Haar. Auch sie soll sich in der Nähe, ja selbst im Gefolge des wilden Heeres befunden haben, wo sie aber die Waldmännchen und -weibchen nicht verfolgen half, sondern denselben ihren Schutz gewährte. Die zunächst anwohnenden Bauern sahen sie zuweilen, wann sie spät aus dem Holze heimkehrten, auf einer Anhöhe im Walde, wie sie auf den Ton der Jagdhörner horchte, wenn das wilde Heer auszog. Einstmals – erzählt man – war ein Bauer vorwitzig genug und fragte das am Berge vorüberziehende wilde Heer, ob es etwa der Frau dort etwas von der gemachten Jagdbeute ablassen wolle. Tags darauf fand man diesen Mann auf einem breiten Steine des Valledenberges mit ganz zerstückeltem Leibe liegen. Bisweilen irrte diese Frau auch unter der Gestalt einer fahlen Kuh in den Gebirgsschluchten umher. Im nahen Loquitzgrunde ist ein Felsberg, der heißt die Trudenkuppe; auch auf ihr geht eine weiße Frau um, deren lange nachschleppende Haare im Winde flattern. Sie trägt ein großes Messer und soll einsame Wanderer in das Dickicht locken und dann auf einem alten mächtigen Opfersteine schlachten. *   Die Saalnixen 544. Die Saalnixen Von den Saalnixen gehen der Sagen viele; der Fluß zieht in mannigfaltiger Krümmung durch weite Länderstrecken von seinem Ursprung auf dem Fichtelgebirge bis zu seiner Einmündung in den Elbstrom in der Nähe von Barby. Zu Wilhelmsdorf zwischen der Saale und dem Städtchen Ranis hat sich eine Saalnixe zum öftern gezeigt. In der Berggrube bleichte sie ihre Wäsche, die war blütenweiß und rot gerändelt. Ein Bauer, der dort vorüberfuhr, hieb mit seiner dreckigen Mistgeischel ein paarmal darüber hin, daß man garstige Schmitzen sah. Da stand die Nixe plötzlich an seinem Wagen und schalt, er solle das nicht noch einmal tun, sonst wär' es aus mit ihm. Murrend fuhr der Knecht davon. Als er das nächstemal wieder an derselben Stelle vorbeikam, lag der Weich wieder dort, aber es war keine Nixe dabei. Da trieb der angeborene Frevelsinn, der manchem im Leibe steckt, den Burschen an, nach Herzenslust auf die blütenweiße Wäsche zu schlagen und sie mit dreckigen Striemen zu zeichnen, und über dieser Frevelübung merkte er gar nicht, daß aus der nahen Berggrube hervor endlos Wasser strömte, bis er es an den Füßen spürte, bis es über die Kniee ihm schwoll, und da er sich nun hinauf auf seinen Wagen vor der mehr und mehr anschwellenden Flut retten wollte, war die Nixe da, riß ihn zurück, tauchte ihn unter und hielt ihn fest, bis ihm der Odem ausging. Lange Zeit trieb diese Saalnixe zum Zeitvertreib ihr Wesen in der Kosterquelle und den runden Teichen auf der Walperwiese bei Wilhelmsdorf. Einstmals ging ein Mann aus dem Dorfe nach dem schwarzen Holze an der Herthigstelle, sich dort einen Peitschenstecken zu holen. Die Sonne ging gerade auf, als der Wilhelmsdorfer über die Walperwiese schritt. Er sah, wie die Nixe blendendweiße Wäsche an dem Rande der Kosterquelle ausgebreitet hatte zum Trocknen. Daneben saß sie selber und wiegte ihr noch schlafendes Kind. Erschrocken darüber wollte er von der unheimlichen Stelle ausbiegen, doch die Nixe hatte ihn schon gewahrt. Sie fragte nach seinem Anliegen und versprach ihm einen Peitschenstecken, mit dem er gewiß zufrieden sein solle, wenn er unterdes das kleine Nixlein recht schön wiegen wolle. Der Mann wollte die Nixe nicht böse machen und setzte sich bei der Wiege nieder. Unbeholfen stößt er daran und bringt sie nach seiner Weise in starken Schwung. Eines solchen Wiegens ungewohnt, erhub die kleine Nixe wehklagend ihre Stimme. Da schaute die Nixenmutter sich um, dräuete mit der Hand und gebot ihm Schonung für ihr Kind. Der Mann aus Wilhelmsdorf aber wurde dadurch so aus der Fassung gebracht, daß er die Wiege gar umwarf und dann entfloh. Die zurückkehrende Saalnixe schwur dem Fliehenden Rache, und ehe dreimal vierundzwanzig Stunden vergangen waren, lag der Frevler als toter Mann in der Saale. Einem Manne aus Reitzengeschwend, der besser gewiegt hatte, wurde von der Nixe ein goldner Peitschenstecken verehrt. Ein anderer traf die Nixe weinend und jammernd an, ihr Kind war gestorben, und sie wußte nicht, was sie damit anfangen sollte; da erbot er sich, es auf seinem Wagen mit ins Dorf zu nehmen und auf den Kirchhof zu begraben. Des war die trauernde Nixe herzlich froh, ließ es geschehen und belohnte reichlich den Mann. Einmal hatte die Nixe einen jungen Ehemann an sich gelockt, dessen Frau schöpfte Verdacht, ging ihm nach und traf ihn bei der Nixe in zärtlicher Umarmung. Da erhob sie ein entsetzliches Jammergeschrei und raufte sich die Haare aus. Als die Nixe den Schmerz der Frau gewahrte, und wie lieb sie ihren Mann hatte, ließ sie diesen los und sprach: Nimm ihn hin, er sei und bleibe dein, aber er nahe nicht wieder dem Ufer, sonst möchte mich's reuen und ich mir ihn holen. Und glitt hinweg und verschwand im Strome. Eine Saalnixe kam auch oft nach Saalfeld in die Stadt in die Fleischbänke; sie hatte große wässerige Augen wie ein Fisch, grüne Zähne und unterm Rock einen triefenden Schweif. In Jena fordern sie jedes Jahr ein Menschenleben als Opfer, desgleichen in Halle, davon ein Scherzreim geht: Wißt ihr wohl, wo Halle liegt? Halle liegt im Tale. Da sind schöne Jungfern drein und Nixen in der Saale. Einer hallischen Wehmutter erging es ähnlich wie der zu Preilipp, die ward auch von einem Wassermann unter den Strom geführt, dort von der Kindbetterin vor ihres Mannes, des Nix, Tücken gewarnt und bedeutet, Dosten und Dorant zu erfassen und festzuhalten, diesen Kräutern und denen, welche sie tragen, können weder Nixen noch Kobolde etwas anhaben, so kam auch jene glücklich zurück. *   545. Milch- und Gelddrachen In der Saalfelder Gegend wie im nachbarlichen Orlagau und im Vogtlande, aber auch in Thüringen und weit nach Franken hinein ist der Glaube an Drachen verbreitet, welche den Teufelsbündnern Reichtum zutragen. Auf gar vielen Orten bezeichnen die Einwohner geradezu die Häuser und nennen die Leute ohne Scheu mit Namen. Die Drachen erscheinen in feuriger Gestalt und werden in gute und arme Drachen unterschieden. Die meisten fallen in Form einer Feuerkugel durch den Schornstein in die Häuser und schütten daselbst ihre Schätze, Milch, Eier und Geld, aus. Man nennt sie die guten Drachen. Bisweilen zieht der Drache aber auch in Gestalt eines langen Wiesebaums durch die Fensterzwickel in die Wohnungen und hinterläßt statt der Reichtümer einen furchtbaren Gestank. Das ist der arme Drache. Wenn der Einzug des guten Drachen gewahrt wird, werden schnell die Milchgefäße gereinigt, und man setzt sie in Küche und Keller, damit der Drache seine Milch darin ausschütten könne. Um ihn anzuziehen, werden die Butterfässer aus Holzarten gefertigt, welche zu heidnischer Zeit für heilig gehalten wurden, Wacholder, Eibisch, Linde. Das Holz wird am heiligen Abende des Weihnachtsfestes geholt und sogleich abgeschält. Butter wird nur am Freitage ausgerührt, nachdem man zu drei verschiedenen Malen Milch in das Butterfaß gegossen hat. Noch jetzt werden häufig in den Kellern eingegrabene Töpfe von eigentümlicher Beschaffenheit gefunden. Sie sind hoch an Form, unten zugespitzt, haben neun Ringe in der Mitte und sind ohne Henkel. Der ursprüngliche Deckel ist an dem Rande abgeschlagen und so inwendig in den Boden des Topfes eingepaßt, und an des Deckels Stelle ist eine Schieferplatte gefügt. Lauter Anstalten, um das Geschäft des Drachen in Vermehrung der Milch zu erleichtern. Wieder eine andere Art feuriger Drachen sind die, welche die Sage als Schätzehüter insgemein erscheinen und von denen erblickt werden läßt, welche dem Geschäft des Schätzehebens obliegen, das nur zu oft den Hals und das ewige Seelenheil dazu kostet, das sind die Gelddrachen, die auch oft auf zwei Beinen mit Menschengesichtern umgehen. Nicht weit von dem Dorfe Peisla ohnweit Ranis erhebt sich der Engelsberg, ganz mit Rotbuchen bewachsen. An seinem Fuße zieht sich ein tiefer Graben nach Norden, den man den Poppengraben nennt, und welcher an den Poppenbiel stößt. Auf der östlichen Seite des Berges öffnet sich eine Höhle, die der Sage nach durch den ganzen Berg sich erstrecken soll. Zwei feurige Drachen liegen darin an Ketten und haben einen großen Schatz, der daselbst verborgen ist, zu bewachen. Ein graues Männchen wird nach Jahrhunderten die Stelle andeuten, wo der große Schlüssel liegt, mit welchem der Zugang zum Schatze geöffnet werden kann, indem das Männchen mit einem Stabe einem der großen Steine, die am Wege von Peisla nach Dobian liegen, ein Malzeichen aufdrücken wird. *   546. Von Moosleuten, Holzweibeln und Heimchen Es ist schwer, eine sondernde Linie zu ziehen zwischen den verwandtschaftlichen Beziehungen der Elbe, die das Volk so verschieden benennt und kennzeichnet, und könnte einer ein Buch allein über sotanes Völklein schreiben, ungleich reichhaltiger als des Iren T. Knightleys Mythologie der Feen und Elfen. Aus Büchern aber darf es einer nicht lernen wollen, er muß selbst an Orten und Stellen hinhorchen, was die Leute sich auf den Dörfern davon erzählen. Und wie das gespenstige Zwergvölklein sich nicht streng sondern läßt, so lassen sich auch die Sagen von ihm nicht sondern, denn es erscheint bald da, bald dort, bald in dieser, bald in jener Gestalt und Gesellschaft oder auch ganz allein. Aber die Moosleute sind keine Hülfsgeister, die Holzweibel keine Moosleute und die Heimchen sind auch nur wenig von allen diesen, höchstens Hülfsgeister; sie bilden das Gefolge der wilden Bertha, sind aber nicht wild, sondern traulich, wie ihr Name, der traulichste, der in deutscher Zunge klingt und daher auch einem Tiere gegeben ward, das heimlich am heimischen Herde, am Backofen, in der Wärme weilt, und dessen Zirpen der Volksglaube prophetische Bedeutung beilegt. Sie heißen in diesem Lande Heimchen, nicht mit Heinchen oder Heinzchen zu verwechseln. Im Orlagau heißt Perchta die Heimchenkönigin und erscheint umschwärmt von dieser neckischen Elbenschar. Wie anderorts die Zwerge über Flüsse sich schiffen ließen und fortzogen, so bei den Dörfern Kosdorf und Rödern, welche nicht mehr vorhanden sind, im Orlagau die Heimchen. An einigen Orten dieser Gegend heißen sie auch Butzelmännchen, Heimele, Erdmännele und werden gedacht als ganz winzig kleine Erdgeister, welche nur fingerslang sind und in den Mäuselöchern der Häuser wohnen. Gewöhnlich lassen sie sich in den Abendstunden sehen, sind weiß bekleidet, erweisen sich freundlichen Gemütes und führen in Zahl von mehreren Hunderten liebliche Kreiseltänze auf. Sie zeigen den Bewohnern des Hauses Glück oder Unglück im voraus an und hinterlassen zuweilen, wenn man sie sorgsam hegt, köstliche, obschon höchst niedliche Geschenke, welche zur Morgenstunde in goldnen Kästchen vor den Mäuselöchern aufgestellt sich finden. Im Schnerfert bei Grobengereuth auf dem roten Biel gab es vorzeiten Waldweibchen in Menge. Sie sprangen auf den Heuschobern und den Getreidegarben herum und spielten miteinander wie die Kinder. Wenn Leute dazukamen, die sich bei dem Anblick der Kleinen blöde und furchtsam zeigten, so riefen sie ihnen freundlich zu: Kommt immer her, treibt, was ihr wollt, wir tun euch nichts. Doch benaschten sie die Arbeiter im Schnerfert gern und trugen ihnen wohl halbe und ganze Brote weg. In der ganzen Gegend um Altengesees herum, die bis heutzutage sehr holzreich ist, standen die Bauern mit den Holzweibeln im freundlichsten Verkehr. Sooft Holz gefällt wurde, waren sie gleich bei der Hand, baten die Holzmacher, daß sie doch, ehe der fallende Baum den Erdboden erreiche, drei Kreuze in den Stock hauen möchten, so daß sie darauf Schutz vor der wilden Jagd finden könnten. Gern taten dies die Leute, und die Waldweibeln halfen den Arbeitern dafür, wo sie wußten und konnten. Gingen die Bauern am Morgen in den Wald, so legten sie ein Stückchen Brot oder einen Kloß für ihre kleinen Gehülfen auf die bekreuzten Stöcke, und diese luden freundlich ein, fleißig Holz zu holen mit den Worten: War Hulz braucht, kumm, war arm is, namm. *   547. Kümmelbrot Im Schallholz, eine Viertelstunde westlich von Merkendorf, hausten auch Holzmännel und Holzweibel; die waren den Leuten gern behülflich und dienstbar, halfen auch Heu machen, waren aber nicht blöde und ließen sich oft ungefragt die Klöße aus den Töpfen und die Brote aus den Ofen gefallen. Das war zuletzt den Leuten nicht recht, sie gedachten diese unliebsamen Gäste los zu werden und wendeten die Mittel an, die dazu dienlich waren. Der Müller, dem sie treulich geholfen, Mehl und Mühle gefegt hatten, legte ihnen neue Kleider hin, das verdroß die kleinen Hülfswesen, und sie zogen ab und kamen nicht wieder. Andere Leute buken Kümmel unter das Brot oder bestreuten, wie es noch heute üblich ist, die Rinde damit. Da klagten die Holzweibel: Kümmelbrot, unser Tod. Und dann sagten sie im Weggehen, da sie fortzogen, um nimmer wiederzukehren: Eßt ihr euer Kümmelbrot, tragt auch eure schlimme Not. Und nachher ist es den Leuten auch nie wieder so gut und wohl geworden wie früher. *   548. Das hohle Brot Zu einem Hirtenmädchen aus Gefell kam oft ein Holzweibel auf die Hut, und das Mädel war mit dem Weibel gut vertraut. Eines Tages, als sie daheim frisch gebacken hatten und kein Mangel vorhanden war, nahm das Mädchen einen ganzen Laib Brot für das Holzweibel mit. Das empfing das Brot mit großer Freude, brach es auf und höhlte alle Krume heraus, dann sammelte es Laub am Hutrain und stopfte das hohle Brot damit voll. Dieses kindische Tun verdroß die junge Hirtin, es dauerte sie das liebe Brot. Und auf einmal lag das Brot bei ihr, und das Holzweibel war verschwunden. Nun hatte das Mädchen nichts Eiligeres zu tun, als das Laub aus dem gehöhlten Brot zu schütten, und das letztere nahm es wieder mit nach Hause. Da klapperte etwas im Brot, und das Mädchen dachte, es möchte etwa ein kleiner Stein sein, der mit dem Laub in das Brot gekommen, schüttete es nochmals aus, aber siehe, da waren aus einigen Blättern Laub, die innen hängengeblieben waren, einige Laubtaler geworden. Wie schnell lief die Hirtin nach dem Rain, wie suchte sie nach dem köstlichen Laube, fand es auch noch und trug's in der Schürze heim, aber es wollten daraus keine Laubtaler werden, und nie sah sie das dankbare Holzweiblein wieder. *   549. Das erschrockene Wichtel Eine Bauersfrau aus Gössitz war daran, auf ihrer Holzwiese im Schlingengrunde gerade den letzten Heuschober auszubreiten, da saß auf dem Schober, mit dem Rücken der Frau zugekehrt, ein winzigkleines Männchen. Was war zu tun? Fertig wollte die Frau gern mit ihrer Arbeit werden und getraute sich doch nicht den Kleinen anzureden und heruntergehn zu heißen. Kurz bedacht schlich sie von hinten heran und zupfte mit dem Rechen Heu unten von dem Schober weg. Das Wichtel merkte nichts davon. Die Frau zupfte wieder und immer wieder; endlich kriegt der Schober oben das Übergewicht und bricht zusammen. Das erschrockene Männchen kreischte laut auf im Fallen und rang sich mit Mühe aus dem Heu hervor. Aus dem Holze aber kam ein ganzer Haufe kleiner Wichtel und rief: Sag an, sag an! hat es dir was getan? Das sich vom Schrecken erholende Wichtel schaute aber immer nur den eingefallenen Heuschober an, schüttelte den Kopf und sprach: Ei, ei! Das Ding fiel nur so ein; da bin ich so erschrocken! und lief, ohne auf die Bauersfrau achtzugeben, was es laufen konnte, mit seinen Kameraden in den Wald zurück. *   550. Die bestrafte Magd Eine kecke Magd schritt am Dreikönigsabend von Neidenberg nach Saaltal, ein Dorf ohnweit Wilhelmsdorf dicht an der Saale, heim. Sie war in einer Lichtstube zu Neidenberg spinnen gewesen und hatte ihren Rocken rein abgesponnen, auch hatten junge Burschen ihr das Geleit gegeben bis zum Bergabhang, der sich in das Flußtal senkt. Den Bergpfad herauf zog Perchta mit dem Heimchenvolke, und die Magd stutzte, als sie eine stattliche Frau sah, von einer so großen Schar Kinder umwimmelt, die noch dazu sich abmühten, einen großen Ackerpflug zu ziehen und bergauf zu schieben und anderes Geräte zu schleppen. Das kam ihr ganz komisch vor, und sie lachte hellauf, daß es drüben von der Bergwand widerhallte. Darob erschraken die Heimchen, daß sie abließen von ihrem Gerät, und alles samt dem Pflug rollte wieder den steilen Pfad hinab. Zürnend trat Frau Perchta vor die Unbesonnene und blies ihr in die Augen. Alsbald schlossen sich diese in starrer Blindheit. Angstvoll irrte sie nun und pfadlos über Stock und Stein, irrte die ganze Nacht, und erst am Morgen fand man sie und fuhr sie über den Strom zu ihrer Herrschaft in Saaltal, die sie nun aus dem Dienst wies, und so wurde die Hülflose eine Bettlerin. Da saß sie nun oft weinend und ihren Vorwitz bereuend am Weg und an der Überfahrstelle, und das geschah auch, als der Dreikönigsabend wiederkehrte. Die Blinde hörte, daß eine Frau des Weges kam, Gewänder rauschten, und es trippelte und trappelte wie von vielen Kindern, und sie erhob ihre Stimme und flehte um eine Gabe. Die Frau aber war Perchta mit ihrem Völklein und sprach: Du sollt eine Gabe han. Vorm Jahr blies ich dir zwei Lichtlein aus, heuer zünd' ich sie wieder an, blies der Bettlerin ins Gesicht und schritt weiter. Mit einemmal taten sich die Augen der Magd auf, und sie sah wieder wie zuvor. Nie vergaß sie, was ihr geschehen, und erzählte es oft, andern zur Warnung und zur guten Lehre. Auch bei Neustadt an der Orla in der sogenannten Sorge geht dieselbe Sage von einer Spinnerin, welcher Perchta die Augen ausblies. *   551. Die Buschgroßmutter In der Nähe von Leutenberg und am linken Saalufer haust nach der Sage des Landvolkes ein dämonisches Wesen, das heißt die Buschgroßmutter. Die hat viele Töchter, und diese werden Moosfräuleins genannt, mit denen zieht sie durch das Land zu gewissen Zeiten und in heiligen Nächten. Es ist nicht gut, ihr zu begegnen, sie hat gar starre Augen und wirre Haare. Oft fährt sie auf einem kleinen Rollwagen daher, und da ist es wohlgetan, ihr zeitig auszuweichen. Die Kinder absonderlich scheuen diese Putzmommel und machen einander mit ihr zu fürchten. Es ist kein anderes Gespenst als die Hulda oder Bertha, die wilde Jagdfrau, welcher die örtliche Sage hier Kinder verleiht, wie in der Nachbargegend die Heimchen ihr folgen. *   552. Der Futtergupel Auf dem Rittergut zu Misitz bei Neustadt an der Orla zog ein Schafknecht an namens Speck. Dort trieb ein Gupel (Kobold) sein Wesen, fütterte die Schafe des Nachts, und man hörte die Tiere deutlich auf die Kästen und Raufen springen, um das Aufgesteckte zu fressen. Durch ein Fenster hatte der neue Schafknecht zugesehen, wie der kleine Hülfsgeist Heu unter dem Arme herbeischleppte und davon vorlegte, wobei sich die Schafe gar nicht schüchtern zeigten. Ein ganzes Jahr lang war das so fortgegangen; da machte sich Speck aus Neugier einen Bung – ein Nachtlager mit einer Schütte Stroh – auf die Bahre im Stalle, um, wo möglich, dem Gupel seine Fütterungsweise abzulernen. Das war aber ein großer Fehler, denn der Gupel blieb von da ab weg auf immer; die Schafe aber wurden von der Zeit an so dürre, daß die Sonne durch sie hindurchscheinen konnte – und das will doch etwas besagen – setzte Speck bedauernd hinzu, als er die Mär erzählte. Auch zu Weißbach war einmal im alten Schlosse gar ein treues Futtermännchen von der größten Tätigkeit. Dem nähete endlich eine junge Frau, die in das Schloß geheiratet hatte, ein neues Hemdchen. Da zog das Männchen unter strömenden Tränen ab und klagte, wie jene Hütchen in der Ruhl: Ich muß nun auf und davon, ich habe meinen Lohn – und ward seitdem nicht mehr gesehen. Ähnliches erlebte ein Schafmeister in der Nähe von Ranis, der sah einmal zufällig im Winter die Fußspur seines hülfreichen Futtermännels und nahm mit Betrübnis wahr, daß selbiges barfuß ging. Eilig nahm er nach Länge und Breite der Fußspur das Maß und ließ dem Männel ein Paar saubere nette Schuh machen, die er hinstellte. Das Futtermännel kam, sah die Schuh, nahm sie, besah sie von oben und von unten, seufzte tief und sprach: So hab' ich deine Schuh, so hab' ich meine Ruh. – verschwand und ward nimmer wieder gesehen. *   553. Das Baumännchen Da man zu Großkamsdorf zwischen Saalfeld und Ranis, wo die bedeutenden Bergwerke sind, die Kirche baute, ward man ein kleines graues Männchen mit verschrumpfeltem Gesicht gewahr, das keiner kannte, und das gar fleißig mithalf. Bald war es da, bald dort, bald sichtbar, bald unsichtbar, bald trug es Steine, bald rührte es Mörtel, bald kletterte es auf den Gerüsten umher, wo es absonderlich zur Mittagsstunde bemerkt wurde, denn man sah es nie essen oder trinken. Es war da und schwand hinweg, keiner wußte, woher es kam und wohin es ging. Wenn der Werkmeister den Wochenlohn auszahlte, war es nie unter den andern Meistern und Gesellen. Die alten wachten darüber, daß dieses Männchen von den jüngeren Gesellen nicht beleidigt wurde, und flüsterten ihnen heimlich zu: Es ist ein Baumännchen, das dürfen wir beileibe nicht erzürnen, sonst ist's gefehlt. Und es ging auch der ganze Kirchenbau ohne einen einzigen Unglücksfall trefflich zu Ende, und der Bau war unglaublich schnell fertig geworden. Da nun die Kirche eingeweiht wurde, sah man das Baumännchen bald oben auf der Empore, bald auf dem Orgelchor, bald unter der Kanzel, bis der Segen über das neue Gotteshaus gesprochen wurde. Da schwand es vor aller Augen hinweg und ward niemals wieder gesehen. *   554. Kamsdorfer Berggeister In den Kamsdorfer Gruben gibt es Berggeister von mancherlei Art und Gestalt, so auch von gutem und schlimmem Wesen. Sie erscheinen bald als graue Zwerge, führen als solche den Namen Bergmönche und zeigen den Bergleuten reichhaltige Erzgänge an; bald sitzen sie als feurige Riesen auf den Halden des Bergwerkes und warnen die Arbeiter vor dem Anfahren, wenn ihnen ein Unglück zuzustoßen droht. In beider Gestalt beweisen sie sich von Natur gutartig, nur können sie großes Geräusch und Neckereien nicht leiden. Darum vermeidet der Bergmann jedes unnötige Lärmen bei seiner unterirdischen Arbeit, und keiner wagt dort im Dunkeln zu pfeifen oder Fluchworte auszustoßen, wie beides wohl stündlich von ihm ungescheut am hellen Tage geschieht. Den Flucher stürzen sie hinunter in die tiefsten Schachte oder drehen ihm den Hals um, das Gesicht auf dem Rücken. Oft helfen sie auch, in graue Kutten gekleidet, dem Bergmanne, dem sie wohlwollen, bei seiner Arbeit, und alles geht dann wunderbar schnell vonstatten. Ihre Stimme gleicht dem Krähen eines Hahnes. Bisweilen sieht man diese Berggeister in Katzengestalt auf den Erzstufen sitzen, die zu Tage gefördert worden sind, und mit großen feurigen Augen diese Schätze bewachen. In einer dieser Kamsdorfer Gruben hielt sich so ein Bergmönch auf, klein und dick, garstigen Aussehens, mit Augen im Kopfe so groß wie die Käsenäpfe. Dabei ist er aber ganz gutmütig gewesen, hat still vor sich hingelebt und in dem Bergwerke wacker mitgearbeitet. Besonders hat er die armen Bergjungen, wenn sie müde geworden sind, unterstützt und abgelöst; aber gesprochen hat er nie ein Wort dabei. An jedem Morgen hat der anfahrende Junge ihm eine Pfennigsemmel mitbringen und an einen bestimmten Platz legen müssen. Einstmals kommt ein anderer Junge darüber, der dem Bergmönch gern hat einen Schabernack antun wollen, und ißt die Semmel weg. Als später der Kübel in die Höhe gezogen wird und oben anlangt, findet sich der Junge, der die Semmel gegessen hat, darin. Er ist tot gewesen, der Mönch hat ihm den Hals umgedreht und ihn in den Kübel gedrückt, daß ihm Hören, Sehen und Semmelessen auf immer vergangen ist. *   555. Die Bilbzen In dieser Gegend herrscht im Landvolke noch immer der Glaube an dämonische teils, teils menschliche Getreidemäher, auch Bilbsen-, Bilsen- und Binsenschnitter genannt. Die Schilderung von ihnen ist mannigfaltig, manche sollen dreieckte Hütchen tragen. Als elbische Geister erschienen sie oft den Landleuten, wenn sie spät am Abend durch ihre Flur nach Hause gingen. Sie hatten fliegendes Haar und waren meist mit weißer Leinwand bekleidet. Oftmals wälzen sich diese Bilbzen in Gestalt einer mächtig großen Kugel durch die Felder und richten ungeheuren Schaden an. Zur Erntezeit kommen sie bisweilen auch als furchtbare Wirbelwinde und führen das geschnittene Getreide mit sich fort. In beiden Fällen pflegen die Bauern, wenn sie es bemerken, ein Taschenmesser, auf dessen Klinge drei Kreuze eingedrückt sein müssen, der Bilbze entgegenzuwerfen und dabei auszurufen: Da hast du es, Bilbze! Es gibt aber auch, und dies ist allgemeiner Volksglaube, noch heutiges Tages solche Bilsenschnitter, das sind Leute, die an den Tagen Himmelfahrt, Johannis und der heiligen Dreieinigkeit ganz früh hinaus auf die Felder gehen, barfuß, an die große Zehe des rechten Fußes ein kleines sichelförmiges Messer gebunden. Sie schreiten durch die Saaten und schneiden mit dem Messer einen Strich durch dieselben. Zur Zeit der Ernte und des Ausdrusches muß dann der zehnte Teil der Frucht eines solchen Feldes dem Bilsenschnitter zuteil werden. Das Geschäft ist jedoch mit großer Gefahr verbunden. Wird der Bilsenschnitter während seines Tuns von jemand angerufen oder mit einer Flinte über ihn hinweggeschossen, so muß er noch in demselben Jahre sterben. Falls dieser den Ankömmling früher gewahrt und anredet, fällt das Todeslos auf den andern. Die meisten Bauern suchen sich gegen den Verlust, der auf diese Weise ihren Äckern droht, dadurch zu sichern, daß sie das Feld zuerst von außen umackern und besäen, denn in das solchermaßen bestellte Getreide kann kein Binsenschnitter einbrechen. Wird das Getreide gedroschen, das durchschnitten war, so kommt der Bilsenschnitter und gibt gute Worte, daß man ihm irgend etwas aus der Wirtschaft borgen möge, was aber nicht geschehen darf. Zur Rache an dem Bilsenschnitter legt man wohl auch beim Ausdrusch des gezehnteten Getreides einige Reiser von Wacholder mit an. Jeder Schlag mit dem Dreschflegel darauf trifft dann den Bilsenschnitter, bis er zuletzt gelaufen kommt und um alles in der Welt bittet, man möge doch anders wieder zum Dreschen anlegen. *   556. Des Bilsenschnitters Lohn Ein habsüchtiger Mann, der ein Bilbze war, rüstete sich an einem Johannistage bald nach Mitternacht, um noch vor Sonnenaufgang seinen unheimlichen Gang anzutreten. Aus einem der verborgensten Winkel seines Bodens brachte er ein sorgfältig verstecktes dreieckiges Hütchen und zwei kleine sichelförmige eiserne Instrumente und verwahrte dieselben unter seinem Kittel. Indem er nun den Marsch zu seines Nachbars Kornfelde richtete, vermied er jemand zu begegnen, denn wenn jemand den Bilsenschnitter auf solchem Wege anredet und grüßt, kostet es diesem das Leben. Gierig überblickte er das in Üppigkeit dastehende Getreide und freute sich im voraus, dasselbe durch seine Höllenkunst zur Hälfte in seine Gewalt zu bekommen. Eilig wurde nun das Hütchen aufgesetzt, die Sicheln an die großen Zehen gebunden und, quer durch das Feld schreitend, die Halmen abgesichelt. Schon war er auf seinem Rückwege an die ersten Häuser des Dorfes gekommen und hatte nicht bemerkt, daß er unter die Kuhherde des Gutsbesitzers geraten war. Eiligst schlüpfte er in ein Seitengäßchen, um nicht durch den Morgengruß des Hirten unglücklich zu werden. Aus Verdruß aber tat er im Vorbeigehen es den Kühen an, daß sie blutige Milch gaben. Die Mägde riefen nach dem Abendmelken den Hirten und beklagten das Unglück. Der schlaue Hirte aber ahnte den Zusammenhang, eilte zum klugen Manne, der in einem nahen Waldhause lebte, und erzählte das Ereignis. Dieser hieß nun den Hirten ruhig nach Hause gehen, indem der Täter sich schon selbst anzeigen werde. Und nun tat der kluge Mann durch Künste der Sympathie und Antipathie dem, der die Kühe geschädigt, die Angst an, das heißt nach dem Volksglauben, er machte, daß jener nicht Ruhe noch Rast hatte, bis ihm der Eigentümer des Viehes etwas borgte. Fürchterliche Angst ergriff den Bilsenschnitter, es zog ihn mit aller Gewalt zu dem Gutsbesitzer, er stürzte ohne zu grüßen in dessen Zimmer und bat um Gottes willen, ihm ein Brot zu borgen. Der Gutsherr erstaunte über das ungewöhnliche Verlangen und überlegte, was hier zu tun sei; nun fiel der Bilsenschnitter in der größten Angst aus seine Kniee und flehte, ihm nur ein Stückchen Brot zu leihen. Der Gutsherr erfüllte endlich den Wunsch, und der Bilsenschnitter entfernte sich eiligst. Bald aber traf ihn eine größere Not; sein Nachbar bemerkte nur zu bald, wer ihm den Gang in seinem Kornfelde gemacht. Dieser raffte in großem Ärger eine Handvoll Ähren, welche von dem Bilsenschnitter abgeschnitten waren, auf, band sie zusammen und hing sie in seinen Schornstein, denn das war das kräftigste Gegenmittel gegen den bösen Zauber. Von dem Tage an begann der ruchlose Bilsenschnitter in ein abzehrendes Siechtum zu verfallen, und da der Grundstückbesitzer die Ähren nicht wieder aus der Feueresse tat, so vertrocknete jener gleich den Ähren, wurde eine lebendige Mumie und allen Leuten ein Scheusal, bis er elendiglich dahinstarb. Das war der Lohn seiner verruchten Frevel. *   557. Vogtland Es geht die allgemeine Sage vom Schlosse Voigtsberg bei Ölsnitz, daß der Römerfeldherr Drusus Germanicus dasselbe erbaut habe. An der Wand eines Zimmers in diesem Schlosse, welches später zur Amtsstube diente, stand ein lateinisches Distichon: Castra locus Drusus hic praetoria nomina monti Fecit: posteritas servat et ipsa sibi. Das haben die Alten in diesen Reimen wiedergegeben: Druse, der edle römisch Voit, Bauet diesen Berg in Not, Da er Kriegs in Deutschland pflag, Voigtsberg heißt es auf diesen Tag. Weiter wurde noch davon gedichtet: Vom Voigtsberg das ganz umliegend Land Ward allenthalben das Voigtland genannt. Die Burg, die stund viel manche Jahr, In der Herrn von Plauen Hand ohn Gefahr. Im Jahre 1356 kam Voigtsberg mit einem guten Teil des Vogtlandes an Friedrich und Wilhelm, die Markgrafen von Meißen. Auf mehrere kleine Städte des Vogtlandes und des angrenzenden Orlagaues trägt sich das Volk mit einem Spottreim, wie die Altmärker einen ähnlichen haben; derselbe Reim lautet: Durch Adams Fall ist Tripts verderbt. Und Auma liegt daneben. In Weida ist kein Heller Geld, Und Neustadt kann nichts geben. In Ziegenrück ist große Not, In Ranis ist kein Bissen Brot, Und Pausa ist die Schwester. Sind das nicht leere Nester? – Die Sage geht, Pausa liege im Mittelpunkt der Welt. Dahin zu gelangen, fährt man mit der Sächs.-Bayr. Eisenbahn nach Mehltheuer. Von dort geht eine Post nach Schleiz. Wenn zu dieser sich mehr als sechs Personen melden, so heißt es: Die Post nach Schleiz ist voll, aber Sie können noch mit dem andern Wagen nach Pausa fahren. Nun fährt man nach Pausa und sieht dort zu, wie man nach Schleiz gelangt. Das nennt man pausieren. *   558. Der Stammname Reuß Das Reußenland, wie das Vogtland auch nicht selten genannt wird, soll den Namen von einem wendischen Volksstamme Ruzzen erhalten haben, ein Gleichklang mit Russen, wie im russischen Kaisertitel der Selbstherrscher aller Reußen wieder an die deutsche Provinz erinnert. Die Sage verschmäht die etymologisierende Ableitung des Landesnamens und erzählt: Da Kaiser Friedrich II. die große Heerfahrt gen Palästina tat, an der Landgraf Ludwig von Thüringen und so viele Grafen und Herren dieser Lande teilnahmen, so ritten auch ein Vogt von Plauen, Herr zu Gera, und jener durch seine nachherige Doppelehe bekannte Graf von Gleichen mit. Als nun in der Schlacht vor Ptolomais der letztere von den Sarazenen gefangen wurde, widerfuhr dem Vogt von Plauen ein gleiches trübes Los; er wurde von den Heiden einem moskowitischen Kaufmann als Sklave verkauft und von diesem in dessen Heimat geführt. Dort diente nun der deutsche Graf als ein leibeigener Knecht, und als die Russen von den Tataren mit Krieg überzogen wurden, tat er sich im Kampfe mannlich hervor, geriet aber zum zweitenmal in die Gefangenschaft. Ein Talarenfürst namens Hekkata ward sein neuer Gebieter, und da die siegreichen und mächtigen Horden dieser wilden Völkerschaft herausbrachen in das deutsche Land und schon bis Schlesien vorgedrungen waren, befand sich auch der ehemalige Vogt von Plauen mit im Zuge und ersahe eine gute Gelegenheit, zu entrinnen. Er kam wieder zu seinem Land und Volke, ordnete seine Angelegenheiten, zog dann an den Kaiserhof und tat sich hervor durch ritterliches Gebaren in Schimpf und Ernst. Weil er aber häufig sich in russischer Tracht sehen ließ, auch die Sprache der Moskowiter wohl zu reden verstand und manche Sitte derselben angenommen, so nannte man ihn den langen Russen oder Reußen, und so ist auch sein Name in den alten Dokumenten Ruzzo, Rüzzo geschrieben zu finden. Von ihm ging dann der Beiname Reuß als Familien- wie als Regentenname auf alle Linien der Vogte über und verdrängte in spätern Zeiten den letztern ganz. *   559. Das Teufelswehr Auf dem Eichrück im Forstdistrikte Walsburg der Saale ohnweit Ziegenrück hauste in der Vorzeit der Teufel mit seinem Gefolge, und wer sich jener Stelle näherte, den suchte er mit List zu fangen. Einstmals kam ein Maurermeister dahin. Mit ihm ging der Böse eine Wette ein, daß er vor des Maurers Augen von Mitternacht bis zum Hahnenschrei über die reißendsten Fluten des Flusses ein Wehr erbauen wolle. Der Maurermeister ging darauf ein und stieg auf einen Baum in der Nähe, um von dort aus die Sache mit anzusehen. Zu seinem Schrecken gewahrte er, wie der Teufel große Felsblöcke aus den Bergen herausriß, sie in die Saale stürzte und mit den Füßen festtrat. Kaum fehlten noch ein Mandel Ellen an der Vollendung des Werkes, da rief der Maurer auf dem Baume in der größten Seelenangst mit lauter Stimme: Kikeriki! Kikeriki! Kikeriki! – so täuschend, daß der Teufel wähnte, ein wirklicher Hahn habe gekrähet. Wütend darüber schlug er mit seiner Hand auf einen neben ihm befindlichen Felsen, so daß noch heute der Eindruck, den der Schlag gemacht, darauf zu sehen ist, und fuhr dann auf und davon. Das Wehr steht noch unvollendet mit der von dem Teufel gelassenen Öffnung und wird das Teufelswehr genannt. Auf einem großen in der Nähe des Wehrs befindlichen Steine sind tellerund schüsselartige Vertiefungen, aus denen vor Beginn des Wehrbaues der Teufel mit seinem Gefolge gegessen haben soll. *   560. Die Hüttenmännchen im Klosterhammer Im Klosterhammer bei Lobenstein hausten in frühern Zeiten Hüttenmännchen, die den Hüttenarbeitern vorarbeiteten. Oftmals beobachtete man sie, wie sie in grünen Hemdchen geschäftig sich bezeigten. Das eine Hüttenmännchen legte Kohlen an, das andere brachte Eisen getragen, ein drittes ließ den großen Hammer los. Wenn die Hüttenarbeiter kamen, war der größte Teil ihrer Arbeit schon verrichtet. Seit die Männchen verschwunden sind, ist die gute Zeit der Hüttenarbeiter vorüber. *   561. Das Licht für sich Bei der Lerch, einem kleinen Dorfe in der Nähe von Hirschberg, wurde vor nicht allzu langen Jahren häufig ein Licht gesehen; es kam und ging eine gewisse Strecke und diese dann wieder zurück, und das zu dreien Malen, dann verschwand es. Niemand wagte sich hinan, ihm zu begegnen oder es zu verstören. Endlich kam einmal ein ganz junges Halbwisserlein, das hatte im Seminarium mächtigliche Aufklärung in sich geschluckt und war ganz voll davon; das lachte und schalt die dummen Bauern in der Lerch aus, daß sie an einen solchen abergläubigen Spuk glaubten, und sprach: Es gibt nur ein Licht, das ist das Licht unserer Vernunft und unserer Aufklärung! – und sie sollten ihm nur das Licht zeigen, er wollte es wohl fragen, was es für ein Licht sei, und es ihnen dann schon aus der Natur erklären. Die Bauern warteten einen der gewissen Abende ab, an welchem das Licht zu wandeln pflegte, und geleiteten das Schulmeisterlein hin zu dem Orte, und da kam das Licht. Frisch und keck schritt der Schulmeister auf das Licht zu und rief, als er ihm nahe kam: Heda! Was bist du für ein Licht? – Die Bauern aber waren zurückgeblieben, doch nahe genug, daß sie einen mächtigen Patsch hörten und gleich darauf noch einen und die Worte von einer gellenden Stimme: Bekümmre dich um dich! Ich bin ein Licht für mich! – Und dabei hatte der vorlaute Aufklärer zwei fetzenmäßige Ohrfeigen erhalten. Von da an gaben ihm die Bauern in der Lerch den Spottnamen Lichtfreund. Er schwur aber Stein und Bein, er wäre keiner. *   562. Der Dockenteich Eine halbe Stunde nordwestlich von Merkendorf bei Auma, bei der Aumamühle, liegt ein Teich, der Dockenteich genannt; vor langer Zeit sollen in ihm ein Vater und zwei wunderliebliche Töchter gehaust haben, deren Zartheit und Anmut die Leute nicht besser zu bezeichnen wußten, als daß sie die Schwestern, welche ihnen sonst unbekannt waren, mit dem Namen der Docken bezeichneten. Diese Mädchen teilten auch mit Erdentöchtern die Schwachheit, Freundinnen vom Tanze zu sein, ließen sich daher oft herab, nach Merkendorf und Piesigitz zu kommen. Natürlich fanden sie bald Anbeter, und diese unterließen nicht, sie nach Hause zu geleiten; an dem Teiche angekommen, fanden sie eine Art Tür, hinter welcher Stufen hinabführten, auf denen sie bald zu einer bequemen und geräumigen Wohnung gelangten. Doch versteckten die Mädchen ihre Begleiter sorgfältig hinter der Haustür, indem sie äußerten, ihr Vater, der alte Nix, müßte erst zur Ruhe und könnte keine Christen reichen (riechen). Hier hatten sie Gelegenheit, mit Zittern ein Gespräch zwischen den Töchtern und dem Vater zu belauschen, worin letzterer äußerte: Emweder seid ihr bei Christen gewesen, oder ihr habt Christen bei euch; indem sie ersteres bejahten, wurde der Vater ruhiger. Diesen Docken war von dem Vater sehr streng anbefohlen, abends zehn Uhr nach Hause zu kommen, indem er drohte, sie sonst umzubringen. Absichtlich hielten sie einst die Merkendorfer Bursche länger zurück und begleiteten sie dann. Bei dem längeren Ausbleiben der Bursche sagten die Merkendorfer Jungfrauen ahnungsvoll zu der Jugend, morgen früh sollten sie nur hinten nach dem Teich sehen; wäre das Wasser des Teiches rot, so wären sie ermordet. Früh war wirklich der Teich blutrot, und von den Burschen und Mädchen sah man niemals etwas wieder. *   563. Geist Karrstet In Bunzig lebte vor langer Zeit ein Edelmann, Karrstet, der bei Belgrad gegen die Türken mitgefochten hatte, ein wilder, trotziger Mann. Als er nach einem nicht friedevollen Leben endlich gestorben war, wurde sein Leichnam in die Kirche zu Hohenleuben begraben, aber noch jetzt reitet das Gespenst dieses Toten nächtlicherweile auf einem weißen Streitrosse den Weg entlang, auf welchem die Leiche nach Hohenleuben gebracht wurde, ja selbst bis in die Kirche hinein dringt der Spuk. Denn einstmals schickte der Prediger zu Hohenleuben einen seiner Söhne im Zwielichte des Abends in die Kirche, ein auf dem Altar liegendes Buch zu holen, und derselbe nahm zu seiner Begleitung zwei Söhne des Kantors mit. Kindischer Mutwille trieb den einen dieser Knaben, die Kanzel zu besteigen und zu rufen: Geist Karrstet, komm! Geist Karrstet, komm! Siehe, da erdröhnte das Gebäude, und schrecklich und grauserlich ritt der Spuk mit lautem Getöse über die Weiberstühle dahin. Die Knaben wurden bewußtlos auf dem Kirchhofe gefunden. Seitdem hat keiner wieder den Geist gerufen. *   564. Der Mühlgötz In der obern Mühle zu Plauen ward oder wird noch heute ein seltsames altes Holzbild gezeigt, eine plumpe Menschenfigur, etwa wie der Sondershäuser Püstrich, das nannten sie den Mühlgötz, und die Sage ging, es stamme noch aus heidnischer Zeit, sei wirklich ein Götzenbild gewesen. Das Bild hatte die wunderliche Eigenschaft, daß es nicht aus der Mühle fortzubringen war, sondern wenn man versuchte, es wegzuschaffen, so kehrte es immer wieder an seinen alten Ort zurück, aber dann niemals ohne Rumor und Spukspektakel. Nun trat einstmals ein vorwitziger Gesell als Klapperbursch (Mühlknappe) ein, grüßte nach üblicher Weise das ehrsame Müllerhandwerk und bat um Nachtquartier, was ihm gern gewährt wurde. Da er sich die Mühle beschaute, so fiel ihm auch der Mühlgötz in die Augen, und auf Befragen erhielt er Bericht über die Bewandtnis, die es mit sotanem Bilde habe. Des lachte der fremde Knappe und gedachte heimlich zu erproben, ob denn das wirklich an dem sei, daß solch ein altes braunes Holzbild von selbst wieder dahin zurückkehre, von wo man es weggetragen. Schlüpfte daher zur Nacht, da zudem heller Mondschein war, aus seinem Kämmerlein, schlich zum Bilde, nahm es von seiner Stelle und warf es in den Mühlgraben. Aber da erhob sich plötzlich ein lautes Sturmgetöse, die Räder wurden von unsichtbarer Hand angelassen, die Mühle ging, die Klingel schellte, das Wasser brauste fürchterlich, und Geräte, Kübel und Kästen wirbelten im Werk umher, daß dem Burschen Hören und Sehen verging. Eine unsichtbare Hand faßte den Knappen beim Schopf und zog ihn zum Graben zurück, dem der Holzblock entragte. Gar geschwind zog der Erschrockene den Mühlgötzen wieder aus dem Wasser und trug ihn an seinen Ort zurück, darauf war alles wieder still, nicht aber der Müller; dieser, als er mit seinem Knappen sah, was die Ursache des greulichen Rumors gewesen, und daß der Fremde den Mühlgötzen beunruhigt hatte, nahm er einen Stecken, hieß seinem Knappen ein gleiches tun, und beide prügelten nun den Vorwitzling derb und tüchtig ab und warfen ihn zur Mühle hinaus. Der Mühlgötz blieb fortan unbeunruhigt auf seiner Stelle. *   565. Tripstrill Es ist eine gemeine Scherzrede im Vogtlande und dem angrenzenden Thüringen und Sachsen, daß auf die neugierige Frage, wohin man gehe, wenn nicht für nötig befunden wird, dem Frager die Wahrheit zu berichten, man antwortet: Nach Tripstrill! Dieser Scherz haftet am Städtlein Triptis, und hat es damit folgende Bewandtnis. Drei Schlösser oder Burgfesten soll es einst in der Gegend, wo jetzt die Stadt Triptis liegt, gegeben haben – die eine auf dem großen Hocker, die andere da, wo jetzt das Schloßgebäude steht, und die dritte da, wo jetzt der Friedhof befindlich; diese drei Burgen nannte man das Trio oder Drillo, und wurde daraus der Scherzname Trips-Trill gebildet. Bei Triptis ist eine Quelle befindlich, die heutzutage den nicht schönen Namen die Pfütze führt, und man sagt von ihr scherzhaft: Die Pfütze hängt über die Weide. Vor alten Zeiten war dort ein angenehmes, schattenreiches Plätzchen. Eine uralte und große Weide stand dort, übergrünte Quelle und Rasen und hatte eine starke Wurzel unter dem Wasser hingetrieben, die man in der klaren Flut sah und immer noch sieht. Es war dieselbe Quelle, in welcher die schöne Gräfin von Groitzsch vorahnend das Bild ihres künftigen Gemahls erblickte. Doch die Weide starb ab, und nur die Wurzel blieb; weil nun über ihr das Wasser steht, bildete sich das Scherzwort im Volke aus: Die Pfütze hängt über die Weide. *   566. Pumphut In der Gegend um Pausa trieb sich vor langen Zeiten ein koboldähnlicher Bursche herum, aus dem die Leute gar nicht recht klug werden konnten, wußten nicht, ob er ein Mensch sei oder ein Hinzelmann; immer jedoch erschien er als ein Mühlknappe und wurde wegen eines eigentümlich geformten Hütleins, das er zu tragen pflegte, von alt und jung der Pumphut genannt. Er war ungeheuer fleißig, hielt es aber in keiner Mühle lange aus, indem er es durch neckische oder täppische Streiche immer dahin brachte, daß man ihm Feierabend gab. Er konnte, das sagten alle, die ihn kannten, mehr als Brot essen und hatte schon manchen, der an ihn wollte, garstig ablausen lassen, meist aber trieb er harmlosen Schabernack, wenn man ihn ruhig gewähren ließ. So saß einst in einem Bauernhause zu Wallengrün die Familie, groß und klein, beim Mittagsmahle am Tische, umschwärmt von einer ungeheuern Schar von Fliegen, als sich die Türe austat und der Pumphut hereinsah. Er wurde freundlich willkommen geheißen und zur Teilnahme am Essen eingeladen, was er sich nicht zweimal bieten ließ, sondern rasch dabei war. Gleich, als ihm die gastliche Bäuerin den schweren Kloß auf den Teller gelegt hatte, ereignete sich ein Spaß, denn wie Pumphut besagten Kloß zerteilen wollte, zeigte der Kloß sich von solcher Härte, daß er unter dem Messer Pumphuts hinwegschlüpfte, wie eine Kanonenkugel durch die Stubentüre schlug, durch die dieser gegenüber befindliche Stalltüre ebenso fuhr und sich auf das Horn eines scheckigen Ochsen spießte. Alle sperrten vor Verwunderung Maul und Nasen auf, Pumphut aber nahm sich ruhig einen Kloß nach dem andern und verzehrte ihn mit großem Wohlbehagen. Da ihn nun die Fliegen bei dieser angenehmen Arbeit aufs äußerste belästigten, so brummte er über deren große Menge gegen seine Wirte und riet, daß man doch das Ungeziefer zur Türe hinausjagen solle. – Ja, wenn sie sich hinausjagen ließen und draußen blieben, ward ihm erwidert, was hilft denn aber das Hinausjagen? – Nun, entgegnete Pumphut, so solltet ihr sie doch nur so lange an einem besondern Platz bleiben lassen, bis das liebe Essen verzehrt ist, daß man Ruhe hätte vor den zudringlichen Bestien. – Alles lachte, und der Hausvater sagte: Tue Er das doch, Pumphut, bringe Er doch die Fliegen auf einen Platz, Er ist ja ein Hexenmeister! – Der Pumphut fletschte, legte sein Hütlein auf eine besondere Stelle, gebot den Fliegen, sich hineinzubegeben, und zum Erstaunen aller schwärmten alle Fliegen wie ein Bienenschwarm in den Hut, so daß er voll und übervoll wurde und sie über den Rand noch wimmelnd aufeinanderkrochen. Pumphut aber wischte sich den etwas großen und breiten Mund, bedankte sich sein, nahm den Hut samt den Fliegen, trug sie zur Türe hinaus und schüttelte sie draußen in die Milchtöpfe, indem er laut lachend von bannen ging. *   567. Pumphut als Mühlarzt Pumphut ging, als echter Mühlknappe, wenn es ihm in einer Mühle nicht mehr gefiel, dem Wasser nach. Da kam er zu einer Mühle, die Burkhardsmühle genannt, wo er eine ziemliche Zahl Leute versammelt fand, denn es war ein neues Mühlrad erbaut, das sollte feierlich gehoben werden nach Müllerbrauch. Des freute sich Pumphut, denn daß es bei solchen Gelegenheiten nicht vollauf zu essen und zu trinken gegeben, wäre gegen alles Herkommen gewesen. Auf gastlichen Empfang ganz sicher rechnend, trat der wandernde Klapperbursch kecklich in die Stube, sprach seinen Handwerksgruß und Spruch und blinzre nach den großen Kuchen hin und den Würsten, und was sonst zum Schmause bereits aufgeschüsselt war und vor Augen stand. Der Meister aber, der Pumphut nicht kannte, sonst hätte er wohl anders getan, ließ diesem ein Stückchen Brot reichen und ein Gläschen Branntwein einschenken, wie er das zu tun gewöhnt war, wenn fechtende Klapperbursche das Handwerk grüßten. Der Pumphut aß sein Brot, leerte sein Gläschen und fragte den Meister, was vor sei, daß er so viele Leute bei sich habe. – Das Rad wird gehoben, sagte der Müller kurz, und: So! sagte der Pumphut noch kürzer und ging aus der Stube ohne großen Dank. Nun ward die Arbeit des Radhebens begonnen, aber wer beschreibt des Müllers Schreck und Ärger, als sich fand, daß die Welle viel zu kurz war und die Zapfen nicht bis dahin reichten, wohin sie doch reichen mußten. Der Müller und der Zimmermann und der Schmied schwuren zu dritt Stein und Bein, daß vorher alles genau abgemessen worden sei und richtig gepaßt habe, und nun erschien die ganze Arbeit vergebens. Da fiel einem der Gäste ein, daß der fremde Knappe am Ende der Pumphut möge gewesen sein, der geheimnisvolle Hexenmeister, der aus Ärger, daß man ihn so karg abgespeist, dem Müller solchen Schabernack spiele. Man stimmte bei, und einige liefen fort, wo möglich den Pumphut einzuholen und zurückzubringen. Bald sahen sie ihn auch ganz langsam seines Wegs dahinschlendern und riefen ihm mit lauter Stimme zu; wer aber tat, als höre er nicht, war der Pumphut. Nun liefen sie, ihn einzuholen, noch schneller, mußten aber laufen, bis sie schwitzten und außer Odem waren, denn der Pumphut, obschon er ganz langsam ging wie ein erzfauler Gesell, blieb doch von den Nachrennenden in immer gleicher Entfernung. Endlich ließ er sich einholen, hörte die Einladung, zur Mühle zurückzukehren, höhnisch mit an und zeigte keine Lust, Folge zu leisten. Nur vieles anhaltendes Bitten schien ihn zu bewegen, endlich mit umzukehren. In der Mühle ungleich freundlicher wie zuvor begrüßt, führte Pumphut gleich den Beweis, daß er mehr könne als Brot essen, denn er aß nun auch Braten, Schinken, Wurst und Kuchen in erstaunlicher Menge und trank dazu auf eine nicht minder in Erstaunen setzende Weise. Und als das geschehen war, ging er hinaus zum Rade, das erhoben mit seiner kurzen Welle und nicht ausreichendem Zapfen zwischen dem Gestelle stand, und kletterte nun auf das Brett, nahm sein Hütlein ab, klopfte damit an die eine Seite des Gestells, dann an die andere, da rückten die Seiten ganz sanft der Welle näher und nahmen den Zapfen auf. Alles jubelte Beifall, und der Pumphut ging seines Weges, ohne ein Wort zu sagen. *   568. Rungele Im Monat September 1654 trug sich zu Schleiz eine wunderliche Geschichte zu. In eines Schusters Haus am Markte, der Hans Frank hieß, war, wie die Sage geht, ein Gespenst in die Stube gehext worden, welches ein ganzes Vierteljahr alle Tage von abends sechs Uhr an bis neun Uhr sein Wesen trieb und mit allerhand Sachen die Kinder und das Gesinde warf. Wenn die Magd nach dem Abendessen in der Stube aufwusch, zog es ihr den Hader aus dem Scheuerstutz und warf ihr wohl dann den nassen Lappen ins Gesicht. Als das Gerücht davon laut wurde, kamen jeden Abend Nachbarn und andere Leute in das Haus, um zuzusehen, und auch diese wurden geworfen, so daß mancher nicht wiederkam. Bei Tage versteckte es Messer und Löffel, daß, wenn die Leute zu Mittag essen wollten, sie weder Löffel noch Messer fanden. Des Schusters Tochter nannte das Gespenst Rungele und rief: Rungele, bring mir doch mein Messer und Löffel wieder! – da wurden die Messer bei hellem Tage auf den Tisch geworfen, daß sie in die Höhe sprangen. Als der Schuster ein Speckschwein schlachten ließ und die Würste in die Stube aus Stroh gebracht wurden, nahm Rungele eine Weißwurst und legte diese dem Fleischhauer gleich einer Krause um den Hals. Uber dem Essen warf es eine Handvoll Zwiebeln in die Suppe, daß diese rundum aus der Schüssel spritzte. Dem Schuster zog es das Geld aus der Tasche und warf es dann, wenn die Kinder Milch aßen, in diese hinein, daß die Kleinen das Geld mit Löffeln aus der Milch fischten, wie manche Klugnieser die Weisheit. Einstmals waren die Kinder allein zu Hause, und abends, als es dunkel wurde und sie miteinander in der Stube spielten, da erschien plötzlich das Rungele in Gestalt eines kleinen Kindes mit einem weißen Hemde und bloßer Brust, die blutig war, und lief auf einer Stange herum. Als es das Mädchen erblickte, fing dieses an zu schreien, und die Kinder liefen ängstlich hierhin und dorthin und suchten ihre Nachbarn und Eltern. Als diese und andere Leute nun kamen, schickten sie das Mädchen, welches das Rungele jederzeit gerufen, allein in die Stube, um zu sehen, ob das Kind noch vorhanden, welches das Mädchen auch hinter dem Ofen stehend fand. Das fragte: Was willst du, Kindlein? – Da antwortete die Erscheinung: Du kannst mir doch nicht helfen! – Auf das Geheiß einer Frau, welche vor der Stubentüre stand, mußte das Mädchen noch mancherlei fragen und erhielt allezeit Antwort. Endlich, als das Mädchen sagen mußte: Gehe hin, Kindlein, in deine Ruhe und komme nicht wieder! – da wich es zwar aus der Stube, allein es hielt sich immer noch eine ziemliche Zeit im Hause auf und hat, wenn die Kinder zu Bette gegangen, diese geklitscht, gerauft, bei der Nase gezogen, ja bisweilen sogar Maulschellen ausgeteilt, es kam auch vor des Schusters Bette und wiegte das kleine Kind in der Wiege so stark, daß diese hinten und vorne aufsprang. Es zog die Schlüssel von den Gesperren ab, nahm die Bratwürste, legte diese auf einen Rost und briet sie im Ofen und verzehrte sie auch, wobei es die Schalen im Ofenloch liegen ließ. Wollte der Schuhmacher zu Markte gehen, dann nahm es ihm die Schuhe von der Stange und schleifte hin und wieder etliche Male ganze Häute zusehends hinweg. Endlich geriet das böse Gespenst in einen Kuhstall, wo es etlichemal die Treppe, die vom Heuboden hinab in den Stall führte, abhob und vor die Stalltür legte, darnach löste es die Kühe ab und jagte sie im Stall herum, daß der Schaum auf ihnen stand. Als es nun darüber ein paarmal verstört wurde, ist es endlich gar ausgewichen. Es hat sich aber hernach in andern Häusern sehen lassen, wo es großen Schaden getan. Einem Tuchmacher hat es die Werfte, die dieser trocknen wollte, mehrmals entzweigeschnitten, an einem andern Orte hat es Kuhkot in die Milch geworfen und die Milchmagd mit Steinen aus dem Stalle getrieben. *   569. Das dienstfertige Licht Bei Schleiz, zwischen Neundorf und Görkwitz, führt der Weg an einem beträchtlichen Sumpfe vorüber, und gefahrvoll war es bei der Nachtzeit, dorthin zu reisen, bevor die jetzige Kunststraße gebaut worden war. Doch ließ sich alldort zun: öftern ein Licht sehen und suchte vor Verirrung und Unglück die Reisenden zu behüten. Einst kam ein Fuhrmann diesen Weg des Nachts und warf an jener sumpfigen Stelle seinen Wagen um. Schon war er im Begriff, nach Neundorf zurückzulaufen, um Hülfe zu holen, weil er bei der großen Dunkelheit sich nicht allein zu helfen wußte, als er eine Laterne gewahrte, die schnell sich näherte. Bald war sie hinter seinem Wagen angekommen. Der Fuhrmann wollte sehen, wer sich ihm so dienstfertig beweise, zu seiner großen Verwunderung sah er aber auch kein menschliches Wesen, sondern nur ein Licht, das in der Luft schwebte und einen hellen Schein um sich verbreitete. Gleichwohl war ihm in seiner bedrängten Lage dieses dienstfertige Licht hochwillkommen, er hub bei dessen hellem Scheine den Wagen auf, richtete sein Fuhrwerk zum Weiterfahren her und begab sich dann zu dem Lichte hinter dem Wagen, sich bei ihm für die geleistete Hülfe bestens zu bedanken. Kaum hatte jedoch der Fuhrmann das Wort Dank ausgesprochen, so rief das seltsamliche Licht mit sanfter, aber hellklingender Stimme: Hab du Dank für deinen Dank! Nun bin ich erlöset sonder Wank! – schwebte mit diesen Worten empor und verschwand in den Wolken. *   570. Der Klapperer Auf dem Kirchhofe zu Thierbach ohnweit Pausa war vorzeiten ein Gerippe, dessen Knochen alle noch zusammenhingen. Es stand in einer Mauernische und diente der Dorfjugend teils zum Schreck, teils zum Frevel. Wenn der Wind stark wehte, schlugen die geblichenen Gebeine klappernd zusammen, darum nannte man es den Klapperer. Das Gerippe hatte einst einem reichen Bauernsohn, man sagt, dem Sohne des Schulzen, angehört, der ein armes Mädchen aus dem Dorfe liebte und um ihre Unschuld betrog. Als dies geschah, hatte er ihr zugeschworen: Wenn ich dir untreu werde und dich nicht nehme, soll mein Leib niemals im Grabe ruhen. Aber er durfte dieses Mädchen doch nicht heiraten, und wollte hernach auch nicht, und freite sich eine reiche Frau. Die Arme aber fand doch auch einen Mann, der sie zu Ehren brachte, jener Treulose aber wurde nicht glücklich mit der reichen Frau, vielmehr höchst unglücklich, und da ergab er sich dem Trunke und starb an einem unglücklichen Sturz, den er in der Trunkenheit tat. Er ward begraben, aber der Sarg mit seinem Leibe hatte keine Ruhe in der kühlen Erde, er hob sich empor, und immer sah man ein klein wenig davon aus dem Grabe ragen. Man schüttete frische Erde darauf, es half aber nichts, und der Sarg rückte immer höher. Da hob man ihn endlich heraus und stellte ihn in ein offenes Gewölbe, wo man die Totenbahren zu verwahren pflegte. Allmählich verfiel der Sarg, und das Gerippe wurde frei und allen sichtbar. Darüber gingen aber Jahre hin, und viele wußten schon nicht mehr, wie der geheißen, der einst in diesem Leibe gewandelt, aber die Sage ging, daß er immer noch wandere, rastlos und ruhelos. Da wurde zu Thierbach eine Hochzeit gehalten, auf der viele Junge und Alte waren, und das junge Volk spielte ein Pfänderspiel. Es war schon Mitternacht. Was soll das Pfand tun, das ich in meiner Hand halte? fragte eine Stimme. – Es soll den Klapperer vom Kirchhof hierhergetragen! erscholl die Antwort. Alles lachte, aber fast unbemerkt war der, dem das Pfand gehörte, und der die kecke Dirne liebte, die so frevlen Wunsch ausgesprochen, zum Kirchhof gegangen, hatte sich mit dem Klapperer beladen und kam bald darauf mit seiner Last angeprasselt. Alles schrie auf vor Schreck und Entsetzen, der Bursche aber war stolz auf seine Courage. Mitten in den Lärm der jungen Leute trat ein alter Mann und sprach ernste Worte: Gebt dem Klapperer alle die Hand und bittet ihn um Verzeihung, daß ihr ihn gestört, sonst wird Unglück über euch kommen. Zagend taten die Versammelten, was der Alte gebot, nur ein Mütterlein stand ferne, und Tränen zitterten in ihren Augen. Auch du, auch du mußt bitten! rief der Alte zu. Und sie schritt zitternd heran, faßte die Knochenhand und flüsterte: Verzeihe, wie ich selber dir verzeihe! Es war die Verlassene. Und da lösten sich leise die Knochenbänder, und das Gerippe sank auseinander. Man sammelte und begrub die Knochen, und der Klapperer hatte nun Ruhe. *   571. Tanzende Katzen Oberhalb Berga, nahe beim Dorfe Pöltschen, hat vorzeiten ein Nonnenkloster gestanden, das hieß Queerfurt; dort soll es nach vieler Einwohner des nahgelegenen Dorfes Pöltschen Aussagen durchaus nicht geheuer sein. Vornehmlich haben dort zum öftern die Hexen in Katzengestalt nächtliche Tänze gehalten. So erzählte ein alter Einwohner und Hauswirt des sonst Lemmerschen, jetzt Geynschen Hauses öfters: Eines Abends sprang meine Katze von außen an das zugemachte Fenster, setzte sich auf den Fensterstock und kratzte. Ich öffnete, gab ihr einen Klitsch mit der Mütze und sagte dabei: Du alte Saumähre warst gestern abends auch mit im Kloster dabei! Mit einem Male war die Katze weg, und die Mütze dazu. Wir suchten draußen unter dem Fenster alles aus, doch die Mütze war und blieb fort, und die Katze kam niemals wieder. Es hatte aber frisch geschneit, und die dunkle Mütze hätte sich leicht finden müssen. Dasselbe erzählte vordessen ein Bewohner des jetzt Pufeschen Hauses zu Pöltschen: Ich habe oft genug des Nachts im Kloster Queerfurt Katzen tanzen sehen. Einer Nacht ging ich von Berga, wo ich in Geschäften war, nach Hause zurück; da erblickte ich Lichter im alten Kloster, und wie ich näherkam und in mein gegenüberliegendes Haus kam, sah ich drüben viele Katzen tanzen, darunter auch meine eigene. Wie ich ihrer nun andern Tags ansichtig wurde, so rief ich ihr zu: Verfluchtes Aas, du warst nächten auch im Kloster, und ich habe dich tanzen sehen. Da fing das Tier auf einmal an zu pfauchen und zu pfuien, schoß fort und zum Fenster hinaus gerade durch die Scheibe und kam mir nimmermehr wieder vor die Augen. Zu anderer Zeit sah ein Mann aus Pöltschen vier Katzen im alten Kloster tanzen, und dabei war seine eigene und leuchtete. Wie sie nun andern Tags wiederkam und ganz zerkratzt aussah, fragte er sie: Was hast du gemacht? Ich hab dich gestern wohl gesehen. Du hast geleuchtet, aber deine Sache gut gemacht! Da fuhr die Katze herum, sprang an ihrem Herrn empor, kratzte ihn ins Gesicht und sprang dann mit einem Satz zum Fenster hinaus, auch durch die Tafel. Niemals kam sie wieder. *   572. Der wahre Christbaum Eine Meile von Gera ist ein Dorf, darin stand noch im vorigen Jahrhundert ein Apfelbaum, welcher Borsdorfer Äpfel trug; er begann aber sein erstes Blühen in jeder Christnacht und trug reife Äpfel. Die Leute sagen, daß dieser Baum zum ersten Male in der Nacht geblüht habe, da der Heiland geboren worden, und habe auch in derselben Nacht Früchte getragen. Durch ein sonderbares Wunder sei derselbe erhalten worden. *   573. Der blaue Dunst Die Stadt Gera im Vogtlande und ihre Umgegend ist voll von Sagen aus der Pestzeit. Eine Menge Ortschaften wurden von der Pest ergriffen, und die Einwohner starben nur so hin, da hat sich allerlei ereignet, das noch sagenhaft fortlebt. Zu Gera kamen zwei fremde Gesellen in ein Haus, darinnen schon etliche Personen an der Pest gestorben waren, und zechten miteinander. Da sah der eine einen seltsam blauen Rauch, wie ein dünner Nebel, in einem Winkel ganz sachte aufsteigen, stieß seinen Kameraden an, und da sah der den blauen Dunst auch, und sahen beide, wie derselbe sich in eine Klunze in der Wand sachte hinein verschlich. Da schnitzte geschwind der erste Geselle zur Kurzweil einen Pflock, schlug den in die Klunze und verkeilte sie damit, und als die Gesellen ihre Zeche bezahlt, zogen sie weiter. Nachderhand ist niemand mehr an der Pest gestorben. Nun geschah es ein paar Jahre später, daß der eine Geselle zufällig wieder nach Gera kam, da niemand mehr an die schlimme Sache dachte, und war in derselben Wirtsstube und sahe von ohngefähr seinen damals eingeschlagenen Pflock, daß der noch an dem vorigen Ort stak; lachte daher und sprach zu den andern Zechgesellen: Schaut! Vor ein paar Jahren hab' ich dahinein einen blauen Vogel gesperrt, wollen doch sehen, ob er noch darinnen ist. Zog alsobald den Pflock heraus, da quoll gleich hinterm Pflock her der blaue Dunst, und das war die Pest, die befiel gleich einige Leute im Haus, und breitete sich in der ganzen Stadt aus, und raffte noch weit mehr Leute hin denn das erstemal. Ähnlich ging es in Mora bei Ranis; alldort war die Pest auch in einen Balken verkeilt. Ein Knabe schlug aus Mutwillen den Keil heraus, da zog sie als ein blauer Dunst über Häuser und Höfe und übers Feld, nahm die Richtung nach Böhmersdorf und Zeulenroda und ergriff die Ortschaften, so daß viele Menschen ihr erlagen. In Zadelsdorf starb alles, und der Zeulenroder Totengräber begrub das ganze Dorf; auf einmal fand er eine alte Jungfer unter den Toten, die lebte noch und sperrte sich; da sagte er: Ei was, da könnte jeder kommen und sagen, ich lebe noch – und wollte sie durchaus mit in die Grube werfen, sie entfloh ihm aber glücklich und machte sich auf den Zeizberg bei Gera, das ist der bekannte Berg, den die alten Jungfern mit Stecknadeln umgraben müssen und in Fingerhüten wegtragen. Und wenn sie dann gestorben sind, so werden sie zu Unken, sitzen im Sumpfteich und singen: Unk, unk, unk, Vor Zeiten war ich jungk. Hätt' ich einen Mann genommen, Wär' ich nicht in'n Sumpf gekommen; Unk, unk, unk, Wär' ich noch einmal jungk! – *   574. Der lange Mann in Hof Zu Hof ist eine Gasse, heißt die Marktgasse, in selbiger hat sich ein großer, schwarzer, langer Mann sehen lassen, der reichte mit seinem Kopf hoch über die Häuser, und seine Beine sperrte er so breit auseinander, wie die Gasse war. Eine Frau des Namens Walburg Widmännin mußte abends durch die Gasse gehen, sah ihn und wußte nicht, sollte sie durch seine Beine hindurchlaufen oder zurückweichen. Endlich faßte sie sich ein Herz, schlug ein Kreuz und schritt in Gottes Namen mitten in der Gasse unter des langen Mannes Beinen hindurch. Kaum war sie durch, so klappte der lange Mann seine Beine zusammen, daß es krachte, und ward ein Gerassel und Geprassel, als prassele die ganze Marktgasse über den Haufen. Und darauf hat sich die große Pest angehoben und hat in der Marktgasse zuerst angefangen und sich durch das ganze Vogtland verbreitet. – In der schönen Bergkirche über Schleiz ist noch ein steinern Denkmal eines Pestmannes zu sehen, der brachte die Pest nach Schleiz, daß die Stadt fast ausstarb. *   575. Prechtenbier Ohnweit der Stadt Pößneck liegt Bodelwitz, und nicht weit von Bodelwitz liegt Döbritz, und nahezu bei Döbritz liegt ein dreieckiger Acker, den ackert zuzeiten die wilde Prechta. Ein Mädchen von Döbritz ward nach Bodelwitz geschickt, dort Bier zu holen, wie jene Knaben bei Schwarza, denen die Hullenpöpel das Bier aussoffen, hier aber zeigte die Prechta das gleiche Gelüsten. Als das Mädchen mit gefüllter Gießkanne zurückkam, traf es, schon wieder dem Dorfe nahe, an dem dreieckigen Acker auf Prechta mit ihrem Ackerpfluge. Die fragte das Mädchen, wo es gewesen sei, und was es in der Kanne geholt habe. Drauf nahm sie die Gießkanne dem Mädchen aus den Händen und trank das Bier aus bis auf den Grund. Als sie das getan, so pißte Perchta in den Gießer, gab ihn zurück und sprach: Komm bald wieder! Einige Holzspäne wollte sie dem Mädchen noch zum Geschenke machen und stopfte, als das Geschenk verachtet wurde, sie der Davonlaufenden noch in die Schuhe. Sie wiesen sich in Döbritz, bei Lichte besehen, als sechs Goldstücke aus. Das mitgebrachte Bier schmeckte besser wie das Köstritzer und wollte gar kein Ende nehmen, bis dem Mädchen angst und bange darüber wurde. Als es ausgebeichtet hatte, wie es mit dem Gießer zugegangen, war die Kanne mit einem Male leer. Dieses Mädchen ist hernachmals immer glücklich gewesen, war auch treu und fleißig und keins von denen, wie sie vordessen zu Bodelwitz waren, auf welche der Spottreim im Lande umging: Wißt ihr nich, wu Budels liegt? Budels liegt im Grunne. Sin a seine Mädlich drin, Sin faul wie die Hunne. Früh murgens, wann der Härte tutt, Schrein se: Ach du lieber Gutt! Mer han nuch nich gemulken. – *   576. Urbanuspredigt An der Kirche zu Oelsen wird an der Nordseite ein Steingebild erblickt, das stellt einen Schäfer vor, der auf einem Schafe reitet, und wird davon diese Sage erzählt. Auf dem Clidenfelsen oberhalb Oelsen stand in frühen Zeiten ein Braukessel, den die Bewohner des Dorfes fleißig zur Bierbrauerei benutzten. Der Kessel mußte jedesmal auf Borg erbeten und abgeholt werden. Wurde er wieder zurückgebracht, so durfte ein Maß Bier und eine Zeile Semmeln darin nicht fehlen. Ein Schafknecht, von Hunger und Durst getrieben, machte sich einstmals über diese aufgefundene Mahlzeit und zehrte selbige auf. Zur Strafe versanken Schafknecht, Herde und Braukessel in die Erde, und zur Sühne dafür, daß er die Semmeln gegessen und das Bier ausgelöffelt, hat der versinkende Schafknecht ein Vermächtnis gestiftet, so daß alle Jahre an dem Tage, an welchem er den Frevel begangen hatte, war Sankt Urbanus Tag, Gottesdienst gehalten, für seine arme Seele gebetet und dabei allen Menschen, die dazu sich einfinden würden, ein Brötchen aus seiner Verlassenschaft gebacken und verabreicht werden solle. Solches geschieht auch noch. Diese Brötchen besitzen die Kraft, daß sie niemals schimmelig werden; auch wird heilig und teuer versichert, solange man sie aufbewahre, mangele es nicht an Brot im Hause. *   577. Der Riese mit dem goldnen Pantoffel Bei Pößneck liegt eine malerische Felspartie, deren steiler Abhang gegen Osten nach Oppurg zu gerichtet ist. In jeder Nacht, wann in Pößneck die Kirchenuhr zwölf schlägt, geht aus diesem Felsenhaus ein Riese und nach dem Galgenberg hinüber, der trägt am linken Fuß einen goldenen Pantoffel. Wenn jemand mit dem Riesen zugleich am Felsen die Schritte ansetzt und ihn einholt, so verliert der Riese den Pantoffel, und jener wird dessen Besitzer und reich für immer. *   578. Die Schätze in den Camsenbergen Zwischen Pößneck und Oppurg liegen zwei Berge, die Camsen- oder Chamsenberge genannt. Einer zeigt nach Süden zu eine Felsenspalte, diese soll der Eingang zur großen Schatzhöhle der Camsenberge sein. Die Sage geht, daß erst ein schmaler Gang lange durch das Innere führe, der sich dann zu einer mächtigen Halle erweitere. Ganz in der Tiefe endlich da steht eine Braupfanne voll roten Goldes, aber abgeschlossen durch eine eiserne Doppeltüre und gehütet von einem feuerschnaubenden Drachen. Wer so glücklich wäre, hineindringen zu können und im finstern Höhlengraus den Kampf mit dem Drachen zu bestehen, der würde Besitzer des Goldhortes werden. Die Camsenberge sind bezüglich ihres Sagenreichtums, was die Hörseelenberge, die Hermannsberge, der Wartberg, der Singerberg, der Schneekopf und andere thüringische Höhen. Ein Schloß des Namens Osteralitz ist dort versunken; ein weißes wandelndes Fräulein hütet die Schätze. Wandernde Musikanten sahen ein leuchtendes Licht, laufen davon, nur der Baßträger, der ärmste, kann nicht so schnell nach. Das Licht kommt näher, wird zur Feuerkugel, zerplatzt knallend, feurige Kohlen stäuben umher, einige fallen auch durch das Schalloch in den Rumpelbaß und werden drinnen zu Goldstücken. – Graue Männlein laden und führen Bauern, Schäfer, Hirten, Knaben in das Bergesinnere, viele kehren begabt zurück. Eine Magd ward hineingelockt, die ein Kind trug; Brot und Gold sollte sie nehmen, doch zugleich. Sie setzt das Kind auf die Tafel, rafft zusammen, was nur in die Schürze geht, rennt fort nach Oberoppurg zur Herrschaft. Wo hast du das Kind? – Herr Gott, vergessen im Camsenberge! – Rennt wieder hin, findet den Eingang noch offen, findet das Kind, nimmt es vom Tische, trägt's heraus – wie sie herauskommt, ist es Asche. Vieh ward von den Herden entführt und in die Stallung des versunkenen Schlosses gebracht, doch der Verlust den Hirten reich vergolten. Die Wunderblumen fehlen so wenig wie die Wunder am und im Camsenberge. Es gibt Orte, an denen die Sagen selbst dem quillenden Silber im Harzwald bei Thale zu vergleichen sind – die Camsenberge sind ein solcher Ort. *   579. Silberschaumquell Nahe bei Orlamünde liegt der Ort Heilingen, in dessen Nähe ist eine Wüstung. Dort hütete einstmals ein Junge Schafe. Auf einmal tat sich vor ihm ein Loch in der Erde auf, aus dem ein weißer Schaum, wie Reif anzusehen, emporstieg und sich um den ganzen Rand der Öffnung legte. Lange staunte der Junge das Loch und das weiße Zeug darin an, endlich trieb er die Schafe hinweg, kam nach Hause und erzählte, was er Sonderbares gesehen habe. Da brach der Schafmeister in Scheltworte aus: Dummer Junge! nicht jedem ist solch Glück beschieden, wie dir beschert war. Hättest du doch zugegriffen und das Weiße abgenommen. Dir wäre geholfen gewesen auf immer, denn das war reines Silber. – Tag für Tag hat der Schafjunge hernach auf dieselbe Stelle hingetrieben, aber vergebens, er hat das Silberloch sein Lebtage nicht wieder gefunden. Es geht andern Schafjungen nicht besser, selbst wenn sie Brillen aufsetzten. *   580. Die Unkluge Über Heilingen stand ein altes Ritterschloß. Der letzte Ritter, der es bewohnte, hatte eine einzige Tochter, diese ward geliebt von einem Jüngling, den sie wieder liebte, der Vater aber haßte ihn und schoß ihn nieder; da stürzte sich das Ritterfräulein vom Turm, der Alte starb vor Reue, und das Schloß ward eine Trümmer. Das Fräulein wandelt nun als ruheloser Geist umher, doch ist sie ein gütiger Geist und hat schon manche begabt. Sie hat auch den Schlüssel zu dem verborgenen Weinkeller, der noch große Fässer voll des besten Weins enthält. Schade, daß solche Keller und solche Fräulein so rar sind! Ein Bauer zu Heilingen hatte eine Tochter, die war unklug, was man so insgemein simpel nennt, doch nicht ganz stumpfsinnig, sondern nur blöd. Bei dem war einmal eine Trink- und Kartgesellschaft von guten Nachbarn und desgleichen, und da meinten die Bäuerlein, und sprachen diese ihre Meinung auch aus: Wer doch nur den Keller in dem alten Schlosse auffinden könnte, darin des Weines und Goldes die Menge liegt! – Da rief die blödsinnige Tochter: Ich weiß den Keller, ich weiß ihn! – Ja, du sähest mir danach aus! sprach der Vater. – Ich weiß ihn doch, wiederholte die Unkluge, und will euch gleich Wein daraus holen. – Damit nahm sie einen Topf, ging und brachte in kurzer Zeit den Topf zurück bis zum Rande angefüllt mit Wein. – Den Keller muß ich auch sehen, sprach der Vater, komm du und geh mit mir hin! – Sie machten sich beide auf den Weg, doch jede Spur war jetzt für die Einfältige verschwunden. – Wäre ich nur allein gewesen, sprach sie bei der Rückkehr in die Bauernstube, ich hätte meinen Keller schon finden wollen. Da regte sich die Lust nach wiederholtem Trunke des guten Weines. Die Bauern legten zusammen und boten Geld, wenn sie noch einmal Wein zur Stelle schaffen wolle. Sie ging, brachte Wein, klagte aber dabei: Nun ist es mit dem Weinschank aus. Das weiße Fräulein läßt mich nicht wieder hinein, weil ich von euch das dumme Geld genommen habe. Das Fräulein läßt euch sagen, für eure Strumpfgurgeln wäre der Wein viel zu gut, euch gehörte Kovent, ihr wäret alle zusammen keine Kanne Wein wert. – Die Bauern lächelten, wie jene bei der Schmeichelei des Amtmanns in Gellerts Fabel, und sprachen untereinander: Laßt sie reden, sie ist halt unklug. – *   581. Der Stadtpfeifer aus Orlamünde Zu Orlamünde war ein Stadtpfeifer, sie nannten ihn den Hausmann, ein munterer Geselle, doch ein ehrlich Blut, nicht mehr ganz jung an Jahren, aber frischen Gemütes und kein Verächter des edeln Rebensaftes, der Gottesgabe. Nun war einstmals besagter Hausmann mit seinen Leuten zu Hetlingen, andere sagen, in einem Dorfe unterm Schauenforst, gewesen und hatten bei einer Hochzeit aufgespielt, waren auch schön bewirtet worden, zogen daher, als der Tag graute, fröhlich und wohlgemut am alten Schloß vorbei, oder an dem Schauenforst, und da sprach der Hausmann: Wir wollen doch heute den Tag mit einem Morgenlied anblasen, und zugleich dem weißen Fräulein da droben! Sie stellten sich also auf und bliesen mit frommem Sinne frisch drauflos. Noch waren sie mit ihrem Choral nicht fertig, da trat das weiße Fräulein heraus, auf die Musikanten zu und bot freundlich auf einem Teller, nach der Zahl der Leute, so viele Becher Weines. Sie tranken, und aus Dankbarkeit bliesen sie noch ein Stück. Das Fräulein kam zum zweitenmal, reichte aber auf dem Teller eine Anzahl Knochen dar. Mochten sie da auch große Augen machen, so hatte doch keiner das Herz, die wunderliche Gabe auszuschlagen. Sobald sie aber den Turm aus den Augen hatten, warfen die Gesellen ihr Teil in den nächsten Kornacker. Ehrbar aber hatte der Hausmann seinen Knochen in die Tasche gesteckt, und so wurde er bei der Heimkehr mit dem Rocke in den Kleiderschrank gehängt. Am nächsten Sonntag verlangte der Mann seinen Staatsrock. Die Frau holte ihn. Aber, fragte sie, was hast du denn eingesteckt? Das ist ja schwerer als ein Klumpen Eisen! – Ich wüßte nicht, war seine Antwort, wer mir etwas gegeben hätte, zeig doch her! – Sie langte eine lange Rolle Gold aus der Tasche, in die der fromme Stadtpfeifer den Knochen gesteckt hatte. Das war den Gesellen, die ihre Knochen weggeworfen hatten, außer dem Spaß, als sie das hörten; sie liefen spornstreichs nach dem Kornacker zurück, und o Freude, sie fanden die Knochen und trugen sie jubelnd nach Hause. Als sie sie dort aus der Tasche zogen, hatte jeder ein Stück beinerne Flöte – ihr gehofftes Glück war flöten gegangen, und konnten sich nun selbst was pfeifen. *   582. Die Gräfin von Orlamünde Es war ein Graf zu Orlamünde, Otto, der starb und hinterließ seine Gemahlin Agnes, die ihm zwei Kinder geboren, als eine noch sehr junge Witwe; sie war eine geborene Herzogin von Meran, und so war ihr als Erbe neben der Grafschaft Orlamünde in Thüringen auch die Plassenburg und deren Gebiet in Franken zugefallen, und sie wohnte bisweilen dort. Da geschah es, daß sie eine heftige Liebe gewann zu Albrecht dem Schönen, Markgrafen von Brandenburg und Burggrafen zu Nürnberg, und heimlich forschen ließ, ob dieser wohl geneigt sei, sich mit ihr zu verbinden. Es war aber schon zwischen dem Markgrafen und der Gräfin Sophia von Henneberg eine Verbindung im Gange, welche des Markgrafen Eltern lebhaft wünschten, und Albrecht ließ die Äußerung fallen, als ihm unter der Hand von der Neigung der Gräfin von Orlamünde Kenntnis zuging: Wenn vier Augen nicht wären. Dieses hörte die Gräfin und deutete es auf ihre zwei schuldlosen Kindlein, das eine, ein Söhnlein, von drei, das zweite, ein Töchterlein, von zwei Jahren, und ward von unsinniger Liebe zu dem Markgrafen also verblendet, daß sie den schwarzen Entschluß in ihrer Seele faßte, die Kindlein aus dem Wege zu räumen. Darauf gewann sie mit Gaben einen Dienstmann, Haider, die Kindlein umzubringen, und als dieser zur Tat schritt, soll der kleine Graf gefleht haben: Lieber Haider, laß mich leben. Ich will dir Orlamünde geben; Auch Plassenburg, das neue, Auf daß es dich nicht reue! – und das Töchterlein: Lieber Haider, laß mich leben, Ich will dir alle meine Docken geben! – aber der Mörder ließ sich nicht erflehen und vollbrachte die Untat, hat aber nachher auf der Folter bekannt, daß sie ihm schrecklich gereuet habe, wenn er der Worte der unschuldigen Kinder, insonderheit des Mägdleins, gedacht. Da nun die Gräfin ihren Zweck dennoch nicht erreichte, fiel sie in Reue und Verzweiflung, übte schwere Buße und fand auch nach ihrem Tode keine Ruhe, sondern wandelt als die bekannte weiße Frau auf dem Schlosse Plassenburg umher. Sie rutschte auf ihren Knieen bis zum Kloster Himmelskron und liegt alldort begraben. *   583. Das Gleichensche Doppelbette Auf der Wegmitte zwischen Stadtilm und Rudolstadt liegt das Dorf Ehrenstein, daselbst ist noch eine Burgtrümmer gleichen Namens vorhanden, das war ein Schloß, welches den Grafen von Gleichen zugehörte, und der Mittelpunkt der kleinen Herrschaft Ehrenstein, die durch Heirat von den Grafen von Schwarzburg an das gräfliche Haus Gleichen und nach deren Absterben wieder an Schwarzburg-Rudolstadt kam. Die Burg war ein stattlich Gebäu mit Ringmauern und Türmen, nicht unähnlich der Ehrenburg über Plaue. Davon geht seit lange die Sage, daß es jener Sarazenin, die Graf Ernst von Gleichen im Morgenlande aus den Sklavenketten befreite, und die er als seine zweite Gemahlin der noch lebenden ersten im Freudentale zuführte, zum Wittum verschrieben worden sei. Dort hielt sich oft jener Graf von Gleichen auf, und man zeigt noch oder zeigte doch sonst ein altes geräumiges Himmelbett mit verblichener Malerei und Vergoldung, darin jener Graf in der Mitte seiner beiden Frauen geschlafen haben soll. *   584. Schloß Kranichfelder Wahrzeichen Auf dem Kranichfelder Oberschlosse saßen einst zwei Brüder, Wolfer und Lütger geheißen, die gerieten miteinander in Streit, und darüber beschlossen sie, sich zu trennen und ihr gemeinschaftliches Besitztum und die Herrschaft Kranichfeld zu teilen. Ich baue mir selbst eine neue Burg! sprach Lütger und deutete auf den Berg hinüber, darauf hernach Niederkranichfeld sich erhob. Des lachte Wolfer und sprach: Wenn du dahinüber baust, will ich dir dies und das tun, was keiner kann und tut! Darauf sagte Lütger: Topp, ein Ritter hält sein Wort! und verließ seinen Bruder. Darauf hat er den Bau der Niederburg begonnen und ihn groß und stattlich aufgeführt, und ist dem Wolfer sehr bange geworden, hat sich lösen wollen mit großem Gut und Gelde, aber Lütger hat das mitnichten angenommen, vielmehr darauf bestanden, daß Wolfer dasjenige tue, dessen er sich verheißen. Und hat dieser solches auch getan, aber darüber sich das Rückgrat zerbrochen, und so fiel die Oberburg auch wieder an Lütger, der zum Wahrzeichen seines Bruders Gestalt in der Übeln und nicht schönen Stellung an einem Erker der Burg anbringen ließ, das noch heute zu sehen ist. Ein gleiches Bild ist in Arnstadt in der Liebfrauenkirche an einem Chorpfeiler zu erblicken, und wird davon erzählt, daß eine fromme Gräfin von Schwarzburg diese Kirche erbaut, deren Mittel zum Bau nicht auszureichen schienen, da habe der Baumeister sich das gleiche zu tun vermessen, was jener Dynast von Kranichfeld getan, und als die Gräfin ihren letzten Heller ausgegeben, war auch der Kirchenbau vollendet, und der Baumeister mußte sich bequemen, das Allerunbequemste zu tun. *   585. Die verschiedenen Türme Von der Liebfrauenkirche zu Arnstadt gehen viele Sagen. Dieselbe hat außer dem großen Glockenturm zu Seiten des westlichen Portales zwei Türme, von denen ist einer im byzantinischen, der andere im gotischen Baustile aufgeführt und soll den einen der Meister, den andern sein Geselle allein erbaut haben. Da nun der Turm des Gesellen als der schönere und zierlichere allgemein gepriesen worden, sei des Meisters Eifersucht erwacht, und er habe den Gesellen unversehens von seinem Turme herabgeworfen; da sei dem Gesellen dessen treuer Hund nachgesprungen und hernachmals als ein Steinbild zur Zier und zum Andenken am Turme angebracht worden, wie noch heute zu sehen. In der öden Liebfrauenkirche ist es nicht geheuer, Geister halten darinnen um Mitternacht ihre Metten. Von den Türmen zu Naumburg und vielen andern geht ganz dieselbe oder eine doch wenig unterschiedene Sage. Innen über einer Türe hängt auch eine Riesenrippe; dieses Riesen Grab ist unterm Walperberge, und am Wege nach Haarhausen hat derselbige seinen Löffel in die Erde gesteckt. *   586. Der Jungfernsprung und die Böhlersmännchen Bei Arnstadt ist eine enge und tiefe Talrinne, das Jonastal; warum es diesen Namen führt, weiß niemand; im Tale aber ist eine senkrechte schroffe Felsenwand, die heißt der Jungfernsprung, dort sprang eine von einem Reiter verfolgte Jungfrau hinunter, indem sie sich den Engeln anbefahl; diese haben sie auch umfangen und sanft zu Boden getragen, der Reiter aber sprengte, da er sein Roß nicht mehr zu zügeln vermochte, ihr nach, und Mann und Roß zerschmetterten im tiefen Abgrund. Am Eingang dieses Tales liegt der Schöne Brunnen, der hat früher der Jungfernbrunnen geheißen. Vor ohngefähr fünfzig Jahren soll einmal ein kleiner Arnstädter Chorschüler hinauf auf den Jungfernsprungfels spazierengegangen sein, da habe ihn aber ein heftiger Sturmwind ergriffen, daß er sich nicht habe halten können, zumal der Wind in seinen Mantel wie ein Segel geblasen, und habe ihn in die Tiefe gerissen, aber im Heruntersinken sei der Chormantel dem Knaben zum Fallschirm geworden und jener ohne Verletzung davongekommen. In der Tiefe dieses Tales, weiter oben, ist ein Felsloch, das Böhlersloch genannt, darinnen wohnen Zwerge, die Böhlersmännchen genannt, gutartig und boshaft, nach der viel geschilderten Tückebolde Art. Sie gleichen den Nievelmännchen und Ouwelmännchen, von denen man zu Limburg an der Maas erzählt. Es ist in dieser Talrinne, die noch höher hinauf nach Espenfeld zu das Götzental heißt, gar nicht geheuer; nächtlichen Wanderern hocken sich Gespenster auf den Rücken und lassen sich eine gute Strecke huckepack tragen. Das ist schon manchem geschehen, der spät von Schönbrunnen, allwo es gutes Weizenbier zu trinken gibt, jenen Weg ging. An vielen andern Orten in Thüringen gibt es noch Zwerghöhlen und werden da und dort Wichtleinslöcher und Wichtleinshöhlen genannt, so bei Buffart an der Ilm, bei Salzmünde, bei Meiningen, bei Dillstädt und Wichtshausen, und geht an manchen Orten die Sage, daß zur Zeit der Hunneneinfälle die Menschen sich vor den schrecklichen Heunen gleich als kleine furchtsame Wichtlein in diese Löcher verkrochen. *   587. Voll Maß! Voll Maß! Bei Arnstadt liegt ein schöner kräuterreicher Bergwald, das Walperholz, so geheißen, weil auf der Höhe in alten Zeiten ein Kloster zur heiligen Walpurgis gestanden hat. Dort ist eine Waldecke, wo man es nennt an den hohen Buchen, und steht auch eine sogenannte Jagdbuche dort. An dieser Buche befindet sich ein runder Platz, darauf nie Rasen wächst, auch sonst kein Gras und kein Kraut. Dorthin ist gebannt der ruhelose Geist einer Bierzapferin, weil sie bei ihrem Leben zu geringes Maß gegeben hat, deren Name ist Frau Holle. Zuzeiten sieht man sie in altväterischer Tracht rastlos um die Jagdbuche wandern und hört einen kläglichen Ruf, den sie fort und fort ausstößt: Voll Maß, voll Maß! In dieser Sage ist sicher der mythische Name Frau Holle auf den des gebannten Geistes übertragen worden; sie erinnert an die Wandlerin unterm reißenden Stein bei Mehlis, welche die Kunden vervorteilte und gebannt wurde und immer ruft: Drei Quärtchen für eine Kanne! Drei Viertel für ein Pfund! *   588. Kinderzüge und Kindertanz Zu einer Zeit (1212) kam unter die Kinder in Thüringen und auch im übrigen Deutschland, wie in Frankreich, gar ein sonderer Trieb und eine wunderbare Phantasei, sich zusammenzuscharen und hinwegzuziehen, das Heilige Grab zu gewinnen. Die Sage geht, daß ein fremder schöner Knabe durch die Gaue gewandelt und das Kreuzfahrerlied gesungen habe, da seien ihm alle Kinder scharenweise gefolgt mir unwiderstehlichem Triebe, da weder Worte, noch Schläge, noch Bande sie abhielten, und sollen aus Deutschland zwanzigtausend, aus Frankreich aber dreißigtausend Knaben so fortgewandert sein; kamen aber auf ihrem Wege über die Alpen in unwegsamen Gebirgen um und jene, die das Meer erreichten, durch schreckliche Seestürme, und hat ihrer keiner die Heimat wiedergesehen. Wie dieser Zug im großen, ist auch einer im Jahre 12Z7 im kleinen geschehen, doch war derselbe wieder anderer Art und Ausganges, gab aber Zeugnis, wie ein unbekanntes Etwas die Menge allgewaltig ergreifen und fortreißen kann, ohne daß sie sich Rechenschaft zu geben weiß von ihrem oft ganz wahnvollem Tun. Es kam am 15. des Brachmonats im genannten Jahre unter die Kinder in der Stadt Erfurt eine sonderbare Tanzlust, sie sammelten sich zu einer Schar von mehr als eintausend und machten einen Tanz, Hände in Hände, in großen Ketten, vom Löbertor zu Erfurt hinauf auf den Steigerwald bis zum Dorfe Waltersleben und von da nach Eischleben, von Eischleben nach Ichtershausen und über Rudisleben nach Arnstadt, eine Wegstrecke von vier guten Stunden immer tanzend, singend und springend guter Dinge und hingerissen, bis sie am Abend todmüde in Arnstadt ankamen. Die Bürger von Arnstadt verwunderten sich gar sehr, wo nur die vielen Kinder auf einmal herkämen, und nahmen sie auf, und die Bürger in Erfurt wußten nicht, wo ihre Kinder hin waren, und war eine überaus große Bestürzung in der Stadt, da fast in jedem Hause Kinder fehlten, die dauerte die ganze Nacht hindurch, bis endlich am frühen Morgen Botschaft von Arnstadt kam. Da haben die Erfurter viele Wagen genommen und sind hinüber nach Arnstadt gefahren und haben diesen Bürgern gar herzlich gedankt für die Gastfreundschaft, so sie ihren Kindern erwiesen, und haben die Kinder wieder mit sich nach Hause genommen. Die Kinder aber haben alle nicht sagen können, wer ihnen geheißen, diesen weiten Weg tanzend zurückzulegen, es wäre ihnen so angekommen, und sie wären wohl noch weiter gegangen, wenn sie nicht müde und hungrig geworden. Aber viele dieser Kinder starben bald darauf, und die Mehrzahl der übrigen blieb bis zum Tode mit einem anhaltenden Zittern behaftet. Ihr Tanz war ein Verhängnis. *   589. Das stille Kind Im März des Jahres 1677 hat sich in der Erfurter Flurmarkung ein zehnjährig Mägdlein sehen lassen; seine Haare waren in Zöpfe geflochten, hatte ein weißes Kleid an und sah im Gesicht ganz bleich aus. Es ging durch die Alacher und Bündersleber Felder, redete mit sich selbst, niemand aber konnte es verstehen. In der Hand hatte es ein braunrot Stäblein und schlug damit, indem es durchs Getreide oder über die Wiesen ging, die Blumen ab, daß man solche aller Orten herumliegen sahe. Wollte diesem stillen Kinde jemand entgegengehen, ihm Rede abzugewinnen oder nachgehen, es um seine Herkunft und sein seltsames Tun zu befragen, so kam den Leuten ein so gewaltiges Grauen an, daß sie es nicht wagten, sondern scheu zurückwichen. Und niemand hat erfahren, welche Bewandtnis es mit dem stillen Kinde gehabt hat. *   590. Des Grafen Sprüchwort Einst lebte ein Graf zu Schwarzburg, Heinrich der Siebente geheißen, der führte ein häßlich Sprüchwort im Munde, wenn er sich etwas Hohem vermaß, und sprach: Tue ich das, so müsse ich im Abtritt ersaufen. Und hat es sich zugetragen, daß dieser Graf, ein mannlicher Herr, der vielen Reichstagen und Turnieren beiwohnte, im Jahr 1186 mit Kaiser Heinrich VI. auf dem Reichstag zu Erfurt war, wohin auch Landgraf Ludwig von Thüringen und Erzbischof Konrad von Mainz kamen, die lange Zeit miteinander gestritten und sich gegenseitig ihre Länder verheert hatten. Da wurde geteidingt und Frieden gemacht zwischen diesen beiden im Beisein des Kaisers und vieler edlen Fürsten, Grafen und Herren in einem Saale des St. Peterskloster, und da der Boden dieses Saales alt und morsch war, so brach er plötzlich zusammen von der Last so vieler Personen. Unten aber war ein Kloak, darin aller Unrat aus den heimlichen Gemächern zusammenfloß, dahinein stürzten und erstickten elendiglich der Graf Heinrich von Schwarzburg und Friedrich Graf von Arnsberg; auch fanden noch ihren Tod Gosmar Graf von Hessen, Gottfried Graf von Ziegenhain, Burggraf Friedrich von Kirchberg, Beringer von Meldingen und andere. Der Kaiser und der Bischof hatten im Gespräch in einer Fensternische gestanden, hielten sich fest am Eisengitter und wurden gerettet. Der Thüringer Landgraf teilte den Unglückssturz, doch kam er davon ohne Verletzung. So erfüllte sich auf eine gar traurige Weise der Schwur des Schwarzburgers. *   591. Doktor Fausts Gäßchen Gegen die Mitte der Schlössergasse zu Erfurt geht ein Gäßchen zwischen Häusern durch, so schmal, daß ein Dicker nicht durch kann; das ist Doktor Fausts Gäßchen, und da hindurch fuhr Faustus, als er in Erfurt war, mit einem ganzen Fuder Heu. Er wohnte in der Michaelsgasse, nahe dem großen Kollegium, darin er selbst Kollegia las, den Studenten den Homer erklärte und die Geister homerischer Helden ihnen vor Augen stellte und zuletzt den greulichen Riesen Polyphemus, vor dem alle erschrocken und davongelaufen. In der Schlössergasse wohnte ein edler Junker, der war Fausti Freund, und waren oft beisammen; das Haus ist durch einen Anker auf dem Dachgiebel kenntlich, da gab Faustus manche Gasterei, zapfte Wein aus dem Tisch, ritt durchs Dach in die Luft und ließ ein Loch im Dach, das sich niemals wieder mit Ziegeln hat zulegen lassen. Bald sprach Stadt und Land von niemand als vom Doktor Faust, der Adel kam aus der Nachbarschaft in die Stadt herein, den Wundermann und seine Künste zu sehen, und da entstand die Furcht, es möchten allzu viele sich zu Teufelskünsten verlocken lassen, und ward ein Mönch zu Faustum gesandt, der sollte ihn bekehren. Faustus wollte aber nicht bekehrt sein, und auf das Erbieten des Mönchs, ihn durch Messelesen und Gebet vom Teufel loszureißen, hat Doktor Faust erwidert: Nein, mein guter Doktor Klinge! Es würde mir sehr unrühmlich sein, meinen mit meinem Blute geschriebenen Vertrag zu brechen, das wäre nicht redlich. Der Teufel hat mir ehrlich gehalten, was er mir zugesagt, so will ich ihm auch mein Wort halten. – Ei, so fahre hin zum Teufel, du verfluchter Teufelsbraten und Teufelsbündner! schrie da zornig der Mönch; fahre hin in das ewige Feuer, das bereitet ist dem Teufel und seinen Engeln! – und rannte fort zum Rektor magnificus und zeigte dem an, Faustus sei ein ganz verstockter unverbesserlicher Sünder. Darauf ist der Doktor Faustus aus der guten Stadt Erfurt ausgewiesen worden als ein gar schlimmer Literatus. *   592. Die Geißelfahrer Da sich in deutschen Landen die Geißelfahrer auftraten, so kam diese Volksseuche, welche die Köpfe ergriff wie ein Schwindel, auch nach Thüringen, und da rückte eine Schar von nicht weniger als dreitausend Flagellanten auf Erfurt los. Sie gingen Paar auf Paar, waren alle, bis auf die mit Leinwandschürzen gegürteten Lenden, fasernackt, und der vorderste trug eine Fahne; auf den Köpfen hatten sie weiße Hüte, an jedem hinten und vorn ein weißes Kreuz. Sie sangen das bekannte Geißlerlied, warfen sich kreuzweis auf die Erde, knieten auch hin und peitschten sich mit dreistriemigen Riemengeißeln, die in einem mit eisernen Nägeln gespickten Knoten endeten; zweimal des Tages und einmal des Nachts wurde die Geißelung vorgenommen. Es war eitel das ärmste und armseligste Lumpengesindel, welches dieses scheinheilige religiöse Possenspiel aufführte, Männer, Weiber und Kinder. Geld heischten sie nicht, aber Eßwaren ließen sie sich gern reichen. Wenn sie in eine Kirche kamen, machten sie ein so nichtsnutzes Geplärre, daß alles vor ihnen schweigen und verstummen mußte. Der Stadtrat zu Erfurt ließ diesem faulen Gesindel sein Stadttor vor der Nase zuschlagen, und es mußte Gott danken, daß es bei Ilversgehofen über Nacht lagern durfte. Einer unter diesen Geißelfahrern trieb die Narrheit so weit, zu sagen, er sei Gottes Sohn; möglich, daß er dieses auch von sich glaubte, es gedieh ihm aber übel, er wurde aufgegriffen und ohne weiteres auf dem großen Markt zu Erfurt verbrannt. Damals lebte ein Poet daselbst, der nannte sich Heinrich von Erfurt, der sang von dieser Zeit und bezeichnete mit wahrem Wort der Geißelfahrer Vaganten- und Flegelantenwesen: Pestis regnavit, plebis quoque millia stravit, Insolitus populus flagellat se seminudus. – *   593. Die Sondersiechen Der Rat zu Erfurt hatte mit schlimmem Volk seine tausendfache Not, aber er ließ seine Macht fühlen und strafte unnachsichtlich jede Übeltat. Einst war auf der Gleichenschen Burg Ehrenstein ein junger Ritter, der liebte eine Jungfrau aus dem Gefolge der Gräfin von Gleichen und entführte sie mit ihrer Zustimmung. Sie saß hinter ihm auf, und beide erreichten glücklich das Stadttor. Es war aber leider schon abends zehn Uhr, und das Tor wurde nicht aufgetan. Da ritten sie zurück voll Angst und kamen an das Haus der Sondersiechen, dort um Einlaß bittend, nachdem der Ritter sein Roß an einen Zaun angebunden hatte. Es ward ihnen aufgetan, aber die Siechen, lauter Männer, als sie sahen, daß die Maid schön war, warfen sie sich auf den Ritter und erwürgten ihn und büßten an der Jungfrau ihre schändliche Lust so, daß sie starb; dann verscharrten sie beide Leichen. Als aber die Flucht bekannt wurde, jagte vom Schlosse Ehrenstein und von Remde her eine Schar Verfolger nach, kamen auch nach Erfurt und fragten am Tore nach den Flüchtigen. Da sagte der Torwärter: Ja, es ist gestern zur Nacht einer dagewesen, so Einlaß begehrt, ich durft' ihm aber nicht auftuen, denn es war zu spät. Da ritten die Verfolger vor das Siechenhaus und fragten draußen gleichfalls nach, aber da hieß es: Zu uns kommt niemand, wir sind die Leprosen und Sondersiechen. Indem so hörte das am Zaun hinterm Haus angebundene Roß, welches die Siechen noch gar nicht gewahr worden, bekannte Stimmen, mocht' auch Hunger haben, und begann laut zu wiehern. Als nun jene das ihnen wohlbekannte Pferd fanden, drangen sie ein in das Haus und umstellten es und sendeten in die Stadt zum Magistrat, und der schickte seine Richter und Schöppen, die forschten und fragten und fanden die grauenvolle Tat und schöpften ihr Urteil. Darauf umfing ein ehrlich Grab bei Sankt Thoma den Ritter und sein armes Lieb; um das Siechenhaus herum aber wurde Scheitholz gelegt, rundherum, und Stroh und Reisig bis zum Dach, ein mächtiger Haufe, darauf ward es an den vier Ecken mit Feuer angestoßen, daß es mit Mann und Maus, so darinnen waren, zu Asche verbrannte. Hernach ist an des Hauses Statt ein Kreuz von Steinen errichtet worden, an dessen einer Seite ein Ritter, an der andern eine knieende Jungfrau zu sehen war. *   594. Kurzer Prozeß Absonderlich kurzen Prozeß machte der Erfurter Stadtrat mit Mordbrennern, sie mochten solche scheußliche Tat getan oder auch nur ausführen gewollt haben. Nach Donndorf, einem erfurtischen Dorfe, kam ein Mann, der bot von Haus zu Haus Gänse feil, die Bauern argwohnten aber in besagtem Gänsemann einen Auskundschafter, verstrickten ihn und führten ihn nach Erfurt, dort ward er scharf befragt und bekannte, er habe des Dorfes Gelegenheit allerdings auskundschaften und verraten wollen, sei auch dabei gewesen, wie das Dorf Berlstett angesteckt worden. Darauf ward er wieder nach Donndorf geführt, ihm alldort der Kopf abgeschlagen und der Leib gevierteilt. In Erfurt selbst ward einer gesehen, der trug einen Strohwisch und ging damit zum Tore hinaus. Das erregte Verdacht, es ward ihm nachgesendet, und er wurde gefangen eingebracht. Befragt, und ohne Zweifel mit der scharfen Frage, bekannte der Mann, er habe erfurtische Dörfer anstecken wollen, worauf man ihm, erzählt die Chronik, den Kopf abschlug und ihn hingehen ließ, wohin er wollte. *   595. Sibyllentürmchen Unter der Feste Cyriaksburg nahe bei Erfurt, links an der alten Fahrstraße nach Gotha, steht ein großer steinerner Bildstock mit altgotischer Zier und erhabener Steinhauerarbeit, der wird das Sibyllentürmchen genannt. Mehr als eine Sage wird davon erzählt, doch ist die nachstehende die am meisten bekannte. Es war ein junger Graf von Gleichen, der liebte eine junge Gräfin von Käfernburg, und der Tag ihrer Verbindung war schon anberaumt und nahe. Sehnsuchtsvoll erwartete ihn sein Lieb, allein er kam nicht. In Begleitung von zwei Knappen war er von seiner Burg herein nach Erfurt geritten, allda Schmuck für seine Braut zu kaufen; ein ihm feindlich gesinnter Schnapphahn aus der Gegend hatte davon Kundschaft erhalten, lauerte dem Grafen mit einigen Mordgesellen unten am Fuße der Cyriaksburg, an deren Stelle damals ein Nonnenkloster stand, und erschlug nach kurzem Kampfe den jungen Grafen samt den beiden Knappen. Da ward groß Trauern und Herzeleid bei der Braut auf der Käfernburg; sie verließ ihre Burg und ihr Erbe, ließ dem Geliebten, der an jener Stelle mit seinen Begleitern begraben ward, ein Kreuz setzen und auch auf jedes Knappengrab ein Kreuz und daneben den großen und hohen Bildstock errichten, nahm den Nonnenschleier im Kloster St. Cyriaki auf dem Berge und ging alltäglich herab zu dem Bildstock, der ihren Namen bis auf die gegenwärtige Zeit brachte, um am Grabe ihres Liebsten zu beten, bis der Tod sie von ihrem stillen Gram erlöste. *   596. Der zärtliche Wolf Im Jahre 1555 im Sommer lief etliche Wochen lang im Weichbild der Stadt Erfurt ein Wolf herum, der lief den Leuten auf dem Felde nach, umarmte, herzte und drückte sie, absonderlich die Weibspersonen, tat ihnen aber sonst kein Leides und biß niemand. Wenn er aber so eine oder die andere umschlungen hielt und den Rachen aufriß, der von einer ungewöhnlichen Größe war, ist sie doch so erschrocken, daß sie fast den Tod davon hatte. Glaubwürdige Leute sollen das gesehen und ausgesagt haben. *   597. Der Wolfram Im hohen Chor des Domes zu Erfurt steht, gegen den Hochaltar gekehrt, ein ehern Bildnis, eine Mannesgestalt von der Größe eines Knaben, das wird der Wolfram genannt; es hält in jeder Hand einen Kirchenleuchter und soll, wie die Mesner sagen, aus Heidenzeiten herrühren; doch dem ist nicht also. Ein junger Patrizier des Namens Wolfram beging ein großes fleischliches Vergehen; solches zu sühnen, verurteilte ihn der Papst zu harter und langer Kirchenbuße, daß er ein ganzes Jahr lang täglich, in der Hand einen Leuchter mit zwei brennenden Kerzen, vor dem Altar stehen sollte, und zwar so lange, als der Dienst der Messe daure. Dies tat nun auch Wolfram, aber er fiel darob ganz von Kräften und vermochte sich kaum aufrecht zu erhalten. Da ward heftig für ihn gebeten, bis ihm die Strafe erlassen wurde, doch stiftete er noch zur Sühne und zum Gedächtnis seiner Reue und Buße das metallene Bild und trat darauf in einen strengen Orden, darin er bald hernach Todes verblichen ist. *   598. Der Graf von Gleichen Das Geschlecht der Grafen von Gleichen hat seinen Ursprung hoch hinauf in der Zeiten Frühe verlegt, doch stimmen die Stammsagen desselben darin überein, daß zuerst zwei Brüder, Edle zu Rom, ihre Heimat Italien verlassen und in der Nähe von Göttingen jene zwei Burgen erbaut und bewohnt, die man noch heute die Gleichenschen Burgen nennt. Darauf sollen aber sie selbst oder ihre nächsten Nachkommen von dort hinweggezogen oder vertrieben worden sein und in Thüringen die drei Burgen erbaut haben, welche man die drei Gleichen nennt. Diese Burgen liegen in einem Dreieck zwischen den drei Städten Erfurt, Gotha und Arnstadt, zwei sind Trümmern, die eine das ist die eigentliche Burg Gleichen, genannt das Wandersleber Schloß, die andere war Schloß Mühlberg. Die dritte, die höchste und festeste, ist die Wachsenburg benannt und noch immer bewohnt. Die Grafen von Gleichen hatten viel Landes inne in Thüringen, Westfalen und auf dem Eichsfelde. Wittekind, der schwarze Ritter, soll nicht ein Verwandter des großen Wittekind gewesen sein, sondern der Enkel Ernsts, des Stammvaters der Grafen von Gleichen, und soll zwei Söhne gehabt haben, Ludwig und Karl, und dieser Ludwig soll Schloß Gleichen in Thüringen zuerst erbaut haben. Einer des edlen Geschlechts hieß Siegmund, der bekriegte im Bündnis mit den Grafen von Käfernburg und denen von Arnstadt die Stadt Erfurt und tat ihr merklichen Schaden, so daß sie ihn den Thüringer Teufel nannten. Da Kaiser Friedrich II. einen Kreuzzug begann, an welchem Landgraf Ludwig von Thüringen teilnahm mit den meisten seiner Vasallen, zog auch Graf Ernst III. von Gleichen mit hinweg und stritt tapfer gegen die Heiden. Der Landgraf war gestorben, der Kaiser schloß zu Akkon Waffenstillstand mit dem Sultan und kehrte zurück, ließ aber den Grafen von Gleichen und andere zum Schutze Akkons zurück. Auf einem Ritt in die Wüste wurde der Graf gefangengenommen und in schwerer Dienstbarkeit als ein Sklave gehalten. Endlich, da er als ein Gärtner arbeitete, nahm die schöne Tochter des Sultans seiner wahr und gewann ihn lieb, auch entdeckte seiner Mitgefangenen Diener einer ihr seinen Stand. Da bot sie ihm Befreiung, sich selbst und alle ihre Schätze an, wenn er sie zum ehelichen Weibe nehmen und mit ihr entfliehen wolle. Nun hatte aber Graf Ernst von Gleichen daheim bereits eine Gemahlin und zwei Kinder, doch dünkte dieses der sarazenischen Jungfrau kein Hindernis. Da nun der Graf erwog, daß ohne Benutzung des Erbietens der Sultanstochter er die Freiheit nie erlangen und für seine Gemahlin und seine Kinder tot und verloren bleiben werde, so hoffte er, der Papst werde ihm die zweite Ehe einzugehen bewilligen, zumal da die schöne Heidin gern bereit war, dem Grafen zuliebe eine Christin zu werden. Die Flucht gelang, die Sarazenin nahm große Schätze mit sich fort, und glücklich kamen die Liebenden und ihr Gefolge in Italien an, zogen gen Rom, und nachdem die Sultanstochter getauft war, wurde sie dem Grafen als rechte Gemahlin angetraut. Hierauf setzten sie ihre Reise nach Thüringen fort, und der Graf eilte voraus zu seiner Gemahlin, die den Totgeglaubten freudiglich empfing, und entdeckte ihr alles. Sie segnete dankbar die Fremde, die ihr den Gemahl, ihren Kindern den Vater zurückbrachte, und verhieß, sie als eine Schwester zu lieben. Darauf zogen sie der Nahenden entgegen, empfingen sie unten am Fuße der Burg gar herrlich und nannten diese Stätte das Freudental, welchen Namen sie behalten hat bis auf den heutigen Tag. Einträchtiglich und liebevoll lebten die drei Verbundenen beisammen, doch gewann die Sarazenin keine Kinder. Viele Wahrzeichen dieser Begebenheit im eigentlichsten Wortsinn gab es und gibt es noch; auf Burg Gleichen über Wandersleben wurde bis in das zweite Jahrzehent dieses Jahrhunderts die dreischläferige Ehebettstelle gezeigt, wichtiger als diese ist der im Dome zu Erfurt noch vorhandene Grabstein, auf welchem der Graf zwischen seinen beiden Gemahlinnen dargestellt ist, und ist die Tracht völlig übereinstimmend mit jener der Zeit des Kreuzzugs Kaiser Friedrich II.; ebenso ist diese Tracht beider Frauen deutsch. Man zeigt noch dort die Gebeine, insonderheit die Schädel der drei Vereinten. Von Burg Gleichen herab in das Freudental führte ein gepflasterter Weg, der Türkin Weg, weil alles, was aus dem Morgenlande kam, der damaligen Zeit türkisch hieß. Im Gleichenschen Schlosse zu Tonna ward der Türkenbund der Sarazenin – der auf dem Grabstein nicht zu erkennen, da tragen beide Frauen rote goldverzierte Kronenreife – und ein goldnes Kreuz gezeigt, auf dem zu Farnrode ein Teppich, dessen Bildwerk die Erzählung vorstellte, zu Ohrdruf in einer Kirche ein Schnitzwerk, im Schlosse daselbst wie zu Schloß Pyrmont, auf Burg Ehrenstein und auf dem Vorwerk Werningsrode bei Emleben überall ein dreischläferiges Bette. *   599. Der Mordgarten Unter der Burg Gleichen beim Freudentale liegt ein vormals von alten Bäumen umschatteter Platz, der wird der Mordgarten genannt; er war ein Ort der Zweikämpfe. Es ist nun weit über hundert Jahre her, daß zwei junge Männer zugleich eine schöne Arnstädterin liebten, die nur einen von ihnen begünstigte. Der verschmähte Nebenbuhler suchte Händel mit dem Beglückten, die sich beim Spiele leicht fanden; man forderte sich und schlug sich im Mordgarten auf Pistolen. Die Geliebte sandte ahnungsvoll am Morgen des Kampftages ihrem Liebsten das übliche Brauthemde – es wurde sein Totenhemd, er wurde darin begraben, denn er fiel auf den ersten Schuß. Darauf hat die Jungfrau ihrem Freund im Freudentale, das ihr ein Jammertal ward, gleich jener Käfernburgerin Sibylle ein Kreuz an der Stätte errichten lassen, an welcher er um sie den Tod empfangen. Dies alte Kreuz mag wohl noch stehen; im Jahre 1820 stand es noch und wurde darauf gelesen der Name und die folgende Schrift: Herr Christian Friedrich Carl v. Bote ward hier getödtet den 9. Marty Anno 1717. Christi Blut hat mich befreit von der Höllen Rachen Mein Blut Umb Rache schreyt Gott befehl ich mein Sachen. Die Bäume des vormaligen sogenannten Baum- und Mordgartens sind verschwunden. Das Steinkreuz steht einsam am Saume eines unbebauten Hügels unterhalb der Burgruine, südlich von dem Freudentale. *   600. Herr Augustin Zu Gotha am Jakobsplatz steht ein steinern Haus mit einem Steingebilde, darauf ist ein Mann zu erblicken, der zweien Kindlein Brötchen darreicht, und stellt solches Bild den Herrn Augustin vor, welcher ein absonderlicher Kinderfreund war. Stets beschenkte er arme Kinder, ging niemals aus ohne die Taschen voll Gaben, und es war, als ob es aus sotanen Taschen quölle und sie nimmer leer würden. Selbiger Herr Augustin wurde achtzig Jahre alt unter solcher Liebe zu den Kindern und der Kinder zu ihm, und da es mit ihm zum Sterben gedieh, hat man zwei Knäblein an seinem Lager sitzen sehen, welche ihm die Augen schlossen, und auf seinem Grabe ist drei Tage lang ein Knäblein sitzend gesehen worden, niemand aber hat dasselbe gekannt. *   601. Schatz auf dem Friedenstein Auf dem Schlosse Friedenstein zu Gotha, darinnen die Ahnfrau des herzoglichen Hauses umwandelt, war ein Mann vom Soldatenstande des Namens Eckart Hofverwalter, und pflegte bisweilen in der Hofstube auf einer Bank die Nacht hinzubringen, besonders dann, wenn langanhaltende Festlichkeiten bei Hofe seinen Dienst bis in die späte Nacht erfordert hatten. Der erblickte einst in dieser Stube einen Geist, der ihm zu folgen winkte. Eckart nahm das noch brennende Licht und ging ohne Furcht dem Geist nach. Dieser führte ihn durch mehrere Gänge in ein Gewölbe, da stand ein großer Kessel ganz voll Goldstücke, und der Geist bedeutete dem Mann, er solle zugreifen und den Schatz heben. Aber es kam ihm Grauen und Entsetzen an, und er wich nach der Hofstube zurück. Der Geist folgte ihm und suchte ihn unter beweglichen Gebärden zu vermögen, umzukehren. Er solle nur ein Drittel des Schatzes für sich nehmen und die beiden andern Dritteile der Landesherrschaft geben, aber Eckart ließ sich nicht darauf ein. Am folgenden Morgen eröffnete er den Vorgang seinem Herrn, dem Herzog Friedrich II., und bat um Verhaltungsbefehle in dieser Sache. Der Herzog sprach, er befehle ihm hierin nichts, wolle er fürder mit dem Geist gehen, so möge er es auf eigene Gefahr tun. Nach einiger Zeit fand man die Hofstube verschlossen, und der Hofverwalter war nicht zu sehen. Man klopfte und rief, so stark man konnte, und endlich ward die Türe aufgebrochen. Der Hofverwalter lag fast leblos mit dem Kopfe auf dem Tische; er wurde zwar wieder zu sich gebracht, doch war nichts aus ihm herauszubringen. Nur einem Geistlichen hat er hernachmals offenbart, daß der Geist ihm abermals erschienen und gar wehmütig gefleht, gleich wie das Gespenst bei der Edelfrau zu Gehofen, doch den ihm bescherten Schatz zu heben. Er solle sich nur nicht fürchten; es werde zwar eine Geistesgestalt wie ein welscher Hahn ihm zwischen den Beinen hindurchfahren, doch ohne Schaden, und der Wert des Schatzes betrage vierzigtausend Taler. Er, der Hofverwalter, habe aber gesagt, er tue es nicht, er liebe und lobe sich die welschen Hahnen gebraten vor ihm in der Schüssel und nicht also, wie der Geist zu verstehen gegeben, da habe der letztere schrecklich wehmütige und entsetzliche Gebärden gemacht, so daß er, Eckart, darüber ganz die Besinnung verloren habe. Der Geistliche gab den Rat, nicht mehr in der Hofstube zu schlafen, sich einen fetten Konsistorialvogel braten zu lassen und zur Stärkung eine Flasche Wein dazu zu trinken, wobei er ihm auf Verlangen Gesellschaft zu leisten gern erbötig; selbiges hat Eckart getan und ist nachher von dem Geist unbeschwert geblieben, sonach dürfte der Schatz noch zu heben sein, wenn der Geist nicht einen andern Mann gefunden hat. Eckart hat nachher noch manchen welschen Hahnen vor sich erscheinen lassen, dabei zum öftern sein Erlebnis erzählt und ist als herzoglicher Major zu Gotha nach einem löblichen Leben seliglich verstorben. *   602. Thüringer Fluten Große und greuliche Wasserfluten haben oft das Thüringerland heimgesucht. Eine der schrecklichsten war die am 17. Maimond 1558; die Erde erbebte, und die Schleusen des Himmels gössen stromgleiche Fluten auf die Fluren zwischen Gotha und Langensalza nieder. Im Orte der Grafen von Gleichen, Burgtonna, wurden fast vierzig Häuser und Scheunen zumal und von Grund aus verwüstet, daß man hernach nicht mehr sah, wo Haus oder Scheuer gestanden. Starke Bäume wurden mit den Wurzeln ausgerissen und davongeführt, sechsundvierzig Personen fanden nur allein in Burgtonna ihren Tod. In einem der hinweggerissenen Häuser, des Hirten Wohnung, lag eine Wöchnerin, die Tags vorher geboren hatte. Das Kindlein lag in einer Mulde, das Haus stürzte zusammen, die Mutter verdarb, das Neugeborene schwamm in seiner Mulde unversehrt neunzig Schritte weit davon, blieb im Gezweig eines Apfelbaumes hangen und ward gefunden lebend und ohne Leid. An manchen Stellen im Dorfe hat das Wasser dreier Männer Höhe übereinander erreicht. Ein Mann sang noch im Untersinken: Nun bitten wir den Heiligen Geist; ein anderer reckte seine Hand im Sinken aus dem Wasser und segnete die, so noch lebendig. Ein Knabe, ein Knecht und ein Futterschneider gewannen einen hohen Birnbaum, die erhielten ihr Leben. Ein im Lande umwandernder Buchträger, heutzutage neumodisch Kolporteur genannt, kam auf einen Balken rittlings zu sitzen, schwemmte fünf Ackerlängen hinweg und brachte sich und seinen Bücherranzen glücklich und unversehrt ins Trockne. Das war aber alles nichts gegen eine Flut, dergleichen nie vorher und nie nachher erhöret worden im Thüringer Lande, die geschahe am 29. Mai 1613. Da kamen Wetter von allen Seiten und standen viele Meilen in die Runde über dem Lande und tobten gegeneinander, daß alle Leute glaubten, der Erde jüngster und letzter Tag sei herbeigekommen, das reichte von der Saale bis zum Harz und von der Werra bis zur Elbe. Die Ilm überschwoll ihr Bette zehn bis zwölf Ellen hoch, riß in Weimar vierundvierzig Häuser und Scheuern weg, ertränkte vierundsiebzig Menschen und zweihundert Stück Vieh; noch ist am Kegeltor daselbst der schwarze Strich, das Wahrzeichen, wie hoch dort die Flut stand. In Oberweimar ertranken vierzehn Menschen, stürzten zweiundzwanzig Häuser ein; in Mellingen raffte die Flut zweiundzwanzig Menschen hinweg und zertrümmerte sechsunddreißig Häuser. Eines Hirten Weib ertrank mit zugleich vier Kindern; der Vater, der sich rettete, hörte noch, wie das jüngste, als seine kleine Lagerstätte schon schwamm, die Mutter fragte: Kommen wir auch in den Himmel, wenn wir ertrinken? – und als jene mit Ja! antwortete, hat das Kindlein gerufen: Ei, so will ich gern mit ertrinken! Gut Nacht, lieb Vater und Mutter! – Mehrere Dörfer wurden fast ganz hinweggerissen, so daß nur wenige Häuser stehenblieben. In Gotha blieb kaum ein Fenster ganz von den Schloßen, kein Halm auf den Äckern. Mühlhausen litt ungemein; der Schade, den Wetter und Flut in Langensalza tat, ward allein auf eine Tonne Goldes geschätzt, aber der ganze Schade im Thüringer Lande auf mehrere Millionen Taler. Nur allein zwischen Jena und Magdeburg ertranken über zweitausend Personen oder wurden von einstürzenden Häusern begraben. Diesen furchtbaren Wassererguß nannte man hernachmals die Thüringer Sündflut und erkannte in ihr ein strafendes Gottesurteil, um so mehr, als alle römischen Zahlbuchstaben dieses strafenden Jahres in einem einzigen Worte enthalten waren, und das war das Wort IVDICIVM (MDCXIII). *   603. Die Nägelstätter Weide Zwischen Langensalza und Groß-Vargula, allwo Winfried Bonifazius eine Kirche gründete und zum Zeichen der Wahrheit der Christuslehre seinen Stab in den Boden stieß, aus dem ein grünender Baum wurde, liegt das Dorf Nägelstätt und dabei eine Trift, die ist verrufen und heißt die Nägelstätter Weide. Zum öftern sind Geister dorthin gebannt worden. So lebte zu Langensalza ein wunderlicher Doktor, der von aller Welt sich abgeschieden hielt, doch ließ er reiche Gaben an die Armen durch seinen Diener austeilen. Er starb endlich alt und vielleicht auch lebenssatt; da es nun zu seinem Begräbnis kam und der Sarg schon in der Flur stand, sangen die Kurrendschüler vor dem Hause nach üblicher Weise ein Sterbelied – siehe, da schaute oben der alte tote Doktor in seiner weißen Zipfelmütze und mit einer grünen Brille zum Fenster heraus. Man eilte bestürzt in das Haus, öffnete den Sarg – da lag der Alte starr und steif; man erhob rasch den Sarg und trug ihn zum Gottesacker hin, während der Doktor wiederum gemütlich nachsah, wie man mit ihm dahinlief, als wäre er ein zu begrabender Jude. Von da an schaute von jedem Mittagsglockenschlag zwölf Uhr bis um ein Uhr der Geist des Doktors aus dem Fenster, und niemand wollte in das Haus ziehen. Da ließ man einen Hullen- und Pöpelsträger kommen, das war ein Jesuit vom Eichsfeld, der brachte einen Fuhrmannskober mit, bannte den Geist dahinein und trug ihn in die Nägelstätter Weide. Acht Tage darauf geschah es von ohngefähr, daß ein Brautpaar aus dem Dorfe durch die Weide ging, wollte in die Stadt und wollte Einkäufe zur Hochzeit machen, hatte aber des Geldes nicht gar viel, und da tat die Braut einen Wunsch: Ach, wenn wir doch einen Schatz fänden, da wäre unserer Sorge mit einem Male abgeholfen! – Jaja, sagte der Bräutigam, hat sich was mit Schatz finden! – Da aber gewahrte sein Blick an einer alten Eiche einen Kober, der mit Stricken fest umwunden war, der hing an einem Astrest, und da rief der Bräutigam scherzend: Fundus! hier hängt unser Schatz. – Rasch wurde der Kober vom Baume genommen, er war sehr schwer, gewiß enthielt er Geld – und wurde etwas seitab vom Wege geöffnet. Wie die fest geknoteten Stricke mühsam gelöst waren und der Deckel abgehoben war, siehe, da ging es dem Brautpaar wie dem Fischer im ersten Märchen der Tausendundeinen Nacht, der die alte Wärmflasche aufgefischt und aufgeschraubt, es stieg ein Qualm aus dem Kober, der roch wie Teufelsdreck, Baldrian und Moschus durcheinander, und aus diesem Qualm formte sich die Gestalt eines uralten hockeruckerigen Männleins, und das war der Langensalzer Doktor, der sprach gar freundlich: Habt Dank, ihr jungen Leutchen, daß ihr mich aus dem Kober erlöst habt, in den mich der gottverfluchte Jesuiter hineingebannt. und empfanget zum Danke diesen Goldgulden, dafür mögt ihr kaufen, was ihr wollt, er wird immer wieder zu euch zurückkehren. Doch mißbraucht nie die Gabe meines Dankes. Da wurde das Brautpaar reich und glücklich. Der Geist des alten Doktors ging aber nicht wieder in das Haus nach Langensalza zurück, sondern blieb in der Nägelstätter Weide, wo er sich noch immer bisweilen sehen läßt. Eine ähnliche Sage wird vom Webicht, einem Walde bei Weimar, erzählt, wo es auch nicht geheuer sein soll, zumal an dieses Laubwaldes unterm Ende, nach Tiefurt zu, auch die Ilmnixe sich sehen läßt, ihr grünes Haar strählt und flicht und Leute in das Wasser lockt. *   604. Blutgraben Im Jahre 1555 am 6. des Heumonds hat der Schloßgraben zu Weimar an einer Stelle hinten bei der Rentnerei angefangen zu wallen und überzuquellen, als ob das Wasser siede. Und war dessen Farbe fleischfarb, ja bisweilen gar rot wie Blut, daß sogar der Schatten, so von dem Sonnenschein an das Schloß gefallen, am Gemäuer feuerrot gesehen wurde. Bisweilen hat sich dieses Aufwallen an einer Stelle, bisweilen auch an mehreren erhoben und ist mit Gewalt mitten im ruhigen Flusse emporgedrungen, obschon im Grunde keine Quelle vorhanden war. Das hat für und für angehalten bis an den dritten Tag, und da hat man den Graben abgelassen, aber keine Ursache des Aufwallens und der Farbe gefunden; am Erdreich aber hing es wie Blutstropfen, und in Gefäßen aufbewahrt blieb das Wasser klar wie roter Wein. Zu Erfurt wurde damals auch ein Brunnen blutrot, und ein Feldwegs von Weimar begann eine Brunnquelle, die das Jahr vor dem Bauernkrieg auch in Blut verwandelt worden, aufs neue rötlich über sich zu sprudeln, wie auch noch ein Brunnen im Thüringerland in gleicher Gestalt gesehen worden. Was es bedeute, wußte man damals nicht zu sagen, hernachmals aber ist es klar geworden mit Schrecken, denn in dieser Zeit hoben sich die Grumbachischen Händel an, welche auf thüringischer Erde gar manchem Mann das Leben kosteten und die beiden Brüderherzoge zu Sachsen, Johann Friedrich den Mittlern und Johann Wilhelm, auf den Tod entzweiten, auch den ersteren guten, glaubenseifrigen und freundestreuen Fürsten in lebenslängliches Gefängnis brachten. *   605. Das Schwedenglöckchen Zu Weimar auf dem Stadtkirchturm hängt ein altes, später aber umgegossenes Glöckchen, das hat zu zweien Malen in der Nacht um zwei Uhr plötzlich von selbst Sturm zu läuten begonnen, und das geschah das erstemal im spanischen Kriege, da der Alba in Thüringen hauste, und da hatten die Spaniolen einen Anschlag gemacht, die Stadt Weimar zu überfallen; da sie aber die Wächterglocke hörten, so die Bürgerschaft ins Gewehr brachte, brachen sie wieder auf und zogen von bannen. Zum zweiten Male geschah es im Dreißigjährigen Kriege, als die Schweden unversehens der Stadt zur Nachtzeit sich näherten und auf dem Acker hinter der alten Burg, den man noch die Schwedenschanze nennt, andere sagen, am Ettersbergs, Lager schlugen. Da trat zu dem jungen Herzogssohn Johann Ernst ein kleines weißgekleidetes Knäblein, rief den Prinzen wach und sagte ihm, es sei große Gefahr vorhanden, er solle es seinem Vater ansagen. Zugleich schlug hell vom Turme das Glöcklein an; da wurden die Bürger wach und rüsteten sich zu guter Hut und Abwehr, denn die Schweden waren auch in Freundes Landen ein wüstes verderbliches Kriegsvolk und hätten Weimar nicht geschont, obgleich die heldenmütigen Brüder Wilhelm und Bernhard, Herzoge zu Sachsen-Weimar, mit dem Schwedenkönige Gustav Adolf im Bündnis, ja dessen berühmte Feldherren waren. Zum Angedenken jenes Läutens, das von einem Engel geschehen sein soll, wurde hernach, wohl zwei Jahrhunderte lang, in jeder Nacht um zwei Uhr das Schwedenglöckchen eine Weile geläutet, nunmehr aber ist solches Läuten abgestellt worden, wie so mancher andere alte Brauch, vornehmlich aber an vielen Orten die dankbare Erinnerung. *   606. Die sieben Wunder von Jena Jena ist eine berühmte Stadt wegen seiner Hochschule, seines thüringischen Weines und seiner sieben Wunder. Letztere besonders wurden in den früheren Zeiten gar sehr gepriesen und hochgehalten und in Versen aller Sprachen geschildert. Der bekannteste dieser Verse lautet: Ars, caput, draco, mona, pons, vulpecula turris, Weigeliana domus, spetem miracula Jenae. Der Altar in der Hauptkirche ist als ein Wunder erachtet worden, weil unter ihm eine offene Torwölbung und Straße hindurchführt, was wohl kaum irgendwo bei einer Kirche der Welt stattfindet, daß dicht unterm Altar Heu- und Mistwagen durchfahren können. Der Kopf war ein Kunstwerk an der Rathausuhr, der die Kunst konnte, sovielmal zu gähnen, als die Uhr Schläge tat, welches aufmunternde Gaukelspiel einen ebenso langweiligen Distelkopf vermochte, von diesem Gähnen des Kopfes den Namen der Stadt herzuleiten, als habe sie jemals Gähna geheißen. Der Drache ist ein künstliches Monstrum, ein Gerippe, das in der Universitätsbibliothek steht und viele Hundeköpfe hat, ähnlich dem apokalyptischen Tiere. Der Berg ist der Hausberg, oder auch der Gleisberg, beide trugen alte Burgen. Die Brücke ist die Saalbrücke, an welcher sich einige Wahrzeichen befinden; dieselbe mochte in der Zeit, als sie neu war, wohl ein Wunder vorstellen. Der Fuchsturm ist allbekannt, er heißt auch der Riesensinger, und es geht von ihm eine Riesensage: der Riese habe seine Mutter geschlagen, da sei ein Berg über ihn zusammengebrochen und habe ihn bedeckt, doch den Zeigefinger mußte er warnend aus seinem Grabe hervorstecken, das ist der gewaltige hohe Turm. Das Weigelische Haus war wohl von allen diesen sogenannten Wundern das sehenswerteste. Man konnte in ihm die Sterne am hellen Tage sehen und von unten nach oben ohne Treppen gelangen. *   607. Fuchsturm und Fuchsname Der Turm, welcher heutzutage und schon geraume Zeit der Fuchsturm genannt wird, war die Warte des Stammschlosses der Grafen von Kirchberg, die diesen Landesteil inne hatten; das Schloß hieß Kirchberg, weil es über einer Kirche sich erhob, die schon der heilige Bonifazius gegründet hatte. Dieser Turm beherbergte vor grauen Zeiten einen gar hohen und berühmten Gast, das war Graf Konrad von Wettin, zubenannt der Große, aller Sachsenherrscher vieledler Stammherr. Graf Wiprecht von Groitzsch hatte Neigung gezeigt, sich die Markgrafschaft Meißen anzueignen, und das Gerücht verbreiten lassen, dessen rechtmäßiger Herr, der junge Markgraf Heinrich, sei an Gift gestorben, darüber kam es zu einer sehr verwickelten und unklaren Fehde, bei welcher Graf Konrad von Wettin nicht unbeteiligt blieb, zumal er selbst zum Markgrafen von Meißen sich ernennen ließ, indem er die Behauptung aufstellte, Heinrich der Jüngere, Markgraf von Meißen, sei mitnichten sein naher Verwandter, sondern der untergeschobene Sohn eines Kochs. Dies weckte wieder zwischen beiden eine ernste Fehde, in welcher Konrad von Wettin Heinrichs Gefangener wurde. Dieser rächte den Schimpf, der seiner Mutter und ihm durch Konrad angetan worden, sehr empfindlich; er hing ihn in einen festen Käfig, gleich einem raren Vogel, außen an den hohen Wartturm, und es wäre vielleicht um diesen Stammvater geschehen gewesen, wenn nicht Heinrich bald darauf kinderlos gestorben und Konrad, sein einziger und rechtmäßiger Erbe, dadurch befreit worden wäre. Als Ruine hat sotane Turmwarte denen jenaischen Studenten oft zum Zielpunkt ihrer vergnüglichen Ausflüge dienen müssen. Als die Hochschule durch die Sachsenherzoge begründet worden, ward «in Gelehrter von der Schule zu Naumburg nach Jena als Professor der griechischen Sprache berufen, der hieß Brysomann,war ein kleines seltsames Männlein und trug Sommer und Winter ein Mäntelein, das mit Fuchspelzen verbrämt war. Weil er nun von einer Schule hergekommen, so nannten ihn die Studenten Schulfuchs, und dann nannten sie jeden so, der auf einer Schule war oder von der Schule kam, und hatten sie diese Ankömmlinge früherhin geplagt und gehänselt als Pennale – von der Federbüchse der Schüler –, so plagten und hänselten sie dieselben nun als Füchse, und da sie diese Schwänke gern im Freien an Lieblingsplätzen trieben und der hohe Gipfel des Kirchbergschlosses ein solcher Platz war, so bekam die Warte den Namen Fuchsturm, und wurde dort den armen unerfahrenen jungen Füchslein häufig gar übel mitgespielt. *   608. Die Jenaische Christnacht Zu Jena hat sich's zugetragen, daß ein Student des Namens Weber aus Zwickau, der bereits in Leipzig studiert hatte, sich mit noch einigen Gesellen und einem Schäfer verband, in einem Weinbergshäuslein, allwo sich eine weiße Jungfer zum öftern blicken ließ und ein