Charakterbilder Spätroms und die Entstehung des modernen Europa von Theodor Birt     Dritte, verbesserte Auflage Verlag Quelle \& Meyer, Leipzig [1923]     Meiner Schwester, Frau Agnes Leser zugeeignet. Du, Schwester, bist gewohnt in ferne Zeiten Als stille Leserin mich zu begleiten. Ich hab' Dir das »Idyll« entwandt, Wo friedlich Myrto den Alexis fand. Wie anders ist dies Buch! Mit ihm sei jetzt Dir das Genommene ersetzt: Wo aller Friede wird zu nichte. Der Sturm tobt drin der großen Weltgeschichte. Der Blutkampf römischer Despoten, Vandalenschreck, der Siegesschrei der Goten, Der Tempelsturm der Christenleute: Ein ewiges Ringen nur um Macht und Beute. Da hörst Du nichts von sanften Liebestönen. Ans Sterbenseh'n muß sich das Herz gewöhnen. Der Pfad der Menschheit trieft von Blut: Maßloser Haß! maßloser Opfermut! So wirst Du die Cäsaren herrisch schalten sehn Und ganze Völker blühn und untergehn.   Ich weiß, Dein Herz wird darum nicht erbeben; Denn hart ist auch die Zeit, in der wir leben. Das Schicksal hat und Deutsche schwer geschlagen. Wer in's Vergangene schaut, der lernt es tragen.     Aus dem Vorwort der ersten Auflage Soll ich noch ein Wort zur Rechtfertigung dieses Buches hinzufügen? Rom und immer wieder Rom! Es steht uns näher, als die meisten glauben. Roms Geschichte zerfällt naturgemäß in zwei selbständige Teile. Die Entstehung des römischen Weltkaisertums und sein Völker einigendes, Völker beglückendes Wirken ist ein Teil für sich; ihn habe ich in meinen »Römischen Charakterköpfen« dargestellt. Eine zweite Aufgabe ist, den Zerfall desselben Weltreiches zu schildern; es ist der langsame Prozeß, wo Rom und Italien aufhört, das Zentrum der politischen Dinge, der Motor der Weltgeschichte zu sein. Dies sei in dem vorliegenden Werke vorgeführt. Irre ich nicht, so wird, wer es zu Ende liest, empfinden, wie fest unser heutiges europäisches Völkerleben in der Antike wurzelt. Denn die Völker und ihre Schicksale fließen aus der Vergangenheit in die Gegenwart wie ein stetiger Strom, ohne abzusetzen. »Alles kommt und geht nur, um sich zu ergänzen. In rascher Folge erneuern sich die Generationen immer wieder und reichen die Fackel eine der andern weiter, wie die Läufer im Fackellauf.« So sagt uns Lukrez. Die Fackel selbst ist uralt, aber sie glüht noch immer. Es ist die Fackel des Lebens. Den Siegern in den umstürzenden Völkerkämpfen, die wir heute erleben, und den Besiegten, beiden wird es dienlich sein, sich dies immer wieder vor Augen zu führen . . . .. Marburg a. Lahn, 7. August 1919. Th. Birt . Vorwort zur zweiten und dritten Auflage Das Buch ist in den weiteren Auflagen im Wesentlichen dasselbe geblieben; doch hat es wiederholt Verbesserungen und Zusätze erfahren. Marburg, 23. 12. 1922. Th. Birt .     Inhaltsverzeichnis         Einleitung Septimius Severus Die syrischen Kaiserinnen und die Christen Diocletian Constantin der Große Julian Stilicho und Alarich Drei Männer der Kirche Germanenkönige Das Ende     Einleitung Die Weltgeschichte arbeitet in der Gegenwart mächtiger als je. Alle Kontinente tragen sich seit dem Weltkriege mit neuen Zukunftsplänen. Der Erdball selbst will seine Gestalt verändern, und so fühlt jeder Denkende sich wie wohl nie zuvor zu weltgeschichtlichen Betrachtungen getrieben. Krieg oder Friede? was ist das Heil? was ist die Bestimmung der Menschenvölker? Es gab eine traumhafte Zeit; sie ist noch nicht lange her: da glaubten viele von uns Reichsdeutschen ernstlich an Weltbürgertum, an die ausgleichende Wirkung der Humanität, ein großes Verstehen und Verstandenwerden. Es war so schön! Aus allen Völkern kamen die Ausländer mit friedfertiger Miene in die deutschen Bäder und zu den deutschen Hochschulen gereist, um sich aus der einen Quelle Gesundheit, aus der anderen Bildung zu holen. Es war Trug und Schein; als die Schicksalsstunde gekommen war, warfen alle Völker die Masken ab; der Egoismus lag bloß, und der Neid und Haß griff zu jeder Waffe, bis zur grausamsten, der Aushungerung eines ganzes Volkes. Dieser Neid aber ist alt, er lebt und wirkt in den Ländern Europas ohne abzusetzen durch die Jahrhunderte. Sehen wir von Deutschland, Polen und Rußland, die nie zum alten römischen Reich gehört haben, ab, so hat auch in England und Frankreich, Holland, Spanien, Italien und dem Donauland Österreichs und Rumäniens der Interessengegensatz der Nationen in all den Zeiten zu ständigen Reibungen mit Schlag und Gegenschlag, Erbfolgekriegen, Grenzkriegen, die nicht abreißen, zum Raub an Länderbesitz geführt. Was nützte es, daß die meisten dieser Staaten sich einer gemeinsam ererbten Kultur, der römisch-romanischen, rühmten? So ist es gegangen seit Attilas Zeit, seit der großen Völkerwanderung, die um das Jahr 400 für die heutigen Nationen die Grundlagen schuf. Nicht nur das: urältestes Menschengut ist der Neid; er ist Natur. Nur der Tod bringt ihn zur Ruhe. Das Leben selbst ist der Unfriede: Selbsterhaltung auf Kosten des Nachbarn, der pulsierende Trieb über sich selbst hinaus. Er ist so alt wie 3 der Unterschied der Menschenrassen, die sich bedrängen; sein Schlachtruf schallt uns entgegen schon aus der Zeit Lykurgs und Homers und der Semiramis, schon aus dem Streit Kains und Abels. Was hat Bestand? Alle Grenzen fließen, und das heut Gewordene ist morgen das Gewesene. Und was ist der Friede? ein negativer Begriff; Stillstand der Affekte ist er, ein toter Punkt, der sich umsonst zu verewigen trachtet. So lange die Erde steht, wird nicht aufhören Sommer und Winter, Saat und Ernte, Tag und Nacht, Krieg und Friede, im ewigen Wechsel. In der Tat, so war es, so lange es Menschen gibt, auch schon in den vorchristlichen Zeiten, bis über gewisse Völkergruppen die großen Weltmonarchien kamen, die nun doch einen Frieden schafften und erzwangen: einen Notfrieden; so vor allem das Römerreich, und von ihm ist hier zu reden. Schon damals haben die Völker, die sich seit Beginn des Mittelalters mit Krieg zerfleischen, zum großen Teil bestanden und zusammengefaßt innerhalb der Grenzen des Römerreiches gelegt. Durch die Zentralgewalt Roms wurden sie entwaffnet und zu einem Völkerbündel zusammengebunden, wie der Packer die widerstrebendsten Dinge in einen Ballen schnürt, bis sie glatt liegen, oder wie einst die Tiere in Noahs Arche, die der Sintflut entronnen waren, sich vertrugen und ihre Mordgier vergaßen. Was unsere Pazifisten heute ersehnen, war erreicht. Versöhnung durch Unterjochung, das ist das Geschenk der Weltmonarchie: eine Einfriedigung in doppeltem Sinne. Sie kann im Ernst unser Ideal nicht sein, aber wir leugnen nicht, daß sie Segen schafft, wenn gütige Despoten walten, die sich als Stellvertreter Gottes fühlen. Solche Menschenfreunde auf dem Thron sind in der Tat etliche der Zäsaren, Augustus, Titus, Trajan, Hadrian und die Antonine gewesen. Raubgier hatte das Römerreich erzeugt; aber seine Lenker wurden hernach im Geist der Griechen durch philosophische Erziehung die erlesenen Wohltäter der Menschheit. Dies Weltreich der römischen Kaiser begann im Jahre 4 31 v. Chr. und hat durch seine Existenz den Weltfrieden durch volle zweihundert Jahre gesichert, bis zu Commodus' Ende, i. J. 192 n. Chr. Durch zweihundert Jahre waren, so weit es reichte, alle politischen Gegensätze aus der Welt geschafft. Es war ein Wunder, ein einziges Phänomen der Weltgeschichte. Nichts ist begreiflicher als der Sieg der internationalen Gesinnung, den damals diese Welteinheit erzeugte; nichts begreiflicher, als daß ein Weltbürgertum, ein reines Menschentum entstand, wie keine spätere Zeit es wieder brachte, und daß so auch das Auftreten Jesu im stillen Galiläa und der rasche Eroberungszug seiner Lehre durch alle Länder möglich wurde. Gleichwohl war das moderne Europa damals schon im Entstehen; es lag noch friedlich schlummernd als Säugling in der Wiege des Römerreiches. Meine Aufgabe soll sein, zu zeigen, wie es wach wurde, wie die Wiege zerbrach und das moderne Europa sich endlich auf seine Füße stellte; in Chlodwigs, des Merowingers Zeit, ist das endgültig geschehen. Die Germanen waren es, die die Wiege zerbrachen. Das Weltbürgertum war damit zu Ende. Der Friede war nur ein Kindertraum der noch schlummernden europäischen Völker gewesen. Was war in der Zeit Christi die » Welt «? Wenn wir das Wort gebrauchen, müssen wir von unserem modernen Größenbegriff allerdings völlig absehen. Schon damals floß der Amazonenstrom, rauschte der Niagara, zog der Kondor seine Kreise über den Cordilleren, blühten Japans Gebirgswiesen im buntesten Märchenflor, jagte der Papua das Känguruh in den Steppen Australiens. Aber man wußte es nicht. Alles das lag jenseits der »Welt«. Tee, Kaffee und Tabak waren den Griechen und Römern so unbekannt wie die Länder, die sie produzieren. Das schmächtige Mittelmeer war der Mittelpunkt dessen, was man damals die Welt, die Ökumene, nannte. Unsere Welt ist nur ein punctum im All, sagt uns ein Römer Ammianus Marcellinus 15, 1, 4; schon Cicero De re publ. I 26; Tusc. I 40. . Nur Europa kannte man und von Asien und Afrika nur die Europa zugekehrten Teile. Der Ganges stand auf den antiken Weltkarten am äußersten Ostrande des Bildes; durch die Kriegszüge 5 Alexanders des Großen allein wußte man auch vom Himalaya (den Emôdischen Bergen) zu reden und von den Riesenschlangen, die es dort gab. Deutschland erschien als leere Fläche mit Völkernamen unsicheren Sitzes, Rußland und Sarmatien ganz leer, Sibirien kaum geahnt. Einen echten Chinesen hat man in Rom wohl nie zu Gesicht bekommen. Von der Insel Ceylon kam wohl einmal eine Gesandtschaft an den Kaiserhof Unter Kaiser Claudius. ; übrigens war Indien ein Fabelland, wo angeblich einbeinige Menschen und Menschen, die keine Nase hatten, lebten Gleichwohl bestand ein mächtiger Import aus jenen fernsten fremden Ländern; für Seide, Edelsteine und Perlen aus China und Arabien gab Rom jährlich mindestens 100 Millionen Sesterz aus (Plinius, nat. hist. 12, 84). Römische Münzen sind in Indien bis Ceylon und Kap Komorin gefunden worden; s. E. Speck, Handelsgeschichte des Altertums III, 2, S. 919 bis 931. . Die Erde wurde als Vollkugel gedacht; aber der unermeßliche Ozean verschlang damals noch dreiviertel ihrer gewölbten Oberfläche. Man träumte von »Antipoden«, aber man wußte nichts von ihnen. Trotz alledem hat sich das Römerreich mit Recht als die Welt betrachtet. Welt ist überall da, wo man von ihr redet, der Horizont mag weit oder eng sein. Welt ist aber nur da, wo Erinnerung, wo Selbstbewußtsein der Völker, wo Bildung, wo Geschichte ist. In den Büchern, in den Bauresten und Inschriften der Völker der Antike rettet sich die Erinnerung jener gebildeten Welt, des orbis terrarum , zu uns. Daher zählt der Kelte, der Germane nicht zur Welt, oder erst dann, seitdem die antike Kultur ihn mit erfaßte, erst unter dem Einfluß des Römertums. Kaum aber war das geschehen, als der Germane auch schon mächtig handelnd in das Weltdrama eingreift. Vorläufig lag die Verwaltungszentrale dieser Welt, eines Reiches von etwa 5½ Millionen qkm, noch am Tiberfluß; Rom war noch die Nabe im ungeheuren Rad der Dinge. Wie der Papst heut im Vatikan, residierte der Kaiser, wenn er nicht reiste, für die Meisten unnahbar, als Stellvertreter Gottes selbst göttlich verehrt, auf seinem Palastberg, dem Palatin, um ihn ein tausendköpfiges Personal in hundert Bureauräumen. Von da aus sendet er seine Statthalter wie ausgreifende Fangarme in die Länder in ständigem Wechsel, und diese Vizekönige saßen in allen Hauptstädten Frankreichs, Englands, Österreichs, der Schweiz, des Balkanlandes, Ägyptens, Kleinasiens, Nordafrikas (von Tripolis bis Marokko), saßen in Syrien bis nach 6 Mesopotamien und am Euphrat. Allen Völkern galt die gleiche Fürsorge; dabei wurde jedem nach Möglichkeit seine Eigenart gelassen. Da sie aber alle das gleiche Schicksal trugen, das Schicksal unterjocht zu sein, so lernten sie sich sympathisch bald genug als Einheit fühlen, und der Rassenhaß trat auffallend zurück. Jedes Volk kannte wohl die Schwächen oder Laster des anderen, aber nie finden wir, daß etwa der Gallier den Briten, der Italiener den Spanier als solchen beschimpft oder ihm aus dem Wege geht. Verhaßt waren in diesem Riesenvölkerkomplex höchstens der Syrer und auch der Jude, weil dies Volk seine Rasse stärker betonte als andere. Dazu kommt, daß, wie der Osten griechisch sprach, so im ganzen Westen sich das Latein als die Verkehrssprache durchsetzte; die Volksidiome verkrochen sich scheu in die Gebirge und entlegenen Strecken. Auch das wirkte mächtig zur Einung mit. Nicht anders die Literatur. Es gab nur griechische und lateinische Bücher, Weltliteratur in zwei Sprachen: Cicero und Demosthenes, Vergil und Homer. Überallhin trugen die Schulmänner die gleiche Bildung; eine fabelhafte geistige Uniformierung. Analphabeten gab es kaum. So verlor der Spanier, der Kelte an seiner eigenen Vergangenheit das Interesse. Aller völkische Ehrgeiz schwand; alle politische Keimfähigkeit wurde abgetötet. Ja, auch zum Handelsneid, der sonst die Ursache der Gegensätze ist, kam es nicht. Jedes Land pflegt sonst dem anderen die Absatzmärkte für seine Waren nicht zu gönnen. Aber auch davon spüren wir nichts. Die kaiserliche Politik brachte vielmehr die Reichsländer einander wirtschaftlich möglichst nahe, machte sie voneinander abhängig, und alle Sondergelüste schwanden. Die niedrigen Ein- und Ausfuhrzölle wirkten nicht hindernd. Die Freizügigkeit war die größte. Dazu kam die Einheit des Münzwesens, die Reichsgoldmünze, die das Umrechnen des Geldes, das nachteilige Geldwechslergeschäft unnötig machte Vgl. Speck, Handelsgeschichte des Altertums III, 2, S. 983; über die Zölle S. 1038 f. . Vor allem gab es kein Land, das, wie England in der Neuzeit, sich zum privilegierten Warenhaus, zur Großfabrik der Welt ausgebildet hätte; Italien tat das am allerwenigsten; und die 7 Häfen und Handelsstraßen, die Brückenbauten, alles stand überall gleichmäßig in größter Vollendung; die Länder verbindende Straße war der Triumph Roms, in der Tat eine Kulturleistung, die wir nie genug bewundern können. Das Mittelmeer wimmelte von Handelsflotten. Auch alle Überseetransporte waren reguliert und gesichert. »Rom muß ewig herrschen, das ist der Wunsch des Erdreichs, so weit Menschen wohnen,« ruft ein Grieche in Smyrna um das Jahr 150 n. Chr.; »denn seitdem Rom herrscht, ruht aller Zank um Macht und Herrschaft und die Eifersucht zwischen den kleinen Staaten. Wie herrlich ist die Ordnung und die Gesetzmäßigkeit! Die ganze Welt gleicht einem eingehegten Garten; so ruht sie im Frieden, indes die Festungen draußen und das Berufsheer die Grenzen hüten. Des Menschengeschlechts glücklichste Zeit ist da!« Aristides' Lob Roms. Vgl. L. Hahn, Das Kaisertum (1913), S. 24 f. Speck Handelsgeschichte des Altertums S. 986. »Außerhalb des Römerreichs kein Leben, und wer das Reich nicht sieht, sieht die Sonne nicht,« deklamiert ein anderer Kallinikos im 3. Jahrhundert (Hahn, S. 29). . »Die ganze Erde hat ihre alte Tracht, das Eisen, abgelegt, und erscheint nun im Festgewande. Wer reist, wandert aus einer Heimat in die andere. Schon gibt es so viele Städte wie einst nicht einmal Hütten. Möge dieses Reich in Ewigkeit blühen, so lange, bis das Eisen oben auf dem Wasser schwimmt und die Bäume im Frühling nicht mehr blühen.« Sehen wir uns in den Hauptstädten Europas um. Wer sie heute bereist, findet überall die ruhmredigen Denkmäler des Völkerhasses von Nachbar zu Nachbar, die Trophäen der europäischen Kriege: in der St. Paulskirche zu London die Flaggen der versenkten holländischen und französischen Flotten, auf dem Trafalgar Square ebendort die Nelsonsäule mit den vier Löwen; in Paris die Brücke von Austerlitz, die Brücke von Jena; Versailles verkündet in Gemälden die Gloire der bourbonischen Raubkriege. Nicht anders die Denkmäler in Petersburg, Wien, Berlin. Wer dagegen in Hadrians Zeit durch Europa reiste, fand es anders; da gab es keine Nationaldenkmäler, die die Gegensätze betonten, und doch war die damalige Welt an prangenden Großstädten ebenso reich wie die heutige; ihre 8 Einwohnerzahl ist auf 100 000 bis 400 000 zu schätzen. Sie blühten in allen günstigeren Lagen wie die Frühlingsanemonen im Wiesengrund und öffneten ihre Kelche dem Glück und Frohsinn. Wer kann sie aufzählen? Byzanz am Goldenen Horn, Saloniki, Smyrna, Antiochien, Damaskus; jenseits des Libanon Palmyra, die Palmenstadt; Nisibis, der Stapelplatz jenseits des Euphrat; Alexandrien, Ägyptens Welthafen, einer der Wirbel der Welt; in den Westländern Lyon, Marseille und Arles; in Spanien Saragossa, Cordova sowie jenes Merida, das, heut ein verfallenes Nest, damals das Rom Spaniens war. Wer die afrikanische Küste entlang segelte, dem öffnete sich wiederum ein glänzender Hafen nach dem anderen: Hadrumetum, Hippo, Caesarea, Gigthis, vor allem das neu erstandene großmächtige Karthago, auch dies ein Wirbel der Lebenslust. So wuchsen in England London und York, im Rheinland Trier und Köln heran. Um Residenzen waren die Statthalter nicht verlegen. Sogar die Kaiser selbst haben in Lyon und Trier ihre stolzen burgartigen Paläste gehabt. Wer einmal durch die felsenharte porta nigra in Trier eingetreten ist, den überkommt das Gefühl der Wucht und Pracht des römischen Städtebaues. Alle diese Großstädte lagen in Festungsmauern gesichert. Ein Kapitol mit säulengetragenen Gotteshäusern und farbig schimmernden Tempelgiebeln beherrschte das Stadtbild; an den weiten Foren die Gerichtshallen und Bazare; weiterhin Theater, Thermen, Arenen. So war es überall. Die öffentlichen Bauten schmückten und belebten die Städte damals noch verschwenderischer und eindrucksvoller als heute; aber sie alle hatten im Okzident ungefähr den gleichen Typus. Es ist der Typus der Römerstadt. Auch der Fremde fand sich überall gleich wie zu Hause. Am überwältigendsten wirken auf uns heute die menschenleeren Städte, die neuerdings in voller Ausdehnung aus dem Sande Nordafrikas in Tunis und Algier ausgegraben worden sind Vgl. G. Boissier, l'Afrique romaine ; A. Schulte, Das römische Afrika; P. Gauckler, l'archéologie de la Tunise ; St. Gsell, lAlgérie romaine . : ich nenne Lambäsis und Thamugaddi (Timgad). Welche Wohlgepflegtheit! welche Raumverschwendung in den Bauten, welches Prunken mit Material, welche Freude am Schmuck 9 des Daseins in Plastik und Mosaiken! Überall vibrierender Handel, Geschäftigkeit, Konvente der Provinzialbehörden, Götterfeste, sorglos rauschendes Leben, aber fast nirgends Militär. Die Kasernen fehlen. Nur die von den Kaisern aufgebauten Triumphbögen, die überall breitstirnig den Hauptverkehrsstraßen zum Durchgang dienten, zeigten den Staatsbürgern an, wer ihr Herr und wer ihr Wohltäter war. Es lohnte hierbei zu verweilen; denn man muß wissen, wie viel Segen und Glückseligkeit durch den Zusammensturz des Römerreichs, der uns beschäftigen soll, verschüttet worden ist. Jeder weiß übrigens, daß Spanien, Nordafrika, Kleinasien, Syrien damals gut bewässerte Länder von üppiger Fruchtbarkeit und viel ertragreicher als heute gewesen sind. Das gilt besonders vom wüsten nördlichen Arabien und der Landschaft Hauran, wo die Menschen wie die Tiere nur unterirdisch in Höhlen lebten, Räuber von Beruf; man sieht mit maßlosem Staunen, mit welcher Energie die römischen Kaiser und Landpfleger diese Steppen damals durch mühevolle Wasserbauten geradezu in blühendes Land verwandelt und die Menschen in Städte gesammelt haben Durch neuere Ausgrabungen sind dort große künstliche Wasserbehälter gefunden; in Bostra einer im Umfange von 390 Quadratfuß. Der syrische Statthalter Cornelius Palma zog einen Kanal, der so gut funktionierte, daß dort damals 20 blühende Ortschaften lagen, von denen heute nur noch eine einzige einige Bewohner hat. Auch in dem ingens oppidum Bostra jener Zeiten leben jetzt nur noch wenige Familien (vgl. G. Rindfleisch, in der Zeitschrift des Deutschen Palästina-Vereins XXI (1898), S. 1 ff.). . Die Hochkultur drang auch in die ödesten Winkel. Und nun Österreich-Ungarn; denn auch von Ungarn gehörten die Strecken diesseits der Donau zum Reich: ein unschätzbarer Erwerb. Denn es war das fruchtbarste Land, überreich an Viehzucht, auch für den Weinbau so geeignet (man denke an den Ruster Ausbruch bei Oedenburg). Schon in Neros Zeit bekam Rom von dort sein Brotkorn Mommsen, Röm. Geschichte V, S. 198. ; und dazu das Menschenmaterial, die Illyrier genannt; es lieferte die ausgezeichnetsten Soldaten und sollte bald in der Geschichte die entscheidendste Rolle spielen. Die heutigen Albanesen oder Palikaren, wild und stachlig wie die Igel, sind die echten Nachkommen jener Illyrier; aber sie wohnten damals nicht nur im heutigen Albanien, sondern in ganz Dalmatien, Bosnien, Kroatien bis zur Donau. Die Italiener unserer Gegenwart haben sich nicht imstande gezeigt, Dalmatien und Triest selbständig sich zu erobern; anders 10 das Rom des Altertums, das den Isonzo früh überschritt. Die Kaiser drangen sogar weiter über den Karst tief landeinwärts, und an der Donau entstanden die römischen Militärstädte Wien und Carnuntum. Hadrian baute die Stadt Esseg, noch heute die Hauptstadt Kroatiens; weiter wurden Oedenburg und Ofen Kulturzentren, und damit war auch Ungarn erschlossen. Auf der Donau lief eine römische Kriegsflottille. Von Straßburg ging die herrliche Römerstraße aus, die bis zum Schwarzen Meer die ganze Donau abwärtsführte. Auch die Gold- und Silberbergwerke im Grangebiet waren in Römerhänden. Aus den Pußten an der Theiß bezog man das Vieh, dort, wo die nomadenhaften Jazygen als reitende Hirten die wilden, breit gehörnten Tiere, wie heute noch, mit dem Lasso fingen. All jenes Land von Salona und Triest bis nach Wien und Ofen nannte man Pannonien. Wir haben die Welt des Römerreichs überschaut; sie sonnte sich in Frieden. Wie lange würde der Friede dauern? Solange das Kaisertum mit starker Hand alles zusammenhielt. Gleichwohl und trotz allem, was ich ausgeführt, zeigten sich im Reich selbst nun doch schon früh gewisse Merkmale drohender Zersetzung. In all dem Aufschwung gab es auch einen leidenden Teil; das war Italien, das Herrscherland, selbst. Sobald der Gesamtkörper Europas mit seinen weiten Gebieten der Hochkultur erschlossen war, begann Italien langsam abzusterben; denn es war minder produktiv und hing nur als dürftige Landzunge an diesem Körper, ein schmaler Landstreifen im Meer. An der Faust Westeuropas war und ist Italien nur der kleine Finger, und es ringt auch heute wie in Verzweiflung, sich in der Konkurrenz der sog. Großstaaten seinen Platz zu sichern. Vom Orient hatte Rom und Italien nur empfangen; für Westeuropa war es lange Zeit der gebende Teil gewesen. Jetzt hatte es sich ausgegeben, und es alterte und sank müde zurück zwischen seinen blühenden jungen Töchtern. Die hochadeligen Protzen der Hauptstadt Rom waren einst 11 großenteils nur durch Ausraubung der Provinzen so reich geworden; seitdem diese Erwerbsquelle aufhörte, gingen viele Häuser ein und verarmten, der Luxus verzehrte das Kapital, und kein Erwerb deckte die Kosten. Das arbeitende Italien hatte nur Ziegeleien und Glasfabriken; sein stolzer Weinbau sah sich bald von anderen Weinländern überflügelt. Kaiser Domitian versuchte den auswärtigen Weinbau gewaltsam einzuschränken; Italien hatte das Monopol des Handels mit Wurzelreben oder Setzlingen Speck, S. 1002. . Das half wenig. Die reichen Herren aus Frankreich kamen, kauften sich in Italien Land zusammen und wurden so als Großgrundbesitzer zu Senatsherren in Rom selbst; bald kamen auch Afrikaner, auch Syrer, sogar die unerwünschtesten, Ägypter, in den Senat. An der Regierung hatte der Senat, der einst die Welt aufbaute, kaum noch Teil; er hatte fast nur noch Repräsentationspflichten. Er war wie ein zermürbter Greis und erwachte nur bisweilen aus seinem Halbschlaf, schaute erstaunt in diese neue gärende Welt und konnte kein Wort des Befehlens mehr finden. Rom war immer noch die goldene, die ewige Roma, und Italien hieß das heilige Land. Die Hauptstadt blieb Wallfahrtsort und Gegenstand der Verehrung; sie zehrte von ihrem alten Ruhm. Aber sie herrschte nicht mehr. Die Italiener waren ein Luxusvolk geworden, das wenig arbeitete, auf seine Vorrechte pochte und sich von der kaiserlichen Regierung nach Möglichkeit versorgen ließ. Ja, es entwaffnete sich selbst. Kein Italiener brauchte im Heere zu dienen; nur die Kaisergarde in Rom rekrutierte sich noch zeitweilig aus dem Lande. Die Provinzen mochten die fernen Grenzen sichern. Italien stellte höchstens die Offiziere der Reichsarmee und bald auch das nicht mehr. Das aber war das Entscheidende. Wer das Heer stellt, ist der Herrscher. Die Truppenkörper draußen in den Reichslanden hatten aber nicht nur die Neigung, sich gegen Italien aufzulehnen; ein natürlicher Lokalpatriotismus regte sich in ihnen, der das Reichseinheitsgefühl leicht gefährden konnte. 12 Daher war es seit Vespasian oder seinen Söhnen Regel geworden, die Aushebungen nicht mehr distriktweise vorzunehmen, um den Verbänden den landsmannschaftlichen Charakter zu nehmen. Doch hat das schwerlich auf die Dauer geholfen. Nicht selten auch wurden die Verbände translociert; die Vorsicht gebot es. Doch kam es mehr und mehr dahin, daß sie da, wo sie ausgehoben waren, stehen blieben; die gallisch-germanischen Regimenter schützten also dauernd den Rhein, die illyrischen die Donau usf., und die Soldaten siedelten sich in ihren Standorten bald fest an; sie wurden zu seßhaften Grenzern, ähnlich der Miliz an der »Militärgrenze«, die in der Neuzeit Österreich-Ungarn gegen die Türken geschützt hat Vgl. Daniel, Handbuch der Geographie II, 5, S. 230. . Hieß es, der Kaiser ist tot, so waren diese Leute immer bereit, gleich einen ihrer Generäle zum Kaiser zu machen. Sie fragten nicht viel, welcher Eltern Kind er war; sie fragten noch weniger danach, was man über den Nachfolger in Italien denken würde. Jedes der Reichsländer konnte also den Kaiser stellen. Mit Trajan begann das Spaniertum auf dem Thron; aber er und seine nächsten Nachfolger erwarben sich wenigstens noch die römische Senatorenwürde. Jetzt fiel auch das weg; aus allen Weltwinkeln kamen die Herrscher, Männer, die von der Pike auf gedient haben. Es ist die Zeit, wo die Klinge alles bedeutet. Dem Resoluten gehört die Welt: Wer's zum Korporal erst hat gebracht, Der steht auf der Leiter zur höchsten Macht. Die Weltkugel liegt vor ihm offen. Wer nichts wagt, der darf nichts hoffen. Die Worte sind wie für diese Zeit gedichtet. So greift Severus, so Maximin, so Diocletian zu dem Reichsschwert: Wer anders macht ihn als seine Soldaten Zu dem großmächtigen Potentaten? Soldatenkaisertum! Die Provinzialtruppen bestimmen mehr und mehr das Schicksal. Es ist daher unsere Pflicht, eine kurze Heerschau zu halten. Fünf Armeen hatte das Reich; sie standen weit auseinander 13 gezerrt: die englische gegen Schottland, die rheinische gegen die freien Deutschen; die dritte an der Donau wiederum gegen Germanen und Slawen; eine vierte in Asien gegen die Perser; die fünfte in endloser Linie in Afrika gegen Kabylen und Berbern. Die Limesbefestigungen und tausend Kastelle kamen allerorten wie eine chinesische Mauer der Grenzverteidigung zu Hilfe. Die Soldaten sind Berufssoldaten; sie sind Söldner und bilden so einen Stand für sich. Die Linientruppen waren die Legionen. Jede Legion hatte nominell 6000 Mann. Jeder angeworbene Legionär erhält, sofern er nicht schon Bürger ist, bei der Vereidigung das römische Bürgerrecht; ob Barbar oder nicht, hat er also schon dadurch in seiner Heimatprovinz eine bevorzugte Stellung. Es gab 25, dann 30, schließlich 33 Legionen; das sind immer noch nicht mehr als 198 000 Mann. Das Militärbudget des Reiches war gering im Vergleich zu dem moderner Staaten. Dazu kommt dann freilich noch die Artillerie, über deren Formationen wir wenig wissen, sowie die zahlreichen leichtbewaffneten Hilfstruppenkörper – auxilia  –, die aus Mitbürgern bestanden und wozu die ganze Kavallerie gehört, jedes Bataillon nur 500–1000 Mann stark. Sie bildeten die Flügel in der Schlachtordnung und hießen daher alae J. Jung, Leben und Sitten der Römer, I, S. 80. . Diese Leute aber blieben, was wichtig, in ihrer nationalen Bewaffnung und bewahrten im Reichsdienst vielfach noch ihre ursprüngliche Nationalität. Die Tradition im Heere war alt und gut und alles fest geregelt. Heute sind die Feldwebel das Knochengerüst im Heer, während die höheren Chargen wechseln, damals waren es die Centurionen, Hauptleute verschiedenen Ranges. Ein besonderer Kommissar, der Ortskenntnis hatte, besorgte in jedem Bezirk die Aushebungen. Das obligate Größenmaß für den Soldaten war 5 Fuß 1 Zoll. Seine Vereidigung wurde an jedem Neujahrstag wiederholt. In den Legionen hatte er 20 Jahre zu dienen, in den Alae sogar 25 Jahre. Der Sold war hoch; beim Abgang bekam der Veteran noch Prämien von 14 3000 Denaren oder wurde mit Haus und Hof ausgestattet und zum Siedler gemacht. Aber er war inzwischen 40–45 Jahre alt geworden. Der Fahnenträger jeder Kohorte verwaltete eine Sparkasse, in der jeder Soldat sein Erspartes niederlegte. Die alternden Centurionen gingen vielfach in den Zivildienst, etwa als Bürgermeister in den kleineren Städten; die höheren Offiziere a. D. wurden Präfekten oder Prokuratoren in der Länderverwaltung oder erhielten in der Reichspost, im Bergwerkswesen führende Stellungen. So wurde die Reichsverwaltung immer mehr militärisch, und das Personal waren fast lauter Provinzialen. Die Männer im Reich außer Italien machten schließlich alles. Trotz mancher Militärrevolten war die Disziplin der Truppe der Zivilbevölkerung gegenüber im ganzen vortrefflich, und der üble Satz: »Der Wehrstand soll leben, der Nährstand soll geben,« der nach Brandschatzung riecht, galt noch nicht. Im Winter lagen die Mannschaften in Militärstädten wie Köln und Mainz, Augsburg und Regensburg in Garnison; im Sommer gab es Manöver, Übungsmärsche und Scheingefechte; auch zur Schaufel und Hacke mußte der Soldat greifen; im Schanzen und Graben war er geübt wie unsere heutigen Helden der Unterstände. Der Legionssoldat trug den offenen Helm und Lederkoller oder metallenen Schuppenpanzer, darüber den losen Mantel. Eine Uniform aber war das nicht; denn jeder trug sich etwas anders. Dazu kam als Auszeichnung der Kriegsschmuck, Kriegsmedaillen, aber auch Halskette und Armspange. Fremdartiger sah die Kavallerie aus, wenn sie im Visierhelm mit rotem Roßschweif, in rotem Waffenrock und in barbarischer Hosentracht einhersprengte. Die Ehre der Regimenter hing an ihren Feldzeichen; in ihnen hatte man zugleich das Symbol des einheitlichen Römergeistes, der seit Jahrhunderten das Gesamtheer zusammenhielt; denn alle Feldzeichen zeigten denselben goldschimmernden römischen Adler, der den Blitz in den Klauen hielt. Auf besonderen Fahnenstangen wurde daneben das Bild des regierenden 15 Kaisers getragen. Zur Aufbewahrung diente im Lager das Fahnenheiligtum. Auf seinem Schild aber trug jeder Soldat weithin sichtbar die Regimentsnummer vor sich her, und hieran knüpfte sich nun doch der Sondergeist, auch ruhmredige Benennungen der Legionen gab es, wie legio Martia victrix oder fulminata oder rapax : »die siegreiche Marslegion«, »die Blitz tragende«, »die reißende«. Jede Truppe war auf ihre Regimentsgeschichte stolz, die Gallier, die Spanier, vor allem die Bataver, die berühmte Formation aus Niederland, und nun gar die wilden Illyrier. Mehr als einmal erwachte in diesen Regimentern der unbändige Trieb, sich miteinander zu messen. In der Kavallerie, die ja in ihrer Nationaltracht ritt, war der alte völkische Geist sogar nie erstorben. Man bedenke, was es besagt, wenn Kaiser Hadrian den verschiedenen Reitertruppen gestattete, ihren Schlachtruf nicht lateinisch, sondern in ihrer Volkssprache zu brüllen: die Kelten keltisch, die Goten gotisch, die Räter rätisch! Arrian, Techne taktike 44. So erwachte das Nationalitätsprinzip im Heer. Vom Heer, nicht von der Zivilbevölkerung ist die Gefährdung der Reichseinheit ausgegangen. Jedes Provinzialheer kreierte seinen Kaiser, den es wollte. Ob der Kaiser, für den es in wütendem Ehrgeiz focht, Maximin oder Gallienus hieß, darauf kam es gar nicht an. Der Name war nur Feldgeschrei; die Illyrier oder die Niederländer wollen nur zeigen, daß sie mehr als die anderen waren. Das Provinzialheer wurde unversehens zum Nationalheer. Übrigens wurden seit dem 3. Jahrhundert, ja schon früher noch weitere Hilfskräfte nötig; zu den reichsländischen Legionen und Auxilien, von denen ich sprach, kamen weitere Formationen hinzu, die man einfach Heerhaufen ( numeri ) nannte, und sie wurden nun auch aus den sogenannten barbarischen Völkern von jenseits der Reichsgrenze, aus den immer kriegslustigen Alemannen, Franken und Goten angeworben. Auf diesem Wege kamen endlich die freien Germanen selbst, die Feinde Roms und seine zukünftigen Zerstörer, damals in den 16 römischen Heeresdienst, um Rom vor ihnen selbst zu retten. Ja, mit ganzen Hilfsvölkern der freien Germanen in geschlossenen Verbänden und unter eigener Führung wurde obendrein seit Mark Aurel das Heer verstärkt Vita Mark Aurels 21: emit Germanorum auxilia contra Germanos . Vgl. M. Bang, Die Germanen im römischen Dienst, S. 58. . Die wachsende Gefahr zwang dazu. Es ist so, wie wenn heute Frankreich England zu Hilfe ruft; es ist schwer, den Helfer wieder loszuwerden. Der Drang nach Verselbständigung erfaßte dann bald die Zivilbevölkerungen in den Reichsländern. Vom Militär muß das ausgegangen sein; und auch in der Literatur trat bald die große Umwälzung ein. Während die literarische Produktion in Rom versiegt, sprudelt sie jetzt in Frankreich, in Afrika mächtig auf, in Lyon, Bordeaux, Karthago, Madaura. Christen und Heiden sind dabei tätig; Irenäus, Apulejus die ersten Schriftstellernamen. Die weiten Provinzen wurden nun literarisch mündig. Denn wo reiches, bewegtes Leben ist, da regt es sich auch im Wort. Am lautesten erhoben die Kirchenväter Afrikas ihre Stimme. Noch war und blieb dies alles freilich Weltliteratur; man wollte nur Römer sein und weiter nichts; die lateinische Sprache blieb allen gemeinsam, und der Buchversand trug die Schriften immer noch von einem Land ins andere. Aber die Lokalinteressen kamen jetzt doch vernehmlich zu Wort. Eine geistige Dezentralisation bahnte sich an. Viele lasen die Bücher, die so aus der Ferne kamen, mit Neugier, wohl aber nur mit halbem Verständnis. Der Inhalt der römischen Geschichte im 3. bis 5. Jahrhundert ist nun der verzweifelte Kampf gegen die Dezentralisation, der Kampf für die Rettung der Reichseinheit, die Rettung dessen, was man die Welt nannte. Der Reifen zerbarst, der sie zusammenhielt, und es half nicht ihn zu nieten. Einst hatte schon Mark Anton, der Freund Kleopatras, nach der Schlacht bei Philippi großzügig oder frivol diese Welt in drei Reiche zerlegt; er selbst nahm sich die Balkanhalbinsel und den Orient, mit Alexandria als Hauptstadt, dem Octavian gab er Westeuropa, dem Lepidus Afrika. Wäre es hierbei geblieben, wie er es wollte, so wäre die unausbleibliche Lösung schon 17 damals erfolgt, und drei Reiche mit drei Dynastien wären entstanden. Aber das war zu früh: Rom hatte sein großes Kulturwerk an den Völkern damals noch nicht vollendet, und der Plan des Mannes ward zum Glück für uns und für die Zukunft Europas vereitelt. Jetzt aber ist er neu aufgelebt; jetzt war er zeitgemäß geworden, und die führenden Männer, die den Purpur nahmen, Decius, Probus, Aurelian und wie sie sonst heißen, verbrauchen sich völlig im Kampfe mit ihm. Wie die Schaumkronen im wogenden Meere heben sich Kaiser und Gegenkaiser und verschwinden in diesem Kampf: bis endlich der große Schweiger Diocletian den Gedanken Mark Antons erfaßt und verwirklicht. Ein loseres, elastisches Band soll jetzt genügen, die Welt zusammenzuhalten. Doch es hielt nicht. Für das moderne Europa war der Grund gelegt. Aber die Erinnerung an das einstige imperium Romanum , die geeinte Menschheit, hörte nicht auf. Das Wort hatte magische Kraft; es saß in seiner Glorie zu fest in der Phantasie und in den Herzen, als daß nicht immer neue Versuche, es wieder herzustellen, entstanden wären. Schon Constantin der Große hat das getan, später Karl der Große. Den Völkerfrieden schafft nur die Weltmonarchie: die Idee war begeisternd, aber sie wurde zum Fluch für Europa, insbesondere für unser deutsches Vaterland. Erst vor nun hundert Jahren, erst in Napoleon Bonapartes Zeit, ist sie ganz erstorben, als der letzte müde römische Kaiser deutscher Nation, Kaiser Franz im Jahre 1806 endlich abdankte, um sich auf sein österreichisches Kaisertum zurückzuziehen. Die großen Karolinger, die großen Sachsenkaiser und Hohenstaufen, die Scheinerben Constantins, waren an dieser Idee zerschellt, auch Napoleon, der noch einmal Europa unterjochte, bis es ihn vernichtete. Wenn aber die politische Einheit des alten Imperiums zerbrach, so war ein Ersatz da, die Kirche. Das Christentum ist das letzte große Produkt des Altertums. In ihm faßte sich die Menschheit wunderbar großartig neu zusammen. Es fragt sich nur, ob damit ein wirklicher Ersatz gegeben war. Die Völker, 18 die sich heute, im 20. Jahrhundert hassen, haben alle denselben Christus. Die Religion Jesu ist alt geworden, aber sie hat uns nicht zum Weltfrieden verholfen. Der war und ist seit der Antoninenzeit für ewig verloren, eine Sage geworden, trotz der großen Völkerbundskomödie der Gegenwart. So habe ich nun aber in den Blättern, die ich hier vorlege, vom Krieg im doppelten Sinne zu handeln. Nicht nur die Menschen, auch die Götter führten Krieg: ein heißer, atemloser Ringkampf der Geister, ein Kampf des Dogmas mit dem Zweifel, der organisierten gläubigen Welt gegen den Staat. Das Kreuz war stark und eisenhart und zerschlug die Götterbilder; die schönen Olympier wurden zu Gespenstern, die Marmortempel standen wie leere Muscheln da, ihres Inhalts und Zwecks beraubt, und neue Bethäuser erhoben sich über den Gebeinen der Märtyrer. Neue Mysterien taten sich auf, in denen Gott selbst im Pneuma jeden Einzelmenschen aufsucht und zu sich zieht. Ein neues Ziel war der Menschheit gesteckt: es gilt an Stelle des Weltreichs der Cäsaren ein Gottesreich der Frommen zu schaffen. Wie sich das erhoffte Gottesreich unter Constantin verwirklichte, werden wir sehen. Verwirklichung war Verweltlichung. Sobald das Christentum sich mit Politik verknüpfte, hat es aufgehört einigend zu wirken und vergaß seine schöne Sendung, den Gegensatz der Völker zu mildern oder aufzuheben. Gleichwohl wäre alles gut gewesen und das römische Reich, ob heidnisch, ob christlich, hätte sich als geschlossene Kultureinheit trotz allem erhalten können, wären nicht die Germanen gewesen, und damit ist das Schicksalswort gefallen. Das Römerreich war nicht mehr die Welt. Die Welt wurde größer. Neue große Völkergruppen unermeßlichen zukünftigen Kulturwertes treten ins Licht der Geschichte. Daß sich im Osten jenseits des Tigris die Angriffskraft der Perser steigerte, war nicht das schlimmste; denn ihnen fehlte die Bevölkerungsmasse, die erdrückend hätte wirken können. Im Nordland dagegen, zwischen Rhein und Weichsel, saß das 19 eigentliche Volk der Zukunft, ein unerschöpflicher Menschenborn, eine Rasse, hochgewachsen und vielstämmig gleich den Urwäldern, in denen sie aufwuchs. Man denke sich die Germanen nicht als die Barbaren und Wildlinge, wie man sie nach der Schablone des Gegensatzes zu schildern versucht hat. Sie waren ohne Frage schon damals, was sie noch heute sind, stark, aber uneinig, wanderlustig, freiheitssüchtig, und mit dem burschikosen Trieb zum Gesetzlosen, intelligent und unendlich lernfähig, ja, auch fleißig. Sie lagen nicht nur auf der Bärenhaut und tranken ihren Met aus Büffelhörnern. Sie hatten keine Schrift, sie hatten kein Münzwesen, sie hatten keinen Städtebau; ihre freie Existenz in den weiten Territorien des Nordens hatte das Bedürfnis dafür bisher nicht dringend gemacht. Es war wie ein Dämmerzustand vor dem Erwachen. Aber es genügte schon, wenn nur ein Germanenstamm, die Cherusker, sich regte, um Rom in Schrecken zu setzen. Die Römer waren zu faul oder zu hochmütig, um deutsch zu lernen; diese Völker lernten dagegen schon damals die Weltsprache Westeuropas, das Latein, zunächst natürlich die unterjochten Stämme. In der Hauptstadt Rom selbst, dann im römischen Rheinland und Dekumatenland (Baden, Württemberg), in Mainz, Trier und Köln lebten Hunderttausende von völlig latinisierten Germanen; viele lateinische Inschriften, die sie setzten, sind noch da; so gut sie diese Denkmäler setzten, werden sie auch in lateinischen Büchern gelesen haben, und es versteht sich, daß sie so auch weiter zu den freien Deutschen römisches Wesen und römisches Wissen kolportierten. Dazu kam der ständige Grenzhandel am Limes; mehr als das; jährlich durchquerten die römischen Kaufleute das ganze freie Deutschland von Österreich her bis zur Ostsee, um sich Naturalien, um sich den Bernstein zu erhandeln. Römisches Geld sammelte sich in den deutschen Truhen. Die Handelssprache war auch da wieder die römische. Nicht erst heute oder seit der Reformationszeit lernt man an der Havel und Spree Latein; dort herrschte um das Jahr 20 90 n. Chr. der Germanenfürst Masyos, der Semnone, der damals auffallenderweise eine feierliche Huldigungsreise nach Rom machte; auch die weise Frau Ganna brachte er mit dorthin. Der Kaiser Domitian behandelte ihn mit Ehren Cassius Dio 67, 5 (III, p. 180 ed. Boiss.) . Da des Semnonen Land nicht an das römische Reich grenzte, können ihn nur Handelsinteressen dazu veranlaßt haben, und daß er einigermaßen Latein sprach, war die Vorbedingung Vgl. meine Schrift Die Germanen, S. 105 f. u. 124. . Schon seit Julius Caesars Zeit haben so die Germanen nachweislich in diplomatischem Austausch mit der römischen Reichsregierung gestanden. Jetzt war die Zeit gekommen, wo sich ihre Jungmannschaften von ihr für schweres Geld anwerben ließen, um vaterlandslos in großen Haufen für eine fremde Sache zu fechten; dabei lernten sie die römische Fechtkunst und machten sich mehr und mehr zu ebenbürtigen Gegnern des unbesieglichen Rom. Wehe, wenn sie auch die Einigkeit lernten, den Wert der einheitlichen Führung begriffen! Um das Jahr 100 schrieb Tacitus seine berühmte » Germania «, das Quellbuch des Wissens vom Urdeutschtum. Er schrieb es für Rom; man glaube aber nicht, daß die Germanen selbst diese für sie so wichtige Schrift nicht gelesen hätten; denn sie waren wach und helle. Kein Deutschenhaß sprach aus dem Buch (der Deutschenhaß setzte erst später ein), sondern nur Deutschenfurcht, ja, eine idealisierende Bewunderung, die den blauäugigen Barbaren, wenn sie das lasen, gut eingegangen sein muß. Vor allem aber verkündete Tacitus in seiner Schrift das odium sui , d. h. die Liebe zum Zwist, den Haß gegen die eigenen Blutsgenossen als das Heil, das Rom vor den Germanen rette. Das war wie ein Signal. Die Deutschen hörten es; sie waren gewarnt. Fortan beginnen die Germanenstämme sich wirklich zu einigen und zu großen Gruppen zusammenzuballen. Kaum 50 Jahre verrannen, da war es geschehen. Schon Kaiser Mark Aurel hatte den siebenjährigen Riesenkampf gegen den ersten großen Germanenbund durchzukämpfen. Es gelang ihm mühsam. Er war noch einmal der Retter Roms. 21 Die Kultur jener Deutschen schien den Griechen und Römern Unkultur, und sie war in der Tat noch völlig unentwickelt, so auch die Verfassungen lose und wandelbar. Aber gerade das befähigte die Urwüchsigen zum Völkerwandern, zum Raumwechsel, zur Übersiedelung in wildfremde Länder. Der Deutsche ist noch jetzt überall zu Hause. In der Heimat strotzten noch Tiefebene und Gebirgshöhen von dicken Urwäldern, das bebaute Ackerland hatte noch geringe Ausdehnung und ernährte die wachsende Bevölkerung spärlich. Sollte es diese starken Menschen nicht locken, ihre Barackendörfer zu räumen und in die Länder zu ziehen, wo der Feldbau ganz anders blühte, wo die Rebe und die Olive wuchs, wo die Bergwerke im Staatsbetrieb waren mit ihren reichen Erträgen, wo man prächtige Städte fertig vorfand mit steinernen Mauern und Türmen? Und die Sonne ist wärmer, die Luft balsamischer, das Meer lieblicher, das Leben berauschender im Süden. Auf das schöne Frankreich, das reichste der Länder, richteten sich die Angriffe zunächst, bald aber auch über den Balkan ans griechische Meer und den Bosporus gegen Saloniki, Byzanz; bald war auch Italien, war Rom bedroht. Die Zeit der Cimbern und Teutonen sollte wiederkehren. Wo war der Marius, der ihnen widerstand? Der Marius! die großen Männer, wo sind sie? In der Tat, wir sehen uns endlich nach Charakteren um. Es genügt nicht bloß von den Völkerschaften und ihren dunklen Trieben, es genügt nicht nur von der Soldateska zu reden. Die Massen sind nur Material in der Hand der führenden Figuren, die aus der Tiefe des Volkes wie ein Wunder auftauchen, zeitgemäß das Ziel erkennen und den kühnen Griff haben, der es erfaßt. In der Geschichte herrscht die Auslese, das Gesetz der Stellvertretung der Vielen durch den Einen. Wohl uns, wenn dem Einen sein Werk gelingt! Wir nennen ihn herrlich und groß, wenn er sein Volk sicher durch die Wüste führt und von keiner Fata Morgana sich täuschen läßt. Auch die Jahrhunderte, von denen ich handeln will, sind 22 an bedeutenden Charakterköpfen reich. Das wachsende Christentum hat seinen Augustinus und Athanasius, das kämpfende Reich selbst die großen Kaiser wie Diocletian, nach deren Namen man die Zeiten sondert. Aber sie sind nicht das wichtigste; denn alle diese Kaiser standen nur in der Defensive; sie suchten nur zu retten, was zu retten war. Die Offensive war bei den Germanen; sie sind es, die damals Europa langsam neu gestaltet haben. Aber wir kennen zumeist ihre Führer nicht; wir hören kaum ihre Namen. Die Haupthelden fehlen also leider im ersten Hauptteil meines Geschichtsbildes: ein unersetzlicher Verlust. Deutsche Berichterstatter fehlen; der Deutsche selbst schrieb nicht; ein Wandervolk hat keine Bibliotheken; und die römischen Autoren werfen uns nur höchstens einen Haufen barbarisch klingender Namen hin, Mallobaudes und Teutomeres, Seudilo, Lutto und Maudio; sie reden auch wohl entsetzt von der Raubgier und tollen Rauflust der Germanenfürsten; weiter nichts. Man müßte Alarich oder Arminius, den Cherusker, verhundertfachen, dann hätte man das rechte Vollbild, das wir brauchen. Überhaupt aber enttäuscht uns die Geschichtschreibung der Spätantike seit dem 3. Jahrhundert, die wir zu benutzen haben, z. T. auf das bitterste. Es ist, als wäre damals mit dem Schönheitssinn auch der gesunde Wahrheitssinn geschwunden. Wenn die Christen Geschichte schreiben, so verfälschen sie das Bild nur zu leicht durch konfessionelles Urteil; man denke, wie der fromme Grieche Eusebius Constantin den Großen vergoldet. Nichts aber ist kläglicher als die uns vorliegende Sammlung der lateinischen Kaiserbiographien, Scriptores historiae Augustae genannt; die Darsteller, die hier reden, leiden sichtlich an Gehirnschwund; klatschhaft wie ein altes Weib und unbeholfen wie ein Untertertianer, geben sie in ihrer Zeichnung lauter unverbundene Striche, aus denen kein Bild wird. Überhaupt herrscht bei diesen Späten der kahle Bilderbogenstil; sie geben nur starke Konturen und leere Flächen, und wir werden dabei unwillkürlich an die bildende Kunst 23 derselben Verfallszeit erinnert: man hatte nur den Büstenkopf Constantins neben den des Caesar; so wie die Porträtkunst erstarrt, verödet und nur noch ein Schema, einen Schemen gibt, so auch die Biographie. So sehen wir Diocletian, Theodosius und die anderen Majestäten halb unkenntlich und verwittert wie grob behauene Granitkolosse über dem flachen Leben der Alltäglichkeit ragen. Man erkennt ihren Umriß, aber ihre Gesichtszüge sind undeutlich, sind vieldeutig geworden, und fremd und mit leeren Augen starren sie uns an aus ihrer Höhe. Jeder sieht, wie unendlich hierdurch die Darstellung für den modernen Erzähler erschwert ist. Denn wir wollen das Überlieferte nicht nur nacherzählen, sondern, was mehr ist, die Menschen, die da ihr Leben an ihr Ziel setzten, als Menschen verstehen und uns näher bringen. Es gilt also die leeren Flächen im Bilde nach Möglichkeit auszuschattieren. Die Divination, die Menschenkenntnis, der Sinn für das Wahrscheinliche muß dabei helfen. Man suche jeden der Männer nach seinen Absichten zu begreifen: dann kann das Urteil nicht fehl gehen; und man vergesse nie die riesenhaft weltumfassende Größe ihrer Aufgabe; dann wird man nicht kleinlich mäkeln statt sich einzufühlen. Es ist nichts possierlicher, als wenn ein moderner Professor, der durch seine Brille lesemüde in die Vergangenheit starrt, lobende und tadelnde Noten erteilt, post eventum mit Überlegenheit kritisiert und uns belehrt, was die großen Männer, die vor 2000 Jahren in einer übermenschlichen Position mit dem Schicksal rangen, hätten tun und lassen sollen. Mir soll es genügen, die Hergänge selbst verständlich zu machen. Zwei ausgezeichnete Schriftsteller und hervorragende Erzähler seien zum Abschluß lobend genannt. Der eine ist Cassius Dio, ein feiner Grieche aus Kleinasien, der in den Jahren 200–230 n. Chr. als hoher Senator in Rom mit tagte, der Vertraute etlicher Kaiser war und uns nun als Augenzeuge klug erzählt, was er Weltbewegendes mit erlebt hat. Er wirkt als direktes 24 Sprachrohr, das all den Schlachten- und Straßenlärm, aber auch das Gerede und Geflüster seiner Zeit frisch und deutlich zu uns trägt. Den dröhnend stampfenden Marschschritt der Weltgeschichte unterbricht Dio oft, als müsse er Atem holen, und streut plauderlustig allerlei intim Memoirenhaftes ein. Er selbst war zugegen, wenn das Volk im Zirkus rief: der Kaiser ist tot, es lebe der Kaiser!, sah es zitternd mit an, wenn der Monarch gegen alles Herkommen nicht in Zivil, sondern säbelrasselnd in den Sitzungssaal trat, betete alljährlich fromm die obligaten Gebete für den Kaiser mit, er sei gut oder böse, kannte unzählige Menschen, die da auf- und untertauchen, persönlich, notierte sich manches sinnige Wort, das von den Lippen bedeutender Männer kam, und wußte für seine Person so zu lavieren, daß er bei allen Blutbädern, die den Senat heimsuchten, doch glücklich heil und verschont blieb. Man wußte, was man an ihm hatte: er war das literarische Genie der Zeit und dazu erfüllt von dem römischen Weltreichsideal. Wenn er Ferien hatte, ging er nach Bajä ans blaue Meer und schrieb dort in der Stille nieder, was er Aufregendes im Getöse der Hauptstadt erlebt und erfahren hatte. Sein Werk, das mit der Gründung Roms begann, umfaßte im ganzen 80 Bücher. Größer noch steht der andere da, Ammianus Marcellinus, der gut hundert Jahre später lebte, ein Syrer, der lateinisch schreibt. Er gibt uns in die wilden Zeiten Einblick, die auf Constantin den Großen folgten, und weiß den Leser von Handlung zu Handlung mitzureißen. Für Dio war die Stadt Rom das Zentrum des Geschehens; des Marcellinus Erzählung stürmt mit grenzenloser Weite des Gesichtsfeldes durch alle Länder: ein unbestechlicher Mensch und Urteiler und immer großzügig, auch wo er ins kleine malt. Die rasende Kampfeswut der Alemannen und Franken, die da »ihr Leben vergeuden« prodigere vitam : Amm. Marcellinus 16, 12, 50. , hat er selbst mit Augen gesehen, hat lange Zeit am Hof verkehrt und kennt die hohen Herren genau, die er schildert, auch die Eunuchen und schönen Knaben, die da am Hof Stimmung machen. Drastisch schildert er uns den Kaiser 25 Constantius, Constantins Sohn, der, ein übler Herr, für alle wichtigen Dinge nur taube und harte Ohren hat, für kleinliche Einflüsterungen und Verdächtigungen dagegen weicher ist als sein Ohrläppchen prodigere vitam : Amm. Marcellinus 19, 12, 5. . Innerlich feige, hat dieser Kaiser sich angewöhnt, im Publikum sich unnahbar starr bis zur Leblosigkeit zu zeigen; er spuckt nicht, regt die Hand nicht, guckt nicht rechts noch links, wenn er auf dem Wagen steht, als wäre er eine ausgestopfte Puppe im Ornat. Ein unterworfener slawischer Stamm an der Donau hat sich gegen Rom empört; Constantius kommt dorthin mit seinen Truppen; die Barbaren nahen sich ihm unterwürfig demütig. Er besteigt ein hohes Podest, um stolz und gnädig von Vergebung zu ihnen zu reden. Auf einmal brüllen sie ihren Kriegsruf » marha, marha! « und der Herr der Welt muß auf einen Gaul springen, um rasch zu entkommen. Die Wilden erbeuteten das goldene Sitzkissen, das noch warm war, auf dem der Kaiser gesessen. Als achtzehnjähriger Jüngling und Adjutant eines der hohen Generäle hat Marcellinus, unser Erzähler, selbst den Perserkrieg des Jahres 359 mit durchgemacht. Armenien und Mesopotamien tut sich uns auf. Hören wir als Probe einmal, was er da erlebte. Wie der Moment es bringt, geht da Großes und Kleines durcheinander. Es ist wenig Hoffnung auf Sieg; denn der Kaiser Constantius hat gegen den Perser einen verbrauchten Greis zum Feldherrn bestimmt, der wackelig auf den Beinen und nicht einmal imstande ist, das Getöse eines Zechgelages auszuhalten. Marcellinus selbst steht zunächst in Nisibis am Euphrat. Ferner Rauch und Flammen verraten, daß die Feindesmacht nahekommt. Er flieht, findet auf der Flucht einen kleinen achtjährigen Knaben aus besserer Familie, der zwei Meilen vor der Stadt verlassen und hilflos auf der Straße steht, und nimmt ihn mit auf sein Pferd, um ihn zu retten. Zu einem Kastell gelangt er, wo römische Truppen friedlich rasten und die Reittiere grasen; er galoppiert heran, streckt den Arm und das zusammengerollte Stück des Reitermantels hoch zum Zeichen: Der Feind kommt! Die Nacht setzt ein; es ist Vollmond; die 26 weite Gegend flach und eben; die feindlichen Reiter aber sind schnell und werden uns fassen. Gibt es keine List? Da wird an einem Maultier eine Lampe festgebunden und das Tier so ohne Reiter in die Fläche hinausgetrieben; die Römer selbst reiten in anderer Richtung ab; der Feind wird glücklich durch das Licht getäuscht Es ist dies ein hübsches Beispiel für das »hinter's Licht führen« und kann zur Erklärung dieser Redensart dienen. . So retten sie sich endlich nach der armenischen Bergfestung Amida. Marcellin aber wird weiter als Kundschafter ausgeschickt; eine hohe Bergspitze unmittelbar über der Tigrisebene erklimmt er; mit weitestem Horizont liegt das unendliche Flachland Mesopotamiens im grellen Licht tief unter ihm. Da sieht er den Großkönig Sapor selbst heranreiten und die gewaltigen Heersäulen hinter ihm heranwogen. Der König in Purpur strahlend, von Vasallenkönigen umgeben. Sogleich wird von den Römern nun das ganze umliegende Gebiet evakuiert, auch alle Felder in Brand gesteckt, wobei eine Menge Löwen umkommen, die da in den Schilfgräsern hausten. Dann kommt es zum Gefecht: Getümmel und Niederlage. Der Feind ist mit seinen Panzerreitern, den cataphracti , übermächtig. Marcellin muß mit seinem Feldherrn fliehen. Ein junger Kamerad hat einen Pfeilschuß; er will ihm den Pfeil aus der Wunde ziehen, wird aber überrannt. Römer und Perser drängen sich durcheinander zur Burg Amida hinauf. Es gibt nur einen einzigen schmalen Aufstieg, und ein paar Mühlen verengen ihn noch. Freund und Feind steht Leib an Leib gepreßt; so wird gekämpft; dem Nebenmann Marcellins wird der Schädel zerspalten; aber der Kerl fällt nicht um; so fest steht er eingekeilt. Schließlich hat sich Marcellin in die Festung gerettet, und die Belagerung soll beginnen. König Sapor nimmt erst andere Römerkastelle weg, läßt sich die Schlüssel zu den Toren aushändigen; eine schöne vornehme Frau erbeutet er und schont sie großherzig in ihrer Ehre; so läßt er auch ein Nonnenkloster völlig unangetastet, das am Wege liegt. Dann reitet er vor die Mauer Amidas, er selbst seinen Scharen voran und alle überragend, auf dem Haupt einen goldenen Widderkopf als Helm, 27 der von einem strahlenden Diadem von Edelsteinen umgeben ist. Der Großkönig kommt an die Mauer so dicht heran, daß man sein Gesicht deutlich erkennt. Da zielen die Römer mit Wurfspießen auf ihn, und er wäre erledigt gewesen, hätte der Staub ein sicheres Zielen gestattet. Nun wurde ihm nur sein kostbarer Rock zerrissen. Das bringt den König so in Wut, als hätte man ein Götterheiligtum angetastet. Wochenlange Kämpfe folgen; der Perser hat die schwersten Verluste, aber Panzertürme stellt er auf, auf denen Wurfgeschütze, Ballisten, stehen, und nimmt so nach 73 Tagen schließlich die Stadt, und Marcellin ist wieder auf der Flucht; wenige Leute sind mit ihm. Er hat auch kein Pferd. Die Gegend ist wüst und wasserlos und er ist am Verdursten. Da sieht er einen Troßknecht reiten, der vom Gaul stürzt und dabei verunglückt. Auf den Rücken des Tieres wirft er sich und findet endlich eine warme Schwefelquelle. Auch ein Brunnen ist da, aber er ist viel zu tief; womit schöpfen? Da schneidet er eine Tunika in schmale Streifen, macht daraus einen Strick, hängt eine Militärmütze daran, wie man sie unter dem Helm trug, und schöpft darin das Wasser heraus. Dann kann die Flucht weitergehen ans andere Euphratufer, bis er endlich zu den römischen Truppen stößt, die auf dem sicheren Rückzug sind. Aus dieser Episode, die ich ausgehoben, mag man entnehmen, wie und was Marcellinus erzählt. Sein Hauptheld ist kein geringerer als der junge Kaiser Julian, der Abtrünnige. Aber er verherrlicht ihn nur mit Vorbehalt. Mit merkwürdiger Objektivität lobt und tadelt er, wie es kommt, beide, Heiden und Christen, und steht als reifer Mann Marcellinus blieb nicht in der militärischen Laufbahn; er wirkte später allem Anschein nach als Jurist in höheren Verwaltungsstellungen; vgl. J. Gimazane, Ammien Marcellin (Toulouse 1889), S. 46 ff. erhaben über den Leidenschaften beider Religionsparteien. Es gibt nicht viele seinesgleichen. Ich komme zum Schluß. Was ich in diesem meinem Einleitungskapitel vorgetragen, gleicht dem Vorspiel zur großen Oper, in dem die Hauptmotive schon deutlich anklingen. Drei Hauptmotive sind es, und sie werden die nachfolgende 28 Darstellung beherrschen: der Kampf der Kaiser für Rettung der Reichseinheit; das Vordringen der Germanenvölker, die von außen stoßen; die Wirkung der jungen christlichen Kirche, die zunächst reichstreu, aber zugleich angriffsfreudig wie die Germanen ist. Der Auseinanderfall der antiken Welt ist daraus das Ergebnis; das Mittelalter setzt endlich ein, und eine neue Welt kann beginnen. Der Schwierigkeit meines Unternehmens bin ich mir wohl bewußt; denn es ist nicht zu leugnen: die Spätzeit Roms steht vielen fern, und je mehr sich die Geschichte des Altertums dem Mittelalter nähert, um so fremder mutet sie uns an. Die älteren Größen, ein Miltiades und Aristides, ein Scipio und Julius Caesar stehen unserem Gefühl nahe genug; in ihnen merken wir bei aller Zeitenferne doch den echten Herzschlag und ein natürliches Menschentum; wir können ihr Erleben mit erleben. Diocletian und Constantin wirken für den flüchtigen Betrachter hart und herzlos wie große Theatermaschinen, die das Fatum über die Bühne schiebt, ja, wie die Larve der Meduse. Sie sind das Geschöpf ihrer Zeit. Es ist eine Zeit, in der alle Heiterkeit, alles Lachen, alle Schönheit vergeht. Rohe Gewalt, Despotie, Hohn und Verachtung, Wutschrei und Angstschrei, Entsetzen, heißes Gebet, gellender Kirchenzank: das ist alles, was wir vernehmen. Rauch und Qualm, Feuerbrand, fliegende Asche hüllt Himmel und Erde ein. Durch das scheinbare endlose Grau dieser Welt sehen wir Menschen und Völker freudlos gehetzt in atemlosem Kampf um Sein und Nichtsein. Dazu das Christensterben und all das andere verspritzte Blut, das Wüsten mit Menschenleben als Staatsmaxime, ein Grauen selbst für den, der an den Massenopfern und an dem Morden des Weltkriegs, den wir in diesen Jahren erlebten, sein Herz verhärtet hat. Gleichwohl soll es uns doch gelingen, einigen jener fremden großen Gestalten näher zu treten, und durch die düstere Wolkennacht, die über dem Geschehen hängt, bricht es doch wie goldenes Licht, ein blendender Strahl der Hoffnung, ein Ahnen 29 des Werdens des Zukünftigen, das beglückende Vorgefühl, daß nach dem Zusammensturz der Antike in den beruhigten Völkern diesseits und jenseits der Alpen und der Meere das reine und frohe Menschentum doch einst wieder aufleben, sich wieder darstellen muß und wird: das Griechentum, wie es sich der Deutsche denkt; der humane Mensch im humanen Staat. Denn die deutschen Völker, die da zu Attilas Zeit die Welt zertrümmern, dieselben werden imstande sein, sie auch wieder aufzubauen. Die Lehrlinge der antiken Kultur sind dieselben wie ihre Zerstörer. In ihnen und durch sie werden einst die verschütteten Ideale sich verjüngen: »Die Welt wird neu im Lenzsturm der Germanen.« 31     Septimius Severus Die goldene Zeit der Antonine war zu Ende. Auf den letzten Mehrer des Reichs, Trajan, auf den Neuordner des Reichs, Hadrian, war im Regiment Antoninus Pius und sein Adoptivsohn, Mark Aurel, der sich gleichfalls Antoninus nannte, gefolgt. Der große Germanenkrieg, den Mark Aurel führte, hatte sich jenseits der Reichsgrenzen abgespielt; bis nach Böhmen und Schlesien waren die römischen Adler gedrungen. Im Reich selbst herrschte auch noch unter ihm beglückende Ordnung, friedliches Gedeihen. Die Tüchtigkeit des Reichsheeres hatte sich durch den Krieg von neuem gesteigert, und die besondere Fürsorge des Herrschers widmete sich jetzt dem Soldatenstand. Einer der kriegerischen Minister Mark Aurels, Paternus, arbeitete damals zum ersten Mal ein »Militärrecht« aus; es galt die Lebensverhältnisse der Berufssoldaten dauernd auf einen sicheren Rechtsboden zu stellen So wie Paternus ein ius militare , so schrieb auch unter Severus der Halbgrieche Menander, ein Mitglied des kaiserlichen Konsistoriums, im gleichen Sinne De re militari . . Aber auch die sonst stets aufsässigen Garden der Prätorianer regten sich nicht und blieben gefügig in diesen Zeiten. Vor allem fühlten sich die Herren Senatoren in Rom geachtet und geehrt, der Senat, der nominell noch immer die Kaiser zu wählen oder doch die Kaiserwahl zu bestätigen hatte, und seine verfassungsmäßigen Rechte blieben dem Schein nach gewahrt. Noch immer beherrschte Rom die Welt. So verband sich in den Herzen aller, die gut altrömisch dachten, mit dem Namen der Antonine die Vorstellung der Glückseligkeit, und die Sehnsucht nach ihnen hörte nicht auf. Sie hat inmitten des Wirrsals der Zustände, das nun folgte, durch ein volles Jahrhundert triebhaft weitergewirkt: eine unsichtbare ethische Macht, ein Ideal, zu dem man zurückwollte Ich erinnere an Gordian, der zur Verherrlichung der Antonine ein Gedichtwerk von 30 Büchern dichtete; Vita der Gordiane c. 3. . Wo war der Mann zu finden, der, als Mark Aurel in Wien starb, das Regiment würdig weiterführte? Commodus war es nicht. Schon bei seinen Lebzeiten hatte Mark Aurel diesen seinen Sohn Commodus zum Mitregenten erhoben; der junge Mensch sollte den Krieg, er sollte die Verwaltung frühzeitig lernen. Aber er lernte nur den Größenwahn. Mochte der Vater in täglicher Arbeit sich zermürben! Das Philistertum der Pflicht war für alle anderen Leute gut; um so 33 mehr konnte der Sohn seine sinnliche, in Genußsucht fiebernde Natur ausleben. Dreizehn Jahre der schmählichsten Mißwirtschaft brachte er jetzt über Rom (in den Jahren 180–192). Mit Schrecken und Ekel sah man ihm zu; es war ein schlechter Trost, wenn man sich sagte: Rom hat ja einen Nero und Caligula ertragen, warum denn nicht auch den Commodus? Das Erbkaisertum war ein Unheil; man wußte es längst Vgl. Tacitus, Hist. I, 20; Röm. Charakterköpfe, S. 280. . Es war ein Unglück, daß Mark Aurel anders als Trajan und Hadrian einen Sohn eigenes Blutes hatte. Das Dynastiengründen, die »im Purpur Geborenen« sind allemal für Rom zum Fluch geworden; aber – wir werden es sehen – weder Severus ließ sich warnen noch Constantin noch Theodosius der Große. Fast alle kriegerischen Eroberungen seines Vaters gab Commodus preis: im übrigen mochten die ausgezeichneten Feldherren, die Mark Aurel herangebildet hatte, die Grenzen hüten. Er selbst wollte nichts weiter als in Rom wie Nero sorgenlos schwelgen, sich königlich amüsieren und am Beifall des Stadtpöbels sich erlaben. Er strotzte von Begierden wie ein schönes Tier. In der Tat: ein schlank gewachsener schöner Mensch, der sich geckenhaft schmückte, sich Goldpuder ins Haar streute, aber den Bart lang trug, weil er sich vor dem Messer des Bartscherers fürchtete, der ihm die Kehle durchschneiden konnte. Die Staatsgelder verschleuderte er an die Garde. Mochte der Senat Gesichter ziehen: er griff sich die Senatoren und tötete sie, ihr Vermögen wurde eingezogen und an Günstlinge verschenkt. Seinen Lieblingen aus dem Sklavenstand, Eklektus und anderen, spielte er die höchsten Gewalten in die Hände. In seinem Harem von angeblich 300 Weibern und 300 schönen Knaben herrschte Marcia , seine Geliebte; er ließ ihr schönes Bild auf Münzen schlagen, aber er machte sie nicht zur Kaiserin. Gleichwohl war Commodus ein Held und Herkules sein Vorbild. Er leistete als Bogenschütze das noch nie Dagewesene. Herkules war für die stoische Frömmigkeit jener Zeiten allerdings der erhabenste Held. Man feierte in ihm das Vorbild 34 des Pflichtmenschen, der sein Leben in Mühsal hinopfert zum Wohl der Mitwelt. So ließ Trajan sich als Herkules verehren. Commodus nannte sich Herkules, aber er sah in ihm nur den Jägersmann, der Sport trieb, wenn er den kaledonischen Eber und nemeïschen Löwen erlegte Vgl. hierzu die Vita des Caracalla c. 5, 5 u. 5, 9. . Im Colosseum ließ sich Commodus einen Schießstand errichten, und das Volk strömte herzu und mußte Beifall schreien, wenn er von da aus hunderte von wilden Tieren abschoß, angeblich ohne je zu fehlen. Es war wie bei den Hofjagden Ludwigs XIV. und der Souveräne bis in unsere Zeiten, wo auch gleich 500 Wildschweine oder Hirsche auf der Strecke bleiben. Nero hatte dereinst Arien vor dem Volk gesungen; Commodus trat als Meisterschütze auf, aber auch als Berufsfechter; er verliebte sich in den Metzgerberuf der Gladiatoren und ließ auf Inschriften die Zahl seiner Siege und derer, die er mit dem Säbel abgestochen, verewigen. Der Pöbel rief Ah und Oh! Die Verwalter in den Provinzen schüttelten die Köpfe. Das Jahr 192 ging zu Ende. Das Jahr 193 sollte beginnen. Vor dem Jahreswechsel sollte das ausgelassene Fest der Saturnalien gefeiert werden. Es ist das Fest, wo alles in der Filzkappe, dem Zeichen der Freiheit, umherläuft, wo alles lacht, sich küßt, beschenkt, betrinkt und wo man aus der Tafelrunde einen Narrenkönig wählt, alle Standesunterschiede aufhören und sogar der Monarch gutmütig sich mit der Menge gemein macht. Es war Stil, daß der Monarch morgens aus seinem Palast in das Publikum trat. Commodus aber schlief die Nacht in der Kaserne; er war ganz zum Gladiator geworden. Da beim Fest Redefreiheit herrschte, erlaubten sich Marcia und andere Hofleute, ihm hierüber Vorwürfe zu machen. Voll Wut beschloß Commodus gleich, Marcia und die anderen töten zu lassen, und schrieb sich die Namen auf eine Tafel. Die Liste geriet durch Zufall in Marcias Hand, und sie vergiftete ihn; denn sie hatte nicht Lust zu sterben. Das waren herrliche Saturnalien in Rom. Aber das Gift wirkte nicht, und während Commodus in Erbrechen und Krämpfen lag, hetzte Marcia einen Kraftmenschen, einen Athleten auf ihn, der ihn erwürgte. 35 Der Narrenkönig war tot. Und er hatte keine Erben. Mitten unter dem io-Saturnalia- geschrei und dem Knallen der Würfelbecher galt es, der Welt einen neuen Kaiser zu schaffen. Woher ihn nehmen? Noch war nichts verloren, wenn man nur jetzt den rechten Mann fand. Und er fand sich. Es war Pertinax . Pertinax gehörte zu den erprobten Generalen Mark Aurels, und er war gerade jetzt in der Hauptstadt anwesend. Der Senat, das Stadtvolk ist für ihn. Auch die Garde opponiert nicht. Pertinax ist Kaiser, aber nur für 60 Tage. Dieser Mann ist ein schönes Beispiel für den Aufstieg der Talente im menschlich freien Altertum. Ein armer Italiener aus dem Apennin; sein Vater war dereinst Sklave gewesen; im Kornhandel beschäftigte der Vater den Sohn; dann lernte der junge Mensch Griechisch und wurde Schulmeister; als aber der Kaiser Mark Aurel Soldaten brauchte, ging er ins Militär Die von Domaszewsky (Sitzungsbericht der Heidelberger Akademie 1916, Abhandlung 15 S. 9) angeregten Zweifel kann ich nicht teilen. , führte als Offizier eine Cohorte und wurde bald einer der erprobtesten Feldherren. Jetzt war er schon 66 Jahre alt, aber rechtschaffen, tatkräftig und auch vom Geist Mark Aurels erfüllt und getragen. So mußte sein Regiment zum Heil der Menschheit werden; auch erkannten ihn sämtliche Statthalter in den Reichsländern freudig an. Aber eben darum, weil Pertinax kein Commodus wer, mißfiel er der Garde, die mit Gold gekirrt sein wollte. Eines Tages drängte sich eine Abteilung mißgelaunter Soldaten in den Palast, das Messer in der Hand, und erstachen den Wehrlosen. Es war, als hätte man Mark Aurel gemordet. Diese nichtswürdige Tat besiegelte das Schicksal der Garde, sie besiegelte das Schicksal Italiens. Ja, von diesem Tage an beginnt eigentlich schon im ersten Keim das neue Europa, das ist die innere Auflösung des Römerreichs. Zunächst freilich wuchs der Übermut der Prätorianer. Es waren 10 000 Mann, lauter italienische Leute, die aber fast nie in den Krieg zogen, sondern nur die Majestät des Kaisers in Rom zu schützen hatten (sie hatten sich daran gewöhnt, den 36 Kaiser zu terrorisieren; sie töteten, sie machten den Kaiser). Jetzt boten sie den Thron für Geld aus. Da war ein Senatsherr, Julian , ein Mailänder von Geburt, der kam ins Lager und bot, ein anderer Römer kam gleichfalls und bot, 5000 Drachmen pro Mann und mehr. Es war wie ein Kuhhandel. Schließlich war so der Nichtsnutz Julian Kaiser. Das Essen des Pertinax stand noch auf dem Tisch; Julian aß es auf. Der Senat verachtete ihn; auch der Pöbel empfing ihn mit Zischen, aber ihn hielten die Soldaten. Julian kümmerte sich nicht um die Provinzen; er dachte in Rom das Leben des Commodus fortzusetzen. Aber die weiten Provinzen ließen sich das nicht bieten, und auf einmal hatte das Reich vier ebenbürtige Kaiser: Julian saß in Rom: Albin wurde in England, Niger im Orient, Severus in Österreich-Ungarn (d. i. in Pannonien) von den Legionen zum Kaiser gemacht. Den Kaiser macht das Heer; das provinziale Militärkaisertum war damit plötzlich fertig, das die nächsten achtzig Jahre beherrscht hat, und die Reichseinheit war jetzt verloren. Es gab nun vier Monarchien. Was sollte daraus werden? Albinus und Niger waren als Statthalter wohlbewährte, vornehme Männer und beim Senat gut angeschrieben; es ließ sich nichts gegen sie einwenden. Aber beide dachten nicht daran, ihre Herrschaft etwa weiter auszudehnen. England war schon damals ein herrliches Land, nicht nur an Wald und Wiesen, auch an Kornbau reich Nordfrankreich bezog damals sein Brotkorn aus England; wie anders heute! Vgl. Amm. Marcellinus 18, 2, 3. und durch das Meer gesichert; Albin war damit völlig zufrieden, und die Geschichte des englischen Königtums beginnt also eigentlich mit ihm. Seine Residenz war York, nicht London. Niger, mit vollerem Namen Pescennius Niger, gewann zum griechischen Orient noch Ägypten hinzu; es war das volle Reich des Mark Anton, das er in Händen hielt; er machte Antiochien zu seiner Hauptstadt; aber auch er dachte nicht daran, weiter erobernd vorzugehen. Er wollte nicht den Bürgerkrieg. Der Auseinanderfall des Reichs war fertig. Aber da war noch der vierte, Septimius Severus , und 37 der dachte anders. Er war der Mann der großen Pläne. Er las in den Sternen. Das Schicksal schob ihn. Dem Senat war er unheimlich. Er trug sein Geheimnis mit sich herum. In Leptis in Afrika stand seine Wiege, und er war wie vom Wunder umgeben. In der Wiege hatte sich eine Schlange wie ein Metallkranz oder wie eine Krone um sein Köpfchen gelegt. Dann hatte er die Sterndeuter gefragt, und seine Laufbahn trug ihn, den jungen Provinzmenschen, überraschend schnell voran. Dankte er das nur seine Begabung?, seiner stählernen Willenskraft? 26jährig, also im Alter unserer Referendare, zog ihn der Kaiser schon zur Verwaltung des Fiskus heran, und er lernte da das Finanzwesen und die verschiedensten bürgerlichen Verhältnisse kennen D. h. er wurde im J. 172 Advokat des kaiserlichen Fiskus, wir wissen nicht, an welchem Standort, ein gewiß verantwortlicher Posten. . Im selben Jahre wurde er auch schon Quästor und damit in den Senat eingeführt. So jung saß er schon in der hohen Curie Roms. Dann kam er als Beamter aufsteigend nach Spanien, Sardinien, Afrika. In Afrika heiratete er seine erste Frau, Marcia, die ihm nur Töchter gab und die er daher in seiner Selbstbiographie totschwieg. Im Jahre 179 lernte er Syrien kennen: er erhielt da für kurze Zeit ein militärisches Kommando. Aber er war kein Soldat; er hatte nur die Zivilkarriere gemacht. Das war unter Mark Aurel. Als Commodus Kaiser wurde, im Jahre 180, schien plötzlich das Seil zerrissen, das ihn höher zog. Er privatisierte jetzt in Athen und beschloß, für sein geistiges Ich zu sorgen. Er trieb dort volle sechs Jahre lang griechische Studien. Athen war immer noch die vornehmste Bildungsstätte, und Severus war nachher mehr Grieche als Römer. Es blühte damals in der Stadt eine neue Gattung durchdachter Redekunst, die sich in den Dienst der Moral und Volkserziehung stellte, soziale Fragen behandelte, sich der Predigt näherte und somit unverkennbar auch den Interessen des Staates diente. Es war das Beste, was damals der griechische Geist noch bot, und wir begreifen, daß der Geheimnisvolle dem seine ganze Teilnahme schenkte. Da fiel es dem Commodus ein, sich des Mannes zu erinnern. 38 Das Schicksal begann wieder zu schieben. Im Jahre 187 saß Severus als Statthalter Frankreichs, als Stellvertreter der Kaisermacht in Lyon; es war wie ein Sprungbrett, und seine Pläne reckten sich nun plötzlich hoch. Er wollte zum zweiten Male heiraten, aber er wollte nur eine zukünftige Kaiserin. Die Sterne mußten sie ihm weisen. Er ließ unter den vornehmen Frauen im Reich nach einer Dame forschen, die eine günstige Nativität hatte, und erfuhr, daß der Syrerin Julia Domna , die in Emesa nahe dem Libanon lebte, das Horoskop gestellt war: sie sollte dereinst Kaiserin βασίλεια und βασίλισσα, βασίλιννα ist das griechische Wort für Kaiserin. werden. Sie war Vollsemitin, der Erziehung nach Griechin, und Tochter des dortigen Hohen Priesters des Gottes Baal. Julia Domna kam; Severus heiratete sie in Lyon, und sie gab ihm alsbald zwei Söhne, Basianus und Geta . Für Thronerben war so im voraus gesorgt. Dann wurde er (i. J. 191) Statthalter Pannoniens, des weiten Donaulandes. Hatte er in Frankreich germanisches Kriegsvolk unter sich gehabt, so hatte er jetzt die illyrischen Legionen. Kriege hatte er noch nie geführt, aber strenge und verschwenderisch zugleich, hielt er Truppen und Offiziere fest in der Hand. Vor Pertinax beugte er sich; er hätte den trefflichen Mann gewiß nie gestürzt Man kann sogar vermuten, daß Pertinax daran dachte, den Severus zu seinem Nachfolger zu machen. Dafür spricht nicht nur das abwartende Verhalten des Severus, sondern auch der Umstand, daß Pertinax als Kaiser seinen eigenen Sohn nicht zum »Cäsar« machte, sondern ihn seine bürgerliche Erziehung fortsetzen ließ. Dies wird als auffällige Tatsache überliefert: der Sohn sollte sich keine Hoffnung auf den Kaiserthron machen. Wenn sich Severus hernach selbst Pertinax benannte, so machte er sich damit zum Adoptivsohn des Ermordeten, worin vielleicht eine Andeutung liegt, daß diese Adoption beabsichtigt gewesen ist. Augenscheinlich wollte Pertinax das Erbkaisertum vermeiden und zu den Grundsätzen des Trajan und Hadrian zurückkehren, die allemal nach freier Wahl den besten Mann zum Nachfolger bestimmten (vgl. oben S. 33 ). . Severus konnte warten; die Sterne trogen nicht. Die Sterne! Mit Inbrunst war er der Astrologie ergeben. Auch an Träume glaubte er. So träumte ihm, er stünde auf hoher Warte, die ganze Welt, Land und Meer lag unter ihm, und er griff hinein wie in ein großes Musikinstrument, ein Pan-Harmonium, und ließ die Welt unter seiner Hand erklingen Dio 74, 3. Er war offenbar musikalisch; unmusikalische Menschen träumen solche Träume nicht. . Er redete später selbst ausdrücklich hiervon, und sein Freund, der Geschichtschreiber Cassius Dio, schrieb auf seinen Wunsch hierüber eine besondere Schrift Auch in seiner Selbstbiographie, in der er sein Privatleben offen darlegte, sprach Severus ausdrücklich von diesen Vorzeichen. . Dies sind Tatsachen. Es ist billig und leicht für uns heute, hierüber, insbesondere über die Astrologie zu spotten, die jene Zeit geradezu beherrscht hat. Seit Copernicus Ordnung in das Planetensystem brachte, war das große Weltgeheimnis entschleiert und der 39 Wahn schwand, aber auch da noch sehr langsam, als hinge unser Schicksal an der Bewegung der Sterne. Damals wandelten noch Sonne und Mond mit den Planeten um unsere Erde; nach Willkür schienen sie sich am Himmel zu bewegen; also hatten sie Willen, sie hatten Seele, sie waren denkende Götterwesen und das Wissen von ihnen (die »Mathesis«) war der Gipfel aller Wissenschaft. Nur gerade die Gebildetsten jener Zeiten haben sich damals mit Astrologie befaßt. Die stoische Philosophie selbst, die die Trägerin der höchsten Bildung war, gipfelte seit Posidonius in dieser Lehre. Auch der Klügste der Klugen, Kaiser Hadrian, war gläubig und Kenner dieser Dinge. Durch tausend Vorzeichen reden die Götter zu uns, und nichts ist erhabener, als ihren Sinn zu erforschen. Ein Lehrbuch hierüber ist uns erhalten, das heute 600 enge Druckseiten füllt Die Mathesis des Firmicus Maternus. . Man stellte die Nativität; d. h. nach der Konstellation oder Sternengruppierung, unter der der Mensch geboren war, richtete sich allemal sein Schicksal, sein Wollen und Werden. Die Bilder des Tierkreises und die Planeten wirken dabei zusammen; jedes Tierkreiszeichen wird überdies in Felder zerlegt, und wer nun z. B. im 9. Teil des Steinbocks sein Horoskop hat, so daß der Planet Mars im selben Felde steht, von dem heißt es, daß er früh sterben wird. Wessen Horoskop dagegen in den ersten Teil des Wassermanns fällt, so daß Jupiter und Saturn sich in dem nämlichen Felde befinden, der wird, wenn auch der Mond dazu günstig steht, großer König und Kaiser, wird lange leben und das ganze Erdreich besitzen Firmicus VIII, 28 u. 29. . Die alten Götter Jupiter, Mars, Venus waren damals schon so verblaßt; aber als Planeten werden sie, heißt es, wieder zu Göttern, die wir verehren können Firmicus I, 6. . Eine Sympathie wirkt von ihnen zu uns, und das Leben des »wissenden« Menschen ist an den Himmel gebunden. In prachtvollen Versen hatte schon 200 Jahre früher der Dichter Manilius diese Astrologie gefeiert: »Den Himmel erklomm die Intelligenz ratio : Manilius I, 1. , und ergriff die Natur der Dinge an ihren Ursachen. Weil wir selbst Teil Gottes sind, können wir Gottes Gedanken im All erkennen. Das Schicksal selbst will es, 40 daß wir es ergründen, und der Himmel freut sich daran, daß ich seine Geheimnisse im Gesang erschließe Manilius II, 115 f.; 149; 142. . Ob du reich, ob arm, von der Geburtsstunde hängt alles ab. Der Vater tötet seine Kinder, die Brüder töten sich im Wechselmord: es ist nicht ihr Werk; das Schicksal zwingt sie so zu handeln Manilius III, 16 f. u. 82 f. . Gleichwohl sollen wir den Mörder hassen, so wie wir das Giftkraut hassen, dem es vom Schicksal beschieden ist, giftig zu sein, an den tüchtigen Menschen aber uns doppelt freuen, weil es gottgewollt ist, daß sie gut sind Manilius III, 108 ff. . Der Maßstab des Sittlichen gerät nicht ins Wanken. So soll sich aber auch der Sterndeuter selbst, der die Nativitäten stellt, als Vertreter der Götter fühlen, soll sittenrein dastehen, sich gesellschaftlich unabhängig halten und darin alle Priester übertreffen Firmicus II, 30, 2–10. . Seine erste Pflicht aber ist die tiefste Verschwiegenheit. Verschwiegenheit! Man begreift allerdings, daß die regierenden Kaiser sofort jeden zu vernichten suchten, dem irgendwo im Reich durch die Astrologen das Herrschertum in Aussicht gestellt war; denn um solchen bildete sich nur zu leicht ein gläubiger Anhang; und so wird auch Severus bis oben zugeknöpft das Geheimnis seiner Zukunft mit sich herumgetragen haben, bis die Stunde gekommen war. Wer denkt hier nicht an Wallenstein? In der Tat, wer von Severus handelt, wird mehr als einmal an Schillers mystisch erregsamen Helden erinnert. In seiner Brust sind seines Schicksals Sterne; das traf auch hier zu; d. h. der Wille des düsteren Mannes war seinem Schicksal gewachsen. Kaltes Blut galt es zu haben; jedes Mittel ist recht, das zum Ziel führt. Kaum war Julian Kaiser, da warf sich Severus zum Rächer des Pertinax auf, wie einst Octavian der Rächer des ermordeten Caesar war. Er beschloß den Einmarsch in Italien. Niger war fern und konnte ihn nicht stören; den Albinus erkannte er mit gleißnerischer Freundlichkeit ausdrücklich als Herrscher Britanniens an Genauer: Severus ernannte Albinus zum Cäsar und adoptierte ihn sogar; daher nannte sich dieser mit vollem Namen D. Clodius Septimius Albinus. . So deckte er sich den Rücken. Spanien und 41 Frankreich blieben neutral. Die tüchtigsten Legionen des Reichs führte er mit sich, illyrische und germanische Truppen. In zehn Tagen stand er, ein dreister Usurpator, auf italienischem Boden. Rom war wehrlos. Seit hundert Jahren sonnte sich Italien übermütig im tiefsten Frieden, alle Festungsmauern verfallen, nirgends organisierte Abwehr. Es war das unantastbare Herrscherland. Der Senat schickt zum Severus demütig Gesandte; Julian aber machte die lächerlichste Figur; er versuchte erst durch Sendlinge Severus umbringen zulassen; ob der Senat von diesem Anschlag wußte, steht nicht fest. Dann verbarrikadiert er die Straßen Roms, läßt gar die Türen des Kaiserpalastes mit neuen Schlössern versehen, als könnte ein abgezogener Schlüssel ihn schützen. Die Senatoren selbst sind es, die Julian töten lassen. Des Severus Zorn aber traf die Garde. Des Pertinax Mörder ließ er sich von ihr ausliefern. Dann aber mußte die ganze stolze Truppe, die 10 000 Italiener, waffenlos oder doch nur mit dem Paradedegen an der Hüfte ihr Kastell räumen; Severus ließ sie umzingeln und löste dann für immer ihren Verband; übers Land mußten sich die Leute verstreuen, sie mochten sehen, wo sie blieben. Viele von ihnen wurden Räuber im Gebirge. Das Bedeutsamste ist, daß es fortan in der Welt überhaupt keine italienischen Soldaten mehr gab. Ganz Italien war politisch matt gesetzt. Eine neue Garde, die aus grobkörnigen Barbaren bestand, legte Severus nach Rom. Rom war fortan in Händen der verhaßten Provinzialtruppen Wie die Bürgerschaft sie haßte, zeigt Herodian VII, 6. . Es war gewiß, daß sie keine italienische Sonderpolitik treiben würden. War das alles, was der unheimliche Mann über Rom brachte? Rom gab sich Mühe ihm zuzujubeln, und er dämpfte noch seinen Zorn. Vielmehr ließ er jetzt eine Leichenfeier und Apotheose des Pertinax inszenieren, dergleichen die Stadt noch nicht gesehen hatte: große Prozessionen mit Klagechören, Redeakt, Zuschauertribünen, militärische Waffenspiele auf dem Marsfeld. Dio schildert es auf das ausführlichste. Alle Senatoren, auch die Frauen, mußten mit heran. Auf einem Ruhebett sah 42 man Pertinax im Wachsbild, schlummernd, neben ihm einen Knaben, der mit dem Fächer die Fliegen von dem Leichnam zu scheuchen schien. Das Ruhebett wurde auf den turmhohen Scheiterhaufen gehoben, den die Konsuln in Brand setzten. Eine Feuersäule schlug auf; auch reiche Totenspenden, auch der goldene Wagen des Pertinax verbrannte mit. Aus der Flamme aber schwang sich ein losgelassener Adler, der die Seele des Vergöttlichten bedeutete, zum Himmel auf. Severus selbst nannte sich jetzt mit Zunamen Pertinax, als Erbe des Vergöttlichten. Die Handlung wirkte wohl günstig, aber es blieb trotzdem ein gespanntes Gefühl. Severus hatte dem Senat nur mitgeteilt, daß er Kaiser sei, aber seine Bestätigung nicht erbeten. Das war kränkend. Auch sympathisierte der Senat mehr mit Niger und Albinus, und Severus wußte das. Man war in Angst vor ihm; man kannte ihn ja längst in Rom; er hatte früher selbst im Senat gesessen. Seine geborene Herrschernatur muß sich schon damals verraten haben. Was plante er jetzt? doch nicht die Unterwerfung Englands und Asiens? Römer gegen Römer? einen Bürgerkrieg, weittragend wie der Julius Caesars? Es schien unausdenkbar. Er war ein kleiner Mann, aber kräftig gebaut Dio 77, 16. , damals schon 47 Jahre alt, von schönen männlichen Zügen, ehrfurchtgebietend. Das früh ergraute Haupthaar drängte sich ihm in dicht gerollten Locken um Stirn und Schläfen; das Kinn im Bart vergraben. Das Auge groß und sicher: es mochte schwer sein, den Blick zu ertragen. Verhaltener Jähzorn schlummerte darin. Aber ein massiver Wille hielt seine Züge fest, so erzen wie auf dem meisterhaften Erzbild, das wir von Severus besitzen und das im Museum zu Brüssel steht. Der Ausdruck denkend, fast brutal, aber großartig bedeutend, mit Ablehnung aller Pose, aller Gefallsucht und Prahlsucht, volkstümlich derb: der Typus des Großkaufmanns und Praktikers. Das Heimtückische seines Wesens aber verbirgt sich dem Betrachter; es lauert im Hintergrunde, im Versteck seiner Seele. Septimius Severus und Julia Domna Septimius Severus und Julia Domna. Relief am Bogen der Goldschmiede in Rom. Bernoulli, Röm. Ikon. II/3, Taf. XV. 43 Man hat sich phantastisch ausgemalt, daß er, der grimmige Afrikaner, speziell afrikanische Politik zu treiben unternahm, ja darauf ausging, als ein zweiter Hannibal Karthago an Rom zu rächen. Aber nichts davon ist wahr Man hat dafür die Bagatelle geltend gemacht, daß Severus von Hannibal Statuen errichtet haben soll; aber der Hannibalkultus war damals überhaupt Mode; denn auch von Pescennius Niger lesen wir ja, daß er sich auffällig im Lob desselben Hannibal erging (vgl. dessen Vita 11, 4 f.), und Niger war doch kein Afrikaner; s. übrigens Atti del Congresso internaz. di scienze storiche, Roma 1903, VI, S. 79. . Sein Latein hatte zwar afrikanischen Akzent; seine Schwester mußte er gar vom Kaiserhofe nach Afrika zurückschicken, weil sie das Latein zu erbärmlich sprach. Aber was beweist das? Wie viele Afrikaner saßen nicht schon seit langem in Rom im Senat! So auch ein Onkel des Severus, der römischer Konsul war. Daß in Severus der große römische Staatsgedanke lebte, zeigt alles Weitere. Schon zog er gegen den Orient. Nur zwanzig Tage war er nach Julians Tod in Rom geblieben. Er war kein Feldherr, aber organisierte meisterhaft, blitzschnell in allem. Mit großem Train ging es über Bulgarien, Mazedonien, an Byzanz vorüber, nach Kleinasien. Der Geier stieg auf, nach Beute. Es gilt aber zu wissen, daß in Wirklichkeit die Kaiserin ihn trieb. Ein guter Berichterstatter sagt uns: Severus selbst hätte mit seinen Nebenbuhlern einen Ausgleich versucht Vita des Albinus 3, 4 nach Marius Maximus. . Der zähe Einfluß der syrischen Weiber setzte schon hier ein. Julia Domna, die Syrerin, wollte eine neue Weltdynastie. Wozu hatte sie dem Severus sonst Söhne geboren? Niger, übrigens Italiener von Geburt, war auf den Kampf nicht genügend vorbereitet, auch seine Orienttruppen waren wohl minderwertig. In zwei Schlachten siegt Severus, ohne selbst zu führen. Niger stellte sich nochmals im steilen Taurusgebirge, das wie ein Riegel Syrien von Kleinasien abschließt. Aber Severus wußte: das Schicksal war für ihn; ein Regenguß und Unwetter zerstörte die uneinnehmbaren Verschanzungen des Gegners: er drang hindurch. Bei Issus, wo einst Alexander der Große siegte, siegt auch Severus. Schon ist Niger in Antiochien belagert; er flieht, wird ergriffen und stirbt. Der Feldzug währte nur einen Sommer. Daß Severus den Leichnam des Niger auch noch enthaupten ließ war selbstverständlich; es geschah nach dem Herkommen. 44 Halbwegs war er hiernach schon jetzt Herr der Welt, und vom Orient aus begann er sie schon zu regieren. Die Kaiserin Julia Domna war mit ihm und die Söhne. Personalfragen, Entscheidungen gab es sofort in Fülle. Eine Anzahl von Städten des Ostens waren von Niger gleich zu Severus abgefallen, und Severus belohnte sie königlich; die gegnerischen aber strafte er als Rebellen mit schneidender Härte; er forderte ihr Geld, ihr Blut. Viele Vermögen zog er ein; alle vornehmen Offiziere in Nigers Heer mußten sterben. Severus heißt auf deutsch der Gestrenge; er wollte seinem Namen Ehre machen Der Name galt als asperitatis nomen ; s. Vita des Macrinus c. 11, 2. . Am schlimmsten aber ging es Byzanz. Byzanz, heute Constantinopel, das Bollwerk des türkischen Orients; auch heute hat es auf das erfolgreichste Rußland und England Trotz geboten. Es hielt damals zu Niger. Schon damals lag die Stadt in einem Paradies von Gärten und üppigstem Fruchtland am Goldenen Horn. Schon damals führte sie den Halbmond als Wappenzeichen Auf ihren Münzen. . Sie steckte auch nach dem Meere zu in hohen Mauern, die Quadern so fest gefügt als wären sie aus Beton gegossen; eherne Platten lagen noch darüber. Berühmt waren die sieben Mauertürme, die so lagen, daß jedes leise geflüsterte Kommando deutlich von einem zum anderen drang. Der heutige Serailhügel und Hippodromhügel lagen schon damals im Innern der Stadt. Der englischen Flotte ist es neuerdings nicht gelungen, kämpfend bis vor die Stadt zu dringen. Anders die Flotte des Severus; sie legte sich sogleich hart vor die Stadtmauer. Gleichwohl hielt sich Byzanz drei Jahre. Severus ließ den Kopf des Niger über die Mauer werfen; Byzanz blieb trotzig. Ein gewisser Priskus verteidigte die Werke, ein großer Techniker wie Archimedes; unvergeßlich war im Altertum diese Leistung: bis endlich doch der Hunger die Übergabe erzwang (i. J. 196). Severus frohlockte; er hatte es im voraus gewußt: ihm sollte nichts mißlingen. Aber sein Jähzorn war maßlos. Alle Kämpfer ließ er über die Klinge springen, die Stadtmauern schleifen; ja auch die Stadt selbst gab er schließlich der Zerstörung 45 preis. Byzanz sollte hinfort ein Dorf sein. Später, ja, wohl schon ein Jahr danach, hat er die Stadt jedoch selbst wieder aufbauen lassen; das ist die Art damaliger Despotie; Octavian hatte es ja einst mit Perusia nicht anders gemacht. Ein solches Städtebauen, wie man es damals betrieb, haben wir heute völlig verlernt. In seiner Selbstbiographie scheint Severus die Sache so dargestellt zu haben, als hätte sein Sohn Basianus, der Knabe, ihn zum Wiederaufbau überredet. Er wollte damit gewiß nur die eigene Inkonsequenz bemänteln und zugleich seinen Sohn beliebt machen. In Wirklichkeit hatte er erkannt, daß ein solcher Welthandelsplatz sich nicht einfach ausradieren läßt; das Bedürfnis erzeugt ihn immer wieder. Der aber würde weit irre gehen, der in Severus nur den wilden Mann, den Scharfrichter, das herzlose Werkzeug des Schicksals sieht. Er war Mensch zu Menschen, voll von geistigen Interessen und für die feinen griechischen Redner, die Populärphilosophen, die, voll Begeisterung für ihre Heimatstädte, über politische und religiöse Fragen der Vergangenheit und Gegenwart eifrig handelten, gern zu sprechen. Er hatte jetzt eben einige Muße, und nahm seine Beziehungen zu Athen wieder auf. Julia Domna, die Kaiserin, unterstützte ihn hierbei, sie, die späterhin die Philosophin hieß. Wäre uns doch in dies ihr Privatleben ein etwas deutlicherer Einblick gewährt! Nur Philostrat, der kluge, der damals am Hofe verkehrte, plaudert uns darüber einiges aus. Einen jener Literaten machte Severus alsbald zum Erzieher seiner Söhne und ehrte ihn sogar mit dem Konsulat. Einem anderen wollte er fürsorglich eine Frau verschaffen; leider war die Person nicht hübsch genug, und der Plan schlug fehl. Eben denselben Schriftsteller (er hieß Hermokrates), bewunderte Severus so sehr, daß er im echten Stil des Kalifen sagte: wünsche dir jede Kostbarkeit, ich will sie dir geben. Der Grieche, ein Feinschmecker, wünschte sich dann nur ein Rebhuhn, aber mit einem seltenen Gewürz dazu λιβανωτός ; Philostrat II. S. 111 ed. Kayser. , das kaum noch aufzutreiben war. Severus ließ ihm wirklich ein Quantum davon im Wert von 50 Talenten kommen und errötete dabei, weil 46 die Gabe so gering sei. Auch als Schiedsrichter bei schöngeistigen Konkurrenzvorträgen trat er auf; aber er war dabei bisweilen von seinem Generalstab, den Offizieren in großer Uniform umgeben, und der martialische Anblick bewirkte, daß der Sprecher nervös wurde und den Faden verlor. Ein Theaterdichter hatte irgendwo im Wettbewerb einen Preis gewonnen; der Mensch war aber Byzantiner und mußte den Zorn des Kaisers fürchten, der ja mit Byzanz im Krieg lag. Selbst im Dichterwettkampf durfte es nicht heißen: der Byzantiner hat gesiegt. Hernach aber hat Severus den Poeten (er hieß Clemens) wie es scheint, durchaus gut behandelt, wie er denn überhaupt ein Liebhaber und Förderer des Theaterwesens war Vgl. zum Voraufgehenden Philostrat, Vitae sophist. p. 103 u. 111 ed. Kayser. Die Geschichte vom Theaterdichter Clemens, ebenda p. 115. Vielleicht hat Severus eben diesen Clemens dann selbst nach Rom berufen; darauf führt hin, daß er, wie wir bei Herodian III, 8, 9 lesen, von allen Seiten μοίσης ὑποκριτάς nach Rom kommen ließ. Noch sei erwähnt, daß dem Severus zugleich mit seinem Sohne auch das umfangreiche griechische Gedicht Oppians über den Fischfang gewidmet ist. . Ihm hatte geträumt, die Welt läge friedvoll in seiner Hand und er spiele darauf wie auf einer Harfe. Der Traum begann sich zu verwirklichen. Das Schicksal aber begann wieder zu schieben; die Sterne riefen. Severus machte erst noch eine militärische Demonstration gegen die Parther und befestigte in Mesopotamien den großen Handelsstapelplatz Nisibis und andere Plätze. Dann ging er nach Rom, und seine Herrschermiene war voll Grimm. Er ließ die Maske fallen. Im Senat saßen Anhänger des Niger, also Rebellen. Er stellte sie unter Anklage; dann gab er ihnen eine Galgenfrist. Es galt erst noch den letzten großen Streich zu führen. Denn Albinus lebte noch. Er hatte des Albinus Herrscherrechte ausdrücklich anerkannt. Aber das waren Worte. Er mußte zum Ziel und schickte tückisch Mörder aus. Solch ein Dolchstoß war zwar niederträchtig, aber nützlich; denn lebte Albinus nicht, so brauchten die Heere nicht erst zu kämpfen; es wurde viel Blut gespart; es gab keinen Bürgerkrieg. Aber auch Albin war klug; er folterte die Abgesandten, die von Severus Briefe brachten, und sie gestanden. Auch Albinus, der kraushaarige, stammte aus Afrika. Der Afrikaner stand jetzt gegen den Afrikaner. Die Sachlage war nicht leicht. Ganz Frankreich und Spanien waren inzwischen zu dem Beherrscher Englands abgefallen, und mit ausgezeichneten Heereskräften stand Albin schon bei Lyon, als Severus 47 auf ihn stieß, am 18. Februar d. J. 197: angeblich 150 000 Mann auf beiden Seiten. Es war die letzte Glücksprobe. Severus beschloß zum ersten Mal, die Schlacht selbst zu leiten. Der Himmel wollte ja seinen Sieg. Aber seine Truppen standen nicht; in hartem Kampf wurden sie schließlich geworfen. Der Herr ritt schließlich selbst ins Getümmel und fiel vom Pferde. »Der Kaiser ist tot«, hieß es. Erst danach brach Laetus, der General, der bis dahin seine Legionen zurückgehalten hatte, vor und entschied den Sieg zu des Severus Gunsten. Severus aber war nicht tot, und Laetus kam in den Verdacht, daß er sich absichtlich zurückhielt, daß er des Severus Fall benutzen wollte, um selbst Kaiser zu werden, und er hat später sein Verhalten mit dem Tode gebüßt. Albinus war eine der hervorragendsten Persönlichkeiten, der weithin menschliche Sympathien genoß, beiläufig auch Dichter Er dichtete Novellen, milesische Geschichten, wie wir sie aus dem munteren Apulejus kennen. . Was lag daran? Wie der Tiger nach dem Kampfe noch rast, ließ Severus seinen Leichnamen zerstückeln; der Kopf wurde auf den Spieß gesteckt und nach Rom getragen. Die Herren Senatoren sollten ihn sehen. Denn der Senat hatte schon Geldstücke auf des Albinus Namen zu prägen begonnen; auch im Archiv des Albin fand Severus Briefe von Senatoren, und so folgte nun endlich in Rom das Blutgericht. Die Anhänger des Niger und des Albin wurden denunziert und getötet, auch politisierende vornehme Frauen nicht geschont, nicht nur in Rom, sondern auch in Frankreich, Spanien, und ihre großen Vermögen konfisziert. 29, nach anderen 41 Senatoren ließ er sterben. Das Geld war willkommen. Sich selbst bereicherte Severus damit. Neben dem Staatsfiskus steht jetzt im Staatshaushalt die kaiserliche Privatkasse, in die die Gelder fließen. So war Severus der Mann des Schreckens. Er sagte es selbst: Sulla ist mein Vorbild, nicht Julius Caesar. Und er hatte Recht: Caesar hatte seine Gegner geschont und dies mit dem eigenen Tode büßen müssen. Sulla hatte sich behauptet, ebenso aber auch der vielgepriesene Octavian, der den Senat massakrierte, um dann 50 Jahre als Augustus in Frieden zu herrschen. 48 In alledem zeigt sich eine unerbittliche Folgerichtigkeit. Warum sollte Italien mehr Einfluß im Reich haben als alle anderen Länder? Das betraf eben den Senat; der Senat machte nur Schwierigkeiten. Man mußte ihn vor Schrecken stumm machen. Des Severus Dynastie sollte sich nicht auf Rom, sondern auf das Gesamtreich stützen. Mit hellem Lachen erzählt uns der Senator Dio einmal von den Stimmungen, die im Senat herrschten. Es war keine rühmliche Gesellschaft (die Sache spielt allerdings einige Jahre später). Über den Senator Apronianus, der in Asien stand, verlautete, ein Orakel habe verheißen, er würde Kaiser werden. Damit war der gefährliche Mann dem Tode verfallen. Severus teilte nun dem Senat mit, es gebe unter den Senatoren in Rom noch einen geheimen Mitwisser jenes Orakels; der Senat selbst solle feststellen, wer der fragliche Mann sei; einziges Merkmal sei, er habe einen Kahlkopf. Alle die vielen Glatzköpfe im Senat erstarben da gleich vor Schreck. Man spähte nach allen Glatzen und rief durcheinander: »Der ist's! nein, der!« »Ich griff mir selbst nach meinem Schädel«, sagt Dio, »um nachzusehen, ob ich meine Haare noch hätte. Zum Glück waren sie wirklich noch da.« Die Sache verlief unerfreulich genug; man einigte sich schließlich darauf, einer sei wirklich der Gesuchte, und der unselige Kahlkopf wurde sofort von seinem Rumpf getrennt. Der geängstete Senat verfügte selbst eilfertig eine Hinrichtung, die Severus gar nicht befohlen hatte. Severus war nun Herr der Welt. Er atmete auf. Jetzt konnte er versuchen, das Instrument zu spielen, von dem er geträumt, und die Welt mit Harmonie und Wohlklang zu erfüllen. »Wer die Einheit des Reiches retten will«, sagte er, »darf für kurze Zeit das Blut nicht sparen, um für den Rest seines Lebens Menschenfreund zu sein« Aurelius Victor c. 20. Solche Aussprüche dürfen wir für echt nehmen; sie können ganz wohl aus des Severus Selbstbiographie stammen. . Er wollte es lernen, sein wildes Temperament zu zügeln. So hatte es auch Octavian gemacht. In diesem Sinne hatte er schon vorher eine Namensänderung vollzogen; er nannte sich offiziell Sohn des Markus, als hätte Mark Aurel ihn adoptiert; Antoninus nannte er auch gleich 49 seinen älteren Sohn Basianus. Das war sinnvoll und wie ein Programm. Eine Kontinuität in der Kaiserfolge war damit hergestellt, und die Prinzipien der Antonine sollten wieder herrschen; denn man wußte es noch: die Antoninenzeit, das war die goldene Zeit gewesen Es war nur folgerichtig, daß Severus zum Entsetzen Roms sogar die Statuen des erbärmlichen Commodus wieder aufrichten ließ und ihn unter die vergöttlichten Kaiser aufnahm; denn auch Commodus gehörte zu den Antoninen. . Natürlich setzte da gleich auch der Spott ein. Denn des Severus rechter Vater war für Rom eine Null; nun hieß es: »unser Kaiser hat endlich einen Vater bekommen.« Severus nahm den Spott nicht übel. Man tadelte, daß er so viel Gelder raffte, die konfiszierten Vermögen an sich zog. Aber er konnte nicht bestehen ohne ein starkes Hausvermögen. Woher es nehmen? Für seine Person trieb er durchaus keinen Luxus. Seinen Sohn Geta lachte er aus, wenn er sein Taschengeld dazu benutzte, sich kostbar und elegant zu kleiden, und ging selbst in einer geringwertigen Tunika, an der kaum etwas Purpur zu sehen war, einher; darüber ein griechischer Mantel aus rauhem Stoff Vgl. Herodian II. 11, 2 u. III, 8, 5. Vita . des Geta 5, 2; Vita des Severus 19, 7. . Sein Privatleben war allem Anschein nach tadellos, so auch sein Eheleben. Für das Treiben seiner Frau und ihres üppigen weiblichen Anhangs, von dem noch zu reden sein wird, war er nicht verantwortlich. Sein Sport war der Fischfang; mit sicheren Bootsleuten fuhr er aufs Mittelmeer hinaus und freute sich, wenn die Beute zappelnd am Angelhaken hing Dies schildert Oppian, Halieutika I, 69. . Ein Herr über drei Weltteile mußte mit Milliarden um sich werfen können. Es galt fortan nicht nur die Garde in Rom, nein, alle Truppenkörper in den Reichsländern, 200 000 Mann und mehr, persönlich an sich zu fesseln. Auf unbedingter Ergebenheit beruhte das Regiment. Es sollte kein Niger und Albinus irgendwo in der Welt wieder erstehen. »Mehr Lohn oder wir streiken!« das war damals der Ruf der Soldaten in den Kasernen, wie es heute der Ruf der Arbeiterlegionen in den Fabriken ist. Nicht nur Sold, auch außerordentliche Dotationen wurden oft nötig, und aus der Privatschatulle des Kaisers waren die Gelder zu zahlen. Mehr noch: auch in die Zivilämter brachte Severus vielfach jetzt Offiziere Vgl. O. Hirschfeld, Die kaiserlichen Verwaltungsbeamten, 2. Aufl. S. 421; Fuchs, Geschichte des Septimius Severus S. 39. ; auch die 50 Verwaltung begann durch ihn militarisiert zu werden, und alle diese Beamten waren hinfort durch Besoldung und Militäreid an den Kaiser persönlich geknüpft. Damit steigerte sich die Zentralisation, und das Kaisertum war jetzt Soldatenkaisertum, die Soldatenkaste privilegiert. Goldene Ringe gestattete Severus den Soldaten zu tragen und tat auch sonst viel für ihr Wohlbefinden Ein Veteran kann, wenn er straffällig wird, doch nie den Tieren vorgeworfen noch in die Bergwerke geschickt werden noch Prügelstrafe erleiden: Dig. 49, 18, 1 ff. . Der Jurist Menander, der im kaiserlichen Kronrat saß, schrieb ein neues Werk über Militärrecht, ein anderer Jurist über die Sicherung des Privatvermögens der Soldaten Tertullian, De peculio castrensi . . Doch ließ Severus es nicht zum Übermut kommen; bei Einquartierung legte er es den Soldaten auf, die bürgerlichen Familien nicht zu drücken und zu belästigen Duruy, Histoire des Romains VI, S. 66 u. 111. Ein Soldat, der im Bad etwas stiehlt, wird mit Schande entlassen: Digest. 47, 17, 3. . Gab es keinen Kampf, so mußten sie Straßen bauen und andere Friedensarbeit verrichten. Praktisch war es übrigens auch, daß er gewisse Provinzländer in Teile zerlegte, also die Regierungsbezirke verkleinerte So wurde Britannien in zwei Provinzen mit getrennter Verwaltung zerteilt, Numidien von der Provinz Afrika, Phönizien von Syrien getrennt. . Die Gouverneure durften nicht zu viel selbständige Macht gewinnen, nicht auf zu breiter Grundlage stehen. Aber der Friede, er war noch nicht da. Es war das Jahr 197. Der Kaiser sehnte sich gewiß nach Rast. Allein er hatte bisher nur Bürgerblut vergossen Auch zogen sich die Verfolgungen der Anhänger des Niger in den Provinzen noch etliche Jahre hin; vgl. Vita 15, 4; Tertullian Apol. 35. ; seine Ehre forderte, daß er auch einen auswärtigen Krieg geführt habe. Die Germanen reizte man nicht gern; darum zog er gegen die Parther. Die Parther rückten eben gegen Nisibis vor; es galt sie zu strafen. Und er strafte sie. Mit der gewohnten Umsicht betrieb er die Sache. Palmyra und Edessa ließ er gesichert in seinem Rücken und nahm siegreich Babylon und Ktesiphon am Tigris. Im Grunde war es jedoch nur einer der vielen Grenzkämpfe, die sich seit des Crassus Zeit immer wiederholten. Dauernde Eroberungen beabsichtigte er nicht. Ihm genügte die mächtige Beute, die er fand. Gleichwohl ging sein Ehrgeiz dahin, Trajan, den siegreichsten aller Kaiser, zu überbieten. Es ging um die Märchenstadt Hatra. In den oberen Strecken Mesopotamiens lebten arabische Beduinen; Hatra war ihre einzige feste Stadt; sie war kreisrund gebaut wie die Sonnenscheibe, von einer Rundmauer 51 eingeschlossen; dem Sonnengott war die Stadt geweiht. Trajan hatte sie im Jahre 116 umsonst belagert und umritten. Jetzt ließ Severus alles, was die damalige Technik, die Ballistik, an Belagerungsmaschinen besaß, durch die öden Steppen herbeischaffen. Die Aufgabe war die schwerste. Die Beduinen gefährdeten die Transporte. Nirgends Trinkwasser; nur Salzwasserlachen. Kein Gras wuchs, nur bitterer Drachenwurz und Absinthkraut war zu finden; man mußte die Kamele, die Zugtiere schlachten, um zu leben So war es wenigstens später, nach Ammian. Marcellinus 25, 4, 6. . Einerlei! Er, der Byzanz bezwang, sollte Hatra nicht zwingen? Priskus, den Verteidiger von Byzanz, hatte er jetzt als Helfer bei sich. Er hatte den genialen Mann weislich geschont. Aber der Feind trotzte, ja, er steckte den ganzen Belagerungspark in Brand, und Severus war so gut wie entwaffnet; er mußte abziehen. Mit brennendem Naphta kämpfte der Araber, jenem Naphtaöl, das dort auch heute noch am Kaspischen Meer aus der Erde quillt. Des Kaisers Starrsinn empörte sich. Er rückte von neuem an. Wieder wirkten die Brände zerstörend; jetzt aber gelang es den Römern schließlich doch, in die Mauer Bresche zu legen. Sie drangen ein. Da verbot ihnen Severus das Plündern; das Heiligtum des Sonnengottes mit seinen Schätzen sollte auf alle Fälle geschont werden. Die Truppen gingen zurück und stürmten nicht wieder. Sie murrten und versagten den Gehorsam. Der Konflikt war da. Der Mann, dem alles glückte, mußte unverrichteter Sache abziehen. Natürlich hieß es dann, der Sonnengott selbst rettete die Stadt Dio 75, 12. . Der Senat bot ihm alleruntertänigst den Triumph an. Severus lehnte ab; er war überhaupt kein Mann des Prunkens. Darauf erbaute der Senat voll Eifer ihm zu Ehren den Septimius-Severusbogen; es ist der Triumphbogen, der noch heute steht. Jedem, der heut das ehrwürdige Forum Romanum betritt, fällt er zuerst in die Augen. Denn auf dem Trümmerfeld des Forums reckt er sich als das einzige unbeschädigte Bauwerk; er ist zugleich das einzige, das des Kaisers Namen für immer lebendig hält. An die betonteste Stelle setzte der Senat den Bogen, unmittelbar neben die »Rostren« und vor seinen eigenen 52 Senatssaal; über Treppenstufen strömte das Volk hindurch, denn er stand hoch. Aber mir war es immer, als drückte der Bogen sich verlegen vor mir zur Seite und spräche: »Verzeih, daß ich so geschmacklos bin«. Denn er ist mit Illustrationen aus dem Krieg an allen möglichen und unmöglichen Stellen bedeckt, wie ein edles Schloßportal, an das ein Nichtsnutz von oben bis unten Reklamezettel geklebt hat. Es wirkt wie Ausschlag. Und so erblicken wir in dem Bogen zugleich das erste namhafte Denkmal für den Verfall der klassischen Kunst. Nicht zwar die Baukunst verfiel, wohl aber die Dekorationskunst. Der alte echt griechische Geist, der noch in Kaiser Hadrian so schönheitssüchtig sich regte, erstickte jetzt unter dem Einfluß des Afrikanertums und des Semitentums. Das Leben im Bilde erlosch; es siegte das Unlebendige. Severus aber hatte Besseres zu tun. Er widmete sich als Neuordner der Verhältnisse im Reich einem aufreibenden Reise- und Wanderleben. Von Provinz ging es zu Provinz, nach Syrien, Palästina, Ägypten, dann Nordafrika entlang, dann wieder nach Syrien, endlich in die Balkanhalbinsel. Wirres galt es zu schlichten, Übles zu bessern, ohne Ende. Er war ein Mensch, sagt Dio, den alles interressierte, und nichts ließ er unerforscht. Das betraf vor allem Ägypten, das Reich der Felsentempel und Pyramiden, das eigentliche Kronland der Kaiser. Den Nilstrom fuhr er aufwärts bis nach Luxor und hat noch lange von den Eindrücken, die er da gewonnen, gezehrt. Bewundernswert, wie er die arabische Wüstenstrecke jenseits des Jordan, das Land des Durstes, wo auch heute wie damals der Mensch nur als Nomade lebt, der Kultur erschloß Duruy, Histoire des Romains , VI, S. 66. . Es geschah nicht nur aus übler Laune, daß er in Alexandria das Grab Alexanders des Großen schließen ließ; an dies Grab knüpfte sich noch immer eine übertriebene Verehrung der Bevölkerung Man lese nur Herodian IV, 8, 9. Auch gegen die Zauberei trat Severus in Ägypten auf und ließ alle Zauberpapyri sammeln und zerstören ( ἀνεῖλε ). Diese Mitteilung Dios ist von Fuchs, Geschichte des Septimius Severus S. 87, falsch verstanden. . Er wollte, die Ägypter sollten sich als Römer fühlen. So hat er in derselben Weltstadt auch einen Senat nach Roms Vorbild eingesetzt und ihr die Autonomie gewährt Über einen Papyrus, der den Aufenthalt des Severus in Ägypten betrifft, vgl. Klio, Bd. VII, S. 131. . Ja, es ist, als hätte er sich zeitweilig sogar schon mit dem Gedanken Constantins des Großen 53 getragen, die Residenz des Weltreichs nach dem Osten zu verlegen. Denn auch Byzanz, das zukünftige Constantinopel selbst, schmückte er nunmehr mit den glänzendsten Bauten, so daß die Stadt sich jetzt nach ihm geradezu die Antoninstadt nannte Ἀντωνινία . , wie sie später die Constantinstadt genannt worden ist. Als er endlich nach Rom zurückkam, im Jahre 202, war er ein kranker Mann. Das unstete Leben, der Klimawechsel in jenen Ländern hat auch so starke Naturen wie den Trajan und Hadrian früh zerrüttet. Es war nicht Sache der römischen Kaiser, alt zu werden. Die Welt aber begann sich allmählich ihres Herrschers zu freuen. Zahlreiche Inschriftensteine, die noch erhalten sind, bezeugen uns, wie er im Reich (sogar auf der Insel Cypern) Straßen baute, Kastelle anlegte, den Stadtgemeinden mannigfache Hilfe bot. Auch für Spanien ist das bezeugt. Die Inschriften nennen den Severus lobpreisend den restitutor , den fundator pacis und ähnlich. Vor allem wurde Afrika damals erst durch Severus' Fürsorge zu einer den anderen Reichsländern ebenbürtigen Provinz; Severus erfüllte damit nur eine Herrscherpflicht. Die in Dörfern verstreuten Stämme Nordafrikas wurden in Stadtgemeinden gesammelt, ungezählte Städte mittlerer Größe geschaffen, für Bewässerung der Feldwirtschaft gesorgt. Rom aber blieb ihm, so machtlos es jetzt war, schließlich doch noch immer die Kaiserstadt; es war doch immer die Stadt, die dem Weltreich den Namen gab. Auch hatte sich das Stadtvolk nicht zu beklagen. Meisterhaft hat Severus die Kornversorgung Roms organisiert; die Speicher bargen Vorräte für Jahre. Dem Altertum fehlte die Butter; es kochte nur mit Öl; Severus legte der Landwirtschaft Tripolis in Afrika, die er gegen Beduineneinfälle gesichert hatte Über Tripolis und die Sicherung seiner Grenzen s. Kornemann, Klio, Bd. VII, S. 111. , auf, zum Dank dafür in alle Zukunft Rom gratis mit Öl zu versorgen; das ist gerade so, als würde heute Frankreich verpflichtet, zum Dank für seine Befreiung gratis ausreichend Kochbutter nach New York zu liefern. Auch reiche Spiele gab er: panem et circenses! Vor allem gedachte er der Gründung Roms und beging 54 großmächtig ein Jahrhundertfest der Gründung der ewigen Stadt. Die alte Ruhmsucht Roms lebte sich da noch einmal aus. Welchen Dank er sich von den verschiedenen Berufsständen verdiente, daß verraten uns die Silberschmiede ( argentarii ), deren Innung dem Kaiser den hübschen kleinen Ehrenbogen auf dem Velabrum setzte, der da noch heute steht; die uralte Kirche S. Giorgio ist an ihn angelehnt. Die zahlreichen Bauten, mit denen Severus selbst dann Rom und Italien schmückte, namhaft zu machen, ist unmöglich. Es waren vorzugsweise Werke der Nützlichkeit und nicht des Prunkes Ich erinnere nur an die große kreisrunde Säulenhalle des Viktualienmarktes ( macellum ) in Puteoli, dem damaligen Haupthandelshafen Italiens (heute Puzzuoli); Severus hat diese Halle glänzend restauriert; die Kolossalsäulen stehen zum Teil heute noch. . Der Friede war jetzt da, der Weltfriede, und Severus konnte nun zeigen, daß er sich nicht Selbstzweck, sondern daß er ein Diener der Welt, die er beherrschte, war. So stand es in den Sternen. Täglich trat er in der frühen Morgenstunde mit seinem Kronrat ( consistorium ) zusammen und beriet mit ihm die laufenden Dinge. Es wurde da abgestimmt; in Zweifelsfällen entschied der Kaiser. Dann kam die Tagesarbeit; vor allem die Rechtsprechung. Ihr widmete er sich auf das eifrigste. Persönlich saß er wie Mark Aurel tagtäglich als Richter in den großen Prozessen, und es wird uns gerühmt, daß er gleichbleibend gerecht urteilte, vor allem die Verteidigung ausreichend zu Worte kommen ließ. Freilich tat er dies nicht mehr öffentlich in einer der Volkshallen auf dem Forum, sondern in seinem Palast, und entzog die Verhandlungen der Neugier des müßigen Publikums. Im gleichem Geist beeinflußte er die Gesetzgebung. »Ich stehe zwar über dem Gesetz, aber ich will nach dem Gesetz leben«, war sein Ausspruch Justinians Institutionen II, 17, 8. . An vielen Stellen liest man noch heute seinen Namen in den Pandekten; da redet er selbst zu uns, knapp und sachlich; es handelt sich immer um sorglich erwogene Bestimmungen, und aus allen spricht durchweg ein wohlwollender Geist. Nichts aber ist denkwürdiger, als daß in seinem Kronrat die größten Juristen gesessen haben, die das kaiserliche Rom je besaß: es war das Dreigestirn Papinian, Ulpian und Paulus , dazu auch der schon erwähnte Menander. Papinian und Ulpian stammten aus Syrien; im Orient hat der 55 Kaiser diese Männer entdeckt, und er brachte sie mit nach Rom. Regulierung des Lebens durch das Recht: diese Männer wurden dafür die wichtigsten Lehrmeister durch zwei Jahrtausende bis heute; es betrifft Handel und Verkehr, Geldgeschäft, Schuldner und Gläubiger, Depositen, Servituten, Pfand und Hypothek, Erbrecht, Mitgift, Pflichten des Vormunds, Strafrecht, Sicherung der öffentlichen Anlagen, Behandlung des Arbeiterstandes usf. Natürlich mußten sie ihre Bücher lateinisch schreiben, und sie taten es meisterhaft. Papinian ist hierfür der erste große Klassiker, sein Edelsinn weltberühmt: man nannte ihn das Asyl des Rechts. Sehen wir in seine Schriften hinein, so nennt er den Kaiser da regelmäßig optimus imperator noster Severus Digesten 31, 67, 9; 50, 5, 7; vgl. auch 22, 1, 6. . Das ist wie ein Zeugnis. Jeder weiß, daß es die stoische Ethik war, die in diesen Juristen wirkte; sie bringen die Erfüllung der gesellschaftlichen Forderungen, die Seneca, der Stoiker und Staatsmann, einst für Rom aufgestellt hatte. Die Härte im Recht wich, die Menschlichkeit, die Billigkeit waltet; ausdrücklich wird das oft gesagt, das Unbillige ( iniquum ) abgelehnt Vgl. z. B. Digest. 13, 5, 1; 25, 7, 2; 37, 6, 1; 48, 5, 14 u. 5, 16; benignitas 48, 19, 11. aequitas des Severus 48, 17, 1 u. 19, 31. Milderung von Strafen 48, 19, 42; 49, 1, 1. . Das ius ist die ars boni et aequi ; damit hebt Ulpian in den Digesten an. Allen Menschen soll gleiche Sicherheit gegeben werden Digest. 48, 19, 26 med. . So hat die Zeit des Severus der Nachwelt das wertvollste gegeben, was wir der römischen Kultur überhaupt verdanken. Dies scheint nicht zu viel gesagt. Der Herbst war da; die heitere Schönheit des Lebens der Antike ging damals zur Neige; sie blühte ab. Aber der Herbst ist die Zeit, wo die Früchte reifen. Der christliche Kaiser Justinian hat das kosmopolitische Recht, das damals reifte, ehrfürchtig kodifiziert und zu dem seinen gemacht und für uns und alle Zukunft gerettet. Und Severus selbst? Feste Gesichtspunkte stellte er auf. Niemandem dürfe in absentia der Prozeß gemacht werden, so entschied er; denn das verbiete die Billigkeit Digest. 48, 17, 1. . Ein Angeklagter darf nur am Tatort abgeurteilt werden Digest. 49, 16, 3. usf. Die abgöttische Behandlung der Kaiserstatuen schränkte er ein Digest, 48, 4, 5. . Unendlich wichtig war die Behandlung der Sklaven; zahlreich sind 56 seine Bestimmungen hierüber. Wir können hierbei nicht verweilen Weitere Entscheidungen des Severus finden sich z. B. Digest. 1, 93; 1, 12, 8 u. 30; 1, 16, 6; 4, 4, 3; 19, 2, 49; 23, 2, 20; 27, 1, 10; 37, 14, 3 u. 4; 47, 11, 4; 47, 12, 3; 48, 5, 2; 48, 5, 14; 48, 13, 12; 49, 1, 7; 49, 14, 22. Den Freigelassenenstand betrifft die wohlwollende Bestimmung über das Vermögen der verurteilten Freigelassenen, 37, 14, 4 u. 48, 4, 9. Übrigens redigierte Papinian z. T. die Erlasse des Kaisers; vgl. Archiv f. Lex. VII, S. 614. . Die wohlwollende Haltung geht durch alles hindurch Das benignissime rescripsit gilt Digest. 37, 14, 4 von ihm. . Vor allem stemmte er sich gegen das üble Eheleben auf; er wollte eine Gesundung der ehelichen Verhältnisse, wie sie schon Augustus, dann Seneca angestrebt hatten: ein Idealismus, der ihm Ehre macht; es war natürlich vergebens. Damit aber hängt eine Anordnung zusammen, die das Heer betraf. Die Soldaten dienten im Heer volle 20 Jahre lang und durften in all der Zeit nicht heiraten. Daraus entstanden natürlich in den Heerlagern die wildesten Verhältnisse. Man male sich aus, wie viele uneheliche Kinder damals herumgelaufen sein müssen. Severus erkannte es als soziale Pflicht, hier einzugreifen, und gestattete den Soldaten eine Frau zu nehmen. Rechtlich galt diese Ehe zwar nur als Konkubinat, aber die Kinder hatten doch nun einen legitimen Vater. Das war gewiß heilsam. In die weiten Kreise jener rohen Mannschaften wurde dadurch der Familiensinn getragen Man warf dem Severus vor, er habe dadurch die Soldaten verweichlicht, die Disziplin gelockert. Dieser Vorwurf scheint ziemlich sinnlos. Denn auch schon vorher verkehrten die Soldaten natürlich regelmäßig in Frauenhäusern, die sich in dem Krämerrevier befanden, das bei keinem Militärlager fehlte; nachdem durch Severus ein festes Konkubinat gestattet war, wohnte die Frau natürlich gleichfalls da draußen in den canabae und nicht etwa mit dem Soldaten in der Kaserne. Die Disziplin konnte durch Regulierung der Verhältnisse nur gewinnen. . So waren die Tage für den Kaiser mit drangvoller Arbeit ausgefüllt. Ob er auch noch Zeit für Muße und für literarische Freuden fand? Gewiß, er schrieb seine Selbstbiographie. Auch hören wir, daß er sich mit einer vornehmen Römerin, Arria, deshalb befreundete, weil sie den Plato las Galen Bd. XIV, S. 218 ed. Kühn. . Das gibt etwas Einblick in seinen Verkehr mit Frauen und den Austausch geistiger Interessen Ich erwähne hier noch einige Rhetoren oder Populärphilosophen, die dem Hof näher traten: Antipater, der die Prinzen erzog und ein Leben des Severus schrieb; Philiskos, den die Kaiserin begünstigte; Aspasios von Ravenna, kaiserlicher Sekretär, dann Professor in Rom; Fronto von Emesa, der gleichfalls als Sophist in Rom wirkte; vgl. W. Christ, Griech. Literaturgeschichte II, S. 606 f. . Es verlohnt festzustellen, daß Platos Buch vom Idealstaat damals ein Leitbuch für die römischen Kaiser war. Sie lockte der Grundgedanke des Buches, der da fordert, daß der Philosoph im Staat herrschen soll Daß Hadrian seine Reichsverwaltung nach Platos Staat einzurichten versuchte, steht mir fest (vgl. Römische Charakterköpfe, S. 304). Auch Alexander Severus werden wir späterhin als eifrigen Leser des Werkes kennen lernen; auch Julian, sogar Zenobia. Man beachte auch, daß sogar die Digesten 50, 11, 2 Platos Staat wörtlich zitieren; dies tut dort der Jurist Callistratus, Zeitgenosse des Severus und des Papinian. Wie man Platonismus mit Stoizismus oder Cynismus verband, zeigt Maximus Tyrius sehr schön. Er predigte zur Zeit des Commodus griechisch in Rom; seine erhaltenen Predigten handeln u. a. über die Frage, ob man den Beleidiger wieder kränken soll, über Nächstenliebe, ob Götter Bildnisse haben sollen. . Das wichtigste aber endlich ist, daß durch Severus sich Dio, der Senator, zur Schriftstellerei treiben ließ; so wurde Dio damals zum größten Historiker Roms nach Livius; die römische Reichsidee lebte in ihm wie in dem Kaiser. Bisher hatten die Sterne nicht getrogen. Ein fabelhafter Aufstieg, wunderbares Gelingen; die Reichseinheit gesichert; die Dynastie, die neu begründete, unangefochten, ja, schließlich sogar des Beifalls froh! Mit blutigen Händen Segen spendend, 57 so stand dieser Kaiser da; so brauchte ihn das Schicksal, so wollte es ihn. Er fühlte sich, wie er war, stark als Werkzeug in des Schicksals Hand. Aber schon nahten die grellen Enttäuschungen. Die ihm am nächsten standen, brachten sie ihm. Wehrlos sah er sein Glück in Scherben gehen. In der Glyptothek in München steht der ausdrucksvolle Marmorkopf des Severus; man braucht ihm nur ins Gesicht zu sehen: wie verändert ist da der Ausdruck! Resignation, schmerzvolles Verzagen, ein stummes Bitten um Mitleid spricht aus diesen edlen Zügen. Hier gilt es endlich von Plautian zu reden. Plautian war des Severus Jugendfreund, der Gespiele seiner Knabenzeit; auch er ein Afrikaner. In Freundschaft blieb Severus mit ihm ganz verwachsen und tat alles für ihn. Die höchste Macht im Reich, die zu vergeben war, gab er ihm schließlich; er machte ihn zum Präfekten der neu umgestalteten Kaisergarde in der Hauptstadt; ja, den eigenen Sohn Antoninus, den man im Volksmund auch Caracalla nannte, vermählte er mit dessen Tochter Plautilla. Auch in den Orient mußte der Freund ihn begleiten. Das frech breitspurige Auftreten dieses nach Macht durstenden Emporkömmlings fiel allen auf; Severus übersah es. Der Kaiser lebte einfach; Plautian protzte in sultanischer Pracht. Wollte der Kaiser etwas von ihm, so ließ der Mann die kaiserlichen Abgesandten nicht vor; der Kaiser mochte selber kommen. Die Stadt Rom terrorisierte er, als wäre er der Herr; willkürliche Justizmorde häuften sich, die er beging, um sich zu bereichern. Severus wollte es nicht wahrnehmen. Wie ein höheres Wesen schritt er mit seinem Gefolge über die Straße; kein Mensch durfte es wagen ihn anzusehen; seine Platzmacher verboten es. Sein Machtanspruch wuchs mehr und mehr. Inmitten der Bilder der kaiserlichen Familie ließ er seine Standbilder öffentlich aufrichten. Das Volk im Zirkus rief de Plautian ermutigend zu: »Warum so ängstlich? Greif zu! Du bist ja schon mächtiger als das Kaiserhaus.« Caracalla, der Sohn, durchschaute den Mann und warnte den Vater. Severus wollte das Offenkundige nicht glauben. »Eher stürzt der Himmel ein, als 58 daß dem Plautian von Severus ein Leid geschieht«, sagten die Leute. Diese Blindheit ist nur begreiflich, wenn wir annehmen, daß irgendein Sternorakel oder sonst eine Wunderstimme ihn an diesen Menschen kettete, so wie Wallenstein bei Schiller magisch an den Octavio gekettet ist: »Denn wißt, ich hab' ein Pfand vom Schicksal selbst, das er der treuste ist, von meinen Freunden.