Schatz liegen sollte, den Teufel zu zitieren und Schätze oder Brutpfennige von ihm zu gewinnen. Es ging aber selbiges Kunststück gar übel aus, denn obschon sie sich Doktor Fausts Höllenzwang nebst anderem Zaubergerät verschafft und in der Christnacht des Jahres 1715 in dem Häuslein sich zusammenfanden, so sind sie doch am andern Morgen nicht in die Stadt zurückgekommen und nachmittags der Student ganz betäubt und sinnlos, der Schäfer und noch ein Bauer aber tot in dem Häuschen gefunden worden. Als nun solches Ereignis der Obrigkeit angezeigt wurde, geschah Verordnung, daß zu den Leichnamen, nachdem der Student in den Gasthof zum gelben Engel herabgeschafft worden war, drei Wächter bestellt wurden, zu denen sich noch zwei andere Personen freiwillig gesellten, die aber in der späten Nacht wieder herab in die Stadt gingen. Da nun die drei Gesellen beisammensaßen und wachten, hat es gar arg an die Türe des Häuschens gekratzt, und es ist ein Geist in Größe eines Knaben eingetreten, der sich her- und hinbewegte und dann die Türe mit einem Krachen zuwarf, als sei sie in tausend Stücke gefahren. Am andern Morgen lagen diese Wächter für tot bei den Leichnamen, und zwei davon blieben auch tot. Alle aber hatten blaue Flecken und Striemen auf der Haut. Diese Geschichte machte ringsum vieles Aufsehen und wurde viel darüber geschrieben und in Druck gegeben. Man nannte sie nicht anders als die Jenaische Christnachttragödie. *   609. Die Studentenpassion Eine noch weit schrecklichere Tragödie als die zu Jena im Weinbergshäuschen wurde im Jahre 1716 zu Halle aufgeführt. Der Schauplatz war der grüne Hut, ein Wirtshaus, die Zeit die heilige Karwoche und die Schauspieler leider Gottes Studenten. Diese Schar hatte sich zu einem Zechgelage zusammengefunden und saß schon Tag und Nacht beisammen, als einigen der Teufel den Gedanken eingab, die Passion unseres Herrn und Heilands zu agieren, und zogen in ihr ruchloses Spiel auch den Wirt und dessen zwei aufwartende Töchter. Sie ließen ein Lamm braten und nannten das ihr Osterlamm, und als sie dasselbige verzehrt, hielten sie das Nachtmahl, indem einer von ihnen sie nach der Reihe aus einem Bierglase als aus einem Kelche trinken ließ und Rettichscheiben statt der Oblaten darreichte und dazu die heiligen Einsetzungsworte gotteslästerlich verdreht und verkehrt sprach. Dann, wurde der eine, der dies getan, von ihnen verhöhnt, verspottet, zum Scherz gegeißelt, mit einem roten Mantel umhangen, dann an ein Kreuz, aus Brettern rasch zusammengenagelt, ausgestreckt angebunden, dann abgenommen und in einen Backtrog begraben. Aber Gott läßt sich nicht spotten, seine Gerichte sind schrecklich. Es erschien kein Teufel, es ließ kein Gespenst und kein Geist sich blicken, es vergingen nur wenige Stunden – und als diese wenigen Stunden vergangen waren, da waren eilf von diesen jammervollen Schächern tot, war der Wirt tot, waren dessen zwei junge Töchter auch tot, und die andern, so dabei gewesen, unter ihnen der Unselige, der die Rolle unseres Herrn und Heilands gespielt, lagen hie und da zum Tode krank umher, raseten in Verzweiflung und verfielen zum Teil in tiefe unheilbare Schwermut. *   610. Der Zauberjunge Ein vorwitziger Lehrjunge zu Leipzig verband sich im Jahr 1707 mit einem fremden Mühlburschen, Teufelsbeschwörungen und Schatzhebung vorzunehmen, empfing von diesem gegen Geld eine Abschrift von Doktor Fausts Höllenzwang und eine metallene Wünschelrute und begann seine Zauberei und seine Zitation nach allen Regeln an einem Freitag im Keller seines Lehrherrn. Bei der dritten Beschwörung stieg ein Rauch aus dem Boden, daraus wurde ein kleines Männlein, welches anzusehen war, als wäre es ganz und gar mit einem grauen Flor überzogen, das legte ihm zwei Zweigroschenstücke hin und fragte: Bist du damit zufrieden? – Darauf sagte der Junge: Ja! – Bei einer später » Beschwörung an einem andern Freitag erfolgte dieselbe Erscheinung, und da tat sich nebenbei die Erde auf und ließ den Schatz blicken. Da legte die Geisterscheinung ein brandenburgisches Sechzehngroschenstück unversehens hin und fragte wieder: Bist du damit zufrieden?, doch regte sich das graue Männchen im geringsten nicht, bewegte auch keine Lippe. Und der Junge sagte wiederum ja und beobachtete alles Vorgeschriebene, mit Lichter löschen, rücklings aus dem Keller gehen und dergleichen. Das war geschehen am 28. Oktober, und am 4. November Hub der junge Zauberer wieder an, eine noch schärfere Beschwörung vorzunehmen, und wieder erfolgte des Dämons Erscheinung, aber unter rollendem Geräusch, und tat sich die Erde ganz auf, und rückte ein Kessel herauf, der war voll geprägtes Geld, auf dem Gelde aber lag etwas, anzusehen wie eine Karbatsche, vorn mit einem Kopf, der sich immerdar bewegte. Da sich nun bei dieser starken Beschwörung der Zauberjunge der heiligen Dreifaltigkeit abschwur, so kam ein Papierblatt in Form eines in der Länge durchschnittenen halben Bogens, mit schwarzem Rande und auf beiden Seiten rot beschrieben, nebst einer schwarzen Feder, verkehrt geschnitten, zum Vorschein, und das graue Männchen hatte wieder, wie auch bei seinem ersten und zweiten Erscheinen, ein längliches Buch vom Format jenes Papierblattes, wie ein Zinsregister, unterm Arme. Dann war dem Zauberjungen, als falle ein Körnlein Sand oder ein Tropfen Wasser von der Decke herab erkältend auf seine Hand, und als er die Hand hob und ansah, stand ein Tropfen Blutes darauf. Keck nahm er das Papier und die Feder, faßte mit letzterer das Blut auf und begann zu schreiben: J – o – (er hieß Johannes). Da war ihm, als komme jemand schnellen Schrittes die Kellertreppe herab; da er nun vermeinte, es sei sein Mitgeselle, sich aber nicht umsehen durfte, so ließ er die Feder fallen, verlöschte in Eile die Lichter und warf sie in ein Wasserfaß, zerriß den Faden, damit er den Zauberkreis gemacht, und ging rücklings zum Keller hinaus, zu sehen, wer ihn gestört, fand aber niemand. Nach acht Tagen ging der Zauberjunge wieder in den Keller, da er aber auf die untersten Stufen gelangte, kam ihn ein Schauer an, daß er nicht vermochte, vollends hinabzugehen, kehrte demnach wieder um. Am nächsten Freitag, wo er wieder hinab und das Werk fortsetzen wollte, hieß ihn sein Herr in die Kirche gehen, den darauffolgenden verhinderte ihn ein im Keller arbeitender Maurergeselle – aber Tag und Nacht hatte er keine Ruhe, immer war das graue Männchen um ihn, machte oft pst! pst! Das machte ihn ganz verwirrt, und sah aus wie ein Trunkener, und hatte die Augen voll Wasser. Der Lehrherr nahm ihn in das Gebet, aber er gestand nichts, und da ersterer ihm wiederholt anriet, er solle sich bereiten, zum Abendmahl zu gehen, so antwortete der Zauberjunge stets: Das darf ich nicht, das kostet mir mein Leben. Endlich nahm der Junge sein Beschwörungsbuch, zerriß es und warf es ins Feuer, lief davon und entdeckte sich einem Freund, der offenbarte es seinem Lehrherrn, und dieser sandte nun nach dem Beichtvater des jungen Menschen. Er bekannte alles, offenbarte aber dabei einen krassen Unglauben und empfand einen beständigen Trieb, nach dem Keller zu gehen, daran er aber stets, weil man ihn bewachte, verhindert wurde. Nachderhand bekehrte er sich völlig und nahm das Abendmahl, sein Lehrherr aber schenkte ihm seine noch übrige Lehrzeit, sprach ihn frei, übergab ihn seinem herbeigerufenen Vater und war froh, ihn los zu sein, nachdem er drei ganzer Wochen lang Sorgen und Beschwerden genug mit ihm ausgestanden. *   611. Doktor Faust in Auerbachs Keller Da Doktor Faustus, den man als Verfasser des Höllenzwanges nennt, welches Buch so viel Unglück angerichtet, so viele Menschen um den Verstand und um ihr Seelenheil betrogen hat, zu Wittenberg war, hatte er gute Kundschaft mit adeligen Studenten, welche viel Geld aufgehen ließen, fuhr mit ihnen da- und dorthin, und so auch einstmals auf einem schnellen Wagen nach Leipzig, allwo gerade Messe war, und brauchten zu dieser Fahrt nur wenige Stunden. Andern Tages besahen sie die Stadt und ihr Meßgewühl und sahen da gegenüber ihrem Wirtshause einen Keller, aus welchem die Weinschröter, auch Weißkittel genannt, etwa ihrer vier oder fünf ein volles Achteimerfaß heraufzuschroten sich bemühten, selbiges aber nicht vermochten, sondern abließen, bis ihrer mehrere dazukommen und helfen würden. Da sprach Faustus fast höhnisch zu den Schrötern: Wie stellt ihr euch doch so täppisch zu dem Faß! Könnt es nicht zwingen und seid doch eurer so viel! Könnt' es doch wahrhaftig einer allein, wenn er Geschick hat! – Diese Schröter nun waren handfeste Gesellen, mit dem Maul so derb wie mit ihren Fäusten, die kannten Faustum nicht und blieben ihm auf seinen Hohn die Antwort nicht schuldig. – Was kümmert der Herr sich unsrer Arbeit? fragten sie. Ist der Herr so überstudiert, daß er solches Faß heben und die Treppe allein hinaufbringen kann, ei so lasse er seine Kunst sehen, so schrote er es hinauf in aller Teufel Namen! – Indem Faustus also mit der Höflichkeit der Schröter bedient wurde, kam der Wirt vom Auerbachskeller, wo sich dies Abenteuer zutrug, vernahm des Scheltens Ursache und sprach im Unwillen: Seid ihr so starke Riesen, daß einer von euch sich vermißt, dieses Faß allein hinaufzubringen, der mag es tun! Wer es kann, dem soll es eigen sein! – Unterdessen waren noch mehrere Studenten hinzugekommen und stehengeblieben, und Faustus rief diese zu Zeugen von des Weinkellerwirtes Rede an, stieg hinab, setzte sich auf das Faß, gleich als aus einen Bock, und sagte: Marsch! – und ritt das Faß die Treppe herauf zu jedermanns Verwunderung. Am meisten verwunderte sich der Wirt und schrie: Das geht nicht natürlich zu! – half ihm aber nichts, und ging hernach um so natürlicher zu, als Faustus und die Studenten das Faß anstachen und davon zechten, solange noch ein Tropfen aus dem Zapfen rann. *   612. Nixenflüsse bei Leipzig Die kleinen stillen Flüßchen bei Leipzig, die Elster wie die Pleiße, sind von Nixen bewohnt und fordern jedes Jahr ihren Toten. Da ist besonders der Johannistag der Tag, an welchem niemand zu raten ist, auf dem Wasser zu fahren oder darin zu baden. Häufig geschieht es, wenn einer ertrinken soll, daß man die Nixen auf dem Wasser tanzen sieht. Zu Leipzig wurde oft auf der Straße ein Nixenweiblein gesehen. Es kam mit einem Tragkorbe und mischte sich unter andere Bauersweiber, Lebensmittel einzukaufen, doch hat es mit niemand ein Wort geredet; es deutete auf die Ware, vernahm den Preis, bot feilschend weniger Geld, nahm endlich und ging. Wer es grüßte, dem dankte es nicht. Einmal sind ihrer zwei dem seltsamen Weiblein nachgegangen, da sahen sie, wie es an einem kleinen Wasser seinen Korb hinsetzte, und wie der Blitz war es samt dem Korbe verschwunden. Auf der Nixe Spur sah man den Weg betropft, denn der Saum ihrer Gewänder war zwei Hände hoch naß. Gleiches wird überall erzählt, fast in allen Orten, die an Flüssen, Strömen oder Seen liegen; insgemein geht auch diese Sage, daß die Nixe an die Fleischbänke tritt, ihren Daumen auf ein Stück Fleisch legt und der Metzger diesen abhaut – da leitet dann die Blutspur in den See oder in den Fluß, der Metzger aber muß die schlimme Tat ganz sicher mit dem Leben büßen, wie jener Mühlknappe, der eine Nixe am Ufer sitzen und ihr Haar strählen sah und auf sie mit der Büchse anlegte. Die Nixe aber sprang rasch in den Fluß und drohte zornig mit dem Finger. Nach drei Tagen badete der Bursche, und weg war er. Bei Leipzig tief hinten im Rosentale und aufwärts an den wiesenumgrünten, waldumrauschten Ufern der Elster und Pleiße ist es so geheimnisvoll und unheimlich still, daß den Wanderer unwillkürlich ein Grauen überfällt und keiner sich wundern würde, sähe er die Nixen der stillen Flut entsteigen. *   613. Der Graf von Eilenburg und die Zwerge Zu Eilenburg im Sachsenlande, jetzt preußisch, wohnten unterm Schlosse Zwerglein, die mußten Hochzeit halten und wollten das in dem Saale tun, darin der alte Graf in einem hohen Himmelbette schlief, und da kamen sie und drangen und sprangen durch das Schlüsselloch, durch Türspalten und Fensterritzen herein, daß es nur so rasselte und prasselte, als schütte einer Erbsen auf die Tenne. Da erwachte der Graf und sah ein Männlein gleich einem Herold auf sich zutreten, das bat gar höfisch, das Fest zu erlauben und daran teilzunehmen, doch dürfe keins vom Gesinde oder sonstwer auch nur mit einem Blicke zusehen, wie dort im Städtlein Leuenburg auf dem Schlosse der Freiherrn von Eilenburg auf Prassen bei der Fingerlingsbraut auch unter solchem Beding verlangt ward. Der Graf war es zufrieden, und da er einmal wach war, sagte er zu, mitzuhalten. Da führten sie ihm eine so winzig kleine Tänzerin zu, daß er beim Tanze Mühe hatte, sie nicht zu verlieren, und es begann eine Heimchenmusik, die hatte hellen, schrillen Klang. Das kleine Weiblein tanzte aber ganz flott und wirbelte den alten Herrn herum, daß ihm der Odem stille stand und das Herz pochte; es war leicht wie ein Flederwisch, und deshalb hatte er an ihm zu halten. Auf einmal aber hörten Musik und Tanz plötzlich auf und war eine große Verstörung; alles schaute ängstlich nach der Saaldecke hinauf oder entfloh durch alle Ritzen. Die Saaldecke hatte ein Loch, und durch das Loch guckte die alte Gräfin, die oben überm Saale schlief, herunter in die lustige Wirtschaft. Dieses Lauschen verdroß die Zwerge sehr, und die zuzurückgebliebenen sagten: Wolln nach dem Zimmermann schicken, Zimmermann soll den Tanzboden flicken, Tanzboden hat ein Loch! – und da blies ein Zwerg hinauf. Gegen den Grafen aber neigte sich das kleine Völklein und dankten ihm und sprachen: Weil durch das alte Fell da droben unsere Hochzeitfreude und unser Tanz gestört worden, so soll euer Geschlecht nie mehr als sieben auf einmal zählen. Und dann schwanden auch die letzten hinweg, und war still im weiten Saale, und der Graf war allein. Als am andern Morgen die Gräfin erwachte, hatte sie auf dem Auge, mit dem sie herabgeblinzt, ein Fell. Stets starb von sechs lebenden Grafen von Eilenburg einer, bevor ein siebenter geboren ward. Diese Sage hat ohne Zweifel Goethe seinem Hochzeitlied: Wir singen und sagen vom Grafen so gern – teilweise zum Grunde gelegt. Eigentümlich ist der Sage Wandlung, die in Ostpreußen zu Leuenburg, jetzt ein Dorf, sonst ein Städtlein, einem des Geschlechtes Eulenburg, welcher Name im Namen Leuenburg durch Buchstabenversetzung auch enthalten. Ähnliches widerfahren läßt wie dem alten Grafen von Eilenburg im Sachsenlande, dessen Geschlechtsname früher auch Eulenburg geschrieben ward. *   614. Der Name von Oschatz Vom Städtchen Oschatz zwischen Leipzig und Dresden wird diese Sage erzählt. Da es erbaut worden sei und noch keinen Namen gehabt, so habe der Herrscher des Sachsenlandes sehr am selben seine Freude gehabt, und da er mit seiner Gemahlin auf dem nahen Kalvariberg gestanden und von da das Städtlein überschaut, habe er gemeint, sie solle jenem einen Namen verleihen, da habe aber die Herrin verlegen den Blick gesenkt und sagen wollen, daß sie solches nicht vermöge, und schüchtern zu reden begonnen: O Schatz – da habe der Fürst und Gemahl sie unterbrochen und ausgerufen: Du hast es gesagt, meine Liebe, Oschatz soll diese Stadt hinfüro heißen, und dabei sei es geblieben, und sie heißt Oschatz bis auf den heutigen Tag. *   615. Die Schlacht bei Lucka Als der Land- und Markgraf Friedrich von Thüringen und Meißen mit dem Wangenbiß, auch der Freudige genannt, gegen den König Adolf von Nassau stritt, dem des Landgrafen Vater, Albrecht der Entartete, das Thüringerland um einen Pappenstiel verkauft hatte, geschähe es, daß Friedrich sich mit seinem Bruder, dem guten Markgrafen Diezmann, welcher noch im selben Jahre zu Leipzig meuchlerisch ermordet wurde, das Friedrich sehr naheging, verband, um mit Teilhaber des Meißner- und Pleißnerlandes, wenn er sich's erkämpfte, zu werden, denn auch diese Lande hielt Adolf mit Truppen aus Schwaben besetzt. Mutig sammelte Friedrich ein Heer, führte es in Eilzügen nach Sachsen und bot den Feinden Kampf auf pleißischem Boden in den Gefilden von Lucka und Groitzsch zwischen Leipzig und Altenburg; und damit sein Volk den Führer recht erkenne, ließ er auf seinem blanken Streithelm die drei Helmkleinode der drei Lande Meißen, Thüringen und Pleißen befestigen, die noch immer in jedem Wappenbuch auf den Wappenhelmen dieser Lande zu sehen sind, den mit Pfauenschweifen geschmückten hohen Hut mit der Rautenkranzwappenzier des Pleißnerlandes, die thüringischen Silberhörner mit den grünen Kleeblättern und den wachsenden Mann von Meißen, gewöhnlich Judenkopf genannt, mit rot- und weißgestreiftem Hut und Gewand. Diese drei Helmkleinode ließ er, so gut es ging, auf seinem einen Helm festbinden und soll dazu die Worte gesprochen haben: Heute binde ich auf: Meißen, Thüringen und Pleißen, Und alles, was meiner Eltern je geward, Gott helfe mir auf dieser Fahrt! – Und Gott half ihm, denn die Schwaben wurden geschlagen, daß sie liefen, so weit sie laufen konnten, und entstand ein Spottspruch auf sie, die sich vorher großer Dinge gerühmt, wenn einer sich etwas zu tun verhieß, dessen Erfolg zweifelhaft war: Harre, es wird dir gelucke, (glücken) Als wie den Schwaben bei Lücke. *   616. Die Melanchthonsbirnen Im Superintendenturgarten zu Pegau zwischen Leipzig und Groitzsch steht ein Birnbaum, dessen Früchte sind von ganz besonderem Wohlgeschmack und werden Melanchthonsbirnen genannt, und hat es damit folgende Bewandtnis, wie sie ein Zeitgenosse, M . Andreas Göch, Superintendent daselbst, mit redlicher Hand niedergeschrieben. Diese Birnenart war ursprünglich in Jessen (Zöschen) zwischen Leipzig und Merseburg, wo M . Göch Pfarrer war, zu Hause und hieß alldort die Rewozer (Rewitzer) Birn; der Magister Göch, ein eifriger Obstzüchter, wurde später Superintendent zu Pegau und ließ sich von Zessen Pfropfreiser bringen, um in Pegau ebenfalls diese Birnen zu ziehen. Sie waren von sonderlich schöner Art, auf der einen Seite rot, auf der andern gelb gesprenkelt, saftig und überaus wohlschmeckend, der Pfalzgräfinbirne ähnelnd. Da nun zu einer Zeit Herr Philippus Melanchthon vom Kurfürsten August zu Sachsen zu ihm zu reisen erfordert ward, so führte ersteren sein Weg über Zessen, und er vergnügte sich, den dortigen Pfarrherrn zu besuchen. Dieser fühlte sich durch solchen Besuch hochgeehrt und wartete dem berühmten Mann auch mit seinen trefflichen Birnen auf. Philippus fand diese Birnen so ausgezeichnet, daß er nahe an ein Schock sich schenken ließ und sie dem Kurfürsten und dessen Gemahlin mitbrachte, wo sie auch deren hoher Gast, der Kurfürst von Brandenburg, zu versuchen bekam. Bei dieser Gelegenheit empfahl nun Melanchthon seinem gnädigsten Herrn auch den fleißigen Pfarrherrn zu Zessen, welche Empfehlung einen so trefflichen Erfolg hatte, daß der Kurfürst denselben nicht nur mit stattlicher Begnadigung bedachte, sondern auch seine Kinder in den Fürstenschulen durch Stipendien unterstützte. Dies trug M . Göch dankbar in ein Buch ein und richtete an seine Nachfolger die Bitte, des hart am Hause stehenden Melanchthonbirnbaums – denn so hatte ihn der Pomolog vom Jahre 1560 genannt – zu schonen, zu warten und seine Art nicht ausgehen zu lassen – welches auch treulich befolgt worden ist. *   617. Die beiden Kröten Zu Leisnig, einem Städtlein zwischen Lucka und Meißen, das, so klein es ist, eine Schmalzgrube des Meißnerlandes hieß, war lange an der Stadtkirche ein Steingebild zu sehen, ein Mann, der, die Arme in die Seite gestemmt, gegen zwei Knaben gewendet erschien. Davon geht diese Sage. Es war ein Vater, der hatte zwei sehr ungeratene Buben zu Söhnen, das kam all daher, daß er ihnen nicht genug Schillinger und Plätzer aufgezählt hatte, wenn sie ungezogen und trotzig waren, wie es sich gehört, denn das Sprüchwort sagt: Wer seinen Kindern die Rute gibt, spart dem lieben Gott eine Mühe. Da ist es denn geschehen, daß eines Tages, als der Vater die beiden Knaben schalt, weil sie wieder böse Dinge getrieben hatten, sie wieder schalten und widerbellten, recht wie die Klaffhunde; damit ließen sie es aber nicht einmal bewenden, sondern sie trieben ihre verruchte Auflehnung so weit, daß sie, was kaum zu denken und niederzuschreiben ist, ihrem Vater ins Angesicht spuckten. Da schrie der alte Mann zu Gott im Himmel hinein, daß der solche Untat rächen wolle, und verfluchte seine Söhne mit einem entsetzlichen Fluche. Und da wollten die Nichtsnutzen Jungen ihren Vater auch wieder verfluchen, aber plötzlich stammelten sie, und es quoll und schwoll ihnen im Munde so dick, so dick, und so eiskalt, und biß entsetzlich wie ätzendes Gift, und kroch aus dem Mund hervor lebendig, und war eines jeden Junge ihm im Munde zu einer scheußlichen lebendigen Kröte geworden; konnten fortan weder spucken noch schlucken, weder gellen noch widerbellen – mußten verstummen und verzweifeln und im grausen Elend zur Hölle fahren. Des zum Wahrzeichen hat man hernach die drei an der Kirche in Stein abgebildet und die Kröten aus der Knaben Maul hervorgucken lassen, als welches anzusehen sehr schrecklich. *   618. Zum Stehen verwünscht Zu Freibecg im Meißnerlande wohnte ein Weber des Namens Lorenz Richter, der hatte einen Sohn von vierzehn Jahren, welchem die Untugend des Ungehorsams in hohem Grade eigen war. Der Vater mochte dem verstockten Jungen heißen, was er wollte, so tat er's nicht oder tat das Gegenteil und hatte seine Lust daran, stöckisch zu sein und seinen Vater zu ärgern. Da geschähe es eines Tages, daß der Vater dem Knaben, der bei ihm in der Stube war, gebot, eilend etwas zu tun, jener aber blieb geruhig stehen, wo er stand, und fiel ihm gar nicht ein, des Vaters Befehl nachzukommen. Der Vater wiederholte sein Gebot, aber der Junge tat, als höre er es gar nicht, er blieb stehen wie ein Stock. Da geriet der Vater vor Zorn außer sich und schrie: Ei so stehe in aller Teufel Namen, du verfluchter ungeratener Bube, und daß du nimmermehr dich vom Flecke regen könnest! – Da zuckte ein jäher Schreck durch den Knaben, und ward starr und stand – und stand. Er wollte nun folgen, aber er stand. Der Vater stürzte jetzt auf ihn, ihn von der Stelle wegzureißen oder hinwegzutreten, aber er vermochte es nicht – der Knabe stand, festgebannt und festgezaubert auf die Diele, und völlig machtlos. Vergebens suchte man ihn wegzuheben, wegzutragen, seine Füße wurzelten am Boden. Und so stand er dreier Jahre an einer Stelle, nahe dem Ofen und der Türe, hinderlich den Leuten, die aus- und eingingen, an einem Pult, darauf er Haupt und Arme stützen konnte; so stand und so schlief er, den Eltern zum quälenden Anblick, der Stadt zum Wunder. Die Geistlichen beteten über ihn und für ihn und versuchten endlich ihre Kräfte, ihn aufzuheben und in einen andern Stubenwinkel zu tragen, wo er weniger hinderlich war; dies gelang, aber dann blieb er an jener Stelle stehen. Tief waren der Diele die Spuren seiner Füße eingeprägt. Wollte man an einen andern Ort ihn bringen, da schrie er laut und schmerzvoll auf und gebürdete sich wie rasend. So stand er, wie die Büßer Indiens, ein Büßer seines Ungehorsams, hinter einem Vorhang und war voll Traurigkeit, elenden Aussehens, und endlich gab Gott zu, daß er auf ein neben ihm gestelltes Bette sich legen konnte – und das währte wieder nahe an vier Jahre. Und dann ist er in Demut und Ergebung und gläubig eines sanften, natürlichen Todes gestorben. Die Fußtapfen wurden lange Jahre gezeigt, in der Stube und dann in der Kammer (da später eine Wand eingezogen wurde), und wenn die Eltern ihre Kinder vor Ungehorsam warnen wollten, brauchten sie nicht weit zu deuten. *   619. Schneeberger Teufelsbanner Als das Teufelsbannwesen und die Schätzehebesucht wie eine Krankheit grassierte und die Jenaische Christnachttragödie aufgeführt worden war, kamen auch zu Schneeberg am sächsischen Erzgebirge verschiedene Leute auf den Gedanken, Geister zu zitieren und durch deren Hülfe Schätze zu finden. Der Anstifter war ein Mann namens Bauer-Schnurr, er gewann noch einige Gefährten. Das große Werk wurde auf dem geräumigen Boden eines Malz-Hauses vorgenommen; ein dreifacher Kreis, vierunddreißig Ellen im Umfang, ward mit Kreide gezogen, Kreuze, Bibelsprüche, Planetenzeichen und Charaktere wurden hineingemalt. In die Mitte wurde ein mit einem weißen, mit Blut besprengten Tuche gedeckter Tisch gestellt, darauf stand ein Kruzifix und lagen Bibel, Psalter und Evangelienbuch; unter demselben stand eine Räucherpfanne mit Kohlen und Rauchwerk, am Eingange des Kreises war eine Öffnung von neun Ellen, diese schlossen die Bilder der Evangelisten und Apostel und eine Bibel. Außerhalb stand eine hölzerne Bank, höflichkeitshalber, damit der Hauptgeist sich setzen könne, da man in ihm einen gesetzten Geist erwartete. Außerdem war noch die Hirnschale eines vor einiger Zeit verlorengegangenen Kindes vorhanden. Die Beschwörung wurde vorgenommen, sie war furchtbar; die Kunst war groß, die Hexenmeister konnten ganz vortrefflich Geister zitieren, aber – es kamen keine. Immer schrecklichere Bannsprüche folgten, fast erzitterten Balken und Sparrwerk des Malzbodens – endlich schien etwas erscheinen zu wollen, es polterte die Treppen herauf, es klirrte wie Pallasche und Sporen – dem Hauptzauberer und Geisterbeschwörer Bauer-Schnurr ward nicht wohl beim Herannahen dieser Geister, er schnurrte durch eine Dachluke und flüchtete über die Dächer wie eine Katze, ein zweiter folgte ihm auf gleichem Wege. Die übrigen Genossen waren standhafter – sie blieben und wurden alsobald von den heraufkommenden dienstbaren Geistern hochlöblicher Polizei der guten Stadt Schneeberg verstrickt und in Haft genommen. Einer war ein Ingenieur aus Eisenach, dessen Ingenium nicht weiter als auf den Schneeberger Malzboden gereicht, ein zweiter war ein Müller aus Wildenfels, dessen Mühle mutmaßlich die drei Gänge nach Wasser, Korn und Brot hatte, der dritte war ein Schmiedegeselle, der seines Glückes Schmied werden und das Eisen schmieden wollte, weil es warm war, ward aber in die kalten Eisen gelegt, und der glückliche Flüchtling hieß Hans Tietze und war ein Sangerhäuser, der die Geschichte Ludwig des Ent-Springers gut inne hatte. So wurde das Gegenstück der Jenaischen Christnachttragödie allhier zu Schneeberg als eine Tragikomödie abgespielt. *   620. Geist Mützchen Bei Freiberg ist ein Gehölz, das heißt der heimische Busch, und in demselben hauste vordessen ein Kobold, den die Leute Mützchen nannten und damit an den bekannten Kobold Hütchen erinnerten. Geist Mützchen gehörte zu jenen gespenstigen Hockelmännchen, die sich den Reisenden und solchen Leuten, die im Walde Geschäfte hatten, aufhockten und sich weite Strecken tragen ließen, bis die Leute ganz abgemattet waren und fast odemlos umsanken. Wenn sie ihn nun fast nicht mehr tragen konnten, hüpfte er von ihrem Rücken plötzlich weg, schnellte auf einen Baum und schlug ein schmetterndes Gelächter auf. Dies arge Possenspiel trieb Geist Mützchen absonderlich im Jahre 1573, und sind viele Personen durch sein Aufhockeln krank geworden. Mützchen glich in allem dem Geist Osschaert im Wanslande und machte gar wunderliche Grimassen, wenn es ihm beliebte, sich erblicken zu lassen. Eine Butterhökerin fand einen prächtigen Käse im heimischen Busch. Des Fundes froh und überrechnend, was sie dafür lösen werde, legte sie ihn in ihren Tragkorb, da wurde der Korb so schwer, so schwer, daß sie endlich von der Last niedergezogen ward und in die Kniee sank und den Korb abwarf, da rollte ein Mühlstein aus dem Korbe und in die Büsche, und aus den Büschen schaute Mützchen mit gellendem Gelächter, daher man auch von einem hell und grell Lachenden zu sagen pflegt: Der lacht wie ein Kobold. Den Namen aber hatte Mützchen von seiner Nebelkappe, die ihn unsichtbar machte, und wenn er sie abtat, so sah man ihn, und dann setzte er sie oft plötzlich wieder auf und war im Nu verschwunden, davon ist das Sprüchwort entstanden, wenn jemand etwas sucht und es an einem Orte gesehen zu haben überzeugt ist und es nun doch nicht finden kann, daß man sagt: Ja, da sitzt es und hat Mützchen auf – nämlich der Zwerglein unsichtbar machendes Nebelkäppchen. *   621. Gottes Gericht Sankt Benno, der Slaven Apostel, der im Heiligental bei Meißen die Frösche stumm machte, war ein Mann Gottes und Bischof zu Meißen vierzig Jahre hindurch und tat mächtige Wunder. Da regierte Markgraf Otto zu Meißen, der machte die Güter der Kirche sich zu eigen, denn er meinte, der Kirche gehöre kein irdisches Gut, sie solle sich am himmlischen genügen lassen. Sankt Benno stellte dem Markgrafen freundlich vor, daß er mit solchem Tun sich versündige, und er solle der Kirche zurückgeben, was er ihr genommen, oder den gerechten Richter fürchten, der alles Unrecht sehe und räche. Diese Rede mißfiel dem Markgrafen Otto über die Maßen, er hob die Hand und schlug hin und gab dem Bischof einen derben Backenstreich. Da rief Sankt Benno: Diesen Schlag wird Gott heute übers Jahr an dir, Markgraf, rächen! – Der Markgraf aber lachte und spottete: Du bist wohl des Herrgotts geheimer Rat und Himmelreichskanzler, Bischof? – Der Bischof schwieg und kränkte sich, und begann von dem Tage an zu kränkeln, und starb bald darauf mit frommem Gebet, und ward als ein Heiliger verehrt und betrauert. – Als das Jahr 1106 herum war und der Tag wiederkam, war der Markgraf frisch und gesund, und war ihm nichts Übles widerfahren, und gedachte, da der Tag fast herum war, des Bischofs und dessen drohender Prophezeiung, und sagte: Wo bleibt nun Bennos Weissagung? Sie ist in den Topf gefallen. Kaum hatte der Markgraf das Wort gesprochen, so durchschlug ihm des jähen Todes Hand Mark und Bein, daß er plötzlich zu Boden stürzte und nur noch schrie: Helft! Helft! Da war aber kein Helfer da und keine Hülfe mehr, es riß ihn die allgewaltige Hand des Todes vor das Gericht Gottes. *   622. Des Mönchs Sprüchwort Im Stift St. Afra zu Meißen war ein Mönch, der hatte einen besondern Haß gegen das weibliche Geschlecht und sich, wie jener Graf von Schwarzburg, ein häßliches Sprüchwort angewöhnt; sooft ihm vorkam, ein Mägdlein taufen zu müssen, oder daß ihm ein Taufzug begegnete, der ein Mägdlein zur Taufe in das Gotteshaus brachte, so sagte er: Erst getäuft, dann ersäuft. Solchen ungerechten Haß und solches Sprüchwort behielt er bei bis zu ziemlich hohen Jahren. Eines Tages ging er über die Meißner Elbbrücke, die zu ihrer Zeit als die künstlichste in ganz Deutschland gepriesen ward, obschon sie nur von Holz, da begegnete ihm wiederum ein Taufzug mit vielen Begleitern und nebenher sich drängenden Neugierigen, und der Mönch stellte sich ausweichend zur Seite, lehnte sich an das Brückengeländer und murmelte: Wieder eine! Ha – erst getäuft, dann ersäuft, das wäre das beste! – Indem so brach das Geländer, der Mönch stürzte kopflings hinab in den Strom und mußte elendiglich ersaufen. Solches ist im Jahr 1505 geschehen, und hat nachher der Mönch, gleichwie der zu Dresden, lange auf der Elbbrücke spuken müssen. *   623. Die Perlenschoten Zu Neustadt-Wiesenthal im Obererzgebirge war eine Zeit ein großes Sterben, da wohnte in dem Bergstädtlein Michel Nohdörfer, ein Exul aus Lutitz in Böhmen, der war mit seiner Frau und sieben Kinderlein der Religion halber herüber in das Sachsenland geflüchtet, als der Dreißigjährige Krieg sich angehoben hatte. Dieser Mann hatte ein Mägdlein von sieben Jahren, das hatte im Schutthaufen eines alten ausgegrabenen Kellers etliche Kapsamenstrünklein (Kappus, Kohl) aufgelesen und in den Garten ihres Vaters in die Erde gepflanzt, wo sie gut angingen, blühten und reiften. Da nun die Schötchen reif waren, nahm das Kind sie ab und klopfte sie aus, da hullerten kleine silberglänzende Körnlein heraus, und das Kind sammelte sie und trug sie zum Vater und sagte: Schau Vater, was ich funden habe! Patterlein! Schöne Patterlein! (Paternosterküglein). Der Vater sah mit Staunen, daß es echte Perlen waren, suchte selbst mit nach und fand in jedem Schötchen einige Perlen, sammelte davon mit dem Kinde ein ganzes Käsnäpfchen voll. Alle Welt, wem nur der Rohdörfer die Perlen zeigte, bewunderte sie und erkannte sie für echt an, namentlich mehrere Edelleute, die sich auch als böhmische Exulanten in Wiesenthal aufhielten. Von Annaberg kam eine Gräfin von Hauenstein eigens herübergefahren, stieg an Rohdörfers Hause ab und ließ sich etliche Samenschötchen von dem Mägdlein aufmachen, befand auch, daß es echte Perlen waren. Als sie aber selbst einige Schoten aufmachte, ging es ihr gleich andern, die dieses auch bereits versucht, die Perlen zerrannen ihr in den Fingern wie Tropfen Taues. Ei, sprach darauf die Gräfin, dies ist eine wunderbare Begabung und Begnadigung dieses glückseligen Kindes, das wir auf- und annehmen wollen, wenn der Vater es zufrieden ist! Ein anderer böhmischer Edelmann ließ den Vater mit allen seinen sieben Kindern zu sich kommen, betrachtete auch das Wunder und ließ die Kinder neu kleiden. In ihrem vierundsiebzigsten Jahre noch hat die Perlenfinderin dies selbst erzählt. *   624. Berggaben Bei Annaberg im Erzgebirge liegt der Schreckenberg, von dessen reicher Silberausbeute die schönen Münzen zuerst alldort geprägt worden, die man Schreckenberger nennt, deren Wert dreieinhalben guten Groschen betrug oder den sechsten Teil eines Meißner Guldens. Auf ihnen ist ein Engel zu sehen, der das sächsische Wappen hält, daher heißen sie auch Engelgroschen. Der Berg aber ist bekannt wegen seiner in ihm wohnenden Berggeister und seine Waldungen durchspukende Schreckgespenste. Nahe bei Annaberg liegt der Scheibenberg und der Ort gleichen Namens; auf diesem Berge ist es auch nicht geheuer, und hat sich darauf schon viel Wunderbarliches zugetragen. Im Jahre 1605 lebte zu Scheibenberg M. Laurentius Schwabe als Pfarrer, dessen Frau besuchten eine Anzahl Freundinnen aus Annaberg, und sie führte die willkommenen Gäste über und um den Scheibenberg, um ihnen dessen Gelegenheit und Aussicht zu zeigen. Da gewahrten sie am Wege eine Vertiefung wie von einer Wasserquelle, und es führten drei Stufen hinab, unten lag ein Klumpen, der glänzte, glühte und funkelte hell wie Gold. Die Frauen verwunderten sich und erschraken zum Teil, und keine hatte den Mut, etwas daraufzuwerfen. Sie eilten zum Magister Schwabe und erzählten dem, was sie gesehen, und geleiteten ihn nun selbst in den Wald, wo sie die Grube gesehen, allein wie sie auch suchten, sie konnten sie nicht wiederfinden. Ein junges Liebespaar zu Scheibenberg war zu einer Hochzeit geladen, aber dabei so arm, daß es den Brautleuten keine Gabe schenken konnte, wie doch üblich, und wollte daher von der Hochzeit wegbleiben. Es ging an den Scheibenberg und sah da von ohngefähr ein Schachtloch mit einer eichenen Türe, zu der hinab einige Stufen führten. Sie hatten diesen Bergeseingang noch nie gesehen, gingen die Stufen hinab und sahen hinein. Da lag auf der untersten Stufe ein Fuchs, über den sie erst erschraken, doch da er sich nicht rührte, so gab ihm der Bursch einen Fußtritt, und da fand sich, daß der Fuchs tot war, aber noch nicht lange. Ei, sagte der Bursch, stirbt der Fuchs, so gilt der Balg! – trug ihn nach Hause, streifte den Balg ab, verkaufte ihn und konnte nun mit seiner Liebsten auf die Hochzeit gehen und sich allda lustig machen. Nach der Zeit suchte der Bursche jenen Eingang wieder aufzufinden, vermocht' es aber nicht, wie fleißig er auch immer suchte. *   625. Meister Hämmerling In vielen Bergen läßt sich der Berggeist erblicken, bald als Mönch, bald als Bergmann, meist riesenhaft, mit Augen wie Teller so groß und feurig. Häufig ist er hülfreich tätig, liebt und schützt fromme Bergleute, plagt und straft die bösen. Fluchen ist ihm verhaßt, das straft er am härtesten. Die Bergleute nennen ihn Meister Hämmerling oder auch den Bergmönch da, wo er in Mönchsgestalt sich zeigt. Er erscheint stets allein, ist in keiner Weise zu verwechseln mit den Bergmännchen, Erdkobolden, die zum Zwergenvolk? gehören, die häufig in Scharen erscheinen, während die Sage den Riesen eignet, meist allein zu sein, höchstens zu zweien. In der Sankt Georgengrube zu Schneeberg erschien der Geist in Gestalt eines schwarzen Mönchs und ergriff einen Bergknappen, der sich in der Teufe ungebührlich aufgeführt, hob ihn auf und setzte ihn auf einer ehedem silberreichen Grube nieder, und so hart nieder, daß ihm das Hinterleder platzte und alle Rippen krachten. Zu Annaberg war eine Grube, genannt der Rosenkranz, darinnen arbeiteten zwölf Knappen, die schwätzten untereinander possenhaft, wollten sich gegenseitig mit dem Berggeist fürchten machen und leugneten ihn als einen lächerlichen Popanz. Da mit einem Male sahen sie eine Roßgestalt mit langem Halse und mit feurigen Augen an der Stirn und erschraken zum Tode. Dann ward aus der Noßgestalt die wahre Gestalt des Bergmönchs, die trat ihnen schweigend nahe und hauchte jeden nur an. Sein Odem aber war wie ein böses Wetter, sie sanken tot nieder von des Geistes Anhauch, und nur einer kam wieder zu sich, gewann mit Mühe den Ausgang und sagte, was sich zugetragen, dann starb auch er. Darauf ist die silberreiche Grube, der Rosenkranz, zum Erliegen gekommen und nicht mehr angebaut worden. *   626. Das wütende Heer auf dem Erzgebirge Auf dem Schreckenberge, dem Scheibenberge und nach dem Kamm des Erzgebirges hinauf hat die wilde Jagd auch ihr Wesen und hetzt mit Hallo, Hörnerblasen und Hundegebell durch Luft und Kluft. Von Wiesenthal wollte eines Abends ein alter Priester frühzeitig nach Annaberg fahren; der Weg führte ihn lange hart an der sächsischen und böhmischen Grenze hin durch lauter Wald bis zum Städtlein Weipert, und der geistliche Herr fuhr zu sehr früher Zeit. Da erhob sich im tiefen Walde ein mächtig Jagdgetön, es schallte und knallte, es sauste und brauste – und waren doch weder Holzleute noch Jäger zu erblicken. Da nun der Priester ängstlich wurde ob des noch nie vernommenen Lärmens und den Fuhrmann fragte, was dieses Getöse sei und zu bedeuten habe, so antwortete dieser: Sorget Euch nicht, hochwürdiger Vater; es ist das wütende Heer, das tut uns nichts, wenn wir in Gottes Namen fahren! Und fuhr redlich hin. Ein edler Junker des Namens Rudolf von Schmertzing, Erbsaß auf dem Hammergut Dörßel, hatte am Abend zu Annaberg manchen guten Trunk getan, wie Ritter Hermann von Hellerstein bei Treffurt in Creuzburg, und ritt in gleicher Verfassung ganz allein seines Weges nach Hause. Er ließ Buchholz links liegen, Dörßel rechts, ritt durch Schlettau und wollte durch die Unter-Scheibner Räume den Weg nach den Scheibner Mühlen zu nehmen, da hörte er auf den zum Fichtelberge hinansteigenden Höhen Jagdlärm von Hörnern und Hunden und ritt diesem lange nach, bis er endlich verirrt war und sein Pferd in einem Sumpfe stak. Mit Mühe gelang es ihm, sich selbst herauszuarbeiten und ein Vorwerk zu erreichen, wo er Leute gewann, die mit Seilen und Stangen das Pferd aus dem Moraste zogen. Zu einem Manne, der am Wielenauer Berge mit einem Pferde arbeitete, ist ein angeschirrtes fremdes weißes Pferd ganz plötzlich gelaufen gekommen und hat sich selbst zu dem einen Pferde gespannt, da ging die Arbeit gar merklich rasch vonstatten, aber den Ackermann befiel eine bange Ahnung, und er wußte nicht, was er tun sollte; da es nun Mittagszeit war, so wollte er ausspannen, aber das andere fremde Pferd ging durch und riß das seinige mit sich fort, und rannen auf den nahen Tümpfel zu. Der erschrockene Ackermann rannte mit, hing sich an sein Pferd, fluchte und betete, da riß endlich jenes Pferd sich los und sprang mitten in den Tümpfel hinein, und jener behielt sein Pferd – in großer Bestürzung. *   627. Kreuz und Kelch Unter Annaberg liegt am Flüßchen Zschopau die kleine Stadt Wolkenstein und über ihr das gleichbenamte Schloß auf hohem Fels. In dieses Felsen schroffe Wand gewahrt der Wanderer ein großes Kreuz und einen Kelch tief eingehauen, und es geht die Sage, daß zu jener Zeit, als die Hussitenschlacht bei Aussig im Jahre 1426, welche für Sachsen so verderblich war, erfolgte, der Feind in das Sachsenland eingebrochen sei und auch das Erzgebirge verheerend überschwemmt habe. Da haben sie auch das Städtlein Wolkenstein berannt und eingenommen und sodann die Burg gestürmt, in welcher ein Priester die Besatzung zu mannhafter Verteidigung anfeuerte. Er hielt ein Kreuz in seiner Hand statt des Schwertes und kämpfte mit dem Schwert des Wortes für den alten Glauben. Als nun endlich auch Burg Wolkenstein überwältigt war und der mutige Priester in der Feinde Gewalt, da bedrängte ihn der Hussitenführer, überzugehen zu den Brüdern des Kelchs und dadurch sein Leben zu retten. Aber der Priester blieb unerschütterlich standhaft, er wollte seinem alten Glauben leben und sterben. Letzteres widerfuhr ihm schnell genug; die Feinde stürzten ihn samt seinem Kreuze die senkrechten Felsen von Wolkenstein herab, daß im jähen Sturz des Frommen Gebeine zerschmetterten, und schwangen jubelnd von der Mauer dicht darüber das Banner des Kelchs. Hernachmals, als die Hussiten die Gegend wieder verlassen, haben fromme Hände zum Andenken des Märtyrers das Kreuz und den Kelch tief in den Felsen eingegraben. *   628. Des Fahnenjunkers Sprung An der Elbe linkem Ufer über Meißen liegt auf einem aussichtreichen Berge die Trümmer der Burg Scharfenberg, welche Burg schon Kaiser Heinrich I. erbaut und Kaiser Otto I. vollendet haben soll. Die Burg war nach und nach ein Lehen mehrerer namhafter Ritterfamilien, so der Vitzthume von Eckstädt, derer von Schleinitz und von Miltitz, deren einer, Haubold, bald nach dem Dreißigjährigen Kriege die Burg ganz neu baute. Aber im August 1783 ward sie durch einen Blitzstrahl entzündet und durch die Flamme zur Ruine. Im Dreißigjährigen Kriege lag eine Besatzung auf der Burg, da geschähe ein Überfall des Feindes und überwältigte die schwache Bemannung der Burg. Der Fahnenjunker, der sein Banner ergriffen hatte, zog sich kämpfend zurück, jeden Schritt verteidigend, einer nach dem andern seiner Kameraden fiel. Fest hielt er die Fahne, endlich stand er noch ganz allein, von einem wildandringenden Feind umgeben. Solange ich lebe, sollt ihr die Fahne nicht haben! rief er aus, und im höchsten Augenblick der Gefahr, wo der Kampf bis in ein Zimmer des Oberschosses sich gezogen, stieß der Sturm einen Fensterflügel des Zimmers auf, in dem der Fahnenjunker sich nur noch schwach verteidigte. Das nahm er als einen Wink von oben, stieß mit der Wucht des Fahnenspeeres noch zwei Feinde nieder, kehrte sich schnell, die Fahne voraus, nach dem Fenster und sprang, sich Gott befehlend, in den tiefen Abgrund. Und ein Wunder trug ihn samt seiner Fahne unversehrt zum Grunde. Hernach hat sich die Sage verbreitet, der Ritter an der Hauptseite des Schlosses Scharfenberg, der eine Wappenfahne hält, solle diesen mutigen Kämpfer vorstellen und sein Andenken verewigen. *   629. Hans Jagenteufel Zu Dresden ging am 13. Oktober 1644 Sonntags früh eine Frau mit ihrer Tochter in die Heide und lasen Eicheln auf bis mittags elf Uhr. Da sie zur Predigt läuten hörten, ging die bereits verheiratete Tochter von der Mutter hinweg und nach der Stadt zurück. Es regnete stark, und eine Viertelstunde später befand sich die Mutter in einem Waldgründchen links der Radebergischen Straße in der Nähe der Stelle, wo man es das verlorene Wasser nennt. Da hörte sie den Schall eines stark geblasenen Jägerhorns, dann einen krachenden Fall, wie wenn ein Baum fiele, glaubte Förster nahe und barg ihr Eichelsäcklein im Gebüsch; darauf hörte sie noch einmal den Hornschall und sah gleich darauf einen Jäger ohne Kopf auf einem Grauschimmel mit aller Jagdwehr, Hirschfänger und Hifthorn, im langen grautuchenen Rock, gestiefelt und gespornt. Er ritt anfänglich etwas geschwinde, dann langsam und still vorüber, und sie konnte ihm ziemlich weit nachsehen. Hierauf setzte sie ihr Eichelsuchen fort und ging erst am Nachmittage nach Hause. Neun Tage später ging dieselbe Frau allein in die Heide, sammelte wieder Eicheln, setzte sich der Radebergischen Straße rechts am Fürstenberge ins Gebüsch und begann einen Apfel zu schälen, da scholl hinter ihr eine Stimme: Habt Ihr den Sack voll? Seid Ihr nicht gepfändet worden? Ihr habt wohl gute Förster? – Sie antwortete: Die Förster sind fromm, sie haben mir nichts getan. Ach Gott, bis mir Sünder gnädig! – Da sie nun zur Seite aufwärts sähe, erblickte sie denselben Mann, aber ohne Pferd, an ihrer Seite, der hatte den Kopf mit bräunlichem Kraushaar unterm Arm und sprach: Ihr tut wohl, daß Ihr um Vergebung der Sünden bittet, mir hat es also gut nicht werden sollen, und die Förster tun wohl, wenn sie den Armen nicht allzu scharf sind. Dadurch kam ich vor hundertundeinunddreißig Jahren in die Verdammnis. Mein Vater – o daß ich ihm nachgefolgt wäre – hieß Hans Jagenteufel, wie ich, sein einziger Sohn. Wir waren beide hier Förster. Sage den Menschen, sie sollen Buße tun! Große Strafe wird Gott über Dresden verhängen, zwei neue Heere werden kommen, eins ist schon im Anzüge. Gott droht mit einem so großen Sterben, daß an Totengräbern Mangel sein wird. Saget es, daß die Menschen abstehen sollen von ihren Lastern. Dann wird Gott das nächste Jahr segnen mit Früchten aller Art. Wollet Ihr das ansagen? Gebt mir die Hand darauf! – Das heftig erschrockene Weib stand verstummt und zitternd. Wollet Ihr es sagen? fragte noch einmal der Mann, und sie stammelte ein: Ja! – So gebt mir die Hand darauf! – Und sie tat es in Gottes Namen, und die Hand des Mannes war kalt wie Schnee, und sie zuckte zurück mit unsäglichem Grauen. Der Mann aber sprach wieder: Fürchtet Euch nicht! Euch scheint meine Hand kalt anzufühlen, mir aber brennt sie ewiglich und ohn Ende – ich quäle niemand – oh – ich bin selbst gequält! – und damit verschwand Hans Jagenteufels ruheloser Geist. – Wohl verkündete die Frau die gehabte Erscheinung, aber die Menschen haben sich wenig gebessert und sind selbst Jagenteufel geblieben nach allen Lüsten. *   630. Der Dresdner Mönch Zu Dresden hat vorzeiten ein Barfüßerkloster gestanden, welches Heinrich der Erlauchte, Markgraf zu Meißen, neben seinem Schlosse erbaute, das nannte man auch das Paraptenkloster wegen der Holzschuhe oder Sandalen, so jenesmals die Mönche trugen. Das Kloster hat mit dem Schlosse durch einen Gang in Verbindung gestanden und stand an der Stelle, wo man es heutiges Tages den Taschenberg nennt. Als das Kloster im Laufe der Zeit eingegangen war, ist noch ein Barfüßer übriggeblieben und hat umhergespukt in grauer Kutte, mit einer Laterne in der einen Hand und unterm Arme etwas tragend, und dieses Etwas war sein Kopf. Warum und wodurch der Mönch selbigen seinen Kopf von der rechten Stelle verloren, weiß niemand mehr, er machte aber auf diese Weise eine Art Nachtrunde, zeigte sich zuerst in der Nähe des Schlosses, umwandelte dann die Wälle und Bastionen der Altstadt und kam auch in die Stadt. Nur in der Mitternachtstunde geschahe das, und die Schildwachen wurden seiner gewohnt; niemand erfuhr von ihm ein Leid, niemand sähe klar, woher der Mönch kam und wo er verschwand. Wenn er mehrere Male kurz hintereinander erblickt wurde, hat es jedesmal den Tod einer Person des kurfürstlichen Hauses vorbedeutet oder sonst ein Unglück. Im Jahre 1698 am 5. Oktober zeigte er sich an allen Toren, vornehmlich aber am Pirnaischen, hatte aber auch schon vier und ein halbes Jahr früher, am 22. April 1694, sich lebhaft sehen lassen. Damals starb (am 27. April) Kurfürst Johann Georg IV. zu Dresden an den Kindesblattern. Im Jahre 1698 aber schlug zu Dresden am 9. November das Gewitter unter einem Regensturm und Schneegeplödere in den Schloßturm und entzündete denselben; tags darauf aber starb Herzog Johann Georg zu Sachsen-Eisenach auch an den Kindesblattern, und wurde von vielen die Mönchserscheinung für ein Vorzeichen gehalten. Es soll solche Mönchserscheinung niemals etwas Gutes bedeutet haben oder bedeuten. *   631. Der Rosenkranz Zu Pirna an der Elbe, wo der Ablaßprediger Johannes Tetzel geboren ward, hatte eine fromme Jungfrauenhand bei einem Kirchenfeste einen blühenden Rosenkranz oder -zweig an die Wand gehangen und dabei ein Gelübde getan und einen Wunsch ausgesprochen, der mit dem Gelübde eng verbunden war. Der Kranz war längst verdorrt, aber doch nicht hinweggetan worden, niemand achtete seiner. Da geschah es im Jahr 1634, daß ein steinaltes Mütterlein in der Kirche saß und im heißen Gebet mit Gott rang. Du gnadenreicher Gott, mochte die Greisin beten, hast die Wünsche und Bitten erfüllt, die ich nun vor siebenzig Jahren in diesem deinen Tempel an dein Herz gelegt. O so erfülle mir noch einen Wunsch, gib mir ein Zeichen deiner Gnade und Barmherzigkeit, behüte dieses unser Städtlein vor des wilden Krieges Wüten, schenke ihm Frieden und mir einen sanften, seligen Tod! Und siehe, wie das Mütterlein seine Augen nach dem welken Rosenkranze richtete, den seine Hand vor siebenzig Jahren an jene Stelle gehangen, siehe – da grünte der Kranz und trieb neue junge Knospen, die zu Rosen ausblüheten, das Mütterlein aber ging ein zum ewigen Frieden. Und ward auch sein letzter Wunsch erfüllt und genau zu derselbigen Zeit in Pirna zwischen dem Kaiser und Kursachsen ein Friedensschluß durch Abgesandte beraten und beredet. *   632. Sankt Georgs Panier Da Ludwig der Milde, Landgraf von Thüringen, mit Kaiser Friedrich dem Rotbart und vielen andern Fürsten des Deutschen Reichs zum zweiten Male über Meer fahren wollte, das Heilige Grab zu gewinnen, ist es geschehen, daß das Panier des heiligen Ritters Georg durch Gott vom Himmel herab in die Stadt Eisenach gesendet wurde, deren Schutzpatron Sankt Georg war, und welche auch den Heiligen im Kettenpanzer mit der Palme, dem Kreuzesschild und dem Panier in ihrem großen Siegel führte. Der Landgraf kämpfte unter diesem hehren Banner siegreich dem Kaiser vor, da aber beide, sein kaiserlicher Lehensherr und er selbst, die deutsche Heimat nicht wiedersahen, so brachten heimkehrende Ritter Sankt Georgs glorreiches Panier wieder nach Thüringen zurück und legten es auf Schloß Wartburg in sichere Verwahrung. Lange Zeit nachher, als die Markgrafen von Meißen als Herren des Thüringerlandes an die Stelle der alten Landgrafen getreten waren, ward unter einem solchen Herrscher aus unbekannten Gründen Sankt Georgs Panier hinweg und auf die meißnische Burg Tharand ohnweit Dresden gebracht, allwo es lange blieb. Als aber einstmals auf diesem Schlosse ein Feuer ausbrach und es in Flammen stand, da sähe man aus einem Fenster des Schlosses, so gegen Morgen lag, das Panier herausfahren, sich hoch in die Luft schwingen und im Glanze des Ostens verschwinden. Niemand hat es auf Erden wiedergefunden. *   633. Die bösen Katzen Bei dem sächsischen Städtlein Buchholz, nahe bei Annaberg, liegt eine Mühle, die Katzenmühle genannt, mit der es ihrem ersten Erbauer gar absonderlich ergangen ist, denn als sie fertig war, vermochte er nicht zu mahlen und überhaupt nicht zu wirtschaften und zu Hausen, denn der Teufel oder ein ihm verwandter schadenfroher Kobold hatte sein Wesen darin. In den Ställen litt es kein Vieh, im Hofe keinen Hund und keinen Hahn, auf den Dächern keine Tauben. Wenn das Werk angelassen wurde, so polterte und krachte es, als wolle alles mitten voneinander bersten, und der Müller war darob in großer Not und Sorge, fürchtete noch von Haus und Hof ziehen oder in diesem Hause selbst zugrundegehen zu müssen. Da geschah es einstens, daß ein paar Bärenführer, die mit einigen großen Bären von Dorf zu Dorf zogen und ihre Tiere zur Freude der Jugend tanzen ließen, gegen Abend zu der Mühle kamen und, da sie am selben Tag nicht weiterkonnten, den Müller ansprachen, bei ihm übernachten zu dürfen. Dieser sagte den Fremden, daß sein Stall zwar leer sei, daß es aber in demselben nicht geheuer, daß kein Vieh darin bleibe, sondern schrecklich tobe, schreie und schlage; allein die Bärenführer meinten, ihr Vieh sei weder furchtsamer noch empfindsamer Natur; er solle ihnen nur den nötigen Platz vergönnen. Dies geschah denn, und die Bärenführer schlugen samt den Bären ihr Nachtlager im Stalle des Müllers auf. In der Nacht entstand ein entsetzliches Gepolter und Rumoren in dem Stalle, der Müller erwachte davon, und es wurde ihm himmelangst, er bereute seine Nachgiebigkeit gegen den Wunsch der Fremden und schrieb dieser es zu, wenn jene Schaden und Unglück haben sollten. Doch gab sich beim ersten Hahnschrei der Lärm, und am Morgen traten die Bärenführer unversehrt aus dem Stalle. Als der Müller sie fragte, wie sie die Nacht zugebracht, so antworteten sie: Im ganzen gut, aber das Vieh war etwas unruhig. Sie dankten dem Müller für seine Gastlichkeit und zogen mit ihren Bären von bannen. Desselben Tages hatte der Müller ein Geschäft in einem nahen Orte, und als er im Talgrunde dcihinwcmdelte, hob sich ein Kopf hinter einem Busch hervor, der ihn greulich anfunkelte, und der Wirt sah gleich, das müsse der Kopf des Teufels oder eines seiner Spießgesellen sein, und da hörte er sich fragend anrufen: Müller! Hast du die großen, bösen, wilden Katzen noch in deinem Stalle? – Jawohl! antwortete der Müller, sie sind darin und bleiben darin! – Ei daß dich, daß dich! So bin ich ausgebissen! rief die Kobolderscheinung und verschwand. Von da an kam die Mühle in guten, ungehemmten Gang, das Vieh blieb ruhig im Stalle, Hund und Hahn auf dem Hofe, und der Müller kam in guten Wohlstand. *   634. Die umirrenden Stiefeln Zu Lauban in der Lausitz, sonst Lübben genannt, hat sich folgendes im Dreißigjährigen Kriege zugetragen. Es kam von Görlitz her ein Regiment Butlerischer Dragoner, die waren nicht von den besten, und es ward den Bürgern vor ihnen mächtig bange, hatten auch der Drangsale in Fülle von ihnen auszustehen. Da kam ein entsetzlich langer Kerl von dieser Naubbande zu einem Schuster und verlangte ein Paar Reiterstiefeln, Kanonen, wie diese Haudegen und Eisenfresser sie trugen, fand ein schönes großes langes Paar, die ihm trefflich paßten, denn den Soldaten im Dreißigjährigen Kriege ging es wie jenem Trödeljuden, der von sich sagte: Ich hab' 'nen guten Klaiderlaib, es paßt mir allens. Da nun der gewaltige Kriegsheld die Stiefeln an- und dafür ein Paar ganz erbärmliche, zerrissene Stiefeln ausgezogen hatte, dem er die Sporen ab- und an die neuen Stiefeln anschnallte, fragte er, was die neuen Stiefeln kosten sollten, und da der Schuhmacher den Preis forderte, so zog jener seinen Haudegen blank, nahm den Schuster am Arm und fuchtelte ihm so viele Hiebe zählend auf, als der arme Bürger Schreckenberger gefordert hatte, so daß dieser sich vor Schmerz, Angst und Schrecken nicht bergen konnte, sich endlich losriß und verwünschend rief: Ei so wollte ich, daß diese Stiefeln und Eure Beine in ihnen niemals Ruhe finden, Ihr mögt tot oder lebendig sein! Der Reiter lachte den Schuster in seinem ohnmächtigen Zorne aus und stolperte mit klirrenden Schritten über das Wackersteinpflaster Laubans und verfluchte dieses Pflaster und den Berg, der dazu die Steine lieferte. Bald darauf wurde das Dragonerregiment anderwärtshin beordert, als aber hernachmals die Schlacht bei Lützen geschlagen ward, riß eine schwedische Stückkugel, die dem Pferde durch den Leib fuhr, demselben Dragoner beide Beine ab, und er verblutete auf dem Schlachtfeld. Und danach hat man zwei Stiefeln marschieren sehen ohne Ruh und Rast und ohne Herrn, doch staken in ihnen zwei blutige Beinstummel, die wanderten und wanderten von Lützen nach Markranstädt und über Rippach, wo der bekannte unsterbliche Herr Hans von dort sie mit eignen Augen sah, nach Leipzig, von Leipzig nach Wurzen, Oschatz, Zehren und Meißen nach Dresden, von da ohne Rast und Ruh über Bischofswerda, Bautzen, Löbau und Reichenbach nach Görlitz und von da endlich spornstreichs nach Lauban und blieben auf dieser ganzen langen Wanderfahrt völlig ganz. Die Stiefeln spazierten zum Städtlein hinein, an des Schuhmachers Haus vorbei, recht, als ob er sehen solle, daß sein Wunsch in Erfüllung gegangen, wendeten von da um und bestiegen den Steinberg, welcher der Vater des verwünschten Pflasters, und dort wanderten sie nun bald sichtbar, bald unsichtbar auf den scharfkantigen Basaltsäulen umher; man hörte sie auch trapsen; wer sie aber sichtbar sah, was nicht einem jeden widerfuhr, und trug etwa ein Verlangen nach ihnen und wollte sie haschen, der bekam einen Tritt und schlug auf die Wackersteine hin, daß ihm die Rippen krachten. Dem Schuster, der sie als sein Eigentümer wieder einfangen wollte, soll dieses am allerersten begegnet sein. *   Zwergschabernack 635. Zwergschabernack Bei Zittau liegt der Breitenberg, in dem hausten gutartige Zwerge, welche oft in der Stadt und den umliegenden Dörfern sich einfanden, den Menschen hülfreich waren und gern, wenn auch unsichtbar, an deren Leiden und Freuden teilnahmen. Bei guten Gelegenheiten und Gelagen ließen sie sich's trefflich wohl sein und vergüteten auf andere Weise, was sie genossen. Eines Tages rief eine Frau ihrem weggehenden Manne nach: Eile, daß du bald zurückkehrst, damit wir nicht zu spät zur Hochzeit kommen! – Diesen Ruf hörten einige Zwerglein und riefen es ihren Brüdern, dem stillen Volke, zu, daß Hochzeit gehalten werde. Gleich fand sich eine Schar zusammen, die wollten alle hin, und es hörte ihre Beratung darüber ein Mann, der am Breitenberge arbeitete, und rief ihnen zu: Wenn ihr unsichtbar zur Hochzeit fahren wollt, ei so nehmt mich doch auch mit, ihr guten Gesellen! – Die Zwerge stutzten, sagten ihm aber seines Wunsches Erfüllung zu, doch unter der Bedingung, daß er, obschon er essen und trinken dürfe, so viel er wolle, doch durchaus nichts heimlich zu sich stecken und mitnehmen dürfe. – Und so fuhren sie alle miteinander ungesehen zum Hochzeithause; das war zwar schon ganz voll von Gästen, allein die Zwerglein bedurften wenig Raum, zwischen jedem Gast saß ein Gezwerg, und der Peterbauer, den sie mitgenommen, hatte einen guten Platz, aber freilich kein hochzeitlich Kleid an, und hätte ihn einer gesehen, so würde er wohl an den Ort des ungebetenen Gastes befördert worden sein. Er zechte wacker und ließ sich's trefflich schmecken, und tat ihm nur leid, daß seine Frau nicht bei ihm war, denn der Bauer Peter war im Grunde ein guter Kerl und genoß nicht gern allein. Und diese Liebe zu seiner Frau ließ ihn sein Versprechen brechen und etwas einstecken. Das nahmen die Zwerge übel, sie brachen schleunig auf, und der zunächst beim Peter saß, riß diesem die Nebelkappe vom Kopf und schwand hinweg samt den andern. Da saß der Peter in seinem Schmierkittel mit bausenden Backen und kauenden Zähnen, und alles sah auf den seltsamen Gast, und der war noch nie ein so angesehener Mann gewesen wie heute; der Peter aber langte tapfer zu und kaute und schluckte, was das Zeug hielt, denn er hatte die Entführung des leichten Zwergenmützchens von seinem Stickelhaar gar nicht wahrgenommen, bis er von verschiedenen Seiten her Püffe und Rippenstöße bekam und erst noch hinter dem Braten her die Suppe, nämlich die Prügelsuppe. Sodann ward er zum Hause hinausgefuhrwerkt und vor der Türe seinem Nachdenken und schmerzlichen Gefühlen überlassen. Hernachmals sind die Zwerge aus dem Breitenberge fortgezogen, man sagt, nach Böhmen hinein, in Rübezahls Reich, und sagt auch, das viele Glockenläuten oder die vielen Hunde, welche die Bauern in Ober- und Niederolbersdorf halten, wo die Häuser und die Hunde kein Ende nehmen und aus jedem Haus ein Köder springt und bissig die Fußreisenden ankläfft, die vom Oybin kommen, haben die Zwerglein vertrieben. Ein Bauer aus Heinewalde habe auf zwei Wagen die ganze Schar der Zwerge und alle ihre Schätze hinweggefahren und habe sehr reichen Lohn erhalten. Sie würden wiederkommen, sollen sie gesagt haben, wann Sachsenland an Böhmen falle, das heißt, wann es österreichisch sein werde. Wer weiß, ob sie nicht in der Tat wiederkommen. *   636. Sprungsage vom Oybin Der hohe Berg Oybin – anderthalb Stunden, und was der Fuchs, der sie gemessen, noch dreingegeben, von Zittau – erhebt sich stolz und prachtvoll inmitten eines herrlichen Gebirgskranzes; in alter Zeit ward ein Jagdhaus auf ihm erbaut durch einen Ritter, Quahl von Berka, dann eine Raubburg, die ein Eigen wurde der Herren von Leipa. Dieser Burg erwies Kaiser Karl IV. die große Ehre, sie in höchsteigner Person zu belagern und sie zu zerstören. Noch zeigt man droben das Kaiserbette und den Kaiserstuhl, zwei aussichtreiche Felsensitze, darauf Se. Majestät geruhet haben, der Zerstörung des festen Bergschlosses zuzusehen. Zugleich schien die Gelegenheit des Ortes dem frommen Herrn ganz geeignet zur Anlage eines Klosters; er gründete dies und besetzte es mit zwölf Brüdern Zölestinermönchen, welchen der himmelnahe Aufenthalt um so mehr zusagte, als alle Ortschaften umher dem Kloster Oybin unzählige Laminsbäuche und Michelshühner zinsen mußten. Damals ward die schöne, reichgeschmückte Klosterkirche gebaut, deren eine Längenwand ganz aus dem Felsen gehauen ist. Neben ihr hin führt ein Gang zu einer Stelle über einen schauervollen Abgrund, und dieser heißt der Jungfernsprung. Hier wagte eine verfolgte Jungfrau den entsetzlichen Sprung in die Tiefe, und zum Lohn ihrer keuschen Tugend wurde sie wundersam gerettet. Die Sage, welche dies erzählt, läßt ungewiß, ob ein Oybiner Zölestiner dies arme unschuldige Lamm für ein Zinshuhn, auf das er ein Recht habe, ansah und deshalb verfolgte, oder ob ein Ritter oder aber ein Jäger so unritterlich handelte, die Unschuld in solche Todesgefahr zu bringen, wie dort am Jungfernsprung bei Arnstadt, bei dem ganz nahe auch ein Felsgipfel der Königsstuhl und etwas entfernter ein Felsen der Ritterstein heißt. *   637. Die Braut vom Kynast Auf der Burg Kynast über Hermsdorf, ohnweit Warmbrunn, saß ein Ritterfräulein, Kunigunde genannt, das war eine grimme Männerfeindin. Allen Bewerbern um ihre Hand legte sie eine Mutprobe auf, die so gefahrvoller Art war, daß deren Bestehen schier unmöglich; sie sollten auf der hohen und schmalen Burgmauer rund um die Burg reiten; wenn sie es versuchten, und es ging noch so gut, sobald sie an die Stelle der Mauer kamen, die man noch heute die Hölle nennt, wo der Abgrund zu jäher Tiefe sich steil absenkt, da schwindelten Roß und Mann und stürzten zerschmetternd in die Tiefe. Das eben, und keinen Mann, wollte Kunigunde. Viele Ritter hatten schon auf diese grausame Weise ihr Leben verloren, doch hatte der Ruf davon noch nicht alle Freier abgeschreckt; angezogen von Kunigundens kalter Schönheit und vielleicht mehr noch vom kalten Mammon in ihren Kisten und Kästen, mehrten sie die Zahl der betörten Opfer. Da geschah es, daß ein Landgraf von Thüringen – einige sagen Albert, andere nennen dessen Sohn Friedrich den Freudigen – daheim auf seinem Wartburgschloß ein gefährliches Kunststück übte; er umritt die Mauer seines Schlosses täglich einmal und gewöhnte sein treues und kluges Roß an sichern Blick und Tritt, denn hoch über Felsenabgründen hebt sich der Wartburg alter geweiheter Bau. Endlich ritt der Landgraf von Thüringen mit einem reisigen Zuge gen Schlesien zum hohen Kynast hinan und ließ als ein Ritter aus Thüringen sich melden. Und als Kunigunde den herrlichen Mann ersah, ward ihr wunderbar zu Sinne, ihr starres Gefühl ward weich, sie liebte den noch jugendlichen Ritter und beschwur ihn flehentlich, den Ritt nicht zu versuchen. Allein er ließ sich nicht davon abbringen, er wagte den Ritt und bestand glückhaft das gefährliche Abenteuer. Jubelnd flog ihm Kunigunde entgegen, all ihr Sehnen war gestillt, ihm allein wollte sie angehören, gern und freudig, ihm wollte sie ein liebendes Weib sein. Aber mit Ernst und Strenge im Blick wehrte der Landgraf ihr Umfahen von sich ab und sprach Worte zu ihr, die sie in ihres Gemütes tiefsten Tiefen erschütterten. Darunter war die Nachricht, daß er bereits glücklich vermählt sei, ihr das härteste Wort – und wie er als der Rächer so vieler Opfer stolz von dannen ritt, da soll Fräulein Kunigunde die Mauer erklommen und ihm nachgesehen haben, so lange, als ihr nur möglich, dann habe sie sich freiwillig in die Hölle hinabgestürzt. Andere haben die ernste Sage scherzhaft gewendet und sagen, Kunigunde habe sich vor Schreck in das häßliche Holzbild verwandelt, das noch heute als Braut vom Kynast den Reisenden zum Kusse dargeboten wird, wer es aber nicht küssen will, dieweil es statt der Haare und Augenbrauen mit der Haut eines Stacheligels aufwartet, der muß sich mit kleinem Gelde lösen. – Diese Sage haben Theodor Körner, Friedrich Rückert und andere deutsche Dichter als Balladenstoff sich dienen lassen. *   638. Das Horoskop Auf dem Bergschloß Kynast wurde ein frühgezähmter Wolf gehalten, der wie ein Hofhund umherlief, ja sogar zu einigen Kunststücken, wie ein Hund, abgerichtet war. Da beging am 2. März des Jahres 1635 der Herr der Burg und Grafschaft, Johann Ulrich Graf von Schaffgotsch, die Feier seines Geburtstages mit Bewirtung zahlreicher Freunde und Zuziehung der höheren Dienerschaft. Dabei war auch der Pfarrer von Giersdorf, dicht unterm Kynast, Johann Andreas Thieme, welcher ein Astrolog war, Jünger einer Wissenschaft, die in den Zeiten des Dreißigjährigen Krieges noch in hohem Ansehen stand. Das Gespräch der Gäste lenkte sich durch des berufenen Propheten Anwesenheit auf seine Kunst, und des Grafen Geburtstag legte den Wunsch nahe genug, ihm das Horoskop zu stellen. Thieme tat es, forschte nach, rechnete, schrieb Zeichen nieder und tat dann mit bekümmerter Miene den Ausspruch: Unser gnädiger Herr, der Graf, wird durch kaltes Eisen eines gewaltsamen Todes sterben. – Alle entsetzten sich, tadelten diese Rede, und der Graf hatte selbst an ihr die mindeste Freude, doch machte er zu diesem bösen Prophetenspiel leidlich gute Miene und dachte bei sich: dem vorwitzigen Pfaffen wollen wir einen Possen spielen. Er befahl ein Lamm in die Zimmer zu bringen, versammelte die Gäste und gebot dem Pfarrer, diesem Lamme alsobald auch die Nativität zu stellen und zu sagen, wer es essen werde. Solche Verhöhnung seiner Kunst, welche Pfarrer Thieme für eine göttliche erachtete – denn es wird ihrer vielfach gedacht in Heiliger Schrift, und daß ihre Stellung tiefe Bedeutung habe, wie Jesaias weissaget vom kommenden Tage des Herrn: Die Sterne im Himmel und sein Orion scheinen nicht helle, die Sonne gehet finster auf, und der Mond scheinet dunkel – nahm der Nativitätsteller übel und weigerte sich lange, dem Geheiß nachzukommen; endlich ließ Thieme nach dem Schäfer senden, von dessen Herde dieses Lamm genommen war, und fragte nach Tag und Stunde von des Tieres Geburt; als er diese erfahren, rechnete er wiederum und tat dann den überraschenden Ausspruch: Dieses Lamm wird der Wolf fressen. – Alle, die das hörten, lachten, und der Graf selbst sprach lachend: Dieser Wolf wollen wir selbst sein, der Koch soll es alsobald schlachten und braten, daß es zur Abendtafel, wann wir von der Jagd heimkehren, fertig sei. – Der Koch schlachtete das Lamm, steckte es an den Spieß, wußte nichts von der ganzen Verhandlung, gab unbefangen dem zahmen Wolf den Spieß zum Drehen in die Pfote und verließ auf kurze Zeit die Küche. Der Wolf aber war über die Gäste und die Gasterei des Geburtstagsfestes von dem Diener, der ihn fütterte, vergessen worden und hatte einen wahren Wolfshunger. Nun wäre mit bellendem Magen für andere einen Braten drehen zu müssen nicht bloß für einen Wolf eine unangenehme Sache, und der Wolf, der wohl ohnehin lange kein frisches Fleisch geschmeckt hatte, verzehrte den Lammsbraten mit größtem Wohlbehagen und stillte seinen Hunger in vollständiger Weise, bis der rückkehrende Koch das Opferfest unterbrach und dem Wolf mit ungeheuer vielen Prügeln den Braten versalzte. Indes geschehen war geschehen, mit allen Prügeln war das Lamm nicht herauszuschlagen, ein anderes nicht zur Hand, der Koch sorgte für andere Braten, und die Abendtafel ward auf das beste zugerichtet. Als nun die Gäste, unter ihnen auch wieder Thieme, mit dem Grafen zu Tische saßen und schon einige Gänge Speisen auf- und abgetragen waren, sah der Graf ungeduldig nach der Türe und fragte den aufwartenden Kammerdiener: Kommt nicht bald das Lamm? – Dieser ließ den Koch befragen, und da erschien der Koch selbst in großer Verlegenheit und stammelte: Gnädigste Erlaucht, Herr Graf – verzeihen! Es ist etwas vorgefallen mit dem Lamm – es ist – vom Spieß – hinweggekommen! – Wieso, vom Spieß? – Ja, gnädigste Erlaucht – der verfluchtige Kerl, der Bratenwender – der Wolf – hat's gefressen! – Tiefes – schreckenvolles Schweigen. Der Graf legte Messer und Gabel hin – er sprach: Es geschehe der Wille des Herrn! – verließ die Tafel und zog sich unwohl zurück. Nicht volle fünf Monate darauf ward Johann Ulrich Graf von Schaffgotsch auf Befehl des Kaisers zu Regensburg enthauptet. *   639. Die Rüttelweiber In der Gegend des Kynast und nach dem nahen Riesengebirge zieht der wilde Jäger mit all seinem Gefolge und Getose und wird von den Bewohnern nur schlechthin der Nachtjäger genannt. Auch dort glauben die Leute, daß er, wie im Vogtlande, die Moosleute und Waldwichtel jagt und plagt, und nennen die kleinen Moosweibchen Rüttelweiber. Für diese gibt es nur eine Rettung vor des Nachtjägers Gewalt und schnellem Griff, wenn sie nämlich an einen abgehauenen Baumstamm kommen, zu dem beim Fällen der Holzmann gesprochen: Gott walt's! – da finden sie alldort Asyl und Ruhe. Hat jener aber gesprochen: Walt's Gott! – so schirmt ein solcher Stamm die Weibchen nicht, und sie müssen weiter und weiter vor dem Nachtjäger fliehen. Wenn die kleinen Kinder dortherum unartig sind und schreien, so schweiget man sie mit den Worten: Sei still! Hörst du den Nachtjäger? Jetzt kommt er! Jetzt holt er das Kind, wenn es nicht stille ist. *   640. Berggeist Rübezahl Vom Kynast hat einer nicht weit auf das Gebirge zu wandern, darin des weit und breit genannten Berggeistes Rübezahl Reich ist. Von keinem Gespenst gehen so viele teils alte echte, teils neuersonnene Volkssagen. Zahlreich sind die Örtlichkeiten im Gebirge, an denen sein Name haftet; es steige einer nur vom Dorfe und Vitriolwerk Schreiberhau hinauf zum Elbfall, zu den Zackel- und Kochelfällen und zum großen Rad wie zur Koppe, da findet er unterwegs Rübezahls Festung, seinen Ball, seine Treppe, seine Steinkanzel, seinen Keller, Garten, Teich, Thron und dergleichen häusliche Niederlassungen mehr. Rübezahl ist ein Proteus der deutsch-slawischen Mythe, allbekannt und doch noch nicht genau erkannt; eine Koboldnatur, gut und schlimm, mehr neckisch als tückisch, aber leicht reizbar und oft grausam in seiner Neckerei. Er erscheint in allen Gestalten der Waldleute, als Bergmann, Jäger, Holzhauer, Köhler, Reffträger, Führer, Bote, nicht minder als Mönch, als Moosmann, in Tiergestalt, er gebietet den Elementen wie allen Schätzen der Tiefe, deren Oberhüter er ist. Es ist eine bekannte Rede, daß dieser Geist den Namen Rübezahl nicht leiden könne und sich an denen empfindlich räche, die ihn damit rufen und höhnen, was ihm auch nicht zu verdenken ist, denn kein Gescheiter wird dulden, daß ihm der erste beste Laffe den ehrlichen Namen verhunze und verschände. Nun weiß aber kein Mensch den wahren Namen dieses Waldschrats, und so nannte man ihn den Herrn des Gebirges, den Herrn vom Berge, und die Kräutersammler nannten ihn Domine Johannes und verehrten ihn, da er den Kräutlern gar gute Wurzeln und Kräuter anzeigte, sie auch schöne Steine finden ließ, wenn er sie selbst gut und seiner Gaben wert befand. Da der Gebirgsgeist den ihm aufgehängten Namen so wenig leiden und ertragen kann – wie der Pilatussee in der Schweiz oder der bayerische See auf der Gebirgsgrenze zwischen Böhmen und Bayern, wo man es in jener Welt nennt, die in sie geworfenen Steine, und diese mit Toben und Brodeln, ausstoßen – so hat er zum öftern groben Schrollen, die es an ihn gebracht und ihn sogar zum Kehren der untersten Feuermauer eingeladen, gar schlimm und scharf gelohnt. Davon wäre viel zu erzählen. Einem dieser unsaubern und gemeinen Gesellen, der ihn förmlich schimpfte, schickte der Geist ein Hagelwetter auf den Hals; einem zweiten putzte er die Feueresse mit der Mistgabel aus; einem botanisierenden Mediziner brach er das Genick; einem Schäfer ließ er Ochsenhörner am Kopfe wachsen; einem Schneeberger Ratsdiener zog er die Ohren so hoch in die Höhe, daß sie genau die Ohrenlänge des güldenen Esels hatten. Ein Briefträger wurde vom frühen Morgen bis in die sinkende Nacht und bis zum andern Morgen um ein altes Zauberschloß in Ruinen herumgeführt; ein Bauer wurde zum Nasenkönig gemacht, der mußte, wenn er sich schneuzen wollte, das Fazinettlein so weit vom Gesicht weghalten, als sein Arm langte. Einer Grasemagd, die im Walde Spottliedlein auf den Berggeist sang, nahte er sich als Buhle, griff ihr unters Kinn und heftete ihr einen Ziegenbart an, den sie ihr Lebelang tragen mußte. Bauern, die ihn geschmäht, lenkten sich, als sie in der Scheune draschen, unwillkürlich die Flegel nicht aufs Getreide, sondern auf ihre Köpfe und Buckel, so daß sie mehr blaue Flecke als Körner ausdraschen, und solcher Strafen verhängte er, wenn er gereizt war, oft und viele. *   641. Rübezahls Gunstgenossen Die Gunst des Gebirgsherrn erweist sich vielfach gütig, hülfreich, mitunter etwas schadenfroh, etwas herb, er gibt selten ohne eine gewisse Laune, wenn er überhaupt noch gibt, doch hat er viele Glückliche gemacht. Einem armen Bäuerlein, das aufs Gebirge ging, Holzäpfel zu sammeln, erschien der Berggeist in Gestalt eines rußigen Köhlers, führte es unvermerkt in seinen Garten, da gab es Holzäpfel, doch nicht zu viele. Der Bauer nahm deren, trug sie heim, bewahrte sie zum Winter auf; als er sie dann seinem Kind an das Christbäumchen hing, waren sie so schwer; der Bauer schälte einen, da waren das Kernhaus und die Kerne von purem Golde, und der Glückliche löste fünfzig Dukaten daraus. Eine Kräutersammlerin verirrte sich auf dem Gebirge, der Geist erschien ihr in Gestalt eines Bauers, zeigte ihr den rechten Weg, warf aber die von ihr gesammelten Kräuter aus ihrem Korbe und streifte Baumblätter ab, womit er ihn füllte. Als ihr Führer sie verlassen hatte, fand sie die Kräuter, die sie brauchte, nochmals am Wege stehen und schüttete die Baumblätter aus dem Korbe, daß nur einige wenige darin hängenblieben, aber diese wenigen waren, da sie nach Hause kam, feines Dukatengold. Vergebens rannte sie zurück, die weggeworfenen Blätter zu suchen. Eine andere arme Frau kletterte mühsam an den Felsen umher, die Fruchtknöpfe von wilden Rosensträuchen, Hanebutten genannt, zu pflücken und zu sammeln; als sie diese aufbewahrt hatte und zu einer andern Zeit nach Warmbrunn zu einem Wirt tragen wollte, der sie in die guten Weinsüpplein für die Badegäste brauchte, da fand sie in goldne Knöpfe ihre Hanebutten verwandelt. Eine andere Frau pflückte Holunderbeeren zum Hollermus, darauf man tüchtig schwitzt, und welches die Wassersucht kurieren soll; wie sie herunterkam, hingen an jeder Dolde statt der Holunderbeeren braune Körnlein gediegenen Goldes. Ein armes Mädchen, das in die Erdbeeren ging, hatte, als es nach Hause kam, statt der Erdbeeren ihr Töpflein voll Dreier, Gröschlein und Dukaten – einen schönen Brautschatz. Ein Handwerksbursche kam auf einen Erbsenacker des Berggeistes, dessen Trivialname schon auf einigen Ökonomiebetrieb hindeutet, fand köstliche Schoten, stillte damit seinen Hunger und Durst, und es fielen ihm auch noch ein paar in die Tasche. Zufällig griff er, nachdem er schon lange aus dem Gebiet des Geistes heraus war, in die Tasche, fand die Schoten und kernte sie aus. O Wunder, Goldkörner waren die Erbsen! Jetzt wollte sich der Bursche im Leib zerreißen und wäre gern vor Ärger geplatzt wie das Rumpelstilzchen im Kindermärchen, um nur den in sich hineingefressenen Reichtum wiederzuerlangen – allein was einmal durch die Gurgel gejagt ist, ist hin. Spornstreichs rannte der Bursche zurück, den Schotenacker zu suchen und Vorrat zu pflücken. Ja – guten Morgen! Ein durstiger Reisender kam an den schwarzen Teich, den man Rübezahls Teich nennt, und zu dem nicht leicht jemand gelangen mag. Er trank sich satt und füllte seine Reiseflasche mit der kalten Kristallflut. Als er nach ziemlicher Wanderung daraus trinken wollte, war die Flasche sehr schwer, und kein Tropfen floß heraus. Eine steinharte Masse steckte darin, der Reisende zerbrach das Glas und fand darinnen den reinsten goldschimmernden Topas, für den er vieles Gold gewann. Einer sehr armen Frau, welcher der Geist als Bauer mit einem Milchkruge vom Gebirge niedersteigend begegnete, und die ihn um eine Gabe ansprach, gab er den ganzen Krug und riet ihr, von der Milch nur wenig zu trinken, das übrige hinzustellen, sie sauer werden zu lassen und Käse daraus zu machen. Solches tat die gute Frau. Es währte lange, bis die Käse reif wurden und die hübsche gelbe Farbe der Reife annahmen, aber als dies endlich geschah, waren die Käse pures Gold. Drei Handwerksbursche bettelten einen vornehmen Herrn an, der ihnen, in einer prächtigen Kutsche fahrend, im Gebirge begegnete. Er gab jedem eine Gabe, sorglich in Papier gewickelt, mit der Weisung, nicht eher als in der nächsten Herberge diese Papiere zu öffnen. Allein einen davon trieb die Neugierde dennoch – er öffnete, ehe ihm noch die Kutsche aus den Augen war, und fand – zwei verschimmelte Rechenpfennige, für die ihm niemand etwas gab. Der zweite konnte auch die Zeit nicht erwarten, der fand zwei alte böhmische Groschen; der dritte wartete und fand zwei Dukaten. Ein Wurzelgräber fand einen ganzen Haufen voll Mistkäfer und sammelte sie in seinen Ranzen in der Meinung, sie dem Apotheker in Hirschberg zu bringen, daß dieser etwa ein Tränklein gegen die Schwindsucht daraus destillieren könne – die Käfer rauschten und sumsten greulich in dem Ranzen herum, und dieser selbst wurde immer schwerer – das ärgerte den Mann, er gab sein Vorhaben auf und schüttete halbwegs die Käfer aus. Nur zufällig blieben ein paar in den Falten des Ranzen hängen, aber diese wenigen waren, als der Mann nach Hause kam, in Gold verwandelt. Einem Sattlergesellen begegnete eine schöne Kutsche mit sechs Pferden bespannt, aber jedes Pferd hatte nur drei Beine, die Kutsche hatte nur ein Rad, und seltsame Vögel umflogen sie. Der Schmutz der Fahrgleise glänzte wie Gold an dem Rad; der Sattler streifte etwas davon mit den Fingern ab, aber da war es s. v. Dreck wie anderer auch, den er an einen alten Lappen abwischte. Da er aber in die Herberge kam, hingen sechs Dukaten im Schmierlappen. So gehen wohl hundert- und tausendfach die Sagen von des Berggeistes günstiger Laune und seinen guten Gaben im Volke. *   642. Rübezahls Neckereien Mancher hat des Berggeistes Neckereien erfahren und erdulden müssen, die oft von Tückereien nicht wohl zu unterscheiden sind. Ein Wurzelgräber im Gebirge sollte für einen Podagristen Wurzeln suchen, die gut gegen das Zipperlein, konnte aber selbige Wurzeln nicht finden. Ein anderer Wurzelgräber, den er im Gebirge beschäftigt fand, nannte sie ihm und half ihm graben, einen großen Arm voll lange schwarze Wurzeln, die jener freudig zu seinem Besteller trug – aber o Schrekken, plötzlich verwandelten sich alle Wurzeln in Schlangen! Hei, wie rasch hüpfte da der Podagrist aus dem Bette, wie bekam er Beine, wie konnte er laufen! Er war vom Zipperlein befreit auf immerdar. Zu einem Schneider in Liebethal kam der Gebirgsherr in Gestalt eines Landjunkers und bestellte ein feines Tuchkleid, zu dem er das Tuch mitbrachte. Der Schneider schnitt das Tuch sehr reichlich zu, aber mit dem, was er seiner Hölle zudachte, nicht zufrieden, vertauschte er sogar das Tuch und machte von einer geringeren Sorte den Rock des Junkers und sandte ihn an den angegebenen Ort. Als aber nun der Schneider das unterschlagene gute Tuch hervorholte, um für sich selbst ein Feierkleid davon zu machen, siehe, da war's eine alte Schilfdecke, in welcher noch allerlei Lebendiges kroch. Als nun bald darauf das Schneiderlein einen Gang übers Gebirge tun mußte, begegnete ihm der Landjunker, reitend auf einem Ziegenbock, der unaufhörlich meckerte, und fragte ihn, ob er zu ihm wolle und seinen Macherlohn etwa holen wolle für den ausgetauschten Rock. Ob der neue Rock von der Schilfdecke fein in Arbeit sei? Welche Knöpfe er daraufsetzen würde? – und höhnte ihn also aus, daß kein Hund ein Stück Brot von ihm genommen hätte. Seitdem konnte der Schneider keinen Ziegenbock meckern hören, es war ihm immer, als riefe ihm da eine Stimme warnend zu: Meister! Meister! – Ein Tuchhändler verkaufte dem Berggeist, den er für einen dummen Krautjunker hielt, ganz schlechtes Tuch für gutes um die hohe Summe von fünfzig Dukaten. Als er daheim den Beutel zog und das Gold in den Kasten legen wollte, hüpften fünfzig lebendige Mäuse aus dem Beutel heraus, verteilten sich im Hause und zernagten dem Betrüger für mehr als fünfzig Dukaten gutes Tuch. Drei andere Tuchhändler, die nicht betrogen hatten, neckte der Gebirgsherr in gnädiger Laune. Er zahlte in blanken Dukaten, und als sie das Geld daheim ansahen, waren es messingene Zahlpfennige. Erschrocken eilten sie wieder aufs Gebirge und trafen den Herrn vom Berge, als er eben im Begriff war, auszufahren, und gingen ihn an mit beschwerender Rede. Der Geist ließ sich das angeblich falsche Geld zeigen, und siehe, es waren lauter vollwichtige Dukaten. Gleichwohl erbot er sich, die Tuchhändler in Silber zu bezahlen, und nahm seine Dukaten wieder an sich. Als die Geäfften mit ihren Reichstalern fast wieder zu Hause waren, klirrte es so seltsam in ihren Geldbeuteln; sie sahen nach und fanden – alte Topfscherben. O Schrecken! Noch einmal umkehren, wagten sie nun nicht. Am andern Tage aber waren die Scherben wieder in Reichstaler verwandelt. Ein gieriger Steinsucher fand in einer Kluft einen Goldklumpen, der funkelte hell wie Feuer. Rasch griff er danach und brachte nichts hervor als eine Feuerkröte, von der seine Haut an der Hand ganz schwarz ward. Er mußte die Haut abschaben, und da fand sich, daß die Haut, die abging, in lauter dünnes Goldblech verwandelt war. Jetzt wünschte sich der Mann völlig und über und über eine so gute Haut zu sein. Als Schuhmacher zog der launige Gebirgsherr auf nahe Märkte, schlug Buden auf, verkaufte prächtiges Schuhwerk um Spottgeld, besonders für Frauen – ach es ging sich so wunderschön in diesen sanften, weichen anschmiegsamen grünen Schuhen – nur schade, daß sie nach kurzer Weile wie Butter an der Sonne zergingen und das Tuch und Leder dazu auf den Bergwiesen gesammelt war und die Kühe die Fabrikanten sotanen Leders waren. Oder der Berggeist hielt als Schlafmützenmacher feil, machte herrliche Geschäfte, aber hinterdrein waren die Mützen von jenem unnennbaren weißen Stoff, der sonst in den Apotheken unter dem Namen weißer Enzian gehalten und geführt wurde, aber nichts weniger war als die Wurzel der unter diesem Namen offiziellen Pflanze. Einst schlug der neckische Geist zu Warmbrunn eine Bude als Haarkräusler und Perückenmacher auf; wer ihm abkaufte, war betrogen und fand am andern Morgen auf seinem Perückenstock eine Igelhaut, ein Elsternest, eine Atzel von der Haut des Esels samt anhängendem Schwanze an Zopfes Statt, oder von sonstigem Geniste. Einer eiteln und gefallsüchtigen alten Modenärrin hing der Geist eine Büchse Schminke auf, der die Purpurflechte die Farbe und der Veilchenstein vom Gebirgshochrücken den Duft verlieh – aber als die gute Frau sich damit schminkte, wurde ihre Haut braunschwarz gebeizt, wie vom Höllenstein, und mußte es also behalten bis ans Grab und einem Waldschrat ähnlich sehen. Zu einem Bürger in Hirschberg kam der Geist als Holzspalter und bot seine Dienste an; für seine Mühe bedingte er sich eine Trage Holz. Der Bürger wies ihm vier Klaftern Holz zum Spalten an und fragte, da der Mann keine Axt trug: Aber hast du denn keine Axt? – Ach ja, ich habe eine, antwortet der Geist, zieht sein linkes Bein aus dem Leibe und fängt an auf so entsetzliche Art Holz zu spalten, daß dem Bürger Hören und Sehen vergeht und er dem Holzspalter zuruft, er solle sich gleich vom Hofe packen. – Nein, Gesell! rief der Geist, erst muß ich mir meinen Lohn verdienen!, führt fort zu hacken und zu spalten, bis alles Holz klein gemacht ist, dann macht er sich etwas groß, so groß, daß er die vier Klaftern auf einmal auf seinen Rücken laden und davontragen kann, und geht damit lachend von dannen. Zu einem Bauer in Krummhübel, welcher schlachten wollte, kam der Berggeist als Schlächter und erbot sich zu schlachten. Der Bauer fragte, welchen Lohn er verlange. – Ach, mir ist's nicht um Lohn, antwortet der schalkhafte Geist. Laßt mich nur so viel Wurst essen, daß ich satt werde! – Das war der Bauer gern zufrieden, denn er dachte, es steht geschrieben: Du sollst dem Ochsen, der da drischet, das Maul nicht verbinden, und dieser Kerl ist ein Ochse. – Da nun die Schweine alle geschlachtet und die Würste gekocht waren und das Essen losging, so begann der Berggeist seine Mahlzeit und speiste eine Wurst, und noch eine, und noch eine – nun meinte der Bauer, es sei genug; aber sein Schlächter hatte daran noch lange nicht genug, er fraß fort und fort, fraß einhundertundfünfzig Würste, dann sah er sich nach mehr um, und als er keine Würste mehr erblickte, so wischte er sich das Maul, sagte: Es ist doch schade, daß wir so wenige Würste gemacht haben! Schlachtet fein bald wieder! – und verschwand. Bauer und Bäuerin und auch die Kinder weinten bitterlich, als sie sich also hinters Licht geführt sahen, um die schönen Würste; wie sie aber die Schinken hinauf in die Räucherkammer trugen, siehe, da hingen die hundertundfünfzig Würste, und war ein Staat, sie anzusehen. Da war große Freude. *   643. Rübezahls Pferde Daß der Gebirgsherr gern sechsspännig fuhr gleich andern Selbstherrschern, ist schon erwähnt worden. Einst begegnete er mit einem solchen Pferdezug Schimmel einem schwedischen Obristlieutenant; es war zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges, und die Schweden liebten gerade wie die Kroaten alles, was nicht ihre war, doch war just ein Waffenstillstand, daher mochte der Schwede offenbaren Raub nicht wagen. Er ritt also mit seinem Gefolge zu der Kutsche des vermeinten schlesischen Edelmannes an den Schlag, lüftete ein wenig seinen Federhut und sprach: Meinem Herrn dürfte wohl belieben, seine Schimmel gegen einige unsrer Troßpferde zu vertauschen. Wir müssen noch mehrere Meilen reiten, und unsere Pferde sind abgemattet; der Herr fährt doch wohl nur in die nahe Stadt. Auf dem Rückweg tauschen wir dann seine Pferde gegen die unsern wieder aus. – Der Berggeist zeigte sich als einen Kavalier von höfischen Sitten; er lüftete ebenfalls in etwas sein dreieckiges Hütlein und sprach: Meine Schimmel stehen ganz zu meines Herrn beliebigen Diensten, ich bin des Tausches wohl zufrieden. – Jetzt gab der Obristlieutenant heimlich Befehl, die sechs allermiserabelsten Kracken von seinen Pferden vor die Kutsche des Landjunkers zu spannen, und das Herz im Leibe lachte ihm, als er die schönen Schimmel sah, die nun sein waren, denn eine Rückgabe derselben fiel ihm nicht im Traume ein. Man trennte sich unter höflichen Begrüßungen. Als aber am andern Morgen in der Herberge des Obristlieutenants Wagenmeister die Schimmel wieder anschirren wollte, da waren sechs große Bündel Stroh an die Krippe gebunden, und die Schimmel hatten in aller Stille Adjeu gesagt. *   644. Rübezahls Baum Einem Bauer befahl sein Edelmann als gestrenger Junkherr, ihm eine große Eiche aus dem Walde zu holen. Der Bauer spannte sein Pferd an den Wagen und fuhr in den Wald, befand aber gleich, daß es eine Sache der Unmöglichkeit, den großen dicken Eichbaum nur auf den Wagen zu heben, geschweige mit einem Pferd denselben von der Stelle zu bringen, hatte aber doch seines ungnädigen Junkherrn Zorn und Strafe zu fürchten und wehklagte laut im Walde, als wolle er gleichsam die Bäume um Hülfe anflehen. Da kam ein Mann in Jägertracht durch den Wald und fragte dem Bauer sein Herzeleid ab und tröstete ihn und sagte, er möge nur leer heimfahren, er wolle mit Hülfe seiner Kreiser und Holzleute ihm den Baum ohne Entgelt an Ort und Stelle zum Junker schaffen. Dem Bauer fiel ein großer Stein vom Herzen, und er zog fröhlich heim, der Berggeist aber hob sich nachts die Eiche mit all ihren dicken Ästen auf den Rücken und trug sie vor des Junkers Haustüre, welche der mächtige Stamm so versperrte, daß niemand aus und ein konnte. Nun war es eine Lust, zuzusehen, wie der Junker zum Fenster heraus kommandierte, seine Leute sollten den Baum gleich wegschaffen; der lag fest wie von Eisen; nun rief der Junker, sie sollten doch den Baum entzweisägen und spalten, damit Platz vor der Türe werde, aber da zersprangen die Äxte, wie wenn sie von Klingstein gewesen wären, und die Sägen büßten alle ihre Zähne ein und waren nicht schärfer als ein Fiedelbogen. Die Eiche war oder schien versteinert, sie blieb vor des gestrengen Junkers Hause liegen, und dieser mußte eine neue Türe in sein Haus brechen lassen, welcher kleine Bau viele Bauhandwerker, Maurer, Zimmerer, Schreiner, Schlosser und Tüncher erforderte, vielen Ärger verursachte und dreimal so viel kostete, als die Eiche wert war. Eine ganz ähnliche Sage geht auch in den Niederlanden von einem Hülfsgeist, der einem überstrengen Junker einen Baum vor die Türe warf, daß niemand aus und ein konnte. Dies mögen der umgehenden Sagen von Rübezahl, deren es allzu viele gibt, genug sein. Die allbekannte Sage vom Rübenzählen ist keine, sie ist ein Hervorbringnis der neueren Zeit, das Volk kennt sie erst durch neuere Bücher und Reisende, und alte Schriften, die des Rübezahls gedenken, erwähnen ihrer mit keinem einzigen Wort. *   Ein schlesischer Zecher 645. Ein schlesischer Zecher Wie Ritter Boos von Waldeck und der letzte Graf von Klettenberg sich im Trinken mannlich wohlgetan, so hatte auch das gottgesegnete Land Schlesien seine wackern Kumpane, die einen guten Stiefel vertragen konnten. Solche gebar vornehmlich das vieledle Geschlecht der Herren von Schweinichen auf Schweinhaus, deren Ahnherr ein Enakssohn an Kraft und ein Nimrod als gewaltiger Jäger war. Er nahm einen wilden Eber, der auf ihn anrannte, bei den Ohren, zausete und schüttelte ihn, bis ihm die Wildheit verging, warf ihn dann wie einen Mehlsack über die Schulter und trug ihn heim. Dafür wurde er aber auch der Schwager der Böhmenkönigin Libussa, deren Schwester Kascha ihn mit ihrer Hand beglückte. Einen Abkömmling dieses Ahnherrn, Heinrich von Schweinichen, brachte, wie alte Kunden melden, nicht Schwert noch Lanze, noch Acht noch Bann zu Falle, »nur denen patribus Kellermeistern zu Leubus und Grüssau gelang dieses bisweilen durch unverdrossene Aufwendung ihrer edelsten und besten Kräfte,« die in den Fässern ruhten. Ein späterer Erbe, Burgmann von Schweinichen, Herr auf Schweinhaus, Kolbnitz, Hohendorf, Wolframsdorf, Liebenau und Hohenfriedberg, hatte ein Mundbecherlein, welches gerade eine gütliche Kanne faßte, daran stand der Trinkspruch: Ich will daz di minen Uf ere sich bienen. Er selbst biente (stützte) sich auf Ehre, auf Fechten und Trinken und wurde hundertundzehn Jahre alt. Hans von Schweinichen hat durch eine selbsteigene Lebensbeschreibung dargetan, daß er als ein echter Apfel nicht weit vom Stamme des »alen Säuhäusel« gefallen war, wie das Volk die Stammburg Schweinhaus nannte. Auf dem Edelsitz Herren-Motschelmitz bei Wohlau saß und lag auch wohl bisweilen Herr Georg Wilhelm von Schweinichen, ein Meisterkünstler in der alten deutschen Trinkekunst. Einst saß der Edle mit vielen Zechkumpanen bei Tafel; unter den Gästen war ein Pole, der auch eine gute Klinge schlug, ganz voll von dem prahlhansigen Wesen, das seinem Volke eigen ist. Derselbe vermaß sich eines hohen Dinges, er wolle jeden Schwab unter den Tisch trinken. Die Polen nennen nämlich jeden Deutschen ganz wegwerfend Schwab und verachten ihn aus Herzensgrunde. Das Gelag hatte schon vier Stunden gewährt, die Köpfe waren warm; der Herr des Hauses fühlte sich verpflichtet, für die deutsche Nationalehre einzustehen, und sprach: Beliebe der Herr Graf eine Wette einzugehen! Wir wollen einmal deutsch und polnisch miteinander trinken. Eintausend Dukaten gegen des Herrn Equipage mit dem Sechsgespann! – Topp! rief der Polak. – Vierzig Flaschen Tokaier auf den Tisch! rief Herr Georg Wilhelm von Schweinichen. Als die Flaschen standen, hub der biedere Deutsche an zu trinken. Eine Flasche Tokaier auf einmal trank er dem Polen vor – der Pole trank sie gemütlich nach; die zweite, dritte, vierte, fünfte – der Pole trank nach; noch einmal fünf, und noch einmal fünf, und noch einmal fünf – der Pole trank sie nach mit ruhigem Gleichmut. Zwanzig Flaschen Tokaier waren von jedem der Kämpfer vertilgt, und der Pole hatte sie tapfer nachgetrunken und stand unbesiegt. Heldenmut muß man auch am Feinde rühmend anerkennen. Alten Rheinwein her! rief Herr Georg Wilhelm von Schweinichen, es geht zu langweilig mit den Flaschen! Einen Pferdeeimer voll! – Der Rheinwein strömte aus vollem Faß in den Eimer bis zum Rande; Herr Georg Wilhelm faßte ihn mit geschickter kräftiger Hand, hob ihn zum Munde und ließ ihn ohne Absetzen und ohne Pause hinuntergleiten, sich dem Ungar zu vermählen. Und mit Erstaunen und Grauen Sahen's die Edeln und Edelfrauen, Und gelassen gab er den Eimer zurück. Aufs neue quoll die Rheinrebenflut in den Eimer; Herr Georg Wilhelm nahm ihn, schritt mit festem Tritte, ohne daß ein Tröpflein überschwankte – der Schauplatz dieser vaterländischen Heldentat war im Schloßhofe – auf seinen Gegner zu und bot ihm den Kampftrunk. Totenblässe lagerte sich auf des Polen Gesicht – er schlug ein Kreuz, winkte mit der Hand und schritt lautlos aus dem Tore; höflich, den Eimer im Arme, gab Herr Georg Wilhelm von Schweinichen dem vornehmen Gast das Geleite und schaute mit vergnügtem Blick auf die gewonnene Karosse mit ihrem herrlichen Sechsgespann, als siegreicher Retter der Trinkerehre des geliebten deutschen Vaterlandes. Hernachmals ward dieser Heldenkampf mit allem Zubehör als schönes Schnitzwerk über dem Marstall zu Schloß Herren-Motschelmitz angebracht, allwo es noch bis diese Stunde Zeugnis davon gibt, was ein Schweinichen zu leisten vermochte. *   646. Der güldne Esel Wie Städtlein im kleinen und Völkerschaften im großen einander bisweilen gegenseitig mit Spottnamen beehren oder zudecken, wie die Schweizer Kühmelker heißen und andere anders, so haben auch die Schlesier ihr Teil empfangen, und nicht das schönste, sie hießen sonst Eselsfresser, dieweil sie den ersten Esel, welcher in ihr Land kam, für einen großen Hasen sollen angesehen, geschlachtet, gebraten und verzehrt haben. Dieser etwas ungeschlachte Scherz soll aber in etwas ganz anderem Grund und Ursprung haben. Bei Brieg an der Oder liegt ein Bergzug, darin sind reiche Goldgruben, und dieser Bergzug wird der güldne Esel genannt, und wer nur von diesem recht viel zu zehren, und zu zechen hätte, der möchte sich in Gottes Namen einen Eselsfresser nennen lassen. In diesem Berge soll der Sage nach wirklich ein güldner Esel stecken, wie im thüringischen Gebirg bei Goldlauter ein güldner Hirsch. Viele haben schon nach diesem Füllen gegraben, es aber nie gefunden. Im Dreißigjährigen Kriege hat einmal ein schwedischer Feldobrist zu Brieg gelegen, der hatte von dem Goldhort gehört und ließ fleißig nachgraben, hätte gar zu gerne das güldne Eselsfüllen aus Schlesien hinaus- und nach Schweden hineingeritten. Auf einmal langte ihm das Glück einen Finger hin – die Arbeiter fanden im tiefen Gang eines Kellers in der Tat ein Eselsfell – und in dem Fell stak ein Schatz von vielen hundert Dukaten. Es war auch eine Schrift dabei, die lautete: Gold ist mein Futter – Nah dabei liegt meine Mutter. Da erwachte ein noch größerer Eifer, zunächst diesem prächtigen Eselsfüllen auch die Mutter desselben zu finden – sie gruben und gruben – da krachte mit einem Male die Mauer zusammen und begrub die Gräber und den Schatz. – Beim Dorfe Fischbach liegt der Kittnerberg, da steht auch ein güldner Esel drin. Findet ihn einer, dann wird Fischbach eine Stadt und der Eselsfinder derselben erster Bürgermeister. Schade, daß es ein goldner Esel sein muß. *   647. Kinderandacht Wie schon im Mittelalter die Kinderzüge in Thüringen, deren schon gedacht ist, hervorgingen aus einem unerklärten Trieb, der plötzlich erwachte und bewog, in Massen das Ungewöhnliche, Seltsame zu tun, so ist es auch in Schlesien in viel jüngerer Zeit geschehen, daß im Jahre 1708 eine Sucht und ein Trieb plötzlich die Kinder befiel, sich andächtig zusammenzuscharen, und geschahe dies in den verschiedenen Fürstentümern, Graf- und Herrschaften des Landes an einem und demselben Tage, und zwar in noch rauher Jahreszeit, am 14. Februar. Da strömten die Kinder aus Städten und Dörfern am frühen Morgen heraus auf das freie Feld, ohne daß jemand sie lockte, Knaben und Mägdlein von sechs bis zu vierzehn Jahren, schlossen Kreise und wählten in jedem einen Vorsänger. Als dieses geschehen war, gab jedweder Vorsänger ein Zeichen, da haben sich die Kinder auf die Erde niedergeworfen und sich mit dem Angesicht zum Boden gebeugt und haben ein stilles Vaterunser gebetet. Darauf sind sie wieder aufgestanden und haben angehoben, die schönsten Lieder zu singen, unter andern: Liebster Jesu, wir sind hier – oder: Es ist gewißlich an der Zeit – oder: Nur nicht betrübt, solang dich Jesus liebt. – Sodann hat der kleine Vorsänger auch gepredigt und gebetet, und zwar knieend, Psalmen oder Gebete, welche sich auf die Zeit schickten – dann wurde der Segen und ein Schlußlied gesungen, sowie beim Auseinandergehen die Zeit um elf Uhr vormittags und drei Uhr nachmittags zur Wiederzusammenkunft am nächsten Tage bestimmt und allen angesagt. – So fest hielt diese eifervolle Andachtsucht die Kinderherzen in Banden, daß sie sogar gegen der Eltern Gebot und Willen davonliefen, ihre Andacht zu halten, und es mußten Zwangsmaßregeln ergriffen werden, diese wunderseltsamen freien Versammlungen zu verhindern und die jungen Schwärmer auf die Andacht in Haus, Schule und Kirche zurückzuführen, als wohin sie gehörten. – Und erinnert das an die Wallfahrtsucht der Knaben von Schwäbisch-Hall im Jahre 1448. *   648. Vom Zobtenberge In der Nähe der Stadt Schweidnitz erhebt sich ein Bergstock voll schauriger und malerischer Naturschönheit wie voll Sagen, der Zotten- oder Zobtenberg, genannt der schlesische Wetterhahn. Dieser Berg soll innerlich voll ungeheurer Schätze sein. Eine Raubburg krönte seinen Gipfel, in ihr hauste ein Ritter, den hieß man nur den Hammerschlag; er führte kein Schwert, sondern schlug die Menschen mit einem Hammer tot, und keiner, den er traf, überlebte den dritten Schlag, wenn er nicht schon am ersten genug hatte. Endlich ermannte sich der Mut der Schweidnitzer Bürgerschaft zur Abwehr, die Burg ward erstürmt, und ihre Trümmer begruben ihren Herrn und seine Hauptrottgesellen. Die sitzen nun tief in des Berges Schoße als Büßer ihrer Untaten. Einstens, im Jahre 1570, geschahe es, daß eines Sonntags ein Bürger aus Schweidnitz, Johannes Beer genannt, einen Spaziergang auf den Zobten machte, wie er schon öfters getan, und da sah er von ohngesähr eine früher noch nicht erblickte Öffnung, aus der ein Luftzug strömte. Es verwunderte ihn das, doch ging er nicht hinein, sondern wieder nach Hause, aber die Höhle kam ihm Tag und Nacht nicht aus den Gedanken. Am nächsten Sonntag ging Johannes Beer wieder auf den Zobten hinauf, fand die Öffnung und wagte sich hinein. Er kam in einen Felsengang und in eine Grotte, in die er nach dreimaligem Klopfen durch eine Türe trat, aus welcher durch eine Glasscheibe ein heller Lichtschein strahlte. In der Höhle stand ein Positiv mit silberner und goldner Klaviatur. Darauf spielte Beer, und es gab einen gar wundersamen feierlich erhabenen Klang. Und da ward er eines runden Tisches gewahr mitten in der Höhle, daran saßen drei lange, bleiche, ganz abgemergelte alte Männer in ritterlicher Haustracht und mit Baretten auf ihren Häuptern, mit bekümmerten Mienen und zitternd. Vor ihnen auf dem Tische hat ein großes goldbeschlagenes Buch gelegen, gebunden in schwarzen Samt. Zu diesen Männern sprach Johann Beer: Pax vobis! – Darauf antworteten die Alten aus einem Munde schauerlich: Hic nulla pax. – Noch einmal, den Männern näher tretend, rief Beer: Pax vobis in nomine domini! – aber mit matter Stimme und erzitternd flüsterten eintönig die Greise: Hic non pax. – Da trat Beer ganz nahe heran zu dem runden Tisch und sprach noch einmal: Pax vobis in nomine domini nostri Jesu Christi! – Darauf antworteten die Alten gar nicht, sondern deuteten auf das schwarze Buch, schlugen es auf und zeigten dessen Titel, welcher lautete: Liber obedientiae, Buch der Buße. – Wer seid ihr Männer? fragte Beer. – Wir kennen uns selbst nicht! antworteten jene. – Was tut ihr hier? fragte er weiter. – Wir erwarten das Jüngste Gericht und den Lohn unserer Taten hier in Schrecken! scholl die Antwort. – Welche Taten sind das? war die Weiterfrage. – Da wiesen sie auf eine Seitengrotte, vor der ein Vorhang sich hinwegzog, und darin lagen und hingen tödliche Waffen, Hirnschädel, Knochen und ganze Menschengerippe. – Bekennet ihr euch zu diesen Werken des Mordes? – Ja! – Erkennet ihr sie für gute oder böse? – O böse, böse! – Und sind sie euch von Herzen leid? – Wir wissen es nicht, frage nicht weiter! sprachen noch einmal die Alten und erzitterten heftiger denn zuvor – und Johannes Beer empfand ein tiefes Grauen und eilte aus der Höhle des Zobtenberges zurück. Nie fand er sie hernachmals wieder. *   649. Der Kopf des Ratsmannes Lange sah man und sieht vielleicht noch immer am Rathaus zu Schweidnitz einen steinernen Kopf als Gedenkzeichen einer schrecklichen Strafe. Es war ein bejahrter Ratsmann allda, vom Teufel des Geizes besessen, der hatte eine Dohle, und die richtete er ab, daß sie aus seinem Fenster hinüber durch eine ausgebrochene Glasscheibe in die Ratskämmerei flog und Geld herübertrug, welches in dem wohlverwahrten Zimmer zum öftern auf dem Tische unverschlossen liegen blieb. Lange nahm man diesen Raub nicht wahr; endlich, da fort und fort fehlte, ward der Räuber entdeckt. Hierauf wurde gezeichnetes Geld hingelegt, und auch dieses holte nach und nach die Dohle. Damit ward denn der Ratsmann leichtlich des Raubes überführt und ihm, obwohl er schon bei hohen Jahren, eine entsetzliche Strafe zuerkannt. Er sollte auf den hohen Kranz des Rathausturms gebracht werden und von da heruntersteigen oder auch, so er das nicht vermöge, droben bleiben und verhungern. Mit Angst und Zittern stieg er hinauf und begann das gefährliche Heruntersteigen, das gelang aber nur eine geringe Strecke abwärts, da kam er auf ein steinernes Geländer und konnte nicht weiter, weder vor noch hinter sich, und blieb allda stehen und hatte nicht Obdach, nicht Trank noch Speise, nagte vor wütendem Hunger das eigne Fleisch sich ab und stand zehn Tage und zehn Nächte, bis der Tod sich sein erbarmte, denn die Menschen erbarmten sich seiner nicht. Darauf ward hernach sein steinern Abbild samt der Dohle auf die Stelle seines Todes gesetzt, aber ein Sturm warf dies Denkmal unerhörter Grausamkeit vom Turm, und es blieb nur der Kopf davon ganz und wurde aufbewahrt. *   650. Reichenbachs Ursprung Die Stadt Reichenbach, so zwischen dem Eulengebirge und dem Zobtenberge liegt, leitet ihren Ursprung aus sehr frühen Zeiten ab. Schon im Jahre 300 nach Christi unsers Herrn Geburt kam ein Römerfeldherr des Namens Lucca, der vielleicht auch Lucka in Meißen gründete, gefolgt von Franken und Wenden in diese schlesische Gegend, schlug Lager allda und erbaute in einem Walde, darin ein Bild des alten Slawengottes Swantewit stand, einen Tempel. Auf diesem Gefilde war es auch, bis wohin die räuberisch in Deutschland eingebrochenen Hunnenhorden nach der Merseburger Siegesschlacht im Jahre 925 durch Duno von Askanien und Siegfried von Ringelheim verfolgt und schier gänzlich aufgerieben wurden. Als die Hunnen sahen, daß kein Entrinnen war, versenkten sie ihre Schätze in den Klinkenbach, allein ein Heerführer Kaiser Heinrichs I. des Namens Funkenstein erfuhr dies und fischte den Bach für seinen Herrn aus, welcher ihm gebot, eine Stadt dorthin zu bauen. Vom reichen Fund im Bach wurde diese Stadt Reichenbach genannt. *   651. Die Tanzwütigen zu Reichenbach Die Volkskrankheit der Tanz- und Springewut, die man im Mittelalter St. Veits- und St. Johannistanz nannte, und die sich oft in entsetzlicher Weise zu verschiedenen Zeiten und in verschiedenen Gegenden offenbarte: die Tänzer zu Kolbeck (Kolbig) im Jahre 1021, der Erfurter Kindertanz nach Arnstadt 1237, Tänzer zu Utrecht 1278, die auf einer Brücke tanzten, welche brach, so daß sie alle ertranken; die Aachener Tanzfahrt 1374, die sich im ganzen Niederland verbreitete, die gleichzeitig Tanzwütenden zu Köln und zu Metz, wo Sinnenwut und Sinnenglut vereint schamlos walteten; die Tanzplage zu Straßburg 1418 und an andern Orten, die Adamstänzer in Böhmen usw. – Diese Volkskrankheit kam noch im sechzehnten Jahrhunderte zur Erscheinung, und zwar zu Reichenbach, zwei Meilen von Schweidnitz. Dort war ein Mann des Namens Vierscherig, der hatte fünf Kinder, davon die ältesten, ein Mägdlein, Barbara mit Namen, dreizehn Jahre alt, ein Knäblein neun und wieder ein Mägdlein sieben Jahre alt waren. Die wurden am Palmsonntag 1551 allzumal von der Tanzwut erfaßt, begannen wunderlich und seltsam zu tanzen und zu springen, wie noch niemand erhört und ersehen und in unbegreiflicher Weise, und tanzten Tag und Tag sieben bis acht Stunden in die Quere und in die Länge hin und her, in alle Winkel, aus der Stube in das Haus und aus dem Haus in die Stube immer springend und drehend, daß sie grausam müde wurden, schnaubten und keuchten, so daß es niemand verwundert hätte, wenn sie auf der Stelle tot niedergefallen wären. Und wenn sie vor Ermattung nicht mehr stehen konnten, drehten und wirrten sie mit den Köpfen an der Erde, als wenn sie auf denselben tanzen wollten; endlich haben sie dann eine Zeitlang geschlafen und gelegen wie für tot. Wenn sie wieder erwachten, heischten sie bisweilen etwas zu essen, dann begannen sie wieder zu hüpfen und zu springen und zu tanzen, Tag und Nacht, wie es sie ankam, redeten wenig und lachten unterweilen alle zugleich. Ein Pfarrer wollte ihnen von der Sucht helfen mit geistlichem Zuspruch und nahm sie neun Tage zu sich in das Haus, es war aber ganz vergebens. *   652. Teufelsgraben Nahe Rappersdorf zwischen Strehlen und Wansen in Schlesien ist ein tiefer Graben, der sich nach dem Krühnwasser zieht, das dort in die Ohlau fällt; dieser wird der Teufelsgraben genannt. Ein Bauer, dessen Felder allzu oft von Wasserüberschwemmung litten, welches Wasser auf den Feldern allzu lange stehen blieb, stand eines Abends ratlos und verzweifelnd an seiner Gemarkung und wußte seines Leides keinen Rat. Da trat im Dämmerlicht ein dunkler Fremder zu ihm und sprach: Was seufzest du? Du seufzest über das allzu viele Wasser! Andere wären froh, hätten sie deinen Überfluß. Überlasse mir sieben deiner Knechte, so will ich mit ihrer Hülfe dir das Wasser ableiten, ehe der Tag graut. – Das war der Bauer wohl zufrieden, er gebot alsbald sieben Knechten, auf zu sein und dem Fremden dienstbar, und der wählte sich sieben aus, die ihm nicht unbekannt waren, die ärgsten Flucher, die schlimmsten Spieler, die größten Schlemmer. Sie aber murrten und wollten, weil es Nacht, nicht arbeiten; da sagte der Bauer: Wollt ihr nicht gehorchen, so geht zum Teufel! – da gingen sie. Am andern Morgen war der Graben fertig, groß und breit und lang, und die Felder waren wasserfrei. Aber die Arbeiter kehrten nicht wieder heim. Bis Köchendorf und Bankau fand man auf den Feldern ihre zerstückten Glieder. Sie waren zum Teufel gegangen. *   653. Der Glockenguß zu Breslau Zu Breslau, dem einen Auge Schlesiens, wie die Stadt vor alters genannt ward – das zweite ist Liegnitz –, wurde für den Turm der Kirche Sankt Magdalena eine Glocke gegossen. Alles war zum Guß bereit, als der Meister sich für kurze Zeit erst noch einmal entfernte und dem Lehrjungen streng verbot, etwas anzurühren und beileibe nicht das Metall in die Form auslaufen zu lassen. Aber die schlimme Neugier trieb den Jungen an, am Zapfen zu atzeln, und unversehens strömte das geschmolzene Metall heraus und in die Form hinein und füllte sie ganz aus. Zum Tod erschrocken und zitternd kam der Junge zum Meister und bekannte es, und den Meister ergriff der Zorn allzusehr, so daß er sein Schwert zog und den Jungen niederstach, wie der Glockengießer zu Attendorn seinen Gesellen. Dann eilte er hin in das Gießhaus und sah nach und glaubte den ganzen Guß mißlungen; aber siehe, er war herrlich wohlgeraten. Da reute ihn die übereilte Zornestat, die sich nicht verhehlen ließ; bald darauf saß er im Kerker und empfing sein Urteil, das lautete: Tod durch das Henkerschwert. Inzwischen seiner Haft zog man die Glocke auf, und als es nun dahin gedieh, den armen Sünder zur Richtstatt zu führen, da bat er flehentlich, man möchte ihm noch die Gunst erzeigen und seiner Glocke Ton ihm zum letzten hören lassen. Dies geschah, und da mag wohl die Glocke einen Ton gegeben haben wie die Krempner: Schad um den Jungen! Schad um den Jungen! Hernach ist die Glocke stets geläutet worden, wenn ein armer Sünder vom Rathaus fort und zum Hochgericht geführt wurde. Es ist eine große schwere Glocke, die funfzig Schläge von selbst schwingt, wenn sie auf funfzig Schläge gezogen worden. Im Dom zu Breslau hat immer eine Glocke von selbst geläutet, wann ein Kanonikus sterben sollte, auch fand man im Chorgestühle auf eines solchen Platz stets eine weiße Rose. *   654. Habedank. Als Kaiser Heinrich V. mit dem Polenkönig Boleslaus Krieg führte und Polen gern seinem Szepter unterwürfig machen wollte, schickte letzterer eine Gesandtschaft stattlicher Männer an den Kaiser um Friedenswerbung. Der Kaiser empfing diese Abgesandten gut und zeigte ihnen unter andern auch seinen Schatz, ließ aber dabei doch einigen Stolz blicken und sagte: Hier ist Vorrat, Polen zu zähmen! Dieses Prahlen verdroß die stolzen Sarmaten und war ihnen unerträglich, daher zog der Erste unter ihnen, Graf Skarbik, einen kostbaren Ring vom Finger und warf ihn in des Kaisers Schatzkasten, indem er sagte: Aurum adjiciatur auro! Gold zu Golde – und deutete damit an, daß auch Polen und sein König des Goldes genug habe, um Krieg zu führen, und daß sie sich nicht auf Gold, sondern auf ihre Schwerter verließen. Der Kaiser verstand auch gar wohl den Sinn der Rede, antwortete aber sehr ruhig: Habe Dank! Habe Dank! – und warf den Deckel seines Schatzkastens ins Schloß. Davon hat hernach der Pole samt seinen Nachkommen den Beinamen Habedank erhalten. *   655. Sagans Name An der äußersten Westgrenze Schlesiens, am Bober, wohnte ein Mann, der beherrschte die Gegend und bewachte den Übergang über den Bober und nahm Zoll von den Reisenden, fast so schlimm wie jener Riese an der Scheide. Wenn nun einer kam, so rief er jedesmal: Sag an, woher? Sag an, wohin? Sag an, was führst du? – und nannten ihn die Leute rings im Gau den Herrn Sag an. Da nun die Stätte schön und fruchtbar gelegen war, so bauten sich andere auch an und wurden Herrn Sagans gute Nachbarn und desgleichen, und ward allmählich ein Ort, und aus dem Ort ward eine Stadt, die denselben Namen behielt bis auf diesen Tag. Als Sagan eigne Herzoge gewonnen hatte, taten einst einen derselben die Domherren zu Glogau in den Bann, weil sie ihm nicht gehorsam sein wollten. Da bot er ihnen friedlichen Vergleich, und da sie zu ihm in sein Schloß, als zu einem Gebannten, nicht kommen durften und würden, lud er sie zum Zwiegespräch und zur Unterhandlung auf die Boberbrücke. Kaum waren die Domherren auf der Brücke, so fielen hinter ihnen die Dielen in das Wasser, denn es waren unter der Brücke auf des Herzogs Geheiß Fischer versteckt, welche schon alles so vorgerichtet hatten. Darauf redete der Herzog die Canonici sehr ernst an und fragte: Jetzt, ihr Herren, saget kurz und rund, wollt ihr euch fügen oder nicht? Wollt ihr singen oder wollt ihr springen? – Singen, Herr, singen! antworteten die bestürzten Chorherren und fügten sich gütlichem Vergleiche und lösten den Herzog vom Banne, um sich selbst zu lösen, und sangen wieder im Chor Horas und Vigilien, Vespern und Metten. *   656. Die heidnische Jungfrau zu Glatz Zu Glatz saß als Herrin der Herrschaft und des Gaues in den Heidenzeiten eine Jungfrau, die führte ein üppiges Leben und ist eine Zauberin gewesen, auch also kräftig, daß sie zum öftern zur Kurzweil ein starkes Hufeisen mit den Händen zerriß. Sie war auch eine so geübte Schützin, daß sie mit einem Pfeil aus ihrem Ranzenbogen vom Schlosse zu Glatz bis zur großen Linde bei Eisersdorf an der Grenze schoß. Einstmals wettete sie mit ihrem Bruder um etwas Hohes, wer am weitesten schießen könne; da schoß der Bruder kaum den halben Weg; darauf wurden an dem Ort, dahin die Jungfrau getroffen, zwei hohe spitze Steine zum Denkzeichen aufgerichtet, die lange gestanden haben. Da aber das Leben der Jungfrau ein verrufenes war, so wurde ihr nach dem Leben getrachtet, sie entging aber mittels ihrer Zauberkunst den Nachstellungen lange Zeit. Endlich wurde sie gefangen und in einen großen Saal beim Tor, wo man vom Niederschloß ins Oberschloß geht, eingemauert, alldort wurde ihr Bildnis, in einen Stein ausgehauen, der Mauer einverleibt, das noch gezeigt wird. Auch im grünen Saal des Schlosses war der Jungfrau Bild fein gemalt zu sehen, und in einem alten Kapellchen aus der Heidenzeit ward ihr Haar gezeigt, das war schön und gelb und hing an einem Nagel so hoch, daß nur ein großer Mann, auf dem Boden stehend, es erreichen konnte. Oft noch ward diese heidnische Jungfrau im Schlosse erblickt als ein umgehendes Gespenst, doch unschädlich denen, die es nicht verhöhnten oder beleidigten oder Verlangen trugen, das Haar hinwegzunehmen. Ein Soldat, der solches tat, empfing von ihrer kalten Hand einen Backenstreich, daß ihm die Wange blitzblau blieb all sein Lebetage. Ein anderer, der wirklich das Haar hinweggenommen, wurde vom Gespenst der Jungfrau gekratzt, gekrempelt und gar übel zugerichtet, bis es sein Rottgesell auf sein Flehen wieder an Ort und Stelle trug und hing. Die Forscher haben sich sehr zersonnen, wer die Jungfrau eigentlich gewesen und wie sie geheißen, und haben glücklich herausgebracht, daß sie die Böhmenkönigin Libussa nicht gewesen, deren Schwester Kascha oder Tetka aber auch nicht. Wanda, die Polenregentin, die im Jahre Christi 728 usw. herrschte, soll es auch nicht gewesen sein; daß es aber die zauberische Wlaska, die den böhmischen Mägdekrieg angezettelt, war – steht sehr in Zweifel. In Summa ist so viel ganz gewiß, daß man, wer jene Jungfrau gewesen, so recht eigentlich nicht wissen kann, wie mit der Höhe des Berges Sinai und vielen andern Dingen der gleiche Fall. *   657. Die Linde der Sibylle Eisersdorf, dahin die Heidenjungfrau auf dem Schlosse zu Glatz mit ihrem Bogen schoß, liegt von Glatz eine gute böhmische Meile am Flüßchen Viele. Dort stand eine große uralte Linde, die war weit und breit berühmt; sie sollte so alt sein als der Heidenturm auf dem Schlosse zu Glatz. Wenn sie auch wegen hohen Alters von Zeit zu Zeit einmal verdorrete, so grünte sie doch immer wieder von neuem aus. Auf dieser Linde saß die Sibylle und weissagte viel von künftigen Dingen der Stadt Glatz. Der Türke werde gen Glatz kommen, und wenn er durch die steinerne Brücke hinein auf dem Rink seinen Einzug halten werde, so würde er eine große Niederlage erleiden, weil ihm die Christen aus dem Schlosse herab entgegenziehen und auf dem Markt ihn erlegen würden. Bevor aber solches geschehe, werde zuvor ein ganzer Haufe Kraniche durch die Brotbänke fliegen. – Daß die heidnische Jungfrau zu Glatz diese Sibylle selbst war, scheint denen nicht beigefallen zu sein, die nach ihrem Ursprung und Namen forschten; es ist aber etwas Wundersames um den Zusammenhang des Redens und Sagens von einer Sibylle und deren Weissagung vom Türken im deutschen Volke, denn es gibt der Orte mehrere, von denen gerade die Sibylle geweissagt haben soll, auf ihnen werde der letzte Türke erschlagen werden, unter andern zu Eiba bei Saalfeld in Thüringen, da soll der letzte Türke in einem Backofen verbrannt werden, wie im Werratale, wo auf der Borchfelder Brücke der letzte Sultan enden soll. Auch im Vogtland, am Rhein und anderorts ist diese Sage lebendig. Zu Bamberg geht die Weissagung, die Türken würden ihre Pferde noch aus dem Rhein saufen lassen, wo Gott vor sei! Auch in Schwaben ist eine Sibyllenhöhle. *   658. Der Wunderbrunnen zu Lomnitz Nicht gar weit von Glatz am Habelschwerdter Gebirge und nur zwei Meilen von den Quellen der kleinen Elbe war ein Wunderbrunnen, Glomuzi geheißen, zu dem war schon in den Heidenzeiten viel Zuströmens und Wallfahrens, weil selbiger Brunnen allerlei Wunderzeichen tat. Wenn das Land guten Frieden haben sollte und die Früchte wohl geraten sollten, da schwamm es auf dem Wasserpfuhl voll Weizen, Hafer und Eicheln und erfreute den Leuten, die dorthin gewallt waren, Augen und Herzen. Sollte es aber Krieg und Sterben geben, so schwammen auf demselben Brunnen Blut und Asche, des Krieges und Sterbens schreckliche Zeichen. Da baute sich um den Wunderbrunnen allmählich ein Ort an, und der soll Altlomnitz sein und den Namen von dem Brunnen Glomuzi nach der bekannten Wortwurzelgrabekunst haben: Glomuzi, Lomuzi, Lomitschi, Lomnitz. Weit eher könnte die Stadt Chlumecz im Budiner Kreis, zwei Meilen von Elbe-Teinitz, den Namen von solchem Brunnen haben, aber alte Kunden sagen ausdrücklich, daß des Glomuzi wasserreiche Wunderquelle nahe bei Glatz entsprungen. *   659. Die Schwestern von Troßky Auf Chlumecz saßen Herren des Geschlechtes Berka von Dux und Leipa, und einer unter ihnen schrieb sich Otto Berka von Troßky auf Chlumecz. Troßky war eine Felsenburg, deren Riesenzacken miteinander durch Gemäuer verbunden waren und noch sind. Eine dieser Zacken, die höhere, heißt Baba (Mutter) und die andere Panna (Jungfrau). Vorzeiten wohnten auf diesen Zacken zwei Schwestern, die liebten einander so zärtlich wie Hund und Katze, zumal auch die Religion sie getrennt hielt; sie sahen jeden Morgen zum Fenster heraus, riefen einander Schimpfworte zu, deutsch und böhmisch, wie es kam, streckten einander die Zungen heraus, ballten gegeneinander die Fäuste, und jede erbaute im Dorfe Troßkowitz eine Kirche, um ja nicht mit der Schwester in Gemeinschaft zu kommen. Diese Kirchen oder Kapellen sind genau so weit voneinander entfernt als droben auf dem Berge die Zacken mit den Turmtrümmern. Die Schwestern hatten auch noch nach ihrem Tode keine Ruhe, und man hört noch immer in stillen Nächten droben aus den öden Fensterhöhlen ihr Gezänk herüber-, hinüber- und heruntergellen. *   660. Des Kindes Weissagung Wie die Sibylle auf der berühmten Linde bei Eisersdorf vom Türken weissagte, so begab sich's im Jahr 1254 mit einem halbjährigen Kinde zu Krakau im Lande Polen. Das begann zu reden und zu weissagen von der Tataren (Mongolen) Ankunft, daß jedermann erschrak und sich verwunderte. Und leider ist diese Weissagung des Kindes auf eine schreckliche Weise eingetroffen, und die Tataren sind in das Land gebrochen und haben es verheert mit Schwert und Feuer und sind bis an das Riesengebirge und nach Schlesien und Böhmen gedrungen. Zu Breslau, das sie auch einäscherten, fiel Feuer vom Himel auf das Gebet des heiligen Czeslaw in das Lager der Mongolen, und darum zogen sie sich zurück. Bei Wahlstatt ward die blutige Tatarenschlacht geschlagen, in welcher dreißigtausend Christen blieben und neun Säcke voll Christenohren, von jedem Gefallenen nur eins, abgeschnitten wurden. Unzählige Gefangene wurden hinweggeschleppt, darunter allein einundzwanzigtausend Jungfrauen. Das Kind hatte auch geweissagt, ihm selbst werde das Haupt von den grimmen Tataren abgeschlagen werden, und es geschahe also. *   661. Rückkehrender Selbstmörder In einer bekannten Stadt Schlesiens schnitt sich ein Schuhmacher die Gurgel ab, darob erschrocken und die Schande zu umgehen, verhehlten des Toten Witwe und ihre Schwestern diesen Selbstmord, suchten dessen Spur zu tilgen und umwanden den Leichnam so mit Tüchern, daß nichts von der Todesart des sonst ganz braven und unbescholtenen Mannes verlautete. Es ward ihm ein feierliches ehrliches Begräbnis gehalten, und er ward von vielen aufrichtig betrauert. Nach sechs Wochen aber erging ein Gerücht in der Stadt, der Schuhmacher sei nicht nur eines natürlichen Todes nicht gestorben, sondern lasse sich auch sehen. Und dieses tat derselbe auch wirklich; er ging spukend um am hellen Tage und in der Nacht und warf sich auf die Schlummernden – er war ein Vampyr geworden und erregte so viel Angst und Schrecken, daß niemand mehr allein schlafen mochte, die Leute taten sich zu gemeinschaftlichen Schlafpartien zusammen, allein auch dieses half nicht immer. Diese Plage des Gespenstes währte schon in den siebenten Monat; am 20. September 1591 war der Schuster Todes verblichen, und am 18. April 1592 ließ der Senat in der Nacht um ein Uhr das Grab öffnen. Da lag die Leiche des Schusters noch frisch mit der frischblutigen Halswunde. Dieselbe wurde sechs Tage lang ausgestellt, und über die Witwe und ihre Schwestern ward schwere Untersuchung verhängt. Hierauf ordnete der Stadtrat an, daß die Leiche zum andernmal, aber auf dem Schandplatz begraben werde, welches auch geschah, aber nichts half, denn der Vampyr kehrte immer wieder. Da ist er hernach nochmals ausgegraben worden, der Kopf ihm abgehackt, desgleichen die Gliedmaßen, und dann wurde er mit Rumpf und Stumpf verbrannt und die Asche in den Fluß gestreut. Dieses muß den Geist mißfallen haben, denn von da an war und blieb er hinweg. *   662. Der rote Leu Zwischen Glatz und Schweidnitz streckt sich das erzreiche Eulengebirge majestätisch hin. In einem Bergwerke auf der böhmischen Seite arbeitete ein Bergmann, der hieß der rote Leu; er hatte für sich selbst gemutet und arbeitete auf eigene Rechnung, allein anfangs mit gar keinem Glück, denn er setzte Hab und Gut bei seiner Fundgräberei zu und zuletzt auch alles Eingebrachte seiner Frau, so daß sie endlich sogar ihren Schleier verkaufen mußte. Eines Tages, als dieselbe ihrem Manne Essen in die Grube brachte, stieß sie sich an einem großen Knauer (hervorragendem Felsstück) hart an die Ferse, daß diese blutete. Da nahm der Mann sein Gezeug, den Knauer wegzustufen, und wie er begann, hei! da blinkte es hell und klar, da war es gediegenes Gold. Da dankte bald darauf die Frau ihrer blutigen Ferse den schönsten Schleier und bekam alles Verlorene tausend- und abertausendfach wieder, so daß sie sich zu sagen vermaß, jetzt sei es dem lieben Herrgott selbst unmöglich, sie wieder arm zu machen. Und der rote Leu, der wurde ein Mann von mächtigem Ansehen, weit bekannt und genannt. Er durfte den König Wenzel von Böhmen zu Gaste laden, und dieser gute Herr war so gnädig, eine ganze Tonne Goldes vom roten Leu zum Geschenk anzunehmen; Wenzels Vater aber, dem Kaiser Karl IV., rüstete derselbe hundert Reisige vollständig aus mit Pferden und Harnischen. Sich selbst und sein Weib kleidete der rote Leu fortan in Glanz und Pracht, sein Haus wurde der Sitz allen Wohllebens, alles glänzte darinnen von Silber, Gold und Seide. Dazumal begann die Kunst der Alchimie aufs neue eifrig betrieben zu werden, und die Goldmacher nannten den geheimnisvollen Goldkönig, den sie hervorzubringen sich bemüheten, dem reichen glücklichen Goldfinder zu Ehren den roten