« Es war im Januar 205. Plautian glaubte, der Augenblick zum Handeln sei gekommen. Caracalla war wach; er haßte Plautian wie Gift und darum auch die Plautilla; auch seinem Vater grollte er gewiß, der ihn zu dieser Ehe gezwungen. Jetzt fürchtete Caracalla für sich selber. Er hinterbrachte dem Vater, Plautian plane Mord; es gelte dem Kaiser und den Kaisersöhnen. Severus glaubte eigensinnig auch jetzt nicht. So kam es zu der Blutszene, deren Verlauf der Hofklatsch verschieden erzählt hat. Plautian schickt einen Gardeoffizier des Namens Saturninus mit dem Mordauftrag in den Kaiserpalast. Saturninus aber ist in Wirklichkeit kaisertreu, er läßt sich den Befehl schriftlich ausfertigen, tritt mit dem Schriftstück vor Severus und eröffnet ihm alles. Auch jetzt noch sträubt sich das Herz des Kaisers. »Unmöglich!« ruft es in ihm. Da stellt Saturnin dem Plautian eine Falle. Er läßt ihm melden, die kaiserlichen Personen seien tot; er solle nur kommen. Es war schon Abend, als Plautian wirklich kam, gepanzert, aber mit geringem Gefolge. Er kam im Galopp mit dem Maultiergespann. Aber die Tiere stürzten unterwegs; das war ein schlimmes Vorzeichen. Bei der Dunkelheit fuhr es sich nämlich in den Stadtstraßen schlecht, die nur für Fußgänger oder nur für Schrittfahren eingerichtet waren. Als er den Kaiser lebend findet, wird er aschfahl, aber er faßt sich rasch und weiß die Sache so geschickt zu wenden, daß Severus sich auch jetzt beschwichtigen läßt. Da packt Caracalla die Wut. Eigenmächtig läßt er unter des Severus Augen den Schurken niederschlagen. 59 Severus hatte den Freund, er hatte auch den Glauben an den Freund verloren. Es muß das Gemüt des kränkelnden und tief abergläubigen Kaisers schwer getroffen haben. Seine stolze Selbstgewißheit, seine fatalistische Vertrauensseligkeit war zerstoßen, gebrochen. Gleichwohl hielt er auch jetzt noch darauf, daß Plautian wie jeder ehrliche Bürger bestattet wurde. Aber es kam noch schlimmer. Auch sein Glaube an die Zukunft zerbrach. Auf seinen Söhnen stand die Zukunft; für sie hatte er das Kaisertum aufgebaut, für sie den großen Hausschatz gesammelt. Aber die Söhne machten ihm tiefes Herzeleid, bis zum Gräßlichen. Sein Lebenswerk schien umsonst. Den Antoninus Caracalla hatte er schon im Jahre 198 zum Augustus, zu seinem ebenbürtigen Mitkaiser gemacht, den Sohn Geta zum Cäsar. So erpicht war Severus darauf, seine Dynastie zu sichern. Caracalla war damals 13jährig Caracalla ist i. J. 186, Geta i. J. 189 geboren. , und der junge Fant, ein Mensch von entsetzlicher Frühreife, unterzeichnete nun bald auch die kaiserlichen Erlasse mit seinem Vater. Ähnlich hatte es Mark Aurel mit seinem Sohne Commodus gehalten; aber wie Commodus, so entartete auch Caracalla rasch, und es geschah in beiden Fällen aus den gleichen Gründen. Ein unerhörter Bruderhaß aber entzweite die Söhne. Neid, Furcht, Eifersucht mischten sich hinein. Es kam über sie wie eine Seuche. Caracalla haßte den Geta, und der Haß war gegenseitig. Geta wird uns sonst als gutartig geschildert; Caracalla war in jedem Fall der schlimmere. Schon beim Kinderspiel, bei den Hahnenkämpfen, als sie noch Knaben waren, brach die Wut los. Hernach, im großen Stadtleben Roms, bei den Wagenrennen und ähnlichen Anlässen, wurde der Zwist offenkundig und zum öffentlichen Skandal. Die Hauptstadt spaltete sich geradezu in zwei Faktionen. Jeder der Brüder hatte seine Gefolgschaft, ganze Banden, die sich bedrohten. Jeder fürchtete Mordanschläge des anderen. Hilflos sah Severus dem zu. Er mahnte und warnte; an die grausige Tragödie des Euripides erinnerte er die Söhne, wo Eteokles 60 und Polynikes, die Brüder, im Wechselmord sich töten und die Mutter jammernd über den Leichen der Söhne stirbt. Was halfen Ermahnungen? Sein Wort verhallte; aber Caracalla ging noch weiter. Der Vater war kränklich und so dumm tugendhaft! Warum starb er nicht? Wer seinen Bruder hassen kann, kann auch seinen Vater hassen. So fielen über das Lebensende des Severus die Schatten des Grauens. Wer mag der Schuld nachspüren, die an ihm haftete? Wer selbst heimtückisch war, soll auch Tücke ernten, und wer im Gewaltsamen lebt, wie er es tat, sät Drachenzähne, und das ungeahnt Schreckliche wächst daraus empor. Im Jahre 208 kam es noch einmal zum Krieg. Severus begab sich nach England. Im rauhen Bergland nördlich des Forth und Clyde, im heutigen Schottland, wohnten die freien Mäaten und Caledonen. Gegen sie hatte dort einst Hadrian den Hadrianswall errichtet; Antoninus Pius hatte den Wall noch verstärkt. Gleichwohl fielen die Barbaren verwüstend ins britische Land ein, dessen zunehmende Kultur sie lockte. In der Sänfte zog Severus, schwer gichtleidend, in diesen Krieg und drang wirklich tief in das schottische Hochland ein. Caracalla war mit ihm, während Geta als junger Statthalter in England zurückblieb. Die Mühen waren groß, aber auch der Sieg vollkommen. Einen Grenzwall mit festen Mauern und Kastellen ließ alsdann der Kaiser gegen Caledonien errichten; auch sonst wandte er der Insel seine letzte Fürsorge zu. Zahlreiche in England gefundene Inschriften geben davon Zeugnis. Ein schöner Erfolg war also auch jetzt errungen. Dem Caracalla aber riß die Geduld. Wollte der Vater denn ewig leben? Als Severus zur Friedensverhandlung den Feinden entgegenritt (er saß also doch noch ab und an zu Pferde), sprengte Caracalla plötzlich mit gezogenem Schwerte hinter ihm her, um ihn zu durchbohren. Nur das Geschrei des Gefolges verhinderte die scheußliche Tat. Mit welchem Ausdruck mögen da die Augen des Vaters und des Sohnes ineinander geruht haben? Auch der edle Papinian, damals Präfekt der Garde, 61 war bei dem Gespräch zugegen, als Severus dem Entarteten die Schandtat vorhielt: »Hier ist das Schwert«, sagte er; »töte mich jetzt noch, mein Sohn, wenn ich dir im Wege bin, oder hier ist Papinian; laß ihn mich töten, wenn deine Hand zittert.« Auch die Soldaten soll der Sohn damals gegen den Vater zum Aufstand aufgehetzt haben. Diese Anschläge mißlangen. Des Severus Schwäche aber nahm zu, und bald danach ist er in York (Eboracum) in England gestorben, 65 Jahre alt, nach einer 18jährigen Regierung, am 4. Februar 211. Laboremus war die letzte Losung, die er seiner Militärwache gab; »seid einig« das letzte Wort an seine Söhne. Man vermutet, daß Caracalla die Ärzte beredete, seinen Tod zu beschleunigen. Das war der erschütternd leidvolle Ausgang des Mannes, der, aus engen provinziellen Verhältnissen stammend, hochfahrend sich sein Kaisertum aus den Sternen holte. Nun ruhte er, und von ihm konnte das Wort gelten: Weg ist er über Wunsch und Furcht, gehört Nicht mehr den trüglich wankenden Planeten Schiller: Wallenstein, Vers 3427. . Er hätte nie geboren werden oder aber nie sterben sollen, so urteilte man nach seinem Tode. Das Wahlkaisertum, das sich seit Trajan so gut bewährt hatte, war von ihm bei Seite gesetzt; er wollte den Thron vererben, seinem eigenen Blut zu Liebe. In der Tat: hätte Severus Söhne und Enkel hinterlassen, die ihm glichen, eine neue Epoche hätte mit ihm begonnen und er stände als einer der ganz Großen in der Weltgeschichte da. Jetzt war er nichts als ein Meteor, das sprühend vom Himmel stürzt, um sich im Erdreich zu verlieren, eine ephemere Erscheinung, die auf seine Zeitgenossen den tiefsten Eindruck machte, aber die drohende Auflösung des Reichs nicht aufhalten konnte. Denn als seine Erben standen Caracalla und Geta, zwei ebenbürtige Kaiser da, die Brüder waren, aber sich tötlich haßten. Er war der Freund der Planeten. Denken wir noch einmal hieran zurück. Wenn Severus dem altmodischen Gott Jupiter auf dem Kapitol regelmäßig sein Opfer brachte Vgl. Herodian II, 14, 2: er opferte in allen Tempeln νόμῳ βασιλικῷ . , so folgte er 62 dem Herkommen, aber er wird zugleich dabei an den Planetenstern Jupiter gedacht haben, der für ihn auch Himmelsgott war und der als der freundlichste Glücksstern galt. Denn als Sterngötter waren nach dem Glauben der Astrologen die alten abgebrauchten Götter immer noch wirksam; sie hatten sich in den Sternen verjüngt. So aber ist des Severus Name noch in anderer Weise mit den Planeten verknüpft. Ich meine die Woche. Dieser Kaiser ist der Verkünder und vornehmste Prophet der Woche gewesen, und der Sieg der lieben Gewohnheit, über die heute kaum jemand nachdenkt, daß wir unser Jahr in Wochen teilen, wird allem Anschein nach für Westeuropa seinem mächtigen Einfluß verdankt. Denn die sieben Wochentage gehören den sieben Planeten. Der Römer hatte Festtage genug, die über das Jahr verteilt waren. Aber die gleichmäßige Zählung der sieben Tage, die 52 mal im Jahre wiederkehren, kannte er nicht. Von den Juden ging dies aus. Die Juden können sich dessen rühmen, daß sie zuerst die Zeit in Wochen teilten, mit dem Rasttag des Sabbat. Aber die Juden wußten dabei nichts von Planeten. Als die Juden sich in die Welt verstreuten, hat der griechische Orient ihnen dies abgelernt und die Sache alsbald mit den Planeten kombiniert. Schon in Neros Zeiten war diese Planetenwoche in Italien in Aufnahme gekommen Seneca bezeugt es bei Augustin, Civ. dei VI, 11. . Denn sie hatte nicht nur Frömmigkeitswert; jeder mußte einsehen, wie praktisch ihre Durchführung zugleich für Handel und Wandel und jeden Berufsbetrieb ist. Nun war also der Dienstag der Tag des Marsplaneten, der Mittwoch des Merkur, der Donnerstag des Jupiter, der Freitag der Venus, der Sonnabend des Saturn, der Sonntag der Sonne, der Montag des Mondes. Die septimana war fertig. Die Kaiserin Julia Domna war Orientalin; durch sie mag Severus dem zugeführt worden sein, und seine Phantasie, sagen wir besser, sein praktischer Verstand war dafür gewonnen. Auch war er ja selbst mit der Siebenzahl verwachsen; denn er 63 hieß Septimius, der Siebenmann, und Namen sind für Menschen seiner Art nie bedeutungslos In welchem Grade die Siebenzahl mit der Erinnerung an Septimius Severus verknüpft war, zeigt auch der merkwürdige Umstand, daß der Historiker Marius Maximus, der des Severus Leben schrieb, die Einzelbücher, in die diese Biographie zerfiel, libri septenarii nannte, d. h. jedes Buch war schematisch in sieben Abschnitte geteilt. Das ist ein Spiel mit Zahlen, ebenso äußerlich, wie Cassiodor das erste Buch seiner Institutiones in 33 Kapitel teilte, die den 33 Lebensjahren Jesu entsprechen sollten. . So hat er nun hoch auf dem Palatin, dem Palastberg Roms, den Circus maximus überragend, das ganz einzigartige Haus der sieben Wochengötter erbaut, es ist das Septizodium Der Name Septizonium ist eine Verballhornung des Wortes, die früh eintrat und sich daraus erklärt, daß » zone « u. a. den Himmelsgürtel, in dem sich die Planeten bewegen, bedeutet hat. Zur Orthographie vgl. Dessau, Inscriptiones sel. n.  5076; Commodian, Instuitut. I, 7 u. W. Schmitz, Archiv f. Lex. VII, S. 272. , eine großmächtige, mit sprudelndem Wasserwerk geschmückte Steinkulisse, deren Mauerreste die Archäologen noch heute studieren und deren Bedeutung der Kaiser ohne Frage durch Bildwerke und Inschrift seinem Publikum deutlich machte. Weithin verkündete der Bau dem Wanderer, der von der Appischen Straße her in Rom einzog, daß fortan die Woche, die sich nach den Wandersternen einteilt, unser Leben und Treiben beherrschen und ordnen soll, ein wohltätig ebenmäßiger Pulsschlag der Zeit, der, wie der Wechsel von Tag und Nacht und von Ebbe und Flut, den pausenlos nervös hastenden Menschengeist beruhigt. In der Tat sind die Spuren der Verehrung der zusammengruppierten sieben Tagesgötter auch sonst, und zwar just seit der Zeit des Septimius Severus, auf den Monumenten Westeuropas nachweisbar. Das Leben wurde gleichsam modern. Und auch die christliche Kirche griff zu; sie hat nicht die jüdischen Woche, sie hat vielmehr die Planetenwoche übernommen. Durch die heidnischen Götternamen haben sich ihre Heiligen nicht stören lassen. 65     Die syrischen Kaiserinnen und die Christen Septimius Severus hatte für sich und sein Haus das Weltreich erobert, in den Provinzen herrisch geschaltet, die großen Stadtgemeinden bald belohnt, bald gestraft. Die Volksmasse selbst erscheint dabei wie ein Objekt, das unterschiedslos alles hinnimmt. Daß es im Reich noch eine aufstrebende zweite Weltmacht gab, davon spürt der nichts, der den Dio und ähnliche Geschichtserzähler liest, und doch war es so. Die Verkündung Christi gedieh. Längst waren allerorts, von Syrien bis Spanien und Marokko, die in sich geschlossenen christlichen Gemeinden erstarkt; sie saßen in den Städten. Dem, der Staatengeschichte treibt, erwächst die Pflicht, auch nach den Religionen zu fragen. Denn hier war eine Religion, die selbst einen Staat erzeugte; sie trug den Harnisch der Kirche. Der Angriff der Christusgläubigen auf die irdisch sündige Welt, der Kampf Gottes gegen die Götter hatte längst eingesetzt. Der Kaiser mußte in seiner Eigenschaft als Pontifex maximus , der das Religionswesen leitete und konzessionierte, endlich selbst in diesen Kampf hineingezogen werden. Die neue Lehre von der Vergesellschaftung der Frommen war wie eine Sintflut; wie Grundwasser stieg sie meergleich von unten empor – denn zunächst wurden vor allem die unteren Volksschichten gewonnen – und drohte allmählich die höchsten Spitzen der Gesellschaft zu überschwemmen, zu verschlingen. Ein jeder mag nach seiner Fasson selig werden, das war der Grundsatz der Alten. Eine Fülle von Göttern, von Kulten gab es; sie waren ursprünglich Nationalgötter, Lokalgötter gewesen; das Leben selbst hatte sie erzeugt, und sie alle duldeten einander neidlos. Für die Aufklärung aber waren sie jetzt schon halbwegs zur Fabel, zur Allegorie geworden; in diesem Sinne las man seinen Homer und Vergil. Die Kultbilder, die in den Tempeln standen, waren vielfach 600, 700 Jahre alt; sie wurden ausgebessert, neu lackiert; aber sie waren wie verstäubt und altersmorsch Vgl. De materiis vetustissimis bei Ammianus Marcellinus, 22, 13, 3. , und man hatte sich gleichsam an ihnen müde gebetet. Nur Aesculapius, der Arztgott, kam bei dankbaren Verehrern jetzt mehr und mehr zur Aufnahme; er war der Heilende, der 67 Heiland auch für die Seelen. Anregender aber war es, daß der Orient ganz neue Götter brachte, internationalen Charakters, deren Dienst mit klingendem Zauber und aufregendem Geheimnis umgeben war: erst Isis. dann Serapis, Mithras. Die fanden ungeheuren Zulauf; die Welt wurde ein großer religiöser Jahrmarkt mit frommen Schaubuden, die konkurrierten. Die Isis zog vielleicht am meisten; sie war schon längst die größte Attraktion. Kaiser Caracalla war es, der ihren Dienst endlich auch unter die Staatsreligionen mit aufnahm, derselbe Kaiser, der auch dem Serapis auf dem Quirinal den prachtreichen Tempeln baute. Aber ganz anders als diese drei Götter trat Christus auf. Nicht durch prunkenden Kult, er wirkte durch das Wort, die Predigt, die Agitation, die furchtlos von Stadt zu Stadt, von Gasse zu Gasse getragen wurde. Man wußte, daß Christus selbst die Mission, die Weltbekehrung befohlen hatte: wer Ohren hat zu hören, der höre! Eine planvoll umfassende Propaganda; nur Buddha, nur Mohamed haben ein Gleiches mit gleichem Erfolg getan. Verstreute Judenschaften gab es schon an allen Plätzen; an die Judenschaften knüpften die Sendlinge aus Palästina an. Das herrliche Straßenwesen des Weltreichs erleichterte ihnen das Reisen und Wandern unendlich. Der Staat gab zunächst nicht acht. Da er die im Grunde doch ungefährlichen Judenviertel gewähren ließ, ja mit gewissen Privilegien abfand, wurde den Christen dasselbe zuteil. Hiergegen waren die anderen Religionen wehrlos. Sie hatten keine Agitationspredigt, keine Organisation, die auf Eroberung ausging. Selbst Isis war tolerant, und wer ihre Weihen nahm, durfte auch zu Jupiter, zu jedem anderen Gott beten. Der Christengott nahm sich aus dem alten Testament die Losung: »Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.« Dieser zornig ungestüme Monotheismus hat gewiß mächtigen Eindruck gemacht. Eine große innere Logik war in ihm: auf der Erde herrschte nur ein Monarch, der Kaiser; wie soll es im Himmel 68 anders sein? Diesen Analogieschluß zieht Cyprian, Quod idola dii non sint , c. 8. Weg mit der plan- und sinnlosen Vielgötterei! Ein Wille waltet, wie im Himmel, so auf Erden. War es dies, was die Menschheit so rasch gewann? was die Seelen der Vielen packte? oder war es das andere, wovon das Gebet spricht: »und vergib uns unsere Schuld und erlöse uns von dem Übel«? Das Sündengefühl war in den Völkern längst wach geworden und die angstvolle Gewißheit, daß es im Jenseits einst Lohn und Strafe gibt. Aber auch die Mysterien der Isis, auch die des Mithras verhießen Gnade und ewige Erlösung. Es kam hier wie dort nur auf den Glauben an. Warum glaubte man Christus mehr? Gewiß, er predigte Nächstenliebe und Ernstmachen mit der Tugend. Aber die christliche Tugendlehre war im Grunde keine andere als die längst von den Griechen in allen Schulen verkündete. Was schließlich wirklich den Sieg gab, das war der straffe Zusammenschluß, die Gemeindebildung. Vergegenwärtigen wir uns das damalige Leben und was ihm Inhalt gab. Zur Zeit der freien Demokratie eines Perikles oder der Gracchen, damals wäre eine religiöse Massenbewegung und Propaganda undenkbar gewesen. Das Volk war ausreichend anderweitig beschäftigt; es erschöpfte sich völlig im Staatsleben, im Klassenkampf, in der Bürgerpflicht, die jeden heranzog und den ganzen Menschen brauchte. Seit die römischen Kaiser Orient und Okzident beherrschten, war nun aber in allen Städten, in Ephesus, Chessalonich, Athen usf. die demokratische Selbstverwaltung als staatsgefährlich unterdrückt worden. Nur ein enger Rat vornehmer Leute besorgte die Stadtgeschäfte, genau dem hochadligen Senat entsprechend, der in Rom tagte. Wohin immer die Christusboten kamen, fanden sie also das Stadtvolk müßig; es hatte nichts als das bißchen Theater, Musik, das Turnen mit seinen lumpigen Ehrenpreisen. Auch alle Klubbildung war verboten. Aber heimlich bildeten sich trotzdem die christlichen Gemeinden; sie umgingen das Verbot; und da hatte endlich die Menge, in der eine Fülle von Begabung und Tatkraft schlief und die nach Betätigung hungerte, ein Feld gewonnen, sich zu regen. Die 69 gähnende Leere des Lebens war ausgefüllt; denn die Gemeinden waren zunächst durchaus demokratisch konstituiert; jedes Mitglied konnte sich tätig rühren, mit abstimmen, mit vorbeten, sich selbst hinstellen und zungenreden. Es war beglückend, wie ein Geschenk von oben; es hatte etwas unwiderstehlich Lockendes. Endlich kam Regung, ja Erregung in die Öde des verkümmerten Volkslebens. Einst war die Demokratie patriotisch und kämpfte todesmutig gegen Persien und jeden Landesfeind; jetzt war sie christlich und kämpfte gegen die Welt und ihre Dämonen: Christus das Panier. Aber die Gemeinde leistete mehr; sie wirkte mit praktischen sozialen Mitteln; sie schuf die soziale Selbsthilfe, da die Reichsregierung nicht half. Das griechische Genossenschaftswesen war dafür ein Vorbild: Armenversorgung, Krankenpflege, Altersversorgung, Begräbniswesen. Die Gemeindediener oder Diakonen gingen von Haus zu Haus und sahen nach den Kranken, nahmen Register der Hilfsbedürftigen auf; die verarmten Witwen wurden als Pflegerinnen angestellt und sahen sich selbst dadurch versorgt; der Bischof oder Episkopus, d. h. der Gemeindeaufseher, verwaltete die Gemeindekasse und vergab die Unterstützungen. Auf dem Altar des Betraumes wurden die einlaufenden Almosen niedergelegt und der Spender ermutigt durch die Verkündigung, daß der Lohn im Himmel nicht ausbleibe. Ein Gemeindeglied stirbt; die Gemeinde selbst als Begräbnisgenossenschaft sorgt für die Bestattung. Die Wohltätigkeit war bei den sog. Heiden zum mindesten ebenso groß; man gab auch da mit vollen Händen; aber es geschah nur aus Menschenfreundlichkeit, ohne an einen Lohn im Himmel zu denken Vgl. meine Römische Kulturgeschichte, 3. Aufl., S. 151 f. . Das junge Christentum organisierte das Wohltun; die »Charitas« wurde zum Kampfmittel. »Seht, wie wir uns untereinander lieben!« so hieß es da. Wer aber nicht Christ war, dem wurde Hilfe zunächst nicht gewährt; die Hilfe war streng exklusiv. Sie war ein Zugmittel. Wer beitrat, konnte auf sie hoffen. Und auch der Kampf der neuen Lehre gegen die Brandopfer, 70 den Opferdampf, hat gewiß ganz überzeugend gewirkt, auch aus ökonomischen Gründen. Schon Seneca und ebenso Apollonius von Tyana lehrten ja damals, daß Gott, der überirdische, solche Opfer nicht wolle und brauche; und wie kostspielig waren sie! Längst suchten die Frommen sie irgendwie zu umgehen oder zu schmälern; wir lesen, daß man den Göttern oft schlechtere, räudige Tiere schlachtete und für sie vom gesunden Vieh nur die ungenießbaren Teile, Köpfe und Klauen, abschnitt; gelobte man dem Handelsgott Hercules den Zehnten des Geschäftsgewinns, so wurde von dem Zehnten in Wirklichkeit oft genug nur der dritte Teil auf den Altar gelegt Tertullian, Apolog. c. 14. . Die neue Lehre untersagte solchen Aufwand. Das Geld kam der Gemeinde zugute. In diesen Gemeinden selbst aber, die überall sich glichen (denn sie standen alle miteinander im Austausch und Zusammenhang wie ein Netz, das über die Welt geworfen ist), in ihnen lebte ein gläubiger Drang nach Kampf, nach Sieg, nach Weltüberwindung, der sich auf die Verheißung gründete. Es war zugleich ein Geist der Wundersucht, der Exaltation. Die Evangelien, durch die heute Christus auf uns wirkt und sich der Herzen immer neu bemächtigt, waren noch gar nicht da Daß das Urevangelium, das man ansetzt, weite Verbreitung hatte, ist kaum zu erweisen. , immer noch lebendig aber die Stimmungen aus jener Zeit der Urgemeinde, als noch beim Pfingstwunder die Flammen sich auf die Häupter der Jünger niederließen; es gab immer noch christliche Wundertäter, die sich insbesondere auf die Dämonen verstanden: bei Nennung von Jesu Namen fuhr allemal der Teufel aus dem Besessenen, und es wird uns versichert, die Heiden konnten solch Wunder nicht verrichten. Auch mit solchem Spuk glaubte man für Christus zu werben. Man muß die flackernd entzündbare, ekstatische Seele des Südländers kennen, um das zu verstehen. Ein schöneres Wunder dagegen war die sittliche Reinheit im Gemeindeleben. Jene erste Zeit des Christentums, die noch tief bis in das 2. Jahrhundert reicht, steht durch sie wie verklärt da und wie von einem Nimbus umschimmert. Es war die kurze 71 Idealzeit praktischer Jesusliebe, der Verwirklichung der göttlichen Forderungen Jesu und seiner Sendboten, die einzige Idealzeit, die die Menschheit – oder doch ein Ausschnitt der Menschheit – erlebt hat und nach der wir uns umsonst zurücksehnen: Heiligung des Lebens vor allem im keuschen Wandel; paradiesische Harmonie, eine Gemeinde der Heiligen. Auch die außenstehenden Weltleute wie Plinius sehen mit Staunen die makellose Sauberkeit dieser seltsamen Leute. Aber es war ein Gutsein mit Furcht und Zittern. Die Angst vor dem jüngsten Tage stand wie mit Peitschenhieben dahinter. Christus selbst hatte ja den Tag als nahe verkündet, wo er kommen werde zu richten die Lebendigen und die Toten; so sprach auch Paulus zu den Philosophen in Athen von ihm nur als dem zukünftigen Richter. Furchtbar nahe glaubte man den Schlußakt wirklich, wo Himmel und Erde für immer ineinander stürzen und die Sterne erlöschen, die Posaune bläst und die Gebeine der Toten klappernd in den Grüften sich regen. Tertullian schildert es uns gläubig visionär mit Grausen: die Wiederkehr des Herrn. Er wird dich prüfen: keiner betrügt ihn. Wohl dem, den er nicht sündhaft findet. Schon aber begannen die Konflikte mit dem Staat; die ersten Glaubensopfer fielen. Es konnte nicht anders sein. Ein Geheimhalten war nicht durchführbar: allein schon, wenn der Christ über die Straße ging, sah er rechts und links Götterbilder an den Wegscheiden, auf den Märkten; wenn er zu Schiff fuhr, war auch da das Bild des Castor und Pollux oder der Isis, ihr als Patronin geweiht; es mußte auffallen, wenn er das Zeichen der Adoration Über collegia s. Digesten III, 4 und XLVII, 22; coetus illiciti XLVII, 11, 2. nie machte. Genossenschaften, die sich selbst besoldete Beamte hielten, waren immer noch untersagt; der Betrieb einer christlichen Genossenschaft oder Gemeinde wurde um das Jahr 111 in Kleinasien aufgedeckt, die Teilnehmer mit dem Tode bestraft. Aber der Kaiser Trajan machte sich klar, daß eine Durchführung solchen Strafverfahrens allerorten unmöglich sei; die Sekte der Gottlosen war schon zu verbreitet. Darum befahl er den Statthaltern möglichstes Nichtbeachten; nur in akuten Fällen sollte zugegriffen werden. Und das ist lange 72 Zeit die Richtschnur der Regierung geblieben. Eben damals fiel auch der römische Bischof Ignatius als Märtyrer; im Jahre 156 Polykarp, der Bischof von Smyrna, der sich übrigens nicht sehr tapfer zeigte Das sacrilegos ad bestias steht Digest. 48, 13, 7, mit dem Zusatz: sed moderanda poena est . . Bekennernaturen, die sich nicht zurückhalten konnten, gab es zu allen Zeiten; auch ließen sich Anlässe nicht umgehen, wo für den Kaiser die göttliche Verehrung Über das Schwören beim princeps s. Digesten XII, 2, 13  fin . , für die Staatsgötter das Opfer gefordert wurde. Wer es verweigerte, war gottlos, war Atheist, war des Todes. Das Sterbenlassen in Massen war in jenen Zeiten nichts Besonderes; schon Septimius Severus hat uns das gezeigt; es betraf die politischen Widersacher. Warum sollten nicht auch die Christen sterben? Und sie taten es gern. Ihre Seelen drängten sich danach. Der Himmel stand den Bekennern offen. Die Engel neigten sich zu ihnen. Glorie umgab sie. Und die Wirkung? »Die Verfolgung wirkt nur als Lockspeise für unsere Sekte; wir werden um so zahlreicher, je mehr man uns hinmäht. Das Blut der Christen ist fruchtbarer Samen,« so lautet eine der exaltierten Stimmen aus jenen Zeiten Tertullian, Apolog. 30. . In Wirklichkeit hat es im Reich eine planvolle Verfolgung der Christenheit in den ersten 200 Jahren nicht gegeben; nur an einzelnen Orten, wo das Volk sich durch die Christen, die sich spröde abschlossen, provoziert glaubte, wurden Hetzen gemacht; dieser oder jener Statthalter griff dann einmal zu. Es waren immer nur durchaus lokale Erscheinungen Das gilt z. B. auch von der Hinrichtung des Justin in Rom, wobei Junius Rusticus, der nächste Vertraute Kaiser Mark Aurels, das Urteil sprach. , und die Zahl der Opfer keineswegs sehr groß, wenn wir die Massentötungen, die sonst geschahen und von denen ich sprach, vergleichen. Aber die Christen selbst erhoben laut wehklagend und anklagend ihre Stimme, feierten die Namen der Gerichteten, und so wurden in der Tat auch die Märtyrer zu Werbern für die Christensache. Blut war geflossen. Die Kampfesfreudigkeit wuchs: »Christus unser Kaiser und König!« Und nun geschah das Größte. Eine christliche Literatur entstand. Die Evangelien wurden ausgegeben. Paulus' Briefe waren zu tiefsinnig gelehrt und zu individuell und können auf die breitere Masse nicht gewirkt haben. Jetzt stand Christi 73 Lebensbild mit seinen Wundern, seinen Worten in echt volkstümlicher, rührend schlichter Erzählung vor aller Augen; Lazaruserweckung; Seligpreisung; »Vater vergib ihnen«. Vor allem aber wirkten auf jene wundersüchtige Zeit die Geburtsgeschichte, die Verklärung, Auferstehung und Himmelfahrt. Das war etwas so völlig Neues, daß es jeden, der offene Sinne hatte, ans Herz fassen mußte. Was hatte denn auch das klassische Literaturleben damals noch Großes zu bieten? Die olympischen Götter, die sieben Weisen, die Tugend des Sokrates waren abgesungene Themen seit nun bald acht Jahrhunderten; man konnte nicht immer wieder über dasselbe schreiben, und tat man es doch, so wirkte es wie aufgewärmte Speisen, unfrisch und verwässert. War der Überdruß nicht begreiflich? Die Leerheit des Literaturmarktes war groß Ich will allerdings den Maximus Tyrius nicht unerwähnt lassen und seine in frischem und lebhaftem Ton gehaltenen Betrachtungen oder Predigten, die er in Rom vortrug; er war Nichtchrist, Platoniker und redete u. a. über die Pflicht der Nächstenliebe, die mehr wert ist als Geld und Gut und Ehre, an die sich nur zu leicht Neid und Hader knüpft. Aber es scheint nicht, daß seine Stimme weit reichte, und er ist in seiner Art eine ganz vereinzelte Gestalt. . Hier war frische Seelenspeise; auch den Übersättigten konnte sie locken. Das Alte Testament, die Bücher Mosis, die Psalmen, die Propheten traten hinzu, die man griechisch, ja, bald auch lateinisch in Übersetzung las, und alles hing nun sinnvoll zusammen; ein Heilsplan war damit aufgedeckt, von Adam bis zur Gegenwart; die ganze Geschichte der Menschheit erhielt so, schien es, erst jetzt Zweck und Sinn: eine Geschlossenheit im Denken, die sonst so fehlte. Verheißung und Erfüllung: was gab es Schöneres? Die Wissenschaft der Griechen drückte sich über diese höchsten Fragen immer nur mit Vorsicht aus. Wozu die Vorsicht? Man wollte keine Skepsis. Je bestimmter eine Lehre, je wahrer. Was deutlich im Buche steht, galt als bezeugt, und daran war nicht zu rühren. Das »so stehet geschrieben« genügte. Glaubet nur, und ihr seid beglückt! Und schon kamen Bekehrte von allen Seiten, die die Feder ansetzten und Verteidigungsschriften schrieben, die z. T. an die Majestät des Kaisers, Hadrian oder Mark Aurel, selbst gerichtet sind: Quadratus um das Jahr 125, Aristides um 140, Justin um 150, Athenagoras um 180, Männer, die großenteils sogenannte Philosophen gewesen waren. Justin hatte ganz nur in Platos hochgeistiger Ideenwelt gelebt; da kommt er nach 74 Ephesus, und am Meeresstrand spricht ein ehrwürdiger Greis ihn an, redet ihm von Gott und Ewigkeit, bringt ihn zum schmerzlichen Eingeständnis der Unbestimmtheit seiner Vorstellungen, um ihn endlich auf die heilige Schrift zu weisen: lies und du wirst Gott schauen. So ging es. Sein Herz war gewonnen. Endlich ist auch schon vor dem Jahre 150 das erste Glaubensbekenntnis aufgesetzt worden. Es geschah im Kampf gegen die Sektenbildung der Häretiker. Die Gestalt Christi und seine mystische Beziehung zum Vater mußte die erregte Phantasie zu den verschiedensten Gedankengängen verlocken; die verschiedensten Lehren trug man vor; es bildeten sich danach Gruppen oder Sekten. Die Einheit der Propaganda war dadurch schon gefährdet. So entstand damals das berühmte Apostolikum, und zwar in Rom, und mit ihm entstand die Orthodoxie. Es wurde das unverrückbar feste Konsol für die allein wahre Heilslehre der Einheitskirche in alle Zukunft. »Katholisch« nannte sich, wer an ihrer Einheit festhielt. Also eine »Kirche«. In der Tat kann man jetzt auch schon von einer Kirche sprechen, und Rom als Welthauptstadt nimmt schon in ihr die Führung. Der Kaiser in Rom sah es und mußte die Stoßkraft ahnen, die ihr innewohnte; aber er wahrte auch jetzt noch große Zurückhaltung. Unter Septimius Severus geschah das Martyrium der Perpetua und Felicitas in Karthago (im Jahre 203); Karthago, die Stadt der Himmelskönigin Juno, der Juno caelestis , hatte damit seine ersten heiligen Frauen, die sich der Juno zum Trotz den Himmel gewannen. Aber der Kaiser selbst hatte mit dem Handel nichts zu tun, und solche Prozesse treten verschwindend zurück in der allgemeinen Duldung jener Zeiten. Übrigens war auch die Kirche vorsichtig und vermied den Zusammenstoß sorglich und klug. Bei den Bürgerkriegen zwischen Kaiser und Gegenkaiser hielt sie sich grundsätzlich neutral Vgl. Tertullian, Apolog. 35; ad Scapulam 2. . Das Wichtigste aber war die Militärfrage. Kann ein Christ Soldat sein? Unmöglich. Der Soldat muß 75 die Fahne, die Legionsfeldzeichen selbst wie Götzen verehren; er muß den Kaisereid leisten und dabei der Gottheit des Kaisers huldigen; er muß beim Siege das Ehrenzeichen des Kranzes tragen, und auf das Kranztragen sahen die Gläubigen mit besonders finsteren Blicken, als wäre er das Sinnbild alles Lasters. Aber die Herren Bischöfe zogen nicht diese Folgerung. Der Kaiser konnte die Soldaten nicht entbehren; seine Herrschaft beruhte auf dem Militärstand, und Drückerei vom Heeresdienst würde die strengste Ahndung finden. Aber auch für die christliche Politik war der Bestand des Kaisertums und des Heeres wichtig Vgl. Keim, Rom und das Christentum, S. 346. ; denn sobald das weite Reich in getrennte Länder auseinanderfiel, war auch der Zusammenhang der Gemeinden zerrissen. Auf der Einheit des Reiches gründete sich alle Hoffnung auf weitere Ausdehnung und dauernden Zusammenhalt. Man mußte dem Kaiser seine Soldaten geben. Allerdings war der Dienst Befleckung; aber die Kirche hatte schon damals die geistlichen Mittel, das Gewissen der Sünder zu entlasten und zu reinigen. Man konnte z. B. den Akt der Taufe verschieben. Kindertaufe gab es noch nicht. Es gab das Institut der provisorischen Christen Katecheten. , die zur Kirche hielten, ohne getauft zu sein. So standen denn wirklich Christen nachweislich massenhaft im Heere Vgl. Harnack, Die Mission und die Ausbreitung des Christentums, 3. Aufl., I, S. 295 ff. und Militia Christi , Tübingen 1905. , wie auch im Personal der tausendköpfigen Hofbedienung; aber sie unterdrückten dabei ihr Bekenntnis. Es ist interessant, auf die Soldateninschriften zu achten; denn während wir tausende solcher Inschriften haben, wo Soldaten an Mars, Silvanus oder andere Götter Weihungen vollziehen, gibt es aus jenen Zeiten meines Wissens eine einzige Soldateninschrift, die Christus nennt oder wo ein Christ sich als solcher kenntlich macht. Man machte im Militärdienst von seinem Glauben keinen Gebrauch Nur so erklärt sich auch, daß Celsus in seiner Schrift gegen die Christen im Widerspruch mit allen Tatsachen den Christen vorwarf, daß sie keine Soldaten stellen. . Es war ein Scheinfriede. Noch war das Kaisertum nicht bedroht und völlig Herr der Lage, die christliche Sekte nur geduldet, gewiß. Aber die Bischöfe waren wach; sie waren keine Fremdlinge mehr auf Erden; ihre Agitation unterwühlte 76 die Oberfläche möglichst geräuschlos, und wer nicht sonderlich acht gab, sah es nicht. Sie hatten nicht nur Mut, sondern auch ein wachsendes Gefühl der Stärke; denn ihre Gemeinden, die schon Bauterrain aufkauften, schon als Grundbesitzer dastanden, fühlten sich als geschlossener Staat im Staate und waren zudem viel straffer organisiert als das Gesamtreich, das sie umschloß: ein gefräßiger Parasit im Reichskörper. Auch war das demokratische Prinzip in der Kirche nunmehr abgeschafft, ja, auch den Gemeindeältesten oder Presbytern der maßgebende Einfluß entzogen; vielmehr herrschte jetzt der Bischof allein wie ein Monarch, machtbegabt und als willensstarker Hirt über seine Herde. Was würde nun geschehen? Die Majestäten auf dem Thron wechselten schnell, und jeder von ihnen hatte andere religiöse Interessen. Septimius Severus war sternengläubig; er hatte außerdem den Dienst der Juno caelestis aus Karthago in Rom eingeführt. Warum sollte nicht auch einmal Christus, der Herr, einen seiner Nachfolger erleuchten? Celsus warf den Christen vor, daß sie darauf hofften; s. Keim, S. 412 u. 418. Am Hofe waren die kaiserlichen Frauen mächtig; ließ sich nicht vielleicht ihr Herz gewinnen? »Zu uns komme dein Reich«, stand im Gebet des Herrn. Sollte das kein Reich auf Erden werden? Gewiß hat sich damals noch keiner ausmalen können, was davon die Wirkung gewesen wäre, katastrophal wie ein Ätnaausbruch; das ganze reiche Heidentum, der bunte Olymp selbst mit seinen aberhundert Göttern würde plötzlich versinken, verschüttet und begraben unter dem grenzenlosen Einerlei des uniformierten Glaubens. Denn auf dem Panier Christi stand eben nicht nur Nächstenliebe, sondern auch radikalster Götterhaß. Man nannte das Atheismus Keim, S. 379. . Aber die Geschichte ging anders. Der große Severus war tot (i. J. 211). Ein Vierteljahrhundert bestand danach noch seine Dynastie; in 24 Jahren hatte sie schon abgewirtschaftet; aber diese Jahre waren merkwürdig genug; der Hof bei aller Trivialität religiös und gottsuchend wie nie, unter der Führung der semitischen Frauen; aber er holte aus dem Orient andere, prunkvoll exotisch fremdartige Kulte. Es gab immer noch nicht 77 genug Götter in Rom, man nannte das Pantheismus. Rom war die Allgötterstadt und rühmte sich dessen (so wie Rom heute die Allerheiligenstadt ist, da es keinen Heiligen gibt, der dort nicht seinen Altar oder seine Gebetecke hätte). Es war damals der Gipfel der Orientalisierung Roms ohne Christus. Auf Severus folgte Kaiser Caracalla , der sich eigentlich Antoninus nannte; sein Bruder Geta war Nebenkaiser. Julia Domna aber, die Mutter, führte die eigentlichen Geschäfte; aber auch deren Schwester Julia Mäsa lebte am Hofe mit ihren beiden Töchtern Julia Soämias und Julia Mamäa , die an hohe Beamte und Geldleute orientalischer Herkunft verheiratet waren: vier betriebsame üppige Weiber, gewohnt, Blut zu sehen, mit Militärrevolten zu rechnen, Intriguen zu spinnen. Julia Domna und Mäsa waren Töchter des Julius Basianus, des Hohenpriesters des Sonnengottes zu Emesa, aus angesehenem Priesterhaus und schwer reich. Wie phantastisch großartig klingt nicht Caracallas Name für jeden, der in Rom war! Die Caracalla-Thermen sind's, die nach ihm heißen, das Non plus ultra der Baukunst. So lange davon die fabelhaften Ruinen stehen, wird sein Name unvergänglich sein. In Wirklichkeit war kein Mensch so wert der Vergessenheit wie er, und die Feder sträubt sich, von ihm zu erzählen. Wir können kurz sein. Beide Kaiser, Caracalla und Geta, die Brüder, saßen im Jahre 211 in Rom. Jeder von ihnen hatte seine Kaisergarde, jeder seinen Hof, seine Leibwächter; sie sahen sich nie ohne starke mititärische Bedeckung. Wie Todfeinde belauerten sie sich: welcher von beiden würde den anderen erledigen? Die Hauptstadt war wie in zwei feindliche Heerlager zerspalten. Die Raufereien rissen nicht ab. Geta war vorsichtig. Eines Tages aber gelang es doch, ihn zu fangen. Bei seiner Mutter glaubte er sich sicher. Er kam zu ihr. Der ersehnte Augenblick war da. Die Mordknechte Caracallas fielen über ihn her. In den Armen der Kaiserin Mutter verendete Geta; er floh wie ein Kind in ihren Schoß. Sie selbst war mit Blut überströmt, 78 ja, auch selbst durch einen Hieb verletzt. Sie wollte aufschreien, aber Caracalla stand herrisch vor ihr und zwang die Mutter zu lächeln. Einst war dieser Mensch so verzärtelt gewesen, daß er es nicht ertrug mit anzusehen, wie man einen Judenknaben schlug. Damals war er sieben Jahre. Jetzt überbot er Commodus (und Nero) an Scheußlichkeit. Sein Mischblut verriet sich; syrisch war seine feige Hinterlist, afrikanisch seine Wildheit. Man hätte ihn wie eine Bestie in den Käfig sperren sollen. Nun war er auf die Welt losgelassen. Ihn selbst sicherten seine Sygambrer, blonde germanische Riesenkerle, ohne die er nicht ausging, und er griff weiter um sich wie toll: Papinian, der große Jurist, der Stolz Roms, war eins der ersten Opfer seines Hasses; Plautilla, seine Gattin, folgte. Aber auch alle Anhänger Getas fielen in ihr Blut, sogar eine Tochter des ehrwürdigen Mark Aurel, Cornificia, die damals noch lebte. Es ging in die Tausende. Was waren die Christenverfolgungen gegen diese Schlächtereien? Die Mutter faßte sich. Sie litt, aber sie überwand sich und hielt im Sinne des Severus die Reichsverwaltung fest in ihrer Frauenhand Dabei heißt sie πανοῦργος : Dio 77, 10, 2. . Das Reich und die großen Völkermassen hatten es keineswegs schlecht; denn die Reichsinstitutionen waren zu fest gegründet. Auch die Finanz suchte Julia Domna zu sichern. Es ist auffallend, daß sie damals neues Geld mit verschlechtertem Metall in Umlauf brachte; aber die Kaufkraft blieb dieselbe. Mangel an Edelmetall muß für solche Maßnahmen die Ursache gewesen sein. Aber noch etwas anderes tat die Kaiserin; es war ein weltgeschichtlicher Akt: die Verleihung des römischen Bürgerrechts an das Gesamtreich. Der Zug der Zeit ging längst dahin, dieses gleiche Reichsbürgerrecht zu schaffen, und schon Severus hatte das mutmaßlich geplant. Jetzt waren rechtlich alle im Reich Landsleute, der Spanier mit dem Ägypter, der Engländer mit dem Kleinasiaten. Man denke, was das besagen will! Den Vorteil hatte zunächst die Reichsfinanz: alle Besitzenden in der weiten Welt zahlten endlich in den Fiskus die gleiche 79 Steuer. Aber auch das Recht. das Zivilrecht, das die großen Juristen, Papinian und seine Nachfolger ausbauten, kam nun gleichfalls allen zugute und war nicht mehr ein Sonderrecht der Bevorzugten, sondern Weltrecht, Menschenrecht und sollte es bleiben bis in ferne Jahrhunderte. Caracalla aber spielte Soldat, lebte in der Kaserne und hielt den Kopf schief, weil dies Alexander der Große auch so gemacht hatte. Der Geist Alexanders des Großen spukte damals in der Welt, und das geschah nicht von ungefähr. Denn die Monarchie Alexanders galt als Vorbild; sie war gerade so Militärmonarchie gewesen wie jetzt die des Severus und Caracalla. Alexander stand geradezu aus dem Grabe auf. Man glaubte an Geisterspuk, und es gab Leute, die hatten seinen Geist wirklich leibhaftig auferstanden in Macedonien wandeln gesehen Man vergleiche damit das Gespenst, den Dämon, der in Anlaß von Caracallas Ermordung erschien; er führte einen Esel mit sich und wandelte so zum Kapitol, zum Palatin und weiter, und man hörte ihn deutlich sagen: »Der Kaiser ist tot; jetzt herrscht Jupiter wieder«; dann wandte er sich nach Capua und wurde nicht mehr gesehen; Dio 78, 7. . Caracalla schwärmte für ihn bis zur Verrücktheit; einen Truppenteil staffierte er geradezu ihm zu Ehren mit den alten macedonischen Waffen aus. Caracalla Caracalla. Nach Photographie. Staatl. Museen, Berlin; Skulpturenabt. 384. Eine meisterhafte Büste des Unholds steht in Neapel. Da sehen wir ihn, den krausen Wollkopf, mit der wilden Grimasse, drohenden Stirnfalten, hämisch gezogenen Mundwinkeln und dem bös verschatteten Blick. Warum hieß er im Volksmund Caracalla? Das Wort bedeutete den Mantel mit Kapuze, ein gallisches Kleidungsstück. So wie man in Italien längst die gallische Hose ( braca ) trug, so führte der Herr dort jetzt auch diesen Mantel ein. Er war in Lyon geboren und jetzt 35 Jahre alt. Er ist ein Sohn des Feldlagers und denkt, er muß Krieg führen, an der deutschen Grenze, dann im unteren Donaugebiet. Aber es war nur Bluff. Er war frechschnauzig, aber feige; es kam zu keiner Schlacht; er zuckte zurück. Denkwürdig ist nur, daß ihm damals auf der Balkanhalbinsel auch Goten entgegentraten. Da tauchen zum ersten Mal die Goten in der Geschichte auf Vita 10, 6. . Er betritt Kleinasien; da bringt er Opfer am uralten Leichenhügel des Achill; denn Alexander der Große hatte das auch getan. Er residiert in Nikomedien; von da schickt er 80 Mordbefehle nach Rom und weiter. Endlich nähert er sich Alexandrien mit seinem Heer. Das war die Stadt Alexanders des Großen; aber er haßt sie; die Alexandriner hatten gewagt, ihn als den Affen Alexanders zu verspotten, vielleicht auch auf sein semitisches Blut angespielt; denn nirgends war der Antisemitismus wilder als dort Wenn Dio 77, 22 sagt, daß der Spott der Alexandriner sich auf Verschiedenes bezog ( ἐπί τε τοῖς ἄλλοις καὶ οὐχ ἥκιστα κτλ. ), so läßt sich eben dies vermuten; es lag zu nahe; auch Alexander Severus wurde ja späterhin von ihnen verhöhnt, indem sie ihn Syrum archisynagogum nannten (Vita des Alexander Severus 28, 7). Daß Caracalla Philosemit war, liegt auf der Hand; s. Bihlmeyer, Die syrischen Kaiser, 1916, S. 31 f. . Erst tat er gleißnerisch so, als wolle er die Stadt mit Wohltaten überschütten, und berief aus ihr die Jungmannschaften zusammen, als wolle er sie anwerben zum Heeresdienst. Als die Mannschaft sich waffenlos versammelt hat, wird sie überfallen und bis auf den letzten abgeschlachtet. Dann belohnte er seine Legionen: »Wollt ihr Gold? wollt ihr Beute, Soldaten? Die Weltstadt liegt offen; mordet nur, raubt und plündert!« Der leibhaftige Satan; er watete in Blut. Nur die Großkaufleute ließ er möglichst schonen; vielleicht ist damit das Judenquartier gemeint Sonderbar ist, daß er hinterdrein in der halbzerstörten Stadt Mauern ziehen ließ, um ein Quartier vom andern zu trennen; eine mühsame Sache, die nicht lange bestanden haben kann. . Dann zog er wirklich auch gegen Persien ins Feld. Er tat so, als zürnte er dem Perserkönig Artabanus, der ihm seine Tochter in die Ehe zu geben verweigert hatte. Währenddessen weilten die kaiserlichen Frauen im Antiochien, der schwelgerischen syrischen Hauptstadt, eingehegt in die halbtropische Märchenpracht des griechischen Orients. In Weisheitsstudien und lasse Lebensfreude teilte sich da ihr Leben wie bei den Kalifen Bagdads. Wir dürfen uns dies ausmalen. Beide Schwestern, Julia Domna und Mäsa, lebten das geistige Leben ihrer Zeit aus dem Vollen mit. Nicht nur, daß Julia Domna, die Philosophin Wie sie insbesondere als Gönnerin Athens in dieser Stadt geehrt und vergöttlicht wurde, hat A. v. Premerstein gezeigt: Jahreshefte des österr. arch. Instituts XVI, S. 253 ff. , der höchsten Wissenschaft, der Astrologie, ergeben war; auch mit Moral und Glauben befaßte sie sich. Philostrat lebte damals; er hatte das größte Wunderbuch jener Zeit geschrieben, und er widmete es ihr persönlich Auch den »Heroikos« trug Philostrat in diesem Kreise vor, eine mystische Schrift, die von homerischen Helden handelt, die noch in der Gegenwart als Geister weiterleben. ; ich meine den Roman über Apollonius von Cyana, ein Werk voll abenteuerlicher Weisheit, das von Ethik und Theosophie strotzt und sich wie ein Konkurrenzbuch zu den Evangelien ausnimmt. Für die Augen der Kaiserin war da dieser Apollonius, der religiöse Prophet und Gottmensch, geschildert, der zur Sonne betet, wie Jesus Wunder über Wunder tut und Heiligung des 81 Lebens und den Dienst des unsichtbaren, eines allerhöchsten Gottes, den kein Name nennt, ohne Opfer und Tempelbau predigt. So gingen denn auch sonst bei den Damen viele der griechischen Redekünstler ein und aus. Ihr Serail war der mutmaßlich ziemlich leichtlebige, ambraduftende Sammelort aller Geistreichen jener Zeit. Die Ernsten und die Seichten, alle gaben ihr Bestes her, und die Frauen horchten, lasen selbst, lobten und belohnten und lachten wohl auch hinter ihrem Fächer über den und jenen. Jeder aber ging von ihnen, als hätte er einen großen Tag erlebt. Mäsa war ihrer kaiserlichen Schwester augenscheinlich völlig gewachsen, nur vielleicht noch kaltherziger und tatkräftiger als sie. Auch Mäsas Töchter Soämias und Mamäa und deren unmündige Söhne waren in Antiochien zugegen, als das ganz Unverhoffte geschah, ein Schlag, der alles umwarf. Caracalla war tot, der Kaiser ermordet. Die Sache verlief trivial genug. Er hatte sein Heer, ohne gegen die Parther gekämpft zu haben, nach Mesopotamien zurückgeführt. Der Feldzug war wieder nur ein Hieb in die Luft, ein glorioses Nichts gewesen. In Edessa ruhte er von seinen angeblichen Strapazen aus. Als er da eines Tages feldeinwärts ritt (er wollte zu einem Gottesdienst), befiel ihn ein Bedürfnis; er stieg vom Pferd. Da fiel über den völlig mit sich Beschäftigten einer der Offiziere her und stieß ihn nieder. In dieser unwürdigsten Situation ließ der Vampyr sein Leben. Er schrie jämmerlich. Seine deutschen Leibwächter waren nicht nahe genug, um ihn zu schützen. Freilich war Caracalla der Abgott der gemeinen Soldaten (denn er hatte, um sich zu sichern, den Sold über alles vernünftige Maß erhöht und mit Geld um sich geworfen); doch ist es begreiflich genug, daß endlich sich unter den höheren Militärs gegen dies Subjekt Verschwörungen gebildet hatten. Martialis hieß der Offizier, der den Stoß ausführte, Macrinus der Gardepräfekt, der die Tat veranlaßte. Es war das Jahr 217. Alsbald rief das Heer eben diesen Macrinus zum Kaiser aus. Es war diesmal kein Syrer, aber ein Marokkaner. Mit der Dynastie des Severus 82 schien es zu Ende. Julia Domna, die unglückliche Mutter, erreichte die Kunde: beide Söhne durch Mord verloren! Was war der Inhalt ihres Erlebens? Exzeß über Exzeß! Ihr Wille zerbrach, und die Beherrscherin der Welt entleibte sich selbst vor Jammer und Entsetzen. Sie litt übrigens immer noch an der Hiebwunde, die sie an Getas Tod gemahnte. Wieder einmal hatte die Welt eine Tragödie gesehen, eine Schicksalstragödie, die im Purpur und mit Blut spielt und die mit dem Horoskop begann, das einst die syrische Priestertochter mit dem Afrikaner Severus zusammenführte. Die Orientalin war keine Cornelia, die als echte Römerin stolz sich in ihre Philosophie hüllte, da die Gracchen, ihre beiden Söhne, erschlagen waren. In Rom war indessen fleißig gebaut worden. Die Caracalla-Thermen (mutmaßlich auch sie ein Werk der Kaiserin) waren in sechs Jahren nahezu fertiggestellt. Seit Trajans Zeit war in Rom nichts so Großartiges entstanden. Die römische Baukunst, die den weiten Raumbau liebte und immer kühnere konstruktive Probleme aufwarf und löste, steigerte sich in jenen Zeiten noch immer weiter, und es ist nichts verkehrter, als zu glauben, die Kultur sei damals schon in Verfall gewesen Dies ist von H. Lamer überzeugend ausgeführt worden: Wochenschrift f. Philol. 1917, S. 564 f. u. 595 f. . Die Bauten beweisen, daß sie im Gegenteil sich immer noch steigerte. Der Schönheitssinn mit seinen intimen Reizen war freilich im Verschwinden; ein paradoxer Drang nach dem Häßlichen ging durch die Welt; die Christen haßten geradezu das Schöne. Aber die Architektur berührte das nicht, und die Wucht im Aufbau, die Fähigkeit der Bezwingung der Massen wuchs. Kein moderner Staat hat dem Publikum je so etwas zu bieten vermocht. Für den Pöbel Roms war nichts gut genug. Eine Kleinstadt von 3000 Einwohnern hätte auf dem Areal dieser Thermen Platz gefunden, ein Dutzend Frankfurter Bahnhöfe darauf stehen können: ein Viereck, 330 Meter in Front, alle vier Fronten gleich lang. Heute starren die kahlen Gerippe des Baues wie unheimliche Kulissen in den Himmel, als hätten Giganten sie hergeschoben. Lautlose Stille und Öde ringsum. Stundenlang läuft man sich tot in den Räumen. Hochgewölbte Vestibüle, Hallen und Säle 83 bildeten ein ganzes Revier; dazwischen offene Höfe, Gärten, rauschende Springbrunnen; unter freiem Himmel ein Schwimmbadbecken von 60 Metern Länge. Auch eine Bibliothek stand da dem Volke offen. Der Prunk echt sultanisch: farbige Marmorinkrustation, übergoldete Gesimse, Wälder von tragenden Säulen; Phantasiekapitelle von üppig reichster Bildung. Domgleich schwangen sich Tonnengewölbe und Kreuzgewölbe darüber, sie selbst mosaïziert und in Farben strahlend. Jetzt liegen die Gewölbeteile in Riesenklötzen zu Boden geschleudert, und man betastet die Riesenstifte des Blumenmosaiks, das auf weite Fernsicht berechnet war, mit Staunen. Mitten in den Sälen aber standen erstklassige plastische Werke der griechischen Spätkunst zur Schau (dem Schutz des Publikums empfohlen!), die an Ort und Stelle gefunden und heute noch weltberühmt sind, der Farnesische ausruhende Herkules in muskulöser Größe und der Farnesische Stier mit der Tötung der Dirke, eine Tragödienszene in Marmor. Man holte aus den alten Kunstvorräten das hochpathetisch Sensationellste herbei, um es dem Volke zu zeigen. Wer nun das Getriebe kennt, wie es sich sonst in den Thermen bewegte, mit Schwitzbad und Schwimmbad, mit Salben und Frottieren, mit Ballspiel, Wettlauf, Gesang, Geplauder, Dichtervortrag und allerlei lustigem Unfug daneben, der denke sich das in diesen Räumen vertausendfacht. Die Steine reden; die moderne Welt kennt nichts ähnliches an Raumumfassung, die ein Volk beherbergt. Aber auch die Christen bauten. Welch ein Gegensatz! Sie bauten heimlich und unterirdisch ihre Katakomben. Schon seit dem 2. Jahrhundert wurde Rom gleichsam unterminiert von den Gräbern der Gottlosen. Es waren die Schlafstätten (Cömeterien) für die, die der Herr rufen wird, wenn er wiederkehrt. Da der Leib einst auferstehen soll, war Leichenverbrennung ausgeschlossen. Schon zur Zeit Caracallas hat man mit der Grabung der Callist-Katakomben, die heute die bekanntesten sind, draußen an der Via Appia begonnen. Das weite Grundstück gehörte der Gemeinde. Das Verfahren war neu und 84 originell. Schächte trieb man in den Tuffboden, und es entstanden unterirdische Galerien mit Grabkammern, Geschoß über Geschoß, verbunden durch endlos lange Gänge wie Laufgräben, die in Windungen sich abwärts senken, Seitengänge ausstrahlen und unzählige Ruhestätten für die Leichen wie Taschen in ihren Wänden haben. Man nennt dies Krypten, wovon unser deutsches Wort »Gruft« sich herleitet. Lichtschächte führten spärliches Licht von oben hinab in die stockdunkle Tiefe. Die abgesonderten Grabkammern von etwa 2 Metern im Geviert dienten für bevorzugte Gemeindeglieder; da ruhten die Märtyrer, und so entwickelte sich in den Katakomben der Märtyrerkult. Es sind dies aufgewölbte Räume, die Wände haben Wandkappen, und da hinein malte man schon christliche Symbole, Taube, Pfau, Palmenzweig, Adoranten. Die Thermen ein Schwelgen in Raumweite, hier dagegen alles erstickend eng und gepreßt, ein Geizen mit jedem Winkel. Wollten die Leidtragenden sich setzen, so dienten Leichenbehälter als Bänke. Dem Staat war dieses Verfahren willkommen Es war nur der Pöbel, der bei den Christenverfolgungen gerade die Begräbnisstätten der Christen heimsuchte: Tertullian, Apolog. 37. . Mochte die Christenheit sich mit ihrer Auferstehungshoffnung wie der blinde Maulwurf verkriechen. Aber es steht fest, daß eben zur Zeit der Kaiserin Julia Domna auch schon die ersten Kirchenbauten in Rom gewagt wurden Es liegt auf der Hand, daß die Wohnhäuser von Privatleuten bei der Ausdehnung der Gemeinde schon damals für den christlichen Gottesdienst unmöglich ausgereicht haben können, und wenn wir hören ( Optatus Milevitanus, De schism. Donat. II, 4), daß im 3. Jahrhundert Rom schon 40 Kirchen hatte, so muß mit dem Bau schon im Anfang des 3. Jahrhunderts begonnen worden sein. Denn solche Bauten entstehen allmählich und nacheinander bei wachsendem Bedürfnis. Vielleicht war auch die Restitutakirche in Carthago so alt; in den Jahren 360–390 ist sie glänzender erneut worden (vgl. A. Schwarze, Entwicklung der afrikanischen Kirche, 1892, S. 40 f.; übrigens v. Sybel, Christliche Antike II, S. 274 und Frühchristliche Kunst, 1920, S. 14 u. 16). . Reiche Gemeindeglieder begannen damit; es war das, was man später Basiliken nannte, große Betsäle ähnlich unseren Turnhallen, von außen unscheinbar und unauffällig, die endlich die Ansammlung größerer Mengen gestatteten und wo man der Verlesung des Bibeltextes, der Perikope, lauschte, das Gemeindelied sang, das heilige Mahl stattfand und am Altartisch Christus täglich neu geopfert wurde. Auch an einem Taufraum mit Becken fehlte es nicht. In der Apsis auf einer Erhöhung stellte sich der Bischof, der schon im Ornat ging, seinen Thronsessel und Bänke an den Wänden entlang, auf denen die Presbyter sitzen mochten. Damit war nun das »Haus des Herrn« entstanden, Kyriakón genannt, deutsch »Kirche« Wenn von Minucius Felix im Octavius c. 10 u. 32 betont wird, daß die Christen keine templa und arae haben, so beweist das nur, daß man die Bethäuser und Basiliken damals nicht mit templa , den Tisch des Herrn nicht mit den Altären des heidnischen Kultus gleichsetzte. Das folgt auch daraus, daß der Verfasser hinzufügt: wir Christen opfern keine victimae und hostiae . . Von Konflikten, die diese ersten Bethäuser veranlaßt hätten, hören wir nichts. Die Nachsicht der Behörden war damals groß. 85 Kaiser war jetzt Macrinus. Er stand fern im Orient. Was war von dem Marokkaner zu hoffen? Würde er eine Dynastie gründen? Es schien, er war kein übler Mensch, aber unvorsichtig. Es ist der erste Kaiser, der, als Soldat von unten sich heraufarbeitend, nicht einmal die Senatorenwürde besaß. Die Zivilverwaltung kannte er demnach nur oberflächlich. Jetzt aber versäumte er, gleich nach Rom zu gehen; er blieb in Antiochien vorläufig sitzen und genoß die Freuden der Großstadt. Das mißfiel dem Senat. Auch hatte er nicht Caracallas Millionen zur Verfügung, um Geld zu streuen. Das mißfiel den Soldaten. Mäsa gab acht. Ihr blieb nichts verborgen. Macrin hatte sie nach Emesa abgeschoben, wo sie fürstlich mit ihren Töchtern und Enkelsöhnen hauste. Der Sohn der einen Tochter Soämias hieß Avitus Basianus und zählte erst 14 Jahre, der Sohn der anderen Tochter Mamäa wurde nach Alexander dem Großen Alexander genannt, ein anspruchsvoller Name, und war erst elfjährig. Warum sollte das Haus des Severus in diesen Jungen nicht wieder erblühen? Unmündig waren sie noch; aber Mäsa war herrschfähig genug, um für sie das Regiment zu führen. Wo die Väter dieser Knaben sich befanden, ob sie noch lebten, erfahren wir nicht. Der ältere kam zunächst in Frage. Er war blendend schön und an tausend Schmeicheleien und verliebte Blicke gewöhnt; mehr als das, er war damals schon Priester des weithin verehrten Sonnengottes von Emesa, des Bal, den man den Elagabal nannte. Erblich ging das Priesteramt vom Urgroßvater Basianus auf ihn über. Die Phantasie verschwebt in erdentrückten, opernhaften Märchenzauber, wenn man von jenen orientalischen Gottesdiensten hört. Im weiten, pomphaft dekorierten Tempelhof tanzte der vornehme Junge vor allem Volk beim Gottesdienst nicht nur im Reigen, sondern auch den Solotanz um den Hochaltar, als beschriebe er leichtfüßig die Laufbahn der Sonne selbst, zu schallender Musik der Klarinetten und Flöten, alle Altersgenossen überstrahlend, 86 körperlich frühreif, üppig im Wuchs, ein junger Bacchus, nach Beifall um sich spähend, gleichsam eine prämiierte Schönheit (Hafis hätte seine Reize besingen können), in schleppendem Frauenchiton mit langen Ärmeln, in den Locken ein strahlender Goldreif mit Juwelen, als wäre er die Sonne selbst. Schlug im Tanz das Gewand zurück, so sah man die Beine in weiten Hosen; Gewand und Hosen waren kostbar purpurn und golddurchsponnen: er trug die Farben des leuchtenden Gottes, dem er diente. Von weither kam das Publikum, begierig, das zu sehen; aber auch ein Militärlager befand sich bei Emesa, und auch die Soldaten hatten ihre Freude an dem Knaben. Mäsa merkte es, und ihr Plan war fertig. Sie verbreitete, daß dieser Basianus und ebenso auch sein Vetter, der junge Alexander, nicht ihrer nominellen Väter Söhne, nein, daß sie Söhne des Kaisers Caracalla seien, der einst der Soämias und Mamäa in freier Liebe beigewohnt habe. Das echte Blut des großen Severus floß also in den beiden; sie waren die Hoffnung der Welt. Das wurde gern geglaubt; es blieb die offizielle Lüge, und die Begeisterung der Truppe war groß. Das Gold tat das Übrige. Als Kaisersproß, ja, als Kaiser begrüßten die Soldaten nun den schönen Tänzer und führten ihn und zugleich die kaiserlichen Damen, die sich vor dem Waffenlärm nicht fürchteten, in weitem Marsch nach Antiochia und in das große Soldatenlager, das sich außerhalb dieser Stadt befand und in dem Macrinus damals nicht zugegen war. Auch hier sind die Legionen für den Wunderknaben rasch gewonnen. Wer frug da noch weiter nach Charakter und Begabung? Basianus aber fand sich erstaunlich schnell in die neue Rolle und lächelte gnädig und schmachtend und herzgewinnend. Macrinus begriff zu spät den Ernst der Lage. Er schickte anfangs, als wäre es ein Scherz, nur eine kleine Truppe aus, die sogleich zum Basianus, dem »echten« Sproß des Severus, überging. Erst danach kam es zur Entscheidungsschlacht, in der Macrin endgültig unterlag. Als Landstreicher vermummt, 87 floh er einsam zu Fuß über Land und Gebirge, ein jämmerlicher Sturz, bis man ihn griff. Sein Kopf wurde der Mäsa abgeliefert. Basianus war jetzt Kaiser (i. J. 218) und führte von nun an den Ehrennamen Antoninus, den auch Caracalla führte und der in der Dynastie erblich war. Das Volk aber nannte ihn Elagabal oder gar Heliogabalus nach dem Sonnengott, dem er diente. Natürlich fehlten auch jetzt wieder die Hinrichtungen nicht, die das neue Kaisertum sichern sollten. Dann aber galt es, nach Rom zu ziehen. Elagabal nahm seinen Gott mit und gab ihm schon gleich auf der Reise in Nikomedien große Feste; er tanzte auch da. Sollte das so weitergehen? Die Großmutter mahnte ihn ernstlich, endlich Römertracht anzulegen; aber er tat es nicht. Er schickte vielmehr sein farbiges Porträt nach Rom, an den Senat, in Überlebensgröße, und befahl, das Bild im Senatssaal, der Curie, so anzubringen, daß jeder, der eintrat, es sehen mußte: da war er pfauenhaft in seiner bunten Tracht gemalt; die römischen Herren sollten sich rechtzeitig daran gewöhnen. Der Bengel hatte sich's in den Kopf gesetzt: er hatte bisher durch sein bezauberndes Ich alle Erfolge errungen; er wollte als derselbe schöne Sonnenjüngling auch weiter siegen. Was gingen ihn die altmodischen blöden Italiener an? Und er wollte seinen Gott zum Sieger über alle Götter machen. Dafür war er gerade der rechte Prophet! So sah ihn denn Rom wirklich, und sein Erstes war, daß er dem Elagabal einen Tempel baute aus rotem Granit Vgl. Baumeister, Denkmäler, S. 1484. unmittelbar am Palatin. Fabelhaft rasch stand der Bau fertig; es ging mit Hochdruck. Die Senatoren und Ritter mußten dabei in orientalischen Ornaten herumstehen und fremdartige Symbole halten, wenn er tanzte. Er zwang sie zu dieser Religion. In allen Gebeten wurde (so befahl er) der neue Gott fortan zuerst gerufen. Das Weitere klingt wie Kinderei. Wie ein Kind, das mit Puppen spielt, holte er das unverrückbare, uralte Minervabild, Palladium genannt, das die Vestalinnen hüteten, kurzweg aus seiner Zelle und stellte es in den neuen Tempel 88 als Gattin seines Bal (»Baltis« genannt). Dann aber schien ihm diese Minerva nicht gut genug, und er ließ aus Karthago das hochheilige Tempelbild der »himmlischen Juno« ( Juno caelestis ), der höchsten afrikanischen Gottheit, kommen; die gab er seinem Gott zur Ehe Diese Ehe hat in der Phantasie weiter gewirkt; vgl. die orientalische Fabel bei Usener, Weihnachtsfest, S. 34: Hera, die tote, ist aufgelebt und ist schwanger, und nicht mehr Hera heißt sie, sondern Urania ( caelestis ), denn der große Helios hat sie geliebt. . Auch alle Tempelschätze mußten aus Karthago mitkommen. Auch er selbst heiratete gleich, und zwar dreimal. Einmal griff er sich dazu eine vornehme Vestalin aus dem Kloster, die ewige Keuschheit geschworen hatte. Was kümmerte ihn ihr Gelübde und der ganze altrömische Köhlerglaube? Eine Heirat mit ihm, dem Sonnenpriester, war Heiligung. Zur Ehe war der vierzehnjährige noch gar nicht reif Im Jahre 222, seinem Todesjahr, trug er allerdings schon etwas Bart; so zeigen ihn da die Münzbilder. Da war er 18jährig. Auch die Vita c. 31, 7 weiß von seinem Bart zu erzählen. . Auch wechselte er die Frauen gleich nach wenigen Wochen. Sie waren ihm langweilig. Sein Körper schmachtete vielmehr nach Männerliebe. Bald hatte er vor der Stadt auch noch einen zweiten Tempel errichtet, und nun fand alljährlich dorthin die große Prozession statt, die uns ausführlich beschrieben wird. Das Bild des Gottes Elagabal von Emesa war keine Statue, sondern ein Fetisch, offenbar uralt, ein unbearbeiteter schwarzer großer Stein, mutmaßlich ein Meteorstein, der konische Form hatte, unten breit, nach oben sich verjüngend, und auf dem sich vielleicht durch Naturspiel Andeutungen einer Sonnenscheibe befanden. Der Stein wurde nun auf den Götterwagen, den kein Menschenfuß betreten durfte, gestellt; sechs Schimmel zogen den Wagen. Die Zügel wurden dem Stein umgehängt, als kutschiere er selbst; denn man glaubte ja, daß auch Helios, der Sonnengott, täglich im Gespann über den Himmel fuhr. Der junge Kaiser, der sich übrigens dick schminkte, um möglichst schön zu sein, tänzelte höchstselbst vor den sechs Schimmeln her, um sie zu lenken. Dabei mußte er aber rückwärts schreiten, und, damit er nicht stolperte, war ein Schwarm von Dienern tätig, jeden Anstoß zu entfernen. Die Straße war mit Goldsand bestreut, der sonnenhaft flimmerte. Alle anderen Götter holte man aus ihren Tempeln; sie wurden als Gefolge hinterher getragen. Das 89 Volk lief mit brennenden Fackeln nebenher. Es war ja das Fest des Lichtes. So etwas war noch nicht dagewesen. Zum Schluß stieg die Majestät auf einen Turm und warf kostbare Geschenke in die Menge, die sich wild darum balgte. Etliche erstickten in dem Gedränge. Alle Gottesdienste sollten in diesem neuen Gottesdienst aufgehen – Monotheismus! –, auch der christliche. So sagte dieser Operettenkönig ausdrücklich. Fragt man, was er sonst trieb? Er hatte die Beschneidung angenommen und aß kein Schweinefleisch. Das kann uns bei dem Vollsemiten nicht wundern Statt dessen ließ er sich Strauße braten; Straußenfleisch sei den Juden erlaubt und vorgeschrieben; Vita c. 28, 4. . Sollen wir uns aber auch sonst dafür interessieren, was dieser Laffe aß und trank und womit er die Zeit totschlug? Die alten Geschichtsbücher sind voll davon, daß er nur in rein seidenen Stoffen ging, nur in köstlich parfümeriertem Wasser badete, Pfauenzungen und Nachtigallenzungen und Flamingohirn aß, Wurstfüllungen aus gehackten Austern liebte, seine Hunde mit Gänseleber fütterte u. s. f. Löwen hielt er sich, deren Gebiß entfernt war, und ließ sie während des Essens in den Saal kommen, damit die Gäste vor Schreck erstarrten. Auf Luftkissen ließ er die Tischgenossen beim Essen lagern und ließ den Kissen dann die Luft entziehen, so daß die Gäste kläglich unter den Tisch rollten. Über den Vatican kutschierte er mit vier vorgespannten Elephanten, und es kümmerte ihn nicht, daß die alten Grabdenkmäler, die da standen, umfielen. Wahre Bubenstreiche! Wäre es nur damit genug. Aber nun der Haremsgeruch am Hof, die Eunuchenwirtschaft (auch dies etwas ganz Neues) und das sonstige Personal, womit er sich umgab, ausgesucht gemeine Kreaturen, zumeist Asiaten, Kutscher und Mimen, die er frech in die höchsten Ämter, sogar ins Konsulat beförderte. Man nennt uns die Namen. Hierokles und Zoticus hießen seine erklärten Liebhaber. Wenn er mit dem Musselintuch winkte, das an goldenen Ringen hing . . . doch bedecken wir den Rest mit Schweigen. Seine Mutter traf die Verantwortung für alles; sie traf die erste Schuld. Denn auch Soämias führte ein notorisch liederliches Leben Vita Heliogabali , c. 2. . 90 Rom war mit Moral wahrlich nicht verwöhnt. Jetzt war es angewidert, vor allem auch die Soldaten, die Prätorianer. Mäsa selbst war schwer betroffen; denn sie, die Großmutter, regierte ja. Aber sie wußte ein Mittel, um die Situation zu retten. Sie zwang jetzt den Enkel, seinen jüngeren Vetter Alexander zum Mitregenten zu machen. Führte Elagabal den Titel Augustus, so erhielt Alexander den Titel Cäsar; ersterer mochte weiter seinen religiösen Sport treiben, Alexander sollte sich ernstlich der Reichsverwaltung widmen. Dieser Knabe war erst zwölf Jahre alt. Sofort geschah, daß sich dem jüngeren alle Sympathie zuwandte, daß vor allem die Garde ihm enthusiastisch huldigte. Elagabal merkte es, und die Wut stieg ihm zu Kopfe. Er verging vor Eifersucht. Gab es nicht Gift, Gift, den Vetter zu beseitigen? Mäsa und Mamäa mußten fortan den Knaben ängstlich hüten. Kein Essen durfte er anrühren, das vom kaiserlichen Tische kam. Schließlich ließ Elagabal den Vetter nicht mehr auf die Straße; bei keiner öffentlichen Aktion durfte er sich zeigen. Das Militär aber schrie stürmisch: »Wo ist der junge Cäsar? Wir stellen dir die Palastwache nicht mehr, wenn du nicht machst, daß er sich uns zeigt.« Da nahm Elagabal in Angst und Grimm den Knaben mit in seine von Gold und Edelsteinen überladene Sänfte; so begaben sie sich zum Kasernenhof. Die Soldaten öffneten die Lagertore und überschütteten Alexander gleich freudig mit Ehrenbezeugungen, Elagabal wurde keines Grußes gewürdigt. Wie der Hergang weiter verlief, ist nicht sicher. Die kaiserlichen Frauen waren jedenfalls auch zugegen. Es heißt, Elagabal blieb die Nacht im Lager und schlief im Fahnenheiligtum. Erst folgenden Tages fand er den Mut zu schelten, Genugtuung zu fordern und die Rädelsführer, die ihn kränkten, mit Bestrafung zu bedrohen. Da schien es Zeit ein Ende zu machen. Die Soldknechte packten und massakrierten den Menschen, der nie eine Waffe getragen hatte, zugleich aber auch die Mutter Soämias, die ihren sauberen Sprößling in all der Zeit (es waren vier Jahre) hatte gewähren lassen. Mit Halloh wurden die beiden 91 Leichen durch die Stadt geschleift, der Lüstling in den Tiber geworfen. Die Wasser des Stromes genügten nicht, seine Sünden wegzuwaschen. Für den müßigen Stadtrömer war die Weltgeschichte nichts als ein Theaterstück mit tausend Verwandlungen; die abgeschmackteste hatte er jetzt erlebt. Mit dem Kaiser Elagabal verschwand auch der gleichnamige Gott aus Rom. Mäsa entschloß sich, den gespenstischen Fetisch wieder nach Emesa zurückzuschaffen, das Junobild nach Karthago. An Hierokles und dem anderen Gelichter wurde Lynchjustiz geübt. Zu Ehren des Sonnendienstes aber müssen wir sagen, daß es töricht wäre, ihn nach dem, was man da eben erlebt hatte, zu beurteilen. Der feine Sohn der Soämias hatte ihn geschändet Aelian schrieb damals, nach Elagabals Tode, eine Anklageschrift gegen ihn: Philostrati Vit. soph. II 31, 2. . Auch sollte er in anderer Gestalt bald wieder aufleben. Was läßt sich für den Erdenmenschen, dessen Phantasie bei einem rein geistigen Gottesbegriff sich nicht beruhigt, Reineres, Verklärteres denken als das Himmelslicht, das wärmend die Unendlichkeit und das All durchdringt? Es ist übermenschlich hoch und rein und fleckenlos, ist mächtig und unerschöpflich und der Spender alles Segens auf Erden: sein Ersterben im Winter unser Leid, sein Auferstehen ist Frühling, Verjüngung aller Kreatur und alles Lebens. In diesem Sinn haben seit Alters die frommen Inder, haben die Syrer dem Sonnendienst gehuldigt, ebenso die Griechen seit Homer und den Orphikern; auch Sokrates spricht sein Gebet, wenn er die Sonne aufgehen sieht Auf einer Insel im Roten Meer wurde dem Sonnengott eine Herde von Zebras gehalten, die Plautian von da nach Rom entführte; s. Dio, 75, 14, 3. . Die Griechen stellten ihren Helios in edler Bildung mit dem Strahlenkranz dar, wie er auf dem Wagen mit bäumenden Rossen aus dem Meer auffährt; so hatte ihn auch Kaiser Hadrian auf seine Münzen geprägt. Hadrian verehrte den Gott, Severus baute ihm in Byzanz einen Tempel, und auch die Christen standen damals nicht an, ihren Heiland selbst der Sonne gleichzusetzen Üsener a. a. O. S. 170 f.: Christus der illuminator humani generis ; Cyprian Quod idola dii non sint c. 11; Tertullian, Apolog. 21. . Schon im Johannes-Evangelium heißt ja Christus »das Licht der Welt«, und die christliche Taufe war in jenen Zeiten eine Lichtfeier, mit Kerzen und Lampenlicht Über jeden, der getauft wird, ergießt sich das Licht von oben; so Cyprian ad Donatum c. 4. . Eben daher haben wir heute noch unseren Sonntag; der Tag der Sonne ist der 92 heilige Tag für uns geblieben; daher auch unser Weihnachtsfest; auf den 25. Dezember setzte man den Geburtstag Jesu; es ist der Tag, an dem die Sonne neu geboren wird, siegreich das Jahr wieder wachsen läßt und die längste der Winternächte überwindet. Man frage den im Bergwerk Verschütteten oder den Blinden, dessen Auge sich neu erschließt, was ihm das Licht ist: ein Erwachen aus Grabesnacht, Neugeburt, Erlösung und Auferstehen. Was ist für den naiven Sinn natürlicher, als die Hände zu recken zu seiner Anbetung? Aller Geist ist Flamme und Licht, und er wandelt täglich als Sonne den Himmel entlang königlich über uns her und regelt wortlos unser Leben, gibt uns das Zeitmaß und lehrt uns das Gesetz, die göttliche Notwendigkeit im Aufbau des Alls Man lese den Hymnus auf Sol in der Anthologia latina Nr. 389, wo es heißt, v. 5: nam chaos est sine Sole dies . Am Wundervogel Phönix vollzieht Sol die Auferstehung: nascitur ut pereat, perit ut nascatur ab igni , v. 32. Alle Götter sind Sol : Sol Liber, Sol alma Ceres, Sol Juppiter ipse eqs. , v. 43. Sol gilt als syrischer Jupiter: Vita Caracallas c. 11, 7. So macht denn der Augur Scipio Orfitus eine Weihung dem Juppiter O. M. Sol Serapis , CIL VI 402 (Helbig, Führer Nr. 871). Sarapis wird als Sol mit der Strahlenkrone dargestellt: Helbig Nr. 298. . Auch der Mithrasdienst ist nur eine andere Form der Sonnenverehrung gewesen Schon Kaiser Commodus nahm die Mithrasweihen und machte den Mithrasdienst zur Staatsreligion. . Rom konnte endlich beruhigt aufatmen. Der große Skandal war vorüber. Man fühlte gleich, jetzt endlich würden wieder gute Zeiten kommen, vielleicht gar die goldene Zeit Mark Aurels. Der junge Alexander war gut geartet. Was der große Severus vorbereitet hatte, konnte sich unter ihm vollenden. Alexander Severus nannte er sich jetzt. Mamäa, seine Mutter, stand neben ihm Es scheint, sie hielt ihn wirklich für einen Sohn Caracallas, also einen echten Enkel des Severus: Dio 79, 19, 4. , die vierte der Frauen, von der ich zu reden habe, und sie war anders geartet als Soämias. Von Anfang an hatte sie den Sohn von allen Ausschweifungen seines Vetters ferngehalten, hatte ihm die besten Männer zu Lehrern gegeben, die die Zeit besaß, eine Erziehung, die damals immer noch auf der lauteren Ethik der Stoa, wie Seneca und Mark Aurel sie gepredigt hatten, beruhte. Mäsa, die alte, tritt jetzt zurück. Mamäa ist es, die ihren Sohn mit einem Kronrat ( concilium ) von 16 senatorischen Herren umgibt, ohne deren Zustimmung nichts geschieht Herodian 6, 2. . Das Römertum kam dadurch wieder zu seinem Recht. Auch greifen jetzt wieder die großen Juristen ein, Papinians Nachfolger Ulpian und Paulus; auch dies Männer, die ganz auf der stoischen Gesellschaftslehre fußen und deren großartige Tätigkeit auf dem Gebiet der praktischen 93 Gesetzesauslegung in Justinians Pandekten offen zutage liegt; denn der größte Teil des Inhalts der Pandekten ist aus den Schriften des Ulpian und Paulus wörtlich herübergenommen. Ulpian wird jetzt sogleich Gardepräfekt und bestimmt als solcher nach dem Herkommen den Geschäftsgang, der das Weltreich umfaßte. Die Schilderungen dieser Alexanderzeit sind daher reine Jubelhymnen. Der Senat pflegte in seinen obligaten Gebeten (die unserem Kirchengebet entsprechen) jedem Kaiser hundert Regierungsjahre zu wünschen Dio 78, 8. ; jetzt war der Wunsch wirklich ehrlich gemeint. Gelang es dem jungen Herrn, weiter durch Erben die Dynastie fortzusetzen, so war auch der Koloß des Weltreichs in seiner Einheit gesichert, die Menschheit geborgen. Freilich war er Asiat; auch Ulpian war es, der ganze Hof semitisch; es wurde fast nur griechisch gesprochen. Aber damit söhnte man sich aus. Als Mäsa die Augen schloß Das Jahr ist unbekannt. , konnte sie eines ruhigen Todes sterben. Ihr großer Staatsstreich war doch nicht mißlungen. Und ihre Tochter war sogar mehr als sie. Wie schade, daß wir Mamäas Biographie nicht haben, daß das Altertum uns überhaupt keine Biographien von Frauen gibt! Nicht, daß wir wissen möchten, wie sie sich kleidete (obgleich auch das bei Frauen immer wissenswerter ist als bei Männern); wohl aber, wie sie mit den Staatsmännern überlegen konferierte, den Soldaten gegenübertrat und wie sie im Bureau saß und rechnete und Gelder zählte. Den Stil der russischen Zarinnen nahm sie vorweg: laxe Grundsätze, aber Geschäftsklugheit, Bildungstrieb und starker Wille. Mamäa ging schlicht einher, das Haar einfach gescheitelt und glatt an den Seiten heruntergekämmt mit leichter Wellung; dieselbe Haartracht zeigen auch Mäsa und Julia Domna. Eine Frau der Arbeit kann keine Turmfrisur tragen. Ihr jugendlicher Marmorkopf in Paris zeigt wenig Gemüt und Seele, um so mehr kühle Klarheit und Geschlossenheit des Wesens; die Nase springt kräftig vor mit vollen Nüstern. In der Tat, so war sie: von zähem Willen, von großer Stetigkeit und planvoll in allem; zugleich Weltdame und Moralistin, 94 Intrigantin und Finanzgröße, die die Reichseinnahmen genau verrechnete, natürlich zu ihrem Vorteil. Am Prinzip des großen Severus hielt sie fest, vor allem ihr Hausvermögen zu steigern; das war unerläßlich, da auch das Regierungssystem dasselbe blieb und viele Beamtenstellen des Reichs in Händen des Militärs lagen, das bei dem jedesmaligen Kaiser persönlich im Dienst stand und aus der kaiserlichen Schatulle seine Bezahlung nahm. Die Ergebenheit des Soldatenstandes aller Grade hing von der Gage ab, die Mamäa zahlte Auch die assessores oder Gehilfen der praesides oder Gouverneure wurden jetzt honoriert: Vita 46. Ulpian schrieb damals einen liber assessorius , Digest 47, 10, 5. Über die praesides s. Digest. 1, 18, 1 ff. . Allerdings schuf das auch Mißstände. Man mußte sie hinnehmen. Caracalla hatte die Soldaten auf das ärgste verwöhnt; sie steigerten ihre Forderungen oder streikten; ihr Auftreten war herausfordernd, und so kam es damals, und wohl schon in den nächsten Jahren, in Rom selbst zu gräulichen Krawallen; die Bürger rotteten sich gegen die Garde; ganze Häuserquartiere gerieten in Brand. Auch draußen in den Provinzländern gab es Putsche; der oder jener Offizier warf sich zum Kaiser auf. Schließlich aber ging doch alles gut. Unheimlich ausgedehnt hatte sich die Seeräuberei auf dem Mittelmeer, die Handel und Wandel störte. Man mußte Geduld haben. Den Alexander aber, ihr Söhnchen, hielt Mamäa fest in der Hand. Es gehörte sich so, daß er in der »Hut der Mutter« stand Über die custodia matris vgl. Rhein. Museum 70, S. 269; Aus dem Leben der Antike, S. 235; dazu auch Livius I, 3, 1. . Was er aß, wen er zu Besuch empfing – sie paßte auf, gab ihm eine Frau (es war wieder einmal eine Kinderehe, der wir in jenen Zeiten so oft begegnen) und nahm sie ihm wieder, als sie ihr mißliebig ward. Der Vater der jungen Person wagte ihr nämlich zu trotzen, ja, die Soldaten gegen sie aufzurufen. Der Dämon in ihr erwachte, und sie ließ ihn umbringen. Gleichwohl ist zunächst Ulpian der eigentliche Träger der Regierung, der Ordner der Verwaltung gewesen. Er war die treibende Feder im Uhrwerk, wie Seneca unter Nero, und das Glücksgefühl wuchs. Das Recht herrschte wieder, die Unparteilichkeit. Die Köpfe saßen wieder sicher auf den Schultern. Die Gesellschaft erholte sich; die Blutbäder ruhten. »Jeder im Reich soll sich frei fühlen, der gutwillig den Gesetzen gehorcht,« das war 95 das Leitwort Ulpians Digest. 49, 1, 25: die libertas soll jeder haben, der bona voluntas und oboedientia zeigt, ein Satz, der sich übrigens wie eine Verwarnung an die Christen liest. . Einzelne Verfügungen aufzuzählen ist unmöglich, wie über das Ansiedelungsrecht der Veteranen im Heer Vita 45. , über die Verwaltung der Hauptstadt durch 14 Kuratoren Vita 33. , die Ordnung des Innungswesens Der Schuster und der Kleinhändler; Vita 33. und seiner Rechtsvertretung. Aber auch die Wohltätigkeitsveranstaltungen großen Stils, die man Alexander zuschreibt Versorgung armer Kinder, die nun pueri Mamaeani hießen, Vita 57; Unterstützung Verarmter, Vita 40; Geldvorschüsse, Vita 21; Einführung von Luxussteuer, Herabsetzung anderer Steuern, Vita 24 u. 39. , gehen gewiß auf seine Anleitung zurück. Und Alexander selbst? Auf ihn blickte alles erwartungsvoll. Der Knabe zeigte sich lernfleißig und für jedes edle Wort empfänglich wie einst der Knabe Mark Aurel, aber ohne Feuer und sanft wie ein Lamm, ein Musterjunge, sparsam, verbindlich, bescheiden. Der Mutter Geldgier war ihm peinlich. Sein Porträt zeigt ihn uns noch bartlos, und da sieht er recht phlegmatisch aus, etwa wie ein Oberprimaner, der weniger durch Genie als durch Sitzfleiß primus omnium geworden ist; von fremdartigem Typus: mit etwas wulstigen Lippen, starren Augäpfeln und dickem Hinterkopf. Er gehörte zu denen, die keine Fliege töten können, ja, er hatte Talent zum Heiligen; schon allein um vom Elagabal abzurücken, trieb er es darin bis zum äußersten. Ein Büchermensch; daß die Frau Mutter ihn auch zu Leibesübungen anhielt, nützte wenig. In Platos Staat versenkte er sich ganz Platos Staat wird auch in den Digesten angeführt; vgl. oben S. 56 Anm. "Daß Hadrian seine Reichsverwaltung...". und in Ciceros Schriften verwandten Inhalts. Strebsam wie ein Student vor dem Examen ging die Majestät auch in die Universitätsvorlesungen Gemeint ist das Athenaeum Hadrians, Vita c. 35. . Sein Lieblingswort, das er sogar an öffentlichen Gebäuden anbringen ließ, war der alte Satz: »Was du nicht willst, daß man dir tu', das füg' auch keinem andern zu,« Vita c. 51: quod tibi fieri non vis, alteri ne feceris . Der Satz steht fast wörtlich ebenso auf der christlichen Inschrift CJL. V 8738 aus dem 5. Jhd. Er war also in dieser Form rezipiert. Warum aber steht die Perfektform feceris ? Man erwartet facias , und so, mit, facias , bringt Orientius den Satz wirklich, mit faciam Ausonius (vgl. Archiv f. Lex. XIII, S. 262). Das auffällige feceris mit seinem Silbenfall beweist zwingend, daß die Worte ursprünglich metrische Fassung hatten; vgl. die Disticha Catonis 1, 30: quae culpare soles, ea tu ne feceris ipse . Auf dasselbe führt die Nachstellung des ne ; in Prosa hieße es ne alteri . Unverkennbar also sind die zitierten Worte ursprünglich ein trochäischer Vers gewesen, der sich von selbst so ergänzt: Quod tibi (ipsi) fieri non vis, alteri ne feceris. Er ist ganz in der Art der Sententiae des Publilius Syrus und könnte sehr wohl unter ihnen gestanden haben. Schon die Versform aber verrät seinen nichtchristlichen Ursprung. So finden wir denselben Gedanken denn auch sonst in der nichtchristlichen Literatur; vgl. A. Otto, Sprichwörter der Römer S. 16; dazu Maximus Tyrius Orat. 12 und Plutarchs Schrift » An ab hoste disci possit «. und die Christen lasen den Satz gern; sie bildeten sich ein, der Kaiser habe ihn von ihnen, ja, er sei heimlich Christ geworden. Daran war freilich nicht zu denken. Schon Ulpian stand dagegen, der als Stoiker in der Christenfrage fest und klar den Standpunkt Mark Aurels wahrte Daher der oben ( S. 95 Anm. "Digest 49, 1, 25...") zitierte Satz Ulpians. Gleichwohl konnte die junge Kirche jetzt sicherer auftreten. Offiziell galten die Christen immer noch als bloße Ableger des Judentums Wenn es in der Vita c. 22 heißt: Judaeis privilegia reservavit, Christianos esse passus est , so heißt das nicht: er duldete, das Christen existierten, sondern: er ließ zu, daß die Juden Christen seien; es ist zu esse ein eos zu ergänzen. , und der Hof war semitisch, war judenfreundlich. Eine fast 96 wohlwollende Duldung herrschte. Schon Julia Domna hatte dereinst ihrem Sohn Caracalla in Lyon eine christliche Amme gegeben, und Christen in der Palastbedienung waren schon nichts Ungewöhnliches; sogar sein kaiserliches Hausgut ließ Caracalla von einem solchen verwalten Aurelius Prosenes, der hernach auch sogar a cubiculo Augusti war; vgl. CJL. VI. . Daher eben jetzt der Beginn des Kirchenbaues, von dem ich sprach. Man konnte ihn ruhig wagen. Alexander proklamierte die Duldung sogar ausdrücklich. Wegen eines Bauterrains lag die christliche Gemeinde mit der Innung der Speisewirte oder Garköche Roms in Streit; die Sache kam an die höchste Instanz; Alexander sprach es der Gemeinde zu; denn sie diene doch immerhin Gott in irgendeiner Weise. Ja, sogar ein Christusbild besaß er schon. Besonders verehrte Idealmenschen stellten die reichen Römer gern in ihrer Hauskapelle (Lararium), einer Art Walhalla, auf; so standen im Lararium Alexanders neben Mark Aurel und anderen Kaisern auch der alte Sänger Orpheus, dann Apollonius von Cyana, der schon Julia Domnas Herz gewonnen hatte Caracalla baute dem Apollonius von Tyana ein Heroon; s. Dio 77, 18, 4. , aber auch Christus und Abraham. Für den Freund der Religion ist dies eine unendlich wichtige Kunde: Christus wurde damals bereits plastisch dargestellt; gewiß auch in den Kirchen; es gab also bereits einen Christustyp Die Nachricht zu verdächtigen, fehlt jede Berechtigung. In bezug auf die Erwähnung der Kaiser, des Orpheus, des Apollonius ist sie völlig glaubhaft und sachgemäß; also müssen wir auch die Mitteilung über Christus und Abraham annehmen. Wer diesen Teil der Nachricht verwirft, muß sie ganz verwerfen; ein Abbröckeln ist unmethodisch. Welche Bedeutung der Gestalt Abrahams, der Christi nahezu gleichwertig, in der Entwicklung des »Gottesstaates« zukam, zeigt Augustins Civitas Dei (oben S. 383 ). Diese Auffassung muß älter sein; vgl. Justin, Apolog. 1, 46. Begann doch damals auch schon in der christlichen Chronographie die ganze Zeitrechnung mit Abraham; man zählte Jahre Abrahams; denn von ihm ging auch die ganze nichtjüdische Geschichte aus; vgl. 1. Mose, 12, 3. Daher wird also auch im Lararium des frommen semitischen Kaisers Abraham neben Christus gestellt. Übrigens hat man passend verglichen, was Augustin De haeresibus III, 7 von einer Frau erzählt, die in einer Kapelle die Bilder Jesu und des Paulus neben denen Homers und des Pythagoras verehrte. . Es folgt daraus aber auch, daß der junge Monarch die Evangelien schon gelesen haben muß. Um das Jahr 250 n. Chr. zählte die Gemeinde Roms wohl schon an 30 000 Gläubige Sie hatte damals einen Klerus von 155 Angestellten, eine Armenversorgung von 1500 Seelen; s. Harnack, Die Mission II³, S. 255. . Und nun trat auch das christliche Gelehrtentum auf. Ein großes Licht war damals ein gewisser Julius Africanus, ein reicher Herr, dabei Christ, der in Palästina lebte. Der Mann schrieb eine epochemachende Chronik, Geschichtstabellen, in denen er zum erstenmal die biblische und jüdische Geschichte mit der Profangeschichte verband und alles nach Jahren ordnete: ein unentbehrliches Werk. Ein weiteres Werk, das rein weltlicher Wissenschaft diente, widmete er geradezu dem Alexander, der das annahm. Mehr noch: eine ganze Bibliothek nahm der Kaiser von ihm als Geschenk an und ließ sie öffentlich aufstellen Es handelt sich um das Pantheon in den neuerbauten Bädern Alexanders, das dieser Julius Africanus zusammen mit der Bibliothek stiftete; vgl. Oxyrhynchos Papyri Nr. 412. . Aber auch 97 der Bischof Roms selbst näherte sich schon unverlegen dem Hofe. Unter den Augen Mamäas entspann sich in der Stadt damals offener Kirchenstreit. Auf den Bischof Zephyrinus war Callistus gefolgt, derselbe, nach dem die Callist-Katakomben heißen. Man beschuldigte ihn, nur durch List und Ränke habe er den Bischofstuhl erworben, und als sein Ankläger trat nun einer der gelehrtesten Christen auf, der sich gleichfalls Bischof Roms nannte; also ein Gegenpapst. Er hieß Hippolytus . Callist behauptete, das katholische Prinzip, die unitarische Kirche zu vertreten. Hippolyt fiel über ihn her in seinem großen Werk »Gegen die Sektenbildungen«. Das Geräusch dieses unschönen Streites mußte auch an den Hof dringen. Aber Hippolyt ging weiter; ein Sendschreiben richtete er an Mamäa selbst, worin er sie über die Auferstehung des Fleisches belehrte, und veröffentlichte dieses Schreiben. Das Interesse der umsichtigen Frau war sichtlich geweckt. Sollte sie die neue Lehre nicht zur Hofreligion machen, da die Einführung des Sonnendienstes so kläglich gescheitert war? Als sie nach Antiochien kam, tat sie den großen Schritt; sie zitierte den Origenes vor sich. Es kam zur mündlichen Auseinandersetzung zwischen der Kaiserin und dem ersten Führer der Christensache. Es war ein Religionsgespräch wie in Luthers Zeit und historisch ewig denkwürdig, die Begegnung Mamäas mit Origenes. Sie ließ den gelehrten Herrn mit militärischem Geleit aus Alexandria holen; sie wollte ihn hören. Der Greis, zugleich Philosoph und Philologe, hatte die ganze Geistesgeschichte des Griechentums und Judentums studiert und übertraf noch den Hippolyt, ja, ohne Frage auch alle heidnischen Größen der Zeit an profundem Wissen. Als Haupt einer großen christlichen Gelehrtenschule zog er Christen und Heiden an, beeinflußte gerade auch die gebildeten Kreise im weiten Orient, und niemand hat durch Wort und Schrift so viel für die Weltpropaganda getan wie er. Ein großes Schreiberbureau mit Kopistenpersonal diente ihm. Er ist es, der die große kritische 98 Textausgabe des griechischen Alten Testaments gemacht hat, indem er zur Kontrolle des Wortlauts sechs Textfassungen nebeneinander stellte (die Hexapla). Auch seine Heiligkeit war groß. Als junger Mensch war er so weit gegangen, sich entmannen zu lassen, weil er im Matthäus 19, 12 las, dem Entmannten komme der Himmel zu. Jetzt trat er als gewiegter Weltmann, ein Mann des feinen Tones und der klugen milden Rede, ohne den gellenden Fanatismus der Zeloten, über die Schwelle des Serails der Kaiserin selbst. Wüßten wir nur, was sie da redeten! Die Weltgeschichte hing an ihren Worten. Vor kurzem hatte Celsus sein berühmtes Werk gegen die Christen und Origenes wiederum gegen Celsus seine berühmte Verteidigung geschrieben. Redete Origenes zur Mamäa wieder von der Auferstehung? sprach er vom Wort, das Fleisch ward unter uns? forderte er gar Beseitigung der Gottesbilder? und fuhr ihm Mamäa mit all jenen Gründen, die die Klugheit eingab, dazwischen, ein sophistisches Geplänkel? »Ihr sagt, man dürfe Gott nicht abbilden, und sagt doch auch, daß Gott den Menschen nach seinem Bilde schuf, setzt also selbst ein Bild Gottes voraus, ihr Toren! Und in sieben Tagen soll euer Gott die Welt geschaffen haben? wie einfältig! Ehe Sonne und Mond waren, gab es noch keine Tage und Nächte. Und Christus wollte die Menschen selig machen? warum kam er dann so spät? Was haben Sokrates, Solon und Homer, die vor Christus lebten, verbrochen, daß sie nicht auch mit erlöst werden sollen? Und die Vergötterung des Menschen Jesus, ist sie etwas anderes als die des Antinous, die unser Kaiser Hadrian beschloß? Vgl. Keim, S. 402. Über die Antinous-Religion s. Röm. Charakterköpfe, 5. Aufl., S. 302 ff. Wer den einen verwirft, muß beide verwerfen. Die Auferstehung des Fleisches ist ein fleischliches Begehren. Plato lehrt: nur die Seele soll auferstehen; denn nur sie ist Gottes Werk, der Menschenleib dagegen ist Erde und nicht besser als der der Fliege und Fledermaus; er ist also ein Hindernis der Unsterblichkeit, und wir müssen ihn loswerden. Überhaupt aber wißt ihr Christen selbst nicht, was ihr glaubt; denn gestehe nur: jede Sekte lehrt etwas anderes.« 99 Origenes ging. Die Begegnung blieb ergebnislos. Weltstaat und Weltreligion suchten sich und konnten sich noch nicht finden. Und nun trat ein, was das Finden auf lange Zeiten unmöglich machte. Alle politischen Hoffnungen stürzten plötzlich zusammen, und ein neues Chaos sollte folgen. Schon das war ein schweres Unglück, daß im Jahre 228 Ulpian von seinen Prätorianern erschlagen wurde. Der ausgezeichnete Mann forderte Disziplin, und das paßte der verwöhnten Bande nicht. Alexander stand hilflos daneben und deckte die Leiche mit seinem Purpur. Volle zehn Jahre hatte der junge Herrscher des tiefsten Friedens genießen dürfen. Nur zu gern blieb er all die Zeit hindurch in der Hauptstadt, auch als er im kriegstüchtigen Alter stand. Es wäre Pflicht des Imperators gewesen, sich seinen Legionen draußen an den Reichsgrenzen zu zeigen. Nun kam das Schicksal von Osten; es setzte zum Umsturz den Hebel an. Wer konnte den Umsturz voraussehen, der inzwischen im fernen Persien geschah? Das alte parthische Königshaus der Arsaciden wurde gestürzt; die Sassaniden begannen. Artaxerxes, der Sassanide, eroberte sich jene Länder im Jahre 226, und nun regte sich dort ein ganz neuer, stoßkräftiger Geist, der Plan, das Perserreich des alten Kyros, Darius und Xerxes in seiner ganzen Größe zu erneuern: Europa den Römern, Asien den Persern! Trennung von Europa und Asien! Ohne Zaudern überflutete Artaxerxes plündernd mit seinen Scharen das ganze römische Syrien, drang in Kleinasien ein; sein Plan war schon halb verwirklicht. Die Bestürzung war groß. Krieg! welch unbehagliches Wort! Alexander versuchte, den bösen Feind erst durch edel tönende Briefe zu begütigen, die ihm die Mutter diktierte. Es half nichts; er mußte aus den Reichsländern ein starkes Heer zusammenziehen, er mußte ins Feld. Ihm stürzten die Tränen, als er aus Rom ging; alles weinte. Der römische Feldzugsplan war gut; von drei Seiten stießen drei Heere nach Persien vor. Aber während die erste und 100 zweite Armee wirklich kräftig vordrangen und sich exponierend dem Feind zum Kampf stellten, blieb die dritte Armee, die Alexander selbst führte, weit zurück, und so geschah es, daß die beiden anderen, ohne Deckung von Süden her, schließlich erlahmten, dezimiert, ja, vernichtet wurden. Seit den Cimbern und Teutonen hatte Rom nicht solche Katastrophe erlebt. Warum ging Alexander nicht vor? Seine Mutter war bei ihm; sie war kein Feldherr; der Sohn hing gleichsam an ihrer Schürze, und die Verachtung seiner Legionen traf ihn mit Recht. Es galt wieder mit vollen Händen Geld zu streuen, um die rabiate Stimmung zu dämpfen. Alexander der Große hatte einst als Jüngling ganz Persien im Sturm überrannt; dieser Kaiser, der sich nach ihm nannte, wagte den Fuß nicht über die Grenze zu setzen. Immerhin aber hatte doch auch der Feind schwere Verluste gehabt; die Angriffe stellte Artaxerxes vorläufig ein, und so konnte Alexander sich doch eines Erfolges rühmen. Aber als er eben seinen kärglichen Triumph feierte (im Jahre 233), setzte das Schicksal schon den zweiten Hebel an. Die Germanen standen auf. Sie hatten von dem allen Kunde und bedrohten die Alpenübergänge nach Italien von der Donau her, sie bedrohten den Rhein. An den Rhein eilte Mamäa, die unermüdliche, in tiefen Sorgen mit ihrem Sohne. Die Syrerin wollte jetzt mit Germanen kämpfen; aber sie war keine Amazone, keine Penthesilea. Gold bot sie den Barbaren, um den Frieden zu erkaufen. Dann setzte sie ihre Hoffnung auf die Bogenschützen, die sie aus dem Orient mitgebracht hatte; denn auf den Fernkampf mit dem Pfeilschuß war der Draufgänger, der Nordländer nicht eingeübt. Übrigens aber mußte eine ausreichende Armee doch erst noch geschaffen, junge Mannschaften erst noch einexerziert werden, und Alexander betraute einen gewissen Maximin damit. Der Hüne Maximin war allerdings ein Kernsoldat; es war ein roher Kraftmensch halb deutscher Herkunft, sein Vater angeblich ein Gote. Der aber gewinnt nun sogleich das Herz der 101 Truppe. Die Leute erkannten: das ist der Mann, den wir brauchen! und sie warfen ihm den Purpur um. Maximin zaudert erst, völlig überrascht, aber er fügt sich; er wirft das Zeichen der Herrschaft nicht ab und führt seine Leute schnell entschlossen im Aufruhr gegen das kaiserliche Zeltlager: er oder ich! einer kann nur Kaiser sein. Eilboten kommen zu Alexander, ihn zu warnen; der steht wie gelähmt; man sah ihn weinen. Das Militär, das ihn umgibt, ist noch treu; er versichert sich ihrer Treue und gelobt demütig: »wenn ich schlecht regiert habe, will ich mich bessern.« Die Nacht vergeht. Schon zeigen sich Staubwolken. Es ist Maximin, der in der Frühe drohend herannaht. »Nun also zu den Waffen, Soldaten!« ruft Alexander. »Habt Mitleid und Erbarmen; was zaudert ihr?« Das war nicht der rechte Ton. Die Soldaten wollen nicht. Sie rufen: »Deine Mutter ist an allem schuld, die in ihrer Knickerei nicht ordentlich zahlt; nicht ein einziges Mal habt ihr uns über den Sold hinaus beschenkt. So gib du uns deine Vertrauten heraus, die üblen Ratgeber, die an allem schuld sind, daß wir sie umbringen.« Da ist schon der Vortrupp Maximins heran; Getöse und Geschrei. »Verlaßt doch das Muttersöhnchen,« rufen sie, »den weibischen Menschen!« und Alexanders Mannschaften heben die Feldzeichen und gehen wirklich zu Maximinus über. Zitternd hockt der Verlassene mit seiner Mutter im Zelt und erwartet den Ausgang, und es ging rasch: ein Tribun mit etlichen Centurionen dringt mit gezücktem Messer ein und tötet ihn, tötet erbarmungslos auch die Mutter und was an kaiserlichem Personal sonst noch erreichbar war. So war es geschehen. Die Dynastie des großen Severus war nun doch vernichtet, alle Verheißungen eitel. Die Sterne hatten doch getrogen. Frauenlist, Blut und Ränke, selbst das ehrliche Streben des letzten schwächlichen jungen Kaisers waren umsonst. Julia Domna, Soämias, Mamäa, alle drei Kaiserfrauen starben gewaltsam. Jetzt herrschte zum ersten Mal 102 ein Halbgermane, der Rom mutmaßlich nie gesehen hatte, ein rechter Barbar, und er begann sein Regiment sogleich nicht allein mit blutiger Verfolgung aller Anhänger Mamäas, sondern auch mit einer großen Christenhetze. Das ist bezeichnend; die Christen waren Mamäas Verehrer, sie waren ihre Begünstigten gewesen. Jetzt stand wieder einmal alles in Frage; denn auch Maximin hielt sich nicht in seiner Macht. Das stark gebaute römische Staatsschiff ergriff ein Wirbelsturm, wie es noch keinen erlebt hatte. Wird es nicht kentern? Die Planken krachen, die Segel flattern zerfetzt am Mast. Von Osten her stößt der Sassanide, vom Norden die wachsende Macht des Germanentums, und der Mann am Steuer fehlt. Bald dieser, bald jener sucht es zu fassen, wird vom Orkan weggefegt und verschwindet. Unsicher wandert das Kaisertum von Hand zu Hand. Christen und Heiden spähten nach einem neuen Severus aus. Wann würde er sich finden? Mamäa aber zählen wir trotz allem zu den großen Frauen der Weltgeschichte. Denn nach den Anklagen der Soldateska dürfen wir sie nicht beurteilen. Hochragend überlegen steht sie über ihren Zeitgenossen. Mit Weitblick und bewunderungswürdiger Stetigkeit hat sie die Reichspolitik des Severus weitergeführt, sein Erbe zum Wohl des Ganzen zu retten gesucht. Nicht nur Familienehrgeiz trieb sie; die Sorge der Menschheit hat sie in ihrem Busen getragen. Aber sie war kein Mannweib, keine Isabeau; sie war nur eine Frau und die Tragik ihres Lebens, daß sie einen Schwächling und keinen Helden gebar. 103     Diocletian Es beginnt die zweite große Offensive des Germanentums gegen das Reich, die im 3. Jahrhundert geschah und eine Zeit des Leidens und der Zerrüttung nicht nur über Rom, sondern auch über die Angreifer, die Germanen, brachte. Es gelang schließlich den Kaisern Aurelian und Probus, das Reich noch einmal neu zu festigen und mit der Glorie der Unüberwindlichkeit aufs neue zu umgeben. Zugleich setzt aber auch der Versuch ein, das Reich in Ländergruppen zu zerlegen, deren jede für ihre Sicherheit selbst zu sorgen hat. Die Katastrophe, die bevorstand, wurde dadurch noch einmal um hundert Jahre hinausgeschoben. Das weite Barbarenland zwischen Rhein und Weichsel schüttete jetzt also seine Völker aus wie ein Gefäß, das siedet und überläuft. Auch am rechten Rheinufer beherrschte Rom bisher weite Territorien, das schöne Neckarland, auch Wiesbaden und das Hinterland des Taunus bis nach Friedberg hinein, ja, auch die Emsgegend im Norden. Das dortige Fischervolk der Friesen kämpfte mit dem wilden Meer, der Nordsee, der Mordsee; das war ihm Kampfes genug; die Oberherrschaft Roms, das seine Abgaben forderte, duldete es bisher, da niemand ihm half. Das alles ging jetzt für Rom verloren. Die Grenzbarriere wurde eingerannt, als wäre sie ein Lattenzaun. Wohin waren die stolzen Zeiten, wo Drusus Borkum erstürmte, Tiberius seine Flotte bis zum Kap Skagenhorn warf? Köln und Mainz selbst waren nun bedroht; Rom mußte sie neu und stärker befestigen. Der Germane spähte vom anderen Ufer drohend herüber. Tacitus hatte die Germanen noch mit scheuem Interesse angestaunt, wie man in der Menagerie den Tiger durch das Gitter bewundert; auch für sein internes Leben, sein Familienleben hatte er Sinn und Auffassung gehabt. Von jetzt an ist der Deutsche nur gehaßt und gefürchtet. Warum stürzen sich die Deutschen in den Kampf? Kein römischer Schriftsteller fragt nach den Gründen; sie sind nur die Räuber und Plünderer, nur Bestien; das genügt. Der römische Kaufmann, der in früheren, friedlicheren Zeiten 105 durch das freie Germanien fuhr (er drang oft bis zur Elbe, bis zur Spree und zum kurischen Haff), konnte allerlei Günstiges berichten Es sei hier dankbar an die Schilderung Gustav Freytags, Bilder aus der deutschen Vergangenheit Bd. I, S. 27 ff. erinnert. . Im Gegensatz zu Italien, dessen Entwaldung schon damals begann, schien ihm dies Land in seiner unermeßlichen Weite in Wäldern zu ersticken. Vom Taunus her wollte der Händler etwa die Lahn aufwärts; aber er fand das Flußtal versumpft und überschwemmt, und von den Berghöhen bis tief zum Flußbett hinab stand der Urwald mit seinen schweren Eichenwipfeln (die Eiche liebt den nassen Grund). Nur über die Höhen trug den Reisenden die primitive Straße durch Ackerland, das ihm karg schien; es gab da vielleicht nur Feldgraswirtschaft. Da lagen auch die Dörfer, die Siedelungen. Es war nichts als ein Bauernvolk, diese Germanen. Die Häuser und Höfe standen am Wege verstreut weit auseinander, wie es heute noch an der Weichsel, am Bug und am Njemen bei den Slawen ist. Auf den Hecken und Wiesen blühten dieselben Blumen wie heute; die Mädchen schmückten sich damit, und die Bienen flogen darüber und gaben Honig, daraus die Frauen den Met bereiteten. Auf den Äckern sah der Wanderer die Frauen hinter dem Pfluge; die Haussklaven waren mit am Werk. In den Wäldern trieb das Vieh sich weidend herum. Die Männer schwangen den Hammer in der Schmiede, sie bauten Wagengestelle, die Fachwerkhäuser und Stallungen. Unter der Hand des Böttchers dröhnte das neue Faß. Das Horn des Jägers hallte, wenn er heimkam mit der Beute. Dann saßen die Männer zur Abendrast in der Flurhalle, wo der Herd stand, auf den Bänken, und die Hausfrau kam und schenkte aus der Holzkanne Bier oder Met. Man ehrte sie und dankte ihr. Rauher Gesang erscholl und lärmende Wechselrede; sie sprachen von Jagd und Fehde und zeigten ihre Narben. War Festtag, so sah der Fremde die Waffentänze der Jungmannen und staunte über die ausgelassene Heldenkraft; der Fürst selbst kam und tat den Sprung über sechs Rosse. War Winter, so fuhren diese Barbaren auf ihren Holzschilden die steilen Schneeberge hinab. Jeder Mann war Krieger; es gab 106 nur Landwehr, Landsturm; das höhere Kriegswesen wurde erst später im Großkampf den Römern abgelernt. Mit dem Häuptling des Dorfes trieb dann der Kaufmann seinen Handel, kaufte Wolle und Gänsefedern, Felle, Honig und Schinken in Massen ein, gelegentlich auch Bären und Elche, die da lebend für die Arena der Römerfeste gefangen wurden. Der Händler bot dafür Südwein und allerlei feine Römerware; denn das römische Geld nahm der Deutsche nicht allzu gerne. Ein Landgebiet wie das der Cherusker oder der Chatten zerfiel in Distrikte oder Gaue; jeder Gau zu mehreren Dorfschaften. Jeder Gau wählt aus den Reicheren sich seinen Häuptling und Vorfechter; die Häuptlinge traten zum Volksrat zusammen. Der römische Fremdling sah mit Staunen, wie da bei der Beratung das Trinkhorn umging, als ob erst der Trunk die Gedanken löste. War heiliger Tag, so sah er den Priester oder die Priesterin heraustreten und das Volk von allen Seiten pilgernd hinausziehen in den dunklen Hain, wo Nerthus oder Wodan, dessen Geist in den Eichenwipfeln rauschte, verehrt wurde. So bot schon der Gottesdienst den verstreuten Dorfschaften einigen Zusammenhalt. Kamen aber Schicksalsfragen, so traten alle freien Wehrmänner, das ganze Volk in Waffen, zur Volksversammlung an. Es war eine große Bauerndemokratie. Sollte es Krieg geben? Es war Not im Land. Die Volksernährung zwang wieder einmal zum Kampf, um Salzquellen oder gar neues Land zu gewinnen. Das war es, worum lange Zeit die Germanen unter sich kämpften; es ging um die Salzquellen, um neuen Ackergrund. Die Not trieb; man wollte leben. Die Frage liegt nahe: warum rodete man, wenn es an Ackerland fehlte, die vielen Wälder nicht mit Axt oder Feuerbrand? Weil der Urwald der sicherste Schutz des Landes war gegen jeden Nachbar. Man denke, welch schützende Rolle der wilde Argonnenwald noch jetzt im Weltkriege der letzten Jahre in Frankreich gespielt hat; er war wie Panzerung. Die Dörfer ließen sich nicht in Festungen verwandeln. Kam der Feind, 107 rettete man sich und seine Habe rasch in das Dickicht. Es war undurchdringlich. Ewig berühmt darum der Teutoburgerwald. Daher hausten auch die Germanengötter, die Landesschützer, in den Wäldern. Es war wieder einmal Mißwuchs; die Scheuern leer; auch Viehseuche; dazu Übervölkerung. Die Gemeindeflur ernährte das Volk nicht mehr. Man wollte nicht Hungers sterben. Heute ernährt sich Deutschland, wenn es vom Feinde blockiert wird, mühsam ohne Import durch Rationierung des Brotkorns; das war damals nicht möglich. Der Volksting beschloß: Auswanderung! ein Drittel des Volkes hinaus! Wohl hundert Mal ist das geschehen. Anfangs war es ein Völkerschieben im Kleinen und innerhalb der deutschen Grenzen, nur Stamm gegen Stamm; bald aber kamen mächtigere Scharen ins Wandern, zu zehntausend Köpfen und mehr, und sie drängten lawinenhaft immer weiter dem Westen und Süden zu, an die römischen Grenzen. Ob die Heimatliebe, das Heimweh, dieser tief klingende Grundton im Gefühlsleben, damals den Germanen noch fremd war? Gewiß nicht. Das Leben war hart und herbe; man mußte eben über den Schmerz hinweg, wenn die ganzen Familien sich losrissen zu hunderten, den schwerfälligen Wagen wie die Zigeuner bestiegen, ihn mit dem notdürftigsten Hausrat belasteten und die ererbte Hofstelle räumten auf Nimmerwiedersehen. Aber niemand spricht uns hiervon. Man malt sich gemeinhin nur das Ungestüm der Männer aus, die wild und trotzig oder heldenhaft und froh ins Unbekannte stürmen. Die Jugend wirft sich frohlockend in die fremde Gefahr, in die Weite der Welten. Es kommt nicht darauf an zu leben, sondern zu erleben! Aber in Wirklichkeit fehlte bei solchem Auszug der Sturmschritt; es ging langsam genug auf den Bergstraßen vorwärts wie die Schnecke, die ihr Haus mit sich trägt. Man erbat zunächst vom Nachbarvolk friedfertig Platz zur Siedelung. Erst wenn er verweigert wurde, kam es notgedrungen zum Kampfe um Sein und Nichtsein. Von der Wagenburg her spähten dann Weiber und Kinder drangvoll in die Schlacht. Mitten ins 108 Schlachtgewühl trugen die Frauen Speise und verbanden die Wunden. Auch fehlte die Seherin nicht, die da wie ein höheres Wesen Rat gab, da sie mystisch geheimnisvoll um den Willen der Götter wußte. Es war natürlich, daß aus der stark demokratischen Volksmasse der Stand des Landadels hervorwuchs; es waren die Reicheren und Weltkundigeren; die begabten Führer und Häuptlinge; aus ihnen sind schließlich die Könige der Deutschen erwachsen. Je größer die politischen Aufgaben wurden, je einflußreicher wurden im Volk die großen Naturen und starken Tatmenschen. Schon Tacitus weiß es: solcher Mann umgab sich mit einer Gefolgschaft von Dienstmannen aus der freien, jungen Bauernschaft, die ihm schlechthin gehorchten, Treue schworen, für ihn das Leben ließen. In der Hoffnung auf große Taten drängten sie sich an ihn, und so wuchs seine Macht. Dann siedete das Blut; es kam der Trieb nach Abenteuer und Wagnis, nach Raub und Beute; denn es galt die Mannen zu lohnen. Solch Auszug war alsdann nicht Wanderzug, sondern Streifzug, wild, plötzlich und rasch. Das alles bewegte sich zunächst noch in engeren Verhältnissen. Im Verlauf des dritten Jahrhunderts aber nahm es ganz andere Dimensionen an. Die Heimat, wie sie damals war, ermöglichte keine Hochkultur, nach der das Volk ohne Zweifel triebhaft verlangte und zu der es berufen war. Auch heute steht es mit Deutschland so; ist es blockiert und ganz auf sich gestellt, wird die Ernährungslage verzweifelt. Damals fehlte es an planvollem Bergbau noch ganz, und das Eisen war eine Kostbarkeit. Wenn es heißt, die Germanen schmiedeten im Krieg ihre Sicheln in Schwerter um, so ist das keine dichterische Redensart, sondern Wirklichkeit. Es geschah aus Not, aus Sparsamkeit mit dem Metall. Nun entstanden im Westen, gegen den Rhein hin, drei neue deutsche Völker, die Alemannen, die Franken, die Sachsen. Aus kleinen Einzelstämmen waren sie zusammengeballt: die Alemannen aus Stämmen südlich des Main; die Franken aus Chatten, Ampsivariern (Emsanwohnern) und 109 Chauken; die Sachsen aus den alten Reudignern, Barden Bei Bardowiek. , Chasuariern, Angrivariern. Diese alten unbequemen Namen stehen bei Tacitus; sie sind von jetzt an fast verschollen. Nur dringendste Not, nur ganz große Ziele konnten es bewirken, daß Dutzende von deutschen Stämmen damals ihr Wesen, ihre Eigensucht so preisgaben, um eine neue große Volkskraft zu bilden. Aber auch führende Männer erster Ordnung müssen dabei tätig gewesen sein, von Bismarckscher Intelligenz und Willenskraft. Im Köcher Germaniens steckten fortan diese drei Völkerpfeile; aber nicht nur sie. Rom sollte es spüren: der Köcher Germaniens war mit Pfeilen überfüllt. Der Koloß des römischen Reichs war indes immer noch stark und widerstandsfähig genug. Der fürchterliche Maximin , der Barbar, der Hüne, schlug sogleich, als er Kaiser geworden, die Alemannen mächtig aufs Haupt und verfolgte sie weithin über den Rhein (im Jahre 236). Er schickte große Gemälde, Jahrmarktsbilder, prahlerisch nach Rom, die diese seine Siege darstellten. Aber der verhaßte Mann wurde bald umgebracht, und wieder erhob sich die Frage: woher jetzt in aller Welt einen Kaiser nehmen? Die Frage war niemals dringender als jetzt. In allen Ecken des Reichs erstehen jetzt Usurpatoren oder »Tyrannen«; sie hängen sich den Kaisermantel um und werden ermordet; sie prägen Münzen, stellen ihre Büste in die Tempel und sind nicht mehr. Sie gleichen den Pilzen, die keine Wurzel haben, keinen Wipfel treiben, emporschießen und vergehen. Blicken wir auf die nächsten dreißig Jahre, so regnet es jetzt also auf einmal Kaisernamen: die afrikanischen Gordiane, die Italiener Maximus Pupienus und Balbinus, der Araber Philipp, weiter Decius, Gallus und Aemilian, Postumus, Ingenuus, Aureolus, Marius, Macrianus und so fort. Ihre Namen sind wie Etiketten auf leeren Flaschen; wir wissen kaum etwas über sie; ihre Biographien sind leer. Die meisten von ihnen tun sich irgendwo in den Provinzen auf, z. T. Soldaten mit obskurster Herkunft: Aureolus war Roßhirt, dann Stallmeister, Aurelius Marius Schmiedegesell. 110 Neben ihnen war es der vornehme Valerian und sein Sohn Gallienus , die durch fünfzehn Jahre (253 bis 267) die Zentralgewalt mit Rom als Hauptstadt gegen die anderen Prätendenten zu behaupten suchten. Der brave Valerian wurde jedoch bald (im Jahre 260) von den Persern lebendig gefangen und starb schmählich in Gefangenschaft (die größte Schmach, die Rom je erlebte). Gallienus aber war lässig und verzettelte seine Hilfskräfte. Er ist immerhin keine uninteressante Figur, der letzte großmächtige Ästhet auf dem Thron, schwelgerisch genußsüchtig wie Verus und Commodus, ruhmestoll So ließ er eine Kolossalstatue seiner Person aufstellen mit einer Lanze, deren Schaft so groß und stark, daß ein Kind darin emporsteigen konnte. Aber die Statue wurde nicht fertig. , dazu eleganter Dichter, Leckermaul und Witzbold. Als ein Stierkämpfer den Stier, gegen den er focht, zehnmal vergebens abzustechen versuchte, ließ Gallienus ihm den Siegeskranz mit der Begründung reichen, es sei eben eine unerhörte Leistung, so oft vorbeizutreffen. Es war, als ob das Staatswohl nach seiner Meinung darin bestehe, daß die Stadt Rom ihre Tierhetzen und Theatervergnügen habe Vita Gallieni 14, 5. . Kamen böse Nachrichten, so lachte er dazu mit irgendeinem flotten Witzwort, bis die Not ihn denn doch wirklich zwang, zu kämpfen. Dabei war er aber auch mit dem Philosophen Plotinus befreundet, dem tiefsinnigen Neuverkünder der Platonischen Religion, die das Jenseits der Ideen, des Schönen und Wahren und alle Himmel erschloß. Was nützte das in diesen harten Zeiten? Es ist dies eben die Zeit, wo etliche der Reichsländer sich wirklich zum ersten Male politisch verselbständigt haben. Die Truppen machten es. Ägypten wählte zeitweilig seinen eigenen Kaiser, ebenso das Donauland und so fort. Das bedeutsamste ist, daß Frankreich, das wichtigste Land Westeuropas, damals fünfzehn Jahre lang unter seinem eigenen Monarchen Postumus und dessen zwei Nachfolgern Victorin und Tetricus für sich bestanden hat In den Jahren 258–267. ; aus eigener Kraft gelang es dem Lande so, sich der Invasion der bösen Franken und Alemannen zu erwehren. Dieser Postumus ist also der erste Kaiser Frankreichs gewesen; es war ein trefflicher Fürst und das romanisierte Gallien gesichert und glücklich, so lange er herrschte. 111 Aber auch mit Asien ging es nicht anders; der ganze römische Orient (die asiatische Türkei der Neuzeit) drohte eben jetzt sich völlig loszulösen; das morgenländische Reich der märchenhaften Königin Zenobia bereitete sich dort vor. Mit Recht hieß es damals, die Namen der nützlichen Kaiser sind so wenige: man könnte sie in einen Fingerring eingravierenVita Aurelians 42, 5.. Dem Kaiser Philipp, dem Araber, fiel es zu, im Jahre 248 das tausendjährige Bestehen Roms zu feiern. Welch irrsinniger Zufall! Es gab da die üblichen Tiger und Leoparden in der Arena, ja, auch Nashörner und Giraffen. Ein Semit, ein arabischer Wüstenhäuptling feiert da das Andenken des Romulus und Remus Er war es auch, der das Aufhören der Akten der Arvalbrüder veranlaßt zu haben scheint; s. Wiener Studien 40, S. 39 f. ! Keiner der Männer hatte leitende Ideen; es war nichts Aufbauendes mehr bei ihnen zu finden Es herrschte die ignorantia rerum publicarum , Vita Aurelians 43, 1. . Eine Ausnahme macht nur der heldenhafte Decius; er leitete planvoller und sinnvoller, als es der rohe Maximin getan, eine allgemeine Christenverfolgung ein, in der Erkenntnis, daß es hohe Zeit für das Kaisertum sei, sich endlich mit der Macht der Bischöfe auseinanderzusetzen. Vielleicht wäre es damals, im Jahre 250–251, noch geglückt, ihre Macht im Reiche zu entwurzeln. Der rasche Tod des Decius verhinderte die Durchführung, und alsbald erließ Gallienus wieder ein allgemeines Toleranzedikt. Der Bürgerkrieg herrschte; das war der Inhalt der Zeit; ein Kaiser zog gegen den anderen. Vor allem mußte Gallienus, so unbequem es ihm war, von Rom aus die vielen Sonderherrscher wegzuräumen versuchen. Er tat es nicht ohne Talent; aber er imponierte keinem. Wenn da nun die Kaiser im weiten Reich wider einander zogen und vereinzelte Schlachten schlugen, so war das nicht das schlimmste; die Menschheit ist zäh und hat schon Schlimmeres überdauert. Auch in der Neuzeit hat Europa den spanischen Erbfolgekrieg (1701–1714), ja, es hat die zwanzigjährige Leidenszeit der schlachtenreichen Napoleonischen Kriege (1792–1813) bewunderungswürdig schnell verwunden. Aber die Perser, vor allem die Germanenvölker gaben acht; sie hörten vernehmlich 112 das Bröckeln, das Krachen, die schweren Risse im römischen Riesenreich und begriffen: jetzt war es Zeit. Die deutsche Offensive konnte beginnen. Auf einmal taucht in der Weltgeschichte der Name der Goten auf. Tacitus wußte noch nichts von ihnen. In Schweden liegt heute noch Gotland; da hatte der Stamm ursprünglich gesessen. Nun war er im Vordringen, wachsend und wachsend, von Polen und Westpreußen aus durch langsame Schiebung allmählich südwärts bis nach Beßarabien, Rumänien und bis zur Donaumündung gelangt (um das Jahr 250). Der Hunger trieb auch sie. Solch Volk gleicht der Herde in den Prärien, die langsam weidend vorrückt und das Abgegraste hinter sich läßt. In gleicher Weise schoben sich damals aus dem Norden auch andere Stämme, die Langobarden, die Burgunden, langsam vor; die letzteren kamen von den Ostseeinseln (Bornholm ist Burgundaholm). Es war auch hier immer nur ein Teil des Volkes, der wandert. So also auch die Goten und Rugier. Von der Bernsteinküste der Ostsee, vom Baltikum, waren sie z. T. auf den Straßen, die auch die römischen Händler benutzten, wenn sie den Bernstein suchten, bis an das ferne Schwarze Meer gekommen. Die Balkanhalbinsel lag wehrlos; sie werfen sich über den Balkan in die weiten Fruchtgefilde von Saloniki. Im Kampf gegen sie fiel damals Kaiser Decius. Da setzen auch schon die Franken über den unteren Rhein, überfluten Frankreich und dringen, da niemand sie hemmt, bis zur Garonne, ja, weiter über die Pyrenäen nach Spanien. Auch die Alemannen packt die Gier, sich im wehrlosen Leibe des Römerreichs festzubeißen. Vom Bodensee her steigen sie über die Hochalpen, stehen vor Mailand, belagern Ravenna, das Venedig des damaligen Italiens. Rom selbst zittert und bangt. Seßhaft wurden sie nicht; sie mußten zurück, aber der Germanenschreck blieb gleichsam im Lande. Indes saßen die Goten schon an der Krim, wo damals noch die griechische Hochkultur in vollster Blüte stand. Wie reich sind heute die Museen Südrußlands an griechischen Funden! Der 113 Bosporus kam in die Hand der Wilden; das Meer lockte; sie wurden plötzlich Seefahrer Die Not lehrt auch den Hasen übers Meer laufen, sagt der Italiener. und warfen sich in die Korsarenschiffe, die dort in den Häfen lagen (es waren schwache, flach gebaute Boote; die Seitenwände nur Weidengeflecht, das man mit Erdharz verpichte); nur etwa dreißig Mann in jedem Schiff. Von Phasis aus, der Heimat der Medea, die einst nach der Sage das erste Schiff der Argonauten gesehen hatte, steuerten sie im Fluge 56 Meilen quer über das Schwarze Meer, wohin? nach Trapezunt. Sie wußten, Trapezunt war die üppigste Handelsstadt. Sie lag im tiefsten Frieden und wiegte sich in Sicherheit. Jetzt waren die blonden Teufel da, drangen nachts über die Mauer und griffen sich die unermeßlichen Schätze (im Jahre 256). Es war der erste Vorstoß der Deutschen nach Kleinasien. Dann ging es westwärts nach Chalcedon, nach Nikomedien, den Prachtstädten. Denen erging es ebenso. In Ephesus zerstörten sie den berühmten Tempel der ephesischen Artemis. Rastlos gingen ihre Streifzüge. Auch noch zehn Jahre später (264 und 267) haben sie dort gehaust. Aber das stachlige Byzanz zu nehmen gelang ihnen nicht, auch nicht Saloniki. Welch wilde Poesie! Diese Schar fellbekleideter Recken des Nordlands unter den Felsenküsten der griechischen Götter auf tausend leichten Kähnen dahinjagend! Wie anders atmete es sich hier, auf den blauen Wogen der Amphitrite, als auf dem nebelumfangenen baltischen Meer! Sie sahen die klassische Romantik des Olymp, die Ebene Trojas, die Akropolis Athens; sie standen in der Heimat Alexanders des Großen, in Macedonien. Allein sie wollten nicht herrschen, sie wollten nur herrlich leben. Es war ein ungeheures Abenteuer: Jugendglanz im Auge, Zerstörung im Griff; und sie zerstoben, verkamen, und wohl die wenigsten kehrten heim. Hätten die Goten sich in den eroberten Städten festgesetzt, sie hätten Stand halten können. Aber der freie Germane haßte damals noch die Städte, diese Steinhaufen, wie ungeheure Grabkammern und Gefängnisse. Da war nicht ihres Bleibens. Auch war die Beute, die sie machten, ihnen verderblich; so ist es noch später den 114 Germanenschwärmen nur zu oft ergangen. Unüberwindlich ist zuerst ihre Stoßkraft; sie raffen Beute; die Beute belastet sie; der Zusammenhang der Truppe lockert sich. Hier und dort bleiben Haufen zurück; die Zersplitterung schwächt sie, und der Römer hat Gelegenheit, sie endlich zu fassen. So erfocht endlich auch Gallienus über sie einen Sieg. Ja, die kleinen Athener schlugen die Goten sogar in einer Seeschlacht, als ob Themistokles wieder auflebte. Ein Literat und Bücherschreiber mit Namen Dexippus befehligte dabei die athenische Flotte. Es waren eben nur Nachen, auf denen die nordischen Piraten daherfuhren. Wie viele Germanen schon damals im römischen Heere als Söldner fochten, habe ich früher erwähnt. Rom konnte sie nicht entbehren. Trotzdem speit die römische Literatur von jetzt an gegen die sog. Barbaren Ich brauche nach dem Herkommen das Wort »Barbaren«. Man muß sich aber bewußt halten, daß das Wort im Altertum von Hause aus durchaus kein Schimpfwort war, sondern nur den, dessen Sprache man nicht versteht, bedeutete. In diesem Sinne können auch wir das Wort verwenden. Vgl. meinen Aufsatz »Wir Barbaren« in Velhagen \& Klasings Monatsheften 1917, S. 486. nur Gift und Galle, diese Leute, die so unverschämt groß gewachsen und stark sind; man verglich sie mit den wüsten, scheußlichen Giganten, die den Olymp des Jupiter, d. h. den heiligen Göttersitz Rom mit seiner Kaiserburg stürmen wollen. Aber der Glaube stand fest: Jupiter wird den Sieg behalten! – Den Gegner objektiv zu würdigen, dazu fehlte jede Fähigkeit. Angst und Haß machten blind. Es war just so, wie in dem Weltkrieg, den wir jetzt durchlebt haben, wo der Haufe der romanischen und anglisierten Völker sich begnügte, die Deutschen zu beschimpfen, aber ängstlich vermied, die Verhältnisse und Existenzbedingungen des Gegners kennen zu lernen Deutsche Zeitungen und Zeitschriften gelangten z. B. mehrere Jahre lang nicht mehr nach Amerika, die englische Zensur verhinderte das; auch die amerikanischen Bibliotheken erhielten sie nicht. »So sind wir nicht in der Lage unparteiisch zu sein, was den allgemeinen Überblick über die Verhältnisse im Deutschen Reich betrifft«, so schrieb die amerikanische Zeitschrift »Nation« am 8. Juni 1918 (nach Voss. Zeitung 15. Juli 1918). . Die Germanen sengten und plünderten allerdings; aber die edlen Römer machten es ja nicht anders, schon Drusus und Germanicus, die, wenn sie in Deutschland einfielen, die ganze Feldfrucht vernichteten, die Dörfer niederbrannten, Weiber und Kinder töteten; ebenso die Späteren bis zu Kaiser Julian. Ja, auch heute herrscht noch derselbe üble Brauch Ich denke an die Verwüstungen, die die Franzosen zwischen Frankfurt und Mainz im Juni 1919, während des Waffenstillstandes, als schon die Friedensverhandlungen dem Abschluß nahten, begingen. »An den Landstraßen die Bäume abgehauen, um damit die Pferde und Kanonen zu schmücken; Obstgärten und Vorgärten in Dorf und Stadt gleichen verheerten Schlachtfeldern; der Wald bei Nied eine einzige Wüstenei. Korn- und Kartoffelfelder gibt es in dem Gebiet nicht mehr. Mißhandlungen an Personen waren gang und gäbe. So furchtbar hausten die Senegalneger« (Voss. Zeitung 25. Juni 1919). Dies Thema könnte inzwischen noch fortgesetzt werden. . Und warum sollten jetzt also die Germanen nicht versuchen, ihrerseits erobernd vorzugehen und römisches Land zu besetzen? Sie brauchten bessere Daseinsbedingungen, und sie folgten darin wiederum nur dem römischen Vorbild. Auch Rom hatte 115 sich ja genommen, was nicht ihm gehörte, und auch Roms Volk war anfangs bekanntermaßen ein Barbarenvolk wie die Germanen gewesen. Selbst noch kulturlos, unterwarf sich Rom die Kulturvölker, die Etrusker, die Osker, die feinen Griechen Süditaliens; dann legte es voll Habgier unersättlich die Hand auf die Kornkammern Siziliens, Nordafrikas, Ägyptens und wurde so der satte Erbe der herrlichen Kultur, die es von den unterjochten Ländern annahm. Sogar seine Buchstabenschrift lernte der Römer von den Griechen, wie der Deutsche sie hernach vom Römer lernte. Was Rom konnte, können wir auch, so durfte der gewitzte Germane sich sagen. Auch wir erobern uns Land, weil wir es brauchen, und wir erben gelehrig die Kulturgüter, die wir vorfinden und zu schätzen wissen. Das ist das Recht des Stärkeren, vorausgesetzt, daß der Stärkere sich des Erbes würdig erweist. Aber das Gelingen fehlte noch. Rom raffte sich. Roms Größe entfaltete sich noch einmal. Geniale Männer nahmen noch einmal die Führung, zwar keine echten Römer mehr, aber doch beflissene, überzeugte Träger der Traditionen des Trajan und des Severus. Aus dem trostlosen Chaos der Reichswirren, von denen ich gesprochen, taucht langsam und von fern Diocletians überragende Hochgestalt auf, hinter ihm Constantin der Große. Langsam und von fern; erst kamen andere, die ihnen den Weg bereiteten. In der Nähe von Mailand war es; da traten die vornehmsten Generäle der Reichsarmee zusammen und beschlossen, um alle Thronwirren auszuschließen, fortan jedesmal den besten Mann aus ihrem Kreise zum Kaiser zu wählen: ein Konklave wie bei der Papstwahl. Gallienus kämpfte eben damals um Mailand seinen schwächlichen Kampf gegen Aureolus (im Jahre 268); es gelang, sie beide, erst Gallienus, dann auch Aureolus, aus dem Leben zu schaffen, und man erhob nun zunächst den Claudius (Claudius II. genannt) zum Herrscher, von dem wir hören, daß er alle besten Eigenschaften besaß; 116 alle Späteren blickten auf diesen Claudius als auf ihr Ideal zurück; aber er starb früh (270), und als sein Nachfolger tritt nun Aurelian auf die Bühne der Welt, ein Illyrier geringer Herkunft aus der großen Stadt Sirmium an der Sau. Da haben wir wieder einen großen Namen. Die wenigen Jahre seines Regiments strahlen in Glorie; es sind die Jahre 270 bis 275. Ein herkulischer Mensch, dabei rasch handelnd, siegessicher, willensstark, in der Heeresdisziplin von mitleidloser Strenge, das war Aurelian. Furchtbar war er als junger Offizier gewesen; die Soldaten sangen beim Marschieren hinter ihm her: Tausend köpft er, tausend, tausend; tausend köpft der eine Mann. So viel Wein verschenkt kein Kneipwirt, wie er Blut vergießen kann. Doch das war nur im Handgemenge. Als Sieger erwies er sich milde. Als er eine rebellische Stadt (Cyana) belagerte, drohte er wild: »kein Hund soll in der Stadt leben bleiben«! Die Einwohner ergaben sich ihm darauf voll Angst. Da ließ er in der Stadt eben nur alle Hunde töten und schonte die Menschen; er hatte sein Wort überraschend wahr gemacht. Unter diesen Herrn beugte sich nun wieder das Gesamtreich. Es sollte wieder ein einiges Reich geben. Zwar Dacien, d. h. Siebenbürgen und das Ungarn nördlich der Donau überläßt Aurelian endgültig den Barbaren. So sichert er die untere Donaugrenze; der gute Stratege gibt unhaltbare Positionen auf. Der Name Dacien wurde jetzt auf das entsprechende Reichsgebiet südlich der Donau übertragen. Die Alemannen und Jutungen aber, die neuerdings in Italien selbst tief bis nach Umbrien vorgestoßen waren, schlug er wuchtig aus dem Lande heraus, und das abtrünnige Frankreich brachte er wieder an das Reich. Vor allem: er begann und gewann den Krieg gegen Zenobia . Eine seltsame Episode in Roms Geschichte ist der Kampf mit dieser Frau. Nahezu der ganze Orient war damals im Begriff, sich vom Reich zu lösen. Das ganz Unglaubliche war geschehen: die 117 Wüstenstadt Palmyra im fernsten Osten, gehätschelt und großgezogen durch die Gunst Roms, hatte sich als Konkurrentin Roms aufgetan, die Palmenstadt, aramäisch Tadmor genannt, erbaut in einer Oase der weiten syrischen Sandwüste. Die Römer hatten sich gegen Persiens Übergriffe in der letzten Zeit völlig ohnmächtig gezeigt, man denke, wie es dem Kaiser Valerian gegangen! Da warb einer der reichen Großkaufleute Palmyras, er hieß Odaenatus , ein weltkundiger Herr, überdies wetterfest und ein leidenschaftlicher Jägersmann, mit eigenem oder fremdem Geld ein Heer an, nahm den Kampf auf sich, drängte die Perser in geschickt geführten Feldzügen über die Grenzen zurück, nahm ihnen ganz Mesopotamien diesseits des Tigris weg, wuchs so an Macht wie ein Sultan, wahrte aber unterwürfig den Schein, als tue er dies alles als Untertan Roms. Gallienus gestattete, daß der Mann sich Fürst des Orients ( dux Orientis ), dann König, dann sogar Augustus nannte. Aber er blieb der Form nach Roms Vasall. Mutmaßlich stand Zenobia schon damals als Treiberin hinter ihm. Durch Palastmord kam Odaenatus um (im Jahre 267 oder 268). Seine Gattin Zenobia war seine Erbin. Sie sagte sich sogleich offen von Rom los, und das Gelingen war mit ihr. Syrien, Arabien, Palästina, Mesopotamien waren ihr untertan; sie schlug ein Heer, das Gallienus wider sie aussandte, eroberte das untere Ägypten; schließlich begann sie auch noch Kleinasien sich zu unterwerfen. Die Welt staunte: eine siegreiche Frau die Umgestalterin des Erdkreises! »Asien den Asiaten« war wieder einmal die Losung. Es galt ein großes semitisches Königreich zu gründen. Aber dies Reich war wie eine Blume der Wüste, die einen Tag blüht und dann vergeht. Wer aus den Zedernwäldern des Libanon, aus den Paradiesen von Damaskus nach Osten zog, kam in die weite syrisch-arabische Sahara mit ihren Salzseen, das Reich des Verschmachters und des Durstes, das bis zum Euphrat reichte. Diese Wüstenstrecken trennten Persien von der Kultur des Westens. 118 Nur Karawanenstraßen führten hindurch; das Kamel transportierte Menschen und Waren. An solcher Karawanenstraße lag Palmyra, das einst Salomo, der Judenkönig, in der Oase erbaut hatte. Quellenreich genug, um eine Großstadt mit Wasser zu versorgen, prangte die Oase in Palmenwäldern und üppiger Vegetation. Der ganze Handelsaustausch, der Indiens Waren über Persien nach Europa trug, ging durch die Hand der Palmyrener. Die Kaufmannsgilde war dort schwer reich und arbeitete wohl organisiert unter einem selbstgewählten Aufsichtsrat. Sie kauften, stapelten die Ware auf und verkauften wieder. Große Bazare zeigten die erlesensten Produkte beider Weltteile. Die schönsten Purpure, die es gab, waren in Palmyra zu sehen. Heute liegt dort in der Öde nur ein elendes Dorf von Araberhütten, und nur die phantastisch großartigen Ruinen, ganze Trupps von Säulen, die vierhundertköpfig mit hohem Schaft aus dem Sande starren, reden von dem, was einst gewesen. Es war wie ein Märchenzauber, als sie den Reisenden der Neuzeit zuerst bekannt wurden; acht Meter tief unter dem Sande haben unsere Forscher jetzt auch das Theater der Stadt aufgedeckt Vgl. Archäol. Jahrbuch XVII (1902), S. 116. Übrigens gibt das neue Tafelwerk Anschauung: Alte Denkmäler aus Syrien, Palästina und Westarabien, von Ahmed Djemel-Pascha, Berlin 1918. . Vineta, die Traumstadt aus Marmor, im Meer des Sandes versunken! Erst die Kaiser Roms aber hatten jene Herrlichkeit geschaffen; es war in Palmyra alles jung. Vornehmlich Hadrian wirkte dort als Bauherr. Severus erschloß dann auch die umliegenden Wüstenstrecken der Kultur durch künstliche Bewässerung. Alle diese Orientstädte, Baalbek, Palmyra, Emesa, dienten dem Sonnengott Baal oder Bel Vgl. Servius zur Aen. I 642, der das B in Bel als Digamma faßt. , das ist Helios, den man mit Jupiter gleichsetzte. Zenobia war die zweite Gemahlin des großen Odaenatus (es handelt sich um die Hauptfrauen im Harem), und es hieß, sie hatte ihn ermorden lassen, damit nicht seine Söhne erster Ehe zur Herrschaft kämen. Nun herrschte sie im Namen ihres eigenen Sohnes Vabalathus So lautet der Name auf Münzen. . An Mut und Wucht des Wesens übertraf sie die Orientalinnen Mamäa und Julia Domna und blickte mit Stolz auf die strahlenden Heroinen der Urzeit, Dido, 119 Semiramis, als ihre Vorbilder zurück; ja, sie behauptete legendarisch von ihnen abzustammen. Man schildert sie uns als hervorragendes Exemplar ihrer Rasse. Sie sprach die nabatäische Volkssprache ihres Landes, war aber hochgebildet, perfekte Griechin, verstand auch Latein: schwarzlockig, dunkeläugig, mit blitzenden Zähnen und dunklem Teint, verführerisch wie Kleopatra, dabei aber jähzornig und voll kochendem Ehrgeiz wie Herodias. Sie trug den Helm, sie ritt, sie marschierte auch selbst mit den Soldaten. Auswärtige Gesandte lud sie zum Trunk, zechte mit ihnen und horchte sie aus, wenn sie geschwätzig wurden; war dabei aber doch klug genug, den Rat überlegener Männer zu suchen. Da war ein Bischof Paulus von Samosata, der von den Christen exkommuniziert war, weil er über Jesus Irrgläubiges lehrte; sie nahm ihn in Schutz und machte ihn zum Präfekten der Verwaltung der syrischen Hauptstadt Antiochien. Vor allem war der asiatische Grieche Longin ihr vornehmster Berater, ein Ästhetiker und Rhetor, zugleich aber Realpolitiker. Er gab ihr weitsichtig politischen Rat, führte sie aber auch in Plato ein; die Religion Platos griff damals weit um sich. Noch rascher und überraschender als einst Mithridates hatte Zenobia ihr Orientreich geschaffen, das aus den unerschöpflichen Kapitalien der Kaufherrn Palmyras seine Kraft zog, ein junges Reich voller Hoffnungen, eine Engros-Spekulation, die mit dem Bankerott Roms rechnete. Da zog Aurelian gegen sie heran. Es war das Jahr 272. Man denkt dabei an Achill, der gegen die Amazone ficht. In einem Jahr und in drei Feldschlachten war der Feldzug erledigt. Zenobia ist überall zugegen. Sie muß zurück. Aus Antiochia entweicht sie, weil dort die ihr feindlichen Christen zu mächtig sind. Ein herrlicher Anblick muß die große, erbitterte Reiterschlacht auf dem flachen Felde von Emesa gewesen sein, wo maurische und illyrische Reiter gegen das Reitervolk Arabiens und des Ostens fochten. Schließlich ist die Königin auf ihre Stadt Palmyra beschränkt. Sie ist noch keineswegs entmutigt; 120 denn sie vertraut auf die Wüste, die kein Römerheer durchqueren könne. Aber Aurelian durchquerte sie doch. Der Hunger kommt; die Oase kann die blockierte Stadt nicht ernähren; auf dem heißen Straßenpflaster wuchs kein Korn. In der marmornen Pracht der kilometerlangen Säulenstraßen, die die Stadt durchschnitten, schrie Militär und Volk bald nach Brot. Noch immer verzagte die Frau nicht: römische Kaiser sterben oft plötzlich; vielleicht konnte sie späterhin mit Aurelians Nachfolger besser fahren. So entwich sie heimlich aus der Stadt auf einem schnellen Dromedar, um abzuwarten und vorläufig bei den befreundeten Persern Zuflucht zu nehmen. Aber die Reiter Aurelians holten sie ein. Sie war gefangen. Da brach der Stolz der Frau kläglich zusammen; sie nahm keine Schlange an ihren Busen wie Kleopatra; vielmehr suchte sie sich harmlos zu stellen und wälzte auf Longinus alle Schuld. Der edle Longin mußte sterben. Sie selbst wurde geschont, aber sie verschwand nun völlig in der Versenkung, wie eine bengalische Flamme, die uns geblendet hat, plötzlich erlischt. Nach glaublicher Nachricht hat Aurelian die stolze Frau bei seinem prunkenden Triumphzug als interessantestes Beutestück durch Roms Straßen geführt. Sie wurde alt, ja, heiratete nach Einigen sogar noch einen vornehmen Römer, hauste eingezogen auf einer Landstelle bei Tivoli, und man wußte später noch von ihren Nachkommen, die dort lebten. Der Sonnengott Palmyras aber war der eigentlich triumphierende. Aurelian verfiel seiner Verehrung und baute dem Helios in Rom selbst ein neues prachtvolles Gotteshaus mit Kollossalsäulen aus Granit, deren Trommeln er aus dem Orient herbeischaffte. Die Sonnenreligion war dadurch jetzt Weltreligion; es war ihr letzter Sieg vor Constantin, der das Christentum annahm. Aurelian schien der ersehnte Mann der Zukunft; da wurde er ermordet. Es geschah in seinem Hauptquartier in Macedonien. Einer seiner Sekretäre, den er wild angefahren hatte, leitete das Komplott. So vergeudete das Reich seine besten Kräfte. Aber ein 121 Werk besteht, an dem für alle Zeiten Aurelians Name hängt; das ist die Aureliansmauer, die große ziegelsteinerne, 16 Meter hohe Festungsmauer, die das stolze Rom bis auf den heutigen Tag ringsum einschließt. Heute ist der Mauergürtel viel zu weit und hängt gleichsam schlotternd um den Leib der alten Weltstadt. Die Germanen waren es, gegen die Aurelian die Stadt damit endlich sichern wollte. Erst sieben Jahre nach seinem Tode stand das Riesenwerk fertig. Es ist die Mauer, die Alarich, der Gote, erstieg. Wer sollte auf solchen Mann folgen? Die Generäle waren ratlos; sie fanden niemanden. Sechs Monate war zunächst die Welt kopflos, ohne Kaiser: ein beispielloses Interregnum. Es war wie ein tiefes Atemholen der Verlegenheit. Dann überstürzen sich die Ereignisse; der Senat Roms glaubt sich einmal wieder berufen, den Kaiser zu wählen; er wählt den Italiener Tacitus ; aber das Militär erschlug ihn. Auf Tacitus aber folgten endlich die beiden Militärkaiser Probus und Carus , die, so kurz auch nur ihre Herrschaft war, doch das Wirken Diocletians auf das günstigste vorbereitet haben. Es handelt sich vor allem wieder um die Germanen. In Probus war die Kraft Aurelians. Wir hören, daß er an der Donau die heimatlosen Burgunden und Vandalen schlug. Aber auch die verwegenen Vorstöße der ruhelosen Franken brachte er zum Scheitern, die wieder einmal zeitweilig ganz Gallien bis nach Spanien überrannt hatten; sie machten es überdies den Goten nach, warfen sich auf Piratenschiffe und segelten um Gades herum ins Mittelmeer, bedrohten das reiche Carthago, landeten auf Sizilien und plünderten Syrakus. Seit Probus seine Schläge ausgeteilt, sind nun die Germanen wirklich für längere Zeit eingeschüchtert; das war für das Wirken Diocletians und Constantins unendlich günstig. Die Ostgermanen halten sich hinfort völlig ruhig Sie lagen dem Anschein nach damals selbst untereinander in Fehde; vgl. Mamertinus Panegyr. II, 16 u. 17; Preuß, Kaiser Diocletian, S. 46. ; aber auch die Franken sind vorsichtiger geworden, und es kommt seltener vor, daß sie die Rheingrenze zu überschreiten wagen. Des Probus Name hat übrigens auch sonst guten Klang; 122 denn er ist es, der die Rebenkultur nördlich der Alpen, deren wir uns heute erfreuen, nicht nur in Österreich, sondern auch in Frankreich und an Rhein und Mosel planvoll gefördert hat. Seine Soldknechte hatten jedoch kein Verständnis dafür, und sie erschlugen ihn (i. J. 282). Sein Nachfolger, Kaiser Carus, aber wurde mitten in seinem Siegeslauf gegen Persien vom Blitz erschlagen (im Jahre 284). Carus hatte es unternommen, Valerians Schande an Persien zu rächen. Noch nicht zehn Jahre waren nach dem Tode Aurelians vergangen, da nähert sich endlich die Gestalt Diocletians . Es ist, als hätte Jupiter selbst den Blitz gesandt, um dem rechten Mann freie Bahn zu schaffen, dem Mann, der nicht nur kämpfen, sondern auch regieren und das Reich selbst zeitgemäß in modernem Sinne umgestalten sollte. Diocletian hieß als Knabe Diokles. Er war um das Jahr 243 in einem Dorf im dalmatischen Küstenland als Sklave geboren, oder doch sein Vater war Sklave gewesen. Welches Blut floß also in seinen Adern? Es wäre erwünscht, dies zu wissen. Er kann der Rasse nach kein Dalmatier, kein Illyrier gewesen sein; das ist sicher, denn der Sklavenstand ergänzte sich nie aus Landesangehörigen. Also war er vermutlich Germane. Denn das Sklaventum bezog ja seinen Bestand aus den Kriegsgefangenen; die Kriegsgefangenen der letzten Jahrzehnte und schon vordem waren aber ganz vorwiegend und zu vielen Tausenden in den deutschen Kriegen erbeutet worden. In der Tat findet damit die eigenartige Natur des Mannes, die von allen anderen Kaisern so auffällig absticht, eine vortreffliche Erklärung. Es ist die gutartig kluge Bedächtigkeit, der eiserne Fleiß und Sinn für stetige Friedensarbeit, den wir auch in dem großen Ostgoten Theodorich, dem Germanen, wiederfinden. Abenteuerlich schön ist die Landschaft an der wild zerklüfteten dalmatischen Küste des Adriatischen Meeres, wo Diokles aufwuchs. Wer da durch die Felsenberge zu klettern lernte und durch die tausend Riffe, die dem Meeresschwall spotten, sein Boot zu lenken verstand, in dem festigte sich von früh an 123 männlicher Trotz und sicheres Selbstgefühl; das märchenhaft schöne Klima festigte den kindlichen Glauben an die Wunderkraft des Göttlichen. Sein Vater war mutmaßlich nur Amtsschreiber; gleichwohl fand der Knabe, früh den Freigeborenen gleichgestellt, dort in der glänzenden Hauptstadt des Landes, in Salona, ohne Frage die beste Schulerziehung Dies verrät sich später in jeder Einzelheit. , wie sie in jeder Großstadt zu finden war. Das reiche Trümmerfeld Salonas heißt noch heute das Pompeji Dalmatiens. Da öffnete sich ihm auch Theater und Amphitheater; Weltgetriebe. Der Hafenverkehr gab ihm früh den Sinn für Handel und Wandel. Aber auch der eigentümlich kriegerische Geist des Landes ging auf ihn über. Die Illyrier fühlten sich hoch über den Italienern. Täglich spähten sie übers Meer: jenseits der Adria lag jenes schwächliche Rom, das von ihrem Gnadenbrot lebte. Waren doch die eben jetzt herrschenden Kaiser Probus und Carus geborene Illyrier. Wer damals etwas werden wollte, trat in den Soldatenstand, der zu den höchsten Staatsämtern Zugang gab. Dies tat auch Diokles, und es glückte ihm. So machte er Aurelians Kriege mit, sah Probus und Carus als Herren über sich. Das Donauland Mösien, das heutige Bulgarien, hat er eine Zeitlang als Statthalter verwaltet. Dann aber zog ihn Carus, der im Orient stand, persönlich noch näher zu sich heran und machte ihn zum Kommandanten der kaiserlichen Palastwache, die man die domestici nannte. Er galt also als hervorragend zuverlässiger Mann und des intimsten Vertrauens wert. Täglich wollte der Kaiser ihn um sich haben. Da starb Carus jählings; sein Sohn Numerianus übernimmt im Orient das Kaisertum; er ist ein kränklicher Jüngling, der sich nur in der Sänfte bewegt: Poet und zarte Seele und für Attentate das bequemste Opfer. Die Szene spielte in Kleinasien, am Bosporus, in der Nähe von Chalcedon. Arrius Aper will Kaiser werden; er ist Gardepräfekt und zugleich Schwiegervater seines Opfers, ganz so, wie ehemals der Präfekt Plautian der Schwiegervater des Kaisersohnes Caracalla war, dem er ans Leben wollte. Was dem Plautian 124 mißlang, gelang dem Aper; es gelang ihm irgendwie, die Palastwache und den Diokles selbst zu entfernen. Der junge Kaiser ist ungeschützt; er wird plötzlich vermißt. Das Heer, die Offiziere, Diokles selbst suchen Numerian; sie dringen ins kaiserliche Zelt und finden die stumme Leiche. Aper leugnet, wird aber gefesselt. Die Offiziere treten zusammen und wählen nun Diokles selbst zum Kaiser des Reichs. Die alten Geschichtstabellen verzeichnen den Tag; es war der 17. September 284. Von jetzt an nennt sich Diokles Diocletian. Selbigen Tages bestieg er im Heerlager das Tribunal, hob die Hände und nahm den allsehenden Gott Helios zum Zeugen, daß er selbst den Mord nicht begangen, ließ Aper vorführen, und der Jähzorn packte ihn. »Hier ist der Mörder!« rief er und durchstieß ihn eigenhändig mit dem Schwert: der Kaiser Richter und Henker zugleich. In zehn Tagen war er dann im nahen Nikomedien und machte die Stadt zu seiner Residenz: Nikomedien die Vorgängerin Constantinopels. Dies ist die einzige leidenschaftliche Aufwallung, die der sonst so vorsichtig rechnende Mann uns zeigt. Eine Druidin und Seherin hatte ihm einst, als er in Gallien jagte, geweissagt: »Du wirst Kaiser sein, wenn du den Eber erlegst.« Eber heißt aper auf Latein. Nun hatte er den Aper erlegt. Auch in der Leidenschaft also wirkte das kühle Denken mit, die Sucht nach Erfüllung des Orakels. Also Diocletian! Sollte auch er wieder nur ein Kriegsfürst sein wie alle anderen, wie ein abgebrauchtes Messer schnell schartig und stumpf werden, Eisen zu Eisen geworfen in die Rumpelkammer der Weltgeschichte? Es schien anfangs so, und doch sann er auf anderes. Der kulturelle Verfall drohte dem Reich; er sann auf Hilfe. Der Krieg ist nicht Selbstzweck, sondern der Platzmacher für die Friedensarbeit. Diocletian tadelte es an Aurelian, daß er wieder nichts weiter als der große Feldherr gewesen; solche Begabung genügt zum Herrschen nicht. Im Stillen rechnete er schon, er rechnete mit Menschen und Ländern statt mit Zahlen und spann Pläne, die er wie ein Spinnennetz über die Welt warf, dem Träumer gleich, der für das 125 Unmögliche die Lösung sucht. Aber er war nicht nur klug, sondern auch warmherzig und persönlichster Zuneigung fähig; durch diese Gabe gewann er sich zur Organisation die helfenden Kräfte. Der Kopf schafft sich Hände. Seine geistige Überlegenheit zwang auch wildere Naturen als Mitarbeiter ihm zu gehorchen; seine Freundlichkeit bringt es mit sich, daß sie es gerne tun, und alles ging wunderbar glatt. Der Erfolg war überraschend. Die Idee der Reichsteilung stand ihm gewiß von vornherein fest; in Rom selbst aber herrschte eben jetzt des Numerianus Bruder, des Carus zweiter Sohn Carinus als Teilherrscher, ein liederlicher Bursche, der im Stil des Commodus die leichtfertigste Mißwirtschaft trieb. Dieser Mitregent taugte dem Diocletian nicht; er zog gegen Carinus aus; in Bulgarien, an der Morawa, trafen sich die Heere, da wird Carin von seinen eigenen Leuten aus der Welt geschafft; sein Heer ging gutwillig zu Diocletian über. Noch aber war Ägypten und England abtrünnig, ja, auch Frankreich, das Land der Gallier. Durch die Raubzüge der Alemannen und Franken hatte dies Land neuerdings wieder unsäglich gelitten; im Jahre 270 hatten sie dort 70 Städte überwältigt. Der köstliche Reichtum des fruchtbaren Landes war völlig zerstört, die Landwirtschaft verfallen. Nicht freie Bauern, sondern die sog. Colonen waren es, die die Äcker bestellten, zwangsweise in Gallien angesiedelte Germanen, die am Grundstück dauernd hafteten, nicht umsiedeln durften, unter hohem Steuerdruck litten und der Mißhandlung der Grundbesitzer wehrlos ausgesetzt waren Das Sklaventum ging in jenen Zeiten zurück, und darin ist immerhin ein Fortschritt zu erblicken; denn die Colonen hatten es immer noch besser als die Landsklaven der älteren Zeit, die in Ketten arbeiteten. Auch zum Heeresdienst wurden sie ausgehoben und als Soldaten auf alle Fälle gut bezahlt. Daß Colonen auch große Karriere machen konnten, werden wir gleich sehen. . Von diesen Colonen unterscheidet man die Läten ( Laeti ), die vor allem bei Lyon und in Flandern saßen, auch sie germanischen Blutes. Sie hatten auf ihren Landstellen nur den Kaiser selbst als Herrn über sich und waren zugleich Ackerbauern und Soldaten, die immer kampfbereit die Grenze zu sichern hatten. Jetzt aber waren auch sie ruiniert. Die Not trieb sie zum Äußersten; ein allgemeiner Bauernaufstand brach los, ähnlich dem entsetzlichen Bauernkriegen in Luthers Zeit. Auch in den Landstädten 126 machte der Pöbel mit. Sie lösten wieder einmal das Land vom Gesamtreich und wählten sich selbst ihre Bauernkaiser Amandus und Aelianus. Die Stadt Paris gewann damals zuerst größere Bedeutung; sie lag da, wo die Marne in die Seine fließt; auf der spitzen Landzunge zwischen beiden Flüssen errichteten die Bagauden – so nannten sich die Aufständischen – ihre Festung; die wurde ihre Hauptstadt; da wurden alle Vorräte aufgestapelt. Diocletian wußte, was zu tun sei. Er blieb im Osten stehen und begann sogleich mit der Teilung der Reichsgewalt. Ein loser Zusammenhalt des Reichs, wie er ihn plante, war immer noch besser als sein endgültiger Auseinanderfall: Unierung der Länder ohne Personalunion. Seinen Jugendfreund Maximian machte er zum Mitregenten, erst nur unter dem Titel »Cäsar«, und Maximian bewältigte alsbald den Bagaudenaufstand; er sicherte von Mainz aus auch wieder die Rheingrenze, machte überdies jenseits des Stroms verwüstende Streifzüge ins Stammland der bösen Franken. Die Bauernaufstände kehrten nicht wieder. Die Verhältnisse beruhigten, besserten sich. In der kaiserlichen Titulatur unterschied man den »Augustus« vom »Cäsar«. Augustus hieß die Majestät des regierenden Kaisers selbst, Cäsar hieß ihr Vertreter, etwa so, wie der Kaiser von Indien, der heute in London sitzt, in Indien einen Vizekönig als seinen Vertreter einsetzt; doch hatte der Cäsar immer die Anwartschaft, gelegentlich zum Augustus aufzurücken Auch der magister equitum neben dem Diktator der älteren Zeit ist zu vergleichen; vgl. Röm. Charakterköpfe, S. 176. . Und schon erhob Diocletian seinen Freund Maximian zum Augustus. Damit war die Zweiteilung des Reichs verwirklicht; die Teilung der Welt begann: zwei Bundesfürsten oder Duumvirn, die nur die Freundschaft zusammenhielt, standen ebenbürtig nebeneinander. Maximian war wieder ein echter Illyrier, stammte von der slawonischen Militärgrenze. Der Mann läuft mit der Marke »ungebildet und roh« durch unsere heutigen Geschichtsbücher. Daß er keine höhere Schulbildung besaß, erklärt sich aus seiner geringen Herkunft. Angst hatte man vor seinem Blick und 127 seinen groben Zügen Eutrop 9, 27; 10, 3; Suidas sub Diocletian . . Wir brauchen aber heute diese Angst nicht zu teilen. Das grobklotzige Auftreten war nur äußerlich. Schon Diocletians bedingungsloses Vertrauen zwingt uns, unser Urteil zu mildern. Tatsache ist, daß der derbe Mann gegen die Colonen in Frankreich, die er besiegt, durchaus schonend und milde verfuhr; seine Regierung befleckte sich nicht mit Blut und den Untaten blinder Rachgier. Wie viel blutiger wurden die Bauernrevolten in Luthers Zeit niedergeworfen! Dies Verständnis für soziale Billigkeit war beiden Kaisern gemeinsam; denn auch Diocletian selbst verhängte gegen die Anhänger des Carinus in Rom, den er besiegt hatte, keinerlei Bestrafung, er erkannte alle Beamten ruhig an, die Carin im Bereich seiner Herrschaft eingesetzt hatte. Maximian aber war der Sohn eines armseligen Colonen; er ist uns ein überaus wichtiges Beispiel dafür, daß es auch einem Menschen solcher Herkunft, wenn er befähigt war, freistand, sich emporzuarbeiten, ja, in die glänzendsten Stellungen zu gelangen. Und der Sohn eines Colonen also wurde dazu ausersehen, den Colonenaufstand zu dämpfen: sinnvoll genug. Maximian hatte mit Diocletian zufällig denselben Geburtstag; die Geburtstage der Kaiser wurden öffentlich mit Festreden gefeiert, und eine solche Rede, die noch vorliegt, rühmt uns, wie brüderlich eng miteinander verwachsen beide Herrscher waren: der Colonensohn und der Sklavensohn! Maximian beugte sich gutwillig und gern der höheren Einsicht seines Freundes. Das rebellische Ägypten bekam dagegen des Diocletian ganze Strenge zu fühlen. Da war nur ein Strafgericht im Geist des Severus möglich. Vorher hatte Diocletian persönlich nur einen leichten Alpenkrieg gegen Barbaren im Lech- und Inntal geführt. Im Jahre 296 rückte er dagegen mit einem starken Heer von Palästina aus gegen Alexandrien durch die Wüste des Sinai. Aber er gedachte seine Truppen zu schonen. Die mächtige Stadt bezog ihr Trinkwasser durch einen Aquädukt von Canopus her; der Kaiser zerstörte die Wasserleitung, 128 und so ergab sich ihm Alexandria nach achtmonatlichem Widerstand. Da sparte er nicht mit Ächtungen und Hinrichtungen der führenden Personen; schlimmer noch: er ließ die Soldateska auf die offene Stadt los: »mögen sie ihr Werk tun, bis meinem Roß das Blut bis ans Knie reicht!« Da stolperte sein Pferd, und das Knie des Tieres färbte sich in einer Blutlache. Gleich ließ er dem Morden Einhalt tun; dem Wort war Genüge geschehen. Die Weltgeschichte jener Zeit liebt solche Anekdoten. Dem wohltätigen Roß wurde sogar eine Statue errichtet, und bald überhäufte der Kaiser das Land Ägypten mit den segensreichsten Neuerungen der Verwaltung Das betraf die Hauptstadt selbst, die wirtschaftlich so heruntergekommen war, daß Diocletian wie für Rom, so jetzt auch für Alexandrien jährliche Gratis-Kornlieferungen anordnete. Nützlicher noch war, daß es seiner Klugheit gelang, Oberägypten gegen die ständigen Überfälle des Wüstenvolkes der Blemmyer zu sichern. . Auch eine neue Stadt gründete er dort und nannte sie Maximianopel; das ist charakteristisch; ein Diocletianopel gab es nicht. Schon vorher aber, im März 293, hatte Diocletian eine neue bahnbrechende Entscheidung getroffen. Zwei Kaiser genügten für die Welt nicht; ihr Arm konnte nicht überallhin reichen. Allgegenwart des Herrschers war zu fordern. Denn England trotzte noch immer, und die Kriegsgefahren würden wachsen. So spaltete er sich selbst; er spaltete die Monarchie jetzt in vier Personen. Jeder der beiden Augusti bekam noch einen Cäsar als Helfer. Nach langer Prüfung traf er die Wahl; Galerius und Constantius hießen die zwei Cäsaren; Galerius ein Soldat, groß von Statur, dick und fleischig und wild zufahrenden Charakters, der aus Sofia in Bulgarien stammte. Als Knabe hatte Galerius die Schafe gehütet; jetzt sollte er den Purpur tragen und der Hirte der Völker sein; er sollte helfen. Diocletian adoptierte ihn zum Sohn, und er bekam die Donauländer zu regieren. In Constantius aber begegnen wir dem Vater Constantins des Großen. Auch Constantius stammte aus der Gegend des Balkan; aber er war ein Mann höherer Bildung, feinen Schliffs und bester Erziehung und wurde nun der Adoptivsohn und Helfer Maximians im Okzident und in Frankreich stationiert. So ergänzten sich die Naturen vortrefflich. Man erzählt von den sorgenvollen Träumen, die Diocletian damals heimsuchten; jede Nacht erschien ihm im Traum eine mystische Gestalt, die 129 forderte, er solle endlich zur Wahl schreiten. Schließlich sprach Diocletian zu Galerius: »Empfange denn die Herrschaft, die du jede Nacht von mir verlangst, und mißgönne mir fürder meinen Schlaf nicht.« Würde sich die kühne Maßregel bewähren? Wer sicherte die Einigkeit unter den Vieren? Diocletian war ein Menschenkenner: sie wirkten sogleich auf das trefflichste ineinander wie die Kolben einer Maschine, für die er selbst der Motor war. Aber er war ängstlich besorgt; die Adoption genügte nicht; doppelt genietet hält besser. Die Adoptivsöhne sollten auch noch Schwiegersöhne sein. Constantius mußte seine Konkubine, die berühmte Helena , die Mutter Constantins des Großen, verstoßen und Maximans Tochter Theodora heiraten; Diocletian selbst hatte eine einzige Tochter, Valeria ; die gab er dem Galerius in die Ehe. Schon der Zusammenklang der Namen Galerius und Valeria schien Günstiges zu verheißen. Mit Spannung blickte er vor allem auf Constantius. Während der wohlbewährte Maximian in Mailand oder, falls er gegen die Mauren kämpfte, in Carthago residierte, stand jetzt Constantius als Herrscher in Gallien und machte Trier zur Kaiserstadt. Seine Aufgabe aber war, England wieder zu gewinnen, und es beginnt hier wieder eine merkwürdige Episode in der Frühgeschichte der europäischen Staaten. Es war die Zeit der großen Emporkömmlinge. Ein simpler Ruderknecht von der Flandrischen Küste hatte sich eben damals zum Kaiser von England gemacht. Der Wundermensch hieß Carausius Der Name ist fünfsilbig zu sprechen, also griechisch Καραούσιος (so wie man gewisse Inseln viersilbig Aleûten spricht). Er ist so gebildet wie ἡμεροούσιος, ὑπερούσιος, συνούσιος, ὁμοιοούσιος, πολυούσιος, μονοούσιος, τριούσιος und bedeutet den, der »das Haupt ist«, den Hauptmann oder κάρανος . Daß sich Barbaren gern mit griechischen Namen schmückten, ist bekannt; ich erinnere an den Alemanen Serapio, der gegen Julian bei Straßburg focht. Übrigens wurde auch der Name des Germanenvolkes Chauken vielmehr Chaûci gesprochen, was unsere Germanisten nicht zu beachten scheinen; daß dies die gleichsam offizielle Aussprache im Munde der Römer war, bezeugt die Versmessung bei Claudian, Laus Stil. I, 225, in Eutrop. I, 379. . Heute noch liest jeder Brite mit Interesse und Staunen von seiner Leistung. Die Sache kam so. Franken und Sachsen, die immer rastlosen, hatten sich vor kurzem in den Niederlanden festgesetzt und suchten von da aus als die Wölfe der See zu Schiff die ganzen Küstenstriche Nordfrankreichs mit Plünderung heim bis zur Bretagne. Kaiser Maximian beauftragte den Carausius, der sich zum Admiral der römischen Nordseeflotte heraufgearbeitet hatte, die Küsten zu schützen. Der schlaue Seemann aber, der so als Inhaber der Seepolizei 130 im Kriegshafen von Boulogne saß (Boulogne war damals dasselbe, was heute Calais), ließ die deutschen Piraten ruhig weiter ihr Räuberhandwerk treiben, dann nahm er ihnen die Beute mit Gewalt ab und behielt sie für sich, statt sie dem Kaiser abzuliefern. Maximian wollte ihn dafür strafen; da machte sich Carausius dreist zum Herrn der kaiserlichen Flotte, verbündete sich mit den Reichsfeinden, den Franken und Sachsen, warb ein Heer an, setzte nach England über, überwältigte dort die kaiserlichen Besatzungen und nannte sich selbst Augustus; er war Kaiser von England. England wurde dadurch zum ersten Mal eine wichtige Größe im Staatenkomplex Europas. Maximian versuchte ihn anzugreifen (im Jahre 289), völlig vergeblich. Gegen des Carausius Flotte war nicht aufzukommen; sie beherrschte den Kanal. Das Britannia rules the waves galt schon damals. Auch den französischen Hafen Boulogne behielt der self made man fest in seiner Gewalt (so wie die Briten im 14.–16. Jahrhundert Frankreich zum Trotz Calais besaßen). Geld prägte er, das im ganzen Römerreiche galt, und England gedieh vortrefflich zehn Jahre lang unter seiner Fürsorge. Kein Zweifel: mit solchem Mann konnte Diocletian nun und nimmer paktieren. Da mußte Constantius vorgehen; Constantius gab Befehl, eine Flotte zu bauen, und begnügte sich zunächst damit, im Jahre 295 Boulogne zu nehmen. Es gelang durch ein Wunderwerk der römischen Belagerungskunst. Eine Mole aus gerammtem Pfahlwerk und Steinblöcken wurde vor die Hafeneinfahrt kühn ins Meer gebaut; die Stadt war dadurch abgeschnitten und ergab sich. Gleich danach wurde der Bau dann von der ozeanischen Brandung, als wäre er aus Pappe, weggespült. Dann packte Constantius in den Niederlanden die Franken und Sachsen und unterjochten sie völlig – ein Kampf in bodenlosen Sumpfstrecken, noch schlimmer, als es unsere Deutschen neuerdings bei Ypern erlebt haben. Im folgenden Jahre war die Flotte fertig zur Hand; Carausius aber wurde von seinem Vertrauensmann, dem Präfekten Allectus , heimtückisch ermordet. Die Überfahrt nach England, die heut im 131 Kriegsfall unmöglich scheint, gelang; Allectus, des Carausius Erbe, fiel im Kampf, London, das ganze Inselland, wurde rasch erobert: Diocletian konnte mit Constantius zufrieden sein. In Diocletians Sinne geschah es auch, daß Constantius im rückeroberten Britannien niemanden strafte; eine allgemeine Amnestie wirkte sogleich versöhnend, und das Land blieb in Vollblüte wie bisher. Denkwürdiger aber ist noch, daß Constantius damals jene Franken und Sachsen, die er unterjocht hatte, mit Weibern und Kindern in großen Zügen als Gefangene verschleppte. Schon früher hatten die Kaiser in Gallien oft zur Hebung der kargen Bevölkerung Germanen angesiedelt; jetzt wurde die weite Gegend an der Somme und Oise, bei Amiens und Beauvais, auch bei Troyes und Langres, auf dieselbe Weise neu bevölkert. Ein Augenzeuge schildert uns Panegyrici latini V, 9. , wie auf allen Straßen in den genannten Städten die neu angekommenen Barbaren bestürzt und ratlos am Boden kauern, ihre Weiber mit dem Ausdruck der Verachtung auf die eigenen Söhne blicken, die sich so haben fangen lassen, die jungen Frauen mit fremdartigem Gemurmel die Kindchen zu trösten suchen, die in Fesselung daliegen; »sie alle, diese friesischen Räuber, sollen jetzt aufs Land hinaus und uns unsere Einöden kultivieren, im Dreck für uns arbeiten, das Vieh für uns auf die Märkte treiben, ja, wenn es nötig, auch als Soldaten für uns sich schinden lassen.« Wer denkt hierbei nicht an das tragische Schicksal unserer zur Zwangsarbeit verurteilten vielen tausend deutschen Gefangenen in Frankreich im Jahre 1919, an die gegenwärtigste Gegenwart? Es ist alles schon dagewesen. Schon vor der Zeit der Merowinger ist ein großer Teil Galliens also mit deutschem Blut völlig durchsetzt worden. Zum Verständnis der heutigen Rasse in Frankreich ist dies zu wissen wichtig. So wie Constantius, schien anfangs auch der grimme Galerius sich als »Cäsar« nicht übel zu bewähren. Ihm hatte Diocletian die Donauländer anvertraut, und Galerius vernichtete dort sogleich das wilde Volk der Karpen, das die 132 Reichsgrenzen behelligte, bis zur Ausrottung. Der Name des Karpenvolkes ist seitdem fast verschollen, aber das Karpathengebirge heißt noch heute nach ihm. Dann nahm Diocletian den Galerius auf seinen ägyptischen Feldzug mit, und sein Vertrauen wuchs. Das ganze römische Reich war unter den vier Herrschern in seiner Einheit jetzt völlig wieder hergestellt und unantastbar. Aber zum Frieden kam es trotzdem noch nicht. Es galt erst noch die Perser zu fassen; Persien sollte die Strafgewalt Roms endlich gründlich fühlen. Denn eben hatte sich der Perserkönig Narses frech auf Armenien geworfen und den tapferen armenischen König Tiridates , der der Vasall und Schützling Roms war, aus seinem Lande gejagt: Armenien der Zankapfel der großen Reiche damals wie heute. Diocletian sendet zunächst den Galerius aus; der aber wird von König Narses schmählich geschlagen (im Jahre 296), so daß er nur mit genauer Not der Gefangenschaft entgeht. Tiridates, der König, schwamm, um sich zu retten, in voller Rüstung durch den Euphrat. Ohne Heer zieht Galerius als Flüchtling auf der Straße nach Antiochien. Da begegnet er einem Zug Soldaten und dem Diocletian selbst, der eben im Wagen daherfährt; und er wurde übel empfangen. Diocletian ließ ihn im Angesicht der Truppen im kaiserlichen Purpur hinter seinem Wagen zu Fuße trollen, eine Meile lang, eh' er ihn in den Wagen nahm Vgl. u. a. Ammian. Marcell. 14,11,10; Preuß, Diocletian, S. 77. . So strafte er den Adoptivsohn; er zeigte, was auch damals noch die väterliche Zucht ( patria potestas ) bedeutete, und Galerius, der jähzornige Mensch, zuckte nicht auf; er blieb seinem Meister in Treue ergeben. Dann nahm Diocletian den Krieg selbst in die Hand und zeigte sich als Meister der Strategie. Zwei Heere sollten konzentrisch vorstoßen; durch das armenische Hochgebirge ließ er Galerius gegen Narses manövrieren, indes er selbst in der mesopotamischen Ebene den Feind beschäftigte. Narses war übermütig; er schleppte seinen ganzen liebreizenden Harem mit sich im Hauptquartier und Feldlager und allen Prunk des Hofstaates. Da überwältigte ihn Galerius durch nächtlichen 133 Überfall (im Jahre 297); er stellte seine Feldherrnehre glänzend wieder her. Germanen – Goten – kämpften da als Söldner unter seinen Fahnen. Narses selbst wurde verwundet; die ganzen Prachtzelte, die Kriegskasse, vor allem seinen Harem gab er dem Sieger preis. Ein Gote erbeutete eine Tasche voll köstlicher Perlen; die Perlen schmiß er als unnütz weg, die wertlose Tasche behielt er. Galerius wollte weiter vordringen, Diocletian hielt ihn zurück, und schon bat Narses um Frieden. Die Verhandlungen geschahen am persischen Hof; die römischen Geheimschreiber kamen dorthin. Narses aber verlangte nur nach seinen schönen Frauen; sein Harem war ihm mehr wert als seine Länder. Mit Schmunzeln sandte Diocletian sie ihm zurück. Dafür fiel jetzt ganz Mesopotamien in einer Ausdehnung wie nie zuvor an das römische Reich; Tiridates erhielt sein Land zurück, und auch über das Land Georgien und die Südabhänge des Kaukasus, wo die kriegerischen Iberer saßen, wurde Roms Vorherrschaft ausgedehnt, und der Kaiser hatte nun die Kaukasuspässe in Händen, um jeden Vorstoß der Sarmaten von Rußland her gegen Armenien und das Zweistromland zu verhindern. Erst 60 Jahre später hat das Reich alle diese Vorteile, die Diocletian gewann, wieder eingebüßt. Der Erfolg war groß und übertraf den Trajans. Aber Diocletian dachte nicht an Triumphfeiern, weder in Rom noch in seiner Residenz Nikomedien, die er kostbar ausbauen ließ und zu einer Großstadt ersten Ranges erhob. Das Jubelgeschrei der Gasse war ihm nichts. Erst jetzt sollte sein eigentliches Lebenswert. beginnen. Er war Arbeiter, und ihn selbst sah man kaum. Für ihn sprachen seine Erlasse. Der Wortlaut von 1200 Verfügungen Diocletians ist uns erhalten; sie sind alle datiert, und wir ersehen daraus, wie er von Ort zu Ort reist, immer von seinen Bureaus und seinem Konsistorium umgeben. Er war der erste Jurist seiner Zeit, er war Volkswirtschaftler wie wenige vor ihm, er war vor allem Organisator und Verwaltungsbeamter erster Ordnung, und er unternahm es, die Welt umzubauen. 134 Gleichsam als Flieger stieg er hoch und betrachtete sein Kaiserreich aus der Vogelschau. In Wirklichkeit rollte er die geographische Weltkarte auf und begann sie umzuzeichnen. Die Teilung des Reichs schien sich zu bewähren; dabei blieb es. Es bestand jedoch die Gefahr, daß die Reichsteile unter den vier Herrschern einander mehr und mehr entfremdet würden; dem galt es, so gut es ging, entgegenzuwirken, und es gab eine vollständige geographische Revolution: Vernunft gegen Herkommen! So wie Frankreich im Revolutionsjahr 1789 aus administrativem Interesse seine alten Provinzen aufhob und ihre Sonderrechte beseitigte, so brach auch Diocletian jetzt mit aller historischen Tradition und teilte unter Aufhebung der ganzen bisherigen Reichsländerverwaltung das Imperium neu in zwölf Diözesen, d. h. Verwaltungsbereiche ein (die Kirche hat den Ausdruck alsbald von ihm angenommen), jede Diözese aber wieder in sieben bis siebzehn kleine Provinzen, die den Departements des heutigen Frankreich im Prinzip durchaus entsprechen. Im ganzen ergaben sich so 101 Provinzen. Italien wurde dabei aller bisherigen Vorrechte beraubt (so wie jetzt auch Roms Senat zu einer bloßen städtischen Behörde erniedrigt wurde); es zerfiel als Diözese in fünfzehn Provinzen, und zwar wurde das Schweizer Alpenland vom Comer See bis zum Bodensee mit zu Italien geschlagen. Interessant ist auch, daß Diocletian den westlichen Teil von Marokko mit der Hauptstadt Tanger (Tingis) zu Spanien schlug: ein Wegweiser für das, was auch jetzt die modernen Staaten wollen. Österreich-Ungarn oder die pannonische Diözese zerfiel in sieben Provinzen; die Donauprovinz aber, deren Hauptstadt Alt-Ofen war, nannte er die provincia Valeria . Valeria hieß nämlich seine Tochter; nach ihr nannte er sie. Sie war des Galerius Gattin. Diese Benennung ist die einzige Tat der Ruhmsucht und Eigenliebe, die sich dem Diocletian nachweisen läßt Man hat mit Wahrscheinlichkeit vermutet, daß Diocletian auch die antike Weltkarte, von der uns ein spätes Abbild in der »Peutingerschen Tafel« vorliegt, umzeichnen ließ; vgl. I. U. Seefried im Oberbayr. Archiv, Bd. 29 u. 31. . So war jetzt das Verwaltungsnetz mit viel engeren Maschen als früher über die Welt geworfen, und der Bureaukratismus, den Hadrian angebahnt hatte, kam zur Vollendung; von hundert 135 Bureauzentralen aus ließ sich unendlich viel besser regieren: ein großer Schematismus, der die Übersicht, die Geschäftsführung erleichterte. Auch die Einheit des Reichs schien durch diese straffere Verwaltung besser gesichert. Weiter wurde dadurch aber auch ein ganz neues vielköpfiges Beamtenpersonal nötig, mit veränderten Titulaturen: Präses hieß jetzt z. B. der Provinzialverwalter; auch der Ausdruck comes kommt für gewisse höhere Ämter militärischen oder nicht militärischen Charakters auf; der Oberstallmeister heißt comes stabuli ; es ist der Begriff des Grafen, französisch comte . Das wichtigste: der Einfluß des Militärs wird energisch und für immer vernichtet; das Soldatenkaisertum, das Septimius Severus begründet hatte und das sich schließlich so unheilvoll erwiesen, hört auf. Kein Beamter ist fortan mehr aktiver Offizier, alles Zivilverwaltung. Das Heer ferner wurde vergrößert, und zwar fast bis zum vierfachen, die Formationen im Heere dagegen verkleinert; die römische Legion ist nicht mehr die alte. Constantin der Große konnte hernach nichts tun als alle diese Neuerungen beibehalten und weiter ausbilden. Es kam in der Folgezeit kaum noch vor, daß Soldatenhaufen sich an der Person des Kaisers vergriffen und ihn umbrachten. Unter die Vergangenheit war ein Strich gemacht; eine neue Epoche begann. Auch für die Jahreszählung brachte der Kaiser eine epochemachende Neuerung; daß man die Jahre nach Konsuln benannte, genügte längst nicht mehr; man zählte außerdem auch noch die Regierungsjahre jedes Kaisers und datierte danach. Diocletian führte jetzt auch noch den Indictionenzyklus ein (im Jahre 297), der bis tief ins 6. Jahrhundert hinein Geltung behielt und die Zeitrechnung regulierte, ja, noch über das Mittelalter hinaus seinen Einfluß übte Das nähere bei O. Seeck in Deutsche Zeitschrift für Geschichtswissenschaft, Bd. 32, S. 279; Rhein. Mus. 62, S. 492. . Aber es gab noch mehr zu tun, zu bessern, zu heilen. Denn die Zerrüttung der Verhältnisse in den letzten 50 Jahren war zu heillos groß. Es betraf die Finanz. Neue Steuern mußte Diocletian ausschreiben, über die sich Wehklagen erhoben; wer klagte nicht, wenn die Steuerschraube im Interesse der 136 Gesamtheit neu angesetzt wird? Die Vergrößerung des Heeres steigerte das Militärbudget eben jetzt erheblich; auch das neue Beamtentum verlangte Steigerung der Gehälter; das verschlang Unsummen. Aber auch eine umfassende Bautätigkeit blieb Pflicht der Kaiser und wahrte auch jetzt den großen Stil. Viele neue Kastelle und Militärstädte hat Diocletian zur Sicherung der langen Nordgrenzen der Donauprovinzen und der Grenzen Arabiens gegründet. Aber auch die vier Residenzen, Nikomedien, Sirmium, Mailand und Trier, wurden der Würde der Herrscher entsprechend mit Prunkbauten geschmückt. Es sind auch in Diocletians Zeitalter immer noch Leistungen von grenzenloser Solidität und kühnstem Ausmaß, und es wird immer rasch gebaut. Die felsenharten Römerruinen Triers ragen ernst und schwer, unwandelbar bis in unsere Gegenwart hinein und reden uns von jenen Zeiten. Diocletian liebte Rom nicht; aber Rom war doch immer die Stadt des alten Ruhmes, die dem Reiche den Namen gab, und so hat sein Freund und Mitkaiser Maximian auch dort in seinem Sinn als Bauherr gewirkt. Ich brauche nur Roms Diocletians-Thermen zu nennen, die an grandioser Raum und Materialverschwendung dem Wunder der Caracalla-Thermen zum mindesten gleichkamen; Baderäume für 3000 Menschen; offene Säulenhallen; Spielplätze; ein theaterartiges Schaugebäude; vier Göttertempel, darunter einer des Aesculapius; auch eine Bibliothek (angeblich die Trajans) fand sich da aufgestellt. Im Jahre 305 oder 306 sind diese Thermen dem Volk übergeben worden. Die Baureste, in denen im Mittelalter die Karthäuser-Mönche wohnten, fand Michel Angelo vor und machte aus dem einen Mittelsaal der Baderäume, der noch aufrecht stand, seine Kirche St. Maria degli Angeli . In dem übrigen Trümmerfeld hat das moderne Italien jetzt sein Nationalmuseum untergebracht; aber die alte selige Thermenstimmung, das lachende Dolce far niente Altroms ist darin nicht wieder aufgewacht. Wo in den weiten Hallen früher die Badenden in ausgelassener Natürlichkeit sich umtrieben und das Leben wie toll moussierte, stehen jetzt leblos und zerbrochen die aus dem Schutt 137 gegrabenen Statuen, Friesreste und Grabsteine, auf ein Fachwerk von Stuben verteilt, und der bebrillte Gelehrte, der das süße Nichtstun nicht kennt, schreitet vorgebückt und forschend von Marmor zu Marmor und macht sich mit grimmigem Eifer seine Notizen. Übrigens war auch Kaiser Galerius nicht ganz ohne Kunstinteressen; wir lesen, wie er von seiner Hauptstadt Sirmium aus oft die nahe gelegenen Marmorsteinbrüche besuchte, wo die Arbeiter gleich unmittelbar aus den gebrochenen Blöcken die neuen Statuen, sei es Jupiter, Aeskulap oder Helios, heraushauten; er kam, inspizierte und gab persönlich neue Aufträge. Die Axt war ihm aber zum Glück noch wichtiger als der Meißel; nützlicher war, daß Galerius im Gebiet Pannoniens auch Wälder von unermeßlicher Ausdehnung aushauen und niederlegen ließ. Hierdurch und ebenso durch Ableitung der Wassermassen des Plattensees in die Donau und Entsumpfung des Umlandes gewann er weite Strecken trefflichen neuen Ackerbodens. Den Weinbau hatte dort schon Kaiser Probus eingeführt, und so steigerte sich der Kulturertrag, die Kulturhöhe jenes schönen, zukunftreichen Landes damals erheblich Vgl. I. Jung, Die romanischen Landschaften. S. 430. . Alles dies waren Pflichtleistungen; aber sie zehrten am Staatssäckel. Es galt nun auch die Staatskassen neu zu füllen, ja, den Kredit des Staates zu retten; denn der Staatskredit war völlig untergraben. Das lag am Gelde; seit langem fälschten die kaiserlichen Münzstätten das Geld; das Silbergeld, das dem Kleinhandel diente, enthielt seit langem kaum noch Silber; man blieb nicht einmal bei der Legierung mit Kupfer (Billon) stehen; Blei und Zinn trat an die Stelle. Woraus sich diese unerhörte Mißwirtschaft erklärt, ob allein aus dem Mangel an Edelmetall und der Unergiebigkeit der Bergwerke, steht dahin; jedenfalls war aller Handel und Wandel damit gestört, und die Preise der Waren stiegen ins Unerschwingliche, weil das Geld selber nichts mehr wert war. Auch unsere Gegenwart erlebt eben jetzt solche Phantasiepreise, in Rußland, in Deutschland, wenn der Staat nur Papiergeld ausgibt ohne den Nachweis genügender 138 Goldreserven in den Banken; man nimmt schließlich das wertlose Papier nicht mehr in Zahlung, und der primitive Tauschhandel tritt an die Stelle: wer Ware will, muß Ware geben. Diocletian aber griff gründlich ein; er tat es vor allem im Interesse seiner Beamten, die nicht Selbsterzeuger von Naturprodukten waren und mit ihren Gehältern auskommen mußten. Seine aufgefundenen Silbermünzen sind wieder fast reines Silber. Übrigens wurde es im Handel jetzt Sitte, jedes Silber- und Goldstück bei der Zahlung sorglich nachzuwiegen. Das Geld war also jetzt gut; aber die Wirkung blieb aus; Diocletian sah es mit Ingrimm: die Warenpreise gingen nicht herunter. Da entschloß sich der große Rechner im Jahre 301 zu einem Schritt, der unvergeßlich ist und das Interesse der Gegenwart im höchsten Maße verdient. Er machte einen Tarif für Höchstpreise. Es ist wohl das früheste Beispiel der Art, das die Finanzgeschichte kennt; ein Werk unendlichen Fleißes. Solche Tarife sind Produkt der Not; durch die Not gezwungen hat auch Deutschland jüngst durch Höchstpreise zu erreichen gesucht, daß zum wenigsten die Eßwaren der ärmeren Bevölkerung zugänglich bleiben. Dieselbe Not ging im letzten Weltkriege durch fast alle Länder, und überall gab es in gewisser Ausdehnung solche Tarifierungen. Der Tarif Diocletians ist uns in Inschriftresten bruchstückweise erhalten: ein kostbares Monument! Der unvollständig vorliegende Text füllt im modernen Abdruck gut 40 Seiten. In allen Städten und Nestern wurde er in Inschriftform, auf Stein graviert, auf den Marktplätzen aufgestellt, und er betrifft nun in umfassendster Weise sämtliche Waren und Gebrauchsgegenstände, die das Leben kennt, ja, auch den Tagelohn der Arbeiter und Kutscher. Wir erhalten den Höchstpreis für Feldfrüchte und Sämereien, Naturweine und Kunstweine, Öl, Salz, Honig, frische Fleischwaren, Schmalz und Würste, Fische, Artischocken, Endivien, Rettiche, Krebse und Gurken, 100 Stück Kastanien, 1 Scheffel Haselnüsse; für Datteln, Rosinen, Pfirsiche und Aprikosen; weiter Häute und Pelzwerk, Soldatenstiefel, Pantoffeln, Bauholz, 139 Brennholz, Lastwagen, Radspeiche und Deichsel, auch Schlafwagen (Dormitorien genannt); Preise für Kapuzenmäntel, fertige Frauenkleider aus Wollstoff und Seide; dann aber auch den Höchstsatz für den Tagelohn des Maurers, Zimmermanns, Walkers, Mosaikarbeiters, Anstreichers, Maultiertreibers, Berufsstickers; für Fuhrlöhne; Honorar für Elementarlehrer und wissenschaftliche Lehrer; wieviel der Tierarzt für das Scheeren des Maultieres oder für Aderlaß fordern, wieviel der Barbier fürs einmalige Rasieren nehmen soll, nämlich zwei Denare; der Buchschreiber darf für 100 Zeilen in bester Schrift nicht mehr als 25 Denare erhalten und so fort. Diocletian gibt aber auch an, daß ein Pfund Feingold mit 50 000 Denaren gleichwertig sei; unter Denar ist nämlich eine Kupfermünze, wie sie Diocletian gleichfalls einführte, verstanden. Ist nun das Goldpfund gleich 920 Mark in modernem Gelde, so war der Denar gegen zwei Pfennig wert Vgl. Blümner, Der Maximaltarif des Diocletian (1893), S. 59. ; der Buchschreiber erhielt also, wenn man ihn gut bezahlte, für 100 Zeilen 50 Pfennig. Offenbar waren diese Höchstpreise für jene Zeit durchaus hoch gegriffen und somit wirtschaftlich vollberechtigt. Mit Entrüstung blickt Diocletian auf die Händler; in seinem Vorwort sagt er ungefähr: »Die Kriege ruhen, wir haben jetzt tiefsten Frieden; nun soll das Reich die Güter des Friedens auch genießen. Aber die Habsucht wütet; täglich, stündlich, in jedem Moment stürzen die Rasenden sich auf ihren Profit; sie kennen kein Maß, und das Publikum kann es nicht länger mit Geduld hinnehmen. Es gilt als religio , am Ausplündern der Besitzenden sich nur durch Zwang hindern zu lassen. Daher ist es die Sache unserer väterlichen Fürsorge, für die Menschheit ( genus humanum ) Hilfe zu schaffen. Die Justiz muß eingreifen. Was durch Naturrecht sich von selbst herstellen sollte, muß jetzt durch Gewalt erzwungen werden. Zu lange schon haben wir geschwiegen. Denn selbst aus den Gottesgaben wollen sie Gewinn ziehen; in Bezug auf die bevorstehende Ernte wird spekuliert, vorher berechnet, und sie sind unglücklich, wenn Regen 140 die Felder befruchtet. Das Vierfache, das Achtfache nehmen sie; es kommt bisweilen dahin, daß der Soldat für eine Sache, die er braucht, seinen ganzen Sold hinwerfen muß. Das ist Raub am Staate. Daher haben wir beschlossen, zwar nicht die Preise für die Waren zu bestimmen (denn vielerorts sind diese zum Glück noch reichlich vorhanden und auch billig zu haben), wohl aber eine Grenze für die Preise festzusetzen. Niemand darf sie überschreiten; Käufer und Verkäufer, die über See Handel treiben oder von Provinz zu Provinz wandern, haben sich danach zu richten. Und da es zu allen Zeiten so war, daß nur durch Furcht die Frechheit gezügelt wird, so soll, wer dies Gesetz nachweislich verletzt, die Todesstrafe erleiden. Man halte das nicht für zu hart; jeder kann der Strafe entgehen, der Bescheidenheit lernt« usf. Also Todesstrafe! Man sollte auch heut bei ähnlicher Sachlage mit dem Füsilieren drohen. Vielleicht würden wir davon eine gute Wirkung verspüren. Diocletian muß an den Erfolg geglaubt haben. Ob es wirklich zu Hinrichtungen kam, erfahren wir nicht. Vor sämtlichen kaiserlichen Reskripten, auch vor diesem, stehen als Urheber jedesmal die Namen aller vier Kaiser. In all den Jahren aber haben sich die vier Kaiser nie persönlich getroffen, nie gesprochen; drahtlose Telegraphie und Telephon gab es nicht; Kuriere konnten auch nicht jedesmal von Kleinasien bis an die Mosel laufen. Es scheint also Vgl. Preuß, S. 99. Gelegentlich schickt Diocletian seinen Befehl direkt an den Prokonsul in Afrika, als ob Kaiser Maximilian nicht da wäre. , daß Diocletian allemal dekretierte und die anderen drei ihren Namen stillschweigend dazu hergaben. »Auf seinen Wink geschah alles,« sagt ein Zeuge. Die Mitkaiser sahen zu ihm auf wie zu einem Vater, wie zu einem Gott Aurelius Victor. . Sie haben in der Tat nie protestiert, wohl aber ab und zu die Ausführung der Bestimmungen in ihren Landesteilen hingehalten. Der Ton, der in diesen Erlassen herrscht, ist merkwürdig salbungsvoll, feierlich, erhaben; auch Constantin der Große hat später diesen etwas gedunsenen Sprechton beibehalten (in meiner obigen Wiedergabe sah ich mich genötigt, den 141 Wortlaut wesentlich zu vereinfachen). So ging es auch in den Titulaturen; der Kaiser ist jetzt »heilig« und nennt sich dominus und sacratissimus , entsprechend feierlich werden die Beamten höheren und höchsten Ranges benannt; es ist so, wie wenn bei uns der Geheimrat zum »Wirklichen Geheimrat« erhöht wird. Der Superlativ, den einst schon Cicero so liebte, erstarrt hier in den Titulaturen, und es gibt einen Stand der clarissimi , einen Stand der perfectissimi ; die »Cäsaren« heißen nobilissimi . Auch das Wort »Clarissimat« kommt auf, das eben den Stand bezeichnet: eine Hofetikette mit Rangordnung, die allerdings schranzenhaft wirkt. Der Historiker steht hier nachdenkend still; er bemerkt: hier beginnt der Byzantinismus. Diocletian, der Sklavensohn aus Dalmatien, war davon der erste Urheber. Planvoll und durchdacht ist er auch in der Selbstdarstellung, in der Art seines Auftretens. Der Monarch wird jetzt unnahbar, und alles ist kostbar an ihm. Kaiser Augustus war dereinst schlicht als Zeuge vor Gericht aufgetreten, als Bürger unter Bürgern; Titus und Hadrian hatten harmlos in den Volksbädern mit gebadet. Diocletian folgt jetzt dem Beispiel der Perser, und ein orientalischer Nimbus umgibt ihn. Von der Palastwache gehütet, durch ihre Kammerherren abgesperrt, lebt die Majestät für die profane Welt unsichtbar in ihrem Palast wie ein Gott im Allerheiligsten des Tempels, in melancholischer Einsamkeit, und wer dem Herrn naht, naht ihm wie dem Papst mit dem Zeichen der Anbetung. Von ängstlichem Schweigen ist er umgeben und darin wie verschanzt. Tritt er einmal heraus, so sitzt er in der Sänfte oder Karosse, die Schutzmannschaft um ihn her, und das Volk weicht aus, weil es die Schläge und Püffe der Platzmacher fürchtet Was wir im Panegyricus Theodosii 21 lesen, traf schon damals zu. . Dem entsprach die theatermäßige Verkleidung; der pomphafte Fürstenornat des Mittelalters beginnt hier; Diocletian ist das gequälte Vorbild aller Kronen tragenden Monarchen. Um die Stirn legte er sich das weiße Diadem mit Perlen, um die Schultern den seidenen Purpurtalar, den Kaisermantel, mit Gold und Edelsteinen durchstickt. Auch die Schuhe sind mit Edelsteinen 142 beschwert. Schon Kaiser Aurelian war allerdings mit diesem morgenländischen Kaiserprunk vorausgegangen In Rom gab es ein Mosaikgemälde, das den Aurelian darstellte mit Szepter und Krone und in einer cyclas : Vita c. 25. . Noch unsere neuere Zeit liebte es, sich seine Kaiser in solcher steifen Pracht zu denken. Warum diese Absperrung? Es galt den Monarchen zu sichern. Wir haben mit angesehen, wie das Kaisermorden zur Regel geworden war. Die Scheu vor dem Herrscher war verschwunden. Die Soldateska sollte nicht mehr an ihn heran. Seit Diocletian können die Männer im Purpur wieder natürlichen Todes sterben. Dies der Beweggrund; Diocletian selbst aber war Mensch und fühlte sich als Mensch. Wir hören, wie er klagt: »So muß ich abgeschlossen leben, und das Volksleben berührt mich nicht, und ich erfahre nicht die Wahrheit. Der gutwilligste, vorsichtigste Monarch wird mißbraucht und verraten; denn meine Freunde bei Tisch sind ohne Redlichkeit; meine Hofgesellschaft üble Trabanten, die Kammerherren töricht, die Eunuchen voller Habgier. Fünf oder sechs Leute komplottieren; sie wollen den Herrscher schon täuschen und herumkriegen. So geht es uns.« imperator domi clausus vera non novit usf. Das ist der Seufzer aller Kalifen und Sultane geblieben, wenn sie nicht, wie etwa Harun al Raschid, in Verkleidung sich unter das Volk mischen. Aber Diocletian wurde wohl nicht allzu oft getäuscht. Vor allem den jungen Constantin hat er früh erkannt; darum ließ er ihn nicht zu seinem Vater Constantius, sondern behielt ihn dauernd unter eigener Aufsicht, nahm ihn auch auf seine Feldzüge mit; denn er durchschaute offenbar dessen rücksichtslos ehrgeizige Natur und wollte versuchen, ihn im eigenen Sinne zu erziehen. Ein später Autor sagt uns, Diocletian war hoch gewachsen und hager, Bart und Haupthaar ergraut, die Gesichts- und Körperhaut weiß, die Augen mit blauem Schimmer γλαυκίς , die Nase stark, eine Schilderung, die für einen Menschen germanischer Abkunft ganz wohl passen würde Besonders die weiße Haut wird immer am Germanen hervorgehoben im Gegensatz zum gebräunten Südländer. . Dabei ging er etwas vorgebeugt. Es gab Bilderbücher, in denen man die großen Personen der Weltgeschichte in bunten Farben sah; aus solchem Bilderbuch wird diese Schilderung stammen Johannes Malalas Buch XII. Über solche Bilderbücher vgl. »Die Buchrolle in der Kunst« S. 307; ihre Bilder mußten auf Tradition beruhen. . Auffallend ist, 143 daß es keine einzige Statue oder Büste des großen Mannes gibt; es hat fast den Anschein, daß er ihre Anfertigung selbst verhindert hat Bernoulli, Römische Ikonographie II, 3, S. 194 f. kann nichts nachweisen außer dem Münzbild, das nichts hergibt; denn die Münzbilder des Diocletian und Maximian sind sich völlig ähnlich. Vgl. auch das Bleimedaillon in Paris, das beide Herrscher sitzend zeigt (»Buchrolle in der Kunst«, S. 91). . Nur sein Roß ließ er in Erz gießen. Der originelle Mann war als Vollblut-Idealist und echter Mann der Arbeit jeder Eitelkeit abgewandt, er war sich selbst gleichgültig, wie ein Entdecker und Mathematiker, der ganz nur in seine Rechnungen versunken ist. Immerhin ließ er seine eigene Biographie und die seiner drei Mitherrscher von seinem Geheimschreiber Claudius Eusthenius aufschreiben s. Vita Carini c. 17. . Festreden sind wohl auf ihn gehalten worden, auch Festgedichte in griechischer Sprache auf ihn gemacht Suidas erwähnt von dem ägyptischen Dichter Soterichos ein ἐγκώμιον εἰς Διοκλητιανόν , das nach den Panegyrici Claudians zu beurteilen ist und für sie ein Vorgänger war. Auch Claudian war Ägypter. . Das konnte er nicht verhindern, und man lobte in großen Tönen seine Klugheit, Bedachtsamkeit, Selbsthingabe, Humanität und Schonung des Bürgerblutes, auch seine persönliche Sittenreinheit; gewiß mit Recht. Denn in seinem Familienleben, in seinem Verhältnis zu Frau und Tochter, zu seinen Freunden stand er ohne Makel da wie wenige Herrscher. Auch als Gesetzgeber trat er für die Heiligkeit der Ehe ein In dem Ehegesetz vom Jahre 295: Cod. Gregorian. V, 1. , und Mark Aurel nannte er selbst sein Vorbild. Aber er hatte für Feste und Redeakte wenig Zeit; nur an den Turnspielen, die immer noch dem olympischen Zeus zu Ehren gefeiert wurden, hat er sich als Preisrichter beteiligt. Diocletian war kein Mann der Ekstase, und die Himmelssehnsucht und der Gottesrausch der neuplatonischen Religion, die eben zu seiner Zeit ihre beredten Vertreter fand, ließ ihn ebenso kalt wie das Christentum. Mit festen Füßen stand er vielmehr auf dem Boden des alten römischen Glaubens, und Zeus oder Jupiter allein war sein Gott, der Nationalgott oder Schutzgott des Reiches Ohne Frage setzte er diesen Zeus nach der Gewohnheit jenes späten Zeitalters mit Helios gleich. . Das ist begreiflich; denn er selbst hieß ja als Knabe Diokles, und das bedeutet den »durch Zeus berühmten« (so wie Herakles der durch Hera berühmte heißt). Er glaubte darum in der Tat, Jupiter oder Zeus habe ihn so groß gemacht. Dazu kam, daß man sich, wie wir sahen, die Germanen als Giganten dachte, die nur von Jupiter besiegt werden können. Über ganz Frankreich verbreiteten sich damals die Gigantensäulen, die Jupiters Sieg darstellten. 144 Sein Kultus war also, politisch betrachtet, so zeitgemäß wie möglich. Darum nannte sich Diocletian nun auch ständig lateinisch Jovius, seinem Freund und Helfer Maximian legte er den Namen Herculius bei; ebenso hießen auch seine Kerntruppen danach die Jovischen, die Maximians die Herculischen Legionen. Er sprach es aus, die alten Gottesdienste wolle er schützen; das bedeutete also lediglich eine Defensive. Schonungslos ging er nur gegen den dummen Aberglauben der Ägypter vor; Ägypten war das Land der Bauchredner, Marionettenkünstler, Astrologen und Zauberbeschwörungen; er ließ dort alle Zauberbücher, desgleichen die Bücher, die das Goldmachen lehrten, vernichten Schon Septimius Severus hatte dasselbe getan. . Übrigens duldete er alle Kulte, so auch das Christentum Nicht aber die Manichäer, die sich neu auftaten ( Cod. Gregorian. XIV, 4); ihre Bekämpfung konnte den Christen nur zur Freude gereichen. . Er war selbst an seinem Hofe von zahlreichen Christen umgeben; viele seiner Hofleute bekannten diesen Glauben, und die Verpflichtung, an heidnischen Opferhandlungen teilzunehmen, wurde ihnen voll Nachsicht erlassen. Auch Prisca selbst, die Kaiserin, Diocletians Gattin, desgleichen Valeria , seine Tochter, waren ganz ebenso christlich gesonnen, wennschon sie es vermieden, sich Christinnen zu nennen. Diese Valeria ist hernach von der Kirche sogar zur Heiligen erhoben worden. Der Kaiser dachte nicht daran, sich darum mit seinen Frauen zu überwerfen. Mochten sie, wie sie wollten, selig werden. Unmittelbar vor dem kaiserlichen Palast in der Residenz Nikomedien lag eine große christliche Basilika; Diocletian hatte da täglich vor Augen, wie die Gemeinde früh und spät zum Gottesdienst zusammenströmte. Zum Glück gab es noch keine Glocken; sonst wäre ihm das ständige Läuten vielleicht doch auf die Nerven gefallen. Die christlichen Gemeinden waren in den letzten fünfzig Jahren, in den Jahren des Chaos, gewaltig angewachsen; die kirchlichen Bauten, das kirchliche Vermögen und Grundbesitz mehrten sich überall augenfällig. Der Kaiser Gallienus hatte im Jahre 259 durch Edikt die christliche Kultusform ausdrücklich für zulässig erklärt. Seitdem wurde die aggressive Politik der 145 Bischöfe immer kühner. Die Kaiser, die kaiserlichen Provinzialverwalter mußten sich wie mit politischen Mächten mit den Bischöfen stellen; sie glichen einer konkurrierenden Nebenbehörde. Dabei war die Kirche selbst schon arg verweltlicht; Heuchelei, hochfahrendes Gebaren, das gräulichste Gezänk der Herren Bischöfe zeigte, daß die Idealzeit christlicher Tugend im Sinne Jesu längst dem nur allzu Menschlichen erlegen war Eusebius selbst bezeugt dies. . Da die Kirche jetzt so mächtig dastand, ist es kein Wunder, daß ihr Glaube nun auch mehr als sonst zum Gegenstand der Debatte wurde und lebhafte Stimmen sich gegen sie erhoben. Der feine Platoniker Porphyrius schrieb seine viel gelesene Schrift gegen die Christen, »die durch mystischen Dunst die gesunde Vernunft benebeln«; weit gehässiger aber noch fuhr ein hoher kaiserlicher Beamter gegen sie los; es war Hierokles , der Vikar von Bithynien. Seine Schrift klang bedrohlich; denn sie sah wie ein offizielles Manifest aus. Auf dem Heer beruhte die Sicherheit des Staates; wer die Disziplin des Heeres untergrub, war Staatsfeind. So ist es noch heute. Diocletian dachte gar nicht an Christenverfolgung; er erließ den christlich gesinnten Soldaten sogar die Beteiligung an den heidnischen Opfern. Aber die Christen provozierten selbst. Es waren Afrikaner, die heißblütigsten von allen. In der Provinz Afrika, in Theveste, geschah im Jahre 295 die erste gröbliche Gehorsamsverweigerung, von der wir zufällig hören. Ein junger Mensch sollte ins Heer eingestellt werden; man wollte sein Größenmaß nehmen. Er weigerte sich, weil er Christ sei. Es wird trotzdem festgestellt, daß er das Militärmaß hat; er bleibt trotzig. Der Prokonsul redet ihm gütlich zu: der Waffendienst sei durchaus unbedenklich; in der Leibwache aller vier Kaiser seien ja Christen genug. Als er dauernd Widerstand leistet, wird er hingerichtet wegen Widersetzlichkeit gegen den Fahneneid. Nach diesem und ähnlichen Vorkommnissen wurden am Hof die Stimmen lauter und lauter, die das Staatswohl für gefährdet erklärten. Die Götter selbst seien zornig, so versicherten 146 die Opferpriester auf Grund der Vogelschau und Eingeweideschau; denn die Götterstimmen schwiegen, wo Christen zugegen. Besonders Galerius, der seiner Natur nach nichts als Soldat war, wirkte zur Rettung der Disziplin mit ein. Diocletian befahl jetzt, das ganze Personal seines Hofes sollte sich hinfort an den herkömmlichen Opfern beteiligen, vor allem aber auch das ganze Heer, Offiziere und Gemeine. Die Folge war, daß eine große Anzahl Offiziere und Soldaten aus der Armee austraten, den Dienst verweigerten (im Jahre 297). Diocletian ließ sie gehen; er strafte sie nicht; sie mochten tun und lassen, was sie wollten. Aber sie ergingen sich dabei augenscheinlich oft in den dreistesten Schimpfreden auf die Religion des Kaisers; uns wird solche aufrührerische Szene, die sich in Marokko abspielte und sich gegen den Kaiser Maximian richtete, geschildert. Alle Subordination war damit gefährdet. Sollten die Kaiser plötzlich selbst Christen werden? Das war unmöglich. Also galt es einzuschreiten. Aber es kam noch ein weiterer Grund hinzu, der ausdrücklich von ihnen geltend gemacht worden ist: auch das Sektenwesen innerhalb der Kirche selbst brachte in die Allgemeinheit, in das ganze bürgerliche Leben ständig Unfrieden und die gehässigsten Kämpfe, die den Hütern des Staatswohles auf die Dauer unerträglich schienen Dies wird von Galerius als Grund für die Christenverfolgung angegeben: s. Eusebius, hist. eccles. 8, 27; Lactanz, mort. persec. c. 34. . Einmal mußte es zum Kampfe zwischen Staat und Kirche kommen. Jetzt war der Staat erstarkt und konnte zugreifen. Es fragte sich nur, ob es nicht zu spät geschah. Diocletian zauderte, Galerius trieb, und es vergingen noch einige Jahre. Das kaiserliche Konsistorium beriet; das Orakel Apolls in Milet wurde befragt. Im Jahre 303 war der Beschluß gereift, die christlichen Gottesdienste im ganzen Reich aufzuheben. Radikal wie immer, so war es der Kaiser auch jetzt. Halbe Maßregeln führten zu nichts. Das Militär ging in Nikomedien vor und zerstörte das Kirchengebäude. Tags darauf las man in den Straßen an den Mauerwänden den kaiserlichen Erlaß: alle Kirchenbauten sind 147 zu zerstören; alle kirchlichen Bücher zu verbrennen, und wer Christ ist, kommt vor Gericht. Bleibt er bei seinem Bekenntnis, so kann er in den Sklavenstand herabgedrückt werden. Mit Tod und Hinrichtung drohte der Kaiser wohl den Kaufleuten, die im Handel durch schwindelhaft hohe Preise das Publikum aussogen; den Christen drohte er wohlgemerkt nicht damit. Er wollte kein Blut vergießen. Sofort aber wurde der kaiserliche Erlaß von der Mauer gerissen, und der Aufruhr war da. Dann brach gar im kaiserlichen Palast Feuer aus. Große Aufregung. Woher der Brand? Der Verdacht lag nur zu nahe: die Christen sind schuld, die christlichen Hofbeamten. Es gab Untersuchung mit der üblichen Folterung; niemand gestand. Da brennt es zum zweiten Mal im Palast. Galerius, der anwesend, entfernt sich jetzt fluchtartig, und nunmehr bricht der Zorn Diocletians los. Die kaiserlichen Frauen selbst zwingt er an den Opferhandlungen teilzunehmen, die christlichen Palastdiener werden gegeißelt, verbrannt oder gehängt; der Bischof von Nikomedien und sonstige hervorragende Gemeindeglieder werden hingerichtet; denn der Kaiser ist überzeugt, daß sie die Brände verursacht; sie sind Attentäter. Wie ein Lauffeuer fuhr das Gerücht hiervon über den Orient, und schon erhob sich Rebellion gegen den Kaiser in Melitene. Melitene hieß eine Landschaft und Stadt im Ostteil Kleinasiens, im armenischen Quellgebiet des Euphrat. Die Christen schürten: so mußte man glauben. Vor allem aber in Antiochien, der Weltstadt, die schon halbwegs Christenstadt war, geschah dasselbe. Diocletian hört, daß man in Antiochien einen christlichen Kaiser wollte und einen Offizier dort dazu schon wirklich ausrufen ließ. So scheint wenigstens der Hergang gewesen zu sein. Der junge Constantin war in Nikomedien zugegen; er gab acht. Er war es ja, der später in Wirklichkeit dieser erhoffte christliche Kaiser werden sollte. Diocletian aber verschärfte jetzt naturgemäß in mehreren neuen Edikten sein Verbot; die Christen galten ihm jetzt als offene Rebellen; alle Bischöfe, Diakone, die nicht nachgaben, kamen in die 148 Untersuchungsgefängnisse; alle Christen sollten wenigstens einmal sich herbeilassen, an den staatlich herkömmlichen Opfern teilzunehmen. Mit Tod wurde auch jetzt keineswegs gedroht. Dem Ermessen der hundert Provinzialverwalter im Reich blieb die Durchführung des kaiserlichen Willens überlassen. Daß die einen es lax, die anderen mit grausamer Strenge handhaben würden, war vorauszusehen. Der Brand im Palast war gelöscht; nun aber stand die Welt in Brand. Der Schreck fuhr wie Donnerschlag durch die christlichen Gemeinden vom Orient bis zum Okzident, eine unbeschreibliche Erregung; es war, als hätte man Bomben durch die Kirchenfenster geworfen. Die Gefängnisse füllten sich gleich. Zahllos waren aber auch die Christen, die auf ihr Bekenntnis keinen großen Wert legten und dem Staatswillen zunächst willig gehorchten, und dies waren nicht nur Laien. Den Mißerfolg, der bevorstand, sah Diocletian nicht voraus; er war wie der Wissenschaftler und Theoretiker, der fehlerlos, aber nur mit absoluten Größen rechnet, wie der Physiker, der die Flugbahn des Artilleriegeschosses genau vorherbestimmt, ohne an den Widerstand der Luft zu denken. Die Erfahrung fehlte; denn der Fall war in der Weltgeschichte noch nie vorgekommen, die Aufgabe noch nie gestellt, eine Masse, die nach Millionen zählte und seit nun zwei Jahrhunderten fest organisiert war, aus ihren liebgewordenen oder gar heilig gehaltenen Gewohnheiten zu reißen. Während der Kaiser die Edikte erließ, begab er sich auf Reisen; er ging zum ersten Mal nach Rom. Just zwanzig Jahre hatte er jetzt regiert, und er wollte sein Regierungsjubiläum zusammen mit Maximian in Rom, das längst nach ihm verlangte, begehen, im Jahre 303. Im Frühling brach er auf, im Herbst war er dort. Von dort erließ er eine weitgehende Amnestie für die Straffälligen im ganzen Reich, die auch vielen Christen zugute kam; die Welt sollte mit ihm glücklich sein. Zugleich sollte jetzt aber auch nachträglich, Rom zuliebe, das 149 auf solche Schaugepränge versessen war, und auf Wunsch des Senates der Sieg über den Perserkönig im Triumph gefeiert werden. Solche Feier war lange nicht dagewesen, der Zudrang des reisenden Publikums aus allen Reichsländern ungeheuer. Auf einem Viergespann von Elefanten waren die beiden Kaiser zusammen in die Stadt eingefahren. Im Triumphzuge, der über die alte »heilige Straße« aufs Kapitol ging, gab es bunte Bilder zu sehen (sie wurden auf Gestellen einhergefahren), auf denen man Narses und all seine schönen Frauen abgemalt sah. Auch gefangene Germanen und Sarazenen gingen im Zug usf. Aber das römische Gassenvolk erlebte trotzdem die größte Enttäuschung. Die Masse war wilde Tierjagden, Löwen und Tiger und andere Bestien, die mit Menschen kämpfen, in der Arena, im Kolosseum zu sehen gewohnt, im Stil Trajans. Aber Diocletian verwarf diese Roheiten, ganz so wie auch die christliche Kirche gegen sie eiferte. Aber auch nach sonstigem tollem Zauber verlangte das Volk, wie Carinus sie der Stadt vor zwanzig Jahren im Namen seines Vaters Carus zum besten gab: Bären, die als Menschen dressiert waren und ein wirkliches Lustspiel aufführten, Seiltänzer, die über das Seil mit Stelzen an den Füßen gingen, oder ein gewisses »Sarmatenspiel«, das besonders entzückte und in dem es ohne Frage über die bösen Barbaren herging. Diocletian sagte kurz und verächtlich: »Carus ist also der Spaßmacher Roms gewesen« ergo bene risus est in imperio suo Carus ( Vita Carini 20); über die Bedeutung von rideri vgl. Berliner philol. Wochenschrift 1918, S. 190. ; er dachte nicht daran, es ihm gleichzutun. »Wenn der Sittenrichter selbst zuschaut, müssen auch die Schauspiele sittenreiner sein,« war sein Grundsatz castiores esse oportere ludos spectante censore ( Vita Carini 20). . Schließlich spendierte er gnädigst ein Dutzend Elefanten, ein paar hundert Pferde, dazu ein Zirkusrennen von bloß sechs Wagen. Das war alles. Nein, nicht alles; er tat seine Hand auf und beschenkte die Stadt mit 310 Millionen Denaren, das sind 126 Millionen Mark, zu gleichen Teilen an jeden Stadtbürger zu verteilen; das gab 900 Mark auf den Kopf. Das war noch nicht dagewesen. Aber der schnöde Mob dankte es ihm nicht; er wollte sensationelle Spiele, nicht Geld. 150 Auch daß man die Thermen, die großartigen Diocletians-Thermen baute, wurde nicht gerechnet. Dem alten Ruhm der ewigen Roma hatte er huldigen wollen; es sollte ein reines Freudenfest werden, das er beging; aber der Hohnruf des frechen Pöbels scholl an sein Ohr. Murrend und voll Verachtung verließ er die Stadt, mitten im harten Winter, am 20. Dezember. Er reiste ins Donauland und erkrankte. Erst im August 304 traf er wieder in seinem Nikomedien ein. Die Krankheit nahm zu. Offizielle Gebete für seine Genesung gab es in allen Tempeln; aber die Götter halfen nicht. Ihn traf ein Schlaganfall So erklärt sich, was Lactanz de mort. pers. c. 7 von ihm sagt: demens enim factus est ita, ut certis horis insaniret, certis resipisceret. . Er fühlte seine geistigen Kräfte gebrochen (der Palastbrand und die furchtbaren Erregungen, die damit zusammenhingen, hatten sein Nervensystem erschüttert), und er beschloß sofort abzudanken. Nicht nach gescheitertem Lebenswerk, wie der Spanier Karl V. anderthalb Jahrtausende später, sondern »satt vom Glück« legte er tatsächlich im Jahre 305 den Purpur ab. Er zählte erst 59 Jahre. Bedingung war, daß auch sein brüderlicher Freund Maximian abdankte, und Maximian fügte sich wirklich darein. Diese Fügsamkeit ist erstaunlich. Auf einer Anhöhe vor der Stadt Nikomedien hatte Diocletian eine Jupitersäule errichtet; vor der Säule saß er auf seinem Thronsessel; Soldatentrupps umgaben den Platz, Vertreter aus allen Legionen des Reichs. Auch Galerius und der junge Constantin waren zugegen. Er erhob sich müde (sein Äußeres war sehr entstellt; man erkannte ihn kaum wieder) und erklärte dem Heer seine Abdankung in wohlerwogener Rede; er wolle Ruhe nach der Arbeit und gebe dem Gott Jupiter nunmehr zurück, was er ihm verliehen. Auch die Nachfolge ordnete er. Was da geschah, war ohne Beispiel. Am selben Tag, dem 1. Mai, vollzog auch Maximian in Mailand gehorsam, aber widerwillig dieselbe Handlung. Diocletian räumte sofort den Palast, hob den Fuß und reiste in seine ferne Heimat, gleichsam in seine Kindheit, nach Salona 151 in Dalmatien zurück. Das deutsche Gefühl des Heimwehs zog ihn. Auch nannte er sich jetzt wieder einfach Diokles, wie er als Knabe geheißen. Aber er bezog keines Fischers Strandhütte, nicht das einfache Mietshaus, in dem er vielleicht einst heranwuchs. Einen märchenhaften Palast ( palatium ) hatte er sich da längst vorsorgend erbaut, hart am hohen Felsengebirge über der Küste, an einer stillen Bucht, wo die Welle sanft anschlägt, wo vorgelagerte Inseln die Brandung der Adria auffangen. Der Reisende sucht den Palast noch heute auf; denn im Reisebuch steht er noch heute mit einem Doppelstern verzeichnet; ein Teil der heutigen Stadt Spalato ist in seine mächtigen Trümmer eingebaut. Burgartig war er gegen türkische Überfälle durch hohe Festungsmauern und schwere Türme geschützt, mit etwa 200 Meter Front nach allen vier Seiten Genauer ein Rechteck von 179/215 Metern Seitenlänge. . Die Kaiserwohnung selbst mit ihren Nebenräumen nahm die ganze dem Meer zugewendete Seite dieser Festung ein; ein offener Gang von Arkaden tat sich da nach der Seeseite auf. Die übrigen Bauten waren durch Straßen in Häuserviertel geteilt Vgl. I. Jung, Die romanischen Landschaften, S. 370 u. 416; G. Niemann, Der Palast des Diokletian in Spalato, mit 23 Tafeln. . Aber auch das umliegende Ackerland gehörte dem Kaiser, und seine eigene Landwirtschaft versorgte ihn Epitome de Caesaribus 39, 5: In propriis agris consenuit . Zehn, ja fünfzehn Jahre hat der Kaiser da noch gelebt, ein Verschollener, untätig, willensschwach, von treuen Mannen gepflegt und gehütet, hat von hohen Altanen aufs Meer gestarrt, ist die kühlen Marmorkolonnaden entlang geschlichen oder hinaus aufs Feld gegangen, um nach den Pflanzungen zu sehen, hat angebetet im Jupitertempel (denn ein Jupitertempel fehlte nicht; heute ist er zur christlichen Taufkapelle geworden), hat sein eigenes stolzes Kuppelgrabmal, das auf ihn wartete und fertig stand, neugierig betrachtet und wie Ödipus vor der Sphinx gestanden; denn auch eine steinerne Sphinx lagerte im Palasthof, und er las von ihren stummen Lippen die ewige Rätselfrage des Lebens: wo ist das Glück? Sollen wir den Einsiedler mit Karl V. vergleichen, der in St. Just um seinen Seelenfrieden im Kloster betete? oder mit Bismarck, der wie Diocletian nach zwanzigjähriger Regierung 152 sich grollend in die Einsiedelei von Friedrichsruh zurückzog und grimmig hinaushorchte in die Welt? oder nicht vielmehr mit dem unseligen jungen König Ludwig von Bayern, der Regierung Regierung sein ließ und in Prachtschlössern, die er sich selbst erbaut, sein Leben phantastisch einsam menschenscheu verbrachte? Es ist zu vermuten, daß auch Diocletian damals bis zu einem gewissen Grade geistesgestört (denn ein Schlaganfall ist nicht ohne Nachwirkung), daß er auf alle Fälle gebrochen und in Kleinmut versunken war, da er das Abnehmen der starken Geisteskraft, des Gedächtnisvermögens, der Herrschaft über sich und andere an sich bemerkte. Nur so kann uns sein Verhalten verständlich werden. Eine stolze Zeit des Gelingens lag freilich hinter ihm; jetzt sollte er wehrlos zusehen, wie unter seinen Nachfolgern so manches, was er geplant und wofür er seinen Namen eingesetzt, vollständig vernichtet wurde und in kläglichem Mißlingen endete. Denn die Nachrichten drangen übers Meer zu ihm; sie machten vor der »goldenen Tür« seiner Burg nicht Halt Die porta aurea , die noch steht. . Daß in Handel und Wandel die Höchstpreise, die er vorgeschrieben hatte, vielerorts immer noch rücksichtslos überschritten wurden, war das geringste. Mag man den großen Handelstarif Diocletians utopisch nennen; mit Unrecht indes hat ihn der Kirchenschriftsteller Lactanz dem Gelächter und Hohn der Jahrhunderte preisgegeben An dem Mißlingen der Sache trugen ohne Frage die Kaiser Maximian und Constantius mit Schuld; ihren Namen hatten sie mit dazu hergegeben, aber renitent stillschweigend in ihren Reichsgebieten die Durchführung hintertrieben. Im Vorwort des Tarifs verkündet Diocletian ausdrücklich, daß er für das ganze Reich ( orbis ) bestimmt sei. Die Inschriftenreste des Tarifs sind aber ausschließlich nur in Griechenland und im Orient, dem Regierungskreis des Diocletian und Galerius, gefunden worden. Dazu stimmt, daß das Warenverzeichnis selbst ganz vorwiegend nur Waren des Orients berücksichtigt. Also ist der vorliegende Tarif nur für das Ostreich entworfen worden unter der Voraussetzung, daß Maximian und Constantius einen entsprechenden für das Westreich ausarbeiten ließen. Aber sie hielten dies für zu schwierig oder überflüssig und haben es nicht getan. Schon dadurch war die Wirkung der Maßregel Diocletians stark beeinträchtigt. . Schon aber triumphierte die ganze rebellierende christliche Kirche laut; denn auch die furchtbare Christenverfolgung verlief schließlich im Sande. Sein Rücktritt ersparte es dem Diocletian, selbst weitere Todesurteile gegen Christen zu fällen. Auch Kaiser Constantius in Trier hielt es übrigens ebenso, und so blieben Frankreich und England von der Christenverfolgung fast ganz verschont. Nur Maximian und Galerius waren ihre Vollstrecker, Italien und Spanien, vor allem aber Afrika und der Orient die Länder, wo die Opfer fielen. Acht Jahre, von 303 bis 311, währte im Orient die Verfolgung; im Westreich nur zwei Jahre. Diocletian hatte sich von 153 ihrem Erfolg überzeugt, von der Einschüchterung der Massen, der Bekehrung Tausender zu den alten Göttern Optatus Milev. De schismat. Donat. I, 20; III. 8. , der Zerstörung tausender von heiligen Büchern und Bibelexemplaren Die Bischöfe selbst lieferten die Bibeln aus; oft versteckten sie aber auch die Bücher oder setzten irgendwelche Profanbücher an die Stelle; die Behörde dringt dann in die Kirchenbibliotek ein und findet alle Börter und Fächer leer; Optatus De schismat. Donat. I, 13; Augustinus contra Crescent. III 26–30; vgl. A. Manaresi, l'impero Romano e il christianesimo S. 451 ff. ; jetzt aber mußte er hören, wie von Jahr zu Jahr der Widerstand wuchs, die sog. Bekenner sich mehrten, die Furchtbarkeit der Martern und Schreckmittel ab und an bis ins Scheußliche sich steigerte Dies betrifft aber wohl nur Ägypten, besonders die Thebaïs; s. Eusebius 8, 9. In Kleinasien saßen die Christen vielleicht am dichtesten; da wurde ein Christendorf von Soldaten in Brand gesteckt, die Bewohner kamen um: ebenda 8, 11. und sich dennoch als fruchtlos erwies. Denn die Gemeinden erstarkten im Kampf; der häßliche Glaubenshader trat jetzt zeitweilig in ihnen zurück; das Massengefühl gab ihnen die Kraft zu trotzen und die Katastrophe zu überdauern. Es war, als wollte man mit der Hand das Meer ausschöpfen: bis schließlich Galerius erkrankte und Diocletian von dem berühmten Edikt vernahm, in dem Galerius endgültig die Verfolgung aufhob (im April 311). Diocletian hatte die Christen nicht gehaßt, er hatte sie nur grundsätzlich verworfen; aber er fühlte, der Haß der Welt lastete nun auf ihm; nicht nur der Haß, auch der Hohn der Welt. Denn er galt nun als der Besiegte. Die Christen haben es in der Tat an nichts fehlen lassen, um sein Gedächtnis für immer zu schänden. Von wie vielen Millionen Helden des Schlachtfeldes, die für die Rettung des Vaterlandes opferfreudig ihr Leben ließen, ist der Name verschollen, und kein Gedächtnis ehrt ihr Andenken! Die Männer und Frauen dagegen, die an ihre Glaubenssache damals ihr Leben setzten, sind sogleich mit glühender Liebe verherrlicht worden; man liest ihre Namen noch heute in jedem Kalender; Kirchen wurden über ihren Gebeinen erbaut, in Steininschriften ihr heilig gesprochener Name verewigt. Afrika nennt uns die Crispina, die Sekunda und Domitilla Vgl. A. Schwarze, Untersuchungen über die Entwicklung der afrikanischen Kirche, S. 125. ; aus Rom selbst klingt uns der Name des heiligen Sebastian, der heiligen Cäcilie und Agnes entgegen: Sebastian, der Gardeoffizier, den die marokkanischen Bogenschützen an den Baum binden und mit tausend Pfeilen durchbohren Vgl. A. Manaresi, l'impero Romano e il christianesimo , S. 458. ; Cäcilie, die zur Schutzheiligen der Musik geworden Über die Lebenszeit der Caecilia vgl. Manaresi S. 459. ; Agnes, die im Freudenhaus durch ein Wunder ihre Reinheit bewahrt; ihr 154 Attribut ist das Lamm, das Sinnbild der Unschuld. Die größten Maler der Neuzeit haben sich geübt, diese Gestalten unserer Andacht nahe zu bringen. Auffallend viele junge Mädchen sind es, die sich schwärmerisch so für ihren Glauben dahingaben in Sehnsucht nach dem himmlischen Bräutigam. Denkwürdiger noch der palästinensische Märtyrer Pamphilus , der Buchgelehrte, der für den griechischen Bibeltext so hochverdient ist; er ist der Lehrer jenes Eusebius , der uns die Kirchengeschichte, das erste große Manifest des Triumphes der Christenheit, geschrieben hat. Auch diesen Pamphilus erfaßt das Geschick; ein Jüngling, der seinen Leichnam bestatten will, wird gleichfalls unter Qualen getötet Eusebius, Martyr. Palaestin. 11 20. . Zwei Jahre vor der Exekution aber verbrachte Pamphilus in Gefängnishaft und konnte dort ruhig seinen gelehrten Studien nachgehen; Eusebius leistete ihm dabei freiwillig Gesellschaft, blieb aber von der Strafgewalt unberührt. Schon einige dieser Beispiele zeigen, daß sich die fromme Dichtung, die Legende, früh dieser Dinge in ausschweifender Phantastik bemächtigt hat, und für den, der den Tatbestand erforscht, ermäßigt sich das Grauen, das an den Christenprozessen haftet, erheblich. Tatsache ist, daß die meisten Bekenner nur in den Stand der Unfreien versetzt und vielfach zur Arbeit in den Bergwerken verurteilt wurden; aber es stand ihnen dort frei, weiter ihres Glaubens zu leben, ja, sich gelegentlich ihr Gotteshaus zu bauen Eusebius, Martyr. Palaestin. c. 13. Über die Christen in den Marmorsteinbrüchen bei Sirmium vgl. die Legende der Quattuor coronati (Büdingers Untersuchungen z. röm. Kaisergeschichte III, S. 321 ff.). ; nur die herausfordernd Trotzigen traf Hinrichtung, Enthauptung. Man muß sich wundern, daß wir gerade aus dem Reichsteil Illyrien, wo der grimme Galerius herrschte, von so wenigen Martyrien hören. Das Verhalten des christlichen Publikums selbst gibt dafür die Erklärung; nur in den Ländern mit heißblütig erregbarer Bevölkerung, dem Orient, Nordafrika, Ägypten, fielen die Opfer zahlreicher; der Fanatismus provozierte die Behörden; er reizte das Richterpersonal; es war wie ein wilder Gottesrausch, ein leidenschaftlich triebhafter Ehrgeiz nach der Märtyrerkrone. In Ekstase jauchzend drängten sich da viele 155 zur Folter. Manche aber, hören wir, drängten sich auch deshalb dazu, da sie sich im Leben durch üble Wirtschaft gesellschaftlich unmöglich gemacht hatten. Auffallend ist endlich, daß überhaupt nur neun Bischöfe fielen Eusebius, hist. eccles. 8, 13. ; und wenn uns Eusebius sagt, daß in Palästina die Verfolgung besonders heftig war und dort doch schließlich in all der Zeit nur 80 Todesurteile vollstreckt wurden, so wird man für die anderen Reichsländer danach z. T. sehr viel geringere Zahlen anzusetzen haben. Man hat damit verglichen, daß unter Herzog Alba in dem kleinen Bereich der Niederlande zur Zeit Egmonts und Wilhelms von Oranien 100 000 Protestanten den Glaubenstod starben. Der spanische Katholik war denn doch ein schärferer Scharfrichter als der Heide Diocletian: ein blendender Beleg für den Fortschritt der menschlichen Kultur im christlich gewordenen Europa. Der große Verteidigungskampf des Staates gegen die Kirche war gescheitert. Der entthronte Einsiedler hörte es; aber er hörte mehr. Der junge Constantin schwang sich zur Macht empor; Constantin zerbrach mit raschem Griff das Regiment, das Diocletian letztwillig bei seinem Rücktritt feierlich zur Nachfolge bestimmt hatte. Die Waffen rasselten wieder in allen Ländern. In ein neues Chaos versank das Reich. Auch der mühsam und kunstvoll gezimmerte Organismus der Reichsregierung, durch den Diocletian den inneren Frieden so lange gesichert hatte, fiel um wie ein Kartenhaus. Den Constantius und Galerius hatte Diocletian, als er zurücktrat, nunmehr zu regierenden Kaisern oder Augusti gemacht, zu Cäsaren dagegen zwei bisher so gut wie unbekannte Männer, die sich erst durchsetzen mußten: sie hießen Severus und Maximinus Daja . Die Namen häufen sich jetzt, und es gilt vor allem Maximin und Maximian zu unterscheiden. Diocletian hatte diese Bestimmungen als kranker Mann offenbar schon im Zustand innerer geistiger Zerrüttung gemacht; sonst hätte der Kluge vorausgesehen, was bevorstand; denn nicht nur Constantin , des Constantius Sohn, lebte ja und hatte natürlich Ansprüche auf die Herrschaft, sondern auch 156 Maximian hatte einen Sohn, Maxentius . Nun erhoben sich auch diese beiden jungen Männer, Constantin und Maxentius, alsbald selbst eigenmächtig zu Cäsaren; ja, auch der alte Maximian, der Vater, griff wieder nach dem Purpur, und die Fehde zwischen all den Gewalthabern brach los, der heillose Bürgerkrieg. Es blieb nicht aus, daß man auch Diocletian selbst gelegentlich wieder in die großen Händel hineinziehen wollte. Er ist noch einmal von Salona nach Carnuntum gereist; Galerius rief ihn; man wollte ihn bereden, zu helfen und aufs Neue die Führung wieder in die Hand zu nehmen. Aber er war völlig müde und lehnte ab. Der große Mann war zum Gärtner geworden und sagte lakonisch: »ich wollte, ihr könntet mit mir meinen Kohl bauen; dann wäre euch besser« Epitome de Caesaribus 39, 7. . Constantius starb im Jahre 306. Zeitweilig standen nun also die übrigen, Galerius, Maximin, Constantin, Severus, Maxentius und der alte Maximian, als sechs Prätendenten oder Inhaber der Kaisermacht nebeneinander und widereinander. Zuerst vernichtet Maxentius den Severus. Dann aber dringt aus dem Norden Constantin siegreich vor, und der Einsiedler in Salona muß hören, wie Constantin in Arles den alten Maximian gefangen nimmt und zu Tode bringt, wie er gar nach Italien und bis nach Rom seine Feldzeichen trägt und den Maxentius bei der Milvischen Brücke besiegt. Constantin aber focht jetzt unter dem christlichen Kreuz. Das Ungeheure war geschehen; die Kirche war es, die mit ihm triumphierte. Es war damals schon klar, daß Constantin nach der Alleinherrschaft strebte, und Diocletian hatte für sein Leben zu fürchten; denn man hatte ihn trotz allem im Verdacht, daß er, der wehrlose, machtlose, frondiere, durch seine Gattin Prisca, die im Ostreich lebte, mit Constantins Gegnern heimlich im Einvernehmen stehe. Constantin wäre auch gewiß nicht davor zurückgeschreckt, ihn zu töten. Nur Maximin, der im fernen Osten das Szepter führte, huldigte noch dem Diocletian und nannte ihn seinen Vater; aber er konnte ihn nicht schützen. Es war schon viel, daß dieser Maximin den kaiserlichen Frauen 157 Prisca und Valeria eine Zuflucht gewährte. Die Frauen dünkten sich bei ihm gesichert, aber auch diese Hoffnung trog, und zu hundert Enttäuschungen kam nun noch der persönliche Herzensgram. Denn auch Maximin wurde niedergeworfen und Prisca und Valeria beide erbarmungslos getötet. Der Stillgewordene mußte auch das hinnehmen. Die wilde Zeit war wieder da. Schon herrschte eine neue Größe, Licinius , im Morgenland, wo einst Diocletian gewaltet; schon zogen Constantins Heeressäulen über das illyrische Land gegen Thrazien aus, um sich im blutigsten der Kriege mit diesem neuen Gewalthaber zu messen; Constantin gegen Licinius! Wozu hatte Diocletian gelebt? wozu die Kräfte des Reichs mühsam geschont? Er war vergessen. Endlich nahm der Tod ihn aus dem Leben, im Frühjahr 316; er war 73 Jahre alt Vgl. zu diesen und anderen Zeitansätzen jetzt O. Seeck, Regesten der Kaiser und Päpste für die Jahre 311 bis 476 n. Chr. (S. 165). . Es war hohe Zeit für ihn. Seine Feinde liebten es, sich auszumalen, daß die zitternde Angst vor Constantin ihn umtrieb, bis er schließlich Gift genommen; oder er sollte gar schon an der bloßen Angst ( angor ) gestorben sein. Viel wahrscheinlicher ist, daß zunehmende Schwäche seinem Leben ein Ende machte. Die Leibeserben fehlten. Die Diener stoben auseinander. Der Riesenpalast von Spalato stand fortan leer, und auf dem Altar des Jupitertempels erlosch die Flamme für immer, in die des alten Kaisers Hand, die nun erkaltete, den Weihrauch streute. Ein Purpurvorhang hing über seinem Grab; auch der, hieß es, sei gestohlen worden Ammianus Marcell. 16, 8, 4. . Wie ein Ausgestoßener war hier am weltabgelegenen illyrischen Strande der letzte große Jovius und kaiserliche Jupiterverehrer gestorben, indes das Kreuz Christi, das heißt die Macht des Episkopats, von Rom aus seinen Siegeszug über den Erdkreis begann. Der große Umschwung war da. Überraschend und auf einmal war er gekommen. Zunächst fand das Christentum nur wohlwollendes Gewährenlassen, ein freies Feld sich auszuleben; aber das Römertum sollte nun doch christlich werden. Es fragte sich, ob das christlich gewordene Römertum das Reich 158 in Zukunft retten konnte. Denn noch immer drohten die Germanen. Christus war an keine Nation gebunden, seine Kirche international. Was würde geschehen, wenn auch die Germanen das Kreuz nahmen? Die Sphinx gab wieder ein Rätsel auf. 159     Constantin der Große Jetzt tritt einer der Großen, von dem man eine Weltwende rechnet, auf den Plan. Es ist der blutgewohnte geniale Heide, der sich mit dem Kreuz bewaffnet. Die Kirche, die gepeinigte heilige Frau, die wehklagt, wie die Apokalypse es schildert, sie hat in ihm ihren Liebhaber, ihren Retter und Erlöser gefunden: ein seltsames Paar. Wir sehen es mit Staunen. Nichts ist so wichtig, nichts aber auch so eigenartig schwierig, als den Hergang der Dinge, die sich durch Constantin vollzogen, und die Motive, die ihn im Handel leiteten, richtig zu verstehen; schwierig deshalb, weil die fromme und skrupellos erfinderische Legende sich sogleich um diese Hergänge gesponnen hat. Der Name Eusebius besagt genug. Constantin der Große Constantin der Große. Römischer Conservatorenpalast. Nach Bernoulli, Röm. Ikon. II/3, Taf. LII. Wie sollte sich, als Diocletian zurückgetreten, die Monarchie zu den Machthabern der christlichen Kirche stellen? Die Einigkeit fehlte im weltlichen Regiment jetzt vollständig. Constantius und Galerius standen zunächst als Herrscher nebeneinander, und neue Herrscher, Maximinus Daja, Severus und die anderen traten hinzu. Ein zentraler Wille fehlte jetzt. Die Kirche selbst dagegen war als stolze Siegerin aus der großen Krise hervorgegangen. Sie war stark wie nie. Die zahlreichen Massen, die sich aus Menschenfurcht zeitweilig von ihr losgelöst hatten, strömten jetzt zu ihr zurück. Der dogmatische Zank ging freilich unter den Bischöfen weiter, und ihre Glaubenssätze, die wie Parolen wirkten, hetzten gelegentlich sogar die Volksmassen gegeneinander; aber nach außen, gegen den Staat, war die Kirche in sich geschlossen. Die 3000 Bischöfe standen wie Fürsten da. Gefährlich schien es, wenn sie zu Konzilien zusammenkamen, wobei sie die kaiserliche Post benutzten, ja ungebührlich belasteten. Die Stadtbevölkerung in Ländern wie Kleinasien, wie Südfrankreich oder die Provence war gewiß schon überwiegend christlich; Städte wie Antiochien und Alexandrien ebenfalls. Überall gab es Legenden, und der oder jener Apostel sollte die Heilslehre persönlich nach Arles, nach Lyon, nach Byzanz getragen haben. Im ganzen nannte sich jetzt etwa ein Zehntel 161 der Gesamtbevölkerung der antiken Welt christlich. Das Heidentum war also zwar noch in gewaltiger numerischer Überlegenheit, aber völlig in sich zerfallen. Es bildete keine einheitliche Front. Die Mithrasdiener, die Isisdiener, alle Gruppen standen für sich, und sie kämpften auch nicht, sie wollten nur nicht gestört sein. Die neuplatonische Philosophie beschäftigte nur eine dünne Oberschicht erlesener Geister. Der Senat in Rom hielt besonders zäh an den altrömischen Traditionen fest; Rom war eben die Allgötterstadt mit ihren 152 Tempeln und 183 sonstigen heidnischen Gebetsstätten. Wie geschwächt und überlebt aber in weiten Kreisen bei den Heiden die alten Götterkulte waren, habe ich früher ausgeführt. Ich werde hinfort für die bunte Masse der Nichtchristen das Wort Heiden verwenden, ein Übersetzungsversuch nach dem römischen pagani Auch ethnici oder gentiles nannten die Christen ihre Gegner, d. h. die Völkischen. Die Volksmassen im Gegensatz zu den Auserwählten des Herrn sind damit gemeint. Schon Ulfilas hat in seiner gotischen Bibel des 4. Jahrhunderts das Wort Heide hierfür eingesetzt, das ursprünglich, wie man vermutet, den Wilden bedeutet hat. . Es bedeutet die Landleute, die Dörfler, an die das Christentum, das in den Städten sitzt, zunächst nicht herankam. Die Kirchenbauten, Basiliken genannt, standen seit langem breitschiffig und hoch an den Plätzen, und man sah die Andächtigen wöchentlich, täglich dahin strömen. Das wirkte aufreizend, aber es imponierte zugleich und zog mit der Magie des Wunderbaren die in sich unsicheren Seelen an. Die heidnischen Kulte waren dagegen ohne Zusammenhang, und ihre Gemeinden traten viel weniger wuchtig vor das Auge. Das gilt vor allem auch vom Sonnendienst, der geistig so hoch stand und der mit der Christusverehrung so manche Berührungspunkte hatte. Die weitverbreitete Mithrasreligion, die auch bis zu uns an den Rhein drang, war nur eine seiner Erscheinungsformen. Mithras ist der Name des Gottvaters, sein Sohn und Mittler ist Helios, der Sonnengott; er ist des Vaters eingeborener Sohn. Um seine Fürsprache wird gebetet, ganz wie bei den Christen; im Geisteshauch ( Pneuma ) vereinigt sich der Mittler mit dem Sterblichen; man atmet sein Strahlenlicht und wird so im Gebet zu Gott selbst erhoben: »Da ich erhöht bin, sterbe ich, ein Wiedergeborener, und werde in den Tod 162 erlöst, auf dem Wege, wie du das Sakrament gestiftet hast.« Aber nur in geheimnisvoll unterirdisch höhlenartigen Räumen wurde dieser eindrucksvolle Kult begangen. Die Außenwelt merkte wenig davon. Verbreitete sich solcher Gottesdienst über die Lande, so geschah es nicht eigentlich durch Lehre und Propaganda, Schrift und Predigt; sondern die Soldaten und Kaufleute, die in großer Anzahl den Standort wechselten, brachten ihre Religion aus dem Osten nach Westen mit. So glichen die heidnischen Kulte den Wildpflanzen, die sorglos üppig in der ungepflegten Natur aufsprießen, blühen und welken. Das Christentum dagegen wurde planvoll gesät; es glich dem Feldbau, der die Früchte mit Fleiß zu vertausendfachen strebt; die Bischöfe waren die Feldbesteller, und dem Wildwuchs wurde so unfehlbar Schritt für Schritt mehr und mehr Boden abgenommen. Jetzt half dazu auch noch der Märtyrerkult. Denn eine Verherrlichung derer, die sich in der Diocletianischen Christenverfolgung ihrem Glauben geopfert hatten, eine Glorifizierung der Helden Christi setzte eben jetzt ein. Neue Kultstätten entstanden, wo man ihre Gebeine weihte, und so bereicherten sich auch die Formen der Andacht. Christus war jetzt von Heiligen umstanden; der Himmel des Christentums ist jetzt bald ebenso figurenreich wie der Himmel des Heidentums, und der lebhaften Phantasie des Südländers, der nach sinnfälliger Anschauung und einem reichen Personenkult verlangt, war das willkommen. Man brauchte nun nicht immer nur zu dem fernen, abstrakten, namenlosen Gott die Hände zu erheben; zum heiligen Damian konnte man jetzt um Gesundheit beten, wie früher zum Aeskulap; die heilige Pelagia verdrängte die Venus, und so war jeder Heilige bereit, im Jenseits die besonderen Wünsche der Frommen zu vermitteln. Das Christentum war es, das, überall sich gleich, allein noch die Reichseinheit zu sichern schien. Aber es ist erwähnenswert, daß es eben damals auch schon über die Grenzen des Reichs hinausgriff, daß es auch schon die Germanen gewann. »Lehret 163 alle Völker,« war ja seines Stifters Forderung gewesen. Der Deutsche aber war lernbegierig, auch in den Dingen der Frömmigkeit. Er hatte die Götterbenennungen Mercur und Mars, Herkules und Silvanus, Castor und Pollux von den Römern und Griechen gläubig angenommen; warum sollte er jetzt nicht zu Christus beten lernen, von dem es hieß, er sei mächtiger als alle Geister, die zwischen Himmel und Erde in den Lüften schweben? Zunächst betraf das nur die auf römischem Reichsboden lebenden, in römischen Diensten stehenden Germanen; aber wir hören nun auch, daß während der Diocletianischen Verfolgung zu den freien Germanen Christen flohen und bei ihnen gegen Galerius Schutz und Sicherung fanden Eusebius, Vita Const. 2, 53. , und sehen dann, wie solch ein germanischer Christ in bischöflicher Würde auch an des römischen Kaisers Hof und zum Kirchenkonzil von Nicäa als Vertreter seiner Gemeinde kommt Eusebius, Vita Const. III 8: ein skythischer Episkopus. . Dieser Kaiser, zu dem er kam, war Constantin . Wenden wir uns denn endlich ihm und seinen Taten zu. Es ist der Mann mit der großgewachsenen Seele, der großatmige: so nannten ihn im Altertum seine Verehrer μεγαλόψυχος Johannes Malalas; Seele ist nichts als Odem, so lehrt Mark Aurel; daher »der großatmige«. . Es ist jedoch nötig, sich dabei auch gleich die anderen Personen des folgenden Dramas zu vergegenwärtigen. In Italien zurückgezogen auf dem Lande lebte der alte Kaiser Maximian , der auf das Drängen Diocletians hin gutmütig den Purpur abgelegt hatte. Sein Sohn heißt Maxentius; es ist der Maxentius, den jeder Schulknabe kennt, weil Constantin ihn in jener Schlacht am Tiberfluß bei Rom, die man als den Triumph des Christentums feiert, besiegt hat. Rafael hat die Schlacht an der Milvischen Brücke in den Stanzen des Vatican an die Wand gemalt. Dieser junge Prinz Maxentius lebt zunächst mit Frau und Kindern auf dem Lande und hat weder Aussicht noch Absicht, Kaiser zu werden Der naheliegende Gedanke, ihn zum Thronerben seines Vaters zu machen, von dem wir in den Panegyrici lat. II, 14 und bei Lactanz de mort. pers. 18 lesen, wurde von Diocletian hernach verworfen. . Übrigens ist der alte Kaiser Galerius , der Herrscher im Donauland, noch am Leben; er will es durchsetzen, daß in Italien der Feldherr Severus die Kaisergewalt ausübt, und Severus sucht sich wirklich dort geltend zu machen. Im 164 asiatischen Osten endlich herrscht Maximinus Daja , ein Mann, der durch hohe Bildung seine Mitherrscher überragt, aber den Christen feind ist. Zwischen all diese sich widerstreitenden Personen ist der junge Constantin gestellt. Er schien die besten Aussichten zu haben, denn er war Kaisersohn. Er war der Erstgeborene seines Vaters Constantius, des Blassen Er hieß Chlorus beibenannt; χλωρός bedeutet, vom Menschen gebraucht, die kränklich blasse Farbe, nach Hippocrat. prognost. II 4, 6 und Galen, Comment. I in prognost. . Daher auch der Δημήτριος ὁ χλωρός in den Scholien zu Nikander, ther. 585. , und um das Jahr 285 in der Landstadt oppidum . Naïssus (dem heutigen Nisch in Bulgarien oder jetzt Serbien) geboren. Damals war jedoch sein Vater noch nicht »Cäsar«, sondern in untergeordneter Stellung und lebte in wilder Ehe mit der Gastwirtin Flavia Helena; sie war Constantins Mutter. Es ist die Helena, die später zur Heiligen der Kirche wurde. Constantius, der Vater, war die Milde und Güte selber; ganz anders der Sohn; es steckte etwas vom nervenstarken Palikaren, der wild und verschlagen und Blut zu sehen gewohnt ist, in ihm. Vielleicht dankte er der Mutter sein starkes Temperament. An Genialität übertraf er seinen Vater Im Gesicht sah er dem Vater ähnlich: Panegyr. lat. VI, 3; VII 4. . Die literarische Bildung des Knaben war anfangs gering So die Excerpta Valesiana . und der Zuschnitt im Elternhause durchaus schlicht. Wir hören, daß der Vater keine silberne Schüsseln besaß, wenn er, als er Kaiser war, ein Festessen geben wollte. Von christlichen Einflüssen ist keine Rede. Helena war Heidin; der Vater war, wie damals so viele, die dem Christentum fern standen, zum Monotheismus geneigt im Sinne des Seneca, Epiktet, Mark Aurel und Apollonius von Cyana, die da, statt vom Zeus oder Apoll zu reden, es vielfach vorzogen, den namenlosen Gott, den deus , an die Stelle zu setzen, auch auf das Opfern im Tempel keinen Wert legten, und in dieser Denkweise wuchs auch der junge Constantin auf. Als der Vater im Jahre 293 zur Cäsarwürde erhoben ist und nach Frankreich geht, wird der Sohn, damals 9jährig, von dem allmächtigen Diocletian als »Geisel« im Orient festgehalten; er sollte dem Diocletian für die Treue seines Vaters bürgen und wurde so von seinen Eltern und Stiefgeschwistern dauernd getrennt; denn es waren jüngere Brüder da. 165 Constantius, der die Helena verstoßen, hatte inzwischen von seiner rechtmäßigen Gattin, der Kaiserin Theodora , zwei Söhne und drei Töchter. Ob der junge Recke sich grämte? Er hatte auffallend wenig Familiensinn; an seinen beiden Stiefbrüdern Dalmatius und Constantius lag ihm nichts, und was sollten ihm gar die Stiefschwestern bedeuten? Der Orient wurde seine Heimat. Wie viel köstlicher war es, in Syrien oder Kleinasien zu leben als in dem engen Kaiserhorst Trier oder gar in York, im Land des Nebels und der langen Winter? Kleinasien stand damals noch im üppigsten Flor der Vegetation und des Städtelebens; es herrschte noch kein Türkenregiment, und das Flammenschwert Mohammeds war noch nicht darüber gefahren. Und nun der Palast Diocletians: wer in ihm hauste, saß im Zentrum alles Geschehens, im Wirbel der Weltgeschichte. Der Allgewaltige sah freilich mit Mißtrauen auf den Prinzen; doch hielt er ihn keineswegs als Gefangenen; er nahm ihn vielmehr auf seinen Feldzügen mit und ließ ihn auch bei den feierlichen Hofakten und Zeremonien als jungen Offizier Figur machen. Constantin war blond, vielleicht rotblond πυρρός , sagt Joh. Malalas; vgl. oben S. 142 , Anm. "Johannes Malalas Buch XII...". , hochgewachsen und schön, und er hatte offene Sinne; mehr als das, er hatte Ehrgeiz, Machthunger. Wie lange würde dieser Diocletian noch leben? Es wäre köstlich, einmal sein Nachfolger zu sein! Eine Zeitlang hat der Herrscher ihn damals selbst zum Nachfolger erziehen wollen. Es ist keine Frage, daß Constantin dort im Kaiserpalast und unter den Hofleuten seine Bildung, vor allem seine Kenntnis des Griechischen, bedeutend bereicherte. Aber auch die Unterwerfung und Neuordnung Ägyptens, den großen Sieg Diocletians über Persien erlebte er mit, sah den Betrieb in den kaiserlichen Bureaus, mit deren Hilfe der emsige Reichschef die Verwaltung der Welt geräuschlos völlig neu gestaltete. Da wurden ihm auch schon die Regierungsgrundsätze geläufig, die die Christen betrafen: Toleranz und Schonung. Daß aber etwa die christlichen Elemente am Hofe 166 seine junge Seele irgendwie beeinflußten und zu fangen suchten, wäre eine verfehlte Annahme. Der flotte Soldat von 20 bis 25 Jahren fragte nicht nach Dogma und Glauben. Und schon reckte sich in ihm das Heldentum. Galerius zog ihn zu den Grenzkämpfen an der Donau heran. Es ging gegen die Slaven oder Sarmaten. Wer weiß, ob Galerius nicht hoffte, daß er dabei umkäme? Zu Pferd saß er, durchritt persönlich allen voran die Sümpfe, hinter denen der Feind lagerte, und erkämpfte den Sieg. Dabei griff er sich einen wildwütigen Barbaren und riß ihn an den Haaren mit sich bis vor den Galerius: eine Kraftprobe. Diocletian aber erkannte ohne Frage mehr und mehr den starken Eigenwillen, die unbändig rücksichtslose Stoßkraft seines Wesens und gewann die Überzeugung, daß er, zur Macht zugelassen, das ganze geschickt gezimmerte System der Vierkaiserherrschaft zerstoßen würde; das »Tetrachord« Der Ausdruck stammt von Julian, S. 405, 17 ed. Hertlein. würde unter seiner Hand zerreißen. In der Tat: ein edles Raubtier zog er in seiner Hürde groß. Ein Wunder, daß es dem Jüngling gelang, bis zu seinem 30. Jahre sein stürmisches Heißblut zu bezähmen in der Windstille und Kühle jenes Hoflebens. Wohl mancher Feuerblick, manch höhnische Gebärde, manch herausforderndes Wort verriet schon damals sein Wesen. So schloß Diocletian, als er erkrankte und plötzlich freiwillig ins Nichts zurücktrat, den Mann der Zukunft ausdrücklich von der Thronfolge aus. Des jungen Mannes Herz aber muß schon damals, als er von der Erkrankung des Allmächtigen erfuhr, frohlockt haben. Und jetzt? was bedeutete der Wille dessen noch, der sich selbst geächtet hatte? Kaum saß Diocletian als machtloser Mann in Spalato, als Constantin sich losriß und nach Trier zu seinem Vater eilte. Es war keine Reise, es war Flucht. Er wußte, daß er verfolgt wurde. Die Reise ging weite Strecken mit der Reichspost, Eilpost. Dabei herrschte Relaissystem, d. h. an zahlreichen Plätzen wurden immer wieder die Gäule gewechselt. Constantin aber ließ an allen Stationen, die 167 er hinter sich brachte, die Postpferde töten, und so entging er seinen Verfolgern. In Boulogne traf er wirklich seinen Vater. Er war frei. Seine Zukunft konnte beginnen. Der Vater setzte eben damals nach England über, um gegen die bösen Schottländer zu kämpfen. Den Krieg machte Constantin mit. Dann starb sein Vater in York, und sogleich wurde Constantin in York zum Kaiser, zum Cäsar und Nachfolger seines Vaters ausgerufen. Es war der 25. Juli 306. Wozu war er der Kaisersohn? Diocletian hätte ihn töten müssen, um dem vorzubeugen. Aber solches Töten verstand Diocletian nicht Ich meine das Hinwegräumen mißliebiger Personen ohne Richterspruch. ; das hätte er von Constantin lernen können. Das Heer hatte er gleich für sich gewonnen. Das Militär rief ihn zum Cäsar aus, und zwar war es unter den Generälen vor allem ein Germanenkönig Crocus oder Erocus, der dies durchsetzte. Das ist bedeutsam. Vornehmlich germanische Söldner sind es gewesen, die ihn hernach von Sieg zu Sieg führten; Germanen haben unter Constantin die Welt erobert. Was seine beiden Stiefbrüder damals dachten, die von einer »besseren« Mutter stammten, erfahren wir nicht. Auch war es nicht Zeit, Feste zu feiern. Es gab gleich Krieg. An der Rheingrenze regten sich wieder die Franken und Alemanen, die, da eben Constantius gestorben, die üblichen Angriffe auf Frankreich erneuern zu können glaubten; denn Frankreich war für sie das Land der Zukunft. Da konnte sich Constantin gleich als Feldherr bewähren; er schlug mächtig darein und verwuchs so noch enger mit seinem Heere. Er verwüstete die deutschen Lande zwischen Main, Lahn, Sieg und Lippe fürchterlich: die Dörfer und Feldfrüchte verbrannt, Weiber und Kinder getötet. Das war die übliche Methode: wenn die Germanen es taten, hieß es Barbarei; wenn Rom es tat, war es herrlich und groß. Zwei deutsche Heerkönige hatte er gefangen; wir wissen ihre Namen: Astarich und Gaiso. Die warf er in Trier den wilden Tieren vor. Der Rundplatz der Arena in Trier ist heute wieder 168 freigelegt, und der Reisende kann da die Stelle sehen, wo der junge Constantin und sein Hof und seine Soldaten sich an dem Schauspiel vergnügten, die beiden Germanenherzöge, die an Tugend ihnen schwerlich nachstanden, von Bestien – waren es Bären oder Löwen? – zerreißen zu sehen. Das war der Gipfel des ersten Erfolges des Constantin. Aber er hatte schon auf anderes achtzugeben. Kaum hatte er sich in England zum Kaiser ausrufen lassen, da tat es Maxentius ihm nach, und die anderen Personen des Dramas greifen ein. Die Handlung verwirrt sich. Auch dieser Maxentius war Kaisersohn, und was dem einen zustand, kam auch dem anderen zu. Nun war er, im Jahre 306, plötzlich Herrscher in Italien, nominell auch in Afrika. Zwei Ursurpatoren standen jetzt nebeneinander, und die Welt mochte schon ahnen, was das bedeutete: Bürgerkrieg. Constantin hatte es besser. Er wurde in Ruhe gelassen; denn Galerius ließ ihn im Jahre 307 notgedrungen als Mitkaiser gelten. Maxentius war es, gegen den allein der Angriff ging. Wie sollte er seine Ansprüche retten? Es ist gewiß verfehlt, in Maxentius nur den erbärmlichen Wicht zu sehen, wie die alten Historiker, die um des Kontrastes willen immer alle guten und bösen Eigenschaften steigern, ihn schildern. Wir tun dem Constantin mehr Ehre an, wenn wir die Gegner, die er überwunden hat, nicht nur als Schwächlinge und Bösewichter hinstellen, sondern was tüchtig an ihnen war, ohne Vorurteil gelten lassen. Dazu ermahnen uns schon die alten Autoren selber Am Schluß der Vita des Heliogabalus sind an Constantin den Großen die Worte gerichtet: non enim ego id faciam quod plerique scriptores solent, ut de his detraham qui victi sunt, cum intellegam gloriae tuae accedere, si omnia de illis quae bona in se habuerint vera praedicavero. . Da man Maxentius an den Gedanken gewöhnt hatte, daß man ihn nicht zum Kaiser berufen werde, hatte sich der junge Mensch sorglos dem Luxusleben überlassen, das seine gesellschaftliche Stellung mit sich brachte. Er mag es dabei liederlich genug getrieben haben; seine Mutter war syrischen Blutes Epitome de Caesar. 40, 12. . Gleichwohl lebte er in regelmäßigen ehelichen Verhältnissen. Auch jeder militärische Ehrgeiz fehlte ihm. Selbst als sein Vater abdankte, blieb er völlig untätig; er verlangte nicht 169 nach der Krone, und erst Constantins Beispiel brachte ihn darauf, nach ihr zu greifen. Es geschah gegen seines Vaters Willen, aber sogar auch gegen seinen eigenen. Er war kein Herrscher von Beruf. Allem Anschein nach ist es nur das Stadtvolk Roms und die dort stationierte Garde gewesen, die ihn zu dieser Rolle zwangen Aurel. Victor sagt 40, 5: Romae vulgus turmaeque praetoriae Maxentium retractante diu patre Herculio imperatorem confirmant ; also wohlgemerkt nicht der Senat. , und der Hergang ist begreiflich. Rom ertrug es nicht, daß es nicht mehr die Kaiserstadt war. Es hat dem Maximian nie vergeben, daß er nicht in Rom, sondern in Mailand residierte; Diocletian hatte Rom völlig gemieden, und als er schließlich dorthin kam, der Menge durchaus nicht zu schmeicheln verstanden. Mit übler Laune sah der Pöbel ihn ziehen. Rom fühlte sich entehrt, entwürdigt; es wollte endlich wieder seinen eigenen Kaiser haben. In den nächsten Jahren war das große Stadtfest fällig, die Säkularfeier der Gründung Roms; Rom brauchte einen Kaiser, um das Fest, an dem angeblich das Schicksal der Welt hing Über diesen Aberglauben vgl. Zosimus II, 73 ff.; das Säkularfest war im Jahre 313 fällig. , angemessen zu begehen. Und der Gardetruppe ging es ähnlich wie dem Stadtvolk; sie sollte eben damals aus Rom abtransportiert werden; das wollte sie nicht; sie wollte in Rom bleiben und endlich einmal wieder wie früher den Kaiser machen. Es war hohe Zeit; mochte Maxentius für die Rolle taugen oder nicht: er war zur Hand, und er blieb nun auch wirklich in der Stadt; er ließ Mailand liegen, wo es lag. Das war die Bedingung seiner Herrschaft; bis zu seinem Tode führte er das durch. Rom wurde durch ihn wirklich noch einmal, zum letzten Mal, die Kaiserstadt. Das wurde ihm gedankt, und er war anfangs von der Gunst der Masse getragen. Nun aber die anderen Mächte! Daß Italien sich seinen eigenen Kaiser zu wählen wagte, die Donaumonarchie wollte das nicht dulden, und Frankreich auch nicht. Es ist augenfällig, wie deutlich schon damals das moderne Europa antizipiert wird; man denke nur an die Erbfolgekriege des 18. Jahrhunderts. Die Nationalgegensätze brachten auch schon damals den Konflikt, und so stürzte sich alles auf Maxentius. Severus meldet sich zunächst; er war, wie wir sahen, von 170 Galerius zum Verwalter Italiens bestimmt, und dieser Severus steht nun auch wirklich schon auf italienischem Boden und bedroht Rom. Aber Maxentius war klug; er gewinnt im Heere des Gegners die Offiziere für sich, und das Heer geht zu ihm über. Severus wird gefangen. Tobend vor Zorn rückt da der alte Galerius selbst heran, und zwar mit gewaltigen Truppenmassen; aber Maxentius weiß auch deren Treue ins Wanken zu bringen, Galerius fühlt sich seiner Mannschaften nicht sicher und weicht wieder aus Italien. Maxentius ist Herr in seinem Lande. Kein Bürgerblut ist bisher geflossen; nur Severus wird jetzt im Gefängnis umgebracht (im Jahre 307). Bald aber zeigten sich immer Mißstände. Daß Maxentius ein schwelgerisches Leben führte, sagen alle Zeugen; es muß wahr sein. Jene Mißstände aber erklären sich zumeist aus der schwierigen Lage, in der er sich befand. Seine Beamten wählte er jedenfalls so gut, daß sein Nachfolger sie ruhig in ihren Stellen lassen konnte. Aber es fehlte ein Staatsschatz; ohne Geld läßt sich nicht regieren; durch neue Steuerauflagen mußte er es beschaffen, die man ihm schwer verargte Aur. Victor sagt ohne Einsicht, 40, 25, er habe diese Steuern, die ihn verhaßt machten, um verschwenderisch zu leben, erhoben. Er mußte vielmehr seine vielen Beamten bezahlen. . Auch war die wilde Soldateska immer auf Plündern aus; er konnte ihre Ausschreitungen nicht allemal bändigen; denn er war ja die Kreatur dieser Soldaten. Die Provinz Afrika entzog sich seiner Oberhoheit durch Rebellion. Er warf den Aufstand schließlich leicht nieder, konnte es aber wiederum nicht verhindern, daß seine Truppen dort in den Städten aufs schlimmste hausten Selbst wenn er das Plündern befohlen hatte, wie Aurelius Victor 40, 19 behauptet, war dies eine gerechte Strafe; denn die Afrikaner hatten die Kornzufuhren zurückgehalten und über Italien die Hungersnot gebracht. Aurelius Victor war selbst Afrikaner, und seine persönliche Entrüstung ist begreiflich. . Mit den Senatsherren in Rom stand er sich so schlecht, daß er wiederholt gewaltsam gegen sie vorgehen mußte, ja, etliche zu Tode brachte. Gewiß ist der Senat dabei nicht ohne Schuld gewesen Der Senat haßte Maxentius, weil er dessen Mitglieder mit ungewohnten Steuern belegt hatte, die doch nicht unberechtigt waren; seine Nachfolger haben sie bald ebenso eingeführt; und dieser Haß muß sich oft genug geäußert haben. Auch ließ der Senat es den Maxentius gewiß fühlen, daß er sein Kaisertum nicht ihm, sondern nur dem Gassenvolk und den rohen Stadtsoldaten verdankte. Daher die gereizte Stimmung. , aber die Klagen des Senats schollen über die Grenzen. Constantin hörte sie. Maxentius schmiedete keine Eroberungspläne; er war froh, vor Angriffen vorläufig gesichert zu sein. Seine Schwester Fausta hatte sich im Jahre 307 mit Constantin vermählt und sie gab ihrem Gatten reichen Kindersegen. Es fragte sich, was 171 Fausta über Constantins Herz vermochte. Würde sie für den Frieden wirken? Schon aber gab es im Drama Personenwechsel. Galerius starb im Jahre 311. Er hatte seinen Freund Licinius zu seinem Nachfolger gemacht, und die Römerwelt hatte jetzt also die vier Herrscher: Constantin in Trier, Maxentius in Rom, Licinius im Donau- und Balkanland, endlich Maximinus Daja im fernen Orient, der heutigen asiatischen Türkei. Warum sollten die vier nicht Frieden halten zum Segen des Reichs? Prinzipielle Gegensätze bestanden kaum unter ihnen; denn das Toleranzedikt, das Galerius zum Vorteil der Christen noch im Jahre 311 erlassen, ist nicht nur von Constantin, sondern auch von Licinius und Maxentius geachtet worden; auch Maxentius hat keineswegs die Christen verfolgt. Nur Maximinus Daja im Osten blieb allerdings der zukünftigen Weltreligion feindlich gesinnt. Aber dem Constantin ließ es nicht Ruhe; es war jetzt Zeit für ihn, vorzugehen. Zunächst freilich war es ein anderer, der Unfrieden brachte: des Maxentius Vater Maximian. Der würdige Mann wurde jetzt zur lächerlichen Figur. Sein Sohn trug den Purpur; jetzt trieb ihn die leidenschaftliche Reue um, selbst auf die Macht verzichtet zu haben. Es war in der Tat noch nicht dagewesen, daß ein Kaisersohn Kaiser wurde und dessen Vater lebte noch und sollte im Dunkeln stehen Man denke an Titus zurück. Titus sollte Kaiser werden, aber sein Vater Vespasian lebte. So kam es, daß die Soldaten den Vespasian zum Kaiser machten, damit auch sein Sohn Titus herrschen könne. Der Vater war nicht zu umgehen. . Das widersprach auch allen geltenden Vorstellungen von der »väterlichen Gewalt«, der patria potestas , die den Sohn dem Vater unterordnet Die Stellung des Sohnes zum pater familias war schon im 3. Jahrhundert durchgreifend verändert und freier gestaltet worden (vgl. Digest. I, 6, 9; XXXVI, 1, 14 pr. u. sonst; M. Voigt, Privataltertümer u. Kulturgeschichte, S. 917); gleichwohl zeigt noch das Edikt Constantins vom Jahre 321 ( cod. Theodos. IX, 43, 1) die Gültigkeit der patria potestas in jenen Zeiten. . So holte der Alte seinen Purpur wieder aus der Lade, ein sonderbarer Kaiser ohne Land. Er fiel kläglich ab; denn die Garde in Rom wollte nur den Maxentius, nicht den Vater. Da begab er sich zu seinem Schwiegersohn Constantin in die Provence; denn er war ja auch der Vater der Fausta. Was der Sohn nicht gewähren konnte, sollte jetzt der Schwiegersohn gewähren: Mitherrschaft in irgendeiner Form. Constantin stand damals immer noch im Grenzkampf mit den Franken und Alemannen. Da wollte Maximian mit seniler 172 Arglist zur Gewalt greifen; er schürte Aufstand in Arles; ja, es heißt, er wollte Constantin ermorden. Eine höchst unglaubwürdige Fabel erzählt, daß er persönlich in Constantins Schlafgemach schlich, um ihn nachts im Bett zu töten; aber Fausta, seine Tochter, warnte den Gatten. Ein alter Eunuch wurde statt Constantins in das Bett gelegt, den nun der wilde Alte erdolchte. Schließlich hatte sich Maximian in Marseille festgesetzt. Constantin rückt an, nimmt die Stadt, und Maximian wird gegriffen, umgebracht, erhängt (im Jahre 310). Der Galgen war sein Ende. Das war in jenen Jahren der zweite politische Mord: Maxentius hatte den ihm fremden Severus, Constantin hatte seinen Schwiegervater Maximian umgebracht. Danach begann der verhängnisvolle Krieg, Schwager gegen Schwager, Constantin gegen Maxentius. Constantin hatte jetzt für seine eigensten Pläne Raum. Fausta war ohne Einfluß und Kriegsgründe leicht gefunden Die christlichen Autoren im Altertum suchen die Sache so zu wenden, daß Maxentius der Angreifer war. Der aber ist ein schlechter Psychologe, wer ihn im Ernst dazu für fähig hält. Er war eine genußsüchtig träge und darum völlig defensive Natur. Afrika nahm er nur, weil sonst Hungersnot drohte. Es lohnt, den Hergang hier noch genauer vorzuführen. Licinius und Constantin hatten beide den Maxentius als Herrscher nicht anerkannt. Dieses Versagen der Anerkennung war schon eine regelrechte Kriegserklärung, denn sie besagte: »sobald wir können, werden wir dich beseitigen.