Leu. Aber Stolz und Hoffart und des Weibes unsinnige Vermessenheit und Gotteslästerung machten der roten Herrlichkeit bald ein Ende, denn der Golderzgang hörte plötzlich auf, gespart war nichts worden, und da flog zuletzt auch des Weibes Schleier wieder fort, und der rote Leu wurde bettelarm und ist samt seinem Weibe auf dem Misthaufen gestorben. Ersteres, das Bettelarmwerden, widerfuhr über dem fruchtlosen Hoffen auf das Erscheinen des roten Leu auch gar vielen Alchimisten. *   663. Die drei Bergleute im Kuttenberg Im Lande Böhmen liegt gar ein berühmtes Bergwerk, das ist im Kuttenberge; da hat sich's vorlängst zugetragen, daß drei Bergleute miteinander jahraus jahrein in einer Grube arbeiteten und ihr Brot verdienten. Sie nahmen täglich, wenn sie anfuhren, ihr Gebetbuch, ihr Grubenlicht, auf einen Tag mit Öl versehen, und ihr Brot, auch nur auf einen Tag, mit in die Grube, beteten und fuhren dann vor Ort. Da geschah es, daß sich eines Tages ihre Grube verschüttete, und da befahlen sie sich Gott und gedachten zu sterben, denn ihr Öl und Brot reichte nur auf einen Tag, aber ihr Gebet, das sie gemeinsam verrichteten, das reichte viel weiter, und es nahm ihr Öl nicht ab und nicht ihr Brot, und sie beteten und arbeiteten im Berge immer fort und merkten nicht, daß die Jahre dahingingen, und als eine Jahreswoche vorüber war, dünkte es sie noch keine gewöhnliche Woche zu sein; nur daran, daß Bart und Haare ihnen mächtig wuchsen, merkten sie die Flucht der Zeit. Ihre Weiber daheim wußten, daß sie alle drei verschüttet und vergraben waren, und dachten endlich daran, andere Männer zu nehmen, wenn einer sie haben wolle. Zu einer Zeit begannen die drei Bergleute sich doch recht herzlich aus ihrer Gruft herauszusehnen nach dem Lichte, gleich der Pflanze im Keller, die sehnsuchtbleiche Ranken empor zum Lichte schickt und gern ergrünen möchte, und da seufzte einer von den Dreien aus tiefem Herzensgrunde: O nur noch einmal, einmal nur am Tageslicht mich freuen und sonnen, und dann in Gottes Namen sterben! Da seufzte der zweite: O nur einmal noch mit meiner lieben Frau zu Tische sitzen, nur einen Tag mich wieder droben freuen, und dann sterben in Gottes Namen! Und der dritte seufzte: Ach nur ein Jahr im guten Frieden droben an der Seite meiner Frau, und nimmermehr herunter, dann wollt ich gerne sagen: Welt, ade! – Da tat der Berg, als sie so gewünscht hatten, einen Donnerkracher, als wollt' er mitten voneinander bersten, und da fiel durch eine Ritze der Schein des blauen Himmels in die tiefe Grube. Da klommen die Drei hinan, und der erste kroch hinaus ans Tageslicht und sog es wonneatmend ein und freute sich und sonnte sich am warmen Strahl und rief: O du Licht, du Licht von Gott! – und sank um und war tot. Indem so krochen die zwei andern auch heraus und wanderten in ihr Dorf, da sie wohnten, und suchten ihre Weiber, die kannten sie nicht, denn jeder sah aus wie ein Waldschrat, und wollen nichts mit ihnen zu tun haben. Die Männer aber heischten Bartmesser und Seife und traten bald darauf vor ihre Weiber, nachdem sie sich geschoren und gezwagt, und war jetzt jeder ein Mann, der sich gewaschen hatte und auch gekämmt, da freuten sich die Weiber, daß sie ihre Männer wieder hatten, und die des ersten bereitete gleich ein Mahl, so gut sie es vermochte, und da aßen und tranken die beiden und freuten sich, und der Mann sprach zuletzt den Abendsegen und dankte Gott für Speis und Trank und sank um und war tot. Dem dritten aber ward vergönnt, ein ganzes Jahr hindurch sich noch des Erdentages zu erfreuen, und fuhr nicht mehr in den Schacht; und genau, als ein Jahr vorüber, nachdem der Bergmann wieder aus dem Kuttenberge hervorgegangen, da umfing er seine Frau und sagte zu ihr: Lebe wohl! Auf Wiedersehen in Gottes Himmel! – O nimm mich lieber gleich mit! sprach sie, und wie sie sich so liebschmerzlich und treu umfangen hielten, umfing sie selbst beide der ewige Schlaf. – Im Kuttenberge gibt es auch Zwergmännlein, die nennen die Böhmen Haus-Schmiedlein; sie graben und hämmern und schmieden und pochen, necken auch zum öftern die Knappen und strafen die Gottlosen und die Flucher. *   664. Der König im Berge Im deutschböhmischen Gebirge lag ein altes Schloß, Schildheiß, das sollte im Bau erneuert werden. Im Grunde fanden die Maurer und Werkleute viele Gänge und Kellergewölbe, und in einem derselben saß ein König im Sessel von Elfenbein und schlief, und neben ihm stand regungslos eine Jungfrau, die stützte sein Haupt. Da nun die Werkleute neugierig näher zu der Erscheinung schritten, so verwandelte sich die Jungfrau urplötzlich in eine Schlange und spie ihnen als solche Feuer und Dampf entgegen, so daß sie scheu zurückwichen. Als solches nun dem Herrn des Schlosses angesagt worden war, begab sich dieser selbst in die Gewölbe hinab, da hörte er die Jungfrau bitterlich seufzen. Er öffnete und trat hinein, aber Feuer und Rauch kam ihm entgegengepustet; sein Hund lief jedoch keck voran, und der Burgherr wollte nicht mindern Mut haben wie sein Hund. Als er der Jungfrau ansichtig war, sah er, daß sie seinen Hund auf den Armen hielt, unbeschädigt, aber an der Wand erschien eine Tafel mit brennender Schrift darauf, die war von Flammen umwebert und leuchtete glühend, und stand darauf eine Mahnung, nicht ins Verderben zu gehen. Mutvoll jedoch schritt der junge Ritter noch näher, da umschlangen und verschlangen ihn die Flammen. *   665. Die Seelen der Ertrunkenen In einem See im Böhmerlande wohnte ein Wassermann, der trug einen grünen Hut und konnte die Lippen nicht schließen, so daß, wer ihn sah, auch seine grünen bleckenden Zähne sah, sonst war er von einem Menschen in nichts unterschieden. Zuweilen hat er sich den Mädchen gezeigt, sitzend am Ufer des Sees und grünes Band messend, das er endlos aus der Flut herauszog und dann ihnen zuwarf, wenn er genug gemessen. Selbiger Wassermann war gut bekannt worden mit einem Bauer, der am See wohnte, kam zum öftern in dessen Haus und lud auch den Bauer ein, ihn in seiner Wohnung unterm See zu besuchen. Dies tat der Bauer und fand es unten über alle Maßen schön und viele Schätze, und endlich kam er in eine kleine Stube, darin standen ganze Reihen neuer Töpfe, aber alle umgestürzt. – Was tut Ihr damit? fragte der Bauer. – Das will ich dir sagen! antwortete der Wassermann. Alle Jahre hole ich mir einen in den See, und seine Seele, die ist dann mein, und ich halte sie unter dem Topf eingesperrt. Jeder Mann muß doch ein Vergnügen auf der Welt haben, auch der Wassermann, und das ist nun das meine. – Dem Bauer verdroß dieses Vergnügen und ärgerte ihn und ging ihm im Kopf herum; er achtete aber genau auf die Art, wie er in den See gekommen war, der Weg ging durch eine Brunnenstube, und als er eines Tages in der Mittagsstunde den Mönch am See sitzen und Band messen sah, was er den Mädchen nur hinwarf, sie daran zu fangen und hinabzuziehen, so schlüpfte der Bauer geschwinde heimlich hinunter in des Wassermanns Behausung, war her und schmiß alle Töpfe um. Hei, war das eine Seelenlust, wie alle die Seelen aus der Sammlung des Wassermannes frei wurden und erlöst aufwärtsschwebten! Der Wassermann aber wurde sehr böse über den ihm gespielten Streich, denn niemand läßt sich gern sein Steckenpferd nehmen, und drohte dem Bauer grimmige Rache. Da aber der Wassermann die Gewohnheit hatte, sein Fleisch in den Fleischbänken der Stadt selbst zu kaufen, wie die Engländer und Amerikaner, und dieses immer mit alten böhmischen Groschen bezahlte, in denen ein Loch war, folglich von den angereihten Groschen der Halsschnuren der Mädchen, die er in den See gelockt, so gickte ihn bei einem jüngsten Besuch der Metzger, als geschehe es unversehens, mit dem spitzen und scharfen Messer in den Daumen, womit er die Löchergroschen zählte, daß das Blut des Wassermanns floß, welches aussah wie Froschlaich. Da wandte der Wassermann sich zornig hinweg, ging und kam nimmermehr wieder. So entging jener Bauer seiner Rache. *   666. Das Weinfaß im Helfenstein Am Fuße des Riesengebirges auf der böhmischen Seite liegt das Städtlein Trautenau, und eine Strecke ins Gebirge hinein, eine Meile davon, liegt ein hoher Felsberg, darauf hat ein Schloß gestanden, das hat der Helfenstein geheißen, aber es ist verschwunden und versunken mit Mann und Maus, wie das Schloß auf dem Singerberge in Thüringen und viele andere Schlösser und Burgen, aber die Sage blieb am Leben und versank nicht mit, daß die Menschen im Helfenstein nicht allein vielen Durst, sondern auch vielen Wein gehabt, der auch mit versunken sei, als welches gar schade. Da war nun im Orte Marschendorf am Aupabach, der dicht oben an der Schneekoppe entspringt, im Jahr 1614 eine junge Magd, die hütete Vieh in diesem wilden Gebirgstale und kam dem Helfenstein nahe und sagte zu den drei Kindern, die bei ihr waren: Kommt, laßt uns vollends zum Helfenstein hinaufgehen, vielleicht ist er offen, und wir bekommen das große Weinfaß zu sehen. Das taten sie, und richtig war der Fels offen, und sie traten hinein und kamen durch ein Vorgemach und einen Gang in eine weite Halle, darin lag das zehneimerige Stückfaß, das hatte nur noch wenig Dauben und Reife, aber eine fingersdicke Haut von Weinstein umgab das Faß, daß nichts herauslief. Wenn diese Haut angefaßt wurde, gab sie nach und schlotterte wie ein Windei. Siehe, da trat aus einem andern Gemache, darin Musik und fröhliche Gesellschaft war, ein altmodisch geputzter Herr mit einem roten Federbusch auf dem Hut und einer großen zinnernen Kanne in der Hand, Wein zu zapfen. Dieser Herr sagte, sie sollten nur hineingehen, es gehe drinnen lustig her, aber die Magd und die Kinder zagten. Er bot ihnen Wein aus der Kanne, aber sie weigerten sich. Da sprach er: Harret hier mein, ich will gehen und kleine Becherlein holen. – Kaum war er hinein, so sprach die Magd: Lauft, Kinder, lauft geschwind hinaus, die Leute hier im Berge sollen all verfallen und verwunschen sein. – Und da eilten sie hinaus, und hinter ihnen schlugen mit Knall und Fall die Türen zu, und es polterte furchtbar. – Als sie nach etwa einer Stunde sich von dem Schrecken erholt hatten, war die Magd doch wieder keck, wollte sehen, was es denn gewesen sei, das so gekracht habe, ob etwa der Felsen eingefallen sei, und redete den andern zu, nochmals mit ihr hinaufzusteigen. Sie fanden aber die Öffnung nimmer wieder, der Fels war zu und blieb zu von allen Seiten. *   667. Das steinerne Brautbette Auf einer andern Burg im Riesengebirge hat auch ein Schloß gestanden, darinnen hauste die Witwe des Ritters mit einer einzigen Tochter. Diese Tochter liebte einen nachbarlichen jungen Ritter, möglich, daß es ein Helfensteiner war. Aber er versah es, dem Sprüchwort zu folgen, welches lehrt: Wer die Tochter haben will, muß es gut mit der Mutter meinen, und da meinte die Mutter es auch nicht gut mit ihm und schwur, daß er bei ihrem Leben nimmermehr ihr Eidam werden solle. Die Tochter aber, die den jungen Ritter heftig und feurig liebte, verlobte sich ihm dennoch und schwur, ihn zu heiraten, sobald die Alte die Augen schließe, diese werde ja nicht ewig leben. Solches erfuhr die Mutter und warf sich vor Gott nieder und betete und fluchte in leidenschaftlicher Wut, und Gott solle der Tochter, die sich so sehr an ihr versündige, ihr Brautbette zu Stein verwandeln. Und gleich nach diesem Fluche starb die Alte, gleich jener Mutter, die ihre fleißige Tochter, die Spinnerin, in den Mond verwünschte, denn solche Flüche sind keine Lebensverlängerungselixire. Aber wie die Mutter, so hielt auch die Tochter ihr Wort und heiratete ihren Bräutigam und hielt keine Trauerzeit. Die Hochzeit wurde festlich begangen, aber in der Mitternachtsstunde, als die Tochter das Brautbette bestiegen, erfüllte sich der Mutter Fluch. Unter furchtbarem Donnergetöse brach das Schloß in Trümmer und sank in die Abgründe, die es umgaben; nur eine Felsenzacke blieb stehen, die war das Fundament der Brautkammer, und das Brautbette war in Stein verwandelt und stand hoch oben auf der Zacke, und war keine Feder mehr darin und weder Stroh noch Floh. Aber die Tochter war noch darin – ohne Bräutigam – allein auf schwindelnder unnahbarer Höhe, von Gott verlassen und von aller Welt, nur nicht von ihrer Pein und Qual und nicht von den Raben und Geiern, die um den Felsengipfel kreischend flogen und sie endlich auffraßen. Der Felsenzacken steht noch immer. *   668. Der Teufelsrachen Unter Königingrätz lag dicht an der Elbe Opatowitz, der Klöster reichstes. Dieses Benediktinerstift besaß einen unermeßlichen Schatz, aber niemand außer dem Abt und den zwei ältesten Mönchen wußte dieses Schatzes Ort, wo er verborgen war. Da Kaiser Karl IV. ein Verlangen trug, den Schatz zu sehen, so ward ihm dieses zwar gestattet, doch nur ihm allein und unter dem Beding, daß er mit verbundenen Augen in die Schatzkammer sich führen lasse. Dies geschah, und der Kaiser sah erstaunt all den Reichtum und die Pracht, tat ihm freilich wehe, daß der Schatz, ein Wert von vier Millionen Goldgülden, nicht sein sei und so tot daliege, hätt' ihn wohl brauchen mögen zum Bau seines Karlstein, des herrlichen Schlosses, und ging unerfreut wieder von hinnen. Da kam die schreckliche Zeit der Hussitenkriege, und der Hussitenfeldherr Ziska trug auch großes Verlangen, mit seinem einen Auge zu sehen, was Karl IV. mit zweien gesehen hatte, und wollte des Schatzes ein fröhlicher Finder und Erheber sein. Allein die Mönche wußten von keinem Schatz; da ließ der schreckliche Held den Abt und die Mönche grausam martern, den Ort anzuzeigen, ließ auch die Abtei durchsuchen von unten bis oben, alle Gänge, Keller, Kerker – jene bekannten nichts, und die Krieger fanden nichts. Und der Abt hatte zu Ziska gesagt: Eher in des Teufels Rachen den Schatz als in deinem! – und war in seiner Marter gestorben. Nahe beim Kloster aber war des Teufels Rachen gelegen, eine wilde unheimliche Stromtiefe, oft brausend und überschwellend und um sich greifend und drohend, über die Czezerkaseen zu brausen, die dort in der Niederung liegen, das Land zu verschlingen und ein Meer zu bilden. Und siehe, in einer Sturmnacht nahm sich der Teufelsrachen das Kloster samt dem Schatz, es versank und verschwand, und die Wellen wogten darüber hin. Bei kleinem Wasserstand, wenn die Elbe ruhig fließt, sehen die Fischer noch etwas von den Klostermauern. Noch verewigt den Namen des Klosters der Opatowitz-Kanal, der gegraben wurde, um dem Strome mehr Abfluß zu verschaffen, denn den Teufelsrachen zu stopfen, ward auch hier unmöglich befunden. *   669. Die Goldmaus Über das Gebirge, welches man die böhmischen Kämme nennt, stieg ein armer Krämer herab nach seiner Heimat, dem Städtlein Reichenau im Königingrätzer Kreise. Der müde gewordene Mann setzte sich auf einen Felsblock und begann ein Stück Brot zu essen, das war seine ganze Mahlzeit, und wenn er Durst hatte, so wehrte ihm niemand, aus der hellen Siebnitzquelle zu trinken, die dort vom Gebirge munter zu Tale rollt. Da sah er am Boden ein Mäuslein spielen, das setzte sich gerade vor ihn hin und schien auch Hunger zu haben, da streute der Krämer ihm Brotbröselein hin, die es alsobald mit großer Gier wegknusperte, und dann erhielt es stets aufs neue sein kleines Teil, bis das Brot verzehrt war. Nun hatte der Wanderer allerdings Durst, und ging nach der Quelle und trank, und kehrte wieder an seinen Sitz zurück, wo sein kleiner Kram stand, den er mit sich trug. Da lag ein Goldstück da, wo das Mäuslein gesessen hatte, und indem so kam es wieder und brachte noch ein Goldstück und legte es zum ersten, und lief fort, ein drittes zu holen. Da ging der Krämer dem guten Tierchen nach, das nicht mausete, sondern brachte, und es lief in ein Loch, daraus trug es das Gold hervor. Da störte der Krämer mit seinem Stachelstock das Loch auf und fand einen Schatz im Boden liegen, den hob er heraus, und war ein ganzer Topf voll alter böhmischer Goldgulden, und schaute um nach dem Mäuslein, und hätt' es mögen vor lauter Dankbarkeit in Gold fassen lassen, es war aber auf und davon. Da ist der Mann fröhlich hinab nach Reichenau gegangen und hat von dem Gelde für sich gar wenig behalten, sondern ein gut Teil den Armen gegeben und vom andern die Dreifaltigkeitskirche alldort erbauen lassen, daran diese Geschichte noch in Stein vorgestellt zu sehen ist. *   670. Die Brüder Czech und Lech In grauen Zeiten saßen im Lande um die Karpathen zwei Brüder als Fürsten, die hießen Czech und Lech. Da sich in der Verwandtschaft Unfrieden erhob über den Boden und die Ansprüche an ihn, so wanderten die Brüder mit allen den Ihrigen, an sechshundert Personen, aus und zogen mitternachtwärts, und die Fürsten ritten vor dem Volke her, und vor ihnen ward ein gelbes Banner getragen, darinnen die Gestalt eines schwarzen Aaren die Flügel breitete. So kamen sie endlich in der Bojer oder Bojemer Landschaft unter einen hohen Berg, lagerten sich allda und ruheten, besahen das Land und fanden es fruchtbar und wohlgelegen. Am Morgen stiegen beide Brüder auf des Berges Gipfel, schauten sich um und erblickten ein wäldervolles, fruchtbares Land, fanden darauf auch fischreiche Wasser und sagten solches den Ihrigen an. Dann erforderte Czech am andern Morgen bei Sonnenaufgang sein ganzes Geschlecht und alle, die mit ihm gekommen waren, setzte sich auf einen Stock und sprach zu dem Bruder, den Freunden und Genossen: Ruhet hier und bringet den Göttern, die hierher uns führten, ein Dankopfer. Das ist das Land, welches ich euch verheißen, und weil es so fruchtbar und angenehm, so gebt nun dem Lande einen Namen! Da riefen alle, die mit dem Sprecher gekommen waren, gleichsam aus einem Munde und wie durch göttliche Eingebung: Von wem sollte das Land bessern Namen bekommen als von dir, dem Czech, unserm Führer? Billig ist es und recht, daß es deinen Namen führe, Czechowa, das Land des Czech. Da erhob sich der Führer und blickte zum Himmel; dann warf er sich nieder auf die Erde, küßte den Boden, stand wieder auf und hob die Hände gen Himmel und grüßte das Land, das göttergegebene, mit segnenden Worten. Und blieb mit seinem Volke allda und breitete sich aus, und das Volk lebte in Sitteneinfachheit, friedsam und fleißig, ehrlich und gastfrei. Neun Jahre nach der Ankunft, da es wieder an Raum gebrach, schied der Lech sich ab von seinem Bruder und zog mit seinem Volk und Gesinde gen Aufgang der Sonne und sprach zu jenen, von denen er schied, da sie ihn baten, nicht allzu weit hinwegzuziehen: Liebe Brüder und Genossen! Steiget am dritten Morgen vor Aufgang des Morgensterns auf den Berg Rzip, da will ich, wo ich sei, ein mächtiges Feuer entzünden, wo ihr das sehet und den Rauch, dort habe ich mit den Meinen mich niedergelassen. Solches geschahe, und gründete der Lech die erste Stadt in Böhmen, die nannte er Kaurzim, von dem Worte Rauch. Der Berg Rzip, an dessen Fuße zuerst der Czech mit den Seinen sich ansiedelte, ist der heutige St. Georgenberg. Czech aber lebte noch siebenzig Jahre, dann starb er, beweint von allem Volke lange Zeit. *   671. Krok und seine Töchter Nach den Zeiten des Czech und Lech erhielt das Volk und Land einen Gebieter, der hieß Samo, das war zur Zeit, als König Dagobert im Frankenlande und in Thüringen gebot, Samo aber herrschte über Bojen und Wenden, und diese beiden Könige kamen miteinander zu streiten, da ward bei Voigtsberg die große Schlacht geschlagen zwischen Samo und Dagobert, die währte drei Tage lang und kostete viele tausend Leben. Samo blieb Sieger und verheerte Thüringen und all sein Nachbarland. Danach, als König Samo gestorben war, hatte das Volk der Bojehemen kein Oberhaupt, sondern jeglicher Stamm gehorchte dem Stammesältesten, den nannten sie Wladyka. Ein solcher Ältester hieß Krok, und der Ruf seiner Weisheit und Gerechtigkeit erscholl durch das ganze Land, und das Volk erwählte Krok zu seinem Richter und Oberhaupt. Er wurde über dem Grabe des Czech auf dessen Stuhl gesetzt, man gab ihm den Stab des Czech in die Hand, bedeckte sein Haupt mit dessen Mütze und huldigte ihm, indem man versprach, seinen Gesetzen und Anordnungen willige Folge zu leisten. Alle Liebe erwies das Volk seinem weisen Regierer und erbaute ihm ein Schloß, freilich nur von Holz, ziemlich hoch an einem Berge, baute sich selbst um den Berg her an und nannte Schloß und Stadt Budecz; nachderhand gründete Krok durch die Seinen an allen Orten und Enden im Lande Böhmen feste Wohnsitze, darunter auch sein Lieblingsschloß Psary, an der Stelle, wo sich hernachmals der Wischerad erhob, das den Namen führte von dem heimatlichen Schlosse des Czech. Krok war als erster Richter und Fürst des Landes auch dessen erster Priester; er besaß die Gabe der Weissagung, die er von Geistern und Pilweisen lernte und seinen Töchtern lehrte, deren sein Weib, Nina, ihm drei geboren, die, von wundersamer Schönheit, auch an Geist und Verstand den Vater noch überragten. Die älteste hieß Kascha; diese kannte alle Tugenden und Kräfte der Kräuter, Steine und Metalle und war eine erfahrene Ärztin und kundige Wahrsagerin. Die zweitgeborene Tochter hieß Tetka; diese war eine Pilweise und lehrte das Volk, den Göttern der Haine, der Gewässer und Gebirge dienen und Opfer bringen. Die dritte Tochter, die jüngste und schönste ihrer Schwestern, hieß Libussa, war eine Prophetin und übertraf an Weisheit und Vorsichtigkeit ihre Schwestern weit, und es war an hoher Einsicht nirgend ein Weib oder ein Mann, der ihr zu vergleichen gewesen wäre. Und Krok, als er neununddreißig Jahre regiert hatte, da starb er, und das Volk, als es seinen Tod vernahm, lief aus Häusern und Hütten, wie Bienen nach ihrem Weisel, mit großer Klage, und die Töchter riefen zu den Göttern, den Geist des Vaters auf lichten Wegen zu führen. Dann setzte das Volk den Leichnam Kroks neben dem Herzog Czech und seinem vor ihm gestorbenen Weibe Nina bei, legte viele und reiche Gaben in den Hügel, türmte einen Stein darauf, entzündete ein Opferfeuer und erhob ihm die Totenklage. *   672. Libussa Als nach dem Tode Kroks seine drei Töchter ihres Vaters Erbe in Besitz genommen, loseten sie um dessen Teilung. Da erhielt Kascha das Land gen Mitternacht, Tetka das gen Niedergang und Libussa das ganze Gebiet gen Aufgang mit des Vaters Hochburg Psary. Weit im Lande breitete sich Libussas Ruhm aus, und alles Volk kam, sich in Streitigkeiten von ihr Recht sprechen zu lassen oder ihre Verkündigungen zukünftiger Ereignisse zu vernehmen. Sie selbst lebte jungfräulich, züchtig, ein Beispiel den Ihrigen und allem Volke, und dieses wählte sie einstimmig zu einer Richterin und Königin. Libussa erweiterte und befestigte das Schloß Psary. Oft saß sie dort auf einem hohen Felsen über dem Kreise ihrer Jungfrauen, blickte sinnend in die Gegend hinab und sprach Recht oder Worte der Weissagung. Eines Tages gebot sie, das Schloß nicht mehr Psary, sondern Libin zu nennen. Silber und Gold, welches man in rohen Klumpen im Lande fand, wurde der Königin zugesendet, und sie begründete den Bergbau. *   673. Der eiserne Tisch Da Libussa eine Zeitlang als Königin über das Volk der Böhmen geherrscht hatte, wünschte ihr Volk, daß sie sich einen Gemahl wähle; da sagte sie in einer Versammlung, die sie berief, viele Worte der Weissagung und mahnte ab von des Volkes Begehren. Aber das Volk wie die Edeln blieben auf ihrem Willen und begehrten einen König. Wohlan! sprach sie, so machet euch auf, gehet zum Wasser, die Bila, da werdet ihr im Gefilde des Dorfes Stadicz einen besonderen Acker finden und darauf einen Mann pflügen sehen mit zwei scheckigen Ochsen. Dieser wird euer König sein! Darauf erkor sie dreißig Männer, die besten des Landes, gebot ihnen, mit sich zu nehmen einen königlichen Rock und einen Mantel und den neuen Herrn zu suchen. Die Gesandten begehrten nähere Zeichen von dem Manne zu erfahren, daß sie den Rechten fänden, und es sprach Libussa: Nehmet mit euch mein weißes Roß, das ich reite, laßt es frei vor euch herlaufen, das wird den Mann erspähen und euch durch Wiehern und sonstige Zeichen verkündigen, daß er der Rechte ist. Finden werdet ihr euern König speisend auf eisernem Tische, und die friedsamen Götter werden eure Bahn behüten! Darauf fuhren die dreißig Männer von bannen und ließen Libussens Roß vorangehen, das lief dem Mittelgebirge zu, nach dem Dorfe Stadicz, und am dritten Tage so fanden sie einen Mann auf dem Felde, pflügend mit zwei gescheckten Ochsen, dem naheten sie mit heilbringendem Gruß, den er jedoch nicht erwiderte. Und das Roß begann zu wiehern und zu schreien und fiel vor dem Bauer nieder, des Name Przemisl war. Die Boten Libussens zeigten ihm nun das fürstliche Gewand und richteten ferner ihre Sendung aus; da stieß Przemisl die Haselgerte, welche er in der Hand trug, in den Boden und spannte die Ochsen aus dem Pfluge, indem er sprach: Gehet hin, woher ihr gekommen seid. Darauf erhoben sich die Ochsen beide in die Luft und schwebten in der Wolkennähe, doch senkten sie sich wieder und fuhren gegen einen Felsen, der sich auftat; dahinein in die geöffnete Kluft fuhren die Ochsen, und der Fels schloß sich sobald; zur Stunde aber rieselte aus ihm ein Wässerlein hervor, gleich aus einem Stalle und von solchem Geruch. Die haselne Rute aber, die der Bauer in den Boden gesteckt, trieb sogleich grüne Blättlein und drei Zweige, auch einige Nüsse. Mit Staunen sahen das alles die Boten der Königin, noch mehr aber wuchs ihr Verwundern, als der Bauer den Pflug umstürzte und auf die Schar ein schimmlig Stück Brot legte und ein Stück Käse, sein Mittagsmahl zu halten, wozu er die Fremdlinge einlud. Da sahen sie den eisernen Tisch, davon Libussa gesprochen hatte. Von den Zweigen der Rute verdorrten zwei, und nur der dritte grünte aufwärts. Als Przemisl sah, wie sich die Sendboten verwunderten, fragte er: Was wundert ihr euch? Viele meines Geschlechts werden anheben zu regieren, immer aber wird nur einer König sein. Eure Herrin hätte nicht solche Eile vonnöten gehabt. Wäret ihr später gekommen, daß ich dieses Stück Acker ganz umgepflügt, dann hätte dieses Land immer und ewig vollauf Brotes gehabt, und diese Zweige wären nicht verdorrt. So nun wird bisweilen Hungersnot einfallen. – Als die Boten ihn fragten, warum er auf dem Eisen speise, erwiderte er: Mein Geschlecht wird euch mit Ruten von Eisen züchtigen! – Nach der Mahlzeit legten sie Przemisl das lange Kleid an, den schönen Mantel und neue Schuhe, er aber nahm seine alten Schuhe, die er sich selbst aus Lindenrinde gemacht und mit Lindenbast genäht hatte, mit sich, zum Gedächtnis der Abkunft des ersten Fürsten. Dem Kommenden zog Libussa herrlich geschmückt mit ihren Schwestern, Räten und Rittern und allem Volke entgegen, begrüßte ihn freundlich und erkies ihn zum Ehegemahl. Von diesem ersten Könige Böhmens schreibt sich der Gebrauch, daß bei jeder nachherigen Königskrönung vor dem zu Krönenden eine Metze Haselnüsse ausgeschüttet wurde, welche die Bewohner des Dorfes Stadicz, die außerdem von allen Abgaben befreit waren, liefern mußten; dann zeigte man auch jedesmal dem Fürsten die Bauernschuhe von Lindenrinde, welche heilig von Geschlecht zu Geschlecht aufbewahrt wurden, um ihm symbolisch anzudeuten, er möge in die Fußtapfen seines Urahnherrn treten. Im Hussitenkriege erst kamen diese Schuhe abhanden. Die Haselgerte aber grünte fort und fort, und ihr Stamm wird noch heute als ein Wahrzeichen im Dorfe Stadicz gewiesen. *   674. Praga Im andern Jahre der Regierung Przemisls trat an einem schönen Sommertage die Königin Libussa an der Seite ihres Gemahls aus dem Schlosse Libin und bestieg, von ihrem Gefolge umgeben, den hohen Felsenstuhl, auf welchem schon oft der Geist der Weissagung über sie gekommen war. Von diesem auch jetzt wieder erfüllt, sprach sie die Worte: Ich erblicke im Geiste eine Stadt, deren Ruhm einst den Himmel erreicht! Dort in waldiger Gegend, dreitausend Schritte von hier, wo der Bach Bruznika durch einen Graben fließt und in die Wlatawa (Moldau) fällt, dort, wo steinig und steil der Berg Petrzin emporsteigt, werdet ihr in Waldes Mitte finden einen Mann, zimmernd an der Schwelle eines Hauses, und weil auch Große ihr Haupt beugen müssen vor einer Schwelle, so werde die Stadt, die man dort erbauen wird, nach der Schwelle benannt. – Alsobald machten sich Männer auf, folgten Libussens Weissagung, da fanden sie einen Zimmermann, der fällte einen Eichbaum und richtete ihn zu, und als jene ihn fragten, was er da zimmere, so antwortete er: Prah, das ist, eine Schwelle. An diesem Orte ward nun auf Libussas Gebot die große und herrliche Stadt gegründet, welche den Namen Praha, Praga von der Schwelle empfing. *   675. Libussas Bad Auf der alten Bergfeste Wischerad, darauf früher das Schloß Libin stand, in welchem Böhmens erstes Königspaar Hof hielt, zeigt man einen hohen und senkrechten Fels, der sich aus dem Bette des in der Tiefe vorbeirauschenden Stromes aufgipfelt. Dieser trägt die Reste eines runden Gemäuers, und es geht die Sage, daß sich von hier die hohe Herrin gar oft hinabgelassen und in der Moldau gebadet habe, auch wohl Zwiesprach gehalten mit dem Stromgeiste. Andere sagen, es habe über dem Felsen ein Turm gestanden, in welchen die Zauberin Jünglinge gelockt habe, die, von ihrer Schönheit betört, ihr blindlings folgten, dann aber nach gebüßter Lust habe sie aus ihrer Umarmung die betörten Opfer in die Umarmung des kalten Wellentodes gestoßen, auf daß ihrer keiner sein Glück verrate. Wieder andere aber erzählen, daß nicht auf der Höhe des Wischerad das Bad der Libussa zu suchen sei, sondern nennen die südlich von der alten Herrscherburg gelegene reichhaltige Wasserquelle Gezerka das Bad Libussens, und vielleicht mit größerem Rechte. Die einzige Quelle in der Umgegend des Wischerad, sprudelte sie in einem alten Haine kristallklare Flut zutage. An ihr sollen die alten Herzoge Böhmens gewählt worden sein; Felsen umtürmten sie, und das Schweigen der Einsamkeit weht über ihrem Spiegel. *   676. Libussas Bette Unter dem Felsen der alten Königsburg Wischerad, tief auf dem untersten Grunde der dort vorüberrauschenden Moldau ist das goldne Bette der Zauberkönigin Libussa, die zur Stromfeie geworden und sich selbst gebannt hat an ihr geliebtes Haus. Mancher schöne Jüngling ist dort in den Fluten verschwunden, hinabgelockt durch ein überholdseliges Frauenantlitz, das sich ihm lächelnd im Bade zeigte, und das Volk spricht, sooft der Strom solch Opfer fordert: Libussa hat ihn behalten; in Jahr und Tag erkürt sie einen andern. Es ist wohl zuzeiten geschehen, daß kühne Schwimmer und Taucher sich frevelhaft vermaßen, selbstwillig hinabzusteigen, Libussas goldnes Bett zu suchen, oder daß sie der Sage Hohn sprachen. Die sah man wohl niedertauchen, aber nimmer wieder zutage kommen. Einst aber, so hat sich eine dunkle Prophezeiung Libussens von Mund zu Munde erhalten, einst wird das goldne Bette auftauchen aus der Stromtiefe und herrlich leuchtend über den Wassern schwimmen wie eine Barke; das wird dann geschehen, wann über Böhmen ein Herrscher aus dem Stamme der Libussiden herrscht. Diesem wird sich das goldne Bette darbieten, und seine Gemahlin wird darin ihren ersten Sohn zur Welt bringen. *   677. Die Teufelssäule auf dem Wischerad Vor der Kirche St. Peter und Paul auf dem Wischerad liegt ein starkes Säulenfragment, welches als ein Wahrzeichen den Fremden gezeigt wird. Davon geht folgende Sage. Ein Priester am Wischerad machte ein Bündnis mit dem Teufel und verschrieb ihm seine Seele, doch unter der Bedingung, daß der Böse während eines Meßopfers eine Säule aus der Kirche des Vatikans zu Rom hole und auf den Wischerad bringe. Satanas ging den Pakt ein, glaubte ein leichtes Spiel zu haben, fuhr jählings gen Rom, holte die Säule und fuhr geraden Weges wieder zurück. Als er aber über den Venetianischen Meerbusen flog, fühlte er von unsichtbarer Hand auf seinem Rücken so grausamharte Geißelstreiche, daß er sich vor Schmerz krümmte und die Säule fallen ließ. Schnell tauchte er unter und fischte die Säule aus der Flut, aber wieder fühlte er Streiche, wieder ließ er die Säule fallen und so auch noch zum dritten Male. Als er nun eintraf, sprach der Priester soeben das Ite! Missa est. Da warf der Teufel voller Zorn die Säule auf das Kirchendach, daß sie in drei Stücken zersprang und das Dach durchschlug. Lange hat man auch noch die beiden andern Stücke in den Kapellen St. Francisci und St. Pauli Bekehrung zur linken Seite des Eingangs der St. Peter- und Paulskirche auf Wischerad gezeigt. Der Teufel soll gesagt haben, daß er wohl zeitig genug mit seiner Säule angelangt wäre, wenn ihn nicht der heilige Petrus, als Patron der Wischerader Hauptkirche, gezwungen, jene dreimal in die nasse Pfütze, den Venetianischen Meerbusen, fallen zu lassen. Viele haben ausgesagt, daß die römische Kirchensäule nicht aus der Peterskirche, wo keine fehle, sondern aus der Kirche St. Mariä jenseit der Tiber stamme. Ein frommer Ratsherr aus Prag hat hoch beteuert, daß er in Rom gewesen und mit eigenen Augen gesehen, daß in der Marienkirche trans680. Adamiten in Böhmen Tiberim eine Säule mangele, an deren Stelle ein Kruzifix stehe, und daß die übrigen Säulen der zersprungenen auf dem Wischerad ganz gleich seien. Einst lebte in Rom ein Schweizer, der war von Kindheit an von vielen Teufeln besessen, die unterschiedliche Namen hatten. Ein Exorzist beschwur einen derselben namens Zardan und setzte dem Besessenen das runde Kästchen mit Reliquien des heiligen Ignatius auf den Kopf; da schrie der Teufel Zardan: Heiß! Heiß! Es brennt! O weh! weh! Lieber wollt' ich einen Mühlstein tragen oder eine Säule nach St. Peter! Ja, einst mußte ich eine Säule gen Prag tragen, die fiel mir dreimal in die große Lache! *   678. Die Säule der Drahomira An dem Orte, wo sonst die Kirche St. Matthäi auf dem Hradschin zu Prag gestanden hat und jetzt das Haus zur güldnen Kugel steht, wird eine alte Denksäule gezeigt, an welche sich eine Sage aus dem grauen Altertume knüpft. Der zwölfte Herzog Böhmens hatte ein Weib namens Drahomira, welche noch dem Heidentume anhing, während ihr Sohn sich bereits zum Christenglauben bekannte. Als nun Wratislaw, der Herzog, starb und seine Söhne, Wenzeslaw und Boleslaw, noch unmündig waren, eignete sich Drahomira das Regiment zu und ließ die Christen von ihrem heidnischen Anhange grausam verfolgen, wovon viel zu erzählen wäre. Als aber ihr Sohn Wenzeslaw heranwuchs, schirmte er kräftig das Christentum. Darüber erzürnte sie sich eines Tages so heftig, daß sie einen Eid schwur, von dannen und nach ihres Vaters Grabe nach Saaz zu fahren und dort den alten Göttern zu opfern. Wie nun der Wagen an der Kirche zu St. Matthäi vorbeifuhr, hörte der Kutscher drinnen im Gotteshause das Meßglöcklein, sprang, weil er ein Christ war, vom Wagen, warf die Peitsche von sich und fiel auf die Kniee. Darüber begann das böse Heidenweib über alle Maßen wütend zu lästern und zu toben, Gott und Christum zu verfluchen und alle Heiligen – und siehe, da tat sich unter Blitzen und Donnerkrachen der Erdboden auf und schlang Drahomira samt Rossen und Wagen in einen unermeßlich tiefen Abgrund hinunter. Aus dem Abgrunde aber schlugen Rauch und Feuerflammen, und ein entsetzlicher Gestank verpestete die Luft; dann schloß sich die Kluft, und nur des Kutschers Peitsche blieb außen, der nun Gott inbrünstig dankte. Als die Priester und die Schar der Andächtigen aus der Kirche traten, hörten sie in der Tiefe der Erde noch ein zeterndes Heulen. Lange Zeit ist hernach dieser Ort mit einem Zaune umgeben gewesen, wobei sich das Sonderbare zutrug, daß, wer über den Zaun schritt, an demselben Menschen wurde des Tages ein Zeichen des Fluchs gespürt, oder er fiel in eine weltliche Schande, so daß man später die Stelle mit einer Mauer umgab. Auch stellte man zum ewigen Gedächtnis eine Säule dorthin, nahe dem Wirtshaus zum Weidenhof, und schrieb an diese die Kunde von dem Strafgericht des erzürnten Himmels. – Aus diesem Schlosse Hradschin wurden im Jahre 1618 die Abgeordneten des Kaisers zum Fenster herausgeworfen, was den Anstoß gab zu dem blutigen Dreißigjährigen Kriege. *   679. Die Prager Brücke und ihre Wahrzeichen Seit undenklichen Zeiten ist die Prager Brücke weit und breit berühmt. Sie ist siebzehnhundertundsiebenzig Fuß lang, fünfunddreißig Fuß breit und hat achtzehn Schwibbogen. Als ihr Bau begann unter Kaiser Karl IV., war so wohlfeile Zeit, daß man für einen Silberpfennig ein Dutzend Eier kaufte; darum nahmen die Baumeister Eier und Wein unter den Kalk, dadurch der Mörtel so fest wurde, daß eher die Steine zu zerbrechen als voneinander zu trennen sind. Diese Brücke zu bauen kostete einen Heller mehr als die Kirche Slovan oder St. Emmaus. Das bekannteste Wahrzeichen der Brücke sind fünf kleine Enten an jeder Seite des breiten Brückenturmes an der Altstadt, der auch sonst mit mancherlei Bildwerk geziert ist. Von diesen Enten hat das Volk ein Scherzwort: Wer nicht ehrlich geboren ist, kann nicht alle fünfe sehen. Ein zweites Wahrzeichen wird erblickt am Brückenturme der Kleinseite nach der Altstadt zu. Da sieht man hoch oben an der Turmzinne eine Lücke im Gemäuer. Einst, es war am 17. des Christmondes 1252, ritt ein Edler namens Berthold von Bertholdy über die Prager Brücke. Da stritten oben am Turme zwei Raben miteinander und schrieen und schlugen heftig mit den Flügeln; dabei rührten sie an einen Stein, der wohl schon lange los und locker im Gefüge der Mauer hängen mochte, und so fiel der Stein herab und dem Ritter gerade auf den Kopf, so daß er alsbald vom Pferde sank und auf der Stelle den Geist aufgab. Viele ehrenhafte Männer und selbst der König trugen Leid um den Rittersmann. Ein drittes Brückenzeichen ist der Bradcy oder Großbart. An dem Schwibbogen, welcher unter dem Spital der Kreuzkirche zu Unserer Lieben Frauen in der Altstadt steht, erblickt man einen verwunderlichen alten Manneskopf eingemauert mit mächtig großem Barte, den die Böhmen den Bradicz nennen. Dieser Kopf ist den Anwohnern ein warnendes Zeichen gegen Wassergefahr; denn wenn die Moldau anschwillt und die Flut im Mühlarme der Moldau bis zu des alten Steinbildes Barte ansteigt, dann räumen jene aus, denn es ist dann vor dem wachsenden Wasser Gefahr im Verzuge. Endlich geht von alters her noch ein Sprüchwort von der Prager Brücke: Man kann nicht über die Prager Brücke gehen, ohne daß einem begegne ein Mönch, eine feile Dirne und ein weißes Pferd. *   680. Adamiten in Böhmen Im Jahre 1421 erhob sich auch im Lande Böhmen jene Sekte von ganz abscheulicher Art; neuer Zeit würde man deren Bekenntnis Emanzipation des Fleisches genannt haben. Die Bekenner verwarfen das Kleidertragen, weil Gott ja den Vater Adam und die Mutter Eva im Paradiese auch nackend erschaffen; sie gingen demnach nackend und lebten paradiesisch, wenn auch gerade nicht im Stande der Unschuld. Männlein und Weiblein machten sich keine Schürzen, dieweil sie sich nicht schämten. Diese schamlosen und schändlichen Possenreißer fanden viel Anklang und Zulauf, denn die Frechheit und der Unsinn sind ansteckend. Einer dieser Adamiten nannte sich Adam, ein anderer sagte, was neuere Weltweise gleichen Glaubens auch gesagt haben: Es gibt keinen Gott, der Mensch ist Gott – denn es ist alles schon dagewesen. Auch die Adamiten waren schon lange vor denen dagewesen, die sich in Böhmen auftaten. Die menschliche Narrheit, Bosheit und Wollust kommen immer aufs neue wieder und kleiden sich in das Gewand ihrer Zeit. Die Hussiten machten den Adamiten in Böhmen ein schnelles Ende. *   681. Hundetaufe Zu Beraun im Rakonitzer Kreise war die Bevölkerung gemischt, halb Deutsche, halb Böhmen, daher auch deutscher und böhmischer Gottesdienst dort von verschiedenen Priestern gehalten ward, und da fehlte es nicht an stammfeindlicher Reibung, die zu unterhalten bis auf den heutigen Tag eine Slawenpartei sich bemüht. Großes Unrecht begingen aber die Deutschen zu einer Zeit in Beraun gegen die Böhmen; sie wickelten einen Hund in Tücher und Kleider, gingen in die Kirche und sandten zum böhmischen Priester, er möge doch eilend kommen, der deutsche Priester sei nicht daheim, und das Kindlein sei sehr schwach. Der Priester kleidete sich willig an, sein heiliges Amt zu versehen, und sah nun, als er in die Kirche kam, mit großem Schrecken und Abscheu einen Hund in den Windeln und im Taufzeug. Über diesen Schrecken des Priesters schlugen die Deutschen ein unmenschliches Gelächter auf, warfen den Hund in den böhmischen Taufstein und eilten von dannen. Dieser gottlose Frevel einiger ruchlosen Gesellen trug eine entsetzliche Frucht, der erzürnte Priester stürmte seine leidenschaftlichen Stammgenossen zusammen, diese wappneten sich und erschlugen und vertrieben alle Deutschen aus Beraun. *   682. Stinkende Bomben Zwischen Beraun und Prag liegt auf hohem Fels die herrliche und stattliche Burg und Festung Karlstein, dem Lande zum Schutz, dem Feinde zum Trutz erbaut vom Kaiser Karl IV., noch völlig wohl erhalten, voll Altertümer und Sehenswürdigkeiten, mit einem riesigen Turme, mit Kirchen, Kapellen, Königssälen und tiefen Kerkern. Da zeigt man die Bettstätte der heiligen Ludmille, den Schädel des Lindwurms, den der heilige Georg tötete, und viel anderes an Kostbarkeiten und Geräten. Im Jahre 1422 wurde Karlstein belagert und auf eine Weise beschossen, wie vor und nach wohl keine andere Festung. Die Besatzung hielt zu ihrem rechtmäßigen Herrn, dem König Sigmund; die von diesem abgefallenen Hussiten und die aufgewiegelten Stände aber hatten den Großherzog Vitold von Litauen zum König von Böhmen erwählt, nachdem der Polenkönig Wladislaw die zweideutige, einem andern geraubte Krone nicht angenommen. Vitold aber, am Selbstkommen verhindert, sandte einen Reichsverweser, seinen Neffen, den Prinzen Koribut von Litauen, welcher mit fünftausend Reitern in Prag einzog und von dem abgefallenen Volke umjubelt wurde. Dasselbe hatte große Lust, den Fremdling mit den Zeichen der böhmischen Königswürde alsobald zu schmücken; diese Zeichen lagen aber wohlverwahrt auf dem Karlstein, welchen dessen Burggraf Tluksa von Buraine auf das tapferste verteidigte, ja die Krone Böhmens hatte derselbe mit Absicht selbst vom Karlstein entfernt und an einen andern geheimen und sichern Ort, nach Schloß Welhartitz, bringen lassen. Zuerst wurde mit Pulver geschossen und mit Steinen geworfen, wozu sogar Säulen aus der Kirche Maria Schnee zu Prag dienen mußten, da das aber zur Gewinnung der Feste Karlstein nicht verhalf, so verfielen die Belagerer auf einen häßlichen Gedanken, indem sie neben nahe an elftausend Kugeln nun auch stinkende Bomben hinauf- und hineinschleuderten, nämlich alle krepierten Pferde, Esel, Schafe, Hunde und sonstiges Getiere, deren Äser in vollkommenster Fäulnis sich befanden, daneben auch Schlangen, Unrat aus geheimen Gemächern und Kloaken, ja alle nur erdenklichen Stinksachen an zweitausend Fässer voll, und war deren keines wieder zum Krauteinmachen zu gebrauchen. Von dem häßlichen und unleidlichen Schmack wurden der Besatzung alle Zähne wackelnd, aber die Festung wankte nicht, und die Belagerten deckten die Stinkbomben mit ungelöschtem Kalk zu und speisten fleißig Knoblauch und Zwiebeln, und da im Sommer auf vierzehn Tage Waffenstillstand gemacht wurde, verschafften die Apotheker zu Prag gute Zahnlatwergen aus Eichenlohe, Alaun und Scharbockkräutlein. Und hernach, je mehr die Feste endlich an allem Mangel litt, um so besser wehrte sie sich, und die Belagerer wurden der Belagerung satt und müde und meinten, daß durch unterirdische Gänge den Belagerten immer neue Mundvorräte zugeführt würden – und da wurde ein Beschluß gefaßt, bis Martini die Belagerung fortzusetzen, ergebe die Feste sich dann nicht, so möge sie belagern, wer da wolle, Hinz oder Kunz, denn dann werde es kalt, und des Sultans Janitscharen gingen auch nach Hause, wann der Winter komme. Das hörten die Belagerten, bei denen die Bissen immer schmaler wurden, gar gern, baten auf Allerheiligen- und Allerseelentag – acht Tage vor Martini – wiederum um einen Stillstand, denn sie müßten eine Hochzeit auf der Burg feiern, und als die Tage kamen, da ließen sie pfeifen und trommeln lustiglich – hatten aber weder Braut noch Bräutigam, weder Wein noch Fisch, weder Brot noch Braten mehr, nichts zu beißen und zu brocken für ihre wackligen Zähne als nur noch einen einzigen Bock. Diesen schlachteten sie, vierteilten ihn, machten den Rücken recht blutig, schnitten einen Sattel auf, der mit Rehhaaren gepolstert war, und streuten solcher Haare etliche drauf, taten auch Lorbeerblätter und eine Handvoll Wacholdern dran und sendeten diesen Braten als frischen Rehrücken zum Dank für die nicht frischen Braten, die ihnen über die Mauer geworfen worden waren, den Belagerern. Da sprachen diese: Nun sehen wir ja, daß es denen da droben nimmer an frischem Wildbret gebricht, nun ist es Zeit, abzuziehen! – und da ging es wie mit dem Glomssack zu Memel in Litauen, und der Prinz von Litauen ließ die Belagerung aufheben, zumal das Belagerungsheer schwürig wurde und ein Aufstand in Prag selbst drohte, allwo das Volk den Reichsverweser und seine Helfershelfer, die wie Pilze emporgeschoßten Regentschaftler, allbereits satt hatte bis an den Hals. Derselbe Prinz hatte einen Vetter im Lager, und als es zum Abzug kam, wandte sich dieser noch einmal um, hinauf zum Karlstein blickend, und sagte: Es ist doch schade, daß wir abziehen; gern hätte ich den Karlstein inwendig besehen. Kaum hatte er das Wort gesprochen, so knallte droben ein Valetschuß und Gruß aus einer Kartaune, sauste eine Stückkugel daher und riß dem Sprecher den Kopf ab. *   683. Die heilige Erde Im Czaslauer Kreise des Böhmerlandes liegt das berühmte Kloster Sedlitz, das hatte eine so schöne Kirche, daß nur der Dom in Prag sie übertreffen mochte. Daher verbot Ziska, der grimme Hussitenführer, diese Kirche zu schädigen; aber einer seiner Hauptleute, der das Verbot vielleicht überhört hatte, äscherte sie dennoch ein. Ziska versprach den, der es getan, mit Silber und Gold reichlich zu lohnen, und da sich der Mordbrenner in Hoffnung des Gewinnes angab, ließ er ihm im Feuer fließend gemachtes Gold und Silber reichlich in den Hals gießen. Bei dieser Kirche ist ein Friedhof, zu dem ist, wie auf dem der Juden zu Worms, Erde aus dem Heiligen Lande herbeigeführt worden, und in sotaner Erde verwesen die Leichname mit solcher Schnelle, daß sie nach vierundzwanzig Stunden hundert Jahre gelegen zu haben scheinen, versteht sich, nur die Leichen derjenigen Toten, die im Stande der Gnaden Gottes verstorben und begraben worden, denn solcher, die zur Hölle fahren, nimmt sich diese heilige Erde nimmermehr an. Die Gruftkapelle auf diesem Totenhof ist ein wohlgeordnetes Beinhaus, da hat ein blinder Mönch alle Gebeine kunstgerecht und zierlich gelegt. Viel Wundersames hat sich dort gezeigt und zugetragen. Anno 1663 den 16. Juli sahe man eine große Prozession Geister, mit weißen Kleidern angetan, mit brennenden Kerzen in den Händen, einen himmlischen Gesang singend, um den ganzen Kirchhof herumgehen. Und im Jahre 1657 den 20. August war eine große Schar Religiosen in weißen Cucullen eben auch in gleicher Weise mit Gesang und Lichtern allda umgegangen. Eben in diesem Jahr am andern Ostertag kam in dieses Beinhaus Rudolf Reichenberger, ein Jesuit, verwunderte sich über die unbeschreibliche Menge der Totenbeine und sprach zu seinem Gefährten, unwissend, daß diese Gebeine von Kindern der Seligkeit waren: Was vermeinest du, wieviel sind von diesen verdammt? – Kaum daß er dieses ausgeredet, so erhub sich alles Gebein mit einem großen Getöse, und wurde dieser von denen Geistern aus dem Beinhaus hinausgesteinigt. Dieser Jesuit kam zwar nach wie vor vom Kuttenberg, um mit der studierenden Jugend allda spazierenzugehen, unterstand sich aber niemals mehr, mit einem Fuß in dieses Beinhaus zu treten. *   684. Die Mönche von Saar Hart an der Grenze von Böhmen und Mähren liegt das Kloster Saar, durch einen Bach also geschieden, daß die eine größere Hälfte im Czaslauer Kreis in Böhmen, die andere aber auf mährischem Gebiete liegt. Saar, im Jahre 1234 erbaut, war ursprünglich ein Zisterzienserkloster, da es aber durch den Krieg sehr verwüstet und die Mönche teils erschlagen, teils vertrieben worden, verwaltete der Kardinal Dietrichstein, Bischof von Olmütz, des Klosters Güter und setzte 1614 Franziskanermönche in die verlassenen Zellen. Sie hatten aber vom Geisterspuk viel zu dulden, wie aus den alten Klosterchroniken zu ersehen ist. Es erschienen ihnen oft die toten Zisterzienser und ermahnten sie mit den Worten: Cedite nostris, das Kloster zu verlassen; ja, wenn die armen Franziskaner zum Gottesdienst oder zum Essen gehen wollten, fanden sie nicht selten ihren Platz im Chor oder an der Tafel von den Geistern schon besetzt und die Speisen verzehrt. Da sie solche Drangsal nicht länger ertragen konnten, räumten sie das Kloster mit Genehmigung des Kardinals im Jahre 1638 den Zisterziensern wieder ein, und hat man von der Stund an vom Geisterspuk allda nichts mehr vernommen. *   685. Die schwarze Schule zu Budecz Der Teufel hat zu allen Zeiten und überall seine Studenten und Kandidaten gehabt, in und außer Deutschland, zu Salamanka, zu Toledo, zu Krakau wie in Nordfriesland, und auch in Böhmen zu Budecz. Alldort war ohne Zweifel dieser Teufelsseminare das älteste, denn es geht die Sage, daß daselbst auf dieser Schule aller Zauberei und Teufelskünste schon Libussa mit ihren Schwestern und ihren Mägden, welche letztere hernach ganz des Teufels wurden und den blutigen Mägdekrieg anspannen, studiert habe, hernachmals ist zu Budecz auch eine christliche löbliche Akademie, lange vor Aufrichtung der Hochschule zu Prag, welches damals ja noch gar nicht gegründet war, gewesen, und sind alldorten zuerst in Böhmen die lateinischen Buchstaben gelehrt worden. Dieses Budecz ist seit lange nichts mehr als ein Steinhaufen mit etlichen verworfenen Gräben; es hat selbiges gelegen zwischen Prag und Welwarn, einem Städtlein, das auch bereits im Jahr 996 erbaut worden. *   686. Geisterheer vor Saaz Im Jahre 1201 hat es sich begeben, daß die Bürger von Saaz um Mitternacht durch Waffenrasseln und Trompetengeschmetter aus dem Schlafe geschreckt wurden, also daß sie schnell zu den Waffen griffen und alle Mauern und Wälle besetzten. Sie sahen auch ein unermeßliches Heer am Fuße der Höhe, worauf die Stadt erbaut ist, wogen und in geschlossenen Reihen heranstürmen, Wurfgeschütze richten, Springgräben graben und Sturmleitern anlegen. Die Bürger von Saaz sandten einen Hagel von Pfeilen, Bolzen und Steinen dem angreifenden Feind entgegen, waren aber doch in großer Angst und Sorge, weil sie der Übermacht zu erliegen fürchten mußten. Während nun die Greise, Weiber und Kinder in den Gotteshäusern betend auf den Knieen lagen und die streitfähigen Männer wacker kämpften, dämmerte der Morgen herauf, und siehe – da war weit und breit außer denen der Stadt auf den Mauern kein Bewaffneter zu sehen. Ausgesandte Kundschafter fanden keine Spur eines dagewesenen Feindes, nur mit den Pfeilen und Bolzen der Bürger war der Boden besäet. Man mußte daher glauben, daß es ein Geisterheer gewesen, das die guten Bürger habe äffen und ihren Mut erproben wollen. Diese zogen nun vor die Stadt hinaus und lasen ihre Pfeile und Bolzen wieder zusammen. *   687. Das Heidengrab auf dem Suatabor Ohnweit der Stadt Schüttenhofen im Prachiner Kreise erhebt sich der Suatabor, ein hoher Berg mit einem Heilquell und einem umfriedeten Raum, der wird das Heidengrab genannt. Unten rollt das Flüßchen Wottawa seine Wellen der Moldau zu und führt Gold und gute Perlen in seinem Sande; diese machten vorzeiten die Einwohner von Schüttenhofen reich, welches schon im Jahre 790 erbaut worden sein will. Als die Mugeln (Mongolen, Tataren) in das Land fielen, verriet ihnen der Umwohner Neid und Bosheit Schüttenhofens Reichtum, und ein Heerhaufen derselben zog alsbald heran, sich aller Schätze zu bemächtigen. Wie groß aber dazumal auch die Furcht und der Schrecken waren und förmlich entmannend wirkten, so erhob sich doch ein Tapferer, sammelte um sich her eine mutige Schar, legte sich am Suatabor in einen Hinterhalt und begrüßte dermaßen herzhaft den Mugelnhaufen, daß nichts übrigblieb, als alle Erschlagenen zu begraben. Entronnen war keiner. Da ließ der Held die Heiden in eine Grube werfen und türmte ihnen den Hügel auf. Die Sage geht, daß sich dieses Heidengrab alle Jahre dem Heilbrunnen um eine Daumensbreite nähere; wann es dem Quellbrunnen ganz nahe sein wird, wird im Königreiche Böhmen eine große weitumgreifende Veränderung vor sich gehen. *   688. Brotschuhe und Semmelschuhe Einer Mutter in Böhmen starb ihr Kind, ihr einziges und herzliebstes, und sie schmückte es im Sarg auf das allerschönste, und tat ihm das beste Kleidchen an, und setzt' ihm das seinste Kränzelein auf, und zog ihm Strümpfchen an, so weiß wie Schnee, und neue rote Schühlein – aber die Schühlein, die waren doch zu hart, die deuchten ihr nicht zart genug für des Kindes Füßchen, und sie wußte etwas Weicheres. Vom feinsten Brotmehl nahm sie, machte Teig und formte Schuhe daraus und buk sie, doch nicht zu hart, und da hatte das Tote neue braune Schuhe an statt der roten, darin ward es begraben. Aber um Mitternacht kam das bleiche Kind in seinem Kränzelein und weißen Kleidchen, und sah so jammerig aus, und hielt der Mutter das Füßchen hin, daß sie den einen Schuh ausziehen sollte und dann den andern; sie aber verstand es nicht, und das Kindlein verschwand wieder. So kam es zum zweiten- und zum drittenmal und deutete auf die Schuhe und ließ der Mutter keine Ruhe, und da verstand diese endlich, was es wollte, und ließ das Särglein wieder ausgraben, zog dem Kinde die Brotschuhe aus und die roten Schuhe an und ließ es wieder einsenken unter heißen Tränen. Und von da an hatte sie Ruhe, soviel eine Mutter Ruhe haben kann, der ihr einziges und herzliebstes Kind im Grabe liegt. So hat sich auch etwas Wunderbares, nur in ganz anderer Weise, zugetragen mit dem Schlosse auf dem Hradekberge nicht weit vom Dorfe Oberkamenzen im Klattauer Kreise, eine Stunde von Stankau. Der Ritter, der auf dem Hradek saß, ließ eine Brücke bis Stankau bauen, damit er einen guten Kirchweg habe, sintemal die Wege dortiger gebirgigen Gegenden und durch das Radbazatal noch heute nicht die besten. Aber da man vor alters die Brücken zu pflastern pflegte, so war der neue Kirchenweg nicht weich zu gehen und der stolzen und zärtlichen Tochter des Burgherrn also unliebsam, daß sie Semmeln nahm, aushöhlte und statt Schuhsocken anzog, damit zur Kirche zu gehen. Solchen Mißbrauch des lieben Brotes aber nahm der Himmel ihr noch viel übler als jener Mutter, die nur im heiligen Schmerz übergroßer Liebe ihrem toten Kindlein die Brotschuhe anzog – und als das stolze Fräulein aus dem Schlosse trat, da krachte es hinter ihr und vor ihr, und Schloß und Brücke versank, und sie selbst versank auch mit, und blieb nichts von ihr zu sehen übrig als ihre Fußtapfe in einer Brückenstufe. *   689. Der verwünschte Burggraf Im Rathause zu Ellbogen wird ein metallner Klumpen von der Größe eines Pferdekopfes gezeigt, den die Inwohner den verwünschten Burggrafen nennen. Vor langer Zeit hauste auf dem Schlosse ein Ritter, der gar ein hartherziger, grausamer Mann war. Wenn ein Pilger aus fernen Landen kam und das Gastrecht in Anspruch nehmen wollte, trieb er ihn mit harten Worten, auch wohl mit tätlicher Mißhandlung hinweg, und seine Untertanen seufzten unter der Strenge seiner Geißel. Da kam einst auch ein müder Pilgersmann, der aber ein Nekromant war und in geheimen Dingen wohl erfahren, vor des Schlosses Pforte und erbat Obdach für die Nacht, aber als ihn darauf der Burgherr hart anließ und von dannen wies, so hat der Nekromant ihn verflucht, ewiglich hart zu bleiben. Alsbald wurde der Burggraf von Ellbogen zu besagtem Klumpen, welcher ganz schwarz ist und wie Metall klinget. Der kaiserliche General Johann von Werth hat ihn heimlich in den Schloßbrunnen werfen lassen, nach vielen Jahren ist er aber wieder herausgezogen worden. Man hat schon oft versucht, durch Feuer oder Schlagen die Bestandteile des rätselhaften Metallklumpens zu erforschen, hat ihn aber nie zerschmelzen oder im mindesten verletzen können. Manch schwacher Mensch hat ihn mit leichter Mühe aufgehoben und getragen, wogegen ihn starke Personen kaum von der Stelle rühren konnten, und wer mit einer Todsünde behaftet und befleckt ist, vermag ihn gar nicht zu erheben. *   690. Junker Ludwig Nahe bei der Stadt Eger liegt ein Feldstück, darauf ist es nicht geheuer; ein Gespenst hat dort seinen Umgang, von mittlerer Mannesgröße, das heißt im Volke der Junker Ludwig. Es war derselbe einer von den unredlichen Grenzsteinversetzern, die zur Strafe nach ihrem Tode umgehen müssen rainab und rainauf, wo sie die Grenzsteine versetzt haben, bald fahl, bald feurig, bald zu Fuß, bald auch zu Roß. Es ist nicht gut, ihnen zu begegnen. Einem Mädchen, das abends vor dem Tore spazierenging und jenem Felde zu nahe kam, trat der Junker Ludwig nahe und tatschte ihr, wie er im Leben den Dirnen gern mochte getan haben, nach der Brust. Seine Hand war feuerheiß, das Mädchen kreischte auf vor Schmerz, der Junker verschwand. Als die Maid nach Hause kam, war ihre Brust schwarz, wie verbrannt, sie ächzte und sagte: Ich hab' mein Teil! Drei Tage darauf war sie tot. *   691. Hans Heilings Felsen In der Nähe von Karlsbad, am Flusse gleichen Namens, lebte ein Mann, des Name war Hans Heiling, der hatte viel an Gut und Geld, aber nicht von Gott, sondern vielmehr durch ein Bündnis mit dem schlimmen Herrgottsaffen, dem bösen Feind; der mußte ihm dienen eine lange Reihe von Jahren, und Heiling plagte ihn baß, wie Doktor Faust seinen Teufel Jost, so daß der Teufet seinen Dienst gar mächtig überdrüssig bekam. Dafür stänkerte ihn der Teufel mit dem Dampf an, den er aus seinem Rachen blies, wenn er bei ihm war, daß Heiling fast stank wie ein Tabaksraucher, der den ganzen Tag raucht, und als Hans Heiling sich in ein schönes Mägdlein heftig verliebte, die auch ihn gern sah, wurde doch nichts aus der Verbindung, weil Heiling so anrüchig war. Darauf erkor sich das Mägdelein einen andern Bräutigam, welcher nicht stank wie der Teufel oder sonst ein Stinkbock; darüber ergrimmte Hans Heiling über die Maßen, wartete die Hochzeit ab, und als nun Braut und Bräutigam mit den Gästen fröhlich beisammensaßen, da erschien er im Geleit des Teufels und schrie letzterem zu: Teufel! Deine Dienstzeit lösch' ich dir, so du diese vernichtest! – Freut mich, hör' ich gern! schrie der Teufel, qualmte noch einmal wie ein Bäckerschornstein und rief: Nun bist du mein! – verwandelte alle Hochzeitgäste samt dem Brautpaar in Felsenstein und gab Hans Heiling einen Drücker ins Genick und einen Tritt und stieß ihn hinab in die Eger. Niemals sah ein Auge ihn wieder, aber die Steinverwandelten stehen noch, das Brautpaar, das sich umarmt, der Brautvater und die Hochzeitgäste. Eine andere Sage läßt den Heiling in einem nach ihm genannten Felsen Hausen, in welchem eine Höhle befindlich, und allda über ein Volk von Zwergen herrschen. Dieser Felsen heißt nach ihm der Heilingsfelsen und steht mit andern zwischen dem Schlosse Aicha und dem Hofe Wildenau im Flußtale der Eger. Eine Frau aus Trabnitz ging über Pornitz in den Wald unter Aicha, Beeren zu suchen, und der Abend überraschte sie. Sie kam aber an ein schönes Haus, in das sie eintrat, und da saß ein alter Mann an einem Tisch und schrieb gar emsig. Die Frau sagte: Kann ich hier bleiben? – und der Mann sagte: Ja, das kannst du! – Wo bin ich denn? fragte sie weiter. In Heilings Hause, der nicht mehr lange weilen wird, sein Volk ist schon zum größten Teil voraus. Der Bann ist gelöst! – Bist du es nicht, der die Zwerge in Stein verwünscht hat, daß man die Steinfelsen noch heute die verwünschte Zwergenhochzeit nennt? – Schweige und schlafe! antwortete auf diese letzte Frage der alte Zauberer. Die Frau gehorchte zitternd, sie kroch in einen Winkel und entschlief. Als sie am Morgen erwachte, fand sie sich in einer Felskluft liegen, kein Gedanke an ein Haus war zu denken. Sie eilte jetzt rasch nach ihrem Dorfe zurück, aber da war alles verändert, andere Häuser, andere Menschen, und ihr widerfuhr, was anderen Bergentrückten auch widerfahren, im Kirchenbuchs stand ihr Name als der einer vor hundert Jahren Verschollenen. Allein darin war sie besser daran als jenes Brautpaar im Kyffhäuser, jene Bergleute im Kuttenberg und jener Gast des Toten zu Groß-Berkentime; sie war nicht alt geworden in den hundert Jahren, sondern lebte ihre übrigen Jahre ruhig dahin und schickte sich gut in die andersgewordene Zeit, was nicht jedem gegeben. An einem Johannistage sind auch zwei Hirtenknaben, welche Vögel fangen wollten an den Heilingsfelsen gekommen und haben unten an ihm ein Türlein offenstehen sehen. Sie gingen hinein, sahen Truhen stehen, eine offen und voll Geld, die andere leer; schleunigst sackten sie ein, ihre Schubsäcke voll, aber endlich wurde es ihnen grauslich zumute, sie eilten hinaus, und hinter dem zweiten schmetterte die Türe so heftig zu, daß sie ihm ein Stück vom Absatz seines Schuhes wegschlug. So kamen sie noch mit heiler Haut davon und brachten das viele Geld ihren Eltern glücklich nach Hause. *   692. Wald Zeitelmoos Zwischen Wunsiedel und Weißenstadt, nahe dem Fichtelgebirge, streckt sich ein Wald, der heißt der Zeitelmoos, und darinnen liegt der Zeitelmoosweiher, bei dem es, der gemeinen Sage nach, nicht geheuer ist und sich allerlei von Gespenstern dort sehen läßt. Ein berühmter und hochgelahrter Mann ritt eines Abends spät noch durch den Wald, kam am Weiher vorüber, sah auf einem Holzstoß zwei Kinder sitzen, redete diese an, was sie so spät da machten, sie sollten doch nach Hause gehen, darauf begannen beide Kinder überlaut zu lachen, der Mann aber ritt seines Weges weiter; es währte gar nicht lange, so sah er an einer andern Stelle ganz die nämlichen Kinder wieder, und sie lachten auch wieder hellauf. Dem Mann graute – er sprach die Kinder nicht zum zweiten Male an, sondern ritt still vorüber. Ein anderer gelehrter Mann erzählte, daß auch er eines Abends zu Fuße bei Mondschein im Spätherbst am Teich vorüber und die Höhe hinangekommen, und habe zu seiner Auferbauung das geisterquickende Lied gesungen: Himmel, Erde, Luft und Meer, Zeugen von des Schöpfers Ehr'; Meine Seele, singe du. Bring auch jetzt dein Lob herzu. Da habe ihn auf einmal ein dicker schwarzer Nebel umfangen, und er habe ein Geräusch vernommen, als ob Reiter um ihn herumtrabten – er aber habe mutig fortgesungen, die zweite Strophe und die dritte, auch die vierte, lautend: Seht, wie fleugt der Vögel Schar In den Lüften Paar und Paar! – aber wie er an die Worte dieser vierten Strophe gekommen: Donner, Blitz, Dampf, Hagel, Wind Seines Willens Diener sind! – und dieselbe in Gott vergnügt, ohne Furcht und Grauen mit lauter Stimme abgesungen habe, sei der Dampfnebel wie ein Pfeil hinter ihm weggewichen und über den Zeitelmoosweiher dahingezogen, und freudiglich habe der Mann das Lied zu Ende gesungen: Ach, mein Gott! wie wunderlich Spuret meine Seele dichl Drücke stets in meinen Sinn, Was du bist und was ich bin. *   693. Der Nachtjäger im Butzenreut Zwischen Wunsiedel und Redwitz ist ein Bergwald gelegen, der heißt der Bugen- oder Butzenreut, das ist ein echtes rechtes Jagdrevier des, nach dem es heißt, des jagenden Waldschrats und Höllenbutzen, darinnen – wie auch im Zeitelmoos, über den hohen Steinwaldberg über Reckwitz und über das ganze Fichtelgebirge, auch über die Hundsbrücke – er gar wild und toll jagt, von seinem Butzenheer begleitet, und mag wohl der Name des Waldes hier nicht von reuten, ausroden kommen, wie unzählige Ortsnamen dieser Gegend, sondern von reiten, weil der Butz dort reitet als Nachtjäger, Spuk und arger Pötz auf seinem dreibeinigen Roß und von seinen Höllenhunden umklifft und umklafft. Namentlich hat der Jägerbutz mit seinem wütenden Heer auch den Zug über die Heidenstadt in der sogenannten fränkischen Schweiz, und ist dortselbst wegen seiner des Nachts nicht gar sicher zu reisen. *   694. Zwergenhöhle bei Naila Zwischen Selbitz und Marsreuth liegt das Dorf Naila, dort wohnten in einer noch vorhandenen Höhle vor ein paar hundert Jahren Zwerge; das Loch ist noch da, aber die Zwerge sind fort. Ein Bauer des Namens Kohmann ackerte mit zwei Pferden auf seinem Felde, und sein Weib brachte ihm ein neugebackenes Brot zum Frühstück, das sie, in ein Tüchlein gebunden, am Rain niederlegte und dann in das Gras ging. Da trat zu dem Ackersmann ein Zwergweiblein dar und sagte: Du bist noch nicht hungrig, aber meine Kinder sind hungrig; mein Brot ist noch im Backofen, leihe mir das deine für meine Kinder, bis Mittag will ich es dir erstatten. – Der Bauer überließ dem Weiblein gern das Brot und geduldete sich bis Mittag, war aber doch neugierig, ob sie Wort halten werde. Und siehe, sie kam auf den Punkt, als das Mittagöglöcklein im Dorfe ausgebimmelt hatte, brachte in einem schneeweißen Tüchlein einen noch warmen Brotkuchen und sagte: Nimm und iß es ohne Scheu, das Tuch lasse liegen, ich hole es schon ab. Wir sehen uns dann nicht wieder – die Welt wird ungut. Ihr flucht und schwört je mehr und mehr, ihr lauft in aller Sonntagsfrühe heraus auf eure Felder, die Früchte zu beschauen, ihr errichtet ein Hammerwerk nach dem andern, es ist des Schlagens und Pochens kein Ende – so müssen wir den Ort verlassen, wo wir so lange bequem gesessen. – Damit ist sie hinweg und nicht wiedergekommen; ob der Bauer im Brote oder dem Tüchlein etwas gefunden habe, wird nicht gemeldet. In das Zwergloch bei Naila sind einmal an einem Sonntagnachmittag unterschiedliche junge Bauernbursche gekrochen mit brennenden Schleißenspänen; da kamen sie durch einen Gang, der maß ein paar Ackerlängen, dann in eine mannshohe Grotte mit vielen kleinen Türlein an den Seiten, wie Kämmerchen, und da grausete es sie alle mit einem Male mächtiglich, und eilten heraus, und sind ein paar Tage übel aufgewesen. *   695. Der Herrgottstein Zwischen Selb und Thierstein, nahe der Eger und nahe der Straße, ragt ein großer Stein aus dem Boden, der ist also gestaltet, daß sich ein Mann in denselben, gleichwie in eine Form, legen kann; denn alle Gliederformen sind in den schönsten Verhältnissen, wie von eines Künstler Hand wie in Wachs eingetieft, zu erschauen. Die Sage geht, daß Christus unser Herr darauf geruht und dem Stein die Gestalt seines heiligen Leibes eingedrückt habe, und wäre so dieser Stein ein wahres Gegenstück zu jenem schwarzen Teufelsabdruck am Lurleifels. Ahnliche Felseindrücke werden erschaut in der Höhle des heiligen Prokopius auf der halben Wegstrecke von Prag nach Königssaal, die tief in den Felsen hineingeht. Darinnen hauste aber freilich kein Herrgott, sondern ein ganzes Heer von Teufeln, die der heilige Prokopius alle austrieb, und da sie ausfuhren, ließen sie ihre Wahrzeichen, Hörner, Drachenkrallen, Ochsen- und Pferdeklauen und Lindwurmschweife, als ein Andenken zurück. *   696. Fichtelberg und Fichtelsee Auf dem Fichtelberge, dem Haupt und König des Fichtelgebirges, liegt – gleichwie auf dem Schneekopf im Thüringerwalde der Teufelskreis, auf dem Rhöngebirge in Franken das schwarze Moor, dem Pilatussee auf dem Frakmont der Schweiz, dem Frau-Hollenbad auf dem Meißner in Hessen u. a. – ein berufener unergründlicher See, der Fichtelsee genannt. Früher war er offen wie der Pilatussee, hernachmals aber hat er sich mit einer schwankenden Moordecke, gleich dem vorgenannten, überzogen und heißt nun die Seelohe, weil in dieser Gegend jeder Sumpf unter einer Moordecke Lohe genannt wird. Vier Flüsse rinnen vom Fichtelberge nach den vier Himmelsgegenden nieder, Main und Saale, Nab und Eger, deren Namensanfangsbuchstaben das Wort MENS bilden; davon entspringen Main und Nab unmittelbar dem Fichtelsee. Der Main fließt gen Westen, die Nab gen Süden, die Eger gen Osten und die Saale gen Norden. Der Main fällt in den Rhein, die Nab in die Donau, Eger und Saale strömen der Elbe zu. Bei Weißenstadt fließt die Eger durch einen See, in welchem ein Pfarrer vordessen, wie die Sage geht, die Frösche stumm gemacht, wie jener Arme die zu Schwante, andere aber sagen, ein kunstbegabter Vagabund habe solch Wunderwerk für den Pfarrer verrichtet, den die Frösche unter der Predigt gestört. Und ist noch dieses wundersam, daß jeder in den Weißenstädter See geworfene Frosch alsbald wieder herauseilt, und daß ein paar Eimer dieses Wassers, in andere Teiche geschüttet, die Frösche ebenfalls verstummen machen. – Die Eger hat in ihrem Sande Diamanten, der Main Perlen, die Saale Gold und die Nab silberflammige Steinlein geführt. Auch vom Fichtelberg geht das weitbekannte Sprüchwort: Oft wirft ein Hirte nach einer Kuh mit einem Steine, der mehr wert ist als die Kuh selbst. Das alles aber war und geschähe noch in der goldnen Zeit; ob und wann sie wiederkehre, bleibt in Dunkel gehüllt. In dem Fichtelsee badet sich der Nachtjäger, wie seine Sippe, Frau Holle, ihr Bad auf dem Hohen Meißner im Hessenlande hat, der Teufel das seine auf dem Schneekopf und Rübezahl seines auf dem Riesengebirge, und es ist nur gut, daß diese vier hohen Herrschaften ihre Badezeit nicht an einem und demselben Orte halten, dieweil sonst in der Welt noch viel mehr Schlimmes und Arges geschehen würde, als ohnehin geschieht, wenn der Teufel und seine Diplomaten in einem Bade beisammen sind. *   697. Schätze der Luchsburg Von keinem der felsgekrönten Hochgipfel des Fichtelgebirgs, die meist alle Ritterburgen trugen, welche nun in Trümmern liegen, gehen mehr Schätze- und Schatzgräbersagen als von der Luchsburg, Lugsburg, Luxburg, Loosburg über dem Alexanderbade. Unter einer großen Stufe im verfallenen Keller liegt ein ungeheurer Schatz in einem kupfernen Kessel, der eine Elle hoch und eine Elle breit ist, der ist voll gemünzter Goldgulden. Auf dem Kessel steht ein kupfernes Gefäß, das umschließt eine goldne Königskrone, die mit den größten Perlen und wertvollsten Edelsteinen geschmückt ist. Die Raubritter, die einst in dieser Burg hausten und das Gebirge beherrschten, trugen diesen Schatz zusammen, bargen und versetzten ihn so, daß er nicht gefunden werden kann. Die Krone nahmen sie einem Könige und machten sie genau so unsichtbar wie Herrn von Kossuths Exzellenz die ungarische Königskrone. Nur durch ein Mönchlein von zwerghaftem Wuchs, in schwarzer Kutte, einäugig und hinkend, kann diese Krone, nämlich die in der Luchsburg, und der Goldkessel dereinst gefunden und der Schatz gehoben werden, und dies kann nur am Feste Epiphanias, dem goldnen oder Trinitatissonntag, an welchem sich das Mönchlein goldnen Sonntagskindern sehen läßt, durch ein golden Sonntagskind geschehen. Unzählige Male haben Schatzgräber und Bergleute die Klüfte unter der Luchsburg durchwühlt, aber ganz vergebens. *   698. Geisterkirche am Ochsenkopf Nahe dem Fichtelberge hebt der Ochsenkopf sein fels- und waldgekröntes Haupt, und die Sage nennt es gold- und schätzereich. Häufig haben die Walen des Berges Tiefen durchwühlt. In eine felsige Kluft droben kroch ein Bauer, da kam er an ein Stollenloch und fand vor demselben ein geschriebenes Buch in einer fremden Sprache samt einem Paar Handschuhe und einem Pistol. Er legte sich auf den Bauch und horchte hinein, hörte drinnen hauen und pochen, sah aber kein Licht; da nahm er alles Gefundene zu sich, schoß das Pistol ab und übergab seinen Fund dem Amt. Ein alter Fichtelberger Aschenbrenner hat erzählt: An einem goldnen Sonntagmorgen regnete es, und da lief ich hinauf auf den Ochsenkopf, die Asche zu retten, und da hörte ich drunten in Bischofsgrün mit den Glocken zusammenschlagen. Da kam ich an eine Felsenwand, die stand auf, und ich trat hinein; da hat ein Altar dringestanden, der war ganz von Gold und glänzte über und über vom Schein der Kerzen, die auf ihm brannten. Da fiel mir bei, daß ich schon gehört hatte, allemal, wenn drunten in Bischofsgrün Kirche gehalten werde, so gehe droben die Geister-, Berg- und Waldkirche zugleich an; ich sah noch einmal hin! Gold und Silber hingen wie Eiszapfen am Gewölbe, Perlen und Edelsteine bambelten da wie die Zwiebelstränge in unserm Schlot, Geister sah ich keine – aber ich entsetzte mich, daß ich so mutterseelenallein war, lief fort und hörte hinter mir ein entsetzliches Krachen und Brechen, als ob der Berg in sich zusammenstürze. Ich holte meine Fraue, daß sie den Pracht auch sehen sollte, der nur am göldnen Sonntag und am Johannistage sich manchmal in der Frühe zeigt, aber wie wir hinkommen, war die Felsenwand zu und nichts mehr zu sehen, und meine Fraue sagte, ich sei selber ein Ochsenkopf, daß ich mir nicht aus der Geisterkirche so einen Goldeiszapfen oder Edelsteinstrang herausgelangt, denn wem der Schatz sich zeige, dem sei er auch beschert. Aber wenn der Bettelmann nichts haben soll, so verliert er das Brot aus der Tasche. *   699. Die Hölle auf dem Rudolfstein Auf der nördlichen Abdachung des Schneeberges, des Nachbars vom Fichtelberg und Ochsenkopf, stand nach Weißenstadt zu auch eine Ritter- und Raubburg, der Rudolf- oder Rollenstein, dessen Stätte noch der Schloßberg genannt wird. Rudolf, ein Pfalzgraf in Franken, soll die Burg im Jahre 857 auf die Riesenfelsen, die Mauern, von Menschenhänden aufgeführt, gleichen, getürmt haben, andere nennen den Kaiser Rudolf aus Schwaben als Erbauer. Nicht weniger als zwölf bis vierzehn Raubburgen standen um Wunsiedel, deren Insassen den reisenden Kaufleuten gleich starken Gebirgswinden das Geld aus dem Busen bliesen. Räuber und Geister in trauter Gemeinschaft machten die unwegsame Gegend unsicher und weit verrufen, und eine Waldstelle unterm Rudolfstein, von grauenhaftem Felsgeklüft umstarrt, wird die Hölle genannt. Sie lag zwischen den Raubburgen Rudolfstein und Waldstein in der Mitte, und die Reisenden hatten allda oft mehr Pein von den verkappten Staudenhechtlern auszustehen als von den Waldgeistern und Höllenbränden, die sich in Gestalt feuerspeiender Untiere sehen ließen, während ein Prasseln vernommen ward, als ob der ganze Wald niederschmettere. Ein Jäger aus Sachsen, der den Geisterspuk in der Hölle noch nicht kannte, sah und verfolgte dort ein Wild, das zum Waldstein hinanflüchtete. Je höher er stieg, je mehr Wildes ward er ansichtig, aber alles floh vor ihm her in die Burgtrümmer hinein, keins kam ihm schußgerecht. Jetzt folgte auch er durch die Pforte – da mit einem Male umhüllte sich Fels und Mauer, Busch und Baum mit grauem Nebel, und im Burghof begann ein Brausen, Jetern, Knallen und Schellen, Bellen und Gellen, als sei die ganze Hölle los, Gekreisch und Gelächter, und der wilde Jäger zeigte sich ihm samt dem ganzen wilden Heere voll sinneverwirrender Gestalten, bis er zu Boden stürzte und die Gedanken ihm gar vergingen. Als er erwachte, war es dunkel um ihn, und drunten in Reumersreuth schlug die Turmuhr zwölfe. *   700. Der Ziegel vom Waldstein Die schönste Trümmer auf und zwischen dem ungeheuren Felsenriesen im Fichtelgebirge ist der Waldstein, ehemals ein Sitz der Herren von Sparneck, die ringsum ihre Spartöpfe hatten, in denen sie fremder Leute Geld aufhoben, bis ihrem Treiben ein Ende mit Schrecken gemacht ward. – Ein armer Tagelöhner hieb einstmals Holz ganz nahe beim alten Gemäuer, das von der Burg Waldstein noch übrig, da trat zu ihm ein kleines Männlein, das war gar freundlich und reichte ihm einen Ziegelstein, indem es dem Mann durch Gebärden zu verstehen gab, den Ziegel mit nach Hause zu nehmen. Der Holzhauer war verdutzt und stand wie Butter an der Sonne; er sperrte das Maul auf und die Augen, drehte den Stein langsam in der Hand und beguckte ihn, und es fiel ihm endlich die große Frage ein: Warum soll ich den Backstein mit nach Hause nehmen? – und da sein hausbackener Verstand zu deren Beantwortung nicht ausreichte, so wollte er diese Frage an den Geber richten. Aber siehe da: das Männlein war verschwunden. Noch einmal wandte der Holzhauer den Backstein um und um und murmelte: Wenn's ein Backsteinkäs wäre, ließ' ich mir's eher gefallen. So schmiert man sich Hand und Gewand an dem Dinglich rot und hat nichts davon, geh mir einer mit solchen Narrenspossen! Und damit warf er den Ziegel in die Büsche. Als er nach Hause kam, schrie ihn seine Frau ganz verwundert an: Jo Mo! Du gleißest jo schier wie a Speckschwartn! Host dich öpper im Feuer vergulden lossen? – Und da war aller Ziegelstaub, der an Händen und Kleidern haften geblieben war, purer Goldstaub. Hui, wie fix war jetzt der Holzhauer! Wie lief er wieder zum Waldstein hinauf! Wie suchte er im Gebüsch bis in die sinkende Nacht nach dem goldnen Ziegel! – Aber prosit die Mahlzeit, er fand ihn nimmer. *   701. Der Feilenhauer von Weißdorf Zu Weißdorf hat ein Mann gelebt, der war ein gelernter Feilenhauer, gab aber das Geschäft auf und legte sich auf ein anderes, das er für einträglicher hielt, nämlich auf das Geisterbannen. Damals gab es noch Geister, die sich zitieren und bannen ließen, heutzutage wollen sie sich nicht mehr bannen lassen, und es ging dem Feilenhauer nicht wie jenem Schulmeisterlein, das, gleicher Kunst obliegend, gefragt wurde: Können Sie wirklich Geister zitieren? – mit einem stolzen O ja antwortete, aber als nun weiter gefragt ward: Kommen denn auch Geister auf Ihr Zitieren? – ein trübseliges Nein vernehmen ließ – des Feilenhauers Zitierte kamen wirklich. Der Feilenhauer war ein langer hagerer Mann, gruslich anzusehen; er trug einen abgeschabten Schinderranzen von Fischotterfell und sah einem Rattenfänger ähnlicher als einem Staatsrat, vermochte auch mehr, und gefürchtet wurde er von Alt und Jung, weil er so verrufenen Umgang hatte. Wo nun ein Poltergeist sich zeigte, da wurde der Feilenhauer hingerufen, und wo er in einen Ort kam, war auch gleich ein Poltergeist da, den jener beschwur, und da kroch der Geist so demütig in den Fischotterranzen wie im Kindermärchen vom Meisterdieb Pfarrer und Schulmeisterlein in den großen Sack. Alle die eingefangenen Poltergeister trug nun der Geisterjäger gleich gefangenen Katzen hinauf auf Burg Waldstein; dort bannte er sie alle hinein und hielt gute Zucht und Ordnung; da sitzen sie manchmal noch immer um einen großen Steintisch im Burghofe und spielen mit eisernen Karten, die der Feilenhauer selbst verfertigt hat. Die Karten müssen etwas heiß sein, denn man findet ihre Spuren dem Steine eingebrannt. *   702. Das Bimmelglöckchen Im Kapellenturme der Burg Waldstein, andere sagen auf Epprechtstein, hat ein Betglöcklein gehangen, dessen Schall hat man an bestimmten Tagen im Jahre gar deutlich gehört, daß man in Zell, am Bergesfuße, öfters geglaubt hat, es hänge im dasigen Kirchturme. Das hat zur Geisterkirche geläutet. Mancher hörte es erklingen, stieg zum Berge hinan und sah und hörte droben nichts. Eine Frau, die ihrem im Walde arbeitenden Mann das Mittagsbrot brachte, hörte den Schall und ging ihm nach. Und wie sie droben um eine Mauerecke der Burg biegt, da erblickt sie die Geisterkirche offen und in hehrer Pracht, und auf dem Turme darüber schwingt sich hin und her das bimmelnde Glöcklein. Orgelton und Chorgesang dringt aus der Kirche; dem Altare zugekehrt steht der Priester, und am Boden knieen die Geharnischten und die Frauen in weißen Schleiern. Da ergreift es die arme Frau gar mächtig, auch niederzuknieen und im Staube mit anzubeten den, welchen alle guten Geister loben, doch zugleich grauset ihr, denn sie fühlt, daß sie nicht zu dieser Gemeinde gehöre. Aber der Andacht frommer Drang zieht sie dennoch hinein in das Heiligtum, und mit Händefalten knieet sie nieder. Da wendet der Priester am Altare sich um, da fällt sein Blick eisigkalt und streng auf sie, er hebt den Arm empor und ruft mit dumpfer Stimme: Wehe! wehe! – und im Nu verschwinden Altar und Priester, Orgel und Chor, Männer und Frauen, der Kirche Schmuck; das Glöcklein sinkt vom Turme und dicht vor der Frau in den Boden – ein Wetter grollt und donnert um die Trümmer, und auf ihren Mauern stehen wieder hoch und stark die seit Jahrhunderten darauf emporgeschoßten Bäume. Ganz bestürzt, mehr tot als lebend, kommt die Frau zu ihrem Manne zurück, lange versagte ihr die Sprache. Der Mann hat nichts von Sturm und Unwetter gehört, der Himmel ist hell und klar. Bebend wankte die Frau nach Hause – nach drei Tagen lag sie auf der Bahre. *   703. Das verlorene Kind Eine andere arme Frau trug auf ihrem Arme ein kleines Kind zum Walde und kam in die Ruine Epprechtstein. Dort setzte sie ihr Kind ins Gras und suchte Waldbeeren. Mit einem Male stand vor ihrem Blick eine prächtige Kirche mit offenen Türen, und darinne stand ein Opferbecken, das war voll Goldstücke. Eilend sprang die Frau hinzu und raffelte von dem Golde in ihre Schürze, so viel als hineinging. Pfeilschnell eilte sie nach Hause, das Gold besaß sie, das Kind vergaß sie. Erst daheim gedachte sie wieder des hilflosen Kleinen; im Fluge eilte sie wieder berghinan – aber da war weder Kind noch Kirche mehr zu erblicken, und vergebens die Trümmer durchirrend und mit Klagegeschrei die Lüfte erfüllend, rief sie nach ihrem Kinde. Es war und blieb verschwunden und verloren. Täglich kam das arme Weib auf den Berg, um das Kind weinend, nach dem Kinde suchend, ihr Gold lag ruhig daheim in der Truhe, sie rührte es nicht an, sie mochte an dasselbe nicht denken – denn es kostete ihr zu viel, es kostete – ihr Kind. – So ging ein ganzes Jahr dahin, die Waldbeeren waren wieder reif; die Beerensammlerin nahete wieder der Burgtrümmer, mit doppeltem Schmerzgefühl, denn es war gerade der Jahrestag ihres Unglücks und Verlustes – da mit einem Male – kaum traut sie ihren Augen – da steht die Kirche wieder vor ihrem Blick, und neben dem Opferstock, der wieder voll vom Golde blinkt, sitzt blühend ihr Kind und reibt sich die Augen – es ist eben aufgewacht und hat sich rote Wänglein geschlafen. Mit freudigem Schreck stürzt die Mutter hinzu, ergreift's, herzt's, trägt's fort – schenkt der Goldfülle keinen Blick. – Endlich einmal wendet sie scheu sich um, ob nichts ihr folge, ob niemand ihr das Kind wieder entreißen wollte, aber da verschwand eben vor ihren Augen die Kirche wieder wie ein Nebelbild und wurde wieder die wüste Trümmer. Nun war die Mutter selig, und da das Wundergold, der Segen der Geisterwelt, ihr blieb, so lebte sie fortan ein beglücktes Leben und erzog ihr Kind zu Gottes Ehre. Es geht auch noch die Sage vom alten Bergschloß Epprechtstein, daß alle Jahre einmal, aber an keinem bestimmten Tage, wann und solange der Pfarrer auf der Kanzel drunten in Kirchenlamitz das Vaterunser betet, sich ein Fels hebt und auseinanderklafft und große Haufen Goldes blicken läßt, aber sowie das Amen schallt, schließt er sich wieder auf ein Jahr lang zu. Wer ihn offen sieht, muß schnell etwas auf das Gold werfen, dann darf er ein Vaterunser lang zulangen, muß sich aber wohl sputen, denn versäumt er sich zu lange, so schnappt der Fels zu und klemmt ihm beide Hände ab oder gar das Köpfchen. *   704. Die stille Wiese Vom Fichtelgebirge abwärts dem Maingefilde zu leiten mannigfache Pfade und Wege in ein ihm naheliegendes Bergland, das viele noch zu jenem rechnen und ob seiner Naturschönheiten die fränkische Schweiz benennen. Diese Gegend ist reich an Höhlen und reich an Sagen. Durchflossen wird es von der Wisent, einem forellen- und krebsreichen Wasser. Burgtrümmer gibt es allda in Fülle, Streitberg, Neideck, Dramaus oder Drameisel, Rabenstein und noch viele andere; da führt der Weg auch über eine schöne, sanft von umbuschten Berggeländen umfriedete Wiese ganz nahe bei Muggendorf, welche vorzugsweise vom Volk die stille Wiese genannt wird. Die Sage meldet über den Ursprung dieser Benennung: Da Doktor Luther in Koburg weilte und seinen Freund Melanchthon zurückerwartete, der auf dem Reichstag in Augsburg war (1530), so machte er einen Ausflug in diese Gegend und kam auch nach Muggendorf. Der Ruf des großen Mannes ging vor ihm her, und alles Volk eilte herbei, ihn zu sehen, womöglich auch zu hören. Endlich kam er; viele drängten sich um ihn, viele sprachen zugleich ihn an, viele trieb Ehrfurcht, andere die Neugier. Da blieb Luther auf dieser Wiese stehen, erhob die Hand und rief: Stille! – und stille ward es ringsumher wie das Grab; kein Laut, keine Lippe regte sich mehr. Und Luther sprach, der gewaltige Mann Gottes und Mann des Volkes, und in einer feurigen Rede erbaute er die Hörer, die ihn im tiefen Schweigen umstanden, und als er endete, da johlte nicht der betrunkene Beifall, der manch andern Volks- und Wiesenredner zum dritten Himmel erhob, da lärmte kein Händeklatschen und Bravoschreien – da blieb es still – tiefstill, nach wie vor, und sie fürchteten den Herrn mit Ernst und fühlten wohl unbewußt Nehemias Prophetenwort: Seid stille, denn der Tag ist heilig. – Und da nannten sie die geweihte Stelle die stille Wiese. *   705. Heidenstadt und Wihtehöhle Nahe beim Örtchen Alberndorf, das nach Muggendorf eingepfarrt ist, liegt ein Platz von einigen tausend Schritten Umfang, den nennen die Umwohner die Heidenstadt, aber auch die Hundsbrücke. Gespenster und das wütende Heer haben alldort sich häufig sehen und vernehmen lassen; altheidnisch Geld ward dort gefunden von Kupfer wie vom besten Silber; auf der Ebene sind eine große Anzahl trichterförmige Gruben, Mauerreste finden sich noch, und nur eine oder zwei Viertelstunden davon entfernt ist der hohle Berg, sonst das hohle Loch genannt, jetzt aber nach einem Romane bisweilen auch Oswaldshöhle geheißen, darinnen gar mancherlei ober- und unterirdisches Geklüft, absonderlich die Witzenhöhle, mit einem natürlichen Wasserbecken, dabei die Heiden, die hier einen Götzen verehrt, ihre Reinigungen vorgenommen haben sollen. Dieser Götze hieß Witte oder besser Wihte und war ein riesiggedachter Haingott, denn wîhe war in der uralt-deutschen Sprache das gleiche Wort für Hain wie für Tempel, weil andere Tempel nicht vorhanden waren, darin schon an sich der Begriff des Geweihten lag, daher Wicht als Elementargeist, nicht gerade Zwerg, daher die alten Namen Witicho und Wittechind, daher unser Wort weihen, daher der Weihkessel in des Naturgottes Wihte Höhle, welche Benennung der Sprache spätere Abwandlung in Witzenhöhle verdarb; dahin deuten auch die vielen Witchensteine, meist sagenhafte Felsen in waldreicher Umgebung. Will jemand dabei noch an die uralte Benennung der Unholden und runischen Hexenweiber: Pilwizen oder Bilbitzen, denken, so wäre auch solche Deutung nicht uneben, aber der Wihte steht höher. Diese Höhle ist fünfhundert Schritte lang, so lang, als man vom obern Tor zu Bayreuth bis zum untern zu gehen hat; in drangvoller Kriegszeit diente sie den Umwohnern als bergender Zufluchtsort. Manche haben von einem ehemals vorhandenen Bilde des Wihte erzählt, es ist aber, daß es ein solches gegeben, nicht wahrscheinlich, oder es war ein Machwerk späterer Zeiten. *   706. Eppella Geila Zu Drameisel bei Muggendorf saß ein Ritter, des Name war Eppelin von Gailingen, der war zugleich ein mächtiger Zauberer und hatte ein Flugroß, damit sprengte er steile Felswände hinan und hinab, setzte über Heuwagen und berührte kein Hälmlein, setzte über die Wisent und ward nicht naß am Fuß, wie der Wittich über die Wisar setzte. Zu Gailenreuth war sein Stammhaus, doch hatte er noch viele Burgen im Lande umher, und von einer zur andern flog er auf seinem Wunderroß wie der Wind. Von Drameisel ritt er nach Muggendorf über einen hohen Felsen und Riß, das konnte ihm keiner nachtun. Auf die Nürnberger hatte der Eppelin einen scharfen Zahn; er umgab sich mit beutesüchtigen Genossen und ritt an ihrer Spitze gar oft in das Nürnberger Stadtgebiet. Da sangen die Kinder von ihm: Da reit't der Nürnberger Feind aus, Eppela Gaila von Dramaus. Oder: Eppela Geila von Dramaus Reit't allzeit zu vierzehnt aus. Die Vierzehnzahl mochte wohl von alters her im Ostfrankenlande eine geheimnisvolle Bedeutung haben, daher auch seine Vierzehnheiligen. Als der Eppelin, auf dessen Kopf ein Preis gesetzt war, den die Nürnberger gern selbst verdient hätten, einstmals in Nürnberg auf die Burg gestürmt war und sich dort eingeschlossen und hart bedrängt sah, denn sie hatten das Burgtor zugeschlagen und schrieen ihm zu, daß sie ihn nun gleich henken würden, da tummelte er sein Roß mit Fechterhieben und rief: Die Nürnberger henken keinen, Sie hätten ihn denn vor! – spornte sein Roß zur Mauer nahe beim Luginsland und sprengte die furchtbare Tiefe über Wall und Graben hinab und hinüber und entkam glücklich. Da haben sie hernach mit Staunen die Spuren der Hufeisen angeschaut, die der Rossessprung in der Mauerzinne zurückgelassen. Als nach manchen gelungenen Handstreichen und kühnen Griffen der Eppelin einmal gen Farnbach kam und zechend in der Herberge lag, bauten die Feinde, denen das verraten war, eine Wagenburg um das Haus, er aber saß zu Roß und sprengte über acht Wagen, aber »überm neunten«, so singt ein altes Lied von ihm, »gab er den Giebel auf«. Da er nicht weiterkonnte, so opferte er, wie ein Reinhold von Dordone seinen treuen Bayard, sein Wunderroß, indem er es erstach, und gab sich gefangen. Das geschahe zu Postbauer, und im Städtlein Neumarkt, zwischen Nürnberg und Regensburg, ward er mit dem Schwert gerichtet. Sein Andenken lebt unvergessen. *   707. Der Seher im Frankental Bei Frankental, einem Klosterhof des berühmten Stifts Langheim zwischen Lichtenfels und Bamberg, hütete im Jahr 1445 ein junger Schäfer des Namens Hermann seine Herde und wollte sie von der Berghöhe heimwärts treiben, als die Abendglocke vom Kloster Banz auf dem gegenüberliegenden Berge in das schöne Maintal niederklang. Da hörte er seitwärts ein Rufen, die Stimme eines weinenden Kindes, und sah ein Knäblein einsam auf dem Acker sitzen, er ging auf dasselbe zu, da fand er ein Kind von strahlender Schönheit, das ihn wunderlieblich anlächelte und gleich darauf vor seinen Augen verschwand. Er ging von der Stelle hinweg, sahe sich aber noch einmal um, und siehe – da saß wieder das Kind, noch viel herrlicher anzuschauen, und zwei Kerzen brannten neben ihm. Noch einmal eilte Hermann auf die liebliche Erscheinung zu, und abermals verschwand sie. Beunruhigt in seinem Gemüte trieb der Schäferknabe die Herde heim und sprach zu seinen Eltern von dem Gesicht, allein diese glaubten ihm nicht und geboten ihm, zu schweigen; er vertraute aber, was er gesehen, einem frommen Priester, und der sagte ihm, was er tun solle, falls er noch einmal einer solchen Erscheinung gewürdigt werde. Solches geschah auch, doch erst im folgenden Jahre auf demselben Platze, nur noch viel überirdischer. Das Kindlein, von himmlischer Glorie umstrahlt, hatte ein rotes Kreuz auf der Brust und war umgeben von noch vierzehn andern himmlischen Kindlein, alle rot und weiß (das sind des alten Frankenlandes Farben) gekleidet. Jetzt fragte Hermann: Im Namen Gottes des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes: wer seid ihr, und was wünschet ihr? – Da antwortete das himmlische Kind: Ich bin Jesus Christus, und diese sind die vierzehn heiligen Nothelfer. Wir wollen hier wohnen und ruhen und euch dienen, so ihr uns dienet! – Darauf schwebte das Jesuskind und die Vierzehn mit ihm zum Himmel empor. Und am nächsten Sonntage sah der Seher vom Frankental um dieselbe Stunde zwei brennende Kerzen vom Himmel sich auf jene Stelle niedersenken, und eine des Weges daherkommende Frau sah dies Wunder ebenfalls und sah auch, wie die Kerzen wieder himmelan schwebten. Da ging nun Hermann der Schäfer zum Abte von Langheim und verkündete ihm und den Vätern des Klosters die wiederholten Erscheinungen, und es wurde eine Kapelle auf jener Berghöhe begründet, die bald als ein sonderer Gnadenort weit und breit in Ruf kam; Wunder geschahen dort, Wallfahrer strömten aus Nähe und Ferne herbei und beteten zu den vierzehn heiligen Nothelfern, auch wurde die Kapelle mit reichem Ablaß begnadigt; eine Brüderschaft nannte sich nach den Nothelfern, ein Graf von Henneberg gründete ihnen einen Ritterorden; Kaiser Friedrich III. selbst wallfahrtete dorthin, ein Gelübde zu erfüllen, auch Albrecht Dürer war im Jahre 1519 alldort. Und durch gute und schlimme Zeiten hindurch behielt die Wallfahrtkirche Vierzehnheiligen ihren großen, dauernden Ruf und Ruhm, immer schöner und herrlicher wurde sie gebaut, eine Propstei ward neben ihr errichtet. Mitten im Kreuz, das Langhaus und Querschiff bilden, erhebt sich ein dreifacher Altar mit unten offenem Raume über der Stelle, wo der Seher vom Frankental die Erscheinung sahe. An dieser Stelle zu beten, zu büßen, zu geloben wallen alljährlich viele Tausende dem hoch und schön gelegenen Tempel zu. Die Namen der vierzehn heiligen Nothelfer sind Georgius, Blasius, Erasmus, Pantaleon, Vitus, Christopherus, Dionysius, Cyriakus, Achatius, Eustachius, Aegidius, Margaretha, Barbara und Katharina. Unvergänglich lebt das Andenken an den frommen Schäfer Hermann, den Seher im Frankental. *   708. Fräulein Podica Überm Städtlein Lichtenfels, allwo man es noch heute den Burgplatz nennt, lag eine Burg der alten Grafen von Meran. Dort wandelt der ruhelose Geist des Fräuleins Podica von Schaumberg, stammend aus einem gar weit verzweigten edeln Geschlechte dieser Gegenden, deren Stammburg über dem Städtlein Schalkau zwischen Koburg und Eisfeld gelegen war und auch nur noch geringe Überreste zeigt. Das Fräulein hatte einen Bräutigam des Namens Kunemund, der zog mit in eine bedeutende Fehde, die bei Scheßlitz im Hochstift Bamberg zu einer Entscheidungsschlacht gedieh. Podica von Schaumberg gab ihrem Erkorenen einen Handschuh mit, und er schwur, denselben lebend oder tot ihr zum Pfande seiner Treue zurückzubringen, allein der Jüngling brachte den Handschuh nicht zurück. In der Schlacht bei Scheßlitz fiel der treue Junker Kunemund, und als Fräulein Podica von Schaumberg die Trauermär erfuhr, nahm sie sich's alsosehr zu Herzen, daß sie vor Gram und Kummer starb. Seitdem geht sie bei nächtlicher Weile im Gemäuer der alten meranischen Burg um und ruft mit leiser seufzender Stimme: Kommt noch nicht mein Kunemund? – Ihre Erlösung ist einzig an die Bedingung geknüpft, daß ein Sterblichgeborener ihr erwidern soll: Längst fiel dein Kunemund bei Scheßlitz! – So leicht diese Bedingung erscheint, so ist sie doch noch immer nicht erfüllt worden, denn denen, welche die Wandelnde erblickten, entfiel vor Schreck das rechte Wort, oder der Name des Geliebten, oder der des Städtleins Scheßlitz, und denen, so vielleicht richtig geantwortet hätten, mag sie wohl nicht erschienen sein. Und so wandelt der arme ruhelose Geist von einem Jahrhundert in das andere hinüber. Oben auf Bergen und Burgen, in ätherischer Hülle wandelnd, die ewig lebende Sage, und unten der Dampfwagen, über die Eisenbahn brausend, die den deutschen Norden mit dem deutschen Süden verbindet und beider Verkehr vermittelt. *   709. Das Seil des Schäfers Zu Ahorn, sonst am Ahorn, daher auch vom Landvolk Mahren genannt, in der Gegend von Koburg, war früher auch eine berühmte Wallfahrt. Dort lebte eine alte Hexe, die hatte einen Grimm auf die Ahorner und brachte ihnen ein Wetter zuwege, daß sich vom Brausen des Sturmwindes, den sie erregte, die Turmspitze bog, und nun spöttelten die Nachbarn und sagten: Zu Ahorn steht es schief; der Ahorner Turm hat schräg geladen – und was dergleichen anzügliche Spottredereien mehr waren. Das tat ihnen mächtig leid, und schauten nach Hülfe umher, und da fand sich auch ein frommer Schäfer, der sah zwar keine Heiligen und Himmelskerzen, aber er sah, wo es fehlte, und versprach Abhülfe. Er nahm ein sehr langes und dickes Seil, das band er an die Spitze des Turmes und das andere Ende an eine Fichte, die noch am Bergesrande steht, und zog nun unter dem Murmeln von Zauberformeln die Turmspitze wieder gerade, so daß die Ahorner nun wieder Ruhe vor ihren spottlustigen Nachbarn hatten. Die Wetterhexe, deren Tücke aus der Ahorner Turmspitze eine schiefe Ebene gemacht hatte, wurde gebührendermaßen verbrannt, der Strick aber aufgehoben, und ist derselbe noch zu sehen, die Mär aber in das Kirchenbuch geschrieben. Der Ahorn, der diesem Dorfe den Namen gab, und andern nicht minder, denn es gibt noch in derselben Gegend ein Frei-Ahorn, ein Kirch-Ahorn, ein Wüsten-Ahorn, war gewiß den heidnischen Vorfahren ein verehrter Baum, gleich Eiche, Buche und Linde. Sein schneller Wuchs, sein kräftiger hochaufschossender Stamm, sein schattengebendes Laub machten ihn den alten Deutschen nicht minder wert wie den Alt- und Neugriechen, und sicher nicht ohne Beziehung gaben sie ihm den Namen Ehre und sahen in seinen Blättern ein Sinnbild ausdauernder Festigkeit. *   710. Der wandelnde Mönch Ein Herzog zu Koburg hat Krieg geführt mit einem Bischof zu Bamberg und in demselben zwölf Junker gefangengenommen, die auf die Feste über der Stadt gebracht und dort in leidlicher Verwahrung gehalten wurden. Sie durften sich im Hofe ergehen und Kurzweil treiben und ließen es daran nicht fehlen. Da kam einstmals der Schloßkaplan, der ein alter finsterer Mönch war, die Schloßtreppe herunter, auf welcher etwa die Junker, die ihn nicht gern sahen, Erbsen gestreut haben mochten. Wie nun der alte fette Pfaff ausglitt und die Treppe herabkugelte, schlugen sie allzumal ein lautes Gelächter auf, der Mönch aber schlich davon mit grimmem giftigen Blick und verklagte die Junker beim Herzog und reizte ihn zu heftigem Zorne. Dieser befahl, daß die Junker in der Mitternachtstunde hingerichtet werden sollten, und sollten so viele Häupter fallen, als der Turmwart Hornstöße tun würde. Dies strenge Gebot wurde lautbar und kam auch zu der Herzogin, die war sanft und gut und bat bei ihrem Gemahl für der Junker Leben und besänftigte seinen Zorn, daß er sagte, es solle nur einer sterben. Aber auch den Tod des einen wollte die edle Herrin verhindern, und damit der Turmwächter in dieser Nacht gar nicht in das Horn stoße, so ließ sie diesen rufen und in einem sichern Gemach verwahren, doch mit Trank und Speise wohl versehen. Aber die Junker wurden zur Mitternacht in den Schloßhof bei Fackelschein zum Schafott geführt, damit sie mindestens die Angst bekämen für ihre Gottlosigkeit, und der Scharfrichter machte sich bereit und hieß sie alle niederknieen und hob sein Schwert. Der Scharfrichter wußte aber nicht, daß der Herzog seinen Befehl zurückgenommen. Indem so schallte der Ruf der Mitternachtstunde grausig von dem Turme her, und Meister Hämmerling übte beim blutigen Scheine der Fackeln sein blutiges Amt; es fiel ein Haupt – und wieder ein Hornstoß – und wieder ein Haupt, und noch eins, und noch eins. Die Herzogin hörte es, stieß einen Schrei des Schreckens aus und fiel in Ohnmacht, der Turmwächter hörte es und entsetzte sich; der Herzog vernahm den Schall und eilte zornig zum Turme. Wie der tückische Pfaffe, welcher wußte, daß der Turmwart fehlte, an seiner Statt den zwölften Hornstoß tat, fiel des letzten Junkers Haupt, und fuhr ihm des Herzogs Schwert in das rachsüchtige Herz, und dann packte ihn der ergrimmte Herr und warf ihn vom Turme hinunter. Nun wandelt der Mönch als ein Geist umher in und um die St. Moritzkirche, und bisweilen tutet er, wie die Tut-Osel, daß alles erschrickt. *   Neunerlei Dinge 711. Neunerlei Dinge Zu Koburg ist mit neunerlei Dingen manch abergläubischer Brauch geübt worden. Einige Edeljungfräulein stellten neunerlei Essen auf, und zwar in der Christnacht, damit wollten sie zuwege bringen, ihre Liebhaber zu erschauen, und diese erschienen auch, aber jeder brachte ein Messer mit, und die Jungfrauen liefen erschrocken und schreiend davon. Einer warf den Entfliehenden sein Messer nach, eine der Jungfrauen sah sich um, blickte den Werfenden an und hob das Messer auf. Diese bekam dann auch denselben Mann, dessen Gestalt ihr erschienen war; aber nicht immer glückte es so. Mancher Jungfrau, die sich solchen Zauberdinges unterfing, erschien ein unwillkommener Liebster, der blasse Tod, setzte sein Stundenglas vor sie hin, und sie mußte prophetisch schauen, wie ihr Leben rasch und noch im Jahreslaufe verrann. Andere Jungfern daselbst nahmen, auch am Christabend, neunerlei Holz, das zündeten sie an, dann entkleidete sich die eine, zog zuletzt auch noch ihr Hemde aus, warf es vor die Stubentüre, setzte sich an das Feuerlein aus neunerlei Holz und sprach: Hier sitz' ich splitterfasernackt und bloß; Wenn doch mein Liebster käme Und würfe mir mein Hemde in den Schoß. – Und da schaute ein Mannsbild zur Türe herein und warf das Hemde. Das war der nachherige Freund der Magd. Jetzt hatten die andern nichts eiliger, als ihrer Freundin es nachzutun, jede wollte die erste sein, warfen ihre Hemden auch vor die Türe der Stube und setzten sich um das Feuerlein; nun aber kamen die entrückten Geister der Liebhaber alle auf einmal und begannen draußen gräßlichen Lärm und Hader, daß den Mägden himmelangst wurde. Schnell löschten sie das Feuer aus neunerlei Holz, und keine wagte die Türe zu öffnen. Sie krochen ohne Hemden in die Betten. Am andern Morgen fanden sie vor der Türe ihre Hemden all durcheinandergewirrt, und jedes in Fetzen. Keine bekam einen Mann. *   712. Die versunkene Kirche Nahe bei Koburg fließt die Lauter in einem friedlichen Talgrunde, in welchem vorzeiten eine Stadt lag, darinnen wohnten lauter glückliche Menschen, die kein Leid kannten. Da nun der Tag Allerseelen kam, an dem man Leid trägt um die Verstorbenen, so sprachen die Leute in jener Stadt: Wozu sollen wir ein Fest der Wehklage feiern, da wir nichts zu wehklagen haben? Wir wollen diesen Tag nicht feiern. Da hat Gott der Herr ein Kindersterben gesandt, daß jene Leute einen großen und tiefen Schmerz haben sollten und sollten den Allerseelentag in Demut begehen und für die Gestorbenen beten – und es starben die Kinder alle und alle, und wurde der ganze Kirchhof voll neue Gräber an einem Tag, und war fast Mangel an Särgen. Da ging ein großer Trauerzug zur Kirche hin am Allerseelentag, und war in ihr nichts als Seufzen und Weinen und Wehklagen und ein unnennbares Gefühl des Schmerzes. Und wie der Herr den Schmerz dieser Väter und Mütter ansah, denen in den Kindern all ihr Glück genommen war, so jammerten sie sein, und erbarmte sich ihrer und ließ die Kirche und den Friedhof mit seinen Kindergräbern in die Tiefe versinken. Darauf ist die Stätte im Lautertale, wo die Stadt der Glücklichen stand, verödet. An manchen Feiertagen, und zumeist am Allerseelentag, hört man aus der Tiefe die Glocken der versunkenen Kirche läuten, und die Kinder der Dörfer im Lautergrunde wissen die Stelle, und erzählen einander die Sage, und lauschen still hinunter, und schauern und beten. *   713. Die vierzig Ritter Zu Eisfeld zwischen dem Schwan und dem Adler floß vor alten Zeiten die Werra vorüber und bildete einen sumpfigen Weiher. In diesen gerieten vierzig geharnischte Ritter, welche von Feinden verfolgt wurden; sie blieben, gehemmt durch ihre schweren Rüstungen, samt ihren Pferden im Sumpf und Morast stecken und starben eines jämmerlichen Todes. Diese Sage, die so einfach und seltsam aus ferner Zeit herüberklingt, scheint eigentümlich nach jenen vierzig römischen Rittern hinzudeuten, deren Martyrertag der neunte März, welche Kaiser Licinius im Jahr 320 nach Christo im kalten Winter, aber nackend, auf einen gefrornen Weiher setzen und elend umkommen ließ. *   714. Frau Holle verbrannt Zu Eisfeld ist ein alter Brauch, daß am Sonntage Epiphanias nach der Nachmittagskirche unter Musikbegleitung ein kirchliches Lied abgesungen wird; dabei ist die ganze Bevölkerung zugegen, und Kinder und Alte rufen einander zu: Frau Holle wird verbrannt! Über diesen Brauch wissen die Leute nichts Bestimmtes zu sagen, und eine Mär, die sie berichten, läßt über den Namen Frau Holle und deren Verbrennung im unklaren. Vor uralten Zeiten, sagen sie, war zu Eisfeld ein Mönchskloster und ein Nonnenkloster, die lagen einander gegenüber und waren miteinander durch einen unterirdischen Gang verbunden. Dieser Gang soll bis zum vorletzten großen Brande noch offen, dann aber verschüttet worden sein. Durch diesen Gang nun besuchten die Münchlein die Nünnelein, und da trug sich's zu, daß auch die Frau Äbtissin selbst in andere Umstände kam, die ihr mitnichten lieb waren, und sogar zweier Knäblein aus einmal genas, und konnte die Schmach nicht verhehlt werden. Da nun der Täter unenthüllt blieb, so mußte der Allerweltsbuhlgeist, der arme Teufel, ihr Buhle gewesen sein, der eigentliche Sündenbock, auf dessen Rücken Last und Laster in Fülle geschoben wurden. Er trug auch diese neue Last geduldig, aber die Frau Äbtissin wurde nachmittags am Sonntag nach dem Neujahr auf öffentlichem Markt verbrannt. Möglich, daß sie Hulda hieß, so wäre das Rätsel der Hollenverbrennung gelöst. *   715. Der Erbsenacker Hoch über dem Dorfe Krock, eine Stunde von Eisfeld, steht auf einem steilen Hügel die alte Kirche des Ortes, die man vorzeiten Irmenkirche nannte. In ihrer Nähe ist auch ein tiefer Brunnen befindlich, der wird der Irmenbrunnen genannt. Dort soll, so geht die Sage, eine Königstochter gewohnt haben, die an diesen Ort geflüchtet war aus heimlicher Liebe. Endlich aber war ihre ganze Habe verzehrt, der Liebste von hinnen, und sie besaß nichts weiter als ein Mäßchen Erbsen, das nahm sie und ging traurig von dannen nach Eisfeld. Aber das Säcklein, darin die Erbsen waren, hatte ein Loch, und am Krocker Berge verlor sie fast alle. Wo die Prinzessin, die am Irminborn gewohnt, hingekommen ist, das weiß man nicht, aber die Erbsen wurden alle zu Steinen und zeugen noch von ihr, denn tagtäglich findet man deren noch an jener Stelle, kleine runde Kieselsteine, erbsengroß und erbsenfarben, wohl auch bisweilen etwas größer. Diese Sage der Erbsenverwandlung in Steine deutet, wenn man sie deuten will und darf, darauf hin, daß der Arme auch sein Letztes verliert, und an die versteinernde Kraft des Schmerzes. In der Sage von den Erbsensteinen ist die Versteinerung Strafe des Geizes, und in einer Sage aus Palästina wird sie zur Strafe der Lüge. Dort liegt, am Wege von Jerusalem nach Bethlehem, auch ein Erbsenacker, öde und unfruchtbar. Darauf säete ein Bauer Erbsen. Maria mit dem Christuskinde ging vorüber und fragte den Bauer: Was säest du? – Die Lümmelhaftigkeit des arabischen Bauers wollte ohne Zweifel der seiner deutschen Vettern nicht nachstehen, und er antwortete grob und kurz: Steine! – So trage fortan dein Acker solche Frucht! rief Maria – und seitdem trägt jener Acker nur Erbsen von Stein, die kein Mensch genießen kann. Die alten Naturforscher nannten diese erbsengroßen Steingebilde Pisa bethlehemitica . *   716. Von Ummerstadt Ummerstadt soll eigentlich den Namen Immerstadt haben, wie früher manche haben behaupten wollen, zum Zeichen, daß es stets und immer eine Stadt gewesen. Zu dessen Zeugnis habe vormals an einem Schwibbogen (man weiß nicht, an welchem Gebäude) das griechische Wort ἀεῑ gestanden, welches nichts anders als immer heißt. Doch ist die Stadtgerechtigkeit dieses Ortes erst vom Jahre 1394 an nachzuweisen, in welchem Jahre aber die Bürger beim Landgrafen Balthasar von Thüringen eingekommen waren, ihnen die verlornen und verwahrlosten Urkunden und Briefe über die Stadtfreiheit, Jahr- und Wochenmärkte zu erneuen, was auch geschah. Sonst ist Ummerstadt in der Gegend bekannt wegen der Schildbürgerstreiche, die seinen Bewohnern von den Nachbarorten aufgebürdet werden, und die ziemlich gleichlautend mit denen sind, mit welchen man sich von der Stadt Wasungen trägt, sowie mit manchen derer des Dorfes Dittis an der Rhön und andern, wie solche des weitern nachzulesen sind. Wie die Ummerstädter den Hasen gejagt, hören sie nicht gern erzählen; ihrer lustigsten Stücklein eines ist das mit dem Salzsack, und doch ist's nicht eigentlich ein Ummerstädter Streich. Ein Bauernknecht von Kolberg fuhr durch Ummerstadt und wollte nach Koburg; da rief eine Ummerstädtsche ihn an, fragte ihn, wohin er fahre, und bat ihn, ihr einen Sack Salz von dort mitzubringen. Der Sack, den sie ihm gab, hatte am untern Zipfel ein Loch von ziemlicher Größe, welches die Frau mit einem Bindfaden zuband. Der Salzhändler in Koburg hielt diese zugebundene Öffnung für die richtige, knüpfte sie auf und füllte das Salz nicht ohne Mühe hinein. Jetzt zog er am Sack, damit das eingefüllte Salz sich recht setze und mehr hineingehe, da fiel alles Salz zur großen Öffnung unten heraus, und er hatte den leeren Sack in der Hand. – Na so was, so was! schrie der Koburger Mann, sollt' m'r denn meinen! Ihr seid gewiß aus Ummerstadt? – Auf diese Frage wurde das Knechtlein rot bis über die Ohren und stammelte verschämt: Nä, lieber Herr, iche nich, aberst der Sack. – Ein Bäcker ließ 1851 einen Backofen bauen, bei welchem ein Maurer während des Bauens in das Gewölbe sich legen und dasselbe von innen mit Lehm oder Kalk verstreichen mußte, während die andern Gesellen von außen mauerten. Endlich war der Ofen fertig, aber o weh!, das Ofenloch, aus welchem der inwendige Maurer nun herauskriechen sollte, war zu klein! Der arme Schelm konnte nicht heraus; sie hatten ihn eingemauert, und der Ofen mußte zum Teil wieder eingerissen werden, um den schlimmbesudelten Architekten ans Tageslicht bringen zu können. *   717. Stelzen und die Riesen Über Eisfeld zum Walde hinauf am Fuß des Bleß liegt ein Dorf, heißt Stelzen; dort war ein Heilbrunn, der heilte Blinde und Lahme; letztere hingen um den Brunnen, dessen Lage, in einer erdfallähnlichen Grotte, von uralten Bäumen umstanden, lebhaft an einen heiligen Hain erinnert, ihre Krücken und Stelzbeine auf, daher kommt des Dorfes Name. Der Brunnen war weit und breit berühmt, aber da sich nun allmählich eine Ortschaft in seiner Nähe angesiedelt hatte, so verblendete der Teufel der Habsucht die Einwohnerschaft, daß sie gedachten, von dem Heilbrunnen Gewinn zu ziehen, und wollten jetzt von den armen Kranken und Heilungbedürftigen, die oft weither gepilgert waren, Geld für das Wasser haben. Da versiegte zwar nicht die Quelle, aber es erlosch ihre Heilkraft, und das Wasser löschte bloß den Durst. Dieser Stelzenbaum ist die Quelle der Itz. In derselben Gegend um Eisfeld, Stelzen, Bachfeld und Burggrub haben vorzeiten gewaltige Riesen gewohnt. Die Sage vom Riesenspielzeug, wie sie so oft begegnet, im Elsaß, bei Blankenburg im Thüringerwald u. a., wiederholt sich getreu auch hier. Die Riesen über Stelzen spielten im Tossental, das eine halbe Stunde entfernt liegt, und kaulten (kegelten) miteinander; die Bahn hatte die Länge von Tossenthal bis Eisfeld. Riesen und Ritter – die Sage vermengt hier beide – warfen vom Schaumberg, darauf die Schaumburg stand, nach Burggrub einander ihre schweren Hämmer und Holzschlägel zu, oder sie bespritzten sich von einer Burg zur andern spaßeshalber mit Wasser, schleuderten einander auch goldne Kugeln zu. Es ging auch die Sage, im Altar der Kirche zu Stelzen sei ein goldenes Hirschgeweih verborgen. Endlich öffnete man ihn, fand aber bloß ein kleines Trühlein von Kupfer, darin einige Heiligenknöchlein und ein altes vermodertes Blättchen Pergament. In Bachfeld ziehen, besonders zur Weihnachtszeit, Lichter in Prozession durch die ganze Kirche, ja sogar aus ihr heraus, aber niemand kann diejenigen erblicken, welche die Lichter tragen. Die Kirche zu Stelzen war sehr reich, das ganze Holz des mächtigen Bergstockes des Bleß gehört ihr, der Kirche, nicht der Gemeinde; daraus ist viel Prozessierens entstanden. Rechts am Bleß zieht sich eine schöne weite Waldwiese bis in die Ebene herab, die gehörte den Herren von Hanstein und war ein Asyl. Wer sie erreichte, den durften auf ihr weder Büttel noch Werber fassen, noch sonst jemand. In diesem Walde und auch sonst in den forstreichen Gegenden des Meininger Oberlandes geht die Sage von einer nächtlichen Säge, welche ganz allein arbeitet und schon manchen armen Holzarbeiter reich machte. Manche meinen, es seien Zwerge, die sie unsichtbar in Bewegung setzen, doch ist und bleibt solche Säge und ihr Segen ein unergründliches Waldesgeheimnis. *   718. Zinselhöhle und Zinselmännchen Im Meininger Oberlande zwischen den Dörfern Meschenbach und Rabenäußig liegt eine ziemlich enge, aber sehr lange Tropfsteinhöhle, das Zinsel- oder Zinsenloch genannt, die hat ihren Namen von den Zinseln, Zinselmännchen oder Drigelein, das sind Bergzwerge, welche ehedem darinnen gewohnt haben. Nicht weit davon liegt eine andere unterirdische Grotte, welche die Zinselkirche heißt. Aber diese wurde, wie das Zinselloch, zu Anfang des vorigen Jahrhunderts von ihren Kirchkindern verlassen. Wie sich das zugetragen, wird unterschiedlich erzählt. Ein Bauer aus Meschenbach traf auf seinem Erbsenacker eine Menge Zinselmännchen; sie sprangen neckisch über die Furchen hin und her, verspeisten der grünen Erbsen aus den Schoten viele und ärgerten den Bauer sehr. Endlich glückte es ihm beim Haschen nach ihnen, einem sein Mützchen zu nehmen; da barmte das Zinselmännchen schrecklich, denn ohne das Mützchen konnte es nicht wieder nach Hause, und verhieß dem Bauer, wenn er ihm sein Mützchen wiedergebe, so wolle es ihm eine Wünschelrute auf seinen Acker stecken, mit deren Hülfe er einen großen Schatz finden solle. Darauf hat der Bauer dem Männchen sein Mützchen wiedergegeben, aber das falsche Drigelein hat sich als ein Trügerlein erwiesen und hat den ganzen Acker voll Ruten gesteckt, so daß der Bauer die Wünschelrute aus ihnen nicht heraus- und folglich auch keinen Schatz finden konnte. Andere sagen, der Bauer habe gleich anfangs, als er auf seinem Acker die Zinselchen gesehen, geschimpft und mit der Rute gedroht, wie man kleinen Kindern droht, und da habe das ganze Zwergenvolk ihm Ruten auf den Acker gepflanzt, daß er daran bei sotaner Prügellust keinen Mangel habe. Hierüber ergrimmt, paßte der Bauer, weil ihm sein Acker verdorben war, heimlich auf, und als er wieder einem Zinselmännchen das Mützchen genommen, wodurch dieses in seine Gewalt kam, schlug er das arme Männchen tot. Das betrübte die Zinselmännchen gar sehr. Über Nacht wuchsen die Ruten zu Bäumen auf, und zwar zu den alten götterheiligen Eschen, und in derselben Nacht sind die Zinselmännchen fortgezogen, und hat sich niemals auch nur ein allereinziges wieder in dieser Gegend blicken lassen. *   719. Poltergeist zu Schwickershausen Im Amte Heldburg liegt ein Dorf des Namens Schwickers-, vulgo Schweickershausen, darinnen wohnte ein Bauer, Hans oder Heinrich Kegel genannt, der hörte in der Woche vor Ostern des Jahres 1666 unter einem in der Kammer stehenden Bette etwas klopfen und ward eines Geistes ansichtig, der war geartet gleich dem Hinzelmann, hatte Kindesgestalt, trug aber eine güldne Krone auf dem Haupt, sagte erst, er sei ein Engel, und nachher, er sei der Geist einer kurz zuvor verstorbenen Frau. Einige Beherzte reichten ihm die Hand, da fühlten sie, daß sein Händchen eisigkalt war, und schauderten. Es verhieß aber einem jeglichen, der ihm die Hand reiche, einen Schatz von neunzigtausend Dukaten, das machte die Leute so beherzt, denn um solche erkleckliche Summe hätten sie dem Teufel und seiner Großmutter die Hand gereicht mit Freuden. Darauf ging das Rumoren und Poltern im Hause los, daß es niemand mehr darin aushalten konnte, und vom Hause verbreitete sich der Rumor und das greuliche Spuken im ganzen Dorfe, daß die Bäuerlein ihres Leibes und ihrer Seele keinen Rat wußten, liefen zu den Pfarrern von Hellingen und nach Heldburg, die gingen mitsammen, der Heldburger hieß Magister Buchenröder und der Hellinger Johann Hase. Die sagten den Schwickershäuser Bäuerlein, daß sie sich mit ihrem Handreichen um schnöden Geldes willen dem lebendigen Teufel zu eigen gegeben, des erschraken sich die Bäuerlein schier zum Tode. Nun hielten die Pastoren redlich an mit Beten und Predigen, was dem Geist nicht im mindesten zusagte; er rief: Gebt mir ein Kind, so will ich weichen! – Einen Dreck sollst du haben, aber kein Kind! rief der Pfarrer von Hellingen, und da sagte ihm hinwiederum der Geist auch keine Süßigkeit, katzbalgeten sich mit Worten ein langes und breites. Da der Geist nicht wich, so blieb auch der Hellinger Pfarrer, bis dessen äußerste Beharrlichkeit nach der Montagsnacht auf den Trinitatissonntag den Geist zum Weichen brachte. Hat also geklopft und gepocht, gepoltert und gelästert dreimal drei Wochen lang, dennoch überwand ihn endlich das Beten, dieweil die Prediger dem Schriftwort gehorchten: Wir aber wollen anhalten am Gebet und Amte des Wortes, und so mußte der Spukgeist aus Schwickershausen weichen; der Geist des Aberglaubens aber, dieser wahrhaft vielgestaltige Hinzelmann, wich nicht zugleich, denn noch in der allerjüngsten Zeit war und ist nach selbem Ort viel Zulauf zu einem Wunderdoktor und weisen Mann, der mehr kann als Brotessen. *   720. Das Ackersteinkreuz bei Strauf Zwischen Heldburg und Hildburghausen erhebt sich ein hoher Waldberg mit der mächtigen Trümmer des Bergschlosses Strauf, insgemein Straufhain, auch Strauchhahn genannt. Es war dies ein althennebergisches Grafenschloß, das der Bauernkrieg brach. Ein alter hennebergischer Geschichtschreiber hat Folgendes vom Straufhain aufgezeichnet: Im Jahr 1698 im April hörten die Leute, so im Felde waren, ein gräßliches Geschrei und Schießen auf diesem Schlosse und dasigem Gehölze, so zweifelsohne ein Teufelsgespenste oder das wütende Heer gewesen sein mag. Nicht gar weit von den Ruinen der Burg Strauf und von Streufdorf ist eine Stelle im Waldgeheg, an welcher einst ein Jüngling seinen Tod fand und begraben wurde. Seine trauernde Geliebte wollte sein Andenken ehren durch ein bleibendes Gedächtnismal; doch fehlten ihr dazu die Mittel. Da gab ihr die Liebe einen Gedanken ein, den sie auszuführen nicht säumte. Sie legte mit sorgsamer Hand ein Kreuz von Ackersteinen auf die Trift. Und wie oft es geschah, daß Bosheit oder Mutwille das Kreuz auseinanderriß und zerstörte, die Hand der Liebe war restlos tätig, das Kreuz fort und fort zu erneuern, bis das Mägdlein starb. Darauf hat das Volk jenes Kreuzes Erhaltung wie ein stilles Vermächtnis übernommen und immerdar die Lücken wieder ausgefüllt, die durch Menschenhand oder sonstigen Zufall in dem Steinkreuze entstanden. So hat das Kreuz lange am Wege gelegen und ist zum frisch im Volksgedächtnis fortlebenden Sagenzeugen geworden. Auch von andern Orten her klingt Ähnliches. Bei Meiningen erneuen Schäfer und Hirten ein Rasenkreuz, das an der Stelle ein Hirt in den Rasen grub, an welcher ein Mann im Felde vom jähen Tod überfallen ward. *   721. Der goldne Degen im Mordhügel Bei dem Dorfe Milz ohnweit Römhild liegt ein ganz runder, spitziger Hügel, darinnen soll noch ein güldener Degen bis auf den heutigen Tag stecken. Und zur Nachtzeit, wenn noch ein Wanderer am Hügel vorübergeht, erscheint ihm ein Reiter, dessen Pferd und er selbst ohne Kopf ist; der Wanderer eilt dann mit Grausen vorüber und erinnert sich an die schaurige Geschichte. Es war nämlich im Dreißigjährigen Krieg ein Hauptmann, der einen Bund mit dem Teufel gemacht hatte, und für das Verschreiben seiner armen Seele bekam er von ihm einen goldenen Degen, der in den Gluten der Hölle gehärtet war. Nie konnte er überwältigt werden, auch das größte Heer vermochte es nicht, solange er nur den Degen in der Hand hatte. Einst ritt dieser Feldhauptmann auf den obigen Hügel, um die Gegend zu überschauen, da nahte sich ihm ein Heer feindlicher Reiter und umzingelte den Hügel. Sie machten sich hinauf und hieben sich lange Zeit baß mit ihm herum; da traf sich's, daß endlich einer durch einen glücklichen Streich des Pferdes Kopf abhieb, der Hauptmann fiel, weil das Pferd stürzte, herunter, und im Fallen entfiel ihm der Degen. Da sprang der, so des Rosses Kopf abgehauen hatte, schnell hinzu, und durch einen zweiten Hieb sank auch der Kopf des Hauptmanns herab. Darauf beraubten sie ihn des Geldes und aller Kleinodien, die er, nebst vielen kostbaren Edelsteinen, bei sich trug, und begruben ihn endlich auf diesem Hügel. Den Degen aber steckten sie mit der Spitze auf den toten Reiter, als er auf seinem Roß in der Grube lag; denn keiner wollte ihn, da er vom Teufel stammte, behalten, und dann warfen sie alles tief mit Erde zu. Daher wird heute der Hügel noch der Mordhügel genannt und von ihm die Sage erzählt mit dem Reiter ohne Kopf. *   722. Teufelsburg und Höllenmauer Weit sichtbar und weit berühmt sind die beiden Gleichberge, der große und der kleine, über Römhild. Wetterpropheten beide, sagt von ihnen das Volk, wenn Nebel ihre Häupter einschleiern: die Gleichberge kochen, es wird noch heute eine Suppe geben. – Die Sage geht, daß im großen Gleichberg so viel Wasser sei, um aus demselben einen schiffbaren Strom zu leiten. Unten ist eine Stelle, die heißt der Nebler, allda läßt sich bisweilen ein Feuermann sehen, oben aber ist ein Eisloch, das nennen sie die kalte Hölle. Der kleine Gleichberg wird auch die Steinsburg genannt und hat den Namen von den drei mächtigen Basaltringwällen, die ihn umlagern, aber in der Nähe des Gipfels sich zu großen Strecken ausbreiten. Des Volkes Sage will, daß einst darauf eine Burg gestanden, welche jedoch nicht allzusehr fest gewesen. Ihr Besitzer war ein alter grämlicher Ritter, der aber eine sehr schöne und tugendsame Tochter hatte. Düster und zurückgezogen, hütete er mit einer alten Amme gemeinsam die Tochter, die aber dennoch einen Liebesbund mit einem jungen Ritter anknüpfte, welcher Ritter aber von dem Alten schnöde zurückgewiesen wurde, als er um des Fräuleins Hand anhielt; denn der Alte sagte: Lieber gebe ich dem Teufel meine Tochter als dir! Da drohte der beleidigte Ritter dem alten Herrn mit feindlichem Überzug und schrieb ihm einen Absage- und Feindesbrief. Jetzt erfaßte Bangen den alten Burgherrn, und er rief den Bösen zu Hülfe und verhieß diesem die Tochter zum Lohne, wenn er ihm die Burg mit einem unübersteiglichen dreifachen Mauerring umgürte, bevor der nächste Hahnschrei den Tag verkünde. Der Böse willigte ein, und es begann nun in Hast der Bau; unzählbare dienende riesige Geister schleppten endlos Steine, und es wuchs die Umwallung von Minute zu Minute riesengroß. Die Amme aber, die dem Fräulein gar sehr zugetan war, hatte den Bund belauscht und schlich gegen das Frührot mit der Lampe zum Hühnerstalle, und wie der Hahn das Licht sah, meinte er, es werde Tag, und krähte überlaut. Da bricht das Höllengebäu samt der Burg in tausend und abertausend Trümmerbrocken zusammen, die noch heute den Berg umlagern; der Teufel, der noch einen Felsen zum Schlußstein schleppte, läßt ihn vor Schreck auf einen Berg über Themar fallen und errafft dafür des alten Ritters Seele. Dem jungen Paare stand kein Hindernis zu seiner Verbindung mehr im Wege. Immer noch sagen die Leute, man erblicke Treppen des alten Schlosses, und ein großer Schatz liege noch im Bergesschoße, der nur durch eine weiße Blume gehoben werden könne. In der Geisterstunde läßt sich auch droben eine wandelnde Jungfrau blicken. Beim Dorfe Gleichamberg, das den Namen daher führen soll, weil es gleich am Berg, dem Gleichberge, liegt, beginnt ein weitfortstreichendes Steinlager eigentümlicher Art, das durch die Flurmarkung von Gleicherwiesen zieht und letzteres Dorf berührt. Dann geht es durch Lind und Haubinde, in die Trappstadter Markung, weiter zwischen Eschelborn und Sternberg und zwischen Alsleben auf die Heckenmühle in der Obereßfelder Markung und heißt beim Landvolk die Heidenmauer, nicht minder auch die Höllenmauer. Dieses Steinfundament wollten manche Gelehrte für den Rest einer Römerstraße halten, weil in dessen Nähe römische Münzen gefunden worden, das Volk aber schreibt es lieber dem Teufel zu. Das Steingeschiebe ist an den meisten Orten nur drei Schuh breit, doch dabei sehr tief; so fand man in der Nähe von Trappstadt in einer Tiefe von achtzehn Fuß noch kein Ende. Es läuft unter dem urbaren Felde hin und kommt nur zuweilen beim Umackern zutage. Bei der erwähnten Heckenmühle breitet es sich zu einem Steinfelde von dreißig Schuhen aus und behält diese Breite auf sechzig Ruten Länge, hierauf verengt es sich wieder bis auf drei Schuh. Dort geht die zweite Quelle der fränkischen Saale über diese sogenannte Höllenmauer, welche nun über Brennhausen, zwischen Friesenhausen und Eichelsdorf, auf Hofheim und Rügheim bis zum Mainufer streicht. Selbst unter dem Mainbette soll sie durchziehen und sich im Steigerwald verlieren. Jener Stein, den der Teufel fallen ließ, heißt noch der Teufelsstein oder Feldstein und liegt auf einem Berge oberhalb Themar; es ist ein mächtiger Säulenbasaltfels, wie geklaftertes Holz geschichtet. Ein großer Schatz soll darunterliegen. Oben darauf aber wächst das Irrkraut, welches den, der darauftritt, irre führt, daß er lange umherlaufen muß und nicht Weg noch Steg findet. Wem das begegnet, der muß nur schnell sich hinsetzen und die Strümpfe wechseln, so kommt er wieder auf seine richtige Bahn. *   723. Zwölf schlagen hören Zwischen den drei Orten Themar, Marisfeld und Oberstadt, nahe bei Dachbach, liegt ein weites Feld, das Gertles (Gertlitz) oder Gätles genannt, dort hat vor alters ein Dorf gestanden, und es ist darauf gar nicht geheuer. Ein Reisender wanderte über jenes Feld, da sah er plötzlich, wie jener Feldscher das wüste Germelshausen, ein schönes Dorf vor sich liegen. Es war gerade Sonntag, und in dem Dorfe läutete es in die Kirche. Als er hineinkam, schritten die Leute auch ganz ernst nach derselben hin; ihre Tracht war aber auffällig alt und sonderbar, gar nicht wie heutzutage die Mode. Der Reisende fragte einige der Vorübergehenden nach dem Namen des Ortes, aber wen er auch fragte, der gab ihm keine Antwort, und alle wandelten so ruhig und still, ja lautlos, unhörbaren Trittes an ihm vorüber, als ob sie ihn gar nicht sähen. Dabei starrten ihre Augen ganz gläsern, und es kam dem Reisenden ein übermächtiges Grauen an. Eilends verließ er den unheimlichen Ort; kam nach Themar und fragte gleich am Tor, was das für ein Dorf sei, und beschrieb es. Aber niemand wollte es kennen. Seitdem hat es auch keiner wiedergesehen. Die Sage geht, wer es im Gertles zwölf schlagen hört, der kommt zu großem Glück; ein solcher muß aber den Mut haben, jede der zwölf heiligen Nächte (vom Weihnachtsheiligabend bis zum heiligen Dreikönigtag) auf dem berufenen Felde zuzubringen. Ein Bauer aus Marisfeld war kühn genug zu diesem Wagnis, er ging jene Nacht in den Zwölften auf die öde Wüstung hinaus, und in einer derselben geschah, was er gewünscht, er hörte es plötzlich dicht neben sich zwölf schlagen, aber es schlug mit einem so über alle Maßen entsetzlichen Ton, daß er bei den ersten Schlägen vor Schreck und Grauen zu Boden geschmettert wurde. Wie ein Toter blieb er in dumpfer Betäubung auf dem Felde liegen bis zum Morgen, wo er erwachte, sich mühsam aufraffte und bis in sein Dorf schleppte. Dort packte ihn ein heftiges Fieber und fesselte ihn ein Vierteljahr lang an das Krankenbett. Endlich besserte sich's mit ihm, und er fing wieder an zu arbeiten. Was er aber nun anfing, das glückte ihm und schlug ihm zum Nutzen aus, seine Scheuern füllten sich wie von selbst, seine Saaten blieben unverhagelt, seine Taschen wurden vom Geld nimmer leer, ja er durfte Steine säen, und es ging der schönste Weizen auf. Er wurde der reichste Mann des Ortes, das war seines Mutes Lohn. Darum ist in dieser Gegend das Sprüchwort entstanden, wenn einer schnell reich wird ohne sichtbare Ursache: Der hat es im Gertles zwölf schlagen hören. *   724. Die Jungfrau mit dem Zopf Über dem Wappen der Grafen von Henneberg-Schleusingen, der schwarzen Henne mit rotem Kamm auf drei grünen Bergen im goldnen Felde, steht der Helm mit seiner Zier, letztere darstellend die Büste einer gekrönten Jungfrau ohne Arme mit einem langen Zopf. Da unzählige Male dieses Wappen im Bereich der alten Grafschaft Henneberg an Mauern, Toren, Kapellen, Brücken usw. angebracht ist und diese Helmzier dem Volke mehr deutsam erschien als jede andere, so hat sich über dieselbe mehr als eine Sage gebildet und verbreitet, die sich mehr oder minder einander ähneln und ergänzen. Ein Graf von Henneberg zog nach Italien und in das Heilige Land. Dort lernte er die Tochter eines Königs von Arabien kennen und gewann ihre Liebe, jedoch mußre er sie verlassen, schied sich mit Schmerz von ihr und reiste nach seiner Heimat zurück. Die arabische Prinzessin wurde darauf von der heftigsten Sehnsucht ergriffen, die sie eine Zeitlang zu überwältigen suchte, allein ihre Liebe war allzu mächtig, und vermochte nicht länger zu widerstehen, zog deshalb mit vielen Schätzen aus ihrem Vaterlande und dem Geliebten nach. Als sie in die Gegend des Klosters Veßra kam, hörte sie von den beiden Türmen der Kirche sowohl als auch von den umliegenden Ortschaften lange anhaltendes feierliches Geläute. Nun forschte sie, was das zu bedeuten habe. Da wurde ihr zur Antwort, sie müsse wohl sehr weit herkommen, daß sie nicht wisse, daß heute der Landesherr seine Hochzeit feiere, und man nannte ihr dessen Namen. Das war nun aber leider ihr Geliebter, die arme Prinzessin wurde fast unsinnig vor Schmerz. In ihrer Verzweiflung riß sie sich ihren starken Zopf ganz aus, dann nahm sie den Schleier und verwandte all ihr Geld und Gut und reichen Schatz zu frommen Werken, von diesen nennt man noch die Klostermauer um Veßra und die Brücken von Ober- und Untermaßfeld, in welchen Orten man auch diese Sage ganz so wie um Veßra erzählt, nur daß die Sarazenin über Henneberg gekommen sei. Den Grafen aber rührte tief die Liebe und der Schmerz der fremdländischen Jungfrau, er ließ ihr Bildnis als Helmzier auf sein Wappen setzen und allenthalben anbringen, daher kommt auf dem Hennebergischen Wappen die Jungfrau mit dem Zopf, wie es in Veßra, an der Kapelle neben der Obermaßfelder Brücke und anderwärts häufig noch heute zu ersehen ist. In Veßra wurde die Araberin begraben, dort war ein Monument im obern Chor der Kirche, eine Jungfrau mil schwebenden oder zu Feld geschlagenen Haaren, in Stein gehauen, auf sechs Säulchen, welche Jungfrau, wie eine alte Nachricht aussagt, soll eine Königstochter gewesen sein und durch Heereszüge mit in dieses Land gekommen. Sie hat ihr Leben allda beschlossen und etliche Kleinod, so sie bei sich gehabt, ins Kloster gegeben. Sie hatte einen langen Mantel über dem untern innern Kleide oder Rocke, einen schmalen Gürtel, ein edel Gespang vorn unter dem Halse auf der Brust hangen und einen Leidschleier oder Binde von dem Haupt bis auf die Füße hangen. An dem Kissen unter dem Haupt zu beiden Seiten zwei Engel, so dies Kissen hielten. Also war der Sarazenin Denkmal beschaffen. Nach andern spielten zwei Grafen von Henneberg Kegel miteinander, entzweiten sich, und einer dieser Brüder schlug den andern tot und entfloh. Sein Geschick führte ihn in das Reußenland bis nach Moskau, da war denn die getäuschte, dem Liebsten nachgezogene Geliebte eines moskowitischen Kaufmanns Tochter, womit diese ohnfehlbar jüngere Sage immer noch nach dem Orient hinweist. Eine noch jüngere Abwandlung derselben läßt den Grafen nur bis Würzburg gelangen, dort der Kaufmannstochter Liebe und Treue geloben und die letztere brechen, weil seine Verwandten ihn allzusehr bestürmten, sich ebenbürtig zu vermählen. Da nun die Verlobte mit reichem Gut ihm nachzog und ihr Unglück erfuhr, riß sie den Zopf sich aus vor Schmerz und Gram, machte von ihrem Gute mehrere fromme Stiftungen, erbaute Brücken, und da sie in ein Dorf kam, allwo sie getröstet wurde, gründete sie daselbst ein Kloster und nannte ihres Trostes Stätte Troststatt. *   Schleusingens Ursprung und Name 725. Schleusingens Ursprung und Name Von dem Ursprung der Stadt Schleusingen wird eine Sage erzählt, die sich an das Wahrzeichen dieser Stadt, eine Sirene oder Wassernixe, knüpft, welches Wahrzeichen auf einem Schild am Rathaus noch zu sehen ist. Ein reicher Graf jagte in den Waldungen dieser Gegend, lange vorher, ehe die Stadt vorhanden war, und verfolgte unablässig ein weißes Reh, ohne dieses doch erjagen zu können. Darüber brach die Nacht herein, und der Graf, welcher von seinen Begleitern ganz abgekommen war, mußte die Ruhe auf bloßer Erde des Waldbodens suchen. Schon hatte er sich am Fuß eines felsigen Berges niedergelegt, als er einen ungewöhnlichen Glanz gewahrte und eine funkelnde Grotte erblickte, in welcher sich ein kristallenes Becken befand; drei silberne Quellen ergossen sich hinein, und auf den lichten Wellen wiegte sich eine reizende Wasserfei, die um ihre Stirne ein blitzendes Band trug, darauf die Zeichen SLVS zu lesen waren. Diese Fei erhob einen süßen und bezaubernden Gesang, und als sie geendet, winkte sie den Grafen zu sich hin und vertraute ihm, daß jenes weiße Reh, welches er verfolgte, ihre Tochter sei, die ein böser Zauberer verwandelt, der oben auf dem Berge über dem Quellbrunnen in einem gewaltigen und festen Turme wohne. Diesen Zauberer wolle sie in Schlaf singen, und der Graf solle ihn überwältigen und töten. Das werde ihm durch die Kraft der Worte gelingen, die ihr Stirnband zierten, welche bedeuteten: Sie (nämlich die Tochter der Wasserfei) Liebe Vnd Siege! Das alles geschah nun auch wirklich, und als der böse Zauberer getötet war, mußte der Graf das weiße Reh dreimal mit der Flut des Kristallborns benetzen, dessen drei Quellen die drei vereinten Bergwasser, die Schleuse, die Erle und die Nahe, bedeuteten, worauf das Reh sich in ein wunderschönes Fräulein verwandelte. Mit diesem vermählte sich der Graf und nannte sich und sein Geschlecht von der Brunstätt, gründete das Schloß und die Stadt Schleusingen, deren Name aus den drei geheimnisvollen Buchstaben SLVS sich bildete, und welche zum Wahrzeichen die Sirene in ihrem Stadtwappen beibehielt. Die Wasserfei soll noch im Schloßbrunnen, dem klarsten und besten der Stadt, wohnen, das Geschlecht derer von Brunstätt aber artete aus und soll von den Grafen von Henneberg aus dortiger Gegend vertrieben worden sein. *   726. Die Totenmette Oberhalb Schleusingen liegt die Totenkirche, vor ihr stehen uralte schöne Linden. Einstmals blieb eine Frau aus Schleusingen, welche bei einem Leichenbegängnis die Predigt mit angehört hatte und eingeschlafen war, in der Kirche sitzen und mochte ziemlich lange geschlafen haben. Als sie erwacht, ist es Nacht, und die Kirche ist voll Menschen; es wird Mette gehalten, und es summt ein leiser Gesang. Die Frau will mitsingen, kann aber wegen der Düsternis die Nummer nicht erkennen und rührt an ihre Nachbarin, sich die Nummer des Liedes zeigen zu lassen. Wie sie diese Nachbarin anblickt, hat dieselbe ein Gesicht wie eitel Spinnweben und ist eine ihr wohlbekannte längst verstorbene Frau. Diese erhebt ihre welke Totenhand, nur noch Gerippe, und zeigt mit dem gelben Fingerknochen auf das Lied – da erkennt die Frau Nummer und Buchstaben, es ist das Lied: O Ewigkeit, du Donnerwort. Die zum Tod erschrockene Frau kreischt vor Schreck laut auf, da schwinden mit einem Male die bleichen Schatten alle hinweg, und die Frau wankt zitternd nach der Türe und nach Hause, hat aber nicht gar lange mehr gelebt. *   727. Die Nixe aus der Totenlache Nahe bei Rappelsdorf zwischen Schleusingen und Kloster Veßra liegt ein der Sage nach unergründlich tiefes, mit Wasser gefülltes Loch, über vierhundert Schuh lang und gegen hundert Schuh breit, merkwürdig und verrufen beim Volk der ganzen Umgegend und die Totenlache genannt. Dieser Name rührt ursprünglich daher, daß die in Rappelsdorf Verstorbenen, welche in Schleusingen beerdigt werden, gewöhnlich bis an diese Lache mit Leichenbegleitung getragen, dann aber ohne ferneren Kondukt nach der Stadt gefahren werden. Das Wasser ist außerordentlich hell und klar, friert niemals ganz zu, steht in unterirdischer Verbindung mit Höhlen und Klüften des nahen Berges, die Haard genannt, besonders mit einem Brunnen im Bärengraben, wie durch dort hineingeworfene leichte Körper, welche in der Lache zum Vorschein gekommen, erforscht sein soll, und wird auch von Jahr zu Jahr größer. Alte Leute haben erzählt, daß kurz vor dem Dreißigjährigen Krieg und besonders vor dem kroatischen Einfall in Schleusingen Wassermenschen aus der Lache hervorgegangen und unterschiedlich gesehen worden sind. Einstmals geschah es, daß aus der Totenlache eine Nixe herauskam, anzusehen wie ein junges schlankes Mägdlein; um den Hals trug sie ein schwarzes Rüsterband, um den Leib ein schuppiges Mieder, so seegrün wie das Wasser der Lache, mit einem roten Busentuch und vorgestecktes Perlenstrauß. Um die Lenden schlang sich ein scharlachroter Schurz, Hintennach schleifte sie aber einen häßlichen Fischschwanz. Auf der Hudelburg oder Ruderburg, einem Wirtshaus ohnweit Rappelsdorf, wurde soeben ein Hochzeittanz gehalten, dorthin eilte flugs das Nixlein, setzte sich hinter den Tisch zu einem frischen Junggesellen, der lange Frieder geheißen, und trieb mancherlei Kurzweil mit ihm, der sie bald liebgewann, tanzte auch fröhlich mit ihm um die Linde. Dabei vertraute sie ihm manches, unter andern auch, daß sie gar zu gerne seine Braut wäre, und herzte und küßte ihn. Darüber kam der Abend herbei und die Nacht, und nun sprach das Nixchen weinend zu ihrem Friedel: Nun muß ich mich von dir scheiden und wieder in jenes Wasser hineingehen, wo ich wohne. Zu lange bin ich schon hier geblieben bei dir, mein Geliebter, und da ich gegen meines Vaters Gebot hierhergekommen bin, werde ich wohl die hier und mit dir genossene Lust mit dem Leben büßen müssen. Wie weh tut mir der Abschied. Lebe wohl und gehe morgen hin zur Lache, findest du sie hell und grün, so lebe ich, findest du sie bleich und totenfarb, so ist's vorbei mit mir. Und gab ihm einen Kuß und entwich. Am andern Morgen ging der Frieder eilend hin zu dem kleinen See, fand ihn bleich und blutig, und voll Sehnsucht und Liebesgram sprang er hinein in die Totenlache, um sich durch den Tod mit der lieben Nixe zu vereinen. Nicht weit unter Rappelsdorf, links am Wege, liegt auch noch ein kleiner See, im Sommer von Mümmelchen überblüht, dabei es nicht geheuer. *   728. Wassermann Hackelmärz In Themar, einem uralten hennebergischen Städtlein, vor alters Dagamari geheißen, rufen die Kinder einander zu, wenn sie in der Werra baden und sich schrecken wollen: Hu! reiß aus! Der Hackelmärz kömmt! – und denken sich unter dem Hackelmärz einen abscheulich langen dürren graugrünbärtigen Wassermann, der aus der Tiefe heraufsteigt und nach ihnen fängt. Solcher Hackelmärze lassen sich im Werratale unterschiedliche sehen, sie heißen nur anders. Ihr Name erinnert an den Hackelbernd, der aber wilder Jäger ist, Luft-, nicht Wassergespenst. Zwischen der Rappelsdorfer Mühle und der Schwarzbacher Papiermühle muß die Schleuse, die ohnweit Themar in die Werra fällt, alle sieben Jahre einen Toten haben. – Auch in Themar sagen die Kinder, wenn im Winter so recht große dicke Schneeflocken fallen: Die Fra Holl schüttelt ihr Bett aus. *   729. Die Hennenburgen Es ist eine alte Sage, daß vorzeiten ein Herr aus edlem Geschlecht in Deutschland umgezogen, der eine Stätte suchte, da er sich anbauen und guten Frieden haben könne. So kam derselbe auch nach Franken und fand allda einen Berg, der ihm baß gefiel. Wie er nun durch die Waldung zum Gipfel ritt oder schritt, fand er eine Wildhenne mit ihren Jungen, und da baute er allda eine schöne Burg und nannte sie Hennenberg und wurde der Stammvater des reichen und edeln Geschlechts der alten fränkischen Gaugrafen, die sich von Hennenberg nannten und vom Grabfeld bis zum Thüringerwalde Besitzungen gewannen und Burgen erbauten. Zur Sage gesellte spätere Zeit vielgestaltig die Fabel, daher ist von der Erbauung der Burg Henneberg Folgendes in einer alten Handschrift zu lesen: »Da die Wenden in Rom lagen und Roma und Italien fast zerstört und verderbt hatten, das war nach Christi Geburt vierhundertundachtundfünfzig Jahre, da zog ein reicher Römer aus Rom um Unfriedens willen, das war einer von der Säule geheißen, De columna , von dem großen Geschlecht, kam also in den Wald, da jetzo Henneberg liegt, mit seinen Dienern. Da behaget ihn, den Berg zu bauen. Da fand er ein Wildhuhn mit seinen Küchen an derselben Statt, darum nennte er das Schloß Henneberg.