« Nach dieser Kriegserklärung konnte also Maxentius den Krieg gar nicht mehr erklären. Er mußte nur seinerseits auf Verteidigung sinnen. Italien war militärisch eines der schwächsten Länder. Daher suchte Maxentius ein Defensivbündnis, und zwar mit dem fernen Maximinus Daja; der konnte den Licinius wenigstens von Osten her bedrohen und so von einem Angriff auf Italien abhalten. Einen Angriff Constantins gewärtigte Maxentius im Hinblick auf ihre Verschwägerung viel weniger. Er fürchtete vielmehr, Licinius würde, dem Beispiel des Galerius folgend, von der Donau her gegen ihn vorstoßen, und legte daher seine Truppenmacht hauptsächlich nach Verona und Aquileja, um die Grenze zu sichern. Inzwischen hatte aber auch Constantin mit Licinius ein näheres Bündnis geschlossen. Er wollte endlich handeln, da der Kampf gegen die Germanen glücklich erledigt war. Die Initiative zu diesem Bündnis ging von Constantin aus; daran ist kein Zweifel; ja er bot dem Licinius auch damals schon seine Schwester zur Gattin an. Aber Licinius war eine friedfertige oder schwerfällige Natur und zu einem Angriffskrieg keineswegs aufgelegt; er hat zeitlebens nur gegen Angriffe anderer sich tapfer gewehrt. Das wußte Constantin sehr wohl, und so hatte er jetzt die Hand zu überraschendem Angriff frei. Er verlegte seinen Herrschersitz von Trier in den Süden, nach Arles (heute noch sieht man in Arles die Reste des Palastes, in dem er damals hauste). Bei Arles sammelten sich auch seine Heeresmassen, und das war nun eine direkte Bedrohung Italiens. Es war damit klar, er wollte Krieg. Bisher hatte Maxentius in friedfertiger Weise des Constantin Kaiserbüsten, die Galerius errichten ließ, in seinen italienischen Städten stehen lassen. Darin lag, daß er ihn als Mitherrscher anerkannte. Constantin hatte das nicht erwidert; des Maxentius Büsten sah man in Gallien nirgends. Jetzt gab Maxentius das zuvorkommende Verhalten auf und ließ die Constantinbilder von ihren Plätzen entfernen. Er vergalt damit nur Gleiches mit Gleichem; es war das Fallenlassen einer unerwiderten Freundlichkeit. Er glaubte dabei noch immer nicht, daß es Constantin, sein Schwager, sein würde, der gegen ihn vorging, und ließ seine Hauptmacht an der Etsch, bei Verona, stehen, gegen den Licinius. Er irrte sich gewaltig. Constantin übernahm die Rolle des Eroberers: principatum totius orbis adfectans , wie Eutropius sagt. . Maxentius, so erklärte er, war ein Rebell (denn Galerius und Diocletian hatten ihn nicht anerkannt); man nannte das damals einen »Tyrannen«, und Tyrannen müssen beseitigt werden. Um sicher zu gehen, verbündete sich Constantin mit Licinius, der ihm den Rücken deckte. Seine Flotte hatte er schon bereit; die schickte er aus, um Italien zu blockieren und von jeder Kornzufuhr abzuschneiden. Mit Interessen des Christentums hatte Constantins Angriff nichts zu tun. Er behauptete vielmehr, dem Senat in Rom, der so christenfeindlich wie möglich war, gegen Maxentius helfen zu wollen. Und so kam nun das Blutvergießen wieder über die Kulturländer, das Diocletians Weisheit so lange hingehalten hatte. Der zwanzigjährige Reichsfriede schien schon zu lang für diese Erdenwelt. Es galt das Lebenswerk Diocletians zu zerstören; ein einziger sollte wieder Herr sein, es koste, was es wolle. Der hochfliegende Ehrgeiz des Angreifers ging auf Omnipotenz; sein Kraftgefühl ertrug keinen gleich mächtigen neben sich. Septimius Severus war sein Vorbild; er wollte eine neue Weltdynastie gründen; denn er hatte Söhne. 173 Aber was vor hundert Jahren vielleicht noch zeitgemäß gewesen, war es jetzt nicht mehr. Erst als er alterte, hat Constantin begriffen, daß er zu den Prinzipien Diocletians, den er schmähte Euseb. Vita Const. II 47 f. , würde zurückkehren müssen. Das Weltreich mußte trotz allem zerlegt werden. Der Prozeß war nicht aufzuhalten. Maxentius glaubte an sein gutes Glück; Severus und Galerius, beide hatten ja nichts gegen ihn vermocht. Es spricht für ein erhebliches Organisationstalent, daß er durch Neuaushebungen ein so gewaltiges Heer zusammenbrachte, das dem Constantins an Zahl beträchtlich überlegen war. Ganz Italien starrte von Waffen. Seine Hauptmacht stand indes gegen Licinius bei Verona, und die Alpenpässe gegen Frankreich waren nicht gesichert. Er selbst war militärisch unerfahren und mußte seinen treuen Generälen die Führung überlassen. Auch hielt die Garde ihn in Rom fest; sie wollte da ihren Kaiser haben, mit dem sich gut leben ließ. Anders Constantin. Er warf sich selber in die Schlachten. Als Dreißiger, in dem Alter, in dem Alexander der Große starb, begann er erst sein Feldherrngenie zu entfalten. Zudem hatte Maxentius Afrikaner, mehr noch Italiener unter den Waffen; unter Constantin focht dagegen der Germane. Wir wissen, wie kriegsungeübt seit langem das Italienervolk war. Constantin kam über den Mont Cenis. Man hat zum Vergleich an Bonaparte erinnert, der es aussprach, daß, wer sich Italien erobern will, erst die ganze Poebene beherrschen muß. Bonaparte verwirklichte es im Jahre 1796: Erstürmung der Addabrücke bei Lodi, Einzug in Mailand, Vorstoß gegen die Etsch, Belagerung Mantuas, Sieg bei Arcole. Denselben Weg ging auch Constantin, und er ging ihn ebenso rasch. In der Schlacht bei Turin werden des Maxentius stolze Panzerreiter, die anfangs unüberwindlich daherrasseln, vernichtet. Roß und Reiter steckten in undurchdringlichen Eisenschuppenpanzern; mit Eisenkolben wurden sie niedergehauen Constantin hatte die Fußtruppen vorher darauf einüben lassen; er hatte also alles wohl vorbereitet. . Es erinnert uns an die Tanks, die in den heutigen Schlachten eisenschwer 174 daherrasen; leider gelingt es den Maschinengewehren und Handgranaten nicht in gleichem Maße, sie zu erledigen. Weiter der Vorstoß gegen die Etsch. Bei Brescia stürzt Constantin sich selbst in den Reiterkampf. Im Nachtkampf fällt auch Verona. Dann erst steigt er über den Apennin und steht blitzschnell vor Rom. Rom steckte in der neuen Aureliansmauer und dünkte sich völlig uneinnehmbar. Auch war es mit Getreide und Zufuhr reichlich versorgt. Sollte Maxentius trotzdem noch eine offene Feldschlacht wagen? Es war Sitte, nach der Zukunft zu forschen. Dazu diente die Eingeweideschau und die sibyllinischen Bücher; sie schienen ihm Günstiges zu verheißen Es berührt sonderbar, daß man dem Maxentius dies Forschen nach der Zukunft als Aberglaube besonders vorwirft. Er tat damit, was dem römischen Kaiser zukam. Auch Constantin hat in der Zeit, als er sich für das Christentum entschieden hatte, die Benutzung der Eingeweideschau oder Haruspicin für Staatszwecke als gebräuchlich ausdrücklich anerkannt; vgl. Cod. Theodos. IX. 16. 1 u. 2; XVI. 10, 1. . So stellt er sich jetzt endlich vor Roms Toren, in der Nähe der roten Steinbrüche ( Saxa rubra ) persönlich zum Kampf, aber in ungünstigster Position. Vor dem Tiberfluß ging er in Stellung; er focht, den reißenden Strom im Rücken. Die zwei dürftigen Tiberbrücken genügten für einen Rückzug nicht. Er wollte jetzt nur Sieg oder Tod, vertraute aber fest auf sein Heer; denn trotz aller bisherigen Mißerfolge war keiner seiner Generäle, wie es sonst in solchen Kriegen so oft geschah, von ihm abgefallen: ein Zeichen dafür, mit welcher Hingabe Führer und Mannschaften für ihn, den letzten wirklichen Kaiser Roms, sich einsetzten Constantin mußte die Gefangenen, die er machte, in Ketten schlagen, damit sie nicht zu Maxentius zurückflohen ( Panegyr. lat. VIII, 11–13.); es war eine Devotion usque ad mortem (ebenda IX, 3). . Es gab wieder eine Reiterschlacht. Des Maxentius Reihen brachen zusammen. Was blieb ihm übrig? Sollte er sich dem Constantin gefangen geben, um gehängt zu werden wie Maximian? In schwerer Rüstung sprang er in den Tiber und ertrank. Rom sah ihn nicht wieder, oder doch nur seinen abgehauenen Kopf, der vom Sieger dann noch weiter nach Afrika geschickt wurde. Dies der große Sieg des Jahres 312, und so hatte Constantin erst seinen Schwiegervater, dann seinen Schwager beseitigt; er hatte seiner Kaiserin Fausta den Vater, den Bruder genommen. Was mochte die Frau neben ihm empfinden? Würde die Zeit kommen, wo sie selbst für ihr Leben zittern mußte? 175 Auch des Maxentius Kinder ließ er sogleich töten, ebenso dessen politischen Anhang. Die Garde der Stadt hob er ganz auf und schleifte ihr altberühmtes Standlager auf dem Viminal. Der ganze Okzident war jetzt sein, und er zog in Rom ein, im goldenen Helm, der mit bunten Steinen und Federn geschmückt war Vgl. Panegyr. lat. VI, 6. , als wäre er der Befreier. Jauchzen empfing ihn, der überschwängliche Dank des christenfeindlichen Senats. Das goldene Rom mochte nun hoffen, auch der neue Herr werde es wieder zur Residenz und Welthauptstadt machen. Aber er dachte nicht daran. Sein Sinn stand nach Osten; er sehnte sich nach dem Orient zurück, wo er groß geworden. Da war das eigentliche Leben; Italien war nur Hinterland. Wem dankte Constantin den Sieg? Den Sieg gibt immer irgendein Gott. Diesmal war es Christus. In Bürgerkriegen, wo nur Römer gegen Römer kämpfen, sind alle Waffen, ist aller Waffenschmuck auf beiden Parteien gleich; es galt, den Waffen der Constantinianer im Kampfgewühl ein glückverheißendes Unterscheidungszeichen zu geben. Darum hatte er abergläubisch das Zeichen des Kreuzes, das zugleich dem griechischen Anfangsbuchstaben X des Namens Christi glich, auf die Schilde seiner Soldaten gravieren lassen. Die Welt hallte ja von Christi Namen wieder. Er wollte es einmal mit ihm versuchen. Die Heiden, die im Heere dienten, fanden nichts daran zu tadeln, denn das Kreuz war auch heiliges Zeichen für den Gott Serapis, für den Gott Helios Vgl. Sokrates V, 3 über die Kreuze, die im Serapeum im Alexandrien von den Christen gefunden wurden. Für den Sonnengott der Perser und Assyrer stand das Kreuz von einem Kreis umfaßt, der die Sonnenscheibe nachahmt, und dies Sonnenkreuz brauchten die Perser auch als Feldzeichen; vgl. Amm. Marcell. 17, 5: Duruy VII, S. 129. Es sei erwähnt, daß man das gleichschenkelige Kreuz der griechischen Christen auch neuerdings aus dem Sonnenrad erklärt hat, einem Rad mit vier Speichen, dessen Reifen wegfiel (vgl. Montelius in der Deutschen Tageszeitung, 12. März 1914). . Constantin fügte anscheinend nur am rechten Kreuzbalken oben den Haken hinzu, durch den der Buchstabe R im Namen Christi mit ausgedrückt wird; es ist das Monogramm Christi  Auf den Lederschilden, besonders auf dem metallenen Schildbuckel pflegte der Soldat allerlei Bilder und Symbole, wie den Gott Mars und den Reichsadler, aber auch glückbringende Zeichen wie Stier und Halbmond eingraviert zu tragen Vgl. z. B. Baumeister, Denkmäler, S. 2072 u. Abbildung 2293. . Für das Kreuz war daneben immer noch Raum Zu vergleichen ist, daß Constantin auch Münzen prägte, auf denen Gott Mars zu sehen ist, aber das Kreuzzeichen ist hinzugefügt; Duruy VII, S. 159. . Das Zeichen war wie ein Zauber, wie ein Amulett, das man den Kindern nach der Geburt umhängte. Jetzt, da der Sieg entschieden, hatte also 176 der Gott Christus gesiegt. Das Christentum schien sich zu bewähren. Die Folgen davon waren unermeßlich. Der Kaiser war durch des Maxentius Niederlage für Christus gewonnen. Constantin war zaubergläubig wie seine Zeit; das kann uns nicht verwundern. Er dachte wie die Viehhüter, die damals, wenn Viehseuche war, den Tieren das Kreuz einbrannten, und siehe da: die Tiere blieben gesund; die ohne Kreuz krepierten Dies schildert uns das Hirtengedicht des Endelechius: der Hirt, der das Kreuzzeichen verwendet, kann fröhlich seine Herde zur Weide führen; die des heidnischen Hirten geht an der Pest zugrunde. . Aber kluge Überlegung kam hinzu. Denn er hatte ja die Diocletianische Christenverfolgung selbst miterlebt. Was anders als Militärrevolten waren zu ihr der Anlaß gewesen? Auf das Heer kam es an. Der Christen waren viele im Heer. Sie hatten damals unter Diocletian den Kaisereid nicht leisten wollen; viele Offiziere und Gemeine hatten darum den Dienst quittiert. Auf der Heeresdisziplin beruhte alle kaiserliche Macht. War das christliche Symbol ins Wappenwesen eingeführt (es war zunächst nur eine unscheinbare Äußerlichkeit, und die weltlichen Historiker der Zeit nahmen durchaus keine Notiz davon), so würde kein Bischof in der weiten Welt mehr die jungen Männer gegen den Militärdienst aufhetzen. Gewiß scholl die Kunde hiervon gleich durch die ganze Christenheit. Wie schön war es für die Gläubigen, sich zu denken, Christus selbst sei dem Constantin wie einst dem Paulus wunderbar erschienen und habe ihm zugerufen: »unter diesem Feldzeichen sollst du siegen,« In hoc signo vinces ! Legenden bilden sich rasch. Es entstand die Constantin-Legende. Aber das winzige Kreuzzeichen auf dem Schildbuckel war zu unscheinbar; warum nicht lieber eine Fahne? In der Tat stiftete Constantin bald danach für das Heer eine christliche Fahne. Es ist das vielgenannte Labarum Eusebius kennt diese Bezeichnung aber noch nicht. . Die Neuerung lag nahe; denn die römischen Feldzeichen bestanden schon bisher aus einer Stange mit Querbalken, von welchem Querbalken das nicht allzu große quadratische Fahnentuch flatternd herabhing. Mit Stange und Querbalken war also das Kreuz eigentlich schon gegeben; man brauchte es nur noch etwas deutlicher hervortreten zu lassen und auch auf das Fahnentuch das 177 Kreuzzeichen zu sticken. Die bisher üblichen Feldzeichen schaffte Constantin natürlich nicht ab; sie blieben daneben bestehen Sie sind gewiß gemeint, wenn Zosimus II, 18, 3 u. 23, 4 τῶν σημείων ἀρϑέντων schreibt, aber auch, wenn Constantin selbst von den signa ohne näheren Zusatz spricht ( cod. Theodosian. VII, 12, 1 vom Jahre 321). ; nur eine erlesene Palasttruppe führte die neue Fahne, und 50 Mann lösten sich im Tragen ab, damit sie stets hoch ragte. Ja, ein besonderes Kriegszelt wurde aufgeschlagen, darin sie verwahrt wurde, dem Fahnenheiligtum entsprechend, das schon bisher in keinem Feldlager fehlte Wenn Eusebius V. C. I, 3. sagt, alle στρατόπεδα müßten die Kreuzfahne führen, so spricht das eine Zelt dagegen, in dem der Kaiser sie bewahrte. . Das Kreuz war der Fetisch, der Constantin Glück brachte; er sollte ihm auch weiter siegen helfen. Der Kaiser des Okzidents hatte sich zum ersten Mal offen für Christus erklärt, eine Maßnahme der Politik, durch die Verhältnisse ihm aufgedrängt, und die politische Wirkung war groß. Denn alle Bischöfe in Ost und West gewannen jetzt ein Herz für diesen Kriegsmann; er fand bei ihnen eine überschwänglich inbrünstige Dankbarkeit und konnte sicher sein, daß, wenn er einmal erobernd weiter gegen Asien zog, das ganze wohlorganisierte Kirchentum ihm dort in die Hände arbeiten würde. Selbst Christ zu werden, daran dachte er nicht. Er verehrte seinen lichten und ewig jungen Gott Helios Daher die häufige Legende Soli invicto auf seinen Münzen. und trug deshalb, der damaligen Mode vollkommen zuwider, das Gesicht zeitlebens glatt ausrasiert, um damit dem Gott Helios oder Apoll zu gleichen Daher das vidisti ( Apollinem ) teque illius specie recognovisti, Panegyr. lat. VII, 21. . So ließ er sich auch auf seinen Münzen als Helios mit dem Strahlenkranz abbilden (übrigens wurde damals auch Christus wie Helios durchweg noch bartlos dargestellt). Warum sollte er von seiner Gewohnheit lassen? Aber Constantins Interesse war doch nun geweckt, und er verschaffte sich jetzt sogleich Auskunft über die kirchlichen Dinge Damals erst; dem Eusebius, der dies in der Vita I, c. 32 bezeugt, dürfen wir in diesem Fall trauen, da das mit allen anderen Indizien übereinstimmt. Übrigens vergleicht Eusebius selbst I, 43 den Kaiser mit Helios, der allen gleichzeitig Licht gibt. Weiter führt noch desselben Eusebius Laus Constantini . Da heiß es, daß Helios nichts ist als ein Diener des höchsten Gottes und Weltkönigs ( cap. 1. 5); ebenda wird aber auch Constantin wieder mit Helios gleichgesetzt ( cap. 3, 4). Danach konnte sich also auch Constantin selbst ganz wohl als Gott Helios plastisch darstellen lassen und blieb doch der Knecht des höchsten Gottes, an den er glaubte. , d. h. über die Dogmatik, in deren Betrieb damals das Christentum fast völlig aufging. Dogmatischer Streit war das tägliche Brot, die Natur Christi das schwierige Problem. Christus hieß der Mittler; so war auch Helios der Mittler zwischen Mensch und Gott; Helios und Christus sahen sich ähnlich genug Es sei daran erinnert, daß auch Tertullian die Gleichsetzung von Christus und Sol bezeugt, Apolog. 16, sowie daß Christus wie ein Sonnengott mit Strahlen dargestellt erscheint auf dem Bilde bei Garrucci, Stor. della arte christ. Tafel 1713. , man konnte sie ganz wohl beide nebeneinander gelten lassen. Für den Staatsmann aber wog Christus schwerer; daran ließ sich nicht mehr zweifeln. 178 Constantin brauchte Fühlung mit ihm; denn hinter diesem Christus stand ein Klerus, der die Massen seiner Gläubigen fest zusammenhielt und dabei das ganze Reich umspannte. So zog denn Constantin sofort Bischöfe an seinen Hof, machte sie zu Teilhabern seines Kronrats Euseb. V. C. I, 32, 3: τοὺς τοῦ ϑεοῦ ἱερέας παρέδρους αὐτῷ ποιησόμενος. , ließ Christen ebenso wie Heiden als Provinzialverwalter in die höchsten Rangstellen, gab zahlreichen Gemeinden ihre städtischen Grundstücke und Gärten, die konfisziert waren, zurück (was übrigens auch Maxentius getan O. Seeck, Gesch. des Untergangs I, S. 124. ); ja, er begann die Kirche gütig zu beschenken und herrisch zu regieren. Aber die Kirche beeinflußte auch ihn; die weltklugen geistlichen Herren fanden sich rasch in die neue Lage. Ein Umstürzler, wie im Religionswesen, war er übrigens auch im Militärwesen. Er faßte den verhängnisvollen Entschluß, die Germanen endgültig zum Fundament der ganzen Reichswehr zu machen. Auch die Kommandostellen hat Constantin als erster an vornehme Germanen gegeben; er zog sie wie die Bischöfe an seinen Hof, machte ihnen alle höchsten Ämter und Würden zugänglich. Und auch dieser Schritt war nie wieder rückgängig zu machen; im Gegenteil, schon unter seinen Söhnen und weiterhin tönt uns, ohne aufzuhören, fortan die Masse der Namen wie Magnentius, Nevitta, Dagalaifus, Ricomeres, Bauto, Arbogast, Fravitta, Stilicho, die klangvollsten Namen aus der Geschichte der Zeit, entgegen; in Germanenhände hatte er damit das Geschick, die Zukunft des Reichs gelegt Vgl. M. Bang, Die Germanen im röm. Dienst, S. 93, R. Grosse, Röm. Militärgeschichte von Gallienus bis zu den Byzanthinern, Berlin 1920. . Constantin begab sich aus Rom zunächst nach Trier zurück, um die Regierungsgeschäfte in den Nordländern abzuwickeln, gab den deutschen Völkern jenseits des Rheins noch einen kräftigen Schlag mit der Römertatze, ließ wieder einmal die eingefangenen Feinde als sog. Barbaren in der Tierhetze der Arena umkommen und sann und spann zukünftige Pläne. Auf der Reise nach Trier aber traf er in Mailand den Mitkaiser Licinius. Und hiermit beginnt ein neuer Akt im Drama. Die Auseinandersetzung mit Licinius beginnt, der, ein Emporkömmling 179 wie so viele der Imperatoren jener Zeiten, doch seiner Natur nach ein geborener König war wie Constantin. Warum sollten die beiden nicht friedlich wie bisher miteinander gehen? In der Tat, sie fanden sich, wie gesagt, in Mailand zusammen (Ende 312). Licinius war es, der sich auf den Weg machte, Constantin dort zu suchen; auf seiner Seite war das Entgegenkommen. Man beschloß Freundschaft, tauschte Versprechungen; beide Monarchen einigten sich in Mailand vor allem auf ein Edikt, worin sie Christen wie Heiden die gleiche volle Religions- und Gewissensfreiheit gemeinsam zusicherten, ein denkwürdiges Programm der Parität Daher heißen Licinius und Constantin bei Eusebius hist eccl. IX, 9, 12 beide τῆς εἰρήντης καὶ εὐσεβείας προήγοροι . , und Constantin gab dem Licinius sogar seine Schwester Constantia zur Frau. Es gab eine große Hochzeit. Die Welt mochte sich dessen freuen; ob aber Licinius dem Frieden traute? Dachte er dabei nicht an Maxentius zurück? Es war gefährlich, der Schwager Constantins zu sein. Eben damals heiratete auch des Constantin zweite Stiefschwester Anastasia den Bassianus; auch dieser Schwager Bassian geriet in Konflikt mit Constantin und ging zugrunde Was die Excerpta Valesiana über diesen Konflikt berichten, ist innerlich so unwahrscheinlich, daß es sich für den Historiker nicht benutzen läßt. Schon Gibbon nahm daran Anstoß. Alle Zerwürfnisse, die Constantin mit seinen nächsten Angehörigen, Bassian, Crispus und Fausta hatte, sind von der Überlieferung mit undurchsichtigen Schleiern umgeben. . Licinius war auf alle Fälle mehr als Maxentius. Er gehört zu den Korporälen, die nach dem Szepter greifen, wie sie uns auch sonst schon begegnet sind. Sie sind zumeist bärbeißig wie der alte Marius, der Teutonenbesieger. So war auch dieser Mann: hart und brutal und ein erklärter Feind aller Literatur und Philosophie, dabei aber von gesunder Naturwüchsigkeit. Das Hofgeschmeiß der Eunuchen, die sich damals wie die Pest breitmachten, hielt er sich vom Leibe; er nannte sie die Holzwürmer, die alle Schränke zerfressen, ein Zeichen, wie viel reiner sein sittliches Gefühl war als das seiner Zeitgenossen Schon Aurelian war gegen die Eunuchen vorgegangen; vgl. Stückelberg, Der Constantinische Patriciat, S. 24. , und sorgte vor allem mit Erfolg für die Interessen der Landwirtschaft Epitome 41, 8 f. . Auch das war nicht zu verachten und gewiß nötiger, als die Städte mit immer neuen Prunkbauten zu schmücken Daher die parsimonia agrestis bei Aurelius Victor 41, 3; d. h. Licinius zeigte den Geiz des Landwirts gegenüber den städtischen Interessen. . Aber Maximius Daja lebte noch. Da sich Licinius eben mit Constantin enger verbündet hatte, so glaubte sich dieser dritte 180 der noch lebenden Kaiser, der in Asien herrschte, gefährdet und überfiel den Licinius im Jahre 313 überraschend mit Krieg. Aber Licinius war stark; er besiegte ihn leicht, und auch dieser Maximinus war also jetzt beseitigt: ein Mann hervorragender Bildung der von der Staatsgefährlichkeit der christlichen Gemeinden noch immer überzeugt war. Auch seinen Nachwuchs vertilgte Licinius; es gab keine Schonung, und auch das Schicksal der beiden längst verschollenen kaiserlichen Frauen Prisca und Valeria, der Gattin und der Tochter Diocletians, erfüllte sich eben damals. Sie fielen jetzt in des Licinius Hände, und Licinius ließ auch sie sterben. Das war gewiß in Constantins Sinne. Der vereinsamte Diocletian selbst schloß erst drei Jahre danach (316) die Augen; er mußte auch das, er mußte auch noch die Erschütterungen des Reichs, die nun begannen, mit erleben. Die Welt hatte jetzt nur noch zwei Herrscher. Licinius war an Macht gewachsen; er stand jetzt auf ebenso breitem Fuß wie Constantin. Aber Constantin fürchtete sich nicht, im Gegenteil: er durfte Licinius, der eben noch kämpfte, nicht zu Atem kommen lassen. Fürstenfreundschaft ist in der Politik nichts als Gaukelei und Fechterspiel. Schon gleich im Jahre 314 brach er vor und führte seine Legionen gegen Licinius. Dabei verstand er die Version aufzubringen, die die Schuld an dem Kriege dem Gegner zuwälzte Gemeint ist die Bassianusgeschichte, über die oben ( S. 179 ) Anm. "Was die Excerpta Valesiana...". . Er selbst hat aber den Krieg gewiß nicht beschlossen ohne Hinzuziehung der Ratgeber und Beisitzer, die ihn umgaben, und zu ihnen zählten jetzt auch die Bischöfe. Stellte er da die Schicksalsfrage an seine Räte, so haben die Bischöfe, ihres gegenwärtigen Einflusses froh, gewiß kräftig für den Krieg gestimmt; denn sie mußten unbedingt wünschen, nun auch das ganze Reich in der Hand des Herrschers zu sehen, der die Christen nicht nur duldete, sondern regierungsfähig machte Dies bestätigt Eusebius, V. C. II, 19, der in großer Freude sich ergeht, da die Welt schließlich in Constantin wieder einen einzigen Monarchen erhalten habe. So sagt er auch in der Laus Const. 3, 5: Polyarchie ist Anarchie; nur ein Gott im Himmel, nur ein Kaiser auf Erden! . Dem Licinius aber konnte das nicht verborgen bleiben. Es ist nötig, sich dies gegenwärtig zu halten. Die Welt erschrak. Der ungeheuerste Kampf stand bevor: Orient und Okzident stießen mit ihrer Vollkraft zusammen. Derartiges war nicht geschehen seit des Septimius Severus 181 Zeiten. Es war, als wollten sich zwei Fabeltiere verschlingen, wie sie der Prophet Daniel schildert, als brächen zwei Riesenstiere, in denen sich Ost und West verkörperten, aus der Hürde, die schweren Hörner wiegend, beide unüberwindlich, um krachend gegeneinander zu rennen. Auf der einen Seite standen die illyrischen Truppen; sie waren unbesieglich; auf der anderen die Germanensöldner, unbesieglich auch sie. Wer siegen will, muß überraschen. Licinius hatte nicht Zeit gefunden, sein Küstengebiet an der Adria zu schützen, und so drang Constantin gleich völlig ungehindert von Italien her über den Karst, den unlängst im letzten Weltkrieg Österreich gegen Italien so erfolgreich verteidigt hat, ins Innere, durch das heutige Kroatien und Slavonien. Erst bei Esseg an der Drau traf er den Gegner, und die furchtbare Schlacht hob an; sie währte ergebnislos bis in die Nacht. Da erst nahm Licinius seine Truppen zurück, ging unbehelligt in seine nahe Hauptstadt Sirmium, um von dort alle Kassen und Archive zu bergen. Als Constantin ihn suchte, war er, fast alle Balkanländer preisgebend, bis an die obere Maritza Es ist der Fluß Hebrus des Altertums. in Thrazien, wo er seine Reserven hatte, zurückgegangen. Jetzt war des Licinius Streitmacht noch stärker als zuvor, und Constantin gewann den Sieg nicht. Zäher, wilder, erbitterter ist vielleicht nie gekämpft worden. Keine der Armeen kam ins Wanken. Kein Soldat war von Licinius zum Gegner übergelaufen. Aber keiner der Gegner wagte eine dritte Schlacht. Licinius selbst war stark geschwächt. Sie schlossen Frieden. So mußte Licinius dem Constantin die Balkanländer, die er geräumt hatte, dauernd überlassen. Constantin ließ nicht fahren, was er hatte. Er hatte sich also auf alle Fälle die Heimat erobert, wo er geboren war, und er stand nun schon als Herr in Macedonien, nahe bei Byzanz. Ein neuer Freundschaftsbund wurde geschlossen. Aber Licinius war nun doch der bei weitem schwächere geworden. Es war wie Hohn, daß die beiden Herrscher jetzt in ihrer Eigenschaft als Augusti gemeinsam drei Cäsaren als Helfer im Regiment ernannten, von denen zwei Söhne des Constantin, nur 182 einer ein Sohn des Licinius war, und dieser eine war ein Knäblein von 1½ Jahren. Seitdem änderte sich des Licinius Stellung zu den Christen. Er wußte ohne Zweifel, daß die Bischöfe am Hofe Constantins zum Krieg getrieben hatten. Vor allem stellte er fest, daß in den Kirchen seines eigenen Landes für Constantins Sieg von den Christen gebetet worden war Dies bezeugt Eusebius V. C. I, 56; hist. eccl. X, 8. . Ein Gebet ist mächtig, und wer für den Feind betet, begeht Landesverrat. Seitdem unterdrückt Licinius zwar in seinem Reiche den Gemeindebetrieb durchaus nicht, aber er verbietet doch, daß Bischöfe zu Konzilien zusammenkommen, denn er weiß, daß sie da für Constantin agitieren würden. Er verbietet ferner die unkontrollierbaren Gottesdienste hinter Kirchenmauern; er will, daß die Gottesdienste, wie es die heutige Heilsarmee macht, nur noch im Freien stattfinden sollen; denn im Freien kann der Geistliche solch schädliche Gebete nicht wagen. Diese Zumutung schien nicht zu arg; denn auch Christus hatte ja nur unter freiem Himmel gepredigt und sein Gebet gesprochen, und auch der heidnische Kult bediente sich ja regelmäßig der offenen Vorhöfe vor den Tempeln. Auch wurde diesem Befehl augenscheinlich entsprochen; denn nur in einigen Fällen sah sich Licinius gezwungen, die Kirchengebäude abzuschließen oder gar einreißen zu lassen. So hat er denn auch die Christenlehre durchaus nicht aufzuheben versucht; aber den jungen Mädchen sollte sie fortan nur noch von Frauen zuteil werden. Offenbar hegte der sittenstrenge Die hunderttausend Ehebrüche, die Eusebius V. C. I, 52 dem Licinius nachsagt, sind natürlich flotte Erfindung und aus Rache ersonnen. Licinius den Verdacht, daß die Priester sich nicht immer damit begnügten, nur die Seelen der Weiber zu bekehren Wie gefährdet die Keuschheit der Kleriker im Verkehr mit jungen Frauen war, können wir aus der Schrift De singularitate clericorum in der Cyprian-Appendix ersehen, wo ihnen daher, ganz im Sinn des Licinius, jede Berührung mit dem anderen Geschlecht verboten wird. Unversehens trifft uns der Pfeil aus ihren Augen, heißt es da sehr drastisch (Kap. 10 u. 11); gefährlich ist es, wenn ein junges Weib schwitzt; denn dann macht es die Glieder frei vom Gewand. Wehe gar, wenn es lacht und singt; noch schlimmer, wenn es zornig wird oder trauert. Das zu sehen schmilzt das Herz. Die Sünde klebt daran wie Kleister. Entweder sie verlocken uns zu Liebeleien oder sie finden bei uns einen anderen, mit dem sie es treiben, so daß die Kirche zum Haus der Unzucht wird. Alles das liest sich wie eine Rechtfertigung der Maßregel des Licinius. . Sofort aber ging die Hetze los: Licinius der Christenfeind! eine neue Losung. Auch stand schon Constantin zum neuen Angriff gerüstet, und dies wurde nun wirklich der erste Religionskrieg der Weltgeschichte. Selbst noch ungetauft und also kein Mitglied der Christengemeinde, kämpfte jetzt Constantin als Christenfreund nominell gegen den Christenfeind Licinius. In Wirklichkeit aber war die Christensache für ihn nur ein 183 willkommenes Mittel zum Zweck. Er wollte endlich auch noch den Orient haben. Noch war kaum der letzte Friedensvertrag feierlich geschlossen, da hatte er schon einen Kriegshafen auszubauen begonnen, der ihm für den Angriff gegen das starke Byzanz und gegen Kleinasien als Ausfallstor dienen sollte. Es war Saloniki. Der Platz war mit außerordentlicher Klugheit gewählt. Licinius war dadurch aus nächster Nähe bedroht. Eben jetzt griffen die Barbaren an der Donau ein; vielleicht waren es Sarmaten, jedenfalls auch Goten Auf einen Gotensieg des Jahres 323 hat die Inschrift C I L., III 6159 Bezug (Zeitschr. f. Rechtsgesch., Röm. Abt. X, S. 189 f.). . Sie machten die üblichen Raubüberfälle. Als Constantin sie abwehrte und züchtigte, kam es zu Grenzkonflikten mit Licinius. Dies war zum Losschlagen der Anlaß, und die Sache ging schnell. Es war das Jahr 323. Wieder wird an der Maritza gekämpft. Licinius stellt (angeblich) 150 000 Mann Fußvolk auf, dazu 15 000 Reiter, Constantin 120 000 Mann Fußvolk, gegen 10 000 Reiter. Aber für Licinius schlagen sich jetzt fast nur noch asiatische Griechen, für Constantin die Illyrier und Gallo-Germanen. Licinius unterliegt; ein Teil seines Heeres läuft zum Gegner über. Er rettet sich in das feste Byzanz. Da segelt von Saloniki her Constantins Kriegsflotte gegen die Seestadt, die auch von der Landseite umstellt wird. Licinius entweicht aus der Stadt über den Bosporus nach Kleinasien. Da wirft er sich in Verzweiflung noch einmal auf den Gegner; es war bei Skutari, wo Constantin sein Heer soeben auf unzähligen kleinen Schiffen gelandet hatte. Die Landung war schwierig. Das Schicksal aber vollendet sich. Licinius hätte noch ins Innere Asiens entweichen können; doch gibt er sich, auf Constantins ritterliche Gesinnung vertrauend, in Nikomedien, der Stadt, wo einst Diocletian gethront hatte, dem Sieger unter der Bedingung gefangen, als Privatmann friedlich weiterzuleben. Das wird ihm auch zugesichert. Constantia, seine Gattin, wirkte ein; sie nahm ihrem Bruder Constantin den Eid ab, daß er Licinius schonen werde. So durfte sich der Entthronte in Saloniki niederlassen, um über den Wandel der 184 Zeiten nachzudenken. Aber Constantin besann sich nicht lange und ließ ihn dort erdrosseln (im Jahre 324). Was lag an dem Wortbruch? Er war jetzt vor ihm sicher Im Mai des Jahres 324 nennt Constantin den Licinius noch den Tyrannen, d. h. Rebellen: cod. Theodos. XV, 14, 1. . Das war der dritte Schwager, den er beseitigte. Und er war jetzt der Alleinherr, das große Ziel erreicht, alle Truppenkörper von Marokko bis Mesopotamien leisteten den Eid auf Constantin, und auch Byzanz war jetzt sein. Die Achse des Erdballs wurde jetzt gleichsam verschoben; denn Byzanz konnte jetzt die Constantinstadt werden, Constantinopel die kaiserliche Hauptstadt für fast tausend Jahre, in der Tat der Wirbel alles politischen Lebens für den Orient bis heute. Konnte er sich seiner Erfolge freuen? Oder sollte es ihm wie dem Septimius Severus gehen? Im Jahre 326 blickte er auf eine zwanzigjährige Regierung zurück; er war noch einmal im alten Rom und feierte dort das Jubelfest. Aber der unduldsame Herrschgewohnte fühlte sich immer noch nicht sicher, und sein Argwohn fiel jetzt auf seine nächsten Angehörigen. Hier ist von seinem Sohn Crispus zu reden. Es ist merkwürdig, daß er seine beiden Stiefbrüder geschont hat. Sie müssen auffallend ungefährlich, d. h. unbegabt, gewesen sein. Den einen, Dalmatius, schickte er einmal nach der Insel Cypern. Da beging der Inhaber einer Kamelstuterei die Albernheit, sich als König von Cypern ausrufen zu lassen. Dalmatius wurde damit beehrt, den Menschen zu beseitigen. Anders stand es mit Crispus. Die Kaiserin Fausta hatte dem Constantin drei Söhne gegeben: sie hießen Constantin , Constantius und Constans . Der Gleichklang der Namen ist für den Erzähler unleidlich; dazu gab es noch einen Onkel Constantius und die Tante Constantia. Im nomen sah man das omen : es ist, als prahlten all diese Namen mit der Dauerhaftigkeit oder »Constanz« der Dynastie. Welche Verwirrung mußte entstehen, wenn die drei Brüder sich im Palast riefen oder bei Tisch durcheinander sprachen? Das war freilich die geringste Sorge. Wichtiger war, daß sie sich vertrugen. 185 Crispus aber war ihr Stiefbruder. Er war älter als sie und Sohn der Konkubine Minervina, die Constantin hernach aus dem Hause tat. Gleichwohl erzog er diesen Sohn Crispus zu seinem Nachfolger. Ihm selbst, dem Vater, war es ja ebenso ergangen: auch er war ja seines eigenen Vaters Erstgeborener gewesen, auch er in wilder Ehe erzeugt, und sein Vater hatte ihn trotzdem zum Nachfolger bestimmt. Auf die Begabung kam es an. Crispus war der Hochbegabte; er war jetzt vielleicht 24 Jahre alt Etwa im Jahre 302 geboren. . Schon im Jahre 317 hatte der halbreife Mensch unter dem Titel Cäsar für kurze Zeit die Verwaltung Galliens übernommen; 18jährig leistete er dort die erste Waffenprobe gegen die Germanen am Rhein Panegyr. lat. X. 37. . Da eilte er vom Rhein als Sieger zu seinem Vater im rauhen Winter über die Hochalpen nach Sirmium, um sein Lob zu ernten, und der Vater freute sich an ihm Panegyr. lat. X, 36. . Auf Bronzemünzen sehen wir seinen Jünglingskopf mit dem frühen Lorbeer im Haar; das Szepter hält er in der Rechten Baumeister, Denkmäler S. 400, Abb. 441. . Als sodann der letzte Kampf gegen Licinius begann, gab ihm Constantin das wichtige Kommando über die Flotte. Crispus war es, der damals aus Saloniki mit 80 leichten Galeeren durch den Hellespont (die Dardanellen) brach, gegen Byzanz. Des Licinius Admiral Abantus lag da mit 200 Kriegsschiffen, und es war, als wiederhole sich die Schlacht bei Salamis: auch jetzt eine Seeschlacht im engsten Wasserbecken; rechts und links die Küste so nah! Crispus manöverierte ausgezeichnet; des Gegners 200 stolze Schiffe drückten sich gegenseitig. Crispus durchbrach ihre tiefe Front in unermüdlichem Draufgehen, und sie wurden gerammt, versenkt, zerstört; der Rest strandete folgenden Morgens, als sich ein Sturm erhob. Nur mit Mühe rettete Abantus sein Leben. Erst nach diesem Siege seines Sohnes konnte Constantin Byzanz gewinnen. Das Marmarameer oder die Propontis hat bis zum heutigen Tag solche Seeschlacht nicht wieder gesehen. Was war seitdem geschehen? War es Neid auf den Sohn, der sich in Constantin regte? Hatte Crispus sich herausfordernd 186 benommen? Schürte Fausta, die Stiefmutter gegen ihn? Oder waren es die Stiefbrüder? Sicher ist, daß Fausta mit einwirkte; vielleicht bezichtigte sie ihn einer Verschwörung. Man hat sogar einen ganzen Phädraroman zurechtgedichtet: Fausta, die Stiefmutter, als verschmähte Liebhaberin des Crispus! Wir enthalten uns solcher Phantasien. Im selben Jubeljahr 326, das Constantin in Rom festlich beging, ließ er seinen Sohn Crispus, und zwar »auf das grausamste«, töten crudelissime , sagt die Chronik des Hieronymus. . Es geschah in Pola in Dalmatien. Zugleich wurde so auch des Licinius noch lebender 11jähriger Sohn beseitigt. Keine Frage also: es galt die Thronfolge für die drei anderen Söhne zu sichern. Constantin hatte seine immer noch rüstige, aber nun wohl bald 80jährige Mutter Helena an den Hof genommen. Ihre Ehrung lag ihm am Herzen. Sie war so energischer Natur wie er; er war Geist von ihrem Geist. Es ist wohltuend, dies Verhältnis zur Mutter festzustellen. Die stahlharte Seele des Gewaltmenschen war denn doch auch weicherer Regungen fähig. Er machte sie zur »Augusta«, ließ ihr Standbilder errichten, Goldmünzen mit ihrem Bilde prägen. Wie sollten aber zwei Frauen am Hof, beide in gleicher Machtstellung, Frieden halten? Der Hader zwischen Kaiserin und Kaiserinmutter war längst entbrannt. Es scheint: es war ein tödlicher Haß. Helena nahm für den getöteten Crispus Partei; sie behauptete, Fausta habe Crispus beim Vater falsch verleumdet; sie sei an seiner Hinrichtung schuld; und Constantin hielt zur Mutter; er opferte ihr jetzt die Kaiserin. Fausta wehrte sich umsonst. In den Palastthermen wurde ein Schwitzraum bis zum Siedepunkt überheizt; da hinein wurde Fausta gestoßen in balneas ardentes coniectam , Aurel. Victor 41, 12; vgl. Zosimus. . Dann zog man sie als Leiche wieder aus dem Bade. Ein geradezu satanisches Verfahren. Darauf verstand sich Nero nicht besser oder Iwan der Schreckliche. Der Tod genügt nicht; die Todesqual muß hinzukommen. Auch zahlreiche Freunde ließ Constantin danach noch töten Eutrop. X, 6. . Wir wissen wiederum den Anlaß nicht Mit der Beseitigung des Crispus stand ihre Tötung sicher nicht in ursächlichem Zusammenhang, da sie erst nach der Hinrichtung Faustas geschah. . »Ausrotter aller seiner 187 Widersacher«, wie es von Richard III. heißt; einerlei, wen er packte: den Terror breitete er um sich. Erst danach dünkte er sich sicher auf einsamer Höhe. »Das Gewissen ist ein gefährlich Ding; es macht uns zur Memme«: auch dies Wort, das man bei Shakespeare liest, scheint wie von Constantins Lippen abgelesen. Hat ihn die Reue nicht angefaßt, ihn, den »Gottgeliebten« ( ϑεοφιλής ), wie ihn die Christen nannten? Wir merken nichts davon Was Zosimus II, 19, 3 erzählt, klingt zu sehr nach Erfindung. . Aber freilich, seine bösartige Mutter Helena entfernte er noch im selben Jahr vom Hofe. Vielleicht war ihr Anblick ihm denn doch eine Pein. Er hatte durchgesetzt, daß sie in ihrem Alter noch Christin wurde, so wie er auch seine drei Söhne in der christlichen Lehre unterrichten ließ. Jetzt stellte er ihr reiche Staatsgelder uneingeschränkt zur Verfügung, und die allmächtige Frau begab sich nach Palästina (im Jahre 326), um persönlich die heiligen Stätten, wo Gott sich offenbart hatte, zu betreten. Sie streute mit Geld; es war mehr Triumphzug als Wallfahrt. Makarios, der Bischof von Jerusalem, kam der Hochbetagten gewiß zur Hilfe, wenn sie das Grab Jesu oder Bethlehem und andere geweihte Plätze suchte, um da zu beten. In Bethlehem, wo Christus geboren, hat Helena die berühmte Gedenkkirche gebaut. Sie wandte ihr Herz besonders der Gottesgebärerin Maria, der Theotokós , zu; war sie doch selbst Mutter des zweiten Welterlösers Constantin Constantin selbst wird σωτήρ , Retter und Heiland der Welt, genannt bei Euseb., Hist. eccles. X, 8, 19. ! Über den ganzen Orient aber, wo es Christen gab, gingen ihre reichen Spenden. Selbst wenn sie in kleine Städte kam, rauschte sie in ihrem Prachtgewand durch die schlichte Gemeinde, um höchstselbst mit am Gottesdienst teilzunehmen Euseb, V. C. III 41–46. . Dann starb sie; Constantin sah sie nicht wieder. Keine Frau konnte ihm jetzt mehr dareinreden. Er hat nicht wieder geheiratet. Noch 14 Jahre hat Constantin als Alleinherrscher im Frieden regiert. Die Goten jenseits der Donau hielten zumeist Ruhe. Gesandtschaften in buntem Aufzug, Indier, Neger, aber auch Germanen Euseb, V. C. IV, 7: ihre Hautfarbe verrät die Germanen: λευκότερα χιόνος . kommen in seinen Palast und bringen Geschenke. 188 Mit dem gefürchteten König von Persien tauscht er Briefe. Die Fremdvölker empfanden, daß das Reich einstweilen wieder in fester Hand war. Das Leben des Septimius Severus sollte sich in Constantin wiederholen: das Kraftgenie hat sein Ziel erkämpft; jetzt beruhigt es sich, und seine Zwecke und Aufgaben dienen dazu, es sanfter zu stimmen und vielleicht auch, soweit dies möglich, zu veredeln. Die nun folgende Friedensarbeit aber steht durchweg auf dem Grunde dessen, was Diocletian entworfen hatte. Die Bureaus arbeiteten eben weiter; eine gute Tradition war da. Daher der humane Geist in so manchen Verfügungen Constantins, die wir heute noch lesen; es wirkt hocherfreulich. Nur im Strafmaß spüren wir allerdings die Barbarei der Zeit: Wer dem Landesfeind beim Raube Hilfsdienst leistet, wird lebendig verbrannt; den Angebern wird die Zunge ausgeschnitten; der Hausdienerin, die der Tochter des Hauses zuredet, sich von ihrem Liebhaber entführen zu lassen, wird heißes Blei in den Schlund gegossen Vgl. cod. Theodos. VII, 1 (vom Jahre 323); X, 10, 2 (vom Jahre 319?) und IX, 24, 1 (vom Jahre 220). . So strafte man damals. Daher also auch die grausame Art der Tötung der Fausta und des Crispus. Auch das steife Hofzeremoniell des Diocletian bleibt bestehen. Die Majestät wird zum Götzen und Dalai-Lama, strahlend in Diadem, Goldstickerei, Perlen und Edelsteinen, unzugänglich hinter einer Verschanzung von Trabanten, erhaben über dem gemeinen Erdenmenschen. Beneidenswert der Sterbliche, der zu einer Audienz gelangt. »Vorstand des heiligen Schlafgemachs« ( praepositus sacri cubiculi ) ist der Titel des Chefs der Zeremonien. Bewaffnete in Küraß und Schild, auch Pfeilschützen, hüten die Zugänge scutarii, clibanarii, sagittarii genannt. Die kaiserliche Palastwache ging in Weiß: Hieronym. Epist. 60, 9 (Zöckler, Hieronymus S. 216). . Wurde es dunkel, standen die Fackelträger in Reihen Die lampadarii . . Die kaiserliche Leibgarde, in der auch vornehme Jünglinge dienten, Fußvolk und Reiter, war in der Nähe des Palastes kaserniert. Den Sollbestand des Reichsheeres hatte schon Diocletian gesteigert; jetzt sind es 138 Legionen, außerdem noch 108 Bataillone Fußvolk, 91 Reiterschwadronen, was etatsmäßig 189 eine Kopfzahl von 900 000 Mann ergibt Vgl. Wietersheim, Geschichte der Völkerwanderung III, S. 120. . Die oberste Leitung steht unter Marschällen, die Heermeister oder Soldatenmeister ( magistri militum ) heißen. Die Generäle der einzelnen Truppenkörper heißen comites und duces , deutsch etwa Grafen und Herzöge. Epochenmachend war vor allem die Neuordnung des Zivildienstes, der vom Heeresdienst jetzt streng gesondert ist. Da ist der Reichskanzler; er hieß der Meister der Pflichten, magister officiorum . Das Wort magister tritt da ein, wo wir heute vom »Minister« reden würden. Hielt die Majestät Audienz, so stand dieser Kanzler hinter dem schweren Vorhang und lauschte. Die Audienzen werden durch ein zahlreiches Personal vermittelt Es ist das officium admissionum . . Ein Kabinettsminister ( quaestor ) aber steht dem Kanzler zur Seite, der ähnlich, wie es noch heute Gebrauch, den Verkehr zwischen dem Monarchen und Kanzler herstellt und Vortrag hält. Feldjäger liefen ständig durch das Reich, die den Telegraph ersetzten und Spionen gleich von überall her Nachrichten an den Hof brachten; unser Wort »Agenten« stammt von ihnen her; denn sie heißen die agentes in rebus . Vier Bureaus besorgten die Geschäfte der Reichsregierung: ein Bureau für Kabinettsbefehle, eins für auswärtige Korrespondenz, das dritte für Justiz, das vierte für die Administration scrinium memoriae, scrinium epistolarum, scrinium libellorum, scrinium dispositionum . . Die Bureaus hießen bildlich »Schränke«, wie wir ein Geldinstitut eine »Bank« nennen. Ein kaum übersehbares Personal wurde da beschäftigt; es waren die Offizialen. Was aber die Finanz betrifft, so hatte jede Diözese im Reich ihre eigene Finanzverwaltung, deren Vorsteher wiederum Grafen, comites , hießen. Der eine Comes hat für die kaiserlichen Domänen, der andere für die fiskalische Verwaltung der zugehörigen Provinzen zu sorgen; der letztere wird der Graf für die Geldspenden genannt Es ist der comes largitionum . . Vor allem bestehen auch die prätorischen Präfekten weiter; sie haben die Regierungsgewalt in den wichtigeren Reichsländern in der Hand, als Stellvertreter der kaiserlichen Macht. 190 Rangunterschiede muß es im Leben geben. In dem Bureaukratismus jener Zeit kommt ein neuer Amtsadel auf, und die Rangstufen werden scharf gesondert. Da wimmelt es von Notaren. Der oberste Notar heißt der primicerius , weil sein Name auf der Wachstafel, cera , obenan steht. Notare aber sind die besoldeten Staatsdiener juristischer Bildung. In Beirut in Syrien studierten die jungen Leute das Recht, und die Rechtskandidaten traten dann eben zumeist in den Staatsdienst und in die genannten Bureaus ein: die einen als Hilfsarbeiter und Protokollführer, andere wurden »Agenten«, wieder andere bei den Gratis-Brotverteilungen in den Großstädten angestellt usf. Das Dienstalter wurde sorglich gezählt, und man rückte langsam auf, wie auch heute. Um aber den Unrechtlichkeiten, die leicht unterlaufen konnten, zu wehren, wurde ein unausgesetzter Stellenwechsel nötig befunden; jede Anstellung galt nur für ein Jahr. Je mehr Wechsel aber, desto mehr Schreiberei. Das Schreiben war grenzenlos, und die Archive schwollen an. Kein Advokat durfte übrigens bei Gericht praktizieren, der nicht vom Staat dazu angestellt war; auch sie waren also jetzt Staatsbeamte. Dabei wurde die Titelsucht zur Manie. Woher für die vielen Dienststellen die Menschen nehmen? Reichten, um sie zu locken, die Gehälter nicht aus, so war es der Titel, der den Ehrgeiz weckte. So wie Constantin selbst sich »Seine Heiligkeit« nennt, sein Bett »das heilige Lager«, sein Feldlager gleichfalls »das heilige Lager« hieß, so strömen die hochtönenden Worte in Fülle auf die Menschen herab. Ich sprach schon früher von den Rangklassen der Erlauchten, illustres , der spectabiles oder Excellenzen, der perfectissimi oder Höchstvollkommenen. Dazu das Wort »Patrizier«, das in ganz neuer Anwendung jetzt den höchsten Amtsadel bezeichnet Vgl. E. A. Stückelberg (1891): Der Constantinische Patriciat. . Die meisten dieser Titel aber sind natürlich nicht erblich. Und dazu kamen endlich die Dekorationen oder Insignien, die auf das Auge wirken. Jeder höhere Beamte erhält eine Tafel, die er vor sich hertragen läßt oder im Amtslokal aufstellt, auf der die Attribute 191 seines Amtes in Farben gemalt sind. Diese Wappenbilder sind uns in Kopien erhalten. Die zu verwaltenden Provinzen sind darauf als junge Frauen personifiziert, die in hübschen, bunten Kleidern gehen und gelegentlich Schüsseln voll Geld vor sich hertragen; oder wir sehen die Festungen oder Burgen, beispielshalber auf dem Wappen des Comes , der in Straßburg kommandiert, die Festung Straßburg selbst abgebildet Böcking, Notitia dignitatum II, S. 85. ; auf dem Wappen der prätorischen Präfekten einen Vierspänner, auf dem der Mann sich stolz durch das Publikum bewegte; es ist offenbar ein Wagen, der in Federn hing. Man sieht: der Staatsdienst sog jetzt gleichsam die Menschheit auf. Wo war die Freiheit des Lebens der Antike, das schöne Recht der Selbstbestimmung geblieben? die Individualitäten, die spielend sich ausleben, wo sind sie nun? Jetzt erstarrt die Gesellschaft zu einem Kastenwesen; es ist, als ob sich eine Eisdecke über das frische Gefälle des Stromes zöge. Jeder, ob klug, ob dumm, ist eingeschnallt in den blutlosen Apparat des Beamtenstaates; jedem werden seine Pflichten diktiert, nächstens auch noch seine Gesinnung, sein Glaube. Am Hebelwerk der rotierend sausenden Riesenmaschine aber stand wachen Geistes der Kaiser, und sie funktionierte nicht, wenn er nicht täglich den Hebel drückte. Und so sehen wir wirklich Constantin am Werk. Ein freundliches Licht fällt auf ihn, wenn wir einige seiner vielen Erlasse, die in die verschiedensten Verhältnisse eingreifen, erwähnen. Der Angeklagte, der im Untersuchungsgefängnis sitzt – so befiehlt er –, soll gelegentlich an die frische Luft kommen, nicht im lichtlosen Raum liegen und soll nur leichte Handschellen tragen Cod. Theodosian. IX, 3, 1. . Die Verbrecher, die man in die Bergwerke schickte, wurden mit einem Brandmal gezeichnet; Constantin bestimmt, daß das Mal nur auf Wade oder Hand einzubrennen ist, nicht aber im Angesicht; denn das Menschenantlitz sei ein »Abbild der himmlischen Schönheit«; man erkennt daran den Herrscher als Sonnenverehrer Cod. Theodosian. IX, 40, 2 (vom Jahre 315 oder 316): ad similitudinem pulchritudinis caelestis . Daß dies keine christliche Wendung, zeigt Panegyr. lat. VI, 3: in cuius ore caelestes illius vultus natura signavit , wo es sich um das himmlische Antlitz des Vaters Constantins handelt. . Auch für die Postgäule trägt er Sorge; die Freunde des Tierschutzes werden mit Genugtuung hören, 192 daß er verbietet, die Gäule mit Knütteln zu schlagen; erlaubt soll es freilich sein, die allzu faulen Tiere mit einem Stachel gelinde an ihre Pflicht zu mahnen Cod. Theodosian. Ebenda VIII, 5, 2. . Streng geht er gegen die Falschmünzerei vor; der Sklave, der einen Falschmünzer angibt, wird mit der Freiheit beschenkt Cod. Theodosian. IX, 21, 2. . Dazu die weitgehende Sorge für den Nachwuchs im Volk; wer fünf Kinder in die Welt setzt, wird mit allerlei Vorteilen begünstigt Cod. Theodosian. XIII, 3, 1; vgl. XI, 27, 1. usf. Und das Geld? Mit welchem Riesenbudget der Weltstaat arbeiten mußte, ist schwer auszudenken. Constantin, großzügig in allem, verausgabte das Geld mit vollen Händen. Schon das Heer, das Beamtentum erforderte eine Steigerung des Etats. Daß sich darum Klagen über Steuerdruck erhoben, kann uns nicht verwundern. Eine gleichmäßige Verteilung des Druckes war nicht zu erreichen Er redet selbst von dem onus commune im cod. Theodos. XIII, 5, 3 (vom Jahre 319). . Bevorzugten Berufen gab er überdies Steuerfreiheit; so allen Ärzten und Professoren Cod. Theodosian. XIII, 3, 1. . Und dazu kam seine Sucht zu schenken, dazu seine opulente Bautätigkeit. Bezeichnend ist, daß die Spötter, die nie fehlen, ihn den Dickhals, später den Raubritter, in den Schlußjahren aber das Mündel nannten, da er so vergeudete, daß ein Vormund für ihn nötig schien Epitome 41, 16. . Von den Bauten, mit denen er Trier geschmückt hat, von seinen Thermen und der Constantins-Basilika in Rom, deren stolze Wölbungen das Vorbild zum St. Peter geworden sind, deren Plan jedoch übrigens von Kaiser Maxentius stammte, will ich nicht reden. Zu reden ist vom Neubau Constantinopels . Es war eine Neugründung. Erst im Jahre 330 hat er die Stadt, die seinen Namen verewigt Übrigens heißt auch die heutige Stadt Constantine in Algier, das einstige Cirta, nach ihm. , zur Hauptstadt der Welt gemacht Schon im Jahre 328 geschah die Weihung. . Für das alte Rom war das endgültig der Todesstoß. Diocletian hatte Nikomedien zur Hauptstadt ausgebaut; er gehorchte dabei dem gleichen Triebe. Aber die Lage dieser verhältnismäßig stillen Stadt hatte nichts Beherrschendes. In Byzanz, da brauste das Leben; es lag an der Brücke zwischen Europa und Asien, an einer Hauptschlagader des Weltverkehrs; als Festung der solideste Stützpunkt sowohl gegen die 193 Donauländer wie gegen den Ansturm der Asiaten. Constantin hatte das gewiß mit genialem Blick schon als Jüngling erkannt, damals, als er im Orient lebte. Nova Roma , »Neu-Rom«, so nannte Constantin selbst seine Gründung, als wäre es eine Römerstadt Und daher heißen die Neugriechen noch heut Romäer ( Ῥωμαῖοι ). , und in der Tat blieb dort vorläufig die offizielle Sprache, die Hof- und Amtssprache, auch die Militärsprache das Latein. Das Volk in den Gassen jedoch sprach da nur griechisch Nur griechische Inschriften sind in Byzanz gefunden worden. . Constantinopel war Vollblut-Griechenstadt. Der griechische Orient war fortan der herrschende Teil der Welt. Der ruhende Koloß des Römerreichs legte sich auf die griechische Seite. Vom Jahre 330 an beginnt die byzantinische Geschichte. Eine große Gründung! Zuwachs war nötig. Der Mauergürtel der Stadt wurde nach Westen hin mächtig erweitert, neue Bevölkerungmassen hereingeschafft, die Altstadt z. T. niedergelegt, um neue Prunkplätze zu gewinnen, und es sollte dort alles wie im echten Rom sein: ein Senat wurde geschaffen, für das Volk Thermen, ein Circus maximus oder »Hippodrom«, für Gelehrte eine kaiserliche Bibliothek, ja, eine Universität Vgl. Byzanthinische Zeitschrift XXI (1921) S. 630 f. , vor allem ein Kaiserschloß, Palatium , ein Komplex von Palästen, der einer Festung glich, wie heute der Serail des Sultans oder der Kreml des Zaren. Für die Triumphe lief eine Fahrstraße vom Westende her durch die Stadt, etliche Prunkplätze durchschneidend, zunächst bis zum Goldenen Horn, dann weiter am strahlenden Meer entlang bis zum sogenannten »Hebdomon«. Auch eine Militärvorstadt gab es; da erklangen deutsche Stimmen; es war das Lager der gotischen Hilfsvölker. Auf dem Ochsenmarkt Forum bovis . aber stand der Ofen in Form eines Ochsen, in dem vom 4. bis zum 7. Jahrhundert Verbrecher verbrannt wurden. Das Publikum konnte herumstehen, um dem Akte zuzusehen. Alle große Wendungen des Geschehens führte man im Altertum auf göttliche Eingebung zurück. So verkündete denn auch Constantin ausdrücklich, Gott habe es ihm befohlen, Constantinopel zu gründen Das wichtige Zeugnis mit dem iubente deo steht im cod. Theodos. XIII, 5, 7 (vom Jahre 334). Daß Constantin auch zum Krieg gegen Maxentius durch göttliche Eingebung behauptete getrieben zu sein, geht aus Panegyr. lat. IX, 2 hervor; daher sagt auch die Inschrift auf dem Constantinsbogen, er habe ihn instinctu divinitatis besiegt. . Ebenso führte er es in Gesprächen auf 194 Gottes Befehl zurück, daß er das Labarum zum Feldzeichen im Heere nahm; es geschah deo iubente Wenn Eusebius V. C. I, 32 zu erzählen weiß, im Traum sei dem Constantin Christus erschienen, um ihm das zu befehlen, und Constantin selbst habe das geäußert, so ist das offenbar nichts als eine kühne Umformung der Worte des Kaisers. Constantin hat auch in diesem Falle ohne Zweifel nur gesagt, deo iubente habe er das Labarum eingeführt. Wie wenig sich Constantin Zeit seines Lebens mit Christi Person beschäftigte, zeigen alle seine bei Eusebius eingelegten Schriftreste. Auch das Bild Christi hat Constantin nie aufgestellt und wohl nie besessen, anders als Alexander Severus. . Der Gott, den er meinte, war der Christengott. Längst hatte er bekannt gegeben, daß er die Christenlehre als die einzig wahre erachte. Aber er ließ sich nicht taufen; er wurde auch jetzt nicht Christ. Andernfalls wäre er als Gemeindeglied der Christenheit dem Urteil der Bischöfe unterstellt gewesen. Geistliche Aufsicht! ein unerträglicher Gedanke! Er wollte sich freie Ellenbogen wahren. So hat er Constantinopel auch nicht etwa dem Christengott, sondern der Glücksgöttin Tyche geweiht und dieser Tyche dort einen Tempel gebaut, und bei dem Akt der Einsegnung der Stadtmauern sowohl heidnische wie christliche Riten ruhig nebeneinander zur Anwendung gebracht. Er wahrte die Parität; denn er war immer noch der Pontifex maximus im alten Sinne des Wortes, der alle staatlich anerkannten Götterkulte zu schützen hat, und stand als solcher über den Religionen. Wenn er selbst jetzt persönlich dem Christusdienst den Vorzug gab (eine Kirche hat er wohl nie besucht), so war es dasselbe wie bei Kaiser Aurelian, der besonders dem Heliosdienst sein kaiserliches Interesse schenkte; die anderen Gottesdienste waren damit nicht aufgehoben und seiner Fürsorge nicht entzogen. »Geht zu den staatlich anerkannten Altären und Heiligtümern«, so sagte Constantin ausdrücklich zu den Heiden, »und begeht nach eurer Gewohnheit die heiligen Handlungen; ich hindere euch nicht« Cod. Theodos. IX. 16, 2 (vom Jahre 139): adita aras publicas adque delubra et consuetudinis vestrae celebrate sollemnia, nec enim prohibemus . . Er erlaubte ihnen auch, neue Göttertempel zu errichten Cod. Theodos. XV, 1, 3. . Nicht nur der Tyche, auch der alten asiatischen »Göttermutter« baute er ferner in Constantinopel einen Tempel; nur ließ er das Bild der Göttermutter, die nach dem Herkommen ihren Löwen an der Hand führte, abändern, und sie hob die Hände und schaute so segnend auf die Stadt. Im Hippodrom stellte er fröhlich die Reitergötter Castor und Pollux auf und vor allem sich selber als Gott Helios auf der 40 Meter hohen Porphyrsäule, die noch heute an ihrer Stelle steht und zu der das Volk kam, um davor zu opfern und zu beten Es ist die sog. »gebrannte Säule«; vgl. Rheinisches Museum 63, S. 59. . Auf das 195 Geld hat er Zeit seines Lebens fast nur heidnische Göttergestalten prägen lassen; die Götter blieben im Kurse. Jeder erinnert sich hier auch des Constantinbogens in Rom, auf dessen Reliefs der Kaiser selbst das Opfer verrichtend erscheint. Constantin fand nichts dagegen einzuwenden Freilich waren die Reliefs von anderen Denkmälern geraubt und stellten eigentlich nicht ihn, sondern den Hadrian oder Mark Aurel dar. Aber das Volk sollte diese Bilder doch auf ihn deuten. Übrigens war auch in die Constantins-Thermen in Rom ein Isis-Heiligtum eingebaut sowie in den Diocletians-Thermen ein Heiligtum des Asklepios. . Ließ er sich doch auch von seinen Truppen, wenn sie ihm huldigten, den Zuruf: »Die Götter mögen dich beschützen« gefallen. Er selbst erzählt uns das in einer lebhaften Schilderung, ohne irgendeine Bemerkung daran zu knüpfen Cod. Theodos. VII, 20, 2, etwa vom Jahre 320. So lesen wir auch Gebete, die den Charakter der stoischen Philosophie tragen und in seiner Gegenwart gesprochen sind, Panegyr. lat. IX, 25; ähnlich das Gebet, das Constantin im Heer an den Sonntagen beten ließ und dessen Wortlaut vorliegt; es vermeidet das christliche Gepräge und wahrt gleichsam die Neutralität, ist aber streng monotheistisch gehalten, wie das im Geiste der Aufklärung jener Zeit lag. . Den Kunstraub betrieb Constantin auf das schmählichste. Aber er konnte nicht anders. Die neue Stadt sollte es an Schönheit Rom gleichtun. Man konnte sich aber keinen Prunk ohne Statuen denken. Woher sie nehmen? Die statuarische Bildnerkunst war damals so gut wie ausgestorben, und außer mehr oder minder kümmerlichen Porträts gab es kaum noch neue Kunstwerke. Schon in den alten Zeiten der Scipionen hatte Flamininus oder Fulvius Nobilior solchen Kunstraub im großen betrieben; ebenso hatte es Verres in Ciceros Zeit gemacht, um seine Gärten und Atrien damit zu schmücken. Caligula hatte sogar den Zeus von Olympia nach Rom schaffen wollen. Das war also gut heidnischer Brauch. So hat denn auch Constantin aus Delphi den berühmten Dreifuß und das Apollobild entführt; denn die Pythia in Delphi war längst verstummt, und die neue Hauptstadt hatte so eine Sehenswürdigkeit mehr. Ebenso holte er die Musen vom Helikon und allein aus Rom 60 Götterbilder; aus Rom auch die berühmten vergoldeten Pferde des Lysipp, die jetzt die St. Marcuskirche Venedigs schmücken Eusebius V. C. III, 54 und Laus Constant. c. 8. Die Pferde des Lysipp kamen nicht zur Ruhe; sie stammten aus Chios, schmückten dann erst Neros, dann Trajans Triumphbogen in Rom; Constantin schleppte sie nach Constantinopel; von da sind sie im Jahr 1205 nach Venedig entführt worden, Napoleon brachte sie als Kunstraub im Jahre 1797 nach Paris. Venedig aber hat sie zurückerhalten: habent sua fata et equi . . Nicht allein Schmuckbilder, auch Kultbilder nahm er weg In der älteren Zeit beschränkte sich der Kunstraub zumeist auf die nicht konsekrierten Gottesbilder (s. Roßbach im Rhein. Mus. 54, S. 279), doch griff Verres auch in die Sacrarien ein (vgl. Cic. Verrin. IV, 18). Von Nero sei noch angeführt, daß er 500 Erzstatuen aus Delphi wegnahm (Pausan. VII, 1), anders als jener König Philipp von Mazedonien, der im Jahre 218 v. Chr., als er die Stadt Thermos zerstörte, 2000 Statuen dortselbst umstürzen und zerschlagen ließ, aber nicht entführte. ; das entsprach durchaus den Überzeugungen des damaligen aufgeklärten Heidentums. Nur Athen wurde geschont. Die Christenheit aber jubelte über solches Vorgehen. Eusebius sagt, der Kaiser habe besonders auf Statuen in kostbarer Goldbronze Jagd gemacht, das Gold abkratzen lassen und die so entstellten Puppen an die Tempel zurückgegeben; die Heiden aber hätten gelacht, wenn sie ihre Götter so ruppig 196 wiedersahen, und seien dann schnell Christen geworden. Das ist Eusebianische Geschichtserzählung. Wichtiger ist, daß Constantin in den heidnischen Kulten, die er im übrigen weiter bestehen ließ, das Opferwesen einschränkte oder gar abzuschaffen versuchte. Er war in der Tat der große Mann, der durchgreifend auswirkte, was der Zeitgeist längst forderte: Modernisierung des Kultus. An und für sich war das Opfern eine naive, aber durchaus gutartige Handlung. Auch wir beten ja: »Komm, Herr Jesus, sei unser Gast und segne, was du bescheret hast.« Jesus muß Gast sein, um segnen zu können. Die antiken Schlachtopfer aber waren nichts anderes als Volksspeisungen für die Gemeinde, ein Festgenuß für das sonst so vegetarisch lebende Volk, und der Gott wurde dabei zu Gast gebeten, indem man von den Tieren die wenig eßbaren Teile in Flammen und Rauch aufgehen ließ, und man hoffte dann auf den Segen der Gottheit. Das Spenden von Weihrauch ist von solchem Opfer, vom Standpunkt des Gottes aus betrachtet, nicht wesentlich verschieden. Längst aber hatten die Cyniker Vgl. Julian Orat. VI, S. 257, 25 ed. Hertlein. , längst ernste Männer wie Seneca, Apollonius von Tyana, auch Porphyrius eindringlich gepredigt, den Göttern nicht Bilder zu errichten und auch den Opferdienst aufzugeben; denn für Gott, der ein Geist, seien solche irdischen Erbärmlichkeiten eine Entwürdigung. Dem Eusebius, der damals die Kirchengeschichte schrieb, ist dies auch wohlbekannt, und er bringt uns die Worte jenes Apollonius selbst: »Der große Gott ist namenlos; nichts soll man ihm opfern, kein Feuer für ihn entzünden, ihn mit dem Sinnlichen nicht in Zusammenhang bringen; denn er ist erhaben über jedes Bedürfen.« Daneben steht der Kirchenvater Lactanz, der zeitweilig am Hofe Constantins lebte, und er ruft des alten Seneca Zeugnis an: »Nur ein reines Herz ist für Gott das rechte Opfer; wie könnte er an Schlachtungen und Blut Freude haben?« Eusebius, Praeparatio evangelica IV, 13; Lactanz Instit. divinae VI, 25, 3; vgl. Rhein. Mus. 59, S. 368 u. 392. Wenn Constantin Gott dem Bischof von Rom gegenüber den μέγας ϑεός nennt ( Euseb. Hist. eccl. X, 5, 20), so war dies die Ausdrucksweise des Apollonios von Tyana. Die Zeit war gekommen, diese radikalen Forderungen der Philosophen in die Tat umzusetzen; und der 197 Staatsvorteil sprach für dasselbe. Denn die Staatskasse war es, die für alle staatlichen Gottesdienste die kostspieligen Schlachtungen und Volksspeisungen bezahlen mußte, die heidnischen Gottesdienste belasteten den Etat unendlich viel schwerer, als der christliche es voraussichtlich je tun würde, dessen Sakramentshandlungen im Grunde so wenig Aufwendungen erforderten. Der Rechner Constantin rechnete gut. Aber das war das wenigste. Die Motive, die ihn zur Kirche hinzogen, lagen tiefer. Die Politik wies ihm den Weg. Seine Idee war, mit Hilfe der in sich einigen und zugleich alle Reichsteile umfassenden Kirchenorganisation die Einheit des Weltreichs zu retten und zu sichern Vgl. Euseb. Hist. eccl. X. 7, 1. . Daher lebte er sich in die Glaubenslehre ein, die die Bischöfe lehrten. Von Christi Leiden und Sterben und den tief ethischen Kraftquellen des Evangeliums redet er freilich nie. Er wußte nichts von ihnen. Die Bischöfe hüteten sich sorglich, ihm gar von seinen Sünden und von Sündenvergebung zu sprechen. In Constantinopel stellte Constantin auf einer Riesensäule, deren Schaft nach Art der Trajanssäule in Bildschmuck seine eigenen Taten verherrlichte, hoch oben das Kreuz auf, aber es war das leere Kreuz Pseudo-Codinus περὶ ἀγαλμάτων S. 178 ed. Preger. : Christus hing nicht daran. Es gab noch keinen Crucifixus . Das leere Kreuz war eben der Talisman und Fetisch, der ihm alle jene Taten ermöglicht und ihn von Sieg zu Sieg geführt hatte. Wir lesen noch viele seiner Äußerungen: woran er glaubt, ist im Grunde nur, daß der neue Gott, der Christus heißt, wunderbar als Mensch geboren wurde und daß er auferstanden ist; von allem anderen wird geschwiegen. So zeigte er nun aber auch sein Wohlwollen in zahlreichen Erlassen. Er gebietet, den Sonntag, den Tag der Sonne, zu ehren Cod. Theodos. VIII, 8, 1; vgl. II, 8, 1. ; das hing noch mit seiner Heliosverehrung, von der er ausging, zusammen. Allen Klerikern wurden die Staatssteuern erlassen Cod. Theodos. XVI, 5, 1. ; damit wurden sie den heidnischen Priestern gleichgestellt. Aber den Andrang zum Geistlichenberuf schränkte 198 der Kaiser ein Cod. Theodos. XVI, 2, 1 u. 5, 1. . Streng geht er gegen alle Sektenbildung der Häretiker vor Cod. Theodos. XVI, 2, 5. ; denn die Sekten schädigen die Einheit der Kirche, auf die er rechnet. So wie ferner kein Christ sich an einem heidnischen Tempel anstellen lassen darf (was offenbar vorkam), so soll mit Knütteln geprügelt werden, wer einen Christen zum heidnischen Ritus nötigt Cod. Theodos. XVI, 8, 1. . Der Jude wird verbrannt, der nach einem zum Christen gewordenen Juden mit Steinen wirft Cod. Theodos. VIII, 16, 1. . Die Ehelosen, die bisher im Staat stark benachteiligt waren, werden von allen Nachteilen befreit, auch die ehelosen Frauen Ebenso aber auch bei vielen Heiden philosophischer Erziehung; so blieb der Redner Libanios unvermählt; ebenso andere Rhetoren; vgl. Syrian ad Hermog. p. 98, 5 ed. Rabe. , weil bei den Christen Auch alle Zauberei und Besprechungen verbietet er, gestattet aber doch den Regenzauber ( cod. Theodos. IX, 16, 3), weil letzterer der Ernte doch immerhin nützlich sein könnte. die Ehescheu sich längst mit dem Nimbus der Heiligkeit umgab; denn schon gab es Eremiten wie den heiligen Antonius; schon begann das Klosterwesen sich aufzutun Cod. Theodos. XVI, 2, 3; 5; 6. . So trat er denn auch mit kaiserlicher Munifizenz als Bauherr auf und baute Kirchen, die er selbst schwerlich je betrat; aber er tat es vornehmlich nur im nächsten Bereich des Orients, in Palästina, Nikomedien, Antiochien und Constantinopel Übrigens sei auch an die Laterankirche in Rom erinnert. Ob auch die Peterskirche in Rom auf ihn zurückgeht, scheint zweifelhaft. Der Bericht über die Schenkungen und Bauten des Kaisers in Rom, den der Liber pontificalis S. 76 f. (ed. Duchesne) gibt, erweist sich in den Einzelheiten schon dadurch als vollkommen unzuverlässig und legendenhaft, daß er von der Taufe Constantins in Rom als einer Tatsache erzählt. Es ist derselbe Liber pontificalis , der S. 72 behauptet, durch Diocletian seien in Rom bei der Christenverfolgung 16 000 Menschen in 30 Tagen umgebracht worden. . Wenn er an Bischöfe Briefe schreibt, redet er sie »lieber Bruder« an Z. B. bei Euseb, V. C. II, 46. Gelegentlich nennt er einen Bischof schon »seine Heiligkeit«, ebenda III, 32. , und wenn jener Eusebius, der Bischof in Cäsarea war, ihm über Dogmatik Vortrag hält, setzt er sich nicht, obschon man ihn bittet, Platz zu nehmen Auch andere Kaiser nahmen stehend den Vortrag entgegen; s. Panegyrici latini V, 4. . Dem Bischof von Jerusalem legt er persönlich ans Herz, daß in der Grabeskirche, die er dort bauen läßt, die Flachdecke ein angemessenes Ziergebälk erhalte; ob sie auch zu vergolden sei, überläßt er dem freien Ermessen des würdigen Mannes. Womit ließen sich außerdem noch die Kirchen schmücken? Von Mosaiken und Wandgemälden ist da nie die Rede. An Statuenschmuck war erst recht nicht zu denken. Goldene Weihgeschenke ( anathemata ) stiftete Constantin wiederholt; damit können nur Kandelaber, Kelche und Räucherbecken gemeint sein; oder er ließ den Altar mit einem Rondell von kostbaren Säulen umschließen und auf die Köpfe der Säulen silberne Mischbecher stellen, ein etwas seltsames Ornament. Sodann fehlte es an Prachtbibeln für die Liturgie in den neuen Constantinopolitaner Kirchen; er bestellt persönlich 50 gute Exemplare bei seinem Euseb; der soll sie 199 herstellen lassen; für den Transport werden zwei Wagen zur Verfügung gestellt Hierzu vergleiche Eusebius V. C. III, 32; 38; 40; IV, 33 u. 36. . Aber das Schenken genügt nicht. Er wollte die Kirche nicht nur stärken; auch lenken wollte er sie; denn er war der Herr, und die Einheitlichkeit der Kirche war, wie ich sagte, das, was er brauchte. Das Wort »katholisch« bedeutet diese Einheitlichkeit; er brauchte eine »katholische« Kirche Bei Euseb. hist. eccl. X, 5, 20 fordert er sie z. B. mit diesem Ausdruck. . In Wirklichkeit aber war sie das keineswegs, ja, von den Kirchenparteien wurden in den Großstädten die Volksmassen nur zu oft aufgewühlt, und es drohten Unruhen, die das Staatswohl gefährdeten. Dem mußte er wehren, und er griff energisch ein. Er berief die Herren Bischöfe zum »Konzil von Nicäa«. Er tat es, ohne selbst Christ zu sein, aber in seiner Eigenschaft als Pontifex maximus und bezeichnete sich selbst darum ausdrücklich den Bischöfen gegenüber als den »Bischof« oder »Aufseher« der christlichen Kirche Euseb. V. C. IV, 24. . Konzilien oder Synoden gab es besonders häufig im Ostreich. Kaiser Licinius hatte sie verboten; kaum war Licinius beseitigt, berief Constantin sämtliche Bischöfe des Reichs schon im Jahre 325 nach Nicäa in Kleinasien. Sie waren da seine Gäste; er gab ihnen reiche Beköstigung täglich gratis. Die Reichspost wurde ihnen zur Verfügung gestellt; natürlich reisten sie nicht ohne Bedienung Von 2 Diakonen und 3 Sklaven darf sich der Bischof auf der Reise begleiten lassen: Euseb. hist eccl. X, 5, 23. , und man denke sich, wie überbürdet der Postbetrieb in jenen Tagen war, wennschon von den 3000 oder 4000 Bischöfen nur etwa 300 sich einfanden. Der Bischof von Rom ließ sich wegen Altersschwäche entschuldigen; aber die römischen Bischöfe hielten sich grundsätzlich von den Synoden der Orientalen fern. Es war nicht ohne Skandal abgegangen; die geistlichen Herren hatten sich vorher, um einer dem andern zu schaden, bei Constantin angeschwärzt und verleumdet Sokrates I, 8. . Constantin ignorierte das. Jetzt waren sie da und alle voll Neugier und Erwartung, den Kaiser selbst zu sehen. Sie saßen im stattlichen Ornat in dem größten Saal des Kaiserhauses in zwei Gruppen auf Bänken verteilt. Großes Schweigen! Da zog das 200 Hofpersonal ein, nur Zivil, keine Bewaffneten. Alles erhebt sich; denn schon erscheint auch der große Herr selbst, lichtstrahlend wie Helios oder doch wie ein Engel des Herrn Das »wie Helios« habe ich hinzugesetzt; aber Eusebius hat Constantin anderen Ortes wirklich mit Helios, der Sonne, verglichen; oben ( S. 177 ) Anm. "Damals erst; dem Eusebios...". , so sagt Eusebius, der zugegen war: das Auge voll Huld und Gnade, in einem Talar, das blitzte und funkelte. Der Purpur selbst schien Flammen zu werfen, ebenso der Goldschmuck und der flimmernde Glanz der köstlichen Edelsteine. An Wuchs übertraf er alle, an nerviger Kraft und Schönheit. So stellt er sich in die Mitte zwischen den Gruppen, läßt das Gefolge hinter sich treten; ein vergoldeter Sessel steht für ihn bereit; aber er setzt sich nicht eher, als bis er alle Anwesenden mit Kopfnicken begrüßt hat. Der Vorsitzende des rechten Flügels Ohne Frage der spanische Bischof Hosius, der am Hof lebte und dem Kaiser persönlich am nächsten stand. erhebt sich und spricht den Dank der Versammlung aus. Wieder erwartungsvolles Schweigen. Dann redet der Herr sitzend die Versammlung an, aber lateinisch; ein Dolmetscher muß die Worte ins Griechische übersetzen; die Versammlung erhält den Text der Ansprache auch noch schriftlich ausgehändigt. Gleich darauf begann die lebhafte Debatte, in die der Kaiser auch selbst mit eingreift, und da spricht er griechisch. »Laßt endlich den Zank und Hader ruhen,« das war's, was der Gewaltige tausendmal forderte und dazwischenrief Dieselben Mahnungen gegen das Schisma z. B. auch Euseb. hist. eccl. X, 5, 22. , und die Bischöfe gehorchten. Es handelte sich zunächst nur um die Festlegung des Osterfestes; das Fest sollte nicht mit dem Passahfest der Juden zusammenfallen, sondern auf einen Sonntag, den Tag des Helios. Die Majorität hat es damals für immer so gelegt, wie es heute liegt. Dies erinnert uns auch an das Weihnachtsfest, für das gleichfalls erst damals und unter der Regierung Constantins der 25. Dezember ausersehen worden ist; der 25. Dezember war wiederum der Geburtstag des Helios Vgl. H. Usener, Das Weihnachtsfest, Bonn 1889, und Ad. Bauer, Vom Griechentum zum Christentum, S. 135. . Mitten in die Beratungen hinein aber fiel ein anderer Festtag, das Regierungsjubiläum Constantins. Da lud er die eifrigen Kleriker sämtlich zu einer fürstlichen Schmauserei, wobei auch die Weine flossen. Kein Bischof lehnte ab. Die Einigkeit war hier die größte. Draußen vor dem Palasttor stand des 201 Kaisers grimmige Schloßwache mit bloßem Degen aufpostiert; die frommen Gäste schritten furchtlos durch ihre Reihen, und einige Bischöfe lagen nun mit dem Kaiser zusammen auf demselben Speiselager; alle übrigen wurden an den Seiten auf besondere Rundsophas verteilt. »Christi Reich schien da verwirklicht,« ruft Eusebius selig dabei aus: eine Freude, in der sich zugleich höchstes Wohlbehagen ausspricht. Wie sollte es anders sein? Man fühlte sich unendlich geschmeichelt. Auch Athanasius , ja vielleicht auch Arius war bei diesem Zechgelage zugegen, und damit sind die beiden Kämpfer genannt, die dem Kaiser besonders lästig waren und deren unheilvoller Dogmenstreit damals die ganze Welt erfüllte. Sie haben sich wenigstens an diesem Abend beim Becher Wein vertragen müssen. Das tiefgreifendste Schisma, das die Kirche je auseinanderriß, hat Constantin mit erleben müssen. Hier Arianer, dort Athanasianer! Es betraf die Natur Christi. Was lag ihm selbst daran, ob man so oder so entschied? Er wollte den Streit kurzerhand aus der Welt schaffen. Daher das Konzil. Aber es gelang ihm nicht. Der Streit sollte drei Jahrhunderte dauern und ganzen Völkern den Untergang bringen. Es ging um das Wort » homoûsios «. Constantin erzwang zwar in Nicäa eine Einigung im Sinne des Athanasius (die vier, die dagegen stimmten, ließ er absetzen und verbannen), und so ist damals unter seinem Druck das Nicäische Glaubensbekenntnis, das »Symbolum«, die Grundlage der Orthodoxie bis heute, zustande gekommen. Aber er merkte bald, daß allzu viele Bischöfe und Laien sich durch das Credo nicht gebunden fühlten, und seine Politik ging dahin, nun doch auch auf die Arianer zu hören. Die Stadt Alexandrien war der Sitz, der Quellpunkt aller dogmatischen Spekulation. Arius, der dort als Gemeindeältester oder Presbyter lebte, stellte die Lehre auf, die dem Laienverstand die einleuchtendste war: Christus war Gottes Sohn, er war aber nur als Mensch, nicht als Gott in die Erdenwelt 202 getreten und als Mensch somit nur gottähnlich; nur Gott selbst ist unerzeugt; Christus ist nicht mehr als Gottes vornehmste Schöpfung. Daraufhin wird Arius durch Gemeindebeschluß aus Ägypten verbannt und ausgestoßen; aber viele, vor allem die Bischöfe von Nikomedien und Nicäa erklärten sich für ihn. Schon des Kaisers Licinius Gattin Constantia lieh dieser Lehre ihr Ohr; sie stand im nahen Verkehr mit dem arianisch gesinnten Bischof von Nikomedien, und Arius verstand es, sein Dogma auch unters Volk zu bringen; er faßte es in Versen ab, die als Marschlied der Soldaten oder als Müllerlied in den Mühlen glatt abgesungen werden konnten Philostorgios II, 2. . Da war es Athanasius gewesen, der in Wort und Schrift gegen Arius auftrat. Er ist der Mann, der nicht weicht und nicht wankt, der geborene Hierarch. Schon als kleiner Bube spielte er Gottesdienst mit seinen Kameraden und machte da feierlich den Priester nach Sokrates I, 15; Sozomeros II, 17. . Jetzt bewährte er sich als die Säule der Kirche und Vater der Rechtgläubigkeit. Nach ihm war Christus Gott und ist Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit. Einen Gott, der sich bloß deus nennt, den lehrten ja auch die Juden, auch die Philosophie der Griechen und Römer. Das Christentum ist mehr als sie, weil es den Gott Christus hat. Also darf Christus nicht nur gottähnlich sein. Des Arius Lehre schmeckte zu sehr nach Heidentum; denn auch Herkules war ja Gottessohn, und auch er war als Mensch in die Welt getreten und als solcher gottgleich geworden. Dasselbe galt auch vom Aesculapius. Athanasius streckte darum das Johannes-Evangelium hoch. Siehe da stand es: »Im Anfang war der Logos oder der denkende Geist So übersetze ich Logos, nicht »im Anfang war das Wort«. Auf alle Fälle muß hier ein Maskulin stehen; denn es ist der Erzeuger gemeint, der männlich gedacht ist. So ist Logos ja selbst ein Maskulin, und dies Wort, das bekanntlich in vielen Bedeutungen schillert, ist je nach dem Zusammenhang zu übersetzen. , und derselbige ward Fleisch und wohnete unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit.« Also war Christus von Anfang; er war mit Gott dasselbe. Man nannte das griechisch homoûsios . Gott spaltete sich, um auf Erden zu wandeln, wunderbarlich in zwei Personen. Nur der Schleier des Menschentums hing über dem Gott in Christo. Das klang wundervoll mystisch und für die Vielen rätselhaft wie ein Zauberspiel, aber um so erhabener klang es, und dem Glauben wachsen 203 erst Schwingen, wenn alles Begreifen unter ihm versinkt und der Verstand geblendet vor dem Überirdischen die Augen schließt. Athanasius hatte zunächst gesiegt; er wird sogar Bischof von Alexandrien (i. J. 328). Constantin fordert von ihm, daß er nun auch den Arius dort wieder zulasse. Athanasius aber verweigert das schroff, und die Opposition gegen die Majestät beginnt. Da lernte Constantin, daß Geistliche nicht wie andere Menschenkinder sind, daß sie mit Handschuhen angefaßt sein wollen. Nachgeben und wieder nachgeben! Schon wird Athanasius von seinen Gegnern beim Kaiser verklagt. Der Kaiser befiehlt die Sache zu untersuchen auf einem Konzil zu Tyrus (i. J. 335). Das Konzil aber besteht vornehmlich aus Arianern, und Athanasius wird dort von ihnen aus der Kirche ausgestoßen. Dem Kaiser geht das zu weit; er ist immer neutral gesinnt und zitiert die Bischöfe aus Tyrus zu sich. Erneute Opposition. Sie kommen nicht; nur ein paar Stellvertreter schicken sie nach Constantinopel. Wieder sieht sich Constantin gezwungen nachzugeben und verbannt den Athanasius jetzt wirklich nach Trier Darin lag keine Härte; in Trier lebte es sich gut. Warum aber Trier? Athanasius verstand kein Latein, und in Trier verstand man kein Griechisch. Der Verbannte konnte da nicht Propaganda machen. . Er ist sogar gewillt, den Arius, der in Constantinopel zugegen ist, nunmehr zum Bischof Alexandriens zu erheben. Da stirbt Arius (i. J. 336), ein höchst auffallendes Ereignis. Auf der Gasse befiel den Mann ein plötzliches Unwohlsein; er begab sich in eine öffentliche Latrine; da ereilte der Tod ihn. War das Zufall? oder hatte er gar Gift bekommen? Die Sache war für den Kaiser vorläufig erledigt und auch ziemlich gleichgültig. Es war noch die Zeit des ersten Werbens des Kaisertums um die Kirche, gleichsam die Zeit des gemeinsamen Brautstandes. Constantin konnte aber damals schon merken, daß die Ehe Schwierigkeiten haben würde. Um mehr als 30 Jahre hat Athanasius den Kaiser überlebt. Auch hernach ist er in Streit und Widerstreit von Land zu Land hin- und hergeworfen worden. Er wurde noch ein zweites Mal von den Arianern und zwar mit Waffengewalt aus 204 Alexandria vertrieben und floh dann zu Papst Julius nach Rom. In Rom gab es im Jahre 341 ein Konzil, wo dieser Papst sich voll für ihn einsetzte. Ein Märtyrertum blieb ihm erspart; er wäre für seinen Lehrsatz auch in den Tod gegangen. Constantin selbst liebte es, wenn er Zeit hatte, unter seinem Hofpersonal sich hinzustellen und über Monotheismus und andere dogmatische Dinge zu dozieren. Natürlich sprach dann immer nur er; niemand wird gewagt haben, ein Wort dazwischen zu werfen Die erhaltene Rede Constantins dogmatischen Inhalts ist echt; sie liegt in griechischer Sprache vor, war aber ursprünglich lateinisch; vgl. Pfäffisch in den Straßburger theol. Studien IX, 4 (1908); derselbe: »Die vierte Ekloge Vergils' in der Rede Konstantins«, München, 1913; Kurfeß in der Mnemosyne 40 (1912) S. 277 f. Doch kann kein Zweifel darüber bestehen, daß der Kaiser sich die lateinische Rede von einem seiner Hoftheologen ausarbeiten ließ; denn die in ihr enthaltenen literarischen Zitate konnte er sich schwerlich selbst beschaffen. . Aber all die theologischen Überzeugungen änderten ihn selber nicht. Er blieb, der er war; ja, seine Natur verwandelte sich merklich ins Unliebenswürdige. Die Begeisterung, die sein heldenhaft großes Wesen anfangs gewiß bei vielen erweckte, schwand sichtlich; denn er war, wie wir hören, im Gespräch nicht leutselig, sondern zu höhnischen, spöttischen Äußerungen aufgelegt irrisor potius quam blandus : Epitome 41, 16. . Einen Literaten, der da die Meinung vortrug, es stehe einem Herrscher nicht an zu spotten, ließ er töten Es handelt sich um Sopater, den Schüler des Jamblich, der erst Günstling Constantins war, dann aber von ihm hingerichtet wurde (etwa im Jahre 337); in dem Fürstenspiegel, den er schrieb, stand die erwähnte Bemerkung, daß ein Herrscher nicht spotten und nicht schmähen soll (vgl. F. Wilhelm, Rhein. Mus. 72, S. 393 ff.). So wie Constantin dies übel aufnahm, so kann dagegen hernach Kaiser Julian durch Sopaters Schrift günstig beeinflußt worden sein. . Der herrische Geist in ihm war gewachsen mit den Erfolgen; sein Charakter vergletscherte wie die Berge, die zu hoch ragen Anders urteilt natürlich Eusebius: er gesteht V. C. IV, 31 zu, daß unter Constantins Regierung viel Unrechtes und Arges geschah; aber dies wird auf die Milde seines Wesens zurückgeführt; er sei zu milde gegen die Beamten, die das vollführten, gewesen. . Wir dürfen sagen: mögen Dogmen noch so wahr, noch so heilig sein, sie verwandeln leider nicht schlecht in gut; sie stürzen das Herz nicht um, sie greifen nicht an die Wurzeln des Wesens derer, die an sie glauben. Das Kirchentum hat damals weder die Moral der Fürsten noch die der Völker gebessert. Der Fortgang unserer Erzählung selbst wird uns darüber belehren. Ja, mit den christlichen Völkern steht es auch heute nicht besser, nach so vielen Jahrhunderten biblischer Lehre. Wir haben es in diesen Jahren des Weltkrieges und seiner Folgen mit Schrecken und Verzagen gesehen. Alle jene Konzilien und was sie mit sich brachten, schienen auf alle Fälle den Christen wichtiger als dem Constantin. Er selbst hatte sonst genug zu sorgen: Justiz, Verwaltung, Personenfragen und kein Ende. Es fehlte z. B. an Architekten. Im Jahre 334 verordnet er, daß man junge Leute in Massen zum Architektenberuf anlocken soll; festes Gehalt wird ihnen 205 verheißen Cod. Theodos. XIII, 4, 1. . Schließlich suchte er die Hilfe seiner Söhne und Neffen, um sich zu entlasten (i. J. 335). Er kehrte damit zum Prinzip Diocletians zurück Wenn Constantin schon in früheren Jahren seine unmündigen Söhne gelegentlich zu Cäsaren machte, so war das nur eine Art Mummenschanz, und es geschah nicht im Dienst und zum Nutzen des Reichs, sondern nur um die Söhne zu heben und den Fortbestand der Dynastie durch Zuerkennung der Cäsarenwürde vorzubereiten. Jetzt waren die Söhne erwachsen, und die Reichsteilung die so, wie er sie jetzt herstellte, auch nach seinem Tod bestehen blieb, ist ernst zu nehmen. , indem er das Reich aufs neue zerlegte. Er allein behielt sich den Titel Augustus vor und spannte seine drei nun erwachsenen Söhne als Cäsaren wie die Rosse vor seinen Siegeswagen Dies Gleichnis braucht Eusebius in der Laus Constantini c. 3, 4; doch stimmt die Angabe nicht genau, wenn er sagt, der altgewordene Kaiser sei mit seinen drei Söhnen eine ζεύγλη βασιλικοῖ τεϑρίππου und habe noch einen Vorspann von vier Cäsaren οἷά τινας πώλους . , ebenso als vierten Cäsar seinen Neffen Dalmatius; Constantin der jüngere vertrat nun also den müde gewordenen Kaiser in Trier; Constans in Italien und Afrika; Dalmatius in den Donaulanden, Constantius endlich im Orient. Ja, da war noch ein anderer Neffe Hannibalianus; der wurde als Vizekönig in das Land Pontus gesetzt. Im selben Jahr feierte Constantin noch das Jubelfest seiner 30jährigen Regierung, indes schon in Persien König Sapor mächtig rüstete. Es drohte ein schwerer Kriegssturm vom Tigris her. Da erkrankte der Kaiser um Ostern des Jahres 337 in der Stadt Nikomedien und starb dortselbst gleich in den Pfingsttagen, am 22. Mai. Er starb 63 Jahre alt. Kurz vorher hatte er die Taufe genommen – am liebsten hätte er die Handlung nach Christi Vorbild im Jordan vollziehen lassen Euseb. V. C. IV, 62; dies beruht wohl darauf, daß er gern Christo gleichen, als der zweite Erlöser und Heiland der Menschheit gelten wollte; so erscheint Constantin als der σωτήρ bei Eusebius oben ( S. 187 ) Anm. "Constantin selbst wird σωτήρ ...". – und hatte sein Testament in die Hände eines arianischen Priesters gelegt Sokrates I, 39; Sozomenos II, 34. . Er war also arianisch getauft worden. Warum so spät? Auch viele andere verschoben damals den Akt nach Möglichkeit; als Laie wäre er eben wie jeder Getaufte der Priesterfürsorge unterstellt gewesen; das wollte er nicht. Im Tode konnte ihn kein Priester mehr zu bevormunden suchen; ja, kein Priester konnte ihn mehr nach seinen Sünden fragen. Ihm selbst haben die Sünden keine Sorgen gemacht. Er gedachte so, wie er war, in den Himmel, an den er glaubte, einzugehen. Einsam ist er gestorben. Keiner seiner Söhne war am Sterbebett. Erst zur Beisetzung, die in der Apostelkirche der Hauptstadt geschah, eilte sein Sohn Constantius herbei; aber umsonst; er durfte ihr nicht beiwohnen; die Religion verwehrte es; denn kein Ungetaufter durfte den Fuß in christliche Kirchen setzen, und der Sohn Constantius war noch ungetauft. Der große 206 Gestorbene aber wurde trotz allem und allem selbst zum Gott erhoben, nach altheidnischem Brauch; als Gott hat ihn noch zwanzig Jahre später das Heer verehrt, und seine Söhne prägten Münzen, die uns den Gott gewordenen Constantin zeigen, der auf einem Viergespann gen Himmel fährt Vgl. Julian Panegyr. Constant. I, 7 (vom Jahre 355); ja, der Sohn Constantius selbst verehrte den Vater als ἀγαϑὸν ἥρωα , ebenda; vgl. noch Duruy VII, S. 163. . Auch sein frommer Biograph Eusebius versichert uns, daß er unmittelbar zu Gott einging Euseb. V. C. IV, 64. , und an ein Fegefeuer wird nicht gedacht. Für diesen Verehrer war Constantin der lautere Gottesheld, der im Harnisch der Frömmigkeit ficht Euseb. V. C. II, 16. , der betet und fastet und gar Theophanien, Visionen hat Euseb. V. C. II, 14; IV, 22; I, 47. . In der Tat hat Constantin sich selbst in betender Stellung in seinem Palast an die Wand malen lassen Euseb. V. C. IV, 15. , hat auch eine Serie von Goldmünzen prägen lassen, die uns seinen bediademten Kopf zeigen, der die Augen wie andächtig zum Himmel aufschlägt Vgl. Baumeister, Denkmäler, S. 400, Nr. 439. . Es ist kein angenehmes Bild. Wir wissen, was wir davon zu halten haben. Was war die Summe seines Lebens? Er hatte sein Heldentum verbraucht, in Kriegen unsägliches Bürgerblut vergossen, mit Missetat seinen Namen befleckt, um die Herrschaft eines Einzigen wiederherzustellen, die Welt unter seinen Willen zu zwingen; er hinterließ das Reich so geteilt, wie er es vorgefunden, er hinterließ es obendarein in den untauglichsten Händen, in den Händen seiner drei üblen Söhne, die, kaum hatte er die Augen geschlossen, gehässig und tückisch übereinander herfielen. Das Leben des Septimius Severus wiederholt sich tatsächlich in dem seinen. Er hatte ferner den Sieg der christlichen Kirche im Reich angebahnt; glaubte er damit den Zusammenhalt des Reichs zu sichern? Die Germanen sollten diesen Glauben nur zu bald widerlegen. Sein Lobredner Eusebius beteuert, die Monarchie Christi bringe in die Welt den ewigen Frieden, und alle Kriege würden nun aufhören Eusebius, Laus Const. c. 16. . Es war ein Wahn. Alle Geschlechter der Menschheit bis heute haben geblutet unter dem Christentum. So war das Leben und Wirken Constantins, politisch betrachtet, ein Fehlschlag. Kulturgeschichtlich ist es von unendlicher 207 Bedeutung gewesen. Denn dasselbe Christentum, das die Völker der Erde weder zum Frieden noch zur Zügelung der wilden Masseninstinkte, d. h. zur reineren Gesittung hat erziehen können, hat trotzdem unendlichen Segen gebracht. Seine überweltliche Mission war und ist, dem Einzelmenschen, der mit seinem Gott allein ist, Trost und Stärke zu bringen in äußerer Not und Drangsal und im Erbangen der schuldbewußten Seele, und die Gemeinde der so Getrösteten wächst von Jahrtausend zu Jahrtausend. Das Christentum ist keine politische Größe, oder es hört auf, Christentum im Sinne Christi zu sein. 208     Julian Es folgt ein neues Charakterbild, und auch das Weltbild schiebt sich vorwärts. Wie soll ich fortfahren, um den rechten Namen zu finden? Lassen wir uns ein Märchen erzählen, ein Göttermärchen. Es lautet also: Ein reicher Mann hatte viele Rinder und Ziegenherden und viele tausend Rosse auf seinen Weideplätzen. Sklaven und Freie dienten ihm, die die Herden hüten mußten. Fast den ganzen Reichtum hatte er sich selbst erworben, rechtlich und auch unrechtlich. Um die Götter aber kümmerte er sich wenig. Viele Frauen, Söhne und Töchter hatte er; denen vermachte er seine Güter im Sterben; aber er hatte sie nicht belehrt, sie richtig zu verwalten. Auch er selbst hatte nur mit halber Sachkenntnis geschaltet. Jeder von den Söhnen wollte nun aber gleich alles haben, und sie wandten sich gegeneinander. Dazu drängten auch die anderen Verwandten heran, alle gleich unverständig und unbelehrt, und das Morden begann unter ihnen, und alles war voll Greuel. Auch mit den alten Familienheiligtümern ging es nicht besser: sie wurden niedergerissen. Als Gott Zeus in der Höhe das sah, wie alles in Verwirrung und mit Schande befleckt war, fühlte er Mitleid und sprach zu Helios: »Gedenkst du, mein Sohn, noch jenes Verwegenen, der dich zu ehren aufgehört hat und an diesem Elend seiner Familie schuld ist?« Helios aber rief gleich die Moiren herbei, und auch die zwei Töchter des Zeus, die da heißen Heiligkeit und Recht, kamen gewandelt. Die erhoben ihre Stimme und sprachen: »Du, Zeus, bist der Herr; so mach, daß die Entheiligung des Heiligen auf Erden endlich aufhöre.« Die Moiren, die dunklen Schicksalsschwestern, saßen stille und hörten und spannen, was der Vater Zeus befehlen würde. Zeus aber sprach zu Helios: »Gib acht. Da lebt noch ein einziges Kind, das verwandt ist mit jenen Argen, vernachlässigt und beiseite geschoben. Schwöre du bei deinem Zepter, dich des Knaben anzunehmen. Nähre, erziehe ihn. Seine Seele ist voll Qualm und Ruß, und das Feuer, das du in ihr entzündet hattest, könnte leicht verlöschen.« 211 Der König Helios suchte und fand das Kindchen und sah mit Freuden noch einen Funken reinen Lichtes, der in ihm glühte, und er erzog ihn, und auch Athene kam und half ihn erziehen, bis daß das Kind Jüngling wurde und der erste Flaum sich um seine Wangen zeigte. Der Jüngling aber, da er um sich schaute, erschrak über all das Unheil in seiner Verwandtschaft bis ins tiefste Herz und hätte sich in seiner Verzagtheit hinabgestürzt in den Tartarus, hätte nicht Helios einen Schlaf über ihn geworfen. Dann floh er in die Wüste; da trat Gott Hermes zu ihm und sprach: »Vertraue mir. Ich will dich führen.« Der Jüngling wappnete sich mit Schwert und Schild, doch ohne Helm, und Hermes führte ihn in ein Blumenparadies, wo zwischen Lorbeer und Myrten auch goldene Äpfel prangten: ein Götterhain. »Hier bete,« sprach Hermes; »sei klug und bitte um das, was dir das Beste ist.« Was ist das Beste? Da flehte der Jüngling: »Droben ist es seliger als hier; o Vater Zeus, so zeige mir den Weg hinan zu dir.« Und ihn befiel ein Traum, ein wunderbares Außersichsein, und er sah geblendet Helios selbst und umfaßte seine Knie. »Rette mich,« rief er. Helios hieß huldvoll Athene, die Göttin, sich nahen, daß sie zunächst des Jünglings Wappnung vollende, und sie gab ihm ihr eigenes Gorgoneion und ihren Schlachtenhelm. »So voll gerüstet kehre anjetzt zur Erde zurück!« erscholl der Befehl. Dem Jüngling aber stürzten nur die Tränen: »Laßt mich bei euch bleiben; man würde mich töten!« »Nicht also! Gesichert wirst du leben, wenn du dich einweihen läßt in die rechten heiligen Weihen. Reinigen sollst du dich von jenem unfrommen Gottesdienst und nur zu mir und zu Athene beten und den anderen Göttern.« Der Jüngling hörte es sprachlos. Da hob ihn Helios auf einen hohen Felsen, wo über ihm überschwengliches Licht, unter ihm Dunst und Dämmer und trübes Halblicht. »Siehst du dort unten auf Erden den Mann, dir verwandt, deines Oheims Sohn, ihn, der nun alles geerbt hat? Siehst du auch seine Herden und seine Hirten?« »Ich sehe,« sprach der 212 Jüngling. »Was siehst du?« »Ich sehe, daß der Erbe im Schlaf liegt, süßer Lässigkeit hingegeben, indes seine Hirten voll boshafter und tierischer Gier die Herden schlachten, verspeisen und für ihren eigenen Vorteil verhandeln.« »So will ich dich statt jenes zum Herrn über alles machen.« »Erspare mir das!« flehte der Jüngling auch jetzt wieder in scheuem Widerstreben. Aber Hermes hauchte ihm Mut ins Herz, und »Gehorche,« sprach Helios; »sonst muß ich lernen, dich zu hassen, den ich so sehr geliebt.« »So will ich tun, was ihr Götter gebietet.« »Die Bösen haben den andern, deines Oheims Sohn, in die Gewalt bekommen. Lerne du selbst, o Knabe, wenn du Herrscher bist, den Schmeichler vom wahren Freund zu unterscheiden, und sei wach. Lebe als Freund mit deinen Freunden und glaube nicht, daß sie deine Knechte sind. Liebe deine Untertanen, so wie ich dich liebe. Dann wird dein Werk gelingen. Gehe hin, und alle Götter sind mit dir! Niemand aber verführe dich, jemals von uns abzulassen. Unsterblich ist deine Seele; sie stammt von uns, vergiß es nicht, und wenn du treu bleibst, wirst du einst selbst unter Göttern leben und den höchsten Vater aller Dinge mit Augen schauen.« – Von wem stammt diese Fabel? Von Kaiser Julian . Er erzählt sie Oratio VII, S. 294 ff. (ich zitiere Julians Schriften nach Seiten der Hertleinschen Ausgabe). Den Wortlaut der Fabel Julians habe ich nicht unwesentlich verkürzt. . Es ist der Apostat, der »Abtrünnige«. Er selbst ist der Jüngling. Die Götter sind es, die ihn berufen, die alten Weihen wiederherzustellen, und ihm die Herrschaft verkünden. Vom unfrommen Gottesdienst, dem Christentum, soll er lassen. Des Oheims Sohn, der da in süßer Genußsucht schlummert, ist Julians Vetter, der regierende Kaiser Constantius, der Sohn Constantins des Großen. Und wir hören zum Schluß Julians Gelübde selbst. Mit dem Gelübde, die Untertanen zu lieben, so wie Gott Helios ihn liebt, ist der junge Fürst in die Welt getreten. Sehen wir, wie er es erfüllte, wie er der Berufung der Götter nachkam. Ein hohes religionsgeschichtliches, ein nicht geringes persönliches Interesse knüpft sich an seine Gestalt. Neben der Kolossalfigur Constantins des Großen gibt dieser 213 Julian wohl nur ein Miniaturbild in engem Rahmen; aber aus ihm leuchtet endlich etwas von reinem Sonnenlicht, nach dem wir uns sehnen, während jener Koloß düstere Flammen speit, dem Ätna gleich. Schon die Fabel verrät uns, wie es nach Constantins des Großen Tode, der im Mai des Jahres 337 erfolgte, weiter ging. Zwei Monate lang fehlte zunächst ein Nachfolger, und es erschienen weitere kaiserliche Edikte unter desselben Constantin Namen, als töne seine Stimme noch ruhelos aus dem Porphyrsarge Vgl. Eusebius Vita Const. 4, 67; Sokrates 1, 40; Mommsen zum Codex Theodos. XIII, 4, 2. . Dann herrschten die drei Söhne, und das erste war, daß sie ihre weiteren Mitregenten, die Vettern Dalmatius und Hannibalianus, töten ließen (im Jahre 337). Aber da waren der Verwandten noch mehr, die lästig schienen, unter anderen Julians Vater, ein Stiefbruder Constantins des Großen, mit Namen Julius Constantius . Julian war dieses Mannes Sohn aus zweiter Ehe, der außerdem aus erster Ehe zwei Söhne hatte. Aber auch hier griff nun das Morden ein. Sowohl der Vater Julians Constantius wie der älteste der Söhne wurden gewaltsam beseitigt. Der Sohn Gallus , aus erster Ehe, wurde vorläufig nur deshalb geschont, weil er kränklich war, Julian, weil er erst sechs oder sieben Jahre zählte. Ihre Beseitigung wurde verschoben Von der ganzen zahlreichen Nachkommenschaft des ersten Constantius lebte außerdem nur noch der Enkel Nepotianus, der Sohn der dritten Stiefschwester Constantins des Großen, die Eutropia hieß. Dieser Nepotianus kam erst im Jahre 351 in Rom durch Magnentius ums Leben. . Man denke, mit welchen Gefühlen der Knabe Julian heranwuchs, von Angst und Abscheu hin und her geworfen, verstoßen, vernachlässigt, ganz auf sich gestellt. Die junge Seele trug sich mit Selbstmordgedanken Er wollte sich in den Tartarus stürzen, sagt uns die Fabel. . Aber er gab acht und hörte von dem Hader, der sogleich zwischen seinen drei Vettern, den drei regierenden allerchristlichsten Herren Constantin dem Zweiten , Constantius und Constans entbrannte. Constantin der Zweite war es, der da gegen seinen Bruder Constans losbrach, aber er kam dabei ums Leben (im Jahre 340), und so wurde Constans, der jüngste, zunächst der mächtigste Herr. Man glaubte anfangs, daß er sich gut anließ; bald aber nahm er die üblichen Tyrannenmanieren an, wuchernd mit dem Kredit seines verstorbenen großen Vaters. Da muß Constans fliehen; denn ein Offizier 214 fränkischen Blutes, der wilde Magnentius , erhob sich zum Gegenkaiser. Einen seiner germanischen Hauptleute schickt Magnentius hinter ihm her bis in die Pyrenäen, und Constans wird niedergestochen (im Jahre 350). Nun lebte von den drei Brüdern nur noch Constantius, der im Orient die Krone trug. Wenn er das Gesamtreich beanspruchte, so hatte er jetzt den Magnentius gegen sich; aber nicht nur ihn; denn auch in den Donauländern hatte sich einer der Generäle, Vetranio , zum Kaiser aufgeworfen. Also Kampf. Constantius zagte; da erschien ihm, so heißt es, sein Vater im Traume und machte ihm Mut. Ohne Wunderträume ging es bei Christen und Heiden nicht ab, nach der Art der Träume des Pharao in den Büchern Moses. Vetranio wurde rasch beseitigt; ungleich schwerer war mit Magnentius der Kampf. Um indes seine Dynastie zu sichern, machte Constantius den jungen Gallus, den Stiefbruder Julians, zum Cäsar für den Orient (im Jahre 351); denn er brauchte einen Helfer eigenen Blutes. Dieser Gallus wurde also nicht getötet; der Verwandtenmord hatte scheinbar aufgehört; für Julian die überraschendste Wendung. Es folgte der große Krieg mit Magnentius mit den blutigsten Schlachten, die mit Ausgleichsversuchen abwechselten. Der Krieg spielte sich im Balkan, im Donaugebiet, in den kottischen Alpen ab. Julian konnte nicht anders, als seinem Vetter den vollsten Erfolg wünschen; denn er selbst würde mit diesem Magnentius nie paktiert haben. Auch siegte Constantius endgültig im Jahre 353. Er hatte sich dabei freilich der bedenklichsten Mittel bedient, indem er die freien Germanen vom rechten Rheinufer gegen das römische Reichsland Gallien hetzte, sie mit Gold bestach, damit sie in das Herrschergebiet des Magnentius einfielen. Eine verhängnisvolle Maßregel. Magnentius war tot, und der Sohn Constantins des Großen hatte jetzt das Reich unbestritten allein unter sich. Von der großen Familie lebten außer ihm nur noch Gallus und Julian. In Wirklichkeit aber war nicht er der Herrscher. 215 Constantius war freilich eine rechte Soldatennatur und erst zwanzigjährig, als er das Regiment begann. Julian rühmt ihn uns als ausgezeichneten Reiter und Bogenschützen. Auch verfügte er über einen wuchtigen, protzig großmächtigen Redeton, den er oft geschickt zu gebrauchen wußte. Im übrigen aber war er mangelhaft gebildet und von stumpfer Natur; vor allem kein Menschenkenner, hilflos in allen so unendlich wichtigen Personalfragen; und daher kam es; daß er der Camarilla seiner Hofleute freieste Hand ließ. Mochten sie einsetzen und absetzen, rauben und töten; es war für ihn das Bequemste. Und die immerwährende Angst um den eigenen Thron trieb ihn um. Heimtückisch und kleinlich, verbarg er seine Gefühle unter der Maske götzenhafter Unnahbarkeit. Vor allem beherrschte ihn der garstige Eunuch Eusebius , die Natter, das giftige Reptil; natürlich ein eifriger Christ wie alle anderen. Es folgten die übelsten Zeiten. Es sind die Jahre, in denen der Knabe Julian heranwuchs. Julian war in Konstantinopel geboren, mutmaßlich im Jahre 331 Nach anderen im Jahre 332. Sein Geburtstag war der 6. November. . Er war elternlos, sein Vater hingerichtet, seine Mutter gleich nach seiner Geburt gestorben. Diese Mutter stammte aus einer vornehmen Familie des stadtrömischen Adels Ein Bruder der Mutter lebte noch längere Zeit, tritt aber wenig hervor; vgl. Julians Epistel 13. Dieser Onkel starb im Jahre 363. . Des vereinsamten Kindes Erziehung lag zunächst in der Hand eines alten Eunuchen Mardonius, der Christ war und schon Julians Mutter in literarischen Dingen unterwiesen hatte. Der ließ ihn wie jeden Bürgerjungen in die Schule gehen, und wir hören, wie das Prinzlein da schlicht gekleidet auftrat, in den Schulraum nie eintrat, wenn der Lehrer ihn nicht aufrief, vorher ruhig mit der Menge der Buben draußen wartete und mit dem Haufen ging und kam. Auch im Lehrgegenstand wurde er nicht bevorzugt. Mardonius las mit ihm den Homer, ein Bischof das Evangelium. Auf den Straßen mußte er immer sittsam die Augen zu Boden schlagen, und das Theater war ihm so gut wie ganz verschossen. Der biedere Mardonius wollte es so. »Auch Pferdesport und Fechterspiel,« sagte er, »das steht ja schon herrlich genug im Homer zu lesen. 216 Wozu also erst in den Zirkus gehen?« Der Junge hing trotzdem mit Verehrung an dem Lehrer. Gewiß verriet sich seine Begabung früh, und wo Begabung ist, ist Ehrgeiz. Schlagfertigkeit, das Befehlenkönnen Libanius nennt es in seiner Rede auf Julian S. 526 die königliche Anlage. Damit ist eben dies gemeint. gehört zum Wesen Julians; es muß sich schon früh gezeigt haben. Um so mißtrauischer war gegen ihn Kaiser Constantius, und Julian wurde, als er dreizehn Jahre zählte, auf eine ferne Landstelle getan, den Einflüssen der Hauptstadt entzogen. Es war das glänzende Königsschloß Macellum, das, von Parks und Springbrunnen umgeben, im Taurusgebirge im Lande Cappadocien, am Fuße des Bergriesen Argäus lag, der 12 000 Fuß hoch und von ewigem Schnee bedeckt ist. Auch der Bruder Gallus kam mit dorthin, als sein einziger Gefährte. Es war für Julian wie Stauung des Gießbachs, ein Versiechen in der Öde. Er war wie ausgestoßen. Sein Bruder Gallus stand ihm innerlich fern. So lernte er dort Einsamkeit, Selbstbesinnung, das Grübeln, er lernte in dem ihn umgebenden grandiosen Gebirgsland den Sinn für die Erhabenheit des Weltalls, die Andacht in der Natur. Ihn ergriffen die Wunder des südländischen Himmels, diese Sterne in ihrem Prangen und Glitzern wie Diamanten, millionenfach, und die Lichtfülle des strahlenden Sonnenballs, der die Erde mit flüssigem Gold überflutet, jenes ewig wandelnden Helios, vor dem die Hochgebirge zu knieen schienen. Kein Freund durfte die beiden Prinzen dort aufsuchen. Die Lehrmeister (auch jetzt wieder Kastraten) erzogen die beiden streng in der Christenlehre mit Fasten und Beten, Almosengeben und Heiligenverehrung. Auch im Kreuzschlagen mußten Julians Finger sich üben. Er hatte ohne Frage die Taufe empfangen; aber schon damals begann der Konflikt in ihm: Christentum und altes Hellenentum! Da kam die unerwartete Wendung: Gallus wurde zum Cäsar erhoben und ging als solcher nach Syrien, Antiochien ab. Zugleich durfte jetzt (im Jahre 351) auch Julian sich auf Reisen begeben, für ein paar Jahre ein freier Mensch, und er suchte nun als zwanzigjähriger Student in Städten wie Ephesus und 217 Nikomedien lernhungrig die Großmeister der Philosophie, Chrysanthius, Maximus und andere Schüler des damals vergötterten Jamblichus , auf Durch den Commentar, den Jamblichus zu Plato's Alkibiades geschrieben, wurde Julian besonders beeinflußt; s. Asmus in d. Sitz. Ber. der Heidelberger Akad. 1917, 3 Abhdl. S. 5. . Es war nicht eigentlich Philosophie, es war eine neue Götterlehre und heidnische Dogmatik, was er da fand. Jene Männer hofften, die Götter damit vor Christus zu retten. Vor allem wurde Maximus , ein Greis aus vornehmem Hause, ehrwürdig und hochgewachsen und von packender Suada, sein nächster Berater und Seelsorger. Der Neuplatonismus nahm ihn gefangen. Es ist zum Verständnis nötig, bei dieser tief- oder hochgreifenden Lehre kurz zu verweilen. Die Lehre griff in alle Himmel. Der Trieb stand nicht nach Vielgötterei, der Trieb stand nach dem einen Höchsten, dem Quell alles Guten. Ein Gottvater als Weltschöpfer, wie ihn Plato lehrte, genügte nicht; denn solches Weltschaffen erfordert Tätigkeit und Mühsal; der erhabenste Urgrund alles Daseins aber kann nur von Ewigkeit zu Ewigkeit in sich ruhen. Er ist das nur geahnte »Eine und Erste«, das Grundgute oder Übergute So wie wir vom Übermenschen reden, so redet man damals vom 1Überschönen und Überguten, ὑπέρκαλον und ὑπεράγαϑον , vgl. Plotin VII, 9, 6; und zwar ebenso auch die Kirchenväter. . Mit ihm aber sucht die Menschenseele sich zu vereinen, es fühlen zu lernen, und dazu genügt kein Denken und kein Grübeln; ein Rausch erfaßt das Herz, eine Ekstase, die alles Denken aufhebt, wenn wir das Ich in den Urgrund alles Seins versenken. Begnadet, wer diesen Zustand erlebt! Es ist die Sehnsucht der Einzelseele aus der Sinnlichkeit heraus nach dem unergründlichen Höchsten. Alle Kreatur teilt diese Sehnsucht. Wie aber entstand aus dem Einen und Grundguten die Welt? Einzelne göttliche Wesen von unendlicher Reinheit müssen sich vor Äonen aus ihm losgelöst haben, und diese reinen Götter oder göttlichen Geister senkten sich aus ihm wie auf einer unendlichen Himmelsleiter von Licht in Abstufung zur Sinnenwelt, die wir greifen können, nieder. Die Unvollkommenheit des Menschen ist unbegreiflich, wenn es nicht solche Götter gibt, die die Mittler sind und zwischen dem Urquell und uns eine Mittelstufe bilden. So tritt wunderbar aus dem »Einen« zunächst der Weltintellekt (oder Nûs ) hervor, der Gott ist und in sich die Ideen aller zu schaffenden Dinge trägt; es tritt weiter hervor die göttliche Weltseele, die die Myriaden Einzelseelen ausströmt und so das Jenseitige mit dem Diesseitigen verbindet. Denn eigentümlich jeder Seele ist, daß sie in die Materie dringt; sie kleidet sich in sie, das heißt in die Sinnlichkeit; denn die Materie ist das Sinnliche, und sie ist das Übel. Durch sie kommt das Übel in die Welt. So baut sich in überschwänglicher Phantastik eine überirdische Geisterwelt, eine Götterwelt auf, zahllos und gestaltlos wie die vielen tausend Engel und Erzengel, an die die Juden und Christen glaubten. Zu dieser Götterwelt gehören auch die Götter der Volksreligion. Es gilt nur, die alten Fabeln, die von ihnen erzählen, wegzuwerfen; sie beruhen auf Mißverstand. Weltintellekt, das ist Zeus. Die göttlich reine Weltseele, das ist Aphrodite. Gott Amor – Eros – ist nicht Schutzpatron leichtfertiger Liebeleien, er ist der Liebestrieb, der uns auf Schwingen zu Gott führt. Viele der Götter wandeln auch sichtbar über den Himmel, und die Sterne sind ihr Astralleib. Den Reigen der Planetengötter aber führt der König Helios, dessen himmlischer Körper nichts als leuchtender Äther ist. Sie alle sind gut und rein und Helfer der Menschen; sie sind Ausstrahlungen, Hypostasen der immanenten Eigenschaften des ersten Einen, des Grundguten. Der Mensch aber soll nun trachten, ihnen gleich zu werden, und dazu muß er sich möglichst entsinnlichen; gleichwohl aber soll sich der Mensch doch offenen Sinnes an dieser Erdenwelt freuen. Denn Schönheit ist tausendfach über die Materie ergossen, und alle Schönheit ist ein Wunder und göttlicher Art. Wer das Schöne liebt, in dem wachsen schon die Erosflügel zum Aufschwung ins Übersinnliche. So behalten nach dieser Lehre denn auch die Götterbilder in den Tempeln ihren Wert; denn sie versuchen das Edle, das überirdisch ist, deutlich vor das Auge zu stellen, und die Idee des Gottes haftet an ihnen. Ja, auch das Opfer kommt wieder zu Ehren, nur gilt es nicht mehr als Speisung des Gottes, sondern als Hingabe und Versuch der 219 Huldigung; es ist das Aufopfern eines Wertes dem Gott zu Ehren Julian selbst sagt S. 377: »Halte die Statuen nicht für Götter; sie sind nur Symbole ihrer Allgegenwart. Der Gott bedarf nichts; es ist nur unsere Verehrung, die sich im Spenden zeigt. Du verehrst das Porträt deiner Eltern; warum nicht auch das Bild Gottes?« usf. . Die ganze Lehre ist also scheinbar eine bloße Überbietung des herkömmlichen Polytheismus, ein Chiliotheismus, und doch aufgebaut auf deutlichem monotheistischem Grundgedanken. Schließlich wird Helios allein der verehrungswürdige sichtbare königliche Gott, der für uns der Mittler ist mit dem einen Urgrund alles Guten. Gottesdienstlich stellt er sich dar im Mithrasdienst Vgl. G. Mau, Die Religionsphilosophie Kaiser Julians (1908), S. 80, 88 und sonst. . Plotin , der Ägypter, hatte dereinst, vor noch nicht hundert Jahren, diese neue Lehre erdacht, und an Plotins Person haftete grenzenlose Verehrung, dem keuschen Manne, von dem man glaubte, ein wirklicher Gott sei in ihm Es kann von ihm gelten, was Goethe von Klopstock sagt: »Er erwarb sich das völlige Recht, sich als eine geheiligte Person anzusehen.« . Als er starb Im Jahre 270 in Campanien; er wirkte in Rom. , schlüpfte eine Schlange unter seinem Sterbelager hervor und verschwand in der Mauerritze. Die Schlange war der Gott in ihm. Plotin schämte sich seines Leibes, ließ sich nicht porträtieren, weil jedes Abbild doch nur den verächtlichen Körper zeigt, und bei seiner letzten Krankheit lehnte er jede ärztliche Hilfe ab; man wollte ihm ein Klystier geben, aber das verletzte sein Schamgefühl. So hegte Plotin denn auch, wie jene ganze Zeit, ob Heiden, ob Christen, den Glauben an das Wunder. Ich denke an den Dämonenglauben. Plotins Schüler, von denen ich Jamblichus besonders nenne, bildeten seine Lehre weiter, und bei ihnen wächst der Sinn für die vierte Dimension. Schon Christus treibt im Evangelium böse Dämonen aus, die dann in die Säue fahren. Jetzt wird gelehrt, daß es böse, aber auch gute Dämonen gibt, die an Macht zwischen Göttern und Menschen in der Mitte stehen und imstande sind, uns zu erscheinen, wenn wir sie zu rufen wissen. Das Magische setzt ein, der Spiritismus. Man beschwört die Geister, wie Faust es tut. Auch die christlichen Heiligen und Eremiten tun dasselbe Wunder. Das Wunder ist alles Glaubens liebstes Kind. Jener Maximus selbst, an den der junge Julian sein Herz hängte, hatte einmal 220 bewirkt, daß das Hekatebild im Tempel zu lächeln begann und die Lampen in ihren Händen sich von selbst entzündeten. Julian, der einsam Gelassene, hatte sonst keinen Freund, keinen väterlichen Berater. Wir begreifen, daß es ihn zu diesen Männern drängte, da die christliche Sippschaft, die er zu beobachten begonnen hatte, ihm in ihrer Unmoral Abscheu einflößte. Jetzt schien ihm alles tieferen Sinn zu haben, und das Leben hatte einen Zweck, die Tugend hatte ihre Hilfe von oben. Auch an das Wunder glaubte er gern, sofern er es nicht selbst verrichten sollte. So meinte er, Herakles habe dereinst wunderbar auf dem Meer wandeln können ohne Erdenschwere, so wie es Jesus tat; denn die Elemente müssen der Gottheit gehorchen. Aber er wahrte trotzdem seine Eigenart. Wir nehmen wahr, daß er persönlich von aller Magie sich völlig fernhielt. Sein Wirklichkeitssinn war denn doch zu groß. Er war ein Mann des ehrlichen Kampfes und nicht des Zaubers. Nur einmal erzählt er uns einen rätselhaften Traum, aus dem er seine Zukunft deutet Julian S. 496. . Das Wichtigste war aber bei all jenen Männern nicht der Glaube, sondern die Sittlichkeit, das Verhältnis des Einzelmenschen zum Guten, und das war es eigentlich, was den Julian zog. Das Leben am Hof, in der Kaiserfamilie, erwies sich als ruchlos; fast alle ihre Glieder mit Greuel befleckt; auch die Bischöfe der Kirche gewissenlos habgierig; die kläglichste Mißernte der christlichen Ethik. Die Schüler Plotins zeigten sich anders. Des Menschen Wille (lehrten sie) ist frei, und jeder ist für sein Tun verantwortlich; drei Tugenden aber des Menschen gibt es, und alle drei soll er üben: die niedrigste ist die volle Erfüllung der Bürgerpflichten; höher steht die Selbsterziehung durch Abstinenz und Überwindung alles niederen Begehrens, am höchsten die religiöse Pflicht, durch Denken und über alles Denken hinaus sich in das höchste Göttliche zu versenken »So wie der Bildhauer nur einen Teil des Marmors wegzumeißeln braucht, damit das Götterbild aus ihm klar hervortrete, so entfernt auch der Mensch, der an sich selbst arbeitet, von sich alles überflüssig Materielle und Irdische, um gottähnlich zu werden« (nach Ed. Zeller). . In der Tat sind jene Männer dem Julian ein Muster der Lauterkeit gewesen, und so stellt sich der Neuplatonismus jetzt gegen das Christentum in Kampfstellung. Die Defensive 221 wird zur Offensive. Der heidnische Götterhimmel überflügelt den Himmel Christi. Ihr habt Wunder? Wir haben sie auch. Ihr habt Tugend? Wir haben sie auch. Laßt sehen, wo die bessere Tugend ist. Wir sind die Erben des Griechentums, ihr seid die Erben der Juden. Daher lautet der Gegensatz jetzt in Julians Munde: hier Hellenen, dort Galiläer! Christus selbst wird nur noch der Galiläer genannt. Julian trug damals das Haupt geschoren und lebte wie ein Mönch. Das paßte zum Neuplatoniker so gut wie zum Christen. Wie es aber in Wirklichkeit in ihm aussah, verrät uns ein Zeitgenosse, der ihn in Athen täglich sah und später so geschildert hat: er fiel auf durch sein erregtes Wesen, den unruhigen Gang; er zuckte viel mit den Achseln; die Augen waren weit aufgerissen und schienen zu rollen; die Nüstern weit gespannt. Dann sah man ihn wiederum oft wie verträumt und schwankenden Schrittes über die Straße gehen; plötzlich machte er einen Witz, lachte rauh auf und stellte irgendwelche zusammenhanglose Frage. Diese Schilderung eines christlichen Kommilitonen ist gehässig gemeint und doch äußerst wertvoll; denn sie zeigt, wie es damals mit Julian stand. Der Tatenmensch, der zukünftige Staatsmann und Kriegsmann regte sich natürlich früh in ihm; er paßte nicht dazu, mit Phlegma den Philosophenmantel zu tragen und die Schultern ruhig zu halten, wie die Pedanten es vorschrieben Quintilian schreibt dies vor. ; und wenn er wie ein Träumer schien und sprunghaft Abgerissenes redete, so grübelte er über seine Zukunft. Er lebte in ständiger Erregung. Seine Gedanken jagten hinaus über die Gegenwart, und er mußte sie doch verheimlichen. »Wer nicht stets das Mögliche und das Unmögliche vorausberechnet, ist ein Tor,« so sagt er selber Siehe Suidas s. v. ἀπόνοια . Das ist bezeichnend. Auch trieb er schon damals heimliche Studien über Staatslehre Daher die vielen Zitate bei ihm aus Platos Staat und Gesetzen und Aristoteles' Politik. Übrigens wird Julian auch Sopaters Fürstenspiegel gelesen haben; s. oben S. 204 , Anm. "Es handelt sich um Sopeter...". , vielleicht auch schon über Strategie Nur so wird seine Beherrschung aller strategischen Kunstgriffe, wie er sie hernach zeigte, verständlich. . Gewiß hat er für seine philosophischen Lehrer geschwärmt wie jeder lebhafte Mensch von geistig überwältigenden Männern des Wortes, zumal wenn es um die höchsten Dinge geht, sich 222 hinreißen läßt. Aber es war doch nur seine zweite Natur. In Julian, dem Studenten der heidnischen Theologie, maskierte sich der künftige Germanenbesieger. Hätte sein allmächtiger Vetter Constantius geahnt, daß ein Mensch der Tatkraft in ihm steckte, er wäre gleich erdrosselt worden. So vergingen fünf Jahre (von 350–354). Zeitweilig war er krank, trat aber dabei für die Bekannten, die er fand, oftmals hilfreich tätig ein, so zum Beispiel für die Vermögensverwaltung einer vornehmen Frau Arete, die in Phrygien lebte und zu der er eine Verehrung faßte Vgl. den Brief an Themistius S. 259 f. . Ja, auch viele Leute kamen damals nach Nikomedien gereist, um den jungen Prinzen zu sehen, und alle wünschten, er möchte Kaiser werden Libanius Rede auf Julian S. 528 f. . Inzwischen ging die Weltgeschichte ihren Gang. Es waren entartete Zeiten. Constantius thronte in Mailand, der junge Gallus in Antiochien. Es fragte sich, wo übler gewirtschaftet wurde. Der Eunuch Eusebius, der kaiserliche Oberkammerherr, war in Mailand noch immer am Ruder, und seine Spione arbeiteten ihm in die Hände. Durch Foltern wurden Geständnisse von Verschwörungen erpreßt, und die Einkerkerungen, die Hinrichtungen hörten nicht auf. Die Bande der Höflinge nahm die eingezogenen Vermögen an sich. Ähnlich wirtschaftete der gefürchtete Notar Paulus , der Kettenmeister (Catena), wie man ihn nannte, in Gallien. Er zwang den Vikar von England sogar zum Selbstmord, schleppte eine Menge Angeklagter an den Kaiserhof, und keiner wurde freigesprochen. Einen Freispruch gab es nicht. Und das Übel ging weiter. Im Lande Gallien kämpfte der treffliche Heermeister Silvanus gegen die immer andringenden Franken. Gegen diesen Mann richtet sich die abgefeimteste Intrigue; um auch ihn in den Verdacht zu bringen, daß er Kaiser werden wolle, fälschte man Briefe, zu denen man sich seine echte Unterschrift verschaffte; einer der Briefe betraf Waffenbestellungen und war an eine italienische Waffenfabrik 223 gerichtet. Die Fälschung wird aufgedeckt, aber die Camarilla siegt trotzdem; die Fälscher bleiben ungestraft, und Silvanus geht dann trotz allem zugrunde. Er wird so bedrängt, daß er in der Notwehr wirklich den Purpur nimmt; da hatte man ihn, wo man ihn haben wollte. Jetzt konnte man ihn inmitten seiner Soldaten niederstechen lassen. Solches geschah in Köln am Rhein. Der Historiker Ammian, der Verehrer Julians, erzählt uns das alles; er war selbst zugegen. Inzwischen trieb es Gallus, Julians Stiefbruder, der eifriger Christ war, in Syrien nicht besser, am infamsten seine Gattin Constantia , die Megäre, eine der Töchter Constantins des Großen. Auch hier dieselbe Spionenwirtschaft. Spione werden als Bettler verkleidet, gehen so bettelnd in die Häuser der Reichen, um zu lauschen. Hören sie ein verfängliches Wort, erfolgt die Hinrichtung auf der Stelle. Auch eine Liebesgeschichte wird erzählt. Ein schöner junger Mensch hat sich vermählt, aber seine Schwiegermutter verliebt sich in ihn. Er weist ihr Ansinnen zurück; da dringt die erboste Frau zur Kaisertochter Constantia. Sogar ein kostbares Halsgeschmeide ist nötig; den Schmuck nimmt Constantia als Geschenk an und erläßt den Befehl: der Jüngling wird getötet. Dann ist Teuerung in Antiochien, und das Volk schreit wild nach Brot. Gallus ruft in die Masse: »Ich gönne euch ja gewiß die beste Ernährung; aber hier steht Theophilus und er ist schuld.« Theophilus war der konsularische Landesverwalter, und das Volk stürzt sich auf diesen Mann und zerreißt ihn in Stücke. Gallus sah dem zu. Der christliche Pöbel war nicht besser als der christliche Hof. Das wurde denn doch auch dem Constantius zu schlimm; er wollte den Gallus unschädlich machen. Gallus soll also nach Mailand kommen. Einen hohen Beamten, Domitian (früheren Finanzminister), sendet er darum nach Antiochien. Der aber ergeht sich gegen Gallus in ungeschickten Drohungen. Auch einer der Minister des Gallus selbst greift in den Handel ein. Gallus hetzt seine Soldaten gegen die beiden, und sie werden 224 jämmerlich durch die Straßen geschleift und zu Tode gebracht. Wild gemacht, suchte Gallus noch nach weiteren Opfern, und er fand sie. Er erfuhr zum Beispiel, in der Stadt Tarsus sei eben jetzt ein Pupurkleid gewebt worden. Für wen? Die Handarbeiter der Weberei werden gefoltert, bis sie irgendwelche Namen von Käufern nennen; ein christlicher Diakon soll an dasselbe Kleidergeschäft kürzlich einen Brief geschrieben haben. Auch er wird gepeinigt, vor allem aber der Gouverneur der Provinz, in welcher die Stadt Tarsus lag, getötet; denn ein Purpurkleid bedeutete Anspruch auf den Kaiserthron. Der Mann war verdächtig. Aber den Gallus ereilt jetzt sein Schicksal. Seine Gattin Constantia brach nach Mailand auf, starb aber auf der Reise. Durch Beteuerung von Liebe und Eintracht weiß Constantius danach auch den Gallus selbst zur Abreise zu verlocken; auch er will jetzt nach Mailand, wird aber schon unterwegs als Gefangener behandelt, des Purpurs beraubt, nach Pola geschleppt und dort enthauptet. So endete Julians Bruder. Man denke sich, mit welch innerem Protest ein begeisterter Ethiker wie Julian von all diesen Schändlichkeiten hörte. Daher sein reformatorischer Tugend- und Frömmigkeitsdrang; es war die Rücksehnsucht nach der echten Humanität der alten Zeiten. Übrigens war er klug genug, sein Urteil, seine Zukunftsideale zu verbergen; denn er wollte nicht nutzlos sterben. Es war Notwehr, daß er sich gern als den verstiegenen philosophischen Jüngling gab, der von den Händeln der Welt nichts versteht. Er wollte ungefährlich scheinen. Aber die Verstellung nützte nichts. Er wurde ergriffen und von Kleinasien nach Mailand geschleppt. Auch sein väterliches Erbe hatte Constantius längst konfisziert. Die Camarilla beschuldigte ihn, mit Gallus konspiriert zu haben Ammian 15, 2, 7. . Er war der Einzige aus dem Constantinischen Geschlecht, den Constantius noch zu fürchten hatte. Also fort mit ihm. Wie ein Gefangener lebte Julian zunächst am Mailänder Hof, immer des Todes gewärtig (Constantius kannte ihn kaum von 225 Angesicht und ließ ihn auch jetzt gar nicht vor sich), hört dabei von den hundert Bischöfen, die sich eben jetzt in Mailand auf des Constantius Befehl zum Konzil versammelten, um wieder einmal mit Getöse über die Natur Christi abzustimmen; der römische Papst Liberius wurde da durch Konzilbeschluß abgesetzt, weil er zum Athanasius hielt. Denn Athanasius lebte noch und hielt immer noch die Welt in Atem. Was lag im Grunde dem Julian daran? Aber Athanasius schien auch ihm verwerflich. Da bot sich eine Hoffnung. Ob sie nicht täuschte? Eine sanfte Frauenhand griff ein. Es war Eusebia , die holde und kluge Kaiserin, die den jungen Prinzen augenscheinlich erst damals kennen lernte Sie war des Constantius zweite Gattin und die Heirat erst vor zwei Jahren geschehen. Eusebia stammte aus Thessalonich (Saloniki). . Julian faßte eine begreifliche Verehrung für sie, und man denkt unwillkürlich dabei an Don Carlos: »O Königin, das Leben ist doch schön!« Eusebia bewirkt zunächst, daß der Herrscher endlich einmal seinen jungen Vetter vor sich läßt. Die Aussprache hatte kein Ergebnis. Julian wird auch danach wieder in Italien von Ort zu Ort transportiert, immer der Hinrichtung gewärtig, bis die junge kaiserliche Frau aufs neue eingreift. In dem stillen Ort Como am Comer See darf Julian endlich auf freierem Fuß leben. Von dort schrieb Julian an sie einen Brief; der besagte: »So wahr ich dir Glück, Kindersegen und kaiserliche Erben wünsche, so inständig bitte ich: rette mich aus Italien in die Heimat.« Der Segenswunsch, den er hiermit aussprach, war allerdings vielsagend; er bedeutete einen Verzicht; denn wenn Eusebia Mutter wurde, war Julians Anrecht auf die Thronfolge damit so gut wie aufgehoben. Aber Julian schickte den Brief nicht ab. Gleichwohl kam es dahin, daß es plötzlich hieß: du bist frei! Man hatte ihn gründlich behorcht; aber er hatte sein Rolle geschickt gespielt; er galt immer noch als der täppische Philosoph, der nur nach dem Überirdischen fragt und den göttlichen Jamblichus liest. So ging er jetzt vierundzwanzigjährig nach Athen (im Jahre 355) Vgl. Julian S. 336: Ein guter Geist unterbrach seine Reise nach dem mütterlichen Erbgut bei Nikodemien in Kleinasien, und er wurde nach Hellas gesandt. . In dem stillen Studiennest Athen konnte er gewiß keinen Aufruhr stiften; auch ging er fast ohne Geld dahin, 226 ohne einen Burschen, der ihn bediente; aber er jubelte: Athen die alte Ruhmesstätte für Humanität und Hellenentum, »das Auge Griechenlands«, der Idealort für die Idealisten! Aber er trieb da nicht mehr Philosophie, sondern Kunst. Er lernte jetzt die Schriftstellerei bei den berühmten Rednern Himerius und Themistius. In Themistius, dem anerkannten Meister des Wortes, gipfelte damals die weltliche Literatur und Journalistik, und Christen und Heiden lernten bei ihm. Da ist Julian rasch zum Schriftsteller geworden. Vom Zwange der strengen Schulung, die er dort fand, hat er sich nie ganz frei gemacht. Aber auch gleichalterige und gleichgesinnte Freunde fand er dort endlich, seinen künftigen Leibarzt Oribasius und den jungen Historiker Ammianus Marcellinus, der uns in seinem Geschichtswerk das Leben Julians mit so hingebender Sorgfalt gezeichnet hat. Kaum aber ist ein Vierteljahr vergangen, da kommt schon der Befehl: nach Mailand zurück! Julian erschrickt. Mit Tränen nimmt er von Athen Abschied; denn er glaubt jetzt bestimmt in den Tod zu gehen. Aber es war anders gemeint. Constantius hatte sich inzwischen seinen Plan gemacht. Constantius' Ehe blieb kinderlos; er wollte denn doch versuchen, sich den einzigen Blutsverwandten, den er noch hatte, nutzbar zu machen. Am 6. November 355 wurde Julian zu Mailand feierlich zum Cäsar ernannt, gleich darauf mit des Kaisers Schwester Helena vermählt. Alles das war das Werk der klugen Eusebia. Es handelte sich um das Land Gallien, das damals wieder von den Germanen stark heimgesucht wurde. Constantius hatte nicht Lust, mit diesen Horden zu kämpfen; das mochten seine Generäle tun; aber ein legitimer Vertreter des kaiserlichen Namens mußte gleichwohl dorthin, damit nicht etwa einer der Generäle sich dort eigenmächtig zum Kaiser erhob. Dieser Vertreter sollte Julian sein. Ein Schwindelgefühl muß ihn erfaßt haben. Der Übergang war zu plötzlich. Er hatte bisher unter dem Terror gelebt. 227 So ist es begreiflich, daß er auch jetzt mißtraute, obschon sich Constantius plötzlich überaus gnädig erzeigte. Vergegenwärtigen wir uns die Szene genauer. Eine große Zeremonie hatte es gegeben: alles verfügbare Militär war zur Parade versammelt; auf hohem Podium stand Constantius selbst, zwischen Adlern und wehenden Drachenfahnen, faßte Julians Rechte und sagte mild. »Ist es euch recht, Soldaten, daß ich diesen mir teuren Jüngling, dessen hervorragenden Eifer ich rühmen kann, zur Macht des Cäsar erhebe?« »Ob es recht ist, kann nur Gott wissen,« schallt es aus der Menge. Constantius nimmt das als Zustimmung und fährt fort: »Nach Gottes Ratschluß lege ich ihm also den Purpur um. So wollen wir uns, geliebtester Vetter und Bruder, in Liebe und Treue gegenseitig ein Helfer sein.« Da rasseln die Schilde der Soldaten; sie hieben mit den Schilden auf ihre metallgeschienten Kniee, ein Zeichen des ungestümen Beifalls. Julian war nur klein, dazu in nervöser Unruhe; neben des hochgewachsenen Vetters starrer Herrenmaske machte er gewiß eine sonderbare Figur; seine Augen flackerten, seine Gesichtszüge zuckten aufgeregt, waren dabei aber doch so gewinnend gutmütig, daß die Sympathie der Masse ihm überraschend zufiel. Als die beiden Herrscher dann gemeinsam im Hofwagen zum Palast fuhren, murmelte Julian den Homervers vor sich hin vom purpurnen Tode, der alle Menschen packt Ilias 5, 83. . Er meinte, er sollte jetzt im Purpur sterben, wer weiß, wie bald? Da wurde er noch gezwungen, einen Panegyricus auf seinen Vetter zu reden, und er tat es in den üblichen vollen Tönen; es war seine erste Stilleistung. Er lobte ihn; denn er war sogleich fest entschlossen, sich ehrlich unterzuordnen, alles Üble zu vergessen, ja, sich als der Jüngere zu seinem Vetter wie der Sohn zum Vater zu stellen Dies sagt uns Julian, S. 361, 21. . Constantius wird ohne Zweifel bei dieser Rede sanft entschlafen sein; denn er bekam derartiges ungefähr in jeder Woche zu hören. Um so wacher aber lauschten gewiß der arge Eunuch und die ganze Hofbande und 228 schmunzelten höhnisch, als Julian zum Beispiel über den Wert der Unterordnung und des Gehorsams sprach Oratio I, S. 16. . Gleich darauf aber versetzte ihnen Julian einen Hieb, der saß: »Auch Missetaten sind geschehen; jeder weiß es; aber die andern, nicht der Kaiser, waren es, die diese Missetaten begangen haben Oratio I, S. 19, 26. .« So sprach er. Welche Kühnheit! Dieser Mensch konnte denn doch gefährlich werden. Geheime Instruktionen, die dem neuen Cäsar alle selbständige Bewegung nehmen sollten, wurden sogleich nach Gallien an die Kommandanten erlassen, und er wurde von Spionen umgeben. Es konnte ihm dort so gehen, wie es seinem Bruder Gallus in Syrien erging. Winter war's. Im Dezember 355 reiste er mit seiner jungen Gattin Helena ab. Kaum in Turin, hört er, daß Köln gefallen, die große Feste Köln am Rhein von den Franken niedergeworfen ist, und er fühlt seine Unkraft. Das Zagen steigert sich: »Man will, ich soll untergehen; im Schatten der Philosophie bin ich aufgewachsen, und man stößt mich in den Kampf gegen die Wilden!« Auch machte er anscheinend die lächerlichste Figur; denn er mußte, wo immer er offiziell auftrat, einen Mantel tragen, auf dem des Vetters Porträtbild großspurig aufgestickt war, so daß er nur das Gestell für den Huldigung fordernden Mantel war, ungefähr so wie Geßler im »Tell« Gehorsam für den Hut auf der Stange verlangt Solche mit Figuren bestickte Mäntel kennen wir auch sonst; ich erinnere an den Mantel Stilichos, den Claudian Stilich II, 339 ff. beschreibt. . Ganze Haufen von griechischen Büchern schickte ihm Eusebia nach Vienne, damit er sich da wie bisher mit Studien die Zeit vertreiben könnte, und er dankte ihr wirklich aufrichtig und freudig dafür. Der Kaiserhof konnte beruhigt sein; Julian war der Traumjürge wie bisher. Aber die Sache kam anders. In ihm war doch echtes Constantierblut: die Rasse meldete sich in ihm. Julian entdeckte sich selbst und seine Kraft. Als er nach Vienne kam, begrüßte ihn in der Stadt hellster Jubel: »Wir hoffen auf dich; sei du uns jetzt der rettende Genius!« Das hob ihn gleich mächtig. Er fühlte, daß man in ihn Vertrauen setzte. Da war es auch ein altes heidnisches Weib, eine blinde Person, die ihm begegnete 229 und fragte: »Wer ist es, der vor mir steht?« »Es ist Julian, der Cäsar.« Da rief sie: »Der ist's, der unsere Göttertempel wiederherstellen wird!« Eine Seherstimme! Julian aber hatte an anderes zu denken als an Göttertempel. Er lernte Latein, übte seinen Körper, verschaffte sich Landeskunde. Sogar den üblichen Waffentanz der Soldaten zur Bläsermusik stampfte er mit und kam sich dabei höchst komisch vor: »Ich Platoniker tauge zum Tanzen nicht; es ist, als würde ein Ochse zum Reiten gesattelt!« Dies nachgemacht nach Cicero ad Att. V, 15, 2. Aber er fand sogleich mit Offizieren und Gemeinen enge Fühlung. Constantius hatte ihm eigenhändig ein Register guter Speisen aufgeschrieben, die der Hofkoch ihm bereiten durfte, zum Beispiel Fasanen und Schweinseuter. Julian verzichtet darauf und nimmt nur Militärkost. Er schläft auf einem Ziegenfell. Bei Tag- und Nachtarbeit vergeht so der Winter. Allabendlich betet er zum Merkur, dem hohen Weltintellekt, daß er ihm gute Gedanken gebe. Die Lage war in Gallien seit der Zeit des Usurpators Magnentius geradezu verzweifelt. Hatte doch Constantius selber damals die Barbaren auf Gallien gehetzt. Nun war die Rheingrenze völlig an sie verloren, überdies ein breiter Gebietsstreifen, an die 400 Quadratmeilen des Landes, als Operationsbasis von ihnen besetzt, um von da aus immer aufs neue tief ins Innere vorzustoßen; 45 feste Städte (die Burgen nicht gerechnet) lagen zerstört. Die Zeit schien gekommen, daß das römische Gallien endlich wirklich ein »Frankreich«, ein Reich der germanischen Franken werden sollte: Lyon, Reims bedroht, die Straße von der Saone zur Loire kaum noch passierbar. Julian hört, die Stadt Autun ist gefährdet, eilt noch im selben Winter dorthin, von da mitten durch die Schwärme der Germanen nach Troyes (Tricasas). In Troyes steht der Heermeister Marcellus . Der Sommer kommt und die Aktion beginnt. Marcellus ist träge und überläßt dem Cäsar seine Truppe. Julian freut sich des, stößt rasch gegen das Elsaß 230 vor, wo die Römerstädte Zabern und Straßburg, Selz, Speier, Worms und Mainz in den Händen der Alemannen sind. In Zangenform macht er den Angriff, und der Alemanne räumt die Städte. Da rückt er schon gegen Köln an den Unterrhein und entreißt auch Köln den Franken. Das war Julians erster Feldzug. Der Stratege in ihm ist erwacht. In Sens bei Paris verbringt er den nächsten Winter. Er hat alle Scheu vor den Wilden, den Giganten, verloren. Aber die Franken kamen schon wieder. Sie rückten quer durchs Land auf Sens, wo Julian sich befindet, und er wird in der engen Stadt von ihnen zerniert. Da glich er einem rechten Helden. Er hat nur wenig Soldaten, aber verteidigt sich erfolgreich dreißig Tage lang, bis der Feind entmutigt abzieht. Marcellus hatte mit den besten Truppen in nächster Nähe gestanden, aber ihn schnöde im Stich gelassen. Voll Entrüstung erhebt Julian deshalb gegen diesen Heermeister Anklage, und Marcellus wird wirklich abgerufen, verbannt. Man merkt: der junge Cäsar beginnt sich durchzusetzen. Ja, Constantius überträgt ihm jetzt für das Jahr 357 den Oberbefehl. Nun wird eine große Offensive gegen die Alemannen geplant, bei der auch Constantius mitwirken soll. Des Constantius Feldherr heißt Barbatio; der soll von der Schweiz her gegen das Elsaß vorstoßen, indes Julian von Norden kommt. Aber der schöne Plan droht zu mißlingen. Denn die Alemannen sind die Schnelleren, stoßen durch beide Armeen bis gegen Lyon durch und sammeln wie immer reiche Beute. Julian gibt acht; als sie zurückfluten, schneidet er den größten Teil ihres Heereszuges ab; sie ganz zu vernichten mißlang nur deshalb, weil Barbatio nicht rechtzeitig zur Stelle war. Dieser Mensch ist hinterhältig und will Julian keine Erfolge gönnen. Ganze Haufen von Alemannen haben sich auf die Rheininseln bei Straßburg gerettet; Julian fordert Schiffe von Barbatio; Barbatio gibt sie nicht. »So müßt ihr schwimmen!« befiehlt Julian seinen Kriegern; sie gehorchen, und die Alemannen werden auf den Inseln, Männer und Weiber, niedergemacht. 231 Auch die nötige Proviantzufuhr verweigert Barbatio zu leisten, und Julian muß sich durch Plünderungsfahrten wiederum selber helfen. Inzwischen aber nimmt der Feind keck die Offensive auf; er wirft sich zunächst auf Barbatios Heer, drängt ihn siegreich weit bis nach Basel zurück, kehrt um und wendet sich nun gegen Julian. Julian ist sich selbst überlassen. Aber er wagt jetzt allein die Schlacht. So kam es zu der großen Alemannenschlacht bei Straßburg, die Julians Kriegruhm für immer in der Geschichte sichert. Severus hieß der unter ihm kommandierende General, der sich ihm völlig ergeben zeigte. Uns will sein Sieg zunächst nicht so ungeheuerlich erscheinen. Denn das Alemannenvolk war nicht groß; es saß nur im Odenwaldgebiet, im Ländlein Baden und einem Teil von Württemberg (an Jaxt und Kocher), in ein Dutzend Stämme zerspalten, die jeder ihren Kleinfürsten oder König für sich hatten. Nur im Kriegsfall stellten sie sich unter einen Oberkönig. Aber ihr Heer war ein Volksheer, alle Mann in Waffen; darin lag ihre nie versagende Stoßkraft, und so ist es der römischen Militärmacht in der Tat nie gelungen, dies Volk endgültig zu entkräften. Auch jetzt waren sie die Angreifer. Ammian nennt uns die für Römerlippen schier unaussprechlichen Namen ihrer Vorkämpfer und Könige, Suromar, Hortarius, Vestralpus, Vadomar usf. Allen voran ritt Chnodomar , der Held, als Oberkönig, mit dem Riesenspieß, auf schäumendem Gaul, über der Stirn den mächtig rotblonden flammenden Haarwulst; mit ihm sein Neffe, der sich aus Eitelkeit mit griechischem Namen Serapio nannte. Sie alle warfen sich nach deutscher Art persönlich ins Handgemenge. Ihre Krieger forderten, daß sie vom Roß stiegen, damit sie sich nicht etwa allein zu retten vermöchten, und so kämpften sie mit der Masse zu Fuß. Der Ansturm war furchtbar. Die Haarmähnen der Hünen flatterten im Sturmeslauf, aus ihren Augen schlug die Wut in Flammen. Aber auch Julian warf sich, von zweihundert Reitern umgeben, die purpurne Drachenfahne hoch neben sich, 232 persönlich mitten ins Getümmel. Die kaiserliche Person hatte sonst die Pflicht, sich zu schonen; aber Julian war wie Alexander der Große oder wie der Große Kurfürst, der Sieger von Fehrbellin, Feldherr und Soldat zugleich. Die gefürchteten römischen Panzerreiter werden gleich anfangs geworfen. Julian hält sie auf. »Nicht fliehen! Heran! und nach vorn zurück. Wir alle wollen teilhaben am Sieg!« Erneuter Widerstand; Julians Kriegsvolk erhebt jetzt das gräßliche Schlachtgeheul, den Barritus, der leise einsetzt, um wie Meeresbrandung ins Ungeheure anzuschwellen. Aber der Feind ist nicht zu schrecken, nicht zu werfen; er dringt vielmehr unwiderstehlich bis ins Herz der Römerstellung, bis zur sogenannten prätorischen Lagerstelle, vor, wo er auf den Kerntrupp der römischen Legionäre stößt; die aber stehen wie hinter einer Schanzwehr hinter ihren vorgestreckten Schilden und stechen alles nieder, was anrennt. Da ermüden die Angriffswellen; die Leichen häufen sich zu Bergen; plötzlich faßt Panik, Verzweiflung die Germanen, und ohne Rückzugsgefecht werfen sie sich jählings in die Flucht bis ans Rheinufer. König Chnodomar schwingt sich auf sein Roß, gerät in einen Sumpf und wird gegriffen. Er ist gefangen. Den übrigen droht der Rhein Verderben. Die Fliehenden werfen sich in das breite Wasser; die Römer wollen nach, Julian aber schreit: »Nicht verfolgen! Daß keiner sich in den Fluß werfe!« Und in der Tat vollendet der Rhein selbst die Niederlage der Germanen. Es war ein aufregender Anblick, wie die Macht des Stromes Unzählige mit sich fortschwemmte. Die Nacht kam. Das Römerheer lagert hart am Ufer und schmaust. Der Siegesrausch ist groß. Da tönt durch das Zeltlager der Ruf: »Julianus Augustus!«, das heißt: Julian sollte sich fortan Augustus nennen. Mit Heftigkeit lehnte er den gefährlichen Titel ab. Die Zeit dafür war noch nicht gekommen. Kaiser Constantius gab diesen Sieg im Reiche nicht etwa als Julians Leistung, sondern als seinen eigenen Sieg bekannt. Auch machte man am Kaiserhof die blödesten Witze und spottete, 233 wie schon früher, über Julian als das Männchen mit dem Ziegenbart, den wortreichen Maulwurf und Buchstabenkrämer. Es half nichts; Julian war jetzt eine Größe, mit der die Welt zu rechnen hatte. Im selben Sommer vollendete er sein Werk, indem er ins Alemannenland selbst überraschend einfiel, über den Melibokus tief in den Odenwald, bis die dicken Verhaue in den deutschen Wäldern ihm endlich eine Grenze setzten. Wie lange hatte sich kein Römerheer über den Rhein gewagt! Große Lieferungen an Fleischzufuhr und Getreide legte er den Besiegten auf. Dann ließ er sich in Paris nieder. Da konnte er mit seinen Freunden Sallust und Oribasius in platonischen Gesprächen sich friedlich ausruhen; und so wurde Paris – damals nur eine enge Festung, die auf der Seineinsel lag – zum erstenmal Residenz und Herrschersitz. Er verbrachte dort auch die nächstfolgenden Winter. Die Germanen aber waren wie die bösen Saatkrähen, die in den Fruchtacker immer wieder einfallen. Noch drei weitere Jahre hat Julian rastlos gekämpft, um sie gründlich zu verscheuchen. Viermal ist er dabei über den Rhein gegangen. Die Salischen Franken faßte und unterwarf er in dem späteren sogenannten Nordbrabant, zwischen Maas und Schelde. Vor allem rückte er immer wieder in das Stammland der Alemannen ein. Nur war es oft schwierig, hinüber über den Rhein zu setzen. Es liest sich hübsch, wie die Alemannen mit ihren Fürsten wach sind und den Fluß erfolgreich zu hüten wissen; das währte längere Zeit. Julian marschiert ratlos auf der Elsässer Seite am Ufer stromauf, die Germanen in Sehweite ebenso am anderen Ufer, so daß ein Brückenschlagen unmöglich ist, bis es endlich eine mondlose Nacht gibt. Da läßt Julian geräuschlos auf 40 Booten seine Soldaten ohne Ruderschlag stromabwärts treiben. Die Deutschen merken nichts, und ihre Fürsten zechen gerade, im Freien am Berghang gelagert, einen festen Trunk (man glaubt in der berauschenden Sommernacht bei kreisendem Trinkhorn ihre ausgelassenen Gesänge zu hören), als die 234 Römer über sie herfallen. Großer Schreck! Die Pferde standen bereit, und die Recken entkamen. Die Schiffbrücke aber konnte jetzt endlich geschlagen werden. Dann taucht vor uns auch der unheimliche Charietto auf, der fränkische Riese und Blutmensch, der, aus seiner Heimat verstoßen, als Räuberhauptmann in der Trierer Gegend sein Unwesen trieb und sich darauf verlegt hatte, mit seinen Spießgesellen seine eigenen Landsleute, wenn sie nachts in Wald und Feld lagerten, im Schlaf zu überfallen und ihre abgeschnittenen Köpfe dann gegen gutes Geld an die Römer abzuliefern. Julian ließ sich, als er ins Land kam, diesen Halsabschneider nicht entgehen, nahm ihn als Offizier in sein Heer, organisierte den Betrieb der nächtlichen Überfälle, und bei der Besiegung und Dezimierung eines Sachsenstammes, der aus dem Norden vordrang Der Volksstamm war wohl der der Chauken; irrtümlich nennt Zosimus III, 6 die Quaden. , hat ihm der Teufel Charietto die wichtigsten Dienste getan. Schließlich war ganz Gallien gesichert, der ganze Rhein von Süden bis Norden wieder vollständig in römischer Gewalt. 600 Kriegsschiffe setzte Julian auf den Strom, um ihn zu sichern, und zwang die Alemannen, für den Wiederaufbau der vielen zerstörten Städte, wie Neuß, Bonn, Andernach und Bingen, aus ihren Wäldern das Holzmaterial zu liefern. Das Holz wurde den Rhein herabgeflößt. Zugleich gelang es Julian auch noch, den Seeweg nach England, den die sächsischen Seeräuber versperrten, wieder frei zu machen. Frankreich konnte wieder aus England sein Korn beziehen; Julian konnte wieder Truppen hinüber werfen, um England gegen die Schotten zu schützen. Constantius aber sah mit wachsendem Neid und Unbehagen auf das alles. Er selbst hatte inzwischen in den Jahren 358 und 359 unruhig räubernde slawische Heerhaufen an der Theiß und Donau zusammengehauen. Dies war ohne Zweifel leichte Arbeit. Dann war der Perserschah Sapor bei Ninive feindselig über den Tigris gerückt, und es gab also neuen Perserkrieg. Sapor belagerte und nahm die Felsenfestung Amida (vgl. oben S. 26  f.). Nun rüstet Constantius zur Abwehr und 235 eilt nach Constantinopel. Da entschloß er sich, Ende des Jahres 359, von Julian Truppen, und zwar beträchtliche Teile der Elitetruppen, zu fordern. Das wurde so aufgefaßt, daß er Julian schwächen, daß er ihn entwaffnen wollte. Und der Konflikt war da. Constantius besaß auch ohne solchen Sukkurs Legionen und Auxilien genug, er verfügte auch über angeworbenes starkes Gotenvolk Ammian Marc. 20, 8, 1. ; und König Sapor hatte zwar zwei Festungen genommen, kam mit seinem Angriff aber gar nicht weiter; er ging sogar bald von selbst in seine Länder zurück. Das Empörende war, daß Constantius die Truppenforderung nicht an Julian selbst, sondern nur an dessen Generäle gerichtet hatte, als wäre Julian nicht vorhanden. Und es kam, was kommen mußte. Julians Soldaten selber, ja, auch das Volk in Gallien regten sich gewaltig. Flugblätter gingen sofort um; darin stand: »Dem Constantius darf nicht gehorcht werden, sonst ist unser Land wehrlos; der große Herr meint es übel; er will uns wieder einmal den Deutschen preisgeben!« Julian ist an seinem Hof von Kreaturen des Constantius umgeben, die seinen Kronrat bilden. Die bestehen darauf: dem Constantius muß gehorcht werden. Auch ist Julian grundsätzlich sich zu fügen bereit. Er will die Truppen ziehen lassen; nur sollen sie beim Abmarsch die Stadt Paris nicht berühren, damit die Mannschaft seiner Person nicht noch einmal ansichtig wird. Aber es kommt anders. Die Truppe rückt dennoch in Paris ein. Julian eilt ihr entgegen und ermahnt zum Gehorsam; so redet er auch zu den erregten Offizieren, die bei ihm zu Tisch sind. Der Abend naht; die Sonne sinkt schon. Da wird sein Palast umringt, und alles schreit: »Wir marschieren nicht!« und weiter: »Julian soll unser Kaiser sein, Julianus Augustus!« Das war Aufruhr, Rebellion gegen Constantius. Julian ist in Bedrängnis. Zum zweitenmal wird ihm der Titel Augustus aufgedrängt. Wie soll er ihn ablehnen? Es war wohl erst acht Uhr am Abend, aber er war mit seiner Gattin Helena zur frühen Abendrast schon in den 236 Oberstock gegangen. Da hört er das Geschrei und ist ratlos. Aber da ist ein offenes Fenster oder eine Öffnung im Dach; der Sternhimmel schaut offen herein, und so kann er rasch zu Jupiter beten, daß der Gott ihm von oben aus der Höhe ein Wunderzeichen gebe. »Und Jupiter (so erzählt Julian) gab mir ein Zeichen und gebot mir, dem Drängen des Heeres jetzt nicht mehr zu widerstehen.« Unter Jupiter ist hier vielleicht der Planet Jupiter zu verstehen; Julian würde also dessen günstige Konstellation beobachtet haben. Sonst ist freilich vom Betrieb der Astrologie wenig bei ihm wahrzunehmen. Es ist wie bei Constantin dem Großen; die umstürzenden Entscheidungen trifft ein Kaiser immer nur auf Gottes Befehl, deo iubente . Dieser Gott war aber in Wirklichkeit nichts anderes als der innerste Trieb des Herzens, bei Constantin wie bei Julian. Draußen wächst das Tosen. Noch zwei Stunden verrinnen; dann erst tritt Julian bei Fackellicht endlich unter die jauchzende Menge. Wo ist eine Krone? Die Ordenskette eines Offiziers wird ihm statt der Krone um die Schläfen gelegt. Es folgte die Nacht; sie verlief scheinbar ruhig. Aber die Herren des Kronrats hatten schon gegen Julian ihre Wühlarbeit begonnen. Am anderen Morgen machte Helena ihren üblichen Ausgang über Gasse und Markt; ein Mann aus ihrem Gefolge erfährt da, daß jene Herren Geld unter die Soldaten gestreut haben, um sie gegen Julian aufzuwiegeln. Gleich schreit der Mann wie besessen über den Markt: »Bürger! Soldaten! rettet den jungen Kaiser!« und alles stürzt zum Palast. Ist Julian ermordet? Nein, er lebt; er zeigt sich jetzt im strahlenden Ornat. Die Menge jubelt, umarmt sich. Er selbst wird auf die Schultern gehoben. Es war die hellste Begeisterung. Des Constantius Anhänger sollen gelyncht werden, Julian aber weiß sie zu retten. So hatte die Welt plötzlich wieder zwei Kaiser, und das bedeutete Reichsteilung. In der Tat, warum sollten die beiden Vettern sich in das Reich nicht friedlich teilen? Die Laufboten flogen gleich mit Briefen zwischen Paris und Cappadocien hin und her; Julian schrieb, er beschränke seinen Machtanspruch ausdrücklich auf das Land Gallien; auch seine Legionen richteten begütigende Briefe an Constantius mit der Bitte um 237 Eintracht. Für Constantius aber war dieser Vetter fortan nur ein zweiter Magnentius oder Silvanus. Er bereitete sogleich den Krieg vor und ließ zu dem Zweck Proviantvorräte in der Schweiz aufstapeln; vor allem forderte er, um Julian zu gefährden, die freien Alemannen und Franken auf, aufs neue gegen Gallien loszuschlagen. Die Alemannen selbst lieferten dem Julian die Briefe aus, die das bewiesen. Julian hatte die Dokumente in Händen. Constantius hatte ihm damit den Krieg erklärt. Sollte er nun still liegen, bis er in Frankreich blockiert war? Dazu war er nicht der Mann. Er hatte sich bisher dem Älteren grundsätzlich untergeordnet. Jetzt zerbrach alle Pietät, und die Erinnerungen an die Leiden der Jugendzeit, die Erinnerung an die Ermordung seines Vaters, die Constantius veranlaßt oder doch geduldet hatte, kam nun endlich zur Geltung. Seinen Freund Sallust ließ Julian als Galliens Verwalter zurück, teilte nach dem Vorbild Alexanders des Großen sein Heer in drei Züge, damit alle Welt glaubte, er verfüge über gewaltige Massen, und stieß so schnell entschlossen mit den drei Heersäulen gleichzeitig durch das Alemannenland, durch die Schweiz und durch Norditalien gegen den Balkan vor. Er selbst glitt mit seinem Heer den Donaustrom auf Schiffen hinunter und stand plötzlich vor Sirmium an der Save, als Constantius noch fern in Kleinasien weilte. Auch Italien unterwarf sich ihm sofort (nur die Feste Aquileja widerstand), und er war Herr des ganzen Okzidents. Vor Sirmium will der feindliche Heermeister Lucillianus ihm doch Widerstand leisten. Da schickt Julian nachts mit einem kecken Offizier eine Patrouille aus; die Leute holen den Lucillian aus seinem Bett, und er wird geräuschlos als Gefangener eingebracht. Julian, der einst so schüchterne, hat jetzt schon Herrschermanieren gelernt und gestattet dem stolzen Manne, den Saum seines Mantels zu küssen. Lucillian sagt darauf besorgt: »Du wagst dich mit allzu wenig Leuten, Herr, in solchen Kampf.« Julian lacht überlegen: »Ich habe dir den 238 Purpur zu küssen gewährt, damit du dich bei mir sicher fühltest, nicht damit du mir Rat erteiltest.« Schon folgenden Tags gibt er, von Jubel begrüßt, Festspiele, ein Wagenrennen, in der schönen Stadt Sirmium und zieht stracks weiter, verlegt sein Hauptquartier nach Nisch (Naïssus) in Serbien und besetzt endlich den hohen Balkanpaß von Succi, von wo aus er weit in die Ebene Thraziens und Philippopels blickt. Da will er den Vetter, der sein Feind ist, erwarten. Auch jetzt gab es, wie immer, unheimliche Vorzeichen oder Prodigien. Ein Kind, hieß es, wurde bei Antiochien geboren, das zwei Münder und vier Augen, ja, das sogar schon Zähne und also wirklich auch zwei Gebisse hatte. Zwei Gebisse: das deutete unrettbar auf grimmigen Zweikampf und Bürgerkrieg. Julian aber schien aller Bürgerkrieg ein Frevel, sein Gewissen quälte ihn, und er erließ jetzt Manifeste an Rom und an Athen Rom und Athen waren damals gleicherweise politisch bedeutungslos; Julian wählte die beiden Städte als Adresse, weil sie die alten geweihten Zentralstätten der antiken Kultur waren. Die Athener sollen für die weitere Verbreitung der Zuschrift sorgen (S. 348, 17). , in denen er seine Motive darlegte, den Constantius offen beschuldigte Er sagt hübsch, er habe mit diesem seinem Vetter Constantius nur eine Wolfsfreundschaft gehabt (S. 591); wir würden sagen: Katzenfreundschaft. . Die Welt sollte wissen, wer er und wer sein Gegner war. Die Kaiserin Eusebia war gestorben. Constantius hatte sich soeben neu vermählt. Jetzt stand er im fernen Mesopotamien gegen die Perser, als er von Julians blitzartigem Vormarsch hört. Er wurde weißglühend vor Zorn, hielt zündende Ansprachen und leitete sofort die nötigen Truppentransporte nach dem Westen unter bewährten Führern ein. Am Paß von Succi soll wirklich die Entscheidung fallen. Julian harrt dort in Erregung seines Angriffes. Da treffen Gesandte ein. Sie kommen aus dem Osten. Hohe Offiziere. Welche Überraschung! welche Wendung! Sie melden, daß Constantius plötzlich gestorben ist. So war es. Constantius hatte dem Zuge seines Heeres folgen wollen. Als er nach Tarsus kommt, erschrickt er heftig; er sieht einen Kadaver ohne Kopf am Wege liegen. Es war wie ein Omen. Ja, es war, als käme die Ahnung der Vergeltung über ihn. Ein Fieber befällt ihn. Nur noch bis ins nahe Taurusgebirge ging seine Reise. Da verschied er. Ein rasches Ende. 239 Er fühlte sich ohne Schlacht besiegt und erkannte sterbend Julian, den einzigen Überlebenden des Geschlechts, als seinen Nachfolger an, im Jahre 361. Und Julian? Man begreift den mächtigen Umschwung seiner Stimmung. Bisher mißtraute er immer noch seinem Glück. Jetzt war sein Zutrauen grenzenlos. Er zählte jetzt dreißig Jahre. Sein ganzes Leben bestand aus Überraschungen: erst der verstoßene Knabe, dann ins politische Leben gezerrt; erst der stille Platoniker, dann der Alemannenbesieger; als Sieger erst von seinem Vetter mißachtet und jetzt ohne Kampf Alleinherrscher der Welt. Gott Helios hatte ihm Wort gehalten; Gott Helios war gnädig. Julian war wie der Flieger, der erst Übungsflüge in niedriger Höhe und engen Kreisen macht; nun stieg er, plötzlich emporschnellend, gleichsam sechstausend Meter hoch in die einsame Höhe der Majestät, den Göttern nahe, und sah das ganze Erdreich zu seinen Füßen. Kein Wunder, wenn sein jünglinghafter Optimismus sich mitunter überschlug und bis zum Überkühnen steigerte. Er wollte seine Macht gebrauchen. »Liebe deine Untertanen, wie ich dich liebe,« so hatte Helios zu ihm im Traum gesprochen. Das wollte er wahrmachen. »Seid umschlungen, Millionen!« Auch hatte er mit diesem Wahrmachen bereits als Herrscher Galliens in schönster Weise begonnen. Aber auch den anderen Schwur galt es zu halten, den alten Göttern ein Retter zu werden Julian S. 593, 18. . Rasch in allem, begann er jetzt gleich die Religionspolitik. Er deklamierte sich jetzt feierlich als Nichtchrist Schon vor seinem Auszug gegen Constantius hatte er ein heidnisches Opfer gebracht (s. S. 369, 1), gleichwohl aber in Lyon beim Epiphanienfest noch einmal die christliche Kirche besucht. Er war eben getaufter Christ und konnte als solcher und als offizielle Person damals auch noch dem Christenkult beiwohnen. . Die Gegenreformation war sein neues Programm. Constantin hatte den Wind des Christentums in seine Segel genommen; Julian wollte gegen den Wind kreuzen. Einmal mußte die Reaktion des unterjochten Heidentums gegen das Christentum auf alle Fälle eintreten; jetzt kam sie wirklich, und sie kam unter kaiserlicher Führung; allerdings durchaus nicht im Sinne Diocletians. Julian stellte sich vielmehr auf den Standpunkt des Licinius-Ediktes vom Jahre 313: vollkommene Parität der Christen und Heiden. Diese Parität war schlechthin 240 vernichtet und aufgehoben, seit Julians Vetter Constantius im Jahre 340 sämtliche Tempel im weiten Reiche hatte schließen lassen. Der heidnische Kult in den Städten war dadurch völlig geknebelt. Aber auf dem Lande bestand er gleichwohl noch in alter Kraft, und die Hälfte aller Bevölkerungsmassen war gewiß immer noch heidnisch; ebenso die große Mehrzahl der Soldaten in Julians Heer, wie er ausdrücklich feststellte Julian S. 356, 30. Wie freilich die Christen auch im Heer für den Glauben werben, schildert Julian S. 290, 20 ff. mit übler Laune: »Sie verlassen ihren Heimatsitz, laufen überall herum und belästigen die Heerlager und Kasernen; ebenso tun dies die christlich gesinnten Kyniker«. . Diese Bevölkerungsmassen verlangten endlich ihr Recht; es galt also eine Politik der Toleranz zu üben, die Tempel wieder aufzutun, die Vernichtungssucht der Bischöfe auf dem Wege einer maßvoll strengen Kontrolle nur wieder in ihre Schranken zurück zu verweisen. Julian kannte das Gebaren des Klerus genau, er war ja darin groß geworden. Er wußte, wie er vorzugehen hatte. Die Erlösung nahte; weite Kreise atmeten auf; die Philosophen strahlten; die Bischöfe ergrimmten: in Julian war, so meinten sie, der Satan erschienen. Aber die Bischöfe fürchteten sich nicht. Wie lange würde dieser Satan herrschen? und wer würde sein Nachfolger sein? Alles Folgende spielt sich vornehmlich im östlichen Reiche ab. Julian war ganz nur Grieche, Constantinopel seine Hauptstadt, Rom, Mailand, der Okzident fortan nur noch Hinterland. Ermutigend war der unbeschreibliche Jubel, der ihn umrauschte, als er in Constantinopel einzog. Schon aus den Stadttoren strömte ihm das Volk entgegen. Das goldene Kreuz, das da einst Constantin auf die hohe Säule gestellt hatte, sah mißmutig auf seinen Einzug herab; aber er ließ es ruhig dort oben stehen; er dachte nicht an Zerstörung. Das also, sagte man, ist der Herr der Zukunft! wie rasch ist er hergekommen! aber wie unscheinbar er ist! ein solches Kerlchen der große Sieger! und so gutmütig, wenn er nickt und grüßt! quecksilbern lebhaft! Er tut so, als wäre er ein Mensch wie wir alle. In der Tat, von der götzenhaften Unnahbarkeit des Diocletian und Constantin mochte er nichts wissen und warf den ganzen Zeremonienkram wie Plunder nach Möglichkeit beiseite. 241 Julian brauchte Menschen, frischen Austausch, gleichgesinnte Hilfe und suchte sie oft in fast zu familiärer Weise. Schon als Schüler hatte er sich einst nicht besser als jeder andere gedünkt, und die Jugendzeit gibt dem Menschen seinen Stempel. Als es zu Neujahr zwei neue Konsuln gab, schritt er persönlich zwischen beiden zum Amtslokal. Man fand das unwürdig, und seine etwas winzige Figur machte sich wohl sonderbar genug zwischen den zwei stattlichen Herren. Aber das Herz trieb ihn, und sein warmes, impulsiv lebhaftes Wesen überwand allen Spott. Er verstand trotzdem zu herrschen. Ein Kolossalkopf aus Marmor von energisch fesselndem Ausdruck hat sich erhalten, in dem man sein Porträt vermutet hat Im Städtchen Acerenza in Süditalien; vgl. G. Negri, L'imperatore Giuliano (1901), S. XV. und der uns verstehen lassen könnte, wie er Menschen und Soldaten beherrschte und im Zaum hielt, ohne blutige Strenge Anders freilich im Kriege; als seine Reiterei sich vom Feind einmal überrumpeln ließ, strafte er mit größter Strenge; jeder zehnte Mann wurde standrechtlich getötet. , kraft seiner bedeutenden Person. Er war übrigens breitschulterig, zäh und kräftig gebaut, ein Krauskopf mit schönen sprechenden Augen, der Mund etwas groß, die Unterlippe vorgestülpt Ammian, 25, 4, 21. . Julian (?) Angeblicher Julian. Kolossalbüste in Acerenza. Gaetano Negri l'imperatore Juliano l'Apostata . Jedenfalls fühlte das ganze Reich sofort: es gab unter dem neuen Regiment vollste wirtschaftliche Sicherheit; der Friede würde so lange dauern, als er es wollte. Denn kein Gegenkaiser war zu fürchten Ammian, 22, 9, 1. . Ein paar verdächtige Verschwörer wurden sofort beseitigt Ammian, 22, 11, 1. . Julians Kriegsruhm reichte schon weit über die Reichsgrenzen, und Gesandtschaften kamen von den Persern und Armeniern, von Indiern und Mauren und südrussischen Völkern Auch von den Goten, die in dem unechten Julianbrief S. 597, 5, wie es scheint, die buntbehelmten genannt sind; ich glaube, daß an dieser Stelle Γόττοι ποικιλοκρανόμορφοι zu lesen ist. und legten Geschenke vor seine Knie. Und seine Lippen flossen von Verheißungen über. Er war Enthusiast; die Zeit der Adrastea, das Reich der himmlischen Gerechtigkeit wollte er jetzt auf Erden verwirklichen Ammian 22, 10, 6. . Die Gerechtigkeit führte aber auch das Schwert, und Julian griff zunächst kräftig zu. Es galt die Kreaturen des Constantius unschädlich zu machen. Eine Kommission von Richtern gab die Urteile. Zumeist wurde nur auf Verbannung erkannt. Den Eunuchen Eusebius aber ließ Julian sofort töten, ebenso auch jenen Kettenmeister Paulus, von dessen Schreckenswirtschaft ich anfangs berichtet habe Hiervon sagt Julian selbst (S. 512): Ich habe die Kreaturen in die Grube gestoßen, die an des Constantius Tisch saßen. . 242 Wie er es mit der Hofhaltung hielt, kann man schon im voraus erraten. Julian war Asket, lebte schlicht bürgerlich und entließ darum die ganze Palastbedienung des Constantius, die eleganten Köche voran. Er konnte sie nicht brauchen, nicht bezahlen. Ein schlemmerhafter Luxus, ein großmächtig hochgeschrobener Ton herrschte in jenem Gesinde. Viele unter ihnen hatten sich auch durch den Raub an heidnischem Tempelgut frech bereichert. In seidenen Gewändern stolzierten sie daher; auch die Offiziere protzten in Juwelen und goldenen Spangen, und alles ging mit glattrasiertem Gesicht; nur Julian trug den spitzen Vollbart, mutmaßlich ziemlich ungepflegt. Eines Tages ließ er den Hoffriseur zu sich kommen; ob der Mensch pflichtgemäß seine Schere mitbrachte, erfahren wir nicht; jedenfalls kam er in auffallender Pracht wie ein Fürst gekleidet. »Ich habe keinen meiner Finanzbarone, sondern den Bartscherer befohlen,« sagte Julian und stellte dann mit Erstaunen fest, daß der Mensch außer seinem jährlichen Gehalt in Naturalienlieferung bisher noch täglich Brotrationen für 20 Personen, entsprechendes Futter für seine Equipage bezog, usf. Ammian, 16, 5, 13. Übrigens hören wir nicht, daß Julian irgendwann Vermögenskonfiskationen vornahm Er sagt selbst, daß er sich dessen enthalte: S. 536, 15. ; sogar jenem Hofgesinde ließ er seinen Tempelraub. Er war arm, und blieb es. Schon Gallien war in den voraufgehenden Jahren merkwürdig schnell unter Julians umsichtigem und gerechtem Regiment wieder aufgeblüht; jetzt begann er für das Gesamtreich dieselbe Wirksamkeit. Die reichen Funde von Julianmünzen zeigen, wie er sich sogar für die Hebung des Geldverkehrs bemüht hat Aus Julians Zeit sind ganz unerhörte Mengen Gold-, Silber- und Kupfermünzen erhalten; also ließ er große Massen Geld prägen. Auch setzte er in jeder Stadt einen Beamten ein, der die Vollwertigkeit der Goldstücke durch Nachwiegen kontrollierte und die Geldwechsler beaufsichtigte; vgl. E. Speck, Handelsgeschichte III, 2, S. 998. . Auch für das Gesundheitswesen sorgte er und veranlaßte seinen Freund und Leibarzt Oribasius, der offenbar viel Muße hatte, aus der medizinischen Literatur planvoll Auszüge zu machen; das ergab ein zusammenfassendes Werk medizinischer Pandekten von Riesenumfang, das uns zu einem erheblichen Teil noch vorliegt. Julian hörte sich um dies und anderes gern loben, war sich aber seines allzu raschen Eifers sehr wohl bewußt und dankte seinen Freunden, wenn sie ihm mit Warnung und 243 Tadel gelegentlich dazwischenfuhren Julian S. 492, 17. Sehr bescheiden äußert er sich auch in der großen Epistel an Themistius, wo er an der Hand des Plato und Aristoteles zeigt, daß für das Kaisertum eigentlich nur ein Gott genügt; er rechnet darum auf die Hilfe der Freunde; »im übrigen wollen wir Gott allein danken und die Ehre geben, wenn alles gut geht.« . So entschloß er sich auch, wie einst Hadrian oder Mark Aurel, wieder geduldig mitten im Publikum als Richter zu wirken, ließ Kläger und Angeklagte ruhig auf sich einreden und gab dann die Entscheidung. Ammian liebt es, derartiges zu erzählen. Ein Mädchen ist entführt; den Verführer soll Todesstrafe treffen; Julian aber erkennt nur auf Verbannung und sagt, als man ihn darum tadelt: »Es ist das schöne Vorrecht des Herrschers, die Strenge der Gesetze durch Milde zu überbieten.« »Langsam bin ich im Strafen, langsamer noch nehme ich die Strafe zurück,« ist ein anderer Ausspruch in gleichem Sinne Julian S. 485. . Jemand wird ihm als staatsgefährlich denunziert, weil er sich einen Purpurornat aus Seidenstoff machen ließ. Gallus hatte auf solchen Fall den Tod gesetzt; Julian dagegen läßt dem Manne auch noch purpurne Schuhe aushändigen und sagt: »Was ist ein Kaiserrock ohne Machtmittel?« Ammian 22, 9, 11. Viele solche Dikta gingen von ihm um wie von Hadrian oder vom weisen König Salomo, die man fleißig sammelte. Man sollte nun meinen, daß Verwaltung und Rechtsprechung, eine Tätigkeit, die ihn im ersten Jahre seiner Herrschaft von Stadt zu Stadt führte, seine Zeit schon vollauf in Anspruch genommen hätten. Für ihn aber war es nur Nebenwerk. Er sann vielmehr auf große Politik und entwarf sogleich weitausgreifende Feldzugspläne. Der erste war der zur Rettung des Heidentums. Er vergaß seine Götter nicht. Der Religionskampf begann sofort, die große Defensive. Als »Julian der Apostat« steht dieser Mann im Buch der Geschichte. Was besagt das? Neue Götterbilder hat er nicht errichten lassen, Tempel höchstens restauriert, aber nicht neu gebaut, auch kaum ein christliches Bethaus je angetastet. Die Christen mochten bleiben, wie sie waren. Aber alle Heiden, die Constantius verbannt hatte, rief er allerdings in ihre Heimat zurück und hob die Staatsunterstützungen oder Privilegien wieder auf, durch die die Christen bisher einseitig bevorzugt 244 waren Julian S. 515 und Epistel 42. . Es war nur die Rettung und überdies die Veredlung des noch vorhandenen Götterglaubens, die er bezweckte Dabei erneut er nicht nur die anderen Gottesdienste, sondern auch die isthmischen Spiele: Julian S. 527 f. . Die Kopfzahl der Christen hatte sich in den Städten schon unter Constantin, dann unter Constantius unter der Gunst des Hofes gewaltig vermehrt; eine wachsende Verweltlichung und Verrohung ging damit Hand in Hand. Ob die Flut sich zurückstauen ließ, mußte die Zeit lehren. Sollte das aber gelingen, so mußte das Heidentum eine werbende Kraft entfalten und endlich auch eine einheitliche geistige Führung finden, die Methode der Christen befolgen, Proselyten machen. Das war noch nicht dagewesen. Es war hohe Zeit, damit zu beginnen. Die 100 000 gewaltsam geschlossenen Tempel wurden also jetzt auf einmal wieder aufgetan; die schweren Türen kreischten in den eingerosteten Angeln, und die öden Tempelhöfe füllten sich wieder, hörten wieder Flötenmusik und Prozessionschöre Julian läßt selbst Sänger aus Alexandrien kommen (S. 566). , sahen wieder den Opferrauch, der von den Altären in kräuselnden Wolken gen Himmel stieg. Der Kaiser selbst ging im Übereifer damit voran. Constantinopel sah ihn, als den Oberpontifex, gleich in den ersten Tagen die Altäre mit dem Blut von 100 schneeweißen Stieren netzen. Das geschah mehr als einmal Ja, er opferte täglich (S. 518, 7). Man erinnere sich dabei aber seines Ausspruchs (S. 276 f.): Hekatomben, ja Chiliomben sind nichts ohne Tugenden, die gottgewollt sind, ἀρεταὶ ὅσιαι . . Denn die Götter forderten die weiße Farbe, und man höhnte: gehe das so weiter, so werde es in ein paar Jahren kein weißes Rind mehr auf Erden geben. Erschien er zu solcher Handlung, so erscholl Applaus; die Menge war entzückt; aber er verbat sich das: »Wenn ich im Theater erscheine, dann ruft Beifall, so oft ihr wollt; im Heiligtum dagegen sollt ihr die Stille wahren, es sei denn, daß ihr den Göttern Beifall zollt. Aber auch die Ewigen bedürfen unseres Beifalls nicht.« Julian S. 588. Daß solche Opfer Volksspeisungen waren, ist schon gesagt. Seit einem halben Jahrhundert hatte man so etwas nicht erlebt, und die Sache wurde zunächst mißbraucht. Nicht nur Stiere, da gab es auch Schweine und Widder, ja, auch gemästete Vögel – eine reiche Speisekarte: für Julians Soldaten ein Schlemmen und Festessen. Auch Wein fehlte nicht. Es kam das erste Mal zu Ausschreitungen, die das fromm gemeinte 245 Werk schwer beeinträchtigten. Die Leute übernahmen sich bis zur Völlerei, und man mußte die sinnlos Betrunkenen über die Straße in ihre Quartiere schaffen. Die Rohlinge waren besonders von der Truppe der Petulanten und Celtae. Es machte den übelsten Eindruck. Aber der Vorgang wiederholte sich nicht. Auch sonst kam es zu Ausschreitungen. In Alexandrien hatte sich der Bischof Georgios bei den Heiden unsäglich verhaßt gemacht, weil er dem christlichen Kaiser Constantius als Angeber und Horcher alle Personen denunziert hatte, die in der Stadt noch heidnischen Gebräuchen frönten. Von einem der beliebtesten Göttertempel hatte er verächtlich gesagt: »Wie lange soll dies traurige Grabmal noch hier an der Straße stehn?« Kaum war Julian Kaiser geworden, da wird der Bischof aus seinem Palast geschleift und zerrissen. Die Christen verteidigten ihn nicht; so verhaßt war er auch bei den Christen. Ebenso elend kamen auch noch zwei hohe Beamte in Alexandrien um, die einen Altar umgestürzt oder Knaben, die zur Prozession dienen sollten, die langen Locken abgeschnitten hatten. Julian hörte das voll Entrüstung und wollte die Stadt schwer strafen; aber das war leichter gesagt als getan; seine Freunde besänftigten ihn, und er ließ es bei heftigen Drohungen bewenden. Es fiel auf, daß Julian, wenn er Recht sprach, jedesmal feststellte, ob der Kläger und der Beklagte Heide oder Christ sei. In seinem Urteil ließ er sich dadurch jedoch nie beeinflussen Ammian 22, 10, 2. . Es war der Versuch einer Religionsstatistik, so wie der Staat auch heute die Konfession jedes Bürgers aktenmäßig feststellt; sein offensichtlicher Zweck aber war dabei, über die moralischen Qualitäten der Leute Vergleiche anzustellen; denn er suchte immer neue Belege für seine Überzeugung von dem Tiefstand der Moral, der bei den Christen herrschte. Bei den Prozeßverhandlungen spielten alle Leidenschaften; da ließ sich das am besten erkennen. Seine Politik war wohldurchdacht. Sie richtete sich gegen die Ausbreitung des christlichen Glaubens, vor allem gegen 246 die Macht der Bischöfe. Er begann sofort damit, die Bischöfe des Orients aller Schattierungen vor sich zu zitieren und sie zu gegenseitiger Duldung zu ermahnen; jeder möge friedlich seines Glaubens leben. Das heißt: während Constantin der Große auf Unterdrückung jedes Schismas, auf Einigung der Christenheit drängte, wollte Julian ihre Spaltung fördern: divide et impera . Je uneiniger die Kirche, je ungefährlicher. Aber diese Politik konnte sich zugleich rühmen, die Glaubensfreiheit zu schützen; es war der liberale Geist, der das eingab. Sodann die Kirchenverfassung; durch sie hatte das Christentum seine großen Erfolge durchgesetzt. Das in sich zerspaltene Heidentum begann nun Julian gleichfalls zu organisieren und zu sammeln, religiöse Ortsgruppen oder Sprengel herzustellen, denen überall ein besoldeter Priester mit bischöflichen Vollmachten vorstand, und im Kaiser selbst gipfelte das Ganze. Bisher waren die Priester des Heidentums Laien, d. h. weltliche Personen aus zumeist vornehmen Familien, die nur nebenher dem Kultus oblagen. Jetzt sollte daraus ein geistlicher Stand von Männern werden, die ein unweltlich heiliges Leben führen, um als Muster der Sittlichkeit zu wirken. Der Kaiser entwirft für sie geradezu eine Ordensregel Gleich darauf schuf der Bischof Basilius der Große dann die Ordensregel für das Mönchsleben, derselbe Basilius, der in Cäsarea so große Einkünfte bezog, daß er damit dortselbst ein umfangreiches Armenhaus und Hospital gründen konnte. Julian aber schrieb seinen Priestern beispielshalber vor: sie sollen den Theaterbesuch vermeiden, in keiner öffentlichen Wirtschaft Wein trinken, keine Schimpfliteratur wie den Hipponax, auch keine Erotik lesen, den Marktplatz in den Städten nur betreten, um den Magistrat zu sehen oder Bedürftigen mit Rat zu helfen. Das prächtige Ornat sollen sie nur beim Gottesdienst tragen, im übrigen sich wie jeder Laie kleiden; denn es ist verwerflich, sich von der Menge bewundern zu lassen, usf. (S. 385–388). . Auch auf dem Lande soll der Gottesdienst gehoben werden Julian, S. 383, 5. . Aber noch mehr; die Armenpflege, das Hospizwesen, die wohlorganisierte Gastlichkeit war es, die dem Christentum so viele Proselyten zuführte. So stellt nun Julian im Einzelfall gleich 30 000 Scheffel Getreide und 60 000 Schoppen Wein zur Verfügung für die Armen sowie für Aufnahme der Personen, die heimatlos und fremd zugewandert in eine der Provinzen kommen Julian S. 553. . Gastlichkeit, Wohltätigkeit war freilich schon früher der höchste Ruhm der Griechen und Römer in den vorschriftlichen Zeiten gewesen; ja, diese Tugend stand damals moralisch höher als die der Christen, da sich die Christen damit einen Lohn im Himmel zu verdienen hofften, ein selbstisches Motiv, das bei den Heiden völlig fehlte Vgl. meine Römische Kulturgeschichte 3. Aufl. S. 151 f. . Aber dies Wohltun war bisher nur 247 Privatsache gewesen; auch scheint es im 3. Jahrhundert bei dem Verfall der großen Privatvermögen stark zurückgegangen zu sein Vgl. E. Speck, Handelsgeschichte des Altertums III, 2, S. 574. . Jetzt nahm der Staat die heidnische Charitas in die Hand. Das Wichtigste aber war das Unterrichtswesen. Auch den Schulunterricht hatten die Christen schon vielfach in Händen und lasen da mit den Jungen den alten Heiden Homer. Diese Schulen waren aber nicht etwa Privatschulen, sondern städtisch, von den Städten bezahlt; der Staat hatte also das Recht und die Pflicht, sie zu beaufsichtigen. Hier galt es vor allem eine feste Scheidewand zu errichten, Sonderung der Christen und Nichtchristen. Man begreift, daß die Kirchenväter Gift speien, wenn sie davon reden, und doch scheint uns die Sache selbstverständlich. Kein Christ soll also hinfort für Heidenkinder Schule halten können. Denn Homer und Herodot, die frommen Autoren, waren im Auge des damaligen Heiden durchaus heilige Bücher; nur der kann sie richtig auslegen, der an Homers Götter auch wirklich glaubt; andernfalls ist es Entweihung. »Mögen die Christen sich begnügen, den Matthäus und Lukas auszulegen.« So sagt Julian. Es ist just so wie heute, wo es als ungeheuerlich erschiene, wenn ein Protestant in einer katholischen Schule den Bibelunterricht übernehmen wollte. Julian ging aber noch weiter und wollte den Christen auch die geistigen Waffen entwinden, die sie sich durch das Studium der griechischen Philosophie und Rhetorik erwarben; denn Kirchenmänner wie Basilius und Gregor von Nazianz strömten eben damals zahlreich nach Athen oder Nikomedien, um dort den namhaften heidnischen Lehrern ihre Disputierkunst abzulernen. Mochten sie sich hinfort an der christlichen Universität, die in Alexandrien bestand, genügen lassen Vgl. Julian S. 609 (aus Sokrates III, 12). . Geistige Waffen! Es galt, zum Zweck der Propaganda nun aber auch noch die heidnischen Philosophen selbst mobil zu machen. Was das heidnische Landvolk glaubte, war dumpfer Aberglaube. Was sind Homers Götter in Wirklichkeit? Sie 248 sind nur Allegorien und haben einen tieferen Sinn Es ist dieselbe Kunst der Umdeutung der Mythen, die damals auch die christliche Kirche ausübte; man denke nur an das brünstige Hohelied Salomonis und seine geistliche Auslegung oder an Gregor von Nyssa, der damals das Leben Moses als Allegorie der zu Gott emporsteigenden Menschenseele umdichtete. ; es gilt endlich auch, die weiteren Kreise der Laien Denn es gibt auch im Heidentum Laien und Eingeweihte, ἰδιῶται und περιττοί , Julian S. 220, 18. hierüber aufzuklären, eine eigentliche heidnische Dogmatik zu schaffen, des Plotin und Jamblichus Lehre zu popularisieren; wir kennen sie schon, die Lehre vom Ureinen und Grundguten, von Helios, der die Güte der Himmlischen sichtbar darstellt usf. Sie vorzutragen und aufzufassen war freilich mindestens ebenso schwierig wie das Rätsel der christlichen Dreieinigkeit. Julians Freunde, die Theologen Priskus, Maximus und die anderen, sie alle sollten jetzt für die Sache ihr Bestes tun. Als Maximus, der ehrwürdige Jugendlehrer Julians, nach Constantinopel kam, um seinen Schüler als neuen Kaiser zu begrüßen, stürmte dieser, impulsiv wie immer, mitten aus der Ratssitzung nach draußen, um ihn zu umarmen und zu küssen. Man fand das, wie so manches an ihm, würdelos; denn man war das steifgebackene Zeremoniell des Kaisers Constantius gewohnt. Anders Julian. Er kannte keine Standesunterschiede. So ergriff nun auch sein Busenfreund Sallust alsbald die Feder. Ja, Julian tat es selbst, und zwar augenscheinlich besser als die anderen. Nicht nur als Soldat, sondern auch als Schriftsteller stellte er sich mitten in die Reihe der Kämpfer. Er wollte nichts Neues bringen; er wollte nur popularisieren Inwieweit Julian gleichwohl des Jamblichus' Götterlehre im einzelnen umgestaltet oder umgedichtet hat, ist aus G. Mau, Die Religionsphilosophie Julians (Leipzig 1908) zu ersehen. . Wir lesen sie heute noch, seine beiden lobpreisenden Andachtschriften über Helios und über die phrygische Göttermutter; in der zweiten wird der Auferstehungsgott Attis, der Liebling der Göttermutter, neugedeutet und schließlich mit Helios gleichgesetzt; sie selbst aber gilt als die heilige Allmutter der Welt, als Prinzip des ewig Weiblichen, das uns »hinanzieht« Das Hinanziehen drückt Julian S. 220, 4 mit ἀνάγεσϑαι aus und der ἄνοδος τῶν ψυχῶν S. 226, 25. Die Göttermutter ist ewig jungfräulich und doch Mutter von allem, S. 215, 17, und sie mahnt uns, zum Himmel, ja über den Himmel hinaus zu schauen, S. 227. 5. . Das ganze All ist voll Götter πάντα ϑεῶν πλήρη S. 230, 18. , so predigt Julian; gib ihnen dein Herz, deine Seele S. 230, 12. . Gott in sich aufzunehmen, das ist Heiligung ἁγιστεία ist das ϑεοῦσϑαι . , und die Tugend ist davon das Ergebnis; denn die Tugend ist Endzweck und Wirkung aller Frömmigkeit S. 219, 5. . Das Ziel alles sogenannten Philosophierens ist, daß wir gottgleich werden S. 292, 11; vgl. oben S. 216 . . Daneben stand Julians schneidende Kritik der christlichen 249 Dogmatik, sein umfangreiches Werk »Gegen die Galiläer«, das er jahrelang vorbereitete und erst in seinem zweiten Regierungsjahr fertigstellte Vgl. R. Asmus, Julians Galiläerschrift im Zusammenhang mit seinen übrigen Werken, Freiburg im Br. 1904. . Er sammelte und verschärfte darin, was schon andere vor ihm gegen die Bibellehre gesagt hatten; er tat es in dem Wahn, als ob sich ein Glaube überhaupt durch Verstandesgründe wegdemonstrieren lasse und als ob schließlich sein eigener Götterglaube nicht eben so leicht wie der biblische mit Gründen umzuwerfen gewesen wäre. Aber der Kaiser selbst war es, der in diesem Fall als Pontifex Maximus autoritativ das Wort ergriff; das war noch nicht dagewesen. Er versprach sich davon denn doch eine gewaltige Wirkung. Ein Monarch als Schriftsteller! Neben Friedrich dem Großen ist Kaiser Julian dafür das vielbesprochene Beispiel. Beide haben sich tatsächlich dauernd in der Weltliteratur ihren Platz erworben. Auch Verse haben beide geschrieben. Die Sache ist interessant genug; aber man darf die beiden nicht aneinander messen. Sie sind zu artverschieden. Julian schrieb nur als Jüngling, der Preußenkönig durch vier Jahrzehnte, noch als hochreifer Mann und noch als siebzigjähriger Greis. Friedrich hat nur ganz wenige Schriften selbst im Druck veröffentlicht, und diese nur für ein ganz enges Publikum, den »Antimachiavell« nur für Fürsten und Staatsmänner, die Kriegsmanifeste und politischen Flugschriften für den Kreis der europäischen Diplomaten. Das meiste verfaßte er nur rückschauend, betrachtend und ohne allen äußeren Zwang, indem er als der Mann »ohne Sorge« (Sanssouci) in bewunderungswürdigem Gleichmut und gänzlich leidenschaftslos aus dem, was geschehen war, für sich selbst die Lehren zog; zudem in französischer Sprache; der Trieb, die deutschen Volkskreise unmittelbar zu beeinflussen, lag ihm fern Eine berühmte Ausnahme macht nur Friedrichs Schrift »Über die deutsche Literatur«, in der er unter anderem über die Regelung unserer Schriftsprache handelt und das Unterrichtswesen in Deutschland gesteigert, erweitert wissen will. . Seine ganze Schriftstellerei ist nur wie ein großes Fazit der Vergangenheit, ein geistiges Testament, das er seinem Nachfolger auf dem Thron oder der weiteren Nachwelt größtenteils unveröffentlicht hinterließ. Julian dagegen schrieb unter dem Zwang der Lage und nicht rückschauend, sondern vorausschauend; er schrieb Propaganda und mit 250 Leidenschaft; er wirkte für den nächsten Augenblick; er war sein eigener großer Publizist und wollte augenblicks die Masse packen; er schrieb nur mit öffentlicher Adresse; er wollte anleiten, erziehen, bekehren, und zwar mit Ungeduld; rasch sollte es gehen. Es wäre daher auch höchst verkehrt, vom Standpunkt des Schulmeisters aus seine Erlasse und Ergüsse nach der Tiefe und Neuheit der Gedanken Nicht nur von der philosophischen Literatur, der zeitgenössischen und der älteren, ist er stark beeinflußt; auch aus solchen Autoren wie Lucian und Dio von Prusa schwirren ihm eine Menge Motive im Kopfe; vgl. z. B. R. Asmus, Julian und Dion Chrysostomos (1895). Julian selbst sagt freilich S. 280: »Ich bin Soldat und kann nicht viel in Büchern lesen.« Auch besteht die Bildung nach ihm (S. 544) nicht in der Kunst des Wortes, sondern im gesunden Sinn und im Wissen von Recht und Unrecht. Aber das betrifft nur die Schlußjahre; vorher trieb er ausgedehnteste Lektüre, genau so wie der junge Mark Aurel. , nach dem Grade der Formvollendung, die sie zeigen, einzuschätzen. Flotte Improvisationen sind sie zumeist, Momentserzeugnisse, so flüchtig wie der Augenblick, dem sie dienten. Oft täntelt er wie ein halbreifer Knabe; gewichtig aber wird jede leichte Zeile dadurch, daß eben der Kaiser selber, der über Heiden und Christen steht, sich vernehmen läßt. Er tritt von seinem Hochstand unter die Menge, klopft dem und jenem auf die Schulter und versucht zu überzeugen, wo er befehlen und drohen könnte. Schwer lastet auf seinem Herzen das Verantwortungsgefühl; so will er sich entlasten und zwar unausgesetzt und in Hast. »Atemlos« (er sagt es selbst öfter) schreibt er die Sachen in den Abendstunden, wo er endlich mit sich allein ist, nieder Vgl. Julian S. 231, 8; 273, 12. ; und er hat dabei etwas Suchendes. Er sucht jeden einzelnen persönlich zu fassen, eindringlich und wie im Gespräch, bald entsetzlich gelehrt und zopfig, bald phantastisch verstiegen, bald in gefühlvollem Pathos, jetzt scheltend, jetzt lockend, jetzt dankbar anerkennend oder auch warnend, das Kleinste wie das Größte bedenkend, rastlos und erstaunlich vielseitig und dabei fast immer freundlich und Freunde suchend, und das Gegenteil des Herrischen. Ein heller Klang der Humanität geht durch alles; etwas von den warmen Strahlen jenes Sonnengottes, an den er glaubte, ist darin. Das Zopfige liegt nur in einer gewissen Umständlichkeit seiner größeren Schriften, und es liegt in der Wut des Zitierens; er spritzt gleichsam unausgesetzt Zitate. Aber das war eben die üble Manier der Zeit; so wie man beim Lesen der beredten Schriften der damaligen Kirchenautoren immer über Bibelverse stolpert, so bei Julian über Homer oder Plato. Aber 251 auch eine gewisse Selbstgefälligkeit wirkt da mit ein, die Freude an der eigenen Überlegenheit. Eine naive Eitelkeit läßt sich an dem Schriftsteller Julian nicht verkennen. Bei alledem, wie langweilig sind neben ihm all die ausgefeilten Schriftstellergrößen jener Spätzeit, ein Libanius, Themistius, Himerius oder gar Jamblich. Das liegt schon an der Briefform, die Julian bevorzugt; und es ist eben alles bei ihm aktuell: keine abgelagerten Bücher vom Schreibtisch des Schulpedanten, sondern fliegende Blätter aus der Hand eines Mannes der Tat, dessen Größe im Steigen war und dessen Einfluß auf die Zukunft sich damals noch nicht ermessen ließ. Alles griff danach, und es war das siegreiche Christentum, das die Schriften des Apostaten hernach des Aufbewahrens für wert fand, so daß wir sie heute noch lesen können Themistius dürfte die Schriften nach Julians Code zuerst gesammelt haben. Sie liegen freilich unvollständig vor. Dann waren aber eben die Christen die Benutzer. Die Schrift gegen die Christen ist von der Kirche absichtlich unterdrückt worden. . Blicken wir denn flüchtig in sie hinein. Burschikos ist Julian oft, wo er tändelt oder gar in Gedichtform Rätsel aufgibt, zum Beispiel in dem Rätsel vom Centauren Ein Mann furzt ein Pferd, ein Pferd kotzt einen Mann; was ist das? ; für den Musikfreund interessant, wie er das Instrument der Orgel beschreibt, die damals noch etwas ganz Seltenes war Auch dies in Rätselform: Ich sehe Rohre; sie wachsen hoch auf, wie aus einem Ackergrund von Metall. Kein Wind bewegt die Halme; vielmehr zieht von unten her aus einem Blasebalg von Stierhaut ein Windstoß unter den Halmen hin, und ein schnellfingriger Mann tritt hinzu und berührt an den Flöten die Tasten, die zu hüpfen beginnen, und siehe: es tönt. . Einem Maler hat er gesessen; aber er tadelt ihn brieflich: »warum hast du mich so fremdartig posiert? Male mich, wie du mich siehst.« Sein kleines Gut bei Nikomedien, das er von seiner Großmutter hatte und wo er selbst einst als junger Mensch gelebt, schenkt Julian einem Freunde: »Darüber kann ich in Anmut mit dir reden.« Hören wir also, wie er es kurz beschreibt. »Das Gut liegt nicht hart an der See, und du trittst nicht auf Tang und Algen; kein Bootsmann und Handelsmann lungert da herum. Aber frische Fische kannst du da noch zappelnd lebendig täglich für die Küche haben. Steigst du auf den Hügel, so kannst du im Thymian liegend unter Taxushecken dein Buch lesen, und schlägst du dann die Augen auf, so gewahrst du fernab das Meer mit all seinen Schiffsmasten. Süßer Wein wächst da; ich habe ihn einst selbst gebaut. Er bringt nicht viel; denn ich trank ihn ja nur mit Wasser und hatte stets nur wenig Gäste. Aber schon die Traube am Stock hat 252 Blume und duftet wie nach Rosen. So nimm denn das Geschenk, geliebtes Haupt. Ich schreibe diesen Zettel schnell bei der Lampe. Suche darin nicht nach Fehlern, wie die Herren Literaten es gern untereinander tun.« Das liest sich wie ein Idyll. Andere Töne gibt es, wenn einem Sophisten, der mächtig groß getan hat, folgendermaßen über den Mund fährt: »Du bist nicht bange, sagst du? führst großspurige Reden wie: ›wenn du wüßtest, was für ein Kerl ich bin‹ und ähnliches. Potztausend, was für ein hohles Tamtamgerassel von Worten ist das. Von Tapferkeit hast du nicht mehr an dir, als ein Fisch Haare hat« S. 569 und 575. . Aber in ein ausführliches sophistisches Geplänkel läßt sich der Kaiser mit diesem Menschen trotzdem ein, und da wimmelt es nun auch von gelehrten Zitaten. So etwas ging dann in Abschrift im Publikum alsbald von Hand zu Hand. So auch des Kaisers Lobschreiben, und da ruft er dann: »Ich ärgere mich, daß ich in meinen Briefen so geschwätzig bin; die Leute laufen damit herum und prahlen« S. 592. . Ein andermal hat er über sich selbst geredet, daß er nicht nur für sich, sondern auch für alle anderen wache: »Da hab' ich dir etwas vorgeplappert (so unterbricht er sich), so recht wie ein Tapps; ich habe mich selbst gelobt wie Astydamas.« Der Adressat mußte hochgelehrt sein, um herauszufinden, wer mit diesem Astydamas gemeint sei. Sodann aber das wichtige Thema von der Privatwohltätigkeit. »Ich sperre den Mund auf vor Staunen,« sagt er aufgeregt, »wie die Leute sich von keiner Drachme trennen können S. 375. . Wir sind ja doch alle Verwandte, ob reich, ob arm, alle Menschen, einerlei, ob wir von einem einzigen Menschenpaare, wie man lehrt, abstammen (das geht auf die Bibellehre) oder von mehreren, oder ob heilige Blutstropfen vom Himmel fielen, aus denen die Menschen wurden. Von einem Paar aber? Das ist denn doch unmöglich; schon die Verschiedenheit der Sitten zeugt dagegen, ebenso die endlose Zahl der Menschen, auch wenn die Frauen wie die Säue geworfen 253 hätten S. 376. . Wozu nun aber das gierige Streben nach Geld? Auch der Adler wünscht sich keine goldenen Flügel, die Platane keine goldenen Blätter« S. 251, 13. . »Man verklagt (so geht es weiter) wegen des ungleich verteilten Reichtums die Götter? Und wenn sie Gold vom Himmel regnen ließen: die Leute kämen, stellten ihre Töpfe hin, um es aufzufangen, und stießen jeden andern weg, der es auch so machte wie sie. Darum nun also laßt uns mildtätig sein. Auch dem Feind gib Kleidung; denn man spendet dem Menschen, sofern er Mensch ist, man spendet nicht seinen Charaktereigenschaften. Und so soll man endlich auch für die Sträflinge sorgen, die im Gefängnis schmachten« S. 373. . Gelegentlich schlägt er echt lyrischen Ton an: »Wer Sehnsucht fühlt, wird schon an einem Tag ein Greis. Wie alt bin ich also geworden, da ich mich ganze drei Tage nach dir sehne!« S. 483. Oder: »Könnte ich mich selbst in einen Vogel verwandeln, flög' ich hinüber zu deinen Bergen. Nun aber komme ich auf Flügeln der Rede zu dir« S. 498. Die Briefe an Jamblichus sind unecht; darin steht (S. 563) eine ähnliche Wendung: »Deine Briefe fliegen zu mir wie die Schwalben, die den Frühling künden.« . Beredt äußert sich seine Verehrung für seine Lehrer, die er geliebtester Bruder nennt S. 483 und 596. . Mit des Maximus Briefen schläft er wie Alexander der Große mit Homers Ilias, um gleich beim Erwachen nach ihnen greifen zu können S. 494. . Er erzählt auch gern, und zwar Selbsterlebtes, so vom hercynischen Wald in Germanien, der undurchdringlicher sei als die Thermopylen S. 608. ; die Germanen selbst seien wie die wilden Tiere, aber sie schmeicheln und sie schmarotzen nicht, sondern verkehren mit mir wie gleich und gleich S. 463, 24. . Ein Märchen hat er über den Rheinstrom gehört, und er teilt es gutgläubig mit. Es ist die Probe auf eheliche Kinder. Die Germanin muß ihr Kind in den Rhein werfen; ist es ehelich geboren, so hebt der Fluß es auf seinen Wellen hoch und gibt es der zitternden Mutter wieder in die Hände; das unechte Kind dagegen versinkt S. 495. . Bedeutsamer und lehrreicher ist anderes, so sein Begräbnisedikt, das sich augenscheinlich gegen die Christen richtet. Bei 254 strenger Strafe befiehlt er, daß Leichen nur noch nachts zu bestatten sind. Warum? Der Tod selbst, sagt er, ist ja wie die Nachtruhe. Am Tag aber sind alle Gassen der Stadt voll Getriebe; die einen rennen zum Gericht, die anderen auf den Jahrmarkt; der Handwerker hämmert, und durch all das Leben soll der Tote wandern? Das ist unerträglich. Auch soll das Wehgeschrei des Gefolges nicht in die Tempelhöfe dringen, wo doch am Tage gebetet und geopfert wird S. 601. . »Ich sollte dir fluchen,« sagt er zu einem, der sich schwer vergangen, »aber ich tue es nicht. Auch die Götter fluchen nie. Nur beten steht uns zu, und so will ich mit dir zu den Göttern beten, daß du ungestraft bleibst für dein Unrecht«. S. 584. Eine heidnische Priesterin in der Stadt Pessinunt hat unter der Herrschaft des Christentums schwer gelitten. Julian tröstet die vornehme Frau mit warmen Worten und beehrt sie nunmehr mit einem doppelten Priestertum an zwei Heiligtümern der Stadt S. 501. . Bitter beschwert er sich über die christlichen Bischöfe S. 559 f. : »Ich schone sie, aber sie sind mir nicht dankbar, nein, nur noch aufsässiger werden sie. Sie dürfen dem Christenvolke jetzt allerdings nicht mehr befehlen, die Andersgläubigen zu steinigen oder den Staatsbehörden zu trotzen; wohl aber es zu Gebet und Andacht zusammenrufen, das dürfen sie. Aber auch die Heiden (fährt er fort) sollen nicht übermütig gegen die Christen sein; denn diese verdienen nur Mitleid, nicht Haß S. 562. . Das Christentum ist eine Krankheit, die man zu heilen suchen muß durch Belehrung, nicht Züchtigung S. 547. . Wer aber Christ war und dazu übergeht, mit den Heiden zu opfern, der soll sich zuvor wie ein Unreiner einer reinigenden Handlung unterziehen« S. 559. . Oft aber erhebt sich Julian auch zum Ton der Entrüstung: »Durch die Dummheit dieser Galiläer ging unser Staat fast zugrunde, durch der Götter Gnaden kommt uns die Rettung. Also wollen wir die Götter ehren und jede Stadt, in der es noch Frömmigkeit gibt« S. 485. . Unter dem Christen Constantius ging also der Staat fast 255 zugrunde. Damit ist der Staat erwähnt, und wir sind bei dem wichtigsten Punkte angelangt, dem Wohl des Reichs, um das sich schließlich alles dreht Julian sagt S. 531: »Der Mensch lebt kurz und nimmt darum mit dem nächsten Vorteil vorlieb; der Staat lebt ewig, und für ihn muß in alle Zukunft gesorgt werden.« und das auch für den Wert der Religionen im Auge des Staatsmanns der Maßstab ist. Und so lernen wir Julian schließlich auch noch als Historiker kennen. Er kannte die römische Kaisergeschichte genau; denn seine Amtsvorgänger waren ihm wichtig, und er hatte alle ihre Biographien gelesen. In einem lustigen Augenblick fiel ihm ein, die Kaiser einmal leibhaftig vorzuführen. Zur Zeit des Saturnalienfestes warf er eines Abends eine sogenannte Satire aufs Papier, die »das Gastmahl« heißt und, ohne übermäßig witzig zu sein, doch keck genug ihr Ziel verfolgt. Die Szene spielt im Himmel. All die römischen Kaiser werden aus dem Totenreich zitiert; denn sie sollen einmal im Himmel mit den Göttern die Saturnalien feiern. Man erwartet nun vielleicht allerlei derbe Lustigkeit; aber sie fehlt, und auch vom Schmausen hören wir nichts; denn die Götter Julians sind edel, aber nicht hungrig, und auch den Kaisern wird zu Nektar und Ambrosia keine Zeit gelassen. Sie müssen nur Rede stehen. Der alte Silen Dieser Silen ist der Sokrates des Himmels. ist zugegen, fixiert jeden der Kaiser, der herankommt, und macht seine Glossen; aber die Glossen Silens sind äußerst zahm. Wie er den Julius Cäsar sieht, sagt er nur voll Freude: »Der hat ja einen Kahlkopf wie ich selber.« Als Trajan erscheint, ruft er: »Zeus, hüte deinen Ganymed vor ihm.« Bei Septimius Severus aber erstarrt er vor Schreck und sagt kein Wort. Auch Diocletian ist zugegen, auch Constantin der Große. Wer von all den Cäsaren verdient nun dauernd im Himmel zu weilen? Das ist die Frage. Jeder von ihnen muß sprechen, sich rechtfertigen, das Motto seines Lebens sagen. Dem Constantin aber geht es übel; sein Motto lautet: »Reich sein! Reichtümer verschenken, meinen Begierden frönen!« Silen verhöhnt ihn: »Bankier wolltest du sein und warst doch zeitlebens nicht mehr als ein guter Koch und Vergnügungsrat.« Als endlich alles wieder auseinander geht, wählt Constantin die »Schwelgerei« als seine Lieblingsgöttin. 256 Da tritt plötzlich Jesus zu ihm und ruft: »Wer dem Laster gelebt hat, er sei, wer er sei, der komme zu mir, ich will ihn reinigen, indem ich ihn mit Wasser taufe« (wie überraschend und wie barock! Jesus im Olymp! es ist fast wie auf dem bekannten Klingerschen Gemälde). Mark Aurel aber trägt endlich über alle Kaiser den Sieg davon; er ist das Ideal Julians. Ihm allein wird gegeben, dauernd mit den Göttern zu tafeln. Nichts charakteristischer als diese Schrift! Denn sie zeigt; die Moral, nicht die Staatsklugheit, ist der Maßstab, an dem allein Julian den Wert all seiner Vorgänger mißt. Und daher erscheint hier auch Jesus. Jesu Lehre wird verworfen. Eben sie, die Lehre von der Sündenvergebung, ist es (so urteilt Julian), die an der Sündigkeit Constantins und aller anderen Christen die Schuld trägt, also Verderben schafft; denn sie ermutigt zur Sünde. Damit haben wir den Grund erfaßt, weshalb Julian »abtrünnig« wurde. Es war ein sittliches Motiv. Sein Leben war der Protest der griechischen Ethik gegen die Vergebungslehre des Christentums. Hiermit sind Julians Maßnahmen zum Schutz des alten Griechentums, zur Selbstverteidigung gegen die »Galiläer« dargelegt Wie Julian im Einzelfall vorging, zeigt auch noch sehr schön die Erzählung bei Theodoret I, 3: Ein junger Mann in Beröa in Syrien ist vom Christentum zum Heidentum übergetreten; er beschwert sich bei Julian, daß er von seinem christlichen Vater seitdem enterbt und verstoßen worden sei. Julian lädt den Vater, der ein Vornehmer der Stadt ist, zur Tafel und sagt: »Wie ich als Kaiser dich bei deinem Glauben lasse, so sollst du als Vater auch deinem Sohne Glaubensfreiheit gewähren.« Der Mann lehnt schroff ab; da erklärt Julian dem Sohne: »Wenn dein Vater dich verstößt, so will ich an Vaters Statt für dich sorgen.« , aber noch nicht alle; es gab noch eins. Julian sah sich auch noch nach Verbündeten gegen die Christen um. Es gab ja noch eine dritte Religion, die der Juden. Auch die Juden sollten helfen. So wurde Julian entschlossener Philosemit. Mochten die Juden sonst Törichtes lehren; er wollte gleichwohl ihr Volksbewußtsein heben und faßte sogar den originellen Plan, sie wieder in Palästina anzusiedeln. Die Christen waren unrassig international und verständigten sich auch mit Persern und Germanen, sobald diese nur Christen wurden. Die Juden dagegen (so verkündigte er laut) sind eine achtbare Nation, die auch in der Zerstreuung in großartiger Weise die Volkstreue bewahrt hat; sie sterben und hungern für ihren Glauben; das kann uns ein Vorbild sein Julian S. 585 und 512. . Ihr Judengott ist also ein rechter Nationalgott, er ist dem Jupiter Roms artgleich und nah verwandt; ihm gebührt also 257 Verehrung. »Werdet unser Bundesgenosse,« ruft er. »Ich verbrenne im kaiserlichen Archiv alle Erlasse, die jemals Nachteiliges gegen euch bestimmt haben; ja, den Tempel Salomos selbst will ich in Jerusalem wieder aufbauen.« Der Entwurf zu diesem Tempelbau wurde in der Tat sofort gemacht Vgl. Julian S. 379, 26. Der Entwurf mußte fertig vorliegen, wenn, wie Ammian erzählt, für die Fundamente der Boden in Jerusalem schon gegraben wurde. . Dies war Zionismus, wie man ihn jetzt in unserer gegenwärtigsten Gegenwart, im 20. Jahrhundert, wieder aufnimmt, und das Ganze genial gedacht. Denn ein wiederhergestelltes Judäa mit dem Tempel Jehovas als Zentrum der Frömmigkeit mußte damals dem Christentum ungeheuren Abbruch tun. Jesus hatte dann über Jerusalems Untergang umsonst geweint, Titus den hohen Tempel umsonst zerstört. Das Alte Testament wurde zum Gegner des Neuen. Heidentum, Christentum, Judentum: ihr Ringen sollte ein rein geistiges sein. Julian wollte keine Gewaltmittel Julian hat nur den Athanasius verbannt; sonst wissen wir von keinem Gewalteingriff. Was die Kirchenautoren später von einer Julianischen Christenverfolgung melden (vgl. Gregor von Nazianz, Orat. III und IV und Theodoret I, 3), ist als Geschichtslüge längst nachgewiesen (vgl. R. Asmus, Zeitschr. f. Kirchengeschichte, 31, S. 325 ff.). Sonderbar schien nur sein Verhalten gegen den Bischof von Bostra (Epistel 52). Dieser suchte sich bei Julian einzuheben durch die Mitteilung, er habe seine Gemeinde von der Plünderung der heidnischen Tempel abgehalten. Julian forderte danach die Gemeinde auf, diesen Bischof fortzujagen, da er sie bei ihm der Plünderungssucht verdächtig mache. Darin sehen manche eine Perfidie des Kaisers; sein Appell war aber vielmehr vollberechtigt; denn er wußte aus Erfahrung, daß, wenn Plünderungen vorkamen, stets die Bischöfe das ruhige Volk dazu aufgehetzt hatten. Das Volk war also auch in diesem Falle gewiß ebenso schuldlos gewesen, hatte an Gewalttaten nicht gedacht, und der Bischof hatte sich nur auf Kosten der Gemeinde bei Julian beliebt machen wollen (irrig hierüber Negri S. 315 ff.). und war gewiß, daß dies Prinzip, auch nur in einer zwanzigjährigen Regierung durchgeführt, sich bewähren würde, der Sittlichkeit der Menschheit zum Heile. Denn auf die Sittlichkeit allein kam es schließlich an. Nur um das Gute und Reine im Menschen zu fördern, setzte sich Julian für die neuplatonischen Götter ein. Mochte also auch die Christenheit sich wieder auf die sittlichen Ideale ihres Meisters zurückbesinnen, wenn sie jetzt, statt zu herrschen, neu zu kämpfen hatte. Alles das war das Werk eines Jahres. Die Wirkung der getroffenen Maßnahmen abzuwarten erforderte Geduld. Jahrzehnte mußten darüber vergehen. Es hatte also für Julian keinen Zweck, noch länger in Constantinopel still zu sitzen, und der Kampf der Geister genügte ihm nicht. Er wollte Krieg, Perserkrieg. Er hatte sich ja als Meisterstratege bewährt, und König Sapor war noch nicht gedemütigt. Sechzig Jahre hatte der Perser am Tigris frech geschaltet Ammian 22, 12. , und das Römerblut, hieß es, ist noch nicht trocken am Perserschwert Ammian 23, 5, 20. . Es galt, Persien endlich zu strafen, und Julian wollte damit nicht zögern. Das Vorbild Alexanders des Großen steckte ihm im 258 Kopfe Man hat es als planlos getadelt, daß Julian in seiner Satire »Das Gastmahl« mitten unter den Kaisern Roms auch Alexander den Großen als Wettbewerber auftreten läßt, als wäre er ihresgleichen. Aber man muß das aus dem Moment heraus verstehen, in dem Julian das schrieb. Sein Kopf war eben damals ganz von persischen Plänen, also auch von Alexander, erfüllt. Daher läßt er ihn im Himmel große Worte reden: »Kein Kaiser Roms hat es mir bisher gleichgetan.« Darin spürt man den ehrgeizigen Pulsschlag Julians. Die Aufgabe blieb für Rom noch übrig. . Alexander war bis nach Indien gedrungen. Konnte er es ihm nicht nachtun? Es war nicht nur Ehrgeiz; auch schwerwiegende finanzielle Gründe sprachen mit. Der Reichsschatz war leer; die Vorgänger hatten das Geld sinnlos verschleudert, und Julian selbst hatte kein Hausvermögen; Persien aber strotzte angeblich von Reichtum. Er wollte Persien nicht etwa unterjochen und dem Reich angliedern, aber doch es tributpflichtig machen, ein Plan, der über alles Dagewesene hinausging. Jährlich sollte hinfort der Tribut von dorther fließen, um Roms zerrütteten Finanzen aufzuhelfen Der Brief 75 an Basilius (S. 596 f.), der uns dies sagt, ist zwar unecht, aber früh dem Julian untergeschoben; schon Sozomenos kannte ihn (vgl. W. Schwarz, De vita et scriptis Juliani , 1888, S. 35), und was er über Julians Pläne und Motive aussagt, ist vollkommen glaublich; denn es wird durch Ammian 24, 3, 4 vollauf bestätigt. Auch Libanius sagt S. 610, 3, daß Indien Julians Ziel war. . Dazu aber war nötig, Sapor selbst in seiner fernen Hauptstadt Ekbatana zu fassen. War Julian soweit, so stand ihm auch Baktrien bis Indien offen. Es hatte also seinen Grund, wenn er sich Alexander zum Vorbild nahm. Die Grenzwehr an der Donau hatte er sorgsam verstärkt, Thrazien, Constantinopel gegen Feinde gesichert. Er hatte freie Arme und sein Heer stand kampfbereit; besonders begeistert die aus Gallien mitgebrachten Truppen Ammian 23, 5, 24. . Sie wollten endlich schlagen. Gleichwohl galt es, den schwierigsten aller Feldzüge auf das umsichtigste vorzubereiten, und es verstrichen doch noch Monate. Langsam zog er durch das weite Kleinasien von Stadt zu Stadt; denn das Land sollte seinen neuen Kaiser kennen, bevor er, wer weiß, für wie lange? jenseits des Tigris verschwand. Überall suchte er in der Art Hadrians persönliche Anknüpfungen und bemerkte gelegentlich mit Staunen, wie wenig Leute zum Beispiel im Land Cappadocien sich noch voll und ganz zum Heidentum bekannten S. 484. Julian sagt da freilich nur, daß wenige sich dort zum »Opfern« bereit finden. Übrigens gab es gewiß noch Männer genug, die der christlichen Kirche sich fernhielten, aber den Opferritus nicht mitmachen wollten. Vergeblich war aber auch sein Religionsgespräch in Beröa (S. 516, 12). . Aber es verstand sich von selbst, daß sich im Verlauf eines Sommers und Winters die religiösen Verhältnisse nicht verschieben konnten, zumal Julian nie drohend auftrat, sondern nur überreden wollte. Erfreulicher war für ihn zunächst der Eindruck, als er in Syriens Hauptstadt Antiochien einzog, wo einst sein Bruder Gallus gehaust hatte. Da schlugen schon von weitem ihm wohlbekannte Klagechöre an sein Ohr; denn man beging an jenem Tage mit viel Geräusch das Adonisfest. Es gab dort also noch 259 wirklich ein reges Heidentum. Dann aber geriet er mit der Stadt in leidigen Konflikt. Eine große Dürre hatte die Ernte ringsum vernichtet; Teuerung, Mangel an Brotkorn, Hungersnot war die Folge. Julian läßt große Zufuhren aus Ägypten kommen; aber die Spekulanten kaufen sie auf und geben das Korn nur zu Wucherpreisen ab. Julian ergrimmt, setzt zugunsten des Volkes Höchstpreise an; da verschwindet die Ware völlig vom Markte, und das Übel wird nur größer. Das Volk schmäht ihn, den kleinen Mann mit dem Ziegenbart, der immer so große Schritte macht. Das war eigentlich die erste große Enttäuschung des Optimisten. Aufs höchste verstimmt verließ er die Stadt Darauf schrieb er sein Pamphlet, den »Barthasser« (Ammian 22, 14), in welchem er die faulen Sitten der Antiochier geißelt und verhöhnt und sein eigenes Verfahren mit Eifer rechtfertigt: ein für uns heute seltsames Vorgehen. Die Antiochier werden die Achseln gezuckt und sich schwerlich gebessert haben. . Knickend war für ihn auch, daß damals der wunderherrliche Apollotempel in Daphne bei Antiochien mit seinem Riesengottesbild in Flammen aufging. Der Tempel hatte altes Gebälk, das sich leicht entzündete, war aber kurz zuvor zum Ärger der Christen mit einem neuen prächtigen Säulenhof umgeben worden. Julian selbst kam zur Brandstelle. Die Christen mußten schuld sein. Peinliche Untersuchungen folgten. Es ließ sich nichts beweisen Merkwürdig ist, daß gleichzeitig auch in Rom der palatinische Apollotempel in Brand aufging. Die berühmten sibyllinischen Bücher wurden mit Mühe gerettet: Ammian 23, 3, 3. . Auf alle Fälle schloß Julian zur Vergeltung die Hauptkirche der Christen in Antiochien, aber er zerstörte die Kirche nicht Ammian 22, 13. . Sein zielsicherer Geist aber ließ sich durch nichts beirren. Er glaubte zwar an allerlei Orakel Über Orakel, Verkehr mit den Göttern vgl. Julian S. 536. und fragte auch oft die Eingeweideschauer nach der Zukunft; aber er beachtete ihre Aussprüche im Grunde nur, wenn sie günstig lauteten. Das betraf sogar die sibyllinischen Bücher; warnten sie ihn, so tat er trotzdem, wozu ihn der Geist trieb. Der Frühling kam. Jetzt konnte der Krieg beginnen. Seiner Position im Reiche war er völlig sicher; kein Usurpator würde sich hinter seinem Rücken erheben; die Bischöfe grollten ihm, aber sie waren machtlos und konnten ihm den Purpur nicht rauben. Kaum fünfzehn Monate waren seit des Constantius Tod vergangen; nur so kurze Zeit hatte Julian bisher im Frieden gewirkt; da verließ er, am 4. März 363, Antiochien, nachdem seine Truppen schon vorher an 260 verschiedenen Stellen den Euphrat überschritten hatten Ammian 23, 1 und 2. . Mochten seine Freunde, sogar Sallust, den Feldzug mißbilligen Sallust schrieb ihm einen warnenden Brief. , irgendein Kriegserfolg war ihm sicher. Und die Ereignisse gingen nun rasch. Er führte an die 100 000 Mann über Carrä zum Oberlauf des Euphrat und Tigris. Auch der König von Armenien leistete Heeresfolge. Aus dem wilden Hochgebirge wälzen die beiden Ströme sich, wie jeder weiß, fast parallel nach Süden, um sich erst spät in Mesopotamiens weiter Fruchtebene zu treffen. So bildet Julian nun zwei Armeen; die erste führt er persönlich am Westufer des näher gelegenen Stromes, des Euphrat, hinab, um hernach überraschend mit Schwenkung gegen den Tigris vorzustoßen; die zweite, von den Heermeistern Prokop oder Sebastianus geführt, soll dagegen mehr östlich dem Lauf des Tigris selber folgen, um den Feind, wenn Julian am Tigris kämpfen wird, rechtzeitig in der Flanke zu fassen. Uns muß es genügen, hier nur Julians erste Armee zu begleiten; mehrere Historiker hatte der Kaiser da bei sich im Hauptquartier, die den Feldzug sogleich beschrieben haben Vgl. Klotz, Rhein. Mus. 71, S. 461 ff. . Er selbst ritt auf seinem Hengst, der der Babylonier hieß. Übrigens glitt neben seinen marschierenden Truppen auf dem Wasser des Euphrat eine stolze Flotte von 1100 Schiffen stromab, die Proviant und Belagerungsmaschinen führte. Zur Sicherung wurde in Karrees marschiert, und 1500 Mann patrouillierten vorauf. Die Kunde von dem Zug drang bis nach Arabien, und Sarazenengeschwader ritten heran, deren Häuptlinge dem Julian knieend eine goldene Krone brachten Er hatte Zuzug von den Sarazenen gefordert (Julian S. 519, 5). . So geht es zunächst durch das schöne assyrische Land, an zahlreichen Kastellen vorüber. Seine Soldaten entdecken einen gewaltigen Tierpark des Perserkönigs und erlegen da zur Kurzweil Löwen und Bären. Dann beginnt der Kampf; es beginnen die Erfolge. Die Festung Pirisobara fiel zuerst, wo sich Julian mitten im Hagel der Geschosse persönlich auf eines der Stadttore stürzt, um es zu sprengen. Ein Riesengeschütz wird aufgebaut; das 261 bringt die Entscheidung: am Seil läßt sich der feindlich Kommandant von der hohen Burg herunter, um sie auszuliefern. Aufregender war die Einnahme der festen und reichen Stadt Maogamalcha. Auch hier wagt der Kaiser sein Leben; er rekognosziert selbst mit seinem Stabe; da brechen unversehens aus einem Mauerschlitz mit gezücktem Säbel Perser hervor, und er muß sich wehren. Einer gegen zwei: mit dem Schild pariert er den Hieb des ersten und stößt gleichzeitig den anderen glücklich nieder. Er schien wie gefeit gegen das Unglück. Die Stadtmauer wird sodann unterminiert. Als es Nacht wird, läßt Julian von allen Seiten Sturm laufen und schickt zugleich durch den Minengang Legionäre vor, die mit dem Schrei »Julianus Augustus!« ins Innere dringen. Ein entsetzliches Blutbad folgte. Es ging alles nach Wunsch. Dann aber murrten seine Leute. Denn Julian verteilte nur allzu dürftige Geldgeschenke. Da sprach er zum Heer in seiner offenen Weise: »Ich bin Kaiser, aber ich bin arm und kann nicht mehr geben. Genügt euch ein solcher Kaiser nicht, so wählt euch einen besseren. Wir kommen nach Persien; das soll euch bezahlt machen. So viel ihr Beute macht, sie soll euer sein.« Die Verstimmung war damit wirklich vollständig beseitigt. Es klingt fast bizarr, wenn wir hören, daß Julian selbst in solchem Fall von den feindlichen Schätzen sich nur drei Goldstücke nahm, überdies einen anmutigen, taubstummen Knaben, der sich gut auf Pantomime oder Zeichensprache verstand Ammian, 24, 3, 4. »Ich bin ein schlechter Bankier und Geldmann,« sagt Julian selbst S. 373, 25. . Mit dem Fall der Stadt Maogamalcha war nunmehr das östliche Euphratufer forciert, und Julian schwenkt jetzt gegen den Tigrisstrom ein; er rückt ostwärts gegen die persische Königsstadt Ktesiphon. Ein trockengelegter Kanal, der in früheren Zeiten dort Euphrat und Tigris verbunden hatte, wird wieder schiffbar gemacht; auf ihm führt Julian seine 1100 Schiffe in den Tigris über. Da liegt das gewaltige Ktesiphon. Drohend sieht es von jenseits des Tigris auf ihn herab. Auch Palisaden deckten das feindliche Ufer; ja, auch Sapors Heer stand da kampfbereit. 262 Es muß zur Schlacht kommen. Wie also angesichts des Feindes den Fluß überschreiten? Der Kriegsrat sagt: unmöglich! Julian aber sendet trotzdem nachts Schiffe gegen das feindliche Ufer; es waren zunächst nur wenige Wenn Ammian »fünf« sagt, so ist das nur eine Pauschzahl; vgl. Rhein. Museum 70, 255 ff. . Gleich fliegen Brandpfeile, und die Schiffe brennen. Julian ruft. »Seht ihr die Flammen? sie zeigen euch die Richtung. Die ganze Flotte soll nachsetzen.« Es geschieht, die vielen Schiffe bilden eine Brücke, bis nach drüben, und das Heer kann hinüber. Schon ist im Nahkampf das steile Ufer erklommen, und die ersehnte Feldschlacht beginnt. Julian wieder mitten inne. Vor allem seine gotischen Truppen bewähren ihre Stoßkraft. Nach zwölf Stunden hat er den glänzendsten Sieg errungen gegen Panzerreiter und Elephanten, und die Tore Ktesiphons nehmen die fliehenden Perser auf. Es ist Ruhetag. Zum Dank für den Sieg will er dem Gott Mars zehn Stiere opfern. Da gab es ein böses Omen; denn die Tiere standen nicht ruhig, sie sträubten sich, wälzten sich am Boden. »O Jupiter!« ruft Julian grollend, »nie werde ich dem Mars wieder Opfer bringen!« Nie? Das Wort sollte in anderem Sinne wahr werden, als er meinte. Es war jetzt Ende Mai. Die tropische Hitze begann. Sollte sich Julian nun mit der Belagerung Ktesiphons aufhalten? Das hätte Monate gekostet. Sein Zweck war, wie wir sahen, den Perserkönig bis zur Unterwerfung zu bringen, ihn tributpflichtig zu machen. Also mußte er ihn suchen, ins Innere Persiens selbst vordringen (was bisher noch kein Kaiser getan), auf Ekbatana marschieren, den Weg Alexanders gehen. Ein Mißstand war nur, daß die zweite Armee, die Prokop führte, bisher ausblieb. Julian war über sie ohne Nachricht. Auf alle Fälle würde sie ihm den Rücken decken. So verließ Julian etwa am 3. Juni das Tigrisgebiet. Für zwanzig Tage nahm er Proviant mit. Eine siegesgewisse Stimmung herrschte. Zuvor aber beging er das Erstaunliche, seine Flotte zu verbrennen. In die tausend Schiffe auf dem Tigris ließ er auf einmal Feuer werfen; sonst wären sie der 263 persischen Besatzung Ktesiphons in die Hände gefallen. Die Lohe schlug hoch. Das Heer sieht es mit Bestürzung und ist außer sich; denn für den Fall des Mißlingens, des Rückzugs, war die Flotte unentbehrlich. Julian aber dachte nur an Sieg. In der Richtung nach Nordosten zog er durch üppig bebautes Land, einen der Nebenflüsse des Tigris hinauf. Den Sonnenverehrer zog es magisch nach Osten, weiter, weiter. Denn im Osten war gleichsam die Heimat, war die Wiege des Gottes Helios; aus dem Osten steigt er noch heute täglich über die Erdenwelt Charakteristisch ist, daß Julian, ehe er gegen Persien auszog, den Mons Casius bestieg, um von da den heiligen Aufgang des Helios zu sehen (Ammian, 22, 14, 4). Man glaubte, daß der Gott aus dem Indischen Ozean täglich aufstieg; daher ist der Indische Ozean heiß von der glühenden Sonne: Ammian, 23, 6, 12. . Da brachen plötzlich all seine Hoffnungen zusammen, und ihn selbst wie sein Heer befiel das Entsetzen. Auch der Feind griff zum Feuer; er verbrannte alle umliegenden Ortschaften, alle Felder, alle Feldfrucht, alle Saaten. Weithin stiegen die heißen Qualmwolken hoch; und die Öde drohte, das Verlechzen. An weiteren Vormarsch war nicht zu denken. Es war, als hätte Julian selbst dem Feind den Gedanken eingegeben; auf die brennende Flotte antwortete jetzt das brennende Land. Wir wissen es von Rußland: Länder mit weiter Flächenausdehnung sichern sich vor Invasion durch Selbstzerstörung. Was nun? Es ging ein Riß durch Julians Hirn. Auch Alexander hätte in solchem Falle zurück gemußt. Zurück! Sein ganzer großmächtiger Plan war zerstört. Er war immerhin Sieger, seine bisherigen Erfolge unbestreitbar; aber er mußte sich mit ihnen begnügen. Zurück! Das wichtigste war, sich vor dem Verhungern zu retten. Etwa zehn Tage waren seit dem Aufbruch vom Tigris vergangen. Jetzt galt es, denselben Strom möglichst rasch in kürzerer Strecke, und zwar in mehr nördlicher Richtung, wieder zu erreichen, ein Marsch in tropischer Sonnenglut, ohne die Möglichkeit des Fouragierens; der vorrätige Proviant war nur zu bald aufgezehrt; und sogleich zeigten sich die Reiterschwärme des Persers. Der Feind will eine Schlacht, Julian verhindert es, und man gelangt so, ständig kämpfend, wirklich schon in die Nähe des Tigris. Da versucht der Feind, Julian zu 264 umfassen, vom Tigris abzuschneiden, und es kommt am 22. Juni wirklich zur Schlacht, ein hochkritischer Tag. Panzerreiter, Elefanten fehlen auch jetzt nicht. Zwei Söhne des Perserkönigs kommandieren, aber Julian siegt auch jetzt wieder glänzend; er wählt eine sichelförmig eingebogene Schlachtfront, und seine vorspringenden Flügel bringen die Entscheidung. Darauf drei Tage Rast. Das Hungern aber beginnt im Heere schon fast unerträglich zu werden. Der für die Offiziere vorgesehene Proviant wird schon an die Gemeinen abgegeben. Julian selbst, mäßig wie immer, läßt sich einen Mehlbrei bereiten, den er in seiner niedrigen Baracke einnimmt. Er verschmäht alle Leckerbissen seiner Hofküche. Aber der Tigris war ja nahe; am Tigris war man gewiß, sich wieder schadlos halten zu können; und da mußte auch endlich Prokops zweite Armee zu ihm stoßen. Die Nacht setzt ein. Julian legt sich schlafen. Ein seltsam unheilvoller Traum befällt ihn. Welches Unheil droht? Er springt beunruhigt vom Lager, stürzt aus dem Zelt und starrt zum Nachthimmel auf, nach den ewigen Sternen, die da stehen und glühen wie eine goldene Schicksalsschrift Gottes. Da fällt ein Stern mit grellem Licht, zieht einen breiten Streifen über den Himmel und verlischt. Ein unheilvolles Omen auch das! Der Morgen bricht an. Soll er Befehl zum Aufbruch geben? Aufbruch bedeutet erneuten Kampf. Die Zeichendeuter raten ab; sie glauben an das Omen. Aber die Lage drängt, und Julian gibt trotzdem den Befehl. Von persischen Reitern dicht umschwärmt und ständig beschossen marschieren seine Truppen im losen Karree. Plötzlich hört der Kaiser, der an der Spitze reitet, der Nachtrupp werde in ein Handgemenge verwickelt. Er trug nur seinen Schild; sonst war er unbewaffnet, hatte auch seinen Harnisch noch nicht angelegt. Im Gedränge ließ er auch noch den Schild fallen Scuto inter tumultum abrepto ist bei Ammian 25, 3, 2 überliefert. . So ritt er nach hinten. Da heißt es, daß auch schon im Vortrupp gefochten wird. Er will wieder dorthin, als auch gegen die Mitte feindliche Panzerreiter vorstürmen. Auch 265 Elefanten kommen, vor denen die Pferde scheuen, da sie den Geruch und das wilde Zischen oder Trompeten der Riesenbestien nicht ertragen. Julian ist mitten im Getümmel; die Verwirrung aber dauert nicht lange. Er sieht: seine Römer dringen schon wieder vor; die Perser wenden den Rücken, und er hebt froh die Hände hoch: »Sie fliehen! Jetzt nachgesetzt!« Die Leibwächter mahnen, er soll vor der Wucht der fliehenden Haufen ausbiegen (es war, heißt es, so, als sollte ein Dach über ihm einstürzen); da fliegt aus irgendeiner Richtung eine Reiterlanze. Julians Arm wird gestreift; die Waffe dringt ihm weiter in die Weichen, in die Leber. Er reißt die Lanze sich selbst heraus, zerschneidet sich dabei die Finger, stürzt jählings vom Tier, wird ins Zelt getragen, die Ärzte kommen. Der Schmerz läßt bald nach. Er verlangt nach seinem Pferd, nach seinen Waffen, um gewaffnet wieder in der Schlacht zu erscheinen, um den Mut der Seinen zu heben. Aber der Blutverlust war zu stark. Die Schwäche wächst. Er liegt wieder auf seinem Lager und erkennt plötzlich, daß er sterben muß. Die Schlacht geht draußen weiter; die Wut der Römer ist neu entbrannt. Von seinem Bett aus hört er das rasende Schreien, das Rosseschnauben, das Stöhnen der Fallenden, das Pfeifen der Elefanten. Als der Abend kam, kann man ihm melden: die Perser sind geschlagen; fünfzig Vornehme und Satrapen, unzähliges Perservolk bedeckt die Walstatt. Julian aber stirbt. Es ist zu Ende. Der Stern, der des Nachts gefallen, der fallende Stern war Julian. Er siegte noch im Sterben, so wie er auch im Leben keine Schlacht verloren hatte. Sein Bewußtsein schwand noch nicht; er konnte seinen letzten Willen noch aufsetzen und fand noch die Kraft, im Gespräch sein Herz aufzutun. Seine letzten Äußerungen sind uns überliefert; sie sind leider theatralisch zurechtgestutzt, und das, was ihn im Innersten bewegte, kommt darin nicht zum echten Ausdruck. Das schmerzhafte Wort »so früh«, die gerechte Wehklage 266 sterbender Jünglinge, stand auch auf seinen Lippen. Er war jetzt zweiunddreißig Jahre alt. Dann aber hören wir nur den überlegenen Heldenton des standhaften Mannes: »Solch früher Tod ist ein Geschenk und ein Ehrenpreis, den die Himmlischen uns zahlen, wenn wir fromm sind. Ich danke ihnen, daß ich ihn in ehrlicher Schlacht und nicht durch Mord gefunden Schon diese Worte beweisen zur Genüge, daß der Verdacht, ein Römer oder gar ein Christ habe den Lanzenstich ausgeführt, unbegründet ist. . Feige ist, wer sterben will, feige aber auch, wer nicht zu sterben bereit ist. Wer aber soll mein Nachfolger sein? Ich schweige. Die Wahl ist zu schwer. Mögt ihr Freunde den Tauglichsten selber finden.« Er fragte nach seinem Kanzler Anatolius und seufzte schwer, da er hört, daß er tot sei. Da bricht alles um ihn in Tränen aus, und er tadelt: »Ihr sollt nicht weinen.« Dann treten endlich seine geistlichen Berater, Maximus und Priskus, an ihn heran, und er versinkt mit ihnen in die abgrundtiefen Fragen nach den himmlischen Dingen und der Seligkeit. Mitternacht ist da. Seine Stimme versagt. Er bittet noch um einen Trunk Wasser und ist sanft verschieden. Kein Wort über die Christen. Das berühmte »Du hast gesiegt, Galiläer!« hat er nie gesprochen Vgl. Willibald Schmidt, De ultimis morientium verbis , Marburg 1914, S. 35. . Ibsen hat sich dieses erfundene Wort in seinem auch sonst wenig glücklichen Schauspiel »Kaiser und Galiläer« natürlich nicht entgehen lassen. Julian war nicht der Mann, sich für besiegt zu erklären. Ob er aber trotzdem in Wirklichkeit nicht tief erschrak über den raschen Ausgang? nicht tief enttäuscht seines Gottes Helios gedachte? Seine geheimsten Gedanken begrub er in sich. Gott Helios, an den er glaubte, hatte sein Wort nicht gehalten! Zur Verteidigung der Götter hatte ihn Helios berufen und nahm ihn schon jetzt, da das Werk kaum begonnen, hinweg. Das Gebot war sinnlos ohne ein langes Leben. Er durfte nicht sterben. Wer sollte das Werk vollenden? Es starb mit ihm, und all sein redlicher Eifer war vergebens. Warum schonte er sich nicht selber? warum warf er sich überall so tollkühn in die Gefahren? als bloßer Affe Alexanders? weil auch Alexander von der Mauer allein mitten unter die 267 Inder sprang und seiner vielen Wunden sich rühmte? Das ist keine Erklärung; denn Schlagkraft und Nervenstärke läßt sich nicht nachahmen. Ein fieberndes Temperament, das echt war, wirkte in diesem Menschen, der unbezwingliche Trieb, allemal rasch selbst einzugreifen, so als kämpfender Schriftsteller wie als Soldat. Denn ein halber Mensch ist, wer auf die anderen wartet Das Risiko machte ihn kühn, sagt Ammian, 21, 10, 1. . Und er sah davon die Wirkung. Seine Truppen, vor allem seine Goten riß das hin; denn auch bei den Germanen kämpften die Heerkönige ja stets voran; Julian tat es ihnen gleich, und er glaubte instinktiv, alle unheilvollen Omina mißachtend, die Götter, die ihn auf Erden so dringend brauchten, würden ihn nicht hinwegnehmen. Er durfte dem Tode trotzen. Denn alles war auf ein langes Leben eingestellt. »Was sind Pläne, was sind Entwürfe?« Und was sind die Helden der Geschichte? Sie sind wie die geschobenen Figuren im Brettspiel. Die Riesenhand des Schicksals reicht aus der Wolke, stellt sie ins Leben und wirft sie um, wie es ihr beliebt. So auch diesen. Und das Spiel geht weiter. Es ging weiter, und es war gleich, als hätte Julian nie gelebt. Ein x-beliebiger Mensch, er hieß Jovian, wurde zunächst nach ihm Kaiser. Jovian war Christ. Die vielköpfige Kaiserfamilie der Constantier starb mit Julian aus; denn er selbst war kinderlos. Seine Gattin Helena hatte ihm einen Sohn geboren, aber der war nur wenige Jahre alt geworden. Fehlgeburten folgten; dann war Helena selbst gestorben. Nun kam, was kommen mußte. Als die erstaunliche Nachricht »Julian ist tot!« in den Westen drang, triumphierte die Kirche voll Hohn, Arianer und Athanasianer Natür1ich behaupteten gleich etliche geistliche Herren der Christenheit, sie seien nicht überrascht, sie hätten am Todestag Julians selbst seinen Tod in der Vision geschaut. ; es erscholl die verzweifelte Wehklage der Neuplatoniker; denn alle ihre Hoffnung auf Rettung des altgriechischen Glaubens knickte völlig zusammen; sie erlosch gleich für immer. Die Neuorganisation des Heidentums, die Julian nur erst geplant und erst flüchtig begonnen, Herstellung der geistlichen Sprengel, Hebung des Priesterstandes, zerrann sofort wie Flugsand vor dem Winde Julians Lehrer Maximus, der am Hof wie ein Fürst dastand, wurde hernach verfolgt, eingekerkert, mißhandelt. Seine Frau beschloß, für den Glauben zu sterben, und nahm das Gift, das sie auch ihrem Gatten reichte; Maximus nahm es nicht und vollendete sein Martyrium, indem er im Jahre 370 hingerichtet wurde. . Auch der Tempel Salomos 268 in Jerusalem blieb ungebaut Es wurde die Mär aufgebracht, an die auch Ammian glaubt, Feuer sei aus der Erde geschlagen und habe den Bau, den man schon begann, verhindert. Solche Geschichten sind so recht im Geist jener Zeit, die überall Omina und Wunder sucht und findet. . Aber auch alle persischen Siege Julians waren umsonst. Rom schien plötzlich wehrlos, und der kläglichste Notfriede wurde ihm vom König Sapor aufgezwungen. Nicht anders die Alemannen; auch sie setzten sofort, da ihr Bändiger gestorben, frech wieder über den Rhein, um Gallien auszurauben. Dazu kam innerhalb des Römerreichs der öde Kronstreit, der neu begann, und die tückisch brutale Justiz roher Gewalthaber, wie man sie so schlimm kaum unter Constantius erlebt. So hat Julian nur zwei kurze Jahre als Alleinherrscher regiert. Was sind zwei Jahre in der Weltgeschichte? und warum reden wir so ausführlich von ihm? Weil es eine Freude ist, endlich einmal einen unbedingt sauberen Menschen anzufassen, nach so vielerlei Unrat der Weltgeschichte, mit dem man sich die Finger beschmutzt, und weil der Zufall es fügt, daß wir ihn so intim kennen lernen können wie kaum einen anderen der Cäsaren. Er war ein Goldherz, man sage, was man wolle. Freilich, auch die großen Schwächen liegen offen; die unaristokratische Haltung; ein Wortreichtum bis zur Geschwätzigkeit, ein Ehrgeiz bis zur Eitelkeit; ein Drang nach Zustimmung und blindes Vertrauen, das bewirkte, daß er sich auch mit denen einließ, die es nicht verdienten. Aber seine Ziele waren groß, groß auch sein Können, seine Seele voll Schwung, sein Wollen unermüdlich, seine Motive lauter, Offenheit sein Prinzip, alle Gewinnsucht ihm verächtlich, seine moralischen Anforderungen stark, seine persönliche Anspruchslosigkeit beispiellos. Der Schwärmer und Praktiker, der Enthusiast und Tatsachenmensch vereinigte sich in ihm wie kaum in irgendeinem anderen. Seit Trajan und Mark Aurel hatte das Reich tatsächlich solchen Herrscher nicht gesehen. Daher schreibt selbst ein so streng christlicher Dichter wie Prudentius von ihm:                                 In Waffen der tapferste Feldherr, Hochzupreisen als Wahrer des Rechts: so war er des Reiches Hüter in Wort und Tat, nicht aber auch Hüter des Glaubens, 269 Da er unzählige Götter, dreihunderttausend, geglaubt hat, Treulos nur dem alleinigen Gott, nicht aber dem Staate. Der christliche Dichter vergißt hier freilich, daß die unzähligen Götter im Himmel Julians nur den hunderttausend Engeln und Heiligen im Himmel des Christentums entsprachen und daß für den Neuplatoniker im Zentrum des Alls doch immer der höchste und reinste Gottesbegriff stand. Trotz alledem pflegt man mit mitleidigem Lächeln auf den »Romantiker« Julian zu blicken. Man zuckt heute überlegen die Achseln über die Paradoxie dieses jungen Mannes, der das Christentum bekämpfen, ja übertrumpfen wollte. Man mag sagen, daß sein Versuch notwendig scheitern mußte; ich gehöre nicht zu den Propheten ex eventu , und es ist kein Kunststück, hinterdrein der Klügere zu sein. Julian war körperlich kerngesund; er hätte zwanzig, ja vierzig Jahre regieren können; er hätte auch dann die christliche Kirche gewiß nie angetastet; aber es wäre ihm in der langen Zeit gewiß gelungen, den heidnischen Religionen einen festeren Zusammenhalt, eine erheblich größere Widerstandskraft zu geben. Er hätte auch das Judentum neu gesammelt; er hätte endlich sich auch einen Nachfolger gleicher Gesinnung erziehen können. Wäre das ein Schade gewesen? Ich denke: nein. Mir liegt nichts an Julians blutlosen Göttern; aber ich bin nicht imstande, die unselig zu sprechen, die als Sonnenverehrer, das heißt in einem anderen Glauben als ich, sterben. Vor allem hätte die Fabel von den drei Ringen schon damals gegolten: Christentum, Judentum, verjüngtes Heidentum, welche der drei Religionen erzog die tüchtigeren Menschen? Für das Christentum wäre es ein Ansporn gewesen, seine ethischen Kräfte für das Volksleben endlich wieder fruchtbarer zu machen, ein Wettkampf in der Erziehung der Massen. Aber Julian hat sein kurzes Leben nicht einmal umsonst gelebt, und es ist nicht zu verkennen, daß er auch so der Mitwelt und nächsten Nachwelt erhebliche sittliche Impulse 270 hinterlassen hat. Von den griechischen Kirchenvätern, Basilius dem Großen und Gregor von Nazianz, will ich nicht reden, die gerade zu Julians Zeit ihre großartigen literarischen Leistungen begannen, indem sie mit dem Plan, die Neuplatoniker zu überbieten, ihr Christentum auf das glücklichste aus denselben Quellen der altgriechischen und junggriechischen Weisheit bereicherten, die Julian groß machten Vgl. z. B. K. Gronau, De Basilio Gregorio Nazianzeno Nyssenoque Platonis imitatoribus (1908); derselbe: Posidonius eine Quelle für Basilius' Hexahemeros (1912) und R. Gottwald, De Gregorio Naz. Platonico (I906). Auch Julian selbst sagt von seinen eigenen Schriften, daß die Christen sich damit bewaffnen, um ihm Krieg zu machen (S. 610). . Julians Auftreten gab dazu den Anlaß; aber solche Schriftstellerei ist nicht das Leben. Wichtig ist, daß Julians praktisches Herrschertum selbst, daß sein Regiment idealer Gerechtigkeit Modell blieb. Die Historiker, auch die christlichen, bezeugen es durch ihr widerwilliges Lob. Nur so und nur unter seiner Einwirkung wird mir vor allem die edle Gestalt Theodosius des Großen begreiflich, der mit der Constantinischen Regierungsmethode, die unter Valentinian neu wieder auflebte, brach und das, was Julian als Nichtchrist begonnen hatte, als Christ durchführte, das Reich siegreich zu verteidigen und milde Gerechtigkeit zu üben, als hätte Helios auch zu ihm gesprochen: »Liebe deine Untertanen, wie ich dich liebe, dann will ich dich groß machen im Himmelreich.« Die edle griechische Ethik hatte sich damit das Christentum erobert. Mochte das Heidentum langsam absterben, wenn das Christentum solche Kaiser zeugte. Theodosius war der letzte glückliche Herrscher des Römerreichs; nach ihm stürzt die Völkerwanderung über die Welt, und es beginnt die Neugestaltung Europas. 271     Stilicho und Alarich Noch nicht vierzig Jahre sind seit Julians Tod vergangen: wie anders sieht da die Welt aus! Der Vandale Stilicho hat als Generalissimus Roms den ganzen Okzident in Händen; Alarich zieht mit seinen Goten durch das Reich und plant, Rom zu nehmen. Constantin der Große, Constantius und Julian waren die letzten Kaiser gewesen, die das brüchige Gesamtreich noch in einer Hand zusammenhielten; jetzt ist Ostrom von Westrom endgültig losgerissen; die Zeit des Honorius und Arcadius, der Schattenkaiser, ist da, die in ihrem steifen Kaiserprunk hilflos dem Weltenschicksal zuschauen, das sich die Völker selbst bereiten. Ein Ruck noch, und Frankreich, Spanien, England lösen sich von Italien los, wie die Eisscholle des Polarmeeres, die sich im warmen Golfstrom mit Krachen spaltet, um sich nie wieder zu vereinigen. Die Reichsdiözesen füllen sich mit Germanen und werden zu Nationen, die sich ihre eigenen Staaten schaffen, den Nationalstaat aus sich erzeugen wie das Muscheltier im Meer, das sich eng in seine Muschel hüllt. Was war inzwischen geschehen? Die tausend üppigen Städte im Reich, von Saragossa bis Antiochien, von London und Trier bis Sinope und Trapezunt, von Leptis bis Berytos lebten in den Tag hinein ihr Leben weiter, das sog. klassische Kulturleben, das sie nun seit 400 Jahren und länger gewohnt waren. Freilich, der Wert des Geldes sank und sank; das Leben wurde teurer; der Gegensatz von Arm und Reich nahm zu; aber die Provinzen im Reich versorgten sich immer noch im regen Handel wechselseitig mit Ware, und der Zuschnitt des Daseins blieb im wesentlichen derselbe wie unter Kaiser Julian und Constantin. Nur war alles christlicher geworden. Großartige Neubauten gab es noch kaum irgendwo außer den Kirchen, deren Triumphbögen und Apsiden in Gold-Mosaiken strahlten Vgl. z. B. Hieronymus Epist. 77, 11. Dazu kamen freilich Profanbauten in Constantinopel, der Residenz, wo Theodosius das goldene Tor schuf, einen Markt, eine Basilika, Bäder, Hallen, Gymnasien, Theater und Hafenbauten. . Im Frühling und Sommer schmückte man die Kirchen (wie noch heute) mit frischen Blumen, Baumlaub und Rebenranken Hieronymus Epist. 60, 12. . Das Heidentum wurde stiller, resignierter und seine elegischen Klagen von der lauten Stimmenmasse der Kleriker übertönt. Die 273 biblische Frömmigkeit erobert sich jetzt mit tausend schreibseligen Händen den Büchermarkt, eine unermüdlich schwungvoll wortreiche Kirchenschriftstellerei. Das Volk lebt so ziemlich wie bisher, als es sich noch nicht christlich nannte, die Welt der Alltagsmenschen, die nicht aus ihrer Haut heraus können; aber auch sie führen halb gedankenlos und halbverstanden die Losungen der Kirchenparteien im Munde, so wie im modernen Parteileben beim Wahlakt heute die Stichworte der Demokraten oder Antidemokraten über die Straße schallen: die Unkundigen rufen immer am lautesten. Damals ging es immer noch um die heilige Dreieinigkeit. Der Arianismus verlor schon beträchtlich an Boden; das mystische Glaubensbekenntnis des streitbaren Athanasius hatte seinen Siegeszug schon begonnen. Ein frommer Zeitgenosse gibt uns davon eine humorvolle Schilderung. Menschen, sagt er, die gestern noch Schneiderei und Schusterei trieben, darunter böses Sklavengesindel, kaum der Peitsche entlaufen, sind heut auf einmal Theologen geworden. In den Säulengängen, auf den Märkten, bei den Geldwechslern und Hökern, überall trifft man solche Leute. Fragst du da jemanden, was der Laib Brot kostet, so antwortet er: der Vater ist größer als der Sohn. Sagst du: ich brauche eine Badezelle, so versichert er dir: der Sohn ist aus nichts erschaffen. Willst du Geld wechseln, so redet er von gezeugt und ungezeugt Gregor von Nyssa; s. Baumgartner, Geschichte der Weltliteratur IV, S. 18 ff. (auch für das Folgende). . Die Veredlung der Menschheit aber ließ immer noch auf sich warten, und so mehren sich die Auserwählten, die die Frömmigkeit zum Beruf erheben. Es galt jetzt, um sich sittlich rein zu halten, aus den Welthändeln zu flüchten. Weltflucht, Abtötung des Fleisches! Die Wüste rief, in die einst auch Jesus und Johannes der Täufer zog. Nur da, in voller Entbehrung und Einsamkeit, konnte man Gott wohlgefällig leben. Das Eremitentum hatte begonnen, der Ruhm der Wüstenheiligen. Sie sammelten Schüler; die Einsamkeit bevölkerte sich, und es entstand das Klosterwesen, das sich rasch organisierte. Basilius der Große, Bischof in Cappadocien, schrieb die erste Klosterregel, 274 nach der noch heute die griechisch-orthodoxen Mönche leben. Darin wurde jetzt das christliche Ideal gefunden: ein brünstig intensives Andringen an Gott, ein Berufsleben der Ehelosen, die für die halb verlorene Welt beten, für die Gottlosen da draußen Ersatzfrömmigkeit anhäufen und des Sturms der Weltgeschichte nicht achten; mag er über die Erde daherbrausen: er dringt nicht in ihre Zelle. Das Wort Mönch bedeutet den Isolierten, das Wort »Kloster« die Abgeschlossenheit ( claustrum ); coenobium heißt das Kloster dagegen von der Gemeinsamkeit des Lebens; das Kloster ist also ein Konvikt der Isolierten, eine Vergesellschaftung der Einsamen. Wer ahnte damals, daß diese Institution bis heute weit über ein Jahrtausend überdauern, die Mönche aus der Weltverlorenheit und andächtigen Einsiedlerstille zu einer Hauptkampftruppe des Papsttums werden sollten? Beneidenswert, wer nur seinem Gott leben kann! Alle Staatspflichten fallen von ihm ab, und die Seele wird durchhellt und leicht wie Äther. Da hören wir denn auch lyrische Töne; sie setzen voll ein, und es klingt zu uns her wie fernes Glockenhallen. Das Innenleben findet neuen Ausdruck, Gesänge der Inbrunst und tiefster Innerlichkeit. Das Absingen der Psalmentexte, das rituell in den Kirchen geschah, genügte nicht Vgl. Cassian II, 5: es war Sologesang; ein einzelner in der Versammlung stand auf und sang den Psalm, dann erhob sich ein anderer, und so ging es der Reihe nach; und zwar morgens zur Terz, Sext und None, ebenso zur Vesper und zur Mitternachtsmette. Vgl. auch Hieronymus, Leben der hlg. Paula, Kap. 20. . Es erklingen jetzt Hymnen, die Christus persönlich feiern, aber nicht etwa Christi Opfertod und seine Seligpreisungen; es ist vielmehr sublim dogmatische Lyrik, die die Begriffsbestimmungen und vergleichenden Bilder häuft in Unermüdlichkeit, und sie mutet uns fremdartig genug an: Versammle deine Kinder um dich, Hirt königlicher Lämmer, Unbändiger Rosse Zaum, Umirrenden Gefieders Fittich, Der Unmündigen Steuer, Du Fischer im Meer des Lebensgewühls, Der aus Wogen der Schuld wie aus tobendem Meer Mit der Angel des Worts seine heilige Brut Zu lieblichem Leben emporzieht. 275 O der himmlischen Milch! Süß quillt sie empor Aus der heiligen und jungfräulichen Brust Deiner Weisheit, Herr. So geht es durch 60 Zeilen. Von einem Methodius besitzen wie ein »Gastmahl«, das er in Nachahmung des berühmten philosophischen Gastmahls des Plato schrieb s. Migne, Patrolog. graeca XVIII, S. 27 ff. ; Methodius wollte damit das Ideal der bösen Neuplatoniker überbieten. Arete, d. i. die Tugend selbst, ist es, die das Gastmahl gibt. Es ist allegorische Dichtung. Im fernsten Morgenland liegt der Wundergarten, in dem sie wohnt; beschwerlich ist der Weg dorthin. Aber vier Jungfrauen (so hören wir), machen sich auf und pilgern, ihn zu finden. Die Tugend tritt ihnen entgegen und nimmt sie freundlich auf, eine Frau in schneeweißem Kleide, von unbeschreiblicher Schönheit und ungeschminkt (!). Gleich geht es zum Speisen, und da sitzen an der Tafel schon andere Jungfrauen; die Tafel steht in dem Paradies zwischen blühenden Wiesen, wo frische Brunnen rieseln und rauschen und die Baumwipfel in Obstfülle prangen. Alsbald aber muß jede Jungfrau reden, und sie preisen zunächst ihren Jungfrauenstand als den Urzustand Evas und edelste Frucht der Frömmigkeit. Auch die Ehe wird gepriesen, die die frommen Menschen schafft; aber sie gleicht nur den Sternen, die Jungfräulichkeit gleicht der keuschen Luna, dem Vollichte des Mondes. Für das Weib, das sich vermählt, ist die Ehe nur das Symbol der Vereinigung der Seele mit Christus, dem wahren Bräutigam. Christus, der Bräutigam, wird geliebt in der heißen Glutstimmung des Hohenliedes. Und schon singen die Jungfrauen selbst ein unendliches Lied, mit dem Refrain: Dir weih' ich mich; mit heller Lampen Zier Schreit' ich, o Bräutigam, entgegen dir. Da heißt es, in dreizeiligen Versgruppen:     Aus dem Sinn schlug ich die Heimat; dich zu finden, ewiges Wort, Eilt' ich aus der Gespielen Kreise, aus dem Arm des Liebsten fort. Vater, Mutter, alles, alles bist du, Christus mir, mein Hort . . . 276     Becher voll des süßen Weines stehn vor uns. Greift zum Pokal. Jungfraun, es ist Himmelslabe, die im frohen Hochzeitssaal Der Geliebte uns bereitet, den Geladnen allzumal. 24 solcher Strophen sind es. Warum 24? Sie entsprechen den 24 Buchstaben; jede Versgruppe fängt mit einem anderen Buchstaben des Alphabets an: ein echtes Kunststück im Geist jener Zeiten, akrostichisch. Man nannte das einen Abecedarius, wie ihn auch der große Augustin verfaßt hat Auch Sedulius. K. Krumbacher, Die Akrostichis in der griechischen Kirchenpoesie (Abhandl. der Münchner Akad. 1904) betrifft spätere Zeiten. . Weltfremdheit! Heiligung! Wozu waren die vielen heidnischen Säulen da? Der Fromme erklettert solche Säule, von der das Gottesbild heruntergeworfen ist, und lebt dort oben jahrelang einsam zwischen Himmel und Erde, als Säulenheiliger oder »Stylit«; die kärgliche Nahrung müssen ihm seine Verehrer hinaufwinden Der berühmteste Stylit Simeon oder Symeon gehört freilich erst dem 5 Jahrhundert an († 459). 39 Jahre hat er auf seiner 12 m hohen Säule gelebt. In Nord-Syrien ist noch heute das ausgedehnte, ihm zu Ehren erbaute Heiligtum zu sehen, das, acht Stunden von Aleppo, mitten in der Gebirgsöde liegt; es besteht aus mehreren Kirchen und zahlreichen sonstigen Baulichkeiten. . So war er dem Himmel am nächsten. Erbaulicher aber ist es noch, in die Wüste zu gehen und dort den heiligen Antonius, den Patriarchen der ägyptischen Mönche, zu finden, der da mit seinen Schülern darbt, betet und singt und frohlockt in der Hoffnung auf die ewigen Güter, daneben aber Körbe und Matten flicht, um aus dem Erlös seines Händewerks sich Geld für Almosenspenden zu erwerben. Kein geringerer als der große Athanasius hat uns den hlg. Antonius geschrieben. Als er 90 Jahre, da hört Antonius nun aber in einer Traumoffenbarung, daß er nicht der erste seiner Art ist; in der Felsenöde lebte ein noch älterer Eremit, der heilige Paulus , und man erzählte sich Folgendes: Dieser Paulus war schon 110 Jahre alt und lebte noch immer. Antonius staunt, daß es einen Mann gibt, der noch mehr Verdienste hat als er, und irrt durch die Wüste, um ihn zu finden, zu verehren. Als 15jähriger Jüngling aus reicher Familie war Paulus einst in die Wildnis geflohen; er fand dort eine Höhlengrotte im Felsen, die nach oben offen; ein uralter Palmbaum stand in ihr; auch ein Quell fehlte nicht; da beschloß er, dort seinem Gott zu leben. Aus den Palmblättern machte er sich ein Kleid, und o Wunder! ein Rabe kam täglich und warf ihm ein halbes Brot herunter. So lebte er dort, ohne je einen Menschen zu sehen, wohl bald 100 Jahre. 277 Antonius aber hat auf seiner Wanderung zu ihm wunderbare Begegnungen; in der Wüste trabt ihm ein Ungetüm, halb Pferd, halb Mensch entgegen, ein echter Centaur, der barbarische Worte stottert, aber auf Anfrage ihm den Weg weist, dann davongaloppiert. Dann trifft er in einer Schlucht einen Menschen mit Ziegenohren, Hörnern an der Stirn und mit Bocksfüßen; es ist ein Satyr, der ihm freundlich Datteln zur Nahrung reicht und menschlich zu sprechen beginnt: »bete für uns zu deinem Herrn; denn auch wir wissen, daß er zum Heil der Menschen gekommen ist.« Antonius weint vor Rührung und Freude: selbst die wilden Tiere preisen den Herrn! (Hieronymus, der uns dies alles erzählt, fügt hinzu: solche Satyrn existieren wirklich; unter Constantin dem Großen sei ein solcher eingefangen, und als er starb, in Salz gelegt und sorglich konserviert worden zum Beweis der Tatsächlichkeit.) Endlich findet Antonius den Paulus; die Greise erkennen, bewundern, küssen sich. Da kommt schon der Rabe und wirft jetzt einen ganzen Laib Brot herunter, um die beiden zu nähren. Keiner der beiden aber will zuerst essen; sie nötigen sich, fassen schließlich beide das Brot am entgegengesetzten Ende an und ziehen, bis es geteilt ist. Paulus aber rüstet sich, die Last des Leibes abzuwerfen und dem Lamme zu folgen. Als er gestorben, kniet noch sein Leichnam und streckt die Hände hoch im Gebet. Antonius aber ist ratlos, wie er ihn bestatten soll, da er keinen Spaten hat. Siehe, da kamen zwei Löwen, die fliegenden Mähnen schüttelnd, aus der Wüste: die wedelten mit ihren Schweifen und legten sich heulend dem Leichnam zu Füßen, dann erhoben sie sich fromm und scharrten mit ihren Tatzen den Boden auf, und es ward ein Grab, das einen Mann fassen konnte. Antonius pries Jesum, segnete die Tiere und kehrte in sein Kloster zurück. Das strohmattenartige Kleid aus Palmblätter aber, das den Paulus so lange treu bedeckt hatte, nahm er mit sich und trug es als Festkleid nur an den hochheiligsten Tagen, zu Pfingsten und Ostern. Eine Fabel für Kinder? Keineswegs. Eine Legende Legende heißt das Lesenswerte. , an die 278 man glaubte und die der hochgelehrte Hieronymus voll ernsten Eifers niederschrieb, indem er zum Schluß versichert, daß alle Purpurpracht der Vornehmen dieser Welt ihm nichtig scheine gegen das abgetragene Hemd des Paulus. Aber auch in Syrien gab es Sandwüsten, jenseits des Libanon und Hermon und des Toten Meeres. Sollten sie der Heiligen entbehren? Hilarion war es, der sich da zuerst in der Gegend von Gaza eine Hütte baute, und auch für ihn erhalten wir die genauesten Angaben, viel genauer als für die Kaiser und Könige dieser Welt. Es ist der Hilarion, den buchstäblich der Versucher ritt; der Teufel, heißt es, sprang ihm auf den Rücken, bearbeitete seine Seiten mit den Fersen, hieb ihn mit der Geißel und schrie dazu: »willst du Gerste fressen?