« Fast das gleiche ward auch gefunden in einer Chronik, wo es von einem Römer aus dem erwähnten Geschlecht heißt: »Er zog in diese Lande und kam an das End und Berg, da jetzt Henneberg liegt, und schlug sich allda nieder, da gefiel ihm die Gegend und der Ort so wohl, daß er anfing, ein Schloß darauf zu bauen, und als er das anfing aufzuschlagen und das Schloß zu bauen, da fand er an derselbigen Statt eine wilde Henne mit ihren jungen Hühnlein, davon gab er demselbigen Schloß den Namen Henneberg und führte davon die Henne in seinem Wappen, er und alle seine Nachkommen, und nennet sich der von Henneberg. Also sind sie herkommen.« Auf dem alten Schloß Henneberg ist eine Blende in der Mauer zu sehen, davon alte Leute erzählten, daß ein Maurer bei Aufbauung des Schlosses seinen Sohn verkauft habe, damit, wenn das Kind in jene Vertiefung lebendig eingemauert werde, die Burg fortan unüberwindlich bleibe. Und der grausame Vater habe das Kind selbst eingemauert. Dieses aß eine Dreierssemmel und rief weinend, als der letzte Stein aufgelegt wurde: O Vater! o Vater! wie wird es so finster! – Und wie das Kind also rief, da schnitt die Stimme dem Manne durchs Herz wie ein Messer, und er stürzte von der Leiter herab und brach den Hals. Von den drei Schlössern Henneberg, Hutsberg in Ruinen, und ebenso lange wehr) geht die Sage, daß das eben die drei grünen Berge seien, auf welchen im Wappen der Grafen von Henneberg die schwarze Henne steht, und daher sei das Sprüchwort entstanden: Henne huts Land. – Die Henne hütet das Land. Jetzt liegen seit 1525 Henneberg und Hutsberg in Ruinen, und ebenso lange lag Landsberg öde, aber in der neuesten Zeit hat sich auf letzterem ein stattlicher Burgbau des Landesherrn in ritterlichem Stil erhoben, der eine wahre Zier der ganzen Gegend ist. Auch über Rüdlingen, zwischen Münnerstadt und Kissingen gelegen, ist eine alte Burgstätte auf einem ziemlichen Hügel sichtbar, welche heute Huhnberg genannt wird, vor alters aber Henneberg genannt wurde, wie eine alte Urkunde deutlich aussagt. Den Namen soll Burg und Berg von einem zahmen oder Haushuhn erhalten haben, das zur Zeit, als man die erstere gründen wollte und für dieselbe noch keinen Namen wußte, droben ein Ei gelegt. Zur Unterscheidung des Namens von dem weit früher schon erbauten Stammschlosse Henneberg aber habe man es später nicht Henne-, sondern Huhnberg genannt und diese Burg durch das Bild eines Haushuhns von dem Wappen der ersteren, einer Wildhenne, unterschieden. Die Sage verkündet, daß, von Erbauung dieser Burg an, alle hundert Jahre mittags und mitternachts ein Huhn auf dem Schloßberge dreimal fröhlich schreiet, so das Jahrhundert verkünde und so den alten Chronikenspruch bewähret: Hier hat gelegt das Huhn ein Ei, Daß Burg und Berg benennet sei. Noch soll unter den verschütteten Kellern und Gewölben der Huhnburg viel Geld und Wein verborgen sein. Die Leute erzählen, jeder, der den Schloßplatz besuche, finde bei seinem ersten Kommen, wenn er nicht an die Schätze denke und nicht auf deren Hebung ausgehe, eine kleine Öffnung, welche in die Tiefen hinabführe; benutze er dieses Glück, so könne er reich werden, doch nie werde zum zweitenmal diese Gelegenheit geboten. Wer die Öffnung finde und einen Stein in sie hineinwerfe, höre diesen nicht auf den Grund fallen, so tief hinab gehen Keller und Gewölbe, so tief ruhen die Schätze. Versuche, durch Nachgrabung sie zu heben, schlugen gänzlich fehl und mußten bald unterbleiben, denn die Grabenden sahen sich seltsam erschreckt und in ihrem Vorhaben gehindert. Auch wurden Versuche solcher Art obrigkeitlich untersagt. Daher harren die Schätze noch auf den, der, wenn er die Öffnung findet, ohne habsüchtige Absicht sich in sie hinabläßt. Auf dem Schloßplatze bei dem vormaligen Brunnen der Huhnburg wurde lange nach der Zerstörung des Schlosses, so geht die Sage, eine große Glocke von Schweinen ausgegraben, und diese hing man dann in dem Turm der Kirche zu Nüdlingen auf. Dieser Glocke wohnte eine sehr wunderbare Eigenschaft bei: denn so weit in der Umgegend ihr Heller Schall hörbar war, gab es weder Fröste im Winter noch Gewitter im Sommer. Später aber wurde die Glocke gegen zwei andere kleinere ausgetauscht und nach Würzburg gebracht, worauf sogleich die Umgegend dieser wohltätigen Wirkung mit verlustig ging. Nur an einem Teil des Schloßberges scheint noch der Segen zu haften, denn an dessen Ostseite bleibt niemals der Schnee liegen, sondern zerschmilzt, sowie er dorthin fällt. *   730. Vom wütenden Heer Alte Leute wissen noch etwas vom wütenden Heer und vom wilden Jäger zu erzählen, wie sie über Neubrunn und seine Berge und Täler gezogen sind, am meisten aber im Herbst, wenn recht finstere und schaurige Nächte waren; aber die jungen Leute wollen nicht daran glauben, sie belachen das, was die Alten gesehen und gehört haben. Wenn das wütende Heer nun einmal vorüberzieht und die Alten sprechen: Jetzt zieht das wütende Heer!, so sprechen die Jungen: Der Wind heult und pfeift, oder es kann sein, daß Schneegänse oder Kraniche schreien. – Es zieht aber doch. Sonst, sprechen die alten Leute, zog es immer in Neubrunn durch drei Häuser; das kam daher, weil in den Häusern drei Türen gerade hintereinander waren, nämlich vorne die Haustüre, in der Mitte die Küchentüre und hintenhinaus noch eine Türe, die alle in gerader Richtung gingen, und wo sich die drei Türen bei einem Hause in gerader Richtung finden, da zieht, es mag sein, wo es nur will, das wütende Heer durch. Die Alten sagen aber auch, wenn man auf der Straße oder im Hof wäre und das wütende Heer zöge, so müßte man seinen Kops zwischen die Speichen eines Wagenrades hineinstecken, dann könnte es einem nichts tun, und es müßte vorbeiziehen, sonst drehte es einem den Hals herum. So hört man auch in Maßfeld noch von alten Leuten, das wütende Heer sei den Zinkenstill (ein Teil des Waldes Still) herab über die Kreuzstraße bei der Reumeserbrücke, wo es überhaupt nicht geheuer sein soll, dann über die Berge nach Dreißigacker gezogen. Viele wollen es gesehen und gehört haben und bekräftigen es mit allen Eidschwüren. Auch in Roßdorf im Rosagrunde zwischen Meiningen und Salzungen wird das nämliche erzählt; wer es höre, müsse sich schweigend zu Boden werfen, sonst werde er mit hinweggeführt über Wald und Wipfel. Und vernimmt man in diesen Gegenden stets aus der Landleute Mund nur den Ausdruck wüteninges (wütendes) Heer, nie, wie in andern deutschen Gauen, die Benennung wilder Jäger. *   731. Die Haßfurtjungfrau mit der Glücksblume Bei Meiningen ist ein Bergwald gelegen, darinnen liegt eine alte wüste Burgstätte mit einem gar tiefen Felsenbrunnen. Das soll ein Raubschloß gewesen sein; dicht unter ihm zog die alte Frankenstraße hin, und das stand in Verbindung mit der alten Burg Landswehr, die nahe dabeiliegt. Im Schöße beider Burgen sollen noch große Schätze liegen. Dort läßt sich nun alle hundert Jahr die sogenannte Haßfurtjungfer sehen, in weißer Kleidung mit einem Schlüsselbund; ein schwarzer Hund folgt ihr bisweilen. Wenn die Zeit da ist, wo sie erscheinen darf, ist ihr vergönnt, ein ganzes Jahr lang zu wandeln, dann wird sie häufig erblickt auf der alten Burgstätte, wie in der Waldung und unten im Tale und bemüht sich, Menschen zu finden, welche den Schatz heben, denn an die Hebung des Schatzes ist ihre Erlösung geknüpft. Vor mehr als hundert Jahren hatten einige Prinzen ein Jagen angestellt, und der Hofjäger war mit mehrern Burschen voraus, das Nötige anzuordnen. Als das geschehen, harrten die Jäger der Herrschaft an einer geeigneten Stelle, und zwar unter dem Berg, darauf damals noch die Trümmer der Haßburg standen, da wurden die Weidgesellen geworfen, erst mit Erde, dann mit Mörtel und kleinen Steinen. Sie glaubten, es seien Kameraden von ihnen da oben versteckt und neckten sie; aber das Werfen hörte nicht auf, und es kamen immer größere Steine geflogen. Da schalt der Hofjäger und eilte den Berg hinauf, mitten durch den Steinregen. Oben aber war niemand, und es warf nicht mehr und war alles totenstill. Und wie er sich umwandte, siehe, so stand schleierweiß die Haßfurtjungfrau vor ihm, nur einen Augenblick, und von ihrem Schlüsselbund fiel ein Schlüssel; schnell verschwand sie. Der Jäger sah zur Erde, da lag der Schlüssel wirklich, und zwei schöne goldgelbe Blumen standen da. Er hob den Schlüssel auf, achtete aber der Blumen nicht. Unterdes war die Herrschaft unten im Tale angekommen, und er eilte zurück und zeigte seinen Fund. Stand weiter nichts dabei? fragte gleich einer aus dem Zuge. – Ja, zwei gelbe Blumen, antwortete der Finder. – Hättet Ihr diese gepflückt, wäret Ihr glücklich gewesen! – Flugs eilte der Hofjäger wieder den Berg hinauf, die Blumen zu pflücken, sie standen aber nicht mehr da. Oft soll die Haßfurtjungfrau erschienen sein; der Schatz ist noch ungehoben, vergebens sucht man den Zugang zum Burgkeller. Einem fremden Schlossergesellen, der nie in diese Gegend gekommen war, träumte einst, daß unter den Ruinen der Haßburg ein großes Gewölbe sei voll Rüstzeug, Waffen und Gold; er solle hingehen und den Schatz heben. Zum Wahrzeichen werde er ein Messer mit hirschhornenem Griff finden. Er ging in den Wald, fand die Burg und dasMesser, aber es lag auf einem Felsen, und er wußte weiter nichts damit anzufangen. Ganz ähnlich wird dieselbe Sage vom Landsberg erzählt. Dort stand dem beglückten Hofjäger schon der Berg offen, er wollte eben hinein, da hörte er unten im Tale die Jagdhörner, die Herrschaft war da, und er glaubte vom Landesherrn seinen Namen laut rufen zu hören, steckte den Schlüssel ein, die Blume auf den Hut und eilte zurück. Als die Jagd vorbei und der Kammerherr des Dienstes ledig war, ritt er eilig wieder auf den Landsberg und suchte die Türe, die hinter ihm zugefallen war. Aber er fand sie nicht wieder und fand, daß er auch die Blume verloren habe. Keine zweite Glücksblume wuchs für ihn, und er zog traurig heim. Der alte Schlüssel, sagen einige, soll noch vorhanden sein und in einem Archiv liegen. *   732. Vom Frickenhäuser See Unter der alten Stammburg Henneberg führt die Land- und Heerstraße von Meiningen aus in das gesegnete Frankenland. Da kommt man bald in den Grund der Streu, die von Ostheim herrinnt und der fränkischen Saale ihr stillfließendes Gewässer zuführt. Dort liegt, nicht gar weit von Mellrichstadt, dasDorf Frickenhausen und sein weitberufener See, ein stilles und tiefes Wasser, fast rundum von hohen Bäumen umschattet und von unergründlicher Tiefe, von steilen Bergen umgeben, der Frickenhäuser See. Sein Wasser ist hell, hat einen natürlichen Geschmack und wird ungeachtet des geringen Abflusses doch nicht faul. Wunderbar sind die Sagen und Mären, welche die Bewohner jener Gegenden über diesen See zu erzählen wissen oder doch wußten. So behaupteten einige, der See trage auf seiner Oberfläche durchaus keinen Körper, sondern verschlinge ihn urplötzlich, wie dort in Westfalen das Heilige Meer. Neue Versuche haben freilich gerade das Gegenteil dargetan. Andere wollen riesenartige Fische in ihm gesehen und von den Ahnen gehört haben, der See werde dereinst mit Gewalt ausbrechen und ganz Franken überschwemmen; denn er sei eine Ader des Meeres. Deshalb beten auch viele Bewohner der Gegend zu Gott, daß er sie diesen Ausbruch des Sees nicht möge erleben lassen, und in der Domkirche zu Würzburg würde, so sagen sie, alljährlich eine Messe gelesen, daß Gott die Überschwemmung Frankens durch den Frickenhäuser See verhüte. Darum getraue man sich auch nicht, mit einem Kahn das rätselhafte und verrufene Wasser zu befahren. Fische sollen darin sich aufhalten, aber nur selten zu Gesicht zu bekommen sein. Im Jahre 1793 erblickte ein Jäger aus der Nachbarschaft einen Fisch, der an Größe einem ausgewachsenen Schweine nicht viel nachgab. Die Kunde von diesem Fisch verbreitete sich weit umher und rief Leute in Menge herbei, um diesen großen Wunderfisch zu sehen und anzustaunen. Allein niemand sah ihn mehr. Ein anderer Jäger schlief einst an dem Ufer ein und hatte die mit einer Kugel geladene Büchse neben sich liegen. Ein heftiges Geräusch im See erweckte ihn, und hinblickend gewahrte er zwei riesige Fischungeheuer, die sich oben an der Seefläche zeigten. Sogleich ergriff er sein Gewehr, zielte und schoß nach einem der Riesenfische, worauf beide sogleich untertauchten. Aber einige Schuppen schwammen von dem getroffenen auf dem Wasser, die der Jäger auffischte und den Leuten zeigte; sie waren so groß wie ein zinnerner Teller. – Oft trübt sich das Wasser dieses Sees, wenn auch in der ganzen Gegend kein Regen ist, und bei der anhaltendsten Dürre nimmt er nicht ab, obwohl man glaubt, daß die bei Sturmwetter sich trübende starke Quelle, die im Streugrunde bei Mittelstreu mit starkem Brausen hervorbricht und gleich bei ihrem Ursprünge einige Mühlen treibt, dem unterirdischen Ausfluß des Sees ihr Wasser danke. *   733. Nix Schlitzöhrchen So klein und schmal das Wiesenflüßchen, die Streu, auch ist, so wohnt doch in ihm ein neckischer Nix und treibt sein Wesen im Streugrunde unter und über Mellrichstadt von Stockheim bis Heustreu, wo das Flüßchen in die Saale fällt. Dieser Nix heißt Schlitzöhrchen, weil er geschlitzte Ohren hat; er hat seine Lust daran, Leute, die über die Streu gehen, in das Wasser zu ziehen und sie tüchtig unterzutauchen. Es kommt ihm auch nicht darauf an, sie ganz zu ersäufen. Das ist nach der alten Leute Aussage schon gar manchem widerfahren. Woher nur die Kobolde und Nixen ihre neckischen Namen haben, deren Zahl legionenmal verschieden ist? Dort im alten Preußenlande, zu Prassen bei Lauenburg, hießen ein paar Fingerlinge Rotöhrchen und Gelböhrchen. Es ist, als ob der Name Öhrchen auf etwas Geheimnisvolles hindeute, auf das Horchende. Am Kraute Mausöhrchen (alter Name Auricula muris , neuer: Hiracium murorum , nebst vielen andern Arten, darunter auch eine Hieracium auricula und eine geschlitzte Abart, Hieracium sylvaticum , das Schlitzöhrchen der Pflanzenwelt) finden sich, sonderlich an denen, so nach Johannis blühen, unten am dicksten Teile der Wurzel zwischen den Fäserchen der alten Blätter rote Tropfen gleichsam eingewickelt. Etliche nennen das Johannisblut und halten dafür, wenn jemand am Johannistage oder um diese Zeit mittags zwölf Uhr ein solches Kraut aushebt und den roten Tropfen auf seine Hand fallen läßt, so könne er daraus ein Prognostikon seines Lebens nehmen, je nach der Dauer der Farbe; läßt sie sich gleich auswaschen, so stirbt er noch im selben Jahre. Aber auch die Tierwelt hat ihr Schlitzöhrchen, das ist die Ohrlitze, der Ohrwurm, Forsicula auricularia L. , und den Namen Schlitzöhrchen führt er im Werragrunde bis zum Streugrunde hinüber. Der inniggeistige Zusammenhang der Sagenwelt mit dem Naturleben ist ein zwar nicht mehr unentdecktes, aber doch noch fast ganz unerschlossenes Land, ein Kalifornien voll des Zaubergoldes der Poesie. *   734. Die Alpnonne Nicht weit vom Streugrunde lag ein Nonnenkloster, Wechterswinkel geheißen; im selben Kloster diente ein junger, bildhübscher Knecht, den drückte oft das Alp, und wußte sich gar keinen Rat, dem Übel abzuhelfen. So klagte er einem weisen Manne seine Not, und der sagte ihm, es sei nichts leichter, als das Alp zu bannen, der Knecht solle nur, wenn es wieder drücke, herzhaft dahin greifen, wo er es fühle, und das festhalten, was er fasse, und einsperren. Diesem Rat folgte der Knecht, und als das Alp ihm wieder heftig drückend auf der Brust lag, so griff er zu und faßte – eine Flaumfeder. Obschon er nun nicht glauben konnte, daß diese leichte Feder ihn gedrückt, so war es ihm plötzlich federleicht zumute, aller Druck war hinweg, er sprang aus dem Bette und schloß die Feder in ein kleines Kästchen. Am andern Morgen ging ein Geschrei durch das ganze Kloster, es sei eine Nonne in ihrem Bett erstickt und also tot gefunden worden. Zufällig begegnete der Knecht dem weisen Mann und erzählte ihm das mit der Flaumfeder und auch als etwas Neues, daß eine Nonne erstickt sei. Da sprach jener Mann: Um Gottes willen schließe deinen Kasten auf und lasse die Feder fliegen! Der Knecht tat's, und da flog die Feder gerade in die Zelle der gestorbenen Nonne, wo das Fenster offenstand, und zur Stunde wurde jene wieder lebendig. Der Knecht hatte nie wieder Alpdrücken. Die Nonne war das Alp gewesen, gleich jenem Frauenbild in der Ruhl, nur daß der Ruhlaer mehr mit seinem Alp erlebte. *   725. Vom Grimmental Wo sich vom Dorf Einhausen das von der Hasel durchflossen Tal über Ellingshausen nach Schwarza hin zieht, nannte man es ehedem das grüne Tal wegen seiner Grüne. Dort hat am Ausgang des grünen Tales in das Tal der Werra ein alter Bet- und Opferstock mit dem Bilde der Jungfrau Maria gestanden, unter einer mächtig großen Linde, vom Gestrüpp umwachsen und fast ganz vergessen. Nun trug sich's zu, daß ein Rittersmann, Heinz Teufel, der in Obermaßfeld wohnte, auf einem Jagdritt von schwerer Leibesschwachheit überfallen wurde, sich zu dem Bilde schleppte und dort um Hülfe flehte. Und da sein Gebrest alsbald ein Ende nahm, schrieb er es dem Bilde zu, verkündete dessen Wunderkraft, machte eine fromme Stiftung und baute eine Kapelle über das Holzbild. Darauf erhob sich eine große Wallfahrt, und der Ruf des wundertätigen Marienbildes breitete sich nach allen Seiten aus, so daß die Menschen aus allen Landen scharenweise gezogen kamen. Lahme, Blinde, Taube, Preßhafte aller Art, davon es vielen im Traum vorgekommen war, sie würden im Grimmental, wie man die Wunderstätte im grünen Tal hernach nannte. Hülfe und Genesung finden. Und vielen half der feste Glaube. Darum baute hernach der Fürstgraf Wilhelm von Henneberg an den Ort eine prächtige Wallfahrtkirche. Viele Wunder tat die Mutter Gottes im Grimmental, davon nur eins. In Meiningen saßen drei Gefangene in harter Verstrickung im großen Burgturm, die riefen die Maria vom Grimmental an, und siehe, sie erschien ihnen und erledigte sie ihres Gefängnisses, daß sie ohne menschliche Hülfe frei und ledig gingen, diese nahmen alsbald ihren Weg nach Grimmenthal, priesen und dankten. Es sind in Grimmenthal in einem Jahr vierundvierzigtausend Waller gewesen, und es klingt wunderbar, wenn man liest, daß 1503 zur Pfingstzeit auch gegen dreihundert mohrische Ritter, welche durch Schlesien hergezogen kamen, dort ihre Andacht verrichteten. Doktor Luther eiferte sehr gegen diese Wallfahrt, sprach und schrieb von ihr: Daher ist kommen der große Betrug des Teufels mit dem Wallfahrten in das Grimmental, da die Leute verblendet, als wären sie toll und töricht, Knechte und Mägde, Hirten, Weiber, ihren Beruf ließen anstehen und liefen dahin. Ist recht Grimmental, vallis furoris . – Und bald nach der Reformation nahm die Wallfahrt ein Ende. Jetzt steht an der alten Wallfahrtstätte ein schönes Hospital, und die Grimmentalslinde, darunter das Muttergottesbild stand, grünt und blüht noch in jedem Sommer. Sie mißt sechsunddreißig Fuß im Umfang. *   736. Der grünende Pfahl Nahe beim Dorfe Untermaßfeld erhebt sich der Hexenberg, so genannt, weil auf ihm die Hexen nicht etwa tanzten, sondern verbrannt wurden, und zwar sehr viele. So war auch ein armer Junge aus Leutersdorf namens Hans Schau der Hexerei angeklagt, wurde im Amt zu Maßfeld torquiert und mußte, wie sehr er auch seine Unschuld beteuerte, bekennen, daß er ein schädlicher Hex sei, und da kam es von Jena, daß er verbrannt werden sollte. Der Jüngling wurde zum Dorfe hinausgeführt, über die Werrabrücke, die Hexentreppe, davon noch Rudera sichtbar, und den Berg hinauf; viel Volk lief mit. Als der arme Sünderzug den Berg etwa halb hinauf war, kam man an eine Stelle, wo ein Bauer Pfähle einschlug, um junge Bäume daranzubinden. Da wandte sich bei einem dieser Pfähle der Jüngling weinend nach dem Volk, hob seine gefesselten Hände gen Himmel und rief: So wahr ich unschuldig zum Tode geführt werde, so wahr wird Gott ein Zeichen tun und geben, daß dieser dürre Pfahl ausschlagen und zum starken Baume werden wird! Die Richter und das Volk aber lachten sein, und oben ward er verbrannt. Wie alles wieder herunterkam, blieben einige bei dem Pfahl stehen, und siehe, da sproßten grüne Blättlein heraus und braune Zweiglein, aus denen Knospen brachen, und lebendiges Grün sprang aus dem toten Holz. Des wunderte sich jedermann und ging nachdenklich nach Hause. Und seitdem ist keine Hexe und kein Hexenmeister mehr im Henneberger Land verbrannt worden. Der Pfahl aber wurde eine starke Buche, die einzige am Hexenberg, der mit Nadelholz bewachsen ist, und steht noch im ehemaligen Köhlers Berggarten, wo jeder sie sehen kann. *   737. Das Gebet der Mutter Ohnweit des Schlosses Landsberg und dem Haßfurtwalde erhebt sich der hohe Gebaberg, an diesem, auf der Seite nach Meiningen zu, nicht weit vom Dörflein Träbes, liegt ein tiefer Erdfall, insgemein das Träbeser Loch genannt, und unten am Fuß der Geba liegt das Dorf Seba und nahe dabei ein kleiner See. Vor alten Zeiten war das Träbeser Loch bis an den Rand voll Wasser, und an der Stelle des Sees erblickte man die schönste und fruchtbarste Wiese im ganzen Tal. Diese war Eigentum einer reichen, hochbetagten Witwe. Die Witwe ward krank, und ihre beiden Söhne traten an ihr Lager, als sie in großer Schwachheit lag, glaubten, sie schlummere, und begannen sich untereinander über ihr Erbe zu besprechen, und wie sie miteinander teilen wollten, wurden auch fertig miteinander, bis auf die Wiese, die wollte jeder ganz und ungeteilt besitzen, und von den leisen Worten kam es zu lauten, so daß sich die Brüder am Sterbebette der Mutter zankten, und daß einer drohte, den andern totzuschlagen, worauf sie voll Zorn die Stube verließen. Die kranke Frau hatte alles gehört, ward schmerzlich bewegt in ihrem Herzen und richtete ein flehentliches Gebet zu Gott, daß er verhüten möge den Bruderzwist, vielleicht den Brudermord um einer Wiese willen, und daß er doch möge die Hoffnung beider auf dieses Erbstück zu Wasser werden lassen. Und Gott erhörte das Gebet der Mutter, denn als der nächste Morgen anbrach, so war von der Wiese keine Spur mehr zu sehen, sondern an ihrer Stelle war ein großer Wasserspiegel ausgebreitet. Niemand wußte sich zu erklären, woher auf einmal die Wassermenge, bis Bauern aus Träbes vom Berg herunterkamen und berichteten, daß in der vergangenen Nacht ihr See verschwunden und an dessen Stelle ein furchtbar tiefer, trichterförmiger Kessel sichtbar sei. Da entsetzten sich die Brüder und versöhnten sich am Lager der Mutter, welche Gott und sie segnete und starb. *   738. Stein auf dem Herzen Im Rosagrunde liegen zwei Dörfer, Eckards und Frittelshausen, nicht gar weit voneinander, da soll vorzeiten in jedem ein Graf gewohnt haben, und das sollen Brüder gewesen sein. Beide sollen um der Jagd willen uneins geworden sein, und der Eckardser Graf soll den Frittelshäuser entleibt haben. Diese schwere Sünde zu büßen, sei der Eckardser zu Fuße nach Rom gepilgert, und da habe der Pabst ihm auferlegt, an der Stelle des Mordes ein Kloster zu begründen, von Eckards bis zu jener Stelle den ersten Stein zum Kloster auf seinem Herzen zu tragen und dann in dasselbe als Mönch einzutreten, damit er seiner Sünde los werde. Dieses habe er auch also alles vollbracht und das Kloster Sünderhaus genannt. Das war das später Sinnershausen genannte Wilhelmiterkloster, längst zerstört und jetzt eine herrschaftliche Besitzung. Noch steht alldort in einer Mauerblende, obschon arg verstümmelt, das hohe Steinbild eines Mannes von edler Gestalt, ritterlich, nicht mönchisch, mit gelocktem abwallenden Haupthaar, in der einfachen Gewandung des dreizehnten Jahrhunderts, auf der Brust, mehr nach der linken Seite zu, einen großen eckigen Stein, und geht die Rede von Kind zu Kind, das sei des Klosters Gründer. Nie aber hat das Kloster Sündershaus geheißen, dies ist spätere Namensverstümmelung; das Kloster hieß nach ältester urkundlicher Schreibart Syndeloshusen , darum, daß der büßende und bereuende Brudermörder seiner Sünde los geworden und mit dem Himmel versöhnt war. *   739. Die Wasunger Streiche Der deutsche Süden hat seine Wunderklugen wie der deutsche Norden; warum sollte das innere Deutschland leer ausgehen? Wer hätte nicht von Schwabenstreichen gehört oder von des Nordlands und Nordstrands witzreichen Leuten? So muß auch das Städtlein Wasungen im Meininger Lande, gleich Ummerstadt und gleich Schnett in demselben Lande, sich solche Streiche nachrühmen lassen und muß sich mit dem bekannten schlimmen Trost trösten: andern geht's nicht besser, denn es hat Genossen in Schilda und Schöppenstedt, Polkwitz und Borsheim, Tettera und Wesenberg, Hirschau und Amweiler, Trifels und Weilheim, Stockach und Karlstadt, Ahlen und Beutelsbach, Bopfingen und Reutlingen, Düren und Mühlheim, Ganslosen und Kasendorf, Venlo und Mecheln, Hotstrupp und Gabel, Romöe und Büsum, Kisdorf und Bishorst und an hundert andern. Das ist auch keine neue Sache und Geschichte, daß die Welt der Wasunger und anderer Lalenburger Streiche rühmt, schon vor mehr denn hundert Jahren ward also geschrieben: »Im übrigen ist niemandem leicht im Hennebergischen unbewußt, daß allerhand possierliche Schwänke und Histörichen von denen zu Wasungen erzählt werden, welche eine ziemliche Verwandtschaft mit denen in Meißen berühmten Schildbürger Geschichten haben.« Hohe Regierung machte es damals und noch früher gerade auch nicht besser, wie eben zu allen Zeiten und allenthalben ihre Lalenstreiche unter den Aktentischen hervorschlupfen – sie gestattete ausdrücklich und gnädiglich schon im Jahre 1578, daß zur Winterszeit der Wasunger Ziegenhirt mit den Ziegen den Schloßberg und die Hunnenburg betreiben möge – wahrscheinlich sollten die Ziegen Schneeblumen und Eiszapfen fressen. Die zu Wasungen litten nicht, daß ein fremder Dieb an ihren Galgen gehenkt werde, sie gaben ihm den Staupbesen und ein Stück Geld mit der Weisung, er solle hingehen und sich henken lassen, wo er wolle; machten es also sänftiglicher wie die Erfurter, die einem zuvor den Kopf abschlugen und erst dann ihn hingehen ließen, wohin er wollte. Und darüber braucht keiner zu lachen, selbiger Streich der Wasunger war klug und ist in neuer Zeit im lieben deutschen Vaterlande mit manchem Strolch, vornehmem und gemeinem, ihnen nachgetan worden. Auch Eselseier haben sie ausbrüten wollen, als welche ein Fuhrmann ihnen verkauft, es waren aber sotane Eier Quarkkäse – auch darin hatten und haben sie im lieben Deutschland viele Genossen, nur mit dem Unterschied, daß häufig die Esel selbst über dem Quark brüten und nichts Gescheites zutage fördern, daran auch nur ein vernünftiger Mensch seine Freude haben könnte; mit der Katze ging es ihnen schier wie den Gabelern, und von der tragbaren Ehrenpforte, von der Salzsaat, von der durch kluges Abschneiden eines Stiefelpaares bewirkten Verschaffung eines Paares Pantoffeln darf man nicht viel Redens machen, so wenig wie von denen letztbekannten Streichen des Jahres 1848, wo auch zu Wasungen die Werra brannte und die Milchtöpfchen überliefen, so daß aus den süßen eitel Sauertöpfe wurden. *   740. Stein vom Himmel In Frauenbreitungen, zwischen Wasungen und Salzungen gelegen, liegt ein großer schwarzer Stein, der fiel einmal vom Himmel herab ins Feld, und niemand konnte ihn wegbringen, so schwer war er. Da aber der Stein vom Himmel gefallen war, so wollten die zu Frauenbreitungen ihn gern in ihre Kirche haben. Und da hatten sie einen Gefangenen, der ein großes Verbrechen begangen, der war seines Zeichens ein Leinweber und zugleich ein starker Hans, was sonst die Leinweber nicht sind. Der vermaß sich, wenn man ihn sündelos machen wolle, so wolle er den Stein, wie der Eckardser Graf den seinen, vom Felde herein ins Ort und in die Kirche tragen, wenn auch nicht auf der Brust und auf dem Herzen, sondern in seiner Schürze. Das ward dem starken Leineweber zugelassen, und er trug richtig den Stein in einem Gange bis nach Frauenbreitungen herein. Aber da er auf den Markt kam, riß die Schürze mitten entzwei, der Stein glitt heraus und fiel an die Stelle, wo er noch liegt, niemand brachte ihn weiter. Dem Leinweber fiel der Schreck in die Kniekehle. Zum Andenken trägt seitdem das ganze Handwerk kurze Schürzen. Der Stein liegt noch und heißt der Glittstein. *   741. Der vergrabene Kobold Zu Frauenbreitungen am steinernen Haus sollte eine Ausbesserung vorgenommen werden, und da geschah es, daß ein Steinhauergeselle in der Mittagsstunde müßig aus einer Luke des Hauses in einen Garten hinabsah. Da sah er eine Frau gegangen kommen, die ging unter einen alten Birnbaum, grub dort ein Loch und setzte eine Schachtel hinein, die sie unterm Mantel verborgen gehalten hatte, und deckte das Loch mit Rasen sorglich wieder zu. Nach dem Feierabend trieb den Gesellen zu sehen, was wohl die Frau dort möge vergraben haben, einen Schatz oder die Frucht eines Verbrechens. Er ging zum Baume, grub nach und erhob die Schachtel; als er sie öffnete, lag ein scheußlicher Kobold darin, eine halbe Elle lang, kohlschwarz wie der Teufel, Bockshörner am Kopf, Pferdehufe an den Füßen, jeder Zoll ein Teufel, und mit Telleraugen, welche glühten wie Feuer. Der Gesell ließ vor Schreck und Entsetzen die Schachtel fallen, und wie sie hinplauzte, hüpfte der Kobold heraus, schlug eine helle, widerliche Lache auf, sprang um seinen Befreier mit höhnischen Grimassen herum und verschwand dann mit gellendem Gelächter, indem er dem großen Breitunger See zueilte, in den er sich stürzte. Den Gesellen packte ein Fieber, und er starb an dem Schreck. Nie hat man den Kobold wiedergesehen, auch nie die Frau erforscht, die solchen greulichen Schatz vergraben. *   742. Die Teufelsmahden beim Schlosse Liebenstein Nicht weit von den Orten Frauen- und Herrenbreitungen, allwo Klöster waren, wie schon die Namen andeuten, gleich Herren- und Frauenchiemsee, und ein Gang unter der Werra weg, wie in Saalfeld unter der Saale und noch an gar vielen andern Orten, zu gegenseitiger Besuchsbequemlichkeit diente, liegt das alte Bergschloß Liebenstein, davon mancherlei Sagen gehen; zunächst die überall heimische von einem lebendig in den Bau vermauerten Kind, dessen Wimmern man noch hört, und dessen Mutter noch um die Trümmer als ein Geist wandelt, dann von einer weißen Ahnfrau, welche einen Schatz hütet; absonderlich eigentümlich ist aber dem alten Liebenstein die Sage von den Teufelsmahden. Darauf, auf dem alten Schlosse, saß ein Ritter, das war gar ein wilder und wüster Gesell, einer von denen, die, wie das Sprüchwort sagt, den Teufel haben barfußlaufen sehen, und ihm auch seine Seele verschrieben hatte, dafür mußte ihm der Teufel dienen nach der Schwierigkeit, wie dort zu Waerdenberg der Teufel Jost dem Doktor Faust, und mußte sich schinden und plagen und abrackern, daß er gern aus seiner Teufelshaut herausgefahren wäre, wenn er nur gewußt hätte, in welch andere gute Haut er hätte fahren sollen. Immer neue Plagen ersann der Ritter für den dienstbaren Teufel, und so befahl er ihm denn auch, alle Frucht auf dem großen weiten Felde um die eine Seite der Burg, daran hundert Schnitter drei Tage lang zu mähen gehabt hätten, in einer Nacht abzumähen. Dem Teufel wurde drob angst und bange, denn vollbrachte er's nicht, so war der Ritter ihn los, und der Teufel hatte keine Gewalt nach dessen Tode über ihn und seine Seele. So machte er sich denn an die Arbeit und borgte sich die Sense vom Tod und mähte das ganze Getreide in mächtigen Mahden zusammen, bis ihm die Ohnmacht zuging und er es satt hatte und hinüber nach Salzungen in die Teufelskutte fuhr und ein Kühlbad nahm. Wie nun damals der Teufel das Getreide gemäht hat, einen Teil rechts, einen Teil links, denn der Teufel und seine Hinternlecker sind bald rechts, bald links, das ist eine bekannte Sache, so wächst es noch bis auf den heutigen Tag, und es mag das Getreide noch stehen oder abgehauen sein oder bloß noch die Stoppel stehen, so sieht es von weitem aus, als läge auf jenen Ackern das Getreide in ungeheuern Mahden zusammengemäht, und heißt bis auf den heutigen Tag die Teufelsmahden. Ob aber der Teufel aus seinem nachbarlichen Bad wieder zu dem Ritter zurückgekehrt ist oder nicht, das wird nicht gemeldet, denn: Nix Kwisses wäß mer nett! – sagt ein Hildburghäuser Sprüchwort. *   743. Bonifaziusfels und Lutherbuche Dicht beim Schlosse Altenstein ragt der Bonifaziusfels empor. Es ist unzweifelhaft mehr als Sage, daß der Thüringer Apostel an dieser Stätte und von diesem Felsen dem Volke die Christuslehre gepredigt, daß er in der Nähe Kapellen gründete; mehr als eine Wüstung und manche geschichtliche Wahrnehmung gibt davon Kunde. Vor mehr als hundert Jahren stand noch an dem Fels eine hohe runde Mauer ohne Dach, der Überrest einer Kapelle, welche schon damals aus Überlieferung allgemein der Bonifaziusturm genannt wurde und auf alten Abrissen des Schlosses Altenstein und seiner Umgebung also ausdrücklich benamt steht. Über diese Höhe, am Bonifaziusfels vorbei, zog im Frühling 1521 Doktor Luther, als er von Worms kam und in seinem Heimatorte Möhra gerastet und gepredigt hatte, um nach Wittenberg zurückzukehren; da wurde er eine halbe Stunde weiter hinauf im Walde ohnweit den Trümmern einer Wallfahrtkapelle aufgehoben und auf Wartburg geführt, und zwar zunächst einer starken Buche über einer Quelle, aus welcher Luther trank. Man zeigt in des Glasbach Nähe noch einen Stein am Wege mit dem Abdruck eines Mannesfußes und nennt ihn den Luthersfuß. Die Aufhebung Luthers geschah durch den Hauptmann Hans von Berlepsch, Amtmann auf Wartburg, und Burkhard von Wenkheim, Schenk-Landrentmeister und Amtmann zu Gotha, welche der Kurfürst von Sachsen heimlich dazu beauftragt hatte. Burkhard Hund von Wenkheim hatte hier auf Altenstein sein Stammschloß und väterliches Erbe, von seinem Geschlecht geht eine ähnliche Sage wie jene von den neun, und den zwölf, und den sieben Knäblein auf einmal, und vom Ursprung der Welfen. Da soll die Frau von Wenkheim, die eine mit Drillingen gesegnete Bettlerin heftig ob ihres Kindersegens schalt, von dieser verflucht worden sein und dreizehn Knäblein auf einmal geboren haben. Die Magd, die zwölf der Knäblein in das Wasser tragen sollte, sagte zu dem ihr begegnenden Herrn auf seine fragende Anrede, sie trage Hunde, worauf er die Knäblein in heimliche Erziehung gab, die Mutter in ein Kloster verstieß und den Söhnen zu ihrem Familiennamen den Namen Hund beilegte. So entstand das nun ausgestorbene Geschlecht der Hund von Wenkheim, dessen Name in jener Gegend durch manche fromme Stiftung noch im Segen fortlebt. *   744. Die Ringelsteine Tief im Walde hinterm Altenstein nach Wilhelmsthal zu lagen vordessen zwei Burgen, genannt Alt- und Neuringelstein, von denen sieht man nur noch ihre Stätten, aber Sagen hört man viele von ihnen, wie überhaupt dieser ganze Gau überreich an Sagen ist. Raubritter hausten dort, nächst der sogenannten Weinstraße, die heute noch diesen Namen führt und der alte Weg war, der vom Thüringer Walde niederwärts nach Franken und Buchonien sich lenkte. Einst hatten die Raubritter von Ringelstein eine Braut aus Salzungen entführt; sie schlugen den Pferden die Hufeisen verkehrt auf, damit ihre Spur verborgen bliebe, und kamen durch eine Höhle in ihre Burg, die gar kein Tor hatte; der Maid gefiel es nicht in der Burg der Räuber, sie sprang von der Burg herab über einen Brunnengraben und entkam glücklich, der Bach fließt heute noch und heißt der Brautborn. Noch immer geht die Sage, daß sich auf Altringelstein eine schöne Jungfrau mit einem Schlüsselbund zeige, die auf Erlösung harrt. Sie hat ein Tuch übern Waldboden gebreitet, darauf sie Flachsknotten klengt. Da die Ritter der Weinstraße so nahe wohnten, so bestand auch die Mehrzahl ihres Raubgutes aus Wein, und sie haben, so viel sie tranken, denselben doch nicht alle trinken können: daher liegt er noch in den unterirdischen Höhlenwölbungen aufgeschichtet, die Dauben der Fässer sind längst verfault, und die eisernen Reife hat der Rost zernagt, aber der Weinstein hat das edle Naß mit einer Kristallhaut rings umkleidet. Einst, wann die zweite große Sündflut über der Menschen sündiges Geschlecht hereingebrochen sein wird und der Herr kommen wird zu den Schrecken des Jüngsten Gerichts, zu richten die Lebendigen und die Toten, da werden diese Höhlen sich auftun und die Fässer sich öffnen, und der Herr in seiner Herrlichkeit wird sein großes Versöhnungsmahl halten und die Frommen und Gerechten mit diesem Wein tränken zum Zeichen des ewigen Lebens. *   745. Berggeister um Altenstein Unterm Schloß Altenstein liegt Glücksbrunn, ein vormaliger Hüttenort. Lebhafter Bergbau wurde vormals von den hier und in Steinbach zahlreich wohnenden Bergleuten betrieben, jetzt wird nur noch wenig Ausbeute gewonnen. In den Schachten und Stollen gab es auch Berggeister und manchen versetzten Hort. Venetianer sind gar häufig gekommen und haben viel hinweggetragen. Am Löge, oberhalb Steinbach, hat ein goldner Hirsch sich oftmals sehen lassen. Einst ging ein junger Bergknappe aus Steinbach nach seinem Schacht auf der Windleite. Wie er nahe zur Winde kam, sah er ein ganzes Heer kleiner Bergmännerchen an der Winde stehen, die waren gar tätig und eifrig mit Aufwinden und mit Gesteinpochen. Wie er nun mit offnem Munde näherschritt, ganz verwundert über die verwunderliche kleine Knappschaft, hui! da purzelten sie kopfüber allzumal in den Schacht, und es tat einen Kracher, als ob der ganze Schacht in sich zusammenbreche. Da grauste es dem jungen Bergmann mächtiglich, ging hin zum Schacht, schnallte sein Hinterleder ab und schmiß es samt dem Grubenlicht in die Teufe hinab und sagte: Mit euch fahre ich nicht an! Und ging hinüber in die Ruhl und wurde ein Messerschmied, und als er dies gute Gewerk gelernt hatte, kam er wieder nach Steinbach, tat sich allda als Messermacher nieder und brachte so das Handwerk dorthin als erster Meister. Und da haben die Steinbacher es ihm nachgemacht und sind aus Bergleuten Messermacher geworden, und wohnen jetzt über anderthalbhundert Meister allda und kein einziger Bergmann mehr. Einst arbeitete ein Häuer aus Glücksbrunn im Reginaschacht, da hörte er ein Rauschen und meinte, es fahre etwa ein Steiger an, und sähe eine Menschengestalt, anzuschauen wie ein Bergamtsoberer mit schwarzem Hut, grünem Oberkleid mit Manschetten, schwarzen Beinkleidern und Schuhen, weißen Strümpfen, in der Hand ein hellbrennend Grubenlicht, schönen Antlitzes und von glänzenden Augen, so groß, daß er am Ort, das über fünf Schuh hoch war, an den First anstieß. Der bestürzte Häuer schwieg und arbeitete angestrengt weiter immer rascher und heftiger. Da wandte sich die Gestalt gegen Morgen und fuhr in der Strecke von dannen. Hätte der furchtsame Häuer nur den Bergmannsgruß Glück auf! gesprochen, so hätte sich ihm ohne Zweifel der reiche Stollen des Glückes erschlossen und aufgetan. So aber sah er nie wieder diese Bergerscheinung. Andern erschien der Berggeist im Grubenkittel, Kniebügel an den Beinen, einen schwarzen Schiefhut auf dem Kopf, mit großen glänzenden Augen und auch einem Grubenlicht in der Hand, auf sie zukommend, auch diese wichen furchterfüllt dem Geiste aus und fuhren wieder aus dem Schachte. Des Geistes Grubenlicht erhellte fast die Hälfte des aufwärtsgehenden Schachtes. *   746. Der Wallfahrtgarten Droben überm Luthersbrunnen unter dem Gerberstein hat vorzeiten, wie die Sage geht, ein Nonnenkloster gestanden, und da sind immer viele Wallfahrer hingezogen, und es ziehen noch heutiges Tages welche dahin, obgleich das Kloster längst zerstört ist. Die Nonnen aber haben vor der Zerstörung noch einen großen Schatz allda vergraben, und eine von ihnen hat sich zu dem Schatz verwünscht, seiner zu hüten. Viele Leute haben sie wandeln sehen, denn der Weg nach Ruhl geht dort vorbei, schloß-schleierweiß, doch hat sie keinem Menchen etwas getan. Die aber dort nach Schätzen gegraben haben, haben nichts gefunden. Vor hundert Jahren in einem Vorfrühling, da es noch keine Blätter und Blumen gab, sind Leute dorthinauf ins Reisig gegangen, die hatten ihr kleines Kind von fünf bis sechs Jahren bei sich und setzten das Kind zu ihren Körben und gingen in den Wald, ihrer Arbeit zu warten. Wie sie aber wieder hin nach den Körben kamen, da ging es wie bei der Frau auf Burg Epprechtstein, das Kind war fort, und vergebens riefen und suchten es die Leute im ganzen Walde. Doch wie sie es eine ziemliche Weile gesucht hatten, da kam das Kind gelaufen und war voller Freude, und hatte rote Beeren und Blumen und Kirschen, und sagte, wie sie fort gewesen wären und es so allein gewesen und sie so lange ausgeblieben, da hätte es sich gefürchtet und hätte geweint, und wäre auf einmal eine weiße Jungfer gekommen, die hätte ihm gesagt, es solle nicht weinen, sie kämen wieder, und es solle mit ihr gehen in ihren Garten, da gäbe es Beeren und reife Kirschen und Blumen. Und da hätte es davon nehmen dürfen, so viel es gewollt, und es sollte nur alle Tage zu ihr heraufkommen. Und nachher hätte die weiße Jungfer gesagt, nun solle es gehen, seine Mutter riefe ihm – und da sei es wiedergekommen, aber seine Leute sollten nur einmal mitkommen in den hellig schönen Garten. Und ob das alles den Leuten ganz unglaublich dünkte, so folgten sie doch dem Kinde und kamen auch wirklich an den Garten, sahen darin die Blumen und Blüten, die Beeren und Kirschen und auch die weiße Jungfer. Und die weiße Jungfer winkte ihnen, hereinzukommen in den Garten, aber sie fürchteten sich und enteilten samt dem Kinde. Aber alle Tage ankerte das Kind nach dem Garten und nach der weißen Jungfrau und wollte hin zu ihr, und weil es nicht fortgelassen ward, so weinte es beständig und härmte sich und wurde krank bis zum Sterben. Da saß seine Mutter an des Kindes Bettchen und weinte zu Gott im Himmel hinein, daß sie das Kindchen verlieren sollte, und betete. Da hob sich mit einem Male das Kind im Bettchen in die Höhe und streckte die Händchen aus und lachte mit dem ganzen Gesichtchen und rief: Siehst du, Mutter – die weiße Jungfer – wie sie mir rote Beeren (Erdbeeren) bringt und Johannisbeeren? Und da starb's. – Niemals hat jemand auf der Wallfahrt und dortherum den Garten der weißen Jungfrau wiedergefunden. *   747. Die Männer im Flußberg Hoch über Liebenstein im Gebirge erhebt sich ein Bergkopf mit zerklüfteten Flußspatfelsen, der Flußberg genannt; dort hat es gespukt und die Wanderer geneckt seit undenklichen Zeiten. Von unsichtbaren Händen wurden dort Ohrfeigen ausgeteilt; das Weinen eines kleinen Kindes ward dort vernommen, wer ihm aber nachging, fand es nie, sondern verirrte sich im Waldesdickicht. Auch das wütige Heer hat dahinten im Flußberg seinen Sitz; das kommt über den Gerberstein und den Hirschpalz dahergezogen und läßt sich im Flußberg nieder, und wen es erwischt, der ist verloren. Wenn man es durch die Luft kommen hört, muß man sich nur gleich auf den Bauch und auf das Gesicht der Länge lang auf den Erdboden legen und ein Vaterunser beten, da zieht es vorüber und kann einem nichts anhaben, weil es immer in der Luft bleiben muß, solange es sich nicht in ein Bergloch niedertut wie hier im Flußberg oder im Hörseelenbergsloch oder sonstwo. In den Flußberg geht das Loch ganz tief hinunter, und in dasselbe sind, gleichwie in der Berghöhle im Zobten, auch drei Männer gebannt, welche aber nicht lesen im liber obedientiae und auch nicht lateinisch sprechen. Der eine das ist ein Wirt und Metzger aus Steinbach bei Liebenstein, der hat den Leuten immer das Fleisch zu knapp gewogen und das Bier zu knapp gemessen, und wie er gestorben war, hat er alsfort wandern müssen und hat im Keller und in der Fleischkammer immer herumgepoltert und gerufen: Drei Kartel für e Kann! Drei Viertel für e Pfoind! – so lange, bis ein Jesuiter geholt wurde, der diesen Geist bannte, in einen Sack steckte und in den Flußberg trug. Der zweite das war ein Müller drunten in den Sauerbrunns-Grumbach bei Liebenstein, der hat die Leute beim Mahlen betrogen und gemetzt, daß ihnen die Augen übergingen, und hat auch Grenzsteine verrückt. Nachher hat er auch wandern müssen und hat in der Mühle herumgepoltert und ist als feuriger Mann auf seinen Ackern und Wiesen herumgeschwebt, wo er die Grenzsteine verrückt hat. Da hat ihn auch ein Jesuiter bannen und hinter in das Flußloch tragen müssen. Nachher war noch einer in Schweina, der hat die Grenzsteine so geschickt verrückt, daß seine Acker alle Jahre größer geworden sind; darauf hat er gar arg gespukt, daß sich die Leute, wenn es kaum anfing dunkel zu werden, nicht mehr auf den Weg von Schweina nach Steinbach trauten, denn dort lagen seine Acker, und da wanderte er. Selbiger Mann ist ebenfalls durch einen Pöpelsträger hinauf in den Flußberg getragen worden. Und da sitzen nun die Drei, und zu ihrer Unterhaltung haben ihnen die Jesuiter ein eisernes Kartenspiel gegeben, und weil sie im Leben allzeit gern gekartet, karten sie nun auch fort und fort Solo und betrügen einander und werden uneins und wamsen sich eine Weile und machen einen Lärm und Spektakel wie das wütige Heer. Wer um Mitternacht am Flußloch vorübergeht, der kann sie drunten gellen, schreien und zanken hören, das geht durcheinander: Drei Kartel für e Kann! Drei Viertel für e Pfoind! Trumpf aus! Drei Metze für e Maß! Trumpf aus! – und so immer fort, und prügeln sich, daß der ganze Flußstein wackelt. *   748. Wer weiß, ob's wahr ist? Zwischen Liebenstein und Salzungen liegt ein Dörflein, das heißt Ettmarshausen, früher hat es Ottmarshausen geheißen, dort war ein Garten, der wurde ummauert, und als die Mauer samt der Eingangstür fertig war, so schrieb der Maurermeister in den einen Türpfeiler die Jahrzahl und seines Namens Anfangsbuchstaben also ein: A. D. 1548. M. A. L. C. F. Weil aber nicht derselbige Meister, sondern der Gesell die ganze Arbeit gemacht und vollbracht hatte, so grub der Geselle in den andern Pfeiler die Worte ein: Wer weiss ob's wahr ist? Darauf ist in der ganzen Gegend das Sprüchwort entstanden, wenn einer sich eines Dinges rühmt, das nicht er vollbracht hat, sondern ein anderer: Wer weiß, ob's wahr ist, stand an der Ettmarshäuser Gartentüre – oder man sagte ihm wohl auch ins Gesicht: Du – denk an die Ettmarshäuser Gartentüre. Und dieses Sprüchwort lebt noch, obschon Garten und Tür, Mauer und Schrift längst nicht mehr vorhanden. *   749. Die Salzunger Seen Dicht bei Salzungen liegt ein sehr schöner See, ihm ganz nahe war ein kleinerer, jetzt nur noch ein tiefer Tümpel, der hieß die Teufelskutte. In der Gegend liegen noch einige kleinere Seen; von allen gehen Nixensagen. Im großen See zu Salzungen hielt sich eine Wasserfrau auf, die kam häufig durch die Seespforte herein zu den Fleischbänken, die ganz nahe bei dieser Pforte standen, jetzt aber weggerissen sind, deren Gewandsaum war immer naß, und ihr Haar war grünlich. Einst kam sie, brachte ein Kind mit, ließ es zurück und kam niemals wieder. Wie das Kind beschaffen war und was aus ihm geworden, weiß niemand. Dicht am See steht eine alte Kemnate, der hünische (haunische) Hof genannt, dahinein kamen zwei Seejungfern zum Tanze, weilten zu lange, und als sie wieder in den See sich gestürzt, wurde er blutrot. Im Jahre 1670 ist es geschehen, daß einmal mitten im Winter der ganze See blutrot gefärbt erschien, und im Jahre 1755, am 1. November, zog das Wasser plötzlich strudelnd, wie in einen Trichter, in die Tiefe und kam dann wieder, donnergleich brausend, und überschwoll schäumend den Uferrand. Es war der Tag, da Lissabon durch ein Erdbeben verheert ward. In der Teufelskutte oder Grube hat sich nach alten Nachrichten der fliegende Drache oft eingelassen. Einem Kutscher, der über ihr dahinfuhr, als sie noch fast den ganzen Erdball ausfüllte, der jetzt die Grube heißt, wurden durch ein Gespenst die Rosse so geschreckt, daß sie mit Mann und Wagen sich in den Abgrund stürzten. Nicht weit von Salzungen, nach Wilprechtrode zu, liegt der Buchensee oder Büchensee; dort hat vorzeiten gar ein stattliches Schloß gestanden, darinnen war immer Saus und Braus, und da ging es wie bei dem Kloster bei Neuenkirchen im Odenwalde. Es kamen zwei müde hungrige Wanderer und baten flehentlich um Einlaß und um Trank und Speise und ein geringes Nachtlager. Es ward ihnen aber mitnichten aufgetan, und mit Hohn und übeln Scheltworten wurden sie zurückgewiesen. Da verwünschten sie das Schloß, und es versank auf der Stelle, und an seine Stelle trat der kleine unergründliche See, welcher der Buchensee heißt. Es waren aber, wie dort die eine gütige Nonne, hier drei Fräulein im Schlosse gewesen, die hätten gern die Armen eingelassen und hatten keinen Teil an der Härte und dem Hohn, womit jene abgewiesen wurden, gleichwohl versanken auch sie zusamt dem Schloß, aber es blieb ihnen vergönnt, alle Jahre einmal zur Wilprechtroder Kirmsezeit den Tanz zu besuchen, mußten aber jedesmal pünktlich vor zwölf Uhr des Nachts zurückeilen. Ein Jäger aus Wilprechtrode sah sie einst auf seinem Heimweg von der Schnepfenjagd in ihrem altmodischen Wagen fahren und erstaunte über ihre jugendliche Schönheit und das uralte Gefährts, meinte aber, die fremde Herrschaft wolle seine Herrschaft besuchen, und setzte sich, um schneller fortzukommen, hinten auf den Kutschentritt. Mit einem Male aber hörte er es rauschen, und Wasser spritzte über ihm zusammen: geschwinde sprang er herab und rettete sich mit Mühe. Der Wagen war in den Buchensee hineingefahren, und der Schnepfenjäger kam naß wie ein Pudel nach Hause. Nachher hat auch die drei Fräulein das Nixenlos ereilt, sie verspäteten sich einmal, wurden von ihren Tänzern zum Buchensee begleitet, und diese sahen, wie jene in den See sich stürzten und Blutstrahlen aus dem Wasser stiegen. Niemals kamen die Fräulein wieder zum Tanze. Etwas weiter ab von Salzungen, nach Frauensee zu, liegt der kleine Döngessee oder Hautsee mit einer schwimmenden Insel. Fast die gleiche Sage geht von ihm; zwei Nixenfräulein entstiegen ihm, erlustigten sich auf dem Tanzboden des nächsten Dorfes, Dönges, öfters, bis ein Bursche einer derselben ihre Handschuhe raubte und über dem ängstlichen Suchen danach die Mitternachtsstunde herbeikam, worauf erfolgte, was die Sage bei der Nixenverspätung stets erfolgen läßt. In den Döngessee ist auch einstens eine Wehmutter von einem Reiter mit Gewalt geführt worden, sah darin große Schätze und ward reich beschenkt entlassen und wieder an ihren Ort gebracht, mußte aber heilig schwören, niemandem davon ein Wort zu sagen. Als sie viele Jahre darauf erkrankte, konnte sie nicht sterben, bis sie dem Pfarrer ihren nächtlichen Ritt und Gang gebeichtet hatte. So liegt auch bei Wilhelmsthal ein See und fließt ein Flüßchen hindurch, die Elne, darin die Elnenymphe wohnt; ein junger Jäger sah sie, liebte sie, verlobte sich ihr, ward ihr aber treulos, und sie strafte ihn – er mußte ihr folgen, bis sie ihn hinunter in die Tiefe zog und ihn tot küßte, dann warf sie ihn wieder aus, in Unkenrode – wie schaurig klingt der Name dieses Dorfes – liegt er begraben. *   750. Das Spielhaus Zu Tiefenort steht ein steinern Haus, wie ein kleines Schlößchen. Vorzeiten besaß es ein Ritter, der über alle Maßen das Spiel liebte. Einst spielte dieser mit einem andern Ritter und verlor Geld und Gut. Zuletzt stand auch das Haus auf einem Kartenblatt, und der Gegner gewann das Haus durch ein Trumpfblatt, die Rot-Sechse. Erfreut nahm der die Karte in sein Wappen auf, legte sich den Beinamen Spielhaus zu und nutzte sein Eigentum. Doch kam es nachderhand in andere Hände, und es sind keine Nachrichten von des Gewinners Familie und Nachkommen zu Tiefenort vorhanden. Das Gut heißt aber immer noch das spiel-hausische, und am Gebäude ist das steinerne Wappen des glückhaften Gewinners zu sehen. Nicht minder hängt sein ritterlicher Schild in der Kirche und zeigt auf einem in die Länge geteilten Felde, dessen Tinkturen Schwarz und Silber, die Rot-Sechse. Auf dem Helm hält ein Arm dieselbe Karte empor. Wenn der Pfarrer predigt, kann er gerade auf die Karte sehen. *   751. Die steinerne Wiege Als die alte Burg Krainberg über Tiefenort durch die Herren von Frankenstein erbaut wurde, ward ein lebend Kindlein in eine steinerne Wiege gelegt und mit ihm vermauert, auf daß die Burg unüberwindlich sei. So ward die Wiege zum Sarge. Landleute haben in der Mittagsstunde bisweilen in den Ruinen ein Wimmern vernommen, das aus der Mauer zu kommen schien, auch wollen manche ein weißes Kind ganz allein im Schloßhof haben mit Blumen spielen sehen, das verschwunden, wenn man ihm genaht. Jetzt aber hört und sieht man nichts mehr, und das mag daher kommen, weil vor mehren Jahren die eine Mauer entzweigebrochen ward, um die Steine größtenteils zu Ökonomiegebäuden in Tiefenort zu verwenden, und dabei in einem steinernen Särglein das Gerippe eines Kindes wirklich gefunden wurde. *   752. Die Tulipane Auf dem beraseten Burghof des ringsum bewaldeten Krainbergs hütete einst ein Schäfer und fand an einer sichern Stelle eine schöne Tulipane. Das dünkte ihm wunderbar, solche Blume hier zu finden, pflückte sie ab und steckte sie auf seinen Hut. Das hatte er kaum getan, so stand ein bildschönes, aber sehr blasses Jungfräulein vor ihm da und winkte, mit ihm zu gehen; er bedachte sich auch nicht lange, sondern folgte, und die Gestalt führte ihn an das alte Schloß, wo eine Öffnung ins Gemäuer führte, die der Schäfer früher nicht gesehen hatte. Es ging tief hinab in eine geräumige Halle, da stand Goldes genug umher, und das Fräulein gebot ihm, sich davon so viel zu nehmen, als er wolle und tragen könne. Seine Taschen hatten aber alle Löcher, so daß wieder hindurchfiel, was er hineinsteckte; da nahm er seinen Hut und füllte den voll, darüber fiel die Blume herab, und es geschah, was stets erzählt wird, wo Ähnliches sich soll begeben haben, das Jungfräulein bat beweglich: Vergiß das Beste nicht – aber der Jäger achtete der Blume keinen Deut, da er des Goldes so viel hatte; als er jedoch wieder aus dem Kellergewölbe heraustrat, schlug eine eiserne Türe, die er erst gar nicht gesehen hatte, hinter ihm mit Heftigkeit zu, und alle sein Gold verschwand. Darüber ist er so heftig erschrocken, daß ihm eine große Schwachheit ankam, und nach drei Tagen ist er tot gewesen. Selten erwähnt die örtliche Sage, wo sie der Wunderblume gedenkt, einer Tulipane, fast immer ist es eine gelbe Schlüsselblume, eine blaue Glockenblume oder eine weiße, auch purpurrote Lilie. *   753. Der Farrensamenfinder Manche mühen sich um den Farrensamen, auch Fahrsamen geheißen, und suchen ihn zu erlangen durch böse Kunst und höllischen Beistand, wie der Jäger zu Benshausen, und andere, die ihn nicht suchen, finden ihn. Der Farrensame, zu rechter Zeit und Stunde gefunden und gesammelt, hat nicht nur die Eigenschaft, Glück zu bringen, unfehlbare Schüsse auf Wild und anderes, sondern er macht auch unsichtbar. Einem Manne zu Berka an der Werra ging es damit gar wunderlich. Sein Fohlen hatte sich im Walde verlaufen, und er suchte es und trat unversehens auf der Waldwiese auf reifendes Farnkraut, und es fiel ihm etwas von dem Samen in die Schuhe. Er lief lange im Walde herum, fand das Füllen nicht, kam erst früh am Morgen wieder nach Hause, ging in die Stube und setzte sich verdrießlich und müde hinter den Kachelofen auf den Lehnstuhl. Frau, Kinder und Gesinde gingen ab und zu, hantierten und plauderten, und keins sprach guten Morgen zu ihm, das nahm ihn wunder; endlich sprach er: Ich habe das Fohlen nicht gefunden! Alle erschraken, niemand wußte, woher plötzlich die Stimme kam; alle sahen einander an, ihn sah niemand. Jo Mann, wo steckst du denn? rief fragend die Frau. Da erhob sich der Mann, trat mitten in die Stube und sagte: Da bin ich ja, närrische Frau, ich stehe ja vor dir! Nun erschraken die Seinen noch mehr, denn sie hatten ihn aufstehen und gehen hören und sahen doch noch immer nichts von ihm. Da merkte der Mann, daß er unsichtbar geworden, wünschte aber nicht, solches zu bleiben, entsann sich, daß ihm etwas in die Schuhe gefallen war, das ihn drückte wie Sand, zog die Schuhe alsbald aus und klopfte sie aus, und da fiel der Wünschelsame heraus, aber niemand sah ihn, weil seine Findestunde vorüber war, der Finder aber stand wieder sichtbarlich vor allen da. *   754. Die Fleischer zu Gerstungen Zu Gerstungen hat sich eine seltsamliche Mär zugetragen, indem es den Fleischern allda fast genau so ging, und zwar mit dem Grafen von Brandenburg, wie den Metzgern der Stadt Osnabrück mit dem Grafen von Tecklenburg. Der Graf von Brandenburg hatte dasselbe Recht, den Fleischern ihre Taxe zu setzen, und der Fleischbote, welcher Limpert hieß, war, wie dort von der Tecklenburg herab ein Zwerg, so hier von der Brandenburg herab ein lahmer Krüppel, der seine Freude daran hatte, sich samt seinem Esel nicht zu eilen, bis endlich die Geduld der Fleischer zu Gerstungen zu Ende war und der Gildenmeister, ein zorniger Mann, den langsamen Krüppel eine unglaublich schnelle Reise machen ließ, nämlich die in die Ewigkeit, indem er ihn totschlug. Dann zerhackten ihn die Fleischer, luden die Stücke in des Esels Körbe und jagten diesen wieder zur Brandenburg hinauf. Das verdroß nun freilich den Grafen auf der Brandenburg, den bisherigen Schutz- und Schirmherrn der Gerstunger, gar sehr, und befehdete fortan die Stadt, daß sie keinen guten Tag mehr sah, so daß endlich flehentlich um Gnade gebeten ward. Und da machte der Graf von der Brandenburg, gerade wie der Tecklenburger, auch drei harte und schwere, schier unerschwingliche Auflagen. Er heischte einen Scheffel voll Silberheller, alle von einem und demselben Gepräge, auch drei himmelblaue Windhunde und drei mannshohe Eichenstecken ohne Knoten. Wenn binnen Jahresfrist diese Stücke nicht beigeschafft wären, so müsse die Stadt die ganze Metzgerzunft dem Grafen gebunden überliefern, und dann wolle er sehen, ob ihre Gliedmaßen härter wären als die seines zerhackten Fleischboten. Da war guter Rat teuer im Städtlein Gerstungen an der Werra, doch endlich ward er gefunden, ganz so wie die Osnabrücker ihn auch fanden; Agiotage für die Silberheller, wobei die Juden gute Geschäftcher machten, Glasröhren für die Eichenstecken und ein himmelblaues Zimmer mit Zubehör für die Paarung schneeweißer Windhunde. So gelang das schwere Kunststück, und so ward des Grafen Zorn gesühnt, nächstdem wurde der Fleischscharrn in ein Pflegehaus für arme Krüppel verwandelt, und auf den Platz, wo die Fleischer den Limpert zerhackt hatten, ward ein breiter Stein gelegt, der heißt noch heute der Limpertstein. – Die genaue Wiederholung dieser Sage aber mit allen Umständen und ganz geringen Verschiedenheiten an so weit voneinander entfernten Orten und Burgen ist sehr merkwürdig. Von der Brandenburg schmückt heutzutage nur noch die umfangreiche Trümmer das friedliche Werratal, und an Gerstungen zieht die thüringische Eisenbahn hin. *   755. Das Lindigsfrauchen Außer der Brandenburg, auf der noch eine wandelnde Jungfrau mit Knotten umgeht, soll bei Gerstungen noch eine Burg gelegen haben, das Lindigsschloß genannt. Darauf wohnte ein wunderschönes Fräulein, dessen Schönheit sprüchwörtlich wurde im ganzen Gau, das hatte aber gar seltsamlichen Verkehr mit den Geistern der Elemente, mit den Nixen des Talflusses und mit den Kobolden und Wichtlein im Reichelsdorfer Bergwerke; dieserhalb taten die Eltern ihre Tochter in ein Kloster unter dem Arnsbergs, welches der heilige Bonifazius angelegt haben sollte, aber aus diesem Kloster ließ sich das Fräulein durch einen jungen Ritter von der Brandenburg entführen, der sie zur Gemahlin nahm. Doch auch als solche konnte sie sich des Umganges mit den Nixen nicht ganz entschlagen; sie verlobte ihren einzigen Sohn einer Wasserfeine, und diese holte ihn frühzeitig in ihr nasses Reich, das heißt in der Alltagssprache: der junge Knabe ertrank in der Werra. Von einem dunkeln Sehnen ruhelos umhergetrieben, fand die junge Frau kein Glück; sie gehörte nur halb der Oberwelt an, und als ihr früh das letzte Stündlein schlug, schied sie ohne Beichte, dieweil sie nicht Lust und Neigung hatte, dem Pfaffen auf die Nase zu binden, welche wonne- und wundersamen Geheimnisse ihren tief verschlossenen Jungfrauen- und Frauenbusen bewegt und erfüllt hatten. Derohalb mußte sie auch ohne Absolution hinübergehen und kam nicht in den Himmel, sondern in das Mittelreich der umgehenden Geister, welches ihr vielleicht nicht unangenehm war. Da hat sie nun alle sieben Jahre zu erscheinen, und zwar einmal zwischen der Brandenburg und Gerstungen auf der Stätte der ehemaligen Lindigsburg und zum andernmal auf dem Wege von Gerstungen nach dem ehemaligen Kloster im Kolbacher Tale. Sie trägt einen Schlüsselbund und ein Matronenkleid und hat die unglückliche Neigung, sich den Leuten auf den Rücken zu setzen, auch soll sie, trotz ihres früheren Umganges mit ätherischen Wesen, gar nicht unbeträchtlich schwer sein. Wer aber sie geduldig hockelt bis an ihr Ziel, dem soll und wird sie mit ihrem Schlüsselbunde reich angefüllte Burg- oder Klostergewölbe erschließen, davon soll er die eine Hälfte für sich behalten, für die andere Hälfte soll er ein Kirchlein in Rom bauen. Ein solcher hat sich noch nicht, wohl aber haben einige vom Aufhocken des Lindigsfräuleins den Tod gefunden, wie der Ackermann Ohme, der Fleischer Rösing und andere Biedermänner, andere sind vor der bloßen Erscheinung schon so erschrocken, daß sie in schwere Krankheit gefallen. So wird das arme Lindigsfrauchen wohl fort und fort unerlöst und im Mittelreich bleiben, denn gesetzt, es bekäme einer wirklich den Schatz, so würde er doch denken, eine Kirche in Rom bauen, das hieße Wasser in die Werra tragen. *   756. Die Wichtlein im Werratale Im Werratale, in der Gegend, wo die Hörsel, die unterm Hörseelenberge still vorüberrinnt und an Eisenach hinfließt, in die Werra ausmündet, gab es ehedem viele Wichtelmänner, ja bis Gerstungen und über Berka hinauf waren sie verbreitet. Daselbst wohnten sie unter dem Pferdestalle im Schlosse, und es hielt kein Pferd in diesem Stalle aus, sondern sie hatten sich wie rasend, zerrissen die Ketten, zerschlugen und zerbissen alles, das machte, weil die Tiere eher als die Menschen Geister sehen, hören und wittern. So ging es auch einem Bauer zu Dankmarshausen über Berka, dem fiel ein Pferd nach dem andern, und war nahe daran, dadurch gänzlich zu verarmen. Eines Abends spät ging der Bauer über seine Hausflur und hörte unter einer umgestülpten Wanne ein Flüstern. Er lugte hin und sah bei einem matten Schimmer vier Wichtlein unter der Wanne, die kneteten Brot aus dem Teige, den sie aus einem Backtrog genommen hatten, der auf der Flur stand. Knete zu, knete zu! sprach eins der Wichtlein zum andern, und als sie den Bauer gewahrten, der sie nicht stören wollte, sprach ein Wichtelmann: Weißt du, warum deine Pferde sterben? Weil wir unter dem Stalle wohnen. Tue sie in einen andern Stall, und es soll dir keins fallen. Diesen Rat hörte der Bauer gern, befolgte ihn, und es fiel ihm kein Pferd mehr. Die Wichtlein machten ihn durch ihre tätige Hülfe reich, weil er sie nicht gescholten, daß sie von seinem Teige sich Brot kneteten. Unterhalb Spichra zieht sich am rechten Werraufer der Spatenberg hin, an dem öffnet sich ein Erdloch, das heißt noch heutzutage die Wichtelkutte, darinnen wohnten die Wichtlein in großer Anzahl und lange Zeit. Aber an einem schönen Morgen kamen zum Fährmann Beck zu Spichra zwei kleine Männlein, die verlangten, daß er sie überfahre, und gingen mit ihm zum Flusse und zur Fähre. Da sie nun auf letzterer waren und der Fährmann vom Strande stoßen wollte, baten sie ihn, noch einige Augenblicke zu warten, es komme noch jemand; das tat der Mann, er wartete, es kam aber niemand, gleichwohl senkte sich die Fähre tiefer und tiefer in das Wasser, wurde schwerer und schwerer, und da der Ferge endlich abstieß, deuchte ihm, er habe noch nie so schwere Last übergeschifft. Am rechten Ufer aber ward die Fähre zusehends leichter. Nun sage, Fährmann, welchen Lohn begehrst du für unsere Überfahrt? fragte das eine der Männlein. Willst du nach den Köpfen Geld oder einen Scheffel Würz (Salz)? Dieweil nun ein Scheffel Salz dem Fergen ein ungleich reicherer Lohn dünkte als das Fährgeld für zwei Personen, so heischte er diesen. – Nach Köpfen wärst du besser gefahren, Mann! Sieh mir einmal über die rechte Schulter! sprach das zweite Männlein, und wie der Ferge das tat, so sah er ein zahlloses kleines Volk, das aus dem Schiffe gestiegen war und noch immer herauswimmelte, indem so stiegen auch die beiden ersten aus, und alles verschwand vor des Fährmanns Blick, ein vollgehäufter Scheffel reinsten Salzes aber stand auf der Fähre, und dieses Salz nahm im Scheffel nie ein Ende. In den Bergklüften um Spichra finden sich auch kleine, runde, platte Steinchen, die sind gerändert, wie die nummi serrati der Alten, und heißen im Volke Wichtelpfennige. Die Wichtlein aber sind fortgezogen, niemand weiß wohin. *   757. Frau-Hollenbad und -teich Im Hessenlande liegt ein hoher Berg mit langem breiten Rücken, von dem der Sagen viele umgehen, der heißt der Meißner. Dieser Bergstock ist dem Schneekopf des Thüringerwaldes, dem schlesischen Zobten, der hohen Rhön und andern gar nah verwandt. Wie unterm Schneekopf das Mordfleck, so auf dem Meißner ein Schlachtrasen, wie dort die Teufelskreise, so hier die Teufelslöcher, und auch Frau Holle hat auf dem Meißner ihr Bad und ihren Teich. Alte Leute haben erzählt, daß sie zum öftern in der Mittagsstunde badend darinnen gesehen worden und dann verschwunden sei. Oft haben sie und ihr gespenstiger Anhang Reisende und Jäger oben die Kreuz und Quer in der Irre herumgeführt, aber Weibern, die sich vertrauensvoll in ihr Bad begeben, hat letzteres gute Wirkung getan, trotz Sankt Remaclus Fuß zu Spa oder Bocklet. Frau Holle hat da droben einen Kindleinsbrunnen; sie bringt die Kinder den Frauen in das Haus; nimmt aber auch welche mit. Sie hat auch einen ebenso schönen blumen- und früchtereichen Garten wie die Jungfer im Wallfahrtgarten und ist Spinnefrau, überwacht Flachs und Linnen. Fleißige Spinnerinnen belohnt, faüle bestraft sie; sie erscheint bald als spinnegraues Mütterlein in einem hohlen Baumstrunk sitzend, bald als schöne weiße Frau an oder auf ihrem Teiche; häufig gewahrt man sie nicht, obschon sie meist auf dem Meißner wohnt, wenn sie nicht gerade im Hörseelenberg zu tun hat und mit dem wütenden Heere ziehen muß – aber zum öftern hört man in der Tiefe ihres Teiches ein Glockengeläut und finsteres Rauschen, letzteres geradeso, wie man es vernimmt, wenn man droben am Hörseelenbergloche steht. Wer ein tiefsinnigschönes Abbild der Frau Hulda schauen will, wie die Alten sie dachten, der blicke den Holzschnitt an überm zehnten Gespräch oder Kapitel von Petrarchä Glücksbuch, da steht sie im tiefen kräuterreichen, vom Feuerstrahl des Himmels durchflammten Walde, haltend den mächtig hohen Rocken, der mit vollen Spindeln für die Fleißigen umsteckt ist, über sich den Mond und zwölf Sterne in Kreisen, welche die zwölf Nächte ihres Ziehens andeuten. Sie selbst ist alt und gebeugt und runzelvoll, und ihr langes Lockenhaar fliegt um ihr Haupt im Winde. Wenn sie nun zieht und findet, daß die Mägde neue Spinnrocken angelegt haben, so sagt sie: So manches Haar, So manches gute Jahr. – Trifft sie aber nach Neujahr noch Flachs vom vorhergehenden Jahre auf den Rocken, dann spricht sie: So manches Haar, So manches böse Jahr – und nimmt den Faulen die Decke und legt sie splitternackt in den Schnee oder auf kalte Steine, zerzaust ihnen ihr Gespinst und ist sehr ungnädig. *   758. Der Liebenbach Nicht gar weit vom Meißnerberge liegt die Stadt Spangenberg, die hat ihren Namen von einem Berg, auf welchem eine Menge kleiner runder Steine gefunden werden, die alle von Natur ein Zeichen wie eine Spange auf sich haben. Ihr Trinkwasser erhält sie von einem Berge gegenüber. Einst wohnten, bevor die Stadt dieses trefflichen Wassers sich erfreute, zwei Liebende zu Spangenberg, deren gehoffter Verbindung die Eltern beiderseits streng entgegen waren. Da sie aber gar nicht voneinander ließen, so gab man ihnen auf, sie sollten ganz allein jene gute Quelle nach der Stadt leiten, dann sollte ihre Hochzeit sein. Sie begannen nun, die Liebenden, die schwere Arbeit, sie gruben den Bach, sie müheten sich lange Zeit, sie wurden alt darüber, aber sie liebten sich treulich fort und fort, und endlich gelang das große und schwere Werk, da war es vollbracht, und sie hatten nicht weniger als vierzig Jahre gegraben, und da war ein Glückwünschen um sie her, und wurden mit Kränzen geschmückt, mit Hochzeitkränzen; und da blickten sie einander an, und weinten, und sanken einander in die Arme, und sanken tot zur Erde nieder. Darum heißt jener Bach, den sie mit treuen Händen gegraben, der Liebenbach. *   759. Otto der Schütz Als die mutige Thüringerin Sophia ihrem Kinde von Brabant trotz Heinrichs des Erlauchten Widerstreben ein schönes Erbland mit ihres Anhanges Hülfe erstritten hatte und das Haus Hessen fest begründet war, hatte Heinrich, zubenamt der Eiserne, Landgraf von Hessen, der ein Enkel war Heinrichs I., des Kindes von Brabant, zwei Söhne und drei Töchter: Heinrich, Otto, Adelheid, Elisabeth, Judith. Der Vater erwog weislich, daß nichts mehr ein Land schädigt als Zersplitterung unter viele Erben, bestimmte daher seinem Erstgebornen das Land, und Otto sollte Mönch werden. Derselbe hatte aber dazu keine Neigung, nahm sein Gewaffen und seinen Harnisch, einen Knappen und zwei gute Rosse, entritt seines Vaters Hofe heimlich, kam als Bogenschütze zum Herzog Adolf von Cleve und bot ihm seine Dienste an, die er auch gern erhielt, denn er war ein trefflicher Schütz. Da geschahe es, daß unterweilen Ottos Schwestern sich alle drei verheirateten, Adelheid an König Kasimir III. von Polen, Elisabeth an den Herzog Otto zu Sachsen-Lauenburg, Judith an Otto den reichen oder freigebigen Herzog zu Braunschweig, und daß sein Bruder Heinrich starb. Da hoffte nun niemand mehr darauf, das Hessenland zu schlucken und zu erben, als der Braunschweiger, dieweil der alte Landgraf, nachdem sein zweiter Sohn spurlos verschollen war, keinen Erben mehr hatte. Es war aber der Braunschweiger nicht geliebt von den Hessen, und der alte Landgraf hatte auch noch nicht Lust, diesem Eidam die Freude seines Sterbens zu machen, und lebte dem alten wahren Sprüchwort getreu: Hofftod stirbt nicht. Indessen liebte Otto der Schütz die Tochter seines Herrn, Prinzessin Elisabeth, und wurde von ihr wiedergeliebt, hatten es gar heimlich miteinander und mußten es auch, denn sie selbst wußte nicht einmal etwas von seiner hohen Abkunft, bis ein fahrender Ritter aus Hessenland, Heinrich von Homberg, einmal unversehens am Hofe zu Cleve einsprach und seinen angeborenen jungen Herrn unter der Dienerschaft des Herzogs erblickte. Gleich erkannte er ihn und erwies ihm große Ehrerbietung, und so ward sein Geheimnis entdeckt, und durfte nun auch seine Liebe nicht länger verheimlichen. Da willigte der Herzog mit Freuden in die Verbindung, und der alte Landgraf pries Gott, daß er ihm den Sohn wiederschenkte, und der Herzog von Braunschweig erbte diesmal nichts und später auch nichts, denn obschon auch Otto der Schütz noch vor dem Vater heimging und Erben mangelten, so fiel doch das Land nun an des Vaters Bruderssohn, Hermann, den Gelehrten, von dem alle Landgrafen zu Hessen und auch der große hochberühmte Philipp der Hochherzige abstammen. *   760. Der böse Wunsch Einstmals reiste Landgraf Philipp, wie er gern tat, ohne sonderliches Gefolge durch sein Land, trug dabei auch schlechte Kleider und offenbarte seinen Stand keinem, der ihn nicht kannte. Da begegnete er einer Bauersfrau, die trug ein Gebund Garn, und er fragte sie, wohin sie denn wolle. Da fing das Weib an, jämmerlich zu klagen und zu lamenten; sie wolle und müsse das Garn verkaufen, obschon sie es selber an zehn Enden entraten müsse, um nur die hohe Schatzung und Steuer zu entrichten, die der Landgraf habe ausschreiben lassen, und es sei eine schlimme Zeit und ein schmählicher Druck. Darauf fragte Philippus das Weib, wie hoch denn die Steuer sich belaufe, die sie zu entrichten habe, und sie antwortete: Einen Ortsgulden. – Da griff der Landgraf in seinen Säckel und gab ihr einen ganzen Ortstaler; darüber ward das arme Weiblein vor Freude rot wie ein Brand, sie sah aber nicht, daß auf dem Taler Philippi Bildnis geprägt stand im vollen Stahlharnisch und auf der Rückseite sein Helm mit der Zier und der schöne Spruch: Was Gott beschert, bleibt ungewehrt – und rief: Lohn's Gott! lohn's Gott, edler Junker! Daß doch dieses Euer Geld dem Landgrafen, in dessen Schatz ich's liefern muß, auf der Seele brenne wie das höllische Feuer. – Da wandte sich der Landgraf lachend um und sprach zu seinen Begleitern: Hörtet ihr's wohl? Das ist ein wunderlicher Handel, wann einer wie alleweile ich für sein eigenes Geld sich solchen bösen Wunsch einkauft! – Nun – was Gott beschert, bleibt ungewehrt! – *   761. Nidda Zu des Kaiser Friedrich des Rotbart Gezeiten war im Hessenlande ein Raubgraf, der tat in der Gegend vielen Schaden; er hieß Berthold und saß auf einer Bergfeste, die hieß die Altenburg. Da er nun beim Kaiser verklagt ward, so wurde er in seiner Feste belagert und hart bedrängt. Endlich erbot sich die Gräfin, des Räubers Gemahl, zur Übergabe, begehrte aber freien Abzug mit so viel von ihren besten Sachen, als ihr Esel und sie selbst würden tragen können; das ward ihr zugesagt unter dem Beding, daß nicht etwa der Graf auf dem Esel reite, als welcher zu den Besten nicht gehöre. Die Gräfin sagte das zu, daß ihr Gemahl Berthold nicht auf dem Esel sitzen sollte, setzte aber ihre drei Söhnlein auf des Esels Rücken und nahm ihren Gemahl auf ihren eignen, und so zogen sie ab, hatten wohl auch noch einiges vom besten in ihren Taschen. Weit kamen sie nicht von der Altenburg, die nun von des Kaisers Söldnern zerstört wurde, und es gelobte die Gräfin, nachdem sie ihren Gemahl absitzen lassen, sich da anzubauen, allwo der Esel stehenbleibe. Und da blieb der Esel bald darauf nicht nur stehen, sondern sogar stecken, und die Gräfin regte ihn zum Fortgehen an und rief: Nit da, nit da! – aber der Esel stand so steif wie jene Eselin Bileams, welche redete, und sie mußten allda bleiben und bei einem Feuer die Nacht zubringen. Darauf haben sie sich dort angebaut und ein Schloß begründet, welches den Namen Nidda empfing, oder gar drei Schlösser, für jedes der Söhnlein eines. In den Kellern der zerstörten Altenburg ruhen noch große Schätze, und es sind dort viele Hufeisen gefunden worden, welche Graf Berthold, wenn er auf Raub ausritt, den Pferden verkehrt aufschlagen ließ. In dieser Sage erscheint am frühesten die liebevolle Rettung des Mannes durch das listreiche, aber auch starke und treue deutsche Weib, die sich dann später einfach bei der Rettung des Ritters von Staupitz und vielfach bei den Weibern von Weinsberg wiederholte. *   762. Der Graf von Ziegenhain Die hessische Stadt Ziegenhain hatte vorzeiten eigne Grafen, welche jedoch ausgestorben sind. Sie stammten von Ludwig dem Eisernen, Landgrafen zu Thüringen, ab. Der letzte dieser Grafen hieß Johann, zubenamt der Starke. Und in Wahrheit war er ein starker Hans, und der edle Jochem von Schapelow, der vier Eimer Weines auf einmal aus des Brandenburger Kurfürsten Keller trug, wäre vielleicht gegen diesen Ziegenhainer nicht aufgekommen. Eines schönen Tages geruhte Graf Hans von Ziegenhain zu Frankenberg, auch einem oberhessischen Städtlein, mit seiner Frau Mutter spazierenzugehen, und kamen durch eine etwas enge Gasse, mitten in selbiger stand ein Fuder Wein auf einem Wagen, das versperrte die Gasse so auf beiden Seiten, daß man ohne sich an Wand oder Wagen zu beschmutzen nicht wohl vorbei konnte, und zogen die Frau Gräfin darüber schon ein schiefes Maul. Da griff Graf Hans herzhaft an und hob und schob mit einem Ruck vorn und einem Ruck hinten das ganze Fuder samt dem Wagen zur Seite, daß die Wände der Häuser krachten und die Leute darin dachten, es wäre ein Erdbeben. Das war der gnädigen Frau Mutter wieder nicht recht, und hub an zu schelten: Ist das nun not und nötig, seine Leibeskraft so übermäßig anzustrengen und selbige also liederlich zu vergeuden? – Darauf sagte Graf Hans von Ziegenhain bescheidentlich: Die Frau Mutter ereifere sich doch ja nicht und sei nicht ungnädig! Ich habe es gut gemeint, indem derselben habe Platz machen wollen zum Vorbeigehen. Da ich es nun damit nicht getroffen, so will ich meinen Fehler gleich wiedergutmachen! – sprach's und rückete alsbald, ohne erst Antwort abzuwarten, mit zwei Rucken das Fuder samt dem Wagen wieder so, wie es zuvor gestanden, und mußte nun die gestrenge Frau Landgräfin umwenden und sich eine andere Gasse zum Durchspazieren suchen. *   763. Das Fräulein von Boineburg Viele Sagen gehen im Volksmunde von der Boineburg in Hessen und ihren Bewohnerinnen. Es waren der Schwestern drei, und da träumte der jüngsten, daß es in Gottes Rat beschlossen, eine von ihnen werde vom Wetter erschlagen werden. Als sie nun morgens ihren Schwestern diesen Traum erzählt hatte und mittags ein schweres Gewitter aufstieg, so sprach die älteste: Mir ist sicher der Tod bestimmt, ließ sich einen Stuhl hinaustragen und saß harrend im Wetter – aber sie blieb unversehrt. Am zweiten Tage, da wieder ein Gewitter drohend aufzog, tat die zweite Schwester das gleiche, allein ihr widerfuhr wie der ältesten. Nun sprach die dritte: Ich bin es, die Gott rufen wird! und machte sich in gleicher Weise bereit, beichtete und stiftete zu ihrem Gedächtnis eine Spende, setzte sich auf den Stuhl, und alsbald fuhr ein Blitz herab und tötete sie. Andere erzählen ganz anders. Eine tausendjährige Eiche stand im Hofe der Boineburg. Unter ihr lag an einem heißen Sommertage die einzige Tochter des Ritters und war eingeschlummert. Ein rasches Wetter zog heran, und vom Donner und strömenden Regen erwacht das Fräulein, fährt auf und eilt nach dem Hause. Indem so fährt ein Wetterstrahl in die Eiche und wirft auch das Fräulein leblos zu Boden. Aber es gelingt, die bloß Ohnmächtige wieder in das Leben zurückzurufen, und der erfreute Vater stiftet dankbar eine Armenspende. An jedem Gründonnerstage mußte der Kaplan vor dem zerspaltenen Baum eine Gedächtnisrede halten, und Korn und Fleisch ward an die Armen von vierundzwanzig Dörfern ausgeteilt. Das Fräulein nahm den Nonnenschleier. Die Spende besteht noch immer, obschon die Burg längst in Trümmern liegt; die Rede hält der Pfarrer zu Datterode. Einst lag am Gründonnerstag noch hoher Schnee, und der vierspännige Wagen mit den Liebesgaben konnte den steilen Burgweg nicht hinan; der Wagenführer wollte daher umlenken. Da erschien aber plötzlich auf dem Wagen eine weiße Jungfrau mit schönem, aber ernstem und drohendem Antlitz und bedeutete dem Fuhrmann, hinaufzufahren. Der wendete erschrocken sich wieder zum Weg, und siehe, mit Leichtigkeit zogen die Rosse jetzt den schweren Wagen, und droben verschwand die Jungfrau lächelnden Blickes. Alles Volk, das den Wagen umwimmelte, hatte sie gesehen. Als das Hessenland in ein Königreich Westfalen umgewandelt war, wollte die französische Behörde nichts von dieser altherkömmlichen Spende wissen, sondern sie mit andern Einkünften unter dem üblichen lügenhaften Vorwand der Ersparnis selbst schlucken – ein nicht bloß bei Franzosen geübter schlechter Finanzkniff –, und wirklich unterblieb im Jahre 1808 Spende und Rede. Aber da ist dem Könige von Westfalen ein schreckliches Gesicht erschienen, und seine Finanzer haben die Spende wieder herausrücken und das Vermächtnis auf Schloß Boineburg erfüllen müssen. Noch ruhen im Bergesschoße der Boineburg viele Schätze, und die Jungfrau hütet dieselben; auch sie breitet ein weißes Tuch mit Knotten aus und macht einzelne glücklich. Es soll im Dreißigjährigen Kriege aus Eschwege, Sandra und andern Nachbarstädten viel Geld und Gut hinauf auf die Burg geflüchtet worden sein. Die Jungfrau der Boineburg erscheint auch als weiße Reiterin. Sie reitet auf des Berges Hochebene hin bis zu einer Stelle, wo eine weiße Lilie mit purpurnem Kelche blüht, die sie dann bricht, und eilend zurückreitet. Begegnet ihr einer, der reinen Herzens und Wandels ist, und ruft sie an: Gib mir die Blume! – der kann großes Glück erlangen, noch aber soll das keinem widerfahren sein, weil die Menschen nicht mehr reinen Herzens und Wandels sind. *   764. Das graue Männchen In der Mitte des vorigen Jahrhunderts sind einmal unterschiedliche boineburgische Jäger an einem nassen Herbsttage auf dem Burgberge zusammengekommen und haben Schutz vor dem Regen in der Trümmer des alten Schlosses gesucht. Da fanden sie ein altes kleines graues Männlein mit schneeweißem Haar sinnend auf Moos und Steinen sitzen. Sie redeten es an, fragten es dies und das, allein das Männlein gab ihnen keine Antwort. Darüber wurden die Jäger böse und gaben dem Männlein einige Schläge, aber es verzog darob keine Miene, weder zum Lächeln, noch zum Schmerz, es blieb sein Antlitz still und kalt und sein Mund geschlossen. Da banden sie das Männlein mit Hundeleinen und führten es also gefesselt herab zu ihrem Herrn nach Reichensachsen, da sollte es, meinten sie, schon Rede und Antwort geben, allein es tat dies ebensowenig als droben. Es nickte nicht und schüttelte nicht, es öffnete nicht den Mund, es deutete auch keinen Wunsch an, rührte auch nicht an Trank und Speise, achtete keiner Freundlichkeit und keines Zürnens. Nun dachten die Herren, die Zeit werde es schon mürbe machen, sperrten es in ein wohlverwahrtes Gemach, ließen dieses zum Überfluß von außen bewachen, aber am andern Morgen – andere sagen, nach drei Tagen – da war das Männlein verschwunden, hatte aber zum Andenken ein Vergißmeinnicht auf den Tisch gesetzt, das jenem Veilchen täuschend ähnlich sah, welches ein gewisser Hofnarr zu Meißen unter den Hut des Hofmeisters legte, der über das erste gefundene Veilchen gedeckt war; als welche sonderbare Historie im Treppenhause des Meißner Schlosses in Stein gehauen zu erblicken ist. *   765. Der letzte Trauerritter Vor alters und bis in die jüngere Zeit war es Brauch im Hessenlande und auch anderswo, daß, wenn ein Fürst und Landesherr gestorben war, ein vom Kopf zum Fuß Geharnischter in schwarzer Rüstung auf schwarzgepanzertem Roß dem Sarg zu allernächst beim Leichenzuge folgen mußte; solchen Ritter nannte man den Trauerritter, und es ging die Sage, daß der, den solches Nachreiten träfe, noch selben Jahres dem Fürsten nachfolge in das Schattenreich, wie er ihm lebend nachgefolgt hinab in die dunkle Gruft. Da nun Kurfürst Wilhelm I. zu Hessen 1821 verstorben war, wurde ein junger Herr von Eschwege dazu bestimmt, als Trauerritter den Sarg zu geleiten. Herr Ludwig von Eschwege, ein vollkräftiger, stattlicher, blühend schöner Mann, der in den Jahren 1811 bis 1813 in Dreißigacker Forstwissenschaft studiert hatte und seinen Hieber wacker führte, eignete sich vollkommen zu dieser Rolle – aber die Seinen drückte die Sage, sie warnten, sie rieten ab – doch der ritterliche junge Mann konnte und wollte sich nicht dem letzten Ehrendienst entziehen, den er seinem Fürsten und Herrn erweisen sollte. Er folgte im vollen Harnisch zu Roß dem Leichenwagen, er folgte dem Sarge nach in die kühle Gruft. Aber auch an ihm bewährte die Sage ihr Recht – nach wenigen Tagen war Herr Ludwig von Eschwege eine Leiche. Da stellte der Nachfolger des verstorbenen Kurfürsten den alten Hofbrauch ab, und seitdem folgt kein Ritter im schwarzen Harnisch mehr dem Sarge des Landesherrn. *   766. Des Frankenlandes Apostel Als der berühmte Bischof Remigius nach einem Siege des großen Westfrankenherrschers Chlodio dessen Schwester Albofledis und mit ihr dreitausend Franken dem Christentume gewonnen und getauft hatte und zu ihnen die Worte gesprochen: Betet an, was ihr zuvor verbrannt habt, und verbrennt, was ihr zuvor angebetet habt – da drangen auch nach dem Ostfrankenreiche die Strahlen des neuen Glaubens. Zu jenen Zeiten wurde mehr und mehr in Schottland, Irland und England ein rühmlicher Eifer rege, die Heiden zum Christentum zu bekehren, und es wurden aus der Geistlichkeit der dortigen Klöster fromme und gottbegeisterte Männer gewählt, die unter dem Namen Regionarii als Missionare den Christenglauben zu den Heiden aller Lande zu tragen bemüht waren. So fuhr denn auch ein als Regionär geweihter Bischof namens Killena (Kilian) mit noch eilf andern Gefährten im Jahr 685 auf das Festland herüber, um den deutschen Heiden das Evangelium zu predigen, zu welchem Amte sie in Rom Auftrag und Bestätigung einholten. Nachdem die Bekehrer sich in verschiedene Regionen verteilt, blieben bei Kilian der Priester Kolonat und der Diakon Totnan und pilgerten in das Frankenland, wo Kilians frommer Wandel nicht minder wie seine feurige Beredsamkeit ihm bald Jünger und Anhänger zuführte. Damals herrschte über Franken im Namen des fernen Frankenkönigs Herzog Gozbert, ein Sohn Hetans, welcher beschloß, den Apostel an seinen Hof zu berufen und dessen Lehre zu vernehmen. Herzog Gozbert hatte seine Residenz auf dem Berge über Würzburg, wo der Sage nach ein römischer Dianentempel stand. Kilian und seine Gefährten aber hatten ihren Wohnsitz in dem rauhen Rhöngebirge aufgeschlagen und dort auf dem höchsten Berge das Zeichen der neuen Lehre und des neuen Bundes, das heilige Kreuz, errichtet. Davon zeugen noch im Frankenlande die vielen, allerwärts vorkommenden Kiliansberge und Kilianskuppen, sowie vornehmlich der Hochgipfel der Rhön, der heilige Kreuzberg. Doch vergingen Jahrhunderte, bevor dieser Berg seinen jetzigen Namen empfing. Aschberg nannte ihn das Volk, und nicht unmöglich wäre es, daß er als Asenberg in der Heidenzeit der germanischen Frühe schon den Umwohnern zu ihrem einfachen Naturtempeldienst, gleich andern Hochwarten deutscher Gebirge, heilig gewesen. Als das Jahr, in welchem St. Kilian mit seinen Genossen in diesen Gegenden erschien, wird 668 angegeben. Sie fanden am Fuße des Berges friedliche Ansiedler, welche die Fremden, die kamen, um das zu bekehrende Land zu überschauen und kennenzulernen, gastlich aufnahmen und mit offenen Gemütern den Verkündigungen lauschten, welche die heiligen Männer ihnen brachten. Bald strömten Hörer ihrer Lehre aus den Nachbargauen herbei, und das Christentum begann Wurzel zu schlagen. Und als die Gottesmänner in Würzburg den Märtyrertod erlitten hatten, als das Heidentum den jungen Baum der Christuslehre dort wieder mächtig überwucherte, soll in den Wäldern und Hainen um den Kreuzberg sich die neue Christengemeinde heimlich zusammengefunden und dem Heiland unter einem Kreuze da gedient haben, wo jetzt die Wallfahrtkirche steht. Noch wird der Kilianshof am Fuße des Kreuzberges als die Stätte genannt, die dem Heiligen ein schirmendes Obdach verlieh; noch zeigt man den Kilianskopf, darauf er gepredigt, und den Heilbronn, daraus er die Heiden getauft haben soll. Nahe am Kreuzberge liegt, von drei Seiten von hohen Bergen umschlossen, das uralte Städtchen Bischofsheim. Als der heilige Kilian mit seinen Gefährten das Christentum in diese rauhen Gefilde brachte, fand er der Sage nach zuerst hier sichern Aufenthalt und friedliches Obdach. Darum wurde das Haus jener Ansiedler, die den hohen Fremdling beherbergten, das Bischofshaus genannt, und als die Zahl der Häuser zu einem Orte anwuchs, empfing dieser den Namen Bischofsheim. Auch in späterer Zeit genoß Bischofsheim rühmlicher Auszeichnung dadurch, daß Lioba, die fromme Schwester des heiligen Bonifazius, sich von ihrem Aufenthaltsort Kissingen dorthin begab und eine Zeitlang dort wohnte. Vom Altertum des Städtchens, das schon im Jahre 1270 ummauert war, zeugt noch ein Turm im byzantinischen Baustil am königlichen Rentamt, der wohl früher als Kirchturm und Warte zugleich diente. *   767. Die Moorjungfrauen Auf dem Rücken der hohen Rhön, da wo jetzt das rote und das schwarze Moor ihre weiten und grundlosen Sumpfstrecken breiten, standen vor alten Zeiten zwei Dörfer; das auf dem roten Moor hieß Poppenrode und versank infolge lasterhaften Lebens seiner Bewohner oder eines über diese ausgesprochenen Fluches. Das auf dem schwarzen Moor hieß Moor, ging auf ähnliche Weise unter, und nichts ist mehr davon übrig als eine Art basaltischen Pflasters, das die Rhönbewohner unter dem Namen der steinernen Brücke kennen, und die altermorsche Moorlinde, die man als die Dorflinde des versunkenen Dorfes betrachtet. Früher häufiger als jetzt zeigten sich auf beiden Mooren die Moorjungfrauen des Nachts in Gestalt glänzender Lichterscheinungen; sie schweben und flattern über die Stätte ihres ehemaligen Wohnplatzes. Oft kamen auch ihrer zwei oder drei nach Wüstensachsen und mischten sich unter die Kirchweihtänze, sangen auch wohl gar lieblich, blieben aber nie über die zwölfte Stunde, sondern wenn die Zeit ihres Bleibens herum war, so kam jedesmal eine weiße Taube geflogen, der sie folgten; sie wandelten singend zum nächsten Berg hinein und entschwanden so den Augen der Nachblickenden oder neugierig Nachfolgenden. Auch ist das rote Moor der Gegend ein Wetterprophet. Wenn in der Frühe ein kleiner Dunst darüberschwebt, so gibt es keinen schönen Tag; ist der Dunst stärker, so wird schlechtes Wetter, raucht gar das Moor, so kommen Regen, Schloßen und Gewitter; tobt es aber und werfen die schlammigen Moorwässer Wellen, dann sind Stürme, Orkane und sogar Erdbeben zu fürchten. Aus dem versunkenen Dorfe Poppenrode, so geht auch noch die Sage, waren nur zwei tugendhafte Mädchen übriggeblieben, die vom Strafgerichte Gottes verschont wurden. Einst aber gingen auch sie zum Tanze und sanken in den Arm sündiger Weltlust, da kamen sie plötzlich hinweg. Eifrig suchten nach den Schönen ihre erkornen Jünglinge, aber lange vergebens, bis ihnen ein lichtgrauer Mann erschien, der sprach: Euer Suchen ist all vergebens; nehmt aber eine Rute, schlagt mit ihr auf das rote Moor und besehet sie dann. Dieses taten die Jünglinge, und siehe, von der Rute floß Blut ab, zum Wahrzeichen, daß sie die schönen Tänzerinnen nie wiedersehen würden. *   768. Sankt Gangolf und die Milseburg Die Milseburg ist ein mächtiger Klingsteinberg der Rhön, den man in weiter Ferne mit seiner eigentümlichen Form über seine Nachbarberge emporragen sieht. Diese Form gleicht einem der hochgetürmten Heuwagen, welche im Juni so zahlreich von den grasreichen Flächen des Hochgebirges in die näheren und ferneren Talorte fahren, und heißt deshalb das Heufuder. Er gleicht aber auch einem Sarge und wird darum vom Volk die Totenlade genannt. Gleich andern Hochgipfeln dient der Berg den Umwohnern als Wetterprophet, und diese sagen stets richtig Regenwetter voraus, wenn die Milseburg raucht oder, nach dem Ausdruck des gemeinen Mannes, Klöße kocht. Viele Heilkräuter und sonstige seltene Pflanzen wachsen auf diesem Berge, und viele Sagen gehen von ihm im Munde des Volkes um. Daß aber der Berg eigentlich Melusinenberg heiße, wie einige geschrieben haben, ist ein ersonnen Märlein und ein Diftlerlug; das Rhöngebirg kennt keine Melusine, und Melusine war eine Wasserfeine, keine Bergidise oder Waldividie. Da der heilige Gangolfus diesen Berg zum Lieblingsaufenthalt erwählt haben soll, so heißt er aüch der Gangolfsberg, und es wurde die auf seiner Höhe stehende kleine Wallfahrtkapelle, welche im Jahre 1493 erbaut sein soll, diesem Heiligen geweiht. Vor langen Zeiten stand auf der Höhe des Berges eine Ritterburg, bewohnt von wilden Raubgesellen, die auf dem von der Natur durch fast unersteigliche Klippen geschirmten Felsenhorst lange ungestraft ihre Untaten zum Schrecken der ganzen Gegend verübten. Wer diese Burg erbaute, und wann sie zuerst erbaut wurde, weiß niemand zu sagen. Der heilige Gangolf brachte auch einen gar schönen, frischen und heilkräftigen Quellbrunnen auf die Milseburg, und es trug sich damit gerade so wunderbarlich zu wie mit dem Grafen Gangolf in Languedoc, so daß die Sage jenes Landes hier am hohen felsreichen Rhöngebirge ein treu erwiderndes Echo gefunden hat. Auf der Milseburg befindet sich auch des heiligen Gangolfs Keller, aber an welcher Stelle, weiß niemand zu sagen. Er ist voll großer Schätze, aber verwunschen und verschlossen. Keiner weiß ihn zu finden. Einst war eine alte Frau so glücklich, mittelst einer Schlüsselblume, die sie zufällig pflückte, diesen Keller zu entdecken. Sie sah ihn plötzlich offenstehen, doch ging sie nicht hinein, denn es kam ihr ein Grauen an, und sie ging von dannen, andern anzusagen, was ihr begegnet war, und was sie gesehen hatte. Alle, welche die Mär hörten, verwunderten sich, und viele folgten der Alten an den Ort, aber da war der Keller wieder verschwunden, und nimmermehr fand die Alte jene Stelle wieder. Aber nicht allein auf der Milseburg hat Sankt Gangolf seine geweihten Stätten, zwischen Hildenburg und Oberelsbach liegt der Gangolfsberg mit den Trümmern des Gangolfsklosters unter einer natürlichen Felsengrotte, welche auch der Gangolssbergkeller heißt. Auch dieses Kloster wurde im Bauernkriege zerstört. Nicht weit davon ist die Teufelskirche oder das steinerne Haus, über dem Dörfchen Ginolfs bei Weißbach gelegen. Es stellt sich hier eine Basaltzertrümmerung in höchst malerisch übereinander aufgehäuften Säulen in großer Regelmäßigkeit des fünf- und sechskantigen Gesteins dar, das bis zu vierzig Fuß hoch aufgestapelt ist. Davon meldet die Sage des Volks: Einst wollte man drunten im Tale eine Kirche erbauen und fuhr fleißig Steine zu dem Bauplatz hin. Darüber erzürnte sich der Teufel mächtiglich und trug jede Nacht ebenso viele Steine vom Platz hinweg und auf diese Berghöhe, wo er sie also neben- und ineinanderschichtete, daß man keinen davon hinwegnehmen konnte, und kein Mensch vermochte die Steine wieder herunterzuschaffen. Man spricht insgemein, daß da, wo der Teufel seinen Stein hinlege,es vergeblich sei, diesen hinwegzunehmen, denn sooft das auch geschehe, ebenso oft lege der Teufel denselben Stein oder einen andern an die nämliche Stelle. Wo aber der Teufel sich also eingenistet, daß er, wie hier, sogar eine Kirche hat, da hat er auch, wie auf dem Harz und dem Thüringerwalde, insgemein noch sonstige Besitztümer und Errungenschaften, so auch auf dem Rhöngebirge, von denen manche Sagen gehen. *   769. Teufelsbauten im Rhöngebirge Als der Teufel sah, daß man auf der Milseburg eine Kirche baute, verhieß er einem Bewohner der Gegend, auf einem Nachbarberg ein Wirtshaus zu erbauen, und dieser gelobte ihm sich und seine Seele, wenn er das Wirtshaus nur einen Tag eher vollende als die Kirche. Da aber beim Bau des Milseburgkirchleins der heilige Gangolfus selbst behülflich war und auf dessen Gebet die Steine sich schneller fügten wie auf des Teufels Flüche, so wurde das Kirchlein fertig, eben als der Teufel mit dem letzten Stein durch die Lüfte geflogen kam. Kaum sah er, daß er seine Wette und obendrein eine Seele verloren hatte, so schleuderte er den mächtigen Felsstein auf das Wirtshaus herab und zertrümmerte seinen ganzen Bau, der noch also zu sehen ist. Die Felsen liegen übereinander her wie gespaltene Eichstämme in einem Holzhaufen. Der Teufelswand, auch Steinwand, wird ähnlicher Ursprung zugeschrieben. An ihr stehen Säulen von Basalt achtzig bis neunzig Fuß hoch senkrecht empor, und sie gleicht einer großen alten Mauer. Dort finden sich auch die Teufelskanzel und seiner Großmutter Milchkammer, Felsenbildungen eigentümlicher Form, und ungeheuere Trümmermassen, mit basaltischem Gerölle durchmischt, verkündigen die unheimliche Einöde, in deren Schöße die Tradition gern den einst so fest geglaubten Feind des Menschengeschlechts heimisch sein läßt. Eine Stunde von Bischofsheim liegt in einer schauerlichen Gebirgsschlucht an einem Bergbach, der sich zwischen dem Holzberg und Bauernberge über eine achtzig Fuß hohe Felswand als Kaskade herabstürzt und das Schwarzbacher Wasser bildet, ein mehrere Schuh tiefes Felsenbecken, die Teufelsmühle. In demselben werden oft große Steine bei angeschwollener Flut malmend und unter wildem Strudeln und Wirbeln umgetrieben. Man will bei Gewittern oft einen schwarzen riesenhaft gebauten Mann geschäftig die Felswand auf- und abklimmen und in wilden Sprüngen um seine Mühle rennend gesehen haben. *   770. Muttergottesbild am Fels Wenn man unten von der Tanzwiese und dem Hof, der denselben Namen führt, zu den schroffen und steilen Felsklippen der Milseburg emporsteigt, wo seltene Blumen und Kräuter wachsen, so führt ein schmaler und steiniger Pfad zum Gipfel, welcher Pfad der Kirchweg heißt. Dem Wanderer zur Linken steht auf diesem Pfade, ganz nahe dem Weg, frank und frei auf einem Felsblock ein kleines, farbig angemaltes steinernes Muttergottesbild, den Heiland im Schoß und mit Perlen und Kränzen von frommen Händen geschmückt, aber allem Ungetüm der Witterung auf dieser rauhen Höhe ausgesetzt. Einst gedachten einige Gläubige, dieses Bild besser zu schützen, damit es nicht Schaden leide vom Sturm und Wetter, und wölbten nur wenige Schritte von der Stelle, wo das Bild stand, aber zur rechten Hand des Felsenpfades eine schützende Nische. In diese trugen sie mit Andacht das kleine Bildnis. Allein am andern Tage, als sie nachsahen, stand es wieder an seiner vorigen Stelle. Dies geschah dreimal nacheinander; dreimal wurde das Bild in die Nische getragen, dreimal kehrte es auf den vorigen Stand zurück. Da ließ man dasselbe ferner unangetastet. Das Bild ist noch gar nicht so alt; es ist an seinem Fuße die Jahrzahl 1664 nebst dem Namen GEORG STEPLING zu lesen. Mächtig schützt der Segen der göttlichen Jungfrau den Ort und die Waller zur Höhe. Obgleich an gewissen heiligen Tagen Tausende diese steilen und zerklüfteten Klippen und Schluchten besteigen und beklettern, noch von keinem hat man gehört, daß er einen gefährlichen Fall getan und an seinem Leibe zu Schaden gekommen sei. Und noch heute sitzt die gute Jesusmutter am Felsenwege zur Kapelle unter einem kleinen Schirmdache frei und offen da, und noch nie ist von ihrem Schmuck auch nur das mindeste entwendet worden. *   771. Das tolle Dittis Zwischen der Milseburg und der hohen Rhön liegt ein wohlhabender Ort, Ditges, in der Volkssprache Dittis genannt, von dessen Einwohnern sich die Nachbarn in der Runde viel seltsame Schnurren und Schnaken erzählen. Der ganze Ort dient dem Volkswitz der Rhönbewohner seit langen Jahren zur Zielscheibe, und es soll sich in ihm das Lalenbürgertum erblich niedergelassen haben. Alles, was die neckenden Nachbarn der bekannten Städte und Ortschaften, auf denen der Fluch des Lächerlichen ruht, den Bewohnern dieser Städte in Scherz und Schimpf nachreden, alle Schildbürger-, Karlstadter-, Krähwinkler-, Polkwitzer-, Wasunger- und andere Streiche, finden ihr nachhallendes Echo in diesem Gebirgswinkel und sprossen in Zutaten weiter. Manche neue Mär drängt sich keck hervor, neben den alten Bekannten, ein harmloses Kind des Volkswitzes, und macht sein Recht unbefangenen Daseins geltend. Die Dittisser mögen sich sträuben, wie sie wollen, gegen die ihnen aufgebürdeten Lalenstreiche, so hilft es ihnen nichts, denn, so sagen die Nachbarn: ihre Glocken rufen ihnen allsonntäglich das zu, was sie nicht gerne hören. Es töne nämlich der Akkord Tall Dit-tis, Tall Dit-tis eu Närrn. Dies heißt: Tolles Ditges! Tolles Ditges! Ihr Narren! Wie es aber gekommen ist, daß das Dittisser Geläute diesen spottenden und verhöhnenden Klang angenommen, mag wohl seinen Grund im Kirchenbau zu Ditges haben, von dem auch eine Sage geht; denn als die Kirche zu Dittis erbaut wurde, ging allerlei absonderlich Komisches dabei vor. Die Kirche war zwar erbaut, aber die Fenster waren vergessen, und so kam es, daß niemand vor Dunkelheit darin sehen konnte. Lange ward hin und her beraten, wie es wohl anzufangen sei, den Tag in die Kirche zu bringen, und endlich nach langer Beratung in einer Dittisser Volksversammlung wurde beschlossen, einen Boten nach Fulda zu senden, daß er sich alldort den Tag erbitte. Der Stadtrat zu Fulda gab den Rat, die guten Dittisser möchten nur, da der Tag sich nicht in Säcken, wie das Ummerstädter Salz, versenden lasse, Fenster in die Kirche machen. Nun hatte aber selbiger Bote gar ein kurzes Gedächtnis und suchte, da ihm der Satz zu lang war, nur vor allem das Wort Fenster zu merken, merkte es auch, bis er auf den Hutrasen hart überm Dorfe kam, da stolperte er und fiel, und das Wort entfiel ihm zugleich. Da klagte er drunten im Dorfe traurig den Verlust, und da kamen die Dittisser mit Hacken und Schaufeln und gruben endlich glücklich das Wort und den Tag heraus. Man sieht heute noch die Löcher. Von den Weiberstühlen beim Kirchenbau, von den Steuersimpeln, und wie die Rühlinge im Teich dem Gemeindeboten zuschrieen: Aicht, aicht – er aber schrie: Nün! – weil er meinte, die Rühlinge sprächen, er trage nur acht Simpla nach Fulda, und waren doch neun, und aus Zorn den Geldbeutel in den Teich schmiß, und daß die Rühlinge selber zählen sollten – vom Hupf ins Wasser, Schafe zu holen, die sich von einer nahen Weide darin abspiegelten – vom Ausbrüten der Kuheier, vom Poinzeküppel und andern lustigen Streichen der Dittisser mehr wäre noch viel zu erzählen. *   772. Die letzten Auersberge Am Fuß des Rhöngebirges lag zwischen dem Städtchen Tann und dem Dorfe Hilters eine Burg, die Auersburg geheißen. Auf diesem Schlosse wohnten lange Zeit würzburgische Burgmänner, später Amtmänner, daher ward auch ehedem das Amt Hilters nach diesem Schlosse Amt Auersberg benannt. Lange ging die Sage, es liege in einer Ecke des Hofraums der Burgruine ein großer Schatz vergraben, und so kam vor Jahren eine Gesellschaft Schatzgräber dorthin, um den Schatz zu holen. Allein sie wurden allesamt vertrieben von einer erschreckenden Erscheinung, und soll der Schatz noch immer zu heben und zu holen sein. Der letzte von den Besitzern der Auersburg, der diese jetzt zertrümmerte Feste bewohnte, gehörte der evangelischen Kirche an. Eines Tages fuhr er mit seinem Kutscher, welcher katholisch war, über Feld, da überraschte beide ein furchtbares Gewitter, und es ergoß sich eine unendliche Wasserflut, so daß bald weder Weg noch Steg zu erblicken war. Der Kutscher kreuzte und segnete sich und betete, der Herr aber fluchte. Der Kutscher sprach: Gott helfe uns, ich kann nicht weiterfahren, sonst sind wir verloren! – Darauf rief der Herr zornig aus: Der Teufel wird dich nicht gleich holen! Fahre zu in des Teufels Namen! – Der Kutscher seufzete und sprach: So will ich denn hinfahren, doch nicht in des Teufels, sondern in Gottes Namen. – Bald kam die Kutsche in einen Wasserstrom, daß sie schwamm, die Pferde häkelten sich im Wasser ab, und der Kutscher entkam auf einem derselben. Der gottlose Herr aber mußte elendiglich ertrinken. Nach einer andern Sage war eine kinderlose Witwe die letzte des Geschlechtes derer von Auersberg, die einsam die schon ganz öde Burg bewohnte. Sie fuhr bei einem starken Gewitter durch das Ulstertal und trieb mit heftigen lästerlichen Worten den Kutscher an, der sich weigerte, durch den überschwellenden Bergfluß zu fahren, bis er zu ihrem Verderben dann gehorchte. Die Wellen stürzten den Wagen um, die Witwe ertrank, der Kutscher entkam. Wieder andere sagen, das sei geschehen, als im Dreißigjährigen Kriege die Schweden Burg Auersberg hart berannt und bedrängt hätten. Die Dame sei nicht eine Witwe, sondern die Gemahlin des letzten Herren der Burg gewesen. Als der Ritter sahe, daß keine längere Verteidigung fruchte, ließ er in seinem tapfer verteidigten Schloß ein Fenster ausheben, ritt seinen Schimmel in den Saal und sprengte durch das Fenster hinaus. Niemand sah ihn wieder. *   773. Der Weiber Wetzstein Nicht weit vom Auersberg in den Vorbergen der Rhön liegt das Dorf Kaltenwestheim, das ist weit und breit berühmt wegen seines Weiberwetzsteins, der schon in alten Schriften erwähnt wird wie folgt: »Wann man oben zu dem Dorff hinein reitet, so stehet lincker Hand der Straße ein Sandstein wie eine viereckigte Säule gehauen, etwa drei Ellen hoch, welcher vor wenig Jahren neu aufgerichtet worden, weil ein Schalck zu Nachts den vorigen heimlich weggetragen hatte. Und das ist der Wetzstein, an welchem aber Niemand zum Schabernack oder raillerie wetzen darf. Denn wo einer dieses thut, und man wird deßen inne, so kömmt von Stund an die ganze Schaar der Weiber im Dorffe, denen eine Frau als Oberhaupt commandiret , die Stein-Schulzin genannt, welche ausdrücklich zu diesem Amte erwehlet wird, herbei gelauffen, mit ihrem Gewehr, wie sie es nennen, von Holtz gemacht, darunter eine große lange Beiß-Zange, Gabeln und dergleichen militairische Werckzeüge; diese verfolgen nun den Thäter so lange, bis sie ihn erhaschen, da er denn mit der Zange angefaßt, zum Wasser geführet, und gebadet wird, er mag nun wollen oder nicht; wehtet er sich, so bekömmt er noch Stöße darzu, und muß doch hernach diese vexirerey mit einer Geld- discretion ablösen. Ihm wird überdieß ein Stroh-Crantz aufgesetzt, und ein Bund Heu vorgelegt; und mit solchen Possen Legitimiren die Weiber ihr vermeintes Privilegium , bey muthwillig veranlaßeter Gelegenheit, welches, der gemeinen Rede nach, sie daher erlanget, weil zu der Zeit, da obbenahmter Fürst Henrich von Henneberg mit seinen Vettern in Unfriede gelebt, diese aber einst das Schloß zu Kalten Northeim belagert, unter andern auch die Weiber von Kalten Westheim daßelbige dermaßen wohl defendiret , daß die Feinde unverrichteter Sachen abziehen müßen. Dahero als Fürst Henrich ihnen eine Gnade zu thun angebothen, sie nichts mehr als dieses seltzsame Privilegium verlanget, und auch erhalten. Der Brief selbst aber, saget man, wäre im Dreyßigjährigen Krieg verlohren worden. Einmahl ist gewiß, daß es niemand noch bis dato wagen darf, an den Stein zu wetzen, will er sich nicht gezwungen sehen, wenn man es gewahr wird, der obbeschriebenen vexation zu unterwerffen, immaßen denn, wie von glaubwürdigen Augen-Zeugen versichert worden, des Höchstseel. Herzogs zu Sachßen Eisenach Herrn Johann Georgen Hochfürstl. Durchl. zu mehr mahlen dergleichen Ergötzung mit einem oder andern von Dero Svite , angestellet hat. Nebstdem hat der Wetzstein auch dieses vor sich, daß ihn niemand weder loben noch schelten darff, so lange man im Dorff ist; denn wer das thut, der hat ein gleichmäßiges Tractament zu gewarten. Dahero sagt man im Sprüchwort: Man muß ihn nur gehen laßen, wie den Kalten Westheimer Wetzstein, das ist, weder loben noch schelten. Item, sagt man von einem wunderlichen und morosen Menschen, dem es niemand recht machen kann: Bistu doch wie der Wetzstein zu Kalten Westheim; als welchen man nicht krumm ansehen, viel weniger loben oder schelten darff.