« als wäre er ein Gaul. In der Tat nährte sich Hilarion nur von Gerstenbrot, 6 Unzen am Tag, zu anderen Zeiten von einer Hand voll Feigen (15 Stück). Den Sack aus Ziegenhaar, sein Bußgewand, legte er zeitlebens niemals ab; Sauberkeit schien ihm Putzsucht, also überflüssig Superfluum esse dicens munditias in cilicio quaerere ; das Wort munditiae bedeutet Putzsucht und Sauberkeit zugleich. ; und er ist nun der Heilige, der die üblichen Wunder, wie sie ähnlich hundertfach in den Heiligenberichten der Zeit wiederkehren, vollführt; dabei erfahren wir oft auch den Namen und die Herkunft des Geheilten. Da ist eine Blinde, die sehend wird, weil er ihr ins Auge speit. Ein wildwütiges Kamel gefährdet die Reisenden; rot glühen seine Augen; Schaum steht ihm vor dem Maule; seine Zunge quillt gräßlich auf; Hilarion aber spricht auf syrisch: »du schreckst mich nicht« und streckt seine Hand: da legt sich das Tier schon vor ihm nieder; der Dämon, der böse Geist ist ausgefahren. Mit den Zirkusrennen der Großstadt hat der Heilige nichts zu schaffen; aber ein christlicher Wagenlenker will einen heidnischen Wagenlenker besiegen; Hilarion gibt ihm nur einen Becher Wasser; der besprengt damit Rosse und Wagen und die Schranken der Rennbahn, und das Publikum ist bestürzt und erregt: die christlichen Pferde siegen! Hilarion wird nun aber berühmt und sein Ruhm ihm selbst zur Qual; denn die Einsiedeleien mehren sich um ihn her; Scharen von Kranken und Besessenen strömen 279 herbei. Da wandert er aus, in Sehnsucht nach der verlorenen Einsamkeit. In Ägypten findet er des Antonius Wohnstätte, legt sich von Andacht ergriffen auf das leere Lager und küßt in Ehrfurcht das gleichsam noch warme Bett. Aber der Ruhm seiner Wundertaten verfolgt ihn auch da, und er entweicht weiter nach Sizilien, Dalmatien, endlich nach Cypern, der Insel der Venus. Zwischen hohen Bergen hauste er da einsam in einem schönen Gärtchen, neben der Ruine eines zerstörten Tempels, aus der unheimlich Tag und Nacht die Stimmen der sündigen Geister schollen: die Erinnerung an den untergegangenen Venuskult. Und hier war es ihm beschieden zu sterben; er heiligte damit die Stätte. Das Mirakel aber endet nicht; denn sein Leichnam verfiel der Verwesung nicht, sondern duftete wundersam nach Spezereien, als wäre er wie ein König Ägyptens einbalsamiert. Man wird begreifen, daß viele Weltchristen damals diese Art von Legendenliteratur skeptisch beiseite schoben und von dem Heiligenkultus nichts wissen wollten. Aber man muß sie lesen, um den Geist der Zeit zu verstehen und zu wissen, was grundernste Männer sich damals erzählten und die Kirchenväter dem Volk feierlich vortrugen. Es war weltscheue, weltverachtende Traumstimmung, ein Heimischwerden im Übernatürlichen, ein Ehrgeiz nach dem Unglaublichen, als gäbe es keine Wirklichkeit. Die schnöde Wirklichkeit lag draußen, sie drang nicht in die Wüsten und Klosterzellen. Aber es war, als sollte dieselbe Wirklichkeit eben jetzt allen Traumsinn niederschlagen, dem Glauben die stolzen Flügel brechen. Wild, gräßlich, ungeheuer, chaotisch, setzte eben jetzt der Orkan der Weltgeschichte ein. Die Hunnen kamen. Die Völkerwanderung setzt nun wirklich ein, die kein Landesrecht mehr achtet; es ist der große Knick im Gang der Dinge. Von China her tut sich die unerschöpfliche Völkerwiege Ostasiens auf, und der enge Horizont der alten Welt spannt sich plötzlich weiter. Die alten Mächte fallen von ihren Stühlen. Das Nationalkönigtum meldet sich; es tritt endlich in den Kampf mit dem Weltkaisertum. Die 280 sogenannte Menschheit hört auf; die Einzelvölker wollen an ihre Stelle treten. Schon fühlt niemand sich mehr sicher auf seiner Landstelle; die Tore der Städte schließen sich angstvoll, und kein Warentransport traut sich mehr von Land zu Land, wo die Germanen in langen Zügen über die Römerstraßen ziehen. Sollten sie wirklich die Zerstörer der Antike werden, diese Germanen? oder vielmehr ihre Retter? zugleich die Zerstörer oder die Retter des Christentums? Ich habe schon bisher fast unausgesetzt vom Krieg gehandelt; ein pausenloses Schlachtenschlagen war die Reichsgeschichte schon bisher. Aber jetzt dröhnt und faucht die Kriegsorgel aus Höhen und Tiefen mit allen Registern, alle Länder erfüllend ohne abzusetzen, und die Feder erlahmt, die das schildern soll. Ich erzähle hier von dem letzten Versuch Roms, die Reichsintegrität zu sichern. Er war vergebens. Ein garstiges Steppenvolk waren jene Hunnen. So werden sie uns geschildert: kleine Kerle mit großen Köpfen, dabei bartlos (sie verhinderten den Bartwuchs gewaltsam), die nicht Hütten, nicht Häuser kennen und auf ihren zähen Gäulen Die Pferde der Hunnen galten dann bei den Römern für Kriegszwecke alsbald als die besten und brauchbarsten; vgl. Vegetius Mulomedicina III, 6, 2. Ein Lobgedicht auf ein solches Roß noch bei Ennodius carm. II, 94. in Bocksfellhosen reitend daherfahren; ihre Schuhe sind so unförmig, daß sie nicht marschieren können. So leben sie mit dem ungesattelten Roß verwachsen wie Centauren, essen und trinken zu Pferd, schlafen auf den Hals des Tieres gebeugt, und jagen umher, unstet, unermüdlich, überraschend und unberechenbar; hinterdrein fahren ihre Weiber und Kinder in Karren, ein unübersehbares Zigeunertreiben. Waren es Mongolen? Wahrscheinlicher eine Rasse, die den Türken verwandt; man sieht ihre Nachkommen in den Bulgaren. Attila, die Gottesgeißel, lebte noch nicht. König Balamber führte damals die Horden, die aber nie dauernd zusammenhielten. Sie stoben auseinander und kämpften hernach bald für, bald gegen Rom. Eine Zeitlang aber blieben sie zunächst noch unsichtbar; ihr Anprall stieß nur die Gotenvölker vorwärts, so daß Roms kastellgepanzerte Reichsgrenzen brachen. So wurden sie »die 281 Ursache alles Elends« Orosius VII, 33. ; so kommt es aber auch, daß jetzt endlich für unser Auge vereinzelt deutsche Recken und Könige ins hellere Licht treten: ich nenne Ermanarich, Athanarich und Fridigernes. Man unterscheidet West- und Ostgoten. Damals lebte der große, halb sagenhafte Ostgotenkönig Ermanarich (Hermanrich), aus dem Stamm der Amaler. Er hatte – ein Vorläufer der russischen Zaren – um das Jahr 350 in den fruchtbaren Flächen der Ukraine, um den Don und Wolga, westlich bis zum Dniestr, ein gewaltiges Reich begründet, das nach Norden bis zu den Letten und Finnen reichte. Jeder weiß, wie ergiebig jene endlosen Landstrecken auch heute noch sind an Viehwirtschaft, Ackerfrucht und Fischfang; es war da für die Goten ein herrliches Leben; sie konnten an die griechischen Pontusstädte den üppigen Ertrag verkaufen: bis jählings die Hunnen anstürmten (um das Jahr 370) und das weit offene, schlecht zu verteidigende Land überrannten. Ermanrich, der alte, entleibte sich selbst – einer der wenigen Machthaber in der Weltgeschichte, die da selbst sich ins Schwert stürzen, um mit ihrem Reich unterzugehen. Im germanischen Heldenepos lebt sein Name mit Dietrich von Bern, dem Gotenhelden der Rabenschlacht, weiter, aber umgedichtet zu einem Mann des Schreckens, der sein Weib Swanhilde mißhandelt, seine Verwandten verfolgt und umbringt. Dies Beispiel war lehrreich; der Welt stand damit nur allzu deutlich die Vergänglichkeit der Reichsgründungen der germanischen Wandervölker vor Augen. Die Ostgoten wichen vor den Hunnen nach Westen aus, über den Pruth, in die Moldau und Walachei. Da saßen aber zu dieser Zeit die Westgoten unter den Königen Athanarich und Fridigern , und zwar als unmittelbare Nachbaren des Römerreichs. Diese Westgoten standen mit Rom seit langem in engster Fühlung; Fehden und Vertragsschlüsse hatten unaufhörlich gewechselt. Jetzt sahen sie sich durch die Ostgoten aus ihren Landstellen gegen die Donau gepreßt, und der größere 282 Volksteil unter Fridigern wollte hinüber; der Römer sollte sie aufnehmen, ernähren. Sie wollten im Guten auf der Balkanhalbinsel Land erbitten und harrten zunächst geduldig der kaiserlichen Entscheidung: vielleicht 20 000 kampffähige Männer mit ihren Familien Nach Eunapius 200 000 Mann; nach L. Schmidt, Allgemeine Geschichte der germanischen Völker (1909), S. III nur 8000 Streiter, mit den Familien gegen 40 000 Köpfe. Man schätzt, daß es höchstens 6 Millionen Germanen gab; ein Einzelstamm wie die Ostgoten oder Vandalen nur etwa 100 000 Seelen (L. Schmidt a. a. O. S. 46). . Es war im Herbst 376. Sie meinten es friedlich; die Römer aber schufen sich selber das Verderben. Im Römerreich hatten nach Kaiser Julians Tod zunächst üble Kronwirren geherrscht. Jetzt regierten die beiden Brüder Valentinian und Valens in West und Ost, tatkräftige Herren und ihrer Aufgabe, so schien es, vollauf gewachsen. Kaiser Valens tat den entscheidenden Schritt und gewährte durch Botschaft dem fremden Volk wirklich Einlaß. Er erwartete in ihm brauchbare Kolonen, eine neue dienende Landbevölkerung für die Provinz Thrazien zu gewinnen; und es war gutes Germanenblut, ein willkommener Zuwachs. Aber die Römer selbst, der Dux Lupicinus und der zweite Befehlshaber Maximus an der Spitze, verdarben gleich alles. Valentinian I. (?) Valentinian I. (?) Kolossalbronze in Barletta. Antike Denkmäler d. K. Archäol. Instituts III, Taf. 20. Der Übergang der Volksmasse über die Donau sollte beginnen. Die Römer ließen zuerst nur die wehrlosen Weiber und Kinder herüber, um sie zu mißbrauchen oder zur Fronarbeit wegzuschleppen. Dann setzten auch die gotischen Krieger über. Sie sollten sich entwaffnen; sie taten es nicht. Eine Volkszählung sollte geschehen; es geschah nicht. Sie verlangten Ernährung; aber es fehlte völlig an Zufuhr; es war nicht vorgesorgt oder die Vorräte schmählich veruntreut. Gleich entstand Hungersnot; die Römer höhnten, griffen sich Hunde und verkauften sie an die Ankömmlinge, die dafür ihre Sklaven, ihre Söhne hergaben, um zu leben. Man begreift den tötlichen Haß, der sich in den Goten ansammelte. Grollend ließen sie sich landeinwärts zur Provinzialhauptstadt Marcianopel führen. Da lud Lupicin ihre Fürsten Fridigern und Alavinus (Athanarich war jenseits der Donau zurückgeblieben) zum Gastmahl ein. Es war eins der vielen Gastmähler jener Zeiten, die mit Mord zu enden drohen. Das gemeine Gotenvolk mußte außerhalb der Stadt lagern; es will aber in die Stadt; es will 283 Nahrung, dringt an, und es kommt zu lärmendem Kampf mit den Torwachen. Als Lupicin das vernimmt, plant er Gewalt und läßt zunächst das Gefolge seiner Gäste im Palast niederhauen. Blut ist geflossen; die Wut draußen steigert sich. Aber die Gotenfürsten sind klug; es gelingt ihnen, sich ins Freie zu retten, unter dem Vorwand, ihr Volk beruhigen zu wollen. Gleich danach gab es Krieg; die Furie war losgelassen. Fridigern nahm die Führung. Eine Schlacht unmittelbar vor der Stadt. Die Goten siegen, bewaffnen sich mit den erbeuteten Waffen und stürmen auf Selbstverpflegung in die Lande hinaus, ein Hungerkrieg und Raubzug, der nichts verschont, durch Thrazien, Macedonien, Thessalien. Ein volles Jahr lang hinderte sie niemand. Nur die Städte bleiben verschont; sie sind uneinnehmbar. »Friede den Mauern« ist daher Fridigerns Losung. Wilde Freischaren von Hunnen und Alanen, die die Beute wittern, kommen hinzu und steigern die Kampfkraft der Goten. Kaiser Valens steht fern in Antiochien; er entsendet einen Feldherrn nach dem andern; sie richten nichts an. Da rückt Valens aus Asien selbst heran, auf Adrianopel, wo zwei Meilen vor der Stadt Fridigern seine kreisrunde Wagenburg errichtet hat. Soll der Kaiser die Schlacht wagen? Kaiser Gratian , der jetzt im Okzident herrscht An seines Vaters Valentinian Stelle, der im Jahre 375 gestorben war. , verspricht ihm baldige Hilfe. Soll er die Hilfe abwarten? Er will es nicht; Ehrgeiz und Ungeduld wirken zusammen, und er beginnt den Kampf, in der Hitze des August. Es wurde die furchtbarste aller Niederlagen. Der Kaiser flieht in ein Bauernhaus; das Haus geht in Flammen auf. Seine Leiche wurde nicht gefunden. Der Kaiser tot! Zwei Drittel des Heeres vernichtet. Ein Jauchzen ging durch die Gotenherzen. Für die germanische Zukunft war es der erste große Erntetag, für Rom eine zweite Schlacht bei Cannä. Fridigern der Sieger, der zweite Hannibal Mit der Schlacht bei Cannä vergleicht Ammian die Niederlage bei Adrianopel. ! Es war der 9. August 378. Wie die Sieger nun das Land überschwemmten, mißhandelten, kann man sich denken; sie schlachteten, heißt es, die 284 Römer wie die Hammel F. Dahn, Könige der Germanen I, S. 14. . Das Land war herrenlos, kaiserlos. Dann aber wurde im Jahre 379 Theodosius zum Herrscher des Orients erhoben, und sogleich begann ein neuer Geist, eine planvollere Politik zu walten. Theodosius heißt in den Geschichtsbüchern der Große: wir wollen nicht untersuchen, ob mit Recht. Die alten Zeugen, die ihn lobpreisen, verschweigen uns auch seine Schwächen nicht. Jedenfalls erkannte der Mann das Gebot der Stunde. Das betraf sowohl seine Kirchenpolitik wie seine Germanenpolitik. Er erkannte die unbestreitbare Übermacht der Bischöfe, zog daraus die Folgerung, ließ sich orthodox taufen und setzte sich in ihrem Sinn für die Vernichtung des heidnischen Kultus und für die Zurückdrängung des Arianismus ein (Edikt des Jahres 380; auch 391 und 392). Er sah ebenso, daß die Gotenfrage mit Blutkampf nicht zu erledigen war, und so wurde er grundsätzlich Germanenfreund; amator Gotorum nennt ihn Jordanes. Er verstand die Gotenführer zu spalten, die Eifersucht unter ihnen zu wecken, verhandelte nur immer mit den Einzelnen, indem er sie leutselig höchstselbst in seinem Kaiserzelt zur Tafel lud. Das wirkte, und eine friedliche und in sich geschlossene Ansiedlung konnte jetzt endlich erfolgen. Fridigern starb, bald danach auch Athanarich, und die einheitliche Führung ging den Goten damit verloren; aber sie sind jetzt endlich versorgt; nicht nur Land, auch Abgabenfreiheit haben sie und eigene Rechtsprechung und Verwaltung; als Gegenleistung verlangte der Kaiser nur Heerfolge, die Verteidigung der Reichsgrenzen gegen äußere Feinde. Und die Wirkung war überraschend. Das Gefühl schlug um; sie sind auf einmal für Kaiser und Reich begeistert; der Glanz und Luxus des Lebens lockt, blendet sie, und vornehme Goten drängen sich mit Ehrgeiz in den Reichsdienst. Constantinopel wimmelt auf einmal von diesen blonden Leuten, die in den besten Häusern Einlaß finden, aber trotzig ihre nordischen Sitten nicht aufgeben, ein Anblick des Grauens für all die vielen zarten Seelen. stulti , die Dummen, nannte der Römer 285 diese großspurigen deutschen Recken. Denen aber gefiel das Wort vorzüglich; sie machten aus stulti das Wort »stolz« und nannten sich selbst die »stolzen«: eines der seltsamsten deutschen Lehnwörter aus dem Latein. Mit breiten Ellenbogen stehen sie in den Palästen herum, in ihren weißen Schafpelzen und langen Haaren, einen Kopf größer als all die andern, heiraten bald auch Römerinnen, erhalten hohe Staatsämter mit glänzender Dotation und sind die Lieblinge des Kaisers. Auch für die klassische Bildung hatten sie offensten Sinn, und damit auch für das Christentum. Schon um das Jahr 340 hatte der Gote Ulfilas , der Verfasser der gotischen Bibel, seinem Volk jenseits der Donau das Christentum verkündet; die Heilslehre machte bei ihnen jetzt Fortschritte; freilich ging es nur langsam. Womit Constantin der Große begonnen, das ist jetzt durchgeführt: die zugewanderten Germanen sichern im Reichsdienst das Reich; sie sind seine letzte, seine einzige Sicherung. So ging vorläufig alles gut, so lange Theodosius herrschte, in den sechszehn Jahren 379–395. Theodosius war Spanier von Herkunft, weit mehr Diplomat als Feldherr; nicht nur fromm, sondern auch human. Er tafelte gern gut, liebte das Behagen und ließ sich oft bis zur Lässigkeit gehen. Das hinderte aber nicht, daß er nicht mit wachem Sinn die leitenden Ideen gab, unnachgiebig auf ihre Durchführung hielt, die starken Männer, die für ihn handelten, herausfand und vor allem die Autorität wahrte. Die Nachwelt hat ihn vergöttert; war er doch in der langen Galerie der Imperatoren die letzte Gestalt, die sich des Römernamens noch würdig zeigte; die Größe der Kaisergeschichte endet mit ihm. Sein Tod selbst machte die Bahn frei für Zerrüttung, Zerwürfnis und alles Unheil. Zwei schwere Kriege war Theodosius gezwungen in Westeuropa auszukämpfen, um dort seinen Mitkaisern Gratian und Valentinian II. zur Hilfe zu kommen. Gegen diese hatte sich zuerst ein Usurpator mit Namen Maximus erhoben; Theodosius besiegt den Maximus im Jahre 388 mit Hilfe seines 286 gewaltigen Heermeisters, des Franken Arbogastes . Dann aber empört sich Arbogast selbst, macht sich zum Herrn Galliens, greift aber nicht für sich selber nach der Krone; sein Ehrgeiz geht vielmehr dahin, einen anderen zu krönen und als seine Kreatur im Purpur durchs Land zu führen; diese Kreatur hieß Eugenius . Theodosius zog auch jetzt wieder als Verfechter der Legitimität von Constantinopel heran und vernichtete den Arbogast glücklich in der vielgepriesenen Schlacht am Fluß Frigidus bei Aquileja, im Jahre 394. Ein Unwetter, das sich vom Meer erhob, kam ihm dabei zur Hilfe. Inzwischen waren aber auch Gratian und Valentinian II. umgekommen, und Theodosius sah sich unverhofft als Alleinherrscher des Okzidents und Orients. Für wie lange? Die größten Hoffnungen knüpften sich sogleich daran, und wir hören sein volltönendes Lob: Daß er ein Bürger wie andre, vergaß er nicht. Stand er im Sieg da, Trat er doch nie die geworfne Partei rachgierig mit Füßen Oder im Jähzorn; freundlich vielmehr, zugänglich den Bitten Kargt' er mit Strafen, ein Friedensfreund; Pflicht war ihm die Milde, Immer das Ende des Kampfs gleich auch ein Ende des Hasses. Ja, Glück winkte dem eben Besiegten, und wer da in Ketten Schmachtete, war ihm dadurch zur Gnade empfohlen und Mitleid. Fülle des Geldes und Fülle der Ehren, er spendete beides, Immer sich gleich, stets froh, das Schlimme zum Guten zu wenden. Daher die Liebe, die sicher ergebne Treue der Mannen. So feiert der Dichter Claudian De IV cons. Honorii 111 ff. die Amnestien, die er wiederholt erließ. Auch Augustinus redet in gleichen Tönen Civitas dei V, 26. . Da erkrankt der Kaiser und stirbt in Mailand, schon ein Jahr nach dem Sieg am Frigidus (im Jahre 395). Sein buntscheckiges Heer, das da den Sieg erfochten, darunter eine Menge Goten, auch hunnische Söldner, ist nun ohne Herrn; es lagert noch längere Zeit in Norditalien Auch des Arbogastes besiegte Truppen waren dabei: Zosimus IV,  59; V, 4. . Promotus, Cimasius, Gaïnas heißen die Generale; aber auch Stilicho und Alarich sind zugegen, und alles harrt gespannt auf des Theodosius letzte Verfügungen. Gaïnas war einer der unbändigen Goten im Römersold; wichtiger Stilicho , der Vandale; denn er war 287 des Theodosius Schwiegersohn. Aber auch des Alarich Namen haben wir genannt. Alarich zählte damals vielleicht erst 20 Jahre und hatte seine Westgotenmannschaft pflichtgemäß als Hilfstruppe mit an den Frigidus geführt. Zwei kümmerliche Prinzen, im Purpur geboren, aber regierungsunfähig, waren vorhanden, Honorius und Arcadius . Nun spielte das Erbrecht wieder seine traurige Rolle Der 17jährige Arcadius erhielt jetzt den Osten, der 8jährige Honorius den Westen. Dieses Reichsspaltung war endgültig; Ostrom und Westrom haben sich seitdem nie wieder zusammengefunden. Der Byzantinerhochmut aber wuchs jetzt bis zur Unverschämtheit; denn der ältere Sohn hatte Ostrom erhalten; damit war ihm der höhere Wert zugesprochen. Schon seit Constantin dem Großen war es Sitte geworden, von Byzanz aus mit Überlegenheit auf das Hinterland Italien herabzusehen. Das ging nun auch ins Persönliche. Was nützte es, daß die beiden Erben Brüder waren? Für Arcadius war sein Bruder Honorius Luft. Diese böse Stimmung steigerte Rufinus , den Theodosius seltsamerweise dem Arcadius in Constantinopel zum Beirat und Helfer im Regiment bestimmt hatte; Stilicho aber wurde Vormund und damit Reichsverweser des Honorius, und von ihm ist jetzt zu reden. Stilicho hatte allein an des vergötterten Kaisers Sterbebett gestanden; Theodosius hatte ihm feierlich nicht nur den einen, nein, beide Söhne zur Fürsorge und zum Schutz empfohlen. Nie hat Stilicho diese Sterbestunde vergessen, zeitlebens sich durch das gegebene Wort gebunden gefühlt; denn er besaß echte Vasallentreue. Der Sinn des Gelöbnisses aber war, daß Stilicho den Auseinanderfall der beiden Reichshälften verhindern sollte; er sollte der Entfremdung vorbeugen und in diesem Sinne sich auch um Arcadius bemühen. Damit war ihm für alles Folgende der Weg gewiesen; aber es war leichter gesagt als ausgeführt. Es folgte ein Leben der Erschütterungen, die nicht aufhörten, der glänzenden Erfolge, der schönen flüchtigen Stunden des 288 Genusses, der großen Rettungspläne, der fehlgeschlagenen Hoffnungen und des tragischen Untergangs. Von Hunnen, von Goten und Vandalen spricht man heute mit halbem Grauen; die Völkernamen sind zum Schimpfwort geworden; wir Deutschen haben es neuerdings nur zu oft und bis zum Ekel hören müssen. Die wüsteste Barbarei soll in den Namen liegen. Wie weit das für Goten und Vandalen in Wirklichkeit zutrifft, kann der ganze Verlauf der Dinge, kann Stilicho, Alarich und der große Theodorich uns lehren. Stilichos Vater war ein vandalischer Fürsten oder Königssohn Daher regius undique sanguis , vom Eucherius gesagt, Claudian, VI cons. Hon. 552. , der wie so viele andere vornehme Germanen in die Dienste des römischen Reichsheeres getreten war; er diente als Reiterführer unter Valens. So wurde der Sohn (um das Jahr 560) dem Blute nach als Vandale, dem Rechte nach als Bürger des Römerreichs geboren, erhielt die beste Schulerziehung und stand damit groß da; denn er war nun der Mann der drei Zungen, der zugleich das Deutsche, das Griechische und Latein beherrschte; wurde Reiteroffizier und gewann früh Ansehen bei Hofe und die Liebe des Kaisers Theodosius selber, der ihn, den noch nicht 25jährigen, als Haupt einer Gesandtschaft an den persischen Hof schickte (um 585). Da ging er auf Tigerjagd und brach, wie es heißt, die Herzen der jungen Perserinnen: eine hochgewachsene, imponierende Jünglingsgestalt, dazu klug und wortkarg. Gleich danach vermählte ihm Theodosius seine Tochter Serena Genauer seine Adoptivtochter. und behielt ihn als jungen Heermeister auf allen Feldzügen um sich. Schwiegersohn des Kaisers, Schwager der unmündigen Kaisersöhne, Besitzer eines stolzen Palastes und umliegender Güter in Constantinopel: so stand er früh auf breitestem Fuße. Wie sollte das nicht seinen Ehrgeiz wecken? Aber auch jener Rufin erschlich sich bald danach Im Jahre 390. des Kaisers Vertrauen, ein Mann der juristischen Laufbahn und von nicht geringerem Ehrgeiz als Stilicho. Wie in Arbogast, hat sich Theodosius in Rufin vollständig getäuscht; aber das war verzeihlich; denn der Mensch war ein Meister der Verstellung Vgl. das simulare fidem und fallere mentes doctus , Claudian Rufin I, 88 u. 104. . Und doch verriet sich seine Kampfnatur schon zu jener Zeit 289 darin, daß er den Einfluß der großen Militärs, der ihm lästig war, schädigte und hemmte, so oft er konnte Rufin war es, der dem Heermeister Promotus sein tragisches Ende bereitete; er war es, der auch dem jungen Stilicho, als er an der Donau gegen wilde Schwärme der Hunnen und Alanen zu kämpfen hatte, den Enderfolg raubte, indem er dem Theodosius riet, friedliche Unterhandlungen mit den Barbaren anzuknüpfen. . Nun, da Theodosius tot, warf er die Maske ab und ließ seinen Gelüsten freien Lauf; als der allmächtige Kanzler und Geschäftsführer des Arcadius herrschte er auf das übelste in Byzanz; alle Missetaten des Tyrannen werden ihm nachgesagt. Fatal war es für ihn, daß die Hunnen kamen; am Kaukasus brachen die Hunnen über Armenien ungehemmt in Kleinasien ein und drangen plündernd bis nach Syrien. Rufin sah dem untätig wehrlos zu. Statt dessen beschäftigte er sich damit, seine Tochter mit Arcadius zu vermählen. Es gelang ihm nicht. Da strebte er selbst offenkundig nach dem Kaisertum, nach staatlich anerkannter Mitregentschaft in Constantinopel. Indes war es der Eunuch Eutrop , der das Schlafgemach des Kaisers hütete. Der führte dem stumpfen Arcadius auch seine Kaiserin zu, die Eudoxia , die Germanin, die lebenslustige Tochter des Bauto. Wir werden noch mehr von diesem Eutropius hören. Wichtiger ist Alarichs Verhalten. Die Heeresmasse, die am Frigidus gesiegt, stand noch immer abwartend in Venetien, Norditalien. Stilicho hatte jetzt über sie den Oberbefehl. Es waren reguläre Truppen des Westreichs und des Ostreichs, außerdem Alarichs Westgoten. Alarich benutzte Stilichos Abwesenheit (denn Stilicho ging für kurze Zeit an die Rheingrenze), um ohne Erlaubnis davonzuziehen. Er grollte, und sein Volk mit ihm, weil ihn Theodosius ohne alle Auszeichnung gelassen; denn die Germanen waren auf römische Ehrentitel wie versessen, etwa so, wie die Negerkönige heute sich an europäischen bunten Glasperlen freuen. Auch die fälligen Jahresgelder waren anscheinend nicht eingelaufen. Rufin hatte keine Armee; die Balkanhalbinsel lag wehrlos; so öffnete Alarich die Schleusen, und sein Volk ergoß sich kampflos plündernd ungehindert über Thrazien, Macedonien, Thessalien; er stand dort als Herr im Lande, als Herr und König, schonte dabei übrigens auffällig Rufins Privatbesitz Claudian Ruf. II, 79. . Die Westgoten hatten bisher kein festes Königtum; es 290 bestanden vielmehr nach alter freiheitlicher Germanensitte eine Anzahl von Kleinfürsten und Geschlechtshäuptern, und nur für den Kriegsfall wurde allemal ein Volks- und Heerkönig gekürt. Jetzt hatten die Goten den Alarich unter Schwerterrasseln als ihren König auf den Schild gehoben, ein Führer und Vorkämpferamt, das er nie niedergelegt hat. Er blieb damit bis ans Ende verwachsen; d. h. die Kriegsstimmung in seinem Volke hörte seitdem nicht auf. Er stammte aus dem angesehenen Adelsgeschlecht der Balten (d. h. der Kühnen), die schon seit Alters in Volkslied und Heldengesang gefeiert waren. In der Dobrudscha, auf der Donauinsel Peuke, war er geboren, hatte als zweijähriges Kind den Westgoteneinmarsch über die Donau miterlebt und stand jetzt etwa im 22. Lebensjahre. Jugend war Tugend; die ältesten Recken beugten sich willig seinem Kommando; denn er war hell, weltklug, verschlagen, und das Volk spürte seine Liebe und seine feste Hand. Stilicho war inzwischen an den Rhein geeilt. Dies war Stilichos erste erstaunliche Leistung, daß es ihm gelang, die Rheingrenze gleich dauernd zu sichern, und zwar auf dem Wege friedlicher Verhandlung; 20 Jahre lang haben danach die gefährlichen Franken und Alemanen sich in der Tat vollkommen ruhig gehalten. Gleich danach zog Stilicho gegen Alarich aus. Seine Pflicht war, auf alle Fälle die Truppen des Ostreiches endlich in ihre Heimat zu entlassen. Jetzt führte er sie persönlich dorthin und nahm zugleich die Truppen des Westreichs mit Daher populus uterque bei Claudian, Ruf. II, 224 und ebenda v. 257 die legio disiuncta , nämlich orientalis . . Daß er dem Ostreich gegen Alarich zu Hilfe kam, schien selbstverständlich; denn bisher hatten sich die beiden Reichshälften oft genug gegenseitig militärisch unterstützt. Aber nicht nur dem Alarich, auch dem Rufin galt Stilichos Angriff. Er wollte ihn stürzen. Schon dringt er über den Pindus und stößt auf Alarichs Wagenburg; die Plänkeleien beginnen; die Schlacht will sich entwickeln; Alarich muß fürchten, der Übermacht zu erliegen. Da kommt zu Stilicho in's Lager aus Constantinopel der kaiserliche Kurier mit des Arcadius schroffem Befehl, das Land zu 291 verlassen; er habe ihn nicht zur Hilfe gerufen. Es war des Rufinus Werk. Stilicho gehorchte, er konnte nicht anders, und zog mit seinen Westtruppen ab. Alarich war gerettet. Denn die Osttruppen allein kämpften nicht; Gaïnas war ihr Führer. Aber die Wut Stilichos gegen Rufin ergriff jetzt auch den Gaïnas, ergriff alle Offiziere und Mannschaften. Sie marschieren auf Constantinopel; ein paar Meilen vor der Hauptstadt machen sie Halt. Der Hof ahnt nichts Übles. Um die Truppen, die am Frigidus gesiegt, feierlich zu begrüßen, ritt Arcadius mit Rufin und großem Gefolge aus der Hauptstadt auf das flache Feld bei Heraklea hinaus Heraklea ist das frühere Perinth. . Arcadius, hilflos verlegen, salutierte nur stumm huldigend die Feldzeichen; Rufin dagegen, in Gotentracht (er trug den Pelz, um den Germanen zu schmeicheln), führte blendend das Wort, glückwünschend, dankend, jeden einzelnen anredend, den er mit Namen zu nennen wußte. Er brauchte jetzt die Gunst des Heeres; denn sein verwegener Plan war: Arcadius sollte ihn eben jetzt zum kaiserlichen Mitregenten proklamieren. Der Augenblick schien ihm günstig; das Heer sollte Beifall schreien. Er merkte nicht, daß sich der Kreis der Legionäre um ihn immer enger zog. Plötzlich war er umringt, umstellt, die Messer zuckten, die verhaltene Wut entlud sich in Gebrüll, und er wurde angesichts des Arcadius blitzschnell niedergestoßen, sein Leichnam grausam zerfleischt, zerstückelt: eine rasende Szene. Es war das Werk des Gaïnas. Stilicho aber war diesen Gegner los, und er hatte dabei reine Hände bewahrt. Seine Zukunftspläne konnten gedeihen. Wie wohl Alarichs Augen geblitzt haben, als man ihm all dies meldete? Man glaubt sein herzhaftes Lachen zu hören. Denn er hatte davon zunächst allein den Vorteil. Ungehindert führte er seine hungrigen Goten jetzt in den schönen Süden weiter durch die offenen Thermopylen (kein Leonidas widerstand ihm) nach Delphi, wo die Barbarenrosse aus der heiligen kastalischen Quelle tranken Claudian Ruf. II, praef. 7. , nach Athen, Korinth und Sparta, und das altklassische Land, das einst dem Xerxes 292 glorreich widerstanden, das Land des Sophokles und Pindar, war jetzt Gotenland. Hier wollte Alarich warten, bis ihn der Kaiser in Byzanz um Frieden bat. Milde gab es nicht; Griechen und Griechinnen wurden von ihm verknechtet. Nur Athen schonte er. Er schickte Herolde in die Stadt; Athen öffnete sich ihm nur unter der Bedingung der Schonung; er versprach sie und hielt sein Versprechen. Athen war auch jetzt noch immer die einsame Hochburg des Heidentums; selbst der streng kirchliche Eifer des Theodosius hatte sie verschont. Die alten Prozessionen und Opfer gab es zwar nicht mehr; aber fast alle Götterbilder und säulengetragenen Marmortempel krönten Stadt und Burg noch in alter Schönheit unangetastet. Die Weihe der Erinnerung lag immer noch über diesem Winkel der Erde. Athen war wie die verzaubert schlummernde Märchenprinzessin im Glassarg. Mit großen Augen staunend schritt der blonde Barbar über die still gewordenen Plätze der Agorá, des Areopag und des Kerameikos, wo einst Sokrates und Plato gewandelt. Ja, die Fabel erzählt, daß er hoch oben auf der Akropolis die gewappnete Göttin Athene selbst gewahrte, die drohend ihre steile Burg umwandelte; ihr Anblick habe ihn gebändigt, so wie später die Sage ging, daß Attila, dem Hunnen, als er Rom nehmen wollte, St. Peter und St. Paul in der Wolke erschienen und die heilige Stadt vor ihm retteten. Alarich ließ in der Tat seine Krieger nicht ein; nur mit geringem Gefolge betrat er die Stadt, nahm dort ein Bad, ließ sich gut bewirten und vor allem eine tüchtige Summe Geldes zahlen. Das genügte. Die Mißstände in Constantinopel aber wurden nur noch ärger. Es war enttäuschend. Kein Freund Stilichos, auch Gaïnas nicht, kam dort ans Ruder, sondern der Eunuch, den ich schon nannte, der berüchtigte Eutrop, der die Politik Rufins nur noch überbot: glatt, schlau, frech, aufgeblasen und doch feige; eine Schmach für die Römerwelt. Italien aber, Handel und Wandel des Westreichs litt darunter am meisten; denn der Orient konnte die Waren des Westens leichter entbehren 293 als der Westen die Waren des Orients Immerhin sehen wir, bei Hieronymus in Ruf. III, 10, wie ein negotiator mercium nach Aquileja seine Waren bringt und dort wiederum Waren kauft: derselbe übernimmt zugleich den Transport von Büchern. . Jetzt gab es allerlei unerträgliche Absperrung und Schikane, man denke allein an die Kornvorräte Ägyptens, die nur noch nach Constantinopel liefen; Rom bekam kein Korn mehr von dort zu sehen. Es ist nicht verlockend, Eutrops Lebenslauf zu studieren. Die Kastraten waren eine beliebte Ware auf den Sklavenmärkten. So kam jener Mensch in seiner Jugend durch einen Armenier in den Handel. Er verkaufte sich gut, spielte, von Hand zu Hand gehend, in Assyrien, in Kleinasien, in etlichen reichen Häusern den Hüter der jungen Frauen, der ihnen das Bett machte, die Haare kämmte, das Waschwasser hinhielt, sie fächelte, ihnen die Wolle um die Spindel wickelte, aber auch Holz hacken mußte für die Küche, wenn es ihm schlimm ging: bis die Frauen ihn nicht mehr mochten, weil er zu alt wurde. Dann erwarb er sich die Freilassung aus dem Sklavenstand und brachte sich hoch als Vermittler verbotener Liebeshändel in den vornehmen Kreisen. Ein hoher Offizier brachte ihn an den Hof; da gewann der Fuchs als Hüter des allerhöchsten kaiserlichen Ehegemachs auf den Schwächling Arcadius allmächtigen Einfluß; daß er eifriger Christ war, versteht sich ohnehin, und es gelang ihm nur zu schnell, alle besseren Männer aus den höchsten Stellen zu vertreiben, seine Freunde an die Stelle zu setzen. Er selbst wurde Patrizius, er wurde prätorischer Präfekt und der vollziehende Wille der Regierung. Das war noch nicht dagewesen. Die Entfremdung der Brüder Arcadius und Honorius wuchs. Gleichwohl wurde Stilicho gerufen; denn wie anders sollte sich Eutrop Alarichs entledigen? Stilicho sollte ihm jetzt gegen die Goten helfen. Und er kam (im Jahre 396), landete mit seinem Heere bei Korinth und manövrierte so, daß er Alarich im Peloponnes faßte und in dem Gebirgsland Arkadien auf einem Hochplateau Pholoë am Fluß Alpheios. einklammerte. Alle Wasserzufuhr schnitt er ihm ab; Alarich steckte wie im Sack, versuchte keinen Durchbruch. Stilicho konnte ihn vernichten; aber er verschob es. Vielleicht ließ sich dieser Alarich denn doch auch für Stilichos eigene Pläne brauchen. Stilicho stellte also zuvor, wie sicher 294 anzunehmen ist, an Arcadius das Verlangen, Eutrop zu beseitigen. Als Arcadius dies ablehnte, paktierte Stilicho mit Alarich; die beiden Germanen, an denen die Zukunft hing und die sich jetzt gegenseitig überlisten wollten, kannten sich ohne Frage längst persönlich, schon aus Anlaß der Schlacht am Frigidus. Und siehe da: Alarich erhielt freien Abzug mit seinem Heer, mit seiner Beute. In Constantinopel schrie man: Hochverrat! Sofort trat jetzt Alarich dreist fordernd auf, und Eutrop mußte ihm große Landstriche der Diözese Illyrien, soweit sie zu Ostrom gehörte, d. i. mutmaßlich Epirus, Macedonien und Mösien, dauernd einräumen. Der Form nach war Alarich freilich Vasall; unter dem Titel eines römischen Berufsfeldherrn und Heermeisters, dux und magister militum , sah er sich jetzt in die Beamtenhierarchie des Ostreichs aufgenommen. In Wirklichkeit war Alarich jetzt Stilichos Verbündeter; Stilicho gedachte in Zukunft die von Alarich beherrschten Landstrecken von Ostrom zu lösen und an das Westreich anzugliedern Olympiodor p. 448 ed. Bonn. bezeugt diesen Plan auf alle Fälle für die spätere Zeit. . Warum setzte sich Stilicho schon damals der Mißdeutung aus? Warum vernichtete er Alarich nicht lieber und zog dann gegen Constantinopel weiter, um den Eutrop durch sein Machtwort kurzweg zu beseitigen? Weil dies eine Vergewaltigung des Arcadius selbst, weil es einen offenen Bruderkrieg zwischen Honorius und Arcadius bedeutet hätte, und dagegen stand zunächst noch sein Treuversprechen, das er dem sterbenden Theodosius gegeben. Er kämpfte nur gegen das byzantinische System, nicht gegen den Kaiser. So spielen die ethischen Motive mit hinein in die kühle Rechnung der Diplomaten. Stilicho ist der Wallenstein jener wilden Zeiten In anderer Weise als Septimius Severus, der sich gleichfalls mit Wallenstein vergleichen läßt. ; denn auch Wallenstein wollte mit seinem Kaiser nicht brechen und paktierte doch mit des Kaisers Gegnern. Auf Alarichs Dankbarkeit durfte Stilicho rechnen; ja, man erwartete, daß sich die Goten nunmehr friedlich einrichten, dem Ackerbau sich wieder zuwenden, sich an den Luxus der reichen Landstädte gewöhnen, den 295 Offensivgeist aufgeben, die Machtbefugnisse ihres Heerkönigs wieder einschränken würden. Die Wut Eutrops ist begreiflich. Das geringste war, daß Stilicho jetzt im Ostreich als Landesfeind geächtet, sein dortiger Privatbesitz beschlagnahmt wurde. Aber Eutrop suchte überdies Rom selbst zu treffen. Es betraf Nordafrika, Tunis, Algier, Marokko. Dies Nordafrika versorgte Italien mit Korn. Italiens Ernährung war darauf angewiesen. Auf Eutrops Betreiben sagt sich dies Land jetzt vom Westreich los. Als Reichsverwalter herrschte dort ein Maurenfürst mit Namen Gildo , ein heißblütiger Afrikaner, der da im üppigen Carthago und den umliegenden Provinzen schlemmerhaft lebte und ein geradezu wild ausschweifendes, blutdürstiges Regiment führte. Seine tollen Bacchanalien werden uns geschildert, wo er zur Orchestermusik vornehme Römerinnen zwangsweise mit Negern zusammenbringt, aus deren Vermischung dann garstig buntfarbige Kinder hervorgehen. Gildo hatte sich sein Heidentum bewahrt, stützte seine Macht übrigens auf die römerfeindliche christliche Sekte der Donatisten; seine Tochter Salvina lebte indes als Schwiegertochter des großen Theodosius in Constantinopel in den allerfrömmsten Kreisen Vgl. Hieronymus Epistel 79. . Er war der mittelste von drei Brüdern. Sein älterer Bruder Firmus hatte schon vor 20 Jahren Revolte gemacht und war dabei umgekommen. Jetzt folgte Gildo selbst dem Wink Eutrops, sagte sich von Rom los, schloß sich an Byzanz an und schnitt Rom plötzlich die Kornzufuhr ab. Sein jüngerer Bruder Maskizel versuchte ihn daran zu hindern. Gleich stand Gildo diesem Maskizel nach dem Leben. Maskizel rettet sich nach Italien; Gildo ermordet brutal dessen beide Söhne. In Italien aber droht sofort Hungersnot; es wirkte wie Blockade. Ein neuer Feldzug war nötig. Eutrop aber hatte sich trotz allem verrechnet; denn Stilicho wußte rasch zu helfen. Er ging nicht einmal selbst nach Afrika. Dem jungen Maskizel vertraute er das Heer an. Bei Carthago wurde Gildo von seinem Bruder 296 geschlagen und fand das verdiente Ende. Er erhängte sich. Stilicho aber dachte: diese Sippe ist uns gefährlich, und ließ gleich auch noch den Maskizel töten. Der Jubel war groß. Er hatte schnell und gründlich durchgegriffen, und das Westreich war endlich wieder im Übergewicht Claudian Eutrop. II, 527: potens Italia . . Von jetzt an ist Stilicho der große Mann, der Held der Zeit, der einzige gefeierte Name in der weiten Welt. Dazu wirkte mit, daß er auch die Verwaltung der in Frieden ruhenden Provinzen in einer Weise leitete, die allen Forderungen der Humanität entsprach; er war nicht nur Soldat. Dies zeigen uns die Edikte, die uns vorliegen und die er im Namen des Honorius erließ. Und seine Macht war noch im Wachsen. Denn es gab auch Hochzeit in Mailand Dicht vor Gildos Fall fand sie statt. . Stilicho vermählte seine 12jährige Tochter Maria dem jungen 16jährigen Kaiser Honorius. Bisher war er nur des Theodosius Schwiegersohn, jetzt war er Schwiegervater des regierenden Kaisers geworden. Damit war des Honorius Fügsamkeit gesichert. Und nun stürzte auch der verhaßte Eutrop. Dieses Monstrum war im Jahre 399 Konsul geworden, eine Schändung des hohen Amtes. Die Jahre wurden bekanntlich immer noch nach den zwei Konsuln genannt; nach den Konsuln datierte man alle Ereignisse der Geschichte. Jetzt sollte das Jahr 399 nach einem Kastraten heißen. Aber es war des Eutrop Unglücksjahr, und eine wahre Tragikomödie begann sich abzuspielen. Eutrop hatte sich überdies auch noch zum obersten Heermeister gemacht und ritt prahlend in Generalstracht und dazu mit Pfeil und Bogen durch die Straßen, die übrigens reichlich mit seinen eigenen Standbildern geschmückt waren. Das brachte endlich doch das Blut der Militärs in Wallung, und es kam zur Empörung. Eutrop pflegte für die Zerstreuung des schwachköpfigen Kaisers Arcadius zu sorgen und machte mit ihm und großem Troß alljährlich eine schlemmerhafte Sommerreise nach Ancyra. Als sie von dort zurückkamen, brach der wilde Aufstand los. Jener Gaïnas, der Gote, der römische Heermeister, der den Rufin gestürzt, derselbe war auch diesmal der Urheber. In 297 dem nahen Küstenstrich Kleinasiens, der Constantinopel gleich gegenüberliegt, waren vor wenig Jahren Ostgoten, die sich Grutungen nannten, als Kolonen angesiedelt worden. Tribigild hieß ihr König. Sie hetzte Gaïnas zunächst zum Aufstand auf. Der erschreckte Eutrop schickt erst Gold und gute Worte zur Beschwichtigung. Dann hält er Kriegsrat, ein Consilium, dessen Mitglieder uns mit greller Komik geschildert werden, leichtlebige Herren, die, wenn der Hunne das Tor berennt, bei ihren leckeren Schüsseln an der Tafel sitzen bleiben oder gar ins Theater laufen, um den neuesten Tänzer zu sehen; unter ihnen der Oberzeremonienmeister Hosius, der früher Koch von Beruf war und die Bratensauce rührte, und der Dickwanst und Falstaff mit Namen Leo, der früher in einer Wollspinnerei gedient hat und nun mit aufgeblasenen Backen nach Sieg schreit. Er wird zum Feldherrn erkoren, indem er gegen Tribigild statt des Wollkamms den Degen schwingt. Natürlich mißlingt der Feldzug kläglich; der dicke Leo kommt um; der ganze Hergang war eine Schande. Damit aber fiel auch Eutrop. Arcadius mag geflennt haben; aber auch seine Gattin, die junge Kaiserin, war jetzt gegen Eutrop; er wurde verbannt, dann getötet. Wäre Gaïnas nur hiermit zufrieden gewesen! Aber Gaïnas ging weiter, und die Komödie schlug zur Tragödie um. Was lag ihm an diesem Arcadius? Aufständische gotische Söldner in Haufen strömten ihm zu. Damit nahm Gaïnas die Kaiserstadt Constantinopel selbst, und das Unerhörteste schien bevorzustehen. Aber sein Streich mißlang schließlich doch; furchtbare Straßenkämpfe gibt es in der Hauptstadt; in einer brennenden Kirche kommen 700 seiner Leute um. Dann Verwüstungen des Landes; ein Gefecht zur See. Stilicho hatte gehofft, man werde ihn gegen Gaïnas zur Hilfe rufen Claudian Eutrop. II, 534 ff. , aber das geschah nicht. Fravitta hieß der Kriegsmann, in dem Gaïnas seinen Meister fand und der auch den Tribigild niederschlug. Natürlich war auch Fravitta ein Germane. Damit war endlich der Orient beruhigt, und Ostrom und 298 Westrom näherten sich einander wieder, wenigstens wurden die völlig abgebrochenen diplomatischen Beziehungen wieder aufgenommen; auch wanderten Geschenke von Hof zu Hof. Das Mißtrauen aber, eine verdeckte Feinseligkeit blieb gleichwohl bestehen. Bei alledem war man in Mailand guter Dinge. Eine stolze Freude herrschte. Italien fühlte sich überlegen; Italien war wieder wie einst das Herrenland, und eine gesegnete Periode schien neu anzuheben. Versuchen wir an dieser Freude teilzunehmen. Wo die Welt voll Mord und Totschlag ist, greift man mit Sehnsucht nach den flüchtigen Stunden des Glücks und möchte sie verewigen. Auch wird uns dies leicht gemacht; denn ein römischer Dichter glanzvoller Begabung, ein Verehrer Stilichos, war damals erstanden, der, ein neuer Vergil, ein Klassiker der Spätzeit, voll in die Saiten griff, aber nicht die fernen Vergangenheiten, nicht Troja oder die Argonauten sang, sondern die gegenwärtigste Gegenwart zu verherrlichen unternahm. Er hieß Claudian. In Poesie umgegossene Weltbegebenheiten, politische Dichtung und doch echte, großatmige Dichtung, epischen Stils: es gibt im Grunde nichts Ähnliches. Und diese Gedichte sind uns vollständig erhalten. Sie sind die Ehrensäule, auf der Stilichos Bild großartig hocherhoben in die Geschichte ragt. Wem sangeswürdige Tat gelang, Der liebt auch selber den Gesang, sagt Claudian von ihm Stil. III, praef. 6. . Das heißt: Stilicho war Dichterfreund; er war ein Mann feinster geistiger Durchbildung; ohne das wäre ihm diese kostbare Poesie unzugänglich gewesen. Ja, er selbst, sein Ehrgeiz spricht aus all den Versen, aber auch Rom spricht aus ihnen, das sich wieder nach kaiserlicher Herrlichkeit sehnt. Indes geben die Verse uns noch weit mehr; nicht nur das Kriegsgetümmel der Hunnen und Goten, das ganze Leben der Großen dieser Welt spiegelt sich in ihnen und die prunkende Kultur voll heidnischen Flimmers, die am 299 allerchristlichsten Kaiserhof herrschte. Es war der letzte Sieg der Schönheit in den Tagen der einbrechenden Barbarei. War denn das Heidentum nicht längst erstorben? In der Tat hatte ja Theodosius im Reich rücksichtslos energisch allen heidnischen Gottesdienst aufgehoben, und was Constantin begonnen hatte, war durch ihn wirklich vollendet. Auch draußen auf den Dörfern zerstörten die Christen schonungslos die heidnischen Heiligtümer Vgl. des Libanius ergreifende Rede (Nr. 30 der Försterschen Ausgabe), vom Jahre 384. , und er hatte es gern geduldet. Im Jahre 389 wurde in Alexandria der berühmte Riesentempel des Serapis erstürmt, verbrannt; das letzte großmächtige Bollwerk des alten Glaubens brach damit zusammen. Die Antike war jetzt christlich, der dreieinige Gott und die Heiligen hinfort nahezu schon die Adresse aller Gebete Man lese den triumphierenden Brief Nr. 107 des Hieronymus, der Rom betrifft. . Stilicho selbst war Christ, ebenso Serena, Honorius, der ganze Hof, auch der Dichter Claudian selber Hierfür vgl. die folgende ( S. 304 ) Anmerkung "Auch Claudian kam dadurch natürlich...". . In seinen Versen aber, da leben trotzdem die alten Götter fröhlich weiter. Ohne sie ließ sich immer noch nicht dichten. Wer eben vom St. Antonius oder Hilarion gehört hat oder von den Jungfrauen, die mit brennender Lampe des Bräutigams harren, den muß das seltsam berühren, als trete er aus dem Weihrauchduft der Krypten in die freie Natur ein. Lernte man doch auch auf den Schulen immer noch seinen Vergil und Homer; erklärten doch die Kirchengrößen selbst, man könne ohne die Güter der alten heidnischen Dichter und Denker nicht leben. Es ist nichts wunderbarer als dieser Kontrast. Wir hören, daß selbst die Geistlichen damals, die jung und schön, die Hände mit Ringen überladen, die Locken gebrannt, in den Gemächern der Frauen verkehrten, bei Jupiter und Herkules schwuren Ebert, Gesch. der Literatur des Mittelalters I, 2. Aufl. S. 189. . Der Geist der Renaissance, das Zeitalter der Mediceer des 15. Jahrhunderts ist damit vorweggenommen, wo man ebenso galant war und das katholische Kirchenleben in Rom und Florenz oder Ferrara ganz ebenso mit den Marmorgestalten Apolls und der Venus auszierte und die heiteren Götterlegenden sich groß an die Wände malte. Der Christenglaube litt nicht darunter. Nehmen wir einige Proben. Der Aufstand des Tribigild 300 soll beginnen; da erklimmt bei Claudian der Gott Mars die Höhe des Balkan, sieht von da die Mißwirtschaft des Eutrop und schleudert voll Entrüstung seine Lanze weithin über das Inselmeer bis nach Kleinasien, und der Grund Kleinasiens bebt auf vor Schreck, wie die Lanze niederfährt. Danach beginnt dort der Aufstand. Grotesk und schön. Unter diesem Mars aber ist niemand anders als der Gote Gaïnas, der Urheber des Aufstandes, selbst verstanden. – Zwei Söhne der Stadt Rom sind Konsuln geworden und stolzieren in ihrem Ornat daher; der Flußgott Tiber freut sich deß und taucht aus seinem Flußbett auf. Der Dichter aber freut sich, uns den Gott zu schildern: blau schimmern seine Augen; seine Haare überhängen wirr das grobzügige Gesicht; sein Hals ist dicht mit Gras bewachsen, und er trägt Hörner an der Stirn, aus denen das ewige Flußwasser quillt; so trieft und perlt ihm auch über die Brust das Wasser; es regnet ihm aus der Stirn; es rinnt aus seinem Barte. Im Flußbett wohnt aber auch seine Gattin Ilia; die hat einen Webstuhl aus purem Glas, auf dem sie das Gewand webte, das dem Gott um die wuchtigen Schultern hängt. Wunderbarer noch die orphische Phantastik von der Grottenhöhle der Zeit und Ewigkeit. Stilicho soll Konsul werden; also ein Jahr soll nach Stilichos, des Konsuls, Namen benannt werden. Es gilt, das Jahr aus der Höhle der Zeit zu holen. Eine Riesenschlange (das Symbol der Ewigkeit) liegt rund um die Höhle. Vor ihr sitzt die Göttin Natur, aus deren Gliedern die Seelen all derer hängen, die noch geboren werden sollen. Neben ihr steht ein göttlicher Greis mit einer Tafel und schreibt gebückt das Zeitmaß für die Planetensterne auf, nach deren Wandel der Erdenmensch seine Jahre teilt. In der Grotte aber liegen die erzenen, die eisernen, silbernen Jahrhunderte, aber auch die goldenen; und siehe: der Sonnengott Helios tritt jetzt hinein und greift sich ein goldenes Jahr aus dem Vorrat. Es soll das Konsulatsjahr Stilichos werden. Dann betritt Helios seinen eigenen Feuergarten, der mit Flammen bewässert wird und wo strahlendes Licht statt des Grases wächst, 301 wovon seine Rosse weidend sich nähren. Schon springen Lucifer, der Morgenstern, und Aurora herbei, zäumen ihm die Rosse auf, die mit Lichtguirlanden bekränzt werden, und so fährt Helios, da es Zeit ist, über den Himmel; vor ihm aber schwebt das goldene Jahr, das er aus der Grotte brachte, und die Gestirne schreiben Stilichos Namen leuchtend in den weiten Äther. Man wird nicht müde, das zu lesen. Feiern wir denn auch noch des Honorius Hochzeit in Mailand mit. Da hören wir das reine Märchen. Gott Amor frohlockt; denn er hat im Honorius die Liebe entzündet. Da fliegt er von Mailand nach Cypern, wo seine Mutter Venus in Paphos wohnt. Es ist dieselbe Insel, wo unlängst der heilige Hilarion starb; zudem steht fest, daß Paphos auf Cypern damals durch Erdbeben zerstört war, und der Tempel der Venus war gar nicht mehr vorhanden. Um so flotter kann der Dichter ihn uns schildern. Die ganzen Wände sind aus spiegelndem Brillant, das Dachgebälk aus grünem Smaragd, die Säulenstellung aus Amethyst usf. Daneben ein Zaubergarten, wo die zwei Quellen fließen, die süße und die bittere, in die Amor seine Wonne und Schmerz bringenden Pfeile taucht; und da lustwandelt auch der Venus Gefolge: das ist die Keckheit, der Jähzorn, das Schmachten, auch die Jugend; nur das Greisenalter ist für ewig von dort verbannt. Eben läßt Venus sich von ihren Zofen frisieren und spiegelt sich dabei in allen Wänden; da sieht sie den Sohn Amor im Spiegelbild hinter sich. Er küßt sie lachend. »Was bist du so froh?« fragt Venus; »hast du etwa wieder Jupiter oder Frau Luna zur Liebe verführt?« »Nein, aber den Honorius!« ruft er. »Komm mit, du selbst sollst die Ehe schließen.« Es ist noch Februar und kalt; kein Schiff auf See. In den Wellen aber spielt gleichwohl ein Triton, der eben verliebt auf eine der Meerfrauen Jagd macht (Böcklinsche Staffage). Die Amoretten flattern aus und müssen den Triton holen: »Du sollst die Herrin fahren!« Der schwimmt schon in drei Zügen 302 ans Gestade, wölbt diensteifrig seinen Fischleib, in den sein Körper ausläuft, hoch wie eine Laube; dahinein setzt sich die Göttin und fährt nun so über die See, während ihre weißen Füße die Wellen streichen. Da schmücken sich gleich alle Meeresgeister mit Veilchen und Rosen; Blumenkränze fliegen von Welle zu Welle; aus dem Wasser aber tauchen die Nereïden und bringen Hochzeitsgeschenke für das junge kaiserliche Paar, Gürtel, Halsgeschmeide und Perlendiadem, auch Korallen, die sie aus der Tiefe des Meeres gebrochen (damals eine Kostbarkeit), und singen: »Das ganze Meer huldigt der Maria, der Kaiserin, der Stilichotochter!« Am Strand der Riviera wird gelandet; die Brust des Triton ist schaumbedeckt. Venus aber schwebt durch die Lüfte nach Mailand. Da ergreift die winterliche Natur ein Lenzgefühl; über den Alpen teilen sich die Wolken; ja, die Lanzen und Speere der Soldaten selbst fangen an sich zu belauben und Blumen zu treiben. Venus aber ordnet das Fest an, bestellt den Ehegott Hymen mit der Fackel und die Grazien; vor allem sollen die Amoretten sich tummeln und die Stadt illuminieren, indem sie für die Nacht unzählige Lichter auf Seile ziehen, sollen Purpurteppiche legen und im Ehegemach das Lager mit dem Betthimmel aufbauen, an dem hoch oben kriegerisch des Stilicho Waffentrophäen befestigt werden, die man aus dem Zeughaus holt. Diese Amoretten waren natürlich in Wirklichkeit Pagen, die man ballettartig mit Flügeln versah. Still und artig sitzt Maria noch bei ihrer Mutter Serena und liest fleißig lateinische und griechische Gedichte, Homer, Orpheus oder Sappho, als der Raum sich plötzlich magisch mit Duft und Glanz füllt; Venus steht vor ihr, spricht schöne Worte über Liebe und Treue, überreicht die Geschenke der Nereïden (in Wirklichkeit die Geschenke des Honorius) und schmückt persönlich damit die Braut. Schon steht draußen der kaiserliche Wagen und das Gefolge bereit, und der Bräutigam harrt und bangt, daß es noch nicht Abend wird. Da ordnet sich der Zug, die Gardetruppen haben sich bekränzt, streuen Blumen auf 303 den Weg und ergehen sich in Lob und Preis des Stilicho, der der Retter der Welt ist. Wer denkt bei solchen Schilderungen nicht an bekannte Gemälde des Rafael, Giulio Romano, Domenichino, Albano und Rubens, um nicht von Böcklin zu reden? Diese farbenfrohen christlichen Maler der neueren Zeiten haben ihre munteren Göttermotive vielleicht z. T. aus Claudian selbst gewonnen. Die Götterwelt wird dabei zum Apparat, zum Symbol, zur Allegorie; Allegorie ist »anderes sagen, anderes denken«, und sie kann nur zu leicht frostig wirken. Beneidenswert, wenn sie trotzdem so Leben sprüht wie hier. Stilicho aber war wie sein Leibdichter gesonnen. Er war Weltmann, der – wie so viele bedeutende Männer nach ihm – zwar die christlichen Feste begeht, die kirchlichen Einrichtungen schützt, sonst aber freien Geistes das Schöne und Gute nimmt, wo er es findet. Als er Konsul war, trug Stilicho ein Ornat aus Goldbrokat, worauf in voller Figur Juno und Venus, die Göttinnen, gestickt waren. Das ist bezeichnend Claudian Stil. II, 339 ff. . So steht fest, daß er zwar im ganzen an der christlichen Reichsordnung des Theodosius festhielt, dem hlg. Ambrosius nahe stand, ja wiederholt im Interesse der Orthodoxie gegen die Sekte der Donatisten einschritt In Edikten des Honorius nach Gildos Tod und nochmals i. J. 405. , daß er endlich die blutigen Gladiatorenkämpfe in der Arena für immer aufhob Im Jahre 399. ; aber er gestattete doch, daß die altheidnischen, übrigens unverfänglichen Turnspiele, die isthmischen Spiele, wieder auflebten. Auch die Eingeweideschau hat er wieder, wie Constantin, in gewissen Grenzen gestattet, vor allem aber alle weiteren Zerstörungen von Tempeln verboten, allen heidnischen Gebäudeschmuck durch Edikt in Schutz genommen Vgl. meine Marburger Programmschrift De moribus christianis , 1885, S. IX. . Und so erklärt sich auch die Haltung der Ethik bei Claudian. Claudians Gedichte sind reich an Sentenzen und erziehenden Mahnworten zur Sittlichkeit; das fromme Mittelalter hat sie eifrig gelesen und ausgezogen. Aber diese Sittlichkeit ist unkonfessionell und nur rein menschlich; sie vermeidet jede Beziehung auf christliche Lehren Charakteristisch dafür ist der Lehrvortrag über die Pflichten des Herrschers, den Claudian De IV cons. Honorii 276 ff. gibt. Ein Jahr vorher hatte Synesius in Constantinopel seine Rede περὶ βασιλείας gehalten, die z. T. dasselbe vorträgt; Claudian hat diese Rede treu nachgeahmt; eine Stelle aber ließ er weg; es ist die, wo Synesius den Arcadius zum Gottesdienst ermahnt; sie hatte zu speziell christliche Färbung und paßte nicht zum Tenor der Claudianischen Weltweisheit; vgl. ibid. S. XXII. , setzt sich aber auch nirgends mit ihnen in Widerspruch. Alles dies trug Claudian am 304 Hofe selbst vor; alljährlich hat er im prunkenden Festsaal an bedeutsamen Tagen vor den erlesenen Spitzen des Reichs seine Poëme feierlich deklamiert. Also war auch der Hauptperson, dem Stilicho, diese Ethik genehm, das ist klar. Es sind Stilichos Gesinnungen, die wir da lesen, und dieser Vandale wächst für uns darum an Größe. Kein Wunder aber, daß er bei den Zeloten der Kirche in den üblen Geruch kam, daß er seinen Sohn und Erben Eucherius heidnisch erzog Auch Claudian kam dadurch natürlich in den Ruf, Heide zu sein, und in der Tat lebte er ganz in der Bildungssphäre, die eines christlichen Einschlags entbehrte oder nicht bedurfte; der gesellschaftlichen Stellung nach aber war er Christ, sagen wir Namenchrist, wie so viele. Daran zu zweifeln ist Unverstand. Schon früher habe ich dies wiederholt klargestellt (s. meine Claudianausgabe, S. LXIII ff.), möchte aber noch einmal darauf zurückkommen. Ich weiß wohl, daß in der Zeit des Honorius gelegentlich noch heidnische Männer in hohe Ämter kamen (ein Gesetz dagegen erwähnt Zosimus V, 46, 3); trotzdem war eine so überaus intime Stellung am Hof, als Mundstück der Regierung, wie Claudian sie innehatte, für einen erklärten Nichtchristen ganz unmöglich. Als Beweis aber dient zudem das Gedicht »über den Erlöser« ( de Salvatore ), das wir von ihm besitzen und dessen Echtheit zu bezweifeln ausgeschlossen ist (vgl. Postgate in der Classical Review 1893 S. 3). Er hat es im Auftrag des Hofes für den jungen Kaiser abgefaßt, und zwar vertritt dies Gedicht die orthodoxe, nicht die arianische Auffassung Christi. Als Analogie kann schon gleich Ausonius dienen, der in seinen meisten Gedichten sich vollständig als Heide gibt, trotzdem aber auch einige kirchliche Verse hinterlassen hat (s. unten). Das von mir im Text Vorgetragene zeigt eben, was in den Zeiten, von denen ich handle, den Weltlichen unter den Christen zu denken und auszusprechen allerdings gestattet war. Stilichos Hof glich den Höfen der Renaissancezeit. Zwei Stützen hatte damals das wirklich Ernst machende Heidentum noch: eine Gruppe altgläubig gesonnener Senatoren in Rom, deren Vorfechter Symmachus; sodann die neuplatonische Lehre, die man immer noch in Athen betrieb. Zu beiden aber vermeidet Claudian jede Beziehung; d. h. er will mit dem ausgesprochenen Heidentum nichts zu tun haben. Claudian schwärmt für den Senat, huldigt aber nur christlichen senatorischen Familien, wie der des Probus; den Symmachus zu nennen dagegen umgeht er ängstlich (in dem Vers carm. min. 19, 2 sehe ich eine versteckte Hindeutung auf ihn, wo es heißt, Gennadius sei der zweitbeste Redner Roms; Symmachus war nämlich der beste). Keins seiner Gedichte ist nachweislich an einen Heiden gerichtet. Bemerkenswerter ist noch, daß Claudian zwar seine Bezüge zur platonischen und stoischen Philosophie und Ethik offen erkennen läßt, aber nur im Sinne seines christlichen Freundes Mallius Theodorus oder auch im Sinne des Synesius, d. h. nur im Hinblick auf die älteren Philosophenschulen. Weder in seiner Gedankenwelt noch in seinem Götterapparat ist dagegen ein irgendwie nennenswerter Einfluß der neuplatonischen phantastischen Philosophie zu bemerken; wie anders der Heide Zosimus, der z. B. V, 35, 5 zeigt, wie er in der neuplatonischen Dämonenlehre lebt! Wohl aber zeigt sich dagegen Claudian gelegentlich als Nachahmer christlicher Vorbilder, er hat also keineswegs verschmäht, diese zu lesen (s. meine Ausgabe, S. LXIV ff.). Man hat auffallend gefunden, daß Claudian in einem seiner Epigramme ( carm. min. 50) den Kultus der Heiligen lächerlich macht. Da war ein Heermeister Jacobus, von dem wir sonst nichts wissen, der aber als untüchtig gegolten haben muß (der Mann zählte gewiß zu den Parteigängern des Olympius, von dem nachher die Rede sein wird); von diesem Jacobus sagt Claudian dort höhnend, er hoffe über die Goten nicht durch die eigene Tatkraft, sondern mit Hilfe der heiligen Susanna und Thekla, des heiligen Petrus und Paulus zu siegen (die heilige Thekla war damals aktuell; vgl. Rufins Apoligia II, 25). Dieser Heermeister stand also auf dem Standpunkt des Bischofs Paulinus von Nola, der gleichfalls behauptete, der Sieg Stilichos über Radagais im Jahre 405 sei mit Hilfe der Heiligen erfochten (vgl. Ebert, Gesch. der Literatur des Mittelalters I², S. 304). Es ist aber bekannt, daß auch sonst Gruppen von Christen eben damals sich gegen den Heiligenkultus mit offenem Hohn aufgelehnt haben; ich nenne den spanischen Presbyter Vigilantius, der diesen Kultus grade zu Claudians Zeit ausdrücklich als nahezu heidnisch verwarf und damit nicht wenig Anhänger fand ( Hieronym. contra Vigilantium c. 4; vgl., auch Schenkl im Rhein. Mus. 66, S. 414). Claudian konnte also als Christ just so wie diese Leute denken. Interessanter ist, daß er seinen Stilicho ein einziges Mal auch zu einem Heidengott beten läßt ( in Ruf. I, 334); aber dies ist Gott Mars, und mit diesem Mars hat es seine ganz besondere Bewandtnis. Daß an einer anderen Stelle bei Claudian unter Mars niemand anderes als der Gote Gaïnas zu verstehen sei, habe ich schon oben S. 297 gesagt; an dieser Stelle aber liegt die Sache ganz ähnlich. Eine Schlacht wird geschildert, und da heißt es, Stilicho kämpfe auf dem einen Flügel, Mars auf dem anderen (ebenda v. 350); dieser Mars ist also eine mit Stilicho durchaus gleichstehende Person; auch da ist unter ihm wieder nichts anderes als der Gote zu verstehen. Dies erklärt sich aber daraus, daß Mars, wie bekannt, der Hauptnationalgott der Goten und daß er dabei speziell in Thrazien lokalisiert war (genaueres in meiner Schrift »Die Germanen«, S. 76 u. 123). Daher repräsentiert er das Gotenvolk, das in Thrazien steht. Wenn nun also Stilicho hier den Mars anruft: »verteidige mit mir dein thrakisches Land«, so ist dies wieder nur eine Allegorie, und er ruft damit eben nur die Hilfe der Goten selber an. Dabei verspricht er dem Mars (v. 339) im Fall des Sieges einen Eichbaum zu weihen, an dem die Spolien, die Waffen des Besiegten, aufgehängt werden sollen. Kein Römer aber hat meines Wissens dem Mars in der Kaiserzeit je Bäume geweiht; das war wiederum nur gotische Sitte; es ist nur im Sinne der Germanen gedacht (vgl. z. B. G. Steinhausen, Geschichte d. deutschen Kultur, S. 69; G. Ammon, Tacitus' Germania, S. 65). Stilicho sagt also zu den Goten, die hier noch vorwiegend als Heiden vorgestellt sind, daß er ihren Kultgebräuchen entsprechend ihrem Stammesgott eine Ehrung zuteil werden lassen will, eine Konzession des christlichen Staatsmannes an den heidnischen Verbündeten. Übrigens sei verglichen, daß, so wie Stilicho den Mars, so der Christ Ausonius in seiner 5. Ekloge den Janus und die Nemesis anruft; ja Ausonius schreibt im carm.  II. ruhig an den frommen Kaiser Theodosius, daß Ceres dem Ackersmann die Aussaat anbefiehlt, Mars die Soldaten aufruft, zu den Waffen zu greifen (vgl. auch unten S. 326 Anm. "Der Kaiser ist für Ausonius..."). Derartiges schien damals vielen durchaus unverfänglich. Ging doch der Katholik Stilicho selbst mit einer Toga einher, auf der man Juno und Venus gestickt sah (oben S. 303 ). Daß übrigens Claudian schon bei Lebzeiten von streng christlicher Seite Angriffe erfuhr, zeigt uns das erwähnte Gedicht auf den hochkirchlichen Heermeister Jacobus, der Claudians Gedichte »zerriß« oder schmähte, ebenso aber auch die Praefatio zu den Nuptiae Honorii Augusti , wo der Dichter im v. 12 sagt: meine Gesänge gefallen den Superi und dem Jupiter, d. h. den höchsten Spitzen der Regierung und dem Kaiser; »nur die Centauren und Faune leugnen es.« Unter Centauren verstand man damals das ungebildete Pack der Rohgesinnten (vgl. meine Ausgabe, S. 432), unter den Faunen aber speziell die Mönche und Eremiten; der hl. Antonius bezeichnete sich z. B. selbst als Faunus (s. Isidor Orig. XI, 3, 21). Daß Claudian in diesen Kreisen der Christenheit Anstoß gab, ist ja vollauf begreiflich, und so kam denn auch Augustin dazu, von ihm zu sagen, er sei a Christi nomine alienus . Diese Äußerung Augustins kann demnach nicht etwa als Zeugnis, wie man es tut, gewertet werden. War doch auch der hochgelehrte Origenes in solchem Fall nicht unfehlbar; er erklärte seinen Gegner Celsus abschätzig für einen Epikureer, aber er irrte sich (vgl. Philol. Abhandlungen für Martin Hertz, 1888, S. 197 ff.); ebenso hat sich auch Augustin geirrt. Auf dasselbe führt weiter noch folgende Überlegung. In den damaligen Bibliotheken der christlichen Kreise gab es regelmäßig zwei Abteilungen, christliche Bücher und heidnische Bücher. Die Bücher wurden nach ihrem Inhalt darauf verteilt. So sind Claudians Schriften ohne Frage sogleich in die heidnische Abteilung gelegt worden, wobei man auf das kleine Gedicht De salvatore nicht Acht gab, und so kam es, daß er selbst danach nun auch sogleich irrig als heidnischer Autor, also als Heide rubriziert wurde. Daher Augustins Fehlschluß. Wir können damit folgendes vergleichen. Ein ganz ähnlicher Irrtum ging daraus hervor, daß man Senecas philosophische Schriften, die vielfach an christliche Gedanken anklingen, in die christliche Abteilung der Bibliotheken, desselben Seneca Tragödien dagegen, in denen die heidnischen Götter die herkömmliche Rolle spielen, in die heidnische Abteilung legte; infolgedessen redete man sich damals ein, der Verfasser der Tragödien sei ein anderer Seneca als der Philosoph, und der letztere sei gar ein Christ gewesen (vgl. Neue Jahrbücher 1911, S. 360). Man hüte sich, auf solche Nachrichten Schlüsse zu bauen. . Er ließ sich dadurch nicht beirren. Wie schön war die Zeit der Waffenruhe! Aber sie war nur zu kurz; es sollte kein Dauerfrieden werden. Neue barbarische Völkergruppen stießen aus Osten wider Erwarten vor, und Stilicho mußte schon im Jahre 401 über die Alpen ins Reichsland Pannonien eilen; denn ein wildes Völkergemenge von Ostgoten, Alanen, Vandalen und Hunnen war da plötzlich eingedrungen; es ist das Flachland zwischen Sau, Drau und Donau, wo heute Wien und Pettau und Eszeg und Oedenburg am Neusiedler See, lauter antike Städte liegen. Aber das war des Übels nicht genug: gleichzeitig fiel Alarich in Italien ein, Stilichos Verlegenheit benutzend, und es begann ein Krieg, der zum Existenzkampf wurde. Alarich wurde zum Schicksal. Der Schreck war namenlos. Was trieb Alarich nach Westen? Sicher nicht der byzantinische Hof Man kann dafür freilich geltend machen die Claudianstelle Bell. Pollentin. 566: alternae periuria venditat aulae , aber sie besagt doch nur, daß Alarich auch einmal mit Constantinopel Bündnis schloß, nicht aber, daß dieses Bündnis gegen Italien gerichtet war. Wäre Byzanz an dem folgenden Hergang wirklich schuld, so müßte Claudian uns das sagen; denn er tadelt doch sonst im Anlaß des Eutrop und des Gildo die dortige Politik auf das offenste. In bezug auf die jetzt zu erzählenden Ereignisse schweigt Claudian dagegen und schilt nur auf die Treulosigkeit und Undankbarkeit des Alarich, macht nur ihn ganz allein zum Urheber seiner Handlungen. Claudian hatte keinen Anlaß, die Anklagen gegen Byzanz zu unterdrücken, falls sie berechtigt waren. . Es war sein eigener Wille; es war das natürliche Begehren nach Steigerung der so leicht errungenen Vorteile; es war der Tatendrang des jungen, heldenhaften Menschen, der sich seines Könnens froh bewußt ist. Schon daß er Heerkönig der Westgoten geblieben war, war eine Drohung. Dankbarkeit gegen Stilicho kannte er nicht (was ist Dankbarkeit in den Existenzkämpfen der Nationen?); er kannte nur seines Volkes Vorteil. Die Territorien, in denen er saß, das heutige Land der Albanesen, Serben und Bulgaren, behagte ihm nicht; das kann uns nicht wundern; auch heute ist es nicht der gesuchteste Erdenwinkel Die Verkehrsverhältnisse waren in jenen Gebieten trotz der Bemühungen der Kaiser, sie für Handel und Wandel aufzuschließen, sehr zurückgeblieben; durch die eigentümlichen verkehrsfeindlichen Gebirgsverhältnisse waren die einzelnen Landschaften isoliert. Nur mit Epirus und Thessalien stand es günstiger; vgl. E. Speck, Handelsgeschichte des Altertums III, 2, S. 802. . Alarich war wie der Moses, der das gelobte Land sucht; war Italien nicht tausendmal lockender? 305 oder Südfrankreich, ja selbst Nordafrika, eine der Hauptkornkammern der Welt? Mit Waffen war er trefflich versehen; die Bergwerke, die Waffenfabriken in Illyricum hatten ihm zur Verfügung gestanden. Sein Volk war mit ihm eins; er beschloß zu wandern. Stilicho hatte in Pannonien gerettet, was zu retten war; er war ergraut, aber im rüstigsten Mannesalter. Er wurde durch friedliche Verhandlung der dortigen Barbaren Herr, ja, konnte unter ihnen selbst Truppen für sein Heer anwerben. Inzwischen aber hatte Alarich Dalmatien besetzt, den Isonzo überschritten, ein Römerheer niedergeschlagen und stand schon in der Poebene, rückte auf Mailand, die Kaiserstadt, und das Unglaubliche war geschehen: Honorius, der Kaiser Roms, sah sich höchstselbst in seiner Residenz belagert, völlig abgeschnitten; Aushungerung drohte. Er sollte sich dem Alarich ergeben. Auch der Dichter Claudian war da mit eingeschlossen und spähte von den Türmen der Festungsmauer angstvoll nach Norden, nach Entsatz. Kam Stilicho nicht? Aus den Alpen mußte er kommen. Der Winter ging zu Ende. Stilicho zog, um stark aufzutreten, die im fernen England und an den Rheingrenzen garnisonierten Legionen heran. Daher der Verzug. Es kostete ihn unbedingt einen schweren Entschluß, die immer gefährdete Rheingrenze von Truppen völlig zu entblößen; aber Alarich zwang ihn dazu, und er durfte hoffen, die Franken und Alemannen würden sich dort wie bisher ruhig halten. Schon kam Stilicho über die Alpen, auf Mailand. Mit einem kleinen Vortrupp erzwang er sich rasch nachts persönlich den Übergang über die Addua und nötigte Alarich durch Umfassung, von Mailand abzurücken. Nicht nur Honorius war damit befreit, sondern zugleich auch dem Alarich die Straße nach Rom versperrt. Denn Rom selbst zitterte; der Kampf um Rom war jetzt im Beginnen. Alarich aber geht nicht zurück, er wandert vielmehr nach Westen auf Genua weiter, um von dort abbiegend die italienische Küstenstraße nach Rom zu gewinnen. Da sperrt ihm Stilicho abermals den Weg, und es 306 kommt zu den ersten der Schlachten, zur Schlacht bei Pollentia des Jahres 402. Sie kostete den Alarich die schwersten Verluste; sogar seine Gattin, die Gotenkönigin, und seine Kinder wurden bei Stilicho gefangen eingebracht. Aber ihn zu vernichten sah sich Stilicho außer Stande, und es wird vereinbart, daß Alarich Norditalien räumt, nach Dalmatien abzieht Irgendwelche Gegenleistungen muß Alarich versprochen haben; es war geradezu ein foedus ( de VI cons. Honorii 210 u. 303). Glaublich ist, daß dem Alarich auch seine Frau und Kinder zurückgegeben wurden; andernfalls hätten sie als wichtige Geiseln gedient, und dies mußte in unseren Quellen Erwähnung finden. . Ein guter Erfolg. Man konnte in Rom und Mailand wieder Feste feiern. Nur die Christen strenger Gesinnung tadelten, daß Stilicho die Schlacht bei Pollentia am heiligen Ostersonntag (dem 6. April) geschlagen, mehr noch, daß er die Hilfe eines heidnischen Korps von Alanen unter der Führung Sauls angenommen. Freilich fiel dieser Saul im Gefecht; das mußte so kommen; sein Name konnte nichts Gutes bedeuten. Alarich aber war keineswegs entmutigt; gleich im nächsten Sommer stand er wieder an der Etsch bei Verona. Da schlug ihn Stilicho zum zweiten Male und wuchtiger; es war diesmal ein Vollsieg (im Jahre 403). Alarich will darauf nach Norden durch die Rätischen Alpen; Stilicho verlegt ihm die Pässe; im Gebirge sieht der Gote sich eingeschlossen, wochenlang belagert. Hungersnot demoralisiert sein Heer; die Überläufer sind nicht zu halten. Stilicho hätte den Alarich jetzt zum zweiten Mal vernichten können, gerade so wie damals, vor acht Jahren, als er ihn in Arkadien faßte. Aber er tat es auch diesmal nicht. Er schonte den furchtbaren Landesfeind. Es war, als flösse ein magischer Zauber von Alarich aus, der Stilicho lähmte. Aber nein! Stilicho war der Rechner; seine Rechnung mit Byzanz war immer noch nicht beglichen. Er warf Alarich aus Italien, aber verpflichtete ihn sich aufs neue für die Zeit, wo er endlich mit dem Constantinopler Hof abzurechnen gedachte. Da sollte er helfen In der Tat wären Stilichos militärische Machtmittel ohne Alarichs Hilfe zu schwach gewesen, um gegen das Ostreich wirksam vorzugehen; denn Stilicho mußte daran denken, die aus England und vom Rhein her bezogenen Legionen, Auxilien und Numeri , mit denen er jetzt gesiegt hatte, baldmöglichst wieder dorthin zu entlassen. . Im goldenen Rom aber, das sich gerettet fühlte, rüstete man ein Siegesfest. Wie lange hatte die ehrgeizige Stadt keinen Triumphzug gesehen! Honorius selbst, der sich ängstlich in die uneinnehmbare Festung Ravenna geworfen hatte (Ravenna war nicht nur durch Türme und Mauern, sondern auch 307 durch das umliegende Sumpfland geschützt), der Kaiser selbst erschien jetzt in Rom. Roms Stadtvolk schmachtete nach dem Anblick der Majestät; jetzt kam der junge Herr mit Stilicho in demselben Prunkwagen gefahren; Stilichos Sohn schritt artig nebenher, und der Senat nahm, als wären es noch die alten Zeiten des Augustus oder Trajanus, den kaiserlichen Vortrag entgegen, ein Bulletin über die Erfolge der kaiserlichen Politik. Ob sich auch der Bischof Roms, gewiß der mächtigste Mann in Rom, damals dem Kaiser näherte, erfahren wir nicht; wohl aber erfahren wir von der Göttin Victoria. Im Senat gab es immer noch eine Gruppe von überzeugt heidnisch gesinnten Männern, die da meinten, die Vernachlässigung des alten Glaubens sei Schuld an allem Unglück des Reichs. Während aus Roms Tempeln sonst alle Götterbilder radikal entfernt waren, bestanden sie darauf, daß zum wenigsten im Senatssaal, der alten Kurie, das Bild der Victoria noch stehen blieb und zu gegebener Zeit noch Huldigungen entgegennahm. Die goldblitzende Flügelgöttin war im Grunde nichts als ein Sinnbild, aber eins, das sich nach dem Glauben der Patrioten bewährt hatte und dem Reich die nun ein Jahrtausend alte Siegeskraft des römischen Namens verbürgte. Unter Theodosius war das Bild rücksichtslos entfernt worden; Stilicho war nachgiebig; er ließ es wieder aufstellen, und der allgemeinen Stimmung nachgebend machte jetzt in dieser feierlichen Stunde Honorius selbst vor ihm die übliche Gebärde der Huldigung. Die Kleriker runzelten die Stirn. Wenn aber die Plebs auch noch nach den alten wilden Gladiatorenspielen des Colosseums verlangte, so wurde ihr der Wunsch nicht erfüllt; Stilicho ließ dort nur ein Scheingefecht aller Waffengattungen des Heeres aufführen, das ohne Verwundungen verlief und für das vorher etliche Proben abgehalten wurden. Würde die Victoria sich auch noch ferner bewähren? Alarich war nun freilich still geworden, aber nicht die Völkerwanderung. Eine neue Erwürgung drohte. Radagais kam; Radagais war Ostgote. Nicht die Westgoten, die Ostgoten 308 überfluteten jetzt schreckensvoll Italien, 400 000 Köpfe, so heißt es. Es sind dieselben, die dem Stilicho schon vor drei Jahren in Pannonien zu schaffen machten. Sie müssen sich danach dortselbst gewaltig verstärkt haben. Durch das Drautal über Laibach stieg Radagais ins Land, verheerend. Im Jahre 405 stand er vor Florenz. Die Victoria aber schwebte auch diesmal noch flügelrauschend um Stilicho. Aus dem Standquartier bei Pavia (Ticinum) rückte er gegen Florenz. Hunnen unter Huldin waren von ihm angeworben; auch ein vornehmer Westgote Sarus , der sich mit Alarich entzweit hatte, leistete Hilfe. Die römische Manövrierkunst bewährte sich aufs neue. Florenz wurde entsetzt, Radagais' Heerscharen bei Fiesole in zwei mörderischen Treffen gänzlich vernichtet, er selbst gefangen, dann getötet. 12 000 überlebende Ostgoten konnte Stilicho danach als Söldner in sein Heer aufnehmen. Stilicho das Schwert Roms, der Allüberwinder! Er stand auf dem Gipfel. Jetzt war weit und breit kein Feind mehr in Sicht, und er nahm endlich den alten Plan in Angriff, gegen Byzanz vorzugehen, alle ihm dort feindlichen Elemente zu beseitigen, eine einheitliche Politik Ost- und Westroms wiederherzustellen. Er vollendete damit sein Lebenswerk. Auch auf einen Teil der Balkanländer, die Provinzen Dacien und Macedonien, wollte er für Honorius Anspruch erheben Olympiodor p. 448, ed. Bonn. . . Zu diesem Zweck dirigierte er Alarich, der inzwischen in Pannonien stand, nach Epirus, und Alarich gehorchte wirklich; in Epirus harrte Alarich gutwillig auf Stilichos Kommen, um mit ihm gegen Constantinopel vorzugehen. Er führte jetzt den Titel eines Heermeisters des Westreichs Sozomenos IX, 4. . Da schlug das Verhängnis ein, das alles zerstörte. Die Rheingrenze war ungeschützt. Starke Barbarenzüge überfluteten plötzlich ganz Gallien; und dies schöne Land, nicht nur das, gleich war auch ganz England und Spanien für Honorius danach verloren. Das Kaiserreich des Westens war jämmerlich amputiert, seine Kraftquellen ihm genommen, das arme Italien plötzlich auf sich allein und auf die Nordküste Afrikas angewiesen. 309 Was waren das für Barbaren? Nicht Alemannen und nicht Franken; auf sie hatte Stilicho sich nicht ohne Grund verlassen; vielmehr Ostvölker, die mit den Ostgoten zusammen in Pannonien gesessen hatten, Quaden, Vandalen, Sarmaten, Alanen, Heruler, Gepiden; ihre Schwärme hatten sich durch das Tiroler und Schweizer Land gegen den Rhein gewälzt; niemand hatte ihnen jenseits des Rheins widerstanden. Dann hatte sich in England ein junger Kriegsmann geringer Herkunft – er trug den glückverkündenden Namen Constantin – zum Kaiser aufgeworfen, war nach Gallien übergesetzt, hatte die Barbarenschwärme dort siegreich zerstreut und unschädlich gemacht; aber dieser Constantin hatte Gallien für sich und nicht etwa für Stilicho und Honorius erobert, und er nahm auch noch Spanien dazu, das seit langem politisch nur wie ein Anhängsel Frankreichs war. Stilicho sandte ein Heer gegen diesen Constantin; aber die Unternehmung scheiterte. Sofort galt Stilicho als Verräter. Die Kirchenpartei war dabei die lauteste. Warum hatte er den verruchten Alarich nicht gleich vernichtet und immer wieder entschlüpfen lassen? warum den Rhein nicht rechtzeitig gesichert? Er war ja selbst nur Vandale. Der instinktive Haß wurde jetzt frei gegen alles Germanentum, das sich nun schon allzu lange im römischen Reichsdienst breit machte. Eben jetzt lockerte sich auch das Verhältnis zu Honorius; denn Stilichos Tochter Maria war gestorben. Honorius heiratete dann freilich Stilichos zweite Tochter Thermantia (im Jahre 408); das alte Vertrauen aber war dahin. Und jetzt regte sich auch Alarich aufs neue mit wachsender Dreistigkeit. Der Aufenthalt in Epirus mißfiel ihm. Er war inzwischen nach Norikum gezogen, das ist in das schöne Land Vorderösterreichs, Steiermark und Kärnten, das Land der Enns und des Sanntals, das Land Laibachs, Salzburgs und Klagenfurts. Dies Norikum kann (wie auch jetzt neuerdings im Jahre 1919 wieder Tirol) geradezu als ein Vorland Italiens gelten. Daß der Gote jetzt dort saß, war für Rom ehrenrührig und auf 310 die Dauer unerträglich; Alarich konnte von dort aus den Weg des Radagais gehen. Und er hielt sich nicht zurück. Zunächst schickte er Gesandte nach Ravenna und forderte Geld; denn er war in Stilichos Auftrag nach Epirus gezogen; er verlangte nunmehr für diese Expedition Entschädigung. Stilicho mußte sich beugen, nach Rom eilen, sich entschließen vom Senat Geld zu fordern. Denn nur der Senat konnte noch Geld geben. Der Senat hatte jetzt wieder mitzureden. Da gab es Schmähungen und grimmigen Widerstand, bis Stilicho drohte; da wurden dem Alarich wirklich 4000 Pfund Gold (etwa 3 Millionen Mark) bewilligt. Es war die erste Demütigung des stolzen Rom durch Alarich. Noch einmal kam eine scheinbar günstige Wendung: Kaiser Arcadius starb in Constantinopel Im Mai 408. , und sein Sohn Theodosius II. war achtjährig, war unmündig. Nun bestand alle Aussicht, das Verhältnis zum Ostreich bald auf friedlichem Wege leicht und günstig zu gestalten, und Stilicho faßte weitsichtig einen neuen Plan. Er schlug dem Alarich, der hier nun unnötig geworden, vor, nach Gallien zu ziehen und dort den Usurpator Constantin zu bekämpfen. Als Lohn wurde ihm die freie Ansiedlung in Gallien selbst in Aussicht gestellt Dies letztere ist Vermutung, doch wahrscheinliche Vermutung. Ob der Vorschlag den Alarich wirklich erreicht hat, ist auch nicht bezeugt, doch dürfen wir dies annehmen. . Das war lockend, das schöne Frankreich das Ziel des Begehrens so vieler Völker; wie sollte Alarich sich weigern? In der Tat war es den Westgoten bestimmt, dereinst dort um Arles und Toulouse ein Westgotenreich zu gründen. Aber Alarich sollte dies nicht erleben. Auch dieser Plan scheiterte; denn die tötliche Intrigue gegen Stilicho ging weiter. In Honorius, der inzwischen 24 Jahre zählte, war endlich nach langem Hindämmern der eifersüchtige Trieb zur Auflehnung erwacht. Wie lange sollte Stilicho ihn noch bevormunden? Er war ein Mensch ohne höhere Intelligenz, auch ohne alle Tatkraft und Wagemut, aber zäh und eigensinnig ausdauernd und, so lange er lebte, bei allem Machtverlust immer beflissen, den Nimbus der kaiserlichen Suprematie und durch papierene Proteste seine Ansprüche zu wahren. Durch 311 lethargisch passiven Widerstand hat er die Geschichte der Zeit hernach in der Tat nicht wenig beeinflußt. Denn er dachte auch nicht daran, rechtzeitig zu sterben; sein Körper war gesund, und er wußte sich immer vorsichtig außer Gefahr zu halten. Jetzt beschloß er unversehens, persönlich nach Constantinopel zu fahren und die Verhältnisse mit dem Ostreich dort mit eigener Hand zu ordnen. Stilicho will dies verhindern; er ist gewohnt allein zu herrschen, allein zu handeln, mißtraut auch den Fähigkeiten des Kaisers. Honorius beginnt trotzdem die Ausreise, indem er zunächst, von Gardetruppen begleitet, Mailand verläßt, gelangt aber nur bis nach Bologna Er wollte nach Ravenna, um sich dort einzuschiffen. . Da gibt es Aufenthalt, weil das Militär meutert. Man munkelte, Stilicho selbst habe die Meuterei veranlaßt. Stilicho eilt herbei, beruhigt die Truppen und setzt nunmehr durch, daß Honorius auf die geplante Reise verzichtet. Honorius schifft sich nicht ein. Es war Stilichos letzter Erfolg. Die Männer trennen sich. Im Standlager bei Pavia befinden sich die Legionen, die demnächst zum Ausmarsch gegen Constantin bestimmt sind; sie bestehen aus angeworbenen Italienern, die sich mit Stolz als echte Römer fühlen. Dorthin begibt sich Honorius ohne Stilicho zur Truppenschau. Stilicho selbst bleibt in Bologna, wo sich gleichfalls erhebliche Truppenverbände befanden; es waren dies aber vornehmlich germanische. Stilicho selbst hatte hunnische Leibwächter. Warum ließ Stilicho eben jetzt den Honorius allein? warum ging er nicht mit zu jener Heerschau? Ahnte er nicht, was bevorstand? Er, den schon als Jüngling das unbedingte Vertrauen des Theodosius getragen, der als Lenker des Reichs für des Theodosius Sohn nun durch bald 15 Jahre sich bewährte, dessen Wille Gesetz war, der durch keinen Widerspruch anderer sich je gelähmt gesehen, der daher auch nie, wie andere Allmächtige, sich gezwungen sah Widersacher blutig zu verfolgen, zu verbannen, er, den die Truppen bisher abgöttisch verehrt, dem man Dankeshymnen wie keinem anderen gesungen, er stand zu unantastbar, zu fest, zu hoch, um an einen Sturz zu 312 glauben. Er war zu innig mit dem Reich, das Reich mit ihm zu fest verwachsen. Freilich hatte er mit Alarich eine gewagte Politik gespielt; war es seine Schuld, daß sie bisher ihr Ziel verfehlte? Nur das blinde Schicksal, das ganz Unberechenbare, der tolle Vorstoß der Barbaren, die in das offene Gallien drangen, hatte ihm die Rechnung zerfetzt. Nur dadurch war das Unglück über das Reich gekommen; wer aber sollte es überwinden, wenn nicht er selber? Unter dem Hofpersonal hatte indes ein hochkirchlicher Mann, Olympius , ein griechischer Asiate, starken Einfluß auf Honorius gewonnen. Olympius war der Wortführer derer, die in Stilicho nichts als den Verräter, den verhaßten Germanen sahen; und er fand sich jetzt bei jener Heerschau ein. Stilicho, so behauptete er, wolle selbst nach Constantinopel, nur deshalb, um dort allein zu herrschen und seinen heidnischen Sohn Eucherius dort zum Kaiser zu machen. Honorius ließ sich überzeugen; aber auch die Truppen wurden verhetzt. Die Truppen erfaßte derselbe Geist: »Wir sind Römer und hassen die Germanen!« lautete die Losung. Die Losung war gegen Stilicho gerichtet. Freunde Stilichos, Offiziere hoher und höchster Rangstufe, zeigten sich dort im Lager; wütend fiel die Soldateska über sie her, und sie wurden sämtlich ermordet, niedergestoßen. Es war ein Abschlachten der besten Männer, und es geschah ungestraft. Stilicho begriff, was das bedeutete. Sollte er sich wehren? mit seinen Truppen von Bologna aus gegen Honorius marschieren? eine Revolte gegen seinen Zögling, den Kaiser? Es wäre ihm vielleicht gelungen, auch in diesem Kampf zu siegen. Ja, seine Truppen, seine Unterfeldherrn forderten den Kampf; sie forderten Vergeltung für die Erschlagenen. Ihre Losung war jetzt: wir sind Germanen und hassen die Römlinge! Stilicho aber tat es nicht. Er überschaute sein Leben und verzichtete. Warum? Es war nicht Schlaffheit, es war nicht Verzagtheit. Sicher nicht. Es war etwas anderes. Ihn band noch immer das Gelöbnis, das er dem sterbenden Theodosius einst in feierlichster Stunde getan hatte, zeitlebens 313 Schützer und Helfer des jungen Honorius zu sein. Er wollte sich selber treu bleiben. Da verließen ihn seine Offiziere enttäuscht; seine Heeresmacht zersplitterte; er war wehrlos. Mit geringer Bedeckung begab er sich von Bologna nach Ravenna. Unterwegs wollte der Westgotenhäuptling Sarus sich seiner Person bemächtigen; aber der Streich mißlang. Als er in Ravenna anlangte, fand er dort schon kaiserliche Befehle vor, die seine Gefangensetzung anordneten. Er rettete sich nachts in eine Kirche. Eine Anzahl Soldaten, die ihm noch die Treue hielten, folgten ihm dorthin. Die Kirchen galten als Asyl; man konnte da nicht getötet, aber freilich ausgehungert werden. Am anderen Morgen drang Miliz ein; Heraclian hieß ihr Führer. Heraclian forderte Stilicho auf, das Asyl zu verlassen; er beschwor in Gegenwart des Bischofs der Stadt, sein Leben sei nicht gefährdet. Als Stilicho heraustrat, zeigte man ihm das Todesurteil mit des Honorius eigener Unterschrift. Stilicho ermahnte seine Anhänger, ihn nicht zu verteidigen, und ließ sich stumm zur Richtstätte führen. Als Feind des Vaterlandes wurde er am 23. August des Jahres 408 enthauptet, bald auch Stilichos Sohn Eucherius beseitigt, Thermantia, Honorius' Gattin, verstoßen. Stilichos Ruhmesinschriften haben sich in Rom gefunden; sie stammen aus seiner Blütezeit; es sind wichtige Dokumente, und man liest darauf sein Lob noch heute. Aber sein Name fehlt auf ihnen. Honorius hat damals seine Statuen umstürzen, seinen Namen wegmeißeln lassen auf allen Ehrensteinen. Ob Alarich triumphierte? ob ihn ein Gefühl der Sympathie, der Ehrfurcht erfüllte vor der gefallenen Größe? Wir hören, daß er hohnlachte über des Honorius Torheit Zosimus V, 37. , und das ist zu glauben. Der blinde Haß gegen das Germanentum hatte sich in Stilichos Sturz enthüllt; aber auch Alarich war Germane, und er wurde Stilichos Rächer. Den Blick nach Süden gerichtet, stand er in den Alpen. Der Weg war ihm offen; wer sollte ihn noch hindern? Stilicho, das Schwert Roms, war nicht mehr. Hätte Honorius den Alarich jetzt noch, wie Stilicho es geplant, 314 nach Gallien zur Bekämpfung Constantins entsendet, es wäre vielleicht noch einmal Roms Rettung gewesen. Aber er tat es nicht. Vielmehr erließ Honorius das fanatische Verbot, überhaupt keine Arianer mehr in das römische Heer einzustellen. Die Germanen waren Arianer; Deutschenhaß und Orthodoxie standen hier also im Bunde; und gegen die Unmenge in Italien angesessener Germanen ging obendarein die Hetze los; an 30 000 solcher Männer flohen zu Alarich, um mit ihm gegen Rom zu ziehen. In ein paar Wochen hatte Alarich halb Italien gewonnen, bis nach Rom; es war wie ein lustwandelnder Festzug. Honorius verkroch sich in Ravenna wie eine Ratte im Rattenloch. An Kampf war nicht zu denken. Und gleich begann die erste Belagerung Roms; es war gegen Ende des Jahres 408. Alarichs Macht reichte aus, den Riesenfestungskreis der Stadt völlig einzuschließen; er wollte sie aushungern. Er wußte, daß Stilichos Witwe Serena in Rom lebte; Alarich wollte die hohe Frau befreien; aber ihr wurde das zum Verderben: der Senat nahm das zum Anlaß, Serena zu töten. Schon wuchs der Hunger in der Stadt; Rom war schließlich bereit, die Tore zu öffnen, forderte aber Schonung mit der Drohung, das Stadtvolk sei zum Verzweiflungskampf bereit; es würde zum Straßengemetzel kommen. Von da stammt Alarichs berühmtes Wort, das er auf Lateinisch sprach (denn er konnte fließend Latein): »Je dichter das Gras, je leichter das Mähen« Daß er Latein, auch Griechisch verstand, ist schon an sich selbstverständlich; es verrät sich u. a. daran, daß ihm gelegentlich ein Handschreiben des Honorius vorgelesen wird, das er sofort versteht. Von Dolmetschern ist nie die Rede. Jener Ausspruch steht bei Zosimus V, 40, 3 in griechischer Fassung; lateinisch hat er etwa gelautet: eo facilior messio, quo densiora gramina . . Aber zum Kampf kam es nicht; Alarich zog wohlgemut mit seiner Beute ab, nachdem man ihm Berge ungeprägten Goldes und Silbers, 4000 seidene Gewänder, aber auch 3000 Pfund Pfeffer aufgehäuft; auf den Pfeffer war der Germane wie versessen Daher gelten im 16. und 17. Jahrhundert den Deutschen die Kaufleute als Pfeffersäcke; im Mittelalter war der Pfeffer die beliebteste Würze der Speisen und ein wichtiger Handelsartikel und Feudalabgabe. . Auch Placidia , des Honorius junge Schwester, die in Rom lebte, ließ er sich als Geisel ausliefern. Das nicht genug: an 40 000 Haussklaven liefen in Rom ihren Herrschaften fort und folgten dem Heer des Alarich. Placidia wurde übrigens mit ausgesuchter Höflichkeit wie eine Königin behandelt; die schöne und kluge Person sollte 315 noch manches Herz entzünden und in der Geschichte des gotischen Wandervolkes und seiner Könige als Beutestück die einflußreichste Rolle spielen. Alarich war nun Herr Italiens, er war Herr der Lage. Nur von den Städten freilich verschlossen sich ihm noch viele, und sein Volk führte ein Lagerleben wie bisher; um christlich zu beten, baute es sich seine Zeltkirchen Hieronym. Epist. 107, 2. . Sollte Italien der Ort des Bleibens, die zukünftige Heimat werden, der Gote hier demnächst pflügen und ernten dürfen? Es scheint, daß Alarich dies hoffte. Aber es galt, sich mit Honorius zu verständigen, der sich in Ravenna völlig sicher fühlte wie ein Wertpapier im Geldschrank während der Feuersbrunst. Nicht einmal aushungern ließ sich diese Festung; denn sie war zugleich Seehafen und hatte immer frische Zufuhr. Selbst römischer Kaiser zu werden, daran dachte Alarich nicht; kein Germanenkönig bis zu Karls des Großen Zeit hat sich je zu solchem Gedanken verstiegen. Er war König seines Volkes, ein Teil von ihm und ihm allein verpflichtet; er hing mit seiner Rasse zusammen wie der stolze Blütenschaft mit dem Schilf, aus dem er emporwächst. Das Weltkaisertum in Rom und Byzanz war ihm eine unantastbare menschheitliche Institution, die man wohl ausnutzen, aber nicht beseitigen und nicht ersetzen konnte. Der halsstarrige Honorius ließ sich auf Verhandlungen erst ein, als in Ravenna ein Soldatenaufstand den fanatischen Olympius, den Berater des Kaisers, vertrieben hatte. Bischöfe vermittelten die Verhandlungen, aber zu einem Ergebnis kam es nicht. Honorius trotzte, und Alarich ging zum Staunen der Welt mit seinen Forderungen schließlich soweit herab, daß er sich erbot, aus Italien wieder abzuziehen, wenn ihm nur das Land Norikum dauernd zugesprochen und außerdem jährliche Getreidelieferungen zugesichert wurden. Man sieht, es wurde Alarich auf die Dauer schwer, sein Volk hinreichend zu ernähren. Als auch dies nach langem Zerren abgelehnt wurde, blieb nur eins übrig: Alarich beschloß kurzerhand, einen neuen 316 Kaiser zu schaffen. Dazu brauchte er den Senat. Er bestürmte also jetzt Rom zum zweiten Mal (im Jahre 409) und zwang den Senat, den Honorius für abgesetzt zu erklären. Den höchsten Beamten der Stadt, den Präfekten Attalus , ließ er sich aus Rom kommen und machte ihn zum Kaiser. Attalus war Kaiser von Alarichs Gnaden. Aber damit war leider nichts gewonnen. Attalus war ein vornehmer Herr, der sich in seiner neuen Würde sogleich protzig und hochfahrend benahm und der Wünsche Alarichs nach Belieben zu spotten wagte. Nicht nur das; die Lage wurde noch schwieriger. Das Korn lief wieder einmal aus Afrika nicht ein; die Zeiten Gildos wiederholten sich. Denn in Afrika hatte jener Heraclian, der Henker Stilichos, die Verwaltung in Händen. Als treuer Anhänger des Honorius sperrte Heraclian jetzt alle Getreidezufuhr. Der neugebackene Kaiser fühlte sich berufen, seinerseits einzugreifen, und schickte Truppen dorthin; aber seine Maßnahmen waren töricht, ungenügend und ergebnislos. Grimmig enttäuscht setzt Alarich, der in Rimini steht, den Attalus wieder ab (im Jahre 410), entkleidet ihn dort eigenhändig seines Purpurrocks und schickt den Rock nebst Diadem feierlich nach Ravenna zum Zeichen, daß er den Honorius als Kaiser wieder anerkenne. Dieser aber blieb unzugänglich für jeden Frieden, obschon Alarich jetzt mit der Ausplünderung Roms drohte, die er immer noch vermieden hatte. Der Bischof von Rom griff selbst ein, bat den Kaiser um Nachgiebigkeit; umsonst. So zog der Gote, nachdem er Ravenna vergeblich belagert, in Wut zum dritten Mal gegen Rom. Zur Nachtzeit erfolgte die Erstürmung, das epochemachende Ereignis, am 23. August 410; es setzte das Siegel auf die Überlegenheit des Germanentums. Jetzt zum ersten Mal betrat Alarich persönlich die Stadt, und nicht nur sie; er erstieg auch das Kapitol. Er war mehr als Brennus. Vom Kapitol aus sah er Rom, das Wunder der Welt und die Bezwingerin der Welt, wehrlos zu seinen Füßen: ein Meer von Gemäuer ohne Grenzen; goldflimmernde Giebel; Säulen und wieder Säulen 317 in langen Zügen; Kolosseum, Caracalla-Thermen, Theater und Pantheon, ein Spielzeug für Riesen; den Triumphbogen Constantins, ja, Triumphbögen über allen Straßenzügen; Trajan und Mark Aurel auf ihren Siegessäulen; dazu die tausend leeren Göttertempel, die leeren Kaiserpaläste auf dem Palatin: die Pracht war grenzenlos, aber sie war leblos und erstorben. Tobend warf sich sein Gotenvolk in die Häuser und begann das Plündern. Schreckliche Schilderungen der Greuel fehlen nicht: Morden und Brennen; aber das sind die üblichen Übertreibungen. Lehrreicher ist die Nachricht, daß Alarich schon am dritten Tag wieder abzog; sie beweist, daß er alsbald energisch Einhalt gebot Nach Orosius VII, 39 u. II, 19 verbrannten nur einige Häuser. . Wir wissen nur, daß die Prunkbauten auf dem Forum Romanum durch Brand stark gelitten haben. Auch lobt Augustinus ausdrücklich Alarichs schonendes Verfahren Im Vergleich zur Grausamkeit eines Sulla: Augustin, De civitate dei III, 29. . Wie anders die Truppen Karls V. unter Karl von Bourbon, die im Jahre 1527 Rom stürmten und 9 Monate lang das Plündern fortsetzten! Insbesondere hören wir, wie Alarich die Kirchen schonte. Als einer seiner Leute kostbare Weihgefäße raubte, gab er sie dem Heiligtum sogleich zurück, und zwar geschah das Zurücktragen in feierlicher Prozession, an der sich sogar auch die römische Zivilbevölkerung beteiligte. Diese Szene zeigt schon, daß das Stadtvolk nicht allzu schlimm gelitten haben kann Gleichwohl haben die Goten merkwürdigerweise an heiligen Stätten Inschriften beschädigt; das zeigt die Restituierung derselben durch Papst Vigilius (vgl. O. Fiebiger u. L. Schmidt, Inschriftensammlung zur Geschichte der Ostgermanen, 1917, Nr. 207). Ob die Goten imstande waren, diese Inschriften zu lesen? . Alarich aber hatte nunmehr erkannt, daß in Italien nicht seines Bleibens sei. Es war das gelobte Land nicht. Was nutzte ihm die schwelgerische Schönheit seiner Küsten? Zypressen und Pinienhaine und Rosenfülle und Ölgärten und der heiße Südwein, der herrlich durch die Gurgel rann? Die Ernährung war nicht gesichert. Von den führenden Beamten Afrikas hing es ab, ob das Volk in Italien satt wurde. Alarich besetzte damals das schöne Campanien, das Hinterland Neapels, nahm Nola und machte den Bischof der Stadt, den christlichen Dichter Paulinus von Nola, zum Gefangenen. Auch dieser Aufenthalt aber brachte ihm nur Enttäuschung. Denn 20 Quadratmeilen lagen, wie wir hören, in diesem sonst so gesegneten Gefilde unbebaut, 318 so daß Stilicho vor kurzem den Versuch gemacht hatte, das Ödland gratis an Unternehmer zu überweisen, damit ein Wiederanbau versucht werde Codex Theodos. XI, 28, 3; vgl. XII, 19, 3. . So beschloß Alarich noch einmal zu wandern; sein Volk war willig, und das Ziel war klar. Er mußte übers Meer nach Afrika. Dort drüben war der Kornsegen; da würde man gesichert leben; von dort aus ließ sich auch auf Italien dauernd Einfluß gewinnen. Darum galt es zunächst nach Sizilien zu gehen. Aber beim Übersetzen über die Meerenge von Messina befiel seine Schiffe, die schwimmenden Rosse der Goten, ein Sturm. War es ein höherer Wille, der in dem Sturme blies? Man mußte sich gedulden, bis günstigeres Wetter einsetzte. Bei Reggio war es, wo Alarich abwartend sich aufhielt. Das Jahr 410 war noch nicht zu Ende gegangen: da befiel ihn eine plötzliche Krankheit und er starb, jählings aus seiner Laufbahn gerissenOlympiodor p. 452.. Er zählte noch nicht 40 Jahre. Er starb in der Blüte der Jahre, und ein Schimmer der Jugend blieb in der Erinnerung um ihn hängen wie um Siegfried und um Arminius. Wie des Adlers, der siegreich, den Raub in den Fängen, seine Kreise im Äther zog und plötzlich tot herabstürzt, so war sein Ende. Der Jäger, der den Vogel getroffen, hebt mit scheuer Hand den Leichnam auf und mißt staunend die Spannweite seiner Schwingen. In diesem Fall war das Schicksal der Jäger. Es scheint, daß Alarich schon längere Zeit kränklich war Darauf läßt schließen, daß schon im Jahre 407 oder 408 das Gerücht umlief, er sei in Epirus plötzlich gestorben. . Sein Privatleben aber war ohne Anstoß. Viele Römer, Menschen der sogenannten Hochkultur, haben ihn persönlich gekannt, von denen die Nachrichten leicht zu den Historikern gelangen konnten; aber es verlautet nichts, weder von Liebe zum Trunke noch von anderer Ausschweifung starker Naturen noch auch von Verfolgungssucht und herrischer Gewalttat gegen seine Volksgenossen Allerdings war Sarus, der Westgote, als ausgesprochener Römerfreund, sein politischer Widersacher. . In frühester Mannreife zum König und zur hohen Politik berufen, hatte er das Glück, sich zwischen Ostrom und Westrom in die Mitte zu stellen und durch die Uneinigkeit der beiden hadernden Mächte zu wachsen. Klug benutzte er diese Stellung, 319 ließ sich fügsam zu Verträgen herbei und brach sie wieder, wo es der Vorteil gebot. Schwere Niederlagen erlitt er, wo er angriff, und lernte, daß die größere Kriegskunst auf seines Gegners Seite war; aber sein Wille blieb elastisch, und sein Ziel behielt er unbeirrt im Auge, bis es ihm gelang, als Herr Roms dem Kaiser des Okzidents den Purpur zu rauben und zu geben. Dem Westgotenkönig war alles das gelungen; aber es gab der Germanenvölker noch mehr, und hinfort war die Bahn frei für andere Könige: Geiserich, Theodorich, Chlodwig, die Burgunden. Alarich war es, der im Zug der rauhen Helden, der landsuchenden Eroberer als erster voranschritt. Den Plan, nach Afrika zu gehen, gaben die Westgoten auf. Athaulf Oder Athawulf, neudeutsch Adolf. war Alarichs Nachfolger im Königtum; es war Alarichs Schwestermann. Athaulf führte sein Volk zunächst nach Norditalien zurück, dann brach er im Jahre 412 nach Südgallien durch, in die Provence. Von da an beginnt die schicksalsvolle Geschichte des Westgotenreichs in Südfrankreich und Spanien, die nach drei Jahrhunderten mit seiner tragischen Vernichtung, nicht durch Rom, sondern durch die Franken, Mauren und Araber endet. Gallien ist schließlich nicht Gotenland, es ist Frankenland geworden. Der Okzident aber fügte sich nie wieder zusammen. Vom Römerreich bestand nur noch der Schein, der Name. Aus seinen Gliedern, die sich auseinander lösten, bildete sich jetzt wirklich die Grundlage der modernen Welt, der Volksstaaten Europas. Die Volksidee trat siegreich und immer siegreicher in den Kampf mit der Reichsidee, ein Kampf, in dem noch die Karolinger, die Ottonen, die Hohenstaufen sich verzehrt haben. – Wie Alarich bestattet wurde, weiß jeder aus der deutschen Dichtung: »Nächtlich am Busento lispeln bei Cosenza dumpfe Lieder.« Im Bestattungswesen der heidnischen Germanen herrschte die Verbrennung; durch das Christentum wurde diese Sitte aufgehoben. Es galt somit im italienischen Lande dem unverbrannten Leichnam des Königs ein Grab zu schaffen, aber ein solches, das vor Beraubung und Schändung durch die 320 gehässigen Einwohner sicher war. Es geschah zur Nachtzeit. In Süditalien ergießt sich der Fluß Crati in den Golf von Tarent; in ihn mündet als Nebenfluß mit mächtigem Wassersturz, aber in kurzem Lauf der Gebirgsfluß Busento, der vom Apenningebirge kommt. Seinen Lauf, so heißt es, lenkten die Goten ab und gruben in sein Bett ein tiefes Grab, darin sie bei Fackellicht oder im Licht der Mondnacht ihren König auf seinem Streitroß und mit seinen Waffen begruben (Ähnliches ist aus der Edda von den nordischen Germanen bekannt Snorri Sturlason in der Vorrede zur Ynlingasaga. ; der Dänenkönig Dan wurde nach der Sage auf seinen Befehl ebenso mit Roß und Waffenschmuck beigesetzt und viele seines Geschlechts nach ihm). Dann lenkten die Mannen den Fluß wieder in sein altes Bett zurück, und die strömende Welle bedeckte, hütete und wahrte das Geheimnis. Ja, sie hat das Geheimnis bis heute gewahrt; denn das Grab Alarichs ist wiederholt gesucht, aber nie gefunden worden. Im übrigen galt gewiß von jenen Goten, was Tacitus von den Leichenfeiern aller Germanen sagt: »Den Schmerz und die Trauer enden sie spät, das Wehklagen und die Tränen früh; den Frauen ziemt die Klage, den Männern das Gedenken.« Das Gedenken fehlte nicht; wir dürfen glauben, daß Alarich ein Held auch in ihren »dumpfen Liedern« war: Sangen's und die Lobgesänge tönten fort im Gotenheere. Wälze sie, Busentowelle, wälze sie von Meer zu Meere. 321     Drei Männer der Kirche 1. Ambrosius und die Bischöfe Roms Wir haben immer nur von Kaisern und Königen gehört, und sie sind es in der Tat, die im Drama der Dinge die Titelrolle spielen. Gab es nicht aber noch andere Menschen, von denen sich reden ließe? Heute ist es der Großkapitalist und Industrielle, der oft die Ereignisse mächtig beeinflußt, wennschon die Geschichtstabellen, die man in den Schulen lernt, meist von ihnen schweigen. Vom Namen der Fugger aber schweigen sie nicht. Wer uns heute die Geschichte des Hauses Rothschild erzählt, gibt einen Ausschnitt aus der modernen Weltgeschichte. So sind auch die Biographien eines Krupp, eines Nathusius für das Verständnis der Neuzeit wertvoll. Im Altertum gibt es nichts der Art. Die Historiker erwähnen uns solche Männer kaum. Auch das Geldwesen haben sie nie im Zusammenhang dargestellt; hätten wir solch einen Bericht, wir würden von dem Verfall der wirtschaftlichen Dinge hören, der für den Untergang der Antike mit zu den wichtigsten Ursachen zählt. Von den Ländern des Ostens ist da weniger zu reden. Kleinasien produzierte noch immer in Fülle und Üppigkeit; die alten phönizischen Städte Sidon und Tyrus handelten noch immer mit Luxusdingen; Purpur und Parfümerien, und in Alexandrien war noch immer alles zu kaufen, was der Weltmarkt aufwies (nur kein Schnee, wie ein Augenzeuge witzig hinzufügt) Speck, Handelsgeschichte, III, 2, S. 888. . Ebendort hören wir ein einziges Mal von einem Großindustriellen: es war der Inhaber der großen ägyptischen Papierfabriken, die ihm so viel einbrachten, daß er davon eine Armee unterhielt und sich zum Kaiser aufwarf. Darum war Kaiser Valens, der im Ostreich herrschte, dort in der Lage, die Steuern um ein Viertel zu ermäßigen Speck, Handelsgeschichte, III, 2, S. 576. , anders als sein Bruder und Mitkaiser Valentinian I., der im Okzident sich gezwungen sah, die Steuerforderungen immer höher zu schrauben. Einzelne Geldkönige gab es auch hier noch immer, besonders unter den Herren des Senats in Rom, die man auf ein 323 Jahreseinkommen von 4–5 Millionen deutscher Reichsmark taxiert Speck, Handelsgeschichte, III, 2, S. 607 und J. Sundwall, Weströmische Studien, 1915, S. 153 ff. , und mit Freuden sieht man gelegentlich einmal auf antiken Reliefbildern den Kaufmann wirklich auch dargestellt, wie er sitzt und sein Geld zusammenscharrt und in Körben anhäuft Römermonumente in Trier. , oder wie in der Rechenstube Buch geführt wird Gorgonius-Sarkophag in Ancona; s. »Buchrolle in der Kunst«, S. 321 u. S. 66. . Gleichwohl war der Rückgang allerorts gewaltig. So in der Reederei. Nicht die Juden, die syrischen Kaufleute hatten den ganzen Transporthandel im Westen an sich gerissen, und in Neapel, Ravenna, Malacca, Trier, Arles, Bordeaux hatten sie ihre Faktoreien Speck, Handelsgeschichte, III, 2, S. 841. . Das Großkapital aber lag nahezu still; denn die reichen Senatoren durften nur unverzinsliche Darlehen geben, da der Wucher ihrer Würde nicht entsprach Speck, Handelsgeschichte, III, 2, S. 973. ; vor allem lähmte die Kirche jetzt das Geldgeschäft, da auch sie ihrerseits gegen jedes Zinsnehmen eiferte. Ethisch betrachtet, klingt das sehr schön; wirtschaftlich war es verderblich. Und die großen Privatvermögen waren zudem schwer belastet; denn für die verarmenden Stadtgemeinden, die die Staatsabgaben nicht aufbrachten, ebenso für die Kopfsteuer der Hörigen mußten sie haften. Die Landbevölkerung war massenhaft in die Städte abgewandert, wo sich besser leben ließ; wer arm war, für den sorgte dort die Gemeinde, und eine Menge fruchtbares Land lag darum verödet. Nun konnten aber auch die Städte bald die Last nicht mehr tragen. Darum griff der Staat, um sich seine Einnahmen zu sichern, regulierend, aber auch ertötend ein; die Freizügigkeit hörte auf. Die Berufe, ob Soldat, ob Bäckermeister, wurden erblich und an das Innungswesen gebunden, und diese Innungen waren dem Staat lieferungspflichtig Speck, Handelsgeschichte, III, 2, S. 578. . Die Unternehmungslust, die Arbeitslust sank; auch die vielen Mönche und Asketen wirkten dahin, sie zu vermindern; es wurde zur Sache des Ehrgeizes, arm zu sein. Die Einschachtelung der Bevölkerung in Berufsklassen aber bedeutete den sozialen Auseinanderfall. Das Gefühl der Zusammengehörigkeit, der nationalen Interessengemeinschaft erstickte; der Reichspatriotismus war gelähmt und unterbunden. Dabei wuchs die Geldnot. Denn die immerwährenden 324 Bürgerkriege, dazu gar die Eroberungszüge der Barbaren vernichteten Millionenwerte und steigerten die Unkraft der Steuerzahler. Auch die vielen Germanen, die im Reichsdienst standen, schluckten Unsummen, und es gab kaum noch Geld. In üppigem Schmuck, Tafelgeräten, Vergoldungen der Profanbauten, der Tempel und Kirchen hatte man Jahrhunderte lang Gold und Silber verschwendet; auch war durch den Importhandel das Edelmetall unablässig ins Ausland abgestoßen, das kaum Geld zurückgab. So stellten sich jetzt jene völlig primitiven Verhältnisse her, von denen wir schon früher hörten; die Steuern wurden vielfach in Naturalien gezahlt, auch die Gehälter Vornehmlich in Korn und Heu, annonae und capita ; Speck, Handelsgeschichte, III, 2, S. 584. . Es erinnert das an die Urzeiten Roms, wo die Soldaten als Sold nur ihre Ration Salz erhalten hatten, jenes Salz, von dem noch heute das Wort Salaire, d. i. Salarium, stammt. Alle diese Mißstände kamen beiläufig der Kirche zugute; denn die Kirche brauchte die Armen, um wohlzutun, um sich auf ihre Masse zu stützen. Insbesondere aber wurden die Bischöfe in den Städten mehr und mehr Funktionäre des Staates. Die so oft wechselnden Staatsbeamten standen dem Volk persönlich völlig fern; die Bischöfe dagegen waren vom Volk selbst gewählt, also schon darum Männer des allgemeinen Vertrauens. Schon daß sie das reiche Kirchenvermögen selbständig verwalteten, gab ihnen das stärkste Übergewicht, und die Kaiser selbst entschlossen sich notgedrungen, ihnen überdies auch an der weltlichen Verwaltung der Kommunen schwerwiegenden Anteil zu geben. Die Bischöfe leiteten nunmehr die Wahlen der städtischen Beamten, erhielten die Aufsicht über die Finanzverwaltung der Städte, die Aufsicht über die Gefängnisse, Einspruchsrecht im Kriminalprozeß usf. Zum Verständnis alles Folgenden, insbesondere der anwachsenden Macht der Päpste, ist sich dies klarzumachen von größtem Belang. Aber die Kirche war nicht produktiv. Reformatoren der Agrarwirtschaft, Finanzgenies, Bahnbrecher der Industrie erstanden nicht. Woher sollten sie kommen? Der ganze 325 Lebensbetrieb der oberen und unteren Schichten jener Zeit steht für uns als graue, ununterscheidbare Masse im Hintergrund der Dinge. Anders die Literaten; sie heben sich hell und blendend ab vom dunklen Grunde, und unter ihnen finden wir, was wir suchen, große Naturen, aus denen der Geist der Zeit spricht und die zu Quellen des Geistes geworden sind. Sie machten Epoche; aber sie waren Seligpreiser der Armut. Das meiste, was damals geschrieben wurde, war nur Provinzialliteratur und an den Ort gebunden. So schrieben auch die griechischen Kirchenautoren, die ich schon früher nannte, Basilius der Große, Gregor von Nazianz, Gregor von Nyssa griechisch nur für ihr östliches Publikum. Um das Jahr 400 tritt uns dort eine neue Berühmtheit, der Prediger Johannes Chrysostomus , entgegen: kein Dogmatiker, sondern ein Mann der Erbauung. Seine Predigten oder Homilien wurden vergöttert, aber wir hören, daß er in Kampf mit dem Hof geriet. Der allmächtige Eunuch Eutropius liebte ihn und hatte ihn aus seinem früheren Wirkungskreis heimlich nach Constantinopel entführen lassen; so wurde Johannes dort Bischof-Patriarch. Aber er predigte zu streng; darum haßte ihn die lebenslustige junge Kaiserin Eudoxia, des Arcadius Gattin, und ging wiederholt gegen ihn vor. Bei der Kathedrale ließ sich Eudoxia eine silberne Statue setzen, wozu es rauschende Feste gab; Johannes protestierte gegen dies weltliche Gebaren und schalt die Kaiserin, die ihm darum zürnte, eine zweite Herodias, die da tanzt und sich sehnt, den Kopf des Johannes auf der Schüssel zu tragen. Aber er unterlag; es gab blutige Auftritte in der Kirche; er mußte in die Verbannung; auch seine Anhänger wurden verfolgt (in den Jahren 403–405). Das Kaisertum zeigte sich in Byzanz den Kirchenfürsten überlegen; anders in Mailand! Die weltliche Literatur ist jetzt fast ausgestorben. Ein rechter Lokalskribent war im Westreich der eitle Dichter Ausonius . Seine Verse können außerhalb Galliens, wo er lebte, kaum 326 interessiert haben Dies bleibt bestehen, wennschon er dem Syammachus in Rom seinen »Griphus« widmete, Kaiser Theodosius ihn um ein Exemplar seiner Poeme verbindlich ersuchte und auch Paulinus von Nola zu ihm Beziehungen unterhielt. , wenn er seine Onkel und Tanten und die Schulmeister, seine nächsten Berufsgenossen am Ort, mit Wichtigkeit rühmend besang. Memorialverse zum Auswendiglernen über Kalenderwesen, über römische Festtage u. a. gab er zum besten. Seinen Enkel ermahnt er, in der Schule sich vor der Rute nicht zu fürchten, die doch das Zepter des Lehrers sei. Nebenher schrieb er auch ein paar christliche Gebete, lebte doch aber sonst ganz im Heidentum Der Kaiser ist für Ausonius »Gott«, und der Neid des Schicksals oder auch die Nemesis entscheidet nach ihm über das Los der Menschen. Dem orthodoxen Kaiser Theodosius setzt der Dichter im Einleitungsgedicht auseinander, daß Ceres die Landbestellung leitet, Mars zum Krieg aufruft (S. 1 ed. Schenkl). In den Eclogae Nr. 16 registriert er die heidnischen Feste zu Ehren Apolls, der Magna Mater usf., die noch gefeiert wurden, ohne alle Beanstandung; es ist ein Gedicht zum Auswendiglernen für Schüler. Pomona gibt den Fruchtsegen ( Praecatio 17) usf. . Einzig steht sein Gedicht über die Mosel da; es ist der Liebling vieler Deutscher oder doch Rheinländer geblieben, die noch in der Lage sind, an einem anmutig zugestutzten Latein sich zu freuen. Wer diese »Mosella« liest, glaubt mit dem Dichter auf dem Römerschiff von Neumagen aus den lieblichen Fluß hinabzugleiten: Weingärten und Villen an beiden Ufern; Gesang der Winzer; die Fische spielen im klaren Grunde; die Nymphen und Panisken plätschern im Naß. So führt Auson uns denn endlich auch seine Bissula vor, ein deutsches Mädchen im Kindesalter, blauäugig, blond und reizend anzusehen, das er um sich hatte. Im Krieg war das Kind erbeutet, konnte aber schon fließend Latein sprechen. Das sind ganz neue Töne. Weltliteratur war das nicht. Anders der Dichter Claudian, dessen gleichsam hochamtliche Poesie sogar im Ostreich gelesen worden ist. Ein allbeliebtes Buch wurde ferner das Leben des heiligen Martin von Tours, das damals in Gallien entstand Der Verfasser Sulpicius Severus. und, kaum erschienen, schon in Afrika, selbst in Alexandrien, in aller Händen war. Es erzählte die Wundertaten und Tugenden des guten Heiligen, den ich nannte. Alle anderen aber überstrahlten drei Kirchenmänner erster Größe, die zu jener Zeit den Okzident geistig beherrscht haben. Ihr Erinnerungsbild darf hier nicht fehlen; denn sie verdeutlichen uns zugleich die Verkirchlichung der Weltgeschichte, die eben damals mit Wucht sich durchsetzte. Das geistige Leben verengerte sich, wer nicht dasselbe dachte und glaubte wie der andere, kam in Verruf; aber in der Enge war ein Hochschwung der Energie, den wir bewundern müssen. Jene Männer, die die Kirche heilig sprach, 327 sind Ambrosius , Hieronymus und Augustinus , drei Charakterköpfe schärfster Prägung; jeder ein Typus für sich; keiner gleicht dem anderen. Der Priester hat also jetzt das Wort; die Kirchentüren öffnen sich uns. Von Schlachtenlärm und brennenden Dörfern haben wir ohnedies schon genug gehört. Um Kirchenzucht und Kirchengewalt wird hier gefochten; die Rüstkammer ist das Buch der Bücher, Bibelzitate die Pfeile, die sicher treffen und wie im Regen niedergehen. Neben den Genannten war freilich noch ein vierter, der Aufsehen machte, ein lyrischer Dichter, der den Versuch wagte, die Leier des Horaz in die Harfe Davids umzubauen. Es ist Prudentius . In seiner Harfe klingen fromme, rauschen auch mächtige Töne; gleichwohl legen wir sie beiseite; denn es handelt sich um kirchliche Dichtung, und sie ist bis heute ein Problem geblieben; zu allen Zeiten hat sich kirchliche Poesie nur in kürzeren Gesängen als lebensfähig erwiesen, trotz Milton und Klopstock. Denn wo Dogmatik sich einmischt, herrscht Tendenz, und reines Gefühlsleben liegt zu unverhohlen mit ihr im Streite. »Religionsempfindungen sind einfach und schmucklos«, sagt uns eine kritische Stimme aus Klopstocks Zeiten Schiller, Säkularausgabe, Bd. 16, S. 165. . Alle siegreiche kirchliche Literatur geht daher in Prosa. Prudentius hat die noble Kürze des Horaz preisgegeben. Auch seine Gebetslieder sind bei aller Innigkeit So redet er z. B. Christus an ( Cathemerinon 9, 109 f.): Männer preisen dich und Greise und die Buben groß und klein, Dich die Jungfraun und die Mütter und einfält'gen Mägdelein Singend wie aus einem Herzen im andächtigen Verein. Fluß und Strom und Meeresbrandung, die da Well' an Welle reiht, Tagsglut, Regen, Schnee und Hagel, Wald, Wind, Nacht und Tageszeit Soll'n mit uns lobpreisen dich von Ewigkeit zu Ewigkeit. Oder am Grab der Gestorbenen (ebenda 10, 5; ich lasse hier die metrische Form fallen): »Was erhebt ihr Überlebenden Jammergeschrei? warum bezweifelt eure Trauer unsre Hoffnung? Die Wehklage schweige; ihr Mütter, trocknet eure Tränen. Niemand zergräme sich um sein Kind. Der Tod ist die Wiederherstellung des Lebens, so wie der Samen, den man dürr und tot in die Furche senkt: er erneut sich bald in jungem Grün und ist bedacht, sich in wogenden Ähren zu wiederholen,« usf. von unmäßig pomphafter Fülle, abschreckend aber geradezu seine Hymnen auf die Märtyrer. Denn in ihnen herrscht überdies die Freude am Entsetzlichen; drastisch die Darstellung, die Sprache. Man höre: das Eisen zerreißt den Leib; die Wunde klafft offen; sie ist für die Seele wie ein Tor, das sich auftut; die Seele wäscht sich im Blut rein und springt durch die Wunde aus dem Herzen Peristeph. I, 29. . Während dem heiligen Romanus die Zunge ausgeschnitten wird und er dann noch ohne Zunge fortfährt, Christum zu verkündigen, steht ein Engel dabei, zeichnet all seine Wunden genau ab in ein Buch, und das Buch wird ins Archiv Gottes gelegt zu den himmlischen Regesten. Vom heiligen Cassian 328 hören wir, daß er Schulmeister von Beruf war; er pflegte als solcher in der Schulklasse Sätze zu diktieren, die die Knaben mit Metallstilen auf Wachstafeln nachschrieben. Jetzt ist er Märtyrer, und die Knaben sollen ihren Lehrer töten, Rache üben für die Schläge, die er ihnen erteilt hatte. Es sind 200 Knaben. Der Dichter weidet sich daran, wie Cassian gefesselt und entkleidet wird und die Spitzen der Metallgriffel seinen Körper zerfleischen, während die Bande ruft: »Heut wollen wir keine Ferien! Du hast uns das Schreiben gelehrt; jetzt schreiben wir auf dir selber!« Das ist die blutige Phantasie der Jesuitenzeit. Wer einmal in Rom in der Kirche St. Stefano rotondo war, sieht da all diese Schauerlichkeiten, das Zerreißen und Schinden, grell an die Wand gemalt. Da hat man einen zweiten Prudentius in Farben Die übrigen Dichtungen des Prudentius erliegen zu sehr dem dogmatisch-klerikalen Zweck; das, was man sonst in Prosa ausführte, wird hier in Verse gebracht. Wertvoller ist seine »Psychomachia«, eine heroisch-allegorische Dichtung. Im Palazzo Barberini in Rom sieht man das gewaltige Deckengemälde der kämpfenden Tugenden und Laster. Das ist eine Illustration dieses Prudentiuswerks. Das Werk sollte offenbar in den christlichen Schulen als Text dienen und dort insbesondere die heidnischen Gigantomachien ersetzen. Der Kampf der heidnischen Götter gegen die Giganten war der Kampf des guten Prinzips gegen das Böse, der Kultur gegen die rohe Gewalt. Bei Prudentius kämpfen nun ebenso die Keuschheit, Geduld, Zorn und Habgier in Helm und Schild im Schlachtgetümmel, dazu die Lüge und alle Sünden; ein großer Triumph ist das Ende. Vgl. hierzu O. Höfer, De Prudentii Psychomachia , Marburg 1895. – Die Hymnen auf die Märtyrer sind übrigens wiederum von kaum erträglicher Länge und die Versmaße dazu öfter sehr unglücklich gewählt. Wer erträgt es, 215 daktylische Trimeter oder 62 Phaläceen hintereinander zu lesen? Für die Erzählung war im Altertum nur der Hexameter, das elegische Distichon oder der Jambus geeignet. . Der Gottesdienst hat von diesen Gesängen, wie es scheint, nur selten Gebrauch gemacht. Ganz anders das Ambrosianische Kirchenlied. Es ist eins der denkwürdigsten Verdienste des Mailänder Prälaten Ambrosius, den schlichten Gemeindegesang, der im griechischen Ostreich schon früher bestand Den Gesang in der Grabeskirche zu Jerusalem mit Antiphonen schildert uns andeutend die Peregrinatio ad loca sancta der Silvia Aquitana. Es singen da Mönche und Nonnen; wieweit die Gemeinde der Laien mitsang, ist nicht ersichtlich. Sicher ist, daß schon Arius volkstümliche Lieder kirchlichen Charakters gedichtet hat und in Umlauf setzte. Den Arianern kommt also anscheinend vornehmlich das Verdienst zu. Bestätigend dafür scheint, daß auch Ambrosius in Mailand zunächst eine stark arianische Gemeinde vorfand, von der er sich zu seiner Leistung anregen ließ. Übrigens ist noch Hilarius von Poitiers zu nennen, der vor Ambrosius eine Sammlung lateinischer Hymnen verfaßte. Aber seine Lieder setzten sich nicht durch. , in den Gottesdienst des lateinischen Europa eingeführt zu haben. Der Choral, das kirchliche Volkslied war damit geschaffen, in schlichtem Latein für die lateinisch sprechenden Gemeinden der Laien. Auch angemessene Liedweisen, in Musiknoten, wurden dafür festgestellt. Ambrosius tat also, was Luther tat; denn ebenso hat auch Luther später dem deutschen Volk sein deutsches Kirchenlied, sein Gesangbuch, das es brauchte, gegeben. In Mailand aber ging der Gesang damals offenbar zunächst von der Gemeinde selbst aus; Ambrosius hat das Verdienst, ihn in seiner Weise gestaltet, organisiert, zu dauerndem Besitz der Andacht erhoben zu haben. Wenden wir uns denn diesem Kirchenfürsten zu, dem vornehmsten Vertreter des Priestertums jener Zeiten. Die Freundlichkeit und zugleich das unbeugsame Machtgefühl des katholischen Bischofs tritt uns in ihm zum erstenmal sichtbar entgegen, da er vollkommene Weltlichkeit, d. h. Beherrschung der 329 großen Reichsangelegenheiten, mit vollkommener Frömmigkeit verband. Nicht die Päpste, Ambrosius war es, der zum erstenmal den Kaiser der Welt zwang, sich vor der Kirche zu beugen. Er befahl; der Kaiser gehorchte. Wer heute in Mailand weilt, läßt sich durch die vielen Standbilder, mit denen sich die moderne Stadt geschmückt hat, die Statuen Napoleons I., Cavours, Manzonis, Lionardos und all der anderen nicht beirren; Ambrosius ist eben bis auf den heutigen Tag der Schutzheilige Mailands. Die ehrwürdig kostbare ambrosianische Bibliothek in der Brera feiert dort dauernd sein Gedächtnis; die Kirche St. Ambrogio, die seinen Namen trägt, reicht bis in das 4. Jahrhundert mit ihrer Gründung zurück, und sie blieb die Hauptkirche der Stadt, in der sich im Mittelalter die deutschen Kaiser mit der eisernen lombardischen Krone krönen ließen. Sein Leben ist kurz erzählt. Er ist wahrscheinlich in Trier geboren. Sein Vater war um das Jahr 340 prätorischer Präfekt ganz Galliens. also einer der höchsten Beamten des Okzidents. Die Familie war christlich. Aber sein Vater starb früh. In Rom wurde der begabte Knabe mit seiner Schwester und einer Freundin zusammen erzogen, die beide, früh geistlich gerichtet, das Gelübde der Jungfräulichkeit abgelegt hatten. Im Kinderspiel ließ er sich von den beiden Mädchen lustig die Hand küssen, indem er die Rolle des Bischofs spielte Wir sahen, S. 202 , daß ganz ebenso auch schon Athanasius als Knabe im Spiel den Geistlichen nachahmte. ; denn schon damals war es üblich, den hohen geistlichen Herren die Hand zu küssen. Später erinnerte er sich gern daran; es war wie ein Vorzeichen seiner großen Zukunft. Aber er betrat als junger Mann die Staatslaufbahn, bewährte sich früh als Redner und Staatsmann. Die Provinzialverwaltung Norditaliens mit dem Sitz in Mailand wird ihm von Kaiser Valentinian übertragen (um das Jahr 370); er mochte damals 30 Jahre zählen. Er war gewiß, es seinem Vater im Reichsdienst einmal gleich zu tun. Da starb der Bischof Mailands. Dieser Mann war Arianer gewesen und hatte die Stadt 20 Jahre lang in der arianischen 330 Lehre festgehalten. Wer sollte der Nachfolger werden? Heftiger Streit zwischen Arianern und Rechtgläubigen entbrannte sogleich; in der Hauptkirche selbst tobte das Geschrei der widerstreitenden Parteien. Ambrosius eilte in die Kirche, um Frieden zu stiften. Da erhoben sich gleich Stimmen, die ihn nannten: Ambrosius selbst soll der Nachfolger sein. Er war offenbar schon damals eine allbeliebte Persönlichkeit. Schon rufen alle Stimmen nach ihm, auch die der Arianer; sie ahnten damals nicht, welchen Gegner sie sich schufen. Er wird bestürmt und entweicht aus der Stadt; denn ihm fehlte für dies Amt, so meinte er, die Gelehrsamkeit, vor allem die kirchliche Erziehung. Er ist zwar Christ, aber nicht getauft. Da greift Kaiser Valentinian ein; nichts war dem Kaiser, der in Gallien weilte, willkommener als ein treuer Staatsbeamter auf dem Bischofsstuhl der Hauptstadt Mailand. Da gab Ambrosius nach und ließ sich taufen, offenbarte aber zugleich seinen Standpunkt: rechtgläubig, wie man es nannte; ein Gegner der arianischen Irrlehre. Schon seine Jugenderziehung in Rom hatte ihm diese Richtung gegeben. So war er nun orthodoxer Bischof, und er zeigte es. Die Kaiserin Justina , Valentinians Gattin, die im fernen Sirmium residiert, ist eifrige Arianerin; sie ist wütend über sein Bekenntnis und hetzt aus der Ferne das Volk Mailands gegen Ambrosius auf. Er sollte gegriffen und aus der Stadt geschleppt werden. In der Kirche (der Basilika Portiana) wird er geradezu belagert; aber die Soldaten, die die Kirchentüren bewachen sollen, sind für ihn; sie vernichten alle Anschläge. Indessen in der Kirche frommer Gemeindegesang ertönt, legt sich der Aufruhr, und er wiederholt sich nicht. Seine Stellung war gefestigt, und er hat im Laufe der Jahre den Arianismus in Mailand völlig beseitigt, ja, dessen Unterdrückung in ganz Italien, heißt es, wurde damals seinem mächtigen persönlichen Einfluß verdankt Hieronym. Chronik: Gratiano III et Equit. coss. . Nicht mit Hetzen und blutiger Verfolgung, er erreichte dies lediglich kraft der gewinnenden und überzeugenden Art seines Auftretens, die sich die Menschen, die Seelen, die Gewissen gewann. Wir 331 brauchen die Zeugnisse seiner Verehrer nicht, die uns sagen, wie menschenfreundlich und gut er sich in seiner hohen Stellung als Seelsorger zeigte. Schon seine Schriften zeigen es uns; sie reden für ihn. Der Sinn für das Volksbedürfnis spricht aus ihnen. Auch nichts Sensationelles ist darin, nichts oder doch wenig von dem blutrünstigen Behagen an den Leiden der Märtyrer, das den Prudentius ganz erfüllt. Für derartiges ist der Mann zu fein, zu vornehm und geschmackvoll Eine Ausnahme scheint es, wenn Ambrosius die Martern der Makkabäer ausführlich schildert, in der Schrift De Jacob et vita beata II, 11. . Soeben haben wir gehört, wie in Mailand in der Kirche mitten im Streit der Gemeindegesang ertönte. Ambrosius fand solchen Gesang also tatsächlich schon vor. Aber er begann nun selbst im eigenen Geist für den gleichen Zweck sangbare Texte zu gestalten, so einfach und unscheinbar, wie das klassische Altertum kaum Ähnliches kannte. Denn die ganze klassische Dichtkunst der Griechen und der Römer, die wir mit Fug und Recht bewundern, war nur für den Hochgebildeten berechnet. Hier findet sich ein Mann vornehmer Stellung und Herkunft, der sich einmal endlich zu den Einfältigen herunterbückt und ihnen in den Mund legt, was völlig schlicht im Ton und doch geeignet ist, die Herzen zu veredeln und aufzurichten. Nehmen wir sein bescheidenes Morgenlied vom Hahnenschrei. Die Sonne ist noch nicht aufgegangen; da beginnt er: Aeterne rerum conditor, Noctem diemque qui regis usf. Deutsch lautet es etwa In Verkürzung um 4 Zeilen. :     O Schöpfer, der du Tag und Nacht Und alle Jahreszeiten lenkst, Der Hahnschrei tönt, ein Heroldsruf. Er ruft und weckt den Morgenstern. Das Dunkel weicht. Die Straße leert Von nächtlichem Gesindel sich. Im Seemann regt sich neuer Mut; Es glättet sich der Meeresschwall. Rasch drum vom Lager! Morgen wird's, Und neues Hoffen bringt er uns, Dem Kranken die Genesung mit. 332 Des Räubers Messer droht nicht mehr. Des Zweiflers Glaube regt sich neu.     