« *   774. Die goldnen Erbsen Hohe Basaltgipfel stehen wie Warttürme vor der Rhön in der Gegend, wo dieses Gebirge nordwärts endet, und mancherlei Sagen gehen von ihren Gipfeln bis in die Talgründe. Über dem Dorfe Geismar erhebt sich der bewaldete Rockenstuhl, der einst ein Bergschloß trug. Darauf erscheinen Berggeister in Gestalt grauer Männer, und der wilde Jäger fährt oft über den Berg mit seinen Hatzhunden und Gefolge dahin. Ein buchonischer Gaugraf des Namens Roggo, der sich stets tragen ließ, soll sich gern auf diesen Berg haben tragen lassen und darauf seinen Sitz als Stuhl gehabt haben, daher der Name Roggos-Stuhl – aber Rokkinstul schon 1186 geschrieben. Auf dem Ochsenberge auch nur eingebildete Reste einer dort nie vorhandenen Burg mit der Wunderblumenfundsage und Fässern voll gelber Erbsen, mit der wandelnden Jungfrau und einem blöden Schäfer, der so albern war wie andere seinesgleichen und das Beste vergaß. Sehr übel soll es einem armen Esel auf dem Öchsenberge ergangen sein, der zum Wasserholen gebraucht wurde. Da das Wasser droben so rar war, so wurde vorausgesetzt, der Esel saufe sich drunten satt, wenn er das Wasser hole, und gaben ihm droben wohl zu fressen, aber nichts zu saufen. Unten aber dachten sie, wenn sie überhaupt an des Esels Verköstigung dachten, nicht anders, als wo der Esel frißt, daselbst säuft er auch, das ist natürlich, und ließen ihn nicht trinken. Und da ist der arme Grauschimmel zwischen zwei Wasserfässern Durstes verblichen und war weniger glücklich wie sein Vetter, der zwischen Heubündeln Hungers starb – wer weiß, ob's wahr ist! – denn letzterer konnte doch zulangen, wäre er nicht ein Esel gewesen. Des Öchsen Nachbar ist der Baier, der ist besonders sagenreich. Noch quillt an ihm der Goldborn, wo ein Venetianer viel reiches Gut hinwegtrug. Lengsfelder Bürger fanden droben edle Gesteine und güldiges Erz unter schreckenden Erscheinungen. Am Baier, am Öchsenberge, am Dietrichsberg und an der Sachsenburg waren vorzeiten Bergwerke im Betrieb. Ein Korbmacher ging einst am Baier da vorüber, wo man es bei der Schacht nennt, da fand er eine Blume von ausnehmender Schönheit. Er pflückte sie ab, und da er an die Wand der Schacht kam, so öffnete sich eine Türe zu einem weiten und geräumigen Gewölbe. Der Mann trat hinein und sah eine Menge Fässer, die, mit Erbsen, Korn, Weizen, Gerste und anderen Feldfrüchten gefüllt, in Reihen standen. Er legte die Blume, die er in der Hand hielt, auf ein Faß und steckte sich seinen Brotsack voll Erbsen, die ihm ein willkommenes Gericht abgeben sollten. Als er sich genug und sehr verwundert in dem Gewölbe umgeschaut, schickte er sich an herauszugehen, da hörte er plötzlich eine Stimme laut rufen: Vergiß das Beste nicht! Darüber erschrickt der Kützenmacher so sehr, daß er eilend herausspringt, und hinter ihm schließt sich mit Donnerkrachen der Bergeseingang und schießt jählings ein schwarzer Hund her. Voll Angst schüttet der Mann seinen Sack mit Erbsen wieder aus, und der Hund frißt sie alle auf und bleibt zurück. Zu Hause angelangt, klingelt noch etwas im Sack. Er schüttelt ihn aus, und es rollen einige goldne Erbsen auf die Diele. Hätte er die Blume nicht im Berge vergessen, konnte er überreich werden. *   775. Die Schwerbeladenen Unter der Stoffelskuppe, auch einer basaltgekrönten Erhebung zwischen der Rhön und dem Werratale, ist es nicht sicher; eine große Blöße heißt die Kuheller; dort hüten die Roßdorfer Hirten. Eines Abends wandelte der Roßdorfer Schulze über diese Bergestrift, da erblickte er auf der Waldblöße im Dämmerlicht zwei dunkle Männer, die in einiger Entfernung voneinander gleichmäßig schritten, war froh, Gesellschaft zu finden, und näherte sich ihnen eilend. Jetzt entdeckte sein Auge, daß die beiden Männer einen übergroßen und mächtigen, baumartigen Balken auf ihren Schultern trugen, unter dessen Last beide fast erlagen, und daß kaum zu begreifen war, wie ihrer zwei eine so entsetzliche Last zu tragen vermochten. Das wunderte den Mann gar sehr, daß in so später Stunde an so einsamer Stelle noch jemand also bemüht war, und er rief die Tragenden an mit lautem: Hollah! Wer seid ihr? Wohinaus? – Die Männer hörten ihn nicht und antworteten ihm nicht. Noch einmal rief er: Wer seid ihr, worauf geht ihr zu? – Tiefes Schweigen. Nun rief der Schulze zum drittenmal noch lauter: Heda, ihr Männer? Wo wollt ihr hin? – Da scholl gleichzeitig von beiden wie aus einem Mund und mit überaus schrecklicher Stimme die Antwort: Nach Ungnadhausen! – Und die Männer wandelten hin und verschwanden in die Nacht. Dem Frager aber kam ein übermächtiges Grausen an, und er konnte, solange er lebte, welches nicht gar lange mehr war, jenen Ton und jenes Wort nicht vergessen, das wie eine Stimme des Jüngsten Gerichtes erklungen war. Auch andere haben bisweilen jene Schwerbeladenen über die Waldblöße wandeln sehen, doch sich wohl gehütet, sie fragend anzureden. *   776. Die fliegenden Knaben Es war am Ende des siebzehnten Jahrhunderts, als an einem Spätherbsttage drei muntere Knaben ohnweit des Städtchens Lengsfeld und zwischen diesem und dem Baier auf immergrüner Waldwiese eine Anzahl Rinder weideten. Kaum war die Sonne gesunken, die noch ihre letzten goldnen Strahlen auf den hohen nachbarlichen Berg warf, so fachten die Knaben nach ihrer Weise ein Feuer an und stachen Rasen ab, um sich eine Bank zu bauen, auf welcher sie vertraulich und sich am Feuer wärmend sitzen wollten. Wie es nun oft zu geschehen pflegt, daß heitre unbedachte Jugend in lächerliche Wünsche ausbricht, deren Erfüllung schier unmöglich dünkt, so auch hier. Einer sprach: Wäre nur dieses Stück Rasen ein Stück Eisenkuchen! Kaum war dieser Wunsch laut geworden, so trat schon ein unbekannter Mann auf die Trift, begrüßte die jungen Hirten und sprach: Hört, ihr habt Eisenkuchen gewünscht! Hier habt ihr solche, laßt sie euch schmecken! – Und teilte Eisenkuchen unter sie aus. Freudig und begierig ward die Spende angenommen und verzehrt, und der Mann erbot sich, sie täglich mit solchen Kuchen zu erfreuen, wenn er nur wüßte, auf welchem Hutplatz sie immer anzutreffen wären. Die Knaben nannten den Platz, wo sie am nächsten Tage hüten würden, und der Unbekannte hielt sein Wort und brachte das für die Knaben so leckere Mahl am nächsten Abend ihnen wieder. Als das verzehrt und der Mann hinweggegangen war, trat eine alte Frau aus Lengsfeld den Knaben nahe und bat sie, doch einmal mit ihr zu dem nahen Talbrunnen zu gehen, sie wollte ihnen dort etwas zeigen. Die Knaben willfahrten ihr, wurden aber nichts gewahr, als daß die Alte sie mit dem Wasser des Brunnens besprengte und unverständliche Worte dazu murmelte, weshalb sie ihr bald entliefen und mit Gelächter zu ihrer kleinen Herde zurückkehrten und diese wohlgemut nach Hause trieben. Am dritten Tag trafen sich die Knaben frühmorgens auf dem Weg zur Schule, grüßten sich munter, und der eine sprach zu dem andern: Höre, ich fühle mich heute so federleicht, daß ich meine, ich müßte fliegen können, wie ein Vogel! – Ich auch, ich auch! riefen die beiden andern, und da hoben alle drei die Arme empor und flogen. Sie flogen auf die kleine runde Mauer, die den Marktplatz umzog, und über dieser gegenseitig hin und her, zum größten Erstaunen aller ihrer indes sich zahlreich versammelnden Schulkameraden. Die Kunde dieses wunderbaren Ereignisses durchdrang mit Blitzesschnelle das Städtchen und kam auch zuletzt zu den Ohren des Kantors, der nach beendigter Schulstunde die drei Knaben aufrief, ihre Kunst auch in der geräumigen Schulstube zu üben. Sie traten auf den Tisch und flatterten von ihm herab und schwebten auf und nieder. Den Kantor überfällt ein Grausen, und er entsendet eilig einen Boten zum Oberpfarrer und Inspektor und läßt den geistlichen Hirten bitten, zur Schule sich zu bemühen und selbst Zeuge eines nie erhörten Wunders zu sein. Der Geistliche kommt und staunt und nimmt die Knaben scharf in das Verhör, denn er wittert Satans Trug und Tücke. Diese erzählen treuherzig alles, was sich mit ihnen begeben, und fügen noch dieses hinzu: In der vergangenen Nacht machten wir uns den Spaß und setzten uns zu dritt auf einen Schimmel, der in unsers Nachbars Scheuer stand. Kaum spürte uns das Pferd, so setzte sich's gegen unsern Willen in Trab und brachte uns an einen Ort, allwo es uns sehr wohl gefiel; dann brachte es uns wieder nach Hause, und darauf fühlten wir uns so leicht. – Der Oberpfarrer ging bestürzt hinweg, um dem Gerichte Anzeige zu tun, damit dieses sich der sicherlich Behexten bemächtige und ihnen den Prozeß mache, denn fliegen zu können schien ihm ein arges Verbrechen. Mittlerweile kamen die Knaben arg- und sorglos und ihrer Fliegekraft froh nach Hause, den Ihrigen das Wunder selbst zu verkündigen oder zu bestätigen. Der Vater des einen Knaben war der Scharfrichter, hieß Michael Weber, erzürnte sich sehr über die Kunde, die er schon vernommen, glaubte, sein Kind sei ein Teufelsbündner, und beschloß, den Sohn zu opfern. Daher schwang er, als dieser vor ihn trat, das Richtschwert und schlug ihm das Haupt ab. Zwei weiße Ströme Milch sprangen statt des Blutes zur Decke, und dem Scharfrichter entsank das Schwert. Die zwei andern fliegenden Knaben, als sie das gesehen, hoben sich auf und davon, und niemand hat sie jemals wieder erblickt, und so kam keine Aufklärung über den tiefrätselhaften Vorfall zutage. Er ward vergessen, verklang zur Sage, und nur der Brunnen, wo das alte Weib die Knaben besprengt, heißt von jener Zeit an der Hexenbrunnen. *   777. Der große Auersberg Außer jener Burg Auersberg und jenem Auersberge, an dessen Abdachung dieselbe liegt, ist noch ein hoher Namensvetter im Rhöngebirge vorhanden, das ist der große Auersberg, der sich neben dem Dammersfeld über den Silberhöfen nach Brückenau zu erhebt. Er ist für die Rhönbewohner einer ihrer vielen Wetterpropheten. Wenn sein Gipfel dampft, ja wenn nur das geringste Nebelwölkchen in Gestalt einer kleinen Rauchsäule aufsteigt, so sagen sie: Aha! Die Gräfin Karoline kocht wieder Kaffee! – das heißt so viel als: wir bekommen Regen. Wer aber diese Gräfin Karoline gewesen, darüber läßt sich mit Bestimmtheit nichts ermitteln. Häufiger noch hört man von diesem Berge den Reimspruch: Hat der Auersberg einen Dunst, so groß wie ein Butterfaß, So macht er den Bauern den Buckel naß. Eines Tages wurde am Auersberg eine auffallende und seltene meteorische Erscheinung wahrgenommen, und zwar im Juli des Jahres 1797, des Mittags gegen zwölf Uhr. Da bildete sich bei heiterm Himmel fast oben an der Kuppe auf der Seite des Sinngrundes ein kleiner blauer Dunst, der sich plötzlich unter einem fürchterlichen Knalle, gleich dem heftigsten Donnerschlage, entzündete und in einem Augenblick einen starken Platzregen, den brüllender Sturm begleitete, in das Sinntal goß. *   778. Verwünschtes Schloß Dreistelz Ohnweit des schönen Bades Brückenau erhebt sich ein Berg, der Dreistelz geheißen; jetzt liegt auf ihm ein Hof, der Dreistelzhof, vordem aber stand darauf ein prächtiges Schloß, und zwar an der Höhe nach Brückenau zu. In diesem Schloß wohnten drei stolze Damen, und man sagt, daß man diese Fräulein nur die drei Stolzen genannt habe, wegen ihrer absonderlichen Schönheit sowohl als wegen ihrer großen Pracht und Hoffart; und ihr Haus, das hieß man das Dreistolzenschloß, daraus später Dreistelz geworden ist. Die Fräulein führten ein üppiges Leben, waren aber hart gegen ihre Untergebenen und karg gegen die Armen. Eines Tages, als es auf den Abend zuging, kam ein armer Pilger daher, bat um Einlaß, um einen Imbiß und um Nachtquartier; doch als sein Begehren den drei Fräulein angesagt wurde, so wurde ihm von seinen drei Bitten weder die eine gewährt noch die andere, sondern man hieß ihn gehen, und weil er nicht gehen wollte, hetzten die rohen und ebenfalls harten Diener ihn mit Hunden fort. Da rührte der Pilger die Hunde an mit seinem Stabe, und sie verstummten alsbald auf ewig und fielen tot hin; dann schwang er den Stab gegen das Schloß und sprach einen erschrecklichen Fluch, und alsbald fuhr das ganze Haus mit allen seinen Bewohnern in den Schoß des Berges hinab, und an seine Stelle trat ein kleiner See. Noch immer ist am Dreistelz die Stätte zu erschauen, wo das Schloß gestanden hat, und zu gewissen Tagen und Stunden hören Sonntagskinder einen Hahn in der Nähe krähen, denn das verwünschte Schloß mit seinen Bewohnern steht noch unter der Erde, darinnen schlafen die Fräulein bis zum Jüngsten Tag. Alle drei Jahre aber an dem Tage, an dem das Schloß verflucht wurde, kräht dreimal der Hahn. Da wachen die Schläfer auf im Bergesschoß, beten ein Ave Maria und bereuen ihre Missetaten. Manche Leute erzählen auch, daß die verwünschten Fräulein aus dem Berg auf Kirchweihen gekommen seien und sich unter die tanzenden Mädchen gemischt hätten; doch seien sie immer blaß gewesen und wären nie über den Glockenschlag zwölf hinaus bei den Tänzen geblieben. Da ist es gerade ergangen wie jenen drei Fräulein, deren Schloß bei Salzungen versank, an dessen Stelle der Buchensee getreten ist, nur daß jene schuldlos waren, diese dreistelzigen Nornen aber nichtsnutz. *   779. Die Ritter des Ebersberges An einer Abdachung des Ebersberges im Rhöngebirge ist ein kleiner Moorfleck; aus diesem kommen, vornehmlich zur Adventszeit und in den zwölf Nächten, große gespenstige Feuermänner mit Wehr und Waffen, die so heftig miteinander kämpfen, daß man in den nahen Höfen, welche am Fuß des Berges liegen, deutlich das Schwertgeklirr vernimmt. Dieser Kampf dauert vom Einbruch der Nacht bis tief in dieselbe, ja oft bis zur Morgendämmerung und bis zum Hahnenschrei. Gewöhnlich ziehen sich die streitenden Flammengestalten allmählich bis zur Ruine Ebersberg und den zerfallenen Türmen hinauf, wo sie endlich, immer heftiger fechtend, in dem einen offenstehenden Turme mit fürchterlichem Geprassel verschwinden. Die Umwohner sagen, daß es die noch unerlösten Geister der in wilden Kämpfen um die Burg und bei deren Verteidigung erschlagenen und gefallenen Ritter seien. Von der Ebersburg, im Volke insgemein nur Eberszwackel geheißen, wäre viel zu schreiben, von den Fehden ihrer Ritter mit den fuldaischen Äbten, von ihrem unterirdischen Gange bis herab nach Weihers und von ihren vergrabenen Schätzen. *   780. Der verlorene Schleier Fast völlig gleichlautend mit der Schleiersage von der Gründung des berühmten Klosters Neuburg in Österreich barg sich deren Wiederholung in eine stille enge Talrinne der südlichen Rhöngebirgsabdachung. Darinne stand vormals ein Nonnenkloster, davon bis auf die Kirche jede Spur von der Zeit hinweggetilgt worden ist. Eines Tages lustwandelten Herr Otto und Frau Beatrix, Graf und Gräfin von Henneberg, sie eine geborene Gräfin von Courtenay, Fürstin von Tiberias und Gräfin zu Edessa, die ihr Gemahl im Morgenlande sich erworben, auf ihrer Burg Botenlauben dicht über Kissingen. Da erhob sich ein starker Wind, welcher den Schleier der Gräfin von ihrem Haupte riß und denselben hoch in die Lüfte entführte. Da sie diesen Schleier hoch und wert hielt, so tat sie ein Gelübde, an der Stelle, wo er sich wiederfinden würde, ein Kloster zu erbauen, welchen frommen Vorsatz ihr Gemahl gern bestätigte. Es wurden nun talaufwärts, wohin der Schleier seinen Flug genommen, Boten ausgesandt, doch fanden diese den Schleier nicht, wohl aber fanden ihn nach drei Tagen einige Frauen in dem Tale, das von Burkardrode nach Waldaschach sich herabzieht, hängend auf einem blühenden Rosenstrauch. Als der Graf und die Gräfin davon Nachricht erhalten, begaben sie sich alsbald selbst an Ort und Stelle und legten bald darauf zu dem Kloster den Grund, das sie Unser Frauen Rod nannten, auf Latein: Novale sanctae Mariae . Beide Gatten begabten das Kloster sehr reichlich, und als sie nach einem gottseligen Leben starben, erst der Graf, dann später die Gräfin, sind beide im Kloster vor dem Altar begraben, und es sind ihnen steinerne Denkmäler errichtet worden, die noch heute in der Kirche zu sehen sind. Hierauf wurde ihr Sohn, auch Otto geheißen, welcher erst eine Dynastentochter des Geschlechts von Hiltenburg geheiratet, dann aber von ihr sich mit ihrer Bewilligung geschieden hatte, um sich ganz dem gottseligen Leben zu weihen, der Klosterfrauen zu Frauenrode Provisor. Nachdem das Kloster, welches lange Zeit sich im besten Flor befand, und in dessen Kirche sogar mehrere Hennebergische Grafen, die es mit Schenkungen bedacht, sich begraben ließen, in Verfall geraten, ist es endlich bis auf die Kirche ganz von der Erde verschwunden. Die Gebeine der Gründer aber sind nachmals wieder ausgegraben worden und in zwei Glaskästen auf dem Altar aufgestellt, während ein dritter Glaskasten, zwischen beiden, den Schleier enthält, welcher zur Gründung des Klosters den ersten Anlaß gegeben. Bei der alten Klosterstätte zu Frauenrode ist es der Sage nach nicht geheuer. Lodernde Feuer oder bläuliche Flämmchen werden in gewissen Nächten brennend auf dem Kirchhof oder in der Nähe der Klosterkirche erblickt, welche einen großen dort vergrabenen Schatz anzeigen. Nicht weit von der Kirche erhebt sich ein Hügel, auf welchem vor langen Zeiten erst eine Burg, dann ein Teil des Klostergebäudes gestanden. Von dort führt ein bedeckter Gang nach der Kirche, über welchen die Nonnen schritten, wenn sie auf dem Chor sich versammelten, die Horas zu singen. Man sieht noch überm Portal die vermauerte Öffnung. Alljährlich in gewissen heiligen Nächten erblickt man diesen Gang durch die Luft und den Zug gespenstiger Nonnen und sieht die Kirche erleuchtet, doch ist es nicht gut, lange hinzusehen, noch viel weniger, die Kirche dann zu betreten, denn in dieser halten die Geister Mette, und es knieen vor dem Altar die Gestalten des Stifters und der Stifterin und hinter ihnen alle, die in der Kirche begraben wurden; von dem Haupte Beatricens weht der weiße Schleier, und auf Ottos Haupte rauschen die Blätter eines welken Kranzes geisterhaft im Hauche der Nacht. Nach der Mette ziehen die Nonnen alle still zurück und schwinden in Nebel, wie sie dem Hügel sich nähern. *   781. Jud Schwed Am Rathaus der Stadt Kissingen schaut oben ein bärtiger Mannskopf, der sich in den Haaren rauft, als ein Wahrzeichen herab. Das nennen die Einwohner den Jud Schwed und erzählen davon folgende Sage. Im Dreißigjährigen Kriege, als die Schweden diese ganze Gegend heimsuchten, wurde auch Kissingen von ihnen belagert und hart bedroht. Doch widerstand die Stadt tapfer und wäre vielleicht nicht erobert worden, wenn nicht ein Jude an ihr zum Verräter geworden wäre. Dieser wußte einen unbewachten Ausgang durch die Mauer und führte die Feinde dort ein. Doch empfing er seinen Lohn, und zum Andenken wurde sein Bild, wie er sich aus Reue die Haare ausrauft, am Rathaus befestigt. Hernach kam es auch, daß man ihn und die Seinen nicht mehr bei ihrem wahren Namen, welcher der Vergessenheit überliefert wurde, rief, sondern Schwed, zur ewigen Erinnerung; und diese blieb auch, denn noch heute leben Nachkommen von ihm zu Kissingen, welche den Namen Schwed führen. Eine andere Sage von diesem Juden kündet aber gerade das Gegenteil des Vorstehenden. Nach dieser goß der Jude für die Bürger Kugeln, welche die geheimnisvolle Eigenschaft hatten, unfehlbar zu treffen, und den Schweden so tödlich wurden, daß sie abziehen mußten. Darauf wurde des Juden Kopf als Erinnerungszeichen dankbar am Rathaus angebracht. Ein anderer steinerner Kopf am Kissinger Rathaus ist, wie die Sage will, dem Andenken eines Bürgers namens Peter Heil gewidmet. Es war eben auch im Schwedenkriege, und zwar im Jahr 1643. Die Schweden hatten bereits die ganze Gegend von ihrem Lager über Bischofsheim aus verheert und geplündert und drohten nun unter ihrem Führer Reichwald auch der Stadt Kissingen mit einem heimlichen Überfall, der an einem Jahrmarkt geschehen sollte. Der Feind barg sich in dem nordöstlichen Bergwalde, wo ihn jedoch einige Krämer entdeckten und den Kissingern die nahe Gefahr anzeigten. So kam es, daß der Feind tapfern Widerstand fand, der nun aber die Stadt mehrere Tage lang beschoß und sie durch einen Sturm zu gewinnen suchte. Kaum vermochten die kampfesmüden Einwohner dem immer heftiger andringenden Feind Widerstand zu leisten, als Peter Heil den Rat gab, die zahlreichen Bienenkörbe, welche die Bürger besaßen, von der Mauer hinab auf den anstürmenden Feind zu stürzen. Dies geschah, und die Bienen, so gestört, fielen voll Grimm auf die Feinde und stachen manchen derselben bis zum Tode. Da ward schleuniger Rückzug anbefohlen, und die Stadt war gerettet, dem Peter Heil aber, dessen Rat ihr zum Heil geworden, setzten sie das verewigende Denkmal. *   782. Liebfrauensee Neben der romantisch gelegenen Kapelle bei Kissingen liegt ein tiefer See, Liebfrauensee, dessen Abfluß treibt eine starke Mühle. Manche wunderbare Mär erzählen sich von diesem See die Umwohner, ganz auf ähnliche Weise, wie die Sagen von dem berufenen Frickenhäuser See ohnweit Mellrichstadt. Er soll in seiner Grube Verbindung haben mit weitentlegenen mächtigen Gewässern, und ein ungeheuer großer Fisch sei einst darin gefangen worden. Einem liebenden Jüngling, der aus Gram und Verzweiflung, daß er sein geliebtes Mädchen nicht sein nennen sollte, sich einst in diesen See stürzen wollte, erschien warnend und in Verklärung über dem Wasser schwebend Unsre liebe Frau, so daß er zurückschrak und allenthalben die Erscheinung verkündete. Darauf wurde die Erkorne sein, und der See erhielt den schönen bedeutungsvollen Namen. Aber es geht auch von ihm die Sage, daß er dereinst der ganzen Gegend in einem Umkreise von vier Meilen verderblich werden werde, dann werde er ausbrechen und sich ergießen und alles Land überschwemmen, weil er mit unermeßlichen Wasserbecken verbunden ist. *   783. Amalbergas Schlösser Als Thüringens König Irminfried noch sein weitausgedehntes Reich beherrschte, stand auch auf dem sogenannten Hammelburger Berg in der Nähe der alten Stadt Hammelburg ein Schloß, welches Amalberga, die Thüringer Königin, erbaut haben soll, von der denn auch die nahe Stadt den Namen getragen. Dieser Berg liegt der Saale aufwärts nach Westheim zu, und es sind von dem Schlosse noch einige Trümmer zu gewahren. Bei diesen Trümmern hütete einst ein Knabe die Schafe, und da es ein sehr heißer Tag war, so schlief er vor Ermattung ein. Da erblickte er im Traum ein wunderschönes Frauenbild, das winkte ihm still, zu folgen, und er folgte ihm. Beide kamen in ein prächtiges Schloß, und die schöne Frau winkte ihm von Zimmer zu Zimmer, so daß sie alle Prachträume durchwandelten; dabei zeigte sie ihm Truhen voll Goldes, Silbers und köstlicher Edelsteine, von denen zu nehmen die Frau dem Knaben durch Zeichen gebot. Es reizte ihn aber nichts als eine schöne natürliche Blume, welche er auf einem Marmortische liegen sah, die Frau reichte ihm dieselbe, seinen Hut damit zu schmücken, und dann gingen sie aus dem Schloß. Jetzt plötzlich erwachte der Knabe und nahm wahr, daß er alles nur geträumt, und dennoch war auf seinem Hut die Blume befestigt, und als er sie ansah, war sie von lauter purem Golde. Dies hat eine alte brave Frau erzählt, von der noch Enkel leben, und sie hatte jenen Hirten gut gekannt, der auch ihr und andern oft die Blume gezeigt. Auch viele andere unheimliche Mär erzählt man sich noch von dem alten Schloß. Auch auf der Burg Saaleck, in deren Nähe im Jahre 9 nach Christo die Markomannen die Drusen schlugen, steht noch ein uralter starker Turm, den soll Amalberga auch erbaut haben. Man sagt ihr nach, sie habe mit diesem Turme dasselbe getan, was jene spätere französische Königin mit dem berüchtigten Turme von Nesle in der Stadt Paris, junge Liebende an sich gelockt und nach gebüßter Lust, daß ihrer keiner sie verrate, sie in diesem Turme umbringen lassen. Darum ist es auch nicht geheuer dort, irrende Flämmchen und aufzuckende Feuer umschweben und umwebern die gebrochenen Zinnen. *   784. Der Kaiser im Guckenberge Bei Gemünden liegt der Guckenberg; von diesem geht die Sage, ähnlich der vom Barbarossa im Kyffhäuser, daß vor langen Zeiten ein Kaiser mit seinem ganzen Heere in ihn versunken sein soll. Nun sitzt er darin an einem steinernen Tische, und wann sein Bart dreimal um den Tisch gewachsen ist, so wird der Kaiser mit all seinen Wappnern wieder hervortreten. Einstmals kam ein armer Knabe auf den Berg, welcher in der Gegend Semmeln zum Verkaufe trug, und traf daselbst einen steinalten Mann an, der sprach freundlich mit dem Knaben; dieser klagte ihm sein Leid, daß er so wenig verkaufen könne und sein Verdienst so gering sei. Da sprach der Alte: Höre, Kleiner, ich will dir wohl einen Ort zeigen, wo du alle Tage so viel Wecke verkaufen kannst, als du zu tragen imstande bist; aber du darfst beileibe niemandem etwas davon offenbaren. Darauf führte der alte Mann den Buben in den Berg hinein, und es war im Berg wie in einer großen Stadt und gar ein reges Leben darin. Viele Leute trieben Handel und Wandel, andere gingen in die Kirche, noch andere hielten einen Bittgang. Und an einem Tische saß der Kaiser gewaltig, und sein langer Bart war schon zweimal um den Tisch gewachsen. Dahin brachte nun tagtäglich der Knabe seine Semmelwecke und empfing dafür uraltes Geld. Da aber nun in seinem Orte dessen bald zu viel umlief, wurden die Leute stutzig, mochten es nicht mehr annehmen und drangen endlich in den Jungen, zu sagen, wo er dieses alte Geld bekäme. Da offenbarte er seinen ganzen Handel. Ein junger Freund von ihm drang sich ihm nun beim nächsten Berggang zum Begleiter auf, um des Guckenberges innere Herrlichkeit auch wahrzunehmen; allein der Semmelbube fand nicht nur den Eingang nicht wieder, sondern nicht einmal den Berg, und kam ihm die ganze Gegend anders und schier verwandelt vor. *   785. Seifriedsburg Es war ein Hirtenjunge, Fritz mit Namen, den seine Genossen Sau-Fritz nannten, weil er die Schweine hütete. Einst schwemmte er seine Herde im klaren Wasser der fränkischen Saale. Da fand er einen Stein, womit er sich rieb, und der machte ihn fest gegen Hieb und Stich. Er ging in den Krieg und tat, zumal er unverwundbar war, Taten der Tapferkeit und erwarb Rang und Reichtum. Vom Herrn des Gaues empfing er Erlaubnis, sich eine Burg zu erbauen, und wählte die Stätte in seiner Heimat, wo er unterhalb seines Geburtsortes auf demselben Berg eine Burg aufführen ließ, die nun nach seinem Jugendspitznamen samt dem Dorfe Säufritzburg benannt ward, daraus später die Schreibart Seifriedsburg geworden. Lange stand die Burg, als einst ein schweres Unwetter heranzog, wie gerade das Burggesinde im Heuen war. Alles eilte hastvoll nach Hause, eine kecke Magd aber blieb und rief: Ei, es mag donnern oder blitzen, So muß ich meinen Heuhaufen spitzen! Alsbald fuhr ein Wetterstrahl aus dem Gewölk, der die Magd niederschlug und die Burg in Brand steckte, und das Wetter riß das Heu auf der ganzen Wiese vom Berg ins Tal hinab. Seitdem ist Seifriedsburg eine Trümmer, doch das Dorf führt den Namen fort. Zwischen Seifriedsburg und Schönau an der Saale liegt ein Wäldchen, welches den Namen Lindwurm führt. In der Nähe hauste, so kündet die Sage des Volkes, ein Lindwurm, welcher von dem Ritter auf der Seifriedsburg erlegt wurde. Es leuchtet ein, wie in dieser Sage ein ganz später Widerhall der Siegfriedssage zu finden ist. Der angenommene niedere Stand, die Lindwurmtötung, die Unverwundbarkeit, der Ruhm großer Taten und der Besitz eines reichen Hortes, alles vereint sich hier und deutet sich naturgemäß. Aber woher der alten Sage Verjüngung nun gerade hier? Sollte der Name Seifried – soviel als Siegfried – allein sie hervorgerufen haben? *   786. Mespelbrunn Tief im Spessartwalde jagte ein Kurfürst von Mainz mit seinem Gefolge, und nach der Jagd ruhten sie in einem engen Talgrunde unter uralten Bäumen und an einem Quellbrunnen, der von Mispelbäumen umstanden war. Der Kurfürst sprach: Hier ist's traun recht schauer – möcht immer da gut essen, um kein'n Wert! – Da sprach ein Weidwerkgenoß, des Geschlechts der Echter einer: Was Ihr wollt, das könnt Ihr. Gebt mir das Revier, so bau' ich allda ein Haus, das Euch stetig offensteht. – Das war dem Kurfürsten recht, er gab dem Ritter ein großes Jagdgebiet im Spessart, und der erbaute sich ein stattlich Schloß, gab ihm den Namen Mespelbrunn von den Mispelbäumen und dem Brunnen und fügte diesen Namen seinem eignen für alle Folge hinzu: Echter von Mespelbrunn. Es war ein mannlich und namhaft Geschlecht, das sich reichen Besitz erwarb und sicherte. Einer erbaute auch zu Hessenthal im Spessart, dahindurch die Straße von Würzburg nach Aschaffenburg zieht, ein Jagdschloß und eine Kapelle; dort liegen mehrere Echter begraben, und prächtige Grabsteine verewigen ihr Andenken. Dieses edlen Geschlechts ruhmreichster Sproß war Julius Echter von Mespelbrunn, Bischof zu Würzburg, Herzog in Franken. Als Bischof unvermählt und kinderlos und der Letzte seines Stammes, im Besitz ungeheuern Reichtums, machte er ein Testament. Eine Schwester- oder Bruderstochter war an einen Grafen von Ingelheim verheiratet und hatte den Bischof zum Paten ihres Sohnes erwählt. Diesem Paten nun dachte Julius seine Güter zu und setzte ihn zum Universalerben ein. Er legte das Testament in eine Schachtel und überdeckte es. Oben auf die Decke legte er drei Zitronen und sandte nun die versiegelte Schachtel durch einen eigenen Boten nach Mespelbrunn, wo seine Nichte mit ihrem Sohne wohnte. Als diese öffnete und nichts in der Schachtel sah als drei Zitronen, wurde sie etwas ärgerlich, wußte nicht, ob das ein Scherz oder ein Schimpf von dem geistlichen Oheim sein sollte, entschloß sich kurz und schickte die Schachtel samt den Zitronen sogleich zurück. Bischof Julius wunderte sich und entsendete mit der aufs neue versiegelten Schachtel nochmals den Boten nach Mespelbrunn. Die Gräfin von Ingelheim wußte nicht, was sie davon denken sollte, und ward noch ärgerlicher. Sie schnitt eine Zitrone auf, meinend, es stecke vielleicht etwas Geheimes in den Früchten, allein da sie nichts fand, schickte sie die Schachtel abermals zurück. Und zum dritten Male kam der Bote von Würzburg mit seiner Schachtel und mit drei frischen Zitronen darin. Die Gräfin hatte fast keine Lust, sie zu öffnen, und als ihr wieder die drei Zitronen entgegenblickten, fehlte wenig, daß sie dieselben nicht nahm und dem Boten an den Kopf warf. Sie besann sich aber doch, schnitt alle drei auf, da sie aber in allen dreien nichts fand, ward ihr Zorn grenzenlos. Sie warf die Zitronen alsbald zum Fenster hinaus, dem Boten die wieder zugeklappte Schachtel an den Kopf und drohte ihm, wenn er noch einmal vor ihre Augen komme, so wolle sie ihn zu Mespelbrunn hinauspeitschen lassen. Wie der Bote dem Bischof ansagte, was sich begeben, sprach Julius: Ich sehe wohl, Gott hat mein Vermögen zu anderer Verwendung bestimmt, entnahm der Schachtel das mit Papier bedeckte Testament und warf es ins Kamin. Hierauf gründete er von seinem Reichtum zu Würzburg das berühmte segensreiche Hospital, das seinen Namen trägt, durch welche Stiftung Julius Echter von Mespelbrunn seines Namens Gedächtnis groß und unsterblich gemacht hat für alle Zeiten. *   787. Das Herrenbild Lange bevor der Erbauer des Jagdschlosses zu Hessenthal daselbst eine Kapelle baute, stand ein Kapellchen über dem Ort auf einem Berge. Hessenthal hat seinen Namen nicht von Hessen, es hieß ursprünglich Häslenthal von den vielen Haselnußbäumen (Häslen), die dort wachsen. Das bezeugt noch ein gar nicht alter Bildstock auf der Hohenwart, einem Waldberge über Aschaffenburg, über den auch der wilde Jäger zieht, und wo feurige Männer spuken. Da könnte einer auch schreien: Halbpart auf der Hohenwart – wie jener Wanderer im Valleidatale bei Saalfeld, und würd' ihm am Ende auch ein Hinterviertel von einem verruchten Wild zufliegen. Hans Spatz aber, der einstmals nachts darüberging, die wilde Jagd brausen hörte und feurige Männer sich miteinander schlagen sah, daß die Funken umherstoben, und sah Raben mit tollem Kreischen eine Schlacht aufführen, schrie nicht also, sondern gelobte zitternd und bebend einen Bildstock für die heile Haut, die er gar zu gerne heimtragen mochte. Und die lieben Gottesheiligen schützten ihn, daß er heil heimkam, und er ließ dankbar den Bildstock aufrichten und seinen Namen hineinmeißeln: Hans Hénrich Spatz von Heslendahl 1745. Von Hessenthal führte früher die alte Straße nach Oberbessenbach durch tiefen öden Wald. Ein Postknecht ritt seine Pferde von Aschaffenburg nach der Station zurück, es war Nacht, und er schlief. Da standen plötzlich die Pferde, aus dem nahen Busche drang ein Ruf, und lichter Schimmer leuchtete dort, woher die wundersame Stimme drang. Der Postknecht stieg ab, ging mutig auf die Stelle zu und fand tief im Buschwerk vernachlässigt, moosüberwachsen und altergrau ein Muttergottesbild aus Holz. Treulich erhob er dasselbe, säuberte es, trug es heraus und stellte es auf einen Steinhaufen am Wege, denn es mitzunehmen, dazu war es zu schwer. Es dauerte nicht lange, so taten sich einige fromme Herren zusammen und erbauten dem Bilde eine kleine Kapelle, und das Bild tat Wunder, und die Hessenthaler gingen hinauf und beteten dort. Da nun die Echter in Hessenthal die Kapelle erbauten, zogen die Bewohner hinauf und trugen das Gnadenbild herab in die neue geweihte Kapelle. Allein das Herrenbild – so ward und wird es noch genannt – machte es wie jenes auf der Milseburg im Rhöngebirge und jenes am Räti und kehrte wieder an seinen Ort zurück. Dreimal holten die Hessenthaler das Bild in ihre neue, schöne Kapelle, und an jedem Morgen stand es wieder droben in dem alten einfachen Kapellchen. Da gelobten die Hessenthaler, wenn das Bild bei ihnen bleiben wollte, so wollten sie es alljährlich auf den Pfingstmontag in feierlicher Prozession hinauf auf den Berg tragen. Diesen Akkord hat hernach das Bild eingegangen, und geschieht noch also. *   788. Die Garnkocherin Zu Hessenthal, das so recht mitten im Schoß des Spessart liegt, steht in einer großen offnen kapellenartigen Halle das Bildwerk einer Kreuzigung mit reicher Gruppierung auf einem dreißig Fuß langen und neun Fuß hohen Piedestal. In der Mitte desselben, unter dem mittleren Kreuze, ist an der Vorderseite eine eingehauene zweikantige Vertiefung in den Stein. Hält man nun hier den Kopf hinein, so vernimmt man ein Brausen, ähnlich dem Strudeln kochenden Wassers. Hierüber geht diese Sage. Es standen früher an diesem Platze zwei Hütten. Die Bewohnerin einer derselben kochte am Pfingstmontage, wo man das Marienbild in Prozession zum Berge trug, Garn, um es zu bleichen. Ihre Nachbarsfrau, die es sah, sagte zu ihr: Was! Du kochst heute am Pfingstmontag Garn? – Allein jene gab ihr zur Antwort: Pfingstmontag hin, Pfingstmontag her, mein Garn muß gekocht sein. – Und alsbald sank sie unter furchtbarem Getöse samt ihrer Hütte unter die Erde. Seitdem vernimmt man nun hier das brodelnde und strudelnde Getöse, das an Pfingstmontagen immer stärker ist als an andern Tagen, und hört aus der Tiefe ein jammerndes Ächzen. Aber die Höhlung hat die wunderbare Eigenschaft, Schwerhörige, die hineinhorchen, von ihrer Taubheit zu heilen. *   789. Der Schellenberg Unweit Mespelbrunn in einem engen Tale steht ein alter viereckiger Turm, den bereits der Jahn der Zeit sehr benagte. In seinem Innern befindet sich noch eine Stiege von Stein, die unter die Erde führte. Hier soll sich ein Raubritter aufgehalten haben, der die ganze Umgegend unsicher machte. Von dem Turme aus ging ein Draht nach dem nahen Berge, an dessen Ende in dem Turm eine Schelle angebracht war. über den Berg selbst führte eine sehr lebhaft begangene und befahrene Straße, über diese war der Draht, leicht bedeckt, so geleitet, daß fast alle des Weges Kommenden ihn betreten mußten. Dann klingelte die Schelle, und der Räuber eilte auf einem Richtweg nach einer Stelle hin, wo er nun auf die Reisenden lauerte und ihnen ihre Last leichter machte; davon wird dieser Berg und Turm noch immer der Schellenberg genannt. *   790. Knabenraub im Spessartwalde Wie es nicht selten geschieht, daß die Sage, eines strenggeschichtlichen Ereignisses sich wiederholend bemächtigt, wenn dasselbe nur romantische Färbung hat, so ist es auch in der Nähe von Aschaffenburg im Spessartwalde geschehen. Da klingt die Geschichte des sächsischen Prinzenraubes in eigentümlich treu wiederholter Weise wieder. Zwischen Ebersbach und Soden lag eine Burg, Altenburg genannt, auf dem zwischen beiden liegenden Berge. Nur noch aus den Erzählungen der Anwohner weiß man etwas von ihrem Vorhandengewesensein. Einer der Ritter, die daselbst hausten, hatte zwei hoffnungsvolle Knaben. Zwei Räuber im Bann glaubten sich durch den Raub der beiden Kinder Begnadigung zu verschaffen und beschlossen, sie zu entführen. Sie bestachen den Pförtner, der sie auch in Abwesenheit des Ritters in das Schloß ließ, so daß sie sich leicht der Kleinen bemächtigen konnten. Bevor sie sich nun auf die Flucht begaben, beschlossen sie, ein jeder solle nach einer andern Gegend hin fliehen, und versprachen sich gegenseitig, wenn ja einer von ihnen ergriffen würde, so solle der zuerst Ergriffene nur dann den Aufenthalt des andern angeben, wenn ihm vorher neben der eigenen auch dessen Begnadigung zugesagt wäre. Der eine, der vom Fluchtwege ziemlich ermattet war, band nach einem langen Ritte durch den finstern Wald sein Pferd an einen Baum und legte sich zur Ruhe nieder, nachdem er dem geraubten Knaben aufs strengste verboten hatte, sich zu entfernen. Aber der Kleine benützte die günstige Gelegenheit zur Flucht und entlief, und lief, solange es ihm möglich war. Endlich kam er zu einem Köhler, der im Walde arbeitete und in dem Knaben sogleich ein Kind hoher Leute vermutete. Er fragte ihn aus, und der Knabe erzählte ihm den ganzen Hergang der Sache. Alsbald kehrte der Köhler mit dem Knaben an den Ort zurück, wo der Räuber noch im Schlafe lag. Der Köhler versetzte diesem mit seiner Hacke einen Schlag, der ihn betäubte, und eilte auf dem Pferde des Ritters mit dem Kinde nach dem naheliegenden Ebersbach, von woher er die Glocken, mit denen man ob des Knabenraubes Sturm läutete, hörte, und wo alles in der größten Bestürzung war. Leute von da bemächtigten sich des Räubers und brachten ihn nebst dem Knaben nach der Altenburg. Auf das Versprechen, er werde begnadigt, wenn er seinen Kameraden angeben würde, verriet er denselben treulos. Dieser wurde mit dem zweiten der Knaben eingeholt und hingerichtet. Ersterem ward Wort gehalten, er blieb ungestraft, hatte aber keine frohe Stunde mehr. Der Geist seines verratenen Bündners verfolgte ihn Tag und Nacht, bis er sich selbst den Tod des Stranges gab. *   791. Allerlei Kreuze Im Spessartwalde stehen gar viele Bildstöcke und Kreuze nach allen Richtungen hin. So in dem östlich von Oberbessenbach gelegenen Walde ein großes hölzernes Kreuz, das Posthalterskreuz genannt. Hier zog die alte Straße vorüber, die früher nach Aschaffenburg führte. An dieser Stelle wurden einst die Pferde, die den Postwagen zogen, auf einmal unruhig und begannen plötzlich zu rennen, ohne daß der Knecht sie zu zügeln vermochte, über Stock und Stein ging es hinweg. Da gelobte der Posthalter hier ein Kreuz, wenn der Wagen glücklich nach Aschaffenburg käme. Und da dies geschah, ließ er es errichten. Sodann steht zwischen Hessenthal und Weibersbrunn das rote Kreuz; auch bei Stockstadt zwischen Aschaffenburg und Seligenthal steht ein rotes Kreuz, das ein Priester setzen ließ, der einen Wolf mit seinem Brevier erschlug; zu diesem Kreuze beten noch immer gern viele Gläubige; und eine Stunde von Rohrbrunn gegen Echterspfahl, allwo die Herren von Schönborn ob Jagdzwistes einen Echter aufknüpften, steht das Schweinfurter Kreuz; ein Fuhrmann ist allda verunglückt. Am berühmtesten aber ist in dieser Gegend das Goldbacher Kreuz, denn es sind viele Wunder bei ihm und durch dasselbe geschehen. Es liegt ganz nahe der Hochstraße, die von Lohr durch den Spessart nach Aschaffenburg führt, nur eine halbe Stunde von dieser Stadt, ist alt und steinern und von ehrwürdigen Linden umgeben. Nahe dort erhebt sich der Kugelberg, der auch der Schloßberg heißt, weil eine Burg oben draufstand. Der Ritter auf dieser Burg hatte eine einzige Tochter, die war verlobte Braut eines andern Ritters, wurde aber auf einem Ritt nach dem nahen Aschaffenburg von Räubern angefallen und hinweggeführt. Der Vater wie der Bräutigam boten alles auf, ihren Aufenthalt zu erkunden, was endlich auch dem Bräutigam gelang. Eilend gab dieser dem Vater Kunde, und der Ritter ritt ihr, der unterdes Befreiten, entgegen. Allein ehe er sie wiedersah, stürzte er samt seinem Roß nahe bei Goldbach und verschied. Die Tochter war darüber so entsetzt, daß sie den Schleier nahm. Dem Vater zum Gedächtnis wollte sie ein Kloster an die Unglücksstelle bauen, allein das Bauholz blieb nicht alldort, es ging damit wie mit der Johanniskirche, die nicht im Tale stehen wollte, am andern Morgen war allemal wieder alles fort und lag nahe einer Mühle; da baute denn die trauernde Tochter an jene Stelle ihr Kloster, und das war Schmerlenbach, das lange bestanden hat; auch stehen noch seine Gebäude. *   792. Riesenpflugschar Im Schloßhofe zu Aschaffenburg hängt eine ungeheuer große Pflugschar offen da und auch eine großmächtige Rippe, welche für die Rippe eines Riesen gilt. Eine dunkle Sage, welche durch moderne Dichtungen nicht hell gemacht ist, läßt einen Riesen mit dieser Schar dem Main, der früher vom Nilkheimer Hof hinter dem schönen Busch vorbei gerade nach dem Dorfe Main =Aschaff floß, ein neues Bette in großer Krümmung pflügen, damit er an Aschaffenburg vorüberfließe, allwo Kaiser Karl der Große eine Burg gehabt haben soll. Aber dadurch, daß die Stadt die Zier eines vorüberfließenden mäßigen Stromes gewann, hatte ein Dorf in der Stadtnähe durch Überflutung gar oft zu leiden, und die Bewohner sprachen: Leider ist der Main zu uns geleitet – und davon hat es den Namen Leider überkommen, den es bis diese Stunde führt. Aschaffenburg hieß in alten Zeiten Asciburgum, und war daselbst, wie auch im nahen Stockstadt, eine Römerkolonie. Zahlreiche Reste römischen Altertums wurden dort, vornehmlich in Stockstadt, ausgegraben. Der Riese, der im nahen Walde hauste, soll nicht im Kampfe gefallen, sondern von wilden Tieren zerrissen worden sein, und ward nichts weiter von ihm aufgefunden als eine Rippe von ihm und seine Pflugschar. Beim Nilkheimer Hofe soll Bonifazius dem Volke des Bachgaues, so war jene Gegend benannt, die Christuslehre gepredigt und dort ein Kirchlein begründet haben, das die Mutterkirche aller andern des Gaues ward. Nicht weit vom Nilkheimer Hof liegt das Pfarrkirchdorf Groß-Ostheim. Mitten im Großostheimer Walde zeigt man den Hexenkirchhof, den Ort, allwo die Hexen der ganzen Umgegend, deren es nicht wenige gab, verbrannt wurden; es herrscht in derselben auch noch der Glaube an nächtliche Bockreiter, nicht minder der an Butter und Fleisch zuführende Drachen, an Feuermänner, Heerwische, und am Gernspringbach, der durch Stockstadt fließend in den Main fällt, zeigen sich gespenstige Reiter und halten ein Schlagen in den Lüften, während ein schwarzer Reiter ohne Kopf die Grenze umreitet. Zu Stockstadt hat man im Jahre 1842 gar ein wildes Getöse in den Lüften gehört, wie ein glaubhafter Mann versicherte, es war im Monat April, und kam vom Rodenstein herüber, der nur sechs Stunden von dort entfernt liegt. Das Sausen und Brausen des nächtlichen Heerzuges in den Lüften zog sich über den nahen Odenwald und verlor sich in den waldigen Höhen des Spessart. In Stockstadt hat auch lange Zeit ein Mautner gespukt, genannt Starhart der böse Zöllner oder auch der schwarze Mann im Zollhaus. Als 1812 ein Brunnen aufgegraben ward, hörte er auf zu rumoren. *   793. Heunsäulen und Heunaltar In der Grafschaft Erbach liegt eine Heun- oder Riesensäule, und zwar auf dem Felsberge ohnweit Reichenbach; sie ist von graugrünlichem Granit und über einunddreißig Schuh lang. Früher war sie noch um elf Fuß länger, aber ein Stück sprang ab und liegt im Dorfe Bedenkirche. Viel Spuren alter Römerbauten werden in dieser Gegend angetroffen, so das Kestrich ( Castrum ) bei Stockstadt, die gepflasterte Heerstraße bei Mudau von Oberscheidenthal nach Schloßau, wo auch ein Castrum, dann liegen nahe beim Dorfe Bullau auf dem Heunberge ohnweit Miltenberg a.M. sieben Heunsäulen beieinander und weiterhin rief versteckt noch zwei. Daran sind noch die Handgriffe, wie die Riesen sie herumgedreht bei der Bearbeitung, und wollten sie brauchen, eine Brücke über den Main zu bauen. Die Säulen bestehen aus rotem Sandstein, sind hier gebrochen, ordentlich behauen und mit Handhaben zum Wegschaffen versehen. Die größte der Säulen hat siebenundzwanzig Fuß Länge und mißt am Fuße dreieinhalb, am oberen Ende zwei Fuß im Durchmesser. Die andern sind fünfundzwanzig, vierundzwanzig und zwanzig Fuß lang. Vier davon sind mit Schriftcharakteren bezeichnet, welche indes weder mit nordischen oder deutschen noch sonst bekannten Runen auch nur die geringste Ähnlichkeit haben. Die größte hat eine ziemlich regelmäßige Reihe derselben; bei den andern ist weniger Ordnung sichtbar. Die Gelehrten können diese Schriften so wenig lesen wie die Heilsberger Steinschrift, die Riesen haben aber auch nicht für die Zwerge geschrieben. Wandelt einer von dem Dorfe Großheubach am Main, zur Linken des Engelberges, eine halbe Stunde den Rücken des Baulandes hinauf und nach der Seite zu, welche bei der Krümmung des Mains über diesen hinweg einzelne Dörfer und auch Miltenberg erblicken läßt, so gelangt er zu einem Meer von Felsstücken und von dort zu einem freien Platz, auf welchem hie und da große Felsmassen zerstreut liegen. Unter diesen zeichnen sich besonders zwei übereinanderliegende große Stücke aus, die bei einem Umfang von ungefähr dreißig Fuß sicher vierzehn Fuß Höhe messen und den Namen des Heunenaltars führen. Ob die Heunen gebetet haben, können wir freilich so eigentlich nicht wissen, doch formte und türmte ihre übermenschliche Kraft wohl nicht vergebens Säulen und Altäre. *   794. Amorbach In einer Gegend, wo die Römerzeit so viele Spuren hinterließ, würde es kaum befremden, wenn der Name eines Gottes der antiken Mythe in deutscher Sage begegnete, und niemand würde schneller bereit gewesen sein, dem Herzenbewältiger Amor hier ein frühes Heiligtum zuzuweisen, als jene überklugen Diftler, die den Remus in die Altmark auswandern und dort begraben, der Isis im märkischen Sande Tempel gründen lassen und darüber, ob dergleichen nur möglich, in ihrem archäologischen Gemüte völlig beruhigt sind. Sie würden aber hier mit dem Amor geradeso fehl schießen wie mit der Isis in Gardelegen und dem Sol in Soliswelte, heute Salzwedel, allwo, zu Salzwedel, auch Doktor Faust geboren worden sein soll – denn das gemeine Sprüchwort sagt: Trifft's nicht, so fehlt's doch. Es war ein Abt, der hieß Amor – als welches für einen Abt gar ein hübscher Name – und zwar der erste der Abtei, welcher er seinen Namen verlieh; das ist aber schon lange her, denn die Sage geht, daß schon im Jahre des Herrn 734 sotaner Amor gelebt, und daß Karl Martell und Pipin unter Zurateziehung eines Jüngers des heiligen Maurus namens Pirmin diese Abtei begründet, zu der ein Graf Richard von Berg den Grund und Boden gab. Nahebei liegt auch ein Gehöft, heißt Amorsbrunn; allda soll sich Amor bisweilen sehen lassen. *   795. Die gleichen Frauen Ein Graf von Wertheim verlor seine treugeliebte Hausfrau durch den Tod. Das ging ihm mächtiglich zu Herzen, und er schwur, nie wieder zu freien. So hat in seinem gerechten Schmerz wohl schon mancher Mann geschworen, hat es aber nicht halten können, und übereilter Eid tut Gott so gut leid wie der gezwungene. Da ward aber mannigfach in ihn gedrungen, sich wieder zu vermählen, damit sein Stamm nicht aussterbe und die schöne mit Wald und Wein und Weide gesegnete Grafschaft nicht an die Herren Vettern und Nachbarn falle, und so sprach der Graf: Ich will es tun, so ich eine finde, die meiner verstorbenen Frau in allem gleicht, absonderlich im Gesicht. Und ist ausgeritten auf die Brautschau und hat lange gesucht, bis das Glück ihm ein holdes und tugendsames Frauenbild finden ließ, das seiner verlorenen Herzallerliebsten glich. Das hat er zum zweiten Gemahl erkoren und lange mit ihm unvergleichlich glücklich gelebt, und hat angeordnet, auf seinem Grabstein zwischen seinen beiden sich so gleichen Frauen abgebildet zu werden, gleich jenem thüringischen zweibeweibten Grafen von Gleichen zu Erfurt, auf welchem Steine des Steinmetzen Kunst die Frauen einander nach Gesicht und Tracht auch so ziemlich ähnlich geschaffen. So steht der Graf von Wertheim in der schönen gotischen Pfarrkirche der Stadt Wertheim an der Mauer zur linken Hand, und ward der Grabstein schon oft bewundert. *   796. Doktor Luther in Wertheim Da Doktor Luther auf der Reise nach Worms begriffen war, soll er seinen Weg mainabwärts und im Städtlein Miltenberg Nachtquartier genommen haben. Nun wäre – geht die Sage – der damalige Graf von Wertheim ein abgesagter Feind des Reformators und der neuen Lehre gewesen und habe Arges gegen ersteren gesonnen, habe daher, sowie ihm Kunde gekommen, satteln lassen und sei sogleich nach Miltenberg geritten, allwo er aber erst ziemlich spät abends ankam und seinen Plan dem nächsten Morgen aufsparte. Am selbigen Morgen nun stieß der Graf die Fensterladen seiner Herberge auf und schaute in die frische Morgenluft hinaus, und drüben, im Hause gegenüber, schaute auch schon ein Mann heraus in geistlicher Tracht, der bot dem Nachbar gegenüber freundlich guten Morgen und begann zu sprechen vom Wetter und Weg, vom Main und vom Wein, und gab immer ein Wort herüber und hinüber das andere Wort, und beredeten sich die Herren, mitsammen das Frühmahl einzunehmen, und kamen zueinander. Da wurde fortgesprochen von der neuen Lehre, und wie der Graf ihr heftig zürnte, da milderte der andere seinen Zorn und sagte ihm, der Luther wolle ja nicht den Glauben umstoßen, sondern ihn nur geläutert haben, und klärte den Grafen auf über so manches, und sprach ihm die Zweifel aus dem Kopf und den Zorn aus dem Sinne. Und wie der geistliche Herr nun scheiden wollte, da bat ihn der Graf um seinen Segen und fragte ihn bescheidentlich, wie er sich nenne, und jener sprach: Wie soll ich mich anders nennen als Doktor Martinus Luther? Ich hab' gemeint, Ihr hättet mich gekannt! – Da hatte der Graf eine große Freude und geleitete Luther weiter mainabwärts nach seinem Wertheim, und ließ ihm im Adler Herberge anweisen, und führte ihn dann auf die Vockenrother Stege, die Stadt und Kreuzwertheim und die Gegend ihm zu zeigen. Da sprach Luther das prophetische Wort, als er die Stadt, von Main und Tauber umflossen, unter sich liegen sah: Vom Feuer hat Wertheim nichts zu befahn, Im Wasser aber wird's untergahn! Doch hat es mit sotaner Prophezeiung keine Eile. Den Wertheimern hat sie aber gleichwohl einen Schrecken gemacht, und war ihnen nicht lieb, und deshalb haben sie dem Doktor Luther nachgesagt, er sei im Adler immer noch die Bratwürste schuldig, die er alldort verzehrt. Ein Stück unter Kreuzwertheim liegt das Pfarrdorf Hasloch und das Dörfchen Haselberg am rechten Mainufer, die wollen insofern ein wenig an den Hörselberg und das Hörselloch in Thüringen erinnern, als dort am Main nach allgemeiner Sage sich eine lichte Frauengestalt zeigt, deren Name im Volke Hulla lautet. Sie ist gütig und hülsreich, trägt müden Landleuten die schweren Hockelkötzen und ruht auf einem Felsen unter Hasloch aus, in dem sich ein förmlicher Sitz eingetieft zeigt. Wer sie beleidigt und zum Zorn reizt, dem begegnen dämonische Erscheinungen, die ihn vom Wege ableiten und in die Irre führen oder sonst ihn schrecken und sinnverwirrt machen. Hier ist Frau Hulda als liebreizende Huldgöttin von der Sage ausgefaßt, und nur mit leisem Zuge ist auf das wilde Heer hingedeutet und auf die Nachtseite der deutschmythischen Feine. *   797. Die Wettenburg Ganz nahe bei Kreuzwertheim erhebt sich ein steiler Berg, die Wettenburg genannt, der ist auf drei Seiten vom Main umflossen. Den Namen des Berges leitet die örtliche Sage von einer Burg ab, die ehemals dessen Scheitel krönte. Eine reiche Gräfin, die als Herrin auf der Burg saß, wollte den Berg auch noch auf der vierten Seite vom Main umgeben wissen, auf daß der Strom zum natürlichen Wallgraben eines Inselschlosses würde, und entbot dazu das Volk zur harten Frone. Ihre Untertanen erlagen fast unter der Last der Arbeiten, die das ungeheuere Unternehmen erforderte, und Hindernisse aller Art türmten sich entgegen, doch der Trotz der Gräfin ging so weit, jedem ihrer Freunde und Vasallen eine Wette anzubieten, der etwa das Zustandekommen der Ausführung ihres Planes bezweifeln wollte. Bei einem stattlichen Gastmahle, wo sie die Wette anbot, warf die Gräfin einen blitzenden Demantring in die Flut des Mains und sprach: So gewiß dieser Ring nimmer wieder in meine Hände kommt, so gewiß muß der Berg durchgraben werden; wo nicht, so verschlinge der Main mich und meine Burg! – Ein furchtbarer Donnerschlag aus heiterem Himmel antwortete der Stimme ihres Frevels. Am zweiten Abend saß die Dame in großer Gesellschaft bis Mitternacht beim Mahle, wo unter andern auch ein großer Fisch aufgetragen wurde, und o Wunder! in des Fisches Eingeweiden hatte sich der in die Fluten geschleuderte Ring gefunden, den der Koch, indem er den Fisch auftrug, glückwünschend der Herrin darreichte. Alles entsetzte sich, und mit dem letzten Schlage der Geisterstunde sank unter Donner und Blitz die Burg mit ihren Bewohnern in den Strom, und nur Steinhaufen bezeichneten ihre Stätte. Diese Stätte der versunkenen Wettenburg, die nun von der Wette erst dann den Namen bekam, als sie nicht mehr war, bezeichnete sonst neben wenigen Trümmern nur eine tiefgehende schachtähnliche Kluft. In diese Kluft ließ sich einmal ein Hirte an einem Seil hinab und hatte seinen oben gebliebenen Gefährten angewiesen, ihn auf ein gegebenes Zeichen sogleich herauszuziehen. Er kam in einen Saal, worin ein schwarzer Hund lag und etliche Männer und Frauen in alter Tracht regungslos, wie Leichensteine, beisammensaßen. Da faßte ihn ein Grausen, und schnell ließ er sich hinaufziehen. Einen Schäfer, welcher ein andermal hinuntergestiegen war, führte eine Frau, die Herrlichkeit des Schlosses ihm zeigend, durch viele Gemächer, zuletzt in eines, worin lauter Totenköpfe sich befanden. Als er aus dem Berg kam, erfuhr er, daß seit seinem Hinuntersteigen nicht, wie er geglaubt hatte, einige Stunden, sondern sieben ganze Jahre verflossen waren. – Heutiges Tages ist auch der Schacht nicht mehr zu sehen; wohl aber hört man noch Glockengeläute aus der Tiefe des Berges, und goldene Sonntagskinder können alle sieben Jahre am Tage des Untergangs der Burg dieselbe auf dem Grunde des Mains erblicken, ebenso auf dem Berge, da wo das Schloß gestanden, eine Höhle und daneben einen Felsen, worin ein großer Ring abgedruckt ist. Auf diesen Ring legte einst ein Küfer sein Bandmesser und schlief nachher ganz in der Nähe ein. Beim Erwachen sah er weder Felsen noch Messer mehr; aber nach sieben Jahren fand er beide wieder, als er an dem gleichen Tage dahinkam. – Ein Schäfer, welcher sich vor dem Regen in die Höhle geflüchtet hatte, verfiel darin in Schlaf; als er erwachte, waren unterdessen siebenmal sieben Jahre verflossen, und er traf zu Hause alles ganz verändert. *   798. Der Pauker von Niklashausen Nicht weit von Wertheim liegt Niklashausen, ein Dorf an der Tauber, darin hat sich im Jahre 1476 ein Hirte und Paukenschläger erhoben und einen Aufruhr angezettelt, den der Teufel nicht schöner hätte einfädeln können, und waren gegen ihn viele Rumpelmeier und Rumorpauker, die in späterer Zeit, auch gleich ihm, auf den Wiesen predigten, nur Schwachmatiker. Das Treiben dieses losen Gesellen und Kommunismuspredigers und seines dreckigen Anhanges kann nur am besten mit Worten seiner Zeitgenossen geschildert werden, sonst könnte mancher denken, man führe gar zu unsäuberlich mit dem unsaubern zottelhaarigen Knaben Absalom. Der Hirte – so berichtet einfältiglich ein geschrieben Schwäbisch-Haller Chronikbuch – predigte gegen die Obrigkeit, gegen die Klerisei und, ein zweiter Capistranus, gegen die spitzen Schuhe, ausgeschnittene Goller und lange Haare. – Wasser, Wild und Weide solle und müsse alles gemein sein, keine Steuer, kein Zoll, kein Geleitgeld! Die Mutter Gottes hätt' ihm das in einer Samstagnacht offenbart! Ach ja! Also – denn diese Lehre schmeckte – ward gen Niklashausen ein großer Zulauf und ganz Deutschland bewegig; da liefen die Roßhirten von ihren Pferden, die Zäume in Händen tragend, die Schnitter mit ihren Sicheln vom Felde, die Heuerinnen mit ihren Rechen von den Wiesen, die Weiber von ihren Ehemannen und die Mannen von den Weiben. Der Wein war im Jahr davor wohlgeraten, gut und wohlfeil, da wurden zwei Meilen ringsumher um Niklashausen Tabernen aufgerichtet auf Feld und Rasen, da man Wein schank und den Wallern zu essen gab. Die Waller wurden vom Franken- und Tauberwein bezecht, übernachteten durcheinander in Scheuern und im Feld – ging nit all' Sach' gleich zu. – So groß ward des Volkes Zulauf, daß der Paukenschläger aus einem Bauernhaus den Kopf zum Dach herausstieß, daß ihn alle hörten, und hinter ihm im Dachboden stand ein Barfüßermönch, der gab ihm ein, was er predigte, und da hub das Volk an zu weinen – es mochte ihn verstehen oder nicht – wie bei Capistranus, der zumal lateinisch predigte – über seine Sünden und das drückende Elend, und schnitt so viel Haare und Schuhspitzen ab, und tat sich der gestickten Kleider und Wämser ab, daß es nit auf viele Wägen gegangen wäre – wenn es sich nicht unter der Hand verkrümelt hätte. Viele Männer und Frauen schienen Lust zu haben, gleich Adamstänzer zu werden vor lauter Zerknirschung und Gemeinheitstrieb, und zogen sich bis aufs Hemde aus; wenn aber das Getös und der Wein ihnen aus den Köpfen kam, hätten sie gern ihre Kleider wiedergehabt. Es fiel ein unsäglich Geld und Wachs, und die armsdicken Wachskerzen waren mit Würzburger Schillingern, Nürnberger Fünfern, Gerhardskreuzern und Ißbrücknern wie ein Igel mit Stacheln besteckt. Dieser Pauker hatte eine Zottelkappe auf, solche Zotteln riß ihm das Volk von seiner Kappe als ein Heiltum, daß es förderlich sei, wo etwan die Weiber in Kindsbanden lägen und hätten solchen Zottel bei sich, dürft's nit mißlingen. Ja sie küßten dem Pauker Hand und Stecken und was sonst noch. Bald kamen auch absonderlich schöne Liedlein zum Vorschein, die sangen die Waller anstatt der alten Kreuzlieder, zum Beispiel: Wir wollen's Gott vom Himmel klag'n, Kyrie eleison! – Daß wir die Pfaffen nit tot söll'n schlag'», Kyrie eleison! – Dann nannte das wahnbetörte Volk den Pauker nicht anders als Unser Frauen Botschaft, womit sie unserer Frau den allerschlechtesten Geschmack aufhalsten. Die Herren zu Nürnberg merkten, wes Geistes Kind diese Wallfahrt war, und verboten den Untertanen ihres Gebietes bei schwerer Strafe das Rennen gen Niklashausen. Da nun endlich auch Bischof Rudolf, des Geschlechtes von Scheerenberg zu Würzburg, von dem andauernden nichtsnutzen Lärm und der Unzucht in seiner Nähe hörte, denn der Lärmspuk dauerte schon über ein Jahr, auch berichtet ward, der Pauker habe auf einen Samstag eine großmächtige Volksversammlung ausgeschrieen, sie sollten gen Niklashausen in großer Zahl kommen und ihre Wehre mitbringen, da wolle der Pauker ihnen sagen, was die Mutter Gottes ihm befehlen würde – wahrscheinlich hatte er einen Handstreich auf die nahen Schlösser und Klöster im Sinne, denn wozu sonst die Wehr? – da sandte der Bischof einige Reiter und ließ vor diesem Samstag den Pauker und seine Ratgeber einfangen und gen Würzburg führen. Wie nun das Volk erschien mit allerhand Wehr, auch Fahnen, Spießen, Stangen, Wandelkerzen, was jeder erwischt und zu Händen hatte, und hörte, daß Unser Frauen Botschaft zu Würzburg im Turm liege, da brauste es wie ein Wasserfall, und der helle Haufe brach gen Würzburg auf, den lieben Botschafter zu befreien. Da ritt des Bischofs reisiger Zeug entgegen, und die Führer fragten, was es geben solle mit diesem Zug und Spuk. – Der Bischof solle Unser Frauen Botschaft herausgeben, wo nit, so wollten sie ihn mit Gewalt herausnehmen! – Die Reisigen sprachen: Gehet heim! – Da hagelten erst die beliebten Schimpfwörter aus der Volkswehr auf die Reisigen: Ketzer! Pfaffenknechte! Hohlhipper! und dergleichen, ins neue Deutsch übersetzt: vertierte Söldlinge der Gewalt. Solches bewegte die Reisigen zur Ungeduld, wiesen ihrer viele mit blutigen Köpfen von sich, empfingen auch deren, und vermochten nicht, dem Strome zu widerstehen. Als nun die Aufruhrrotten wirklich den Frauenberg, die Feste Würzburgs und des Bischofs Residenzschloß, zu stürmen Miene machten, ließ der Bischof die Stückkugeln über ihre Köpfe hinwegspielen, da vermeinten sie. Unsere Frau beschütze sie mächtiglich, und die Kugeln könnten sie nicht treffen, drangen demnach mutig vor. Da ging denn der ernste Tanz los mit Hauen, Schießen, Stechen, Niederreiten, weil sie es gar nicht anders haben wollten, und wurden alle Türme und Gewölbe voll Gefangene gelegt. Dann wurde der Pauker samt einigen Rottgesellen zu Pulver verbrannt und ihre Asche in den Main gestreut, Aberglauben zu verhüten. In die Wallfahrtgelder, die eingegangen und sehr beträchtlich waren, teilten sich Würzburg, Mainz und Wertheim brüderlich, es ward also doch geteilt, nur nicht so, wie es der Pauker gewollt, und damit war die Niklashäuser Wallfahrt zu Ende. *   799. Christnachtwunder Im Frankenlande herrscht gar mancher Aberglaube im Volke, und es hat dort so wenig gegen ihn geholfen, daß 1477 die Asche des Paukers von Niklashausen in den Main gestreut ward, als die Aufklärung der Philosophen, Pfarrer und Schulmeister vom Ende des vorigen Jahrhunderts an bis auf den heutigen Tag im ganzen übrigen Deutschland. In der Christnacht, wann es zwölfe schlägt, so glauben die Landleute, rede das Vieh in deutscher Menschensprache, und wer da lausche, der höre und verstehe, was ein Vieh zum andern sagt, und braucht nicht erst von der weißen Schlange gegessen zu haben wie der Graf Isang. Da war ein Bauer im Dorfe Riedenheim, einige Stunden von Niklashausen, der war neugierig, mocht' gar zu gern wissen, was das Vieh in der Christnacht für einen Diskurs führen würde, und barg sich unter die Krippe und lauschte. Und wie die Glocke zwölf schlug, so tat ein Ochs sein Maul auf und sprach zum Nachbarochsen: Du! heut über acht Tage wird unser Herr sterben! – Da antwortete der andere: Du! das geschieht ihm recht, dem Viehschinder! – und da fing der ganze Stall an vor Freude zu brüllen, aber weil die Uhr schon ausgeschlagen hatte, so hörte und verstand er nichts weiter als: Juhu! ju! ju! juhu! – Nun war aber besagter Bauer selbst der Herr und hatte genug gehört und verstanden, und nach acht Tagen lag er auf der Bahre. Ein anderes Christnachtwunder in Franken, an welches starker Glaube herrscht, ist, daß mit dem Schlage zwölf der Mitternachtstunde, solange die Glocke dröhnt, Wein anstatt Wassers aus jedem Brunnen springe. Gar wunderselten aber wagt es einer oder eine, sotanes Wunder zu erproben. Nun war einmal in demselben Dorfe Riedenheim eine vorwitzige Magd, die wagte es, in der Mitternachtsstunde der Christnacht an den Brunnen zu gehen und während des Stundenschlages ihre Butte zu füllen. Freudezitternd trug sie die Butte nach Hause, da begegnete ihr ein schwarzer Mann, der hatte eine rote Feder auf dem Hut und feurige Augen, faßte die Magd hart an und sprach zu ihr: In deiner Butte trägst du Wein, Für deine Sünde bist du mein! – faßte sie, riß ihr die Butte vom Rücken, die man am andern Morgen leer auf der Straße liegend fand, und fuhr mit ihr durch die Lüfte von bannen. Ähnliches erzählt man sich im Dorfe Weinheim an der Bergstraße. Alldort stritten sich zwei Bürger über die Wahrheit oder Unwahrheit des Volksglaubens, daß in der zwölften Christnachtstunde Wein aus dem Brunnen fließe. Darauf wurden sie einig, der Knecht des einen solle am Brunnen stehen und die Probe machen, sie aber wollten im nahen Hause am Fenster lauschen. Die Nacht kam, der Brunnen lief, der Knecht stand und probte von Zeit zu Zeit. Wasser! rief er dann jedesmal. Wasser! Wasser! – Jetzt schlug die Glocke zwölf. Ach! jetzt lauft Wein! rief der Knecht und hatte einen prächtigen Schluck getan. Und du bist mein! rief hinter ihm eine schwarze Gestalt, griff ihn und verschwand mit ihm. *   800. Die Rüden von Collenberg Überall, wo in einem Geschlechtsnamen eine Andeutung auf Welflin, Hunde, Rüden und dergleichen begegnet, hat die Sage ihr lebendiges Schaffen begonnen und ihr Netz gesponnen. Am rechten Ufer des Mainstromes, eine Strecke unter Wertheim, zeigt sich noch das Trümmerschloß Collenberg. Darauf hauste einst ein Ritter rauher Art, hart, geizig, mürrisch, menschenfeindlich gesinnt. Um so besseren Sinnes war seine Hausfrau, sanft, liebevoll, duldsam, nachgiebig – dafür hatte sie es auch, gleich vielen andern guten Frauen, die solche nichtsnutzige Männer haben, herzlich schlecht, zumal sie ihrem Manne den gehofften Erben nicht schenkte. Da trat einstmals ein Bettelweib den Ritter an, die hatte sechs Söhne bei sich, wie die Orgelpfeifen und alle frisch und rotwangig wie Borsdorfer Äpfelchen. Da nun das Weib mit ihren sechs Jungen den Ritter flehentlich anbettelte, da ergrimmte er über ihren Anblick und schrie sie an: Weib! Du bettelst und hast sechs Rangen, denen man keinen Hunger ansieht! Da muß die Hölle platzen! Gleich pack dich zu allen Teufeln mit deiner Brut, die der Teufel an den Galgen führe! Ich habe keinen einzigen Sohn, und du Nichtsnutz hast sechs Freßmäuler, die dem lieben Herrgott die Tage abstehlen! – Schön! entgegnete das Bettelweib mit einem bösen Blick. Wir bedanken uns, Herr Ritter, für die guten Wünsche! Ich wünsch' Euch auch etwas! Ich wünsch' Euch zwölf Jungen auf einmal! Ich wünsche, daß sie Euch arm fressen, bettelarm, wie ich – daß ihr selber Gaben heischen müßt und lernt, wie Bettelbrot schmeckt, und wie solche Worte schmecken! Da muß die Hölle platzen! – Der edle Herr von Collenberg war ganz versteinert über des Weibes unerhörte Frechheit, er suchte nach seinem Schwert, hatte aber keins anhängen, rief nach seinen Dienern, seinen Hunden, war aber keiner zur Stelle, und das Weib und ihre Buben hatten flinke barfuße Beine, mit denen sich's weit leichter und schneller läuft als in Stiefeln oder Schuhen. – Und nach Jahresfrist hatte Gott den Leib der Frau des Ritters von Collenberg gesegnet, und sie gebar zwölf Söhne auf einmal. Da fiel dem Ritter die Verwünschung der Bettlerin ein, und war ihm bei seinem Geiz mächtig bange, das Dutzend möchte ihn arm essen, gab daher heimlich Befehl, die Knäblein bis auf eins gleich jungen Rüden ins Wasser zu tragen. Aber das wollte Gott nicht, und es ging wie bei den acht Knäblein des Grafen von Querfurt und bei den Hunden von Wenkheim, nur daß dort die Mütter aus Furcht unmenschlich grausam waren, hier aber der Vater aus nichtswürdigem Geiz: die Knäblein wurden durch Gottes Hand und Willen am Leben erhalten, und da sie erwachsen waren, kamen sie allzumal und wurden die Rüden geheißen, und war ein mannlich Geschlecht, das den Collenberger arm zehrte und seine Besitzungen gewann. Nachher nahmen sie von der Burg ihres Vaters den Namen an Rüden von Collenberg. *   Geistermette zu Karlstadt 801. Geistermette zu Karlstadt Zu Karlstadt am Main geschah es einst, daß eine fromme Magd in einer Adventsnacht erwachte und zur Mette läuten hörte. In der Meinung, es sei Zeit ins Rorate (Besprengung mit dem Weihwasser), zog sie sich an und ging in die Kapuzinerkirche. Unterwegs noch vernahm sie das Geläute; als sie an die Kirche kam, wurde darin zur Orgel gesungen, und die Fenster waren hell erleuchtet. Sie ging durch die offene Tür hinein, es war am ersten Segen, und sie kniete schnell in einen Betstuhl. Später fiel es ihr auf, daß andere Lieder als die gewöhnlichen gesungen wurden; sie schaute umher und erkannte jetzt in dem Priester und in mehrern andern Verstorbene aus dem Orte und merkte nun, daß sie unter lauter solchen sich befinde. Voll Schrecken floh sie aus der Kirche, und kaum war sie vor der Türe, so schlug es Mitternacht. Da mit einemmal verstummte in der Kirche Gesang und Orgel, die Lichter erloschen, und ein Windstoß warf die Türe zu. *   802. Karlstadter Streiche Auch Karlstadt am schönen Main hat die Ehre, in den Kranz der Orte zu gehören, denen Scherz und Sage absonderliche Lalenstreiche aufbürden, gleich den Wasungern und vielen andern, trotzdem, daß schon Karl Martell die Karlsburg über dem Städtlein erbaut haben soll. Freilich ist auch hier vieles, wie bei den meisten andern, nur ein Widerhall aus dem Lalenbuche, anderes ist oft gerade deshalb, weil es eigentümlich, nicht wohl ausführlich mitzuteilen. Der weise Rat, die vom Berge herabgefahrenen Garben wieder hinaufzuführen, weil das Herabwerfen schneller gehe, wiederholt sich anderwärts mit Holz; jener, welche Sorte Papier dem Fürstbischof von Würzburg bei seinem hochgnädigen Besuch in Karlstadt an den dritten Ort gelegt werden solle, könne und dürfe, der sich über Gebühr und Zeit in die Länge zog, ist einer von den eigentümlichen Streichen, zumal diese brennende Frage bis dato noch nicht entschieden sein soll. Als die Schweden Würzburg erobert hatten und darin als Herren walteten und vieles mitgehen ließen, schien auch für Karlstadt deren Nahen unausbleiblich, daher ward in aller Eile der Schatz der Stadt in eine eiserne Truhe verschlossen und, gleich dem Nibelungenhort im Rhein, in den Main versenkt. Welches Zeichen die Nibelungen gemacht, den Hort dereinst wiederzuerlangen, wußten die Karlstadter nicht, welches sie aber machen sollten, das wußten sie. Sie schnitten in aller Eile in den Schelch, darauf sie den Schatz mitten in den Strom gefahren, an der Stelle, wo sie den Schatz hinabgesenkt, eine tiefe Kerbe und fuhren dann fröhlich wieder zum Ufer. Der Schatz war gut geborgen. Als der Schwede kam, fand er ein leeres Nest, und als er fort war, fanden die Karlstadter wohl die Kerbe im Schelch, aber den Schatz, den fanden sie nicht wieder. Wie sie das blecherne Männlein an der Uhr kuriert haben, das ist auch so eine Geschichte, die sie nicht gern erzählen hören, darum mag sie auch hier unerzählt bleiben. *   803. Das Schenkenschloß Über Zell bei Würzburg, hart überm Wege nach Karlstadt, rechter Hand steht eine alte Turmtrümmer, die Schenkenburg genannt; auf der hauste ein ruheloser Schenk. Nun wurde einst in einer Spinnstube gesagt, droben im Schenkenturme sei ein Hühnernest mit Eiern, und dabei derjenigen ein neuer grüner Rock versprochen, die sich getraue, jetzt in der Nacht und ganz allein die Eier aus dem Nest zu holen. Ein Mädchen war zu dem Unternehmen bereit, wenn man ihr einen Ranken Schwarzbrot, einen Wetzstein und einen schwarzen Kater verschaffen wolle. Nachdem sie diese drei Dinge erhalten, ging sie damit getrost hinauf in den öden Burgturm, fand dort in einer Raufe das Nest und nahm die Eier heraus. Da rief ein grauer Mann ihr zu: Hättest du nicht deinen linkenden Rank, deinen wetzenden Wetz und deinen schwarzen Kater – so müßt' ich dir den Hals brechen! – Voll Schrecken lief das Mädchen davon und brachte zwar die Eier nach Zell, wurde aber gleich darauf krank und starb nach kurzer Zeit. Da, wo jetzt noch dieser Schenkenturm steht, stand vormals eine stattliche Burg, die gehörte dem Schenken von Roßberg. Es ist allgemeiner Glaube, daß dort die Geister der Ritter noch spukend umgehen, und daß große Schätze sich zur nächtlichen Zeit durch blaue Flämmchen droben verkünden. – Zu Unterdürrbach, hinterm Schloßberge nach Rimpar zu, lebte ein altes Weib, die hatte aus Gnade und Barmherzigkeit ein armes Waislein, das ihre Verwandte war, zu sich genommen. Sie plagte aber das arme Kind wie ein Teufel, und dabei hatte sie eine ungemein durstige Leber. Als sie einstmals ihren Vorrat ausgezecht, gab sie dem Mädchen den Weinkrug und befahl ihm Wein zu holen, aber Geld gab sie ihm nicht, und da fragte das Kind: Wo soll ich denn Wein holen ohne Geld? – Ei du Teufelsbraten! schrie die Alte, hol ihn doch in des Kuckucks Namen, wo du willst! Meinethalben droben im Schenkenturme! Da muß man doch wohl den Wein geschenkt bekommen! – Das Mädchen stieg in seiner Unschuld den steilen Berg hinauf und betrat die inneren Räume der Burg; da schritt ihm ein kleines eisgraues Männlein entgegen und fragte freundlich: Was willst du, Kleine? – Das Kind erzählte, was ihm von der Alten gesagt und geboten worden war. Das schien dem Männchen zu gefallen, und es nahm den Krug, verschwand in ein Gewölbe und brachte dann das Gefäß gefüllt mit dem köstlichsten Wein wieder. Als er ihn dem erstaunten Kinde übergab, sprach er: Habe Dank, du kleine reine Feine! Du glückselige Magd hast mich erlöst! Denn so lange war ich verdammt, in diesem Gemäuer zu wandern, bis ein rein unschuldig Kind mir etwas von dem geraubten Gut abverlangen werde. Geh hinab und trinke ja nicht von dem Wein, sonst brennt er dir auf der Seele. – Das Mädchen zitterte an allen Gliedern und trug den Korb hinab, der wurde aber mit jedem Schritt schwerer und immer schwerer, und als es endlich den Fuß des Berges erreicht hatte, sank es erschöpft nieder. Schon wollte es einen wackern Zug zur Stärkung tun, aber – da war der Wein verschwunden und hatte sich in eitel Goldstücke verwandelt. *   804. Würzburgs Gründung Die Gründung Würzburgs und namentlich die seiner Feste fällt in sehr frühe Zeiten. Da der Frankenherzog Gozbert sich dem Christenglauben zuneigte, ließ er die Götzenbilder in den Mainstrom versenken und reinigte von ihnen Schloß und Stadt. Also schon zu dessen Zeit war beides vorhanden. So auch bekannte sich der Herzoge letzter, Hetan, mit seiner Tochter Irmina zum Christentum, die später ihren Wohnsitz auf die Karlsburg über Karlstadt verlegte und die Burg über Würzburg dem ersten Bischof, Burkhard, überließ. Andere schreiben der Feste Gründung einem Traume Pipins zu, den er in öder Waldwildnis auf dem Burgberge, vom Jagen müde und entschlummert, gehabt, worauf derselbe 764 zuerst eine Kapelle auf dem Berge erbauen lassen; darauf habe Karl der Große ein Kloster droben begründet, und der alte Name habe Wilisburg, Wildsburg, Wülzburg gelautet, der häufig begegnende Umlaut des l in r habe endlich daraus Würzburg bilden lassen. Wenn man's so hört, möcht's leidlich scheinen – allein solche Angaben sind kaum Sage zu nennen, denn in der Regel hat dergleichen nur einer gesagt, der es eben erträumte. Burg- und Städtegründungen, die so hoch wie jene Würzburgs in die Zeitenfrühe hinaufragen, lassen sich nicht nach Jahr und Datum an den Fingern herzählen. Als sich in Westfrankonien die Macht der Majordomen oder Hausmeier über die der Könige unter dem hochstrebenden Pipin von Heristal, der das Ruder der Herrschaft in starken Händen hielt und dem König nur einen Schatten von Ansehen gönnte, erhoben hatte, nannten seine Nachkommen sich Herzöge und Fürsten der Franken. Karl Martell hatte Thüringen und Franken den Sachsen entrissen. Karlmann bekam in der Teilung mit seinen Brüdern Austrien, Suevien und Thüringen. Bald auch machte der Name Franken neben Austrien und Nuistrien (Neuaustrien, Ostfranken) sich für immer geltend. Karlmann konnte schon an das Stift Würzburg eine Menge Kirchen und Güter schenken. Pipin der Kurze, Karlmanns Bruder, bestieg, als letzterer der Welt entsagte und in ein Kloster trat, den Thron. Er übergab dem Bischof Burkard zu Würzburg die Herzogwürde für sich und seine Nachfolger mit der Jurisdiktion über Leute und Blut, welche die würzburgischen Bischöfe jedesmal von dem westfränkischen Königreiche zu Lehn empfangen sollten, daher das Sprüchwort entstand: Herbipolis sola judicat ense, stola . Pipins großer Sohn Karl war oft in Franken und Thüringen anwesend. Längst war Franken in Gaue eingeteilt, die unter besonderen Gaugrafen standen. – Würzburg, die uralte Bischofstadt, ist so reich an örtlichen Sagen, daß sie für sich ein Buch füllen würden. *   805. Das Kreuz am Stein Zu Würzburg auf dem Stein, da wächst der beste Wein! wiederholt ein Jahrhundert dem andern. Auf der Stätte nun, wo der beste Wein wächst, dem aber jener an der dem Stein gegenüberliegenden Leiste keineswegs nachsteht, denn er leistet Außerordentliches, steht ein steinern Kreuz. Zu einer Zeit wegelagerte Ritter Eppelein von Gailingen der Tapfere, dem die Würzburger Sage den Ort Gailig oder Gailnau bei Rothenburg an der Tauber zuweist, in dieser Gegend und hielt die Veitshöchheimer Straße bewacht, von der er einen heraufkommenden Güterzug verkundschaftet hatte. Weil aber der Ritter ein schlimmer Geselle war, so war längst auf seinen Kopf ein Preis gesetzt, den die Würzburger just so gern verdienen mochten wie die Nürnberger, und der Güterzug war eine Falle, denn als er nahe kam und Eppela mit seinen Dreizehn ihn angriff, so sprangen aus den Fässern und Kisten und Kasten der hochbeladenen Fuhrmannswagen mehr als dreimal dreizehn Bewaffnete, und von zwei Seiten sprengten würzburgische Reisige heran, und da kam es an ein arges Schlagen und Klopfen, und war Eppela Gaila von Dramaus heute zu vierzehnt ausgeritten, so ritt er ganz einzig und allein jetzt über Stock und Stein auf wilder Flucht, und hinter ihm her, wie die wilde Jagd, ritten seine Verfolger, schnitten ihm auch seitwärts Wege ab, kreiseten ihn ein wie die Jäger einen Edelhirsch und erhoben ein lautes Hallo, als sie ihn dahin gebracht, daß er einer hohen Felsklippe am Stein zusprengte, von der kein Entrinnen war, denn unter ihr floß breit und tief der Strom. Aber Eppeleins treues Flugroß hatte schon ganz andere Sprünge gemacht als den, der jetzt zu machen war, ein Satz, und im Main verschwanden Mann und Roß, und nach einer Weile tauchten beide unversehrt am andern Ufer empor und gewannen's, und wenn Eppelein auch den Würzburgern hätte zurufen wollen: Die Würzburger henken auch keinen, sie hätten ihn zuvor – so war er doch zu weit von ihnen, als daß sie's gehört hätten. Aus Dankbarkeit für seine Rettung hat hernach der fromme Eppelein das Steinkreuz auf den Fels am Stein aufrichten lassen. *   806. Die Wirtin zur Gans Ganz nahe beim Marienburgberg bei Würzburg liegt St. Nikolauskapelle. Diese soll eigentlich diejenige gewesen sein, welche – Pipin nach seinem Traume gründete. Des Berges Spitze heißt die Waldkapell, da stand sonst eine Kapelle des Teufels darauf, nämlich ein Wirtshaus genannt zur Gans. Darin hausete eine lose Wirtin, die manschte den Wein, dessen dort doch kein Mangel, dennoch mit Wasser, dafür ist sie aber auch von ihren Gästen so oft und so lange verwünscht worden, bis die Verwünschung an ihr in Erfüllung gegangen. Längst ist vom Wirtshaus zur Gans keine Spur mehr vorhanden, aber die böse Wirtin, oder vielmehr ihre Seele, hat noch immer keine Ruhe, sie muß umgehen, wie die Arnstädter Bierzapferin im Walperholz, und immer schreien: Ein halb Maß Wasser, Ein halb Maß Wein, Macht's etwas blasser, Doch auch 'n Maß Wein. Und was das Schlimmste bei der Sache ist, ist das, daß diese wandernde Seele nicht eher ihre Erlösung zu hoffen hat, bis kein Wirt und Weinhändler mehr im ganzen weingesegneten Frankenlande auch nur einen Tropfen Wasser dem Weine zugemischt, da kann die Ärmste noch lange warten, wandeln und schreien. *   807. Christusbild fängt einen Dieb In die Neumünsterkirche zu Würzburg stieg einst ein Dieb; er hatte wahrgenommen, daß ein Christusbild allda mit einer reichen güldnen Kette geziert war, die ein frommer Gläubiger zur Erfüllung eines Gelübdes demselben geopfert. In ernster Ruhe stand das Kruzifix, die Arme fest am Kreuzesstamm; strafend schienen die Augen des heiligen Leichnames den Kirchenräuber anzublicken, aber der Dieb ließ sich nicht schrecken, er nahte dem hölzernen Bilde und streckte die Hand gierig nach der Goldkette aus. Indem so ließ das Bild seine Arme vom Kreuzesstamme los und umhalste den Dieb, was diesem sehr drückend war. Er ächzete und krächzete wie ein Fuchs im Eisen, aber das hörte niemand; er winselte, wimmerte und betete, das hörte auch niemand, denn das Kruzifix stand in der Krypte der Neumünsterkirche. Endlich, als ihm die Umarmung schier unerträglich ward, schrie er: Zetermordio, zu Hülfe, zu Hülfe! – das endlich hörten die Leute, und fanden den Vogel, und banden ihn; und taten ihn in einen sichern Käfig; aber ein Wunder begab sich noch, des Kreuzbildes Arme blieben, so wie sie den Dieb losgelassen, vor den Leib hin ausgestreckt stehen, und so wird es noch heute gezeigt und angestaunt. *   808. Hauger Stiftskirche In dem reichen Stift Haug dicht an Würzburg sollte eine schöne Kirche gebaut werden; der Baumeister verhieß, sie solle im Innern und Äußern der St. Peterskirche zu Rom gleichen und mit gleich herrlicher Kuppel geziert sein. Mißlinge das Werk, so wolle er auf seinen Lohn verzichten. Der Baumeister war ein Teufelsbündner, er glaubte seiner Sache ganz sicher zu sein, und vollendete mit des Teufels Hülfe glücklich den Bau; aber eben weil er ihn vollendete, verfiel er dem bösen Feind zum Eigentum, und dieser trachtete mit Arglist, ihn zu verderben, denn er hatte mit dem Baumeister bedungen, daß dieser ihm dann verfallen solle, wenn der Bau glücklich vollendet werde und der Baumeister dennoch auf seinen Lohn verzichte. Da nun die Gerüste abgenommen wurden, so entstand in der Gewölbekuppel ein donnerähnliches Krachen, das Gewölbe schien sich zu senken und alles zusammenstürzen zu wollen. Voll Entsetzen und schreiend drängte alles nach den Türen, dem Baumeister selbst war so bange um seinen Kopf, daß er ihn alsbald selbst verlor, stürzte auch aus der Kirche und fand ein schwarzes gesatteltes Pferd stehen, auf das er sich eilend warf, Lohn und alles dahinten ließ, nur sein Leben zu retten, und davonsprenzte. Das Pferd rannte spornstreichs nach dem Galgenberge, zur Gerichtsstätte, wo die armen Sünder abgetan wurden, und als es droben war, warf es den Baumeister ab und verwandelte sich in die Gestalt des Teufels, welcher alsbald dem Baumeister das Genick brach, ehe er Amen sagen konnte. Nun geht die Sage noch immer in Würzburg, daß das Münster zum Stift Haug bis heute noch nicht bezahlt sei, und daß der Böse statt der Zinsen jedesmal ein Menschenleben fordere, sobald an der Kuppel eine Ausbesserung vorgenommen werde. Da müsse stets ein Arbeiter verunglücken, wie denn auch im Jahre l827 wiederum geschehen. Dem Stifte Haug gehörte als Eigentum das Dorf Gramschatz ohnweit dem Städtlein Rimpar, wo Wilhelm von Grumbach seinen stattlichen Herrensitz hatte, der noch steht. Dort herrscht ein eigner Brauch: es darf zu Ehren der heiligen Jungfrau an Sonntagen keine Besserung auf das Feld gefahren werden, und am Veitstage spannt kein Bauer ein Vieh an, von wegen des Veitswurms. *   809. Nixen in Theilheim und im Gründlersloch Auch vom Dorfe Theilheim, zwischen Randersacker und Dettelbach, sowie vom Gründersloch zwischen dem Schlosse Castell und dem Dorfe Rüdenhausen, wie noch an vielen Orten Mittelfrankens geht die weitverbreitete und fast immer gleichmäßig mit geringer Abänderung wiederholte Sage von Nixen, die zum Dorftanze kommen, fröhlich sind, singen, tanzen, lieben und dann leiden, als wolle überall die Sage das Glück der Mädchenjugendtage symbolisch andeuten. In Theilheim waren der Tänzerinnen drei, die häufig begegnende Nornenzahl, im Castell kamen aber der Tänzerinnen fünf zur Hochzeit eines jungen Grafen. Immer weilte die jüngste am längsten, immer büßte sie die Lust am härtesten; nie kommen sie wieder, aber die Sage von ihnen geht von Geschlecht zu Geschlecht. Bei Randersacker ist ein Berg, der Spielberg geheißen, dort hat sich einstmals der wilde Jäger über den Main schiffen lassen, und das wilde Heer hat Feuer in die Fähre geworfen. Einem Heckenwirt, der von Würzburg nach Randersacker fuhr, soff es Wein aus dem Faß, wie die wilden Frauen bei Schwarza das Bier, und segnete es mit Nieversiegen; das währte so lange, bis der Heckenwirt sein Glück verplapperte. *   810. Das heitere Hochgericht Zwischen Ochsenfurt a.M. und Kitzingen lag die Herrschaft Brauneck, die umfaßte das heutige Marktsteft und fünf Maindörfer und kam im Jahr ^448 an das burggräfliche Haus. Da wurde nicht nur in Marktsteft, sondern auch in den Dörfern alljährlich dreimal Hochgericht gehalten, und zwar im Februar, im Mai und im Herbst, etwa zur Weinlesezeit; das war etwas anders eingerichtet als die heutigen Schwurgerichte. Die Beisitzer sotanen Hochgerichts waren Beamte, Frauenzimmer, Jäger und Spielleute, und die Jäger brachten ihre Hunde auch mit, denn ein wackerer Weidmann hält auf den Spruch: Wo mein Hund nicht hin darf, da will ich auch nicht sein. – Da wurde eine große offene Mahlzeit gehalten, selbige war das Hochgericht; es wurde eine weite Kufe voll Wein auf die Gasse gestellt und ein Schöpfstutz oder Kelle hineingelegt, da konnte jeder kommen und schöpfen, wer da wollte, und trinken, so viel er wollte. Die Atzung, so nannte man die Kosten, die bei sotanem Hochgericht aufliefen, trug die Würzburger Dompropstei, die hatte einen großen Säckel. Das hat gewährt gerade zweihundert Jahre minder zwei, und hernach sind zwei andere Jahrhunderte gekommen, in denen hat die Hungerleiderei und die Töpfeguckerei und die Sparsucht überhandgenommen, und die Staatsweisheit ist bis zu den Bäuerlein gedrungen, und wird gespart dem Teufel ein Ohr ab von Ministern und Volksvertretern, kommt aber keiner Seele zugute und läuft immer nur auf den Spruch hinaus: Wir wollen alle Tage sparen, Und brauchen alle Tage mehr. *   811. Das Kitzinger Kätterle Über den Namen der guten Stadt Kitzingen am Main, Geburtsort des berühmten Theologen Eber, Melanchthons rechte Hand, haben die Sprachdiftler so viel Abgeschmacktes zusammenetymologisiert und ihren Kohl hernach als Sage ausgegeben, daß einem übel und weh von solcher losen Speise werden mag. Am Rathause daselbst wird ein Mädchenbild in Flammen erblickt, vielleicht eine arme Seele im Fegefeuer oder eine unkenntlich gewordene Madonna in der Glorie ihres fliegenden Goldhaars; davon geht diese Sage. Vor langer Zeit lebte in Kitzingen ein durch seine Schönheit berühmtes Mädchen, welchem ein eigentümliches Unglück widerfuhr. Einstmals hatte Kätterle (Kätchen) sich schon ausgekleidet und stellte sich im Hemd nah an den heißen Ofen; auf einmal begann dieses zu brennen, und das Mädchen konnte die Flammen nicht löschen; in voller Angst lief die Arme auf die Straßen, doch je ärger sie lief, desto stärker brannte das Feuer, und das Kätterle mußte eines jämmerlichen Todes sterben. Zum Andenken an das schöne Kätterle ist dasselbe brennend am Rathaus zu Kitzingen abgebildet, und im Volk lebt noch ein Sprüchwort von ihm, denn wenn ein Kind zu nah an den Ofen tritt, so sagt man warnend: Hüte dich, daß es dir nicht ergehe wie dem Kätterle von Kitzingen. *   812. Die Bilseiche Bei Albertshofen im Forst, zwischen Kitzingen und Dettelbach, ist ein verrufener und unheimlicher Platz von ziemlicher Ausdehnung, den man insgemein die Bilseiche nennt. In der Mitte dieses Platzes standen drei große uralte Eichen, von denen in neuerer Zeit zwei gefällt sein sollen, eine davon steht aber noch, und man nennt sie die Bils- oder Bildseiche. In der alten Heidenzeit sollen auf jenem Platze große Versammlungen gehalten und Opfer errichtet worden sein. Jetzt lärmt und pfeift es dort oft, als wenn der wilde Jäger an der Stätte hausete, und niemand betritt, ohne Schauer zu empfinden, diesen Platz. Nicht weit davon ist ein Brunnen, welcher der Weihbrunnen heißt, da sollen in uralten Zeiten besondere Weihungen vorgenommen worden sein. Dieses Wasser rühmt das Volk als sehr gut und heilkräftig gegen Fieber. *   813. Casteller Sage Auf der alten Burg Castell in Franken, dem Stammhaus eines noch blühenden Reichsgrafengeschlechtes, haben die Geister keine Bewohner geduldet. Die Herrschaft hat sich's vieles Geld kosten lassen und hat Leute droben schlafen lassen, aber niemand hat vermocht, es auszuhalten, und so ist die alte Stammburg verlassen worden und verfallen. In dieser Burg Castell ist ein Brunnen, des Tiefe reicht von der Bergeshöhe bis zum Grunde und hat Zusammenhang mit dem Gründlersloch. Eine Ente, welche in den Casteller Schloßbrunnen gelassen ward, kam im Gründlersloch wieder zum Vorschein, eine halbe Stunde weit von dem Schlosse. Dieses Loch duldet keine Leichname, obschon sich viele darin ersäuft haben, es läßt auch keinen Stein in sich niedersinken, sondern wirft ihn aus. Dabei ist's unergründlich. Bei Gereuth oder Greuth, ganz nahe bei Castell, ruht im Schoß der Erde ein versunkenes Dorf. Auch dessen Glocke, wie die so vieler andern, wühlten Schweine aus. *   814. Eule legt Dukaten Zu Prichsenstadt in Franken hat vordessen ein Mann gewohnt, der hatte in seiner Oberstube, wie allgemein die Rede ging, eine Ohreule, die legte ihm alle Tage, wie ein Huhn sein Ei legt, einen Dukaten. Das war hübsch von der Eule, aber umsonst geschieht dergleichen Wunder nicht, und mochte wohl ein Aber mit selbem Nachtvogel haben. Der Mann hatte nun Geldes vollauf, denn die fleißige Eule hatte jahrelang gelegt und starb nicht, und der Mann hatte endlich Gründe, zu wünschen, die Eule los zu sein, denn es war die Zeit bald um. Und da dachte er, du willst die Eule wegschenken, und als einstmals eine Frau zu ihm kam, die einen Tragkorb auf dem Rücken hatte, so setzte er ihr die Eule heimlich in den Korb. Aber siehe da, plötzlich sank die Frau in die Kniee und schrie: Ach was Schweres liegt denn in meinem Korbe? und riß den Korb von der Schulter und schaute in die tückischen feurigen Augen des Ungetüms und schrie: Jesus, Maria, Joseph! – Da fauchte die Eule, gleich einer Katze, und flog aus dem Korbe, und die Frau raffte ihren Korb an sich und entwich. Nachher hat der Mann die Eule behalten müssen und konnte sie nimmermehr loswerden, nicht verschenken, nicht verkaufen, nicht töten, und als eines Morgens die Türe seines Schlafgemachs lange verschlossen blieb und er nicht zum Vorschein kam, so ward die Türe erbrochen, und da lag er tot auf seinem Lager, und die Eule saß auf seinem blutigen Kopfe und hatte ihm die Augen ausgehackt, als welches gar schrecklich anzusehen war, und war so groß wre der größte Steinadler und flog durch die geöffnete Türe alsbald fauchend von bannen. Für solche Eule lobt sich doch wohl mancher die Dukatenmännchen, die sie zu Nürnberg und Sonneberg machen, die fügen keinem ein Leid zu und bringen auch die Seele in keine Gefahr, dafür legen sie auch keine Dukaten, sondern tun nur so. *   815. Die Zollner von der Hallburg Über Volkach am Main stand eine Ritterfeste, die Hallburg geheißen, und deren Besitzer nannten sich die Zollner. Wahrscheinlich zöllnerten sie ein wenig bezüglich der Mainschiffahrt, daher der unadelige Name. Ohnweit der Burg steht auf dem Kirchberge noch eine sehr alte gut erhaltene Kirche. Einst zogen zwei Zollner von der Hallburg, Brüder, in das Heilige Land, der eine war vermählt, der andere unvermählt, und kämpften tapfer gegen die Sarazenen, unterlagen aber in einer Schlacht der Übermacht und wurden gefangen. Lange trugen sie im dunkeln Kerker schwere Ketten, und endlich wurden sie, da sie Christum nicht abschwören wollten, zum Tode verurteilt. Ein türkisches Mädchen, des Kerkermeisters Tochter, war heimlich dem Christenglauben zugeneigt und vergoß viele Tränen über der armen Ritter nahen Tod; ja sie bat dieselben, sie in ihr letztes Gebet mit einzuschließen. Darauf haben die Ritter noch einmal recht inbrünstig im Kerker gebetet, und zwar zur wundertätigen Maria auf ihrem Kirchberge in der fernen Heimat, und haben nicht vergessen, auch die junge Türkin in ihr Gebet mit einzuschließen. Dann sind sie beide ruhig entschlummert, und es erschien ihnen die Maria vom Kirchberg im Traume und winkte ihnen. In derselben Nacht träumte auch der verlassenen Herrin auf der Hallburg, die Madonna ihrer Kirche winke sie zu sich. Und da machte die Frau sich am andern Morgen auf, einen stillen Bittgang zur Kapelle zu tun. Und wie sie hinkam, da fand sie vor der Türe zwei Männer in Sklaventracht und in Ketten und ein jung Mägdlein in des Morgenlandes Tracht in Schlummer sitzen, und der eine war ihr Mann. Ihr lauter Freudenruf erweckte die Schläfer, die blickten staunend umher und wußten nicht, wo sie waren, bis die Männer die Gegend und der eine in der Edelfrau sein Weib wiedererkannte, und alle warfen sich vor dem wundertätigen Bilde voll frommgläubigen Dankes anbetend nieder. Dann wurde die junge Türkin des jüngern Zollners von der Hallburg Hausfrau, nachdem sie feierlich in derselben Kirche zur Christin geweiht worden, und zum ewigen Gedächtnis ward für die Kirche ein Bildwerk verfertigt, das schnitzte ein kunstvoller Hirte derselben Gegend, welches noch vorhanden. Darauf erblickt man alle Personen, die jenes hohe Wunder berührt, in halber Größe; die Antlitze der Ritter sind leidensvoll, und dieselben Ketten und Fußblöcke, die sie im Kerker getragen, und die bei ihrer wunderbaren Entrückung nach der fernen abendländischen Heimat noch an ihnen hingen, dann aber abfielen, sind den Bildern der Ritter angelegt. Fragte nun ein Ungläubiger spöttelnd nach solchen Wunders Möglichkeit, so erwidert ihm der Mund der Sage: Konnte der Teufel Christum selbst auf einen hohen Berggipfel führen sowie den Herzog Heinrich den Löwen in einer Fahrt übers Meer tragen, warum sollte nicht die heilige Jungfrau ein noch höheres Wunder zu üben vermocht haben? *   816. Die alte Stadt Schweinfurt und ihr Götze Lollus In den alten Zeiten lag die Stadt Schweinfurt nicht da, wo sie jetzt liegt, sondern eine Strecke weiter aufwärts am Main, da, wo man noch eine Anzahl Gärten und Weinberge die alte Stadt nennt. Viele der Weinbergslagen haben noch bis heute die einstigen Benennungen, welche die Straßen führten, als da Häuser standen, wo jetzt Reben- und Obstbaumpflanzungen grünen. So die Herdgasse, vielleicht von den Viehherden, die langen Schranken, wo der ehemalige Turnierplatz sich befunden haben soll. Dort steht auch im Tannengarten die grüne Tanne, welche genau den Platz bezeichnet, wo vorzeiten das Wirtshaus zum Tannenbaum stand, ein Baum, der stets neu gepflanzt wird, wenn der alte abstirbt, damit das Andenken nicht erlösche. Unter der alten Stadt sollen noch große Schätze und Kostbarkeiten liegen;, wer sie zu finden und zu heben wüßte, könnte sehr glücklich werden. Bei den langen Schranken kam auch einst ein Wasserfräulein zum Turnei und Tanz; ein Ritter kämpfte für sie, entzündet vom Reiz ihrer Schönheit. Da lächelte sie mit rotem Mund ihrem Ritter minneseligen Dank, aber da hatte sie grüne Zähne, und jener schrak von ihr hinweg. Lachend rutschte die Wasserminne zum nahen Main und tauchte lustig in die Flut hinab. Im Bereich der alten Stadt, und zwar nicht weit von den langen Schranken, liegt ein Platz, den nennt das Volk den Lollus. Dort war ein heiliger Hain, darin soll in einer Umzäunung ein ehern Götzenbild gestanden haben, welches die Einwohner mit unblutigen Opfern, Trauben und Früchten des Feldes, ehrten. Das Bildnis hieß Lollus und soll gestaltet gewesen sein als ein nackter geschürzter Jüngling, im vollen Lockenhaar, einen Kranz von Mohnsamen um sein Haupt und einen über die Brust. Es hob die rechte Hand zum Munde, faßte mit Daumen und Zeigefinger der rechten Hand die Junge und hielt in der linken einen Becher empor, aus welchem Kornähren sproßten. Uber diesen Lollus haben die Gelehrten mancherlei von alledem geschrieben, was sie so eigentlich nicht von ihm wußten. Hernach, als der heilige Kilian in das Frankenland gekommen und das Heidentum allda ausgerottet hat, ist das Bild hinweggekommen und in den Main versenkt worden. Viele Einwohner wurden Christen, und diese waren es, welche das Bild des Loll in das Mainbette versenkten. Als aber einige Jahre später der fromme Glaubensapostel zu Würzburg seinen Martyrertod gefunden, fielen die meisten Bewohner der Gegend wieder ab, ließen sich ein neues Götzenbild des Loll aus Erz gießen und stellten es an dem Orte zur Verehrung auf, den man jetzt das kleine Löllein nennt. Später jedoch ward auch dieses Bild vernichtet. Eigentümlich ist es, daß vom Götzen Lollus nur an einem einzigen Ort noch im Bayerlande die Sage wiederkehrt, und zwar zu Großlellen- oder -löllenfeld im Eichstättischen. *   817. Die Petersstirne Bei Schweinfurt war ein hoher Hügel, da wo das rechte Maingelände von Mainberg her mit seinen reichen Rebenpflanzungen endet, die Petersstirne genannt; darauf hatte vor alters eine Burg und später dann ein Kloster gestanden. Jetzt durchschneidet sie die Eisenbahn, bei deren Bau sich viele Menschenknochen gefunden haben. Von dieser Petersstirn gehen mancherlei Sagen im Munde des Volkes um. Viele haben schon zu verschiedener Zeit und Stunde drei Jungfrauen in schneeweißen Kleidern auf diesen Mauertrümmern sitzen sehen. Einer Frau aus Schweinfurt erschienen einst diese drei Jungfrauen im Traume und sagten ihr an, sie möge auf die Petersstirn gehen und dort einen Schatz heben. Sehr frühzeitig erwachte die Frau, kleidete sich an und ward oon einer wahren Sehnsucht nach jenem Orte erfüllt, dem sie unverweilt zueilte. Schon stand sie am Fuße des Berges, als die ersten Strahlen der Morgensonne jene Mauertrümmer und das kleine Häuschen vergoldeten, welches daneben für die Weinbergshüter erbaut stand; da erblickte sie droben die drei Jungfrauen gerade so, wie sie ihr im Traume erschienen waren, freundlich winkend. Aber der wunderbare Anblick dieser geisterhaften Wesen erschreckte die Frau auf den Tod, so daß sie bewußtlos niedersank. Andere Weinbergsleute fanden sie und brachten sie wieder zum Bewußtsein. Hastig blickte sie nach den drei Jungfrauen, doch diese waren verschwunden. Als die Frau zu ihrem Mann zurückgeführt wurde, schmälte dieser sie aus, daß sie nicht mehr Mut an den Tag gelegt, sie würde ihr und sein Glück gemacht haben. Auch einem Bürger aus Schweinfurt sind auf der Mainleite, dicht über der Petersstirn, da er auf der alten Straße fuhr, in einer stürmischen Novembernacht die drei Jungfrauen, schleierweiß auf der Mauer stehend, erschienen. Und es schauerte ihn, daß er eilend vorüberfuhr. Auf der Petersstirn ist schon oftmals eine Schlange erblickt worden, die trägt auf ihrem Haupte ein goldenes Krönlein. Einst ging ein Hecker (Weinbergsmann) den Berg hinauf, wo noch die geringen Mauerschädel des alten Klosters liegen; da rauschte mit raschem Ringeln ihm eine große und glänzende Schlange entgegen, die trug auf dem Haupt eine goldene Krone und im Maul ein großes Bund Schlüssel, die glitzerten und klingelten wie Silber. Der Hecker entsetzte sich, hob seinen Karst, um nach der Schlange zu schlagen, da sah ihn die Schlange wehmütig an und bezauberte ihn mit ihrem Blick, daß er regungslos stand, und da sah er denn, daß sie weinte wie ein Kind. Als das einige Minuten gedauert, schwand die Schlange in die Erde und war ihm aus den Augen und hinweg und war nirgends im Boden ein Loch zu sehen, die Tränen aber, so die Schlange geweint, sind große köstliche Perlen gewesen und haben den Hecker reich gemacht. *   818. Die auferstandene Frau Auf dem Schweinfurter Gottesacker ist ein alter Grabstein mit dem lebensgroßen Bildnis einer vornehmen Frau zu sehen, welche ein eingewickeltes Kind zu ihren Füßen liegen hat. Diese war die Frau eines Syndikus Albert. Man sagt von ihr, daß sie sehr schnell und plötzlich gestorben sei, und als ihr Tod erfolgt war, wurde sie unter einem Schwibbogen, in welchem sich ihr Familienbegräbnis befand, beigesetzt. Ihr zurückgelassener Gatte betrauerte sie sehr aufrichtig. Es ging ihm aber wie dem Herrn Richmuth von Andocht zu Köln. Der Totengräber, ein habgieriger Mann, hatte an dem Finger der Leiche einen kostbaren Ring bemerkt, den er der Toten nicht lassen wollte; er machte sich daher des Nachts heimlich auf, hob den Sargdeckel ab und wollte der Leiche den Ring vom Finger ziehen; da richtete sich diese plötzlich auf. Entsetzt lief der Totengräber davon; die Frau im weißen Totengewande entstieg ihrem Sarg, wandelte von hinnen und kam ruhigen Ganges vor ihr Haus, wo sie anläutete. Eine Magd sieht zum Fenster hinaus: Wer da? – Ich bin's, die Frau! Öffne! – Schreiend stürzt die Dienerin zu ihrem Herrn: Die Frau ist unten an der Türe, ich habe sie an der Stimme erkannt! – Der Herr schüttelt ungläubig den Kopf und läßt seinen Diener hinaussehen. – Öffne mir um Gottes willen! Ich komme um vor Kälte! – Da eilt auch der Diener rasch zum Herrn: Es ist die Frau, ich erkenne sie an ihrer Stimme! – Der Herr aber sagte: Ihr seid Toren und dümmer wie das Vieh! Wenn meine Pferde zum Fenster hinaussähen, würden sie gescheiter antworten als ihr! – Kaum ist das Wort gesprochen, so kommt es mit Gelärm und Gepolter die Treppe herauf und stampft und trappt und wiehert – die Pferde sind's – zur Stube herein, und sie stecken die Köpfe durch die Fenster, daß die Scheiben klirren und die Flügelbänder brechen, und beide sehen vom Vorsaal hinab zum Fenster hinaus und wiehern. Nun läßt der Herr, erschrocken, schleunig öffnen, und die halberstarrte Frau wird zu Bette gebracht und geneset bald darauf eines Töchterleins. Doch Mutter und Kind lebten nicht lange mehr, und die erste wurde zum zweiten Male begraben und beiden dieser Grabstein zum Andenken gesetzt. – Alle Jahre am ersten Ostertage ist eine wahre Wallfahrt nach dem Gottesacker, der dann prächtig mit herrlichen Blumen geschmückt ist, aber das erste, was man den Kindern zeigt und was sie alle gerne sehen wollen, ist die wiedererstandene Frau mit ihrem Kinde. *   819. Die heilige Jungfrau schützt Münnerstadt Im Dreißigjährigen Kriege, und zwar im Jahre 1641, wurde Münnerstadt, zwischen Schweinfurt und Neustadt unter der Salzburg gelegen, von den Schweden unter Anführung des weimarischen Generals Rosa hart bedrängt und belagert. Der Feind hatte auf dem Karlsberg seine Verschanzungen und begann von ihm aus die Stadt zu beschießen. In dieser war eine fromme Brüderschaft zum heiligen Rosenkranz, die in solcher Bedrängnis heiße Gebete um Rettung zum Himmel sandte. Als nun die Kanonade vom Karlsberge herab am heftigsten wurde, offenbarte sich ein göttliches Wunder; denn die heilige Jungfrau erschien in ihrer Glorie, umschwebt von Engeln, im langen weißen Gewände und himmelblauen Mantel auf den Mauern und fing die seindlichen Kugeln auf. Darüber verwunderten und entsetzten sich die Schweden, hoben die Belagerung auf und zogen von dannen. Zum Gedächtnis dieser wunderbaren Rettung feiert Münnerstadt bis heute noch ein Dankfest mit feierlichem Gottesdienst und einer Prozession, während welcher die Stadttore geschlossen werden. Und am Marienaltar in der überaus schönen Pfarrkirche künden wohlklingende lateinische Distichen der Nachwelt dieses Ereignis, welche mit dem heiligen Rosenkranz, der Himmelsrose Maria und dem Namen des seindlichen Feldherrn, Rosa, anmutig Wortspielen. Auch in das städtische Wappen und in das Siegel der Marienrosenkranzbrüderschaft zu Münnerstadt ward der Madonna Bild mit dem göttlichen Sohne über der getürmten Torpforte aufgenommen. *   820. Die scharfe Schere Außen an der Pfarrkirche zu Münnernerstadt ersieht man einen Grabstein, auf welchem eine Schere eingehauen ist. Der unter dem Grabstein Ruhende war ein andächtiger Schneider, welcher sich aber in seiner Andacht gar zu oft vom Teufel gestört sah. Dieser erschien ihm dann und flüsterte ihm zu, daß er recht viel Tuch in die Hölle werfen solle, und trieb auch sonst mit dem Schneider viele verfängliche Possen. Der Geplagte klagte seine Not einem frommen Manne und empfing von diesem den Rat, so der Teufel das nächste Mal sich wieder einstelle, solle er die Schere nehmen und ihm den Schwanz abschneiden. Diesem Rat beschloß der andächtige Schneider zu folgen; er schärfte seine Schere, und als der Teufel wiederkam, schnitt er ihm den Schwanz rups und kahl vom Leibe weg. Der Teufel schrie Mordio!, fuhr von dannen und ließ den Schneider fortan in Ruhe. Die Schere blieb lange als Erbstück bei der Familie, und auf des Schneiders Grabstein wurde ihr Abbild eingegraben. Von dieser Zeit an hat der Teufel keinen Schwanz mehr. Der arme Teufel! Es ist schrecklich, wie ihm die Menschheit mitgespielt hat, und was er sich alles hat müssen gefallen lassen; er müßte sich vor seinem Schatten schämen, wenn er einen Schatten hätte. Haare, Hörner, Klauen und den schönen Schwanz hat er lassen müssen, beide nicht unbeträchtliche Ohren sind ihm längst abgelogen worden, denn das Sprüchwort besagt ja: Der lügt dem Teufel ein Ohr ab. Schuhe oder Stiefeln hat er auch nicht mehr, denn sehr viele haben ihn barfuß laufen sehen. Deswegen ist er so unkenntlich geworden, daß die Welt gar nicht mehr recht an ihn glauben kann und mag, und daher eben kommt es, daß jetzt immer, ehe man sich's versieht, bald da, bald dort der Teufel los ist, weil man ihn nicht mehr am Äußeren erkennt und meidet. Es sind auch sonst noch an der Münnerstädter Kirche unterschiedliche Wahrzeichen, unter andern ein Wolf, der eine Henne frißt, der soll das Hochstift Würzburg bedeuten, das einen guten, ja den besten Teil der alten Grafschaft Henneberg verschluckt hat, denn das ganze Gebiet ringsumher, was nicht kaiserliches Dominium war, war hennebergisch, und ward auch hier wiederum bestätigt, daß die Kirche einen guten Magen habe. *   821. Die heiligen Salzflüsse und die Salzburgen Im gesegneten Frankenlande fließt die Saale, an deren Ufernähe reiche Salzquellen hervorbrachen und noch hervorbrechen. Eine andere Saale, und zwar ein ungleich mächtigerer Strom, durchfließt das Thüringerland, und auch dort gaben ergiebigreiche Salzquellen den Völkern der germanischen Frühzeit Anlaß zu blutigen Kämpfen um das den Göttern heilige, den Menschen unentbehrliche Salz. Darum wurden die Flüsse Saalen genannt, an beiden kämpften Chatten und Hermunduren, und letztere waren meist siegreich, und die Sieger opferten alle gefangenen Männer und Pferde ihren Göttern. Hoch über das Ufer der fränkischen Saale ward eine mächtige Feste hingebaut, die Salzburg, welche den weiten Saal- und Grabfeldgau beherrschte; auf ihr weihte der thüringische Apostel Bonifazius vor mehr als eintausendeinhundert Jahren, nachdem schon vor ihm die Apostel Frankoniens, St. Kilian, Totnan und Kolnat, in jene Gegenden das Kreuz und die Leuchte des Christentums getragen, drei Bischöfe und hielt dort mehr als ein geistliches Konzil. Auf der alten Salzburg weilte schon Karl Martell, ein naher umfangreicher Wald hieß der Salzforst und war Reichsdomäne; in ihm hat auch Pipin gejagt, und Karl der Große empfing auf dieser fränkischen Salzburg die Abgesandten des griechischen Kaisers Nikophoras aus dem fernen Byzanz, welche den heiligen Leichnam Josephs von Arimathia mitbrachten, den Kaiser Karl der Große in den Dom zu Aachen schenkte. Zum öftern haben auch die spätern Karolinger auf der Salzburg verweilt, bis Kaiser Otto III. im Jahr des Herrn Eintausend das Palatium Salz dem Hochstift Würzburg zu eigen gab. Schon die Quellen des fränkischen Saalflusses heißen Salzbrunnen und Salzloch, und die Sage geht, daß der jetzt kleine Fluß, der bei Gemünden in den Main einmündet, vorzeiten schiffbar gewesen, und daß Kaiser Karl der Große von Worms zu Schiffe den Rhein hinab, von da in den Main, vom Main in die Saale gekommen sei und also zu Wasser gefahren bis zur Salzburg, als er die Burg zum ersten Male besuchte. So erbaute auch die Völkerschaft, die an der thüringischen Saale siegreich und im Besitz der Salzquellen blieb, allmählich eine Stadt und nannte sie Hala, das ist soviel als Salzstätte, daraus wurde später sprachüblich Halle. Kaiser Otto II. hat dann diesen Ort erweitert und ihm Stadtrecht verliehen. Eine andere Stadt, Hall in Schwaben, trägt gleicherweise ihren Namen von ihren Salzquellen. Außer diesen beiden Salzströmen, Saalen, hat Deutschland aber auch noch andere, deren Namen auf Salzquellen hindeuten, da ist die Salza (Salzach) und Saala und die Sulzbach in Osterreich und im Bayernland. An der österreichischen Salza liegt die bedeutende Stadt Salzburg mit ihrer stattlichen Feste, und ihr nahe liegt der berühmte Salzort Hallein. Ein anderer Fluß, Salzbach, ergießt sich in den Rheinstrom. All diese Ströme und Flüsse waren den Urvätern heilig, und Salz und Brot waren es nicht minder; Salz zu verschütten galt für eine ungünstige Vorbedeutung, Brot unnütz zu verwüsten für eine Versündigung. Salz und Brot mit jemand zu essen, war Zeichen des Friedens und der Gastlichkeit, ja selbst ein deutsches Sprüchwort sagt aus, man solle keinem eher trauen, bis man eine Metze Salz mit ihm gegessen habe, wozu eine gute und lange Zeit des gegenseitigen Bekanntseins und Zusammenlebens gehört. *   822. Vom Kloster Theres und Adalberts des Babenbergers Grab Zwischen Schweinfurt und Haßfurt lag vorzeiten ein stattliches Schloß, das gehörte dem Grafen Adalbert von Babenberg, der auch ein Kloster allda gegründet hatte, das führte den Namen Sondernshus. Diesen Adalbert verriet auf eine schändliche Weise jener Bischof Hatto von Mainz, den die Mäuse bei lebendigem Leibe gefressen haben. Adalbert hatte den Bruder des Königs Ludwig im Kampfe erlegt, und der König belagerte ihn in seiner hohen Feste, der Babenburg über Bamberg, und Hatto war des Königs Ratgeber und Kanzellar. Der ging als Abgesandter hinauf auf die Babenburg und beredete den Grafen zu einer persönlichen Zusammenkunft mit dem Könige und verhieß ihn vor dem Essen wieder sicher und ungefährdet auf die Burg zurückzubringen. Da sie nun hinabstiegen, ward es dem Hatto flau, und klagte sich Heißhungers, da er noch nüchtern, so lud ihn Adalbert zur Umkehr in die Burg ein, erst etwas zu frühstücken. Dann gingen sie hinab in des Königs Lager, und der König ließ den Grafen alsobald verstricken. Adalbert klagte über den Treuebruch und berief sich auf Hattos Zusage freien und sicheren Geleites zurück auf die Burg, da sprach der lügnerische Pfaff: Hab' ich dich nicht, wie ich versprochen, vor dem Essen ohne Gefährde wieder auf deine Babenburg zurückgebracht? – Und da ließ der König Ludwig den Grafen Adalbert zur Sühne seines Bruders Konrad gleich im Lager enthaupten, andere sagen, es sei dies in Adalberts Schloß Sondernshus geschehen, denn alldort liegt er begraben. Der König Ludwig hatte Adalberts Leichnam nach der Enthauptung in den Main werfen lassen, davon kam schnelle Kunde nach Adalberts Schloß, da sammelte sich die Dienerschaft am Strom, und als der Leichnam geschwommen kam, riefen sie weinend: Der is! der is! (der ist es) – und davon wurde Hernachmals das Schloß und Kloster Theris und Theres genannt. In der Klosterkirche wurde Adalbert feierlich beerdigt und ihm ein stattliches Epitaphium errichtet; es stand an der Wand, linker Hand gegen den Hochaltar, und der Graf war darauf abgebildet in seinem Harnisch und lebensgroß, stehend auf einem liegenden Löwen, und darum oder darunter die Worte: Anno Domini DCCCCVIII obiit nobilis Alberrtus comes de Babenberg qui hic incinneratus monasterii hujus fundator opum quantam dator, cujus anima requiescit cum sanctis. Amen. (Im Jahre des Herrn 908 starb der edle Albert, Graf von Babenberg, dessen Asche hier beigesetzt wurde, dieses Klosters Gründer, ein Geber reicher Güter, dessen Seele ruhe mit den Heiligen. Amen.) Nach der Zeit ist die Kirche samt dem Kloster neu gebaut worden, und man weiß nicht, wohin das Epitaphium gekommen. Von Adalberts Grab hat sich die Sage erhalten, daß dasselbe ein kostbares, reich mit Schätzen gefülltes und noch nicht wieder aufgefunden sei. Alte Leute geben an, wenn man im Tore des Klosterhofes gestanden und zwischen zwei Säulen, die einen Betstock gebildet, hindurchgeschaut habe, so habe man die Linie der Richtung gehabt, in welcher sich das Grab befinde. Noch soll der alte doppelsäulige Bildstock ohnweit des ehemaligen Klosters vorhanden sein, man weiß aber nicht, ob er noch auf der alten Stelle steht. Im Klosterhofe steht ein neuerer schöner Bildstock, zwei Säulen tragen ein Bild der Kreuzigung mit einem geteilten Wappenschilde, darinnen St. Veit und ein Saitenspiel, welches ein Abtshut krönt. Gerade durch die Säulen geht der Meridian, und wer durch sie hindurchblickt, blickt über Adalberts Begräbnisstätte. *   823. Die Ritterkapelle in Haßfurt Am obern Ende der Stadt Haßfurt Main, an welcher jetzt die Eisenbahn vorbeizieht, steht die Ritterkapelle, eine geräumige Kirche und Muster deutscher Architektur. Man sagt, die gesamten Edeln des Frankenlandes haben sie erbauen lassen zu einer Grabdenkmalkapelle ihrer Geschlechter, deshalb zieht auch rings um die Kapelle ein Fries von lauter Wappen, und mag wohl kein Adelsgeschlecht in Franken geblüht haben oder noch blühen, des Wappen hier nicht mitgefunden würde. Unter dem Portal und über der Vorhalle wird ein wunderlich Steinbild erblickt, das nennen sie in Haßfurt das Wahrzeichen der Ritterkapelle. Eine männliche nackte Figur ist mit Armen und Beinen so ausgespannt, daß die Glieder die Gradrippen des Gewölbbogens bilden. Das sei des Meisters Bildnis, geht die Sage, der die Kapelle erbaute und die Gesellen betrog. Er soll an seinen Gliedern mit Gewichten also ausgespannt worden sein, die auch an der Steinfigur angebracht sind. Noch ein anderes Wahrzeichen findet sich an der Außenseite der Kapelle linker Hand, nämlich an einem der nördlichen Pfeiler in ziemlicher Höhe ein Fisch, andeutend, daß einst bei einer Überschwemmung das Wasser also hoch gestanden. *   824. Der Kirchenbau zu Königsberg An der schönen neuen Pfarrkirche zu Unser lieben Frauen in Königsberg in Franken, ohnweit Haßfurt, erblickt man außen zwei Steingebilde in lächerlicher Gestalt. Davon wird folgendes erzählt. Der Kirchenbau, bereits l297 begonnen, schritt äußerst langsam vorwärts und verzögerte sich an siebenundsechzig Jahre. Man hatte den Bau einem fremden Meister übertragen, dieser aber zog von dannen, arbeitete anderswo und ließ sich lange mahnen und drängen, den Bau doch zu vollenden; darüber entstand viel Unwillen in der Stadt und üble Nachreden des Meisters, und besonders konnten zwei Bürger und Ratsherrn, die der Kirche gegenüberwohnten, kein Ende ihres Scheltens über den Steinmetzen finden. Eines Tages erblickten die Wächter eine große Männerschar, die von Haßfurt her herannahte, und stießen in die Lärmhörner, denn es dünkte ihnen ein feindliches Heer, das einen Überfall des Städtleins versuchen wollte. Hell blinkte und blitzte es im Strahl der Morgensonne wie Partisanen und Streitäxte von ferne her. Die Bürgerschaft griff zu den Waffen, schickte sich an, den Feind abzuwehren, und sandte einen Abgeordneten entgegen mit der Frage, was des Haufens Begehren sei. Da war es der bestellte Steinmetz mit nicht weniger als vierhundert Gesellen, die er allesamt herbeiführte mit ihrem Werkzeug, Äxten und Beilen, blanken Sägen und Winkelmaßen, die so hell erglänzten. Und nun ging die Arbeit rüstig und wacker vonstatten; da aber dem Baumeister zu Ohren kam, daß die beiden Bürger so übel von ihm gesprochen, brachte er ihre beiden Gestalten an der Kirche auf lächerliche Weise an, darum, daß sie als alberne Philister voreilig über ihn geurtelt. *   825. Die kühne Magd Vor vielen Jahren ist am Breitenweg zu Königsberg, wo man auf Altershausen ins Rod oder auf den Pappelsee zugeht, rechter Hand am Fahrwege gegen die Warte zu eine Kapelle zur Ehre Unser lieben Frauen erbaut worden. Schon im vierzehnten Jahrhundert wird ihrer gedacht. Im Jahre 1535 wurde sie bei einer Kirchenvisitation vom Stadtrat den Kastenpflegern zum Aufbau einer Hofstätte bewilligt und deshalb abgebrochen. Von vielen Leuten wird für gewiß ausgegeben, daß bei dieser Kirche eine denkwürdige Geschichte sich ereignet habe. Was die Zeit betrifft, so läßt sich aus der Erzählung der Leute vermuten, daß es nach der Reformation, da die Kapelle ohne Gebrauch und ohne Kapellmann gewesen, geschehen sei. In der Vorstadt vor dem Haßfurter Tor hatten die jungen Dirnen eine Spinnstube. Nun kam das Gespräch auf die Kapelle, von der man immer sagte, daß es darin nicht geheuer sei, und das mutwillige Volk sprach, wer zur Kapelle laufe und ein Wahrzeichen zurückbrächte, solle ein neues Kleid bekommen. Eine kühne Magd lief auch wirklich in der finstern Nacht zur Kapelle, da erblickt sie vor der Türe ein Pferd mit einem Bündel und vernimmt aus der Kirche ein großes Gewinsel und Wehklagen, sie schneidet jedoch den Bündel vom Pferd und eilt heimwärts. Unterdessen kommt ein Reiter ihr stracks nachgeritten, und die Magd verbirgt sich in der größten Angst hinter einem am breiten Weg liegenden Düngerhaufen. Als der Reiter vorbeigesprengt, eilt, vor Furcht am ganzen Leibe zitternd und schreckenbleich, die Magd in die Spinnstube, öffnet den Bündel, da finden sich darin allerlei Kostbarkeiten, Gold, Perlen und dergleichen, wie auch Briefe, woraus sie denn ersehen, daß eine reiche Jungfrau verreisen wollte, aber von ihrem Gefährten, dem treulosen Knecht, in der Kapelle ermordet wurde. Diese Sage wiederholt sich mit mancher kleinen Abwandlung da und dort. Auch vom Dorfe Schwarza bei Meiningen, allwo Frau Holle mit dem treuen Eckart durchzog, soll sich mit einem Mädchen in der Kirchhofkapelle das gleiche begeben haben. Der nacheilende Reiter hieb noch mit seinem Schwerte Schrammen in die Haustürpfosten. *   826. Regiomontanus Aus Königsberg ging ein berühmter Gelehrter hervor hieß Johannes Müller, wurde Magister und ein großer Mathematikus und schrieb sich deutsch Magister Johann von Kunsperk, lateinisch aber Regiomontanus . Noch steht auf dem Salzmarkt daselbst Nr. 29 ein altes Häuschen, das Hennebergische genannt, darin soll Regiomontanus geboren sein und gewohnt haben. Auf dem Gang steht mit großen lateinischen Buchstaben an der Türe einer dunkeln Kammer folgendes Distichon: Cur vivae et cur vivas hoc nascere disce, Si facis hoc coelo dignus eris. D.h.: Wem du lebst und warum du lebst, dies lerne erkennen, Tust du dieses, dann wirst würdig des Himmels du sein Diesen Spruch soll Regiomontanus als Jüngling an seine Kammertüre geschrieben haben. In neuerer Zeit hat man alldorten dem berühmten Landsmann ein Ehrendenkmal errichten wollen. *   827. Das Kirschbäumchen auf Burg Raueneck Von den Trümmern des alten Bergschlosses Raueneck in Franken geht eine ganz gleiche Sage wie von dem gleichnamigen Schloß bei Baden in Osterreich. Es liegt dort noch ein großer Schatz vergraben, den bewacht ein ruheloser Geist, der ängstlich auf Erlösung hofft. Aber wer kann und soll diesen Schatz wohl heben und den Geist erlösen? Auf der Mauer steht ein Kirschbäumchen; das wird einst ein Baum werden, und der Baum wird abgehauen und daraus eine Wiege gemacht. Wer nun in dieser Wiege als ein Sonntagskind geschaukelt wird, wird erwachsen, aber nur, wenn er rein und jungfräulich geblieben, in einer Mittagsstunde den Geist befreien und den Schatz heben und über alle Maßen reich werden, so daß er die Burg Raueneck und alle zerstörten Burgen in der Nähe wieder ausbauen kann. Wenn das Bäumchen verdorrt oder ein Sturm es bricht, dann muß der Geist wieder harren, bis abermals ein durch einen Vogel auf die hohe Mauer getragener Kirschkern aufkeimt und aufgrünt und vielleicht zum Baume wird. Da mag sich wohl das Sprüchwort erfüllen: Harren ist langweilig, macht aber weise. Auch diese Sage hat noch an andern Orten ihren Widerhall, wie unter andern dort bei Auerbach, wo an die Erlösung der Wiesenjungfrau die gleiche Bedingung geknüpft ward. *   828. Die Ritter vom Altenstein Auf dem fränkischen Schlosse Altenstein saßen dreizehn Ritterbrüder des uralten Geschlechtes derer von Altenstein, die waren in Fehde mit dem Bischof Iring von Reinstein zu Würzburg. Beide Gegner, der Bischof und die Ritter, waren kriegslustig und mannlich und schädigten einander nach Herzenslust, doch kämpften nur zwölf Altensteiner gegen Iring, denn ihr dreizehnter Bruder, Seifried geheißen, ein Johanniter, war im Ausland. Der Bischof belagerte Burg Altenstein, das war sehr fest und trutzlich, und die Brüder mit ihrem Ingesinde schlugen jeden stürmenden Angriff ab. Da griff der Bischof zum unrühmlichen Mittel schnöder List, denn er wollte um jeden Preis die Ritter bändigen und demütigen; daher bot er den zwölf Brüdern friedlichen Vergleich an, und diese gewährten seinen Wunsch, öffneten dem Feind mit einigen seiner Mannen die sichere Felsenfeste und bewirteten ihn köstlich. Nach der Mahlzeit ging der Bischof in sein Gemach und heischte da mit den Brüdern zu reden und gütlichen Vertrages zu pflegen; doch mit jedem besonders. Sowie nun einer der Ritter von Stein eintrat in das Zimmer des Bischofs, ward er durch einen unversehenen Schwertstreich meuchlings gefällt. So waren eilf Brüder gefallen, als den letzten und mannlichsten der Ritter eine schwere Ahnung erfaßte; bewaffnet trat er ein, sah den fürchterlichen Bischof triumphierend über den Leichnamen der Gemordeten stehen und drang mit seinem Weidmesser auf den Bischof ein; da packten ihn aber schon die Mordgesellen, und er behielt nur noch Kraft, das Weidmesser nach dem Bischof mit einem Fluche zu schleudern; doch traf es nicht des Mörders Hals oder Herz, sondern nur seine Nase, die davon um ein kleines kürzer wurde. Dann sank auch der tapfere Hervegen in sein Blut. Im Kloster Langheim wurden die zwölf Ritter beerdigt, andere sagen, nur die Häupter. Noch zeigt man in den Burgruinen das Gemach, darin die schauderhafte Untat verübt worden. Der Platz, wo sie geschehen, wird Untereichelboden genannt. – Seifried von Altenstein kehrte aus der Fremde zurück, entbot, als er die grause Tat vernahm, dem Hochstift Würzburg neue Fehde und ruhte nicht, bis er in das Erbe seiner ermordeten Brüder wieder eingesetzt war; er war es, von dem die späteren Altensteiner ihre Abkunft herleiten. Man sagt, Seifried habe eine Zeitlang sich unerkannt gehalten und habe als Maurer gearbeitet, und davon sollen auch die drei Hämmer im Wappen der fränkischen Herren von Altenstein herrühren. Die verkehrten Altertumsdiftler, die nicht der Geschichte in das Herz, sondern woandershin blicken, haben aber freilich des Wappens Ursprung höher hinauf gediftelt und gedeutelt und besagte Hämmer der Familie abgeleitet vom Hammer des Donnergottes Thor – die überklugen Toren. Von der grausen blutigen Tat des Bischofs an den Altensteinern leben noch alte Reime, die sagen, es wären nicht dreizehn, sondern nur zwölf gewesen, und habe der zwölfte Herdegen oder Herieden geheißen, derselbe, der dem Bischof die Nase abhieb. Im Walde bei Altenstein steht ein hoher Fels; das Volk der Umgegend sagt, daß dieser Felsen innen hohl sei und reich gefüllt mit Schätzen der Urzeit. Zu gewissen Zeiten und Stunden wäre Sonntagskindern vergönnt, die Felsenpforte geöffnet zu finden oder mit der Glücksblume sie zu öffnen, dann liege reiche, blendende Pracht vor Augen. Eigentümlich ist es, daß auch bei dem meiningischen Schloß Altenstein ein Fels, der hohle Stein, liegt, und daß dessen Höhlung offen, diese beim fränkischen Altenstein aber verschlossen ist. *   829. Die lichten Steine Inmitten des Steinschuttes der Burgruine Lichtenstein erheben sich hochragend zwei Felsenblöcke über dem Boden, und es geht die Sage, daß dieselben seit undenklichen Zeiten in dieser Stellung gestanden, nämlich einer dicht über dem andern gelehnt und geneigt, ohne daß einer den andern berührt, und so dem Lichte zwischen sich freie Bahn lassend. Davon soll nun auch der Namen der Lichtensteiner sowie ihr Wappen herrühren, welches zwei weiße gezackte Steine im roten Felde, deren Spitzen sich nicht berühren, zeigt. Man sagt, solange diese Steine ständen, werde das Geschlecht nicht gänzlich erlöschen, und so lange sei der alten Burg Wiederaufbau zu hoffen. Noch ist auch das Geschlecht der Freiherren von Lichtenstein nicht erloschen; doch gingen die meisten der ehemaligen Besitzungen in fremde Hände über. – Die Ruine Lichtenstein besteht aus mehreren Gebäuden, deren eins zur Försterwohnung dient. Dort zeigt die Sage noch die Stätte eines Heidentempels und einer Folterkammer, darin sie von den Martern der ersten Christen des Landes aus grauer Urzeit erzählt. Ein hoher Wartturm steht noch allda, und der tiefe Ziehbrunnen dient noch heute dem Bedarf der Bewohner. – Im Dorfe Lichtenstein stand nur eine kleine alte Kapelle, welche 1292 aufgeführt worden war. Da geschähe es, daß eine Freiin von Lichtenstein, die ihren Schoß nicht gesegnet sah, einst träumte, sie sähe an der Stelle, wo die jetzige Kirche steht, einen Rosenstock aufsprossen und Blumen und Knospen tragen. Da gelobte sie an jene Stätte einen Kirchenbau, und siehe, sie empfing die ersehnte Nachkommenschaft und ließ eine freundliche Kirche anstatt jener alten Kapelle aufführen. *   830. Der Stettfelder Rügerecht Zwischen dem Städtlein Eltmann am Main und Bamberg liegt ein Dorf, Stettfeld geheißen, da haben sie ein sonderes Rügerecht, wenn einen Mann die Frau prügelt. Solch ein Mann, der nicht viel Mut und Kraft hatte, lebte vor sechzig oder siebenzig Jahren allda, der hatte einen Höllendrachen zum Weib und bekam den Häslinger von ihr weit öfter zu schmecken als Hasenbraten, und wenn die Nachbarn herbeiliefen von dem schrecklichen Geschrei, das gewöhnlich vorfiel, wenn die Frau die Motten aus des Mannes Pelz klopfte, obschon er selbigen noch am Leibe hatte, so bekamen auch sie an Schimpf- und Scheltworten ihr überreichlich Teil, und wenn auf einen, der sich zu nahe heranwagte, ein Klaps abfiel, so mußt' er's haben. Als nun eines Tages auch so ein Ehesturm und Wetter mit Blitz, Hagel und verschiedenen Schlägen vorübergebraust war, da übten die Stettfelder ihr Rügerecht; sie kamen in stiller Nacht herbeigeschlichen, legten Leitern an das Haus, kletterten in Scharen zum Dach hinan und deckten selbiges in aller Stille ab, daß auch kein Ziegel droben blieb. Himmel, gab das einen Zorn, als nun am Morgen der Boden aussah wie ein Judendach, darunter das Lauberhüttenfest gefeiert werden soll! Nun war das Ehepaar auf einmal einig, denn Pack schlägt sich, Pack verträgt sich, und rannten in voller Hurre zum Landrichter nach Eltmann und klagten ob ihres abgedeckten Daches und aufgedeckter Schande, denn die war und ist es für beide Teile, wo die Frau dem Manne Prügelsuppe bei ungebrannter Asche kocht. Darauf machte der Landrichter einen großen Bericht über Tat- und Sachbestand gen Würzburg und erbat Bescheid, denn er mochte diese hochwichtige Sache, weil das Dach hoch und die Ziegeln gewichtig waren, nicht selbst entscheiden. Da kam denn ein Spruch von Würzburg, der war lang und breit und Hub an: Sintemal und alldieweil, das heißt auf neudeutsch: In Erwägung daß, und daß, und ferner daß, und noch mehrere daß – so kann den Stettfeldern ihr altes Rügerecht, einem vom Weibe geprügelten Manne das Dach abzudecken, nicht genommen werden, wasmaßen die Sache damit ihr Bewenden behält und die zänkischen Eheleute in Tragung von Gerichtskosten und Sporteln zu nehmen, im Wiederholungsfalle aber zur Tragung des Strafhelms mit der Schelle und den Eselsohren und öffentlicher Ausstellung mit selbigen zu verurteilen sind. V.R.w., das heißt: von Rechts wegen. Dabei blieb es. *   831. Des Bamberger Domes Gründung Da Baba, Heinrichs des Voglers Schwester, auf ihrer hohen Feste im Ostfrankenlande saß, die nach ihr die Babenburg heißt, gründete sie auch die Stadt Baba am Berge, das ist das heutige Bamberg. Auch zur ältesten Kirche legte diese Herrin den Grund, und während des Baues setzte sie eine große Schüssel voll Geldes für die Tagelöhner hin, damit sich jeder seinen Lohn herausnehme, so viel ihm gebührete, und war die Schüssel also gefeit, daß sie sich täglich von selbst mit Geld füllte, und konnte von dem Gelde keiner mehr herausnehmen, als ihm gebührte. Nahm einer mehr, so wurden ihm die Finger glühend. Diese zaubermächtige Baba zwang auch den Teufel, daß er ihr Säulen zum Kirchenbau herbeischleppen mußte. Den jetzigen Dom zu Bamberg gründeten Kaiser Heinrich II. und seine Gemahlin Kunigunde, sie wohnten in dem kleinen Häuschen am Dom, darin jetzt der Mesner wohnt, und waren gar ein frommes Paar, hatten sich ewiger Keuschheit verlobt. Trotzdem kam aber – auf alle Fälle durch keine andere Tücke als die des Teufels – die gute Kaiserin in mancherlei Gespräch und etwas schlimmern Ruch als den der Heiligkeit, welcher erst später sie umduftete, da sie in Jahre gekommen, die ihr nicht gefielen, oder da sie gar gestorben war. Die bösen Jungen munkelten von einem Herzog, wie von einem schönen Leibjäger, laut und immer lauter, bis es vor den Kaiser kam und dieser die fromme Gemahlin aller Unehren zieh. Da erbot sich Frau Kunigunde, ihre Frauenehre zu erweisen durch ein Gottesurteil, und wandelte auf sieben glühenden Pflugscharen unversehrt und kecklich, nachdem sie Gött angerufen, ihre Unschuld darzutun, wie er der keuschen Susanna Unschuld auch dargetan habe. Und da sie über die glühenden Pflugscharen wandelte, sprach sie: Siehe, Kaiser, so schuldig ich deiner bin, bin ich aller Männer! – Und bestand die Feuerprobe und ward also gereinigt mit großen Ehren, und der König und alle Herren fielen ihr zu Füßen. Darum ersieht man noch im Georgenchor des Domes auf einem steinernen Hochbild die hohe Frau dargestellt, wie sie die Feuerprobe besteht. Aber rechtfertige sich einer oder eine noch so sehr oder werde gerechtfertigt, gegen wen sich einmal die Teufelszunge der Verleumdung herausgestreckt, der bleibt von ihr beleckt und befleckt. So ging es auch der guten Kaiserin. Als sie eines Morgens früh von der Babenburg herabstieg, nach dem Dome, den sie mit gegründet, zu gehen, überschritt sie die Regnitz da, wo heutzutage der Schiffskran ist, da wuschen Weiber hinterm Gebüsch ihre Wäsche im Fluß, und eine dieser Frauen verlästerte nach der Waschweiber Art die Herrin greulich, daß diese es voll starren Schreckens in ihre Ohren hinein hörte. Von Scham erglühend, flehte Kunigunde noch einmal zum Herrn, ihre Unschuld zu beweisen, ging zur Burg hinauf und sandte alsbald einen Korb mit leckern Speisen und Wein zu den Waschfrauen hinab, die wußten sich nicht genug zu verwundern über der Kaiserin Gnade und ließen sich's trefflich wohlschmecken. Aber da die Verleumderin auch aß und trank, so hatte sie Mistjauche im Becher, und ihr Weck wurde ihr im Maule zu einer Kröte, wie jenen Lästerbuben, die den Vater angespuckt, ihre Jungen. Selbiges Waschweib hat nie wieder verlogenes Gewäsch weitererzählt, und wäre gut für viele ihresgleichen, wenn alle Tage noch solch Wunder sich begäbe. Da würd' es eine solche Last Kröten geben, daß sie schwerer wöge als die großen Steinkröten vor dem Bamberger Dom. Diese Kröten sollen vordessen gelebt und beim Dombau des Nachts alles, was am Tage gebaut worden, aus des Teufels Antrieb wieder zerstört haben. Das Volk nennt sie Kröten, es waren aber ursprünglich roh gebildete Löwen aus grauer Zeit. Auf dem Rücken des einen entdeckte man runenschriftähnliche Zeichen. *   832. Kunigundens Ring Einstmals lustwandelte Kaiser Heinrich und seine Kaiserin Kunigunde in Bambergs Nähe: es war ein Festvorabend, und alle Glocken läuteten den morgenden Festtag ein. Vor allem aber die zwei hehren Domglocken, die der Kaiser eine und Kunigunde eine jüngsthin erst neu gestiftet hatten, klangen füllreich und harmonisch über der stillen, gottgesegneten Bamberger Flur. Da begannen die Gatten zu eifern, wessen Glocke am schönsten klinge, und die Kaiserin rief, vom Streit erhitzt, indem sie ihren Ring vom Finger zog: So wahr dieser Ring meine Glocke und nicht deine treffen soll, so wahr ist meine die schönste und vom reinsten Klang! – und schleuderte den vielwerten Reif durch die Luft, und er fuhr durch die Luft bis zum Domturme und schlug ein Loch in die Kundelsglocke, und dennoch blieb der Glocke Klang voll und rein und unverändert. So sahe der gute Kaiser Heinrich II. sich auch hierin besiegt, denn er zog bei Kunigunden immer den kürzern, selbst noch im Tode. – Andere sagen, der Kaiser habe an dem Ort, den man noch heute Kunigundens Ruh nennt, ihre Treue angezweifelt, und diese zu beweisen, habe sie den Ring durch die Glocke geworfen. *   833. Bamberger Waage Da Kaiser Heinrich II. gestorben war, bereitete man ihm im Dome sein Grab und legte seinen Leichnam in einen weiten Sarkophag, darin Raum war für zweie. Als nun nach langen Jahren Kunigunde, seine Witwe, auch starb, so sollte sie neben dem Gemahle an seiner Seite ruhen. In feierlicher Prozession trug man ihren Leichnam zum Dome und hob den schweren Steindeckel von Heinrichs Sarkophage; da lag inmitten dessen noch unversehrt des Kaisers Leichnam. Und da ward eine laute Stimme durch das Domschiff hallend gehört, welche rief: Cede, vire, virgine! – gib Raum, Mann, der Jungfrau! – und alsbald rückte Heinrichs Leichnam von der rechten Seite nach links und machte ihr Platz, und lagen nun tot beisammen, die im Leben solches nie gepflogen. Hernach ward über des Kaisers Grabe ein Bild der Gerechtigkeit erhöht, wie die alten Heiden selbe gebildet, als weibliche Gottheit, in der Hand eine Waage haltend. Aber dieser Waage Zünglein steht nicht inmitten, wie das der Waage der Gerechtigkeit stehen soll, sondern hängt nach einer Seite nieder, dieweil auf Erden nichts vollkommen und die irdische Gerechtigkeit auch gar oft einseitig züngelt. Es geht aber die alte Sage, wann sich das Zünglein der Bamberger Waage in die Mitte stellen werde, alsdann werde der Welt Untergang nahe sein. Dieser Sage Deutung ist nicht schwer. Wann auf Erden alles so vollkommen, daß selbst die Gerechtigkeit und ihre Diener stets das volle Recht üben und nicht nach links überschnappen, dann ist die Welt vollkommen, das irdische Reich zu Ende, und das himmlische bricht an. *   834. Alberade Im alten Banzgau saß ein Gaugraf Hennebergischen Stammes, der vermählte sich mit einer frommen Dame aus dem Niederland, die hieß Alberade. Deren Leben ward gar schwer geprüft; einen blühenden Sohn verschlang ihr der Main, als der Knabe auf dem gefrornen Strom seinen Kreisel trieb, und auch den Gemahl verlor sie; nur eine einzige Tochter gleichen Namens Alberade blieb ihre Stütze, ihre Freude, ihr Glück. Da gründete sie das herrliche Benediktinerstift Banz, indem sie einen Teil ihres umfangreichen Schlosses demselben einräumte, und hoffte nun den Himmel versöhnt zu haben und ihre Tage in Ruhe zu beschließen. Dies ward ihr auch vergönnt, und sie erlebte noch die Freude, daß ihre Tochter sich einem Grafen Vohburg vermählte. Aber nach dem Tode der alten Gaugräfin begann das von ihr begründete Kloster schnell in Abnahme zu kommen; solches ging der Tochter sehr zu Herzen, und sie wandte alles an, das gottselige Werk ihrer frommen Mutter im Flor zu erhalten. Aber auch ihr legte der Himmel herbe Prüfungen auf. Ihr Gemahl fiel in einer Schlacht, und sie zog sich nun mit ihrer Tochter Hedwig auf das mütterliche Erbe, nach Schloß und Kloster Banz, zurück. Da entbrannte einer ihrer Vasallen, einer von Ratzeburg, in Minne gegen Hedwig, und da die Mutter ihm deren Hand verweigerte, so entführte er Hedwig mit Gewalt. Außer sich vor Zorn tat die Mutter, was jene Thüringerin Sophia, der heiligen Elisabeth Tochter, zu Eisenach tat, sie schleuderte ihren Handschuh in die Luft und schrie: Wie diesen Handschuh so übergebe ich den schamlosen Räuber dem Teufel! – und wie dort kam auch hier der Handschuh nicht wieder aus den Lüften herunter. Der Ratzeburger aber setzte sich auf seiner Burg Steglitz fest, plagte die Gegend und bedrängte Kloster Banz so arg, daß die Mönche sich entschlossen, von bannen zu ziehen. Da sann Alberade auf eine List. Sie kleidete ihre Mannen in die Farben der Ratzeburger und legte sie in einen Hinterhalt, lauernd, bis der Raubritter mit seinem Haufen auszog. Als dieser aus dem Gesicht war, sprengten und liefen die Banzer, wie in eiliger Flucht, gegen Steglitz, und da der Burgwart die Farben der Mannen seines Herrn sah und rufen hörte: Der Feind! der Feind!, so ließ er rasch die Zugbrücke nieder und öffnete Tor und Fallgatter. Rasch bemächtigten sich die Eindringenden der Burg, befreiten Hedwig, und als der Ratzeburger wiederkehrte, fand er statt seiner Burg Steglitz eine Ratzeburg, ein Ratzennest, einen Steinhaufen. Lange lebte das Andenken der beiden Frauen Alberade, welche das Hernachmals so prachtvolle Stift Banz gründeten und zur Blüte hoben, im dankbaren Andenken. *   835. Burg-Ebracher Gericht Wunderlicher Rechtsbrauch der Altvordern ist stets zu beachten. Wem der Weiber Wetzstein zu Westhausen mit seinen Kunkelrichterinnen und der Stettfelder Rüg erecht seltsam bedünken will, dem wird in gleicher Weise seltsam dünken das Mannsbildgericht zu Burg-Ebrach. Alljährlich kamen allda am Aschermittwoch zwölf Jungfrauen des Ortes auf freiem Felde zusammen, richteten ein Mannsbild von Holz auf, bekleideten es, wie die Brüßler ihr Pissemännchen, und beschuldigten nun dieses Bild aller Übeltaten, die während des vergangenen Jahres im Orte selbst und in der ganzen Umgegend begangen worden waren; mußte sonach dieses Bild der Sündenbock und -block für alle sein. Da aber besagtes Bildnis stumm war und sich gegen die vorgebrachten Anschuldigungen nicht verteidigen konnte, so ward ihm ein Fürsprech bestellt, der es wacker verteidigte und rechtfertigte. Ward nun Klage vorgebracht wegen geraubter Jungfernkränzlein, gebrochener Eheversprechen und andere schreckliche Übeltaten, so kam oft vor, daß der Fürsprech sprach: Ei mitnichten, Kätterle, das hat ja nicht dieses Mannsbild getan, sondern ein anderes, das du besser kennst! Soll ich's laut sagen, wie jenes heißt? – Da kreischten die Mädchen laut auf und schrieen viele: Ja, und andre kreischten: Nein! – die es nicht wußten, wollten's wissen, und die es wußten, wollten's nicht wissen lassen. So auch bei gestohlenen Sachen, bei üblem Leumund, und es versteht sich, daß des Bildes Fürsprech Haare auf den Zähnen haben und so ziemlich im voraus Taten und Täter kennen mußte, die zur Sprache und Klage kamen, auch mußte er wissen, wenn er einen Täter nannte, mit diesem vor dem wirklichen Gericht fertig zu werden. So übte dieses eigentümliche Gericht einen sittigenden Einfluß, denn jedermann scheute sich. Böses zu tun, weil es unfehlbar zu seiner Zeit zur unlieben Öffentlichkeit kam. Auch half gar wenig, daß die, welche keine guten Briefe hatten, wohlweislich vom Mannsbildgericht wegblieben, um so eher wurden sie genannt und bekannt. Heutzutage wird das Mannsbildgericht überall nicht mehr im freien Felde, sondern in den Stuben beim Kaffeekränzchen geübt, und da hat leider das arme Mannsbild niemals einen Fürsprech. *   836. Der Seckendorfs Lindenkränzlein Kaiser Heinrich II. hatte einen Leibjäger, der hieß Walter, den nannten sie den schönen Jäger, und war nicht allein bei jedermänniglich und bei dem Kaiser selbst beliebt, sondern auch sonsten. Einst jagte der Kaiser in den tiefen Forsten am Roten Main und verfolgte hitzig einen Edelhirsch, da scheuchte er einen mächtigen Ur auf, der sich ihm brüllend entgegenstürzte. Schon glaubte der Kaiser sich verloren, denn er war kein Jüngling mehr, und wie weit er ein Mann war, mocht' er wohl am besten selbst wissen, und zitterte vor dem Untier um sein Leben, da warf sich Walter dem Ur entgegen und stieß ihm den Jagdspeer durchs Herz, daß er röchelnd zusammenbrach; darauf erschellete er sein Horn, da fand sich das Gefolge zusammen, das den Herrn aus den Augen verloren hatte, und sah den toten Ur und den erschrockenen Kaiser und den kühnen unerschrocknen Jäger. Den hieß alsbald der Kaiser niederknieen und schlug ihn eigenhändig zum Ritter, brach von einem nahen Lindenbaum einen jungen Sproß mit acht Blättern, bog ihn in ein leichtes Kränzlein zusammen und sprach: Dies sei deines Geschlechtes Wappen fortan, ein ruhmreiches Siegeskränzlein, zum Preis der tapfern Tat, damit du deinem Kaiser und Herrn das Leben gerettet. – Darauf ritt der Herr mit allem Gefolge und dem neuen Ritter aus den Forsten nach Forchheim hinab, andern Tages aber gen Nürnberg, allwo er seinen und des Reiches Kanzellar Eberhard berief und ihn fragte, ob kein ritterlich Lehen anheimgefallen. Darauf eröffnete der Kanzellar dem kaiserlichen Herrn, daß ein Ritter des Namens Cuno, im Rangau am Flüßchen Zenn seßhaft, erbenlos abgegangen, der besaß ein Mannlehen, das hieß Seckendorf, und dieses schenkte der Kaiser dem treuen Walter. Und ist selbiger der Ahnherr und Stammvater des Hernachmals reichen und weitverzweigten Geschlechts derer von Seckendorf geworden, welche sich in nicht weniger als sechs Linien teilten und dem Hochstift Eichstätt einen Bischof gaben. *   837. Pfaffeneifer Zu Forchheim war ein alter Pfaff, so schwach und lahm, daß er mußte von zwei Diakonen auf die Kanzel geführt werden. Da geschah es am Gründonnerstage 1557, wo man in den Kirchen vom Nachtmahl unsers Herrn predigt, daß der Greis sich auch hinaufführen ließ und begann zu predigen über Pauli erste Epistel an die Korinther das eilfte Kapitel, tadelte aber das klare Wort des Apostels und verteidigte des Papstes Satzung und die Eucharistie in einerlei Gestalt gar hoch. Letzteres zumal hätt' ihm niemand verargen dürfen, denn er war katholisch, aber er überschritt in seinem Eifer alle schickliche Grenze, schlug auf das Kanzeltuch, daß Staub und Motten wie ein Rauch herausfuhren, ballte die Fäuste und warf die Hände empor und schrie, gegen den Apostel scheltend, daß er das heilige Mahl in doppelter Gestalt zu nehmen gelehrt: Paule! Paule! Ist dem also, wie du lehrest, und ist es unrecht, sub una specie zu kommunizieren, ei so hole mich doch gleich der Teufel! – Und zum Volke sich wendend, brüllte der Eiferer: Ja, meine geliebten Christen, meine Seele setze ich euch zum Pfände ein, daß des allerheiligsten Vaters, des Papstes, Wort und Lehre die rechte und richtige ist, und wenn sie es nicht ist, so soll mich gleich bei lebendigem Leibe der Teufel holen! – Über solche gotteslästerliche Rede und Predigt hat sich das Volk über alle Maßen entsetzt, und alsbald entstand ein Knacken, Krachen und Brechen in der Kirche, als wolle sie zusammenstürzen – und alles Volk stürzte hinaus – und da hat sich in der Kirche ein langer schwarzer Mann sehen lassen, von dem ging ein starker Wind, daß ein Brausen in der ganzen Kirche erschollen, der hat den gottlosen Pfaffen vom Predigtstuhl geführt, und niemand hat erfahren, wo er hingekommen ist. Hernach hat sich der schwarze Mann wieder sehen lassen und in des Bischofs Bruderssohn Hans Fuchs Rugenstein Stuhl gesessen, der hat gegen ihn sein Schwert gezogen, aber immer nur damit sich selbst geschlagen, und ist darüber gar viel Rumor und Lärmens worden. *   838. Die geraubte Hostie Bei Eckenbütter spielte ein Metzgerbursche mit einem andern, dem sein Meister vieles Geld zum Vieheinkauf mitgegeben, und verspielte alles; zuletzt zog er den Rock aus, trennte die Silberknöpfe von der Weste und verlor auch die. Da kam ihm der Gedanke, in der Martinskirche eine goldene Monstranz zu stehlen; er brach heimlich ein, nahm die Monstranz und entwich. Auf dem Wege nach Forchheim entnahm er der Monstranz die heilige Hostie und warf sie auf einen Acker in das Korn. Als er durch Forchheim wanderte und sich nach einem Goldschmiedsladen umsah, siehe, da stellten ihn die Hunde, wie vordessen die Torsoldaten zu Forchheim die Wanderer stellten, und ließen ihn nicht weiter. Als nun hochlöbliche Polizei zu Forchheim des Gesellen sich annahm und die Monstranz bei ihm fand, wurde er eingesponnen. Am andern Morgen ging eine Magd ins Gras, die sah helle Lichter auf dem Kornacker brennen, sie ging näher und sah nichts; als sie wieder entfernter war, sah sie die Lichter wieder, gerade wie es dem Seher im Frankental erging. Sie sagte das Gesicht ihrer Herrschaft an, und auch dieser geschah das gleiche. Darauf gelangte an Geistliche die Kunde, die kamen und erhoben die geweihte Hostie, und auf der Stelle, wo sie gefunden ward, wurde eine Kapelle erbaut. Der Dieb aber ward auf einer Kuhhaut zum Richtplatz geschleift. Diese Sage wiederholt sich an vielen Orten, unter andern in Erfurt, so genau, daß es auch dort eine Martinskirche ist, aus welcher die Monstranz geraubt wird, nur sind dort der Diebe drei, die Hostie wird in ein Loch geworfen, und den einen der Diebe treibt Reue zur Offenbarung der Missetat. *   839. Das scharfe Eck Hart an Baiersdorf zwischen Forchheim und Nürnberg sieht man, von Nürnberg kommend, ganz nahe der ersten Stadt zur Linken mitten in dem grünen Tale der Rednitz ein altergraues Ruinenschloß, vier Stockwerke hoch mit vielen Fenstern. Dieses Schloß hieß Scharfeneck, gehörte einst als Sommerlustort einem Abt und barg in seinen Tiefen grauenvolle Kerker, in denen mancher Gefangene schmachtete und verschmachtete, und weil diese Armen so scharf behandelt wurden, nannte das Volk Schloß Scharfeneck das scharfe Eck, und nennt es noch so. In der Ruine soll es gar nicht geheuer sein, zumal in der Mittags- und Mitternachtsstunde. Neugierige werden mit Steinen geworfen oder durch Spukgestalten erschreckt, daher meidet das Volk den öden und verrufenen Bau. Im markgräflichen Kriege, da der wilde Brandenburger Markgraf Albrecht Alcibiades diese Lande verheerte, hatte er das Schloß Scharfeneck als Eigentum inne und drangsalte von da aus die Umgegend weit und breit. So berannte er auch Kunreuth, das Schloß, welches zwei Herren von Egloffstein verteidigten, da sie es aber nicht halten konnten, so kapitulierten sie auf freien Abzug der Besatzung und räumten die Burg; der Markgraf aber ließ achtzig Landsknechte sotaner Besatzung festhalten, berief den Burgkaplan und gebot diesem, diese Männer zu absolvieren. Als dies geschehen war, ließ er auf einem langen Gang der Burg Kunreuth die achtzig aufhenken, einen hinter dem andern, darum heißt derselbe Gang noch bis heute der Totengang. Darnach nahm der Markgraf den Pfaffen und ließ ihn vor dem Schloß an der großen Linde, die noch steht, gleichermaßen auch henken; heißt noch die Pfaffenlinde. Die beiden Ritter von Egloffstein, welche glücklicherweise entkommen waren, nahmen aber für diesen schändlichen Mord eine empfindliche Rache an dem grausamen Markgrafen; sie sammelten neues Volk, ersahen ihre Zeit und berannten Schloß Scharfeneck, nahmen eö und brannten es aus, daß auch nicht ein Balken darin unverkohlt blieb. Nun steht der einsame Steinbau noch immer da, und – in den öden Fensterhöhlen wohnt das Grauen. *   840. Der Rabenflug Mit dem wilden Markgrafen verbunden und in seinem Sold und Dienst war Sigismund von Egloffstein, der führte dem Kriegsherrn eine Schar Reiter zu, als dieser Nürnberg einschloß und belagerte. Wie Sigismund nun so an der Spitze seiner Schar zwischen Erlangen und Nürnberg im Walde dahinritt, so zeigte sich über ihnen ein starker Rabenflug, und die Vögel flogen ganz niedrig und schlugen mit den Flügeln und schrieen fort und fort: Zieh ab, ab, ab, ab, ab! – Deine Frau ist krank, krank, krank, krank! – Das fiel dem Egloffsteiner aufs Herz, und da er zu dem Markgrafen stieß, sagte er es diesem an und bat um Enturlaubung und wollte heim. Aber der Markgraf verlachte ihn und ließ ihn nicht von sich. Nun geschahe es, daß die markgräflichen Soldaten und auch die egloffsteinischen Reiter, die nicht von den wohlgesittetsten waren, den Nürnbergern auch solche Spiegel zeigten wie die Bardewieker dem Herzog Heinrich dem Löwen, und das nahmen die Nürnberger nicht minder krumm, fielen mit Macht heraus und richteten im Heere des Markgrafen und unter den Egloffsteinern ein solches Gemetzel und Blutbad an, daß ihnen alles Spekulieren verging. Nun kehrte der Egloffsteiner heim, aber leider zu spät; es war gegangen wie bei dem Rodensteiner, die Frau war gestorben, und der Egloffsteiner war, gleich jenem, erbenlos; nur einen Bruder hatte er noch, der verließ auch keine Erben und war gar nicht daheim. Da nun Sigismund sich so einsam und verwaist sah, hielt es ihn nicht länger in der Heimat; er steckte sein Schwert in einen Winkel des Stadels (der Scheuer) und nahm das Kreuz. Nach tapfern Kämpfen und nach langen Jahren kehrte Sigismund heim; sein Bruder hatte sich's unterdessen, daß jener fort war, bequem gemacht im väterlichen Erbe, obschon er dennoch nicht gefreit, und so drohete das alte Geschlecht zu erlöschen. Mit einem Male kam ein Mann aus dem Heiligen Lande, der sagte: Ich bin dein Bruder. – Da könnte jeder kommen, sprach der Egloffsteiner, ich kenne dich nicht, woran soll ich erkennen, daß du mein Bruder bist? – An meinem Schwerte sollst du mich erkennen, entgegnete der Heimkehrende, darauf unser Wappen gegraben ist, und das ich, bevor ich schied, in der Scheuer geborgen habe da und da. – Wohlan, wenn es sich also verhält, so sollst du mein Bruder sein, sprach der heimgebliebene Egloffsteiner und ließ sich von dem Fremden zur Stelle führen, wo das Schwert stecken sollte, und siehe, da stak es auch wirklich noch, und nun kam jenem das Glauben mit dem Schauen in die Hand. Darauf vermählte sich Sigismund aufs neue, und ihm entstammte der Egloffsteiner mannlich Geschlecht, das Würzburg einen Bischof gab und in zahlreichen Gliedern und auf vielen Burgen in Oberfranken fortblüht bis auf den heutigen Tag. *   841. Die Waldjungfrauen In der Nähe des Städtchens Baiersdorf zwischen Erlangen und Forchheim liegt ein Wald und in dem Wald ein Quell, aus diesem kamen, so erzählen alte Leute, zum öftern Jungfrauen in die Stadt von holdseliger Gestalt und Gebärde. Sie wohnten den Tänzen der Jugend bei und erfreuten auch mit süßem Gesang die Zuhörer. Da traf sich's wohl bisweilen, daß eines Jünglings Herz in Liebe kam gegen diese zarten Mädchen, und daß er ihnen nachfolgte, wenn sie zum Wald zurückgingen. Oder es trieb auch manchen die Neugier hinaus in den Wald, zu erspähen, in welchem Schloß oder Haus diese Huldinnen wohnten, doch hat es keinem Glück gebracht, der ihren Spuren folgte. Die Liebenden kehrten meist in sich gekehrt und tiefsinnig zurück; einer sprach, ein anderer lachte nie mehr, ein dritter fiel in schwere Krankheit des Gemüts, daran er starb. Die Neugierigen wurden geschreckt durch häßliche Waldgespenste und empfingen zum Teil allen Übeln Lohn des Vorwitzes. Daher wurde es bald im Volke üblich, die Kinder zu warnen, zumal abends, nicht in den Wald zu gehen oder im Walde einer Jungfrauenerscheinung nachzuwandeln, weil es Unglück bringe. Heutzutage sieht man die Waldjungfrauen nicht mehr und hört nichts mehr von ihnen. *   842. Die Spinnerin Die Spinnerin, so nennt das Volk eine romantische Felsengruppe zwischen Westheim und Dochstätten, nicht weit von Marktbergel in Mittelfranken gelegen. Einst ging vom nahen Wessachhof ein junges Mädchen mit ihrem Rocken im Arm nach Westheim spinnen; in der Spinnstube ging es lustig her, und sie blieb ungewöhnlich lange trotz der Warnung ihrer Eltern, nicht über zehn Uhr auszubleiben – es war aber schon zwischen elf und zwölf Uhr, als sie ihren Nachhauseweg antrat, und weil es ungewöhnlich finster war, hatte sie die Begleitung zweier junger Bursche angenommen. Als nun die drei über die Felsen und Abgründe dahinschritten, wurde es so stockfinster, daß sie keinen Weg und Steg mehr sahen. Darüber begannen die beiden Bursche zu fluchen und zu lästern und riefen den bösen Feind zu Hülfe, während das arme Mädchen ängstlich schrie und klagte. Der Teufel ließ gar nicht lange auf sich warten, er erschien, packte die Lästerer, drehete ihnen die Hälse um und warf sie in die Schluchten hinab. Die arme Spinnerin aber war vor Schreck und Graus auf der Stelle des Todes und stürzte ebenfalls in den Abgrund. Sie spukt heute noch dort; die Wanderer, welche zur Abendzeit des Weges kommen, die führt sie irre. Zuweilen hören sie auch das wütende Heer über sich vorüberziehen. Noch in neuerer Zeit geschah dies einem jungen Mann, der seine Verwandten besuchen wollte; er mußte die ganze Nacht gehen, und früh war er ebenso weit von dem Ort entfernt, den er besuchen wollte, als des Abends vorher, ohnerachtet er den Weg genau kannte. Er klagte seinen Irrgang einem alten Jäger einige Tage daraus! Ja! sagte dieser, da hat die Spinnerin Sie irregeführt. – Diese Spinnerin kann immer noch zufrieden sein, sie wandelt doch noch auf Erden und ist nicht so weit hinweggewünscht wie die Spinnerin im Mond. *   843. Der Petersberg Von dem steilen Petersberg oder Werberg bei Marktbergel gehen viele Sagen im Munde des Volks. In der Nacht auf den ersten Mai, so lautet eine, tanzen die Druden oder Hexen darauf herum; kein ehrlicher Mensch darf es in dieser Nacht wagen, den Berg zu besteigen, sonst wird ihm der Hals umgedreht. Schon in der Heidenzeit soll der Berg berüchtigt gewesen sein; in spätern christlichen Zeiten stand eine Benediktinerabtei darauf, nebst einer Wallfahrtskirche, die von den Päpsten mit großem Ablaß begnadigt war; aber Kloster und Kirche wurden später zerstört, wann, weiß man nicht. Noch finden sich viele Gewölbe und unterirdische Gänge in diesem Berge, einer deren soll in die Kirche von Marktbergel und von da bis ins Pfarrhaus gehen. – Eines Tags wagte ein Mann in diese Gewölbe, welche große Schätze enthalten, einzudringen. Als er hineinkam, sah er alles glimmern und schimmern und steckte sich von den Kostbarkeiten, die seine Augen schier blendeten, so viel in seine Schubsäcke, als nur hineinwollte. Als er nun wieder zu dem Ausgang kam, so fand sich, daß dieser so enge war, daß der Mann nicht herauskonnte, voll Angst drängte er sich dennoch durch die Öffnung, blieb aber in der Felskluft stecken wie jener Gute im Weingartenloch und konnte weder vorwärts noch rückwärts, bis ihm, dem ängstlich um Hülfe Schreienden und Winselnden, einige Leute zu Hülfe kamen; diese rissen ihn mit großer Mühe aus der Spalte, aber seine Kleider hatten sich so dazwischengeklemmt, daß ihm die Taschen davon abrissen und im Berge zurückblieben, in ihnen waren nun auch die Kleinodien und Kostbarkeiten. Mußte froh sein, daß er seinen Kopf noch glückhaft wieder ans Tageslicht gefördert sah. Kein Mensch wagte es, wieder in die Kluft hineinzugehen, am wenigsten der, dem der Gang in das Bergesinnere so übel bekommen war, der verlangte all sein Lebetage nicht wieder hinein. *   844. Kaiser Karl im Brunnen und im Berge Eine Fürstin unter den Städten ist Nürnberg, sie war der deutschen Kaiser liebste Tochter, des fränkischen Reiches Krone und Thüringens Vormauer. Nürnberger Tand ging durch alle Land. So klang und klingt der alten freien Reichsstadt Lob von einer Zeit zur andern. Auf dem Markt zu Nürnberg steht der schöne Brunnen, mit herrlichem Bildwerk geziert und vom künstlichen Gitter umgeben. Der Brunnen soll sechzehnhundert Schuh tief sein, nach andern nur dreihundert, die Kette, an der die Eimer hangen, wiegt dreitausend Pfund. In dieses Brunnens Tiefe hat Kaiser Carolus Magnus sich verwünscht, da drunten der Welt Ende zu erwarten. Einst ließen die Herren von Nürnberg einen Verbrecher in die Tiefe des Brunnens hinab, der sahe Carolum drunten sitzen an einem Steintisch, wie den Barbarossa im Kyffhäuser. Der Bart war durch den Tisch hindurchgewachsen und reichte schon zweimal um den Tisch herum. Wann er zum dritten umreicht, wird der Welt Ende vor der Türe sein. Nicht weit von Nürnberg erhebt sich der Kaiser-Karlsberg, auch in diesem soll der Kaiser Karl sitzen und auf der Welt Ende harren mit allen seinen Wappnern. In frühern Zeiten ward aus dem Berge oft ein schöner Gesang vernommen – da waren die Zeiten noch gut –, jetzt hört man aus ihm nur noch klagendes Weinen, weil die Zeiten so schlecht sind. Damit besagtes Weltende nicht allzu schnell herbeirücke, als welches schrecklich und sehr störend wäre, so muß des Kaisers Bart siebenmal um den Tisch wachsen, und da sich nun die Leute darüber gestritten und noch streiten, ob der Bart des verzauberten Kaisers dreimal oder siebenmal um den Tisch wachsen müsse, so ist davon das Sprüchwort entstanden, wann über unausgemachte Sachen nutzlos gestritten wird: es ist ein Streit um des Kaisers Bart. Die Sage geht, ein Bäckerjunge aus Fürth habe einst, wie dort der Semmelknabe im Guckenberge, durch einen Gang Brot in den Kaiser-Karlsberg gebracht, es sei ihm aber auch gleich jenem ergangen, oder noch schlimmer, denn als er das Geheimnis zu entdecken gezwungen worden, sei er zum letzten nicht wiedergekehrt, und nur seine Kleider seien zerstückt außen am Berge gefunden worden. Aus dunkler Mythenzeit klingt schon die Sage herein, daß ein König Noro im Berge verzaubert sitze, der habe der Stadt ihren alten Namen verliehen: Nor im Berg; aus seines Namens spätem Nachhall ist aber ohne Sinn Nero geworden, ein prächtig Fündlein für die Diftler, die nun gleich die Stadt vom Römerkaiser Nero gründen ließen, denn römisch mußte diesen klassischen Narren alles sein, was gelten sollte, Deutsches paßte nicht in ihren gelahrten Kopf, Kropf und Zopf. *   845. Sankt Sebaldus' Wunder und Grab Es ist eine alte Sage, daß der heilige Sebaldus zu Ende des achten oder zu Anfang des neunten Jahrhunderts nach Christo nach Nürnberg gekommen. Dieser Heilige war eines Königs von Dänemark Sohn, hatte in Paris studiert und eines Grafen in Frankreich Tochter geheiratet. Er war aber gar fromm und gottesfürchtig, und seine Braut erhielt in ihm nicht einen Gemahl, sondern einen vollkommenen Behüter und Beschirmer ihrer Jungfräulichkeit, und nachdem er ihr guten Unterricht in der Keuschheit erteilt, verließ er sie und seines Vaters Palast heimlich und wurde ein Einsiedel, wälzte sich auf Dornen und Disteln und kreuzigte sein aufrührerisches Fleisch, daß sein Leib davon ganz armselig und mager wurde. Darauf pilgerte er samt seinem Schüler Dionysius barfuß gen Rom, traf auch auf seinem Wege die heiligen Männer Willibald und Wunibald und nahm sie in seine Gesellschaft und gab ihnen Speise, die er aus Engelhand, empfing, hatte auch einen Legel, der immer wieder voll Weines wurde, wann die Gesellschaft ihn ausgetrunken, und wann etwan ein Glas zerbrach, so machte St. Sebald selbiges wieder ganz, und lehrte und predigte hin und her auf seinem Wege allem Volke die sanfte Lehre unsers Herrn und Heilandes. Da sich einstmals ein verdammter Ketzer fand, der dem Volke zuschrie, Sebalds Lehre sei falsch, so mußte sich auf der Stelle das Erdreich auftun und selben Ketzer verschlingen, doch nur bis an den Hals. Da nun der arme Ketzer so im Erdloch stak und nicht einmal zappeln konnte, so wünschte er wieder herauszukommen und bekehrte sich, da hob ihn der milde Heilige wieder heraus. Über die Donau schwamm St. Sebald auf dem groben Mantel, den er über seinem härenen Hemde trug und aus das Wasser breitete, stehenden Fußes, weil kein Nachen vorhanden war. Und da kam der Heilige in den Norgau, da hatte ein Bäuerlein seine Ochsen verloren und jammerte, denn es war Nacht, und es wußte nicht, wo es die Ochsen suchen sollte. Da schuf St. Sebald durch sein Gebet, daß des Bauern Finger leuchteten und großen Schein warfen, wie ein Kronleuchter, und da fand und fing er seine Ochsen wieder. Nun kam der heilige Mann gen Nürnberg und nahm seine Herberge bei einem Wagner. Selbem Wagner aber ging es wie jenem Müller, des Mühle die drei Gänge hatte, nach Wasser, Korn und Brot – er hatte nicht einmal Holz zum Einheizen, geschweige zum Wagenbauen. Da heizte der heilige Sebald mit Eiszapfen ein, die brannten, daß es knitterte und knatterte, und wärmte sich, und der Wagner und sein Weib lobten Gott für so billiges Brennmaterial. Eines Tages wünschte Sebaldus Fische zu speisen, es war aber durch die Herrschaft, die auf der Burg wohnte, bei Verlust des Augenlichts allen verboten, vor ihr Fische zu kaufen. Da nun Sebaldus' Wirt solches dennoch tat, so ward er ergriffen und geblendet. Dieses tat Sebalds leid, er tat sein Gebet zu Gott und gab dem Wirt sein Augenlicht wieder. Bei diesem guten Manne und dessen Weibe blieb auch Sebaldus bis zu seinem seligen Ende, vor welchem er noch verordnete, daß zwei Ochsen seinen auf einen Wagen gelegten Leichnam ohne Lenker dahin ziehen sollten, wo er bestattet sein wolle, und zogen die Ochsen den Wagen bis zu Sankt Peters Kapelle und keinen Schritt weiter trotz aller Bezwangnis und Geißelhiebe. Da ruhete und rastete Sankt Sebaldus gnädiglich, und ward über ihn ein hölzern Kapellchen erbaut, welches aber hernachmals der Blitz entzündete und einäscherte. Da setzten sie den heiligen Leichnam in das Schottenkloster St. Agidien. Darin war ein vorwitziger, junger Mönch, der zupfte den heiligen Leichnam am Bart und sprach spöttlich: Ei du alter Lügenvater! Wie viele Menschen hast du dein Lebtage betrogen?! – Solches Schmähwort verdroß den heiligen Leichnam sehr; er erhob sich und verehrte dem Mönch eine so schreckliche Ohrfeige, daß jenem davon alsbald ein Auge aus dem Kopfe sprang. Der Mönch schrie Zeter, alle Mönche liefen herbei und riefen St. Sebald um Vergebung an und um Wiederherstellung des Geschlagenen. Darob wurde der heilige Leichnam beweget, dem Mönch das geschlagene Auge wieder einzusetzen, die Schelle konnte er ihm aber nicht wieder abnehmen, und war ihm selbe auch gar gesund. Nach diesem Vorgang gefiel es Sebalds nicht mehr in St. Agidien, und war ihm lieb, in sein eigen Münster und in einen silbernen Sarg zu kommen. Allda ruhend, war es Sebaldi Segen, der Nürnberg groß und reich und blühend machte als der Stadt sonderlicher Patron und Hauptherr, und fortwährend tat er hohe Wunder. Blinde machte er sehend, Pilgrime errettete er von Straßenräubern, Kranke machte er gesund, Tote lebendig. Einst sandte eine fromme Bäuerin in Nürnbergs Nähe St. Sebald einen großen Käs zum Opfer; der Nachbar aber, dem sie den Käse mitgab, dachte: der liebe Gottesheilige ißt doch keinen Käs, sondern im Paradiese das himmlische Manna, es tut's also auch ein kleiner, den großen willst du für dich behalten. Da machte St. Sebald den kleinen Käse zu Stein und auf dem Heimwege des Bauers auch den großen. – Da nun zu Nürnberg der unübertreffliche Rotgießermeister Peter Bischer lebte, so bekam derselbe den Auftrag mit seinen fünf verheirateten Söhnen Peter, Hermann, Hans, Paul und Jakob, die alle bei ihm im Hause wohnten und in seiner Gießhütte arbeiteten, St. Sebald ein neues schönes Grabmal zu fertigen, auf dem der Silbersarg mit den heiligen Gebeinen ruhen sollte, und fertigte dieses also herrlich und kunstvollendet schön, mit frommem Sinn und hohem Geist, daß es als Nürnbergs größte Zier dasteht. Und von den vielen Tausenden, die von Jahr zu Jahr dieses herrliche Kenotaph anstaunen, denkt kaum einer noch an den Heiligen, der darinnen ruhet, und an dessen Wunder, sondern nur an die Wunderwerke deutscher Kunst, die Nürnbergs unsterbliche Söhne, ein Peter Bischer, ein Albrecht Dürer, ein Adam Kraft, bewirkt und vollbracht durch den schaffenden wunderwirkenden Gottesgeist in der Menschenseele. *   846. Die Teufelssäulen Zu Nürnberg in der alten Kaiserburg ist eine Kapelle, die ruht auf vier Säulen, eine davon ist, weil sie gebrochen, in der Mitte mit einem eisernen Reif umschlossen. Oben am Gewölbe aber schaut ein Pfaffengesicht herab, das ist der Kopf des ersten Kapellans an dieser Burgkirche, der ging mit dem Teufel eine Wette ein, oder umgekehrt der Teufel mit ihm, daß er, bevor das Pfäfflein, das sehr hurtig Messe lesen konnte, eine Messe läse, vier Säulen aus Rom herbeibringen wolle, eine nach der andern. Vermöge der Teufel solches, so solle des Pfaffen Seele sein eigen sein, vermöge er es nicht, so sollten die schönen Säulen aus einem antiken Heidentempel die christliche Kapelle stützen und schmücken. Der Teufel fuhr ab, und der Kapellan begann seine Messe; da ging es fast wie beim Puppenspiel, wenn Fausts Diener die Furien beschwört: perlicko – perlocko! – Im Hui war der Teufel fort, und im Hui war er wieder da und brachte die erste Säule. Als der Pfaffe an das Credo kam, war schon die zweite Säule da, und beim Evangelium die dritte – jetzt hieß es hurtig und geschwind. Ite! missa est! scholl dem Teufel entgegen, als er mit der vierten Säule anrasaunt kam, da warf der Teufel die Säule hin, daß sie mit einem Donnerkrach in zwei Stücke zersprang, und fuhr erhitzt von dannen, denn er kochte von Anstrengung und nun vor Ärger, und stürzte sich in den Dutzendteich, wo die Druden-Eila haust und spukt. Um die zerborstene Säule aber ward der eiserne Reif gelegt, und alle viere schmückten nun die alte Burgkapelle. Sie sind von weißem Marmelstein und gar schön. Des schnellen Messelesers steinern Haupt blickt sie noch immer mit stillem Vergnügen an. *   847. Hausgeister zu Nürnberg Zu Nürnberg hat es von je allerlei Merkwürdiges gegeben, auch Hausgeister und Alraune fehlten nicht, und da neben dem Hausgeist der Handelsgeist in dieser ehrwürdigen Reichsstadt besonders mächtig war, ist es vorgekommen, daß heimlich Handel getrieben ward mit leibhaften Alraunen und Spiritus familiares. Ein altes Handelshaus hatte sie unter dem Namen Heckewurm und hielt sie hoch im Preise, eine bis zwei Pistolen das Stück, und es gab in der Tat gläubige Narren, die davon kauften. Eine Goldschmiedsfrau hatte einen Spiritus familiaris. Einst sprach er zu ihr: Frau, ein Sandkörnchen hat Euer Leben behütet! – Dieser Geist warnte sie vor Gefahren, betete mit ihr und sang mit ihr schöne Lieder und Psalmen und war ihr gut und nütze. Da überkam sie der leidige Frauentrieb, die schlimme Neugier, sie wollte den Geist durchaus sehen, wie jene Köchin den Hinzelmann. Vergebens warnte sie der Geist und sagte ihr, sie werde es bereuen. Sie drang immer heftiger in ihn – und da sie nun in ihre Kammer trat, so sah sie an der Mauer einen Schatten gleiten, anzusehen wie ein todbleiches Kind in weißem Totenhemdchen, eine Sanduhr in der Hand haltend, deren Sand fast verronnen war, und auf sotanes oberes Glas deutend und schnell verschwindend. Die Frau entsetzte sich, fiel alsbald in schwere Krankheit, ihr Lebenssand verrann, und ihr Geist entfloh. So war auch einer zu Nürnberg, der konnte die Geister beschwören, aber so, daß auch wirklich welche kamen. Er machte aber dazu sondere Zeremonien, deckte ein Tischlein, setzte Milchschüsselchen darauf, neue Messerchen und Tellerchen und Jungfernhonig, riß einer schwarzen Henne den Kopf ab, ließ Blut auf die Speise träufeln und nahm noch allerlei sonstiges seltsames Gebaren vor. Dies tat er im Freien auf einem heimlichen Plan, und dann barg er sich hinter einen Baum, und da kamen zwei Erdmännlein, setzten sich an den Tisch, speiseten und beantworteten die Fragen, die Paul Cruz, so hieß der Mann, an sie tat. Selbst den König dieser Geisterlein brachte er ans Licht, der kam ganz allein, trug ein rotes Scharlachmäntelein, warf ein Buch auf den Tisch und ließ den Geisterbanner darinnen lesen, der schöpfte daraus große Weisheit und seltsame Geschehnisse. Ob er aber auch das Geheimnis, selig zu sterben, darinnen funden, ist Gott allein bekannt. *   848. Nürnberger Wahrzeichen Zu Nürnberg befindet sich ein Ochs, der nie ein Kalb war, das ward sonst für eine große Rarität erachtet und galt als der Stadt absonderliches Wahrzeichen. Ein Kälbchen ist ein g'spaßig's Tierlein; heutzutage brüllen, brummeln und bummeln nicht allein zu Nürnberg, sondern allenden Geschöpfe umher, die niemals Kälber waren, sondern gleich von vornherein nicht norische, sondern notorische Ochsen sind. Der Nürnberger Wahrzeichenochs ist zu finden, wenn man über die Fleischbrücke geht, er ist von Stein, wiegt neunundzwanzig und dreiviertel Zentner und liegt über dem Portal zur Metzig. Die Fleischbrücke ist in einem Bogen gespannt und wurde vom Architekten des Eskurials aus seiner Reise nach Wien als das trefflichste Werk einer Brücke solcher Art gepriesen. Auf besagten Ochsen sind viele Verse und Reime gemacht worden, und hat mancher Poet an ihm sein Ingenium geübt, wie das in frühern Zeiten Brauch war, dem Rindvieh zu schmeicheln, es zu verehren, ja in gewissen Fällen anzubeten, wie schon die Heilige Schrift dartut in der Geschichte vom goldnen Kalbe. Die alte werte Reichsstadt Nürnberg hat der Wahrzeichen noch andere und viele und der Sagen so mannigfaltige, daß sie allein ein mäßig Buch füllen würden. So, um nur ein Wahrzeichen noch zu nennen, der Stein am berühmten St. Johanniskirchhof, welcher kündete, wie ein Familienvater mit dreizehn der Seinen an einem Tage gestorben. Ist das nit ein senlich vnde jammerliche klag, Ich starb vs mynem hus selp dryzehend vf einen tag 1827. Hier tritt abermals die mythische fränkische Vierzehntzahl, wie bei Eppela von Gailing, dem Nürnberger Feind, und den vierzehn Heiligen, vor Augen. *   849. Schweppermanns Eier und Grab Ohnweit Amberg in der bayrischen Oberpfalz, im Kloster Castel, ruht der fromme Schweppermann, der war Feldmarschall Kaiser Ludwigs des Bayern, tapfer und bewährt, und half ihm vornehmlich zum Siege wider seinen Gegenkönig, Friedrich den Schönen von Österreich. Da nun die Siegesschlacht geschlagen war, darin Friedrich der Schöne gefangen worden, so sprach der Sieger zu dem Besiegten: Seid gottwillkommen, Herr Vetter! Wir sehen Euch gerne – und behandelte ihn mild und gütig. Wie es nun an des Königs Tafel wenig zum besten war, denn die Kriegsgurgeln hatten allen Vorrat aufgezehrt, und gab nur Eier, und auch deren nur ein einziges mehr, als Personen an der Tafel saßen, so überzählte sie der Kaiser, nahm zwei Eier, legte diese auf Schweppermanns Teller und sprach: Jedem ein Ei, Dem frommen Schweppermann zwei. Als nun Schweppermann gestorben und begraben war, da wurde ihm diese schöne Grabschrift gesetzt: Hie liegt begraben Herr Seyfried Schwepperman Alles thuns wandel an (makellos) Ein Ritter keck vnde fest Der czu Grundersdorf thät das best Er ist nu tod Dem genate got Jedem eyn ey Deme frommen Schwepperman zwey. *   850. Trausnitz Da Ludwig der Bayer den Österreicher Friedrich den Schönen in seine Macht und Gewalt gebracht hatte, so ließ er ihn nach der sichern Feste Trausnitz ob Landshut bringen, ihn da verwahrlich aufzubehalten. Wie nun Friedrich nach dem Namen des Schlosses fragte und selben erfuhr, erseufzete er und sprach: Ja wohl, truwes nit, trau's nicht! Ich habe sein je nit getraut, daß ich sollte darein gebracht werden. – Zu Friedrichs Bruder, Herzog Leopold dem Ruhmreichen, trat bald darauf ein Zauberer, der erbot sich, mit des Teufels Beihülfe Friedrich zu befreien, und sandte auch wirklich einen Teufel auf die Trausnitz, den Gefangenen hinwegzuführen. Dieser stellte sich dem Könige in Pilgrimstracht vor Augen und erbot sich, ihn auf seinen Schultern von dannen zu tragen, wie Herzog Heinrich den Löwen über Meer. Da fragte der König Friedrich: Wer bist du? – Mußt du es wissen? fragte der Teufel zurück. Dich aus dem Kerkerschloß zu holen, kam ich her, nicht um deinen Fragen Rede zu stehn. – Da graute dem Könige, und schlug ein Kreuz, und der höllische Postmeister fuhr von dannen. Hernach hat Herzog Leopold dem König Ludwig mit Krieg also weh getan, daß er den Gefangenen doch entlassen mußte. *   851. Der Krötenberg Im Landgerichte Rottenburg, zwischen Landshut und Abensberg, liegt im Biebertale ein kleines Kirchdorf, Nordholz geheißen, und nahe dabei ein Berg, der eine Burgtrümmer trägt, allwo ein ritterliches Geschlecht gleichen Namens hauste. Mit diesem Berge hat es eine sondere Beschaffenheit; alljährlich im Maimond gebiert er – nicht Mäuse gleich dem kreisenden Berge des Sprüchworts, sondern eitel Kröten. Scharenweise wie aus einer Quelle schwulgern sie hervor und purzeln und patschen übereinander in Haufen den Berg hinab und rauschen und rascheln im Laub und Gesträuch. Drunten ist ein Weiher, da ziehen sich die Kröten hinein, und binnen drei Tagen ist der so voll, daß er überläuft, und da laufen die Kröten auch mit über und statten der nahen Mühle Besuch ab, verbreiten sich über Hof und Garten, in Stuben und Keller, Kammern und auf den Boden und machen das Haus fast unbewohnbar. Niemand weiß, woher der so plötzliche Zuspruch, item , die Kröten sind da, und niemand tut ihnen etwas, denn – das ist die Hauptsache – je mehr ihrer kommen, je willkommener sind sie, weil sie prophetische Tiere sind, nämlich Vorboten einer reichen Getreideernte, wenn sie in recht großer Zahl erscheinen, wie der Heerwurm auf dem Thüringer Walde. Nach drei Tagen verlieren sie sich, ohne daß man gewahrt, wo sie hinkommen; zurück in den Berg gehen sie nicht, derselbe hat aber von dieser seltsamen Naturerscheinung den Namen Krötenberg erhalten. *   852. Die Abensberger Schar Da Kaiser Heinrich II. zu Regensburg Hof hielt, stellte er ein Jagen an in den Forsten zwischen Regensburg und Abensberg und lud dazu die benachbarten Edeln, doch mit dem Gebot, es möchte ihrer keiner mehr denn nur einen Diener mitbringen, sintemalen es schien, als sei der Kaiser freigebiger gegen die Pfaffen gewesen als gegen die Jäger. Siehe, da nahete dem Hoflager im Walde von Avensberg her eine starke und stattliche Männerschar, alle in guter Jagdwehr und hoch zu Roß, und große Dienerschaft lief neben den Rossen. Wer nahet dorten mit so vielem Gefolge? fragte der Kaiser, und die Antwort lautete: Graf Babo ist's, der Abensberger. – Da nun der Graf nahe herzuritt, sah ihn der Kaiser ungnädig an und fragte: Du hast wohl Unser Gebot nicht vernommen oder verstanden, daß du so viele Mäuler uns ins Lager führest? – Darauf sprang Graf Babo vom Roß und beugte seine Kniee vor dem Kaiser und sprach: Hoher Herr! Du hattest die Gnade, mir und meinen Söhnen zu erlauben, dem Jagen beizuwohnen. Jeder von uns kommt selbander nur mit einem Diener! – Das sind ja über sechzig Mannen! rief der Kaiser. – Ja, hoher Herr! Es sind unserer sechsundsechzig! erwiderte mit heiterer Miene Graf Babo. Und da traten zweiunddreißig Männer, Jünglinge und Knaben, die indes von ihren Rossen gestiegen waren, und knieten nieder, und Babo sprach: Siehe, hoher Herr, das sind alle meine lieben Söhne, die und noch acht Töchter habe ich mit zwei Frauen erzeugt in Gottes Hülfe und die Söhne erzogen zu deinem Dienst, und übergebe und widme sie dir mit Leib und Leben! – Das laß ich gelten! rief der Kaiser, sind das deine Söhne, ei, so sollen es auch meine Söhne sein. Einem ist die Natur freigebig, einem ist sie karg. – Und reichte einem jeden der zweiunddreißig die Hand, und dem Vater zu allererst, und verhieß ihnen Schlösser und Lehen, ihren gräflichen Stand wohl fortzuführen. *   853. Die heilige Stilla Aus dem Geschlechte der Grafen von Abensberg ging eine fromme Maid hervor, deren Name war Stilla. Sie war die Tochter Wolfram II. Stilla erbaute eine Kapelle unfern Abensberg in die Ehre Sankt Peters und stiftete mit ihren Brüdern Rapoto und Konrad das Kloster Heilsbronn. Stilla gelobte dem Himmel ewige Keuschheit, besuchte täglich im Geleit ihrer Frauen ihren Andachtsort und hätte nichts lieber gehabt, als auch an dessen Stätte ein Kloster erstehen zu sehen. Sie teilte mit dem heiligen Sebald ganz ein und dasselbe Sehnen, da zu ruhen, wohin weiße Stiere ihren Leichnam ohne Führer ziehen würden. Diesen Ort bezeichnete auch bereits ein Handschuh, den Stilla in die Luft warf, aber nicht im Zorn wie die thüringische Sophia oder Alberade von Banz, sondern in lauterer frommer Zuversicht, und der Handschuh war, einer weißen Taube gleich, nach ihrer Kapelle zugeflogen und hatte auf diese sich niedergelassen. Da nun Stilla gestorben war, sollte sie in das Kloster gen Heilsbronn begraben werden, aber da taten die Dienerinnen deren letzten Willen kund, und so ward derselbe befolgt, und das weiße Stiergespann zog ihre Leiche ohne Lenker zu ihrer Kapelle hin. Danach ist auch ihr heißer Wunsch noch erfüllt und an deren Stätte ein Frauenkloster erbaut worden, welches den Namen Marienburg empfing. Rechts beim Eingang in die Klosterkirche erblickt man Stillas Grab, und geschahen allda viele Wunder, und wurde Stilla als Heilige vom Volke verehrt, gleichwie die preußische Dorothea, obschon kein Papst sie kanonisierte; aber Bischof Rainboto von Eichstätt hatte in der Peterskapelle ihr zu Ehren einen Altar errichtet und geweiht. *   854. Sankt Emmeran Was der heilige Sebald für Nürnberg ward, hochverehrter Wundertäter, segenwirkender Schutzpatron und gefeierter Heiliger, das alles wurde Sankt Emmeran für die freie Reichs- und Reichstagstadt Regensburg, von der die Rede geht, daß sie so viele Kirchen und Kapellen gehabt als das Jahr Tage. Der heilige Emmeran oder Heimeran stammte aus Guienne und war Bischof von Poitiers. Aus Neigung, die Heiden zu bekehren, kam er nach Deutschland und nach Bayern. In diesem Lande hatte zwar der heilige Rupert bereits den Samen des Christentums ausgestreut, jedoch noch nicht an allen Orten, und Theodo V., der Bayerherzog, bat Sankt Emmeran, das gottselige Werk fortzusetzen. Herzog Theodo hatte eine schöne Tochter namens Utha, und Utha hatte einen Liebsten namens Siegebald, und der hatte den Namen mit der Tat, er hatte bald gesiegt, und zwar allzubald, und war darüber bei Utha großes Herzeleid, und wußte sich keines Rates, fürchtete vielmehr, daß der Zorn ihres Vaters und Bruders sie und ihren Geliebten töten würde. Da entdeckte sie sich dem heiligen Emmeran, und der fromme reine Mann war von so himmlischer Güte, daß er ihr den Rat gab, sie möge ihn als Täter nennen. Ob er nun glaubte, die Sache damit minder schlimm für Utha zu machen und der Rache zu entgehen, da er gerade im Begriff war, gen Rom zu reisen, oder ob er sich nach dem martervollsten Tode sehnte, weiß man nicht. Er reiste ab, und die geängstigte Utha befolgte seinen Rat. Zornentbrannt warf sich alsbald Landopert, ihr Bruder, mit einer Schar Mannen aufs Roß und setzte dem frommen Pilger nach, holte ihn auch bald genug zwischen dem Inn und der Isar beim Dorfe Helfenburg ein und schrie ihn spöttlich an: Ei guten Tag, Bischof! Ei guten Tag, Herr Schwager! – ließ alsbald Emmeran greifen, auf eine Leiter binden, ihm die Hände und Füße abhauen, die Nase und Ohren abschneiden, die Augen ausstechen und den verstümmelten noch lebenden Körper in die Sonne stellen. Als die grause Tat geschehen war, wurden zwei Männer sichtbar, welche eilig die abgelösten Gliedmaßen des heiligen Mannes sammelten und vor den Augen der Mordknechte verschwanden, und zu dem wahnbetörten Landopert trat Wolflet, ein Geistlicher, dem Emmeran alles vertraut und seinen Tod vorausgesagt hatte, und welcher, als die Mordtat geschah, nicht beihanden war, hätte sie auch schwerlich hemmen können. Nun freilich ward Landopert die übereilte grausame Tat von Herzen leid, war aber einmal geschehen, und wurde der Körper erhoben und gen Regensburg geführt, und da fuhr die Seele aus dem Munde des Gemordeten wie ein rosenroter Blitzstrahl und fuhr gen Himmel. An dem Orte des Mordes wölbte sich von selbst ein grüner Hügel, wie ein Grab, und geschahen daselbst unzählige Wunder. Der heilige Leichnam wurde zu Regensburg in St. Georgen beigesetzt, und Landopert erbaute zur Sühne und zur Buße seiner Untat das berühmte Stift St. Emmeran. Solches alles hat sich begeben im Jahre des Herrn 652, da noch die Agilolfinger in Bayern herrschten. Ob des heiligen Mannes schuldloser und blutiger Opfertod der Prinzessin Utha zugute gekommen, meldet die Sage nicht, aber der Stadt Regensburg ist dieser Tod zu hohem Glück gediehen bis zur Zeit, da in Kostnitz das Konzil war und der Huß verbrannt wurde. Da sind in Regensburg zwei Geistliche gewesen, die haben es laut gesagt, daß dem Huß zu viel geschehen sei. Da wurden diese beiden ergriffen und ihnen auch gleichwie dem Huß getan, und ward damals der Ketzerturm erbaut. Von dieser Zeit an, erging die Sage, habe man bemerken wollen, daß sich das Glück dieser Stadt gar merklich verkehrt und ins Abnehmen gekommen. *   855. Regensburger Wahrzeichen Die Wahrzeichen Regensburgs sind am Dome zu finden und an der Brücke: am Dome ein Mann von Stein, der sich herunterstürzt, und an der Brücke ein kleiner Mann, der nach jenem schaut, die Hand über die Stirne haltend. Das sind die Baumeister des Domes und der Brücke; beide wetteten miteinander, wessen Bau zuerst vollendet sein werde. Und soll der Baumeister der Brücke des Dombaumeisters Lehrling gewesen sein. Der Lehrling nun ging einen Bund mit dem Teufel ein und versprach ihm die ersten drei Seelen, die über die vollendete Brücke gehen würden, zum Eigentum, wenn er sie eher vollende als sein Meister den Dom. Da schleppte der Teufel als bekannter Steinschlepper und Lastesel Steine in Massen herbei und half bauen, was das Zeug hielt, und ward die herrliche Brücke gebaut mit fünfzehn granitnen Schwibbogen und drei Türmen aus lauter Quadersteinen, vierhundertsiebenzig Schritte lang und dreiunddreißig Schuh breit. Und unversehens war sie fertig, und da der Dombaumeister auf seinem Gerüste stand und das Werk vollendet sah, so tat er wie der Baumeister des Doms zu Köln, dem Ähnliches widerfuhr, er stürzte sich vom Gerüste herab, worauf sein steinern Bild am Dom angebracht wurde. Der Brückenbaumeister aber sperrte die Brücke, sowie sie vollendet war, daß kein Mensch darübergehen durfte, und trieb zuerst einen Hund, einen Hahn und eine Henne darüber, welche der Teufel in Empfang nahm und dadurch bestätigte, daß die Tiere auch Seelen haben, was von vielen verneint worden, und mag sie ohne Zweifel zu der Wolfsseele getan haben, die er beim Dombau zu Aachen fing, und zu der Eselsfüllenseele, die er auf Burg Rheingrafenstein so glückhaft erhaschte, und zu andern Tierseelen. Der von des Teufels Ansprüchen also durch List befreite Architekt brachte nun zum ewigen Wahrzeichen die Bilder von Hund, Hahn und Henne auf der Brücke selbst an, auch zeigt man auf ihr ihren größten und ihren kleinsten Stein nebeneinander. *   856. Dollinger und Krako Zu Kaiser Heinrichs des Hunnensiegers Gezeiten hielt derselbe in Regensburg Hof und daselbst ein Stechen. Da kam unter Geleit ein freisamer Heide geritten, des Name war Krako, der forderte die Ritterschaft zum Lanzenbrechen auf mit großem Übermut, und wer im Stechen auf Leben und Tod unterliege, dessen Seele sollte dem Teufel eigen sein, denn er hatte heimlich zwei Teufel in seinem Dienst, die ihn stark machten und nach Teufelart auf Christenseelen lauerten. Die Ritter aber alle schwiegen bestürzt, und keiner wagte den Kampf anzunehmen, und der Kaiser fragte zornig: Habe ich denn an meinem Hofe keinen Mann, der mit dem Heiden das Stechen darauf wagt, daß seine Seele, wenn sie ihn verläßt, dem Heiland, unserm Herrn, gehört und mitnichten dem Teufel? – Da trat ein mannlicher Ritter hervor, Hans Dollinger geheißen, andere sagen, derselbe habe ob Hochverrats im Kerker gelegen und sei zum Kampfe zugelassen worden, um gleichsam hier in einem Gottesgerichtskampf seine Seele zu lösen, und begann das erste Stechen mit dem gewaltigen Heiden, und da sah er in des Heiden Spiegelschild die zwei Teufel, die ihm kämpfen halfen, allen andern unsichtbar, und da stach der Heide den Dollinger vom Roß, daß er auf dem Rücken lag wie ein gepreschter Frosch und zu Jesu im Himmel hineinschrie, ihm von den Heiden und seinen Teufeln zu helfen. Da ritt der Kaiser zu dem Gefällten und hielt ihm ein Kruzifix an den Mund, daß er das küsse, und von dem Kuß wurde der Dollinger frisch und gesund und sprang aus, bestieg sein Roß, und da taten sie das zweite Reiten gegeneinander, und stach der Dollinger dem Heiden die Lanze in das Ohr, wie der junge Königsohn am Rhein dem Heidenweibe sein Schwert, daß die Spitze zum andern Öhrlein wieder heraustrat und der Heide vom Rosse fiel wie ein Nußsack und seine Seele dahin fuhr, wohin er sie verlobt, nämlich zu allen Teufeln. Hernach hat der Dollinger an seiner Herberge zu Regensburg sotanen Kampf in Stein hauen und abbilden lassen, das wurde auch ein Regensburger Wahrzeichen, ward auch vielfach gemalt und besungen in alten Liedern. *   857. Die schöne Maria Wie zu Worms und zu Prag schon vor Christi Geburt Juden gewohnt, also auch zu Regensburg, die waren auch gute Juden und sahen mit Schrecken und Entsetzen die große Verfinsterung der Sonne, da Christus zu Jerusalem am Kreuze hing, und da gerade ihre Bauleute einen Turm bauten, so verließen sie den Bau vor Schrecken und ließen einen Gerüstbalken stecken, welcher auch noch lange Jahre nachher als ein Wahrzeichen gewiesen worden ist. Darum schützten auch die Regensburger Bürger ihre Juden in der grausen Zeit, als die verrückten Geißler durch die Lande fuhren und allüberall die Juden erschlagen wurden. Nachher aber, als die Unvernunft zur Herrschaft kam, der Huß zu Kostnitz verbrannt worden war und die zwei Geistlichen zu Regensburg und mit der Vernunft das Glück der Stadt sich gewandt hatte, da ging es auch zu Regensburg den Juden schlecht, sie wurden des Mordes von sieben Christenkindern beschuldigt und grausam vertrieben. An die Stelle ihrer geschleiften Synagoge wurde eine hölzerne Kapelle gebaut und in diese ein Gnadenbild gesetzt, das hieß die schöne Maria, und ward zu ihr ein Gelaufe des Volkes in hellen Haufen, gerade wie zum Pauker von Niklashausen. Die Leute ließen alles und alles stehen und liegen, Haus und Hof, Arbeit und Geschäft, liefen viele Meilen Weges barfuß, zum Teil ganz nacket, den Adamiten gleich, brachten ihre Rechen, Beile, Mistgabeln und Sicheln vom Felde mit und gaben ihren letzten Heller der schönen Maria willig zum Opfer hin. Da nun so ein schönes Geldlein einging, so meinte der Rat zu Regensburg, der Bischof brauche das nicht alles in des Stifts Säckel zu streichen, und wollte den Spendepfennig mit ihm teilen, der Bischof aber wollte mitnichten teilen; darüber entbrannte heftiger Zwist und Hader, und das Ende vom Liede war, daß über selben Zwiespalt die schöne Maria in Abnahme kam und der größte Teil des Volkes der gesunden Vernunft und der Lehre Luthers zufiel, weil es endlich einsah, daß nur um des Geldes willen und nicht um der Ehre Gottes und der gnadenreichen Jungfrau willen das Bild der schönen Maria aufgestellt war, und so gewann auch diese Wallfahrt, gleich der zu Niklashausen und der zu Grimmenthal, ein schnelles Ende. *   858. Natternberg Nicht weit vom Kloster Metten, welches ein frommer Hirte gründete, der unter einem Baume schlummernd beim Erwachen ein Buch auf seinem Herzen fand, am schönen Donaustrom, aber an dessen rechtem Ufer, zwischen Straubing und Passau, ragt der Natternberg empor, der einst ein stolzes Schloß der Grafen von Bogen trug. Diesen Natternberg hat der alte Steinschlepper und Bergversetzer, der Teufel, geradeso hieher an die Donau getragen wie die Sanddüne, den Losberg, bei Aachen. Trug er die Düne dorthin vom Meeresstrand, so trug er den Natternberg gar über die Alpen aus Welschland, von wo herüber er überhaupt gar manch verfluchtes Teufelsgut nach Deutschland einzuschleppen und zu schleifen schon gewohnt, und zwar deshalb, weil die Bürger von dem nahen, am Stromesufer liegenden Städtlein Deggendorf gar fromme Leute waren, deren Gottesfurcht dem Erzfeind bitterlich verhaßt, und wollte mit dem Berg die Donau dämmen, um das arme Deggendorf in des Stromes übertretender Flut zu ersäufen. Aber wie er dahergesaust kam mit dem gewaltigen Berge, da läutete drüben im Kloster Metten die Glocke das Ave, und da er wohl wußte, daß dieses Sei gegrüßt nicht ihm galt, sondern einer, vor der er und alle Höllennattern aller Macht bar wurden, so ließ er vor Schreck und Zorn den Berg mitten in die ganz ebene Flur fallen, wie den Feldstein über Themar, und hat es somit dem Teusel eigentlich nur wunderselten geglückt, sondern hat sich fast allüberall vergeblich geschunden und geplagt und sich allenden hin nur Denkmäler seiner Ohnmacht gesetzt. *   859. Der Passauer Tölpel Zu Passau, das als eine Dreistadt nächst Oberhausen am Zusammenstrom dreier Flüsse liegt, der Donau, des Inn und der Iltz, ist gegen der großen Kirche über bei einer Mauer ein abscheulich großes Mensch«nhaupt in Stein gehauen zu sehen, dessen Mund zwei Spannen lang ist, woraus zu schließen, welche Anmut das Ganze zeigt, das wird der Passauer Tölpel genannt und ist weit und breit bekannt als ein Wahrzeichen, neben dem Stadtwappen, das nicht minder als ein solches gilt und einen geschundenen Wolf vorstellt. Und erging es den Passauer Gesellen immer schlecht genug, wenn sie in die Fremde kamen, denn da war des Fragens nach ihrer guten Stadt Wahrzeichen kein Ende. Die Klugen wußten sich aber gar gut zu helfen, denn sie erwiderten dann insgemein den unkundigen Fragern, sie hätten ein getreues Abbild des Tölpels mit sich in die Fremde gebracht, und so nun einer geneigt war, solches zu sehen, ließen sie ihn in einen Spiegel blicken, da sähe er Tölpels zur Genüge. So auch in der eigenen Stadt, wenn einer neugierig war und den Tölpel sehen wollte und nach ihm fragte, führten sie ihn zu einem Rohrbrunnen, ließen ihn in dem Wasserspiegel sein eigen Antlitz schauen, und wenn sie es recht wohl mit ihm meinten, gössen sie ihm einen Stutz Wasser über den Kopf oder stießen sein Gesicht zum Gesicht im Wasser, da hatte er dann gleich eine Tölpelei zu Gesicht bekommen. Ein anderweites Wahrzeichen zu Passau war der Blutstein, auf diesem ließ Herzog Otto von Bayern einen ihm feindlichen Legaten des Papstes des Namens Albrecht, der ihm die Stadt aufsässig gemacht, erwürgen, schinden und in Stücke hauen, davon soll noch der geschundene Wolf im Passauer Stadtwappen herrühren. *   860. Wölfe gehenkt Vordessen war ein sonderer Brauch vornehmlich im Franken- und Bayerlande, daß man die Wölfe an Galgen henkte, gleich Wegelagerern, und geht schon vom Herzog Heinrich in Bayern die Sage, daß er, obschon er das Rotwild über alle Maßen liebte und die Rüden den Bauern durch die Zäune jagte, doch bezüglich der Stegreifreiterei all reine Straße hielt, so daß die Kaufleute sein Reich im Rosengarten nannten, die Räuber und Reiter aber von ihm wehklagten: Kein Wolf mag sich in seinem Lande erhalten und dem Strang entrinnen. Im Sommer des Jahres 1685 hauste ein gefährlicher Wolf im Ansbacher Gebiet, erwürgte mehrere Menschen, Kinder und Erwachsene, und entging lange dem Tode, denn die gnädige Landesherrschaft wies zwar den Oberjäger an, mit Zuziehung mehrerer Leute einen Streif vorzunehmen nach dem Wolfe, aber dabei fleißig acht zu haben, daß dem Wildbret dadurch kein Schaden zugefügt werde; da ging es recht nach dem Sprüchwort: Wasche mir den Pelz und mache mich nicht naß. Der Wolf würgte und wütete fort, die Landleute trauten sich selbst am hellen Tage nicht mehr aufs Feld zu gehen. Zum Unglück verbreitete sich auch noch die Kunde, daß der Wolf gar nicht ein natürlicher Wolf sei, sondern der Geist des vor kurzem verstorbenen Bürgermeisters und Kastenpflegers zu Ansbach. Schon bei seiner Beerdigung habe dieser aus einem Dachfenster seines Hauses seinem Begängnis in aller Gemütlichkeit zugeschaut, und darauf nachts sei er dem Nachtwächter in Wolfsgestalt und in ein weißes Tuch gehüllt begegnet. Da geschah es, nachdem Ende Juli besagter Wolf sich zuerst hatte sehen lassen, daß er am 10. Oktober gemeldeten Jahres im Weiler Neuses bei Windsbach auf zwei Bauernknaben lauerte, die ihm jedoch entgingen, darauf einem Hahn nachsprang, der die Flucht über einen alten mit Röhrig belegten Brunnen flatternd nahm, und überm Springen in den Brunnen hineinfiel, wo ihm nun die Gemeinde leichtlich, wie sich denken läßt, das Garaus machte. Im Triumph wurde das erlegte Untier nach Ansbach zu hochfürstlicher Landesherrschaft gebracht und darauf folgendermaßen mit ihm verfahren. Erstlich wurde er enthäutet, um ausgestopft die hochfürstliche Kunstkammer als rares Exemplar einer anderthalb Ellen hohen Wolfsgestalt zu zieren, dann wurde ihm von Pappe ein Menschengesicht, seiner etlichermaßen bei Lebzeiten gehabten Physiognomie ähnlich, gemacht und mit einem Schönbart, lang und weißgraulich, ausgeputzt; dann bekam er ein Kleid von gewichster Leinwand, fleischfarbrötlich, angezogen und wurde ihm eine kastanienbraune Perücke aufgesetzt. Und also wurde Herr Isegrim auf dem sogenannten Nürnberger Berg vor Onolzbach an einem eigens dazu errichteten Schnellgalgen aufgehenkt, jedermänniglich zur Warnung, er mochte Wolf, Bürgermeister oder Kastenpfleger sein, zur Strafe seiner ungebührlichen Aufführung. *   861. Wolffindis Im Landgerichte Dingolfing nahe beim Markte Reisbach steht eine kleine Kirche, die ist einer heiligen Jungfrau geweiht, welche eine Märtyrerin ihrer Frömmigkeit und Keuschheit wurde. Wolffindis, so war ihr Name, war eines Gaugrafen Tochter, der auf dem Schlosse Warth saß, und neigete ihr Herz dem Christentume zu, da ihr Vater noch ein blinder Heide war. Darüber ergrimmte dieser Vater also sehr, daß er die Tochter an die Schweife wilder Ochsen binden und diese von dannen peitschen ließ. Dort bei Reisbach blieben die Ochsen stehen, und an jener Stelle, wo die Unschuldige verblutete, sprudelte eine Heilquelle hervor. Andere sagen, es habe ein fremder Krieger sich in die fromme Wolffindis also vergafft, daß er ihrer, da sie ihm nicht im guten sich zu eigen geben wollen, mit Gewalt begehrt, und weil er, obschon er ihrer sich bemächtigt, doch nichts erlangen können, habe er sie an seines Rosses Schweif gebunden und sie selbst auf so grausame Weise zu Tode geschleift. Nahe dem Markte Reisbach endete die fromme Wolffindis, und der Wunderquell entsprang. *   862. Die Hunde zu Weißenstein Auch im Bayrischen Walde widerhallt und wiederholt die Sage von den jungen Hunden. Einer Frau Gräfin von Weißenstein begegnete die Bettlerin, die, von jener verhöhnt, sie verwünschte, und eine Zigeunerin prophezeiete ihr, sie werde auf einmal sieben Söhne gebären, von denen würden sechse ihr den Tod zuwegebringen. Solches zu verhüten, ward sie einig mit ihrer Kammerfrau, als bereits der erste Teil der Prophezeiung sich erfüllt hatte, daß jene die sechs nachgebornen Knäblein ersäufen solle. Der begegnete nun auch der aus dem Hussitenkriege zurückkehrende Graf und entdeckte die Untat, ließ die allzudienstfertige Magd alsogleich binden und in den Regenfluß werfen und die Knäblein heimlich aufziehen und ihnen Ammen geben. Heimgekehrt, ließ der Graf sich nichts merken, während sieben ganzer Jahre lang, nahete aber auch seiner Frau nie wieder in Liebe, sondern schützte ein Enthaltsamkeitsgelübde vor, wie die Männer in jenen alten frommen Zeiten sich bisweilen auferlegten. Dann aber, als die sieben Jahre nun um waren, ließ er ein Gastmahl zurichten und fragte die Gäste, indem er die Untat nannte, welche Strafe einer solchen Mutter gebühre. Da fuhr seine eigne Frau, von Angst des Gewissens getrieben, heraus: Lebendig einmauern müsse man solche Rabenmutter! – Du hast es gesagt! zürnte der Graf, dir geschehe, wie du gesagt hast, denn die Rabenmutter bist du! Siehe hier die jungen Raben, die der Herr ernährt und erhalten, deine – Hunde! – Und ließ die sechs frischen Knäblein eintreten. Da war viel Wonne und Weh beisammen und wurden viele Fürbitten laut für die entartete Mutter, sie selbst aber bestand auf der gerechten Strafe und empfing sie. Darauf hat der Graf eines Hundes Bild in sein Wappenschild genommen und die Söhne als die seinen erkannt, ihnen aber zu ihrem Zunamen noch den Hund gefügt, so ist das Geschlecht der Hunde von Weißenstein, gleich jenem der Hunde von Wenkheim und der Rüden von Collenberg im Frankenlande, entstanden, aber der Graf verließ seine Stammburg, und sie fiel in Trümmer. *   863. Der Stockenfels Zwischen Burg Lengenfeld und Rittenau am Regen beim Dorfe Fischbach liegt eine Burgruine auf einem hohen Berge, Stockenfels geheißen, darinnen ist es nicht geheuer; verwunschene und hineingebannte Spieler sitzen drinnen und karten und würfeln und haben eiserne Karten, wie die Spieler in der Burgtrümmer von Waldstein und die Männer im Flußberg, und glühende Marken und Becher. Wer sie sieht, dem grauset. Und wer sind denn diese Männer? Ritter sind es nicht, Pfaffen auch nicht, Bauern auch nicht. Sie haben große schwarzlederne Schurzfelle und harte Köpfe. Spielen dürfen sie nicht beständig, sie müssen auch was tun. Da ist ein grausam tiefer Brunnen auf Stockenfels, der geht bis zum Bergesgrunde, da stehen sie auf einer Leiter von oben bis unterst, und der unterste schöpft Wasser und langt es herauf, und der oberste schüttet's aus, und rastlos wandern die Eimer die ganze Woche lang, und das sind die abgeschiedenen Bierbrauer von Regensburg, von Straubing, Cham, Burglengenfeld, Landshut und andern Orten, die solche Buße tun müssen, dieweil sie bei ihrem Leben zu viel Wasser in jedes Gebräu gemischt, und werden ihrer immer mehr, »daß bald gor kani mehr in den Brunnen eini gohn,« als welches sehr schade ist, sonst wollt' einer dem Stockenfelser Brunnen die ***er Brauer ebenfalls bestens empfohlen haben. *   864. Juditha Aus dem Böhmerlande zog der junge Herzogsohn Brzetislav durch den Böhmerwald, erkor sich am Regenfluß eine heimliche Stelle in den waldigen Talwinkeln nahe bei Regenstauf und ging mit nur wenig Dienern nach Regensburg hinein. Er hatte von einer überaus schönen Nonne vernommen namens Juditha, welche die Tochter eines Grafen vom Rheine soll gewesen sein, Otto des Weisen. Es gelang ihm, sie zu sehen, und alsbald entbrannte in beiden zueinander heftige Liebe, und der junge Herzogsohn beschloß, die schöne Juditha zu entführen. Diesen Plan führte Brzetislav auch ohne Säumen aus, er bestach die Torwächter, daß sie ihm das Tor, und die Brückenwächter, daß sie ihm die Brücke offen hielten, und die Torwächter drüben in Stadtamhof nicht minder, band sein Roß vor der Klosterpforte an, ging hinein und holte sich seine Erkorene ohne alle Umstände. Mittlerweile war der Weg vor dem Kloster durch eine mächtig große Kette gesperrt worden, die hieb Brzetislav entzwei, hob die Entführte auf sein Roß und sprengte mit ihr von bannen, seine Getreuen folgten, und hinter ihnen rasselten die Tore samt und sonders zu. Ehe sie den Verfolgern wieder aufgetan wurden, verging die längste Zeit, das Regensburger Stadttor, drei Brückentore und zwei Tore von Stadtamhof, alle mit schweren Schlössern und Riegeln; es war offenbar eine wahre Torheit, die Flüchtigen verfolgen zu wollen. Auf der Brücke verlor Juditha einen roten Schuh, wie Katharina von Bora, da sie aus Kloster Nimbschen bei Grimma an der Mulde flüchtete, der wurde samt der zerhauenen Kette lange als ein Denkzeichen aufbewahrt. Der Vater der Entführten klagte nun zwar beim Kaiser über den Jungfrauenraub, und das Kloster klagte nicht minder, aber der Vater Herzog Brzetislav gab seinem Sohne Mähren und erwirkte ihm Verzeihung. Wundersamerweise, nur mit minderer Wahrscheinlichkeit, wiederholt sich dieselbe Sage zu Schweinfurt, nur heißt die Nonne dort Jutta, wohnt im Kloster auf der Petersstirn. Der Vater ist ein Markgraf von Schweinfurt oder gar – doch heimlich – Kaiser Konrad der Salier selbst, und als der Bote mit der Klage an den Kaiser gesendet ward, behändigte man ihm zur Beglaubigung den verlornen Schuh – da er ihn aber überreichen wollte, verschwand er ihm aus der Hand hinweg. *   865. Leuchtenberg Vor dem Böhmerwald liegt die alte Landgrafschaft Leuchtenberg, dazu gehört auch Schloß, Stadt und Amt. Daselbst weilte Heinrich der Vogler, da er diese Gaue gegen die Ungarn und Wenden schirmte, und war auch seine Tochter Jutta bei ihm und weidwerkete mit ihm. Da geschah es, daß die Prinzessin eine schlanke Hinde verfolgte und ganz abkam von ihrem Vater und sämtlichem Jagdgefolge, und ward ihr bänglich zumute, wie der Jungfrau Lorenz zu Tangermünde. Es kam aber kein stolzer Edelhirsch, die Kaisertochter aus dem Walde zu tragen, doch fand sich ihr ein Helfer. Dem Vater aber war und blieb sie verloren Tage, Wochen, Monden lang, und grämte dieser sich sehr. Vergebens war die Prinzessin durch den ganzen weiten Wald gesucht worden, sie blieb verschwunden. Jahr und Tag verging, der Kaiser suchte noch immer sein verlorenes Kind, einstens bis zum späten Abend, und verirrte sich selbst nach einer Gegend hin, die er noch nie betreten. Da leuchtete ihm von einem Berge aus einer Burg ein tröstliches Licht, er klomm hinan und begehrte Einlaß, und alsbald wurde der Gast vor den Burgherrn, einen Ritter Gebhardt, und dessen junges Ehegemahl geführt. Und siehe, selbiges junges Ehegemahl war des Königs Tochter Jutta, welche der Ritter im Walde vom Verderben erlöst und an sich genommen hatte als einen werten Fund, von dem er sich nimmer zu trennen vermochte. Da ernannte ihn der Kaiser zum Grafen und gab ihm den Namen Leuchtenberg, in alter Sprache Luichtenbergk, weil der Berg ihm zum frohen Wiederfinden geleuchtet. Nahe der alten Landgrafenburg, die nun auch längst in Trümmern liegt, steht einsam ein alter Baum, der wird der kalte Baum genannt. Unter ihm ruht ein erschlagener Rittersmann, der eine Leuchtenbergerin liebte; ihr Vater aber erschlug ihn, weil er ihm nicht ebenbürtig erschien, und ließ ihn unter diesen Baum einscharren, gegenüber einem Turme der Burg, darin er seine Tochter zur Strafe ihrer Minne einsperrte. Und die Tochter fluchte dem Baume, daß er ewig erkaltet stehen solle, wie ihres Liebsten Herz. Turm und Burg sind gebrochen, wie das Herz der liebenden Jungfrau brach, aber der Baum steht noch. Kühl weht die Luft stetig auf seiner Höhe, wenn es auch drunten noch so heiß, Frostschauer umwehen sein Gezweig, und seine Blätter erbeben fort und fort wie der Espe Laub, und er heißt noch bis heute: der kalte Baum. *   866. Wichteln bei Kelheim Bei Kelheim an der Donau oberhalb Regensburg, wo in grauer Vorzeit die Kelten eine Burg hatten und Römerschanzen unter dem Namen des Heidengraben noch zu finden sind, gab es vorzeiten auch Wichteln, die waren von guter, hülfreicher Art, in Haus und Hof, Acker und Wiese, man hörte nur Gutes von ihnen sagen; sie begabten sogar die von ihnen Begünstigten, außer daß sie jegliche Arbeit für sie taten, mit römischen goldenen und silbernen Pfennigen, waren auch insonderheit den Schiffern hülfreich und förderlich, absonderlich an den gefahrvollen Stellen der langen Wand, wo zu beiden Seiten die Felsen sich schroff und steil in den Stromspiegel senken, daß kein Fußbreit Landes bleibt für eines Menschen Tritt, und starre Felsgebilde auf die Schiffenden herabschaun. Ein Zwergenschloß hat in jener Gegend gestanden, aber niemand vermag es zu finden, und der Schatz, der in dessen Tiefen ruht, bleibt verloren. Endlich sind auch hier die Zwerge von dannen gezogen, vielleicht zur selben Zeit, als Herzog Thassilo das Kloster Arzberg in Kelheims Nähe gründete, welches das erste in ganz Bayern war, das war in der Zeit, als der heilige Kolumban in dieser Gegend den Heunen und Wenden den christlichen Glauben predigte, denn das Gebimmel der Klosterglocken war den Zwergen unausstehlich. Ein Fährmann bei Weltenburg hörte nachts den Ruf: Hol über! – der fand ein Gezwerg und nahm es in seinen Nachen, und der Nachen wurde so schwer, daß er bis zum Rand in die Flut sich senkte. Drüben wimmelten Hunderte aus dem Nachen, und jeder spendete einen Denar, altes Römergeld, als alle gezahlt hatten, hatte der glückliche Schiffer ein römisches Münzkabinett in seiner Mütze, Consulares, Familiares, Imperiales und Städtemünzen, alles bunt durcheinander, aber die Wichteln waren ausgewandert, und niemals ließ sich wieder eins blicken. Sie haben aber hübsche Andenken hinterlassen, sie haben in den Kelheimer Schiefer die schönen allerliebsten Bäumchen und Strauchwerke und die niedlichen Fische und sonstiges mit feinstem Pinsel auf das sauberste gemalt. *   867. Wichtlein und wildes Gejaig an der Altmühl Gleichwie an der Donau bei Kelheim, so hat es auch an der Altmühl, die sich ja eben bei Kelheim schwesterlich in der Donau Umarmung senkt, Wichteln. Dort im Altmühlbereich ist ohnehin ein weiter Tummelplatz von allerlei Spukgeistern. Da ist eine Mühle am Altmühlfluß gelegen, heißt die Bubenroder Mühle, der gegenüber sich der Burgstein hebt, ein hoher Steinfels mit einem Schlaufloch und unterirdischem Gang, daraus kamen allabendlich nach dem Gebetläuten drei Wichtlein in die Mühle und arbeiteten, reinigten, fegten, schütteten auf und mahlten, und am Morgen war alle Arbeit getan. Auch legten sie dem Müller auf einen Stein am Burgstein alle Tage einen blanken Funfzehner oder gar einen Sechsbätzner, die er fand und ruhig einsteckte. Mit dem ersten Schlag der Morgenglocke kehrten die Wichtlein wieder in ihren Felsen zurück. Da wollte es der Müller auch gut machen und meinen, wie viele andere, zum Beispiel die Schleifmüller bei Brotterode, und ließ ihnen neue Kleidchen machen und legte sie auf den Steg, damit sie ihre alte schäbige Tracht ablegen sollten, denn sie sahen immer aus, als würden sie, wenn sie einer an eine Wand würfe, daran kleben bleiben. Da kamen sie, da nahmen sie die neuen Kleidchen, besahen sie her und hin, wandten sie traurig nach oben und nach unten und sprachen dann: Abgelohnt, Ausgefront, – Treuer Sinn, Fahre hin! – Und schwanden samt den neuen Kleidchen hinweg und kamen nimmermehr wieder. Der Name Bubenrod soll von den Wichtlein herrühren, weil sie nicht größer als kleine Buben gewesen. Nicht weit vom Burgstein ist ein Fels, heißt der Kloppengipfel, von dem zieht zum öftern das wilde Gejaig, wie in dieser Gegend die wilde Jagd heißt, zum Burgstein mit seinem Lärm und Hallo hinüber und fährt längs der Teufelsmauer dahin. *   868. Teufelsmauer und Teufelsstraße Wenn dort vor dem Harz einige vereinzelt stehende zerklüftete Felswände Teufelsmauern heißen, so ist doch deren räumliche und Längenausdehnung nur gering, hier aber im Altmühlgebiet sind Teufelsmauer und Teufelsstraße von erstaunenswerter Ausdehnung und Länge. Sie beginnen schon bei Pförring an der Donau, ohnweit Regensburg, durchstreichen das ganze eichstättische Gebiet und die ansbachischen Ämter, aufwärts der Altmühl, ziehn über Berg und Tal, überspringen Bäche und Flüsse und enden erst bei der alten Reichsstadt Wimpfen im Neckartale; ihre ganze Länge wird auf dreißig Meilen angeschlagen, und es ist wohl außer Zweifel, daß die Teufelsmauer ein altes Römerbauwerk ist, dies zeigen die zahlreichen Fundstücke an Gewaffen und Münzen. Sie war ohnstreitig das, was die Deutschen eine Landwehre nannten, deren als tiefe Gräben noch viele in andern Ländergebieten vorkommen, die Römer ein Vallum , einen Wall, eine Schutzwehr, und wohl teilweise auch Heerstraße. Der Mauergrund geht fünf bis sechs Fuß tief in die Erde; heutzutage sind ihre Spuren nur noch wenig sichtbar; zwischen Ellingen und Pleinfeld erblickt man linker Hand an der Nürnberger Straße noch ein sechs Schuh hohes und ebenso breites Stück über der Erde. In Günzenhausen durchstreicht die Teufelsmauer die Vorstadt, dort sind noch Spuren eines Römercastrums. Eine Strecke weit heißt dieses Werk auch die Pfahlhecke, vielleicht vom Worte Vallum gebildet, vielleicht auch nicht. Zwei Nachbardörfer, eines dicht an der Pfahlhecke, führen die Namen Pfahldorf und Pfahlspaint. Eine Stunde von Uffenheim liegt auch ein Dorf Pfahlheim mit einem wundertätigen St. Ottiliabild. Die Sage nennt diesen alten Mauerbau ein Werk des Teufels. Ein Bauer zu Gundelsheim, dessen Schlafkammer gerade über der Teufelsmauer stand, hat erzählt, daß er und seine Frau in tiefer Nacht vom Peitschenknall erweckt worden. Ein Reiter hoch zu Roß sprengte am Ehebett vorüber, schreckliches Getöse hinter ihm drein, über hundert Pferde, zahllose rollende Wägen, viel Volks und ein Stimmengewirr wie beim babylonischen Turmbau, alles wild vorüber – das wilde Gejaig, und mit Blitzesschnelle, daß den Leuten noch die Haare zu Berge standen, wenn sie nur daran dachten. Solch eine Schlafkammer wird sich keiner wünschen. Und dergleichen wissen die Umwohner der Teufelsmauer gar viel zu erzählen. In manchen Dörfern haben sie sich die alte Teufelsmär örtlich zurechtgelegt und zugeschnitzt, wie die Steine der Teufelsstraße bei Ried, in der Nähe von Dollenstein und Kunstein. Dort lebte eine Bäuerin als Teufelsbuhle und Bündnerin, wurde ihm aber treulos in der Sterbestunde, und obschon der Teufel ihrer Seele gewiß zu sein glaubte, so ging es doch wie bei Pape Döne: der Pfaffe überwand den Teufel und betete die Seele der alten Hexe in den Himmel hinein; damit noch nicht zufrieden, zwang er sogar den Teufel, vor ihm her bis Ried eine Straße zu pflastern, weil der Weg schmierig war wie dort die Straße zu Bommel, die Doktor Faust von seinem Teufel Jost pflastern, aber auch hinter sich wieder aufreißen ließ. Hier aber ließ der Pfaffe die Straße nicht wieder aufreißen, und der Teufel hatte die ganze Geschichte so satt, daß er vor Ärger von dannen fuhr und die von ihm gebaute Straße in des Teufels Namen stehen ließ. Das nämliche wird auch erzählt von einem Stück Teufelsweg bei Ostendorf, da mußte der Teufel gar vor einem Reiter her in aller Hurtigkeit pflastern. Da hat er rechtschaffen geschwitzt. Als er's satt hatte, reckte er einen Stein, darüber stürzte das Pferd, und der Reiter brach den Hals. So machte er es auch bei der Pfahlhecke; er hatte, wie dort am Harz, auch mit dem lieben Herrgott Teilung beschlossen und wollte vor dem Hahnenkrähen ein Stück Land mit einer Mauer abgrenzen, hatte sich auch ein gütlich Stück deutschen Landes abgesteckt, man weiß nur nicht recht, ob er das nördliche oder das südliche Stück für sich haben wollte, wahrscheinlich aber das südliche, weil er da den Pfaffensack München mit in den Kauf bekommen – allein der Hahn krähete zu früh, und der Teufel zertrümmerte vor Ärger gleich selbst die ganze Mauer. Es geht auch die Sage, daß dieser Teufelsweg um die ganze Welt reiche und die Straße sei, die der ewige Jude laufen müsse, und alle sieben Jahre komme er wieder auf die nämliche Stelle. *   869. Wilden Heeres Spuk Einst ritt ein vornehmer Reiter zur Nachtzeit zwischen Ober-Hochstadt und Burgsalach längs der Teufelsmauer seine Straße hin, da begann sein Pferd zu schnauben und zu schlagen und närrische Kapriolen zu machen, denn es sähe etwas, was der Reiter nicht sah, weil Tiere, vornehmlich Pferde, Esel und Hunde, Geister und Gespenster sehen, als welches schon die Eselin Bileams bewahrheitete. Es mochte wohl die Höllenpferde wittern und erblicken, auf denen das wilde Gejaig dahinfuhr. Im dicken Walde Harleslohe in der Gegend von Theilenhofen und Rittern ist aller Spuk und Greuel des wilden Heeres bald nah, bald fern zur Nachtzeit vernommen worden, ja einem Bauer begegnete das Heer am hellen Tage in Gestalt von Schatten, die von fern auf ihn zukamen, Jäger mit Saufedern, zu Roß, Treibknechte, Hundejungen mit ganzen Koppeln von Hunden, aber alles in tiefer Stille, so sei es an ihm vorüber zu Walde gezogen. Es herrscht auch dort der Glaube, wie in Thüringen, daß Frau Holle die Zugführerin des Heeres sei, dieselbe, die den Mägden, die zur Weihnachtzeit ihren Rocken nicht abgesponnen haben, den Flachs verwirrt und einen stinkenden Possen hineintut. Zu Heidenheim saß der Zolleinnehmer, guckte nachts zum Fenster heraus und sah das wilde Heer von Sammenheim hergebraust kommen; er hatte viel Herz im Leibe und schrie, als es nahe war: Alles z'samm nei in Moarkt! Alles z'samm nur nei! – Ratsch! hatte er einen Schlag auf den Kopf, und als er diesen rasch zurückziehen wollte, pump, da krachte der obere Fensterrahmen, und der Kopf tat weh und ging nicht hinein, dieweil ihm der wilde Jäger ein Hirschgeweih aufgesetzt hatte. Ähnlich ging es auch einem Turmwächter zu Eichstätt, im Ostentor, wo gewöhnlich das Heer durchzieht – das Loch ist noch zu sehen –, der war auch fürwitzig und schaute nach dem Geisterspuk, und da schwoll ihm der Kopf so dick, daß er nicht wieder zurückgezogen werden konnte, und wurde sein Maul zwei Spannen breit, und als es Tag wurde, guckte er noch, und die Gassenjungen deuteten hinauf und schrieen: Hei! der Passauer Tölpel! der Passauer Tölpel! – *   870. Der Löll Zu Großlellenfeld, auch Unterlellenfeld, im eichstättischen Gebiete, sonst zum Kastenamt Arberg gehörig, hat vordessen an der Kirchmauer ein Steinbild gestanden, das hießen sie den Löll, und war gestaltet wie die Figur des Götzen Loll oder Lollus bei Schweinfurt. Es hielt mit dem Daumen und Zeigefinger die Junge, und der Ortsname sollte von ihm herkommen, wie nicht minder für solche, die gern Kinder necken und zerren, gar ein spöttlich Schimpfwort, das nicht wohl zu schreiben ist, und ein Spitzname. Man nennt in dieser Gegend jemand, der sich nicht gut zu verreden weiß und gleichsam die Zunge sperrt, noch heutiges Tages einen Löll oder auch einen Lolli und, ist die Person weiblichen Geschlechts – eine Lull'n. Die Lellenfelder hören diese Sage vom Löll nicht gern, weil der Zerr... von Lellenseld dort in aller Munde so unsterblich lebt wie der Hans .... von Rippach in seiner Gegend, und um nicht fort und fort daran zu erinnern, wird gesagt, daß sie das Löllenbild vor etwa fünfzig Jahren von der Kirchmauer weggenommen und auf das Langhaus der Kirche gebracht hätten. *   871. Die Galgendenkler Fünf Stunden von Eichstätt, im alten Kastenamte Kipfenberg, liegt der Marktflecken Enkering, dessen Bewohner müssen auch einen Spitznamen tragen. Sie hatten nämlich draußen vor Enkering einen niedrigen hölzernen Galgen, und da daselbst, wenn die Bauern auf dem Felde, kein Bürger daheim war, so geschah es häufig, daß sie zur Erntezeit, wann gemäht wurde, ihre Sensen auf das Galgenholz auflegten und sie dengelten, was man in dieser Gegend denkeln nennt. Davon haben die Umwohner den Enkeringern den Spitznamen Galgendenkler gegeben, darüber bat es schon oft Schlägereien und blutige Köpfe gesetzt. Der Volkswitz ist überhaupt in diesem Lande stets rasch bei der Hand mit neckischen Redensarten. So steht auf dem Berge über dem eichstättischen Dorfe Bettenhofen die Kirche nebst dem Pfarrhaus und der Schule, und ist erstere weit sichtbar, darum lebt in der Gegend das Sprüchwort, wenn einer Unglaubhaftes erzählt: Du – mache mir nichts weiß, ich kenne schon Bettenhofen, liegt die Kirch' auf dem Berg. So auch die Seglau, das ist der Name einer ganz kleinen Wiese im untern Hochstifte Eichstätt bei Burggriesbach, von der aber wird die ganze große Ebene zwischen Jettenhofen, Burggriesbach, Obermäßing und Forchheim die Seglau genannt, und weil auf dieser fetten Wiesenflur viele Butterblumen wachsen, so sagen die Umwohner, wenn rechter Sturmwind weht: Die Hexen fahren auf die Seglau ins Schmalz. – *   872. Heiligblut und Sankt Salvator Eine Stunde nördlich von Pleinfeld und ebenso weit südlich von Spalt liegt einsam im tiefen Walde das Franziskanerkloster Heiligblut, wohin viele Wallfahrten geschahen und noch geschehen. Es wird in der Kirche unter einem der Altäre der Stock eines abgehauenen Fichtenstammes gezeigt und dieses erzählt: Als im Jahre 1444 eine große Hungersnot das Land heimsuchte, beredete ein Jude einen armen Tagelöhner zu Unterbreitenlohe, aus der Kapelle zu Stirn eine geweihte Hostie zu stehlen, diese auf jenen Fichtenstock zu legen und dreimal aus allen Kräften mit der Axt auf die Hostie zu hauen. Andere sagen, der Jude habe selbst mit dem Messer in dieselbe hineingestochen. So oder so – floß aus der Hostie Blut, der Tagelöhner wurde hierauf von entsetzlicher Reue ergriffen, zeigte seine und des Juden Freveltat an, und das heilige Blut ward aufgehoben, über dem Fichtenstamm zunächst ein Altar errichtet, über diesen dann eine Kirche erbaut und das Kloster begründet, dem der Ruf von jenem Wunder zahllose Waller zuführte, so daß es insgemein nur die Wallfahrt genannt wird. Ein anderer berühmter Wallfahrtort im Eichstättischen, und noch dazu der älteste, ist Sankt Salvator, und auch zu dessen Gründung gab eine heilige Hostie den ersten Anlaß, die ein Edelfräulein von Neuses bei Oberbach in der Karwoche zu Rauenzell empfing und im Munde behielt, aber im Walde vor einem Kruzifix fallen ließ. Die Hostie konnte nicht wieder aufgehoben werden, und es ging mit derselben wie mit dem Gott im Kasten. Erst als der Weihbischof mit dem ganzen Klerus zu Herrieden und alle Pfarrer von Burgoberbach, Großenried, Neunstetten mit allen ihren Pfarrkindern in zahlreicher Prozession naheten, ließ die heilige Hostie sich erheben und in ein gläsernes Gefäß legen und in der Rauenzeller Pfarrkirche in einem Reliquienschrein aufbewahren. *   873. Vom Hesselberg und Oselberg Das Ansbacher Land hat keine Gebirge, nur wo die Sulzbach in die Wörnitz fällt, an der schwäbischen Grenze, erhebt sich der Hesselberg, der in der Gegend weit berufen ist. Er teilt sich in den großen und kleinen Hesselberg, der letztere heißt auch Schlößleins Buik, weil eine Burg darauf gestanden, die der Familie von Lentersheim Stammhaus war. Der große Hesselberg besteht aus drei Höhen, welche wieder ihre besonderen Namen haben: Röcklingen, Ehinger- und Geralfingerberg. Auf dem Röcklingerberge liegt die Ostwiese, auf dieser sollen die Druiden, als noch keltische Bevölkerung im Lande seßhaft gewesen, zur Osterzeit jedesmal ein Kind geopfert haben. Fast in des Berges Mitte gegen Norden ist ein Loch von geringer Tiefe, das soll vordessen eine große Höhle gewesen sein, und hieß die Gottmannshöhle, ist jetzt das Gottmannsloch genannt. Ein Schloß soll auch dort gestanden haben, aber versunken sein, sonst hörte man droben noch bisweilen den Hahn krähen, jetzt kräht kein Hahn mehr danach; ein Schatz soll in der Tiefe ruhen. Einst waren mehrere Hirtenknaben droben und beschlossen, einen aus ihrer Mitte an Stricken hinabzulassen. In Gottes Namen steig' ich nieder! rief der Erwählte, kam tief unten in die Höhle auf Schätze und brachte seine Taschen voll Gold herauf, wie jener Hirtenknabe auf dem Schloßberge über Tilsit. Ei du Teufelskerl! schrie neidisch ein Gefährte mit feuerfuchsrotem Haar, da will ich ins Teufels Namen gleich auch hinunter! – Die Knaben ließen ihn hinab, da rauschte es in einem nahen Busch, und vorüber sprang ein dreibeiniger Hase. Erschrocken sprangen die Knaben auf, der Strick entglitt ihrer Hand, das Ende schnurrte in die Tiefe, der Hase verschwand, und der Fuchs kam nimmermehr wieder herauf. Jetzt ist das Gottmannsloch kaum noch drei Schuh tief und mit Rasen überwachsen. Noch liegt auf dem Hesselberg ein Stein, der hat dem Schwedenkönig Gustav Adolf im Dreißigjährigen Kriege zum Tisch gedient, als er droben die Gegend überschaut. Man kann bei heiterm Himmel von des Hesselberges Höhe über dreihundert Ortschaften sehen. »Die Druidengläubigen, welche die Ortsnamen Wassertrüdingen und Altentrüdingen am Fuß des Hesselberges von den Druiden ableiten, leiten auch des Burges Namen vom gallischen Kriegsgott Hesus ab. Hesus, Hessus, Hessel – höchst einleuchtend! Wahrscheinlich hat auch der Oselberg bei Dinkelsbühl von demselben Gott seinen Namen: Hesus, Hosus, Osus, Osel – auf welchem auch ein Schloß gestanden, darin eine Jungfrau einsam lebte und mit dem alten Gemäurig verfiel, um das sie noch als Geist mit ihrem Schlüsselbunde schwebt und wandelt, absonderlich in den vier Quatembernächten, keineswegs aber als Tut-Osel, welche eigentlich auf dem Oselberge Hausen sollte, sondern still und lautlos. Die alten Bauern sagen, selbige Jungfrau sei eines Heiden Tochter gewesen und sei in eine Schlange verwünscht worden, mit Beibehaltung von Frauenhaupt und Brust und Armen zum zärtlichen Umfangen, gleich der Schlangenjungfrau im Heidenloch bei Augst, und da hat es die Tut-Osel doch noch besser, die darf doch umherfliegen und sich ihren Schatz suchen. *   874. Der Schlegel Im Landgericht Feuchtwangen liegen zwei Dörfer, Mosbach an der Görnitz und Kühnhard, nahe beisammen. Mitten im Weiler steht eine sehr hohe Tanne oder Hahnenbaum; an diesem hängt ein ziemlich großer aus einem Stück geschnitzter Schlegel, an welchem fünf Mann zu heben haben. Hat nun ein Weib mit ihrem Manne Uneinigkeit, rauft oder schlägt sie denselben, so wird augenblicklich der Schlegel herabgenommen und dem Manne an die Hausrüre gehängt. Die Wegnahme geschieht erst nach der durch den Mann beim Bauermeister geschehenen Nachsuchung mit Zuziehung der ganzen Gemeinde, der er sogleich im Wirtshause einen Gulden und fünfzehn Kreuzer zum Vertrinken erlegen muß. Weigert sich der Mann mitzugehen, so wird er noch ärger gestraft. Dieser Schlegel wird auch im Winter nach starkem Schneefall gebraucht, der Gemeinde Kühnhard den Weg in die Kirche nach Mosbach zu bahnen. Sie nimmt ihn alsdann herab und schleift mit demselben durch zwei oder vier Ochsen die Bahn nach Mosbach. Dieser Schlegel ist berühmt, daß man des einen Dorfes Lage geradezu bezeichnet Kühnhard am Schlegel. *   875. Die arme Seele Der Teufel war lange Zeit ledig gewesen und ein gar alter Junggeselle trotz der vielen Buhlschaften, wollte endlich auch freien, und als er sich auf der ganzen Welt umgesehen, gefiel ihm auf der Welt keine Maid so wohl als eine zu Rothenburg an der Tauber, eines ehrsamen Bürgers Kind. Der Teufel warb in Züchten um das Mägdelein, verblendete des Vaters Augen durch Glanz und Pracht, und ward die Hochzeit gar herrlich gehalten. Der Teufel tanzte wie ein Gott und machte Bockssprünge wie ein Faun und hatte zwei Spielleute mitgebracht, die machten eine höllische tolle Musik, und alles wirbelte vor Lust. Dem Brautvater wurde das Ding aber endlich gar zu toll und kam ihm schier unheimlich vor, ließ daher heimlich seinen Beichtiger holen, und der geistliche Herr roch auf der Stelle durch die vielen Hochzeitbraten den Teufelsbraten heraus und rückte ihm, mit geistlichem Rüstzeug wohl versehen, ganz ernst zu Leibe, peinigte ihn mit Fragen und Bibelsprüchen, bis der Teufel vor Ärger zwar nicht aus der Haut, aber doch aus dem Hause fuhr und einen höllischen Gestank hinterließ; ihm folgten auch sogleich die Spielleute, und an der Stelle dieses höllischen Kleeblattes lagen die Leichen von drei vor wenigen Wochen Gehenkten im Tanzsaal und stanken wie tausend Teufel. Der Teufel aber hatte nun einen großen Zorn auf Rothenburg, verdarb der guten Stadt ihren Tauberwein und lauerte stetig darauf, ihr Possen zu spielen oder seine Macht zu zeigen. Im Jahre 1522 zettelte er die Judenteufelei dort an, und 1525 schürte er die Aufruhrflammen des Bauernkriegs. Da kam eines Heiligentages ein Bäuerlein durch den Torweg unter der Hauptkirche, fluchte und wetterte zum Teufelholen und vermaß sich bei seiner armen Seele, daß jetzt allen Fürsten der Garaus gemacht werde, ein halbes Hundert seien schon tot, und die andern müßten Reißaus nehmen, und es sei einmal Zeit, daß die Bauerschaft auch endlich an das Ruder der Gewalt käme, und es müsse das Pfaffen- und Schreiberregiment durchaus aufhören, und werde auch, und wenn das nicht wahr und wahrhaftig sei, so solle ihn der Teufel gleich auf der Stelle holen. Und siehe, da fuhr der Teufel aus der kleinen Türe im Torwege hervor, krallte nach dem Bäuerlein, dem kaum der Torweg breit genug war, so focht und stürmte es mit seinen Armen, und warf es hoch an die Mauer. Mausetot und wie ein Nußsack fiel der Leichnam wieder herab, an der Wand aber blieb die arme Seele des Bäuerleins, die selbiges verschworen, hängen, und hängt noch immer dort, man kann sie mit Augen sehen. Sie ist von Farbe braun und mit schwarzen Flecken besprenkelt, wie eine Steinforelle. Es ist die einzige Menschenseele, welche sichtbar ist. *   876. Freudengäßle Zu Rothenburg an der Tauber wächst auch Wein, man will ihn aber nicht allewege loben. Einst war der Tilly dort, den wollte der Rat hoch ehren, gab ihm ein stattlich Mahl auf dem Rathaus und setzte ihm von seinem besten Weine vor. Aber der alten Kriegsgurgel des Tilly mundete selbiger Wein mitnichten, schmeckte wie thüringscher, und zog der Feldherr ein schiefes Maul und die Stirne in Falten und schrie: Ihr Rothenburger sollt alle die Kränke kriegen mit euerm Sauerracher! Gleich leert einer von euch selbigen Humpen auf einen Zug aus, oder ich lasse euch Herren allesamt und sonders die Köpfe durch den Meister Scharfrichter abschlagen! – Der Scharfrichter wurde alsbald geholt, und die armen Ratsherren erzitterten und wurden bleich und rot, denn der Tod saß ihnen schon auf der Zunge. Wie wäre es möglich gewesen, ihr Gewächs so rasch und so viel auf einmal hinunterzubringen? War es nicht auch ein Scharfrichter, dessen Schärfe den Magen bedrohte, wie das Schwert des wirklichen den Hals? Aber – dulce et decorum est pro patria mori – es fand sich ein Heldenherz in der Brust eines jungen Ratsmannes, er hatte in Würzburg studiert und konnte sich etwas zutrauen. Er nahm den vollen Humpen, hob ihn und trank ihn leer bis zur Nagelprobe. Nicht ohne Schauder sahen es die Ratsherren, und der Tilly strich sich den Schnurrbart und lächelte – was bei ihm nicht häufig vorgekommen sein soll. Der Rat von Rothenburg war gerettet. Tilly erhielt andern Wein, der Scharfrichter wurde von den Spielleuten in sein Haus zurückgeleitet, und weil das das erste Freudenzeichen war, so erhielt das Gäßchen, darin er wohnte, den Namen Freudengäßle bis auf diesen Tag. Der junge Märtyrer für seine Vaterstadt blieb am Leben und hat nachher vom dankbaren Rat eine stattliche Verehrung an Tauberwein zur Vergnügung empfangen, doch nie wieder ein so großes Maß voll auf einmal zu sich genommen. *   877. Heilsbrunn Es war ein Ritter aus dem Geschlecht derer von Heideck, den peinigte ein jahrelanges Siechtum. Einst ritt er in einem Walde umher, und die Macht der Krankheit befiel, brennender Fieberdurst quälte ihn aufs neue. Da kam er auf eine Waldblöße, auf der ein frischer Brunnquell zutage kam, wo die Vögel lieblich sangen und die Bäume kühl schatteten. Da warf sich der lechzende Ritter vom Roß, kniete hin an die frische Quelle, rief die Mutter des Heilandes an und trank in vollen Zügen. Und da ging es ihm wie dem Ritter Heinz Teufel, die Königin der Engel erhörte ihn, und der Brunnen half und heilte ihm sein Gebrest, und da nannte er die Quelle seinen Heilsbrunnen und erbaute an ihr eine Kapelle. Bald kamen die Pilger in Scharen gezogen, tranken und genasen, und bald faßte das Kirchlein nicht die Zahl der Beter. Da gründeten dann die Brüder Rapoto und Konrad, Grafen zu Abenberg, mit dreien ihrer Schwestern eine große Kirche und ein Kloster in Gemeinschaft mit Bischof Otto zu Bamberg, der ein Graf von Andechs und der Pommern Apostel war, im Jahre des Herrn 1122, und weihten es in die Ehre der Gottesmutter und St. Jakobs Zebedeus, und daö Kloster wurde mit Zisterziensermönchen besetzt und eine Enkelin Morimonts genannt. Kaiser Ludwig der Bayer setzte die Burggrafen von Nürnberg zu Schutzherren des Klosters ein, und diese erkoren es zu ihrem Erbbegräbnisse, daher die Fülle herrlicher Denkmäler der Zollern in der noch wohlerhaltenen Klosterkirche. Diese Kirche hatte nicht weniger als achtundzwanzig Altäre, davon der Hochaltar, ein überreiches Schnitzwerk von eines Heilsbrunner Mönches Hand, den ganzen Chor einnahm. Dieser mönchische Künstler fertigte infolge eines Gelübdes den Altar und vermaß sich, nichts zu vergessen, allein da das Werk vollendet war, so fand sich, daß die eine Hand der Figur der heiligen Jungfrau nur vier Finger hatte. Dafür hat des Mönches Leib keine Rast im Grabe finden können und ist sein Gebein unbegraben aufbewahrt worden. Dieser Bildschnitzer war aber wohl ohne Zweifel ein Schalk; er brachte nicht nur irgendwo in der Kirche eine Schweinsmutter an, welche Juden an ihren Zitzen saugen ließ, sondern auf der Stolspange der Statue des heiligen Bischofs Otto ein üppiges Tänzerpaar und einen Sackpfeifer, der diesem aufspielte, vor welchen prostituierlichen Figuren viele Tausende niedergekniet sind und gebetet haben. *   878. Des Teufels Nase Zu Hall am Kocher im Schwabenlande ist ein uralt Salzwerk, wie schon des Ortes Name kundgibt, und soll es allezeit um den Salzbrunnen herum merkliche Poltergeister gegeben haben, daher man, sie zu vertreiben, viele Jahre lang stets am Dienstag nach Vocem jucundidatis (Sonntag Rogate) mit Heiltümern prozessionsweise um den Brunnen gegangen ist. Zu einer Nacht erschien der Teufel einem Salzsieder und streckte seine Nase, die außerordentlich groß war, durch einen Spalt in das Hallhaus und schnarchte dabei: Wie gefällt dir die Nas? Kann das auch ein' Nas sein? – da nahm flugs der Siedeknecht einen Kübel siedender Sole und schüttete den dem Teufel auf seine Nase, indem er rief: Kann das auch ein Spaß sein? – Zornig brach jetzt der Teufel durch die Bretterwand, erwischte den Sieder und warf ihn durch die Luft über den Kocher auf den Gänsberg (die Höhe bei dem mittleren Gerberspförtlein), daß ihm alle Rippen krachten, und rief: Kann das auch ein Wurf sein? – Andere sagen, der Teufel habe den Siedeknecht auf den Steinbruch jenseit dem Kocher beim Haimbacher Törlein geworfen, allwo der Galgen stand, der nachgehends abgebrochen wurde, weil die daranbaumelnden Kadaver, wenn die Sonne gegen sie geschienen, in einige Häuser der Stadt ihre klunkernden Schatten geworfen, was nicht appetitlich, wenn sie über das Essen dahinglitten. *   879. Kinderwallfahrt Im Jahre 1448 hat es sich zugetragen, daß zu Schwäbisch-Hall am Donnerstage nach Pfingsten plötzlich eine Sucht die Knaben überkam, nach Sankt Michael in der Normandie zu wallfahren, und gingen ihrer über zweihundert an der Zahl wider den Willen ihrer Eltern auf einmal von dannen, denn sie wurden von dieser Sucht ganz schnell und plötzlich erregt und ließen sich nicht einmal von ihren eignen Müttern halten, auch erfolgte bei einigen, welche mit Gewalt zurückgehalten wurden, alsbald der Tod. War wohl, wie ein alter Chronikenschreiber sagt, eine seltsame und wunderliche Begeisterung. Da sich die Knaben nicht halten ließen, so gab ihnen der für das Wohl der Stadtkinder besorgte Rat zum Geleit einen Schulmeister und einen Esel mit, damit ihnen nichts Böses zustoße. In so guter Gesellschaft mag wohl die weite Reise und Betfahrt glücklich vonstatten gegangen sein. Nachderhand erfolgte eine große Pest, und war es vielleicht Gottes Hand, welche den Knaben winkte, dieser zu entgehen. Wunders genug war es, daß diese Knaben so weit außer Landes begehrten und zogen, da es doch im Schwaben- wie im nachbarlichen Franken- und Bayerlande der berühmtesten Wallfahrtsorte eine übergroße Menge gab. *   880. Unsre Frau zu den Nesseln Zu den mancherlei Wallfahrten, die es schon in der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts im Schwabenlande gab, entstanden in demselben Jahrhundert auch noch viele neue. Im Jahre 1484 ging eine Bäuerin ihres Weges von Heilbronn gen Weinsberg, da sähe sie ohnweit des Stadtgrabens einen Bildstock mit Unser Frauen Bilde stehen, der war ganz und gar mit Nesseln und anderm Unkraut überwuchert, davon ward sie bewegt und sprach: O du reine Jungfrau Maria! Komm, ich will dein schön andächtig Vesperbild mit mir heim in mein Dorf tragen, da soll es ehrlich gehalten werden – und wollte das Marienbild vom Stocke heben, aber da sprach das Bild: Frau, ich will in diesem Nesselbusch bleiben, denn an diesem Ort wird Gott Wunder tun. – Über diese Stimme erschrak die Frau zum Tode und fiel in Ohnmacht. So fand sie ihr Mann, der nach ihr des Weges kam, da er sich in etwas versäumt, bewußtlos liegen, sprach ihr zu und richtete sie auf, und da sie wieder zu sich kam, erzählte sie ihm alles. Darauf breiteten beide allenthalben aus, was der Frau begegnet war, und wurde ein großer Zulauf zu dem Vesperbilde, und wurden ihm Opfer dargetragen an Geld, Wachs, silbernem und goldenem Geschmeid, Kleinode, Kleider, und waren auch gleich fromme Männer zur Hand, welche diese Spenden in Empfang nahmen, erbaueten ein schön lustig Kloster in die Ehre Gottes und Unsrer Frauen und gaben es den Karmelitern ein, die ließen das Mirakel durch einen der Ihren, der Doktor und Professor der Theologie war, in Druck ausgehen, und hat das Kloster und sein Wunderbild in hohem Flor gestanden bis zum Jahre 1525, da die aufrührerischen Bauern im nahen Weinsberg ihre mörderische Tat begingen, die nahmen auch das Kloster Unsre Frau zu den Nesseln ein, plünderten, zerstörten und verheerten es. *   881. Unsere Frau zum Hasen In der Kirche des Dorfes Thüngenthal stand auf einem Altar in einem kleinen Chörlein ein Muttergottesbild. Da geschah es, daß ein Herr von Limburg in der Gegend Hasen jagte und die Hunde einen Hasen auftrieben, der seinen Lauf schnurstracks in die Kirche nahm und mit einem Satz auf jenen Altar sprang, wo er am Gewände des Marienbildes angstvoll aufwärtsstrebte. Als der Herr von Limburg der Jagd nachfolgte, denn er hatte gesehen, wie auch seine Hunde dem Hasen nachsetzend in die Kirche gedrungen waren, fand er die Hunde vor dem Altar in ruhiger Stellung und ergriff das gehetzte Tier, das nun nicht weiterkonnte, mit der Hand, trug es auf den Kirchhof heraus, wehrte den Hunden, es zu verletzen oder ihm zu folgen, und sprach, indem er den Hasen in Freiheit setzte: Zeuch hin, lieber Has! Du hast Freiheit in der Kirche gesucht, die hast du funden, dieweil die Hunde dein Asyl geehrt, so will ich's auch nicht verletzen. – Also lief der Hase davon, und kein Hund folgte ihm. Wie nun solches unter den gemeinen Mann kam, ward ein großes Zulaufen und Wallen, und man nannte die Kirche Unsere Frau zum Hasen, und von dem Opfer, so die Waller dahin gaben, ward ein neuer Chor gebaut und ein steinern Madonnenbild errichtet, an dem ein Hase emporstrebt, zum ewigen Gedächtnis. Es sind dazumalen der Wallfahrten immer mehr worden. Auf dem Berge der ehemaligen Burg Flügelau fand ein Hirte im Stamm einer großen hohlen Buche angesammeltes Wasser, das war zur Zeit, als die Heilbronner Wallfahrt sich auftat, und glaubte aus Einfalt, es sei in der Buche eine Wasserquelle, schrie das aus und pries das Wasser als heilsam für blöde Augen; das ward ihm gleich geglaubt, und lief das Volk in Scharen hinauf zur Buche und wollte sich seine Blindheit wegwaschen und opferte viel Geld, und da der Hirte sah, daß das Wasser zu Ende ging und keins nachquoll, so tat er wie Sankt Mattheis nach dem Sprüchwort: Sankt Mattheis Bricht das Eis. Findt er keins, So macht er eins – er sorgte täglich für frisches Wasser und stärkte statt der Augen die Verblendung, und siehe, es konnte bald von den zahlreichen Opfergaben eine herrliche Kirche erbaut werden und mit schönen Ornaten versehen, ja ein Pfründhaus und auch ein Wirtshaus, und ward eine Pfründe gestiftet, alles von dem Regenwasser im alten Buchenstock, und sähe man recht, wie mächtig Gott auch im Kleinen ist. Und ward dieser selbigen Wallfahrt nachgesagt, wann der Wirt der Gäste an manchem Feiertag allzuviele gehabt und die Zechleute nicht alle in seiner Behausung unterbringen können, habe er sie in die Kirche gesetzt, und sei die Kirche zur Taberne geworden. Als aber die Reformation kam, hat Markgraf Georg von Brandenburg die Wallfahrt abgestellt. Wieder eine andere Wallfahrt entstand 1472 auf dem Einkorn, fast gleichzeitig mit jener zur Buche auf dem Burgberg, zu einer Eiche, ohngefähr eine halbe Meile hinter Comburg, dem berühmten Stift, im Rischachertale, wo sich der Fußpfad auf Oberrischach und Herzelbach scheidet. Da fand ein Schuhmacher, Siegmund Weinbrenner, in einem Bildhäuslein ein bleiern Amulett, wie man es den Wallern zu Vierzehnheiligen im Frankenlande gab, und verkündete dem Volke, daß er eine Erscheinung gehabt: es wollten an diesem Ort die vierzehn heiligen Nothelfer verehrt sein. Da wurde ein großer Zulauf, besonders zur Sommerszeit, weil Hall nahe lag, mit Speisesäcken und Flaschen, mehr großen Mahles als Wallens wegen; dennoch wurde eine bretterne Kapelle errichtet und darin Messe gelesen an tragbaren Altären. Weil aber über den Ortesbesitz zwischen Comburg und Limburg sich Streit erhob, zerging bald wieder Wallfahrt und Kapelle. *   882. Die drei seltsamen Heiligen Die vierzehn Nothelfer hatten einen dauerbaren Altar in der Wallfahrtkirche zu Enslingen, darin waren noch zwei andere Altäre, einer in die Ehre Sankt Guntheri Victoris, der andere dem heiligen Quirin geweiht. Den Bauern waren diese Heiligennamen schwer zu merken und zu nennen, sie nannten sie Sant Gunter, Bieter und Quitter, und die noch gröberen Verstandes waren, nannten sie die drei wunderlichen oder seltsamen Heiligen. Da nun 1497 eine Wallfahrt nach Enslingen entstand, fanden die Waller auf den Altären keine andere Bilderzier als drei kleine weiße Alabasterbildlein, dagegen eine große Tafel mit dem Bilde der vierzehn Nothelfer, und da achteten sie der ungeschmückten Altäre nicht, sondern opferten den vierzehn Nothelfern. Also wurden die drei seltsamen Heiligen unter die Bank geschoben und ihrer vergessen; nur im Sprüchwort leben sie noch fort, da man von einem, dessen Handlungsweise man sich so wenig klarmachen kann, als das Volk über jene Bilder sich klar war, zu sagen pflegt: Das ist ein wunderlicher oder ein seltsamer Heiliger. Nach der bäuerischen Empörung ward auch die Enslinger Wallfahrtkirche geschlossen und niemand mehr eingelassen. So erging es auch mit der berühmten Wallfahrt auf dem Wurmlinger Berge und andern mehr. *   883. Regiswindis Zwei Stunden von Heilbronn neckaraufwärts liegt die Stadt Lauffen, mit einem vormals berühmten Kloster. Der Name soll dem raschen Laufe des vorbeiströmenden Neckars entnommen sein. Im Jahr 814 empfing ein tapferer Ritter aus dem Nordgau des Namens Ernst den Grund und Boden zum Geschenk und gewann von seiner Gemahlin Frideburg ein Töchterlein, welchem man den Namen Regiswindis gab. Das Kind erhielt eine Amme, welche die Schwester eines der Dienstmannen des Ritter Ernst war, und das Unglück wollte, daß dieser Knecht einst wegen übler Aufführung von seinem Herrn sehr hart behandelt wurde. Da er nun seiner Schwester sein Leid klagte, wurde diese so von Zorn bewegt, daß sie an dem unschuldigen Kinde, ihrem Säugling, Rache zu nehmen beschloß, und die Gelegenheit wahrnehmend, daß ihre Herrschaft einen Ausflug machte, drehte sie dem Kinde das Hälschen um und warf es in den Neckar. Der Strom trug aber die kleine Regiswindis nicht von bannen, sondern setzte sie auf einem nahen Werder ab, und so wurde die Untat schnell offenbar; Ritter Ernst ließ die Amme in einen Turm am Neckar einmauern und darin verhungern, und der Papst sprach das ermordete Kind heilig. Der kleinsten aller Heiligen zu Ehren wurde nun eine Kirche erbaut, zu der so viele Wallfahrten geschahen, daß man sie Heiligreich oder Kirchreich nannte. Darin ward der silberne Sarg der Regiswindis hinter dem Altar in einem schönen Kenotaph aufgestellt und der Jahrtag der kleinen Heiligen am 15. Juli begangen, und es kam die Sitte auf, zur Erinnerung an jenes treulose Gesinde, an diesem Tage das Gesinde zu wechseln. *   884. Wasser- und Holzfrauen Zu eines Herren von Hohenstein Schloß kamen zur Fastnachtfeier einige lustige Edelfrauen, die stellten nach dem Nachtmahl eine Mummerei an, gingen hinüber in das Schloß Neuenbronn über der Bieber, tanzten daselbst und gingen dann hinab zur Mühle unter dem Schloß in das Haus, wo die Bauernmädchen ihre Fastnacht hielten, willens, sich in deren Tanz zu mischen. Da aber die Bauernmaidlein selbige verputzte Weiber mit spitzen Kapuzenhüllen erblickten, rannten sie mit Geschrei aus der Stube, und jene gingen ganz still wieder nach Schloß Hohenstein. Am andern Morgen war ein lautes Geschrei im Dorfe, daß Wasserfrauen aus der Bieber zu der Maidlein Tanz gekommen, und da letztere aus der Stube geflohen, seien jene wieder an die Bieber gegangen, mit einem Plumper unter das Wasser gefallen, daß man es platschen gehört, und unterm Wasser verschwunden. Davon behielt der Tümpfel bei der Mühle den Namen Wasserfrauenstube bis auf den heutigen Tag. Ebenmäßig hatten vorzeiten die Herren von Weinsberg das Gejäg auf dem Holz bei Winzenweiler nicht fern vom Städtlein Deildorf; da nun diese Weinsberger einmal an dem Ort eine Schweinehatz gehalten, nahmen sie ihre Frauenzimmer mit und entzündeten in einem Erdfall ein Feuer, um welches sich die Frauen der Wärme halber lagerten. Da kamen von ohngefähr zwei Hofbauern, die auf einsamen Höfen wohnten, durch den Wald, sahen die Frauen in ihren Bünden und in der von den Bauern nie gesehenen Tracht, waren zum Tod erschrocken, schlichen sich ängstlich abseits und brachten bei ihren Leuten das Geschrei aus, daß sie Waldfrauen erblickt. So stark war beim Volke der feste Glaube an die deutschmythische Dämonenwelt. Und heißt jener Ort, der samt dem Holze später an das Stift Comburg kam, noch bis heute die Holzfrauenstube. *   885. Das Feuer der Hexe Eine Witwe im Ries im Bayerlande hatte einen Sohn, der war ein Einspänniger, der fuhr auf der Straße und ernährte damit seine alte Mutter, da geschah es, daß er von einem Herrn von Hohenstein gefangen und geschätzt wurde, und seine Mutter mußte ihn auslösen. Solches begab sich auch zum zweitenmal, und die Mutter opferte all ihr Hab und Gut und löste den Sohn wieder aus. Da nun der Sohn zum dritten Male ergriffen und auf das Schloß geschleppt und in den Turm geworfen worden, vermochte die arme alte Witwe nicht noch einmal den Sohn zu lösen, denn sie war durch die vorigen beiden Schätzungen ganz verarmt. Und obschon sie sich mit flehendsten Bitten an den Ritter wandte, so schlug doch deren keine an, da sprach die Frau zu dem Herrn von Hohenstein: Ihr habt mich zu einer Bettlerin gemacht! Und nun wollt Ihr mir meinen Sohn im Turm verfaulen lassen! Aber ich schwöre Euch, ehe noch mein Sohn verfault, sollt Ihr verdorren! – Der Ritter lachte der törichten Drohung, gab der Alten einen Fußtritt und ließ sie ziehen. Die Alte aber, welche eine Hexe war, machte daheim unter Zauberformeln ein Bildnis, das setzte sie in einen Hafen und rückte den zum Feuer. Am andern Morgen nach dem Frühmahl stand der Herr von Hohenstein bei einigen Edelleuten, die ihn besuchten, auf der Brücke und unterhielt sich mit ihnen, plötzlich aber begann er aufzuschreien: Au! au! Das brennt, das brennt! – und krümmte sich und schrie: Feuer! Feuer in meinem Eingeweid! Hu, die alte Hexe verbrennt mich! Sattelt, sattelt mein Pferd! – und ächzte und stöhnte und warf sich auf das vorgeführte Pferd, sprengte nach Comburg in das Kloster, ließ sich mit den Sterbesakramenten versehen und war am andern Tage am innern Brand Todes verblichen. Er liegt zu Comburg begraben im Gang vor dem alten Kapitelhaus. Soll der letzte Hohensteiner gewesen sein und hätte sein Namensvetter auf dem Harz, der letzte Graf von Hohenstein, Lor und Klettenberg, nicht mit ihm getauscht, derselbe, dessen Grabmal dem des biedern Ritters Götz von Berlichingen so ähnlich sieht. *   886. Götzens Turm In der alten Stadt Heilbronn, der vor grauen Zeiten schon die heilsamen Wasserquellen ihren Namen verliehen, die Kaiser Karl der Große selbst entdeckt, und welcher Name als Heilicobrunn schon im neunten Jahrhundert einer Königspfalz allda zuteil ward, deren Grundbau in einem Haus am Markt noch erkenntlich sein soll, ist der schönste Brunnen in der St. Kilianskirche, und unterm Hochaltar hört man noch den Siebenrohrbrunnen rauschen, dessen Röhren längst versiegten; am hohen Kirchturm aber ist gar wunderlich und phantastisch Bildwerk in Stein gehauen, Menschen, die im Schatten ihres einen großen Fußes ruhen, Menschen mit Augen auf der Brust, ohne Kopf und sonstiges abenteuerliches Gebilde mehr. Dort zu Heilbronn steht an der Mauer, hart am Zwinger, ein viereckiger Turm, der heißt Götzens Turm, darum, weil der biedere Ritter Götz von Berlichingen etliche Zeit darinnen gefangengehalten wurde, und dieses wieder darum, weil er treulich zu seinem Herzog Ulrich hielt, den seine Untertanen genötigt hatten, landflüchtig zu werden, aber von dem Schwäbischen Bunde zu Möckmühl gefangengenommen und dann in der Herberge zu Heilbronn verstrickt worden war. Da sollte Götz dem Bunde Urfehde schwören, das heißt, schwören und geloben, gegen ihn nicht Waffen zu tragen, erlittene Unbill und Verstrickung nimmer zu rächen, das Land zu meiden, aller Orten und Ende aber auf jede an ihn ergehende Vorladung des Bundes sich zur Haft und zu Verhör zu stellen, solches alles hatte eine Urfehde auf sich, die jeder, der sie beschwur, noch dazu mit seinem adeligen Wappen untersiegeln mußte. Götz tat's aber nicht, schlug das Begehren stracks ab und sagte: Da will ich eher ein Jahr im Turme liegen. – Da schickten sie die Weinschröter, die sollten Götzen anfassen, und da zog Götz vom Leder und zuckte seine Wehr, die ihm gelassen war, da schnappten die Küfer wieder hinter sich und baten, nur die Klinge wieder einzustecken, sie wollten ihn nicht weiter führen als auf das Rathaus. Vom Rathaus aber ward er doch in den Turm geführt und mußt' eine Nacht darin liegen, vom Pfingstabend bis auf den Pfingsttagmorgen. Danach kam ihm Hülfe von seinen Gefreunden, Herrn Franziskus von Sickingen und Georg von Frundsberg, die erwirkten ihm ehrliche Haft, die währte bis ins vierte Jahr, da löste er sich mit zweitausend Goldgulden. War noch lange nicht so viel Lösegeld, als der biedere Götz dem Grafen Philipp II. zu Waldeck abnahm, da er ihm unterhalb der Wetterburg aufgelauert hatte und die Raubwölfe seine lieben Gesellen nannte. *   887. Die Weibertreue Überm Städtchen Weinsberg liegt eine Burgtrümmer, insgemein die Weibertreue geheißen, von der die Sage eine der allbekanntesten ist in allen deutschen Gauen. Es geschah im Jahre des Herrn 1140, daß König Konrad III. von Hohenstaufen die Stadt Winesberg am Neckar belagerte, die dem Herzoge Welf von Bayern zuständig war. König Konrad von Schwaben war zu Waiblingen geboren und wurde von seinem Kriegsvolk der Waiblinger geheißen, der Bayerherzog aber, Konrads Gegner, hieß Welf, daraus entstanden die Feldschreie: Hie Welf, hie Waibling! Dieses verwelschten hernach italienische Truppen in Guelf und Ghibellin, und so ist die Benennung Welfen und Ghibellinen aufgekommen. Da nun Welf eine Schlacht bei Waiblingen verloren hatte, warf er sich mit den Seinen in das Schloß Weinsberg, konnte aber eine lange Belagerung darin nicht aushalten, sondern mußte um Gnade nachsuchen. Nun hatte der Kaiser auf dringendes Bitten den Frauen freien Abzug gewährt, und daß eine jede von ihrem Schatz mit sich tragen dürfe, soviel sie könne, die Männer aber sollten alle über die Klinge springen. Die Frauen aber dachten mehr an die Treue, die sie ihren Männern schuldig waren, als daran, ihre Fahrnis zu retten und zu bergen, und nahm eine jede ihren Mann auf den Rücken, und ging die Herzogin Jutta mit ihrem Gemahl Welf voran den Berg hinab, und die andern folgten in langer Reihe. Das gefiel dem Kaiser über die Maßen wohl, und begnadigte auch die Männer, obschon sein Bruder, Herzog Friedrich, Einsprache tat und solche Gnade nicht guthieß. Da antwortete ihm aber der Kaiser: Regium verbum non decere immutari : am Königswort ziemt nicht zu rütteln. Als der Florentiner Fürst Lorenz von Medici, da er erkrankt war, auf seinem Lager dieses Ereignis las, lachte er sich gesund darüber, so wohl gefiel ihm dieser treue deutsche Ernst, den er wohl nicht für Scherz nehmen mochte, wie Deutsche selbst getan, welche die schöne Frauentat aus der Geschichte hinaus haben leugnen oder spötteln wollen. Es findet diese Sage von der Weibertreue, welcher Name auf die Burg Weinsberg vom Volke vor undenklicher Zeit übertragen ward, in deutschen Gauen mehr als an einem Ort ihren Widerhall, wenn auch nur immer eine einzelne Frau das tut, was hier von vielen geschah. Im Sachsenlande war ein Ritter von Staupitz in Fehde mit einem Ritter von Beerwalde und gewann diesem sein Schloß Kriebstein ab, warf sich mit den Seinen hinein und wehrte sich wacker, als Friedrich der Streitbare, der erste Kurfürst von Sachsen, beider Ritter Lehensherr, von dem verdrängten Beerwalder zu Hülfe gerufen, den Kriebstein belagerte. Da erflehte auch, wie sich die Burg nicht länger halten konnte, die Frau von Staupitz freien Abzug mit ihrem Heiratsgut, und der Kurfürst gewährte ihr dessen, so viel sie tragen könne. Und da trug sie ihren Gatten auf ihren Schultern herab als ihr bestes Gut, das sie erheiratet, und Kurfürst Friedrich sprach dasselbe, was Konrad III. gesprochen: Wenn einem Fürsten die Treue nichts mehr gilt, für wen soll sie dann noch einen Wert haben? – Das trug