Sieh, Jesus, auf uns Wankende: Da fällt das Sündigen von uns. In Tränen löst die Schuld sich auf. Du selbst sei unser Tageslicht,. Das uns aus geist'gem Schlummer weckt. Mit deinem Preis heut heb' ich an. Dir öffnet sich mein Mund zuerst. Das ist alles. Christus das Tageslicht! Man wird bemerken, daß hier der Sonnendienst, der Heliosdienst, deutlich nachwirkt. Christus selbst ersetzt ihn. Er ist es, der ihn überwindet; Christus selbst soll fortan unsere Sonne sein Der Seemann wird übrigens an erster Stelle gleich zu Anfang des Liedes erwähnt, weil er auf die See hinausfährt, bevor noch die Sonne aufgeht. Aber auch der Übergang zu Jesus am Schluß ist ganz natürlich. In der Nacht quält wohl der Zweifel die Seele: mit dem Morgen rafft sich, wie es hier heißt, der Glaube neu, der sich dann unmittelbar zu Jesus wendet. . Und das Gedicht selbst: wie leicht zu behalten! Die Sätze kurz gebaut; kurz auch die Verszeilen. Nur der Reim fehlt noch. Erst das spätere Kirchenlied hat sich den bindenden Reim als Schmuck umgelegt, der der Antike fremd ist. Die Prosaschriften des Ambrosius gingen großenteils aus seinen Predigten hervor. Er diktiert sie seinem Gehilfen, der vor ihm sitzt; wird der Schreiber müde, nimmt er die Feder selbst zur Hand. Das Anmutigste, Schönste sind seine Predigten über die sechs Schöpfungstage. Bewunderung der Schöpfung! Popularisierung der Naturwissenschaft! Daß er ihren Inhalt großenteils einer griechischen Vorlage entnahm, brauchte seine Gemeinde nicht zu wissen Die Vorlage war Basilius der Große; vgl. z. B. Paul Plaß, De Basilii et Ambrosii excerptis ad historiam animalium pertinentibus , Marburg 1905, der übrigens S. 53 zeigt, daß die Worte über den Fisch Thymallus von Ambrosius aus Aelian genommen sind. Übrigens K. Gronau, Poseidonios und die jüdisch-christliche Genesisexegese, 1914; F. Egleston Robbins: The hexaemeral literature , Chicago 1912. . Eine unsägliche Lebensfreude spricht da aus jeder Zeile, und es ist alles persönlich empfunden. Hellster Optimismus. Vom Elend und den Nöten der Zeit spüren wir da nichts; soziale Gesichtspunkte fehlen. Die Armut ist gottgegeben, warum soll man über sie klagen? Ohne sie wäre keine Wohltätigkeit möglich, mit der man sich den Himmel erwirbt. Auf alle Fälle ist der Zweck seiner Predigten nicht Klage, sondern Erbauung. Die Schöpfung! Es lohnt, sich darin einzuleben. Zunächst handelt es sich freilich um die Gottheit Christi, und streng dogmatisch fängt er an. Christus hat bei der Schöpfung schon mitgewirkt; denn wenn Moses sagt: »Und Gott sah, 333 daß es gut war,« so schaute Gott selbst offenbar nur zu und prüfte, und Christus war es somit, der das Werk vollbrachte und es gut machte (II, 5). Heißt es: »Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde,« so bedeutet das »im Anfang« wiederum soviel wie: »In Christo schuf Gott Himmel und Erde.« Christus selbst ist der Anfang; denn »im Anfang war das Wort« und das Wort war bei Gott und Christus war das Wort (I, 8). Bald aber verschwinden diese schwierigen Erwägungen vor der reinen Naturfreude und Andacht: Er gebeut und es steht da! Es werde Licht und es ward Licht! Ja Licht! Das Licht muß gleich das Erste sein; denn auch der Bauherr, der sich ein Haus bauen will, sorgt erst dafür, daß im Entwurf für das Haus einfallendes Licht vorgesehen ist, bevor er die Fundamente legt (I, 9). Und das Wort tut nun alles und der Wille. Der Wille Gottes ist das Maß aller Dinge, sagt Ambrosius sehr schön (II, 2), und das Wort selbst, das Gott spricht, ist die Leistungsfähigkeit virtus naturae . der Natur (II, 3). Nur das Böse macht Sorgen; woher kam es in die Schöpfung? Es ist nicht von Gott, so beteuert der Kirchenmann in gesundem Frohsinn. Das Böse ist sekundär, und nur des Menschen Herz selbst war sein Ursprung. Aber noch kommt er nicht zu reiner Freude; denn »die Feste« macht noch Schwierigkeiten, von der der Schöpfungsbericht sagt: »Es werde eine Feste in der Mitte des Wassers, und es sei eine Scheide zwischen Wasser und Wasser.« Wie kann sich Wasser über dem Himmel befinden? Der Himmel ist doch gewölbt, und es müßte abfließen. Ambrosius belehrt seine Gemeinde dahin, man könne schließlich nicht wissen, wie es über dem Firmament aussehe; vielleicht ist es oben flach und nur nach innen gewölbt, so wie es auch Häuser mit Innenwölbungen gibt, die flache Dächer haben (II, 3). Und nun folgen die Schöpfungstage. Wie schön die Natur! die Berge mit den Schatten gebenden Gesimsen ihrer Formationen! der Wein, der in Guirlanden sich rankt und Augen treibt (I, 8). Wie sinnreich, daß Gott erst die Vegetation schafft und hernach erst die 334 Tiere! Die einfach frugale Pflanzenernährung steht eben voran, die Fleischspeisen folgen erst in zweiter Linie (II, 7). Und das Wachstum selbst: welcher Mensch kann eine Blume machen? und welch Wunder, wie aus kleinem Keime erst nur das zarte Grün ausspringt, dann sich der Halm löst, des Halmes Spitze sich hebt und die Ähre bildet, die zuerst das Saatkorn noch verdeckt in der Scheide trägt! Das Saatfeld treibt Wucher, denn die Natur zahlt selbst tausendfältig zurück, was sie eingezahlt hat (III, 8). Dazu die Heilkraft der Pflanzen: allein schon das Öl. Ist der Hirsch krank, so kaut er vom Zweig des Ölbaums und ist genesen. Am vierten Tag ist die Sonne geschaffen; zum erstenmal geht über der Welt die Sonne auf. Reibe dir die Augen klar, um sie zu schauen (IV, 1)! Am fünften Tag aber ruft der Prediger Wehe. Denn da entstehen die Meertiere, darunter Hummer und Austern, Aal und Muräne. Wehe, die Gegenstände des Schlemmens sind früher da als der Mensch! Welch gesunder Humor (V, 2)! Verliebt ist Ambrosius in einen Fisch mit Namen Thymallus, der in der Etsch und im Ticino gefangen wurde. Vom Thymian hat er den Namen und ist selbst wie eine Blume. Er redet ihn geradezu an: Was ist hübscher als du? was schmeckt angenehmer als du? was duftet würziger als du (V, 2)? Das lehrreichste aber ist, daß die Fische ihre Rasse rein erhalten; es gibt keine Kreuzungen. Der Hecht freit nur die Hechtin. Das ist Keuschheit. Mensch, laß es dir zum Vorbild dienen (V, 3). Plötzlich unterbricht sich der Redner: Ich habe über den Fischen die Vögel ganz vergessen. Sie sind mir gleichsam davongeflogen. Könnte ich sie mit Vogelstimmen besingen wie die Nachtigall, die in der Nacht die Frühstunde verkündet und uns aus dem Schlummer weckt (V, 12). Wozu ist ihr seelenvoller Gesang? Er selbst ist Seele und beseelt das Ei, auf dem das Weibchen brütet (V, 24). Übrigens sind die Vögel den Fischen nahe verwandt; denn auch das Fliegen ist nichts als ein Schwimmen, ein Schwimmen im Luftmeer (V, 14). Auf die 335 Kraniche gebt acht: sie fliegen im Geschwader, in fester Ordnung in Reih und Glied, und stellen gar Wachen aus; das ist Staatenbildung. Der Mensch hat also den Staat vom Tier gelernt (V, 15). Achtet auch auf die Turteltaube: ist sie verwitwet, so paart sie sich nicht wieder. Das sei unseren Frauen ein Vorbild. Wichtiger aber noch ist der Geier; denn das Geierweibchen paart sich nicht; es fliegt nur gegen den Wind und ist befruchtet concipit sine masculorum semine . , und man will noch bezweifeln, daß die Mutter Gottes Jungfrau war (V, 20)? Gott schuf auch den gräßlichen Tiger. Aber auch der Tiger kennt die Liebe, die Liebe zu seinen Jungen. Werden sie ihm geraubt, so verfolgt er den Räuber; der sitzt zu Pferd und wirft ihm eine Glaskugel hin. Der Tiger sieht im Glas sich selbst und glaubt sein Junges zu sehen. Wieder und wieder täuscht ihn der Reiter so, bis er mit der Beute entkommt. Gott schuf auch den Elefanten. Man tadelt dies Tier: es sei zu groß gebaut; seine Beine seien zu ungelenk; es sei ohne Kniee. Der Redner aber weiß es besser: der Elefant schafft eben dadurch Nutzen im Krieg; denn der Perser kämpft vom Elefanten herab und ist dadurch dem Römer überlegen; er wirft aus der Höhe die Geschosse wie von einer Festung. Daher braucht der Elefant dies starke Beinwerk, und ihm ist gegeben, über 300 Jahre alt zu werden (VI, 6). Am schönsten aber die Schilderung des Schlachtrosses: es schüttelt sich die Angst vom Nacken, um in das Feld zu springen, und lacht dem König entgegen, der es besteigt, wittert den Krieg von weitem und will losfahren, wenn es den Schall der Trompete hört (V, 9). Doch genug. Echte Volkslehre! Es ist der Ausklang der großen Naturforschung des Altertums, die des Aristoteles Schule begründete; naiv und treuherzig. Der Geist des jungen, freudigen Christentums spricht aus ihm; aber man könnte dies Schöpfungsbuch noch heute mit einigen Abstrichen zum Kinderschulbuch machen. Das Ganze ein Loblied: »Herr Gott, dich loben wir« im Sinne des Tedeums, des ambrosianischen Lobgesanges, das mit dem Te deum laudamus anhebt Dieser ambrosianische Lobgesang selbst ist freilich nicht von Ambrosius, nach dem er heißt, gedichtet, sondern erst später entstanden. . 336 Ambrosius sagt es selbst offen: er lebte wissenschaftlich von der Hand in den Mund; er nahm vorhandene Werke und schriebt sie für seine Predigtzwecke um; er lernte selbst erst, indem er lehrte So hat er auch die bekannte Pflichten und Sittenlehre verfaßt, die, für die Frommen bestimmt, doch im Grunde nichts ist als eine kluge Bearbeitung der heidnischen Pflichtenlehre Ciceros in christlicher Umdeutung: ein Werk, das auf die Sittenlehre des Mittelalters hohen Einfluß gewann. . Er war in Wirklichkeit kein Gelehrter, sondern ein Mann der Tat. Der im Wort die Milde und Lieblichkeit selbst war, war eisern fest, wo es zu handeln galt. In Gallien begannen die unheilvollen Kaiserwirren, in die Theodosius der Große zweimal siegreich eingriff und über die ich früher berichtet habe. Valentinian I. war im Jahre 375 gestorben; seine beiden jungen Söhne Gratian und Valentinian II . waren gemeinsam die Erben seiner Macht. Da der letztere noch Knabe, führte zeitweilig seine Mutter Justina für ihn das Wort. Der junge Kaiser Gratian war nach Mailand gekommen, hatte sich dort mit Ambrosius befreundet, als in Gallien die Militärrevolution des Usurpators Maximus losbricht. Gratian eilt dorthin und kommt in Lyon durch Meuchelmord um, im Jahre 383. Da veranlaßte Justina den Mailänder Bischof, nach Trier zu eilen, wo Maximus Hof hielt, um im Interesse des 13jährigen Valentinian einen Ausgleich zu erwirken; und es gelang. Hernach, als Maximus von Theodosius besiegt und beseitigt ist, war es dessen Heermeister Arbogast, der gegen Justina und ihren Sohn den Eugenius zum Kaiser des Okzidents ausruft. Wieder droht Kaisermord; der geliebte junge Valentinian muß für sein Leben fürchten; Boten gehen von ihm ab; er ruft den Ambrosius zu sich nach Vienne; Ambrosius soll raten und helfen; aber noch ehe dieser in Vienne anlangt, wird Valentinian umgebracht. In mächtiger Wehklage von fast orientalischer Glut ergießt sich des Kirchenmanns Trauer über seinen Tod (seine beweglichen Worte liegen uns noch vor), und wir sehen daraus deutlich: nicht der Jüngling, auch nicht Justina hatte bisher in seinem Reichsteil in Wirklichkeit das Regiment geführt, sondern Ambrosius durch ihn. Sein Wille hatte die kaiserlichen Edikte diktiert. Als sodann Eugenius, der Arianer ist und zunächst siegreich in Norditalien einrückt, nach Mailand kommt, 337 verläßt Ambrosius demonstrativ die Stadt: ein Protest gegen den unerwünschten Gebieter. Schon längst hatte er aber auch auf Theodosius den Großen, der erst Maximus und nun auch den Arbogast und Eugenius besiegte, Einfluß gewonnen. Theodosius residierte im fernen Constantinopel; des Ambrosius Arm reichte auch dorthin. Es war geschehen, daß Mönche, ihrem Religionshaß nachgebend, irgendwo eine jüdische Synagoge niedergebrannt hatten. Theodosius befahl mit Recht, daß der Bischof am Ort die Synagoge wieder aufbauen und auch die Mönche bestrafen sollte. Ambrosius aber denkt anders; er verlangt vom Kaiser Audienz, schreibt Briefe an ihn. Als Theodosius persönlich nach Mailand kommt, rückt er ihm den Fall nochmals in der Kirche vor: »Gott kämpft für dich und du kämpfst gegen ihn?« und zwingt ihn, den Befehl zurückzunehmen. Berechtigter war ein anderes Eingreifen. Theodosius, der, so milde er sonst war, doch leicht aufbrauste, verhängte ein Strafgericht über die Stadt Saloniki. Dort lag einer seiner gotischen Generäle, Botharich, mit Offizieren und wenigen Truppen in Garnison. Die Germanen waren verhaßt; dazu kam, daß Botharich bei einem Zirkusrennen einen Wagenlenker, den Liebling des Publikums, der sich unverschämt benahm, gefangen setzen ließ. Das Volk verfiel in Wut und massakrierte den Botharich samt seinen Offizieren (im Jahre 390). Theodosius untersuchte den Fall nicht erst; im Zorn schickte er Truppen nach Saloniki und ließ auf das Volk einhauen, das wieder einmal im Zirkus beisammen war. 7000 Menschen sollen dabei umgekommen sein. Der Brief des Ambrosius an den Kaiser ist uns erhalten, in dem er sich zu seinem Richter aufwirft und ihn als schweren Sünder kurzum exkommuniziert. Und er führte dies durch. Nach dem Sieg am Fluß Frigidus kam Theodosius wiederum nach Mailand (im Jahre 394); da verwehrte Ambrosius dem Kaiser schroff den Eintritt in die Kirche. Tue Buße! war seine Forderung. Das Canossa ist damit schon fertig. Was sechs Jahrhunderte später der deutsche 338 Kaiser Heinrich IV. in Canossa auf sich nahm, der Sieg des Papstes Gregor VII., war schon damals durch Ambrosius errungen. Die Zeit der Richter des Alten Testaments lebt wieder auf: Samuel, der den Saul straft und richtet. Der allmächtige Kaiser der Welt knickte ein, tat wirklich die Buße, die ihm auferlegt; ja, zerknirscht und weinend soll er sich vor Ambrosius zu Boden geworfen haben. Erst danach wurde er zur Messe wieder zugelassen. Man vergleiche damit jene Kaiserin Eudoxia, die 30 Jahre später den ihr mißliebigen Patriarchen Johannes in Konstantinopel kurzweg kassierte, um die Wucht des Auftretens des Ambrosius recht zu würdigen. Es besteht sonach kein Zweifel, daß Ambrosius auch sonst und für die ganze Kirchenpolitik dieses Kaisers der spiritus rector gewesen ist. Auch Stilicho, der hernach mit Honorius in Mailand seinen Standort hatte, trat sogleich in nächste Beziehung zu ihm. Aber schon zwei Jahre nach des Theodosius Ende beschloß Ambrosius sein bewegtes Leben, noch nicht 60 Jahre alt, am 4. April 397. Er war es, dessen Beispiel dem Papsttum der Zukunft den Weg zur Allmacht gewiesen hat: ein Staatsmann von Beruf auf dem geistlichen Stuhl, der erste große Kirchenfürst. Selbst zu den freien Germanen jenseits des Rheins war sein Ruhm gedrungen; Fritigilt, die Königin der Markomannen, schrieb Briefe an ihn Paulinus vita Ambros. 36. , und noch nach seinem Ableben wirkte sein Geist weiter Selbst ein Pelagius verehrte ihn hernach uneingeschränkt; s. Augustin, De gratia christ. contra Coelestium et Pelagium cp.  42. . Man erzählte alsbald allerlei Wunder von ihm (das konnte nicht ausbleiben), und als der furchtbare Radagais, der Ostgote, mit seinen Hunderttausenden die Landschaft Toskana brandschatzte, zeigte sich Ambrosius geisterhaft als Verklärter seinen Freunden in Florenz und tröstete sie mit der Verkündigung, Stilicho werde kommen und siegen, Radagais aber vernichtet werden. Und der Papst? Die Bischöfe von Rom selbst? Man sieht sich forschend nach ihnen um. Auch ihr Einfluß war natürlich gewaltig und stetig; aber von ihren Persönlichkeiten hören wir wenig, wenig auch von den Beziehungen, die Ambrosius zu ihnen hatte. 339 Die christliche Urgemeinde in der Stadt Rom war unter allen Gemeinden naturgemäß von Anfang an die zahlreichste und reichste. Als die Apostel Paulus und Petrus nach Rom kamen, bestand sie schon Dies zeigt der Römerbrief. . Der Zulauf aus der Millionenstadt selbst, aber auch die Zuwanderung von außen hob sie rasch, und sofort gewann der römische Bischof auf alle Gemeinden im Land Italien maßgebenden Einfluß; aber auch Gallien, Spanien, Afrika waren gewöhnt, sich Rom unterzuordnen, und so reichte des römischen Bischofs Einfluß schon früh auf diese Reichsländer hinüber. Anfangs und bis in das 3. Jahrhundert herrschte die griechische Sprache bei den Christen in Rom; erst etwa seit dem Jahre 250 setzte sich bei ihnen das Latein durch. Damals gab es schon an die 40 Kirchen und mehr in der Stadt; der Reichtum der Gemeinde war so groß, daß sie ihre Geldhilfe und damit ihren Einfluß bis nach Syrien, Arabien, Cappadocien erstreckte Eusebius, hist. eccles. VII, 5; Basilius Epist. ad Damasum 70. , und der Bischof schaltete so mächtig über den sieben Hügeln, daß schon Kaiser Decius um das Jahr 250 äußerte, er ertrage in Rom lieber einen zweiten Kaiser neben sich als diesen Priester Cyprian, Epist. 55, 9. . Auch der Prunk zog ein; der Bischof kleidete sich fürstlich, um sich in seiner Würde zu heben; auch die Kirchen kleideten sich nicht anders in sinnfälligen Glanz; die Gebetbücher selbst wurden mit Edelsteinen geschmückt. Begreiflich darum, daß es die Kaiser nicht mehr in Rom litt. Diocletian verlegte den Kaisersitz nach Nikomedien, Constantin nach Byzanz, Maximian nach Mailand; der Bischof verdrängte den Kaiser aus Rom. Das Bedeutsamste aber war, daß endlich Kaiser Gratian im Jahre 375, offenbar unter des Ambrosius mächtigem Einfluß, sich dazu entschloß, die Würde des Pontifex maximus , die er bekleidete, niederzulegen. Bisher waren die Kaiser immer zugleich auch die Oberpriester im Reich. Kraft dieses Amtes hatten sie das gesamte Religionswesen seit Jahrhunderten reguliert, beaufsichtigt, bald den Apollo-, Minervakult, bald den Isiskult, den Sonnendienst begünstigt; kraft dieses Amtes hatte Constantin selbst das Christentum staatlich anerkannt und die Synode von Nicäa berufen, hatte 340 Julian die Gegenreformation gegen das Christentum eingeleitet. Mit dem Schritt Gratians war jeder kaiserliche Anspruch auf entscheidende Beeinflussung der religiösen Dinge aufgegeben, waren die heidnischen Kulte endgültig als nicht mehr vorhanden erklärt, die Omnipotenz des Episkopus Roms offiziell anerkannt, für immer. Pontifex maximus , aber auch Papa , ließ sich dieser jetzt nennen, eine Bezeichnung, die in naiver Weise die väterliche Fürsorge, die väterliche Autorität zum Ausdruck bringt, die damals aber ebenso auch anderen Bischöfen zuteil wurde. So hatte in der Stadt Rom ein Weltpriestertum Wurzel gefaßt, das in der Geschichte seinesgleichen nicht hat. Freilich haben wohl auch die Priestertümer des alten Ägypten in vorchristlichen Zeiten Jahrtausende bestanden und überdauert; aber sie glichen nur den einsamen Palmen am Wüstenrand; denn nur für die Anwohner des engen Niltals von Theben bis Memphis waren sie die Vertreter ihres Gottes. Das Amt des römischen Pontifex dagegen, der als Erbe Petri den Schlüssel zum Himmel verwaltet und durch Wahl bis heute nun schon im zweiten Jahrtausend unausgesetzt sich erneut, sein Priesteramt wuchs breitwipfelig als ein Riesenbaum empor, der das Römerreich und bald ganz Europa überschattete. Die Erde scheint nicht weit genug für seine Geltung. Gerade im 4. Jahrhundert, der Zeit, von der ich handle, regte sich das Verlangen, die Geltung des päpstlichen Amtes durch angeblich historische Nachweise noch weiter zu heben und zu stärken. Über das Wirken des Apostels Petrus in Rom wußte man ursprünglich gar wenig. Jetzt hieß es bestimmt, Petrus habe 20 Jahre lang als erster Papst in Rom gewirkt; ja, die lateinische Bibel selbst habe schon er in Rom eingeführt Darauf bezieht sich Rufin in seiner Apologie, Buch II. Derselbe Rufin ist der Urheber der Petrus-Clemenslegende. Es entstand die Schrift De mirificis rebus et actibus Petri et Pauli et de magicis artibus Simonis magi (Duchesne, Liber pontificalis I pg.  CII). . Auch von den Gebeinen des Petrus und Paulus begann man zu erzählen: sie waren in den Katakomben beigesetzt; Christen aus dem Orient kamen und raubten sie, um sie nach dem Osten zu entführen; da bebte die Erde, die Römer verfolgten die Räuber, und der Papst Cornelius ließ sie alsdann auf dem Gebiet des 341 Vatikan und an der Straße nach Ostia beisetzen. Von da kamen sie später wieder in die Katakomben zurück Duchesne, Liber pontificalis I pg.  CIV. . Solche Geschichten wurden jetzt wertvoll; auch glaubt die Kirche sich heute noch im Besitz der Köpfe der beiden Apostel. Im 14. Jahrhundert soll Papst Urban V. sie wieder aufgefunden haben, und der Sakristan zeigt heute im Querschiff der Laterankirche das Ciborium, in dem sie aufbewahrt werden. Vor allem legte man Wert darauf, daß Constantin der Große in Rom vom Papst Silvester zum Christentum bekehrt und getauft worden sei. Wie es in Wirklichkeit damit stand, haben wir früher gesehen. Jetzt erzählte man: Der junge Constantin befahl eine Christenverfolgung in Rom; Papst Silvester floh in eine Höhle. Constantin aber wurde sofort vom Aussatz befallen, und kein Arzt konnte ihm helfen. Die heidnischen Priester auf dem Capitol sagten, er könne Heilung finden, wenn er sich im Blut von neugeborenen Kindern bade. Constantin schauderte davor zurück; da erscheinen ihm zum Lohn und Dank die Apostel Petrus und Paulus und sagen ihm, ein Mann, Silvester, lebe; der könne ihn heilen. Constantin hält Petrus und Paulus für heidnische Götter und läßt Silvester unbedenklich kommen. Der klärt ihn über das Christentum auf und heilt ihn wirklich durch den Akt der Taufe, die er im Baptisterium des Lateran vollzieht. Aber Helena, Constantins Mutter, protestiert; sie ist auf den jüdischen Glauben erpicht und veranlaßt in Rom eine Disputation zwischen Silvester und jüdischen Rabbis. Silvester obsiegt anfangs im Redestreit; da verrichtet einer der Rabbis ein Wunder; er spricht einem Stier den Namen Jehovas ins Ohr, und der Stier bricht wie vom Blitz getroffen nieder. Alles ist bestürzt, und der Jude scheint zu siegen. Aber siehe da: Silvester weckt den Stier zu neuem Leben auf; das Christentum triumphiert glänzend, und Helena wird Christin wie ihr Sohn und viele andere mit ihr Duchesne, Liber pontificalis I pg.  CXI. . Es ist merkwürdig genug, daß man über die römischen Kirchenfürsten nichts besseres zu erzählen wußte und daß man nicht sogleich ihre Biographien schrieb, wie wir doch eine des 342 Ambrosius besitzen. Ihre Person trat nicht stark genug hervor. Sie mochten so oder so geartet sein: das Amt selbst erhob sie, gab ihnen den Charakter. Das Papsttum herrschte in der wechselnden Person: so war es damals, so ist es noch heute. Sicher ist, daß es zumeist kluge und zielbewußte Männer waren Wie beliebt sich Papst Liberius zu machen wußte, zeigt Ammianus Marcell. 15, 7, 6. ; ihr größtes Verdienst im Sinne der kirchlichen Interessen ist, daß sie von vornherein sich gegen die Arianer stellten und das Glaubensbekenntnis von Nicäa zu dem ihren machten. Das war ein klares Programm im Dienst der Katholizität oder Einheit der Kirche. Wer Arianer war, hatte hinfort mit der Macht des Papstes zu rechnen. Je mehr sich die tausend Bischöfe aller Länder seiner Autorität unterordneten, je aussichtsloser wurde die arianische Sache im Kreise der Laien, insbesondere der Germanen, die diesem mehr weltförmigen und gemeinverständlichen Christentum zugeneigt waren. Um das Jahr 380, in des Ambrosius Zeit, war Damasus Papst, jener Damasus, der die Marmorinschriften für die Märtyrer mit seinen eigenen Versen in den Katakomben anbrachte. An seinen Hof kam Hieronymus . Hieronymus kam nach Rom, und damit stellte sich der Kirche ein Literat erster Ordnung zur Verfügung. Er und neben ihm Augustinus begannen als unmittelbare Fortsetzer des Ambrosius ihr literarisches Wirken. Ist Ambrosius der Diplomat der Kirche, so war Hieronymus der geniale Journalist und Philologe, Augustin der Philosoph und Dogmatiker. Sie zusammen haben das Christentum des Okzidents auf einen neuen Boden gestellt. Die ersten beiden verfolgten die Aufgabe, die Geistesschätze, die das griechische Christentum im Orient – Origenes, Eusebius und die weiteren – aufgehäuft, dem Okzident zugänglich zu machen; Augustin griff über diese Aufgabe weit hinaus. 2. Hieronymus Wer kennt nicht die mittelalterlichen Darstellungen des heiligen Hieronymus, der in der Höhle sitzt und im offenen 343 Folianten liest, eine Kerze neben sich, den Löwen friedfertig zu seinen Füßen; vor ihm der Totenkopf und der Stein, mit dem er sich die Brust schlug? Der Gelehrte und Büßer! Dürer hat ihn mitsamt dem Löwen in die gemütliche deutsche Bürgerstube versetzt, hochbetagt, langbärtig, mit der großen Glatze unter dem Heiligenschein. Welch frommes Behagen! Wie anders war der Heilige in Wirklichkeit! Es fragt sich, ob er zu innerer Versenkung Zeit hatte. In rastlosem Drang der Arbeit häufte der gelehrte Mann Bücher um sich auf, die er selbst geschrieben, und so wie auch sonst Philologen arge Zänker sind, war er einer der schonungslosesten Pamphletisten, den die Weltliteratur gesehen hat. Sein Losungswort aber ist Virginität. Das Zölibat hat in ihm seinen vornehmsten Verfechter. Wir kennen ihn lediglich aus seinen Schriften. Hieronymus stammte von jenseits der Alpen, aus der Mischbevölkerung des Grenzgebietes von Pannonien und Dalmatien, dem heutigen Steiermark und der Krain Sein Geburtsort hieß Stridon. . Die elterliche Familie war schon rechtgläubig christlich; sie war überdies wohlhabend genug, ihm die beste Erziehung zu gestatten. Beiläufig erzählt er, wie er als Bub einmal die Schule schwänzte und bei den Haussklaven sich Ferien machte, bis die Großmutter ihn faßte und dem grimmigen Schulmeister auslieferte Contra Rufin I, 30. . Seine gelehrten Studien machte er in Rom und führte zugleich ein durchaus weltliches Leben. Mutmaßlich war sein Ziel, Lehrer oder Professor der Grammatik oder Redekunst zu werden. Er lebte ganz in den römischen Klassikern Cicero, Vergil, Horaz, Terenz; auch Griechisch trieb er damals schon und kaufte sich voll Eifer eine ansehnliche Bibliothek zusammen, den einzigen Schatz seines Lebens, den er, als er als Büßer alles von sich warf, sorglich hütete Er redet von bibliothecam sibi conficere ; der Ausdruck steht so auch bei Cicero, ad Quingum fr. III, 4, ad Attic. I, 7 und heißt dort, wie es scheint, »eine Bibliothek sich kaufen«. An Herstellung derselben durch eigenhändige Abschrift ist also schwerlich zu denken. Hieronymus muß aber demnach recht wohlhabend gewesen sein. . Allerlei Ausschweifungen oder schwerere Verfehlungen im Umgang mit Frauen muß er als Jüngling begangen haben Er nennt sich selbst reuig von allem Schmutz der Sünde bedeckt Epist. IV, 2; tunicam meam pollui sagt er Epist. 18, 11 nach Epist. Judae 23. ; aber ohne merkliche innere Konflikte ließ er sich 25jährig in Rom taufen, stieg auch aus Neugierde einmal in die Katakomben hinab, um das Grauen der Stockdunkelheit und die Schrecken der unendlichen Grabesstille zu empfinden Comment. Ezech. c. 40. . 344 Aber dies beeinflußte ihn innerlich wenig. Entscheidend wurde, daß er zu gelehrten Zwecken nach Gallien und Germanien reiste. Nebenher machte er da als rechter Philologe Beobachtungen über die keltische Volkssprache Comment. Galat. II praef. . In Trier aber, das damals noch großmächtige Kaiserstadt und ein angesehener Studiensitz war, fielen ihm die Schriften des Hilarius von Poitiers in die Hände, in denen ein Geist zelotischer Rechtgläubigkeit lebte. Er wurde dadurch zuerst mit den Spekulationen der griechischen Theologen bekannt; es war vielleicht überhaupt das erste kirchliche Werk, das er studierte. Er schrieb es sich eigenhändig ab; es wirkte umstürzend, lebenbestimmend auf ihn. In ihm selbst schlummerte ein literarisches Genie erster Größe; es regte sich plötzlich in ihm; er hatte ein Gebiet gefunden, auf dem er sich in großem Stil kämpfend und erziehend ausleben konnte. Es würde ihm ein Leichtes sein, einen Hilarius zu überbieten. So wurde er Kirchenmann. Sogleich fand er Freunde gleichen Strebens, Diakone und Mönche, die ihn darin bestärkten. Ehrgeizig sprang er in die neue Bahn und warf alsbald seine erste Schrift, die fabelhaft wundersüchtige Märtyrergeschichte von dem Prozeß und der siebenmaligen Köpfung einer schuldlos verklagten Frau ins Publikum (durch diese Schrift dürfte jener Dichter Prudentius zu seiner schreckhaften Märtyrerpoesie angeregt worden sein). Den römischen konsularischen Beamten, der gegen jene Frau den Prozeß geführt, verunglimpfte Hieronymus dabei als bestialischen Henker auf das gröbste. Erst danach machte er sich klar, daß der hohe Herr sich an ihm rächen könne, und er beschloß, nach dem Orient zu entweichen, um sich zu sichern. Von Bußbestrebungen hören wir noch nichts. Erst als auf der anstrengenden Reise durch Kleinasien und Syrien ihm sein Begleiter und lieber Freund Innocenz stirbt, als er selbst erkrankt und bis zur Gebrochenheit darniederliegt, überkommt ihn das Gefühl der eigenen Sündigkeit. Die Einsamkeit der Wüste lockt ihn, und er beschließt plötzlich, alles Weltliche von sich zu werfen, Mönch und Asket zu werden. 345 Gleichzeitig war sein Jugendfreund und Studiengenosse Rufin zu den Einsiedlern nach Ägypten gegangen. Auch eine vornehme Römerin tat da mit; sie hieß Melania. Hieronymus einsam in der Wüste. Er war noch jung, und er schildert sich selbst. Aus Furcht vor der Hölle, der Gehenna, hatte er sich diese Pein erwählt; aber die Erinnerungen an das üppige Leben in Rom verfolgen und peinigen ihn da. »Im Bußgewand, von Schmutz so schwarz wie ein Neger; die Glieder so hager, daß sie kaum noch zusammenhängen; Skorpione in meiner Zelle, wilde Bestien ringsum in der Öde; aber ich sehe im Geist nichts als tanzende Weiber. Da schrie ich Tag und Nacht und schlug mir die Brust, bis ich über mir die Schar der Engel sah und mit dem Hohen Liede rufen konnte: Wir laufen dir nach im Duft deiner Salben!« Auch seine Bibliothek war bei ihm, und er ist beglückt nur, wenn er Plautus oder Cicero Wenn er den Seneca noster Seneca nennt, so hängt das wohl damit zusammen, daß man eben damals anfing, Seneca für einen Christen zu halten: Adv. Jovinian. I, 49. , die noblen Heiden, liest; die barbarisch ungefüge Sprache der Propheten dagegen widert ihn an. Da hatte er die berühmte Vision, einen Traum der Entrückung. »Vom Fasten geschwächt lag ich im Fieber (so erzählt er), und es schien, ich sollte sterben. Da wurde ich im Geist plötzlich in die Unterwelt vor den Thron des Richters Welcher war es? Er nennt Christus nicht. gezerrt. Ich fiel zu Boden, von der Überfülle des Lichts ganz geblendet. »Wer bist du?« fragte mich die Stimme. Ich nannte mich einen Christen. »Du lügst,« sagte da der auf dem Throne; »Ciceronianer bist du und nicht Christianer; denn wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz,« und er ließ mich geißeln. »Herr, Herr, Erbarmen!« schrie ich. Die, die den Richter umgaben, legten für mich Fürbitte ein; da tat ich den Schwur: »Herr, wenn ich je weltliche Bücher habe und lese, habe ich dich verleugnet.« In diesem Augenblick kehrte ich zur Oberwelt zurück regvertor ad superos heißt es ( Epist. 22, 30, 5); aus diesen Worten folgt, daß die Gerichtsszene nicht im Himmel, sondern in der Unterwelt spielt; Hieronymus ist noch ganz befangen in den Vergilischen Schilderungen des Jenseits, das in der Unterwelt liegt; dort haust der Totenrichter. , öffnete die Augen, die noch voll Tränen waren, und noch nachher hatte ich sichtbare Striemen auf dem Rücken, zum Zeichen, daß ich wirklich geschlagen worden.« Aber den Schwur hielt er nicht. Er war viel zu intelligent, seine Phantasie zu reich, um sich auf die monotone 346 Kirchenliteratur zu beschränken. Vier bis fünf Jahre war er in der Wüste; aber der Philologenhunger, der Arbeitsdrang war zu mächtig in ihm. Er vergrößerte durch Abschreiben seine Bücherbestände und nahm Unterricht im Hebräischen bei einem Rabbiner. Nicht nur das; er fing an zu schriftstellern und wußte, in Rom werde man sich um seine Schriften reißen; denn die Anachoreten waren bisher fast nur Orientalen; es war etwas Außerordentliches, daß ein echter Okzidentale, ein Römer und ein Mann der höheren Gesellschaft es ihnen gleichtat und gar Visionen hatte, ein Mann, der aus der fernen Wüste selbst, wo der Löwe umgeht, wunderbar ciceronisch stilisierte Briefe schrieb und die Wüste selbst in hohen Tönen wie das Paradies besang Vgl. Epist. 125, 8: Mir ist die Stadt ein Kerker, die Einsamkeit das Paradies. . Sensationell, mächtig energisch war seine Sprache: »Folgt mir nach (so schrieb er); tut es mir gleich. Und ob deine Mutter darob ihre Haare zerrauft, ob dein Vater, dich zu hindern, sich auf die Schwelle legt: tritt auf ihn, schreite über ihn hinweg und fliege zur Fahne des Kreuzes. Alle Familienbande zerreißt die Liebe zu Gott und die Furcht vor der Hölle. O Einöde, in der Christi Blumen sprießen! Die rauchgeschwärzten Städte sind ein Kerker. Abzuwerfen des Leibes Last ist meine Sehnsucht und zu des reinen Äthers Himmelsglanz aufwärts zu fliegen.« Epist. 14 an Heliodor. Schön heißt es auch in der Epistel 145, 4: proice sarcinam saeculi , wie Schiller sagt: »werft die Last des Irdischen von euch,« freilich in etwas anderem Sinne. Da aber entstand im Orient neuer dogmatischer Streit über die Trinität und die drei Personen Gottes. Zwei oder drei Parteien bildeten sich, von denen die eine noch orthodoxer sein wollte als die andere, und sie verlangten des Hieronymus Zustimmung. Dogmatik war nicht seine Stärke. Ihm wurde dadurch der Aufenthalt verleidet. Was tun? Er schrieb dringend an den Papst Damasus nach Rom um Anweisung, wie er sich entscheiden solle. Hieronymus glaubte durchaus nicht an die Unfehlbarkeit des Papstes In seinem Matthäus-Kommentar versteht er den Felsen Petrus nicht im Sinne des Papsttums (s. Zöckler, Hieronymus S. 214). In Brief 127, 9 spricht er darum von der Einfalt, simplicitas , des gegenwärtigen Papstes Sinicius. Ja, der Inspirationsbegriff beherrschte ihn noch nicht, und auch die Evangelisten begehen nach ihm gelegentlich Fehler und Irrtümer (Zöckler S. 190). ; aber es war ihm bequem, im Zweifelsfalle sich unter eine Autorität zu stellen. Als Antwort beruft der Papst in dieser Sache ein Konzil nach Rom (im Jahre 382) und lädt auch Hieronymus dazu ein. So kam er nach 11jähriger Abwesenheit wieder nach Rom 347 als des Damasus Vertrauensmann; und Rom bekam es zu spüren. Die ganze Stadt fiel in Erregung; denn der große Büchermensch und Eremit begann seine Agitation, als glühender Eiferer, nicht etwa unter den Männern; nein, die stolzen Frauen des Hochadels öffneten ihm ihre Häuser, die reichen Witwen mit ihren Töchtern, die in den großen Palästen hausten. Solch hagere Büßergestalt, braungebrannt wie ein dürrer Pinienstamm, in der Tracht Johannes des Täufers, dazu voll Feuers, Jähzorns und blendenden Geistes, übte sogleich magische Wirkung auf die Frauenseelen. Sein Predigtthema aber ist die Keuschheit der Frau. Damals war von einem Arianer mit Namen Helvidius ein Buch über die Maria erschienen, in dem die Jungfrauengeburt Jesu bestritten und Jesus als rechter Sohn Josefs nachgewiesen wurde. Mit Keulenschlägen zermalmt ihn Hieronymus in einer Flugschrift, die die Jungfrau Maria und alle Jungfrauenschaft verherrlicht, alle Ehe entwertet. Im Ideal soll nicht nur das Weib, auch der Mann soll Jungfrau sein; Christus selbst wird Jungfrau genannt: Christus virgo Vgl. Epist. 49, 21. . »Du unwissendster aller Menschen,« fährt er den Helvidius an: »du bist wie ein Kamel, das tanzen will.« Die Jungfrau (führt er aus) hat Zeit zu Fasten und Beten, und sie ist heilig an Leib und Seele. Wie anders die Ehefrau! Ihr Gatte, der abwesend, soll eben nach Haus kommen; da poliert sie ihr Gesicht, schminkt sich vor dem Spiegel, übt sich im weichlichen Gang. Ihre Kinder, die kleinen Bälge, schwatzen indes um sie her; die älteren Kinder verlangen ihren Kuß, die Dienerschaft rumort. Die Ausgaben werden schnell nachgerechnet, die Köche stehen zu Haufen und klopfen das Fleisch mürbe. In der Webstube dröhnt das Geräusch der webenden und spinnenden Mägde, bis es heißt: der Mann tritt ins Haus! Sofort muß die Frau wie eine Schwalbe durch alle Stuben flattern, nachsehen, ob das Bettpolster auch fest genug gestopft ist, ob der Fußboden gekehrt, die Trinkgefäße blank, das Essen angerichtet ist. Wie kann sie da an Gott denken! Und das sollen glückliche Häuser sein? Da kommt schon 348 Tafelmusik, Flöte, Leier und Zymbeln; der Parasit macht bei Tisch seine frechen Späße; der Mann läßt Tänzerinnen kommen, Opfer der Gier, die halbnackt das Auge kirren, und die unglückliche Hausfrau muß sich daran mitfreuen und innerlich Schaden nehmen, oder der offene Streit ist da. Nimm dazu die Ängste der Geburtswehen. Wohl der Frau, die davon frei ist, die alle Menstruation hinter sich hat! Ihr Sinn ist nicht mehr auf den Mann gerichtet. Sie hat Zeit zum Beten. Schon Ambrosius hatte das Nonnenwesen empfohlen; Hieronymus fand daher bei den Frauen diese Stimmung schon vor, und die vornehmen Witwen Marcella , Asella , vor allem Paula mit ihren Töchtern Eustochium und Blesilla , sind es, denen er sich widmet. Es waren z. T. schriftgelehrte Damen, und alles drehte sich um die Erklärung des Bibeltextes. Die gelehrte Frau, die Philologin, die das alte Rom sonst kaum kennt, gab damals der christlichen Gesellschaft nahezu den Stempel Auch in Spanien sehen wir übrigens damals, wie schrifteifrige Frauen sich für die häretische Lehre des Priscillian besonders ereifern: Sulpicius Severus, Chron. II, 46. . Es handelte sich da keineswegs um Jesu Leiden und Sterben, sondern um solche Dinge, was das Wort »Amen« oder was das »Sela«, das in den Psalmen steht, eigentlich bedeute. Diese Frauen fasteten, vermieden das Bad, hatten Ohrringe und seidene Kleider abgelegt. Paula schenkt sogar ihr kolossales Vermögen und das ihrer Kinder der Kirche. Die vorstädtische Villa der Marcella wurde, da viele Geistliche bei ihr ein- und ausgingen, geradezu eine Pflanzschule des Klosterwesens. Viele Stunden verbringt Hieronymus mit diesen Frauen in ihren Palästen. Er ist der Lehrer, aber er ist kaum älter als sie. Dabei schenken sie ihm gelegentlich Armbänder oder Tauben oder einen Korb voll Kirschen Epist. 31, 1. . Wir kennen diesen Verkehr aus seinen Briefen. Die Briefe eines Ambrosius, Hieronymus und Augustinus waren ebenso gut Gemeingut des Publikums wie die Erlasse des Kaisers; sie wurden mit Willen des Verfassers alsbald veröffentlicht; die Abschriften gingen von Hand zu Hand, waren Gegenstand der Stadtgespräche, insbesondere jetzt des Hieronymus Brief an die junge Eustochium über die Wahrung der Jungfräulichkeit Epist. 22. . 349 Zündend, aufpeitschend, zugleich ätzend satirisch im Stil Juvenals, so ist seine Schreibweise. Über Rom ging es her, die elegante Gesellschaft, auch den Klerus: auch das christliche Rom ist die Stadt der Laszivität und der Wollust Epist. 24. 5. . Vor dem Weintrinken warnt er die Frauen an erster Stelle: rührt ihn nicht an; er entzündet die Sinnlichkeit. Wir wissen auch sonst, daß zechende Frauen im Altertum nichts Seltenes waren. »Es gibt Mädchen genug, die sich berauschen, und dann nehmen sie das Abendmahl Epist. 22, 8–11. . Knappe, lose Gewänder tragen sie, die Haarzöpfe aufgelöst, werfen fangende Blicke auf der Straße und nisten sich bei den Klerikern als Haushälterinnen ein. Bös sind auch viele Witwen, die rotgeschminkt in der Sänfte daherkommen, von Eunuchen umgeben, nicht als hätten sie ihren Mann verloren, sondern als suchten sie nach einem Manne. Bei Tisch lassen sie sich von dem Geistlichen die Stirn küssen und küssen ihm die Hände, um dann süß von ihm zu träumen.« Es sind jene Matronen mit Frisuren von unechtem Haar, die wie Türme hoch stehen Epist. 130, 7, 13. . Man sieht: Hieronymus kannte das Leben; mit strengen Vorschriften will er es regulieren: wie oft am Tag die Frauen zu beten, welchen Umgang sie zu meiden haben. Vor jedem Ausgang, ja, vor jeder Verrichtung schlage mit den Fingern das Kreuz. Lauft auch nicht zu den Märtyrergräbern, sondern verehrt die Märtyrer im stillen Kämmerlein; denn da fehlt die Versuchung. Siehe: wenn du einschläfst, tritt der Herr, der dein Bräutigam, still ins Gemach; hinter der Wand tritt er hervor und legt die Hand auf deinen Schoß zum Zeichen, daß er verschlossen sei und nicht gebären soll. Peinlich berührt dabei zu lesen, daß der Verfasser nicht nur das Baden, sondern auch das Waschen verpönt und die Ungewaschenheit inluvies. Epist. 50, 3, 2. seiner hohen Freundinnen lobpreist. Du heiratest? wünschest dir einen Sohn? Wozu? Damit dein Vater einen kleinen Enkel hat, der ihn mit seiner Unsauberkeit beschmutzt? Epist. 54, 4. Seine Warnungen sind unerschöpflich. So lesen wir: Vermeide den Umgang mit Frauen, die die 350 Schränke voll Toiletten haben; täglich tragen sie ein anderes Kostüm. Wenn sie wohltun und Geld spenden wollen, wird ein Ausrufer gemietet, der trompeten und die Armen dazu herbeirufen muß Epist. 22, 32. . Vermeide ebenso die flotten Personen, die zu dir sagen: »O du mein Hündel, genieße doch, was du hast, und lebe drauf los! Wozu willst du für deine Kinder sparen?« Epist. 22, 19. Schlimm sind auch die affektierten Frauen, die da alle Worte nur halb aussprechen, da sie die Zähne beim Sprechen nicht öffnen und für bäurisch halten, was natürlich ist Epist. 22, 19. . Vor allem geh nicht mit Jünglingen um, die so schön frisiert sind; laß sie dein Haus nicht betreten, auch keinen Berufssänger, keine Musikantinnen; sie sind der Chor des Teufels. Ebenso dein Vermögensverwalter: er läßt sich die Haare brennen; laß ihn nicht mit dir gehen, wenn du ausgehst, auch nicht etwa deinen Milchbruder, der schön ist wie Milch und Blut. Er schont aber auch die Geistlichen nicht: vor allem die, die auf Reichtum Jagd machen Zur Entschuldigung der Geistlichen müssen wir erwähnen, daß viele von ihnen damals noch heirateten, also Familien zu ernähren hatten: hodie quoque plurimi sacerdotes habent matrimonia : Hieron adv. Jovin. I, 23. . Sie machen den alten Leuten, die kinderlos, den Hof, um sie zu beerben Vgl. Valentinians Edikt gegen die Erbschleicherei der Geistlichen: cod. Theodos. 16, 3. , halten ihnen den Nachttopf hin, fangen den ausgehusteten Schleim mit ihren Händen auf. Kommt der Arzt, so fragen sie mit zitternden Lippen, ob es dem Kranken denn wirklich besser geht, und die Pein ist groß, wenn er das bejaht, als dächten sie: soll er so alt werden wie Methusalem? Nicht die Priester, nur die Kirche ist es, die erben soll; sie muß reich sein, um für die Armen zu sorgen Epist. 52, 6. . Solche Ausfälle ersetzten damals das kritische Feuilleton der heutigen Tage; sie nähern sich gelegentlich fast dem Ton unserer Witzblätter. Wie mancher mochte sich dadurch wirklich getroffen fühlen! Aber Hieronymus griff höher hinauf; er tadelte auch die Bischöfe selbst: sie sollen keine hohen weltlichen Beamten und Konsulare bei sich zu Tisch laden, so daß diese Herren gar besser beim Priester mahlzeiten als in ihrem eigenen Palast und daß dann gar die Militärwache vor der Priesterwohnung aufzieht Epist. 52, 11. . Schlimm, daß es unter den Bischöfen solche 351 gibt, die so lange zechen, bis sie betrunken sind »Wer Luxus treibt, ist schon lebend tot, wer sich betrinkt, ist nicht nur tot, sondern begraben,« sepultus, Epist. 69, 9, 1; dies ist nach dem vino sepultus Vergils gesagt. . Hat doch schon Cicero gesagt: »Es muß sich geziemen, was du tust.« Aber es gibt auch solche unter ihnen, die geradezu zum Gelächter werden durch die Art, wie sie sich kleiden und sich bewegen. Den Pfau lassen sie von ihrem Koch möglichst langsam dämpfen, damit die Hitze bis an die Knochen dringt und das Fleisch nicht zu mürbe wird Epist. 69, 8, 7. . Gestern noch im Amphitheater, heute in der Kirche; Abends im Zirkus, am Morgen vor dem Altar: es geht von Übermut zu Übermut, de superbia ad superbiam Epist. 59, 9. . Es war gewiß mutig, so etwas zu schreiben. Hieronymus stand neben dem Papst da als eigentlicher Richter und Erzieher der Christenheit und des Klerus. Kein Wunder, daß die römische Gesellschaft sich gegen ihn aufbäumte, ihn haßte, ja, lächerlich zu machen suchte. Das geschah sogleich in Anlaß jenes Briefes an die junge Eustochium des Jahres 384. Im Himmel, hieß es, soll das Geschlecht aufhören, alle Weiber da zu Männern werden? Was werden unsere Frauen dazu sagen? Rufin, Apologie I, 23. Unter den Angreifern, die er fand, war ein gewisser Onasus, ein reicher geistlicher Herr. Es ist erstaunlich, wie Hieronymus den anpackt Epist. 40, 2. . Mein Beruf ist der des Medikus (schreibt er), den Leuten mit eiternder Nase die Nase zu schneiden und geschwollene Drüsen zu operieren Gesagt nach Cicero pro Sestio 135. . Ist es etwa Onasus allein, der sich jetzt gegen mich erhebt und gedunsene Worte mit aufgeblasenen Backen gegen mich in die Wagschale wirft trutinatur verba , gesagt nach Persius, 3, 82. ? Ich habe gesagt, daß gewisse Leute durch Schliche und Betrug zu ihrer hohen Stellung kamen: was geht das dich an, der du ja so schuldlos bist? Ich greife Priester an, die sich mit Geld bestechen lassen; was erzürnt dich das, da du ohnehin schon reich genug bist? Was ich auch sage, und wenn ich über Eulen und Uhus oder Nilpferde spotten wollte, du beziehst alles auf dich und willst mich darum vor den Strafrichter ziehen. Kommst du dir etwa hübsch vor und heißt doch Onasus nach deiner Nase? Ich rate dir, verbirg in Zukunft deine Vorzüge, um schön dazustehen; laß niemanden deine Nase sehen, deine Reden hören; dann giltst du als beredt, dann giltst du als wohlgestaltet. 352 Aber die üble Stimmung steigerte sich. Seine Freundin Marcella selbst runzelte die Stirn Epist. 27 ad Marcellam . . Ihm war im Eifer und geistreichen Spiel die Äußerung entschlüpft: die Nonne sei Braut des Herrn, also könne die Mutter der Nonne sich rühmen, »Schwiegermutter des Herrn« zu sein. Man höhnte Rufin, Apologie II, 10. . Anstößig schien gewiß auch sein Preis des Eunuchenstandes Die einen sind Eunuchen aus Zwang, die anderen aus freiem Willen, sagt er lobend, Epist. 22, 19, 2, mit Beziehung auf Matthäus 19, 12. . Eben jetzt starb sein Gönner Papst Damasus, im Jahre 384; da mußte er Rom räumen; er konnte sich nicht mehr dort halten. Er wurde des unzüchtigen Umgangs mit seiner edlen Freundin Paula bezichtigt; es kam darüber sogar zur Gerichtsverhandlung. Der Ankläger mußte widerrufen. Dann starb die junge Blesilla, wie es hieß, infolge zu strengen Fastens. Hieronymus pries sie selig; aber man gab ihm die Schuld, und bei dem Leichenbegängnis kam es fast zum Tumult; man schrie: »Steinigt alle Mönche, die verfluchten, jagt sie aus Rom, stoßt sie in den Tiber!« Und Hieronymus wich aus Rom. Es war das zweitemal, daß er flüchten mußte. In Ostia schiffte er sich ein und schrieb da noch einen Abschiedsbrief: »Ich verlasse dieses Babel und fahre nach Jerusalem, ich Tor, der ich vergaß, daß, wer Jerusalem verläßt, unter die Mörder fällt. Paula gewann mein Herz nicht durch Sinnenreiz, sondern als Trauernde, als Fastende, von Schmutz bedeckt, von Weinen fast geblendet. Seitdem ich sie wegen ihrer Keuschheit verehre, sollen mich alle Tugenden verlassen haben?« Epist. 45, 3–7. Er sah Rom nie wieder, und es folgt das Wunderbarste, die Riesenlebensarbeit des Hieronymus in Bethlehem durch fast 40 Jahre. Wunderbar auch das, daß Bethlehem dazu ausersehen war, der Mittelpunkt der römischen Literatur zu werden. Denn dazu wurde es durch ihn erhoben. Paula begleitete ihn dorthin; sie war es, die das Geld gab und die Gründung zweier benachbarter Klöster mit gemeinsamem Bethaus ermöglichte: ein Mönchskloster, dem Hieronymus, ein Frauenkloster, dem Paula vorstand. Da begann er die Kirchenliteratur unendlich zu bereichern; es war eine große 353 Redaktionszentrale mit reicher Bibliothek, Schreiberpersonal und Papiervorräten. Auch ein Buchhandel muß sich daran angeschlossen haben; denn er konnte die vielen Abschriften, die er herstellen ließ, nicht gratis abgeben. Ganze Serien von Büchern schrieb er jetzt; er füllte sie mit Kommentaren zu den Evangelien, den Propheten, den Psalmen usf., indem er Werke griechischer Gelehrter, vor allem des vielbewunderten Origenes , auszog und alles Beste aus ihnen entnahm: eine geistige Durcharbeitung des gesamten Inhalts des Alten und des Neuen Testaments mit seinen abertausend dunklen Stellen, die erstaunlich ist. Seine Gelehrsamkeit schien stupend, seine Vielseitigkeit, Gewandtheit, Akkommodationsfähigkeit im Durchdenken dessen, was andere gedacht. Er war der Cicero der Kirche. Denn so wie Cicero selbst dereinst in seinen Tusculanen und anderen Schriften die altgriechische Weltweisheit in Rom eingebürgert hatte, so tat Hieronymus jetzt das nämliche für die griechische Theologie, in viel massiveren Werken. Seine Diktion übertraf alles; er selbst ging zwar im Bußgewand, seine Rede aber schritt in rauschender, glitzernder, geschmeidiger, wundervolle Falten werfender Robe daher. Er hatte Cicero vergebens verleugnet. Kein Autor kam neben ihm auf. Man sah es mit Neid und Scheelsucht. Die Gegner faßten ihn darauf an, er habe doch in der berühmten Vision Cicero abgeschworen Rufin, Apologie II, 6. . Wie sollte er sich verteidigen? Er brauchte seine ciceronianische Virtuosität ja doch nur im Dienst Christi; was wollte man mehr? Er selbst sagte mit Recht: die purpurgefärbte Wolle wird durch kein Wasserbad wieder weiß gewaschen (er selbst war die Wolle, Cicero der Purpur). »Übrigens war es ja nur ein Traum, als ich Cicero abschwor, und Träume sind keine Wirklichkeit; wie oft träume ich, daß ich über Berge und Meere fliege; bin ich darum zum Fliegen verpflichtet?« Contra Rufin. I, 30 f. Er schrieb nichts eigenhändig, sondern diktierte nur alles. Es ging in der Tat wie im Fluge, rastlos, lebhaft, im hohen Alter noch die Sprache des Jünglings. Es fließt ihm von der 354 Lippe in völliger Natürlichkeit: eine pulsierende Belebtheit des Wortes. Selbst der schwerfällige Gang seiner Kommentare wird dadurch beschwingt, und nun gar seine Flugschriften, seine Briefe, voll Trost für die Trauernden, voll Ratschlag für die jungen Geistlichen; er wußte, sie waren Ereignis, und mit gewisser Eitelkeit blickt er darauf und gibt oft an, diese Schrift habe er in einer Nacht diktiert Ähnliches fanden wir in Kaiser Julians Schriften. . Eine Menge Menschen, Pilger, Gelehrte, auch Neugierige strömten zu ihm in Bethlehem zusammen; es war fast ein Jahrmarktstreiben. Es gab auch solche, die seine Schreibgehilfen bestachen und sein unfertiges Manuskript zu stehlen suchten. Und noch immer war seine Zunge, wo es zu fechten galt, scharf wie ein persisches Messer. Ein gewisser Jovinian schrieb gegen ihn ein Werk über den Wert der Ehe. »Die alte Schlange zischt in diesem Jovinian; er ist der Epikur, und alle Lüstlinge grunzen mit ihm in seiner Schweineherde.« Adv. Jovin. I, 38; II, 36. Hieronymus geht jetzt weiter, nennt die Ehe tierisch und preist den, der um des Himmels willen Eunuch ist Adv. Jovin. I, 12 u. 38. Diese Entwürdigung und Beschimpfung der Ehe als Konkubinat setzt sich natürlich in der späteren Literatur fort, so schon bei Alcimus Avitus (Ebert, Gesch. der Literatur des Mittelalters I², S. 400). . Ein anderer Freigeist, Vigilantius , der früher einmal Gastwirt gewesen, schrieb gegen den Märtyrerkultus, gegen das Fasten und das Lichterbrennen in den Kirchen. Vigilantius heißt etwa »der Wachsame« auf Deutsch; Hieronymus nennt den Mann nun mit derbem Witz höhnend Dormitantius, also den Schlafsüchtigen, und sagt: Du bist gegen das Lichterbrennen, weil du lieber im Dunkeln schläfst; du bist gegen das Fasten des Publikums, weil du gern als Gastwirt gute Geschäfte machst. Es ist der Ton des Klopffechters und Rabulisten, Juvenalische Satire Hieronymus vergleicht sich gelegentlich selbst mit den Satirikern. . Wir dürfen es dem hitzigen Mann nicht verargen. Gegen Todfeinde der Kirche waren eben alle Waffen erlaubt. Er nennt sich selbst den Hund Christi, der für seinen Herrn bellt und kläfft Contra Rufinum III, 42. Auch Orosius braucht übrigens in seiner Praefatio den Vergleich mit dem Hunde. , ganz im Sinne der späteren Dominikaner, die sich, wie er, als die Hunde des Herrn, domini canes , selbst bezeichneten. Er war kein Redner, kein Prediger, sondern nur Buchschreiber und Literat. Es gibt viele solche Gelehrtennaturen, 355 Klausnernaturen, denen das unmittelbare Gespräch nicht liegt. Keine einzige Äußerung scheint von Hieronymus erhalten, wo er einmal im frischen Wortwechsel von Mann zu Mann Rede steht und siegreich das Wort führt. Erst in der Einsamkeit fließt ihm alles Beste zu. Er war dereinst zum Priester geweiht worden und sollte ein Kirchenamt verwalten; er nahm die Weihe an, aber funktionierte nicht, was allem Herkommen widersprach. Es ist klar: er fühlte selbst, was ihm fehlte Er scheint auch das Wort erfunden zu haben, »aus der Not die Tugend zu machen«: facit de necessitate virtutem, contra Rufinum III, 2 (p. 532 ed. Vallarsi ). . Trotzdem war er zum Orakel der Kirche, er war zum gefürchteten Herrscher auf dem Büchermarkt geworden. Aus der Fülle seiner Briefe greife ich noch den an die Salvina heraus. Salvina war kaiserliche Prinzessin; sie lebte großmächtig am Constantinopolitaner Hof. Ihr Gatte war Neffe Theodosius des Großen, sie selbst Tochter des afrikanischen Fürsten Gildo. Ihr Mann stirbt; Hieronymus hat sie nie gesehen, zum Hof gar keine Beziehungen; aber er erlaubt sich ihr unaufgefordert aus Bethlehem zu schreiben, ihre Schönheit, die engelhafte Schönheit ihrer Kinder, die er nie gesehen, zu preisen, ihr sein Lob zu erteilen, da sie jetzt sittsam in Trauer geht und nicht nur schwarze Kleider, sondern auch statt der goldenen Schuhe schwarze Stiefeletten trägt, und endlich sie zu ermahnen, hinfort die Keuschheit zu wahren, d. h. nicht noch einmal zu heiraten. Sie soll die Monogamie wahren; denn jede zweite Heirat gilt nach ihm schon als Bigamie. Wie die hohe Dame das aufnahm? Wir wissen es nicht. Jedenfalls sorgte Hieronymus dafür, daß auch dieser Brief veröffentlicht wurde. Nichts beleuchtet so sehr die überlegene Stellung und unantastbare Autorität dieses Mannes. Aber was ist uns heute das asketische Menschenideal des Hieronymus? seine gleichsam entfleischte Ethik? Was ist uns heute das Geprassel all seiner Streitschriften? Was ist uns selbst die Batterie seiner schriftgelehrten Kommentare, die im Grunde doch nur dem nächsten Zeitbedürfnis voll entsprachen und heute als völlig veraltet gelten? Die Hauptsache ist noch nicht genannt: die Chronik des Hieronymus, die Bibel des 356 Hieronymus. Dies war es, womit er der Kirche und der Kirchengeschichte ein neues Fundament gegeben hat. Das eine war ein Werk genialer Eilfertigkeit, das andere ein Werk eisernsten Fleißes. Die Chronik schrieb er, als er in Constantinopel war, vornehmlich nach einer griechischen Quelle, im Verlauf eines Winters nieder, und sie zeigt uns deutliche Spuren der Flüchtigkeit; aber sie wurde trotzdem das unentbehrliche Handbuch der Jahreszählung und tabellarischen Überschau alles Erlebens der Menschheit für den ganzen Okzident. Alle Ereignisse sind darin unter Jahre Abrahams gestellt, die bunte Geschichte der alten Heidenwelt wie der Juden in den Weltplan des werdenden Gottesreichs eingefangen. Es sind redende Zahlen, und sie lehren, daß die Geschichte nicht planlos verläuft, sondern eine Zwecksetzung hat, die sich im Sieg der Kirche erfüllt. Unendlich bedeutsamer die lateinische Bibel. Es ist die Gestalt der Bibel, nach der die katholische Kirche das Gotteswort noch heute unter die Menschheit gibt, neben die hernach Luther seine deutsche Bibel stellte, und es war eine Arbeit, wohl noch mühsamer als die Luthers. Moses und die Propheten, die Psalmen, die Evangelien bestanden schon längst in lateinischer Übersetzung, aber in verschiedener Abfassung, die oft bedenkliche Abweichungen und mitunter so starke Widersprüche aufwies, daß die Kirchenlehrer nicht wußten, was das richtige; die Autorität des inspirierten Gotteswortes selbst war in solchem Chaos bedroht. Es galt mit dieser üblen Tradition zu brechen, für das Neue Testament auf den griechischen Grundtext, der wieder in verschiedenen Fassungen vorlag, zurückzugehen und von Vers zu Vers die Wahl der best bezeugten Lesungen zu treffen; es galt für das hebräische Alte Testament nicht nur die in der Kirche herrschende griechische Übersetzung neu zu vergleichen, sondern hier weiter, was bisher keiner gewagt hatte, auf die unbequeme Ursprache des Hebräischen zurückzugreifen. Wenn Textkritik die erste Aufgabe des Philologen ist, so leistete Hieronymus sie hier bahnbrechend an dem wichtigsten aller 357 Texte. Schon in den Jahren seines römischen Aufenthaltes begann er damit. Er, der der ungeduldigste war im Streit, war der geduldigste bei der Arbeit. In echt wissenschaftlichem Triebe hatte er dazu das Hebräische gelernt, damals eine ganz unerhörte Leistung. Er bekennt selbst, wie sauer es ihm wurde. Dauernd zog er einen Rabbiner zur Hilfe heran. So entstand die von ihm revidierte, neu geschaffene lateinische Bibel, die man die Vulgata nennt Die Leistung des Hieronymus, wie sie in der Vulgata vorliegt, ist zweiteilig; für einige Bücher wie das Neue Testament und die Psalmen korrigierte er nur die schon vorhandene lateinische Übersetzung, die sog. Itala; andere sind von ihm selbst neu übersetzt. Ganze Teile des Werkes wurden dem Hieronymus während der Arbeit gestohlen (Epist. 134, 2). Die Haupthandschrift, in der es vorliegt, befindet sich in Florenz, stammt aus dem 8. Jahrhundert und heißt der Codex Amiatinus. und die sich zwar nicht sofort, aber doch allmählich als kanonisch durchsetzte. Um für die Zuverlässigkeit ihres Wortlauts zu bürgen, genügte sein Name. Es fehlte ihm bei diesem kühnen Unternehmen keineswegs an Anfeindungen. Ein Jude, hieß es, hat dir geholfen; wer weiß nicht, daß die Juden betrügen? Sogar der große Augustinus begriff anfangs nicht den Wert der Sache. Nur seine nächsten Freunde und gelehrten Freundinnen dankten ihm. Die Kirche selbst hat ihm erst spät, als er nicht mehr war, zu danken gewußt; sie tat es durch Heiligsprechung. Mit Genugtuung aber stellen wir fest, daß er bei Lebzeiten auch schon bei den Germanen das schönste Verständnis fand. Zwei gotische Bischöfe hatten sich mit Fragen an ihn gewandt; sie hießen Sunia und Fretela . An sie und an ihre Gemeinden richtete Hieronymus darum ein grundgelehrtes Schreiben Epist. 106. . Diese Goten wollten einen zuverlässigen Text der Psalmen haben und schickten ihm darum ein Verzeichnis von Fragepunkten. Hieronymus beginnt mit dem Erstaunen, daß auch die Barbaren, die Goten, jetzt Bibelforscher geworden sind. »Während die Griechen auf diese Dinge nicht acht geben, forscht Germania jetzt nach dem echten hebräischen Wortlaut des Textes (es regte sich also schon damals die deutsche Ernsthaftigkeit in wissenschaftlichen Dingen). Die Germanenfäuste, die Schwielen haben vom Schwertgriff, die Germanenfinger, die sonst nur den Bogen spannen, werden jetzt weich, um die Schreibfeder zu halten, und ihr kampfgewohnter Sinn wird zur Friedensarbeit in Christo umgestimmt.« Die Goten wollten also eine Kontrolle über die lateinische Bibelübersetzung 358 gewinnen; Hieronymus soll sich ihrer Beurteilung aussetzen und ihnen an allen Textstellen, wo der griechische Text vom lateinischen abweicht, die hebräische Lesung mitteilen. Er unterrichtet sie nun gutwillig zunächst über die verschiedenen griechischen Textbearbeitungen des Alten Testaments und geht dann auf 40 engen Seiten wirklich sorgfältig eine Fülle von abweichenden Lesungen durch. Gelegentlich betrifft das solche Kleinigkeiten wie, ob ein »und« ( et ) im lateinischen Text einzufügen ist oder nicht Epist. 108, 83. . Man sieht: die alten Germanen waren als Philologen schon so knifflich wie heute. Hieronymus verliert jedoch die Geduld nicht. Über seinem Lebensabend aber waltet eine gewisse Tragik, wie über so vielen der Personen, die ich in diesem Buch besprochen. Schwer traf ihn der Verlust seiner edlen Freundin Paula, die im Jahre 404 in Bethlehem starb 57jährig. . Dann hörte er mit Grauen vom Sieg der Barbaren und von Alarich, der Rom plünderte. Er schilt Stilicho einen Verräter und sieht nunmehr den demnächstigen Untergang des Römerreichs voraus. Während der Plünderung Roms starb dort auch seine Gönnerin Marcella, wennschon Alarich sie verschont hatte. Schwärme von Flüchtlingen, Vornehmen und Armen, strömten aus Rom nach Palästina und suchten auch in Bethlehem Hilfe. Er sah dem zu; er hatte nicht die Mittel, um zu helfen. Er selbst aber wurde in neuen geistlichen Hader hineingerissen. Bisher hatte er sich sorglos als Verehrer des gelehrten Kirchenvaters Origenes gezeigt; jetzt erklärte der Papst diesen Origenes für irrgläubig, und in Ägypten und Palästina begann nun der wilde Meinungsstreit für und gegen Origenes. Wir hören, wie es da in der Erlöserkirche zu Jerusalem selbst zu wüsten Redekämpfen kam, die von Beifallsgeschrei oder höhnischem Gelächter des Publikums unterbrochen wurden Hieron. contra Joannem Ierosolymit. ad Pammachium cp.  11. ; wir hören von schlimmen Gewalttätigkeiten. Der Bischof Epiphanius von Cypern ist anwesend; im Kampf gegen die Origenesverehrer will er jemanden wider dessen eigenen Willen zum Priester weihen, damit nicht ein anderer von der 359 Gegenpartei die betreffende Priesterstelle erhalte; er läßt also den Mann, den er sich ausersehen, in der Kirche während des Gottesdienstes greifen, ihm den Mund zuhalten, damit er Christus nicht anrufen kann, und erteilt ihm so gewaltsam die Weihen Zöckler, S. 245. , ein Akt, der nicht rückgängig zu machen war. Hieronymus selbst schwor mit Leidenschaft sofort alle inneren Beziehungen zu Origenes ab. Dabei geriet er aber in den unerquicklichsten Zank mit seinem Jugendfreund Rufin, ein persönlicher giftiger Hader, der, öffentlich ausgefochten, der Größe seines Namens keineswegs entsprach. Als dieser sein Jugendfreund stirbt, hat er kein weiteres Wort für ihn übrig als: »Die Schlange zischt nicht mehr.« Das förderte sein Ansehen schwerlich. Aber auch seine persönliche Sicherheit war bedroht. Er zählte schon 80 Jahre; da kamen arabische Beduinen über das Land, plünderte Bethlehem aus, und er rettete kaum sein Leben (im Jahre 411). Eine neue Sekte tat sich auf, die man die Pelagianer nennt. Pelagius war ihr Haupt. Es handelte sich um die Frage nach der Erbsünde und der Willensfreiheit des Menschen. Pelagius kam persönlich nach Jerusalem. Als Hieronymus in seiner beredten Weise als Verfechter der Lehre von der Erbsünde gegen ihn schrieb, fielen die pelagianisch gesinnten Mönche wütend über sein Kloster her und verbrannten es. Hieronymus mußte sich in einen festen Turm retten (im Jahre 416). Der zähe Alte überstand auch das. Er blieb in Kampfstellung. Aber noch ein anderes blieb ihm nicht erspart; er wurde in seinem eigenen stolzen Selbstgefühl erschüttert. Denn Augustinus erhob sich in seiner Größe. Hieronymus mußte es erleben, daß Augustin, der Dogmatiker, unabhängig von ihm die Kirche des Okzidents mit neuem Geist erfüllte. Es entstanden Meinungsdifferenzen zwischen beiden, die nicht zum Austrag kamen. Hieronymus knurrte ihn an; er wollte gereizt losfahren, aber er erlahmte, er senkte als Veteran die Waffen vor Augustin und endete mit dem Bekenntnis der 360 Unterwerfung: »Ich habe beschlossen dich zu lieben, und alles, was du sagst, mache ich mir zu eigen. Der Weltkreis feiert dich; die Gutgläubigen verehren in dir den Neubegründer des alten Glaubens. Christi Gnade schützt dich, verehrungswürdiger Herr und glückseliger Papa .« Epist. 134, 1 u. 141. Hieronymus starb, vielleicht 90jährig, am 30. September 420. Ein Größerer war gekommen, der nicht in der Klause lebte, sondern von Mensch zu Mensch mannhaft wirkend mitten im Leben stand und als Bischof, wie Ambrosius, ein Beamter und Diener des christlichen Staates war; ein Vorkämpfer der Kirche, der als Schriftsteller sich nicht begnügte, nur die übernommenen Lehrmeinungen anderer mit Heftigkeit zu verfechten, sondern selbständig in innerem Ringen dem Weltproblem nachging und die Wahrheit suchte. Hieronymus war der mächtigste Verkünder des Werkdienstes in Buße und Fasten; Augustin ist der Verkünder des Glaubens. Daher wurde Luther, der Augustinermönch, Fortsetzer des Werkes des Augustin, während Luther in charakteristischer Schärfe Hieronymus geradezu einen Ketzer nennt mit der Begründung: »Er redet von Christo nichts denn daß er nur den Namen im Munde geführt hat.« Luther, Tischreden Nr. 2650. Das ist schroff gesagt; Schroffheit liegt in der Art der Theologen und Dogmatiker; der Gegensatz aber wird dadurch vorzüglich verdeutlicht. 3. Augustinus Augustin stammt aus Numidien in Nordafrika, dem Land der Mischbevölkerung (heute Algier), aus der Landstadt Thagaste. Die Afrikaner galten als verschmitzt, und es heißt, selten sei unter ihnen ein guter Mensch zu finden Expositio totius mundi ed. Riese p. 123. . Hier tritt uns doch in ihm eine solche Ausnahme entgegen. Man möchte wissen, welche Rasse auf ihn Anspruch hat; war in ihm echt römisches Kolonistenblut? oder war sein Vater Numidier? Maure? oder stammte er gar aus der punischen Schicht? 361 Denn noch immer hörte man dort seit der Zeit Hannibals und des alten Carthago die punische Sprache im Volke. Es ist nicht zu ermitteln. Der göttliche Funke des Genies ist nicht an Rassen gebunden; er mag auch einmal in einen Sohn des maurischen Reitervolks gefahren sein Augustin verstand die punische Sprache ( Sermon. 167, 4) und tadelt den, der sie verachtet ( Epist. 17). Die phönizisch-semitische Herkunft ist gleichwohl am wenigsten glaublich; so nahe Tertullian dem Geist des Alten Testamentes stand, so fern steht ihm Augustin, dessen Abneigung gegen das Alte Testament ihn lange Zeit von der Kirche fernhielt. . Jedenfalls ist Augustin ein Mann, einzig in seiner Art: als philosophischer Denker selbstschöpferisch wie kein anderer Römer, dazu milden, menschenfreundlichen Sinnes, der den Gegner nicht niederschmettern, sondern überzeugen will; zugleich aber von innerer Leidenschaft getragen und aller großen Phantastik fähig; vor allem aber: er ist Ichmensch wie kein anderer. Was andere denken, bindet ihn nicht; er muß selbst finden, um zu glauben. Ein großes Ich ist eine Welt für sich; er stellt sich endlich selbst in den Mittelpunkt seiner Darstellungen: Seht her, wie ich bin, wie ich geworden bin! Das ist eigentlich seine Größe: das kühne, schrankenlose, freie Sichselbstausleben vor aller Welt. Seine Schriften sind nichts ohne seinen innersten Herzschlag. Er ist Prophet, aber nicht in jüdischem Sinne; er offenbart nicht und droht nicht; er sucht nur zu verstehen und das neu Verstandene verständlich zu machen. Sein Glaube ist bestimmt, der Glaube der Menschheit zu werden; aber er ist sein eigenster Erwerb, sein selbst errungenes Eigengut. Mit dem Wachsen seiner Lehre wuchs das Ansehen seiner Person ins Übergroße. Wie anders jener Hieronymus, der, nachdem er sich einmal zum Klosterleben entschlossen und damit seine Jugendsünden gut zu machen begonnen hat, von sich selbst nicht mehr redet, von innerem Erleben keine Spur zeigt, statt dessen aber als Wächter und Erzieher über andere zu Gericht sitzt und unablässig die Geißel seiner Satire schwingt! Augustin hat für andere, für Sünder oder Irrende, oft ein freundliches Verstehen; er ist nur mit sich und seinem Gott beschäftigt. In seinen Schriften lebt er sich aus, im Glutstrom der Rede, und die Wirkung war darum unvergleichlich; sie war umfassend und dauernd. Nur der Sturm in Luthers Schriften hat ihn vielleicht 362 noch überboten; denn auch Luther war starker Ichmensch. Beide stehen ganz nur auf sich selber. Augustinus berichtet uns über sich selbst, und wir lernen damit einmal, was schon an und für sich kennenswert, den Lebensgang einer bürgerlichen Person aus den Zeiten des Theodosius und Honorius kennen. Sein Vater ist altgläubig oder Heide, seine Mutter eifrige katholische Christin. Es sind mehrere Kinder da. Der Knabe Augustin ist der begabteste, und voll menschlichem Ehrgeiz setzen die Eltern, obschon durchaus nicht wohlhabend, alles daran, ihm die beste Erziehung zu geben. Er lernt spielend leicht, ist aber eben darum grundfaul auf der Knabenschule, und die Eltern lachen, wenn er von dem strengen Schulmann verprügelt wird. Griechisch lernt der Afrikaner vorläufig nicht, das Latein um so besser. Die Didogeschichte aus Vergil und ähnliche Texte lernt er auswendig, ja, muß Aufsätze schreiben und mündlich aufsagen, die die Gefühle der unglücklich verliebten Dido, die sich verlassen sieht, in fließender Prosa schildern: die Sprache der Liebe. Das Heimatnest bietet aber nicht genug; er wird, als er 16 Jahre zählt, nach der Metropole Carthago geschickt, ins rauschende Leben der Großstadt. Da erhält er die höhere und höchste Bildung der Zeit, wird zum Redner ausgebildet, lernt den Cicero auswendig, wird zum Advokaten dressiert. Konkurrenzen werden für die jungen Männer eingerichtet; in solchem Anlaß tritt er im Theater auf und erzielt mit seinen Vorträgen Ehrenpreise. Er ist ein gewinnender Mensch, an Geist und Willenskraft und Konzentriertheit des Wesens augenscheinlich alle überragend, und findet gleich Bewunderer und Freunde. Aber das Leben reißt ihn mit sich. Eine frühe Heirat, wie sie sonst üblich, haben die Eltern einhellig hintertrieben, weil solche Heirat der geistigen Entwicklung und einer großen Karriere hinderlich schien. Der junge Augustin aber ist ein Vollmensch, stürzt sich früh in angenehme Liebesabenteuer, wie seine Natur sie braucht; auch das Theater besucht er 363 fleißig, und für das Spiel der großen Leidenschaften auf der Bühne ist seine Seele offen. Seine Mutter hat es zwar durchgesetzt, daß er Christ ist, aber er ist noch ungetauft, ein Katechumene. Er besucht den Kirchengottesdienst, aber benutzt auch ihn, um in der Kirche schöne Mädchen zu fangen Confess. III, 3. . Zu irgendeiner Religion muß er sich halten, wie jeder Mensch jener Zeiten; denn es gab keinen Heiden oder Christen, dem das Verhältnis zum Überirdischen nicht wichtig war; so auch ihm. Er aber hielt sich zu der bequemen Lehre der Manichäer. Es handelte sich dabei um die Auffassung der Sünde, um die Erklärung des Bösen in der Menschennatur. Manes war ein Religionsgründer aus dem Orient, der, anknüpfend an Glaubensvorstellungen der Perser, über die Lehre der Evangelien kühn hinausging und Christus überbot (insofern gewissermaßen ein Vorläufer des Mohammed). Nach ihm steht der Satan von vornherein gegen Gott; das Böse ist eine selbständige überirdische Macht im Leben wie das Gute, das ganze Weltall in Ewigkeit erfüllt vom Kampf des Lichtreichs mit dem Reich der Finsternis, der Einzelmensch ein Spielball dieser Mächte. Der Satan kämpft also gegen den König des Lichts; er war es, der Adam und Eva und damit das Menschengeschlecht schuf als eine Mischung von Licht und Finsternis; er tat es, um damit die Befreiung des Lichts von der Finsternis aufzuhalten. Um diesen Plan zu stören und ihn zu bekämpfen, kam Jesus in das Leben; Jesus kam aus der Sonne herab, um die Menschheit wenigstens über den Gegensatz der zwei Reiche aufzuklären. Jesus ist der Urmensch des reinen Lichts. Aber seine Unterweisung genügte nicht, und erst Manes offenbarte die wahre Erkenntnis. Wer dieser Lehre anhing, brauchte nun also, wenn er sündigte, die Reue nicht; er strebte zwar nach dem Licht und bemühte sich, gut zu sein; wenn er aber frevelte, so tat nicht er es, sondern die Macht des Satan in ihm. Er war sündlos, er war entlastet Sündlos fühlt sich auch Augustin als Manichäer: Confess. V, 8. . Eben damals gewann diese Lehre innerhalb derer, die sich Christen nannten, weiten Boden, auch in Nordafrika. Allerlei sonderbare Forderungen knüpften 364 sich daran, so z. B. betreffs der Ernährung: der Manichäer darf keine Feigen essen; die Feige vergießt vor Schmerz ihren Saft, sie weint, wenn sie gepflückt wird Confess. III, 10. . Der zärtlich geliebte Freund des jungen Augustin liegt im Sterben und nimmt die Taufe. Augustin steht an seinem Krankenlager und lacht darüber aufgeräumt. Den ernsten Blick, mit dem der Sterbende ihm antwortete, hat er später nie vergessen. Er selbst ist indessen Advokat, er ist zugleich Lehrer der Beredtsamkeit geworden und sammelt Schüler um sich. Aber der Lehrbetrieb gefällt ihm nicht; denn die Studenten benahmen sich frech, brachen ohne Erlaubnis in die Hörsäle ein, störten die Ordnung und trieben allerlei Unfug. Da beschloß er, nun schon etwa ein Dreißigjähriger, seine Lehrtätigkeit und Praxis nach Rom zu verlegen. Seine Mutter war ängstlich um ihn besorgt; sie lebte in Carthago bei ihm in mütterlicher Fürsorge. Er wollte aber nicht, daß sie ihn auch noch in Rom beaufsichtigte und täuschte sie durch heimliche Abreise. Er sagte ihr, als er ohne sie aufs Schiff gehen wollte: »Am Hafen liegt die Gedächtnisstätte des heiligen Cyprian; dahin gehe und verbringe dort die Nacht.« In derselben Nacht fuhr er ab. Roms Klima ist ungesund und für Fremde gefährlich. Augustin erkrankt; dann eröffnet er dort als angesehener Lehrer oder Professor der Redekunst seine Tätigkeit an der kaiserlichen Universität, dem Athenäum, das einst Hadrian gegründet. Aber auch hier enttäuschte ihn das Verhalten der Studenten. die wohl hörten, aber nicht zahlten. Freunde und Verehrer fand er genug. Er hatte einen Sohn, die Frucht freier Liebe, den er väterlich bei sich behielt. Er dachte jetzt ernstlich an Verheiratung; aber der ungebundene und wechselnde Verkehr mit schönen Frauen sagte ihm mehr zu, und Vernunft und Trieb standen in ihm in erregendem Kampfe. Da erging der Ruf an ihn aus Mailand. In Mailand brauchte man eben damals einen Lehrer seines Fachs. Kein geringerer als Ambrosius, der umsichtige Bischof und Staatsmann, war 365 es, der sich darum an den Stadtpräfekten Roms wandte, an den Führer des Heidentums in Rom, Symmachus . Durch des Symmachus Empfehlung kam Augustin nach Mailand und begann da zum dritten Mal zu dozieren. So lebte und wirkte er dort mehrere Jahre neben Ambrosius. Die Verkehrskreise waren auch in dieser Großstadt so getrennt, daß Augustin eine Beziehung zu dem großen Bischof nicht einging; er erfuhr sogar jahrelang nichts von der Existenz des Klosters, das Ambrosius in der Vorstadt gegründet hatte. Wenn er zur Kirche ging, um die Predigten des Ambrosius zu hören, so geschah es nur aus technischen Gründen, weil die vielgerühmte Beredtsamkeit des Kirchenmanns ihn lockte, aber er wurde damit doch der Gotteslehre, die Ambrosius vertrat, unversehens näher gerückt, und dies sollte schließlich entscheidend wirken. Denn auch Augustin war mehr als ein bloßer Meister des Wortes und der Kunstrede. Er war ein Geist, der die Probleme suchte, und der philosophische Trieb war schon früh in ihm erwacht. Achtzehnjährig bekam er die philosophischen Schriften Ciceros in die Hände, und Cicero brachte die Entscheidung. Wahrheit! Der Ruf, der Schrei nach Wahrheit ertönt seitdem immer neu in seinem Herzen. Die Manichäerlehre kann nicht genügen. Aus Cicero lernte er die Kunst des Zweifels: am logischen Verfahren, am Maße des Verstandes prüfe man alle Lehren. So entstand einst die griechische Philosophie, die in Ciceros Lehrschriften zu Worte kam. Alle Phantastik fiel zu Boden. Exakte Naturerkenntnis, Kenntnis des Weltalls; dazu logisch bindende Schlußfolgerungen, wissenschaftliches Denken ist die Forderung. Für Augustin ist zeitlebens Wahrheit das Kernwort geblieben. Das gilt übrigens auch von der Praxis des Lebens. Er ist der Erste, so viel ich weiß, der im Altertum eine kategorische Programmschrift gegen die Lüge schrieb Vgl. Jülicher, Hermes 54, S. 99, der überzeugend darlegt, daß auch die Wundergeschichten, die Augustinus gelegentlich bringt, nicht von ihm selbst erfunden sein können. . Auch der Streitpunkt, der ihn später mit Hieronymus, der in diesem Punkte laxer dachte, zu entzweien drohte, betraf die Zulässigkeit der Lüge. 366 Der Monotheismus war für ihn selbstverständlich, ebenso die Voraussetzung, daß Gott und das Gute zusammenfalle; alles andere aber war für den jungen Wahrheitssucher zunächst zweifelhaft geworden, und zwei Probleme wälzte hinfort sein Geist, der sofort selbständig zu arbeiten begann: gibt es eine Vorherbestimmung des Schicksals, und wie kann daneben die Freiheit des Willens bestehen? Sodann: ist Gott gut, wie kommt dann das Böse in die Welt? Confess. V, 10. Er trieb Astrologie, wie so viele der Klügsten, und verwarf sie, weil ihre Lehre die Freiheit des Wollens aufhebt. Ein berühmter manichäischer Prediger trat in Carthago auf; der Mann hieß Faustus . Augustin näherte sich ihm – er schildert ihn uns auf das liebenswürdigste –; seine Vorträge waren blendend, aber sein Wissen völlig dilettantisch. Augustinus durchschaute ihn rasch, widerlegte ihn in eingehenden Privatgesprächen, und der angesehene ältere Mann nahm das von dem Jüngling freundlich hin, ja, er ließ sich gern von ihm belehren. Als Augustin nach Rom kam, war sein religiöser Drang zunächst richtungslos; den orthodoxen Kreisen blieb er ganz fern. Ein rechtgläubiger Christ zu werden, hinderte ihn vor allem das Alte Testament mit seiner Schöpfungssage und manch anderen Dingen, die seinem Verstand absurd schienen; unerträglich schien ihm schon gleich der Satz, daß Gott den Menschen nach seinem Bilde schuf. Also hat Gott Menschengestalt; er hat Hände und Augen und alles andere; damit sinken wir sofort ins Heidentum zurück Confess. VI, 3. . Vor allem setzte das Alte Testament, auf dem das Neue sich aufbaute, in dieser Welt das Böse als von Gott gegeben oder doch zugelassen voraus. Die Schlange im Paradies: er muß sie geschaffen haben. Einen solchen Gott kann er nicht brauchen. Es sind drei Möglichkeiten: entweder hat Gott das Böse selbst in die Welt gesetzt: dann ist er nicht mein Gott. Oder das Böse hat sich erst im Menschengeschlecht entwickelt: dann hat Gott die Anlage dazu in uns gelegt, und er ist nicht mein Gott. Oder das Böse stammt, wie man lehrte, von den gefallenen Engeln her; wie konnten 367 die Engel aber, die Sendboten Gottes, in das Böse fallen? Die Anlage dazu ging wieder nur auf den zurück, der sie geschaffen, und auch so kann ich an diesen Gott nicht glauben. Zwanzig Jahre lang hat Augustin mit diesen Zweifeln gerungen; er wurde 40 Jahre und hatte keine abgeschlossene Weltanschauung gefunden. Die Erregung in ihm wuchs; er wollte endlich Anker werfen. Es war just die Zeit, da er auch die Sorge um seinen Sohn, um die Wahl einer rechtmäßigen Frau in sich hin und her warf. Seine Freunde wußten ihm nicht zu raten. Da kam ihm durch Ambrosius die Hilfe Daß er dem Ambrosius seine Bekehrung verdanke, sagt er Epist. 141 (oder 112). , oder vielmehr er rang sich selbst hindurch. Aus des Ambrosius Predigten entnahm er, wie man die Ungereimtheiten der Erzählungen des Alten Testaments durch symbolisch-allegorische Auslegung hinwegdeuten könne; das war das wenigste. Ambrosius bestritt, wie wir sahen, auch die Meinung, daß Gott irgendwie Urheber des Bösen sei. Was ist das Böse? Es ist nur das Fehlen des Guten. Dieser Gedanke war für Augustin die Erlösung, sein Aufkeimen in ihm das größte Erlebnis. Auch auf manch andere Fromme hat derselbe Gedanke wohl oft genug und auch heute noch seelenhebend, beseligend gewirkt: Rettung des Optimismus. Es gibt gar kein Böses; das Böse ist nur die Negation des Guten. Der Himmel selber öffnet sich. Der Mensch sinkt seinem Gott an das Herz. Der Satan hat seine Macht verloren. Mit ausführlichster Begründung sucht Augustin die Richtigkeit dieses Satzes darzutun Confess. VII, 12 f. : alles Verfehlen ist eben immer nur ein Aussetzen des Richtigen; gottgewollt ist nur das letzere; wo es aussetzt, ist es nur ein momentanes Kraftversagen. »Die Ungerechten sind nur wie die Schatten; mit ihnen zusammen ist das All schön, obschon sie selbst häßlich sind.« Confess. V, 2. Sittlich und unsittlich fällt so unter den Gesichtspunkt der Ästhetik. Wem sollte es nicht wohltun, ihm in dieser frohen Anschauung zu folgen? Will man den Schöpfer anklagen, der gleichwohl jene »Schatten« zuließ, so ist die Antwort: unser Menschenwille ist frei; er ist keine Maschine des Guten. Und es ist wohlgemerkt nur einer. Falsch ist es, 368 zu sagen: »ich habe zwei Seelen in meiner Brust.« Zwei Seelen wären zwei Willen. Fort damit Confess. VIII, 10. . Dieser freie Wille kann aber nie das Böse wollen, er läßt nur im Guten nach, und dies Nachlassen ist die Sünde, für die wir die Versöhnung brauchen. Seitdem folgt sich Stoß auf Stoß. Augustin rückt seinem Gott näher. Er weiß jetzt, er ist Sünder; denn sein eigener Wille ist Urheber seiner Verfehlungen. Das Sündenbewußtsein bricht über ihn jetzt doppelt mächtig herein. Er sucht bei Ambrosius persönliche Belehrung; aber der Bischof versagt. Ambrosius war sonst genug überbürdet und für solche Besprechungen nicht zu haben. Wenn Augustin ihn aufsuchte (und der Zutritt war niemandem verwehrt), so fand er ihn in der Halle sitzend, meditierend oder in stilles Lesen versunken, und wagte nicht, den Ehrwürdigen zu stören. Ambrosius las nicht laut, um seine schwächliche Stimme zu schonen, aber auch, um vorzubeugen, daß keiner der Neugierigen frage: was bedeutet die Schriftstelle, die du da liesest? Confess. VI, 3. Es war immerhin interessant genug, als stummer Zuschauer ihn zu beobachten. Aber Augustin las jetzt selbst ungestüm forschend in den Büchern der Offenbarung, vor allem die Paulusbriefe. Dann erhält er Besuch von Freunden aus Trier, die ihm vom heiligen Antonius, dem ägyptischen Eremiten, erzählen. Auch nach Trier war das Legendenbuch von diesem Heiligen gedrungen, und zwei angesehene Männer, die es dort gelesen, hatten danach sofort beschlossen, dem kaiserlichen Hofdienst, ja, der Welt zu entsagen: Weltentsagung der Weg zu Gott. Augustin las das Legendenbuch gleichfalls; auch auf ihn wirkte es tief, und nun beginnen seine heißen Seelenkämpfe. In niedergeschriebenen Selbstgesprächen stellt er sie uns dar Confess. VIII, 7, 18. . Sich losreißen von dieser Welt? War es möglich? Vom Weltwirken, von Ehre und Ruhm und gar vom Frauenverkehr, der ihm Bedürfnis? Je größer seine äußeren Erfolge, je inniger er in das Gesellschaftsgetriebe mit all seinen Reizen verstrickt war, je völliger er Mensch war, der das Leben in seinen Höhen 369 und Tiefen ausgekostet und lebenswert gefunden, je schwerer war die Lösung, je chaotischer die Wirrnis, in die er stürzte. Stürme im Herzen! Er braucht mit Gott, den er zeitlebens gesucht und endlich gefunden, seinen Frieden. Der einzige Weg schien ihm jetzt gewiesen. »Die Ungebildeten sind mit ihrem Gott versöhnt und ich nicht? Sie reißen den Himmel an sich, und ich zaudere?« Confess. VIII, 8. Keuschheit ist die Losung. Die Gewöhnung spricht: bleib! Die Entsagung spricht: komm! Confess. VIII, 11. Mit seinem Freund Alypius sitzt er im Garten: vor ihm steht ein Tisch; darauf liegen Paulus' Briefe. Das Gefühl des Elends übermannt ihn; er muß weinen; »Tränenregen« stürzen ihm aus den Augen. Der Freund sieht ihm staunend nach, wie er aus Scham hinwegrennt, unter einem Feigenbaum zerknirscht sich zu Boden wirft und zu Gott ruft: »Wie lange wirst du zürnen? Meine alten Missetaten halten mich fest. Wann komme ich los von ihnen? Morgen? morgen? Warum nicht heut? Warum nicht jetzt?« Da hört er, wie im Nachbarhaus ein paar Kinder zueinander sprechen: »Nimm und lies, nimm und lies« ( tolle lege, tolle lege ). Was soll das bedeuten? Ist es Gottes Stimme? Er eilt zum Tisch, greift auf gut Glück eine Stelle heraus aus des Paulus Römerbrief; er nimmt und liest; es sind die Worte: »Nicht in Schlafkammern und Unzucht, nicht in Zank und Neid; sondern ziehet an den Herrn Jesum Christum.« Da war es entschieden. Die Kinderstimme hatte ihn geführt; der Augenblick gab die Wendung. Sein Herz wurde plötzlich hell, alle Zweifel für immer entflohen. Die Kirche Roms hatte ihren größten Vorkämpfer gewonnen, den regsamsten Geist der Zeit, der alsbald im Bangen um die eigene Seele alle Fragen der Heilslehre neu zu prüfen unternahm, sie in sich erlebte, durchdachte und dem römischen Kirchenglauben das persönlich augustinische Gepräge gab, das sie auch heute nicht verleugnet. Es war im Herbst des Jahres 386. Um nicht Aufsehen zu erregen, setzte er für wenige Wochen seine weltliche Lehrtätigkeit noch fort, bis die Unterrichtsferien 370 kamen. Dann reifte allmählich in ihm der Plan, nach Afrika zurückzukehren. Erst als er dort Bischof geworden, überdachte er in Dankbarkeit, was er erlebt, und schrieb das köstliche Werk seiner »Bekenntnisse« (im Jahre 400), die nichts sind als ein einziges großes Gebet, ein Aufdecken der eigenen Irrungen, mit dem Trieb, sich selbst zu verstehen, die innersten Regungen seines Herzens enthüllend vor Gott, der die Wahrheit ist. Mit Inbrunst stürzt er sich in seinen Gott, den er (bezeichnend genug) seine Liebe nennt: amor meus . Alle andere Liebe hat er zerrissen. »Ich rufe dich herein zu mir. Welches ist die Stätte in mir, wohin mein Gott zu mir kommen soll? So gibt es also in mir etwas, was dich fassen könnte, der du Himmel und Erde gemacht hast? Ich selbst wäre nicht, wärst du nicht in mir.« Confess. I, 2. Eine schön lesbare Übersetzung der Konfessionen Augustins hat G. von Hertling gegeben; ich benutze sie beim Zitieren öfter, wenn schon in freier Weise. Das ist ganz pantheistisch gedacht. Es ist der Gott, dessen Jahre ein einziges Heut' sind Confess. I, 6. . Tausend Fragen stellt er und hofft auf Antwort von oben, indem er das Ohr seines Herzens zu Gottes Mund hinbewegt Confess. IV, 5. . Die Hügel und Berge seiner Gedanken aber hat Gott endlich niedergelegt Confess. IX, 4. , und er schreit auf vor Freude, wenn er die Süßigkeit der Verheißung empfindet Confess. IX, 4. . Was nützt mir meine Begabung, da ich dich verkannte? Ich sah nur die beleuchteten Dinge und hatte den Rücken gegen das Licht selbst gekehrt Confess. IV, 16. . Wer nichts vom Sternbild des Wagens weiß, aber richtig glaubt, ist besser daran, als wer den Himmel ausmißt und die Sterne zählt und die Elemente abwiegt, aber dein nicht achtet, der du alles nach Maß, Zahl und Gewicht geordnet hast Confess. V, 4. . So tönt es durch alle 13 Bücher des Werkes. Jesus wird selten genannt; nur einmal lesen wir: »Jesus mein Gott« Confess. VII, 18. und ein andermal: »Er aber stieg zu uns herab, und Donnerstimme war sein Ruf; aus dem Leib einer Jungfrau ging er hervor wie ein Bräutigam aus seiner Kammer, frohlockend wie ein Riese, zu laufen den Weg.« Confess. IV, 12. . Auch wundergläubig wie alle anderen zeigt sich Augustin; die Heilung eines Blinden erlebt er in der Mailänder Kirche mit Confess. IX, 7. ; vieles derart später in Afrika Er gibt davon eine Zusammenstellung, Civ. dei 22, 8. ; aber auch an ihm 371 selbst vollzog sich ein Wunder. Es wirkt auf uns fast erheiternd, mit welch naivem Ernst er das erzählt. Er leidet an qualvollen Zahnschmerzen, kniet nieder; alle um ihn knien mit; sie flehen um Heilung, und siehe da: augenblicklich verging durch Gottes Erbarmen der Schmerz. Es war ein Gesundbeten. Seine Freude an der Welt aber bleibt bestehen; sie ist philosophisch begründet, und auch wenn ihm der liebste Freund wegstirbt, wahrt er sie. Man soll sich nicht der Trauer hingeben; denn was ist das Sterben? Zum Werden gehört das Vergehen: ohne das kein Universum. Das Universum gleicht der Rede, die wir hören. Damit die Rede zustande kommt, muß jedes einzelne Wort, das in ihr klingt, auch wieder verklingen. Oder willst du, daß jedes Wort beharrt? Es muß sterben, damit du die Wortfülle als Ganzes genießest. So genieße auch das Weltall und traure nicht, wenn das Einzelne untergeht Confess. IV. 11. . Der ästhetische Gesichtspunkt auch hier! Wer einen Menschen nur persönlich liebt, schüttet seine Liebe in den Sand; man soll das Einzelne nur in Gott lieben Confess. IV, 8. . Das ganze Werk ein Gebet. Warum veröffentlichte er es dann? Warum blieb er nicht so betend mit seinem Gott allein? Welch Mangel an Schamgefühl, könnte man sagen, sich selbst betend vor die Öffentlichkeit hinzustellen! Er selbst erhebt diese Frage; sein Zweck aber ist, durch sein Beispiel zu erziehen und anderen Wahrheitssuchern den Weg zu weisen Confess. II, 3. . Autobiographien gab es im Altertum auch sonst genug; aber sie hatten zumeist den Zweck der Selbstbeschönigung und Rechtfertigung vor den Augen der Mit- und Nachwelt. Augustins Werk ist völlig neu in der kritischen Selbstanalyse; es waltet darin das Interesse an den eigenen Schwächen. Alle seine Erfolge sind Gottes Geschenke, seine Irrungen sind sein eigen. In seiner Frische, Natürlichkeit und Geradheit ist das Werk ewig jung. Dabei kennt es den hämischen Ton nicht, den sein großer Nachahmer Rousseau in seinen Confessions gegen andere Personen anschlägt. Mit weltmännischem Blick sieht 372 auch Augustin wie Rousseau das Leben, grübelt als feiner Psychologe über alles, was sich im Menschen regt, so auch über das Theater und über das ästhetische Wohlgefühl des Mitleids, das wir für den tragischen Ausgang der Bühnenhelden empfinden Confess. III, 2; über die Theorie des Schönen auch I, 5 u. IV, 15. ; über Personen seiner Bekanntschaft dagegen, die er mißbilligt, spricht er durchweg gutherzig und schonend. Er hat nicht Lust, die Geißel zu schwingen. Ungerecht ist Augustin nur gegen sich selber, ungerecht allerdings auch gegen die ganze antike Kultur, von der er doch nur ein Erzeugnis war. Er ist eben jetzt der Priester der Weltflucht geworden, für den alles Zeitliche dahinten liegt. Lesen und schreiben können genügt; er verwirft die ganze höhere Bildung Confess. I, 13. , als ob er ohne sie auch nur jene Briefe des Paulus hätte verstehen können. Als Knabe hat er mit anderen Buben zusammen den großen Birnbaum im Nachbargarten geplündert; sie haben die Birnen gar nicht einmal selbst gegessen, sondern nur den Säuen vorgeworfen. Sechs Seiten füllt er voll Reue über diese Missetat und zergrübelt sich, was in der Knabenseele das Motiv sein kann, so etwas zu vollführen? Es ist, wie er meint, der instinktive Trieb, allmächtig zu sein wie ein Gott Confess. I, 4 u. 6. . Zum Hymnus aber wird seine Erzählung, wenn er von seiner Mutter spricht: seiner Mutter Monika . In der ganzen antiken Literatur gibt es sonst außer Augustins Confessionen kein Schriftstück, wo einmal der Sohn seine Mutter verklärt. Aber die Theologie gibt hier dazu den Anlaß. Sie war eben eifrige Christin, und nur als solche feiert er sie. Er gesteht, daß sie als junges Weib zu viel Wein trank, den heißen Südwein ohne Wasser Sie heißt darum merobiba . ; aber das überwand sie und hatte alle Tugenden der Christin in Almosengeben und Friedfertigkeit. Bemüht um das Heil ihres Sohnes, kam sie schließlich doch übers Meer zu ihm nach Mailand. In ihrem heiligen Eifer trägt sie dort zu den Gottesdiensten in die Kirche Speisen und Wein im Korbe herbei zur Stärkung der Bekannten, weil das in Afrika so Sitte war; aber der Bischof Ambrosius untersagt 373 es ihr, weil es zu sehr an heidnischen Brauch erinnere. Die Schmausereien gehören nicht in die Kirche. Augustin ist in Ostia mit ihr. Er will nach Afrika abreisen. Da erkrankt die Mutter und stirbt. Es ist eine berühmte Schilderung, wie er mit ihr wenige Tage vor ihrer Erkrankung am offenen Fenster steht und sie in ahnungsvollen Reden sich ergehen über das ewige Leben des Frommen im Jenseits. Die Freude wird überirdisch sein. »Wir schauten empor, sahen die Sterne am Himmel und wanderten durch die Sterne im Geist und über sie hinaus zu den Gefilden der Wahrheit, wo es kein Werden gibt, sondern nur noch Sein. Im reißenden Gedankenflug waren unsere Seelen ausgespannt, um die ewige Wahrheit zu berühren. Wenn es ein großes vollkommenes Schweigen gäbe, so daß in uns auch alle Erinnerung schwiege an die Unruhen der Welt, und der Himmel selbst schwiege wie unsere Seelen und jeder Traum und jeder Gedanke in uns wäre verstummt, das Ohr nur hingerichtet auf den Schöpfer, wenn dann der Schöpfer selber spräche, nur er allein, nicht körperlich, weder mit Engelsstimmen noch mit Donnerton und doch so, daß wir es hörten, wenn dann die ewige Wahrheit uns entrückte und an sich zöge und in innerliche Freude versenkte – so hätten wir das ewige Leben in einem einzigen Augenblick höchster Erkenntnis. So wird es sein den Auferstandenen.« Ungeahnte Dichterkraft spricht aus solchen Worten; aber wir glauben zugleich die Entrückung oder Ekstase der Neuplatoniker wiederzuerkennen. Als Monika gestorben, bricht Augustins Sohn, der Knabe Adeodatus, in lautes Wehgeschrei aus. Augustin aber kann keine Tränen finden, und er gibt genau Rechenschaft, wie und warum er nicht weint und doch erschüttert ist. Jede innere Regung scheint ihm wichtig. Er nimmt ein Dampfbad; das sollte sein Gemüt beruhigen; aber die Wirkung bleibt aus. Erst nach dem Nachtschlaf ist sein Schmerz gemildert. Er wußte ein Kirchenlied des Ambrosius über die Wohltätigkeit des Schlafes, 374 den uns Gott gegeben, auswendig. Das spricht er dankbar vor sich hin. Dann erst kann er weinen und bettet seine Seele in seinen Tränen. Er ging nach Afrika (im Jahre 388) und begann in seinem Heimatort Thagaste weltabgewandt friedselig als Einsiedler zu leben. Jede Berührung mit Frauen mied er, so scheint es, fortan grundsätzlich Es ist auffallend, daß Augustin, ganz anders als Hieronymus, seine Schriften nie an Frauen richtet; nur in den Briefen Nr. 92 u. 99 tröstet er eine verwitwete Frau, Italika. Er preist jetzt wie Hieronymus den Eunuchenstand als bevorzugt: Confess. II, 2. . Gleichwohl trieb er damals noch freigeistig allgemeine Wissenschaften und schrieb z. B. zu Unterrichtszwecken sein Werk über Versmessung, Takt und Pausen in der Musik Augenscheinlich um sich Geld zu verdienen; denn solche Lernbücher bezahlten sich gut. . Der Gedanke, Bischof zu werden, stieß ihn ab: allein schon die weltlichen Geschäfte, die auf den Bischöfen lasteten, z. B. als Leiter der Gerichtsbarkeit. Abschreckender aber noch waren die damaligen kirchlich-sozialen Zustände in Afrika. Wer da Bischof war, mußte kämpfen bis aufs Messer. Begreiflich aber, daß man Augustin gleichwohl in dies hohe Amt berief; es war in der Stadt Hippo Regius, und er war tapfer und weigerte sich nicht. Seitdem zieht sich das Gesicht des Weltmannes in streng priesterliche Falten; und so, als Bischof von Hippo, steht Augustin im Buch der Weltgeschichte. Er wurde es im Jahre 395. Schon seit 80 Jahren Seit dem Jahre 311. hatte sich dort im Land das Wiedertäuferwesen der sogenannten Donatisten aufgetan Sie nannten sich so nach ihrem Stifter, dem Bischof Donatus, von Karthago; daneben nach dem Donatus von Bagai. . Afrikanisches Heißblut! Afrika war es, das dereinst in den Zeiten der Christenverfolgungen die meisten Märtyrer gestellt hatte. Die Donatisten pflegten nun in Inbrunst den Märtyrerkult, fanatisierten die Frömmigkeit, forderten Heiligung, Askese von jedem der Ihren, und Bischof und Priester durfte bei ihnen nur ein sogenannter Heiliger sein. Daher bedurfte jeder Christ, der zu ihrer Gemeinschaft übertrat, der erneuten Taufe. An 500 Bischöfe gab es in Afrika; fast jedes kleine Nest hatte einen solchen, und reichlich die Hälfte von ihnen waren Donatisten. Ein Mann wie Augustin, der auf die Einheit der Kirche hielt, mußte ihr Gegner sein. Das Schlimmste aber war, daß die Wut der armen Proletarier und der Nationalhaß sich hineinmischte. Als ob der Geist des Hannibal wieder aufflammte, haßte der 375 Donatist die Römer, und die Hörigen und Colonen auf dem Lande, die Geschundenen und Enterbten, taten mit; sie schwangen die Fahne des donatistischen Glaubens; sozialer Aufstand! Die Losung war: die Sünde herrscht bei den Reichen und bei den Römern! So zogen sie mit Spießen und Brandfackeln um und plünderten und mordeten auf den Besitzungen der großen Herren im Lande circumcelliones nannte man sie. Was heißt das? Das Wort cellio selbst begegnet uns nur einmal auf einer Inschrift CIL. II 5358, wo man den verna cellio als einen Knecht in der Weinkellerei versteht. Das paßt hier nicht. cellio ist wie mulio, libellio, tabellio gebildet; es ist also der, der mit den Zellen zu tun hat. Das kann wohl nur den Zellenbewohner bedeuten; circumhabitatores ist zu vergleichen; also »die ringsum in Armenwohnungen hausen«. Es ist an die cella pauperis gedacht. , vernichteten alle Schuldurkunden. Es war ganz so wie der Bagaudenaufstand in Gallien, von dem wir früher hörten. Aber er schien hier verewigt und nicht abzureißen Vgl. Optatus Milev. De schismate Donat. . Die donatistischen Bischöfe suchten die Aufrührer möglichst von sich abzuschütteln; vergebens. Kaiserliche Befehle griffen ein; aber der Terror hörte nicht auf. Thamugadi Ταμούγαδις ; vgl. Prokop, Bell. Vand. II, 13. , die neuerdings aus dem Sand Algiers wieder ausgegrabene großartige Stadt, war ein Hauptsitz der Donatisten; aber auch in Hippo waren sie mächtig. Auch um den Bischofstuhl des Augustin tobte der Sturm. So wurde er plötzlich Kirchenpolitiker und Mann der Aktion. Wie anders als Hieronymus! Zu öffentlichen Disputationen, Mann gegen Mann, hat er fortan, wie Luther, sich gestellt und für seine Überzeugung auch mündlich scharf gefochten. Mehr als einmal kam er in Lebensgefahr. Und seine Philosophie, seine Schriftstellerei nahm nun auch Kampfstellung; sie ergoß sich in unzähligen Büchern und Sendschreiben, die heute noch 11 schwere Foliobände füllen. Hippo wurde ein neues literarisches Zentrum, noch großartiger als Bethlehem. Augustin schrieb nicht; nein, der Stenograph stand bereit, und er sprach nur, und was er sprach, war Diktat. Daher ist alles, was wir von ihm lesen, so fließend, so strömend. Es ist Rede, die, durch keine lästige Mechanik des Schreibens behindert, in freiester, oft fast betäubender afrikanischer Wortfülle sich ergießt. An Schliff, an Übersichtlichkeit, an Präzision des Ausdrucks, an glücklichem leichtem Wurf der Sätze ist ihm Hieronymus weit überlegen. Es drängt den Sprecher, deutlich zu sein, und er wiederholt sich in unzähligen Wendungen 376 immer wieder, rekapituliert, blickt vor und zurück; es gilt den Hörer mit bindenden Argumentenreihen einzuschnüren, bis er nicht loskommt und sich ergibt. Man fühlt sich überwältigt, man fühlt sich erwürgt. Der Eiferer erschöpft seinen Gegenstand, er erschöpft auch die Widerstandskraft des Gegners bis zum Letzten. Des Ambrosius Rede gleitet klar in ebenem Gefälle dahin wie ein Fluß im Wiesengrund; die Rede des Hieronymus ist wie ein starker Strom, von dem man sich freudig tragen läßt; die des Augustinus weitet sich zum See, und man verliert das Ufer. Ein langer Vordersatz wird aufgebaut wie eine sich aufbäumende Meereswoge; man glaubt zu versinken, bis endlich der Nachsatz wie im Stoß sie auffängt. Dazu ein ständiges Rauschen gleichklingender Silben und die Doppelung der Wörter, die so intensiv wirkt: »Herr, Herr!« »Welch wunderbare Tiefe, welch wunderbare Tiefe!« »lehre mich und heile mich«; ein »mich« hätte hier genügt. So geht es immerwährend. Das wirkt hymnenhaft; es imitiert den Bibelton, und mitten heraus aus sophistischen Begründungen geht es so plötzlich in den Psalmenschwung. Dazu die Umkehrung der Gedanken: »Dich loben deine Werke, damit wir dich lieben, und wir lieben dich, damit deine Werke dich loben,« oder: »Weil die Dinge sind, schauen wir Menschen sie, und weil Gott sie schaut, sind die Dinge.« Vgl. Confess. XIII, 14, 17; X, 43, 70; XIII, 32, 48 u. 38, 53. Wird die Debatte zu erregt, so ruft er zu Gott: »Regne mir Sanftmut ins Herz.« Confess. XII, 25, 34. Denn sein Ton wird jetzt oft heftig, überlegen. Die Milde eines Seneca im Lehrton kennt er nicht, und das war natürlich. Es ging um den Sieg der Kirche. Der ganze Zeitgeist kreiste um die eine Frage: was soll ich glauben? und warum? Der Papst war für ihn nicht unfehlbar, wennschon er des Papstes Zustimmung brauchte; ein episcopus episcorum , ein Roma locuta est existiert für ihn noch nicht H. Reuter, Augustinische Studien, S. 282–328. . Er selbst aber war fortan unfehlbar, und so überzeugend wirkten seine Schriften, daß es schon als Blasphemie galt, wenn jemand damals sagte: »Was ist mir Augustinus?« Reuter, Augustinische Studien, S. 159. . Versuchen wir 377 es, einige seiner Grundgedanken zu entwickeln; denn sie machten Epoche, mehr als Goten- und Vandalensiege. Steht doch das ganze Wesen des gläubigen Mittelalters auf dem Gefüge seiner Dogmatik, und sie wirkt noch bis heute. Die schwerste Aufgabe war ihm gestellt. Er ist Philosoph und doch gläubig. Die heidnische Philosophie schweifte fessellos durch Himmel und Erde; Augustin ist gefesselt. Er nennt die dumm, die sich bei Autoritäten beruhigen Reuter, Augustinische Studien, S. 352. ; gleichwohl sind ihm die Dogmen gegeben. Ja, Augustin selbst setzte für das Abendland den Kanon der heiligen Schriften fest, deren Wort uns bindet. Jene Dogmen sind also Autorität, und die Philosophie hat jetzt keinen Zweck mehr, als die überlieferten Formeln spekulativ zu verarbeiten und die Richtigkeit des Gegebenen verständlich zu machen Das credimus ut cognoscamus, non cognoscimus ut credamus wird daher geradezu zum Motto bei Augustin, z. B. in Joh. evang. 40, 9 (Migne, Patrol. 35, S. 1690). . Mit überaus bewunderungswürdiger Biegsamkeit des Verstandes und erfinderischer Phantasie wird das geleistet. Die griechischen Kirchenväter, einen Gregor oder Athanasius, ruft Augustin dabei nicht erst zur Hilfe. Er geht völlig selbständig vor. Für das schwebende Gewölbe der katholischen Kirche baut er nachträglich die schlanken Pfeilerstützen, die es noch heute tragen. Anfangs tat er es im Kampfe gegen die Manichäer, zu denen er einst selbst gezählt hatte und die sich mit der Schuldlosigkeit der Menschennatur vertrösteten. Später kamen die Pelagianer und suchten wenigstens die Möglichkeit zu retten, daß der Mensch ab und an auch aus eigener Kraft die Seligkeit sich schaffen könne. Wo blieb da aber Christus und Gottes Gnadenwerk? Was ist Gott? Aus der heidnischen Philosophie, in der Augustin wurzelte, übernahm er zunächst seinen Gott. Es ist der Gott Varros, der Gott des Plato und des Porphyrius Augustin sagt dies ausdrücklich Civ. dei 19, 22. , wie auch Kaiser Julian ihn verehrt hatte: das reine, körperlose Ursein und allerheiligste Grundgute, von dem der Mensch kaum weitere Eigenschaften auszusagen weiß. Und das Böse? Das Böse ist sein Gegensatz; es ist also nichts weiter als der Mangel an Gott, Defekt, Verlust des Seins, Verlorengehen an das 378 Nichts. Aber Plato genügt nicht. Das Alte Testament kommt zur Hilfe, und Gott ist zugleich auch Wille. Während bei Plato das Weltall von Gott nur aus der vorhandenen Materie mit Fleiß gezimmert wird, schafft Augustins Gott aus dem Nichts die Materie und die Welt allein kraft seines Willens und mühelos durch das gebietende Wort. Dies Wort aber ist Christus In der Auslegung des in principio = in verbo der Schöpfungsgeschichte folgt Augustin Confess. 12, 25, 34 genau dem Ambrosius; vgl. oben S. 333 . . Christus, die zweite Darstellung desselbigen Gottes, ist wiederum ganz wie der platonische Nûs (vgl. oben S. 217 ) oder der Logos gedacht, die Urintelligenz, durch die diese Welt zustande kam. Christus enthält in sich die Ideen der zu schaffenden Dinge. Nicht als verklärte ethische Größe, nur als kosmische Macht steht Christus vor uns. Er ward auch nicht etwa Fleisch, als er zur Erde kam, sondern nahm das Fleisch nur an (wir müssen uns an solche haarspaltende Unterschiede, von denen oft das Seelenheil abhängt, gewöhnen). So wurde er der »Gottmensch« Vgl. Scheel, Die Anschauung Augustins über Christi Person und Werk, S. 147; 194 f.; 205. . Auch der Ausdruck deus-homo ist Augustins Schöpfung. Christus am Kreuz ist der gekreuzigte Gott. Nun aber die Menschenseele. Auch sie ist körperlos, und sie ist unsterblich. Warum unsterblich? Weil sie fähig ist, Unsterbliches zu denken, so sagte der Platoniker Plotin, und Augustin folgt ihm. Einen Tod der Seele gibt es nicht, es sei denn ihre Gottverlassenheit ihr Tod. Sie braucht also die Gnade. Denn keiner von uns ist sündlos. Keiner? Wozu dann aber der freie Wille liberum arbitrium . , den wir haben, wenn wir nicht auch aus freiem Entschluß gut sein können? Das macht der Fluch der Erbsünde, den die Bibel lehrt. Um sie zu verstehen, muß Adam daher: die erste Quelle des Unheils. Adam, der Urmensch oder Protoplast, er hatte wirklich noch den freien Willen; seit er aber freiwillig in Sünde fiel, sind wir erblich mit ihr belastet, gehen wir im schweren Joch Civ. dei 21, 15. , ist das Menschentum an seiner Wurzel erkrankt velut radix corrupta, Civ. dei 13, 14. , ist die sichere Wahl des Guten in uns allen zerstört. Wer heute gut ist, ist es nur durch besondere Nachhilfe Gottes. Was aber 379 war die Ursünde, die Sünde Adams? Sie war Übermut und Überhebung, superbia . Wie kann uns aber das Sündigen als Schuld angerechnet werden, wenn es uns angeboren ist wie ein Leibesübel? Weil alle unsere Seelen schon präexistent in Adam vorhanden waren und alle also schon damals in Adam mit sündigten. Diese Konstruktion ist wieder den Neuplatonikern abgelauscht: ein Gedanke, der uns gefrieren macht. Auch von den Engeln und Teufeln hören wir oft. Die Engel sind ewig selig, die Teufel gefallene Engel. Warum duldete Gott ihren Fall? Damit sie als Versucher dem Menschen nahe treten können. Sie dienen zur Erziehung des Menschen Civ. dei XI, 17. . Kein Mensch also, der nicht Gnade und Erlösung brauchte. Wird sie nun auch allen, die strebend sich bemühen, zuteil werden? Der Gläubige hofft zwar auch nach Augustin auf Seligkeit Civ. dei XI, 12. , prinzipiell aber ist er dazu nicht berechtigt. Hier setzt die grausame Verkündigung der Prädestination ein. Wer Erlösung finden soll, wer nicht, ruht in Gottes verborgenem Ratschluß. Gott aber ist nicht nur die Liebe, sondern auch die Gerechtigkeit; so steht es ihm also nach Laune zu, bald in Liebe zu begnadigen, bald aus Gerechtigkeit zu verdammen, und wer wagt es, auf seine Liebe zu pochen? Keine ethischen Motive werden aufgedeckt; dieser Gott Augustins ist ein Herr der Willkür, der uns in Angst läßt bis zu unserer Sterbestunde; sein Gott ist ein Erzeugnis der Zeit, ersonnen nach dem Vorbild der allmächtigen römischen Cäsaren, die gleichfalls ihre Diener bald beglücken, bald vernichten, je nachdem sie gut oder schlecht geschlafen haben. Begreiflich, daß auch Gutgläubige gegen diese harte Lehre sich sträubten. Und wohin war gar das alte Römertum gekommen, das einst unbefangen vom Totenrichter im Jenseits sein Recht auf Seligkeit auf Grund seiner Tugend forderte Zur Kulturgeschichte Roms, 3. Aufl., S. 98. Römische Charakterköpfe, S. 269. ? Der Orient hatte gesiegt; der Holzwurm des Allsündergefühls hatte das alte naive Selbstvertrauen zerfressen. Aber auch die Neuplatoniker haben, wie ich meine, ohne Zweifel hierauf mit 380 eingewirkt. Kaiser Julian klagte die christliche Erlösungslehre daraufhin an, daß sie durch ihre Zusicherung der Vergebung zum Sündigen ermutige (oben S. 256 ). Diesem Tadel die Berechtigung zu entziehen, ist das innerste Motiv der Prädestinationslehre. Ich erinnere dabei noch an die heilige Afra, die früher als Buhldirne gelebt hatte und sich dem weltlichen Richter gegenüber zuversichtlich auf die Sünderin Magdalena und auf Christi Milde in solchen Fällen berief Vgl. J. Jung, Die romanischen Landschaften, S. 421. . Nun aber Augustins Kampf gegen die Donatistenlehre. Da ging es um handgreiflichere Dinge: die Einhelligkeit im Glauben, aber auch die bürgerliche Ordnung war durch sie auf das schwerste bedroht. Da kämpfte er also für die umfassende Allmacht der Kirche. Christus selbst ist – nach Paulus – die Kirche, die Gläubigen sind Christi Glieder Vgl. Jülicher, Einleitung in das Neue Testament, 6. Aufl., S. 119. , und wer Sekten bildet, zerreißt also den Herrn. Daß die Priester heilig sind, ist nicht menschenmöglich; es genügt, daß es die Kirche ist. Dieselbe Kirche soll übrigens hinfort als liturgische Anstalt und heiliger Organismus das bürgerliche Leben ganz umspannen; sie tut es durch Erteilung der Gnadenmittel; zu Taufe und Messe tritt das Sakrament der Ehe hinzu; auch das ist augustinisch. Nur die eingesegnete Ehe gilt; die Zivilehe ist nicht Sache des Christen. Aber damit war der Terror der Donatistenbanden nicht zu brechen, die da riefen: »Tod allen Römern und allen Reichen! Wir sind die Armen und allein Gott wohlgefällig!« Die Kaiser Roms mußten helfen. Schon öfter waren die Kaiser in der Tat gegen die Donatisten vorgegangen, mit Drohungen, mit Waffen; aber die Bewegung schlug immer wieder in wilden Flammen auf. Augustin war es jetzt, der große Dogmatiker, der ausdrücklich die Staatshilfe zugunsten der Kirche forderte. Es wurde zur Prinzipienfrage, und er begründete die Forderung kategorisch und unzweideutig: Gott hat die Staatsgewalt geschaffen; die erste Pflicht des Staates ist daher auch, Gott zu dienen, d. h. der Kirche seinen bewaffneten Arm zu leihen. Nur solcher Krieg ist ein gerechter Krieg ( bellum iustum Daher Augustin Epist. 185: esto bellando pacificus usf. ). 381 Wir sahen, wie schon Ambrosius in Mailand den Kaiser Theodosius demütigte; jetzt aber wurde es zuerst im Namen Gottes gefordert, daß der Staat und die Kaisermacht überhaupt ein Helfer, ein Diener der Kirche zu sein hat. Glaubenszwang mit Waffengewalt: cogite intrare! Diese Theorie wurde aus der Notlage geboren, und Augustin ahnte nicht, welches Unheil sie stiften sollte. Haben doch auf Grund seiner Lehre die Päpste in späteren Jahrhunderten das deutsche Kaisertum geknechtet Bernheim, Mittelalterliche Zeitanschauungen I (1918), S. 28; vgl. auch Mirbt, Die Stellung Augustins in der Publizistik, 1911. , die Könige Spaniens die Scheiterhaufen der Inquisition entzündet, sind Albigenser und Hugenotten von den Königen Frankreichs zermalmt und ausgerottet worden. Der Bischof von Hippo war Kirchenpolitiker großen Stils geworden. Seine fein empfindende Seele hatte sich im Kampf gehärtet; wie konnte es anders sein? Es war, als wäre er wie Moses vom Sinai gekommen, und er fühlte sich jetzt im Vollbesitz der Wahrheit. Man möchte mit Lessing fragen, wer der Glücklichere ist, der die Wahrheit sucht oder der sie gefunden hat? Jedenfalls ist der Suchende der, dem unser Herz sich zuwendet. Und die Wahrheit selbst? Welch überraschende Kontraste fanden doch Raum in dieses Mannes Seele! Hellster Optimist war er in der Bewunderung der Natur und grauer Pessimist im Hinblick auf unser menschliches Vermögen. Die Freiheit des Willens möchte er retten; um ihretwillen schiebt er die astrologische Schicksalskunde beiseite und legt uns doch in die Fessel der Erbsünde. Das freie Selbstfinden der Wahrheit ist ihm alles, und doch verzehrt er sich im Kampf für die Autorität und fordert gar den Zwang, droht gar mit Polizei und Staatsgewalt, um den Irrgläubigen zur Vernunft zu bringen und dem Heil zuzuführen. Sein System überwand scheinbar alle Schwierigkeiten. Aber er war größer als sein System, sein Herz freier als sein rechnender Verstand. Wenn er mit seinem Gott allein ist, schwinden alle Formeln, zerschmilzt alles Frostgefühl, und er stürzt seinem Gott an das Herz in kindlicher Hingebung und heißem Drange. Das ist die Mystik des Frommseins, die alle Größten 382 bezwungen hat: sich bergen in Gott. Die Sprache findet dafür keinen Ausdruck; der eine nennt es Ekstase, der andere Versenkung, Andacht, Eingottung, Entrückung. Es ist erlabend, bei Augustin den Ton dieser Innigkeit zu vernehmen, der immer wieder überwältigend hervorbricht. Auch damit hat er wieder und wieder auf die Nachwelt eingewirkt; auch die Mystiker in späteren Zeiten vernahmen jene berauscht vibrierenden Klänge in ihm, die dem geheimnisvoll unmittelbaren Verkehr mit Gott entquollen. So genügte ihm auch der schemenhaft überweltliche Christus nicht, den er sich metaphysisch konstruiert; Augustinus ist einer der wenigen antiken Christen, der auch ein Herz für den Menschen Jesus, der auch einmal die Stimmung fand, sich in Jesu demütiges Erdenwallen zu versenken Vgl. O. Scheel, Die Anschauung Augustins über Christi Person und Werk, S. 386. . Diese Stimmungen zu vertiefen, blieb wiederum dem späteren Christentum vorbehalten. Schließlich nahte sich Augustin auch dem großen Geheimnis der Dreieinigkeit. Da galt es wieder zu philosophieren. Erst in seinem hohen Alter hat er die Schrift über die Unität und Trinität Gottes veröffentlicht. Er fragte auch jetzt nicht viel danach, was Athanasius lehrte; er fragte nur sich. Wie sollte er seinen Gläubigen und den Gläubigen aller Zeiten dies höchste Mysterium verdeutlichen? Nur das Gleichnis kann helfen. Auch in unserem Menschengeist herrscht ja die Dreiheit, und er ist doch in sich eins. Durch Erinnerung, Denkkraft und Willen, diese drei, kommt das menschliche Selbstbewußtsein zustande. So auch das überweltliche Ich Gottes: der Heilige Geist der Wille, Christus das Denken, Gottvater der Denkgegenstand, der aus der Erinnerung aufsteigt. Eine Dreiheit herrscht aber ferner auch in der Liebe, und der Dreieinige ist ja die Liebe: Gottvater ist es, der liebt, Christus der Geliebte, der Heilige Geist das Lieben selbst, das beide verbindet. Das »Dreimal eins ist eins« war damit gerettet. Millionen Rechtgläubiger zu allen Zeiten versenkten sich seitdem liebevoll im Halbbegreifen in das Wunder. Es ist die Quadratur des 383 Zirkels. Andere schüttelten freilich den Kopf über eine Volksreligion, die den Andächtigen solche Probleme stellt. Die Ereignisse aber gingen weiter. Stilicho, der den katholischen Glauben gestützt hatte, war in Ravenna getötet. Alarich, der Gote, begann seine Siege. Das Germanentum stand plötzlich in Italien herrschend, und diese Germanen waren Arianer. Gegen den Arianismus hat Augustin die Trinitätslehre, von der ich sprach, aufgestellt. Die Römerwelt aber war ins Herz getroffen; denn Alarich hatte schon Rom genommen; er drohte sogar nach Afrika überzusetzen. Auch Frankreich war von Rom losgelöst. Das Weltreich zerbrach. Augustin gab acht. Er fühlte, daß die große Schicksalswende gekommen war, und begann nunmehr in seiner Art die Weltgeschichte zu betrachten. Er tat es sub specie aeterni , im Auge der Ewigkeit. Tun wir es mit ihm; denn auch wir stehen mit Augustin am Ende der Geschichte des Altertums. Es ist eine wunderbare Fügung, daß damals ein Mann wie er erstand, der als Zeitgenosse das Schicksal voll begriff und aus allem Geschehen und dem Gesamtverlauf der Dinge großzügig die Rechnung zog; und man sieht es mit Staunen: alles Nationale ist ihm gleichgültig. Er macht resolut einen Strich durch das Römerreich. Was da bleibt, ist allein die Majestät des siegreichen Christusglaubens; es ist die große Internationale des Gottesreichs, die ihn beschäftigt. Constantin hatte das Christentum zur Staatsreligion erhoben und auf seine Einheit gedrungen, um dadurch die Einheit des Reichs zu stärken. Davon weiß ein Augustin nichts mehr. Die Kirche allein ist Zweck; sie greift weit hinaus mit ihren Fängen zu den Persern, Skythen und Äthiopiern. Selbst die Hunnen lernten damals den Psalter So sagt uns Hieronymus Epist. 107, 2. Übrigens gesteht auch Orosius VII, 41, 8 zu, daß man es ruhig in den Kauf nehmen müsse, daß die Germanen das römische Reich verwüsten, wenn das Christentum sich nur auf die Germanen ausdehne. . Er schrieb seinen »Gottesstaat«, die Civitas dei , einen Rückblick und Ausblick, in dem er weit ausholend alles Wissenswerte im großen Aufbau zusammenstellte. Man muß das Werk mit Platos Staat vergleichen Augustin selbst zieht nur Ciceros Werk vom besten Staat heran. . Plato hatte den menschlichen Idealstaat gegeben, Augustin gibt den der in Gott 384 Geheiligten. Plato griff gleichfalls zur Theologie oder Gotteslehre, aber er wollte das Göttliche, das Gute und Gerechte, in einem menschlichen Bürgerstaat auf Erden verwirklicht sehen, und sein Ziel war sozial; es lag im Diesseits. Für Augustin ist das völlig eitel; seine Theologie führt zur Staatsentfremdung; denn der Zweck des Menschenlebens liegt gar nicht auf Erden; unsere Heimat ist im Himmel, und die Frommen sind nur noch Fremdlinge im Staat ( peregrini, peregrinatio ) Civ. dei 19, 17; 18, 2. . Aus ihnen setzt sich der sogenannte Gottesstaat zusammen, der einst sich vollenden wird, aber schon lange auf Erden in die irdischen Staatengebilde sich eingenistet hat etwa wie die Goldadern im Erz oder die Perlen in der Muschel. Hat also die Weltgeschichte ein Ziel? Keiner der großen Historiker der Antike, Thukydides, Polybius, Livius, hatten bisher solche Frage gestellt; die Völker leben sich aus im Krieg und Frieden; die Gründe für die jedesmaligen Verwicklungen zu durchschauen ist das Höchste, was die Forschung leistet. Zur Erklärung der römischen Weltmonopolstellung sprach man höchstens vom günstigen Zufall oder von der hervorragenden Tüchtigkeit des Siegers. Augustin ist der erste, der in der Gesamtweltgeschichte einen Plan erkennt; es ist der Plan Gottes. Ihn zu erkennen war für den Gläubigen allerdings nicht schwer. Augustin schlug die Weltchronik des Hieronymus auf; da fand er unter Zahlen die Entwicklung in klarster Übersicht: Abraham und die ganze jüdische Geschichte, den Sturz der Persermacht, des Griechentums, die Siege Roms und die Entstehung des Weltreichs der Cäsaren, das jede Missionstätigkeit so sehr erleichterte, dann aber die Geburt Christi, die Stiftung der Gemeinden, die Christenverfolgungen, die Märtyrer, schließlich Constantin den Großen und den Christusglauben als Staatsreligion; dann noch die Fülle der Synoden, den Kampf gegen die Sekten, für die Einheit der Kirche. Auf den Sieg Christi lief alles hinaus. Alles mußte so geschehen, wie es geschah, damit er zustande kam. Das Ganze wurde so begreiflich, das grenzenlos Zufällige dem Zufall entzogen. 385 Augustin spricht von »den Römern« stets nur in der dritten Person; d. h. er schließt sich selbst deutlich von ihnen aus. Wodurch siegte dies Rom? Nicht nur durch seine Tüchtigkeit, sondern auch aus Ruhmverlangen, immerhin edle Motive, aber doch irdisch. Gott hat Roms Sieg zugelassen, aber es »hat seinen Lohn dahin« Civ. dei 5, 12. . Hat Rom die Welt beglückt? Der Verfasser weist nach, wie unendlich viel Unheil im Lauf der Jahrhunderte über das Reich kam, indem er dabei die vielgepriesenen glücklichen Zeiten unter Augustus, unter Hadrian und den Antoninen sorglich verschweigt. Kein Wunder, will er sagen, daß es dem Reich heute, seit dem Sieg Christi, nicht besser als damals geht. Auf alle Fälle ist Rom das große Babel des Okzidents. Zwei große Weltreiche gab es, das des Ninus und das des Trajan; Babel und Rom die Hauptstädte Civ. dei 18, 2. . Das Wort »Gottesreich« stammt aus den Psalmen Vgl. z. B. Psalm 87, 3 ( Septuaginta S 86, 3; ἡ πόλις τοῦ ϑεοῦ ) . Da war darunter das Judentum verstanden. Augustin weitet den Begriff aus. Dies Gottesreich, das in die Erdenstaaten eingenistet ist, beginnt nun aber keineswegs mit Christus. Christi Bedeutung tritt hier auffällig zurück. Denn nicht etwa die Kirche ist das Gottesreich Augustin ist in diesem Punkt freilich nicht konsequent; z. B. 13, 16 ist die ecclesia selbst die civitas dei . , sondern alle wahren Gotteskinder zu allen Zeiten waren seine Bürger. Das ist die communio sanctorum im Gegensatz zur communio improborum Civitas dei mit Gottesstaat zu übersetzen ist also unzutreffend; es ist, wie gesagt, nur die Gemeinschaft aller Frommen in Gott gemeint; vgl. E. Bernheim, Mittelalterliche Zeitanschauungen I (1918), S. 18. Die Schrift Bernheims wird dem großen Augustinwerk mehr gerecht als O. Seeck u. a. Neuere, die darüber abgeurteilt haben. . Sie beginnt mit Adams Sohn Seth, dann mit Noah und seinem Sohn Sem und geht von da durch 6000 Jahre bis zur Gegenwart; sie geht zunächst zu Abraham und den Erzvätern, zu David, zu den jüdischen Propheten weiter. Aus Abrahams Samen aber, so lehrt Augustin, gingen nicht nur die Juden, sondern auch die Völker der Unbeschnittenen hervor Civ. dei 16, 5. , und so können auch bei den Nichtjuden die Gotteskinder schon früh sich finden. Gleichwohl wagt er nicht diese Folgerung auf Plato oder Sokrates anzuwenden. Erst seit Christi Menschwerdung aber organisiert sich das Gottesreich auf Erden. Sein Hilfsmittel ist die Kirche, die bei allen Völkern, auch den Barbaren, für die Heiligung des Lebens wirkt. Durch alle Generationen geht die irdische Staatenbildung, 386 geht aber auch die Kette der Frommen und Erlösten. Große Sorge bereiten dem Augustin indes die Cyklopen, die nur ein Auge auf der Stirn haben; ebenso auch ein libysches Volk, das so große Fußsohlen hat, daß die Menschen da unter ihren Fußsohlen wie unter einem Sonnenschirm schlafen. Ja, in Carthago sah er die Abbildungen von monströsen Menschen in Mosaik, die, ohne Halsbildung, die Augen auf ihren Schultern trugen. Gehören auch die alle mit zur Heilsentwicklung? und können die alle aus Noahs Arche stammen? Ebenso erregt ihn die Frage nach den Antipoden. Wenn auf der anderen Hälfte des Erdglobus auch noch Völker leben, wie steht es mit ihnen? Er ist geneigt anzunehmen, daß sie nicht existieren und daß es dort nichts als Ozean und endlose Wasserflächen gibt Civ. dei 16, 8 f. . Aber alles Heiligenleben auf Erden ist unvollkommen, und der Fluch der Sünde wirkt weiter. Erst im Jenseits, erst nach dem jüngsten Tag wird sich der Gottesstaat vollenden; für diese Hoffnung leben wir, und so endet Augustins Werk damit, daß er den Vorhang vor dem Jenseits wegzieht und Hölle und Himmel erschließt. Die Analogie des Plato ist auch hier auffällig; denn auch Plato führt uns in seinem Werk vom Idealstaat aus der Wirklichkeit träumend hinaus in die Gefilde der Seligen und in den Tartarus; die da nicht gerecht sind, werden im Jenseits von den Totenrichtern zur Qual verdammt, die Gerechten finden die Wonnen Elysiums; Gott hält auch nach Platos Lehre Strafe und Lohn bereit. Augustin verzichtet auf jeden dramatischen Effekt; wer eine glutvoll packende Schilderung des jüngsten Tages, gleichsam den Text zum Riesengemälde Michelangelos lesen will, der lese sie bei Tertullian Tertullian de spectaculus , Ende. . Augustin begnügt sich, um den Hergang zu versinnlichen, die Verkündigungen Jesu, der Propheten, der Apokalypse über das Weltende zu sammeln und auszulegen. Während nach Plato im Tod sich die Seele vom Körper völlig befreit Civ. dei 13, 18. , beweisen jene Stimmen, daß die Seele einst mit ihrem Gebeine wieder wird vereinigt werden. Es 387 gibt also eine doppelte Art von Tod: der erste treibt die Seele aus ihrem Körper; der zweite, den wir im Fegefeuer der Gehenna erleben, hält die Seele im Körper fest, und sie hat dort mit ihm zu leiden Anders als Augustin weiß Hieronymus noch nichts vom Fegefeuer: Zöckler S. 442. . Die eingehendste Erörterung findet in diesem Anlaß, wie das Fleisch in der Hölle brennen kann, ohne doch zu vergehen. Bei Gott ist eben nichts unmöglich; übrigens verweist Augustin u. a. auf den Feuersalamander, der im Feuer geradezu lebt; ja, er hat in Carthago einen geschlachteten Pfau gesehen, dessen Fleisch, wir würden heute sagen, als Konservenfleisch behandelt wurde; noch nach 30 Tagen zeigte es keine Spur von Verwesung und war in einem Jahr nur etwas eingetrocknet, aber noch eßbar Civ. dei 21, 2 u. 4. . Und so zählt der Verfasser noch eine Menge Naturwunder auf, wie den Magneten: »Als ich seine Wirkung zuerst kennen lernte, erschrak ich heftig.