sich zu im Jahr 1415. Gleich treuer Sinn lebte in der Königstochter, die vom König Grünewald freien Abzug für sich und ihr Gut begehrte und ihren Vater von bannen führte, und im Schwabenlande selbst hat sich's 1499 begeben, daß die Freifrau von Thengen auf Burg Rosenegg im Hegau, ohnweit Hohentwiel, im Schwabenkriege ebensolche Treue an ihrem Gemahl bewies. *   888. Geister auf Weinsberg Nicht von den Geistern zu reden, die der liebenswürdige Sohn und Jünger Apolls, Doktor Justinus Kerner, dessen gastliches, freundliches Dichterhaus dicht am Fuß der Weibertreue liegt, beschworen, gehört und gesehen, so hat es vordessen auch schon zu Weinsberg im Schloß spukende Geister gegeben. Der Schloßvogt Konrads von Weinsberg erschlug einen seiner Knechte. Bald nach der Tat betete er eines Sonnabends in der Schloßkapelle, da sah er, wie der Boden sich öffnete und eine Schar Gestalten wunderlicher Art diesem entwallte. Der Vogt entsetzte sich über den Anblick dieser Geister also sehr, daß er erkrankte und nun nicht mehr in die Kapelle kam. Da verbreitete der Spuk sich weiter, es polterte im Schloß, es warf, es äffte die Burgwächter, es verbreitete sich außer der Burg und spukte nun auch auf den Mauern des Städtleins und quälte die Wächter. Da geschah es, daß die Wallfahrt zu Unserer Frau zu den Nesseln bei Heilbronn sich auftat, da riet ein Geistkundiger den Weinsbergern, ein Fasten anzustellen, Bittgänge nach dem Nesselbusch zu tun und eine erkleckliche Geldsumme zum Bau des Karmeliterklosters beizusteuern, so würden sich der Geist des Ermordeten und seine Hülfsgeister beruhigen; also geschähe es, der Vogt starb zudem, und für dasmal hatte Weinsberg, Burg und Stadt, vor den Geistern Ruhe. *   889. Wimpfens Name Wimpfen auf dem Berge war vormals eine freie Reichsstadt am Neckar in heiterer Lage. Vor alters soll sie Cornelia geheißen haben, nach Julius Cäsars Gemahlin, soll aber schon zu Kaiser Valerius Probus Zeiten erbaut worden sein. Nachher aber, als Attila mit seinen Hunnen durch das Land gewütet, haben diese alle Männer der Stadt erschlagen und die Weiber gepeinigt und ihnen die Brüste abgeschnitten, und davon soll der Stadt der Name Wippin, Weib-Pein, geworden sein, und ward das also fest geglaubt, daß es selbst auf dem Rathaus in Versen auf einer Tafel geschrieben zu lesen stand: Weibpein, jetzt Wimpfen, sonst gar sein Mulierum poena zu Latein. Nicht weit von Wimpfen auf dem Berge liegt das Städtchen Wimpfen im Tale. Hier erfocht Tilly seinen großen Sieg im Jahre 1622 gegen den Markgrafen Georg Friedrich von Baden, in welcher Schlacht die unsterblichen vierhundert Pforzheimer unter ihrem Bürgermeister Deimling den Opfertod für ihren geliebten Fürsten erlitten. Damals galt noch Treue. *   890. Grab der Jungfrau Unter der Burg Hornberg, die einstens auch dem braven Ritter Götz von Berlichingen gehörte und nun der Freiherren von Gemmingen-Guttenberg Eigentum ist, wird eine Felsengrotte gezeigt, in welche vorzeiten eine Jungfrau flüchtete, die von ihrer Stiefmutter hart gequält wurde. Sieben Jahre wohnte und lebte die Maid in dieser Grotte, und eine Hirschkuh war ihre Ernährerin, gleich jener der frommen Genofeva. Als die Jungfrau gestorben war, trug die treue Hinde sie nach dem Michaelskirchlein in der Nähe des Dörfchens Wolkenhausen und fand sie alldort ihr Begräbnis, zu dem geschahen dann Wallfahrten. Andere erzählen diese Sage anders. Ein Heidenjüngling liebte eine Christenjungfrau, und als es derselben nicht gelang, ihn für den Christenglauben zu gewinnen, flüchtete sie in die Einöde und beschloß in dieser Grotte ihr Leben in gottseliger Einsamkeit, wo eine Hinde sie ernährte und ein Hirsch sie trug. Sie schrieb ihr Geschick in die Rinden der Bäume, und als sie verblichen war, schaufelte ihr der Hirsch ein Grab. Nach einer Zeit verfolgte jener Heidenjüngling dieses edle Wild, und der Hirsch floh nach dem Grabe der Jungfrau. Da las der Jüngling an den Bäumen das Los seiner Geliebten, tat des Heidentums sich ab, erbaute sich, nachdem er sich taufen lassen, eine Einsiedlerzelle am Grabe der Jungfrau und diente ausschließlich dem Herrn mit Gebet und frommen Werken. Da er alt und schwach geworden, trat eines Abends ein Pilger zu ihm und bat um Aufnahme, welche der fromme Mann gern gewährte und dann sein Gebet fortsetzte. Da verwandelte sich der Pilger in die Gestalt Michaels, des heiligen Erzengels, und sprach: Du hast Satan überwunden gleich mir, gehe ein zum Reiche der Herrlichkeit und des Friedens! Und da küßte der Engel dem Alten das Leben von der Lippe. Danach wurde alldort die Sankt Michaels-Kirche begründet. *   891. Notburga Der vorstehenden Sage nahe verwandt ist die von der heiligen Notburga, der im Dörfchen Hochhausen eine Kapelle errichtet ward. Notburga war des Frankenkönigs Dagobert Tochter, der schirmte sein Reich gegen die Wenden und hatte Lager geschlagen auf dem Hornberg, andere sagen bei Mosbach. Da kam der Heidenführer Samo und warb um der Christenjungfrau Hand und gelobte, wenn er sie erhielt, sein Volk zurückzuführen. Da nun in des Heiden Begehren gewilligt ward, weigerte sich dennoch Notburga hartnäckig, die Seine zu werden, und als man sie auf das heftigste bedräuete, entwich sie und barg sich in eine Höhle am jenseitigen Ufer des Neckar. Eine Hirschkuh folgte ihr und ernährte sie, aber der Koch ihres Vaters folgte der Hinde und fand Notburgas Zufluchtsort und zeigte ihn ihrem Vater an. Dieser kam nun selbst und wollte mit Gewalt seine Tochter am Arme aus der Grotte ziehen, da blieb ihr Arm in seiner Hand, und entsetzt entwich Dagobert. Zu Notburga kam eine Schlange, die trug in ihrem Mund ein Heilkraut, das heilte Notburgas Wunde alsobald, und Dagobert zog von hinnen. Zu der heiligen Einsiedlerin aber wallte das Volk in Scharen, und sie lehrte ihm den Acker- und Weinbau und des Friedens sanfte Künste. Endlich starb Notburga, von der ganzen Gegend als Heilige verehrt, und vor ihrem Tode ordnete sie an, daß ihr Leichnam auf einem mit Stieren bespannten Wagen möge in das Feld geführt werden, wie auch Sankt Sebaldus getan und die heilige Stilla, und wo die Ochsen mit dem Leichenwagen stillestünden, da solle man sie begraben. Solches geschah, und ward an die Stätte das Kirchlein zu Hochhausen erbaut und Notburgas Steinbild in der Grotte aufgestellt, das hält in der rechten Hand die Schlange mit dem Heilkraut, der linke Arm fehlt, das Haupt schmückt eine Krone. Den Jungfrauen selbiger Gegend muß eine absonderliche Neigung für Felsengrotten innegewohnt haben, wenn nicht eine und dieselbe Sage nur in mannigfaltiger Umwandlung sich wiedergebar, denn wieder geht die Sage von einer Tochter des Grafen von Hornberg, Minna, die einem Ritter namens Edelmut in heimlicher Minne sich zugesagt hatte und ihrem Elternhaus entfloh, um einer Verbindung mit einem andern Ritter, den sie nicht lieben konnte, auszuweichen, sodann mit einer vertrauten Dienerin in einem Nachen zur Nacht über den Neckar fuhr und sich in der Felsengrotte mit dieser sieben Jahre lang verbarg, bis die arme Minna in sehnsuchtvoller unbefriedigter Minne sich verzehrte, denn ihr Edelmut kämpfte im Heiligen Lande gegen die Sarazenen. Da er nun endlich heimkehrte und die Geliebte suchte, fand er nur die trauernde Dienerin noch am Leben und erbaute dann eine Burg, die er doppelsinnig Minneburg nannte. Was aber die heilige Notburga betrifft, so geht die Sage von ihr auch in Tirol, im untern Inntale, auf dem Schlosse Rottenburg, dort soll sie als fromme Magd gedient haben, und als sie starb, trugen Engel die Seele in den Himmel. Auch dort zogen Ochsen ihre Leiche, und als sie über den Inn schritten, murmelten des Flusses sonst laut tobende Wellen nur ganz leise. Sie ruht alldort in der Kapelle des heiligen Ruprecht. *   892. Der Rabe auf Stolzeneck Von der Burgtrümmer Stolzeneck gehen viele Sagen. Ein Ritter, der diese Burg besaß, zog in das Heilige Land zum Kampfe gegen die Ungläubigen und ließ unter dem Schutz einiger treuer Diener seine einzige Schwester, eine blühende Jungfrau, allein auf seiner Burg zurück, wo sie ruhig und friedsam ihre Tage verlebte. Da erschien nach mehr als einem Jahre auf Stolzeneck als Gast ein nachbarlicher Ritter, der verliebte sich heftig in das Fräulein und warb um ihre Hand, sie aber konnte ihn nicht lieben und wies ihn ab. Ihr Liebling und Zeitvertreib war ein zahmer Rabe, den sie aufgezogen hatte, der ihren Namen rief, und der auch immer um sie war. Es dauerte nicht lange, so kam der aufdringliche Freier wieder und drang aufs neue in das Fräulein, allein sie wies seine Werbung mit noch mehr Strenge ab als zuvor. Da schwur er ihr im heftigen Zorne die grimmigste Rache, und es währte nur kurze Frist, so berannte er die Burg, die bei weitem nicht genug bemannt war, um einem Angriff zu widerstehen, ließ alle Diener des Fräuleins ermorden, ja bis auf das Fräulein alles, was nur auf der Burg lebte, und mit Not entkam der Rabe, der schnell aus dem Fenster entflog, als der Wüterich sein Schwert nach ihm schwang. Das unglückliche Fräulein ließ der Ritter in den Turm werfen und schwur, daß sie darinnen verhungern und verdursten solle, wenn sie ihn nicht erhöre. Jeden Tag kam er vor das Gitter ihres Kerkers, das nach dem Burghof sah, und fragte, ob sie ihn nun erhören wolle. Allein, obschon er ihr weder Trank noch Speise reichen ließ, so lebte sie doch und war immer kräftig genug, ihm ein Nein hinaufzurufen. Das machte, der treue Rabe brachte ihr während der Nacht Beeren, Früchte und kleine Brote, die er und seine Brüder den Bäckern in der Nachbarschaft entführten, und das währte eine lange, lange Zeit, und da kehrte ihr Bruder von seinem Kreuzzuge wieder heim. Mit Schreck und Staunen fand er seine Burg offen, unbewacht, verödet, die Diener hinweg, die Schwester nicht zu finden, aber Schwärme von Raben auf den Bäumen und den verfallenden Dächern. Da traf, als er über den Burghof wandelte und ausrief: Schwester! o meine liebe Schwester! Wo soll ich dich finden? ein Klageton aus der Tiefe an sein Ohr, und er eilte an das Gitter und hörte das Entsetzliche, was sich begeben, aus seiner gefangenen Schwester Munde. Indem so kam der grausame und unmenschliche Freier dahergestürmt, der voll Wut einen Fremden am Gitter und seine Schandtat entdeckt sah, und wollte den Fremden durchbohren, aber da schrie des Fräuleins Rabe und flog ihm entgegen und hackte ihm nach den Augen, und ringsum schrieen die Raben und flogen herbei wie eine schwarze Wolke, und schlugen mit den Flügeln, und krallten sich an ihn an, und hackten ihm die Augen aus dem Kopfe, so daß er sinnverwirrt zu Boden stürzte, und der Ritter von Stolzeneck stieß ihm sein Schwert durch das Herz und befreite seine Schwester. – Hernach haben die Raben den Getöteten gefressen, und sein Gebein ist in ungeweihte Erde verscharrt worden. Das Bild des treuen Raben aber ward in Stein zum ewigen Gedächtnis ausgehauen und blieb in einem Bogen der Burg erhalten bis auf späte Zeiten. *   893. Die Landschaden Hoch überm Neckartale bei Neckarsteinach heben sich vier Burgen, deren eine Schadeck heißt, im Volke nur das Schwalbennest genannt, die gehörten alle einem Rittergeschlecht, das auch das Städtlein beherrschte und den Namen Landschaden lange nicht zum Lobe führte. Einer des Geschlechts, Bligger der Landschade, trotzte selbst in seiner unzugänglichen Feste dem Kaiser Rudolf von Habsburg. Besser war sein Sohn, doch nicht minder tapfer wie der Vater. Er zog, des Vaters Untaten zu sühnen, in den Heiligen Krieg, half dort im fernen Osten Smyrna belagern und erobern, hieb dem Sultan mit eigner Hand den Kopf ab, in dessen Lager er sich verkleidet eingeschlichen, wie Judith dem Holofernes, und brachte das werte Haupt in das Christenlager. Da wandelte der Kaiser des tapfern Ritters Schimpfnamen in einen Ehrennamen um, gab ihm des Heiden gekrönten Kopf in das Wappen und belehnte ihn mit allen Burgen seines Vaters und dem ganzen reichen Erbe. Lange blühte sein Geschlecht fort, und die früher des Landes Schaden gewesen, wurden ihm hernachmals oft zum Segen. *   894. Melusine Im badischen Lande heißt ein Wald der Stollenwald, darin auf dem Stollenberge eine alte Burgtrümmer liegt, in der Nähe aber steht Schloß Stauffenberg. Auf letzterem Schloß lebte eines Amtmanns Sohn, der hatte seine Lust am Vogelfang und ging einstmals in den Wald, Meisen zu kloben. Da vernahm er vom Stollenberg herab gar eine liebliche Stimme, welche sang, und ging ihr nach und sah im Gebüsch ein holdselig Frauenbild, das rief ihm zu: Erlöse mich, erlöse mich! – Nur dreimal dreifach küsse mich! – Wer bist du denn? rief der Jüngling, und die Erscheinung sprach: Melusine heiß' ich, Himmel-Stollens Tochter bin ich! Küsse früh zur neunten Stund Furchtlos Wangen mir und Mund, Dann soll ich erlöset sein Und bin mit meinem Brautschatz dein! – Da sich nun der Jüngling das wunderbare Wesen näher besah, so befand er, daß Melusine wunderschönen Angesichts sei, blaue Augen und blondes Gelock habe, auch um den Oberleib gar lieblich und wohlgetan sei, aber mit Händen und Füßen war es nicht also beschaffen. Die Hände hatten keine Finger, sondern glichen offnen Tüten, und Füße waren gar nicht vorhanden, sondern ein Schlangenleib. Dennoch gab der Jüngling der Erscheinung die ersten drei Küsse ohne Bangen, und sie äußerte eine Freude darüber, wie die Jungfrau im Heidenloch über den ersten einen Kuß, und dann verschwand sie. Am andern Morgen kam der Liebhaber wieder, zog ihrem verlockend süßen Liede nach, das ihm entgegenklang, und fand sie jetzt geflügelt, und der Schlangenleib war grün geschuppt und lief in einen Drachenschwanz aus. Die Augen und das Antlitz Melusinens aber waren so wunderbar schön und strahlend, und es blühte ihm daraus und von dem kussigen Munde alles Verlangen so verführerisch entgegen, daß er dennoch ihr wieder die drei Küsse gab, und sie erzitterte vor Lust und Verlangen und rauschte mit den Flügeln ihm ums Haupt. Kaum konnte der Jüngling in der folgenden Nacht ein Auge schließen, alle seine Gedanken waren bei der glühenden, sinnlich schönen Gestalt, und früh vor Tage schon stieg er durch den Wald und zog der süßen Liedesstimme nach. Aber o weh – wo war das liebreizende Engelangesicht? – verwandelt war's und glich aufs Haar dem der Jungfrau auf dem Krötenstuhl, denn Melusine hatte jetzt einen Krötenkopf, und den mochte der Liebhaber mitnichten küssen, vielmehr gab er Fersengeld und lief, was er laufen konnte, und hörte sie lange hinter sich drein rascheln und ihn wehklagend rufen. Nimmermehr ging er wieder auf den Stollenberg, vielmehr freite er ein Mädchen, das, wenn es auch nicht so zauberschön war wie Melusine, doch keinen Krötenkopf und keinen Schlangenleib hatte. Da nun das Hochzeitmahl auf Schloß Stauffenberg bereitet war und alles recht fröhlich, spaltete sich oben in der Zimmerdecke ein klein wenig das Getäfel, und es fiel in des Hochzeiters Teller ein Tröpfchen wie Tau, und niemand sah es, und wie jener den Bissen, darauf der Tropfen gefallen war, in den Mund steckte, sank er tot nieder, und oben zog sich ein kleiner Schlangenschweif durch die Ritze der Decke hinein. Aus war es mit der Hochzeit. Zu andern Zeiten ist Melusine einem Hirtenmädchen erschienen und hat es endlich in den Stollenberg hineingeführt, ihr die unterirdischen Schätze gezeigt und ihr die Bedingungen gesagt, unter denen diese Schätze der Hirtin werden sollten, wenn sie das Werk der Erlösung vollbringe. Aber das Mädchen hielt nicht reinen Mund, und der Pfarrer bedrohte sie mit Kirchenbuße, wenn sie mit dem Gespenste sich einlasse, da ist die Hirtin still geworden, hat nie mehr davon gesprochen und hat das Werk der Erlösung nicht vollbracht. Noch steht ein doppelter Tannenbaum aus einer Wurzel da, wo man es bei den zwölf Steinen nennt, der heißt der Melusinenbaum. Nach dieser schwäbischen Sage ist der Name Melusine doch auch Berg- und Waldfeinen eigen und nicht Wasserfeinen allein. *   895. Die zwölf Steine Von den zwölf Steinen nahm einstmals der Teufel einen und wollte ihn auf die Wendelinskirche im Tale herabschleudern; er trug und schleppte ihn durch das große Rappenloch bis auf die Mitte der Schiehald, da wurde ihm der Fels zu schwer, er legte ihn hin, setzte sich darauf und verschnaufte. Wie er ihn nun wieder aufheben wollte, hatte er ihn unten tief in die Erde gedrückt und oben ein Loch hineingesessen und könnt' ihn nicht wieder aufheben. Da liegt denn nun der Stein noch immer auf der Schiehald und heißt der Teufelsstein. Von Zeit zu Zeit stattet der Teufel diesem und den andern Steinen einen Besuch ab, da fährt er mit sechs Geißböcken dort herum spazieren und knallt mit einer Flammengeißel, daß die Funken darum herumfahren. Da ist nicht zu raten, hinaufzugehen, denn mit dem Teufel ist nicht gut spaßen. *   896. Die Seejungfrauen Der Herrenwiesersee im badischen Gebirge heißt auch der Hummelsee oder der kleine Mummelsee, zum Unterschiede von dem großen Mummelsee, der drei Stunden südlicher gelegen ist. Dieser kleine Mummelsee ist unergründlich wie der große, und auch in ihm wohnten vorzeiten Seejungfrauen, Seeweiblein genannt, die waren gut und hülfreich, kamen zur Nacht herab ins Seeland, wuschen frommen Leuten ihre Wäsche, bleichten sie zur Nacht im Mondschein und trockneten sie, buken auch Brot, fegten die Häuser und hatten sich ganz wie die guten hülfreichen Erdmännele und Erdwichtele. Auch den guten Wein schnitten sie zur Herbstzeit ab und trugen ihn in die Bütten, aber den sauern ließen sie hängen für die Vögel, darum gab es in den alten Zeiten bessern Wein und süßern als jetzt, und auch die Menschen waren besser, denn seit sich hie und da so ganz miserable Banden zusammengetan, denen Treue und Glaube nichts mehr gilt, welche Gott leugnen und seine Diener verhöhnen, da kommen auch die Seejungfrauen nicht mehr zum Vorschein und helfen nicht mehr, nur allenfalls kommen noch schlimme, wie jene Nixe im Hutzebacher See, die wechselte einer Köhlersfrau ihr Knäblein gegen einen abscheulichen Balg aus, während die Mutter ins Holz gegangen war. Selbiger Wechselbalg hatte einen Kopf wie ein Sester (Gefäß, das sechzehn Maß Wein faßt) und Kalbsaugen, und war dabei häßlich wie ein Kanker, und hatte auch so dünne Beine. Er schrie beständig wie ein Rabe und wie ein Frosch. Wie der Mann heimkam und den Balg fand und seiner Frau Wehklage vernahm, strich er den Balg mit Ruten – da hörten beide ihr Kind am Seeufer weinen. Eilend holte es die Mutter, und der Vater nahm den Wechselbalg und warf ihn in den See. Da fuhr gleich die Nixe heraus, zerriß den Wechselbalg und fraß ihn mit Stumpf und Stiel, dabei wallte und wogte und rauschte und brauste der See und schlug hohe Wellen. Vom Hutzebacher See gibt es viele Sagen. *   897. Vom großen Mummelsee Im Schwarzwald ist der große Mummelsee gelegen, gar weit berufen, auf hohem Berge und von unergründlicher Tiefe. Man darf in ihn – so ging sonst die allgemeine Sage – so wenig Steine oder Sonstiges hineinwerfen als in den Pilatus-See, sonst wird der heiterste Himmel trüb, und es entstehen gleich Stürme und Ungewitter. Er duldet auch keine Fische, wohl aber große Salamander eigner Art. Gar viele und mancherlei Sagen gehen von dem Mummelsee; Waldmännlein und Waldfrauen, Wasserminnen und Nixenmänner haben sich allda häufig sehen lassen. Den Namen hat er von den vielen Mümmlein, Seerosen oder Seelilien, die auf ihm blühen, die geheimnisvollen Nymphäen, die aus tiefster Tiefe herauf ihre Blätter und Blumenstengel treiben. Kleine Steine oder Erbsen und dergleichen durfte man ohne Schaden in den Mummelsee hängen; war die Zahl ungerad, so wurde eine gerade Zahl derselben im Säcklein heraufgezogen, umgekehrt aber eine ungerade. Hirten, welche einst am Mummelsee weideten, sahen dem Wasser einen braunen Stier entsteigen, der sich unter ihre Herde mischte, aber da kam alsbald ein Männlein mit einem Stecken, das trieb den Stier mit aller Gewalt wieder in das tiefe Wasser. Ein Jagdgesell sah am See ein Waldmännlein sitzen, das hatte den Schoß voll Geld und spielte damit, wie Kinder mit Sand spielen. Dieser Schütz war von der dummen Art, die gleich nach allem schießt, es sei damit ein Nutz oder keiner, hatte daher rasch die Büchse im Anschlag und wollte auf das Waldmännlein losbrennen, da tat es einen Hupf in den See hinein wie ein Frosch, ward zum Wassermännlein und rief dem Jäger zu: Du lausiger Lump! Leichtlich hätt' ich dich reich gemacht, wenn du mir die Zeit geboten, statt nach mir zu zielen! Nun sollst du verkommen in Armut und Elend. Und da ist der Gesell auch niemals auf einen grünen Zweig gekommen, und hinterm Zaun ist er gestorben. Der Mummelsee friert selten zu; tut er's aber, so hat er seine Tücken. Einstmals war er fest zugefroren, ein Bauer fuhr zwei Holzstämme mit einem paar Ochsen darüber, ohne daß das Eis nur krachte. Auf einmal, wie der Bauer schon am andern Ufer war, kam ihm sein Hund nachgesprungen, da krachte das Eis und brach, und der Hund ertrank. Ein Herzog von Württemberg war begierig zu erfahren, wie tief doch der Mummelsee sei, und ließ ein Floß bauen, darauf zu fahren und die Faden zu messen. Die Messer banden nach und nach neun Rollen Bindfaden aneinander und fanden noch keinen Boden, da begann aber das Floß zu sinken, und die Messer mußten eilen, das Ufer zu gewinnen. Lange haben am Ufer noch Stücke von dem Floß gelegen. Ein Markgraf von Baden schoß geweihte Kugeln in den See da brausete er wild auf und wollte überwallen, daß der Herr mit seiner ganzen Gesellschaft eilend entweichen mußte. Einstens kam zu einem Bauer ein Männlein auf den Hof, das bettete sich in die Binsen und das Geröhrig am Brunnen und vertraute dem Bauer, es sei ein Wassermännlein, und sein Weiblein sei ihm abhanden, das suche er nun schon in allen Seen vergebens, wolle zusehn, ob es nicht in den Mummelsee entführt sei; bat den Bauer, seiner am See zu harren oder eines Wahrzeichens gewärtig zu sein. Lange blieb es aus, und endlich kam es gar nicht wieder. Nur sein Stecken fuhr aus dem Wasser in die Höhe, und an derselben Stelle färbte sich der See plötzlich blutrot, und das rote Wasser sprang ein paar Schuh hoch in die Luft. Da merkte der Bauer, daß das Wassermännlein drunten ertötet worden sei, wahrscheinlich hatte es den Räuber seines Weibleins gefunden, das sich willig hatte entführen lassen, darum man noch im Sprüchwort sagt von solchen Weibern und Maiden, die gern der Lockung folgen: Sie geht gern in das Wasser. – *   898. Der Grafensprung Über der Murg erhebt sich ein steiler Felsenabhang, der zu dem Berge gehört, darauf Neu-Eberstein erbaut ist, der heißt der Rieß oder auch der Grafensprung. Ein Graf von Eberstein saß mit seinen Zechkumpanen beim Weine, da ward in der Regel gewettet über dies und das, je abenteuerlicher, je besser, und da schlug der Graf eine Zechwette vor, wer den Rieß hinab- und hineinreite, der solle Großes gewinnen – aber da schrieen alle die Ritter, das sei unmöglich. Aber Graf Eberstein hatte bereits einen Sturm und wollte die Wette gehalten haben an seinen Gästen, setzte sich auf seinen zuverlässigen Schimmel und ritt mit so vielem Gleichmut den steilen Rieß hinab, wie der Graf von Klettenburg in die Kirche zu Ellrich ritt. Mit Staunen und Grauen sahen es die Ritter, aber nun sollte der Graf von Eberstein auch hinaufreiten. Tollkühn trieb der Graf sein Pferd den steilen Fels hinan, gelangte auch eine Strecke empor, aber nur zu seinem Unglück, denn je höher er schon war, um so tiefer fiel er, da sein Pferd sich mit ihm überschlug und beide zerschmettert im Grunde lagen. Darauf wurde dem Rieß der Name Grafensprung, sollte aber eher Grafenfall lauten oder Grafensturz. Oft hat man hernachmals bei nächtlicher Weile des Grafen Geist auf dem Geist des Schimmels herab oder hinauf bis zur Hälfte reiten sehen. Auch spuken um die Ebersteinburgen noch sonstige Geister, leiten Wanderer irre, und hausen deren auch zahlreich im sogenannten Hilpert bei Gaggenau, wo vom Murgufer ein Schlaufloch bis nach Baden durchgeht, dahinein vordessen die Geister und Hullenpöpel von den Pöpelsträgern getragen und gebannt worden. Weiter aufwärts im Murgtale, zwischen den nahe beisammenliegenden Dörfern Langenbrand und Gausbach, ist im Felsenufer ein mächtiges Geklüft, das zieht tief in den Berg hinein, ist voller Geister und heißt die Hölle. Niemand hat noch dieser Grotte Ende erkundet. Zwei Zackenfelsen stehen als Wächter davor, schwarz und unheimlich starrend. Zu Forbach, eine Strecke über Gausbach, unterm Seekopfberg, war vor etwa hundert Jahren ein Schulmeister, der war ein starker Geist, weil er selbst an Geister nicht glaubte, oder bildete sich's wenigstens ein, er wär's,wie viele seinesgleichen, Hohe und Geringe, sich das einbilden; der ging einmal hinunter nach dem Städtlein Gernsbach, allda etwas zu kaufen; seine Tochter begleitete ihn, und er sandte sie mit dem Eingekauften voraus, da er noch einiges im Tale zu besorgen hatte, und folgte später nach. Schon dämmerte es über der Flur, als der starke Geist von Wiesenbach nach Langenbrand zuschritt, und da kam er an den Felsen vor der Hölle vorbei und fühlte sich wunderlich gehoben und getragen und emporgezogen, und merkte, daß er schwebte, doch hielt er Hut und Stock fest, wollte schreien, vermocht' es aber nicht, und endlich fand er sich auf einem hohen Steinfels, der war so spitz, daß er unmöglich darauf sitzen konnte, mußte bloß stehen wie ein Säulenheiliger eine ganze Nacht hindurch – und am Morgen schelgten Fischer oder Flößer die Murg herunter, die hörten den starken Geist, der auf einem Felsen vor der Hölle stand, gotteserbärmlich schreien. Da hatten die Männer große Mühe und Not, mit Hülfe von Leitern den Mann herunterzubringen. Und von selbiger Nacht an hat der starke Schulmeistergeist an noch stärkere Geister geglaubt, dieweil ihm der Glaube nicht mit dem Schauen, sondern mit dem Fühlen gekommen, Hören und Sehen ihm aber vergangen. *   899. Geist Blaserle Das Pfarrhaus zu Eisingen ist eine Zeitlang ein rechtes Spukhaus gewesen. Zuvörderst hielt sich ein Geist darin auf, der hatte die üble Gewohnheit, abends gleich nach Sonnenuntergang den Leuten in das Gesicht zu blasen, ohne sich sonst wahrnehmen zu lassen, und war unter dem Namen Blaserle der Herrschaft wie dem Gesinde bekannt. Einst bekam der Pfarrer eine Kuh geschenkt, aber kaum war das Tier im Stalle, so brüllte es fort und fort, fraß auch nicht und hatte sich so ungebärdig, daß der Pfarrer die Kuh verkaufen mußte, worauf sie denn ganz gut tat und gedieh. Das Blaserle war es gewesen, das die arme Kuh gequält. Das Federvieh gedieh auch nicht, es schrie sich tot. Das hat lange Zeit gedauert, und half kein Mittel, bis endlich das Blaserle von selbst aufhörte, seinen bösen Mutwillen gegen Menschen und Tiere auszuüben, und aus der Pfarre wegkam, man wußte nicht wie. Das war ein Geist, nun ging aber auch noch ein anderer im Hause um, des Natur war nicht luftig wie die des Blaserles, sondern schwerfällig. Er schlich und schlürfte mit so schweren Tritten durch das Haus, daß die Balken knackten, und tat schaurige Ächzer, ohne sich jemals sichtbar zu zeigen. So ging er durch alle Stuben, über alle Treppen und durch die Ställe sogar. Er hatte keinen Namen, schien aber eine namenlose Qual mit sich herumzutragen. Dieses war Nummer Zwei; nun kam aber auch eine weiße Nonne, die erschien sichtbarlich, schwebte stets nach dem Stalle und verschwand dort. Da es nun nicht gut ist, daß der Mensch allein sei, was auch von Geistern gelten mag, so erschienen auch noch eine Schlange mit einem Bund Schlüssel im Maule und ein gespenstischer welscher Hahn, die wandelten auch selbander oder zu dritt mit der Nonne nach dem Stalle und verschwanden dort. Einst faßte, vom Pfarrer ermuntert, eine Magd sich ein Herz und folgte der Nonne, die ihr noch dazu stets winkte, und ging mit einem Licht der Nonne nach in dem finstern Stall. Dort wies die Nonne nach einem Winkel und verschwand. Andern Tages grub man dort nach, erhob einen großen Stein, fand darunter einen kupfernen Topf und darin die Gebeine zweier Nonnenkinder. Man begrub diese auf den Kirchhof an dem Orte, wo das alte Weihwasser hingeschüttet wurde, und Nonne und Schlange kamen nicht wieder. Nur die Welschhahnengestalt ließ sich als gebratener Konsistorialvogel zuzeiten noch im Pfarrhause erblicken, wenn die Kirchenvisitation war oder das Fest der Kirchweihe; just wie beim Major Eckart zu Gotha. *   900. Doktor Faust in Schwaben Zu Knittlingen, ohnweit der badischen Grenze, soll nach der Sage einiger Doktor Faust geboren worden sein, obschon das Volksbuch insgemein das Land Anhalt und die Stadt Soltwedel nennt, und nicht minder zeigt man im Kloster Maulbronn ein ausgemauertes Gemach, das man nur erlangen kann, wenn man vom Dormitorium des Klosters durch ein Fenster steigt und über mehrere Dächer klettert, darin Faustus seinen letzten Tag gesehen. Es ging da höchstwahrscheinlich gerade so, wie es zu Waerdenberg, dem Schloß im Niederland, ging, der Teufel zerrte Faustum durch das Fenster, und es blieb von ihm nichts zurück als ein großer unaustilgbarer Blutflecken. Sonst hat das alte und berühmte Kloster Maulbronn, allwo auch eine bedeutende Klosterschule, der Wahrzeichen gar mancherlei. Zuerst vom ersten Bau her einen fehlenden Stein, und zwar im linken Seitenschiff unterhalb der Öffnung fehlt im Boden eine Platte, und in einem andern Stein Maurerwerkzeuge und eine schwörende Hand. Die bauenden Mönche hatten Räubern geschworen, den Klosterbau nicht zu vollenden, und hielten ihren Schwur, sie ließen am Bau einen Stein fehlen. Dann war über der Eingangspforte eines nicht mehr vorhandenen Turmes ein Maultier am Bronnen, Maul-Bronn, abgebildet, beladen mit Geldsäcken zum Klosterbau. *   901. Der Teufel in Schiltach Zu Schiltach, einem badischen Grenzstädtlein am Schwarzwald, trug sich im Jahr 1533 ein seltsamlich Ebenteuer zu mit dem bösen Erzebenteurer, dem Teufel. Im Ratswirtshaus nistete er sich ein gleich einem Kobold, führte unziemliche Reden, ohne doch sichtbar zu sein, warf Türen auf und zu, trommelte und pfiff, rasselte und prasselte, wisperte und flüsterte und machte dem Ratswirt, einem Witwer, himmelangst mit seinem Höllenspuk. Als es Tag war, sandte der Wirt nach dem Ratsbeisitzer und nach dem Pfarrer von Schenkenzell und nach dem von Schiltach, die beschwuren den unsaubern Geist, aber der tat ihnen allerhand Gröbungen an, warf ihnen Unsittlichkeiten vor und schwur, dem Schultheißen das Haus überm Kopf anzubrennen. Das ganze Städtlein lief zusammen und hörte das Teufelsgeplärre mit an, das in allerlei Gassenhauern und Schlumperliedlein bestand. Auch in der Nacht gab der Teufel keine Ruhe und keinen Frieden, er stellte sich auf das Hochhaus (den Söller) und pfiff und trommelte alle Märsche und Trommelstücklein bis an den hellen Morgen und aber den ganzen Tag und erklärte, des Wirts Magd sei seine liebste Buhle. War sonst für ein ehrlichs Mensch erachtet worden, da hieß sie der Wirt aufpacken und aus dem Hause ziehen, und da ging die Maid zornig und mit Heulen und Schreien aus Schiltach und den Berg hinan, den Fußpfad gen Hinter-Aichhalden entlang; und man sähe droben bei ihr einen langen schwarzen Mann stehen, und darauf war es stille, der Spuk hörte auf. Die Magd war über Aichhalden und Waldmößingen nach Oberndorf gegangen, allwo ihre Heimat war. Wer war froher als der Wirt. Er dachte schon, das Häslein hätte ihn geleckt, aber nach vierzehn Tagen, am Gründonnerstag, ging im eigentlichsten Sinn der Teufel wieder los und musizierte greulich, und als viel Volk sich sammelte, auch aus Nachbarorten, schrie der Teufel, immer unsichtbar, diesem zu, es solle sich von dannen heben, denn das Nest müsse in Grund und Boden verbrennen. Und da sahe man droben auf dem Schloßberge wieder den schwarzen Mann und drei Weiber bei ihm, und plötzlich brannte des Wirts Heuboden hellerlichterloh, und das Feuer flog von Dach zu Dache wie ein Drache und zündete allenden an, und binnen einer Stunde lagen das Rathaus und des Örtchens sechsundzwanzig beste Häuser in Asche. Nach dem Brande zog man die verwiesene Maid ein, und diese mußte bekennen, daß sie des Teufels Buhle sei, daß sie auf dem Dache auf sein Geheiß einen Kessel umgekehrt und umgeschüttet, auf welches Bekenntnis sie lebendig verbrannt wurde. An das neuerbaute Rathaus aber ward ein Denkstein angebracht mit der Schrift: IV Idus Aprilis conflagravit Oppidum Diabolus MDXXXIII . *   902. Sibyllenhöhle Am Burgberge des alten Schlosses Teck, welches ein Stammsitz war der alten württembergischen Herrscher, findet sich eine Felshöhle, welche die Leute das Sibyllenloch nennen und sagen, daß vorzeiten eine der alten berühmten Sibyllen ihre Wohnung darin gehabt und geweissagt habe. Auch soll in der Höhle ein großer Schatz ruhen und von einem schwarzen Hunde bewacht werden, gerade wie dort bei Eisenach in der verfluchten Jungferhöhle. Nicht selten nennt die Sage geisterhafte Baum- und Höhlenbewohnerinnen Sibyllen, wie die zu Eisersdorf bei Glatz, und läßt sie weissagen, jedenfalls ein Nachhall alrunischer Zauberfrauen aus grauer Vorzeit und erst durch die Sibyllenbücher entstanden. Den Schatz in der Sibyllenhöhle am Berge Teck wollten im Schmalkaldischen Kriege einige spanische Soldaten heben, die davon gehört, und waren diese Soldaten insgemein große Schatzfreunde. Sie bekamen aber für ihre Mühe einen sehr schlechten Lohn, berichtet treuherzig die alte Überlieferung, verschweigt aber, worin außer zerfetzten Kleidern und blauen Flecken selbiger Lohn bestanden. – Die Sibyllenhöhle soll bis herab nach Owen sich erstrecken und hinein in das Erbbegräbnis der alten Herzoge von Teck. Eine zweite Höhle an der Teck (die Teck heißt der Berg) von weniger altertümlichem und poetischem Rufe ist das Frena Bruklins-Loch, darin auch vorzeiten eine Frau gewohnt haben soll, und zwar mit zwei Kindern, lange Zeit. – Man zeigt auch noch die Wagenspur der Sibylle und nennt diese Sibyllenfahrt; alles Feld, darüber sie fuhr, bleibt vierzehn Tage länger grün als das übrige Land. *   903. Meister Sürlin Im Chor der Klosterkirche zu Blaubeuren ist gar ein wundersames und übervortreffliches Schnitzwerk des Ulmer Künstlers Meister Georg Sürlin zu erschauen. Die Sage geht, als der kunstvolle Meister das herrliche Werk vollbracht, so fragten ihn die Mönche, ob er sich wohl getraue, nochmals einen so schönen Altar, oder noch einen schönern, zu vollbringen, und da nun der Meister, seiner Kunst sich bewußt, in Hoffnung auf neue Arbeit und Verdienst ja sagte, da taten sie ihm wie die treulosen Straßburger dem Meister Habrecht, sie stachen dem Künstler die Augen aus und behielten ihn im Kloster. Da schnitzte er heimlich in einem Chorgestühle das eigene Bild, ein trauervoll gebücktes Männlein, und das Bild sagte den spätern Zeiten auf geheime Weise der schändlichen Mönche Untat an. An der Wand bei der Sakristeitüre ist's noch zu sehen. *   904. Wirt am Berg Wundersam erzählt die Sage den Ursprung des hohen königlichen Hauses Württemberg. Wie der alte Barbarossa nahe dem Kyffhäuser seine Rothenburg hatte, deren Trümmer noch steht, so war auch im Lande Schwaben ein Rothenberg, und in dessen Nähe hielt der Kaiser Hofhalt mit seiner Prinzessin und seinen Wappnern. Da geschah es, daß die Prinzessin einen Dienstmann liebgewann und er sie entführte, und harreten verborgen, bis der Kaiser hinweggezogen war, dann baueten sie sich an am Berge, wie jener Grafensohn im Lahngau, der mit einer nicht ebenbürtigen Maid eine Mißheirat eingegangen war, und wirtschafteten am Bergesfuß, und der Kaiser konnte nimmer erfahren, wohin sein Kind gekommen. Da er nun nach Jahr und Tag wieder in selbe Gegend kam, kehrte er ein bei dem Wirt am Berge, und der Tochter bebte das Herz, doch hielt sie sich unerkannt, bereitete aber des Kaisers Lieblingsspeise, die er so lange entbehrt, und die niemand weiter gerade so zu bereiten verstand wie sie. Da ward es dem Rotbart weh ums Herz, und gedachte mit neuem Schmerz der entschwundenen Tochter und meinte, sie müsse da sein, nur sie könne das Essen also bereitet haben, und rief aus: Ach, wo ist denn meine liebe Tochter? – Da sind ihm die Übeltäter aus Liebe flehend zu Füßen gefallen, daß er ihnen verzeihe, und ging es gerade wie bei Karl dem Großen und Eginhard und Emma, von denen ganz dieselbe Sage geht: der Kaiser war froh, daß er die Tochter am Leben fand, und verzieh. Schenkte dann seinem Schwiegersohn den ganzen Rothenberg, erhob ihn zu einem hohen Grafen, doch solle er den Namen Wirt am Berg fortführen. Da erbaute der Wirt am Berg auf den Berggipfel hinauf eine stattliche Feste und ward der Urheber des württembergischen Stammes. *   905. Der Graf von Calw Es war ein Graf im Schwabenlande, der hieß Diepold von Calw, und brach Kaiser Konrads Landfrieden, auf welcher Tat die Todesstrafe stand. Darum entwich der Graf in den Schwarzwald und barg sich mit den Seinen in einem Mühlhaus an der Nagold, nicht allzufern vom Kloster Hirsau, welches Helizena, eine reiche fromme Witwe desselben Geschlechtes, schon im Jahre des Herrn 645 zuerst gestiftet hatte, und zwar nach göttlicher Eingebung auf einem blachen Feld, darauf drei Fichten auf einem starken Stamme entsprossen waren. Darnach, als Helizena verstorben war, erbaute wieder eine Edle des Geschlechtes von Calw, die Erlafried geheißen war, dem Kloster eine schöne Kirche. Nun geschah es, daß der Kaiser in die Gegend und in das Tal der Nagold kam, allda zu jagen, gerade zu einer Zeit, als des Grafen von Calw Gemahel damit umging, eines Kindleins zu genesen. Da er aber den Kaiser ganz nahe sah, fürchtete er sich sehr, verließ die Kreißende und entging, während der Kaiser in die Mühle trat und in ihr rastete. Und während die Frau noch in Wehen zubrachte und endlich eines Söhnleins genas, hörte der Kaiser eine Stimme nicht einmal, sondern dreimal rufen: Dieses Kind wird dein Tochtermann und Erbe! – Dem Kaiser dünkte diese Prophezeiung keine schöne zu sein, und meinte, seine Tochter, so er eine übrig hätte, wäre nicht für so einen kleinen Klapperburschen, und hieß zwei Diener der Mutter das Knäblein wegnehmen, es ertöten und ihm dessen Herzlein bringen. Nun nahmen zwar die Diener der verlassenen Mutter ihr Kind, aber sie vermochten's nicht zu töten, sondern legten es auf einen Baumzwiesel, fingen einen Hasen und brachten dessen Herz ihrem grausamen Herrn. Das ausgesetzte Knäblein wurde durch Gottes Lenkung von einem auf die Jagd reitenden Schwabenherzog gefunden und mit heimgebracht, und mußte seine kinderlose Gemahlin zum Schein tun, als habe sie diesen Neugebornen zur Welt gebracht, und der Herzog nannte ihn Heinrich und nahm ihn im stillen mit seiner Gemahlin zum Sohn an, damit sein Gut und Erbe nicht an die lachenden Erben falle. Darauf verging eine gute Reihe von Jahren, nach deren Ablauf einmal der Kaiser gen Ravensburg kam, wo jener Herzog wohnte, dem gefiel der angebliche Herzogsohn gar wohl, so daß er ihn mit an sein Hoflager nahm. Aber nach einer Weile kam ihm doch böser Verdacht in den Sinn; er rechnete nach, gedachte der früheren steten Unfruchtbarkeit der Gräfin von Calw und diftelte endlich heraus, daß dieser Jüngling kein anderer sei als der, welcher nach jenem prophetischen Zuruf sein Eidam werden sollte; gedachte deshalb abermals daran, den Jüngling aus dem Wege zu räumen, schrieb einen Brief an die Kaiserin, die zu Aachen wohnte, und schrieb hinein: By dime leben gib deme jungen den tod. Mit diesem Uriasbrief wurde der Jüngling nun entsendet, der war der weiten Reise froh und freute sich darauf, die Kaiserin und ihre Töchter zu sehen, von welchen der Ruf ihrer Schönheit durch alle Lande ging. Da dieser Briefbote nach Speier kam, kehrte er bei einem Priester ein, den er kannte, und übergab ihm für die Nacht, da er bei ihm herbergen wollte, seine Tasche und den Brief darin zur Verwahrung. Der Priester aber mochte gar zu gern wissen, was in dem Briefe stehe, und endlich ließ ihm die Neugier keine Ruhe mehr, er nahm ihn und öffnete ihn und las ihn, denn in jener Zeit waren fast ausschließlich die Pfaffen allein Schreiber der Briefe und wußten mit deren Öffnen und Schließen gut umzugehen. Da las er mit Grausen den Befehl, und es dauerte ihn der Jüngling, nahm alsbald ein feines Messerlein und ein Schreibrohr und schnitt sich selbiges frisch und recht spitz und schabte am D im Worte Tod und änderte ganz leichtlich den in dine und tod in tochter, und nun lautete die Zeile: By dime leben gib deme jungen dine tochter. Die Kaiserin verwunderte sich zwar, doch war sie ein gehorsam Weib und galt auch gegen ihres Herrn Gebot gar kein Wenn und Aber, welches im jetzigen Weibersinn damals noch nicht erdacht war, und legte dem Junker die Tochter bei, das waren die beiden letzten gar wohl zufrieden. Aber der Kaiser ward sehr zornig, da er die Mär erfuhr, half ihm indessen nichts, geschehen war geschehen, und als sich nun vollends allgemach offenbarte, wer sein Eidam sei, so sprach er: Wie Gott will, ich halte still! – und machte seinen Schwiegersohn zum Herzog von Alemannien. Da kam auch der alte Graf von Calw zurück und wurde wieder zu Gnaden angenommen und brachte sein Geschlecht zu hohen Ehren. *   906. Der Falkensteiner Im Kinzigtale saß ein Ritter, Kuno von Stein geheißen, der zog in das Heilige Land, doch mit dem Vorsatz, binnen Jahresfrist wieder daheim zu sein, und sagte das seiner Frauen, indem er hinzusetzte, so er nicht nach eines Jahres Ablauf wieder daheim sei, solle sie seiner auch ferner nicht harren. War es ihm ernst mit dieser Rede, so machte er von vornherein die Rechnung ohne den Wirt, denn so schnell ließ sich damals nicht nach Palästina fahren und wiederkehren. Zu allem Unglück wurde der biedre Ritter auch noch von den Sarazenen gefangen und mußte im Pfluge ziehen, wie der Mann der getreuen Frau Florentina. Da erging es ihm wie dem edlen Möringer, er hörte eine Stimme – nur daß es keine Engelstimme war –, die ihm zuflüsterte, seine Frau gehe damit um, einen andern Mann zu nehmen, und das war ihm sehr störend. Da trat ein kleines Männlein zu ihm in sein Schlafgemach und bot ihm an, ihn gen Schwaben zu führen, wie Herzog Heinrich der Löwe gen Braunschweig sei geführt worden, nämlich auf einem Löwen, und zwar ohn allen Entgelt, so er nur auf der Reise und auf des Löwen Rücken nicht einschlafe. Da nun kein andrer Weg vorhanden war, der rascher heimwärtsführte, als der dargebotene, so schloß der Ritter von Stein einen Pakt mit dem Männlein und gab es ihm schriftlich und mit seinem Blut geschrieben, daß er nur für den Fall des Männleins mit Leib und Seele sein solle und wolle, wenn er einschlafe. Nun ging der Löwenritt durch die Luft vonstatten und war nicht kurz, und der Schlaf kam dem Ritter mächtig an und drückte ihm auf den Augenlidern mit bleiernen Flügeln. Schon war er am Einnicken, da bekam er etwas in sein Gesicht wie eine Watsche – es war aber nur der Schlag des Flügels eines weißen Falken, der über ihm flog und ihn ermunterte, und dieses tat der Falke so oft, als der Ritter dem Andrang des Schlafes nicht mehr widerstehen konnte, bis der Morgen graute und der Ritter seinen Stein erblickte und bald darauf im Burghofe die Hähne krähten. Da krachte ein Donnerschlag, und der Löwe warf im Hof den Ritter ab und verschwand mit einem Brüll, und des Ritters Pakt flatterte zerrissen aus der Luft in seine Hand. Auf der höchsten Turmzinne aber saß der weiße Falke und kreischte und breitete sein Geflügel dem Sonnenaufgang entgegen. Da rief der Ritter zum Falken Dank hinauf und setzte dessen Bild hernachmals in sein Wappenschild und nannte sich nicht mehr einen Herrn von Stein, sondern einen Herrn von Falkenstein. Ob er zur Hochzeit seiner Frau mit einem andern noch gerade recht gekommen, sie zu verhindern, und ob bei ihr große Freude darob gewesen oder nicht, davon meldet die Sage nichts Gewisses. *   907. Riese Einheer Im Schwabenlande lebte zu Karl des Großen Zeiten ein gewaltiger Heune, der diente dem Kaiser zu Roß und war bürtig aus dem Thurgau am Bodensee, der jetzt zum Schweizerland gerechnet wird. Selbiger Riese war von so gewaltiger Leibesgestalt, daß er nicht braucht' über eine Brücke zu gehen, sondern watete durch das Wasser und zog sein Pferd am Schwanze nach sich, und wenn es nicht folgen wollte, so sprach er: Sperre dich nicht, Gesell, du mußt auch hernach! – Da nun Karolus zu fechten kam gegen die Winden und Hunnen, so nahm er seinen Riesen Einheer mit, der auch Einotheer genannt ward und also mannlich war, daß er allein ein ganzes Heer ersetzte, daher auch sein Name, und der Einheer mähete die Feinde nieder wie Gras und hing sie nacheinander am Spieß auf wie Hasen und Füchse, oder wie der Wode die Wichteln. Da er nun damit heim oder wieder ins Lager kam, war groß Wunderns darüber, er aber sagte: Was sollen mir diese Frösche, weiß nicht, was sie quaken, lohnt nicht der Mühe, gegen solch Gewürm Krieg zu führen; ich hange ihrer wohl je ein Dutzend auf einmal an meinen Spieß. – Die Hünen und Winden flohen, wenn sie nur den Riesen Einheer von weitem sahen; vermeinten, es sei der leibhafte helle Teufel. *   908. Frau Wendilgard Zu Buchhorn am Bodensee saß vorzeiten ein Graf und Herr im Linzgau, Udalrich geheißen, der war ein Nachkömmling von Karl dem Großen und heiratete eine Enkelin Heinrichs des Finklers, das war eine geborne Gräfin von Eberstein. Da geschahen die verderblichen Einfälle der Hunnen, gegen die zu streiten hochnotwendig war. So zog auch Graf Udalrich mit gegen die Hunnen zu Felde und kam nicht wieder, und da seine Hausfrau Wendilgard ihn vergebens erwartete und nicht Neigung zeigte, wie Kaiser Karls Gemahel und Heinrichs des Löwen und des edlen Möringers und des Herrn von Falkenstein und andere, wiederum mit einem andern Manne sich zu verbinden, so ging sie in ein Kloster, darin sie das Gelübde einsamen Lebens ablegte, andächtig Gott diente und selbiges Kloster alle Jahre nur einmal verließ, um an dem Tage, an welchem ihr Gemahl sich von ihr geschieden, in Buchhorn das Jahrgedächtnis desselben mit Messelesen, Buße und Beten und Almosenausteilen zu begehen. Da war sie stetig von hungernden und lungernden Armen nicht minder umdrängt wie die heilige Elisabeth, und einstmals war auch ein recht alter Betbruder darunter, von der Sorte, wie es schien, welche die Hand nimmt, wenn man ihr einen Finger reicht, ja noch schlimmer, denn Frau Wendilgard reichte dem Alten gar keinen Finger, und dennoch nahm er ihre ganze Hand und drückte sie herzhaft, und da er einmal die Hand gedrückt, so schlang er auch den Arm um die fromme Wendilgard und drückte sie fest an sich. Darauf schriee die fromme Frau Wendilgard was weniges und wollte solch zudringliches Umfaßen nicht leiden, und die um sie waren, schrieen auch und wollten's auch nicht leiden, der Alte aber, da er einmal im Drücken war, wollte auch herzen, denn die Rede geht vom Herzen und Drücken als etwas Gleichzeitigem, und da küßte der Alte die Frau Wendilgard, die auch keine Junge mehr war, mitten auf ihren Mund. Da entstand großes Erschrecken und Ungunst, und das Ingesinde der Gräfin wollte dem Alten die Zärtlichkeit mit Fäusten eintränken und ihm die ungefüge Minne versalzen, aber er erwehrte sich aller und rief lachend: Schlagt mich nur nicht, ich bin geschlagen worden genug, daß ich euch allen, wie ich wohl sehe, unkenntlich worden bin. Ich bin ja Udalrich, euer Herr und Gebieter! – Da war die Freude groß, am meisten bei Frau Wendilgard, und sie tät eiligst das Gelübde einsamen Lebens von sich, und der Bischof Salomo von Konstanz sprach sie dessen los und ledig, wodurch er als ein wahrer Salomo handelte, segnete dann auch gleich den neuen Hochzeitbund mit dem wieder heimgekehrten Gemahl ein, und war allenthalben Freude die Fülle und fröhliches Wesen. *   909. Sankt Meinrad Zu Kaiser Karl des Großen Gezeiten war im Sülichgau ein Graf des Namens Berthold, der versorgete seine Kinder in Klöster, und wie er sonst konnte und mochte. Da ward ihm auch ein Söhnlein, das ward Meginhard oder Meinrad genannt, das taten die Eltern frühzeitig auf die Insel Reichenau im Bodensee zum Abt Hatto. Später aber entwich Meinrad in eine öde Wildnis, in eine Einöde auf dem Etzelberg, erbaute allda eine Siedelei und diente Gott darin mit Gebet und Fasten sieben Jahre. Da nun, vom Rufe seiner übergroßen Frömmigkeit angezogen, viele Menschen ihn aufsuchten, so hob er sich von dannen und zog in einen noch finstrern Wald und nahm nichts mit sich als einige heilige Bücher, erbaute ein Kapellchen und lebte darin gottseliglich. Schon war der heilige Mann sechsundzwanzig Jahre in dieser Einsiedelei verblieben, nicht ohne mancherlei Versuchung und Anfechtung vom Teufel, da bewegte der böse Feind zwei gottlose Räuber, daß sie, indem sie Schätze bei dem heiligen Mann zu finden verhofften, ihn aufsuchten, in der Absicht, ihn zu ermorden und zu berauben. Freundlich empfing der fromme Meinrad die Männer, aber zwei junge Raben, die er aufgezogen, schrieen sehr und flogen den Mördern nach den Gesichtern. Meinrad war aber schon durch ein göttliches Gesicht offenbaret, daß er von diesen Mördern sterben müsse. Und es geschahe der grause Mord unter Wunderzeichen, denn als sich des Heiligen Sinn verdunkelte, rief er flehend nach Licht, und plötzlich umfloß eine von edlem Ruch durchduftete Helle Zelle und Wald. Entsetzt entflohen die Mörder, als der fromme Meinrad seine Seele ausgehaucht und seine Raben noch zu Zeugen dieser Untat aufgerufen hatte, und siehe, die Raben folgten ihnen mit Gekreisch und schossen ihnen stets auf die Häupter. Und da die Mörder gen Wolrow kamen, sahe die Raben ein Zimmermann, der sie kannte, denn er hatte Meinrad die Zelle gezimmert, und der Heilige war sein Gevatter, der schöpfte Verdacht, hieß seinen Bruder den Mördern folgen und eilte nach der Einsiedelei. Da schmeckte er den süßen Ruch im ganzen Walde und fand die entseelte Leiche und neben ihr brennende Kerzen, von Engelhand entzündet. Und darauf ist die ganze Untat an den Tag gekommen, und die Raben wichen nicht von den Mördern und nicht von ihrer Richtstatt, bis sie gerädert waren, und dann verbrannt, und dann ihre Asche in das Wasser geschüttet, wie die des Paukers von Niklashausen. Das alles ist geschehen im Jahre 863 nach Christi Geburt, und wurde des heiligen Mannes Eingeweid auf dem Etzel begraben, sein Leichnam aber in dem Gotteshaus Einsiedeln, das sich am Ort von Sankt Meinrads Kapelle erhob und zu hohem Ruhm emporwuchs, und geschahen alldort große Wunder. *   910. Kindersegen Wie fast in jedem deutschen Lande, vom Norden zum Süden und bis in den letzten Winkel hinterm Watzmann, wo Deutschland ein Ende hat und in Österreich aufgeht – früher war es all eins, da war bessere Zeit –, so hat auch Schwaben seine Sagen vom Kindersegen in etwas übergroßer und den Gesegneten unlieber Zahl. Bei Mühlhausen im Oberamt Spaichingen quillt noch heute ein Kindlestalbrunnen, in welchem eine Magd sechs von ihrer Herrin auf einmal nebst einem siebenten geborenen Knäblein ersäufen sollte, nachdem letztere eine Zeit vorher von einer Bettlerin zu solcher Siebengeburt ob harter und höhnischer Behandlung verwünscht worden war. Da nun der Ritter wie jedesmal bei dieser so hundertfach wiederholenden Sage dazukam, die Tat hinderte und die Mutter zürnend fragte: Was soll man einer Mutter tun, die ihre Kindlein will versaufen lassen? und sie antwortete: Die ist wert, daß man sie lebendig in Öl versiede! – so ließ er solch selbstgesprochenes Urteil auch an ihr ohne Verzug vollziehen. Geradeso erging es einer Ritterfrau auf Burg Wildeck zwischen Schömberg und Rottweil, allwo die alten Trümmer der Burg noch stehen, nur nicht alsbald, sondern erst nachdem die Knäblein erwachsen waren. Bei diesen beiden Frauen, die in Öl versotten wurden, waren der Knäblein sieben, bei einer Gräfin von Altdorf im Schussentale aber waren ihrer zwölf, wie bei der Frau Irmentritt im Pinzgau, beider Männer hießen auch Isenbart, und da trug sich denn auch wieder alles genau so zu wie immer, und die Besitzer einer Mühle an der Scherzach, Mann und Frau, zogen die vom Wassertod, dem gewöhnlichen Tod junger Hündlein, geretteten Knäblein auf. Ob nun schon auch hier die Gräfin sich zur Strafe des In-Öl-Versiedens selbst verurteilte, so soll sie doch Gnade erlangt haben durch ihre bittre Reue. Am Altdorfer Rathause ist noch ein Bild zu ersehen, das die Knaben und ihre Erzieher darstellt. *   911. Der alte Zoller Der alte Zoller – so heißt im Volke die weitberühmte Stammburg des Geschlechtes der Hohenzollern, deren Stamm zu Preußens Königseiche erwuchs im Lauf der Jahrhunderte – eine feste Burg auf gewaltigem Felsengrunde aufgetürmt. Das mannliche Geschlecht, das diesen hohen Ahnensitz gründete, ragt weit hinauf in der Zeiten Frühe, und je weiter es hinaufragte, um so höher hinauf führten es die Sagen und der früheren Geschichtschreiber schmeichelnde Phantasei. Vom König Pharamund, vom welschen Hause Colonna und dessen Schloß Zagarolo, vom Grafen Isenbart von Altdorf, an den und dessen Gemahlin die so häufig wiederholende Welfensage sich ebenfalls knüpft, und von noch andern ward des hohen Stammes Ursprung abgeleitet, unter denen auch der berühmte Bayerherzog Thassilo genannt wird. Der erste erweisliche Graf von Zolre hieß Burchard und starb 1061. Dessen Urenkel war Friedrich I., Burggraf von Nürnberg im Jahre 1192, und dieser ist der unumstößliche Ahnherr aller Burggrafen von Nürnberg, Markgrafen und Kurfürsten von Brandenburg, Kurfürsten und Könige von Preußen. Friedrichs I. Bruder, auch Burchard geheißen, ward der Fürsten von Hohenzollern Ahnherr. Einer seiner Nachkommen, Friedrich VII., zubenamt der Ottinger, war Rat eines Grafen Eberhards von Württemberg, da dieser aber starb, vertrug er sich nicht mit dessen Witwe und tat ihr einige Trübungen an. Da sie nun heftig widerschalt, warf er die Frage hin: Kann mich wohl ein giftig Weib verschlingen? – Da schrie die Gräfin voller Zorn: Hab acht, ob ich nicht all dein Gut, dein Schloß und dein Leben verschlinge! – und sann von dem Augenblick an auf nichts, als den Zoller zu schädigen und zu verderben. Da er mit den Reichsstädten in Fehde kam und hart belagert war, kam die Gräfin von Württemberg seinen Feinden zu Hülfe mit zweitausend Streitern, die umlagerten ihn fest und fester, und schnitten ihm alle Zufuhr ab, und verzehrten ihm all sein Gut, und die von Ulm brachen sein Schloß, und die Württemberger nahmen ihn gefangen, und die Gräfin ließ ihn in einen finstern Turm werfen, und so hatte sie sein Leben täglich und stündlich in ihrer Hand. Sie nahm es ihm nicht, wohl aber nahm ihr der Tod das ihrige, und der Graf ward frei und tat eine Bußfahrt ins gelobte Land und jubelte, daß sie sein Leben doch nicht verschlungen habe, aber wie er den Strand von Joppe küßte, da ward ihm weh in der Brust und im Herzen, und die Kerkerschauer, die er so lange ertragen, erwachten mit aller Macht und schlugen ihn mit dunkeln Fittichen – und da erseufzete der alte Zoller: So hat sie doch auch mich verschlungen – und sank in seiner Knappen Arm und verstarb. *   912. Der Jäger des Zollern Einer von den alten Hohenzollerngrafen, Friedrich, zubenamt der Schwarze, hatte einen Jäger, das war kein Guter, sann vielmehr auf böse Künste und Teufelsstücklein und hatte Lust, viel lieber dem Volant zu dienen als seinem frommen Herrn, gerade wie jener Jäger des Herrn von Wangenheim, der sich zum Elbel wünschte, oder jener frevelhafte Freischütz im Dithmarschenlande. Da ließ der Jäger des Grafen von Hohenzollern sich auch von einem fremden grünen Weidmann, der ihm mitten im Walde auf einem Kreuzweg aufstieß, betören, einen gottlosen Schuß zu tun, um mit selbigem dann in den Besitz aller möglichen höllischen Weidmannskünste zu gelangen. Da stand bei der alten Heiligkreuzkapelle ohnsern Hechingen ein Bildstock mit einem Kruzifix, und danach zielte der Jäger mit seiner Armbrust und wollte drei Bolze hineinschießen; wenn ihm das gelang, so gesegnete ihm der böse Feind und Nachtjäger seinen Pfeil allezeit, daß jeder Schuß traf. Und da zielte er gut und traf das Herrgottsbild am Kreuz recht in die Seite, wohin des Kriegshauptmanns Speer auch getroffen. Und da drangen Blutstropfen neben der Spitze des Bolzen heraus, die im Bilde stak. Darauf tat der Jäger den zweiten Schuß und traf abermals, und zwar auf des Bildes Herzblatt, und es sprang ein Blutstrahl aus dem Bilde. Und da legte er zum dritten kecklich den Bolz auf und zielte nach dem Haupt voll Blut und Wunden. Indem so sank der Frevler bis zum halben Leib in den Boden ein, wie die Tänzer zu Kolbeck, und die Erde hielt den gottlosen Jäger eisern fest. So ward er gefunden und ihm alsobald kurzer Prozeß gemacht, so daß man ihn nicht, wie er ging und stand, sondern eben nur, wie er stand, um die Länge seines Hauptes kürzer machte. Solches hat sich im Jahre 1390 begeben, und man hat hernachmals die Geschichte in der Kapelle zum Heiligkreuz bildlich dargestellt und auch das durch die Pfeile verletzte Christusbild aufbewahrt. *   913. Der ewige Jäger in Schwaben Fast mehr als in Flandern, in Dithmarschen-, im Harz-, Thüringer- und im Vogtlande sind Sagen vom ewigen und wilden Jäger im Schwabenlande heimisch und umgehend, und erscheint dieser Nachtspuk unter allerlei Gestaltung und Namen an überaus vielen Orten. Häufig wird er erblickt mit einem Hammer, damit er die Bäume zeichnet, wie zum Abposten oder Durchforsten; der Schlag seines Hammers gibt hellen seltsamen Schall. An vielen Orten wird das gleiche erzählt, was die Sagen von in die Sonne schießenden Jägern melden, daß nämlich der ewige Jäger auch in des Teufels Namen in die Sonne geschossen, aber nicht am Sonnenwendetag, sondern in der Christnacht und am Karfreitag, Freikugeln damit zu erlangen, und so einer soll nahe bei Freudenstadt gelebt haben, der nun für seinen Frevel zu ewiger Nachtjagd verdammt ist. Ebenso im Buchwald bei Neuenburg, im wilden Gaistale, nach Herrenalb zu, und im Enztale auf dem Berge Heiminhart und zwischen Wildbad und Dobel, da hört man ihn Hetzen und die Hunde, die ihm bellend vorauslaufen, anrufen. Auf dem genannten Dobel wohnte einer, der hieß Neck, wie sonst die Wassermänner heißen, der erschoß viele Wilddiebe und hatte daran seine große Freude; einmal erschoß er fünf auf einen Strich, und noch dazu an einem Sonntag, wo jene sich ein apartes Vergnügen im Walde machten. Da wünschten ihm die Sterbenden das ewige Leben, und einer, der auch Freikugeln hatte, schoß ihn mitten durch das Herz. Seitdem reitet er auf einem Hirschen durch die Forste, und bellende weiße Hündlein begleiten ihn. Auch bei Pfalzgrafenweiler zeigt er sich zuzeiten und schreit die Hunde an: Hu dock dock dock! Hu dock dock dock! – Sie nennen den ewigen Jäger in der Nähe von Wurmlingen auch Riesenjäger, nicht weil er die Riesen jagt, sondern weil er eine Riesengestalt ist; bei Sigmaringen heißt er Ruprecht, wie jener Pfarrer, der die Tänzer von Kolbeck bannte, und bei Kolbingen nennen sie ihn Hans, vermutlich darum, weil so mancher Hans – denkt, er wäre auch ein Jäger. Viele meinen, der ewige Jäger und der ewige Jude wäre einerlei, weil nach mancher Meinung auch der ewige Jäger, gleich jenem, um die ganze Welt laufen muß. Als einer einem alten Jüdchen das vorhielt und fragte, was es von der Sage halte, lächelte selbiges ironisch und antwortete: Nu, worum nit? Mer jagen aach. *   914. Vom Buchjäger Wenn im Norden und auch im mittlern Deutschland vom wilden Jäger die Rede ist, wird immer nur einer verstanden, in Schwaben aber da ist diese Sorte haufenweise zu Hause, welche Abwandlungen der Sage aber eben deshalb wichtig sind. Im Buchwald bei Dornhan jagt ein ewiger oder wilder Jäger unter dem Namen des Buchjägers über Anger und Wiesen, und da er gerade einmal über den Schindanger ritt und seine fünf Hündlein, die ihn stetig begleiten, anschriee: Hu deck deck deck! Hu deck deck deck! – war eine Frau zu Dornhan vorwitzig und schrie zum Fenster laut und nachäffend heraus: Hu Dreck, Dreck, Dreck! Hu Dreck, Dreck, Dreck! – Plautsch! hatte sie einen Wurf auf die Nase, einen frischen Pferdeschinken, nur etwa vierzehn Tage alt, der ihr die letzten Zähne einschlug. Fast so ging es einem Manne aus Maulburg im Wiesentale, der schrie, als er das Huhu! des Buch- oder wilden Jägers über sich vernahm, auch huhu! huhu! mit aller Kraft, da flog ein Luderknochen herunter, und der Jäger schrie: Hascht mer helfe jage, Muescht au helfe nage! – Da hatte nun der Mann freilich nicht so viel Jagdanteil wie die genannte Frau oder jener gute Bauer aus Arnsgereuth, der auch seinen Jagdjauchzer tat, aber etwas hatte er doch davon, nämlich den Tod. Er tat nie wieder sein Maul auf, der arme Maulburger, und starb an der Zehrung. *   915. Die Schimmelreiter Ein guter Teil des Schwabenlandes ist voll von Sagen von den sogenannten Schimmelreitern, das sind eitel Kumpane des wilden Jägers, wie er denn selbst häufigst beliebt, einen Schimmel zu reiten. Die gespenstigen Schimmelreiter haben die Eigenheit, niemals, wie manchesmal andere Männer tun, ihren Kopf aufzusetzen, sondern sie reiten stetig chapeau-bas, den Hut unterm Arm, und im Hut steckt zugleich ihr Kopf, wie beim heiligen Dionysius. Auch die Schimmelreiter sind mit allerlei Namen begabt, und von jedem einzelnen wird dies und das erzählt. So war einer im Obernwald bei Wurmlingen, den nannten die Leute der Gegend nur den Junker Jäckele. Der hatte bei seinen Lebzeiten ein Schloß gehabt zu Poltringen, und nachher ist er ein spukender Polterjahn geworden, und hat zum Fenster h'rausgeschaut mit einem Tabakspfeifenkopf, so groß wie ein Blumentopf, und hat eitel Feuer herausgeplätzt. Er hat sechs Hunde, die sind je zwei zu zwei mit einer blanken Kette zusammengekoppelt, und ist immer ein Paar größer als das andere, denen schreit er oft zu: Hup hup, hup hup! – wie die Jäger im Walde rufen. Ein anderer solcher Gesell, der im Bebenhäuser Tale spukt, heißt der Bachreiter, weil er seinen Weg im Goldersbach hin nimmt und im Wasser patscht und tratscht. Sein Schimmel ist schneeweiß und hat blutrote Flecken. Bisweilen läßt sich der Bachreiter auch zu Fuße erblicken, dann hat der Schimmel Vakanz und geht auf eignen Huf spazieren und spuken. Wer Lust hat, kann es probieren und aufsitzen. – Wieder ein Schimmelreiter läßt sich zuzeiten in Betzingen bei Reutlingen sehen, der heißt der Unhalde-Geischt, wieder ein anderer bei Wankheim im Elsenwäldle ohnweit Tübingen; andre wurden gehört und gesehen bei der Nehrener Kelter, bei Eningen unter der Achalm, bei Pfullingen, unter der alten Burg bei Reutlingen, bei Jettenburg, bei Sulz, bei Hohenstaufen, bei Balingen, bei Nordstetten, kurz, wenn einmal das Oberhaupt dieser Gesellschaft recht ins Schallhorn stößt, so kann er eine ganze Schwadron Schimmelreiter zusammenblasen, die alle im Leben nicht viel nutz gewesen und alle ihre Köpfe unterm Arm tragen. *   916. Der Ranzenpuffer Ein Sippgeselle des ewigen und wilden Jägers, wie der gespenstige Schimmelreiter, ist der Ranzenpuffer, welcher sich an unterschiedlichen Orten sehen und hören läßt; auch er reitet einen Schimmel, wird oft schlechtweg Reiter genannt, hat auch sonst noch allerlei Namen, unter andern Brüller, weil er sich bisweilen in einen Ochsen verwandelt. Sein Hauptrevier ist auf dem Einsiedel bei Tübingen und dessen Umgebung und im Bärloch, wo er als Bär brüllt. Viele Tierverwandlungsgeschichten werden von ihm erzählt und Neckestreiche gegen Jäger und Holzleute, fast immer mit bösartigem Ausgang, doch übernahm er bisweilen für andere das Geschäft des Viehhütens. Ursprünglich und noch im Leben war der Ranzenpuffer ein Weidgesell auf dem Einsiedel, so eine Art Freischützkaspar mit Kartenspiel und Würfellust und was sonst zum ewigen Jägerleben hilft, wie der Bauernsohn bei Wynendael, und manchmal war er auch ein Schwein, wie das zuzeiten so kommen mag. – Zu einer Zeit hat sich solcher Spukbrüller als Ochs und Schwein fast allenden gezeigt, sonderlich im angrenzenden Lande Baden, denn die guten Schwaben müssen nicht alles allein haben wollen; und da zeigte er sich sehr gefährlich, insonderheit wenn er sich auf sein hohes Pferd setzte. Bald darauf aber ist der Brüller in die Schweiz ausgewandert, und die Lande haben Ruhe vor ihm bekommen. *   917. Der Weltsjäger In einigen Gegenden Schwabens wird der ewige Jäger das Weltschjägerle genannt, weil er um die ganze Welt herumjagen und -laufen muß. Seine Gestalt ist zumeist die eines kleinen verhutzelten Männleins in grüner Tracht, wie auch bisweilen der Teufel gedacht wird, der gar oft als grüner Jäger aus die Menschenseelenjagd ausgeht. Dies wird er auch nicht lange mehr tun, denn wenn er einmal in die Schweiz zu einem gewissen hochgelahrten Professor kommt und seine Seele holen will, da wird ihm der Professor aus der Naturgeschichte beweisen, daß er gar keine Seele hat, gerade wie der Kaschper im Puppenspiel vom Doktor Faust, und daß es keine Seelen gibt; da wird der Teufel einen schönen Zorn kriegen. Das Weltschjägerle muß deshalb ewiglich geisten, weil er immer am lieben Sonntag gejagt hat, und wenn das mancher Sonntagsjäger erfährt, so wird ihm angst und bange werden, andern Sonntagsjägern aber nicht, denn die können nie und niemals geisten, sie wissen nicht, wie sie das anfangen sollen. – Vorzeiten war einmal ein Graf von Württemberg, der ritt in den Wald zu jagen; schau, da rauscht's und braust's im Walde, der erst ganz still war, und auf einmal war das Weltschjägerle hart am Grafen dran, und der Graf war vom Roß gestiegen und stand auf eines Baumes Tolde und fragte: Willst du mich schädigen? – Nein, sprach der ruhelose Geist. Ich will dich nicht schädigen, bin selbst genug geschädiget. War vordem ein Herr wie du, ein Jagdfreund wie du, und verlobte mich ewiger Jagd, das gedieh mir leider zur Erfüllung, denn seit fünfhundert Jahren jage ich nun immer einen und denselben Hirsch. – Wes Geschlechtes bist oder wärest du? fragte der Graf. – Solches ist noch niemand offenbaret worden! erwiderte der Geist. – Zeige mir dein Angesicht, ob ich dich nicht erkenne! sprach der Graf. Da enthüllte das Weltschjägerle sein Angesicht, und war selbiges nur faustgroß, und das kaum, verrumpflet wie eine Rübe und verschrumpflet wie ein Schwamm – und es grausete dem Grafen. Der Geist ritt still hinweg, hinter seinem Hirsche drein, und der Graf ritt auch still hinweg und ritt nie wieder jagen. *   918. Wodesheer in Schwaben Wie der Wode zieht im Lauenburger und Mecklenburger Lande, also auch im Lande Schwaben, nur daß der Leute Mundart daselbst ihn etwas anders nennt, nämlich 's Wuotas, s' Wuotes, das Wutesheer, auch 's Muotas, Mutes, Mutesheer, der Begriff und die dunkle Erinnerung, der Nachhall vom Wuotan bleiben sich da wie dort gleich; doch gibt es auch hinwiederum in Schwaben Gegenden, wo selbes Heer nur das wilde Heer heißt, so um Weinsberg und in Blaubeuren, oder das wütig Heer, um Mössingen, welches Wort den Übergang und Umlaur vom Wode, Wute zum wütigen und dann wütenden Heer bildet, wie man es in andern deutschen Gauen nennt. In Pfullingen, bei Undingen und in Immenhausen gibt es Muotes Heergassen, durch die das Heer seinen Zug beständig nimmt, anderorts zeigt man bestimmte Häuser und Höfe, durch die es ziehe, wie z. B. in Baiersbronn im Murgtals und im Dorfe Thieringen, gerade wie beim Heereszug des Rodensteiners und wie zu Neubrunn. Das Wutesheer macht Musik, die erst schön, dann garstig klingt, wie die in der Gegend von Werdingen bei Augsburg. Im Wutesheer zieht alles, was zur Teufelssippschaft gehört, hübsch mit, der Teufel selbst und seine Großmutter, Trüben und Hexen. Wenn das Wetter recht stürmt, der Sturm alles zusammenfegt und die Schornsteine auf die Dächer prasseln, da sagen die Leute: Es tut wie's Wuotas. – Gleichwohl ist des Heeres häufiges Ziehen vielen eine gute Vorbedeutung, besonders wann es im Frühjahr recht zeitig zieht, da wird bald alles grün und wird ein fruchtbares Jahr. Es zieht aber auch im Advent und in den heiligen Nächten, in der Betzinger Gegend bloß im Herbst und Frühling, zur Zeit der Tag- und Nachtgleichen. Da reitet, wie beim Thüringer Heer der treue Eckart, ein Mann oder guter Geist, den sie den Ermahner nennen, voraus, der warnt die Leute und ruft: Außem Weg, außem Weg! – Alte Leute haben ausgesagt, die Jäger und Züglinge im Heer hätten Fischschwänze, und die Musik sei himmlisch, wie kein Mensch sie machen könnte – mythischer Nachklang der Sirenensagen. Des Heeres Eigenschaften sind wie die desselben im Vogtland, es begnadigt die Leute mit Umreißen, wirft Jagdanteile herab, die nicht bloß aus Schnepfen bestehen und nicht nach Bisam und Rosenöl riechen, und seine Hexen und Hexengenossen, die mitziehen, pflegen auch zu tanzen, so daß es Jagdzug und Hexenfahrt zugleich ist. Da geht es wüescht g'nug zu. Manchesmal hört man das Heer mit einem großen Wagen rasselnd und prasselnd fahren, welchen Schimmel ziehen – des Woden weiße Rosse. Wer es heranziehen hört, tut am besten, sich gleich aufs Gesicht niederzuwerfen. Wer es mit aller Gewalt sehen will, hat zu gewärtigen, daß ihm die Spältle und Guckfensterle, seine Augen nämlich, zugestrichen werden, das ist schon manchem widerfahren; oder es geht ihm wie dem Zöllner zu Heidenheim. Von der wilden Jagdfrau scheint man in vielen Teilen Schwabens wenig zu wissen; ein leiser Anklang an sie begegnet in Rothenburg und in Friedingen an der Donau, wo die Leute sagen: die Muoteheer, und sich unter dieser Weiblichkeit eine verwunschene Frau denken. Das wandelt sich sogar in die Muterheer ab in der Heidenheimer und Königsbronner Gegend. *   919. Die Farrensamenholer Die in Thüringen der Farn- oder Farrenkrautsame für magisch hülfreich, seine Gewinnung aber, wem sie nicht durch unversehenen Glücks- und Zufall wird wie dem Mann zu Berka an der Werra, für seelengefährlich gilt, so auch in Schwaben. Die Gewinnung ist immer nur durch Teufelsbeihülfe möglich, und es ist eine sehr schwere Sache damit. Nicht beten, in keine Kirche gehen, keinem Weihkessel nahen, auf Kreuzwege treten und die Erscheinungen Verstorbener festen Mutes anschauen, ihnen nicht Rede stehen, über Teufelsfratzen nicht lachen, sollten sie auch so lächerlich sein, wie die, als eine Hexe, die zum Wuodesheer zu spät kam, nackt auf den Kopf gestellt wurde und nun mit auf sie gesteckten Lichtern leuchten mußte – das sind die schweren Proben, die bei der Farrensamengewinnung bestanden werden müssen. Sind sie bestanden, so kommt der grüne Jäger, als welches kein anderer ist denn der Teufel, und bringt ein Tütchen voll Farnsamen, nicht so viel, als in eine Schachtel voll Schneeberger Schnupftabak geht, das trägt der Farrensamenholer dann stets bei sich. Nun schlägt ihm nichts fehl, jede Kugel, die der Jäger aus dem Rohre schießt, trifft; sein Gewehr schießt um eine Ecke herum. Des Handwerkers Arbeit fleckt, als hätte er zwanzig Gehülfen. Ein Holzhauer in Rothenburg am Neckar hatte die Proben bestanden, der machte jeden Tag fünfhundert Büschele Holz, das sollt' ihm einmal einer nachtun. Auch war daselbst vor vielen hundert Jahren einmal ein Leinewebergesell, der hatte auch Farnsamen gewonnen, lebte die ganze Woche in Saus und Braus, arbeitete aber am Sonntag, weil das Sabbatschänden auch zu den Bedingnissen der Teufelsbündner gehört, aber da webte er ungeheure Stücken, bis die Teufelsweberei zuletzt an Tag kam und es damit ein dreckig Ende gewann. Jeder Farnsamenholer kann selben Samen aber nur auf sein eigenes Gewerb oder Handwerk holen, darin gelingt ihm dann nach bestandenen Proben alles. Wenn aber die Bäuerlein, wie auch schon dagewesen, Jäger werden wollen und die Dorfschulmeisterlein Staatsräte und die Advokaten gar Regenten – das glückt nicht, und wenn sie noch so viel roten Farnsamen vom Teufel in Tüten erlangt hätten. *   920. Das Rockertweible Im Murgtale hinauf ist kaum vom ewigen Jäger die Rede, auch nicht vom Wutesheer, da lebt und webt vielmehr eine wilde Jägerin, aber doch nicht gleich der Frau Holla und Perchta. Sie heißt bloß das Rockertweible, vom Walde Rockert, der ihr Lieblingsaufenthalt ist. Das Weibleln wird geschildert als ein uraltes Fräle, in altmodischer, nicht gut gehaltener Tracht, die das viele Jagen durch Disteln und Dörner ihm zerschlitzt hat. Es trägt ein großes Schlüsselbund, hat immer mehrere Hunde bei sich, lockt sie wie der wilde Jäger die seinigen und geistet so umher. Das Rockertweible soll anfänglich eine Gräfin von Eberstein gewesen sein, welche sich dadurch in den Besitz eines guten Teiles vom Rockertwalde und dem Schwann, auch einem ausgedehnten Bergwald, setzte, daß sie ihr sehr angezweifeltes Anrecht daran mit dem Schwur besiegelte: So wahr mein Schöpfer über mir ist, so wahr stehe ich hier auf meinem eigenen Grund und Boden. Sie hatte aber von ihrer eignen Erde in ihre Schuhe getan und heimlich ihren Schöpfer – so nannte man dort den Eßlöffel – unter die Federn auf ihren schwarzen Samthut gesteckt. Selbigen Hut muß sie nun auch noch alsfort tragen. Manche sagen, sie erscheine nicht mehr, und könnte wohl sein, daß sie erlöst wäre. *   921. Venusberge Zu den Venusbergen in Thüringen, deren vornehmster der weitberufene Hörseelenberg ist, in welchem Frau Holle Hof hält, gesellt sich mit obschon leisem sagenhaften Anklang auch ein Venusberg in Schwaben bei Lorch im Remstale. Ist derselbe auch nur ein nicht hoher Hügel und führt den mythischen Namen, mehr als vielleicht der Hügel, nur ein Gehöft, so begegnet doch wundersam genug neben dem Venusberghof ein zweiter, der Hollenhof geheißen, nächstdem daß in der Nähe dortherum an einem Götzenbach eine Götzenmühle liegt. Ein zweiter Hof des Namens Venusberg liegt im schwäbischen Oberamte Waldsee zwischen Ober- und Unter-Essendorf, auf hoher Bergeshalde, mit einer berufenen heilkräftigen Felsquelle. Nahe dabei ist ein ausgehöhlter Fels von Mannesform, in den man sich passend einlegen kann, gleichwie in den Herrgottsstein an der Eger. Dürfte schwerlich das Lustlager der Frau Venus gewesen sein, wird aber als dienlich gegen Rückenschmerzen gepriesen, so einer deren hat und sich hineinlegt. Und wer keine hat, kann welche darin bekommen, kalt genug und hart genug ist der Stein dazu. *   922. Vom Urschelberg Über Pfullingen erhebt sich ein Berg, der Urschelberg genannt. Wie sein Name an den Hörseelenberg, vom Volke Hörschelberg gesprochen, in Thüringen erinnert, so hat er auch an einem Abhang, der das Hörnle heißt, gleich jenem, der unter seinem Eisenach zugestreckten Horn eine Höhle hat, das Hörselloch, ebenfalls eine solche, die bei den Umwohnern das Nachtfräuleinöloch genannt wird. Gleich der Frau Holle, der alten Spinnefrau im Hörseelenberge, wohnt die alte Urschel als Spinnerin im Urschelberge, und ist des Berges ganze Umgegend mit Sagen über sie erfüllt. Ein Teil dieser Sagen deutet darauf hin, daß die Urschel gleich andern wandernden Jungfrauen aus verwünschten oder versunkenen Schlössern – zwei Schlösser sollen auf dem Urschelberge versunken sein – auf Erlösung harre, die auf einer Eichel, deren Erwachsen zum Baume, auf das Fertigen einer Wiege aus diesem Baume und auf einem darin gewiegten Sonntagskinde beruht, der Hoffenden aber stets fehlgeschlagen, weil der erkorene Gesell, der sie durch ein aufgefundenes Pferdekumt sichtbar geschaut, nicht Mut genug gehabt, das Werk der Erlösung zu vollführen. Nach andern war es keine Eiche, sondern eine von der Urschel selbst gepflanzte Buche, aus welcher die Wiege gefertigt wurde, und noch immer soll eine solche Buche auf dem Urschelberge stehen und von ihr gehütet werden. Andernteils deuten die Urschelsagen rein auf sie als Spinnefrau. Wie die Berchta im Vogtlande ihr Gefolge hat von Heimchen, hat die Urschel eines von Nachtfräulein, nur nicht so zahlreich, meist nur auf die Dreizahl beschränkt. In deren Begleitung kam sie nach Pfullingen auf die Wiek, eine also genannte Häuserreihe, an welcher die Heergasse vorüberführt – leise Hindeutung auf die Urschel auch als wilde Jagdfrau – in die Lichtkarz und spannen albda sehr fleißig. Einst machte sich aber ein Bursche den Scherz, einem der Nachtfräulein den Faden abzubrechen, und wollte nach der üblichen Sitte, indem er den Rocken nahm, diesen mit einem Kuß ausgelöset haben – das nahmen die Urschel und die Nachtfräulein sehr übel, nahmen ihre Spindeln, gingen von bannen und kamen nie wieder in dieses Haus. Von dem Hause aber wich seitdem aller Segen. Sie besuchten dagegen bisweilen andere Häuser und spannen nicht allein für sich, sondern auch für die Frauen, die sie besuchten, und spannen deren Kunkeln ganz leer und alle Spindeln voll, und dert seinsten Faden, den es geben konnte, spannen sie, und wann sie gingen, sah man ihre schloßschleierweißen Kleider beim Schein ihres Laternchens bis nahe an das Nachtfräuleinsloch am Urschelberge leuchten. In Reutlingen heißen sie Bergfräulein, weil sie im Urschelberge wohnen, da sollen sie ihren Aus- und Eingang, wenn sie auch dorthin zum Spinnen kamen, mitten auf dem Markt gehabt haben. So ganz ledigen Standes müssen aber die Urschelbergerinnen doch nicht gelebt haben, denn es sind Sagen von in den Berg geholten Hebammen vorhanden, welche mit Strohhalmen belohnt wurden, von denen sich die in Goldstangen und Goldstücke verwandelten, die nicht verächtlich weggeworfen worden waren. *   923. Die Nachtfräulein Im Urschelberge haben kleine Fräulein gewohnt, die sind hinein verwunschen gewesen und sind als einmal herausgekommen zu guten Menschen. Es waren ihrer drei, und man nannte sie auch Nonnen, wobei wohl wegen der Dreizahl kaum an Nornen zu denken sein dürfte; sie kamen häufig nach Pfullingen zu einem armen Mann, brachten ihre Spindeln mit und spannen gar fleißig, doch nicht länger als elf Uhr. Sprechen taten sie gar nicht, denn das war ihnen verboten; für das Licht, das ihrethalb verbrannt wurde, zahlten sie eine kleine Gabe. Wenn man sie ja sprechen hörte, so war ihre Sprechweise kindisch. Gleich der Urschel liehen auch sie Getreide dar und jammerten, als das zurückerhaltene am Sonntage ausgedroschen war. Sie sprachen dabei von ihrem Vater, den sie kindisch Vi-Vater nannten, und als eines Abends einem dieser Fräulein von selbst der Faden riß oder, nach dortigem Ausdruck, brach, so klagte dieses: Pfitzede pfitz, der Faden is broche. – Darauf sprach die zweite: Pfitz'n wieder z'sämen, so is er wieder pfaatz (ganz). – Nun begann die dritte strafend: Hat nit der Vi-Vater g'sait, sollest nit bätze?! (schwätzen). – Darauf hat am andern Morgen vor des armen Mannes Haus ein Sack mit Frucht gestanden und oben darauf ein Geldstück, die Fräulein aber sind niemals wiedergekommen. *   924. Erdweible im Heuchelberg Zwischen Tübingen und Nürtingen liegt ein Flecken des Namens Walddorf, dahin sind zu unterschiedlichen Zeiten im Winter zwei Fräulein in die Lichtkarz gekommen und haben gesagt, sie kämen aus dem Heuchelberg im Unterlande, und haben wacker mit den andern Mädchen gesponnen. Regelmäßig aber sind sie mit dem Glockenschlag zehn Uhr wieder fortgegangen. Auch Brot haben sie für die Menschen gebacken und sonstiger reiner Arbeit sich unterzogen. Bisweilen kam auch nur eine, dann wieder alle zwei, und so fort den ganzen Winter hin bis zum Frühling. Eines Abends saßen sie wieder beide in der Spinnstube bei den Mädchen, als vor der Türe eine unbekannte Stimme rief: O weh, o weh! Der Heuchelberg brennt! – Da schrie das eine Fräulein: O weh, o weh! Meine armen Kind! – und fort waren beide wie der Wind und kamen niemals wieder. *   925. Das Hardtfräulein Auf dem Berge, welcher der Hardt heißt, der mit dem großen Heuberg zusammenhängt, geistet auch ein Fräulein, das nennt man nach dem Berge, gleich der Urschel, das Hardtfräulein oder Hardtweible. Es ist schwarz gekleidet, zum Gegensatz der weißgekleideten Nachtfräulein und der grün gekleideten Urschel, und trägt einen runden schwarzen Schlapphut. Das Hardtfräulein hat die Eigenschaft, die Leute zu necken, zu verblenden und dann gehörig zu verlachen, ja es kann sogar sehr feindselig verfahren, die Leute in Abgründe stürzen, das Vieh scheu machen, daß Unglück daraus entsteht, und dergleichen. Einst verblendete das Hardtfräulein einen Mann so ganz und gar, daß er sich gar nicht mehr auskannte, und als er nach Hause kam, kannte er sein eignes Heim nicht, griff nach kurzer Rast nach Stock und Hut und sagte zu seiner Frau: Nun b'hüet' Euch Gott, ich muß machen, daß ich heimkomme, sonst keift meine Frau wie dem Teufel seine Großmutter. Es ist gar nicht zu sagen, wie vielerlei Fräulein und Weible in Schwaben spuken gehn, auf allen Burgen und Bergen, an allen Seen und Teichen. Im Lautlinger Tale liegt der Gröblesberg, da liegt ein Schatz und schwebt ein Fräulein, das ist halb weiß, halb schwarz. In einer Schlucht bei Friedingen, durch welche die Donau fließt, spukt ein Weible, das ist ganz schwarz, und die Schlucht heißt der Weiblesteich. Im Erlenbach bei Bieringen an der Jaxt geisten drei weiße Fräulein, auf dem Stöffelesberg bei Gönningen desgleichen. Man kann sie nicht alle zählen und aufzählen. Die Urschel scheint, gleich der thüringischen Hörschel- und Venusbergfrau, nur dunkelmythischer Nachklang der antiken Aphrodite Melainis, der auch, in den Schatten der Nacht gehüllt, die Trias der Charitinnen folgt. *   926. Das Pelzweible In der Nähe von Schlatt liegt ein Hof, Rommenthal genannt, und nahe dabei eine alte Burg gleichen Namens. Dort geht ein Weibchen um, welches das Pelzweible heißt, und hütet eine Grube, das Pelzweiblesloch genannt, darin der Schatz liegt, der bis zur Erlösung des Pelzweibles ruhen muß. Die Erlösung beruht nicht auf so schweren Proben wie jene der verschiedenen Jungfrauen, die sich in Schlangen verwandeln, was manche erst dann tun, wenn sie bereits aus ihrem Jungfernstande erlöst sind. Das Pelzweible verlangt keine Küsse. Einem Amtmann zu Süßen erschien es einstmals und flehte ihn um die Erlösung an. Es werde ihm in dreimaliger Verwandlung erscheinen, sprach es, er möge nur Mut haben und jede der drei Gestalten mit einer Rute berühren. Der Amtmann, der noch jung und ledig war, fühlte sich sehr beherzt, hatte auch in der Amtsstube, den Bauern gegenüber, sich stets bis über den Mut hinüber mutig gezeigt. Jetzt begannen die Proben; das Pelzweible verwandelte sich vor seinen sichtlichen Augen in eine Krott und empfing einen Schlag; darauf verwandelte sich die Krott in eine große Schlange, das war dem beherzten Amtmann schon außer dem Spaß, doch als die Schlange zischend auf ihn zuschoß, wehrte er sich seiner Haut, hieb sie mit der Rute über den Kopf, und weg war die Schlange. Plötzlich aber stand ein Pudel vor ihm mit feurigen Augen, und Feuer aus dem Rachen pustend, und groß wie ein Kalb, und sperrte den Rachen gegen ihn, und machte Miene, ihm die Nase abzubeißen; da fiel dem Amtmann das Herz in die Kniekehle und die Rute aus der Hand, und er wandte sich und entfloh auf seinem Pferde, das er vorsorglich gesattelt neben sich gestellt, und der Pudel schoß hinter ihm her und hatte sich ganz wütig. Der Amtmann hatte von diesem Erlösungsversuch fast den Tod und hat all sein Lebetag kein Weible mehr erlösen mögen, sondern ist ledigen Standes verblieben. *   927. Der Pelzmärte Unter den Butzemännern in Schwaben steht der Pelzmärte voran, manche nennen ihn auch Pelzmichel, die Kinder werden mit ihm zu fürchten gemacht und fürchten sich vor ihm, wie jene Badenden im Werratale vor dem Hackelmärz, dessen Name auch auf Hackelmärte zurückzuführen sein dürfte, nicht auf den eines Monats, denn man könnte wohl, wie Götz für Gottfried, Lurz für Lorenz, Murz für Moritz gesprochen wird, auch März für Märten abkürzen. Dagegen begegnet in Schwaben jener nordfränkische Hackelmärz als Hakenmann ebenfalls als Wasserbutz, und auch die sprachliche Verwandtschaft dieser Mythenwesen der untersten Stufe ist unverkennbar in den verschiedenen Ländern. In Tübingen und andern schwäbischen Orten heißt der Pelzmärte Sante Klaas, auch Schante Klaas (Sankt Niklas), und ist Weihnachtsvorspuk, Mummelumgang, am 6. Dezember, dem Sankt Niklastage, oder am Christabend; im obern Werratale, das zwischen Thüringen und Franken die Grenzscheide bildet, ist für ihn die Benennung Herrsche Klaas üblich, es ist dies der norddeutsche Knecht Ruprecht, der in Verkleidung umgeht, die Kinder schreckt, straft, sie beten läßt und dann Apfel und Nüsse unter sie in die Krappel wirft, wobei er, während sie auflesen, mit seiner Rute was weniges auf das Völklein aufhaut. *   928. Das Graale Noch ein Mittelding zwischen Gespenst und Kinderscheuche ist in Schwaben das Graale, auch Butze-Graale auf dem Schwarzwald genannt, also ein Butz oder Pötz; manche nennen auch den Pelzmärte Graale, in andern Orten heißt es nicht das, sondern der Graale. Das wäre ein Fund für den Remusdiftler, der diftelte den heiligen Gral nach Schwaben herein, daß es eine Art hätte, und machte zuletzt die Schwabenschüssel in Speier zum Gral. So ist's hier nicht gemeint, das Graale wird wohl nur ein solches Ding sein, wie es im Liedchen heißt: Zu Steffen trat im Träume Ein graues Männelein. Und doch steckt vielleicht noch etwas mehr als ein einfaches Grauchen, Graalchen hinter diesem Butz. In der Gegend um Meiningen, namentlich im Dorfe Dreißigacker, machen sich die Kinder im Felde fürchten, wenn eins das Korn vertritt, indem sie rufen: Nimm dich in acht! Das Grile kommt! – Wie sie sich's gestaltet denken, ist nicht zu sagen. Diese so ganz vereinzelte Benennung eines Schreckgespenstes, das ähnlich der Kornmutter als Feldhüter austritt, findet in dem Graale neben der mythischen Verwandtschaft auch die sprachliche, denn an das Insekt Grille ist wohl nicht dabei zu denken. Dies ist des Herausgebers eigene Erinnerung aus Jugendtagen. *   929. Burggeist Poppele Auf der Burg Hohenkrähen im Hegäu Schwabens, im Volksmund Kreihen genannt, haust ein wunderlicher Spukgeist, der muß schon seit mehr als ein paar hundert Jahre wandern oder, wie man dort zu Lande spricht, laufen. Selbiger Geist gehörte, als er noch in einem menschlichen Leibe umging, dem Vogt einer Witwe an, die auf Hohenkrähen saß, der hieß Hans Christian Poppel und war ein übergeschäftiges lustigliches Männlein, das die Leute gern vexierte, das Gesinde fleißig zur Arbeit trieb, und nebenbei trieb er Ränke und Schwänke, wünschte auch auf der Welt nichts anderes und Besseres, als dies immerfort zu tun. Da Poppel nun doch nach der Welt Lauf einmal nicht ewig leben konnte, so setzte er das Geschäft nach dem Tode fort, wurde ein Hülfsgeist und Neckebold mit Rübezahls Natur und Launen und heißt im Volke allgemein der Poppele. Seine Hülfe ist meist so unerbeten wie unwillkommen. Er trägt zwar die Garben in die Scheuer, aber er wirft sie durcheinander, statt sie auszubrechen. Er spannt zwar das Vieh an und ein, aber verkehrt; die Wagen und Kutschen hemmt er, wo es nicht nötig ist. Manchen äffte Poppele, der zerbrechliche Ware hatte, stand als Baumstrunk oder als einladende Bank am Wege: setzten sich nun die Müden mit ihrem Glas- oder Eierkorbe darauf, plauz, saßen sie auf dem eigenen Poppel, Strunk oder Bank waren weg, und die Tracht zertöpferte. Manchmal schon blies in stiller Nacht das Posthorn und kam dem Stadttor von Radolfzell immer näher, immer näher; der Wächter dachte, du willst dem Postillon das Tor auftun, und wenn der Wächter nun dicht vor dem Tore das Horn hörte und tat das Tor sperrangelweit auf, so war kein Teufel da und auch kein Postillon – und nur in weiter Ferne hörte der Wächter, wie der Spukgeist eine grelle Lache aufschlug. Will man den Poppele gut haben, so muß man ihn einladen zum Mitessen oder Mitfahren und, wenn er etwas recht und nicht verkehrt tun soll, dazu sprechen: It ze lützel und it ze viel. – Auf dem Heuberge – einer also genannten Gegend – gibt es auch hinzelmannähnliche Kobolde des Namens Poppele in mehreren Dörfern; ach und wie viele, viele Poppele gibt es auch außerdem noch in Schwaben und im übrigen lieben Deutschland, die alles verkehrt machen! Sie heißen nur anders. Die Benennung Poppele hat im Worte Popel, Popanz seine Wurzel und geht durch ganz Unter-, Mittel- und Oberfranken bis Bamberg. Ich hole den Popel, wenn du nicht artig bist! werden dort die Kinder bedroht. Bei Pfronten im Achtal spukten wilde Männer, absonderlich auf dem Bärenmoos. Einer davon hieß der Scheidbahmann, der trieb es besonders arg. Papst Pius VI. soll diese Spukgeister aus der Gegend verbetet haben. Andere sagen, Kaiser Joseph II. habe sie hinweggebannt. *   930. Geist Käsperle Ein ähnlicher Geist wie der Poppele auf Hohenkrähen war der Kasperle oder Käschperle, auch eines Vogts, und zwar zu Gomaringen, der in einem einzelnen Hause spukte, welches das Volk Aunaut (Unnot) nennt. Gleich dem bösen Zöllner Starhart oder Starkhart zu Stockstadt machte er allerlei Spuk und Rumor in Haus und Hof, Stall und Scheuer, Boden und Keller, absonderlich gegen Weihnachten und in den Zwölften. Auch er machte alles verkehrt, wie so viele andere Käschperle, war auch ein Raucher und plätzte zum Fenster heraus, ähnlich dem Schimmelreiter Jäckele. Endlich war er auch ein Schnupfer und hielt den Leuten eine Dose hin, die war grün wie ein Kuhfladen und roch keineswegs nach Tonkobohnen. Wollte aber jemand dennoch eine Prise nehmen, so zog er schnell die Dose weg. Zuletzt wurde das Haus gar abgebrochen, darin er spukte, und man führte das Holz herein ins Dorf Gomaringen und gedachte, den Käsperle los zu werden. Dieser aber wartete, bis der letzte Wagen vollgeladen war, da saß er obendrauf und machte sich und die Last so schwer, daß die Pferde den Wagen kaum fortziehen konnten, denn der Umzug war nicht nach seinem Sinne. Und kaum waren des Hauses alte Schwellen wieder gelegt und die ersten Balken aufgerichtet, da war auch das Käsperle da und begann von neuem seine beschwerlichen Possen. Endlich kam man auf den Gedanken, nachdem der Geist sechs volle Jahre gespukt hatte, den Körper des Vogts auszugraben, und siehe, der Leichnam ward noch unverwest und blutig befunden. Da wurde er noch einmal begraben, und von da an ward der Kasperle nimmer zu Gomaringen gesehen. *   931. Der Klopfer und der Staufer Geist Nahe dem berühmten Staufenberge, darauf der Hohenstaufen mächtige Wiege stand, von der auch die letzte Trümmer vom Zahn der Zeit hinweggenagt ward und nichts blieb als im Markt Hohenstaufen dicht am Burgberge in der Kirche des alten Barbarossa erneutes Bild und die wehmütige Inschrift: Hic transibat Caesar – ragt aus stattlicher Höhe das noch erhaltene Bergschloß Hohenrechberg. In dieser Burg haust bis auf diesen Tag ein Geist, der Klopfer, insgemein Klopferle genannt, unterschieden von dem Klopfer im Schlosse zu Flügelau, der ein gar dienstwilliger Hülfsgeist war und doch recht koboldhaft tückisch, denn als er einst erzürnt ward, fuhr er feurig durch den Schornstein und steckte das ganze Schloß in Brand. Der Rechberger Klopfer erscheint als ein vorhersagender, ahnungsvoller Geist. Ein Ritter von Rechberg, Ulrich II., war in die Ferne gezogen, in Kampf und Krieg, und vergebens hoffte seine Hausfrau, Anna von Wenningen, auf seine Wiederkehr. Der Ritter hatte einen treuen Hund, der wußte Briefe zu tragen – wie der kluge Stutzel zu Winterstein – und kam bisweilen und brachte Kunde, endlich aber blieb der Hund ganz aus. Eines Tages betete die Frau brünstig für ihren fernen Gatten, da störte ein lautes Klopfen sie im Gebet, und endlich rief sie unwillig aus: Ei so klopfe ewig und drei Tage! Und da sie öffnete, war es der treue Hund, der blickte sie gar traurig an und hatte keinen Brief. Und nach drei Tagen führten Knappen den Rechberger als Leiche in sein Schloß. Und als nachher die Frau sich tot grämte, hörte sie vor ihrem Tode das Klopfen wieder, schalt nicht mehr, sondern sagte bloß: Ich komme – und starb nach dreien Tagen. Und nun hat es stets drei Tage vor dem Tode eines jeden Rechbergers geklopft, ohne daß jemals eine Erscheinung sichtbar geworden. Der Rechberger Geschlecht aber stieg zu hohen Ehren, ward in den Grafenstand erhoben und schreibt sich Grafen vom Rechberg und roten Löwen. Seit 1317 wurde das alte Steinhaus Hohenrechberg genannt und geschrieben. Im alten Schloß zu Sachsenheim wohnt auch ein unruhigtätiges Klopferle. Ein anderer Geist wandelt in Gestalt eines Lichtes, ist also unzweifelhaft ein Lichtgeist, von Hohenrechberg nach Hohenstaufen und wieder zurück, und zwar hauptsächlich zur Herbstzeit, unbeirrt durch Sturm- und Regennächte. Bald geht das Licht langsam, bald erhebt es sich, zuzeiten wächst es wie ein Backofenfeuer, wandelt an der Burg vorbei bis zu einer Stelle unter der Kirche höchst auf dem Burgberge und legt sich dann gegenüber an den Hohenstaufen bis zur Morgenglocke. Die Umwohner nennen dieses Licht den Staufer Geist und mögen wohl im stillen dafür halten, daß es ein Licht für sich sei wie jenes bei der Lerch, und die Sage verlautet nicht, daß schon einer so vorlaut gewesen, es anzureden. *   932. Die ledernen Männdle Bei Owen hat es viele Erdzwerge gegeben, man nannte sie Erdwichtele, und im Tiefenbacher Walde, der sich von Owen nach Frickenhausen erstreckt, gab und gibt es noch die meisten. Von dem schwäbischen Frickenhausen wird auch mancherlei erzählt. Diese kleinen Tiefenbacher wurden auch lederne Männdle benannt, wahrscheinlich wegen ihrer ledernen Hautfarbe und verschrumpfelter Gesichtlein; doch meinen einige, es müßten Schneider und Handschuhmacher gewesen sein, da sie ja von Schiller in Wallensteins Lager als solche ausdrücklich erwähnt würden, und der habe als ein Schwab das doch wissen müssen. Sie, die ledernen Männdle, sollen auch das Echo hervorbringen; wenn man solches im Tiefenbacher Walde, in Ständekammern oder sonstwo hört, so sagen die Leute: Das lederne Männdle schreit. – Auch anderwärts ist dieses allgemeiner Volksglaube, und man sollte nimmer meinen, was es trotz aller Aufklärung seit Doktor Luthers Zeiten her noch allenden für eine furchtbare Menge lederner Männdle gibt. *   933. Verzettelte Kohlen Bei Geislingen hart am Fuß der Rauhen Alb gab es in den Bergen auch viele Erdwichtele, von denen haben die Geislinger gelernt, die gar seinen und künstlichen Elfenbeinarbeiten zu fertigen, die dort so billig wie in Berchtesgaden feilgeboten werden. Einst kam so ein Erdmännele zu einer Geislinger Hebamme und rief sie zum Mitgehen zu seiner Frau, die wollte aber nicht gehen ohne Begleitung ihres eigenen Mannes, denn sie traute dem ledernen Männdle nicht so ganz. Dieses selbiges war die Bedingung auch zufrieden und leuchtete voran; es ging in einen Berg mit schönen unterirdischen Gemächern, und ging auch drinnen alles gut und glücklich vonstatten und war baldigst wieder ein ledernes Männdle mehr auf der Welt, wenigstens in der Unterwelt. Statt aller andern Gaben gab das alte Erdemännle der Hebamme einen ganzen Haufen Kohlen, die mußte sie in ihre Schürze fassen, dachte aber dabei voll Argers: Ei daß du verschwarze mischtest, du wüeschtes Männdle du, wenn i weitersch nix habe soll. – Unterwegs, da das Erdemännle wieder vorleuchtete, warf die Hebamme eine Kohle nach der andern heimlich aus der Schürze; das Erdmännchen merkte das wohl, kehrte sich um und sprach ernst: Je mehr du verzettelescht. Je mehr du hernach bettelescht. – Als das Männchen mit Dank von dem Ehepaar geschieden war, wollte die Hebamme gar ihre Kohlen alle hinschütten, ihr Mann litt es aber nicht, sondern sagte: Behalt, was de hascht, Es is ja kei Lascht. – Da behielt die Frau die Kohlen, und wie sie heimkamen, waren es eitel Goldstücke. Jetzt reuete der Frau nun ihr dummes Wegwerfen, sie nahm selbst eine Laterne und rannte zurück und suchte, was sie suchen konnte, und hätte gar zu gern die Kohlen wiedergefunden, aber damit war es vorbei, und die stille Bitte, die sie an die Erdwichtele richtete, ihr doch nochmals die verzettelten Kohlen zu bescheren, blieb gänzlich unerfüllt. *   934. Die Heiden Zu Kettershausen, das nicht gar weit von Babenhausen in Schwaben liegt, heißen die Wichtelmännchen Heiden. Sie hausten allda in einem Berge und ahmten Sankt Sebald nach, sie nahmen Einkehr bei einem Wagner. Wenn sie diesem auch nicht mit Eiszapfen Feuer anmachten und einheizten, wie jener Heilige tat, so leisteten sie doch alle die Dienste, welche hülfreiche Hausgeisterlein stetig leisteten, und die dankbare Frau des Wagners legte jeden Abend ein Brötlein unter die Türe und stellte ein Krüglein voll Wasser hinzu oder auch voll Bier oder Milch, wie es kam, besonders wenn es viel zu schaffen gab, da mehrte sich auch die Zahl der Brote und Krüglein. Einmal aber, da eine Frau Nachbarin kam und lobte, wie schön es bei den Wagnersleuten sei, wie blank alles und aufgeräumt, und wie alles Spuren des Fleißes verrate, da verpäppelte und verschwätzte sich die Hausfrau und ließ etwas fallen von unsichtbarer Hülfe – und da blieben die Heiden von Stund an weg und kamen nimmer wieder, und mußten nun der Wagner und seine Frau das selber tun, was sie getan haben wollten. Der Name Heiden – auch Haiden von andern geschrieben – weist deutlich auf einen verdrängten Volksstamm hin als Grundzug der so häufigst und besonders auch in Schwaben verbreiteten Wichtleinsagen. In Schwaben heißen die Wichtlein zumeist Erdmännele, Rotmänndele, Erdwichtele; es gab weiße und schwarze, und es gibt der Geschichten von ihnen sehr viele auf den Dörfern. *   935. Breithut und andere Geister In der Blaubeurer Gegend und Herrschaft spukt ein Geist, welcher Breithut genannt wird; eö ist einer von den vielen gespenstigen Freischärlern, trägt einen Schlapphut und hat von dem den Namen; er hat seinen Kopf aufgesetzt und den Hut obendrauf und geht nicht zu Fuße. Er fährt vielmehr mit vier kohlpechschwarzen Rappen und lärmt und rasaunt wie der ewige Fuhrmann, der in der Gegend von Tettnang geistweis schweben muß. Die Rappen aber haben keine Köpfe. Nächst ihm gibt es noch der Geister und Geistlein in Schwaben wie Sand am Meer, noch außer denen, die zu der Schar der Erdwichtele gehören. Gut, daß sie nicht sichtbar sind, man könnte sich sonst schier entsetzen, wenn einem alle paar Schritt ein Schlapphut begegnen täte, etwa mit einem Waldschrattlebart und gefährlichen Augen. Da heißt ein Geist Huonzel oder Kuonzel – soviel als Konradle –, der spukt bei Bühlertann; bei Wankheim und Jetenburg geht ein Wiesengeist um und führt die Leute irre; im Kusterdinger Walde bei Tübingen spukt der Eintöffeler, der geht barfuß und hat nur einen Pantoffel an; zu dessen Privatvergnügen gehört es, blitzschnell zu erscheinen und ebenso schnell wieder zu verschwinden, auch seinen Kopf vom Rumpfe schnell auf- und abhüpfen zu lassen. In Schwäbisch-Hall spukt im Salzwerk der Halgeist, dort Haalgeist genannt, er, und nicht der Teufel, sagen einige, soll es gewesen sein, der dem Salzsieder die große Nase zeigte und ihn über den Kocher hinüber auf den Gänsberg schmiß und höhnisch fragte: Ist dees nit a Wuuref? – Ein sich gern in Tiere verwandelnder Geist spukt bei Gniebel und wird der Kappelgeist genannt. Bei Riederich spukt einer als Nachtvogel, so groß wie die Tut-Osel, fliegt vor den Wanderern her, äfft sie und lacht mit Menschenstimme, gleich dem Geist Osschaert im Wanslande. Andre fahren mit Gekreisch in Gestalt eines Lichts blitzschnell den Leuten an die Fenster, so daß alles erschrickt. Soviel von den männlichen Geistern, der weiblichen gibt es nicht minder viel, so daß einer in Wahrheit sagen kann, was einmal ein vierzig Jahre alter Schwab sagte: I schwör's bei mein'm Eid, das Schwabeland ischt des geischtreichschte Land unter der Sonne! *   936. Reißenstein und Riese Heimen-Stein Eine Meile weit von der Teck in der Schwäbischen Alb, die nicht mit den Alpen der Schweiz und Tirols zu verwechseln, sondern ihren Namen von dem weißen Gestein, womit die Acker der rauhen Gegend bedeckt sind, führen soll, hebt sich die Burgtrümmer des Reißenstein hoch auf einem steilen Felsen; dieser Berg samt der Burg hat früher der Riesenstein geheißen, und ein Riese des Namens Heim hat auch die Burg erbaut. Dieser Riese Heim hauste und haust noch als Geist in einer langen Felskluft, dem Heimenstein, dem Reißenstein gerade gegenüber. In dieser Höhle hütet der Riese noch immer seinen Schatz. Als er den Riesenstein mit Hülfe der Zwerge gebaut hatte, fehlte am obersten Fenster außen noch ein Nagel, da faßte er den ersten besten seiner Hülfsknechte beim Kragen, hielt ihn zum Fenster hinaus und ließ ihn, so zwischen Himmel und Erde schwebend, den Nagel einschlagen, dann stellte er ihn sachte wieder auf die Beine und sprach mit Lachen: Bravo, Männchen, bravo! Es hat auch sonst noch einen Riesen Heim gegeben, der hauste im Inntale, tötete einen schädlichen Drachen, gewann des Landes Herrschaft, erbaute über den Inn eine große Brücke und gründete an ihr einen Ort, der wurde hernachmals von der Brücke Innsbruck genannt, ließ sich dann taufen und gründete das Kloster Wilten. Allda liegt dieser Riese Heim auch begraben, das Grab ist vierzehn Schuh und drei Zwergfinger lang. Zu Hirsau ist eine Riesenkapelle, da liegt der Riese Erkinger auch in einem vierzehn Schuh langen Grabe, und gehen von dem Erkinger viele Sagen. An der Murg gab es auch Riesen, die wurden Rotmäntel genannt und das Gundesvolk. *   9Z7. Herrgottstritte In der Schwäbischen Alb, im Aalbuch über Heubach, liegt die Burgruine Rosenstein auf einem steilen und schroffen Felskegel, der dennoch von wildem Rosengesträuch dicht überwachsen ist. In ihrer Nähe ist eine tiefe Höhle, die Scheuer geheißen, die sich eine halbe Stunde durch den Berg hindurch erstrecken und mit der Burg in Verbindung gestanden haben soll. So soll auch auf dem nahen Hohberge eine Stadt, Hochstadt oder Hochstädt, vordessen gestanden haben, die mit der Burg durch eine lederne Brücke verbunden war, gerade wie auch die Burgen Kalenberg und Burgstall bei Friedingen an der Donau. Auf Burg Rosenstein, gegenüber dem Scheulberg, hat Christus der Herr gestanden, und der Teufel zeigte ihm von da alle Herrlichkeit der Welt und wollte, daß Christus niederfalle und ihn anbete – also geht die Sage. Aber Christus warf den Versucher in die nahe Teufelsklinge und trat von dem Burgberge hinüber auf den Scheulberg (Schauelberg), hoch über das Tal von Heubach hinweg, und prägte seiner Fußtritte Spur beiden Felsen tief ein. Zu diesen Tritten ist hernachmals häufig gewallfahrt worden, ward auch ein Marienbild nahebei aufgestellt, aber die württembergische Regierung verbot in einem strengen Edikt vom 8. Juni 1740 das Wallen und ließ den Herrgottstritt auf Rosenstein mit Pulver wegsprengen, das gipserne Marienbild aber einziehen – Aberglauben zu verhüten. In der Teufelsklinge mußte der Teufel tausend Jahre gefesselt liegen und grimmige Tränen weinen, die als trübes Wasser aus ihr zutage flossen, nunmehr aber ist er schon längst wieder los und spaziert hin, wohin es ihm beliebt. Auf dem Scheulberg wachsen nahe dem Herrgottstritt Wetterkräutlein, vor denen scheuen sich die Gewitter und zerteilen sich an seinem Scheitel. *   938. Teufelsmühle und -wehre Auch im Schwabenlande gehen Sagen von Teufelsmühlen, wie im deutschen Norden, in Osterreich und sonst. Eine stand im Murgtale, nicht weit von Gernsbach, das war eine Sägemühle, und dem Müller zerriß die Flut des Talflusses sehr oft das Wehr; wünschte sich deshalb ein dauerhaftes, und daß es der Schwarze bauen möchte, wie er im Schwarzatale bei Blankenburg im Thüringerwalde auch getan. Da kam der Teufel, bereitwillig wie immer, gegen Seelenverpfändung zu tun, was ihm möglich. Wurde daher eins mit dem Müller, das Wehr über die Murg zu bauen, aber der Müller müsse ihm vergönnen, jede Nacht auf seiner Sägemühle eine Seele zersägen zu dürfen. Der Müller dachte: Säge du doch meinetwegen Seelen oder Kieselsteine, was kümmert das mich? Wenn ich nur ein Wehr habe, das meiner Mühle zu ihren zwei Gängen genug Wasser zuführt. Sonach wäre die Seelensägemühle bald fertig geworden, allein da sie recht bald, nämlich mit dem ersten Hahnschrei, fertig werden sollte, und da des Müllers Frau den Pakt belauscht, so kroch sie zeitig über das Mühlhaus auf einen Steinfels und krähte wie ein Hahn. Gleich antworteten alle Gückel im Dorfe, und der Teufel riß voller Wut das fast schon fertig gebaute Wehr wieder zur Hälfte ein. Ebenso steht über Loffenau eine Teufelsmühle, und nahe dabei ist das Teufelsbette und das Teufelshaus; letzteres ist ein also genannter Felsen, da hat sich einmal der Teufel drangelehnt, als er einen recht glühenden Zorn hatte, und hat seine holdselige Gestalt daran abgedrückt, gerade wie am Lurleifelsen am Rhein. Ist ein stattlicher Schattenriß, der Kerl mißt acht Fuß, seine Waden sind wie zwei Fässer und seine Lenden wie Badwannen, der Kopf ist so groß wie ein württembergisch Simri, das ist ein gütliches Kornmaß. In der Nähe ist auch des Teufels Handscherben (Waschbecken), darin er seine Hände in Unschuld wäscht, wenn die Menschen ihm ihre eignen Sünden und Laster über Gebühr aufgebürdet und in die Schuhe geschoben haben. *   939. Von Drachenbergen Drachenberge gibt es in Deutschland nicht wenige; ihre Namen bezeugen den festgewurzelten Volksglauben an Drachen, die, mit dem an Lindwürme verschmolzen und fast eins, überall auf Ungeheuer der Vorzeit hindeuten, die nicht mehr vorhanden sind. Wo Sagen von Lindwürmen haften, ist insgemein die Sankt Georg-Legende mit ihnen verwachsen. Die vielen drachenhaften Gebilde an den Kirchen des romanischen Baustils gaben der Sage stets neue Nahrung. Bei Wurmlingen und seiner berühmten Wallfahrtkapelle und in der Höhle am Fuße der Wandelburg hauste und wandelte vorzugsweise ein greulicher Wurm, der ja auch Wurmlingen den Namen gab. Viele sagen, es sei gar ein Pärchen, Männlein und Weiblein, gewesen, auf daß die gute Art nicht aussterbe und die irrenden Ritter doch etwas zu tun fänden. Die Sage vom Lindwurm auf Frankenstein wie die von Limburg (Lindburg) an der Lahn wiederholt sich getreu mit der alten Limburg auf dem Lim- oder Lindberge im Neidlinger Tale im Schwabenlande, nur daß sie geradezu den heiligen Georg als Drachentöter nennt, während andere verwandte Sagen dessen mythische Persönlichkeit mehr umhüllen. Nah dem Filstale liegt das Dorf Drackenstein mit einem Drachenloch und einer Totenhöhle, wie bei Meiningen ein Drachenberg mit einem Drachen- und einem Bärengraben. Der Drache im Drachenloch bei Drackenstein soll noch immer geisten. Einst gelang ihm der Raub einer Kaiserstochter, er hielt sie gefangen fünf Jahre lang und gedachte ihr die Ehre zu, sie zu seiner Gemahlin zu erheben, aber er gefiel ihr nicht, obschon er ihr drei herrliche Kleider schenkte, darauf auf einem Sterne gestickt waren, auf dem zweiten der Mond und auf dem dritten die Sonne. Sie ging mit einem Schneider, der ihr im Walde begegnet war, durch und nahm die Kleider mit, und später heiratete sie den Schneider, und der Drache hatte das Nachsehen. Auch bei Eningen liegt ein Drackenberg; daran sollen zwei hohe Nußbäume gestanden haben, mit den Kronen ineinander verschlungen. Diese Kronen bildeten das Drachenbette, und der Drache sei gewesen wie eine ungeheuer große Klapperschlange. Ein Jäger, welcher allerlei Jagdstücklein verstand, auch wohl selbst ein Hexenmeister war, schoß mit einer gewissen Kugel die Schlange in den Kopf, da tat sie einen Schneller noch den halben Drackenberg hinauf und starb. Im Ammentale hauste ein greulicher Lindwurm, den erlegte nur dadurch ein Ritter, daß er sich über und über mit Spiegeln behing. Da der Wurm in diesen sich erblickte, meinte er, er bekomme Kameradschaft, und nahte sich nicht feindlich. Gleich darauf stieß ihm der Ritter seinen Speer in das Herz. *   940. Schlangen als Kindergäste Von Schlangen gibt es unzählige Sagen. Nach einer Richtung hin schlingen sich dieselben in die Lindwurmsagen ein, nach der andern haben sie elbische Färbung und gehen in das Reich der Hausgeister über, und wie die Schlangen dort furchtbar erscheinen, so erscheinen sie in letzterer Beziehung traulich. Auf Waldgebirgen zumal ist es eine bekannte Sage, daß man den Unk (die Ringelnatter) nicht töten dürfe, weil er Glück bringe, wo er in einem Hause wohne. Zu Schwamdorf bei Nagold erzählte ein Kind seiner Mutter, es komme immer ein Vögelein und esse mit von seiner Milch. Das verwunderte die Mutter, und sie lauschte. Siehe, da kam eine große Schlange – ein schöner Vogel das! – und aß Milch mit dem Kinde und war gut mit ihm, und wenn das Kind einen Löffel voll aus dem Häfele genommen, so steckte die Schlange ihren Kopf hinein und tat einen Schluck. Da wurde die Mich schneller alle als die Brot- oder Semmelbrocken, und das Kind gab der Schlange mit seinem Löffelchen einen leichten Klaps auf den Kopf und sagte zu ihr: Iß et no Ilch, iß au Ickle (iß nicht nur Milch, iß auch Brickle), und die Schlange ließ sich's gefallen und spielte hernach mit dem Kinde. – Dasselbe geschah mit eines Weingärtners Kind zu Rothenburg und nicht minder im Dorfe Thieringen, wo das Kind sprach: Iß et no Schlappe, iß au Mocke. – Und in Thüringen, auf dem Walde hauptsächlich, begegnet häufig dieselbe Sage; da spricht das Kind: Eß net no Nü, eß a Nocke (iß nicht nur Brüh, iß auch Brocken). *   941. Der Schlangenkönig Man hat Beispiele, daß selbst der Schlangenkönig, der ein prächtiges Goldkrönlein auf seinem Haupte trägt, sich bei Kindern eingefunden und mit von ihrer Milch gespeist hat, so bei einem Seiler in Stuttgart, welcher aber sehr ungastfreundlich den Schlangenkönig erschlug und durch die Krone unermeßlich reich wurde und das Haus an der neuen Brücke erbaute, welches jetzt das Gutbrodsche heißt. Solcher Häuser, deren Erbauer auf gleiche Art reich geworden, soll es dort zu Stuttgart noch mehrere geben. Wenn der Schlangenkönig in einen Bach geht, um zu baden, legt er jedesmal erst am Ufer sein Krönlein ab. Wer dieses findet und nimmt, der muß die Beine auf die Achsel nehmen und laufen, was er kann, denn sobald der Schlangenkönig den Verlust seiner Krone bemerkt, so will er sie wiederhaben, was ihm niemand verdenken kann, und schießt wie ein Pfeil hinter dem Räuber her. Holt er diesen ein, so ist der Räuber verloren, holt er ihn nicht ein, so macht die Krone den Kronenräuber unermeßlich reich. Einem Bauer aus Derendingen ist's also geglückt. Kann der Schlangenkönig seine Krone nicht wiedererlangen, so kommt er zu der Stelle zurück, wo sie ihm geraubt ward, und grämt sich und stirbt, denn er kann den Verlust der Krone nicht ertragen, er ist kein Philosoph, obgleich die Schrift den Schlangen Klugheit zuschreibt – aber wenn einem die Krone genommen wird, da hört alles auf. *   942. Die Schlangenamme Eine Frau aus einem Dorfe in Schwaben hatte ein säugendes Kind und ging hinaus zur Heuet, legte das Kind in den Schatten und wartete ihres Tagewerkes. Da nun die Mittagszeit da war, ging sie zu ihrem Kinde, nahm es an ihre Brust, ließ es trinken und entschlummerte. Als das Kind getrunken hatte, ließ es von seiner Labequelle und entschlief auch, und die Mutterbrust blieb offen. Da kam ein kleines Schlänglein geschlichen, das ringelte leise heran und begann sanft zu saugen und saugte sich ganz fest, und als die Frau erwachte, erfaßte sie ein tödlicher Schreck, zu sehen, daß sie nicht nur nach dem Sprüchwort eine Schlange im Busen, sondern sogar am Busen nährte. Abreißen ließ sich die Schlange nicht, jeder gewaltsame Versuch, sie wegzubringen, konnte die Schlange zum Biß reizen und den Tod herbeiführen. Gast und Last mußte daher von der Frau getragen werden. Der Schlange gedieh die Menschenmuttermilch wunderbarlich; sie schwoll mehr und mehr an, und war sie erst fingersdick gewesen, so wurde sie bald armsdick und noch dicker, und es waren schon zehn Monate vergangen, seit das arme Weib die Schlange säugte, und begann nun zu verfallen und von Kräften zu kommen. Da kam ein Fremder von ohngefähr in das Dorf, der hörte von dem schweren Mißgeschick der Frau und ging zu ihr und sagte ihr, er wolle ihr von ihrer Bürde helfen, sie solle ihm nur in den Wald folgen. Dort zog der Mann magische Kreise, und nun zog er ein Pfeifchen hervor und begann darauf zu pfeifen. Darauf hat es im Walde geraschelt und gerauscht, und sind alle Schlangen gekrochen gekommen, und in die Kreise, und haben drin getanzt, und da ist die große und schwere Schlange, die so lang an der Frauenbrust gehangen, auch von ihr abgefallen und hat in den Kreis gemußt und hat mittanzen müssen. Wer war froher wie die Frau! Hernachmals hat es sich begeben, daß dieselbe Frau, die sich wieder gut erholt hatte und wieder zu Kräften gekommen war, vor ihrer Türe saß und ihr Kind in den nahen Wald in die Beeren gegangen war. Da hört sie plötzlich die Leute schreien: Ein Bär, ein Bär im Walde! Eine Schlange! hu! eine Schlange! – Und denkt entsetzt ihres Kindes und stürzt hin, da erblickt sie den Bären, und nahezu liegt ihr Kind, und sie weiß nicht, ob es tot oder lebendig, und der Bär stürzt brüllend zusammen, und der schlummernde Knabe erwacht: eine großmächtige Schlange hat den Bären erdrosselt, als er das Kind packen wollte, und das ist dieselbe Schlange gewesen, welche die Frau mit ihrer Milch so stark und groß geschwellt, sonst hätte sie den Bären nimmer erdrücken können. *   943. Vom Hutzenbacher und andern Seen Wie der kleine und große Mummelsee ist auch der Hutzenbacher See weit berufen wegen der sich in ihm aufhaltenden Seemännlein und Seeweiblein, deren Töchter auch zum Kirchweihtanz nach Hutzenbach gekommen und vom allgemeinen Wasserjungfernlos erreicht worden sind. Das Seemännle in diesem See hatte die hülfreiche Natur der Erdmännle und diente insonderheit einem Bauer, welcher der Frieders-Bauer hieß. Der wollt' es auch gut meinen und ließ ihm ein neues Häs, das ist eine ganze Kleidung, aus Kittel, Weste und Hose bestehend, fertigen, weil des Seemännleins Kleidung gar zu zerfetzt und grasig war und den Moorgeruch an sich hatte. Und da nahm das Männle das Häs, tauchte in den See und soll noch heute wiederkommen. Ebenso ist es auch einem Müller aus Schwarzenberg mit einem Seemännle ergangen. Drei Stunden von Wildbad liegt der wilde See, nach Baden hinwärts, aus dem kamen die Fräulein ins Wildbad und spannen und sangen. Das ist vorbei mitsamt der guten Zeit, und die Zeit ist hin, wo Bertha spann. Da einmal der Karl Herzog versuchen ließ, den wilden See messen zu lassen, wie tief er sei, wie beim großen Mummelsee auch geschehen, so fand das Senkblei keinen Grund, wie tief es immer fiel, und da geschah dem Herzog Ahnliches wie jenen Vermessenen, die des Arendsees Tiefe ergründen wollten, denn es zuckte von unten an der Schnur, und wie sie das Senkblei aufzogen, hing ein Zettel daran, auf welchem geschrieben stand: Wer misset die Wasser mit der Faust und fasset den Himmel mit der Spanne? – So du mich wirst ergründen, wirst meinen Grund du selber finden. – Da erschrak der Karl Herzog und ließ ab vom Messen und ließ den Kahn zum Strande fahren. Ohnfern von Schönmünzach liegt noch ein sogenannter wilder See, welcher der Nonnensee genannt wird, man scheut sich ihn zu befahren; in der Mitte soll ein stiller Wirbel sein, der alle Fahrzeuge zur Tiefe zieht. Auch er kann, gleich andern, nicht vertragen, daß man Steine in ihn hineinwirft. Es stand dort ein Nonnenkloster, und erging damit wie mit dem bei Neuenkirchen im Odenwalde und dem Mönchskloster, an dessen Stelle das Heilige Meer zwischen Freren und Ibbenbüren trat. Noch immer hört man in der Tiefe die Klosterglocken läuten, ja man hört Gesang und Töne. Ein Bauer zu Schönmünzach soll noch den großen Schlüssel zur versunkenen Klosterkirche haben. Das gleiche erzählt man sich vom bodenlosen See zwischen Empfingen und Nordstetten. Da zeigt sich vor Gewittern ein schwimmend Seefräulein mit halbem Leibe. Aber andere sagen, dort habe nicht ein Kloster, sondern ein Wirtshaus gestanden, da sei es hergegangen wie dort beim Tanzteich zu Sachswerfen, es wird auch noch der Tanzplatz gezeigt, wo unter einer alten Linde die Sonntagstänzer unter der Kirche tanzten. *   944. Das vierblättrige Kleeblatt Zu Rottweil war einmal ein Gaukler und starker Hans, der machte dem Volk auf dem Markt die größten Possen vor nach solcher Possenreißer Art und verstand sich so trefflich auf Zauberverblendung wie jener sein Kunstgenoß zu Magdeburg. Zum letzten machte er das größte Stück, so noch niemals zu Rottweil gesehen worden. Er nahm einen langen und schweren Wies- oder Hebebaum, stellte den erst auf die Stirne, hernach auf die Zähne, zuletzt auf die Nase und hielt ihn immer im Schwebegleichgewicht, daß alles klatschte und Bravo rief. Da kam von ohngefähr eine Maid mit einem Tragkorb voll Klee, den sie vom Acker geholt für ihre Kühlein, und vorn am Mieder stak ihr ein vierblättrig Kleeblatt, das hatte sie gefunden und vorgesteckt und dabei gedacht: Willst's vorstecken, vielleicht bringt's Glück, daß du was findest oder was geschenkt kriegst – und wie sie so durch die Leute ging, sah sie den Gaukler und hörte das bewundernde Staunen, so was habe man noch nicht gesehen allhier zu Rottweil, so was lebe nicht, so was sei die größte Kunst, die es geben tue. Nu, was verwundert denn die Lüt so sehr? fragte das Mädchen mit dem vierblättrigen Kleeblatt. Doch nicht, daß der Narr dort läscht'n Strohhalm uf seiner Nas tanze? – Kaum hatte sie das gesprochen, so schwand die Verblendung, und alle Welt sah jetzt, daß das, was sie für einen langen und schweren Wiesbaum angesehen, nichts war als ein langer glatter Strohhalm. Da der Künstler merkte, daß das Mädchen ihn verraten, so machte er ein anderes Hokuspokus, warf einen Faden Zwirn der Dirne entgegen und rief: Schau, Mädle, das Wässerle! Schwoabeliesel, heb dei Fießel! – Und im selben Augenblick war dem Mädchen, als wate es durch ein Wasser, und hob seine Röcke, und das Wasser wuchs zusehends, und sie hob immer höher, und wurde dunkelrot wie ihre Kleeblume vor Scham, denn alles Volk lachte überlaut, und sie war froh, als sie aus dem Bereich des gauklerischen Hexenmeisters kam. Die hatte ihr Teil und wollte nimmer zuschauen und andern ihre Küenscht verraten. *   945. Arbeit im Mondschein Es ist im Schwabenlande eine gemeine Sage, daß niemand arbeiten soll im Mondschein, denn solche Arbeit frommt nicht und gehört nicht Gott wie die Tages- und Lichtarbeit, sondern dem Teufel. Hätte der liebe Gott haben wollen, daß man im Mondschein arbeiten solle, so hätte er dem Mond mehr Lichtstärke verliehen. Die Rede geht, wer doch im Mondschein arbeite, zu dem komme insgemein ein Unbekannter und biete ihm Arbeit an, die dann immer etwas Geheimes auf sich habe. Einer Frau, die im Mondschein spann, bot der Fremde, der ihr erschien, einen ganzen Arm voll Spindeln, die sollte sie in derselben Nacht noch alle vollspinnen, wo nicht, so drehe er ihr bei der Wiederkehr den Hals um. Die Frau aber besann sich nicht lange, sie bespann alle Spindeln, auf jeder einmal herum, daß das Holz bedeckt war, sozusagen nicht mehr rein, wie man zu sagen pflegt: Kind, du hast dich vollgemacht, wenn eins sein Gewand verunreinigte. Und da konnte ihr der Schwarze, da er wiederkam, nichts anhaben, nur daß er ihr auch etwas vollmachte, nämlich die ganze Stube so voll Gestank, daß man sechs Monate lang daran zu schmecken hatte. Der Mann im Mond, das ist kein anderer als ein Weingärtner aus Schwaben, der im Mondschein noch Rebebüschele machte, dafür muß er nun jahraus jahrein schweben und im Mond sein größtes Rebebüschele am Stöckle auf dem Rücken tragen. Man heißt ihn auch das Besenmännle, den Mann im Mond, weil er am Sonntag Besenreis geschnitten und dafür zur Strafe vom lieben Gott selbst hinauf in den Maun verwünscht worden ist. *   946. Die Erdbeeren Ein Kind im Schwabenlande ging einst, im Walde Erdbeeren zu suchen, und hatte schon ein hübsches Körbchen fast voll. Da ist ihm die Mutter Gottes begegnet und hat es gefragt: Was hast du in deinem Körbchen? – Das Kind fürchtete sich und mochte denken, die Mutter Gottes wolle von den Beeren haben, gab daher zagend zur Antwort: Nient (nichts). – Ei, sprach da die Mutter Gottes, ist es nient, so soll es dir auch nient beschießen (gedeihen)! – Und von da an wird kein Kind und kein Großes von Erdbeeren satt, es mag deren noch so viel essen. In dieser Sage tritt wieder die Verwünschung durch den Mund der heiligen Gottesmutter als Strafe des Geizes im Bunde mit der Lüge durch Ungedeihen auf, wie in der arabischen Sage von der Erbsensaat auf dem Acker bei Bethlehem. *   947. Spottnamen in Schwaben Daß Schwaben sein gut Teil mitträgt an der Spott- und Neckebürde, welche im Norden und Süden wie inmitten des lieben deutschen Vaterlandes heimisch ist, das ist schon vielen bekannt. Es wäre fürwahr großes Unrecht, nachdem der Spottnamen und Schildbürger im Norden, der Herren von Schilda, der vogtländischen Siebenstädte und Weltmitte, des schlesischen Ehrentitels, der Ummerstädter, Wasunger, Dittisser und Karlstadter Streiche, auch der Löllenfelder und Galgendenkler gedacht worden, der Schwabenstreiche und Spottnamen nicht auch mit Züchten zu gedenken. Schon das schöne Volksbüchlein von den sieben Schwaben wird zur Quelle, aus der sich ein heiterer und frischer Zug tun läßt. Fast jeder der sieben Helden hatte seinen bezüglichen Beinamen; da war Jockele der Seehas, vom Bodensee bürtig, allwo der berühmte Seewein wächst, und wie selber Wein gar grimmig ist und den Leuten die Därme durchbeißt, also sollen auch die Seehasen gar groß und grimmig sein und die Leute vom See mächtig tapfere Helden. Der Marke, Nestelschwab genannt, trug seinen Namen von der Eigenheit vieler Schwaben, statt der Knöpfe seine Hosen mit Nesteln versehen zu haben, daher er viel an selben zu halten hatte. Spiegelschwaben wird es wohl alleweil auch noch geben und Knöpfelsschwaben desgleichen. Was nun den Veitle, Gelbfießler genannt, betrifft, so ist das eine nur allzusehr bekannte Sache, daß er aus Bopfingen war und den Bopfingern nachgesagt wird, sie hätten einmal bei einer Eierlieferung als Abgabe aus eitel Gutmeinen recht viel liefern wollen und hätten die Eier mit den Füßen tüchtig festgestampft, da seien ihnen die Füße gelb worden. Können sich aber trösten, denn derselbe Schwank wird auch den Derendinger Bauern nacherzählt, und gibt deren Dinger noch mehr. Die Jaxtheimer hätten auch zu derselben Ehre kommen können als die Heiße-Eierleger, weil einmal eine Frau alldort eine Hexe war, welche weißes Zauberbrot aß und nun Eier in Menge legte. Ein Knecht naschte von selbem Weißbrot, und nun ging bei dem das Gegacker auch los, und legte und legte einen ganzen Spreukorb voll, bis der Herr dazukam, dem verriet der Knecht das Geheimnis; da aß der Herr auch und wurde auch zum Gückelhuhn und legte Eier, was das Zeug hielt. Als diese Hexenkunst herumkam, wollte kein Mensch mehr Jaxtheimer Eier haben und kaufen, meinten alle, die die Eier legten, könnten sie auch selber essen. Eine verwandte Sage von solcher Eierlegung, aber durch eine Kröte, gibt es von einer Hexenbuhle auf einem Dorfe bei Köln am Rhein. – Die Jesinger führen den Unnamen Räpplesfresser, weil sie einmal sich haben einen gefallenen Rappen schmecken lassen, doch war es nur ein ganz kleiner. – Die Hornberger stellten einst ein großes Lustschießen an und sorgten für alles, Glückshafen, Scheiben, Essen, Trinken, Musik und Böller, doch fehlte, als es angehen sollte, nur eins – das Pulver, daher sagt man von einem Ding, das mit großer Wirtschaft angefangen wird, wo alles hofft und spannt und die Mäuler recht voll genommen werden und aus der ganzen Geschichte hernach doch nur Dreck wird: es geht aus wie 's Hornberger Schießen. – Den Ulmern begegnete die Geschichte mit dem Spatzen und dem Strohhalm, die andern Ortseinwohnern auch aufgemutzt wird, sie aber, die Ulmer, müssen den Namen Spatzen geduldig tragen. – Schlimmer sind die Rottweilerer dran, deren Bürgermeister einen Kürbis, den sie fanden und für das Ei eines seltnen Vogels hielten, ausbrüten mußte. Aber selbes Ei faulte, und man warf es über die Mauer, da platzte es, und vom Schall erschreckt, fuhr ein Has aus einem Busch, und sie dachten, es wäre ein junges Eselsfüllen, von wegen der langen Ohren. Seitdem werden sie Esel geheißen, als welches gar wildgarstig. – Und tragen die Neuffener denselben Namen noch mit dem Zusatz Fresser, müssen sich mit den Schlesiern trösten. – Die Seebronner über Rothenburg a. N. heißen Sensenschmecker, weil einmal einer von ihnen heimlich einem andern den Hanf abgemäht. Diese Untat zu entdecken, ließ der Schultheiß – neumodisch heißt's Bürgermeister, ob auch in Schwaben, steht dahin, ist ein Schwabenstreich extra muros , wenn sich die Bauern Bürger nennen, als wäre Bauer ein Schimpf- und nicht ein Ehrenname – alle Sensen aufs Gemeindehaus kommen, um durch den Geruch zu schmecken, wessen Sense den Hanf abgeschlagen. Klingt lächerlich, war aber doch nicht ohne, und der Schulz war nicht dumm, denn der Hanf hat einen von jedem andern Kraut unterschiedenen Geruch. – Die Hirschauer in der Nähe von Tübingen heißen Kröpfte. Fragt einer, warum, so folgt die Antwort: weil sie die Waden unterm Kinn und, nach dem Spottwort, alle ihre Glieder beisammen haben – sie sind schier alle kröpfet. Einst ging ein Fremder durch Hirschau, den spotteten die Kinder aus, weil er des Kropfs ermangelte, ging ihm wie dem Fremden in Gellerts Fabel vom Lande der Hinkenden und Stammelnden. Doch fand sich eine kluge Mutter, die zog ihren kröpfigen Jungen herein, gab ihm eine Dachtel und sagte: Unnützer Bub! Was mußt du den armen Herrn ausspotten, weil er keinen Kropf hat? Danke du Gott, daß du alle deine Glieder beisammen hast! – Die Kiebinger und Munderkinger heißen Mondfanger und Stangenstrecker; haben den Mond fangen wollen im Neckar, wie er gerade drinlag, und im Schweinstall, wie er hineinschien, und mit einer Stange vom Himmel langen wie einen Apfel vom Baume. – Die Aalener aber, das sind erst Kluge, die wissen, wo Barchel Most holt, und wo der Has im Pfeffer liegt. Einstmals hatten sie Streit mit einem Kaiser, der zog gegen sie heran mit Heeresmacht; da ward ihnen bange, mochten gern erkunden, wie stark das Heer sei, das heranrückte, und ob sie's wohl mit ihm aufnehmen könnten. Sie wählten ihren Allerklügsten, wie ja bei Wahlen allemal geschieht und gar nicht anders sein kann, deshalb hat's auch so mächtig viel Doktor G'scheitle gegeben dazumal – nicht zu Aalen. Nun schritt der Kundschafter herzhaft auf das Lager zu, sah das große Heer, konnt's aber nicht zählen, ging gerad auf die Generalität los und sprach treuherzig: Grüesch Gott, ihr Herre! – Was suchst du hier? wurde gefragt. Mit Verlaub, sprach er, suchen tun i gar nix, brauchens sie nit ze fierchte, ich bin halt nur der Kundschafter von Aalen und will mi mit Verlaub e bissel umschaun im Lager drin. – Da lachte alles, selbst der Kaiser, und machte Frieden mit Aalen. Darauf wurde der Kundschafter an der Uhr angebracht, nämlich sein Bildnuß, und das mußte Gesichter schneiden, sah aus, wie das caput zu Jena. Hernachmals haben gar viele über den Aalen-Lalenstreich gelacht, selbst Napoleon mit seiner Garde, als er durch den Ort kam und auf dem Markt eine Parade abnahm; dann aber haben die Aaleren das Kundschafterbild, das so lange paradiert, doch in aller Stille abgenommen. *   948. Gansloser Streiche Liegt ein Dorf in Schwaben, im Gebirg zwischen Owen und Geislingen, heißt Ganslosen und ist nah verwandt mit Dittis im Rhöngebirg; eins von denen, welchem vornehmlich alle Schwabenstreiche aufgebürdet werden. Auch die Gansloser haben, wie die Dittisser, Geschichten von ihrem Kirchenbau. Als die Kirche vollendet war, brachte man eine Sonnenuhr am Turme an, die mußte derselbige Maler malen, der den Rottweilerern die Flucht aus Ägypten auf ihre Fahne gemalt, und alles mit Wasserfarben, bis auf den Esel, den hatte er mit Ölfarben gemalt; da nun die Fahne in Regen kam, floß alles ab, und nur der Grauschimmel blieb zu Spott und Hohn als der Rottweilerer Schimpfwahrzeichen. Da sich nun die Gansloser beim Gemäld ihrer Sonnenuhr ähnlicher Tückerei vom Maler versahen, wurden sie eins, ein Dachel über selbige machen zu lassen, so konnte der Regen die Farben hübsch nicht abflüten, und die Sonne konnte sie auch nicht ausziehen oder bleichen. Die Geschicht mit dem Brunnenausmessen, wo einer am andern sich anhängt und zuletzt der Schultes, an dem sie alle hängen, losläßt, um nur einmal in die Hände zu spucken, um sich dann fester halten zu können, ist den Ganslosern auch aufgehalst worden. Wie die Wasunger ihre aparte Arie haben, so haben auch die Gansloser eine, und zwar auf einen Storch, der sich, wie in Agyptenland, alldort göttlicher Verehrung erfreute, jedoch später durch vier Mann, die einen fünften trugen, damit er die Saat nicht vertrete, aus der Saat gejagt wurde. Sie feiern ihm vergnüglich ein eignes Storchenfest – wird der Gründonnerstag sein, der in Thüringen und Franken häufig geradezu der Storch heißt – und singen folgendermaßen ihre Aria: Heut feiern wir Das hohe Tier, Das uns auf unsern Wiesen gaht – 's hat ein schwarzweißes Wammes an Und einen Schnabel wie a Gans Halleluja! Da nun aber die Gansloser doch von ihren Landsleuten gar zu arg aufgezogen, gehänselt und gedränselt wurden mit ihren Streichen und mancherlei Unnamen, so ward ihnen der Name ihres Dorfes leidig und wollten ihn samt der Erinnerung ganz los sein, nannten daher und kamen darum ein, dies fürder tun zu dürfen, ihren Ort Audorf. Wenn nun die Nachbarn kommen, so fragen sie spöttisch: Ist Ganslosen au e Dorf (auch ein Dorf oder euer Dorf)? – und jene haben damit nichts gewonnen als den Ruhm eines neuen Schwabenstreiches. *   949. Trillpetritsch, Drallepatsch und Elbertrötsch Von selbigen drei schönen Namen, wie sie hier oben stehen, weiß man so eigentlich nicht, wer sie geführt hat; es sind schwäbische Scherznamen, denn in Schwaben gibt es viel Scherzlust und echte Gemütlichkeit, und mehr als in manchem andern deutschen Lande, wo viele Leute sich gar nimmer auskennen, wie gar klug und weise sie sind, und wie viele Toisen über die Meeresfläche ihre Nasen erhaben sind. Daß der Elbertrötsch von irgendeinem Elben der Mythe seinen Namen trage, dürfte sehr zu bezweifeln sein; der Name wird wohl im Worte albern sein einfaches Würzelchen haben; Drallepatsch wird sein, was anderorts Tallepatsch, Tolpatsch ist, und Trillpetritsch ließe sich in drillen und Peter auflösen, ein gedrillter, ungedrehter, genarrter Peter, das ganze Kleeblatt ein dreifaches Stichblatt für die spiel- und scherzweise Verhöhnung. Die Redensart geht, einen dieser dreie jagen, welche Jagd gewöhnlich ein recht dummer Talk und Löll vornehmen muß, den die losen Spielgenossen mit einem offenen Sack irgendwohin stellen, den einen der dreie zu fangen; dann schleichen sie sich hinweg und lassen ihn stehen, solange er dumm genug ist, stehenzubleiben, hernach lachen sie ihn tüchtig aus und geben ihm den schönen Spottnamen dessen, den er jagen und fangen sollte, selbst. Einstmals fing einer aus oder bei Friedingen her, der den Trillpetritsch fangen sollte und bei einer Fuchsgrube stand, unversehens einen Hasen, der ihm in den Sack gehüpft war; da war der Jubel des Dummen groß; im Triumph ward das gefangene Ungeheuer in die Lichtkarzstube getragen, und war große Furcht, was es wohl für ein Ungeheuer sei, und wappneten sich alle mit weidlichen Mordgewehren, und ging schier wie bei den sieben Schwaben im Märlein, wie sie auf ihr Ebenteuer gegen das Ungeheuer, den Seehasen, auszogen, bis der Has aus dem Sack herausfuhr und alles durcheinanderrief, wie damals der Allgäuer: Potz Veitle! luag, luag, was ischt das? Es Ohngeheuer ischt noh e Has. – *   950. Tripstrill in Schwaben Beim Trillpetritsch kann einem leichtlich Tripstrill einfallen, zumal auch Schwaben sein Tripstrill und die vogtländische Redensart vom guten Städtlein Triptis hier im schwäbischen Zabergäu einen Widerhall gefunden hat. Nämlich am Fuße des Michelsberges – von dem auch sonst so viele Sagen gehen, unter andern, daß er auch Gudinsberg (wie in Hessen eine Stadt Gudensberg) und Wudinsberg heiße – liegen neben dem Dörfchen Neukleebronn drei Höfe, wie sonst bei Triptis drei Burgen, die nennt das Volk Tripstrill, und soll vorderen auch eine Stadt allda gelegen haben, deren Reste die Höfe seien. Und wie dort beim vogtländischen Triptis eine berufene Wiese, Weide und Quelle, so hier in Schwaben auch eine Wiese mit reichen Quellen, die vordessen die Pelzmühle trieben, in der die alten Weiber, wenn sie drin mahlen ließen, einen frischen Pelz und eine junge Haut bekamen. Und antworten die Leute gern, wenn jemand unberufen neugierig fragt, wohin man wolle, oder woher man komme, in Thüringen: Von (nach) Tripstrill auf dem (den) Federmarkt, und in Schwaben: Aus (nach) Tripstrill aus der (in die) Pelzmühle, wo man die alten Weiber mühlt. *   951. Der Weibertrunk zu Weilheim Zu Weilheim bei Tübingen ist vordessen von den Weibern ein besonderes Recht geübt worden, schöner als jenes Recht der Weiber zu Westheim mit ihrem Stein und etwa ebenso schön wie das heitere Hochgericht zu Marktsteft. Es war ihnen nämlich einstmals eine Eiche geschenkt worden – vielleicht hatten sie auch, wie die Weiber zu Dornhan, einmal einer gnädigen Herrschaft die Pferde ausgespannt und sich davor, welche dann alljährlich am Aschermittwoch einen Schoppen Wein zur Letze bekamen – die Eiche sollten aber die Weiber selbst aussuchen, umhauen, verkaufen und vertrinken. Nun war das mit dem Selbstumhauen so eine Sache, es ging immer nur bei ziemlich dünnen Eichen an, für die nicht viel gelöst wurde; daher wurden die guten Weiber eins, ihre Eiche, und zwar eine recht dicke, dem Dorfe um eine runde Summe zu verkaufen, die mußte alljährlich der Schultes auszahlen. Doch bewehrten sich zum Zeichen alten Rechtes und Herkommens stets etwelche Weiber mit Äxten, gingen dann zum Schultes und sprachen: Wir wollen unsere Eiche umhauen. – Darauf empfingen sie das Geld, und nun fand sich die ganze Weiberschar auf dem Rathaus ein zum Juchhe. Hatte eine Frau Abhaltung daheim, so ließ sie ihren Trunkanteil nach Hause holen, welche aber kam, die durfte so viel trinken, als sie wollte. Männer sollten nicht am Trunke teilnehmen, doch geschah es ausnahmsweise jedennoch. Hernachmals ist aber der alte Brauch und das alte Recht abgeschafft worden, wie so vieles, denn dem Volke möglichst alles an alten Gewohnheiten, Sitten und Bräuchen zu nehmen, mochten sie gut oder schlecht sein, dahin ist von jeher der Sinn der Beamten und der neumodischen Aufklärer gerichtet gewesen. *   952. Der Pferdeheilige Das wissen nicht viele, daß die Pferde auch einen Schutzpatron haben, wie die Schweine ihren Antonius, selbiger ist der heilige Märtyrer Colomanus. Er war aus Schottland nach Deutschland gekommen und hatte im Schwaben- und Bayerland hin und her das Evangelium gepredigt, bis er seinen Tod durch Enthauptung fand am dreizehnten Tage des Weinmondes im Jahre des Herrn 110. Ein Wald bei Böhmenkirch in Schwaben führt noch nach ihm den Namen der Colomanswald, dort hatte er auch eine Kapelle, neben welcher lange Zeit ein frommer Einsiedler gewohnt hat. Dorthin trieb man viele Jahre lang aus der ganzen Umgegend am Pfingstmontag die Pferde, wohl über vier- bis fünfhundert, und ritt sie dreimal um die Kapelle herum; nebenbei war eine starke Wallfahrt dahin am selben Tage, der Pfarrer von Böhmenkirch hielt Predigt und Hochamt, dabei stand das Haupt des heiligen Märtyrers vor der Kirchtür auf einem Tisch, und vor dem Haupt stand ein großes messingenes Becken, dahinein die Opfer fielen. Krämer kamen auch hin und schlugen ihre Buden auf, und war allda so lustig wie auf dem Keferloher Pferdemarkt, der noch besteht. Später ist das Haupt des heiligen Coloman aus der Waldkapelle, da sie abgebrochen ward, in die Kirche zu Böhmenkirch übertragen worden. – Ein andrer Colomanswald liegt im Hausruckkreise im Erzherzogtum Österreich ob der Enns, dort steht auch noch eine dem Pferdeheiligen geweihte Kapelle, zwei Stunden vom Mondsee. Dort rastete der heilige Pilger auf seiner Reise nach Jerusalem. Als Pilger wird er auch stetig abgebildet, in der Hand einen Strick, und dieser Strick mag wohl Ursache geworden sein, daß man ihm den Schutz über die Pferde anbefohlen hat. *   953. Andreasnacht Solche böse Possen, wie die Fräulein zu Koburg vornahmen, ihre künftigen Liebhaber vorher zu schauen, sind in der Andreasnacht, Christnacht, Thomasnacht und andern heiligen Nächten auch in Schwaben vorgenommen worden. Die Andreasnacht hatte aber den Vorrang neben der Thomasnacht. Da mußten die Mädchen, die ihre Zukünftigen erschauen wollten, allein in der Kammer schlafen und mit dem zwölften Schlag der Mitternachtsstunde den Andreassegen beten, auch dabei den Bettstollen dreimal treten, wie man tut, wenn man zu einer gewissen bestimmten Stunde nachts erwachen will. Der Segen lautet: Heiliger Andreas (Thomas), i bitt di, Bettstoll, i tritt di. Laß mir doch erscheinen Den Herzallerliebsten meinen. Wie er geht und steht. Und wie er mit mi in de Kirchen geht. Es hat mit diesen und andern Dingen jedoch ein Aber. Manches Mädchen, welches den Segen sprach, fühlte, daß eine eiskalte Hand ihm übers Gesicht fuhr; der Herzallerliebste, der ihr so erschien und sie noch im selben Jahre freite, war dann der Tod. Andre, die dem wirklich erscheinenden Liebhaber etwas entrafften, mehrenteils Messer, sind sehr unglücklich geworden, den auf diese Zauberweise zu ihnen gewaltsam Hinentrückten befiel entsetzliche Beängstigung, und wenn sie dann später unversehens das Messer fanden, stießen sie es den eignen Frauen in das Herz. Ein Brauch ist auch, daß sich in der Andreasnacht die Mädchen, nachdem sie zwischen elf und zwölf Uhr ein brennend Licht auf den Tisch gestellt, völlig entkleiden und, den Rücken der Stubentüre zuwendend, die Stube auskehren; sie dürfen sich aber beileibe nicht umdrehen. Dann sehen sie ihren künftigen Ehemann hinter dem Tische sitzen, wie er leibt und lebt. Eine Dirne aus Wurmlingen machte den Versuch, und siehe – hinter dem Tisch saß ihr Brotherr, welcher schon eine Frau hatte. Nun schämte sich das arme nackte Ding fast zu Tod und dachte, der könne sie ja doch nicht heiraten. Aber noch in demselben Jahre starb die Hausfrau; der Mann gönnte sie dem Himmel von Herzen und freite frischweg die schöne junge Magd. *   954. Knöpflinsnächte Es war und ist ein alter Brauch in Schwaben, besonders in der Stuttgarter und Tübinger Gegend, mit manchem Scherz die sogenannten Knöpflinsnächte zu feiern, das sind die Nächte der drei letzten Adventsonntage, die dem Christfest vorangehen. Es mag dabei sonst vieler Unfug getrieben, auch namentlich das Gabenheischen übertrieben worden sein, denn an manchen Orten, in Schwäbisch-Hall schon 1685, wurden die Knöpflinsnächte verboten. Gewöhnlich scharen sich die Knaben zusammen und gehen singend kurrendemäßig von Haus zu Haus mit allerlei Liedchen: z. B. Heint ist die heilig Knöpflinsnacht – Corrandi! Corrandi! (Currende, currende!) Wer mir Apfel und Birnen geit, Dem dank' i, dem dank' i! usw. Fast an jedem Ort hat das Laufchor andre Bittverslein. Der mittelalterliche Brauch des Singeumganges von Schülern auf den Straßen, die Kurrende, ist noch in vielen Städten Mitteldeutschlands üblich, und die schwarzen Mäntel, welche dabei getragen werden, haben noch den Zuschnitt aus Luthers Zeit, da er selbst in Eisenach in der Kurrende ging. Zu Berlin ist in allerneuester Zeit die Kurrende förmlich wieder eingeführt worden. Man wirft in den Knöpflinsnächten auch mit Erbsen an die Fenster, das hat gar eine sondre Ursache. Vor alten Zeiten regierte einmal eine grausame Pestilenz in Schwaben, es starb alles aus, die Häuser waren gesperrt, man wußte nicht, waren die guten Freunde tot oder noch lebendig. Um das zu erkunden, wagte man sich nachts auf die Straßen und warf Erbsen an die Fenster der Freunde zur Nachfrage. Wer noch lebte, kam dann an die Fenster und bedankte sich mit einem Vergelts Gott! Kam niemand an das Fenster, so wußte man, daß drinnen alles aus und tot war. Daher hat sich der Brauch in mancher Gegend, so um Wurmlingen und Rothenburg a. N., erhalten, und die Leute rufen noch immer mit einem Vergelts Gott den geschichtlichen Dank aus den Fenstern den Werfern zu, solange das Werfen mit Erbsen geschieht und nicht in Katzenmusikbegleitung mit Steinen, denn das vergilt nicht Gott, sondern der Teufel. *   955. Die Untergänger Untergänger heißen in Schwaben die falschen Feldmesser und Feldrichter, welche die Flur- und Triftgrenzen und die Einzelgrundstücke unrichtig und zu andrer Schaden vermessen. Grenz- und Marksteine versetzen, Furchen von des Nachbars Acker ab und zu dem ihren pflügen, und alle diese Leute, von denen auch im übrigen Deutschland allgemein die Sage geht, daß sie nach dem Tode umgehen, schweben oder geisten müssen, und zwar zumeist als Feuermänner und große Heerwische. Davon hat es auch in Schwaben vordessen viel gegeben; es war nicht gut, ihnen zu begegnen oder auf sie zu stoßen. Sie schlugen mit ihren feurigen Rutenstäben und Pickeln, umschlangen mit glühenden Meßketten, und wenn sie niemand hatten, an dem sie ihre Wut auslassen konnten, so plätzten sie aufeinander selbst los, daß die Funken weit umherspritzten, und schimpften einander kurz und lang. Solcher Männer, die nach dem Sprüchwort Himmel und Erde betrogen mit ihrer Falschmesserei, gab es bei Tübingen eine ganze Gesellschaft, da sind ihrer fünf; andre sah man bei Betzingen laufen; in der Rothenburger Markung schwebten ihrer sieben; bei Bühl im Neckartale geistet auch einer umher, und so an vielen andern Orten und Enden. *   956. Die Schrettele Schrat und Schrettele sind unheimliche Wesen, in mannigfacher Beziehung abschreckend und furchtbar gedacht. Dem ursprünglichen Begriff nach ist der Schrat ein struppiger wildhaariger Waldspuk, daher ein wilder Waldschrat, und zwar für beide Geschlechter, der spätre hat sich in der verkleinernden Form Schrättlein zur Nachtmahr ausgebildet. Das Schrattele ist in Schwaben Alp, daher heißt es auch in mancher Gegend bloß Drückerle, Nachtmännle; selbst zottig und zotelig, beim Sichtbarwerden erscheinend, verpfitzt es, indem es gleich der Mahr im Niederland auch die Pferde quält, der Tiere Mähnen, flicht die Weichselzöpfe, saugt an Brüsten und Eutern der Menschen und Tiere, selbst an denen ganz junger Kinder, daß sie aufschwellen. In manchen Gegenden heißen sie Schrecksele, nach Bayern hinein Nettele. Viele denken sie auch mit den Truden überein, gegen beide wird der magisch mystische Trudenfuß, das Pentalpha, über Türen gezeichnet, dessen Gestalt also: Das ist das Zeichen, dessen in Goethes Faust der Held gegen Mephistopheles gedenkt: Das Pentagramma macht dir Pein! – Hauptsache ist, daß es mit einem sichern und festen Zuge gezogen werde und in allen Winkeln, an allen Spitzen schließe; da kann kein Geist unter ihm oder über ihm hinweg; schließt es nicht, so ist es wirkungslos. Das nennen die Leute in Schwaben Schrattlesfuß, anderwärts heißt es Trudenfuß. Auch Steine gibt es, welche Schrattlesfüße heißen, es sind Fährtenabdrücke von Sauriern, unters Kopfkissen gelegt, kann kein Schrettele dem Schlafenden beikommen. Als Schrattensteine werden auch in gleicher Weise in manchen Gegenden die sogenannten Donnerkeile, aber durchbohrte, altgermanische Streitkeile von Stein, gebraucht. Als Alp kommen die Schrettele durchs Schlüsselloch und ziehen durch dasselbe wieder hinweg, wie jene Flaumfeder zu Ruhla, und plagen absonderlich gern Wöchnerinnen und Wochenkinder, nehmen auch Tiergestalt an und drücken die Menschen, daß ihnen schier der Odem ausgehen möchte. Glücklich ward ein Müller kuriert, und schlecht kam eine Trude weg, die ihn schrecklich plagte. Der Gequälte stöhnte und ächzete, konnte sich aber nicht ermuntern. Der Kamrad, der bei ihm schlief, stieg auf, machte Licht und sah einen Strohhalm quer über dem Schlafenden liegen, den er in die Hand nahm. Gleich wachte jener erleichtert auf, und da verbrannten sie den Strohhalm. Nie kam die Trude oder das Schrettele wieder zu dem Mühlburschen, drüben im Nachbarhause aber lag die Frau im Bett und hatte Brandblasen an allen Gliedern. – Sehr probat ist gegen solche Ungetüme ein Schreckselesmesser, das ist einfach ein Messer, auf dessen Klinge drei Kreuze eingegraben sind und das zur Nacht mit der Spitze über sich in die Höhe gehalten wird. Da sticht sich das Schrettele hinein und kommt nimmer wieder. *   957. Spinne aus dem Munde Einstmals sind zwei Weiber aus Betzingen miteinander in das Gras gegangen, und da sie von ihrer Arbeit an einem Rain ausruheten, klagte sich die eine großer Müdigkeit und schlief ein, die andre aber blieb munter und wunderte sich, daß ihre Gefährtin also sehr schläfrig war. Auf einmal nahm sie mit Staunen wahr, daß der schlafenden Frau eine Spinne aus dem Munde herauskroch und im Grase des Rains sich bald verlor. Darauf stieß sie die Schlafende an und wollte sie wecken und ihr das Gesehene mitteilen, aber jene erwachte nicht, sondern lag stocksteif, gleich dem Weibsbild, das die Schnitter bei Vilforde fanden, dem ein Tierlein in den Mund hineinkroch, und gleich der Magd zu Unterwirrbach bei Saalfeld, der das rote Mäuselein aus dem Munde kroch. Es dauerte eine ganze halbe Stunde, da kam die Spinne wieder und kroch der Schlafenden in den offnen Mund hinein. Gleich darauf erwachte sie und raffte sich auf, wieder ihrer Arbeit zu warten; der Gefährtin aber grausete, sie wußte nun, daß die andre eine gefährliche Trude war und mittlerweile anderswo gewesen. *   958. Ach Alm! Nicht gar weit von Reutlingen stand auf dem kegelförmigen Achelberg die feste Burg Achel, später Achalm genannt, die jetzt in Trümmern liegt, gleich allen oder doch den meisten ihrer zahlreichen Nachbarburgen in der Schwäbischen Alb. Ihren Aufbau legt die Gelehrtensage ihrer Umgegend noch über die Zeit vor Christi Geburt hinaus, und die ältesten Erbauer und Besitzer sollen Großhofmeister im Frankenreiche gewesen sein. Mehrere Jahrhunderte später war ihr Herrengeschlecht noch schier riesenhafter Art und beherrschte rings den Gau, doch gab es damals der blutigen Fehden nur allzu viel, und eine derselben brach auch das älteste Schloß. Dann haben zu Kaiser Konrads Zeiten zwei Brüder gelebt, Egino und Rudolf, die erbauten aufs neue die stattliche Bergfeste, darüber kam der eine Bruder, Egino, zum Sterben. Da fragte Rudolf noch schnell seinen sterbenden Bruder: Wie nennen wir, Bruder, die neugebaute Burg? – Egino aber fühlte schon ganz tief im Herzen den herben Todespfeil und rief erbleichend: Ach, Allm – und wollte rufen: Ach, Allmächtiger! – da fesselte der schnelle Tod seine Zunge, und Rudolf nannte nun nach des Bruders letztem Seufzer die neue Burg Achalm und führte den Bau zu seiner Vollendung. Diese Sage soll aber erst später gemacht sein, und: Ach äll (alle) muß ich verlassen! soll der Ausruf des Sterbenden gelautet haben, daher der Burgname Achel. *   959. Vom edlen Möringer Es geht ein altes Lied vom edlen Möringer, das war ein freisamer Rittersmann, der saß zu Möringen an der Donau und bat seine Frau um Urlaub, in Sankt Thomas' Land zu ziehen, und sie möge sieben Jahre seiner Rückkehr harren, Land und Gut indes verwalten und ihre Treue ihm bewahren. Und zu seinem Kämmerer sprach er: Hüte meiner Fraue sieben Jahre lang und wache über sie! – Da sprach der Kämmerer: Herr, lang ist der Frauen Haar, aber ihr Mut ist kurz, lang sind sieben Jahre, und kurz sind sieben Tage, und doch möcht' ich nicht sieben Tage Euer Frauen Hüter sein. – Da redete der Ritter mit einem jungen Herrn, des Name war von Neuffen, daß dieser der Frauen sorglich hüte, und der gelobte es ihm in Treue an. Da hub sich der edle Möringer getrost von dannen und zog in fernes Land und blieb allda sieben ganzer Jahre. Und wie das siebente Jahr ablief, lag er in einem Garten schlummernd, da träumte ihm, er höre eine Engelstimme, die rief ihm zu: Möringer, edler Möringer! Was säumest du allhie? Kommst du nicht bald zurück, so freit der junge von Neuffen dein Weib! – Von dieser Stimme erwachte erschreckend der Möringer, und erseufzete, und flehte zu Sankt Thomas, ihn zu retten aus so herber Schwere, und entschlief wieder in großem Kummer. Und wie er wieder erwachte, so blickte er erstaunt umher, denn die Landschaft kam ihm nicht mehr indisch, syrisch, persisch, portugiesisch oder spanisch vor, sondern ganz schwäbisch, und der teure Apostel hatte seinen treuen Jünger viel kürzer und mit viel mindern Umständen über Land und Meer in seine Heimat geführt als der Teufel den Herzog Heinrich den Löwen. Der edle Möringer befand sich im Pilgerkleide vor einer Mühle, die sein war und dicht unter seiner Burg klapperte, und trat zum Müller hin und fragte selbigen: Müller, was gibt es gutes Neues hiezulande? Ich bin ein Wallbruder und komme von fern her. – Gutes gibt's und Schlimmes, wie man's nimmt! erwiderte der Müller. Der Herr von Neuffen nimmt heint droben auf der Burg des edlen Möringers Frau oder Wittib zum Weibe, denn leider soll unser guter Herr in Sankt Thomas' Lande Todes verfahren sein. – Da ging der edle Möringer zu seiner Burg empor, heischte Almosen und Imbiß und Nachtlager um Gottes und Sankt Thomas' willen und um des alten Möringers Seele. – Als das die Burgfrau hörte, hieß sie den Alten einlassen und Speise geben und Herbergen, solange er wolle, denn sie war fröhlich in ihrem Herzen. Wie nun der Abend kam, sprach ein Dienstmann, daß des edeln Möringers Sitte gewesen sei, von einkehrenden Pilgrimen ein Lied zu begehren, und da rief gleich der Hochzeiter von Neuffen: Rufet uns den Pilger, er singe uns ein Liedlein, bevor wir zu Bette gehen. – Und da kam der Pilgrim und sang, wie er zwar langes Schweigen gelobt habe, nun aber brächten schöne Frauen ihn zum Singen, und er bitte den jungen Mann, ihn an der alten Braut zu rächen und mit seiner Lauten in den Sang einzustimmen. Er sei alt und graubärtig, sie wolle einen Jungen haben, er sei vor ein Herr gewesen, sei nun ein Knecht, und müsse ihm auf dieser Hochzeit eine alte Schüssel recht sein. – Dieser trübe Sang bewegte die Frau, und sie ließ dem Pilger nach der Sitte der Zeit einen goldenen Becher Weines darreichen, in diesen senkte er seinen Vermählungsring und sandte diesen in dem Becher der Frau zurück. Und da ging es, wie es bei Kaiser Karl des Großen Heimkunft ging und bei der Heinrichs des Löwen: die Frau erkannte den Ring und den Gemahl, und stürzte ihm reuig zu Füßen, und schwur, daß sie bis diesen Tag noch ihre Frauenehre unverbrochen bewahrt, und wäre dem nicht so, so sollte er sie einmauern lassen. Dem jungen Herrn von Neuffen war am übelsten zumute, er bot seinem Lehnsherrn das Haupt zur Sühne dar, der aber sprach: Nicht also, Herr von Neuffen, nehmt meine Tochter, und die alte Braut laßt mir, ich will ihr selbst die Haut wohl beren (schlagen). Und da waren alle Teile zufrieden. *   960. Der Schuster zu Lauingen Das Städtchen Lauingen zwischen Ulm und Donauwörth ist gar sagenreich. In den Hunnenzeiten geschah es, daß das Heidenheer und das Christenheer einander gegenüberlag, ohnweit dem Donaustrom und dem Schlosse Faimingen, und weil ihre gegenseitige Streitmacht sich die Waage hielt, so sollte ein Zweikampf zweier auserwählter Streiter den Sieg entscheiden. Da wählte der Kaiser seinen Reichsmarschall, das war ein Pappenheim, und wollte derselbe mutig zum Kampfe schreiten. Wie er sich nun gürtete und rüsten ließ, trat ein Unbekannter zu ihm heran und sprach: Laß ab zu sinnen, wie du dem Feind obsiegen wirst, nicht du sollt des Kaisers Kämpe sein, sondern ein geringer Mann, ein Schuster aus Henfail (so hieß Lauingen vordem). – Wer bist du, daß du solches mir ansagst? fragte staunend der Marschall. – Ich bin Georg, Christi Streiter! antwortete der fremde Mann, des zum Wahrzeichen nimm meinen Daumen. – Und gab dem Marschall den Daumen der Hand heraus, ohne daß die Hand blutete, und verschwand. Der Marschall sagte das Wunder dem Kaiser an, und der Kaiser sandte nach dem Schuster, und der Schuster kam und gewann den Sieg. Da sollte er sich drei Gnaden vom Kaiser erbitten, und da bat er um eine Wiese zum Gemeingut für die Stadt Lauingen, welche nicht viel kleiner mag gewesen sein als jene Wiese bei Bremen, um die der lahme Krüppel in einem Tage hinkte. Zum zweiten bat er für die Stadt Lauingen um das Ehrenrecht, mit rotem Wachs siegeln zu dürfen, das sonst nur die Reichsstädte genossen und ausübten; dann endlich bat er, daß die Marschälle von Pappenheim eine Mohrin sollten als Helmkleinod führen dürfen, welches sie noch bis auf den heutigen Tag tun. Für sich begehrte der fromme Schuster nichts. Sankt Georgs Daumen aber teilten die Pappenheimer, faßten jedes Glied in Gold und bewahrten eins zu Kaisheim, das andere zu Pappenheim heilig auf. Und die Stadt Lauingen nahm, ihrem tapfern Sohn zu Ehren, ebenfalls einen Mohrenkopf zu ihrem Wappen an. *   961. Die Schlange als Gast Zu Lauingen haben ein paar arme alte Leute gelebt, denen ging es kümmerlich trotz allen Fleißes, und der Mann mußte selbst in den Wald gehen und allda sein Holz holen. Da er nun einstmals wieder in den Wald kam, hatte der Sturm einer starken Eiche einen mächtigen Ast abgebrochen, des freute sich der Mann und hob den Ast auf, ihn davonzuführen, da kam vom Baume her eine große Schlange auf ihn zu, und er stand ab von seinem Vorhaben und entfloh. Andern Tages aber ging er wieder hin, den Ast zu holen, in Hoffnung, die Schlange werde sich nun an einen andern Ort hinbegeben haben, allein er fand sie jetzt um den Ast geringelt, wie er diesen aufhob, und die Schlange steckte ihr kleines Köpfchen ihm ganz freundlich entgegen. Der Mann aber schauderte vor dem Wurm und ließ den Ast fahren, und hieb sich ein Bündel kleines Holz und trug dies nach Hause, betrübt, daß ihm der schöne Ast entging. Als er daheim das Reisigbündel abwarf, so begann er zu seiner Frau zu sprechen, der er von dem Ast und der Schlange schon oft erzählt hatte: Ich habe den Ast wieder nicht, denn die Schlange hatte ihn umringelt! Indem so tat die Frau einen lauten Schrei, und aus dem Reisigbündel glitt die Schlange heraus und schlüpfte in das Haus und schloß Freundschaft mit der Katze und spielte mit ihr. Da meinten die beiden Alten, es möge wohl etwan ein Mensch wegen einer Untat in die Schlange verzaubert sein, und duldeten sie und gaben ihr Nahrung. Und die Schlange war nicht so undankbar wie jene im Märchen, die ihren Wirten heimlich Gift in die Suppe spie, sondern sie brachte eitel Glück und Segen in das kleine Haus; die Arbeit lohnte sich und nährte besser, der Erlös an Waldbeeren, welche die Alte sammelte, wurde ergiebiger, und alles, was die beiden Leute begannen, das mißriet ihnen nicht, und so lebten sie mit der Schlange in stetem guten Frieden und wurden so alt wie Philemon und Baucis und starben auch miteinander nach ihrem beiderseitigen Wunsche zu gleicher Zeit. Und als sie gestorben waren, wurde die Schlange von keinem Auge mehr gesehen. *   962. Albertus Magnus zu Lauingen Im Städtchen Lauingen ist der große Albertus geboren, der ein Bischof war und ein Zauberer, das letztere aber vor dem ersten. Er war ein Meister in allen geheimen Künsten und gebot über die Geister. Wandelnde Menschen brachte er durch Kunst hervor und redende Häupter. Mehr als eine schöne Mär geht von ihm in Liedern um, wie er zu Paris jene verbuhlte Königin gestraft und bekehrt, die ihre Liebhaber in den Turm von Nesle lockte und darin verderben ließ, damit keiner ihre Schande ansage, auch wie er die Minne der jungen Königstochter mit Listen gewann. Albertus Magnus konnte den Winter in den Sommer umzaubern, wie er durch sein Gastmahl zu Köln bewies, das er dem König Wilhelm am heiligen Dreikönigstag im Jahr 1248 gab. Damals – vor sechshundert Jahren – es ist schon lange her, gab es noch Tausendkünstler; heutzutage gibt es keine mehr. Einst hatte Albertus mit einem guten Gesellen Umgang, der schmeichelte ihm sehr und warb eifrig um des Magnus Freundschaft, und da ihm Albertus einen Dienst erwiesen, so verschwur er sich hoch und teuer, wann er zum Glück gelange, dem Meister das nie zu vergessen, schwur es bei dem Becher Wein, den er in der Hand hielt, denn sie tranken gerade miteinander – und da ereignete es sich gleich darauf, daß der dankerfüllte Freund zu großem Glück gelangte, das wuchs und wuchs ihm wunderbar zu Häupten, und wurde endlich gar ein König, und lebte als solcher schon drei Jahre herrlich und in Freuden, und scharrte sehr unköniglich viel Geld und Gut zusammen, und war geizig und karg über alle Maßen. Albertus aber war indes in tiefe Armut gefallen und nahete als Bettler dem Könige, dem er einst wohlgetan, und erinnerte ihn an dieses Einst und flehte, seine Not zu mildern. Der König aber rief: Ei seh Uns einer solchen frechen Lump und Strolch! Viel hätten Wir zu tun, sollten wir Uns jeden Vagabunden und Fechtbruders erinnern, da wollten Wir viel lieber nimmer König sein! – So sei's gewesen! sprach Albertus, und da fiel dem Träumer – denn alle Herrlichkeit war nur ein Wonne- und Weintraum gewesen – der Pokal aus der Hand und zerklirrte, und jener fuhr erschrocken auf und staunte, und Albertus sprach: Fahr hin, Geselle! Deinen Sinn mir zu offenbaren, war ein Traum von drei Minuten lang genug, die doch drei Jahre dir gedünket! Deine Treu hat ihren Lohn dahin. Hernachmals ist zu Lauingen auf einem Turme des berühmten Eingebornen Albertus Bildnis aufgestellt worden, und sein Andenken lebte dort nicht minder fort von Kind zu Kindeskind wie zu Köln und Regensburg und in seinen Schriften von den Tugenden der Tiere, Kräuter und Edelgesteine, von den Naturheimlichkeiten und der Frauen Rosengarten, denn er war ein weiser Meister über alle. *   963. Die Kümmernisbilder Zu Lauingen geht auch die Sage von der frommen Jungfrau Kümmernis, die so vielfach in deutschen Landen begegnet, und deren Bilder zu Wien, zu Ettersdorf bei Erlangen, zu Saalfeld und an vielen andern Orten gefunden werden, vornehmlich auch zu Gmünd in Schwaben, wo aber Maria, oder nach andern die heilige Cäcilia, die Schuhspenderin gewesen sein soll. Zu Lauingen und dessen Umgegend ward nun geglaubt, wer nur ein Bild der Jungfrau Kümmernis bei sich trage und sich ihr verlobe, dem werde also aus seiner Not geholfen, wie sie dem armen Spielmann half, und zweimal wird noch immer alldort ihr gekreuzigt Bildnis in Kirchen gefunden. Am Wege von Dillingen nach Steinheim steht ein Kapellchen, Sankt Leonhard geweiht, das barg der Kümmernisbilder viele, die als Gelübde hier dankbar geopfert waren, das erfuhr ein Bischof zu Augsburg und verdroß ihn, denn es steht keine Kümmernis im römischen Heiligenkalender, und das deutsche Volk soll nichts Eignes haben, und befahl, die Bilder alle abzureißen und zu verbrennen. Als das die Bauern in der Gegend hörten, liefen sie eilend nach Sankt Leonhard und holten ihre Votivbilder wieder von der Wand, um sie dem Feuer zu entreißen und ihnen bessern Platz zu gönnen. Hernachmals ist aus der Kapelle gar ein Pulvermagazin gemacht worden, und da haben die Bauern gesagt: Seht ihr wohl! Sankt Leonhard kann sein Haus nicht schützen! Sankt Kümmernis hätte das nicht gelitten. – Selbst in der altberühmten Kirche zu San Marco zu Venedig ist ein Kümmernisbild zu erschauen. *   964. Der Hoihoimann Zwischen Lauingen und Augsburg liegt Wertingen, dort ist die Gegend gar bruchig, moosig, schnureben und so recht gemacht zum Aufenthalt der Irrlichter, Hullenpöpel und Spukdinger aller Art. Darüber hin fuhr und fährt noch immer das wilde Gejäg, aber erst nicht mit Horrido und Hussassa und Kliff und Klaff, wie der Dichter singt, sondern dem Wanderer dünkt erst gar liebliches Getön von weitem zu hören, wie Musik aus dem Singerberge, und es drängt ihn, diesen lieblichen Klängen nachzugehen. Aber bald genug kommt er in des Teufels Küche, sinnbetörender Lärm mnbraust ihn, Raben schwärmen und lärmen ihm überm Haupt, es rasselt und prasselt, knallt und schallt, bellt und gellt, das wilde Gejäg mit all seinem Höllenspektakel, und froh kann er sein, wenn er nicht aufgehoben und mit fortgeführt wird weit durch die Luft und in das Moos geschmissen, durch das die Glött und Zusam zwischen nichts weniger als romantischen Ufern der Donau zuschleichen. In diesem wüsten Lärm tut sich auch der Geist eines Kerls hervor, der nichts weiß, als fort und fort überlaut Hoi! hoi! zu schreien, der aber auch bisweilen ohne die Begleitung des wilden Gejägs erscheint, mit einer Peitsche knallt, wie zwanzig Fuhrleute auf einmal, und sein Hoi hoi! über die weiten unheimlichen Flächen erschallen läßt. Der irre Wanderer, der ihn von weitem hört, denkt: Gott sei Dank, dort fährt ein Fuhrmann, holst du den ein, so kannst du dann des Weges nicht fehlen. Der Wanderer verdoppelt seine Schritte und holt den Fuhrmann ein, der keinen Wagen und auch keine Pferde hat; es ist ein Zwerg mit großem Schlapphut in einem roten Mantel und schreit Hoi hoi! und knallt, und lacht, und verschwindet, und der Wanderer steckt mitten im Irrwischmoor bis an die Knie, oder bis an den Bauch, oder noch tiefer, und wartet, bis jemand kommt und ihm heraushilft. In weiter Ferne hört er des Kobolds Hoi hoi! tief im Geröhrig drin verhallen. *   965. Attila vor Augsburg Da der wilde Etzel mit seinem Hunnenheere schlimmer noch als das wilde Gejäg die Fluren des Lechgebietes überströmte, nahete er auch der alten Römerkaiserstadt Augsburg, der Vinäelioorum. und wollte mit wenigen Gefährten den Lech durchreiten. Wie er nun an des Alpenstromes flaches Ufer kam und sein Roß schon den Huf erhob, in das Wasser zu treten, da rauschte das Wasser gewaltiglich, und es hob sich aus dem Grunde ein Riesenweib, grauenhaft und furchtbar anzusehen, daß das Roß entsetzt zurücksprang und der König im Sattel wankte. Und die graue Stromfei sah ihn aus hohlen Augen an mit starrem Todesblick, reckte den gespenstigen Arm lang aus gegen den König und sprach nichts als diese Worte: Retro Attila! Retro Attila! Retro Attila! – und sank wieder nieder, und über ihrem flatternden Nixenhaar schlossen sich rauschend die Gewässer. Da packten den König nie gefühlte Schauer an, und er starrte hin, und sprach kein Wort, und wandte sein Roß, und ritt nicht über den Lech. Bald hernach ist die schreckliche Hunnenschlacht am Lech erfolgt, in welcher Sankt Ulrich, hernachmals der Schutzpatron der Stadt Augsburg, damals als heldenmütiger Bischof noch im irdischen Leben wandelnd, dem Christenheere vorkämpfte und ihm zum Siege half und deutsche Einheit die fremdländischen Barbarenhorden in ihre Heimat zurückjagte – was nicht von ihnen das Lechfeld mit seinem Blute und seinen Leichen düngte. *   966. Eines Vaterunsers Wert Da der heilige Ulrich noch Bischof zu Augsburg war, kam alltäglich zur Mittagsstunde ein alter Bettler an die Pforte des Bischofhofes, der ward da gespeist mit einem Mittagsmahl und betete jedesmal zu frommem Danke drei Vaterunser für den Bischof. Da kam einmal dem heiligen Mann eine sorgenschwere Zeit, wie sie wohl an keinem Erdensohn vorübergeht, denn jeder hat bisweil sein Kreuz, und da erging er sich in trüben Gedanken und begegnete dem alten Bettler, und sich zu zerstreuen, redete er ihn an: Wie geht es dir, Alter? – Wie immer, hochwürdigster Herr Bischof! war des Greises Antwort. – So, so! sprach Ulrich, mir aber geht es nicht wie immer, mir geht es trübe, und ich glaube ganz sicherlich, du hast heute für mich kein heilig Vaterunser gesprochen. – Mein Seel, getroffen! versetzte der Bettler, ich habe nicht gebetet, weil, als ich kam, Euer Küchenmeister mir ein Gesicht machte wie die Katz, wenn's donnert, und mich anschnurrte und mit den Worten abspeiste: Heute wird nichts gereicht! Von solcher Abspeisung wurd' ich nicht satt, hochwürdigster Vater, sollt' ich nun für nichts beten? – Auf diese Rede wandte sich der Bischof nach seinem Hofe zurück und berief alsbald den Küchenmeister und sagte ihm: Du hast mich durch deinen nichtswürdigen und gottverdammten Geiz um jenes Armen Vaterunser gebracht und bist schuld an dem Kummer, der über mich gekommen ist. – Ei wohl, Herr Bischof, antwortete keck der Knecht, an so eines Lumpen Vaterunser wird auch was Rechts gelegen sein! Wieviel Deute wird das wohl wiegen? – Ich weiß dies in der Tat nicht, antwortete Ulrich, darum erhebe dich flugs gen Rom und frage an beim Heiligsten Vater, wieviel ein Vaterunser wert sei, und ehe du mir dessen Antwort bringst, tritt nicht wieder vor mein Angesicht! – Da mußte nun der arme Küchenmeister per pedes apostolorum gen Rom pilgern, doch ward ihm allenden als Boten Bischof Ulrichs gutes Geleit, und kam bald vor den Papst und legte diesem seine Frage vor. Da sprach der Heilige Vater: Ein Vaterunser – das ist wert eines güldnen Pfenniges. – Damit machte der Küchenmeister sich auf gen Augsburg und erstattete Ulrich Bericht. – Sehr gut, sprach dieser; aber, mein Sohn, wie breit soll der güldne Pfennig sein? – Solches wußte der Bote nicht und mußte aber gen Rom fahren und dem Papst diese neue Frage vorlegen; war ihm ein schlechter Gefallen, gab auf der weiten Reise gar nicht so gute Bröcklein und Schlücklein als in des Herrn Bischofs Küche zu Augsburg. Da er nun zum Papste fragend kam, so sprach dieser: Ein Vaterunser, das ist wert eines güldnen Pfenniges, welcher so breit ist als die ganze Erde. – Freudig eilte der Bote nun wieder über die Alpen und sagte die Auskunft an, doch St. Ulrich sprach: Sehr gut, aber, mein Sohn, wie dick soll der güldne Pfennig sein? – Das wußte nun der gute Bote wiederum nicht, und da half kein Zittern für den Frost, er mußte zum dritten Male gen Rom wallen und verwünschte auf dem Wege alle alten Bettler und Hungerleider und Vaterunserbeter zu allen tausend Teufeln und gab keinem einen Deut, soviel ihrer in Welschland ihn auch antraten. Und nun gab der Papst diesen Bescheid: Ein Vaterunser, das ist wert eines güldnen Pfenniges, der so breit ist wie die Erde und so dick, so weit der Himmel von der Erde und die Erde von dem Himmel ist. – Da nun der Küchenmeister mit dieser Botschaft endlich heimkehrte, sprach St. Ullrich: Siehe, nun weißt du es, mein Sohn, wieviel ein Vaterunser wert ist, und magst selbst ausrechnen, wenn du kannst, wieviel Deute selbiges wohl wiegen wird. Jetzt gib von nun an dem Alten wieder Tag für Tag seine Mahlzeit, damit er für uns fernerhin seine heiligen drei Vaterunser beten möge. – Und es geschahe also. *   967. Doktor Luthers Flucht Als Doktor Luther im Jahre 1518 nach Augsburg beschieden war, dort ins Verhör genommen zu werden, und daselbst von einem übelunterrichteten Papst an einen besser zu unterrichtenden Papst appellierte, nicht minder auch den Gedanken der Appellation an ein allgemeines Konzilium faßte, erfuhr er von mehr als einer Seite her, daß ihm von seinen erbitterten Gegnern persönliche Gefahr drohe; insonderheit warnte ihn ein Freund, der Augsburger Patrizier Langemantel, und bewog ihn, die Stadt heimlich zu verlassen, bot ihm auch sein Geleite an, und so führte er ihn eines Abends durch die Straßen und bog plötzlich, indem er sprach: Da hinab! zur Rechten der Straße, welche beide herabkamen, in ein enges Winkelgäßchen ein, das sich abwärts gegen die Mauer senkte und zu einem Pförtlein leitete, dessen Wächter gewonnen war, und vor dem die Rosse schon harrten. Am andern Tage, wo die Gegner Luthern fassen wollten, war er fort. Wer anders konnte ihm fortgeholfen haben als der Teufel? In einem langen Mantel hatte selbiger als langer dürrer Kerl im Gäßchen gestanden und Luthern den Weg zur sichern Flucht gezeigt, der noch bis heute zum Dahinab heißt. Müßt' ein erzdummer Teufel gewesen sein, dem dann zumal auf Wartburg sein schlechter Habedank vom Luther geworden. Außerhalb der Mauern Augsburgs setzten sich Luther und sein biederer Geleitsmann in raschen Trab, hatten's auch nötig, denn die Flucht war entdeckt, und des Papstlegaten Reiter jagten nach, immer dem Laufe des Lech entgegen, dem Gebirge zu – wurden's aber bald müde, da sie keine rechten Reiter waren, und kehrten heim und sagten, sie hätten den Luther beinahe gefangen, aber der Teufel reite neben ihm, und beide hätten feuerschnaubende Rosse geritten und wären davongesaust und -gebraust wie die Windsbraut – zu allen Teufeln. Acht Meilen ritten in dieser einen finstern Herbstnacht der Luther und der Langemantel, da hob sich vor ihnen im Glühen der Morgenröte das Schloß Hohenschwangau mitten aus dem Schoß des Hochgebirges, wo die biedern Ritter von Schwangau saßen, die gleich andern bedeutenden Männern der deutschen Ritterschaft, wie Franz von Sickingen, Ulrich von Hutten, Sylvester vom Schaumberg und die von Freiberg auf Hohenaschau, dem Luther und seinem Werke im Herzen zujauchzten, und da ward Luther gar herzlich und gastlich empfangen und hätte weilen mögen, solange er gewollt, zudem sein Herr, der Kurfürst von Sachsen, ihm durch Spalatin hatte andeuten lassen, er sehe es gern, wenn jetzt in der Zeit großen drohenden Sturmes Luther noch eine Zeitlang sich an einem sichern Ort verborgen halte und nicht so bald nach Wittenberg zurückkehre. Da schrieb Luther dem Kurfürsten mit seinem gottgetrosten, unerschütterlichen Mute: Will ziehen, wohin mich der allmächtige Gott haben will, mich seinem gnädigen göttlichen Willen ergeben, er mach's mit mir, wie er wolle. Ich bin gottlob noch von Herzen fröhlich. Aber weil Burg Hohenschwangau, die jetzt zum herrlich erneuten Königsschloß geworden und der Anwesenheit Luthers in ihren Mauern in einem Bilde Lindenschmits noch immer freudig eingedenk ist – gleich des Schatzes, der in ihren Tiefen liegt und bisweilen zutage steigt, wenn der Regenbogen seinen Fuß auf die Burgzinnen setzt und der Schatz sich sonnt – wegen Augsburgs Nähe dem Langemantel noch nicht sicher genug schien, so schied er mit Luther von den Schwangauern und suchte tiefer im Bayerlande ein stilles, abgelegenes Asyl. Sie hatten danach weit zu reiten, über München, allwo Luther, gleichwie zu Wertheim am Main, die Bratwürste schuldig geblieben sein soll, nach Rosenheim und von da zum Chiemsee, wo still im Schoß der Alpenvorberge zwischen dem See mit seiner Herren- und Fraueninsel und dem gewaltigen Alpstock des Hochriesen ein stattlich Schloß sich hebt, das noch heute mit seinem Ahnensaal und manch alten Erinnerungen an die ritterliche Vorzeit mahnt. Das war Hohenaschau, das Hauptschloß der Freiberge, und dahin brachte Langemantel den Luther in ganz sichere Hut. Ein dürftig kleines Kämmerlein ist's freilich, das alldort dem Wanderer als Luthers Wohnzelle gezeigt wird, und der Kastellan weiß nichts zu sagen, als daß Luther auf seiner Reise nach Rom, die er als Mönch machte, dort geherbergt habe, und die Forschung behauptet dasselbe. Allein obschon nach dem Sprüchwort alle Wege nach Rom führen, so ist dennoch kaum zu denken, was der wandernde Mönch, der früher im Dienst seines Ordens reiste, damals in einem von jeder Hauptstraße völlig abgelegenen Gebirgstalkessel und auf einem Ritterschloß zu suchen gehabt, selbst wenn er die Straße durch das nahe Inntal verfolgt hätte. Und so lebt Luthers Anwesenheit auf zwei stattlichen Burgen des Bayerlandes, die ihm gastlich Schutz und Schirm geboten haben sollen, sagenhaft fort, da Luther selbst von dieser ganzen Fahrt geschwiegen hat und der Orte weder den einen, noch den andern genannt. – Er zog immerdar dahin, wohin der allmächtige Gott ihn haben wollte, und war von Herzen fröhlich. *   Der Abt zu Kalbsangst 968. Der Abt zu Kalbsangst Auf dem Marienberge ohnweit Kempten stand ein Schloß, das hatte den seltsamen Namen Kalbsangst, das soll schon gestanden haben, als die Kaiserin Hildegard das Kloster Kempten gründete, dessen erster Abt, Andagar, bereits im Jahre 796 verstarb. Das ist lange her. Zur Zeit der deutschen Gegenkönige Philipp von Schwaben und Otto IV. und ihrer Kämpfe soll es um Zucht und Ordnung im Kloster Kempten nicht allzu wohl bestellt gewesen sein; der Abt, Herr Wernher, beliebte gar nicht im Kloster zu wohnen, sondern wohnte auf Schloß Kalbsangst und führte allda ein vergnüglich Leben, wobei man munkelte, daß er mit dem bösen Feind und seinen Engeln mehr als mit Gott und dessen Heiligen verkehre, obschon er zum öftern vom Schloß herunter in das Stift ritt, um daselbst Messe zu lesen. Eines Morgens sollte dieser Ritt auch erfolgen, aber des Abtes Türe tat sich nicht auf, und er antwortete auf kein Rufen, und da man endlich nach langem Harren das Schloß sprengte, so lag Abt Wernher tot, nicht in seinem Bette, sondern mitten in seinem Gemache, und während man seinen Rücken erblickte, erblickte man auch zugleich sein Gesicht, und die Zunge hing ihm etwas weit aus dem Munde. Und als es Nacht geworden und der Leichnam auf einem Paradebette lag, da schwebten schwarze Vögel zu den Fenstern herein, die rauschten mit ihren Flügeln und hatten blitzende Augen und feurige Schnäbel und rotglühende Krallen, und kamen ihrer immer mehr und mehr, daß entsetzt die Leichenwächter flohen und mit Zetergeschrei des Schlosses Bewohner zusammenriefen. Aber wie man sich nach dem Zimmer traute, hatten die Vögel allzumal des Abtes entseelten Leichnam erhoben und trugen ihn fort durch die rabenschwarze Nacht. Fernhin sah man ihn noch ziehen, wie einen Feuerstreif, aber nicht empor, sondern tiefer und immer tiefer, nach dem See zwischen Martinszell und Niedersandhofen. Seitdem ist es auf Schloß Kalbsangst nicht mehr geheuer gewesen, und es ist deshalb nach und nach von allen Bewohnern verlassen und eine öde Trümmer geworden. Aber auch in und um den See hat es greulich gespukt, so arg, daß der Kemptner Äbte Jagdschlößchen, das auf einer Landzunge in den See hineingebaut stand, auch eine Ruine geworden. *   969. Pesttanz zu Immenstadt Zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges wütete zu Immenstadt und seiner ganzen Gegend eine furchtbare Hungersnot und daraus entspringend die Pest des Hungertyphus, und war allenden nichts als Angst, Not, Pein, Schrecken, Jammer und Verzweiflung. Da trat ein Priester auf, der sah, wie die Angst und das allgemeine Verzagen die Menschen zu eitel todesbleichen Gespenstern machte, und sprach: Wo will das hinaus? Laßt fahren den Trübsinn und das Wehklagen! Laßt Musik erschallen! Haltet Mummenschanz und lustige Umzüge! Trotzt Tod und Teufel mit lauter Fröhlichkeit! – Und selbiger Rat ward befolgt, erst von wenigen, dann von vielen, dann von allen, und war probat. Die Krankheit hörte auf, und den Kranken kam der Appetit wieder, und gegen den Hunger ward auch gesorgt, man brauchte nur mit freundlicher Zurede und Nötigung die Speicher der Kornwucherer, welche immer die Hungersnot befördern, weil sie das Getreide zurückhalten, um auf den allerhöchsten Preis es zu treiben, und sollt' es lieber der Kornwurm fressen, zu öffnen. Zum Andenken hat man hernachmals alle Jahre zu Immenstadt einen Tanz mit lustigem Umzug gehalten und denselben den Pesttanz genannt. Dieses gut anschlagende Mittel hat man in den allerneuesten Zeiten wieder hervorgesucht in solchen Städten, allwo die Cholera sich hat einnisten wollen, und ganz sicher nicht ohne Erfolg, und geschieht nichts Neues unter der Sonne, sondern es ist alles schon dagewesen. Auch der Schäfflertanz, den die Bötticher zu München alle sieben Jahre halten, soll von gleichem Ursprung sich herleiten. *   970. Ettals Gründung König Ludwig der Bayer tat seine Romfahrt, daß er sich krönen ließe, aber da war ihm schon ein Gegner erweckt in Friedrich dem Schönen von Österreich, den er hernachmals besiegte und zum Gefangenen annahm, das lag ihm schwer auf dem Herzen, und ward darob voll Kleinmut und ging ganz allein in eine Kirche, schloß sich in selbe ein und betete allda zu Gott unter Vergießung vieler Tränen. Siehe, da trat zu ihm eines alten Mönchen Gestalt und sprach: Folgest du meinem Rat, so wirst du aller Sorgen frei und ledig gehen. Baue zu Ampherong, als welches in deinem Lande liegt, alsbald nach deiner Rückkehr ein Kloster, zur Sühne eines dort geschehenen großen Mordes, zur Ehre der hochgebenedeiten Gottesmutter, und gib es in die Regel Sankt Benedikts. – Nach dieser Rede brachte der Mönch ein Muttergottesbild aus seinem Gewand, das war weiß wie Schnee, vom feinsten Alabaster, und gab es dem Könige. Ludwig nahm es in Ehrfurcht, aber er sprach: Ampherong? Ampherong? Nie Hab' ich solchen Ort meines Landes nennen hören! Und bin kummer – und sorgenvoll, von einem mächtigen Feind bedroht, habe Geldes wenig und der Schulden viele, wie soll ich dann ein Klösterstifter und Begaber sein? – Darauf entgegnete der Mönch: Zweifle nicht, o König, sondern glaube und vertraue auf Gott und die allerseligste Jungfrau Maria. Wen Gott erhöhen will, den erhöhet er sonder Menschenrates, und wem er geben will, der hat. Solches wirst du inne werden, wann du nun allhie zu Rom gekrönet wirst mit großen Ehren und die Fürsten vor dir knieen und dich bitten, daß sie von dir Lehen empfahen. – Und da nahm der König wahr, daß dieser Mönch ein Bote von Gott sei, und wollte das Knie vor ihm beugen: da verschwand der Mönch. Und bald hernach traf alles so ein, wie der Mönch es vorhergesagt, und der König zog heim mit dem weißen Marienbild und hielt es heimlich und erfreute sich daran gar wunderbarlich, und da er heim in sein Land kam, forschte er nach dem Namen Ampherong. Da ward ihm durch einen Jäger ein wilder Wald und ein ödes Tal gezeigt, und der König ließ den Wald schlagen und eine runde Kirche bauen, in die stiftete er das Marienbild und gründete das Kloster, dem von dem öden Tale der Name Ödtal, Edtal, Ettal wurde. *   971. Die rechte Hand Es war ein junger Graf von Dachau, der liebte ein Ritterfräulein von Wolfratshausen, nahe dem Wurm- oder Würmsee gelegen, hatte aber einen Feind am Grafen von Starnberg, der ließ ihn auflauern durch seine Knechte, und da er von oder nach Wolfratshausen ritt, so erschlugen sie ihn nahe bei Berg am See und beraubten ihn und hieben ihm die rechte Hand ab, an deren Finger einem er einen Ring von seiner Braut trug, den wollten sie auch sich aneignen, aber da schnappte des Ermordeten Hund zu und faßte die Hand und trug sie fort, immer fort bis nach Dachau, zwischen Augsburg und München, und legte sie zu den Füßen der Mutter des Erschlagenen nieder. Da schrie die Mutter Ach und Weh zusamt der Braut, und ließen an der Stätte, wo die Tat geschehen, die bald kundbar ward, eine Kapelle bauen, die ist Hernachmals aber, weil sie zu fern vom Wege stand, bei die Notschweig hingebaut worden, und an der Empore der Kapelle ward die Geschichte bildlich dargestellt. Bei Wolfratshausen hat vordessen auch ein Schloß gestanden, aber es ist versunken; darinnen ruht noch ein großer Schatz, den drei Fräulein und ein Hund hüten. Als diese drei noch beim Leben waren und geerbt hatten, waren zwei blind, die eine aber war halb schwarz, halb weiß und machte es bei der Teilung mit ihren Schwestern gerade so wie die Brüder auf der Burg am Rhein mit ihrer blinden Schwester: sie maß sich den vollen Scheffel Geldes zu und drehte dann den Scheffel um, deckte den Boden und ließ die Blinden fühlen, daß das Gefäß voll sei. Dafür fitzt sie der Teufel mit Ruten, bis die Haut in Fetzen von ihrem Leibe hängt, welche dann in der zwölften Stunde wieder zusammenwächst. Das soll so lange dauern, bis der Schatz gehoben ist. *   972. Die Reismühle Wenn man vom Starnberger See gen München zu pilgert, so führt der Weg anfänglich durch eine ziemlich öde Flur am Fuße einer Hügelkette hin, dann aber lenkt vom Fahrweg ein Fußweg ab zur Linken in den Wald, und dieser Wald ist nicht wie die andern Wälder ringsumher trauriges Nadelholz, sondern frischer blumenreicher Laubwald voll tiefen herrlichen Grünes, so daß man meint, in einem andern Landstrich Deutschlands zu sein. Und durch den Wald rollt ein Bach, und der Bach treibt eine Mühle, die wird die Reismühle geheißen, und das Tal heißt das Mühltal. Und über diesem Tale und dieser Mühle rauscht die deutsche Sage wie mit Adlerfittichen. Es war nahe bei Freising ein Schloß, das hieß Weihenstephan; darauf wohnte eine Zeit der Frankenkönig Pipin und schirmte das Land gegen die Heiden. Und da er sich zu vermählen gedachte, sandte er seinen Hofmeister, der ein böser roter Ritter war, aus dem Schwabenlande bürtig, auch drei Söhne und eine Tochter hatte, ihm eine Königstochter aus dem Lande Britannia zu holen. Diese ward dem Ritter auch anvertraut und zog in seinem Geleit, der aber gedachte, seine eigene Tochter solle Königin werden, und zog aus Schwaben durch die tiefe Wildnis zwischen dem Ammersee und dem Würmsee, nicht weit von einem Heidenort des Namens Gauting, und in jenem Walde gebot er seinen Knechten, die fremde Braut zu töten, und nahm ihr ihre Gewande und ihren von Pipin ihr gesandten Verlobungsring und schmückte damit seine Tochter und führte diese dem Könige zu, daß sie dessen Weib ward. Nun aber hatten die Knechte Mitleid gehabt mit der schönen fremden Prinzessin, welche Bertha hieß, und sie mitnichten getötet, sondern ihrem Herrn nur ihres Hündleins Zunge gebracht zum Wahrzeichen, daß sie die Jungfrau getötet, und hatten ihm deshalb drei Eide schwören müssen. Die Jungfrau aber hatte den Knechten gelobt, nicht wieder heimzuziehen, und fand Unterkunft bei dem Müller im Tale dieser Wildnis und diente ihm sieben Jahre als eine Magd, und da sie ihr Gezeug zum Wirken mit sich genommen, auch etwas Seide und Goldfaden, so wirkte sie Börtlein, die trug der Müller gen Augsburg in die Stadt, da gab ihm eine Krämerin aber Gold- und Seidenfaden dafür und zwei volle Denare und hieß ihm mehr der köstlichen Arbeit bringen. Des war die Jungfrau froh und wirkte mehr, und der Müller empfing wieder neuen Stoff und dreißig Denare; das ging so fort drei Jahre lang, und die Käuferin hätte gar gern gewußt, wer so künstliche Börtlein wirke, die in diesem Lande niemand machen konnte, aber der Müller sagte ihr, wenn sie nicht nachlasse mit Fragen nach dem, was ihm zu sagen verboten sei, so gehe er weiter. Und der Müller wurde reich durch der Jungfrau Arbeit, sie aber begehrte nichts als ihre Nahrung und tat auch des Hauses Arbeit gern und willig. Und nach sieben Jahren jagte Pipin der König im Walde zwischen Gauting und Starnberg und kam ab von seinem Gefolge, doch war noch sein Astrolog und Arzt bei ihm, nebst einem Jäger und einem Knechte. Da ging der Jäger auch hinweg, den Weg zu suchen, und verirrte sich, denn vom Mühltal bis gen Weihenstephan war damals nichts als eitel Wildnis, und München ward erst über dreihundert Jahre später gebaut. Und jene fanden sich durch einen Köhler geleitet zur Reismühle und herbergten allda bei dem Müller als fremde Kaufleute, und Pipin scherzte mit der Jungfrau, die er für des Müllers Tochter hielt. Als es nun Abend ward, las der Astrolog in den Sternen und sprach dann zu Pipin: In den Sternen stehet, daß du heute sollt bei deinem Weibe sein und einen Sohn gewinnen, der wird ein Heidenüberwinder werden und sein Name noch größer als der deine. – Und siehe, im Wechselgespräche ward alles offenbar, und an seinem eigenen Ring an Berthas Finger erkannte Pipin, daß sie seine Verlobte war, und gewann sie zum Weibe. Sie wollte aber niemand verderben, und der König mußte ihr geloben, alles noch heimlich zu halten und sie in der Mühle zu lassen. Und der König gebot allen das tiefste Schweigen bei Leib und Leben. Hernach tat Pipin noch große Kämpfe gegen die Heidenschaft, allenden siegreich, und nach dreiviertel Jahren gebar Frau Bertha in der Reismühle einen Sohn, den brachte der Müller zur Taufe denselben Tag und ließ ihn Karl nennen, und ging dann zu Pipin und brachte ihm zum Zeichen, wie verabredet worden, einen Pfeilbolz. Und als der König seine Zeit ersah, da machte er alles offenbar, ließ den treulosen Hofmeister schmählichen Todes sterben, dessen Weib, die den Teufelsrat gegeben, vermauern und die Tochter, die, obschon unschuldig, doch den Trug vollendet hatte, gefangen halten. Darauf erhob er die edle Jungfrau zu seinem Ehegemahl, belohnte reich den Müller und zog mit Weib und Kind und allem Gefolge in das Frankenreich, wo Berthas Sohn, hernachmals Karl der Große geheißen, zu hohem Ruhm erwuchs. *   973. Von der Münchner Frauenkirche In der Liebfrauenkirche zu München gibt es mehr als ein Wahrzeichen und geht mehr als eine Sage von ihr. Es ist ein herrliches stattliches Gebäu, zu dessen Grunde und Aufbau man den Mörtel mit bayrischem Wein bereitete. Die Kirche erhielt dreißig prächtige hohe Fenster, die zum Teil mit den herrlichsten Glasmalereien verziert sind. Als der Teufel einst voll Ärgers über den neuen schönen Tempel durch das Portal unterm Chore hineintrat, kam er auf eine Stelle zu stehen, wo er kein einziges von den Fenstern erblickte, und murmelte: Kein Fenster? Kein Licht? Daran erkenn' ich meine Münche – bon! – wandte zufrieden um und brannte nur seine Fußtapfe zum freundlichen Andenken in den Boden, die noch heute zu sehen. Hatte sich aber stark geirrt, der dumme Teufel. So lang die Kirche ist, fast so hoch sind ihre Türme, dreihundertunddreiunddreißig Fuß. Auf dem linken südlichen Turme ist es nicht geheuer, er wird nur selten betreten. Jörg Gankoffen von Halspach (Haselbach bei Moosburg, wo noch sein Geburtshaus bezeichnet wird) hieß der Kirche Erbauer; er vollführte, wie eine Inschrift besagt, den ersten, den mittlern und den letzten Stein; zwanzig Jahre währte der Bau, und als der fromme Maurermeister den letzten Stein vollführt hatte, da starb er. Sein treues Bildnis ist noch innerhalb der Kirche zu sehen, neben ihm das Bildnis des Zimmermanns, der den Dachstuhl baute. Es wurden dazu nicht minder als vierzehnhundert Flöße, jedes aus fünfzehn bis sechzehn Bäumen bestehend, auf der Isar herabgeflößt. Da der Bau vollendet war, fand sich ein zugerichteter noch unverwendeter Balken, und dennoch fehlte nirgend auch nur eine Latte. Selbiger Trumm ist noch heute zu sehen. Der Meister soll selbst den Balken aus dem Gerüst genommen und gesagt haben: Nun komme her, wer da wolle, und sage mir, wo der Balken fehle, und wo er füglich hingehört! – Aber vor wie nach hat sich niemand gemeldet und ist ein Jahrhundert um das andere vorübergegangen, und der überflüssige Balken ist noch immer vorhanden. Außer dem Hochaltar hat die Frauenkirche dreißig Altäre, einer derselben ist St. Benno geweiht, der nächst der Himmelskönigin Münchens und der Kirche Schutzpatron ist. Der heilige Leichnam Bennos ward aus Meißen, wo er gelebt und manches Wunder vollbracht, gen München geführt, und als er von da in bedrohlicher Zeit nach Salzburg geborgen wurde, später aber von dort zurückkam, übte der Heilige ein neues Wunder, denn alsbald hörte mit seinem Eintreffen die grimme Pest auf, welche damals zu München wütete, darum mit ward diesem Heiligen vorzugsweise der Name Wundertäter, Thaumaturgos , beigelegt. *   974. Herzog Christophs Stein In einem Hofe und Durchgang der alten Residenz zu München, unterm Torbogen zwischen dem Kapellenhof und Brunnenhof, liegt ein großmächtiger Stein an einer Kette, den auch ohne Kette keiner wegtrüge, so schwer ist er. Diesen selben Stein, der dreihundertundvierundsechzig Pfund wiegt, hat Herzog Christoph von Bayern mit eignen Händen nicht nur gehoben, sondern auch eine gute Strecke weit geworfen. Dieser Herr war also stark und kräftig, daß er gleicherweise auch einen Sprung zwölf Fuß hoch getan und einen in die Mauer gesteckten Nagel mit dem Fuße hinweggeschnellt. Zwei andere Springer, Konrad der eine, Philipp der andere geheißen, sprangen der eine zehnthalb Schuh, der andere neunthalb Schuh hoch. Die Inschrift an der Mauer, welche dies kündet, verheißt auch den Namen dessen zu verewigen, der noch höher springt. *   975. Münchner Haussagen An mehr als ein Haus zu München knüpfen sich Sagen, wie zumeist in alten Städten, und ließen sich deren allein Bücher voll sammeln. Mehrere sind aber insonderheit darum hervorzuheben, weil sie Wiederholungen von Sagen bilden, die weit von dieser Stadt im deutschen Norden lebendig sind. So steht auf einem Hause eine Dohle als Dachfahne, die einen Ring im Schnabel hält, an den sich die Sage von einem durch eine Dohle entwendeten Ring knüpft, die, wenn sie der vom Raben zu Merseburg auch nicht gleicht, so doch an sie erinnert. Auf dem alten Hofgebäude stand ein Turm, darauf war ein steinern Affenbild zu erschauen, und die Sage wußte von einem Prinzchen zu erzählen, das ein im Schlosse gehaltener zahmer Affe geraubt, auf die Turmzinne getragen, aber endlich, da er sich nicht mehr verfolgt sah, gutwillig wieder heruntertrug und in des Prinzchens Wiege legte. Danach ward des Affen Bild in Stein ausgehauen, gerade wie jenes des Affen zu Dhaun, und auf den Turm gesetzt. Am Schrannenplatz, nahe dem Wurmeck, allwo die Gestalt eines Lindwurms in Stein gehauen zu ersehen, der die Pest über München ausgehaucht und mit einer von den Kanonen, die vor der Hauptwache auf selbem Platz stehen, erschossen worden sein soll, war unter den Bögen Doktor Luthers Bild und seiner Kathi, wohl mehr zum Hohn als zum Ruhm, wie das zu München nicht anders sein konnte; und in der Sendlinger Gasse im Haus beim Koch in der Hölle, da sollte der Luther auf seiner Flucht – doch wohl auf der von Augsburg nach Hohenaschau, denn nur auf dieser einen Flucht könnte Luther München berührt haben – eilend getrunken und Bratwurst gegessen haben, letztere aber eben auch schuldig geblieben sein, just wie zu Wertheim am Main. Hernach haben sie zu München Spottbilder auf Luther ausgehen lassen, wie er mit der Bratwurst auf einer Sau davonreitet, ganz so wie der Reiter auf alten Spielkartenblättern unter der Eichelsieben. *   976. Die fromme Barbara Herzog Albert III. zu Bayern hatte eine Tochter des Namens Barbara, die war gar fromm und schamhaft und wollte nimmer heiraten und keinem angehören als Christo, dem himmlischen Bräutigam, und darum verschmähte sie selbst den Kronprinzen des Königs von Frankreich, für den bei ihrem Vater des Prinzen Vater Werbung um ihre Hand tun ließ. Da sich nun darob großer Verdruß erhob, so zergrämete sich das arme achtzehnjährige Jungfräulein und welkte hin, wie ihr Majoranstöcklein, das sie in ihrem Fenster pflegte, und welches abstarb. Und war nicht mehr fröhlich und sang nicht mehr und blieb stumm, wie ihre Vöglein, die acht Tage nach des Majorans Absterben von den Stänglein fielen und also tot blieben. Das Herz mocht' ihr schier zerspringen, wie ihre Busenkette, die sie zum Geschmuck von ihrem Herrn Vater geschenkt bekommen, acht Tage nach der Vöglein Ableben recht über dem Herzen zersprang. Und da aber acht Tage um waren, sank Barbara hin wie eine bleiche Lilie, entschlief und erwachte nimmer. Und da nun zweimal acht Tage vorüber waren, starb eine Ordensschwester, welche Barbara geliebt hatte, und aber nach zwei Wochen wieder eine, und das so fort, bis ihrer zwanzig gestorben waren, und ward einer jeden Seele in eine weiße Taube verwandelt, die flogen Barbara nach in den Himmel. Barbaras irdische Hülle ruht in St. Jakobs Kirche auf dem Anger zu München. *   977. Der Keferloher Jahrmarkt Nicht weit von München liegt ein Ort, heißt Keferlohs, das hat einen berühmten Jahr- und Pferdemarkt, da strömt halb München hin, wo nicht noch mehr als halb, es geht dort alleweile lustig her, kramt sich dort mancher den schönsten Zopf, und wer Prügel wünscht, die könnte er dort prima Sorte spottwohlfeil haben, wohl gar umsonst, denn sie sitzen nicht fest auf dem Keferloher Markt. Des Marktes Ursprung aber wird davon abgeleitet, daß er eine Gabe Kaiser Ottos sei, weil ihm die Bayern, absonderlich die von München und Keferlohs, in der schweren Hunnenschlacht am Lech mit ihrer Reiterei zu rechter Zeit und Stunde zu Hülfe gekommen, da er schon den Sieg verlorengegeben. Da nun durch diese Reiterei der Sieg offenbar erkämpft worden, so habe der Kaiser flottweg die tapfern Bäuerlein zu Rittern geschlagen, die Pferdezucht und Wettrennen empfohlen und die Pferdemärkte eingesetzt. Da waren zwei Bauernführer dabei, die liebten einander, wie Hund und Katze einander lieben, so daß sie nicht einmal mehr miteinander in einer Kirche beten wollten; machten es wie jene Schwestern, baute sich jeder eine eigne Kirche, einer, der Niklas hieß, ein Niklaskirchlein, der andere ein Jakobskirchlein. Ein dritter Keferloher, der jene beiden noch überbieten wollte, ließ sich einen Pflug von purem Silber anfertigen und ackerte mit vier Pferden seinen getreuen Nachbarn vor der Nase herum, noch ließ er sich einen Maler kommen, da ging es fast wie im Liede: Meister Maler, wollt Ihr wohl – der sollte ihm ein Wappen malen und ihn hinein und den Pflug und die vier Pferde und den Acker und die beiden Nachbarn und deren Kirchen und den ganzen Keferloher Jahrmarkt. Was der Maler nicht in sotanes Bild bringen können, wird wohl außen geblieben sein. *   978. Liebe findet ihre Wege Auf dem Chiemsee, nach dem Bodensee das größte deutsche Binnengewässer, liegen in nicht allzuweiter Ferne voneinander zwei Inseln, die Herren- und die Fraueninsel, und auf jeder ein Kloster, dem Namen entsprechend. Da war auf Herrenchiemsee ein Mönch und auf Frauenchiemsee eine Nonne, die hatten einander geliebt, ehe sie das Klostergelübde abzulegen gezwungen worden, und liebten einander fort und fort, wie dereinst Hero und Leander sich geliebt, wo nur Hero eine Nonne als Priesterin der Aphrodite war. Und in dunkeln Nächten brannte hell ein Licht in der Nonnenzelle gegen Herrenchiemsee zu, und in des Sees mächtiger Flut rauschte es leise, und es kam und schwamm herüber und hob sich zum Strande und gewann die Zelle und sein Lieb. Aber stetig lauert der giftige Neid, der keinem und keiner heimliche Liebe vergönnt, und in einer stürmischen Nacht löschte er, nachdem sie recht hell geflammt, die Kerze in der Nonnenzelle aus, und der Schwimmer erreichte nimmer sein Uferziel, die Nixe des Chiemsees zog ihn in ihre Umarmung und warf im bleichen Morgengraun nur seine Leiche an die Fraueninsel. Mitleidvoll gönnten die Nonnen dem toten Mönch ein Grab und hatten bald neben ihm eine zweite Leiche zu bestatten. *   979. Das Fräulein vom Karlstein Wenn man vom Chiemsee über Traunstein durch das reizende Hochgebirgstal von Inzell schreitet, wo die Alpenrosen von den Höhen bis nieder an den Weg steigen, kömmt man zwischen dem Staufenberge, dem Wendberge und dem Müllnerberge an eine Wegscheide, da geht ein Weg nach Traunstein, einer nach Reichenhall und Berchtesgaden, und der dritte führt südwärts recht ins Gebirg hinein, der Saal entgegen, zunächst nach Unken, wo die Füchse einander gute Nacht geben. Eine Strecke unterhalb dieser Wegscheide liegt ein Gehöft, im Kaitl geheißen, nicht mehr weit von Reichenhall, dort rastet sich's gut und fehlt nimmer an Gesellschaft von Jägern, Holzleuten und Wanderern, die des Wegs ziehen, und vom Kaitl bis Reichenhall spannen sich reizende Wiesenteppiche, die heißen die Weidwiesen. In der Nähe ist auch ein Trümmerschloß, der Karlstein, die Leute dortherum nennen es aber nur das Salzsäßchen, und sieht gerad aus von weitem wie das Löttöpfchen im Thüringerwalde. Dortherum nun geht ein Geist um in eines kleinen Weibleins Gestalt, das soll ein Fräulein auf dem Karlstein gewesen sein, die habe einen Jüngling geliebt und einen andern, den sie nicht liebte, mit aller Gewalt heiraten sollen, wie sich das bisweilen in der Welt also zuträgt. Da habe nun besagtes Fräulein das nämliche getan wie jenes im Ritterschloß über Heilingen und sich von der Burg herab in den Felsenabgrund gestürzt, wo sie nun als Geist zur Strafe und zur Sühne umwandeln muß. Ein Holzschaffner unterm Karlstein fand, sooft er in die Burg hinaufkam, die seit des Fräuleins und ihres grausamen Vaters Tode – denn grausam heißen alle Väter, die nicht ihrer Kinder Willen tun – verödet war und ein Aufenthalt der Füchse und Schubuts, jedesmal ein Rupertigröschlein. Sobald er das aber aufhob und einsackte, ging ein Spuk los, der nicht gering war. Es warf erst mit Sand, dann mit kleinen Steinen, dann mit großen, auch kamen gätliche Baumstämme geflogen – doch war das beste, daß keiner den Holzschaffner traf, nur mußte er die Beine auf die Achsel nehmen und laufen, als wenn er dem Schlangenkönig die Krone genommen hätte. *   980. Das Weidwiesenweiblein Mag das Weidwiesenweiblein nun jenes verwunschene Fräulein vom Karlstein sein, wie einige sagen, oder auch nicht sein, so viel steht baumfest, daß selbiges Weiblein gehörig spukt. An der Wegscheid sitzt es und winselt zum Steinerbarmen, aber die Steine sind dort gar zu groß. Als Baumstamm saust es die steilen Bergwände prasselnd nieder und rollt hinter den Pferden des Reiters her, bis nahe an den Kaitl, dann ist's weg. Auf dem Felsen hört man es herzzerschneidend schreien und wimmern; am schlimmsten hat sich's im Jahr 1831, aufgeführt, nachdem es auch in den Jahren 1782 und 1783 gar arg gespukt und viel Redens von sich gemacht. Seine Gestalt war klein, sein Gewand schwarz, in der Hand trug es einen Tiegel und im Tiegel ein brennend Lämpchen. Ein großer Hut barg das spinnewebig runzelvolle Gesicht. Mit dem Lämpchen leuchtete es den Leuten ganz getreulich durch die dunkle Nacht, und kein Wind mochte das verlöschen, bisweilen aber hat es manche auch ganz ungetreulich irregeführt, besonders wenn sie sich im Kaitl recht bezecht hatten. Im letzterwähnten Jahre machte sich im Spätherbst der Brunnenwärter vom Nesselgraben auf und ging dem Winseln nach, das sich stark hören ließ, und verstieg sich hoch hinauf bis auf den Grat des Bergstocks, da hörte er das Gewinsel wieder tief unter sich, und unter ihm klaffte steilab die schüssige Wand. Da er mit Not wieder heruntergestiegen war, kam ein Bekannter zu ihm, das war der Kreiser von Helmbach, der stieg kecklich und mit Gefahr seines Lebens durch die Schrunden der Stimme nach und fand endlich ein uralt hockeruckeriges Weiblein, das saß in einer Felsenspalte wie eine Unke und greinte gotteserbärmlich, gab auf keine Frage eine Antwort, und wie der Bub sich zu ihm bog, krallte es ihm nach dem Gesicht. Der aber, nicht furchtsam und nicht faul, erwischt das Weiblein beim Schlafittich und zieht es nach sich bis auf die Matte, wo er vorher seine Joppen ausgezogen. Da läßt er's fahren und bückt sich und zieht die Joppe an, und wie er umschaut, ist's Weiblein weg wie weggeblasen. Da kommt ihm aber ein gewaltigs Grauen an, macht, daß er heimkommt, und wird acht Tage lang krank vor Schrecken. Nicht lange darauf ist das Weiblein auch auf den Kaitl gekommen, hat Gaben empfangen, aber nie dafür gedankt. Einige sagen, daß das Weidwiesenweiblein nachderhand mit seinem Lämpchen einem Fuhrmann geleuchtet, dem in finsterer Nacht beim Kalkofen ein Rad zerbrochen, dem sei das Leuchten ein großer Trost gewesen, und habe gesagt, als er das Hülfsrad angelegt: Tausend Dank! – und da hätte das Weiblein voller Freude gesagt: Hab' genug an einem Dank! Jetzt sieht mich niemand mehr! – sei darauf hinweggeschwunden und erlöst gewesen, wie das dienstfertige Licht zwischen Neundorf und Görkwitz im Vogtland. *   981. Die übergossene Alm Im bayrischen Hochgebirge ragt unter der weiten Kette mächtiger Alpenhäupter auch der Wendelstein sechstausenddreihundert Fuß hoch in die Lüfte, und ewiger Schnee bedeckt die Höhen ringsumher. Am Abhang dieses Berges war nordwärts eine Alm gelegen, die Kaiserer Alm genannt, die war gar blumenvoll, rings gute Weide, und standen schöne Sennhütten droben, mit frischen und lustigen Sennderinnen, die wußten gar nicht, wie gut sie es hatten, und weil sie es zu gut hatten, wurden sie übermütig, führten ein üppiges Leben und sannen auf allerlei Lustfrevel und unnütze Dinge. Sie hingen den Kühen silberne Glocken an und verguldeten den Stieren die Hörner; sie wuschen sich mit Milch und pflasterten den Weg zum Stall mit Käsen, wie der Hirte auf der Blümelis-Alpe seine Treppe. Wein ließen sie von Salzburg fäßleinweis heraufkommen und Schleckerbißlein auch, Rosinen, Mandelkern, Zucker und Zingiber, eingemachten versteht sich, Zimmet und Nägelein, Muskatblüt und -nuß, Pistazien und Zibeben, Datteln und Feigen, Marzipan und Biskuit. An Beten dachten selbige Dirnen die ganze Woche nicht, und den Sonntag auch nicht, und wenn die Woche herum war, wieder nicht, aber getanzt und gejuchezet haben's alleweil genug. Und da haben sie einmal einen ganzen Tanzplatz von Käsen gemacht, und die Lücken mit Butter ausgefüllt, und sind darauf herumgetanzt, und haben gemeint, der Teufel könnte hernach mit seiner Großmutter und seiner Kameradschaft die Käs' schon fressen, daß er auch einmal etwas in seinen hungrigen Wanst bekäme. Aber nun war es verspielt und war Gottes Geduldfaden abgerissen, und in der Nacht, da heult's und klopft's und pocht und donnert an die Sennhütten, und seufzt und ächzt und stöhnt, und die Windsbraut kommt dahergefahren, und die ewigstarren Wellen im Steinernen Meer wogen und branden, und es ist, als ob vom Watzmann bis zum Zugspitz das ganze Gebirg in eins zusammenkrache und -donnere. Ganze Berge Lawinenschnee übergossen die Alm mit den sündigen Menschen darauf, war nur schad ums arme Vieh – und als der Morgen kam, da war auf der ganzen Alm ein Schmelz, wie ein Zuckerguß auf einer Linzer Torte, und glitzerte hell im Sonnenschein – eitel Eis und Schnee und glattgefroren wie eine Gletscherwand. Das ist nun die übergossene Alm, ein ewiges Wahrzeichen von der Menschen Frevel und Gottes Strafgericht. *   982. Der Marquartsteiner Nahe dem Chiemsee, mitten im Schoß der diesen im Süden rings einschließenden Berge, liegt Schloß Marquartstein. Darauf saß ein Graf des Namens Marquart, welcher die Tochter eines Ritters Kuno von Mögling, Adelheid geheißen, entführt hatte, und es war dem alten Möglinger gerade so ergangen wie dem Kaiser Heinrich mit dem Leuchtenberger, sein liebes Kind hatte sich auf der Jagd verirrt, war dem Marquartsteiner begegnet, und dieser hatte sich liebend der Tochter angenommen; um so lieber, als er ihres Vaters Feind war. Aber nur zwei Monate waren dem Marquartsteiner vergönnt, den Becher der Liebe mit Adelheid auszuleeren, da mußte er von Feindeshand den Becher des Todes trinken; Meuchelmörder erschlugen ihn. Seine treue Adelheid beweinte ihn heiß und heiratete darauf den Grafen Ulrich von Pütten. Auch dieser starb und ward heiß beweint, und dann heiratete Adelheid den Grafen Berengar von Sulzbach. Da sie aber ihres Marquartsteiner letzten Seufzer und das Gelübde, ein Kloster zu bauen, empfangen, löste sie sotanes Gelübd, doch nicht eher, bis sie sich nach ihm zum dritten Male vermählt hatte. Dieses Kloster empfing den Namen Baumburg, und Adelheid wurde darin begraben. Adelheids Mutter, Irmengard, eine Hallgräfin von Lindburg, hatte auch ein Gelübde zu erfüllen, und dadurch wurde Berchtesgaden begründet in tiefer Waldwildnis, die jetzt keiner mehr dem freundlichen Talkessel ansieht, durch den aus dem Königssee hervorbrausend die muntere Achen unter schattenden Ahornen ihre dunkelgrünen Wellen rollt. Baumburg und Berchtesgaden blieben lange vereinigt unter einem Propst, und Berchtesgaden war lange Zeit nur ein Sommerfilial, denn im Winter war es dort wegen Wasser und Wind, Sturm und Schnee, Tieren und Waldgeistern nicht auszuhalten, und hatte dort die wilde Berchta so recht ihre Gaden und Jagdreviere. Da ist des Marquartsteiners Andenken treulich behütet worden. *   983. Der Schneider von Unken Im Lofertal, das schon österreichisch, liegt Unken, mag wohl den Namen mit der Tat haben, gibt darin auch noch ein Mäustal und ein Rabental, ein Dörflein Höllenstein und eine Bergreihe, die Hohlwege; ein Bach heißt der Unkenbach, einer der Finsterbach und einer der Schwarzbach, fließen alle in die Saal, die ihr Eiswasser unterhalb Salzburg in die Salzach rinnen läßt. Geister gibt es auch genug dortherum und manchen Schatz im Schoß der gewaltigen Berge, die das Tal einengen. Nun war zu Unken ein tapferer Schneider, eines Schneiders Sohn, das war ein gewaltiger Nimrod, hatte den Stutzen lieber wie das Bügeleisen und den Hirschfänger lieber als die Schere, tat wenigstens so, und hielt sich einen großen Fanghund, aber mit dem Jagdgewehr durft' er am Tage nicht gehen. Nun ging er einstmals bei Nacht über die Wegscheid, wo es gar nicht geheuer ist, war auf dem Kaitl gewesen und hatte da ohne Zweifel einmal getrunken, denn man kann am Kaitl nicht wohl ohne Einkehr vorübergehen. Wie nun der Schneider so hinaufsteigt zur Wegscheid, geht neben ihm ein schwarzer Mann, hält Tritt und Schritt mit ihm und spricht kein Grüß Gott und kein Zeitlassen und kein Gelobt sei Jesus Christ, auch nicht Guten Abend, sondern gar nichts. Wird's dem tapfern Schneider seltsam, ruft seinen großen Fanghund. Aber der große Fanghund, wie er den schwarzen Mann sieht, klemmt er den Schwanz zwischen die Beine und reißt aus wie Schafleder, über die Wegscheid hinein ins Lofertal, daß er in zwei Augenblicken seinem Herrn aus dem Gesicht ist. Jetzt wird's dem Schneider brühheiß und eiskalt in einem Atem, doch faßt er sich ein Herz und zieht vom Leder, nämlich aus seinem Gürtel sein Messer, daran auch, wie dort landüblich, eine Gabel, nestelt die Gabel in die linke Hand und denkt, nun komm nur an, du Schwarzer! Dabei schlugen ihm aber alle Glieder, und die Kniee schlotterten ihm. Der Schwarze blieb stumm. Ein sehr starkes Stück Wegs unterm ganzen Wendberg zur Rechten hin ging der dunkle Begleiter mit, bis sie herunterkamen, wo eine Brücke über einen Bach führt, der vom Mitterberg herabrollt, und welche die Säumerbrücke heißt, darauf blieb der Schwarze stehen und bog sich hinab zum Wasser. Der tapfere Schneider, fest die Wehr, Messer und Gabel in den Händen, trabte weiter, erreichte das Wirtshaus zur Schnagelreit mit Mühe und Not und mehr tot als lebendig und käseweiß, und da dachten die Leute, er wolle jemand totstechen, denn er legte die Wehr gar nicht aus der Hand, und endlich fand sich, daß er vom ängstlichen Festhalten den Krampf in die Finger bekommen hatte und die Fäuste nicht öffnen konnte. Nicht um die Welt wäre er noch einmal vor die Haustüre gegangen, und niemals ging er wieder im Zwielicht über die Wegscheid. Andern Morgens, da der tapfere Schneider heimkam nach Unken, prügelte er den großen Fanghund weidlich durch, schlug ihm mit der eisernen Elle fast das Rückgrat entzwei und jagte ihn aus dem Hause. *   984. Die steinerne Agnes Von Reichenhall nach dem Hallturm und Berchtesgaden zu kommt man unterm Dreisesselkopf vorbei und läßt den Lattenberg rechts liegen; dort war auf einer Alm eine junge hübsche Sennderin, die war auch gar fromm und fleißig und hielt es mit dem Spruch: Bete und arbeite, und die hieß Resi, das ist auf Hochdeutsch Agnes. Jeden Morgen und Abend hat die Nesi vor einem Kreuzel droben aus ihrer Almen ihr Gebet verrichtet, und das hat den Teufel mächtig gegiftet, denn er hat es gerad zumeist auf die Frommen abgesehen, da die Unfrommen ihm schon von selbst in die Hände laufen. Nun hat der Teufel die fromme Dirne gar arg in Versuchung geführt, ist bald als Hirtenbub, bald als Jäger, bald als Musikant zu ihr gekommen und hat ihr seine Teufelslügen vorgeplauscht, aber sie hat sich alles nichts anfechten lassen und ist ihm immer entgangen, ist auch zuletzt nicht mehr allein in ihrer Sennhütte geblieben, sondern hat noch eine Sennderin bei sich bleiben lassen. Darauf, um sie allein zu haben, hat ihr der Teufel eine Kuh weggetrieben bis auf die Almgarten, die nach St. Zeno gehört, und wie die Nesi ihre Kuh gesucht hat und endlich auch erblickt, so gar weit weg, und sie hat eintreiben wollen, ist der Teufel als ein Wildschütz dagestanden mit einem schönen Gamsbart auf dem Hütel und in einer grauen Joppen und hat sie mit ganz feurigen Augen angeschaut. Da hat sie einen Schrei getan und hat Reißaus gegeben, und der Teufel ist hinter ihr her und hat sie gejagt, bis sie nimmer laufen konnt', und ist an eine Steinwand gekommen, wie die heilige Ottilia, und hat zur Mutter Gottes gerufen: Hilf, heilige Mutter Gottes! Hilf! hilf! – und da hat sich die Steinwand aufgetan, und die Nesi ist hindurchgerennt, aber der Teufel, nicht faul, ist eben auch durchgeschlupft, hinter ihr drein, und hat das arme Dirndl doch erwischt, aber wie er an's angerennt ist, hat er sich fast seine große schwarze Nase ein- und die Hörner abgestoßen, wenn er noch welche gehabt hat, denn der Leib Nesis ist in Stein verwandelt gewesen, und zwei weiße Engeln haben ihre Seele sanft gen Himmel getragen. Da hat der Teufel einen schönen Zorn gekriegt über die steinerne Sennderin, und die steht heute noch als Fels und heißt die steinerne Nesi. Und die Schlucht blieb und heißt das Teufelsloch, und wenn die Sonne hindurchscheint, was alle Jahr gerade am Sonnwendtag nur einmal geschieht, so juchezet die Nesi, daß man es weit und breit auf den Almen hört. *   985. Die Untersberger Wer von Reichenhall nach Berchtesgaden geht, hat stets den weitberufenen Untersberg zur Linken. Dieser, von vielen im Volke auch der Wunderberg geheißen, steht eine Meile von Salzburg an dem Grundlosen Moos, wo einst vor alten Zeiten die große Hauptstadt Helfenburg gestanden haben soll. Er ist sechstausendsiebenhundertundachtundneunzig Fuß hoch und überreich an Wäldern, Alptriften, Wild und heilsamen Kräutern, an Marmor und anderm noch kostbareren Erz und Gestein. Ein altes Buch sagt aus, daß öfters fremde Kunsterfahrene aus Welschland herbeikamen, die Erze und Minern insgeheim bearbeiteten, nebenbei aber sich der Bosheit gebrauchten, die Fundgruben den Umwohnern aus Neid zu verhehlen und zu verblenden. Zahllose Sagen gehen von dem Untersberg im Munde des Volkes. Im Innern sei er ganz ausgehöhlt und mit Palästen, Kirchen, Klöstern, Gärten, Gold- und Silberquellen versehen. Kleine Männlein bewahrten die Schätze und wanderten ehedem oft um Mitternacht in die Stadt Salzburg, in der Domkirche daselbst Gottesdienst zu halten, aber auch nach andern Kirchen der Umgegend. Sieben Holzknechten und drei Reichenhallern kam einst auf schmalem Fußweg ein ganzer Zug schwarzer Männchen entgegen, vierhundert an der Zahl, Paar um Paar, ganz gleich gekleidet, zwei Trommler und zwei Pfeifer voran. Auch hörte man des Nachts in diesem Wunderberge Kriegsgetümmel und Schlachtgetön, besonders bei bevorstehendem Kriege. Zur mitternächtigen Geisterstunde kommen die Riesen hervor, steigen zum Gipfel und schauen gen Osten unverwandt; wann es dann zwölfe schlägt, erlischt ihr vorausgehend Flammenlicht, die Riesen verschwinden, und es treten die Zwerge aus dem zaubervollen Bergesinnern und brechen das Erz und hämmern am Gestein, oder sie wandeln, mit netzförmigen Häubchen bedeckt, mitten unter dem werdenden Vieh umher. Vieles auch weiß die Sage der Umwohner von den wilden Frauen des Untersberges zu berichten; wilde Frauen in weißen Gewändern, mit fliegenden Haaren, an den Firsten des Berges. Sie sangen schöne Lieder. *   986. Der Kaiser im Untersberge Im Schoß des Berges sitzt verzaubert ein alter Kaiser. Einige sagen, Karl der Große sei es, andere nennen Friedrich den Rotbart, der sich in das Unterschloß auf dem Kyffhäuser in Thüringen verwünscht haben und dort noch sitzen soll. Wieder andere lassen Kaiser Karl V. den sein, der im Untersberge verzaubert weile. Mancher soll ihn gesehen haben mitten im Kreise glänzender Wappner, sitzend an einem Tisch von Marmelstein, durch welchen ihm der Bart gewachsen, der fast dreimal um den Tisch reicht. Wann er zum drittenmal die letzte Ecke erreicht, dann wird der Antichrist erscheinen, dann wird die große Schlacht auf dem Walserfelde geschlagen, die Engel stoßen in ihre Posaunen, und der Jüngste Tag bricht an. Auch die Tochter des Kaisers wohnt daselbst und hat sich zum oftern freundlich gegen solche gezeigt, die zu günstiger Stunde in den Berg traten. Zu heiligen Zeiten will man wahrgenommen haben, daß der große Kaiser sich mit seinem Hofgesinde oder aber mit den Mönchen von St. Justus in der Domkirche zu Salzburg um Mitternacht eingefunden, die Mette mitgesungen und dem Hochamte beigewohnt, welches sein Hofpfarrer oder der Prior von Sankt Justus oder wohl gar ein großer Kirchenprälat zelebriert, der zugleich mit ihm in den Untersberg verwünscht worden ist. Zu solchen Zeiten wallen die vertriebenen Mönche in langen Zügen durch Erdklüfte unter Seen und Flüssen nach den benachbarten Kirchen und halten in St. Bartholomä am Königssee bei Berchtesgaden, in Grödig, im Münster Berchtesgadens und im hohen Dome der Metropolis zur Mitternachtsstunde unter Glockenklang und Orgelton den Gottesdienst. Ritter und Reisige durchreiten in glühenden Panzern, auf Flammenrossen und mit funkensprühenden Waffen die Gefilde der Umgegend, sich zur Pein und dem Lanmann zum Schrecken. Mit anbrechendem Tage eilen sie in den Untersberg zurück durch eine nur selten und nur wenigen sichtbare eherne Pforte, welche beim Hallturm hinter den Trümmern der Burg Plauen zwischen den Steinklüften eingestürzter Felsen zu Tage geht. *   987. Der Birnbaum auf dem Walserfeld Auf dem Walserfeld, ganz nahe dem Untersberg, stehet ein uralter Birnbaum, ganz dürr und abgestorben seit langer Zeit, und ist schon zum öftern gar umgehauen worden, aber durch die Kraft des Allmächtigen wurde die Wurzel behütet und trieb wieder aus, daß der Baum emporwuchs. Von diesem Baume geht nun eine alte Weissagung, daß er dereinst wieder beginnen werde zu blühen und Frucht zu tragen. Wann aber dieses sich ereignet, dann wird der verzauberte Kaiser mit all seinen Wappnern hervortreten aus dem Schöße des Untersberges, und es wird eine große und erschreckliche Schlacht des Glaubens halber geschlagen werden. Dieses geschieht aus göttlichem Verhängnis, weil kein Mensch mehr dem andern brüderliche Liebe erzeigen will. Wann der Baum beginnt zu grünen, wird diese Zeit der Not nahe sein, wann er aber anfangen wird Früchte zu tragen, wird sich die Schlacht anheben, und der Fürst des Bayernlandes wird an den Birnbaum seinen Schild aufhängen. Auf dem Felde wird den Streitern das Blut rinnen bis an die Knöchel und in die Schuhe, und die Vornehmen (merk's!) werden wünschen, insgesamt auf einem Sattel davonreiten zu können. Nur die guten Menschen werden von den Riesen des Untersberges geschützt und gerettet, die bösen aber alle erschlagen werden. So blutig soll die Schlacht sein, daß sie alles Volk zerstören wird, als welches gar schrecklich. Fürwahr, eine gräßliche Prophezeiung, klingt, als wenn 1848 ihr Geburtstag gewesen wäre. Die Guten werden davonkommen, das sind die mit den Schlapphüten, den roten Federn und den Waldschrattbärten, die den bösen, vornehmen Menschen alle brüderliche Liebe zu erzeigen und mit ihnen zu teilen trefflich geneigt sind. *   988. Geistermette Ein Bewohner dieser Gegend, der Seebühler genannt, hat erzählt, einmal sei er mit seinem Vater und ihrer zwei andern vom Thumsee zur Nachtzeit nach Berchtesgaden zu gegangen; Wild zu schießen, denn dort gibt es Wild und Wildschützen allewege. Da seien sie außerhalb Reichenhall bei der jetzt niedergerissenen Kirche von St. Peter und Paul vorbeigekommen, gerade als die Glocke drinnen in der Stadt zwölf geschlagen. Alsbald erblickten die Wildschützen die Kirchensenster hell erleuchtet und kletterten neugierig außen an einem Fenster in die Höhe, hineinzugucken, denn Wildschützen fürchten sich vor dem Teufel nicht. Da war die ganze Kirche voll schwarz angetaner Leute, und jede Person hielt ein Licht, und hatten ihre Häupter all gesenkt voll Andacht. Am Altare der Priester hielt feierlich das Hochamt, und die Orgel erklang dazu durch die Nachtstille in süßen Tönen. – Außer dieser Kirche und dem Dome zu Salzburg werden als Geisterkirchen auch noch genannt die Propsteikirche zu Berchtesgaden, die Kapelle zu St. Bartholomä hart am Königssee unterm Watzmann, die zu St. Zeno abwärts Reichenhall nach Salzburg zu, auch in der G'main und im Stift zu Högelwerth ist gleiches wahrgenommen worden. Ja sogar weit vom Untersberge, hat der Seebühler erzählt, zu St. Salvator in Prien, hart am entgegengesetzten Ufer des Chiemsees nach Rosenheim zu, wie ihm die Mesnerin heilig und teuer versichert hat, haben die schwarzen Untersberger Geistermette gehalten; die Kirche war hell erleuchtet, die Orgel klang nebst andern Instrumenten, die Kirchentüre aber war verschlossen und ließ sich mit dem Schlüssel nicht öffnen. Nachbarsleute genug seien dabei gewesen und könnten's bezeugen. *   989. Der verlorene Jäger Es ist nicht selten geschehen, daß Leute in den Untersberg entrückt worden, längere oder kürzere Zeit darinnen geblieben, dann wieder herausgekommen sind und erzählt haben, was ihnen darin begegnet; darüber gibt es viele Sagen, ja ganze Bücher, so eins von Lazarus Aizner, der hat schrecklich viele Wunderdinge im Berg gesehen, auch die Türen zu den Gängen, die nach den Kirchen führen, welche die Untersberger besuchen; einer dieser Wege geht tief unterm Königssee nach Bartholomä – und hat viel seltsamer Prophezeiungen gehört. Einstmals ging ein Jägersbursch auf den Untersberg und ging daselbst verloren, denn er kam nicht wieder; er war in den Berg geraten und wußte nicht wie, doch hatte er sich seines Bedünkens nicht gar lange darin aufgehalten und wanderte wieder ganz wohlgemut seiner Heimat zu. Als er an die Kirche kam, die man nennt die G'main zur Mutter Gottes, so hörte er läuten und traf auf dem Kirchhof ein kleines Mägdlein an, das fragte er: Warum läutet man? – Zum Seelgottesdienst für einen Jäger, der vorig'ö Jahr auf dem Berge verloren gangen ist, antwortete das Kind. Da ging der Jäger in die Kirche und kniete nieder am Speisegitter, und nach und nach füllte sich das Gotteshaus mit Leuten, davon viele seine Verwandten waren, die ihn alle nicht erkannten. Wie es nun Zeit zum Opfer war, erhob sich der Jäger zuerst und ging voran, da erst erkannten ihn seine Verwandten und Freunde und staunten, daß der mit dem Opfer ging, für dessen arme Seele derselbige Trauergottesdienst gehalten wurde, und war nach beendigtem Dienst groß Fragens um ihn her – aber der Jäger schwieg und offenbarte nichts. Nur dem Erzbischof von Salzburg hat bald darauf der Jäger erzählt, was er gesehen und im Berge erlebt, und ein Vierteljahr danach ist er tot gewesen. Er hat Michael Holzegger geheißen, und soll sich diese Sache 1738 zugetragen haben. Und der Erzbischof ist über das, was er vom Jäger vernommen, sehr nachdenklich und tiefsinnig geworden und hat es niemand anvertraut. *   990. Die Goldzacken Am Untersberge, dessen Gipfelseitenansicht, von weitem gesehen, merkwürdig einem Menschengesicht gleicht, hat es schon gar manchen geneckt und, wenn nicht in das Innere, doch außen in Wald und Geklüft irregeführt, denn es ist gar ein gewaltiger Bergstock, der stundenweit seinen Hochrücken streckt und in den weißen Blöcken seines Marmors Geflechte zeigt, rot wie der Bart des Barbarossa. Da war zu Fagen ein Scheuerbauer, hieß Sebastian Fletscher, der kam auch einmal an eine Felswand, die etwas überhing, blitz, da hingen Zacken von purem blanken Gold weit herunter, daß man sie mit der Hand erreichen konnte, gerade solche, wie der Holzmann in der Geisterkirche am Ochsenkopf fand, aber der Fehler war der, daß man die Goldzacken nicht mit der Hand abbrechen konnte wie Eiszapfen. Indes war der Fletscher klug, er dachte, du willst heimgehen und deine Haue holen, willst dir aber zuvor ein Merkzeichen machen, daß du den Ort wiederfindest; trug also einen tüchtigen Haufen Steine zusammen, gerade unter die Goldzacken, und lief nun, was er konnte, heim und holte die Haue. Wie schwang um ihn die Hoffnung so goldene Flügel und hing sie ihm an Haupt und Füße, daß er mehr flog als ging. Da er nun wieder hinaufkam, der Bastel, so lag richtig sein Steinhaufen noch da, aber – o weh – die Goldzacken waren nicht mehr da – dergleichen bleibt nicht ewig sitzen und sichtbar. Die rechte Stunde war für immer vorüber, und der arme Fletscher hatte nun keinen andern Lohn als den Hinweg für den Herweg. *   991. Riesen und wilde Frauen im Untersberge Leute aus dem Dorfe Feldkirchen ohnweit der Stadt Salzburg erzählten für wahrhaft: Als wir noch junge Buben waren, haben wir mit eigenen Augen gesehen, daß einige alte Riesen aus dem Untersberge herausgingen, herunterkamen und sich auf die nächst dieses Berges stehende Grödiger Pfarrkirche lehnten, mit unterschiedlichen Personen Gespräche hielten, doch niemand einiges Leid zufügten, sondern ihren Weg wieder in Frieden gingen. Die Grödiger Leute waren von den Riesen oft ermahnt, durch erbauliches Leben sich gegen verdientes Unglück zu sichern. Dieselben Leute zeigten zu der nämlichen Zeit an, daß zu Grödig vielmals etliche Frauen von wilder Art aus dem Untersberg gekommen sind zu den Knaben und Mägdlein, welche zunächst dem Loch innerhalb Glanegg des Viehes hüteten, und ihnen Brot und Käse zu essen gegeben haben. Auch in das Kornschneiden gingen solche wilde Frauen nach Grödig. Sie kamen sehr früh des Morgens herab, und abends, da die andern Leute Feierabend genommen, gingen sie; ohne die Abendmahlzeit mitzuessen, wiederum in den Wunderberg hinein. Eines Tages geschah es, daß ein Bauersmann bei Grödig aus dem Felde ackerte und sein kleines Söhnlein auf das Pferd gesetzt hatte. Da kamen die wilden Frauen aus dem Untersberge, hätten das Knäblein gern gehabt und wollten es mit Gewalt hinwegführen. Der Vater aber, dem die Geheimnisse und Begebenheiten dieses Berges schon bekannt waren, eilte den Frauen ohne Furcht zu und nahm ihnen den Knaben ab mit den Worten: Was erfrechet ihr euch, so oft herauszugehen und mir jetzt sogar meinen Buben hinwegzunehmen? Was wollt ihr mit ihm machen? – Die wilden Frauen sagten: Er wird bei uns bessere Pflege haben, und wird ihm bei uns besser gehen als zu Hause; der Knabe wäre uns sehr lieb, es wird ihm kein Leid widerfahren! – Allein der Vater ließ seinen Knaben nicht aus den Händen, und die wilden Frauen gingen bitterlich weinend von bannen. Abermals kamen die wilden Frauen aus dem Wunderberge nahe an die Kugelstatt oder Kugelmühle, so bei diesem Berge schön auf der Anhöhe liegt, und nahmen dort ein Knäblein mit sich fort, das das Weidvieh hütete. Da haben über ein Jahr hernach die Holzleute dasselbe Knäblein auf dem Untersberge auf einem Baumstock sitzen sehen, das hatte ein schön grünes Kleid an. Dies sagten sie den Eltern des Knaben, und am andern Tage suchten sie es mit Vater und Mutter an demselben Orte, aber der Knabe ward nicht wieder gefunden. Mehrmals hat es sich begeben, daß eine wilde Frau aus dem Wunderberge gegen das Dorf Anif ging, welches eine gute halbe Stunde vom Berge entlegen ist. Alldort machte sie sich in die Erde Löcher und Lagerstatt. Sie trug ungemein langes und schönes Haar, das ihr beinahe bis zu den Fußsohlen hinabreichte. Ein Bauersmann aus Anif sah zum öftern diese Frau ab- und zugehen, und ob ihrer Schönheit und der Schönheit ihrer langen Haare ward ihm gegen sie das Herz entzündet. Er konnte dem Drange, ihr zu nahen, nicht widerstehen, ging zu ihr, betrachtete sie mit innigem Wohlgefallen und legte sich endlich in seiner Einfalt ohne Scheu zu ihr auf ihr Lager, doch in allen Ehren; beide sahen einander an, und keines sprach ein Wort; noch weniger trieben sie Ungebührliches. Als der Bauer zur zweiten Nacht wiederkam, fragte ihn die wilde Frau, ob er nicht selbst ein Weib habe. – Nun hatte er eine angetraute Ehefrau, doch verleugnete er sie und sprach: Nein! – Des Bauers Ehewirtin aber machte sich allerhand Gedanken, wo denn ihr Mann des Abends hingehe und die Nächte zubringe. Daher spähte sie nach ihm und ging aus, ihn zu suchen, und fand ihn auf dem Felde, bei der wilden Frau schlafend. Da rief sie der wilden Frau zu: O behüte Gott deine schönen Haare! Was tut ihr denn da miteinander? – Mit diesen Worten wich das Bauernweib von ihnen, und ihr Mann erschrak gar sehr darüber. Aber die wilde Frau hielt ihm seine treulose Verleugnung vor und sprach: Hätte deine Frau bösen Haß und Ärger gegen mich zu erkennen gegeben, so würdest du jetzt unglücklich sein und nicht mehr von dieser Stelle kommen, aber weil deine Frau nicht bös war, so liebe sie fortan und hause mit ihr getreulich und unterstehe dich nicht mehr, daher zu kommen, denn es steht geschrieben: Ein jeder lebe getreulich mit seinem getrauten Weibe, obgleich die Kraft dieses Gebots einst in große Abnahme kommen wird und damit aller zeitliche Wohlstand der Eheleute. Nimm diesen Schuh voll Geld mit dir und sieh dich nicht mehr um! – Damit schwand die wilde Frau hinweg, und der Bauer ging mit seinem Schuh voll Geld erschrocken heim und tat, wie ihm geboten war. Ein Müller aus Salzburg, Leonhard Burger mit Namen, ging einst auf den Untersberg, da traf er eine wilde Frau und ein Bergmännlein an und sahe letzteres mit einem Hammer in das Gestein hauen; es floß in eine große untergestellte Kanne von einem halben Maß eitel gediegenes Gold. Die wilde Frau schrie den Wanderer an, und scheu wich er zurück; wäre er geblieben, so hätte er wohl etwas mehr bekommen; so aber gab ihm das Bergmännlein nur ein gutes Stück von einem glänzend schimmernden Steine, und daran hatte er sein Lebenlang genug. *   992. Der Fuhrmann und die Bergmännlein Einstmals im Jahre 1694 wollte ein Fuhrmann mit einem Wagen, der mit Wein befrachtet war, aus Tirol nach Hallein fahren und kam neben St. Leonhard bei der Almbrücke zu Niederalm, einem Dorfe zunächst des Wunderberges. Dort ging ein Bergmännlein aus dem Berge hervor und fragte den Fuhrmann: Woher kommst du, und was fährst du? – Der Fuhrmann sagte: Wein. – Da sprach das Männlein: Fahre mit mir! Ich gebe dir gute Münze dafür, und mehr, als du zu Hallein bekommen wirst. – Der Fuhrmann weigerte sich, weil der Wein bestellt sei. Darüber ward das Bergmännlein erzürnt, fiel auf die Mähnen der Pferde und rief: Fuhrmann, weil du nicht mitfahren willst, will ich dich so führen, daß du gar nicht wissen sollst, wo du bist, und sollst dich nicht mehr auskennen. – Dem Fuhrmann wurde mächtig bange, er sah, daß er in der Gewalt des Unterirdischen war, und gehorchte nun dem Bergmännlein, das mit eigener Hand den Zaum der Pferde ergriff und das Geschirr immer näher zu dem Untersberge hinlenkte. Dem Fuhrmann schien es, als gehe es auf einer kunstgerecht gemachten Straße, aber zugleich überkam ihn gar mächtig ein Schlaf, des er sich nicht erwehren konnte, nickte ein, erwachte wieder und sah, daß er einem Felsenschloß nahe, dessen Mauern von rot und weißem Marmor waren, und dessen Fenster wie Kristallspiegel glänzten. Dieses Schloß war so gefestet, daß man durch mehrere Tore und über sieben Zugbrücken mußte. Da nun der Wagen in das Schloß herein war, hieß der Kellermeister den Fuhrmann willkommen und sprach ihm Mut ein, und war selbiger Kellermeister etwa so ein Männlein wie die im Osenberg, der Bart ging ihm bis aus den Bauch, an der Seite hing ihm eine große Tasche, und in der Hand trug es einen großen Schlüsselbund. Nun sprangen auch andre seinesgleichen herbei, die spannten die Pferde aus, führten sie zum Futter und luden den Wein ab, andere führten den Fuhrmann in ein helles Gemach und setzten ihm zu essen und zu trinken vor, dann zeigten sie ihm das Innere des Schlosses, das gar überherrlich war, und sah viel Wunders an gegossenen Riesen von Erz und reiche Gewaffen, Gestühle, Bett- und Tafelwerk und einen fässervollen Keller so weit und tief, daß sein Ende nicht zu ersehen war, und dachte bei sich: Na, die müssen 's Zechen verstehen. Und im Keller drin an einem runden Tisch zählte ein Bergmännlein ihm einhundertundachtzig Dutzend Dukaten hin und ermahnte ihn, wieder andern Wein zu kaufen und guten Handel damit zu rreiben. Und weil das eine Pferd des Fuhrmanns blind war, so nahm ein Männlein einen Stein, der schien bläulich, und strich damit dem Pferd übers Auge, da ward es sehend, und schenkten ihm den Stein, auch andern zu helfen. Gar mancherlei erfuhr er noch von heimlichen Dingen, die er alle bei sich behielt bis an seinen Tod, und fand sich unversehens wieder mit seinem leeren Geschirr an dem Ort, da ihn zuerst das Bergmännlein angesprochen hatte. Den blauen Stein aber hat er einem Apotheker in Salzburg gezeigt, der fand, daß er ein kupfer- und zinkhaltiges Mittelsalz sei, nannte ihn ob seiner Tugend Lapis mirabilis , bildete ihn auf chemischem Wege nach und tät damit zuerst große Augenkuren an Menschen und Vieh. *   993. Der Goldsand Ein armer Dienstknecht beim Hofwirt zu St. Zeno, Paul Mayer, ging auch auf den Untersberg hinauf, als er beim Brunnental fast die Hälfte des Berges erstiegen hatte, stand er vor einer Steinklippe, und unter der lag ein Häuflein glitzernder Sand. – Ei, das könnt' am Ende Gold sein, dachte der Paul Mayer und steckte Sand ein, so viel in seine Taschen ging, und wandte sich zur Umkehr. Da trat ihm ein Fremder entgegen, grimmen Aussehens und riesenhaften Wuchses, und fragte: Was trägst du da? – Und da der arme Teufel vor Schreck verstummte, leerte jener ihm nolens volens die Taschen wieder aus und sprach: Jetzt gang gleich abi, und gang nimmer auf dem alten Weg z'ruck, und laß dich nimmer wieder hier oben antreffen, wenn d'nit zwa Bein' z'vill host! – Der Knecht ging ganz bestürzt einen andern Weg zurück, ärgerte ihn der Verlust des Sandes, vertraute sein Abenteuer einem Kameraden und nahm den mit auf die Höhe, trotz des Verbotes jenes Riesenmannes. Aber sie suchten und suchten und fanden durchaus nicht die Wand, nicht den Sand. Ein Holzmeister, der sich auf dem Untersberge im Geschäft verspätet, fand den Rückweg nicht und mußte in eine Felskluft einkriechen und allda nachten. Am andern frühen Morgen nahm er eine Steinklippe wahr, von welcher eben solcher Goldsand abrieselte, wie der Paul Mayer erblickt, der Holzmeister hatte nichts bei sich, den Sand aufzufangen, merkte sich die Stelle, ging heim und holte ein Krüglein. Dem glückte es nun besser wie dem Bastel Fletscher mit den Goldzacken, er fand die Stelle und den rinnenden Sand und setzte ein Krüglein, das er mit heraufgebracht, unter. Als dasselbe voll war, ging er hinweg und sah eine Türe, die stand offen, und er schaute hinein und sah es drinnen auch tageshell, aber mit einem Schnapp schlug die Türe ihm vor der Nase zu, und drinnen dröhnte es wie ein Schuß in einem großen Weinfaß. Im Krüglein war wahrhaftig Goldsand; er hat es nachher noch zum öftern füllen dürfen, aber bald darauf ist er gestorben, und da ging's mit dem Golde nach dem Sprüchwort: Wie gewonnen, so zerronnen, es zerrann nur so, wie eben Sand zerrinnt, und war kein Segen dabei. Es fand auch niemand nach ihm weder die Türe noch den quellenden Goldsand. *   994. Die Goldkohlen Zu Salzburg war eine Kräuterfrau oder Kräutelbrocklerin, wie man sie dort nennt, die ging auf den Wunderberg nach Wurzeln und Kräutern, denn was da alles Gutes darauf wächst, ist gar nicht zu sagen: Tausendgüldenkraut und bittrer Enzian, Goldwurzel und Salomonssiegel, Allermannsharnisch und Teufelsabbiß, Lungenkraut und Edelleberkraut. Engelsüß und Johannisblut, Dosten und Dorand, Himmelskerzen und Herzleuchte, Farnkrautmännlein und Farnkrautweiblein und viele hundert andere Heilwurzeln und Würzkräuter, so daß es nur eine Lust ist, auf selbem Berge zu kräuteln. Wie nun das Weiblein emsig ihres Geschäftes oblag, kam sie zu einer Wand des Berges, da lagen schwarze Brocken, sahen ohngefähr wie Kohlen aus, die warf sie auch alsbald in ihren Korb, und als dieser voll Kräuter war, ging sie heim. Zu Hause blitzte es aus den Kohlen hell und klar, gediegen Gold saß drin, die Hülle und Fülle. – Ei, des Dinges willst du mehr holen, das ist der wahre Jakob und die Herzenstrostmünze! – rief die Alte. Kehrte alsbald eilend wieder um zum Berge, fand aber da, wo die schwarzen Kohlen gelegen hatten, nichts als ein unsaubres Kräutlein: Ziegenlorbeeren. *   995. Juvavia Bis dicht an den Fuß des weitberühmten Untersberges erstreckte sich in den alten Zeiten eine Römerstadt, Castrum Juvavium oder Juvavia, zu deutsch Helfenburg geheißen. Julius Cäsar soll zum Schutz des Römerreiches gegen die Deutschen eine Besatzung in dieses Kastell gelegt und Kaiser Aelius Hadrianus eine römische Kolonie dort angesiedelt haben. Diese Stadt wuchs an Gebäuden und Einwohnern und breitete sich weit aus über das fruchtbare Gefilde, in welchem das heutige Salzburg liegt. Aber die Einwohner ehrten und fürchteten letztlich weder die Götter noch den einzigen Gott und versanken ganz und gar in den Schlamm der Laster, und der Himmel verhing sein Zorngericht über die sündige Stadt. In einer schrecklichen Nacht versank Juvavia mit Mauern und Mannen, und an die Stätte, wo es gestanden, trat ein weites und tiefes Moos (Moor), das noch heute zu sehen ist. Es ist nicht gut, diesem zu nahen, Gespenster irren dort um, und zur Nachtzeit locken täuschende Lichter den Wanderer in ungeheuerliche Tiefen. Unter dem Erzbischof Johann Ernst, Grafen von Thun, suchte man diese versunkene Stadt in den Moorgründen auf, welche sich von der Leopoldskrone bis zum Untersberge hin erstrecken. Eine alte Mauer, welche auf einer Seite ohnweit des Daunschlosses im Weingarten vom Mönchsberge herabläuft, hielt man für eine Ruine der berühmten Römerstadt, und eine alte Inschrift, welche jener Erzbischof in Marmor hauen ließ, dient der Sage zur Stütze. *   996. Die Mordau Zwischen dem Reuteralpgebirg und dem mit ewigem Schnee bedeckten Watzmann liegt eine Alm, die ist die Mordau geheißen. Da war eine Sennderin droben, die war gar schön und lieb, und die hat einen Buben gehabt, der war gar herzig und g'spaßig, doch hat die Liebschaft nicht lang gewährt, denn ein schmucker Jäger stach den Hirtenbuben bei seinem Schatzerl aus, und der Bub zergrämte sich mächtig, und das Schatzerl hatte eine Angst, denn es tut selten gut, wenn ein Dirndl zwei Liebsten auf einmal hat, davon singt schon ein altes Liedel, und vertraut's dem Jäger heimlich, wenn sie nur den Hirtenbuben auf eine gute Art los sein könnt', selbig's wär' ihr schon recht. Da sagte der Jäger: Ei, schick den Talk doch auffi auf den hohen Göhl, drüben jenseits der Achen, da wächst das schönste Edelweiß, und begehr fleißig ein Edelweißsträußel von seiner Hand, da wird ihm schon einmal was begegnen, daß er's Wiederkommen vergißt. – Diesen treulosen Rat nahm sich die falsche Sennderin zu Herzen, und da währte es nicht lang, so kam der alte Schatz und sagte zu der Falschen: Weißt d'was Neues? Der Herzog Friedrich von Bayern fallt ins Berchtesgadner Landl herein, da bin ich h'rauf kommen, dich zu beschützen, da du so allein hier oben wirtschaftest und kaserst. – O du mein Gott! antwortete die Falsche. Was dich doch träumt hat! Gang heim, oder gang hinüber auf den hohen Göhl und hol mir ein frisches Edelweiß auf meinen Hut, wenn ich morgen h'nunter nach Berchtesgaden in die Kirche geh. – Wie du meinst, ich hab's gut gemeint, antwortete der unbeglückte Liebhaber und stieg hinauf zum hohen Göhl und fand das Edelweiß, die Blume aller Alpenblumen, doch dünkt' ihm immer keins schön und groß genug, und sah zuletzt auf einem Ranft hoch überm Abgrund eins stehen, das leuchtete wie lautres Silber und hatte die Blüte aufgeschlossen wie eine Blume der Königin der Nacht, aber wie der Bub es pflückte, krachte und brach das Gestein des Ranfts, und er stürzte mit einem Schrei turmhoch in den Felsenabgrund hinab und zerschellte elendiglich. Indessen hatte sich der Jägersbub zum Schatzerl gesellt, und waren guter Dinge mitsammen und lachten des armen Narrn, der das Wiederkommen richtig vergessen hatte. Statt seiner aber kamen andre, eine Schar wilder Soldaten, die ihren Weg der Kürze halber, und weil sie den Paß auf dem Weg von Reichenhall nach Berchtesgaden, der die Straße geradezu verschließt, nicht passieren wollten, über die Mordau genommen, die fanden das einsame Paar, machten kein Federlesen mit dem Jäger, sondern stießen ihn nieder, faßten die falsche Dirne auch nicht in Gold, sondern taten ihr, was ihr nicht lieb war, und hatte den Tod davon, und sterbend flirrte vor ihrem brechenden Blick des verratenen Liebsten blutiger Leichnam. Die Soldaten soffen die Milch, fraßen die Käse, schlachteten die Kühe, zündeten die Sennhütte an und warfen die Leichen der Ermordeten in die Flammen. Seitdem heißt die Alpe die Mordau und steht auch so auf den Landkarten. Im Zwielicht schweben Geisterschatten trüb und schwer über ihre Triften hin. *   997. Die drei Jungfern Über Berchtesgaden, oder wie sie es dort in der Gegend nennen, Berchtelsgaden, ragt ein hoher Alpenberg, der Kirnberg, empor, der hat drei spitze Zacken, und diese Zacken heißen die drei Jungfern. Es waren drei Jungfern im Ort, die putzten sich und strählten ihr Haar und flochten's einander wunderschön, denn sie wollten zum Tanz gehen und waren mitnichten in die Kirche gegangen, als es zur Messe geläutet hatte, und wie sie im besten Haarflechten waren, da läutete es zur Wandlung, und sie hörten den Schall, aber ihre Finger waren so geschäftig, daß keine sich die Zeit nahm, sich zu bekreuzen. Die eine sprach bloß: Horcht, es läutet zur Wandlung! – Meinetwegen! sprach die zweite. – Wandlung hin, Wandlung her! sprach die dritte – da wurden ihnen die Finger so steif und so kalt, und die Zöpfe starrten wie Eiszapfen und waren nicht mehr geschmeidig, und die Stubenwand wich, und ward öde um sie her, und sie hoben sich und fühlten sich gehoben und sind drei Felsenzacken geworden und geblieben immerdar. *   998. Die Salzmänner am Dürrenberge An dem Salzberg, der am Dürrenberge (oder auch Dirnberg geschrieben) zwischen Berchtesgaden und Salzburg liegt, ward im Jahre 1573 in dem Salzwerk in einer Tiefe von angeblich sechstausenddreihundert Schuh, wird wohl eine Null zu viel sein, ein Mann ausgegraben, neun Spannen lang, mit Fleisch, Bein, Haar, Bart und Kleidung, und war das Fleisch hart und gelb, wie etwa ein geselchter Stockfisch. Damals stand ein schrecklicher Kometstern am Himmel. Einen ebensolchen Mann hat man abermals ausgegraben im Jahr 1616 im St. Georgen-Stollen in demselbigen Berge und ihn jahrelang beim Stollen Klemereis in einem Kämmerlein aufbehalten, und haben dazumal viele Menschen zu ihren Zeiten selbige beiden Salzmänner gesehen. Zuletzt aber haben diese Salzmänner angehoben zu riechen, wie die ägyptischen Mumien in der Altertümersammlung, die eine Zeitlang auf der Burg zu Nürnberg war oder noch ist, und man hat für gut befunden, der Erde zurückzugeben, was der Erde schon seit undenklichen Jahren angehört, und die Salzmänner christlich begraben. *   999. Irmentritt In dem Tale der Saal, hart unterm Watzmann, der Stuhlwand und dem Steinernen Meer, liegt der Gebirgsort Saalfelden und nahe dabei ein Schloß, Dorfheim genannt, das hieß früher der Turm zu Dorf, und alldort wohnte eine Familie des Namens von Hund oder Hunt. Und eine so benamte Familie mag wohnen, wo sie will, so wird ihrem Ursprung die Sage nachfolgen, und sollt' es wie hier in einen von ewigem Schnee überhangenen Gebirgswinkel sein. Hier lebte Ritter Isenbart, der zugleich ein Isegrim war, mit seiner Gemahlin Irmentritt, welche einst einer mit Zwillingen gesegneten Bettlerin allzu nahe trat, sie unzart verhöhnend, und dafür der Bettlerin Fluch empfing, daß sie, wie sie über die zwei auf einmal spotte, nun ehebaldigst der Kinder zwölf auf einmal gebären solle. Dieses geschah auch wirklich zu einer Zeit, als Isenbart sich auf der Gemsenjagd befand und um die Kogel zwischen der Stuhlwand und dem Watzmann herumkletterte, welche man Hundstod nennt und also auf den Karten verzeichnet findet. Solches geschah im Jahre 887, und die Zwölfgebärerin war in großen Ängsten. Es erfolgte daher der Beschluß, daß die Magd elf der Kindlein von bannen tragen und in der Saal ersäufen solle, wenn aber Ritter Isenbart sie betrete, solle sie sagen, sie trage junge Hündlein. Nun begab sich alles wie da und dort bis zum Schluß, und Frau Irmentritt stürzte tot von ihrem Sessel nieder, als der Graf ihr den großen Fehltritt zürnend vorhielt. Die heimlich auferzogenen Knäblein aber empfingen allzumal den Namen Hund und blieben im Besitz des Turms, ließen auch die ganze Stammsage in ihren Rittersaal malen, desgleichen auch einen ihres Geschlechts, der 1392 mit einem riesigen Kämpen, Jakob Kainspieß genannt, zu Hall im Inntal stritt, dessen Sieger ward und ihn in Fesseln legte. Nachderhand ist das getürmte Schloß an die Herren Lärzer von Zehendthal gekommen. *   1000. König Watzmann Südöstlich von Salzburg streckt, mit ewigem Schnee bedeckt, hoch über sieben niedrigere Zinken ein Berg zwei riesige Zackenhörner gen Himmel, das ist der über neuntausend Fuß hohe Watzmann. Von ihm erzählt das umwohnende Volk aus grauen Zeiten her diese Sage. Einst, in undenklicher Frühzeit, lebte und herrschte in diesen Landen ein rauher und wilder König, welcher Watzmann hieß. Er war ein grausamer Wüterich, der schon Blut getrunken hatte aus den Brüsten seiner Mutter. Liebe und menschliches Erbarmen waren ihm fremd, nur die Jagd war seine Lust, und da sah zitternd sein Volk ihn durch die Wälder toben mit dem Lärm der Hörner, dem Gebell der Rüden, gefolgt von seinem ebenso rauhen Weibe und seinen Kindern, die zu böser Lust auferzogen wurden. Bei Tag und bei Nacht durchbrauste des Königs wilde Jagd die Gefilde, die Wälder, die Klüfte, verfolgte das scheue Wild und vernichtete die Saat und mit ihr die Hoffnung des Landmanns. Gottes Langmut ließ des Königs schlimmes Tun noch gewähren. Eines Tages jagte der König wiederum mit seinem Troß und kam auf eine Waldestrift, auf welcher eine Herde weidete und ein Hirtenhäuslein stand. Ruhig saß vor der Hütte die Hirtin auf frischem Heu und hielt mit Mutterfreude ihr schlummerndes Kindlein in den Armen. Neben ihr lag ihr treuer Hund, und in der Hütte ruhte ihr Mann, der Hirte. Jetzt unterbrach der tosende Jagdlärm den Naturfrieden dieser Waldeinsamkeit; der Hund der Hirtin sprang bellend auf, da warf sich des Königs Meute alsobald auf ihn, und einer der Rüden biß ihm die Kehle ab, während ein anderer seine scharfen Zähne in den Leib des Kindleins schlug und ein dritter die schreckenstarre Mutter zu Boden riß. Der König kam indes nahe heran, sah das Unheil und stand und lachte. Plötzlich sprang der vom Gebell der Hunde, dem Geschrei des Weibes erweckte Hirte aus der Hüttentüre und erschlug einen der Rüden, welcher des grausamen Königs Lieblingstier war. Darüber wütend fuhr der König auf und hetzte mit teuflischem Hussa Knechte und Hunde auf den Hirten, der sein ohnmächtiges Weib erhoben und an seine Brust gezogen hatte und verzweiflungsvoll erst auf sein zerfleischtes Kind am Boden und dann gen Himmel blickte. Bald sanken beide zerrissen von den Ungetümen zu dem Kinde nieder; mit einem schrecklichen Fluchschrei zu Gott im Himmel endete der Hirte, und wieder lachte und frohlockte der blutdürstige König. Aber alles hat ein Ende und endlich auch die Langmut Gottes. Es erhob sich ein dumpfes Brausen, ein Donnern in Höhen und Tiefen, in den Bergesklüften ein wildes Heulen, und der Geist der Rache fuhr in des Königs Hunde, die fielen ihn jetzt selbst an und seine Königin und seine sieben Kinder und würgten alle nieder, daß ihr Blut zu Tale rann, und dann stürzten sie sich von dem Berge wütend in die Abgründe. Aber jener Leiber erwuchsen zu riesigen Bergen, und so steht er noch, der König Watzmann, eisumstarrt, ein marmorkalter Bergriese, und neben ihm, eine starre Jacke, sein Weib, und um beide die sieben Zinken, ihre Kinder – in der Tiefe aber hart am Bergesfuß ruhen die Becken zweier Seen, in welche einst das Blut der grausamen Herrscher floß, und der große See hat noch den Namen Königssee, und die Alpe, wo die Hunde sich herabstürzten, heißt Hundstod, und gewann so König Watzmann mit all den Seinen für schlimmste Taten den schlimmsten Lohn und hatte sein Reich ein Ende. *   Nachwort des Herausgebers Alle Erneuerung eines Volkes fängt mit Selbstbesinnung an, und ein Teil dieser Selbstbesinnung ist die Besinnung auf seine alten Sagen und Märchen, in denen es sein eigenes Wesen treu bewahrt wiederfindet. Damit ist der Zweck dieser Neuausgabe bereits dargelegt. Denn im ganzen Umkreis der deutschen Sagenliteratur gibt es kaum ein anderes Werk, das so wahr und echt die Art des deutschen Volkes und seiner Stämme ins Licht stellt wie dieses Buch. Ausführlich braucht darüber hier nicht mehr geredet werden. Bechstein selbst hat das Wesen und den Sinn seiner Sammlung in der Einleitung auseinandergesetzt, die wir mit zum Abdruck bringen, und nur das eine wäre den Worten Bechsteins hinzuzufügen: daß die Sammlung alles hält, was die Einleitung verspricht. Liebevolle Achtung vor dem lebendigen Wirken und Weben im Volke ist der Grundzug der Bechsteinschen Sammlung. Dieser Grundzug mußte auch in unserer Neuausgabe gewahrt bleiben und deswegen dem Text möglichst seine ursprüngliche Gestalt gelassen werden. Zugleich aber galt es, die Sagen dem Verständnis und dem Empfinden des heutigen Lesers nahezubringen. Diese beiden Erfordernisse zu vereinigen erschien anfangs fast unmöglich. Vor allem machte die Zeichensetzung große Sorge. Sie mußte von den vielen Willkürlichkeiten – Bechstein zeigt sich auch in diesem Werke oberflächlich und flüchtig in der Textgestaltung, wie auch der Druck des Originals sehr wenig sorgfältig ist – gereinigt werden, damit die von Bechstein selbst gewollte, aus dem Stoff sich ergebende Form zutage kam, die bei diesen frisch aus der Quelle strömenden Sagen nicht Form eines literarischen Gebildes, sondern lebendige Erzählform bedeutet. Dabei war noch besonders daran zu denken, daß jede Geschichte ihr eigenes Wesen und ihren eigenen Klang hat. Es wäre also nichts falscher gewesen als Vereinheitlichung. Man wird also finden, daß der Ton der Geschichten je nach Stoff, Zeit und Landschaft wechselt; auch die Form einzelner sprachlicher Ausdrücke schwankt demgemäß, wie auch die Namen, besonders die Ortsnamen, nach zeitlichen und örtlichen Abweichungen verschieden erscheinen. Zu den Ortsnamen ist indes zu bemerken, daß zu veraltete oder entstellte auf ihre heutige Form gebracht worden sind. Bechsteins Sagenbuch ist lange zu Unrecht vergessen gewesen. Es soll mit unserer Ausgabe zu neuem Leben erweckt werden. Dazu sollen auch die Bilder Adolf Ehrhardts aus der Erstausgabe der Sagen von 1853 helfen, die hier das erstemal neu entdeckt werden, und zwar teilweise nach den handsignierten Probeabzügen von den Originalholzstöcken selbst, die dem Verlag freundlicherweise von dem bekannten Bibliophilen Herrn Rechtsanwalt Heilpern in Leipzig zur Verfügung gestellt worden sind. An ihnen wird man das tiefe Verständnis für die Volkssage, die ungeheure Gewalt in der sinnenfälligen Darstellung aufbauender und zerstörender Naturkräfte und die plastische Gegenständlichkeit in der Komposition so sehr bewundern können, daß man kein Bedenken tragen wird, die Bilder den allerbesten Erzeugnissen deutscher Holzschneidekunst zuzuzählen. Der Herausgeber hofft und glaubt, daß die Freude an dem Werke, die er selbst bei seiner Herausgabe empfunden hat, in vielen anderen weiterklingen und dem alten Buche in seiner neuen Gestalt den Weg durch das ganze deutsche Land bereiten wird. Leipzig, im März 1930. Dr. Karl Martin Schiller.   Diese Ausgabe von Bechsteins Deutschem Sagenbuch wurde im Auftrage des F. W. Hendel Verlages zu Meersburg in der Offizin Fischer \& Kürsten in Leipzig gedruckt. Den Einband schuf die Handbindeabteilung der Buchbinderei H. Sperling, Leipzig. Das Papier wurde eigens für diese Ausgabe von der Wiedeschen Papierfabrik in Rosenthal angefertigt.