« Wie sollen also nicht auch im Jenseits physikalische Wunder geschehen? Ewige Seligkeit und ewige Qual! Bei den Patonikern ist die Hölle nur Purgatorium, d. h. ihre Strafen dienen nur zur Läuterung, und die Gestraften werden nach gewisser Zeit wieder freigegeben. Anders bei Augustin Civ. dei 21, 13. . In den Seligen endlich aber ist, wie er lehrt, des Menschen höchstes Gut, der freie Wille, wieder erstanden, und er wird sich bewähren, er wird nie mehr das Böse wählen, da alsdann der Versucher fehlt Civ. dei 22, 30. . Das ist die civitas beata : wir werden königlich herrschen mit Gott regnare cum deo: Civ. dei 15, 1. , Muße haben und schauen, schauen und lieben, lieben und loben. Wir werden am Ende sein und doch ohne Ende, in dem Reich, das kein Ende hat. Amen, Amen Civ. dei 22, 30. . Lassen wir die Seligen selig sein. Wie sollte es indes im Elend dieser Erdenwelt weitergehen? im ruhelosen Kampf der Völker? den großen Realitäten des Lebens? Der Mann der Kirche hat kaum einen Blick dafür. Was war ihm die Reichspolitik? Der Eifer für das Seelenheil hat in ihm allen Römergeist, allen Patriotismus vernichtet. Christen sind auch die bösen Feinde, die Germanen; der Gottesstaat reichte schon 388 hinaus über das, was sich römisch nannte. Und doch! Augustin hat sich beiläufig auch zur Realpolitik und über den Fortschritt der irdischen Staatengemeinschaft geäußert, und diese Äußerung ist für uns hier wichtiger als alles Voraufgehende. Er erklärt kurzweg Civ. dei 4, 15; vgl. 4, 3. : die Größe des Römerreichs war ein Übel. Es wäre gut, wenn es lauter kleine Königreiche nebeneinander gäbe, die dabei gut nachbarlich sich vertrügen und der Eintracht sich freuten (also Völkerbund!), so daß in der Welt viele Volksstaaten beständen, in derselben Weise, wie es in den Städten viele bürgerliche Hausstände nebeneinander gibt. Die Worte sind so bedeutsam, daß ich sie auch lateinisch wiedergebe: si omnia regna parva essent, concordi vicinitate laetantia, et ita essent in mundo regna plurima gentium, ut sunt in urbe domus plurimae civium. Augustin verstand die Zeichen der Zeit. Er war ein Seher. Ob er den jüngsten Tag mit Recht verkündet, fragen wir nicht. Sein Wort von den vielen Volksstaaten war das Programm der nächsten Zukunft und aller Folgezeit bis heute, und die Germanen waren schon im Begriff, es zu verwirklichen. Augustin selbst sollte es noch erfahren, er sollte es in nächster Nähe mit Schrecken erleben. In Spanien herrschte schon Geiserich , der Vandale; in Südfrankreich die Westgoten unter König Wallia und Theodorich; dieser Theodorich war Alarichs Enkel. Im Jahre 423 starb Kaiser Honorius in Ravenna. Seine Schwester Placidia , die kaiserliche Frau, verwaltete jetzt das zertrümmerte Reich mit ihrem vierjährigen Sohn Valentinian III . Afrika war immer noch römisch. Als kaiserlicher Statthalter waltete in Afrika ein Mann mit Namen Bonifatius . Aber dieser Bonifatius wurde bei Placidia verdächtigt und sollte abberufen werden. Da rief er, um sich zu halten, die Vandalen aus Spanien zu seiner Hilfe nach Afrika herbei, und Geiserich rückte dort ein, im Jahre 429. Geiserich wird bald danach genötigt, wieder abzuziehen, aber er weigert sich. Er ist Arianer; die Donatisten verbünden sich mit ihm, und Augustin erlebte noch, wie das 389 Chaos über ihm zusammenschlug, wie der wilde Feind, der sich betrogen glaubte, furchtbar brandschatzend das ganze afrikanische Land verheerte. Im Jahre 430 wurde Hippo, die Stadt, selbst belagert. Bonifatius verteidigte die Stadt gegen Geiserich. Viele Priester flohen; Augustin, obschon altersschwach, wollte seine Gemeinde in der Not nicht verlassen. Während der Belagerung schied er aus dem Leben unter Waffenlärm und Kriegsgeschrei. Nach seinem Tode wurde Hippo wirklich in Asche gelegt, das junge Vandalenreich von Geiserich errichtet. Rom hatte nun auch seine Kornkammer Afrika verloren. Die Welt, von solchen Ereignissen erschüttert, hatte keine Zeit, auf den Tod ihres größten Zeitgenossen achtzugeben. Aber seine Schriften lebten, und sein Wort unterwarf sich die Geister. Schon Papst Gregor I. wurde der Verkünder seiner Ideen, die Civitas dei hernach das Lieblingsbuch Karls des Großen. Der Siegeszug der Kirche war Augustins Siegeszug, der durch die Jahrhunderte ging. Es wäre gut, wenn es statt eines Weltreichs nur noch kleinere Königreiche gäbe: dieser Wunsch Augustins hat sich in der Geschichte Europas dauernd verwirklicht Insbesondere die Kirchenpolitik der Päpste im Mittelalter hat ihn begünstigt; Bernheim. S. 125. . Die Erde hat sich seitdem vergrößert bis zu den Antipoden. Die Geschichte hat dahin geführt, daß sogar neue Weltreiche erstanden; aber sie konkurrieren miteinander, in Waffen starrend, wie wir es heute sehen, und an ein Universalreich auf Erden ist nach menschlicher Voraussicht nicht zu denken. Der zweite Wunsch Augustins aber bleibt noch unerfüllt: daß die Staaten sich auch nachbarlich ihrer Eintracht freuen. Im Programm des Völkerbundes ist der Wunsch heut wieder aufgelebt; aber die ihn hegen, vergessen, wie es Augustin vergaß, daß Tatendrang, Männermut, Neid und Rassenehrgeiz, daß vor allem soziale Not und Übervölkerung immer wieder zu tötlichen Konflikten auf dieser armen Erde führen. 390     Germanenkönige Das Schicksal der Welt begann sich zu erfüllen, und die Forderung Augustins setzte sich durch. An Constantinopel freilich zerschellte der Völkersturm; das oströmische Reich stand wie ein fester Block im Schwall der Dinge; es war ein Reich mit zwei Fronten, gegen Mesopotamien und gegen die Donau. Dort in Byzanz hielt sich auch noch das alte römische Kaisertum mit lateinischer Amtssprache; die Staatsmaschine arbeitete da ebenmäßig so weiter, wie Diocletian und Constantin sie eingestellt hatten. Byzantinisch nennt man hinfort dies höfische Regierungssystem, das nunmehr gleichsam in sich erstarrt ist, unzugänglich und unfähig jeder Verjüngung durch volkstümliche Impulse. Aber eine überlegene Diplomatie blieb zugleich dort herrschend, und ab und an fanden sich dort noch erhebliche Kronenträger, die im Namen der alten Universalmonarchie in das Chaos Westeuropas herrisch einzugreifen unternahmen. Freilich vergebens. Sie konnten nicht hindern, daß im Okzident auf dem alten Boden ein junges Germanenreich neben dem anderen sich herstellte. Es war ein stolzes Kolonisieren: die jungen Völker überall schließlich die Herren im Land, so wie die Engländer heute als die Herren schalten in Indien, Ägypten und Kapland. Aber es waren auch jetzt noch wilde Zeiten. Denn mit dem Schwert mußten die Germanen sich durchsetzen; was war da also Leben und Eigentum? Trotzdem hören wir gelegentlich ausdrücklich ihre Haltung loben. Wer aber fromm war, wurde geistlich; das steigerte sich jetzt; die Aristokraten der Tugend schlossen sich in ihre Klöster ein und schieden von der Menge aus, statt sie zu führen. Folgen wir zunächst den streitbaren Vandalen nach Afrika. Ihr Name hat üblen Klang. Das soll uns nicht stören. Es waren nur etwa 80 000 kampffähige Männer, die da auf der Suche nach einer Heimat mit ihren Familien nach Afrika kamen und auf dem völlig fremden Boden außerhalb des Zusammenhangs der europäischen Länder sich als Herren festsetzten: Geiserich , Thrasamund ihre bekanntesten Könige aus dem 393 Geschlecht der Asdingen, rechte Recken wie alle diese deutschen Fürsten, die besten Exemplare ihrer Rasse, kühn zugreifend und siegesgewiß; sie glichen einem Roger und Robert Guiscard, den romantischen Normannenkönigen des 11. und 12. Jahrhunderts, die da wie Sturmwind über Sizilien und Neapel herfuhren. Aber die Vandalen waren zugleich gelehrig und klug wie alle anderen Germanen und achteten und bewunderten die Gaben der römischen Zivilisation auf das höchste. Den bäurischen Charakter hatten sie mehr als die anderen Germanenstämme eingebüßt. Sie lernten auch in den Städten zu leben, deren Befestigungsmauern sie freilich niederlegten, freuten sich an Zirkus, Arena und Thermen, hatten ihre städtischen Paläste, ließen vor allem die römische Gesetzgebung und Verwaltung, die sie vorfanden, so weit sie nützlich, unangetastet bestehen und hatten ein offenes Ohr für Theater und Literatur und die Dinge des schönen Scheins und des verfeinerten Genusses. So war auch das 5. und 6. Jahrhundert immer noch richtiges sogenanntes klassisches Altertum; aber es war kein Römertum mehr; es war jetzt die Zeit der germanischen Antike . Um ein paar Namen zu nennen, so dichtete damals unter den Burgunden Avitus die schönste aller antiken christlichen Dichtungen, die ich kenne, ein Epos von Adam und Eva, die da in Gottes Paradies ihr märchenhaftes Idyll leben, bis die Schlange sie verführt und sie in die Sünde fallen. Venantius Fortunatus dichtete im Frankenreich der Merowinger am Hofe Sigiberts und zu Ehren der frommen Königin Radegunde, Ennodius unter Theodorich in Italien, Luxorius und Dracontius in Afrika unter König Thrasamund. Es sind lauter gewandte Leute, diese Dichter, die sich im rollenden lateinischen Hexameter ergehen; freilich zumeist geistlichen Standes. Und da lebt dann auch die altklassische Mythologie munter weiter. In Pantomimen ließen sich die Vandalen die rührende Geschichte der Andromache vorführen oder den Raub der Helena Anthologia latina 310. . Beim Zirkusrennen nennen sie ihre Kutscher oder ihre 394 Rennpferde Ikarus und Phaethon und Pelops Anthologia latina 324. . In ihren Gärten hausen immer noch die lieben Dryaden Anthologia latina 332. ; in den Bädern sind die Statuen Neptuns und Gott Amors aufgestellt, die das Wasser aus der Schale ergießen Anthologia latina 347 f. . Die alten sieben Weisen, Solon, Thales usf., mit ihren Sentenzen lassen sie sich in Versen aufzählen, bequem zum Auswendiglernen Anthologia latina 351. . Wir sehen, wie in den großartigen Maximianischen Thermen in Carthago eine christliche Kapelle hergestellt ist, da findet eine Vandalenhochzeit statt Vgl. Dracontius ed. v. Duhn, S. 97. Ein ähnliches Epithalam des Luxorius, ein Vergilcento, für den Vandalen Fridus gedichtet, steht Anthologia latina 18. , und ein Dichter ist zugegen und ruft die Göttin Venus selbst herbei, daß sie das Paar glücklich mache. Es ist, als hätte sich nichts verändert. Carthago hat König Geiserich zu seiner Hauptstadt gemacht. Eine der großmächtigsten üppigsten Weltstädte hatte er damit in Händen; denn Carthago war damals größer und blühender als Rom selbst. Die alten Großgrundbesitzer, die das Volk aussogen, hatte er depossediert und vertrieben, und auf den Latifundien saßen jetzt seine vandalischen Mannen. Daß die Vandalen im Jahre 455 nach Italien vorstießen und Rom nahmen, nahmen und furchtbar plünderten, hat ihrem Ruf am meisten geschadet; daher vornehmlich der Vandalismus, von dem man heute zu reden pflegt. Der maurischen Landbevölkerung in Afrika dagegen waren diese neuen Herren gar nicht unlieb; die Auflagen und Lasten waren jetzt geringer, die persönliche Freiheit ungebundener. Mit rücksichtsloser Strenge gingen die Könige nur gegen die vornehmen Verschwörer im Lande vor, die zum alten Regime hielten und auf das Eingreifen des byzantinischen Kaisers hofften. Die Vandalen widerte aber auch die unnatürliche Lasterhaftigkeit in Carthago an, wo die eleganten Huren sich breit machten und die Päderasten als Stutzer frech über die Straße schlenderten; sie schritten dagegen mit Keuschheitsgesetzen ein Salvian VIII, 14. . Das wirft ein grelles Streiflicht auf die sittlichen Kontraste in jenen Zeiten der Rassenmischung. Dreimal so groß wie Italien war Geiserichs Reich, und es wuchs noch an Macht. Er schuf sich eine Flotte, wie es sonst auf dem Mittelmeer keine gab, und nahm Sizilien weg, Malta, 395 Sardinien, Korsika. Italien war damit nahezu blockiert. Wer sollte diesen Germanen etwas anhaben? Ein freudestrahlendes Gedicht verkündet den Ruhm König Thrasamunds Anthologia latina 376. ; es hat etwa folgenden Inhalt: Thrasamundus ist der Ruhm des mundus (ein Silbenspiel; mundus heißt »die Welt«), er, der kaiserlich in Afrika herrscht. Er ist fromm und klug und männlich stark, und alle Schätze der Welt fließen bei ihm zusammen in Königspracht: chinesische Seide, persische Edelsteine, lydisches Gold und alle Früchte des früchtegesegneten Afrika. Carthago die strahlende Hauptstadt. Aber Thrasamund hat auch einen neuen Hafen Alianas gegründet, von wo aus er das Meer beherrscht. Carthago aber über alles! Carthago triumphiert, die Wiege der Asdingen, Carthago prangend in äußerem Glanz, Carthago durch Studien und Gelehrte ausgezeichnet, Carthago strotzend von Volk und von Palästen, Carthago holdselig, Carthago süß durch seinen Wein, der dem Nektar gleich. Möge es glückstrahlend die Jahrhunderte überdauern, dein Herrschertum, o Thrasamundus! So wie die Vandalen in Afrika, so saßen die Westgoten, Alarichs Nachkommen, in Südfrankreich und Spanien. Frankreich aber hatte mehr als einen Herrn. Nördlich der Loire um Orleans und in der Auvergne bestand immer noch als von Germanen umgebene Enklave ein erhebliches römisches Territorium, das unter kaiserlicher Verwaltung stand; der große römische Heermeister Aëtius wußte es immer noch zu behaupten. Um das Territorium zu sichern, veranlaßte derselbe Aëtius im Jahre 443 die Könige der Burgunden, die angeblich bisher in Worms am Rhein saßen (dort in Worms zeigt uns das Nibelungenlied König Gunther, Hagen und Krimhilde), sich mit ihrem Volke im heutigen Burgund im Herzen Frankreichs, um Dijon, Autun und Besançon, anzusiedeln. Im Elsaß saßen gleichzeitig die Alemannen fest; dieselben auch in der Westschweiz um Solothurn. Das nordöstliche Stück Frankreichs endlich an der Somme und Maas war für immer in Händen der starken Salischen Franken unter den Merowingern. 396 Ganz seitab aber lag Britannien; es hatte sich, wie wir sahen, schon öfter vom Römerreich losgerissen; es hing zu lose am Reichskörper. Jetzt, im Jahre 449, wurde das Inselland von heidnischen Angelsachsen und Jüten, die über die Nordsee jagten, überfallen und genommen; Hengist und Horsa waren ihre sagenhaften Führer, und das Kaisertum hat nie wieder den Arm nach England ausgestreckt. Der Name der Länder gibt dauernd Zeugnis davon; England führt von den Angeln, Frankreich von den Franken seinen Namen bis zum heutigen Tag. So sah die Welt aus, als Attila , der Hunne, über sie kam. Es war der Alexander, es war der Napoleon jener Zeit. Attila, der große Chan, einigte die verstreuten Hunnenvölker, und der Schreck, die Betäubung fuhr vom Kaukasus bis zu den Pyrenäen. Er unterwarf sich von der Donau aus (zwischen Wien und Ofen lag seine Hauptstadt) alle Länder nördlich der Alpen vom Rhein bis zur Wolga, vom Schwarzen Meer bis zur Ostsee, und plante mehr; er wollte auch Frankreich, er wollte Rom, Constantinopel, er wollte gar auch Persien nehmen. Die Barbarei hatte in ihm ein Herrschergenie erster Größe erzeugt. Es galt eine neue Zusammenfassung der Welt; das römische Reich sollte durch das Hunnenreich abgelöst werden. Zwanzig Jahre (von 433 bis 453) sind die Jahre Attilas, der Gottesgeißel. Die starken östlichen Germanenstämme, die Heruler und Gepiden, die Rugier und Skiren, die Ostgoten waren jetzt die Vasallenvölker der Hunnen, die unter ihren Königen dem Attila willig dienten. Es ist der König Etzel, zu dem aus Worms die Nibelungen ziehen, in dessen Saal Krimhildes Rache spielt; es ist der Etzel, an dessen Hofe auch der Westgotenheld Walthar von Aquitanien, von dem das Waltharilied singt, mit seiner Geliebten Hildegunde als Geißel heranwuchs Vgl. mein Buch »Vom Krieg umgeben«, S. 138 ff. . Hundert Jahre hatten die Hunnen sich bisher in Europa umgetrieben; sie hatten sich in dieser Zeit veredelt, germanisiert, den Einflüssen der Sitten des Okzidents angeglichen. Nur so 397 wurde ein Attila möglich. Seine Erscheinung war freilich asiatisch genug: kurzer Wuchs, großer Kopf mit kleinen Augen und gestülpter Nase; sein Auftreten aber herrenmäßig bei aller Verschmitztheit und nicht ohne Größe; er herrschte durch die überlegene Ruhe seines Wesens, die klug den Jähzorn bemeisterte. Er war so, daß er Vertrauen erweckte und echte Treue und Ergebung fand; der Gepidenkönig Ardarich seine Hauptstütze. Attilas Bruder Bleda war zeitweilig sein Mitregent; die Brüder vertrugen sich tadellos. Von ergebenen Königen und Fürstensöhnen wimmelte die großartige Hofhaltung; alles ging in Zobel und Otterfellen. Auch Gesandte strömten herzu, und ein Grieche, der aus Constantinopel mit vielem Personal zu ihm ritt, ist es, der uns einmal am Hofe des Attila einführt und alles anschaulich zu schildern weiß Priskus, der im Jahre 436 als Gesandter des Kaisers Theodosius II. dorthin kam. . Der griechische Kaiser in Byzanz hat dem Attila den Titel eines Feldmarschalls des Kaiserreichs verliehen und zahlt ihm jährlich Tribut in Form eines Feldherrngehalts; aber derselbe Kaiser hatte trotzdem noch immer Hunnen in eigenem Sold; Attila wollte dies nicht dulden. Daher die Gesandtschaft. Beiläufig aber waren diese Gesandten beauftragt, Attila zu ermorden; große Geldmittel waren ihnen mitgegeben, um einen geeigneten Täter anzuwerben. Attila zieht eben in seiner Residenz ein; die griechischen Gesandten hinter ihm her. Es war ein umfangreiches Dorf von Holzhäusern in flacher Ebene. Die Häuser bestehen aus schön geglättetem Tafelwerk. Das Blockhaus des Königs selbst hat einen Holzzaun mit hohen Holztürmen; die Tür des Zaunes hat Schloß und Riegel. Das Wunderwerk des Ortes aber sind Thermen aus wirklichem festem Stein; ein kriegsgefangener römischer Architekt hat sie für den König bauen müssen. Einreitend wird Attila von Ehrenjungfrauen mit Gesang empfangen. Die Mädchen halten dabei Schleiertücher über sich hoch, so daß immer etwa sieben unter einem solchen Schleier einherschreiten. Der König ist hungrig, sitzt aber nicht ab, 398 sondern speist hoch zu Roß; seine Mannen müssen einen Tisch solange hoch halten, bis er satt ist. Auf Teppichen liegt er, als er die Gesandten zum erstenmal offiziell empfängt: um ihn eine Menge Dienerinnen, die Buntstickereien auf Leinewand machen. Durch Dolmetscher wird verhandelt; denn die Hofleute dort verstehen zwar Deutsch, auch etwas Latein, aber kein Griechisch. Es folgten Tischgelage, erst beim König, dann auch bei der Königin. Attila hat viele Frauen; seine Hauptgattin heißt Kerka, und er hat viele Söhne, die schon erwachsen sind und Teilherrschaften im Reich verwalten. Bei der Mahlzeit stehen hölzerne Sessel an beiden Längswänden des Saales entlang. Attila sitzt zwischen ihnen auf einer Kline, einem Sofa, hinter welchem gleich sich sein Schlafraum mit Bett befand; das Bett war durch bunte Vorhänge verdeckt. Auf derselben Kline sitzt sein ältester Sohn neben ihm, der aber in Scheu den Blick nie zu erheben wagt. Zuerst wird nur getrunken, und wem Attila zuzutrinken geruht, der muß vom Stuhl aufstehen und so den Trunk erwidern. Dann werden die kleinen Tische mit dem Essen gebracht und vor die Stühle gestellt, ein Tisch immer für je drei Personen. Attila selbst ißt nur Fleisch von einem Holzbrett; er trinkt auch aus Holz; die Gesandten dagegen bekommen auf Silber serviert und besonders leckere Speisen. Für gewöhnlich lebt der Hunne von Hirse und Dünnbier. Als es dunkelt, werden Fackeln entzündet, und zwei Sänger singen von den Heldentaten des Attila. Ein Narr tritt auf und macht seine Späße, obendrein auch ein Buckliger, der die Gabe hat, in allen Sprachen durcheinander zu sprechen; da dröhnt die Holzhalle vom Gelächter der Barbaren; nur Attila findet kein Gefallen daran. Vielleicht verstand er die Sprachen nicht. Die Gesandten hören sich unter den Leuten achtsam um. Da finden sie auch einen Griechen, der seit längerem bei den Hunnen als einer der Ihren lebt; der sagt: »Unter Attila lebt sich's weit besser als im Reich bei euch Römern. Hier fehlen 399 die hohen Steuern, und jeder macht so ziemlich, was er will, ohne Berufszwang und leidige Aufsicht; da kann man sich glücklich fühlen.« Den Gesandten stimmt das nachdenklich, und er weiß wenig zu erwidern. Der Mordanschlag aber, der sich gegen Attila richtete, wird schließlich doch aufgedeckt. Attila begnügt sich damit, den kaiserlichen Gesandten, der den bösen Plan betrieb, in Ketten zu legen und 50 Pfund Gold als Lösegeld für ihn zu fordern. Außerdem forderte er, daß der Kaiser in Byzanz den Eunuchen am Leben strafe, der den Plan zuerst ausgeheckt hatte. »Wie ein elender Bauer stellst du mir diebisch nach,« ließ er dem Kaiser sagen. »Ich hab' meinen Adel bewahrt, du hast den deinen geschändet und bist mein Knecht, da du fortfährst, mir Tribut zu zahlen.« So bellte der Gewaltige die byzantinischen Katzen an, die sich wie vor der Dogge feige vor ihm verkrochen; so hallte sein Wort wieder und wieder über Alpen und Balkan. Aber er erlag schließlich seinem eigenen Allmachtstriebe. Als er endlich wirklich erobernd in Frankreich einfiel, erlag sein Heeresbann in der wütenden Völkerschlacht auf den katalaunischen Feldern, zwischen Troyes und Chalons sur Marne, im Jahre 451. Für ihn fochten die Ostgoten, gegen ihn aber die Westgoten unter Führung des kaiserlich römischen Feldherrn Aëtius. Für die Westgoten war dies der Tag, der ihren Ruhm verewigt; denn sie retteten damals Frankreich und die römische Kultur. Ihr König fiel in vorderster Reihe; aber auch die Toten schwangen noch die Waffen und fochten in den Lüften weiter. Attila saß still in seiner Wagenburg, als die Sieger ihren Heldenkönig auf dem Schlachtfeld selbst begruben, als sie ebenda einen neuen König auf den Schild erhoben. Dann zog er ab, aber er ruhte nicht. Was in Frankreich mißlang, sollte ihm jetzt in Italien gelingen. Den Schlüsselpunkt Italiens, Aquileja, nahm er; er verbrannte es. Die Einwohner flohen in die Lagunen ans Meer und bauten dort auf Pfählen eine neue Stadt, 400 Venedig. So ist durch Attilas Raubzug Venedig entstanden, die eigenartige Keimstätte neuer üppiger Kultur. Attila dünkte sich Herr Italiens. Als er aber Rom nehmen wollte, zwangen ihn seine germanischen Vasallenkönige, dem Flehen des Papstes nachzugeben, der um Schonung bat Daß Attila, der Heide, selbst sich vom Papst Leo I. zur Umkehr bewegen ließ, ist Legende; sie ist psychologisch unmöglich. Die Gepiden und Goten in seinem Heere waren Christen; ihre Könige saßen in seinem Kriegsrat. Auf diese christlichen Gemüter muß des Papstes Erscheinen stark gewirkt, ihre Weigerung, gegen Rom mit Gewalt vorzugehen, Attilas Willen gebrochen haben. . Sein Rückzug war ein Symptom des Endes: sein Wille war zum zweitenmal gebrochen. Im folgenden Jahre starb er. Unter seinen Söhnen zerfiel und zerbröckelte sein Riesenreich sofort wie ein Sandhaufen, über den die brandende Woge spült. Ardarich, der Gepidenkönig, der Ostgermane, derselbe, der des Attila Hauptstütze war, zerschlug das Reich seiner Söhne in glorreichstem Schlachtenkampf am Netad in Pannonien Dahn, Könige II, S 17; Jordanes cap. 50. . So wie in späterer Zeit das Reich Napoleons, des Korsen, erst in der Völkerschlacht bei Leipzig und dann endgültig bei Waterloo zerbrach, so das Reich des hunnischen Napoleon erst bei Chalons und dann in der Gepidenschlacht. Der Hunnenschreck, das wilde Intermezzo, war zu Ende. In der Phantasie der Völker lebte Attila so ewig weiter wie Bonaparte; die Weltgeschichte aber konnte neu beginnen und da wieder anknüpfen, wo sie vor ihm aufgehört. Der Sieg des Germanentums in Europa: nennen wir ihn mit Recht den Völkerfrühling? Mit Stürmen setzte er ein, aber es war doch ein Frühling, der den Winter aus dem Lande trieb. Schon zu Mark Aurels Zeiten hatte es in der alten Welt zu herbsten begonnen. Wie Winterkälte fiel es über die Menschheit seit dem starren Regiment des Byzantinismus, das schon mit Diocletian anhob, und die christliche Kirche brachte, wie eine Zentralheizung, nur künstliche Wärme in das greise Leben. Schwunglos, gedrückt und verkommen war die Gesellschaft unter dem wirtschaftlichen Rückgang, unter dem pressenden Druck der Regierungsmaschine geworden. Auch die Germanen waren gewiß oft rüde, gewissenlos, habgierig und ruchlos genug. Man denke nur an die Frankenkönigin Fredegunde , dies niederträchtige Scheusal, in ihrem Kampf mit der Gotin 401 Brunhilde; und derartige Gestalten mit blutigen Händen, die für Shakespeares Bühne taugen, begegnen uns in diesen Zeiten nicht wenige. Der Historiker lehnt es ab, auf der Wage die Eigenschaften der Völker, ob gut, ob böse, abzuwägen. Gleichwohl wurde in der müden Welt mit den Germanen eine Fülle jungfrischer und mächtiger Triebe wach, elementarer im Laster wie in der Guttat; eine drangvolle Lust zum Werden und Blühen; der erquickende Hauch des Zukünftigen. Die alte Staatsform zerbrach; das Wort Freiheit erhält wieder Sinn und Leben; junge Formen des Volks- und Rechtslebens, unendlich entwicklungsfähig, suchten sich aus dem Primitiven zu gestalten. Es gab neues Heldentum, und damit bald genug auch eine neue Kunst, neuen Liedersang. Es gab die reichste Mannigfaltigkeit in der Entwicklung des Menschentums. Wie klassisch in ihrer Durchbildung, aber wie eintönig ist doch die antike Kunst, ob sie in Rom oder Merida oder Nîmes ihre Tempel aufstellt! Das römische Kaiserreich hatte alle Völker gleich gemacht, und nur die verschiedenen Religionen waren es, die eine phantastische Buntheit in das Leben trugen. Jetzt haben umgekehrt alle Völker einen gemeinsamen Glauben, aber sie selbst differenzieren sich mächtig in ihren Eigenarten, und ihr Wettbewerb um die Werte der Kultur brachte den größten Reichtum in die Welt, mit ständigem Austausch und gegenseitiger Befruchtung, einen Reichtum, deß wir noch heute genießen; man stelle nur das Volk Voltaires neben das Shakespeares, Calderons und Ariosts. Endlich aber, es gab auch eine neue Sittlichkeit, roher zunächst und grobkörniger, flegelhafter, aber gesunder. Das gilt zum wenigsten für die Zeiten Alarichs und Theodorichs. Wir sahen schon, wie die Vandalen in Carthago gegen die verworfenen Laster in der Großstadt einschritten: eine Sittenkontrolle. So singt denn ein Kirchenmann, der jene umwälzenden Zeiten miterlebte, aufrichtig und laut das Lob der Tugend der neuen Völker. Es ist Salvian , der in Marseille saß, aber Vandalen, Goten und Franken aus nächster Nähe beobachtet 402 hat. Gott straft uns schon im Diesseits, so predigt er. Wer unter uns katholischen Christen lebt wirklich Gott wohlgefällig? Alle Sünden haften an uns, als hätte das Christentum nichts verbessert. Seht auf die Germanen. Sie sind schon deshalb entschuldbarer, weil ihre Kultur geringer. Freilich ist der Franke treulos, der Sachse ist wild, der Hunne unzüchtig; aber diese sind noch Heiden und wissen nicht, was sie tun. Die Goten und Vandalen aber, die arianische Christen sind, könnten uns ein Vorbild sein. Sie sind wirklich gut und liebreich zueinander, ob vornehm, ob gering. Daher flüchtet zu ihnen, wer bei uns arm und gering, und findet dort gutherzige Aufnahme und Zuflucht. Der Druck auf die unteren Klassen fehlt, und damit der Klassenhaß. Es lebt sich besser Dies hebt auch schon Orosius VII, 41, 7 hervor. . Auch kennen sie nicht die raffinierte Lüsternheit unserer Schauspiele. Der Gote und Vandale ist keusch im Vergleich mit uns. Daher auch ihr Wagemut, der aus ihrem Gottvertrauen fließt. In Gottes Hand legen sie den Sieg. Wir aber sind nicht nur an Geld arm, sondern auch an Sittlichkeit. So ist es ein gerechtes Gericht, daß Gott die Welt an die Barbaren gibt. Wenden wir uns zu den Westgoten, den Nachkommen Alarichs. Sie hatten, wie erwähnt, zunächst den schmalen Streifen Südfrankreichs inne mit Toulouse und Narbonne. Nach Norden sich auszudehnen hinderte sie der römische Besitz, der dort jenseits der Loire bestand und den jetzt der römische Heermeister Syagrius schützte. Daher weiteten sie sich nach Spanien aus, nahmen Toledo und andere Städte; denn auch sie wußten jetzt das städtische Leben zu schätzen. Ihre Könige waren immer noch ein herrlich Geschlecht. Die Römer aber und die altrömisch Gesinnten sahen auf alles Germanische mit Haß und Schmähsucht. Die Goten, heißt es, haben das Reichsein noch nicht gelernt und werden immer gleich trunken vom Besitze Sidonius Apollinaris Epist. V, 7. . Aber dieselben Zeugen konnten gelegentlich nicht umhin, sie zu bewundern. Mit Neugier wird beobachtet, wie ein junger Germanenprinz, er hieß Sigismer, als Bräutigam auszieht, um sich die Braut zu holen. Eine Koppel Pferde in prachtvoll mit 403 Edelsteinen geschmücktem Geschirr führt er mit sich, geht aber selbst zu Fuß über die Straße, ganz in Rot und Weiß gekleidet, auch er selbst blendend weiß von Haut und kräftigem Wangenrot. Die vornehmen Jünglinge, die ihn im Zuge begleiten, haben bloße Kniee, bloße Waden, Fellstiefel; ein enger buntfarbiger Rock, der nur bis zum Knie reicht; darüber ein grüner Mantel mit Purpurrand; die Hände voll Waffen; von der Schulter hängt das Schwert herab Sidonius Epist. IV, 20. . Besonders aber will man wissen, wie solch ein Gotenkönig, der in Toulouse sitzt, selber aussieht, und da erhalten wir eine lächerlich genaue Beschreibung; wie ein Steckbrief: der junge Herr sei ein bevorzugtes Geschöpf Gottes; Rundschädel, aber hohe Stirn; die langgewachsenen krausen Haare haben sich von der Stirn zurückgezogen. Wunderbar lang sind seine Augenwimpern, so daß sie, wenn er das Auge schließt, die Oberwange berühren. Zottige Brauen im Bogen; auch die Nase gebogen, doch schön und anmutig. Die Ohren sind von langen Haarbüscheln zugedeckt. Längs der Ohren etwas Bart; sonst wird das Gesicht täglich ausrasiert. Der Mund klein, da die Mundwinkel ihn nicht verbreitern. Der Nacken natürlich stark muskulös, die Haut des vollen Halses milchweiß, die Arme kraftvoll und hart; die Brust vorspringend, der Bauch eingezogen und die Schenkel fest wie Horn (wer denkt hierbei nicht an den hörnenen Siegfried?) Dazu kommen noch dicke Waden und ein Fuß von Mittelgröße. Nach dieser Beschreibung könnte man solchen Germanen heute in Wachs formen für das Wachsfigurenkabinett. Zur Frühmesse geht der hohe Herr mehr aus Gewohnheit als aus Einsicht. Eifrig aber ist er als Regent. Er sitzt auf seinem Stuhl; ein Graf in Waffen steht dabei hinter ihm. Die Schutzmannschaft dagegen muß draußen bleiben, weil sie drinnen zu viel Lärm machen würde. Nach zweistündiger Arbeit besucht der König dann seine Schatzkammer und seine Stallungen. Dann geht er auf Jagd. Der Page muß Bogen und Pfeil hinter ihm hertragen; will er den Bogen brauchen, legt er die 404 Hand auf den Rücken, und der Bogen wird ihm in die Hand geschoben. Er spannt ihn immer höchstselbst, läßt sich dann angeben, welches Ziel er treffen soll, und trifft immer. Beim Essen wird nicht mit schweren Silberschüsseln geprotzt; nur das karge Gespräch hat Gewicht, nicht das Eßgeschirr. Dann gibt es Würfelspiel; der Herr lacht, wenn er verliert, und ist jovial herablassend. Hat er aber im Spiel gewonnen, so ist er hernach in glänzender Stimmung, und die Geschäfte, die nun am Nachmittag folgen, gehen glatt; denn da gibt es wieder eine Fülle von Audienzen, und der Andrang der Bittsteller ist groß. Zum Abendtisch treten dann endlich Spaßmacher und Mimen auf, aber keine brausende Orchestermusik; der Herr liebt nur das einfache Saitenspiel, das Gehör und Seele beschwichtigt. Es ist der Harfner, der spielt und den wir aus dem Ritterepos kennen. Aber der Mord wurde in diesen Königsfamilien üblich, der politische Mord. Der geschilderte junge Herr war zu römerfreundlich; sein Bruder beseitigte ihn (im Jahre 466), und dieser Bruder hieß Eurich , genau gesprochen Eôrîch . Die viersilbige Aussprache Eôricus mit langen Vokalen wird uns durch den Vers gesichert bei Sidonius (ed. Lütjohann), S. 137 v. 43. . In der machtvollen Gestalt dieses Eurich steht das Westgotentum auf dem Gipfel seiner Erfolge. Das Pflichtbündnis mit dem Scheinkaiser in Ravenna hob er auf und ging schneidig erobernd und sicher zugreifend in Spanien wie in Frankreich vor. In Spanien nahm er Sevilla, selbst das ferne Lissabon weg. Bordeaux an der Garonne wurde seine Hauptstadt; Bordeaux wurde dadurch damals für 18 Jahre ein Zentrum der Weltpolitik. In Frankreich selbst war es die Auvergne, sogar schließlich auch Arles und Marseille, die er den Römern wegnahm. Von Marseille aus konnte er immer den Einmarsch in Italien erzwingen. Statue eines Barbaren als römischer Feldherr Statue eines Barbaren als röm. Feldherr. Cilli, Steiermark (Kopf gebrochen u. aufgesetzt). Rev. Archéolog. , 4. Serie, Bd. 12 (1908). In der Auvergne lag die steile Gebirgsstadt Clermont mit den engen, gewundenen Gassen, in der Nähe des Puy-de-Dôme Clermont ist Clarus mons ; einst hieß es Augustodunum . . Da saß der Bischof Sidonius , der all dies miterlebte und als Augenzeuge über manches uns unterrichtet: ein sehr weltlicher und weltkluger, selbstgefällig vornehmer und schwerreicher Großgrundherr, der seine Kräfte bisher der 405 römischen Kaiserpolitik gewidmet, ja, in Rom selbst die städtische Verwaltung geführt hatte, jetzt aber, ohne eigentliche geistliche Vorbildung, als Bischof nach Clermont gesetzt worden war, um dort den Widerstand gegen König Eurich zu organisieren. Nicht nur Germanenhaß, auch Glaubenseifer wirkte dabei mit ein, und der Papst Roms stand ganz auf der Römerseite. Denn Eurich war eifriger Arianer; seiner Lippe und seinem Herzen schmeckte das Wort »katholisch« sauer wie Essig, heißt es. Wenn die Goten plünderten und die Feldfrucht vernichteten, schickte der Papst damals zum Ersatz Getreide in Mengen gratis nach der Auvergne, so daß die Flüsse von den Lastkähnen bedeckt waren Sidonius Epist. VI, 12. , ein Zeichen, über welche Gelder der Papst damals schon verfügt haben muß. Sidonius benahm sich in dem Kampf umsichtig und tapfer; aber es half nichts; Eurich siegte, und Sidonius wurde gefangen abgeführt, eine Menge katholischer Bischöfe beseitigt Epist. VII, 6, 4 ff. . Monate lang mußte der verwöhnte Sidonius in Bordeaux warten und warten, ehe er einmal Audienz erhielt, und mit Staunen und Neid sah er da den Betrieb; die Gesandten aller Völker gingen da ein und aus, nicht nur heidnische Sachsen und Franken, auch Heruler, Ostgoten, auch Griechen aus Constantinopel, sogar persische Unterhändler, die Eurichs Bündnis gegen Constantinopel forderten Epist. VIII, 9. . Sidonius ließ sich, als er begnadigt worden, herbei, den Allmächtigen sogar in Versen zu verherrlichen, und sein Wort: »Lieber Mönch werden als gotisch! lieber die Haare verlieren als die Heimat« Epist. II, 1 fin. , machte er nicht wahr. Der gotischen Königin Ragnahild wurde ein silbernes Waschbecken in Muschelform verehrt; dazu machte Sidonius die nötigen Verse: »Neige dein Herrscherhaupt etwas,« heißt es darin, »und nimm das kleine Geschenk, du große Frau. König ist dein Vater, König dein Gemahl; möge auch dein Sohn einst König sein. Glückselig das Wasser, das, in das lichte Becken eingeschlossen, das lichtvollere Gesicht der Fürsten bespült. Denn wenn die Königin sich herabläßt, ihre Haut mit dir zu netzen, so wird das Silber selbst durch ihr Antlitz noch blanker, als es ist.« Epist. I, 8. 406 Mutmaßlich war diese Königin eine ziemlich derbe, vierschrötige Person. Sie wird die Hände in die Hüften gestemmt und über die Verse laut gelacht haben. Es ist nichts merkwürdiger, als der Gegensatz der großzügigen Goten zu diesem Römer und seiner grenzenlos verschnörkelten, parfümierten, leckeren Art, mit Worten zu spielen! Syagrius hieß der römische Heermeister, der damals das römische Loiregebiet in Nordwest-Frankreich immer noch verteidigte. Auch zu ihm stand Sidonius in Beziehungen. Dieser Syagrius aber konnte deutsch sprechen; es war dies eine große Ausnahme, und Sidonius macht sich weidlich lustig darüber, daß der Genannte mit vornehmen Burgunden wirklich fließend deutsch spricht und sie obendrein im Latein unterrichtet Epist. V, 5. . Der Deutsche ängstigt sich sogar vor ihm, einen deutschen Sprachfehler zu machen! Wer weiß? dieser Syagrius hätte also schon damals eine deutsche Grammatik schreiben können. Hätte er es doch getan! Grammatische Bestrebungen lagen nicht so fern; bald hernach hat König Chilperich, der Franke, das Alphabet zu ergänzen versucht: Gregor von Tours V, 44. In Sidonius steht der eitle Franzose fertig vor uns. Er ist nur noch nicht germanisiert genug, um bedeutend zu sein. Des gewaltigen Königs Eurich Macht und Herrlichkeit aber kam bald in Verfall, als er in Arles starb (im Jahre 485). Nicht den Westgoten gehörte die Zukunft, erst recht nicht den Vandalen. Vielmehr brachte die nächste Generation jetzt aus anderem Stamm zwei große Germanen, deren Namen unvergänglichen Klang bewahrt haben: es sind Chlodwig und Theodorich der Große, und ihre Völker, die Franken und Ostgoten, nehmen plötzlich die Führung der Dinge, werden Träger der Fortentwicklung Europas. Man beobachtet mit Spannung, wem von diesen beiden es endlich bestimmt war, einen endgültigen Besitzstand, der bis heute dauert, zu schaffen. Chlodwig, der Merowinge, der rücksichtslos durchtriebene, satanisch kluge Kriegsmann; Theodorich nicht minder tatkräftig, aber weise, besonnen, ein Mann des Rechts und des versöhnenden Wortes. In Nordost-Gallien, zwischen Somme und Maas, saßen 407 bisher die Franken auf verhältnismäßig engem Gebiet; an der Schelde war ihr Königssitz Gregor von Tours I, 40. ; ihre Hauptstärke lag noch außerhalb des Landes am Unterrhein. Wollten sie nach Westen und Süden sich ausdehnen, so stießen sie auf das römische Gebiet der Loire, das jener Syagrius verteidigte, und auf die Burgunden, die an der oberen Saône und Rhone saßen. Im Jahre 481 wurde der junge Chlodwig König Vgl. Gregor I, 27 ff.; W. Levison in d. Bonner Jahrbüchern CIII (1898) S. 42 ff. und seitdem die entschlossene Offensive Prinzip der Frankenpolitik, die es bis in die Zeiten der Bourbonen, Napoleons und des heutigen Poincaré geblieben ist. Es zeigte sich bald. Sein Geist und sein Schwert waren schärfer gewetzt als das der anderen. Kaum war er 20 Jahre alt geworden, da schlug er schon jenen Syagrius aufs Haupt (im Jahre 486), und das ganze Römergebiet war sein eigen. Syagrius rettet sich zu den Westgoten, nach Toulouse; Chlodwig aber fordert brüsk seine Auslieferung, und die Westgoten sind so schwach, den Mann auszuliefern; denn Chlodwig grenzt jetzt unmittelbar an das Gotenreich, und seine Forderung war drohend. Zehn Jahre wartet er; dann zieht er mit starkem Heeresbann in das Elsaß und besiegt dort in der berühmten Schlacht, die man die Schlacht bei Zülpich nennt, im Jahre 496 die Alemannen. Nunmehr umfaßt er das Gebiet der Burgunden von Westen her. Da tat er als Sieger den entscheidenden Schritt, durch den er alle anderen Germanenkönige überbot; er war noch Heide; in der Weihnachtsnacht desselben Jahres ließ er sich zum Christen taufen, aber er wählte den katholischen Glauben. Alle anderen Germanen waren immer noch arianisch; der Franke allein war jetzt papistisch und römisch gläubig, und seine Berechnung täuschte ihn nicht. Der Papst war für ihn, und alle Bischöfe in allen Städten der benachbarten Germanenländer arbeiteten ihm jetzt in die Hände; sie alle wollten jetzt das fränkische Regiment. Leicht wird es ihm jetzt, im Jahre 500 auch die Burgunden zu besiegen. Dann ist er so weit, mit verdoppelter Macht endlich auch gegen das Westgotenreich nach Südfrankreich 408 vorzubrechen. Die Bischöfe übergaben, verrieten ihm da eine feste Stadt nach der anderen. Er tut fromme Werke, und sogar das Wunder kommt ihm darum zur Hilfe; ist ihm ein Fluß zu breit, erscheint aus den Wäldern eine Hirschkuh wunderbar, um ihm die Furt zu zeigen, und er setzt mit Roß und Mann hinüber. Die Westgoten erlagen in der Entscheidungsschlacht bei Poitiers im Jahre 507. Der Katholizismus siegte mit Chlodwig; Chlodwig siegte durch den Katholizismus. Übrigens herrschten bei diesen Goten endlose Kronwirren; die Thronfolge war durch kein Erbrecht gesichert; auch das schwächte ihre Kraft unheilvoll. Fortan waren die natürlichen Grenzen der europäischen Staaten hergestellt, die das heutige Europa anerkennt. Frankreich und Spanien waren getrennt. Spanien ist für die nächsten Jahrhunderte Westgotenland, Frankreich für immer das Land der Franken. Nur in Arles saßen die Westgoten noch fest; Chlodwig gelang es nicht, Arles zu nehmen. Dieser Chlodwig war nicht nur Kriegsmann; er war Politiker ersten Ranges: erst lauernd und abwartend, dann rasch zufahrend mit festem Griff. Er erspähte die Schwächen seiner Nachbarn, er kannte die Stärke der geistlichen Macht. So ist er ein zweiter Constantin. In der Tat: so wie Constantin der Große gegen den Heiden Licinius planvoll das Christentum in seine Segel nahm, so nahm Chlodwig den Katholizismus in seine Segel gegen die arianischen Konkurrenten. Beiden Männern war die Religion nur das Mittel, die Macht war das Ziel, und beide irrten sich nicht. Ihre Politik war unfehlbar. Paris war jetzt Chlodwigs Hauptstadt. Mit welcher Tücke er in den letzten Jahren seines Lebens eine Anzahl von fränkischen Gaukönigen, Sigebert in Köln, Ragnachar im Cambray u. a., die noch selbständige Herrschaften innehatten, mitsamt ihren Söhnen ums Leben brachte, erzählt Gregor von Tours , der die Geschichte der Franken schrieb, ohne alle Beschönigung, obschon dieser Gregor sonst, wo er kann, den 409 kirchlichen Sinn des Gewaltigen lobpreist. Auch viele andere Gaukönige ließ Chlodwig so töten, sogar seine nächsten Verwandten (erzählt Gregor weiter). Dann aber sprach er zu seinen Leuten: »Ach, daß ich nun so einsam bin und kein Blutsverwandter mehr da ist, der mir helfen kann!« Das sagte er aber nicht aus wirklicher Betrübtheit, setzt unser Autor hinzu, sondern aus List, um zu hören, ob vielleicht noch einer da wäre, den er töten könnte Gregor II, 42. . Er starb in seinem 45. Lebensjahr. Nach seinem Tode teilten sich seine wilden Söhne in die Macht, und es begannen unter ihnen die Ränke, der blutige Hader, der nicht enden wollte. Das Königtum der Merowinger ist von hinterlistigem Verwandtenmord erfüllt, wie denn der Königsmord damals auch bei den Westgoten, auch bei den Angelsachsen in erschreckender Weise zunahm Bis zum Jahre 549 sind 7 westgotische Könige ermordet worden, nur 5 starben natürlichen Todes. Für die Angelsachsen vgl. Stubbs, Constitutional history of England I, S. 137; Gregor, von Giesebrecht und Hellmann I, S. 168. . Gleichwohl hat sich das Lebenswerk des Siegers Chlodwig dauernd bewährt. Die Söhne gingen auf seinen Bahnen; mit Erfolg begannen sie den Versuch, auch Thüringen zu erobern, das dortige Königshaus zu vernichten. Wir aber wenden uns jetzt zu Chlodwigs großem Zeitgenossen, der ihn an Ruhm noch überboten hat, zu Theodorich , dem Ostgoten, und wir werden erfreulichere Eindrücke gewinnen. In Chlodwig zeigt sich nichts als die Schlagkraft der unkultivierten Germanennatur, die keine Skrupel kennt, in Theodorich ihre Veredelung unter dem vollen Einfluß der Antike. So ist aus ihm (wir dürfen den hochgegriffenen Ausdruck gebrauchen) eine Idealgestalt geworden und doch ein rechtes Produkt der Zeit, ein erlesener Träger des Zeitgeistes. Blicken wir wieder auf Italien. Da saß in Ravenna immer noch irgendein Schattenkaiser alten Stils, der die Scheinherrschaft führte, am längsten der Kaiser Valentinian III. (in den Jahren 425–455), der die Besiegung Attilas aus der Ferne miterlebte, den Römer Aëtius aber, der Attilas Besiegung glorreich durchgefochten hatte, aus Neid und Furcht umbringen ließ, um dann selbst ermordet zu werden. Der griechische Kaiser in Constantinopel hielt darauf, daß das alte 410 Zweikaisertum des Arcadius und Honorius fortbestehe und also auch in Ravenna nach wie vor ein Repräsentant der Kaisermacht fungiere; fehlte ein solcher, so erhob er selbst Anspruch auf die Herrschaft in Italien. Aber es kam anders, und das Dekretieren nützte dem Byzantiner nichts, wo die Germanenvölker, die Ostgermanen, in ewiger Unruhe über die Grenzen drangen. Neben den Ostgoten sind nochmals die Heruler, die Gepiden, die Rugier, die Skiren zu nennen, Völkerschaften, die den Goten nächstverwandt waren. Als Attilas Reich wie eine Schaumblase jählings zerplatzt war, saßen alle diese Stämme wieder selbständig in ihren Gebieten unter Königen, und zwar in den Landstrichen der Ostalpen, Ungarns und Rumäniens, an der Theiß und Donau. Der Kaiser von Byzanz sah sich u. a. genötigt, den Gepiden Jahresgelder zu zahlen, um sie zu beruhigen. Übrigens ließen sich auch ganze Scharen aus diesen Völkerschaften regelmäßig zu hohem Sold als bevorzugte Truppe im kaiserlichen Heer anwerben, und so war nun auch Italien von solchen Soldtruppen erfüllt. Schon zu den Zeiten Valentinians III. nahmen diese germanischen Söldner in Italien dermaßen überhand, daß sie sich wie die Herren im Lande fühlten. Daraus ergaben sich ihre Forderungen; sie forderten festen Landbesitz, ja, womöglich den gesamten Ackerboden Italiens für sich selber. Unter ihnen war ein junger Soldat mit Namen Odowaker , der zu den Rugiern oder Skiren gehörte und durch seine Eigenschaften früh eine führende Stellung gewann. Er versprach den Heerscharen, ihre Ansprüche endlich durchzusetzen, wenn sie ihn zu ihrem König machten. Es geschah. Sogleich bemächtigte er sich der armseligen Person des letzten römischen Kaisers; dieser Kaiser hieß damals närrischerweise Romulus , und so kommt das Wunderbare zustande, daß Roms Geschichte mit einem Romulus beginnt und mit einem Romulus endet. Odowaker nahm diesem »Romulus Augustulus« alle Kronrechte, 411 schonte aber sein Leben, und der Abgesetzte durfte mit einem Jahresgehalt von 6000 Soldi als Privatmensch weiterleben 6000 Soldi sind ungefähr 28 600 Gulden. . Odowaker war jetzt zwar König in Italien, aber nur Heerkönig, ein König ohne Nation, und er herrschte als solcher Soldatenkönig zehn Jahre im Lande, indem er sich formell als Statthalter des byzantinischen Kaisers Zeno , diesen somit als seinen Oberherrn betrachtete. Zeno freilich wollte seinerseits hiervon nichts wissen. Ein Drittel aller Landstellen in Italien hat Odowaker dann wirklich an seine Landsknechtregimenter verteilt, und eine Menge Germanen waren also jetzt als Militärkolonisten im Lande verstreut. In Ravenna erbaute er sich einen neuen Palast (den kaiserlichen Palast wagte er, wie es scheint, nicht zu bewohnen) und stand so mächtig da, daß er sogar als Arianer die Papstwahlen in Rom zu beeinflussen unternahm. Aber er machte sich im Lande nur zu schnell unbeliebt; denn er war arm und brauchte Gelder. Er schenkte gern mit vollen Händen und hatte nichts. Die Folge war ein Aussaugesystem, das die Bevölkerung, insbesondere das Großkapital, schwer erbitterte. So war es natürlich, daß er erlag, als ein Mächtigerer sich an den Grenzen zeigte. Dieser Mächtigere kam im Auftrage Kaiser Zenos. Es war der Ostgote. Nach dem Auseinanderfall des Hunnenreichs hatten auch die Ostgoten sich wieder selbständig gemacht. Mit Genehmigung des Kaisers nahmen sie Wohnsitze in Pannonien, und der Kaiser bewilligte ihnen so gut wie den Gepiden Jahresgelder. Theodemir hieß ihr König, aus dem stolzen Geschlecht der Amaler, der dann noch einmal einen Angriff der Hunnen abzuwehren hatte. Am Tag, da er die Hunnen schlug, wurde ihm von seiner Konkubine Ezeliva der Sohn Theodorich geboren, den man Theodorich den Großen nennt. Für die Ostvölker war damals Constantinopel das Zentrum alles Lebens; der Knabe Theodorich wurde 7–8jährig als Geisel für die Treue seines Vaters an den byzantinischen Hof gegeben. Er war ein elegantes Bürschchen oder ein 412 ansehnlicher feiner Knabe ( puerulus elegans ) und gewann sich gleich das Herz des damaligen Kaisers Leo. Zehn Jahre lebte er dort; seine ganze Knabenerziehung war somit ohne Frage griechisch-römisch; der ganze altklassische Schulunterricht kam über den Germanen Daß der Kaiser Justinus, der Onkel Justinians, Analphabet war, müssen wir dem Prokop wohl glauben. Wenn die Excerpta Valesiana aber für Theodorich dasselbe melden, so ist das Unsinn. Schon die vielseitigen geistigen Interessen, die Theodorich nachweislich verfolgte, widerlegen das: er kennt Homer aus der Jugendzeit ( Cassiodor Var. II, 22), betont den Wert der literarischen Bildung (III, 33); daher das aedificari libris III, 11, 5; die Übersetzungen des Boëthius preist er I, 45, und so gilt der Satz: in teneris annis adquiritur quod matura aetate servetur (III, 11, S) sicher von ihm. Mehr noch beweist sein Regiment selbst, das in Verwaltung und auswärtiger Politik gänzlich auf schriftlichem Verfahren beruhte. Die abertausend wichtigen Akten muß der König durch Selbstlesen kontrolliert haben, oder er war verraten und verkauft. D. h. er las, aber er schrieb nicht gern. Dieselben Excerpta sagen uns 14, 79, daß er unter jede Akte sein »ich habe gelesen« ( legi ) setzte. Das ist das beste Zeugnis; er las. Aber er schrieb dies legi mit Hilfe einer Schablone, d. h. er wollte das legi in Schönschrift geben, und das freihändig Schreiben war ihm unbequem. Aus der Verwendung der Schablone aber ist das Märchen vom Analphabeten ( illiteratus ) entstanden. Auch Jordanes nennt sich übrigens agrammatus p. 126 M. , und als der Prinz in das Reifealter des Studenten trat, war er ein Träger der Antike, ein Mensch feinster Bildung geworden, der es an Schliff, an Tiefblick und Weitblick den byzantinischen Jünglingen, die mit ihm erzogen wurden, ohne Frage gleichtat. Aber er hatte sich bei alledem sein Nationalgefühl bewahrt; denn es lebten in der Hauptstadt zahlreiche Männer seines Stammes in den angesehensten Stellungen, an denen sein jugendlicher Stolz sich nähren konnte. Gleichsam mit dem Zeugnis der Reife entlassen, wurde er 18jährig Waffengefährte seines Vaters Theodemir, der gerade in Fehde mit benachbarten Germanenstämmen lag: auf eigene Faust wirbt er da 6000 Mann an und besiegt die Sarmaten, die Belgrad (Singidunum) inne haben; seine erste Waffentat; und er zeigt sich gleich als Vollblutgote; Kaiser Leo erhebt auf Belgrad Anspruch; aber Theodorich behält es für sich. Sem Vater stirbt; da ist er, noch nicht 20jährig, König. Wie viele dieser Könige, Alarich, Chlodwig, Theodorich, treten als junges Blut, im Siegfriedalter, in die Geschichte! Und er spielt nun auch die Doppelrolle, die Alarich einst gespielt hatte; er ist einerseits selbständiger Erbkönig seines Volkes, er ist anderseits Heermeister im Dienst des befreundeten Kaisers. Und schon macht er sich politisch geltend, ja, unentbehrlich. Kaiser Leo starb im Jahre 474. Dessen Nachfolger Zeno litt anfangs schwer unter Widersachern in seiner Hauptstadt; um sich den Thron zu sichern, stützt sich Zeno zunächst auf Theodorichs Hilfe, mit vollem Erfolge, und überschüttete den jungen Barbaren darauf zum Danke mit Reichtümern, ernannte ihn zum Patricius, ja, er adoptierte ihn zu seinem Sohne. Theodorich nahm es hin; aber er fühlte sich durch solchen kaiserlichen Dank zu nichts verpflichtet. Auch trug Zeno kein Bedenken, alsbald einen anderen Gotenfürsten, der zufällig 413 denselben Namen Theodorich trug, statt seiner zu begünstigen, ja, gegen ihn auszuspielen. Des jungen Königs Pflicht lag anderswo; denn er war der berufene Träger des Egoismus seines Volkes. Er hatte am Byzantiner Hof die Vorzüge, aber auch die Schwächen des alten Weltreichs durchschauen gelernt, ein Herrschertum, aufgeblasen und verzagt, schwach und listig, und seine Pläne gingen hoch. Die Vandalen saßen in Carthago, die Westgoten in Bordeaux; Chlodwig hatte eben den Römer Syagrius besiegt; warum sollte Theodorich nicht das gleiche versuchen? Rom zwar lag zu fern; aber warum sollte er Constantinopel nicht bedrohen? Es war ein Hin und Her von Drohung und Versöhnung zwischen dem Kaiser und ihm. Zunächst überfällt Theodorich das Land Thessalien (im Jahre 482); da werden ihm vom Kaiser die Länder Dacien und Mösien eingeräumt, und er wird zudem römischer Konsul, die altmodische höchste Ehrung, die freilich den Kaiser wenig kostete. Zeno muß Krieg in Kleinasien führen; da setzt Theodorich für ihn erfolgreich sein Heer ein, und er darf nun gar als Triumphator nach Art des Pompejus und Scipio mit seinen Goten in Constantinopel einziehen, und seine Reiterstatue wird im Angesicht des Kaiserpalastes aufgestellt (im Jahre 486). Trotzdem bedroht er hernach den Kaiser rücksichtslos wieder in seiner Hauptstadt, und Zeno hat keine Wahl mehr: Rom oder Constantinopel? Zeno beschloß, den gefährlichen jungen König auf Rom, auf Italien abzulenken. In Italien saß Odowaker. »Befreie Italien,« hieß es, »und es sei dein. Du magst dort herrschen als Stellvertreter meiner Kaisermacht.« Es war die altbewährte Taktik der Cäsaren, Germanen auf Germanen zu hetzen. Nichts aber war dem Theodorich erwünschter; denn er hatte auch persönliche Gründe, dem Odowaker zu grollen. Im Jahre 488 brach er los, kein Heereszug, vielmehr eine Völkerwanderung: Weiber, Kinder und Greise auf Karren in langen Wagenzügen, dazu Vieh und Viehtreiber. Auf 250 000 kampffähige Männer wird sein Volk geschätzt. So ging es in harter 414 Winterszeit durch die weiten Strecken der Donauländer und die Ostalpen. Durch das Volk der Bulgaren schlug er sich durch, die da von Stutenmilch leben Ennodius S. 267, 12 ed. Hartel. , besiegt in verzweifeltem Ringen die Gepiden, von denen dann viele abenteuerlustig sich seinem Zug anschließen, er selbst auf blankem Roß in lichtem Harnisch, dem Sturmgewand, und überall der erste im Kampfe. Vor dem Beginn der Schlacht schmückten ihn seine Mutter und seine Schwester eigenhändig; so wollte er es haben: »Geschmückter will ich im Kampf sein als beim Feste. Wer mich am Draufgehen nicht erkennt, erkenne mich am Glanz der Waffen!« Odowaker warf sich ihm entgegen; da gab es zunächst eine Isonzoschlacht; dann die Schlacht bei Verona. Daher der Dietrich von Bern der Heldensage; Dietrich von Bern Der Name Verona konnte auch Berona geschrieben werden, da im Spätlatein die Laute b und v unendlich oft verwechselt wurden. Die Stadt Bern in der Schweiz aber hat, wie man mich erinnert, von jenem Verona ihren Namen überkommen. Dies Bern ist von dem Zähringer Berchtold erst im Jahre 1191 gegründet worden, der Titular-Markgraf der Mark Verona war. ist nichts anderes als Theodorich von Verona. Eine Zeitlang war der Gegner wieder gegen ihn im Vorteil; treulos liefen ganze Kriegerhaufen von einem Führer zum andern über. Im Jahre 490 kam es zu einer dritten Schlacht an der Adda. Dann wird Odowaker in Ravenna eingeschlossen, und da spielt nun die Schlacht bei »Raben«, wie die Sage sie umnennt. Drei Feldlager errichtet Theodorich vor der festen Stadt. Aber erst, als er eine hinlängliche Flotte gewinnt, um auch den Hafen der Festung abzusperren, ergibt sich Odowaker, vom Hunger bezwungen. Es war eine dreijährige Belagerung. Theodorich schont das Leben des tapferen Gegners. Aber es wurde ruchbar, daß Odowaker auch jetzt noch Ränke spann; ein Landsknechtführer versteht sich darauf, Anhänger auch unter den Leuten seines Gegners zu werben. Da lud ihn Theodorich zum Gastmahl, ließ ihn festhalten, und mit dem Ruf: »da hast du selbst, was du den meinen angetan!« hieb er ihn nieder mit eigener Hand. Richter und Henker zugleich! Mit Geschrei füllt sich die Halle. Es war das Verfahren des Diocletian (oben S. 124 ). »Es ist besser durch Königshand als auf dem Stroh zu sterben«: damit mochte Odowaker sich trösten, oder gar, wie es im Verse lautet: »Von eines Königs Handen lieg' ich hier herrlich tot.« Auch sein ganzes Gefolge wurde getötet Mir will die Darstellung dieses Vorganges bei L. M. Hartmann, Geschichte Italiens im Mittelalter I S. 76 nicht einleuchten. Der Umstand. daß Theodorich anfangs das Leben Odoakers schonte, beweist, daß die nachträgliche Hinrichtung in gefährlichen Umtrieben des letzteren Grund gehabt haben muß. An die Nachricht, daß auf Theodorichs Geheiß die italienische Bevölkerung über Odoakers Soldaten in weiten Landesteilen herfiel und sie sämtlich ermordete, ist schwer zu glauben; diese Soldaten waren doch in der Lage, gegen die Italiener sich hinlänglich zu wehren. . 415 Diese Reiterkämpfe von Germanen gegen Germanen, die Kämpfe Theodorichs mit Odowaker, haben auf die deutsche Phantasie weithin den tiefsten Eindruck gemacht, und Dietrich, »der Vogt von Bern«, wurde sofort als eine der Zentralfiguren der deutschen Heldensage ins Wunderbare umgedichtet. Die Romantik des Rittertums umfaßte ihn; sie zehrte von seiner Erinnerung. So tönt es noch heute zu uns herüber. Er springt in den Kampf. Durch Blutweihe sind seine Heergesellen mit ihm verbunden, und sein Gefolge ist sein Schirm und seine Zier. Jäher Zornmut packt ihn, wenn er königliche Jünglinge umkommen sieht, die ihm teuer, und er rächt ihren Tod, indem er dem Meister Ilsan, der sie hütete, das Haupt abschlägt Uhland, Werke ed. Holthof, S. 270. . Im Rosengarten kämpft er mit Siegfried und streckt ihn mit Schwertschlag auf die grüne Heide nieder. Auch den Riesen Ecke erschlägt er und tauscht die eigenen zerhauenen Waffen mit den seinen aus. Falk heißt sein Roß, das über das Feld fliegt und laut schreit, wenn es angebunden ist und seinen Herrn in Bedrängnis sieht. Der Rosengarten aber liegt im Tiroler Land um Trient; es ist ein Anger voll Vogelsangs und spielenden Wildes, und Dietrich meint da im Paradies selbst zu sein. Ebendort sind auch die Zauberberge mit den Zwergen in der Tiefe, dort auch die Lindwürmer oder feuerspeienden Vipern. Mit Drachen und mit Riesen kämpft Dietrich dort; auch jener Ecke war solch ein Riese. Aber auch andere wohlbekannte Namen tauchen auf; denn sein Waffenmeister und Pflegevater ist Hildebrand, der alte, dem sein Bart längst grauet auf seinen langen Heldenfahrten. Die kühnen Wölflinge aber sind Dietrichs Recken. Es sind Recken, die statt der Jungfrau das Schwert minnen; darunter Wolfhart, der Berserker, der in seinen Schild beißt und mit den Zähnen knirscht vor Wut. Desselben Wolfhart Roß ist weiß wie Hermelin, und auf dem Helm hat er eine Stange mit Goldschellen, die erklingen, wenn er den Helm schüttelt. Von der Mauer von Bern (Verona) sehen die Hausfrauen die Helden ausreiten über die Etschbrücke in das ebene Feld. »Wie recht schön ist hier das 416 herrliche Land!« rufen da die Männer. »Wahrlich, Vogt von Berne, ihr mögt hier wohl immer wohnen gerne!« In der Tat, Theodorich wohnte hier gerne, er, der Herr Veronas, aber auch Roms, der Herr Italiens. Auch über Sizilien erstreckte sich sein Machtbereich. Er selbst aber warf jetzt sein Reckentum ab, und sein Schlachtenroß ruhte im Stalle. Ihn, den die Dichtung nur als Mann des Schwertes feiert, die Geschichtschreibung feiert ihn vielmehr als Friedensfürsten, der acht gibt auf das Glück der Völker. Denn so war es. Nachdem Odowaker gefallen, begann er ungesäumt die große Friedensarbeit und wurde als besonnener Politiker und Reichsverwalter in bewunderungswürdiger Weise ein Retter der sinkenden Kultur, ein zweiter Stilicho, aber dazu ein Kronenträger: also Stilicho und Alarich in Eins. Mochte sein Werk hernach untergehen: die 34 Jahre seines italienischen Herrschertums, ein volles Dritteljahrhundert, waren ein Segen für die Welt, dergleichen das römische Kaisertum selbst kaum seit der Zeit der Antonine je gewährt hatte. Hebung Italiens, Pazifizierung der Welt waren die hohen Ziele seines Wirkens. Die Ansiedlung seiner Goten geschah in mildester Form. Die Bücher Moses erzählen, daß die Israeliten einst, als sie gegen Jericho zogen und das Land Kanaan nahmen, die Moabiter dort völlig mit dem Schwert vertrieben und das ganze Land durchs Los an ihre Geschlechter verteilten 4. Moses, 33, 50 f. . Die Gotenansiedlung dagegen war gleichsam nur eine Einquartierung, und die bisherige Bevölkerung blieb sitzen, wo sie war. Aus dem römischen Heerwesen war das Verfahren übernommen; denn die Römer belegten, wenn sie ihre Heere vorschoben, allemal zuvor für die Soldaten festes Quartier, und die Hausbesitzer waren dann verpflichtet, dem Ankömmling in jedem Fall ein Drittel des Raums zur Verfügung zu stellen. An dies Verfahren hielten sich die Könige der Westgoten, ebenso auch Theodorich gebunden Die Vandalen in Afrika hielten es anders; s. Prokop, Vandal. I, 5. . Daher kommt es, daß die Goten nicht etwa ein zusammenhängendes Stück Italiens für sich allein bewohnten Vgl. E. Th. Gaupp, Die germanischen Ansiedlungen u. Landteilungen, S. 474 f. ; sondern sie wurden vielmehr, und zwar 417 vornehmlich in den nördlicheren Teilen des Landes, in der Weise untergebracht, daß jeder Familie immer ein Drittel der Landstelle des alten Eigentümers abgetreten wurde. Eine gemischte Kommission von Goten und Eingeborenen besuchte die Grundstücke, beaufsichtigte die Vermessung, die mit der Meßschnur geschah, und jedem gotischen Haushaltungsvorstand wurde durch Anweisungszettel ( pittacium ) sein Grundstück bezeichnet und zugeeignet. Also waren die etwa 200 000 Germanenhausstände weit herum im Lande verstreut, in Toskana, um Venedig und Ravenna, um Benevent usf. und hatten keinen Zusammenhalt. Dieser Sachverhalt blieb nicht ohne Folgen. Zum Germanenrecht gehörte sonst die Volksversammlung, zu der alle Schwerttragenden zusammenkamen. Bei der Zerstreutheit der Ansiedlungen war es unmöglich, dies Recht zu wahren, und Theodorich regierte daher gegen das Herkommen als absoluter Herr nach Art der römischen Kaiser, nur vom Rat der Vornehmen umgeben. Um so leichter wurde erreicht, daß seine Goten allmählich wieder zu Landbauern wurden. Von Beruf waren die Männer im Dienstalter unter ihnen freilich nur Soldaten; sie bildeten den Soldatenstand im Land; aber in den langen Friedenszeiten mußten ihre Familien wieder Interesse am Ertrag ihres Grundbesitzes gewinnen, die Altmänner, die Frauen selbst darüber die Aufsicht führen, ihre Knechte zugreifen. Denn was die ansässigen Colonen bisher geleistet, genügte nicht Hartmanns Ausführungen über diese Dinge (S. 109) lassen noch manches unklar. Die Goten waren von Haus aus ein Bauernvolk und haben gewiß auch selbst mit den Pflug geführt. Wie sehr das jenen Völkern im Blut lag, zeigt sehr schön Alarichs Ausspruch: »je dichter das Gras, je besser das Mähen.« Wegweisend scheint mir, was Orosius von den Goten und anderen Stämmen, die sich in Spanien niederließen, mitteilt; zuerst fand dort eine Landverteilung statt ( distributa possessione consistunt VII, 40, 10); dann verwünschen sie ihre Waffen und wenden sich zum Pfluge (VII, 41, 7). Wie soll das bei den Ostgoten anders gewesen sein? Die Sache ist schließlich ein Rechenexempel. Nach Hartmann S. 120 wurden damals die unfreien Arbeiter von den gotischen Herren vielfach vom Land in den städtischen Dienst herübergenommen, und die Zahl der Colonen vermehrte sich keinesfalls; die Landarbeit aber ist doch tatsächlich ganz erheblich gesteigert worden; wo sollten also die nötigen Hände herkommen, wenn die Goten selbst nicht zugriffen? Über das »Steine von den Äckern« vgl. Cassiodor Var. I, 28; Meliorisieren, in melius mutare , II, 21; Entsumpfung II, 32; Abholzen IV, 17; 18; 20. Die Goten wohnen in casae auf dem Lande IV, 14. Gegen Getreideausfuhr I, 34. . Die Männer gingen übrigens nach wie vor im vollen Haargelock umher, nannten sich darum selbst »die langhaarigen« ( capullati ) und trugen auch nie einen Hut im Gegensatz zu den geistlichen Herren, die Hüte oder Tiaren trugen Jordanes, Getica 72; vgl. Cassiodor, Variae 4, 49. . Die Landwirtschaft lag in Italien völlig darnieder; Campanien, Toskana ein Ödland; die Poebene von Binsen und Kolbenschilf überwuchert Ennodius S. 281 ed. Hartel. . Theodorich setzte daher alles daran, daß Italien wieder lernte sich selbst zu ernähren, um von den Vandalen und der Kornzufuhr aus Afrika unabhängig zu sein. Meliosieren! Entsumpfung, Entwaldung des Pogebiets; die 418 Steine von den Äckern! Schon das empfanden die Römer als Wohltat. Dabei mußten die Goten dieselbe Grundsteuer wie die Italiener zahlen; und der Herrscher tat auch sonst alles, um die Herzen zu gewinnen, den Rassengegensatz auszugleichen. Er war nicht umsonst griechisch-römisch erzogen. Die »Civilität« wurde sein Ruhm Ennodius, S. 264 f. . Kaum ein Italiener lernte gotisch, die Goten aber lernten Latein, gewöhnten sich an römische Sitten, auch an die Wohlgepflegtheit des großstädtischen Lebens. Ausgleichend vor allem aber war Theodorichs Kirchenpolitik. Warum nahm er nicht wie Chlodwig den katholischen Glauben an? Er hätte es dann viel leichter gehabt, sich mit dem Bischof Roms gut zu stellen. Er war Arianer, aber ohne allen Fanatismus und anders als jener König Eurich, der Westgote; der Übertritt hätte seinem Gewissen mutmaßlich keine große Beschwerde gemacht. Er tat es nicht, weil auch die Kaiser in Byzanz, auch Kaiser Zeno und Zenos Nachfolger Anastasius, als deren nomineller Statthalter er in Italien herrschte, den Arianern und ihrer Lehre wohlwollend gesonnen waren. Aber er gewann trotzdem die Verehrung des katholischen Klerus. Der Papst selbst holte ihn in Prozession ein, als der König im Jahre 500 nach Rom kam, und Theodorich nahm in der Peterskirche an der Messe teil. Eingehend wird uns sein leutseliges Verhalten zu dem edlen Epiphanius, dem Bischof von Pavia, geschildert. Sein freisinniger Grundsatz war: Religion kann ich nicht kommandieren, niemand wird gegen seinen Willen zur Gläubigkeit gezwungen Religionem imperare non possum, quia nemo cogitur ut credat invitus. . Hören wir ein paar Proben aus einer feierlichen lateinischen Ansprache, die damals ein Geistlicher an ihn richtete. Es herrscht darin der reine Hymnenton; das Latein ist dabei recht schwierig; Theodorich muß das gleichwohl verstanden haben. »Damit der Ruhm der Taten nicht altere, soll unsere Zunge sich üben. Auf deinem Altar bringen wir deiner Majestät eine literarische Spende dar. Die Freiheit hängt von deinen Waffen ab, und froh kann ich darum dich loben. Die Ewigkeit wird dem zuteil, wer, wie du, den gelehrten Studien die Ruhe gönnt, die sie 419 brauchen. Gott fordert von uns, daß wir einsehen, wem wir es zu danken haben, daß wir der Weisheit pflegen können. So viel Kriege ich zähle, so viele Triumphe. O Rom, du bist alt und schwach. Was sitzest du immer träge in deinen Heiligtümern? Komm her und sieh die Schlachtfelder, auf denen er siegte. Unser Herr ist im Krieg gefürchtet, nicht aber im Frieden. Denn siehe: aus der Asche erheben sich die Städte wieder. Unter der Fülle deiner wohlmeinenden Staatskunst (Civilität) strahlen wieder die Paläste in goldenem First, und selbst Rom verjüngt sich. So kämpft du gegen den Untergang occasum debellare , Ennodius, S. 270 f. . Die Privatvermögen steigern sich und damit auch das Staatsvermögen. Unser Leben zu sichern, dazu bedarfst du keiner Kriege mehr; deine fürstliche Meinungsäußerung tut schon dasselbe. Auch schützt du mit Anlegung von Kastellen unsere Grenzen. So werden denn alle Künste wieder mit Fleiß betrieben, die Talente aufgesucht; der große Name Roms ist wieder hergestellt durch dich. Und deine Goten? Du zähmst und bändigst ihren Ungestüm, und sie begnügen sich mit friedlichen Waffenspielen, denen wir in den Arenen staunend zuschauen und die besser sind als die blutigen Gladiatorenspiele der früheren Zeiten.« Vgl. Ennodius, S. 281–284. Lobes genug. Aber auch Theodorichs rassige Erscheinung imponierte, wo immer er sich zeigte: »Im Zorn ist er wie der Blitz, aber wolkenlos schön, wenn er fröhlich ist.« Ennodius, S. 285. Jeden Einzelsatz dieses Hymnus könnten wir mit Tatsachen belegen. Der Kaufmann fuhr jetzt wieder sicher über die Straßen; die Städte schlossen ihre Tore nicht mehr. Erwähnt sei noch, daß Theodorich auch wieder Wagenrennen und Tierjagden in den Arenen zum besten gab, wie es die verwöhnten Volksmassen gewöhnt waren. Es schien nichts zu fehlen Auch prätorianische Soldaten hielt er in Rom und löhnte sie gut; erst Justinian schafft sie hernach ab: Prokop Anekdota 26. . Münzen schlug er mit dem Bild des Kaisers von Byzanz; den eigenen Namenszug setzte er auf die Rückseite des Geldes. Im Palast des Odowaker mochte er nicht sitzen; er baute sich seine eigenen Paläste, und die Gesandten aller Könige liefen da aus und ein und suchten Rat und Hilfe. Unvergleichlich sein 420 Fleiß diligentia : Ennodius, S. 280, 21. . Der Schlachtensieger schien geradezu zum Schreibervorstand geworden; es fehlte in seinen Bureaus nur die Schreibmaschine. Eine Fülle königlicher Erlasse ergingen täglich, besonders zahlreich die gegen Gewalttaten; der Gote sollte sich an den Rechtsstaat gewöhnen: Zeuge dessen ist uns der Römer Cassiodor , Cassiodorus Senator, der als Theodorichs rechte Hand die Feder führte und in gepflegtestem, oft freilich recht schnörkelhaftem Latein des Königs Anordnungen redigierte. So lesen wir sie noch heute; und da wird nicht kurzweg befohlen, sondern jede Anordnung gedankenvoll mit allgemeinen weisen Betrachtungen eingeleitet. Die Liebe zur Bildung, das Eingelebtsein in das humane Denken des alten römischen Kaiserrechts aus der Zeit der Antonine spricht aus dem allem. So regt sich nun auch die Schriftstellerei wieder im Lande, es regt sich wieder die Wissenschaft in bedeutenden Werken; es wirkt wie ein Wunder, diese letzte Nachblüte der römischen Literatur. Denn es war unwiederbringlich das letzte Blühen. Jener Cassiodor schrieb eine verherrlichende Geschichte der Goten, ein anderer vornehmer Stadtrömer, Symmachus, eine Weltgeschichte im Sinne des christlichen Glaubens. Doch das ist das geringste. Eine freie weltliche Wissenschaft, die hohe Philosophie, ist jetzt der Gegenstand des Interesses. Die Philosophie, die Augustin unter das Joch der Kirchenlehre gebeugt, geht jetzt wieder frei einher, nicht zwar im Gegensatz zum Christentum, aber doch unbekümmert um jedes Credo. Bezeichnend ist schon, daß Theodorichs Schwager, Theodahad, der Vollgermane, der als Großgrundbesitzer in Florenz lebte, Platoniker war und außer dem Geldgeschäft diesen hochgeistigen Studien sich hingab. So hören wir auch von Theodorich selbst, daß er über Sternkunde, über Länderkunde sich unterrichtete, die Natur der Dinge ( rerum naturas ) kennen zu lernen sich bemühte und als ein Philosoph im Purpur ( purpuratus philosophus ) dastand Cassiodor, Variae 9, 24. . Als großer Schriftsteller aber trat ein anderer vornehmer Stadtrömer, Boëthius , auf und unternahm es, von 421 vollem Verständnis getragen, die Hauptwerke der damals maßgebenden griechischen Philosophie ins Latein zu übersetzen und mit Erklärungen zu versehen; eine großartige Sache. Seit Seneca und Apulejus hatte das römische Geistesleben nichts Ähnliches gesehen. Boëthius ist es, dem das Mittelalter die klassischen logischen Schriften des Aristoteles in ihrer lateinischen Fassung verdankt, die da zur Exerzierschule alles Denkens wurden; er fügte hinzu des Porphyrius »Einführung« in das platonische Gedankenleben. Aber auch des Boëthius Werk über die Musik sei genannt; denn die Harmonik der Kirchenmusik des Mittelalters soll auf dieses Werk sich gründen. So konnte Boëthius damals als letzter weltlicher Lehrschriftsteller Wie frei und kirchlich ungebunden Boëthius dachte, zeigt u. a. sein Ausspruch, daß die Guten damit belohnt werden, daß sie Götter werden, deos fierei, De consol. IV pr. 3. sich ausleben, der dem Bedürfnis der Folgezeiten völlig entsprach. Theodorich aber wußte den Mann zu würdigen und zog ihn freundschaftlich an seinen Hof, in seinen Dienst. Er betraute ihn zeitweilig mit der Aufsicht über das Münzwesen. »Kampf gegen den Untergang« war des Königs Programm; so hat er auch zur Konservierung der verfallenden Prachtbauten Italiens viel getan. Einen besonderen Architekten stellte er dafür an; es war die Tätigkeit des Konservators. Auf dem alten Forum Roms sind in den Bautrümmern Ziegel mit seinem Namen und dem Lobspruch gefunden worden: »zum Wohle Roms geboren.« In Como war eine Bronzestatue geraubt worden: »100 Goldstücke für den ehrlichen Finder«, ist Theodorichs Erlaß, u. s. f. Betreffs des Architekten vgl. Cassiodor, VII, 15; Brief an einen Architekten, II, 39. Konservierung der Bauten, I, 25. Betreffs der Erzstatue in Comum II, 35 u. 36; reparatio urbium I, 28. Demolierte Bauteile nach Ravenna geschafft, III, 9. Bekannter ist, wie er sich selbst als frommer Bauherr zeigte. Davon zeugt Ravenna. In das verödete Ravenna geht der Reisende heute wohl nur noch, um dort die uralten Kirchen zu sehen, die uns die besterhaltenen Zeugen sind für den Kirchenbau der Antike. Schon die Kaiserin Placidia, die Schwester des Honorius, die Mutter des Kaisers Valentinian III., hatte in Ravenna in gleichem Sinne gewirkt und die Kirche S. Giovanni Evangelista errichtet. Theodorich aber baute für seinen arianischen Glauben die Kirche Sant' Apollinare Nuovo (auch die großartig mosaizierten Heiligenfiguren im Mittelschiff stammen aus 422 seiner Zeit), überdies die Basilika Santo Spirito , endlich das Baptisterium oder Taufgebäude S. Maria in Cosmedin . Für kaiserlich königliche Andachten sind diese langgestreckten Hochbauten bestimmt, mit vergoldeter Flachdecke über dem Mittelschiff und lichtlosen Seitenschiffen, streng und kühl und voll ernster Würde. Die Erdenherrscher huldigten dort einst ihrem Herrn im Himmel; heute nistet darin die Vergessenheit; die Gemeinde fehlt; die schweren Türen sind meist verschlossen, als wären dies leere Grabkammern Gottes, und die Schritte des Fremden schlürfen seltsam dahin auf den kalten Fliesen. Es war eine »goldene Zeit«. Auch Theodorichs auswärtige Politik, seine Weltpolitik trug dazu bei, daß man sie in diesem Sinne feierte. Er nahm den Gedanken vorweg, den später Karl der Große ausführte, alle Germanenreiche irgendwie zu einer Einheit zusammenzufassen. Beide Herrscher waren also »Alldeutsche«. Aber was jener Karl durch blutige Kriege erzwang, suchte Theodorich auf friedlichem Wege zu erreichen. Auf alle Fälle machte er Italien noch einmal wieder zum Mittelpunkt der Welt; alle Germanenreiche suchten Anlehnung an ihn, mit Ausnahme des gefährlichen Chlodwig. Gegen Chlodwig gab Theodorich das heilsame und überlegene Gegengewicht. »Laßt die Kriege ruhen; wir wollen Frieden halten; sichern wir ihn durch einen allgemeinen Völkerbund.« Es ist ganz die Losung unserer heutigen pazifistischen Gegenwart, die er, der deutsche Idealist, schon damals im Munde führte; zugleich aber war es die Forderung Augustins (oben S. 388 ), von der der literarisch gut bediente König vielleicht wirklich Kenntnis hatte Schon Kaiser Probus hatte vom Weltfrieden gesprochen ( Vita c. 20), aber in ganz anderem Sinne; er verstand darunter keine internationale Verständigung ebenbürtiger Mächte, sondern die Unterjochung sämtlicher noch freien Völker durch Rom ( ubique Romanae leges ) . Durch Verhandlung, nicht durch Waffen ( verbis, non armis ), sollen alle Differenzen geschlichtet werden! Das predigen seine Erlasse an die auswärtigen Mächte voll Wärme. Im selben Sinne aber trieb er auch die umsichtigste Heiratspolitik, und eine Menge deutscher Frauen tauchen da vor uns auf. Er selbst nahm Chlodwigs Schwester Audefleda zur Gattin; seine eigene Schwester verheiratete er mit dem Vandalenkönig Thrasamund; zwei seiner Töchter gab er an die Könige der 423 Westgoten und der Burgunden, seine Nichte Amalaberga an den König der Thüringer. So war das verwandtschaftliche Band geradezu um alle geschlungen; es stand nur zu hoffen, daß es nicht riß und daß diese Gotenfrauen auch wirklich Einfluß gewannen. »Legt die Barbarei ab und lernt römische Kultur (Civilität), wie wir sie haben,« so ergeht seine Mahnung an die Herren im Norden. Vor allem Amalaberga, seine Nichte, die nach Thüringen ging, preist er als literarisch gebildetes Mädchen von besten Sitten besonders als Vorbild an. Gelegentlich schickt er an den burgundischen Hof eine kostbare Uhr, auch die nötigen Uhrmacher dazu; das technische Wunderwerk sollte dort imponieren. An Chlodwig schickt er gar einen Gesangsvirtuosen und hofft, der Sänger werde dort wie Orpheus durch seinen Wohllaut die wilden Sitten der Franken bezähmen. Der Philosoph Boëthius war es, der für diesen Zweck sowohl den Sänger wie die Uhr aussuchen mußte. Aber Chlodwig war störrisch. Umsonst schrieb Theodorich an ihn: »Es ist meine Pflicht, junge Könige zu ermahnen; sei gelinde und folge meinem Genius.« »Waffen, nicht Worte,« war des Chlodwigs Meinung. Theodorichs Wünsche, Theodorichs Gleichgewichtspolitik mißachtend warf sich Chlodwig auf die Westgoten um Bordeaux und Narbonne und zerbrach ihre Macht. Da ballte Theodorich die Faust. Er erhob sich noch einmal als der Siegreiche, der er immer gewesen. Das Heldenepos hätte einen Zweikampf des Dietrich und Chlodwig daraus gemacht; aber das Epos schwieg. Es hat sich mit Chlodwig nie abgegeben Auffallend ist, wie das Nibelungenlied von den Franken völlig absieht. Ich bin kein Kenner der Dinge, aber ich lese, daß »Nibelunge« eigentlich ein fränkisches Wort. Auch war Worms, wo das Epos sich abspielt, in Wirklichkeit schwerlich je burgundisch; es war im Besitz der Franken. Im Nibelungenlied wird von den Burgunden gegen die Sachsen gekämpft; das taten in Wirklichkeit wiederum die Franken. Planvoll also, so scheint es, hat der Sagendichter alle fränkische Erinnerung ausgemerzt und die Burgunden an die Stelle gesetzt. . In Wirklichkeit blieb Theodorich vornehm in seiner Residenz und schickte nur seinen besten General, den Grafen Ibbas , in die Provence. Und Chlodwigs Heer wurde geworfen, das von ihm belagerte Arles entsetzt; die Franken standen vor den Ostgoten nicht; Theodorich wahrte auch jetzt sein Übergewicht, und Italien erweiterte nunmehr seine Machtsphäre noch bedeutend: Tirol und weite Strecken Österreichs waren längst in seiner Hand, jetzt auch die schöne Provence mit 424 Marseille, Arles und Avignon; ja, als in Spanien der unmündige Amalarich König wurde, der Theodorichs Enkel war, dehnte Theodorich als Vormund des Knaben auch noch über das Spanien der Westgoten seinen Machteinfluß aus. Als Chlodwig stirbt, machen alsbald dessen rauflustige Söhne Krieg mit Burgund. Auch da griff Theodorich militärisch ein und sicherte sich einen Teil des burgundischen Gebietes. Er stand auf der Höhe. Theodorich starb im Jahre 526 Er starb an der Ruhr ( Anonymus Valesianus ). . Noch nicht 30 Jahre vergingen nach seinem Tode und sein ganzes Werk brach zusammen, das stolze Reich war wie weggeweht. Das Werk Chlodwigs dagegen gedieh. Es wirkt überraschend. Die Ostgoten sind für uns heute wie eine Sage geworden, die Franken immer noch die greifbarste Wirklichkeit. Wie kam das? und was war der Grund? Die Kirche gab die Entscheidung. Am Arianismus gingen rasch nacheinander das Vandalenreich in Afrika, das Ostgotenreich in Italien zugrunde. Augustins Lehre drang durch, und die Orthodoxie griff gegen die arianischen Völker zu den Waffen. Bisher waren die Kaiser des oströmischen Reichs in Byzanz Arianerfreundlich. Aber sie gaben nunmehr auf Chlodwigs Erfolge acht; sie lernten von Chlodwig, wie vorteilhaft es sei, sich dem Papst zu nähern; alle Bischöfe der Christenheit werden allemal zu leidenschaftlichen Agenten eines gut katholischen Herrschers. Theodorich mußte in seinen letzten Jahren diesen bedenklichen Wandel noch miterleben. Die kaiserliche Großmacht in Constantinopel war plötzlich im Jahre 519 papstfreundlich geworden; über 50 heterodoxe Bischöfe wurden im Orient sofort abgesetzt; und sofort konspirierten auch gegen Theodorich die italienische Geistlichkeit, die vornehmen Senatorenfamilien Roms, der Papst selbst mit Byzanz. Man wollte dem rechtgläubigen Kaiser das Land Italien wieder in die Hand spielen. Was nützte dem Theodorich jetzt seine Toleranz, seine hundertfältig bewiesene Versöhnlichkeit? Die Kirche war grundsätzlich unversöhnlich. Das einzige Mittel, sein Reich für die Zukunft 425 zu retten, wäre gewesen, den Glaubenswechsel des Kaisers mitzumachen. Aber Theodorich war zu alt dafür. Statt dessen griff er kräftig zu; er ergrimmte über den Undank, wurde in seinen Schlußjahren ein strenger Herr und warf den Papst selbst ins Gefängnis, ließ Römer des Hochadels wie Albinus und Symmachus hinrichten (im Jahre 525) sowie auch jenen Boëthius, den Philosophen, dem er sein Wohlwollen geschenkt hatte, der aber in jene Umtriebe irgendwie verstrickt war und seine Schuld vergebens leugnete. Der König schob des Boëthius Hinrichtung hinaus; sie wird ihm bitter schwer gefallen sein. Den Bruch der Treue so vieler zu erleben, verdüsterte sein Herz und stimmte es herbe. Keinem Idealisten werden, ob früh, ob spät, die grausamen Enttäuschungen erspart. Boëthius aber schrieb in der Kerkerhaft zu Pavia sein letztes, berühmtestes Werk, seine »Consolationen«, die Selbsttröstungen eines Philosophen, darin er verstanden hat, bis auf den heutigen Tag die Herzen der Nachwelt für sich zu gewinnen. Denn es ist ein Werk bleibenden Wertes. Die »Philosophie« selbst nimmt darin beredt das Wort, eine allegorische Figur, hochgewachsen über alles Menschenmaß; ihr Gewand von unzerstörbarem Stoff ist vom Alter geschwärzt und in Fetzen zerrissen, weil so viele Hände daran herumgezerrt; auch sie selbst ist uralt, aber sie ist zugleich doch ewig jung, und feurig sprühen ihre Augen. In schöner Sprache und warmem, dringendem Ton werden da alle Grundfragen nach dem letzten Zweck unseres Lebens erörtert; dabei alles Kirchliche vermieden; Christus ist völlig beiseite gestellt. Der Weltmensch aller Zeiten und jedes Glaubens kann hier Trost finden. Alles Irdische ist nichts; das Gutsein lohnt sich selber. Hätte Theodorich den raschen Niedergang des Glücks seiner Nachfolger erlebt, auch er hätte in diesem Buche und bei diesem Gedanken Trost gefunden. Die Weltgeschichte schiebt ihre Gestalten. Ein neuer Mann des Schicksals tritt jetzt auf. Das Unvorhergesehene geschieht. Ein Jahr nach Theodorichs Tode (im Jahre 527) wurde 426 Justinian Kaiser in Byzanz, ein Staatsmann zweifelhaften Wertes, aber ein Mann der großen Pläne und darin unermüdlich. Er wollte nichts Geringeres, als den alten Machtbereich Constantins des Großen wieder herstellen, den Okzident wieder von Constantinopel aus beherrschen. Das bedeutete Krieg auf Leben und Sterben. Ein ausgezeichneter Feldherr stand dem unkriegerischen Justinian in Belisar zur Verfügung; die katholische Sache war ein trefflicher Kriegsgrund und Hilfe. Im Jahre 534 brach Belisar mit geringen Streitkräften überraschend vor und zerstörte zunächst das Vandalenreich in Afrika; es ging bis zur Ausrottung. Im folgenden Jahre wandte sich der Sieger schon gegen Italien. Theodorich hatte keinen Sohn; man hatte umsonst um einen Thronfolger gebetet. Amalasuntha , Theodorichs Tochter, dies Germanenweib reinster Rasse, hatte sich völlig romanisiert, blickte auf das hartknochige Gotentum mit Geringschätzung und sehnte sich als Weltdame großen Stils nach der steif bigotten Grandezza des Constantinopolitaner Hoflebens. Sie glaubte als Regentin wie einst Placidia oder wie die syrischen Kaiserinnen durch eine Weiberpolitik, die ränkevoll schwankend und zweideutig war, in Anlehnung an Byzanz die Lage retten zu können: bis der Haß der Ihren sie traf; sie wurde auf das grausamste ermordet, im Bade erstickt. Aber auch danach fehlte den Goten in dem Existenzkampf, der nun folgte, die rechte Führung, ein legitimer König, und viele von ihnen waren schon so romanisiert, daß sie ohne Skrupel als Söldlinge zu Belisar übertraten, zu dem kaiserlichen Feldherrn; der jetzt mit überlegener Kriegskunst vorstieß und rasch Sizilien, Neapel, Rom nahm. Unvergeßlich, aber vergeblich war der Heldenkampf der Goten, der Nibelungen Not in hundertfacher Vergrößerung; unvergeßlich vor allem das Heldentum des Totila. Ein Byzantiner, Prokop , ist es, der uns diese Kämpfe, der uns auch den Totila schildert; er vergeht in Bewunderung vor ihm. Der Goldglanz des Ruhmes umschimmert seinen Namen bis heute. Der Feldherr Narses , ein Eunuch in Waffen, mußte 427 vollenden, was Belisar begonnen; nach fast 20jährigen Kriegsgängen waren die Goten in Italien völlig unterjocht und entkräftet, war Italien so gut wie Afrika in der Gewalt des triumphierenden Byzanz. So ist Theodorich in seiner Größe nichts als eine Episode gewesen, aber es haftet nicht nur persönliches Interesse an ihm, sondern auch völkisches. Dreißig Friedensjahre bedeuteten viel in den damaligen Zeiten; seit Constantins des Großen Zeiten hatte die Welt derartiges nicht erlebt; ein Germane aber mußte kommen, um ihr dies Glück zu geben. Und es war kein träger Friede, sondern ein Friede rüstiger Kulturarbeit. Heute zeugt von Theodorich nur noch sein Grabmal. Vor den Toren Ravennas liegt das Mausoleum eindrucksvoll, noch heute im wesentlichen unverändert, einsam, stumm, verschlossen und ernst im flachen Felde, wo alles ringsum öde und menschenleer; schlicht, schmucklos, und doch groß und würdig: eine runde steinerne Kassette streng klassischen Stils mit kuppelförmiger Überwölbung Bei seinen Lebzeiten hatte er sich das Grabmal erbauen und einen ungeheuren Block suchen lassen, um damit das Werk zu krönen ( Anonymus Valesianus ). Über antike Mausoleen in Rundform, für die eben auch das des Theodrich ein Beispiel ist, vgl. W. Altmann, die italischen Rundbauten (Berlin 1906) S. 79. . Der Deutsche sieht es mit fremden Augen an. Alarich fand im Fluß Busento einst ein echtes Germanengrab; über den Leichnam Theodorichs dagegen stülpte das Römertum seinen abgezirkelten Quaderrundbau wie eine lateinisch gedichtete Elegie aus Stein. Der Abend kam, der Mond ging auf und spielte traumhaft in den Fieberbäumen, als ich davorstand. Da wurde mir spukhaft zumute. Der Grabbau vor meinen Augen wandelte sich; er wurde zu einem Helm, gigantisch groß, mit festgeschlossenem steinernem Visier, hinter dem der Kolossalschädel des Recken mit leeren Augen grollte, regungslos; die mächtigen Zähne hart aufeinander gebissen. Im Geist hob ich das Visier; da starrte mich die Melancholie eines großen Gestorbenen an, der nicht nur groß, sondern auch gut war, aber beides vergebens: eine Melancholie, die nicht sterben will. Mit Theodorichs Tode beginnt schon das Mittelalter; denn es beginnt der Verfall des Schulwesens im Okzident, die Flucht der Gelehrsamkeit und der Künste in die Klöster. Ein 428 Schriftsteller wie Boëthius war jetzt nicht mehr möglich. Bezeichnend dafür ist Cassiodor, der Vorsteher der königlichen Kanzlei unter Theodorich. Als das Ostgotenreich zerfiel, zog sich dieser beflissene Träger der königlichen Politik nach Calabrien zurück und baute dort sein eigenes Kloster, das er seinen Fischteich, sein Vivarium nannte; er war dort nämlich Besitzer einer großen Fischerei; der Name aber war ein Gleichnis: die frommen Mönchlein sind in dem Kloster selbst wie die Fische, die einst in Petri Fischzug eingefangen worden und die nun in dem künstlichen Bassin des Klosterlebens friedlich plätschern und kein Unrecht tun. Da tat Cassiodor der menschlichen Kultur den Dienst, der unvergeßlich ist, daß er für die Geistlichkeit das Bibliothekswesen neu und grundlegend ordnete; er machte zum Gesetz, daß der Mönch hinfort Bücher kopieren und ordnen lerne (das betraf nicht nur die geistliche Literatur, sondern auch die Rettung der weltlichen) und schuf so ein Vorbild, das für lange Zeiten maßgebend blieb. Schon vorher hatte Benedikt , der Urheber der Benediktinerregel, im Jahre 529, das berühmte Kloster seines Namens auf dem Monte Cassino in Campanien gegründet. Auch sein Orden wirkte in gleichem Geiste. So ist es gekommen, daß die Kloster hinfort in emsigem Betrieb die geistigen Schätze des Altertums durch das Mittelalter gerettet haben, jene Schätze, ohne die das moderne Leben nicht denkbar wäre. Auch dies war ein wichtiger Baustein, ja, Grundstein zum Aufbau des modernen Europa. 429     Das Ende Es dient zum Verständnis des Voraufgehenden, wenn wir endlich auch noch Justinian , den Herrn des Ostreichs, mit seiner Kaiserin Theodora kurz ins Auge fassen. Justinian machte eine gewaltige Figur für den, der nur auf seine Erfolge in Italien und Afrika blickte. Sein Plan der politischen Reunion des alten Gesamtreichs war ihm zu einem erheblichen Teil gelungen. Er besiegte auch noch die aufsässigen Mauren in Nordafrika; er versuchte auch auf Spaniens Boden Fuß zu fassen. Die energische Richtung nach Westen, die seine Regierung innehielt, spricht sich in eindrucksvoller Weise auch literarisch aus. Das umfassendste Lehrbuch und Lernbuch über die lateinische Sprache, die größte lateinische Grammatik, die das Altertum und das Mittelalter besaß, wurde damals von Priscian , einem Marokkaner und Lateinprofessor in Constantinopel, und zwar in fließendster Darstellung abgefaßt Mit Vorliebe zitiert Priscian, weil selbst Afrikaner, afrikanische Namen, kennt auch noch die punische Sprache. . Der Okzident erhielt diese wertvolle Gabe von Byzanz. Wenn der Afrikaner Corippus in lateinischen Gedichten die Kaisermacht von Byzanz verherrlichte, so war auch das bestimmt, insonderheit auf die Völker des lateinischen Westens Eindruck zu machen. Von unermeßlicher Tragweite aber, die der Urheber selbst nicht ahnen konnte, war die Rettung des klassischen römischen Rechts, die Sammelschrift der lateinischen Pandekten, die Justinian persönlich veranlaßt hat und die neben seinem Rechtskodex und den »Novellen« im Jahre 533 ausgegeben wurde. Europas Geschichte wäre ohne dies Corpus iuris Justinians nicht denkbar. Alles dieses war jedoch nur Schein, und Justinians Regierung gleicht schließlich doch nur einer Trödelbude oder gar einer Räuberhöhle, die sich hinter einer glänzenden Palastfront verbirgt. Ruhmsüchtig, wie er war, errichtete der Kaiser die stolzesten Bauten. Theodosius des Großen silbernes Standbild holte er von seiner Ehrensäule herunter und setzte sein eigenes Reiterbild an die Stelle, ein Reiterbild, obschon er nie selber in den Krieg austritt Trotzdem findet sich Justinian reitend dargestellt auf einem Silberschild; s. Jahrbuch des arch. Instituts 30, S. 206, Abb. 7. . Als er einen tollen Massenaufstand der Stadtbevölkerung mit Waffengewalt bezwang (Belisar, der große 431 Feldherr, war dazu nötig), gingen ganze Stadtteile Constantinopels in Flammen auf. Ein zweiter Nero, ließ Justinian alles glänzender wieder aufbauen; bei der Gelegenheit baute er gleich auch 25 neue Kirchen; denn er war arg fromm. Auch die »Hagia Sophia«, die grandioseste Kuppelkirche, der letzte wundervolle Triumph der griechischen Architektur, ist sein Werk. »Salomo, ich habe dich übertroffen,« sagte er stolz, als der Bau fertig dastand, und ließ Salomos Bildnis in der Nähe aufstellen mit der betrübten Gebärde des Besiegten Prokop, Anekdota ed. Orelli, S. 361. . Die Sorge um das Volkswohl aber lag ihm völlig fern, so lautet die entrüstete Anklage eines Zeitgenossen. Die großen Wasserleitungen der Hauptstadt verfielen, und er ließ sie nicht wiederherstellen. Es fehlte an gutem Trinkwasser, es fehlte auch an Brot. Durch Monopole wurden alle Waren verteuert und Geld gerafft mit allen Mitteln und mit schnödester Gewalt. Die Bevölkerung war in Zirkusparteien gespalten; ungestraft trieben sich ihre Banden mit gezückten Dolchen in den Gassen um, um die Passanten auszuplündern, und die Reichen wagten sich nur noch in Verkleidung aus dem Haus. Einen Reichsschatz von 300 000 Pfund Gold hatte der kaiserliche Vorgänger ihm und seinem Onkel Justinus hinterlassen; der Schatz war nur zu schnell verbraucht, und es galt ihn immer wieder nachzufüllen. Denn an die Slawen, die die Balkanhalbinsel schon damals überfluteten, an Hunnen und Germanen und Perser mußten immerfort große Gelder gezahlt werden, um den Frieden zu erkaufen. Justinian begünstigte die »Barbaren« planvoll im Reichsdienst, weil sie ihn militärisch sicherten; an 70 000 derselben lebten damals allein in Constantinopel selbst. Mit solchen Truppen hatten auch Belisar und Narses in Afrika und Italien gesiegt; insbesondere waren es die wilden Langobarden, die in Italien gegen die Ostgoten, Germanen gegen Germanen, fechten mußten Prokop, Gotic. IV, 33. . Das kostete Unsummen; die Barbaren fraßen das Staatsvermögen. Justinian aber huldigte ihnen; er war verliebt in sie: er ahmte selbst ihre Sprache nach, kleidete sich wie sie. Das ging ins Ordinäre. Um Geld und wieder Geld 432 zu schaffen, gab es nun Justizmorde und Gewaltakte zu tausenden; auf das Vermögen der Verurteilten war es abgesehen. Das Recht, das der Kaiser im »Codex« gebucht hatte, trat er in Wirklichkeit mit Füßen. Die Opfer waren die Anhänger einer der Zirkusparteien (der Grünen), vor allem aber die vielen im Lande, die nicht orthodox gläubig waren. Privatvermögen, Kirchenvermögen: der orthodoxe Kaiser hatte das Recht zu strafen und zu konfiszieren. Im übrigen wurde verleumdet und jeder, dem irgendein Laster nachgesagt wurde, gegriffen; dafür gab es ein besonderes Spionensystem. Justinian war von niedriger Herkunft wie auch sein Onkel und Vorgänger, der Kaiser Justin , der geradezu Analphabet war und dem man die Hand führen mußte, wenn er eine Unterschrift leisten sollte. Noch schlimmerer Herkunft war die schöne Kaiserin, die berühmte Kurtisane Theodora. Daraus erklärt sich vieles. Es war ein Umsichschlagen allmächtig gewordener Emporkömmlinge, die aus der Hefe des Volkes stammten. Aalglatt war Justinian, ganz unpersönlich und jeder Anhänglichkeit unfähig; immer freundlich, aber immer ausweichend, wenn er Audienzen gab Diese Schilderungen, die uns Prokop mit vielen Einzelheiten gibt, können in der Hauptsache nicht erfunden sein. . Mit halblauter, engelhaft sanfter Stimme dekretierte er dann nach angehörter Bitte das Todesurteil. Dazu in der Ernährung frugal bis zum äußersten; er hatte seine bestimmten Hungertage; er trank auch nicht; denn er wollte nie in Wallung geraten. Seine einzige Passion war seine Kaiserin, die schönste aller Weiber. Es heißt, sie war so schön, daß kein Künstler und Bildner ihre Züge je festhalten konnte. Das wundert uns freilich nicht bei dem notorischen Rückgang der damaligen Porträtkunst. Vom Theater stammte sie, eine flotte Person im übelsten Sinne des Wortes, hatte sich als junges Ding auf der Bühne so und so oft nackt prostituiert, wie das im Mimus Sitte war, und tausend Mannsbildern sich gewerbsmäßig hingegeben. Aber, überlegen klug und starkwillig, band sie sich an keinen, bis Justinian sie fand und sich in sie verliebte. Eine unerhörte Sache. 433 Seit sie im kaiserlichen Ornat stolzierte, wußte sie sich zurückzuhalten; sie war satt und begnügte sich jetzt damit, die dreisten Ausschweifungen ihrer Hofdamen zu begünstigen und mit ihrer Allmacht zu schützen. Ihr Eheherr war immer unruhig beschäftigt; sie ließ ihn regieren, hatte aber auf alles acht, gab selbständig Audienzen wie er, und wenn er etwas falsch machte, fuhr sie ihm dazwischen. Das betraf Krieg und Frieden, Persien und Ägypten, Orthodoxie und Häresie. Sie war die Überlegene, es geschah schließlich stets, was sie wollte: ohne Frage eins der genialsten Weiber, die je geherrscht haben; an Niedrigkeit der Gesinnung aber übertrifft sie die Pompadours und Katharinen, die uns die Weltgeschichte nennt, bei weitem. Lässig und der Genußsucht voll hingegeben, lebte sie dahin, wohnte weit draußen vor der Stadt in ihrem Serail am wundervollen Meer, und alles mußte zu ihr hinauskommen; badete viel, schlief viel und, wie die Wildkatzen, auch am Tage, tafelte üppig und hatte so für die Geschäfte nur wenige Stunden übrig. Aber das genügte. Ganze Tage lang antichambrierten die Vornehmen, die aus der Stadt oder den Provinzen kamen, in einem Vorraum, der viel zu eng und unerträglich heiß war, vergeblich; von Ungeduld verzehrt, reckten die Herren sich dann auf den Zehen hoch, wenn endlich einmal ein Eunuch heraustrat, um wenigstens einen der Wartenden allergnädigst vorzulassen. Die Kaiserin streckte dem Eintretenden alsdann beide Füße hin; er hatte beide Pantoffel zu küssen. Begreiflich ist, daß bei solchem Regiment, das fast 30 Jahre sich fortsetzte, ein bedenklicher Rückgang der noch immer reichen Länder des Ostens eintrat. Nordafrika aber wurde unter Justinians Verwaltung geradezu ein Land der Bettler Prokop, Vandal. II, 28. , ebenso Italien wieder völlig verödet und entvölkert; auch diese Eroberungen stärkten also Justinians Reich durchaus nicht. Pannonien mußte er gar den Langobarden preisgeben. Bleibenden Erfolg hat im Grunde nur seine Kirchenpolitik gehabt, an der Theodora eifrig mitwirkte. Das orthodoxe Glaubensbekenntnis wurde endgültig zu Herrschaft gebracht Durch einen Ausgleich der sog. Monophysiten und Orthodoxen auf dem Konzil des Jahres 553; vgl. Realenzyklopädie für protest. Theologie IX, S. 651 ff. , zugleich aber die 434 Trennung der griechischen Christenheit von Rom vollzogen oder angebahnt, die maßgebende Stellung des Papstes nicht anerkannt. Im byzantinischen Reich wurde die christliche Kirche vielmehr zur Staatskirche, der Monarch allein ihr bestimmendes Oberhaupt in Glaubenssachen, wie es hernach auch der Zar in Rußland gehalten hat. Auch die lateinische Sprache hörte in Constantinopel bald auf zu gelten, so wie umgekehrt der Okzident das Griechisch verlernte Vgl. H. Steinacker in der Festschrift für Th. Gompertz, 1902, S. 324 f. . Das Schisma des Glaubens wurde zu einem Schisma der Kultur und des Völkerverkehrs. Die Welt wartete auf Justinians Tod, der im Jahre 565 eintrat; sie wartete; denn neue umwälzende Ereignisse standen bevor. Justinians Politik starb mit ihm; Europa aber ging neuen Erschütterungen entgegen. Fassen wir in Kürze das Wichtigste zusammen. Noch lauerte ein frischer Germanenstamm im Hinterhalt, die Langobarden. Belisar hatte sie als Hilfstruppe in den Kampf gegen die Ostgoten nach Italien geführt; sie hatten damals Italien schätzen gelernt. Alboïn hieß jetzt ihr König. Aus Pannonien, aus Österreich und Tirol, rückt Alboïn im Jahre 568 den Byzantinern zum Trotz in Norditalien ein – Rosamunde, die Gepidenfürstin, seine Königin – und setzt sich in Verona in den Palast des Theodorich. Zwei Drittel Italiens bis nach Capua waren bald von den Langobarden unterworfen; eisern ihr Arm wie ihre Krone; die Feste Pavia ihre Hauptstadt. Die Lombardei heißt noch heute nach ihnen. Drei Jahre danach aber wurde zu Mekka in Arabien Mohammed geboren, der Prophet, und eine neue, allein seligmachende Weltreligion, der Islam, tat sich auf, auch er, wie alle Weltreligionen, ein Kind des sonnendurchglühten Orients. Auch dieser Glaube kämpft mit dem Schwert. Bekehrung ist Eroberung; die Araber reiten aus. Arabien wird plötzlich Weltmacht. Persien, Syrien, Palästina, Ägypten erobern die Kalifen im Namen des Propheten; Kairo wird gegründet, Constantinopel selbst wiederholt umzingelt, bedroht. Schon fällt auch Carthago, und das ganze ehemalige Vandalenreich in 435 Nordafrika ist jetzt arabisch; dadurch wurde dies Land für immer der europäischen Kulturgemeinschaft entrissen, versandete langsam physisch und geistig und schied aus der Geschichte aus. Alles das war das Werk von hundert Jahren. Schon aber ist auch Spanien bedroht. Auch das Westgotenreich in Spanien sollte untergehen, und die Araber vollzogen das Geschick. Gibraltar (Gibl-al-Tarik) hat von jenem Tarik seinen Namen, der dort mit seinen Mauren und Berbern im Jahre 717 zum erstenmal über die Meerenge setzte. Und das Krummschwert siegte; die Westgoten erlagen in wochenlanger Entscheidungsschlacht bei Xeres de la Frontera. Ihr letzter König, Roderich , das ist Don Rodrigo, verschwand im Reitergetümmel und ward nicht mehr gesehen; nur seine goldenen Schuhe wurden noch im Schilf gefunden, und die grüne Fahne des Propheten wehte seitdem 7 Jahrhunderte lang auf den Zinnen der gotischen Königsschlösser Toledos, Granadas und Cordovas. In die steilen Gebirge Nordspaniens, nach Asturien, Cantabrien, Aragonien, Navarra zogen sich die Reste des hochkultivierten Gotenvolkes zurück. Das Imperium Romanum war hiermit endgültig zerstückelt, die Grundlage für das Staatensystem des modernen Europa endgültig festgelegt. England, Frankreich, Spanien, Italien, jedes der Länder trug hinfort sein Schicksal in sich und rüstete sich selbständig für seine moderne Zukunft. Es änderte daran nichts, daß Karl der Große im Jahre 773 nach Italien zog, dort die Langobardenherrschaft vernichtete und die Frankengewalt an ihre Stelle setzte. Es war Italien trotzdem nicht bestimmt, französisch zu werden. Das Mittelalter war da. Die neuen Nationen, die Deutschland noch heute umgeben, konnten nun wirklich entstehen; sie festigten sich, bald in raschem Wachstum wie in Frankreich und England, bald in schwerer Neugeburt wie in Spanien. Italien hat gar erst in Garibaldis Zeiten sein politisches Ziel erreicht. Aber auch die alte römische Reichsidee lebte immer noch. Sie 436 stand dem gesunden Nationalismus noch lange Zeit hemmend entgegen. Wie konnte die Christenheit eines Constantin vergessen? Die römischen Kaiser waren tot, das römische Kaisertum schien unsterblich. Universalmonarchie! Von Justinian sprang die Idee zu Karl dem Großen hinüber. Im Jahre 800 nahm Karl, der Franke, in Rom die Kaiserkrone, die Krone Constantins. Ein magischer Zauber schien an dem Goldreif zu haften, und nicht die fränkischen, die deutschen Wahlkönige diesseits des Rheins sind es hinfort, die immer wieder nach ihr greifen. Es schien der heilige Beruf des Deutschen, um sie zu werben. Auf dem ganzen Mittelalter lastet diese Idee. Wie mit eiserner Zange hielt sie die Gemüter fest, und ein stolzes Fürstenhaus nach dem anderen hat sie erdrückt und zugrunde gerichtet. Denn auch die Papstgewalt reckte sich konkurrierend daneben auf, die auch ihrerseits theokratisch, als Stellvertreter Gottes, die ganze Welt einheitlich zu lenken, alle Könige zu Lehnfürsten des apostolischen Stuhls herabzudrücken beanspruchte: bis endlich der Weltsinn siegte, der Wahn verflog, die Zange rostete. Sie zerbrach an dem Granit des völkischen Egoismus, der überall gleichmäßig erstarkte. Der klare Blick der Politiker forderte hinfort vielmehr das dauernde Gleichgewicht der Mächte Europas. Es gibt keine Menschheit, es gibt nur Volkstum: diese Wahrheit ist das Fazit und Endergebnis der Geschichte der römischen Universalmonarchie. Byzanz war seit Karls des Großen Zeit von Europa wie ausgeschieden; nur geringe Enklaven wie Ravenna besaß es noch zeitweilig auf italienischem Boden; es gehört seitdem dem Orient an, ist auf sich allem gestellt und hat so mit verhältnismäßig geringen Kräften seinen kulturgeschichtlich unendlich wertvollen Bestand gegen Araber, Perser, Avaren und Bulgaren in unaufhörlichen und großartig geführten Kämpfen noch Jahrhunderte lang behauptet. Auch für die Verbreitung des Christentums hat Byzanz nicht aufgehört zu wirken; aus Saloniki zogen im Jahre 863 die Slawenapostel Methodius und Cyrill nach Mähren; vor allem ist in Rußland durch 437 Wladimir den Großen im 10. Jahrhundert das Christentum nach griechischem Ritus eingeführt worden. Von der Hagia Sophia zog der orthodoxe Glaube den Don und Dniepr aufwärts durch das Land der Steppe bis nach Kiew, und die vergoldeten Kirchenkuppeln mehrten sich. Die Germanen aber hatten ihre Mission der Umgestaltung Europas nicht ohne ungeheure Opfer vollführt. Ganze Völker voll Tatkraft und Bildungstrieb, Ostgoten, Westgoten, Vandalen, waren mit ihren Königreichen wie in der Versenkung verschwunden. Warum gerade sie? Sie waren in ihren Reichen doch nur Kolonisten gewesen und ihr Menschenmaterial zu gering, um die Grundbevölkerung der Länder rasch genug zu überwuchern. Auch waren es just die äußersten Außenposten am Mittelmeer, die sie besetzten; ihnen fehlte der Zuzug weiterer gleichartiger Volksmassen, und der heiße Erdboden sog sie gleichsam auf wie den Gewitterregen, der einmal brausend niederschlägt und sich nicht erneut. Wie anders England und Frankreich! Die Franken konnten sich als Herren auf Galliens Boden immer neu durch Zuzug von jenseits des Rheins verstärken; nicht anders die Angelsachsen in England; und durch dänische, normannische Völkerwellen wurde der germanische Typus Englands noch weiter gesteigert, der keltische dort völlig beiseite gedrückt. Es ist der dem Friesischen verwandte Rassentypus, den England der Welt noch heute zeigt. Aber auch mit Frankreich steht es nicht wesentlich anders, und es lohnt, dies klarzustellen. Der Franzose zählt sich heute mit Betonung zu den romanischen Nationen. Das ist grobe Selbsttäuschung oder ein falsches Spiel mit Worten. Es handelt sich hier nicht um die Sprache, sondern um das Blut. Nur Kelten oder Gallier saßen zu Julius Caesars Zeiten in Frankreich (dazu kam freilich noch die Grundlage einer brachykephalen Urbevölkerung, von der wir wenig wissen). Wenn nun jene Gallier die lateinische Sprache annahmen, so sind sie damit wohl ein lateinisches, aber kein romanisches Volk geworden. 438 Römisches Blut ist da in allergeringstem Maße eingeflossen; massenhaft warfen sich dagegen, wie wir gesehen haben, vor allem seit dem 3. Jahrhundert und immer aufs neue, germanische Bevölkerungen ins Land; anfangs durch Verschleppung und Versklavung; es waren die Laeti und die anderen Colonen, die fest an die Ackerscholle gebunden wurden; dann aber haben erobernd Alemannen, Westgoten und Burgunden zu Abertausenden sich in dasselbe Land ergossen; erdrückender als sie alle die Franken. Auch dieses fränkische Herrenvolk nahm dann schließlich nach Karls des Großen Zeit die aus dem Latein entwickelte Sprache an, die man die französische Sprache nennt; dasselbe taten auch die Normannen, die in der Normandie saßen und unter Führung Wilhelms des Eroberers sich Englands bemächtigten. Die Sprache aber ist nicht Fleisch und Blut; sie ist unkörperlich und höchstens imstande, den Seelenausdruck zu verändern, die Kunst des Denkens umzugestalten. Das Wort »französisch« selbst heißt ja auch nichts weiter als fränkisch, die französische Sprache die fränkische Sprache Francus wurde lateinisch der Franke genannt, franciscus fränkisch; aus franciscus aber ist françois, français geworden; auch dies heißt also fränkisch. So steht denn im Deutsch des Mittelalters neben Frankrîche das Wort Franze für Frankreich. Aus François aber hat der Deutsche zweisilbig »Franzos« gemacht, und das ist richtig. Das schließende e in »Franzose« ist falsch und unberechtigt; falscher noch die Erweiterung, durch die wir das Eigenschaftswort »französisch« bilden. Da ist das isch zu viel; es ist so, als wollten wir statt dänisch dänischisch sagen; denn mit François ist betreffs der Bildung Danois, Suedois zu vergleichen. Als Rassenbezeichnung muß für die Franzosen Francogalli verwendet werden. . La France ist das Frankenland, l'Allemagne das Alemannenland; der Gegensatz der Franken und Alemannen spricht sich noch jetzt in den modernen Ländernamen aus. Daher ist nun auch der Charakter des Franzosen im Mittelalter so anders als der des alten Galliers. Die gallische Urbevölkerung war politisch unbegabt, auch soldatisch kein Volk ersten Grades. Ganz anders der Franzose; der Geist Chlodwigs lebte sichtbar in ihm weiter, der Geist der ehrgeizigen Offensive, der kühnen und immer scharf rechnenden Politik. Nicht anders, wenn wir auf die Kunstbegabung sehen. Wie erfindungsarm, lahm und eitel sind noch im alten Gallien die Dichter des 4. und 5. Jahrhunderts, ein Auson und Sidonius! Erst im fränkisch gewordenen Lande erblüht plötzlich wunderbar die Poesie, das ritterliche Epos, die phantasiereiche romantisch große Dichtkunst. Mit den Franken kam die Phantasie ins Land. Diese Dichtkunst ist so germanisch wie das 439 Rittertum selber: Turnier, Gottesgericht im Zweikampf, Reiterleben, Abenteuerlust, die durch alle Länder streift. König Artus' Tafelrunde, Roland, Tristan und Isolde: schon die Namen der Helden verraten oft, wes Geistes Kind sie sind. Vgl. W. Kalbow, Die germanischen Personennamen des altfranzösischen Heldenepos, Halle 1913. . Damit begann eine neue schöpferische Periode der Weltliteratur, und alles das ist so unrömisch wie möglich. Und neben dem Epos steht die Gotik; auch sie ist französisch, d. h. auch sie ist fränkisch-germanisch. Wie eine neue Anbetung des Göttlichen schoß sie empor. In ihr ist Waldgeist, Wipfelgeist, und nur ein Waldvolk konnte diesen Hochwuchs der schlanken Pfeilerstämme, verzweigten Kreuzgewölbe und Steinblumen ersinnen; es ist die Sehnsucht dessen, der im Grase liegt und durch die verzweigten Buchenwipfel in den Himmel schaut; Germanensehnsucht in das Unendliche. Während der römisch antiken Bauweise der Geist der Begrenzung und des Meßbaren eignet, hat der Germane mit dem Volk des Jesaias und der Psalmen die Schwungkraft gemein, über sich selbst hinaus: phantastisch kühn in alle Himmel. So hatte Frankreich im Mittelalter die Führung der germanischen Kultur Das gilt insbesondere vom 13. Jahrhundert, dem Jahrhundert der Kreuzzüge, wo alle occidentalen Völker ein Gemeingefühl zusammenfaßte, Nordfrankreich aber die Zentrale bildete. Das spricht sich auch in dem Eroberungszug der Gotik aus, die zum Universalstil wurde; vgl. G. Dehio in der Histor. Zeitschrift 86, S. 387. . Das wurde erst anders durch die alles umgestaltende italienische Renaissance, als in den Geistern im 15. und 16. Jahrhundert die Antike auferstand. Dies neue geistige Römertum drang sogleich von Italien nach Frankreich hinüber. Damit war dem lebhaften, begabten Volk seine neue Rolle zugewiesen: Erneuerung Roms. Da Italien politisch nichts bedeutete, so übernahm das starke Frankreich Franz des Ersten von nun an die Aufgabe, auch ein politisches Römertum, dem die Vorherrschaft in Europa zukommt, neu zu schaffen und darzustellen. Gleich als Kaiser Maximilian starb, hat sich Franz I., der Franzose, um die römische Kaiserkrone deutscher Nation beworben. Schon damit war das Ziel deutlich angezeigt. So trug nun auch Paris fortan die altrömische Maske. Das Königshaus war germanischer Abkunft; ebenso ungefähr der ganze Landesadel und auch große Teile des Bürgertums; das gilt noch von Lafayette, Voltaire, dann Gobineau, 440 auch Fénelon u. s. f. Überhaupt stammen die begabten Franzosen der Vergangenheit zumeist aus den Landesteilen, die von diesseits des Rheins kolonisiert sind. Jetzt aber unternahm es der Franke, der bisher nur in der Sprache latinisiert war, planvoll, sich selber zu verrömern; und das ganze Franzosentum wird nun romanische Drapierung, kein Sein, sondern ein Scheinen. Diesem Gallo-Franken hängt die römische Toga sonderbar aufgebauscht um die nervös unruhigen Gliedmaßen. Der gotische Baustil wurde hinfort verachtet und ebenso die kühnen und formlosen Ritterromane. Man wurde klassisch, dichtete nach dem Vorbild Roms Elegien, Dramen und Satiren, in denen nunmehr das rednerische Pathos und der geistreiche Ton erwachte; und die Städte schmücken sich auf einmal mit römischen Tempelformen, römischen Säulen und Pilastern, Fassaden und Fensterordnungen. Wie Corneille, hat auch noch Voltaire klassizistisch gedichtet. Wie die Schlösser Ludwigs XIV. und der Baustil Mansards, so war auch noch der Empirestil Napoleons eine gesuchte Neubelebung Roms. Die Männer der Revolution nährten ihr Pathos aus dem alten Livius, Plutarch und Cicero, und Napoleon hat in seiner Person bewußt den römischen Imperator erneuert. Daß der Franzose diese seine übernommene Römerrolle seit nun 300 Jahren nicht ohne Effekt spielt, ist nicht zu leugnen. Er ist nahezu mit ihr verwachsen. Das Auge des Historikers aber weiß den Mimen auch heute noch von seiner Rolle, das Programm von seinem Urheber deutlich zu trennen. Mit mehr Recht nennen sich wohl die Spanier und Italiener Romanen. Wer entdeckt heute am Durchschnitts-Italiener und Spanier noch germanische Züge? Gleichwohl hat auch da der Zufluß aus der blonden Rasse nachhaltig weitergewirkt. Der Spaniertypus hat sich im Befreiungskampf gegen die Mauren ausgebildet im 10.–14. Jahrhundert. Die Nachkommen der Westgoten in Asturien unter Pelayos Führung aber waren es, die diesen Kampf begannen, und das ganze feudale spanische Rittertum, das da unter der Fahne des Kreuzes focht, stammt 441 von ihnen; es ist dem Wesen nach germanisch und mit dem Rittertum Frankreichs und Deutschlands völlig artgleich. Man sehe den Eid, den Campeador oder »Kämpfer«, mit dem treuen Roß Babieça und seinen Mannen, Wolfsrachen auf ihren Schilden; auch hier Gottesgericht im Zweikampf, auch hier Reitergefecht, Ehrbegriff, stolze Lehnsmannentreue. Im kastilischen Königshaus lebte der Name Heinrich, Enrique, weiter; in Leon herrschten die Nachkommen des Goten Reccared. Auch Diaz, Gomez, Ferdinando, Alfonso sind ja entstellte deutsche Namen. So ist Katalonien nichts anderes als Gotalanien; der Name selbst bedeutet auch heute noch das Gotenland So wie Andalusien seinen Namen von den Vandalen hat; es ist Vandalitia . Ich erinnere noch daran, daß im 11. Jahrhundert in den Kirchen Spaniens die westgotische Liturgie herrschte. . Das Blondhaar herrscht noch bei den Frauen im Don Quixote des Cervantes; blauäugig war die Königin Isabella von Kastilien. Länger noch als in Spanien hat die germanische Unterströmung ohne Frage in Italien nachgewirkt. Der italienische Volkstypus ist gewiß nicht germanisch, aber er ist auch nicht römisch. Wer kann im Italiener noch den Römer erkennen? Schon im Altertum selbst war die unausgesetzte Zuwanderung asiatischer Elemente hierauf von Einfluß (denn alle Sklaven waren ja ausländisches Blut); dann aber kamen die Germanentruppen im Römersold, dann die Mannen Odowakers, weiter die Goten Theodorichs, die Langobarden Alboïns, weiter die Franken, die Normannen, endlich die Zeit der Hohenstaufen, wo ganz Italien sich in Gibellinen und Guelfen spaltete. Daher die vielen deutschen Eigennamen, nicht nur Vornamen wie Luigi, Carlo und Francesco, die bis in die Gegenwart reichen, sondern auch Familiennamen wie Ghiberti (d. i. Wilbert), Alberti, Bruno u. s. f. Im 10. bis 12. Jahrhundert wimmelt es in Italien von deutschen Eigennamen: Adalbert von Ivrea, Berengar von Friaul, Otto von Montferrat, Wido von Spoleto, Alberich von Tusculum, Bertha von Susa, Adelheid von Turin, weiter Engelbert und Hugo, Irmengard, Emma und Mathilde. Pandulf und Gisulf sind die letzten langobardischen Fürsten in Süditalien, als dort die Normannen unter Roberts Führung eindringen. So aber auch die Künstlernamen: Meister Wilhelm an der Fassade von S. Zeno in Verona, Ubertus an den Bronzetüren des Lateran in Rom; dazu Meister Gruamons in Pistoja, Robertus und Biduinus in Lucca; Arnolfo di Cambio in Siena und Florenz, Fra Guilelmo d'Agnolo in Pisa usf. Weiterhin wird dann aber auch eine Reihe italienischer Familiennamen aus dem Deutschen erklärt: die Alberti, Riccardi, Strozzi, Pazzi, Landi, Grimaldi, Dandolo u. a. m. Der Deutsche in Italien hat nicht nur genommen, sondern auch gegeben. So auch in der Kunst. Es läßt sich freilich nur ahnen, nicht genau ermitteln, wie viel die wundervolle italienische Renaissancekunst dem Anteil deutschen Blutes verdankt Helmolt, Weltgeschichte VI, S. 330. Übrigens sei für diese Fragen, die Frankreich, Spanien und Italien betreffen, auf L. Woltmann »Die Germanen in Frankreich«, Jena 1907, verwiesen; daselbst S. 52 über die Capetinger und Bourbonen, S. 63 ff. über französische Eigennamen, S. 86 über Napoleon, S. 119 ff. und 127 ff. über germanische Einflüsse in Italien und in Spanien. Man kann an der Methode Woltmanns vielleicht manches anfechten; eine Menge auffälliger Tatsachen aber stellt er nützlich zusammen. Ich erinnere noch an den Florentiner Humanisten Pico della Mirandola, der uns als junger Mann mit augenfällig deutschem Typus, von hohem Wuchs, mit hellen Haaren und tiefblauen Augen geschildert wird (L. Geiger, Renaissance und Humanismus, 1882, S. 204). – Neuerdings ist in den Franzosen selbst wieder das Gefühl dafür wach geworden, wie nahe sie im Grunde den Germanen stehen. Daher stellt Suarés Shakespeare über Racine, Rembrandt über Rafael. André Gide sagt: »Wir hatten (außer den Italienern und Spaniern) andere Vettern, die Barbaren . . ., diese cousins germains . Beschränken Sie Frankreich nicht auf das, was es schon gesagt hat; wenn es auch weniger lateinisch ist, so glauben Sie nicht, daß das, was es noch sagen hat, weniger französisch ist.« Und Romain Rolland: »Frankreich verdankt seine Auferstehung der Mannigfaltigkeit seiner Rassen, die es zusammensetzen. Die Blumen des Geistes, die seit dem 12. Jahrhundert im französischen Garten blühen, waren bei aller Verschiedenheit alle unter einander verwandt« (nach P. E. Curtius, Die literarischen Wegbereiter des neuen Frankreich, S. 187 f.; 241 f. u. 249). . Man bedenke aber, daß es im Altertum eine römische Malerei kaum gab; woher also kam dem Italiener die Begabung? Ist es Zufall, daß auf all den italienischen Gemälden die blonden Schönheiten herrschen? daß 442 Michelangelo (wie übrigens auch Napoleon Bonaparte) langobardischer Herkunft war? Auch völlig unmusikalisch war der Römer des Altertums und hat nie ein Tonkunstwerk zustande gebracht; es ist geradezu kläglich zu sehen; woher also kam dem Italiener die Musik? woher ein Palästrina? woher das Vermögen, das Gemüt in Wohlklang zu ergießen und im komplizierten Tonsatz Musikwerke zu schaffen, die der großen deutschen Tonkunst zum Vorbild dienten und die Wege wiesen? Ein Volkscharakter gestaltet sich geheimnisvoll wie die Pflanze, die über Nacht aufsprießt. Wer will uns sagen, woher der Same flog? wer uns das Geheimnis enthüllen? Es ist so, wie wir bei einem begabten Kinde staunend fragen, von welchem der Eltern ihm mit dem Blut seine ungewöhnlichen Eigenschaften kamen. Franzosen, Spanier, Italiener: jedes der drei Völker schritt seinen eigenen Weg; jedes hat bis zum heutigen Tage andere Sorgen und Wünsche; jedes eine andere Herkunft. Aber ein gemeinsames Band umschließt sie doch; es ist die Sprache. Blut und Rasse ist nur körperlich, nur animalisch und tritt nicht deutlich ins Bewußtsein. Ungleich mächtiger ist die Sprache, sei sie auch nur angelernt, da sie die Geister bindet, da sie das Bewußtsein trägt, ja, Bewußtsein schafft. Es bedeutet viel, wenn Völker Liebe und Haß und Stolz, Gott und Vaterland mit ein und demselben Wort benennen. Der Gleichklang wirkt Sympathie. Es sind alles drei lateinische Völker, von denen ich rede, die übernommene Römersprache ihr wichtigstes gemeinsames Erbe aus der Zeit der Cäsaren. Danach gruppieren sie sich bis auf den heutigen Tag. Mit großartiger Ellbogenfreiheit aber hat sich endlich neben diese Gruppe England, das Britannien der Römer, gestellt. Auch das Germanenvolk der Engländer nahm bekanntlich in seinen rein niederdeutschen Sprachschatz große lateinische Wortmassen auf, gleich als wollte es mit den Lateinfranken, den Franzosen, in zweckmäßiger Fühlung bleiben; aber es nahm diesen lateinischen Aufguß nicht etwa aus erster Hand von Rom, 443 sondern aus zweiter Hand von den Normannen. Und nicht den Franzosen, den Engländern war nun auch die größere Zukunft vorbehalten. Es ist erstaunlich zu sehen. Das Inselland, wo einst Septimius Severus sein tatenreiches Leben beschloß, wo Constantin der Große sein Weltkaisertum antrat, wo Carausius, der Seeräuberhauptmann, zum erstenmal ein selbständiges britisches Reich römischen Stils gründete und kraft seiner Flotte zu sichern wußte, es war in den Zeiten der Antike doch immer nur ein abgesplitterter Fetzen Europas, isoliert und fern abgerückt und für die damalige enge »Welt« leicht entbehrlich. Das wurde mit einem Schlage anders, als die Ozeane sich öffneten, die jenseitigen Kontinente auftauchten, der Seefahrer in der fernen Südsee die fabelhaften Antipoden fand, an die Augustinus nicht glaubte, Europa an Bedeutung mehr und mehr einschrumpfte, das Handelsschiff, das Kriegsschiff seetüchtiger wurde und schließlich ins Kolossale wuchs. Seitdem hat das Germanentum von England aus die ganze Welt kolonisiert. Als Vorbau Europas liegt die Germaneninsel frei und unzugänglich im Wasser, und ihr Volk suchte und fand seine Zukunft jenseits des Atlantik und der großen Meere. So ist London – wie einst Rom – schließlich das herrschende Zentrum des größten Weltreichs der Gegenwart geworden, Englisch die Weltsprache, die alle Völker sprechen lernen wie einst das Latein in den Zeiten des Römertums. Englische Festungen, englische Dreadnoughts beherrschen die Meerengen und das offene Fahrwasser Spaniens, Arabiens, Afrikas, Australiens, Indiens. Erst spät und langsam ist das bevorzugte Volk in diese beispiellose Machtstellung eingerückt. Das ist der Stand der Gegenwart; Roms Geschichte hat uns indes belehrt, wie Weltreiche entstehen und wie sie auseinanderfallen. Alles im Leben hat seine Zeit, ob wir nach Jahren, ob wir nach Jahrhunderten zählen. Die Kräfte ruhen nicht, die da im ewigen Wechsel lösen und binden. Und Deutschland endlich? Deutschland, das Mutterland des 444 Germanentums? das alte Kraftzentrum, von dem Frankreich und England nur Ausstrahlungen sind? Mit finsterem Groll und Bitterkeit sieht es jetzt auf diese Völker, seine Töchter, die sich in diesen Jahren des Weltkrieges mit dem Slawentum verbündet haben, um das alte Stammland politisch zu vernichten. Deutschland hat nie zum Imperium Romanum gehört, und es ist stolz darauf. Es hat keine Fremdherrschaft je geduldet. Es hat die germanische Rasse am reinsten bewahrt, so auch das Kleinod der deutschen Sprache, die an altem Adel dem Latein Ciceros, dem Griechisch des Sophokles gleichsteht, aber von den latinisierten Germanen vergessen und preisgegeben wurde. Eben dadurch aber ist es gekommen, daß der Deutsche in der Welt so isoliert dasteht, und daran hing und hängt sein tragisches Schicksal, das sich eben jetzt, da ich dies schreibe, vollendet. Durch Mittelalter und Neuzeit hat auch Deutschland eine selbständige, große und tatenreiche Geschichte durchlebt. In freiwilligem Lerneifer und nicht gezwungen, hat es von den Franken Frankreichs die Kulturgüter des römischen Altertums entlehnt und bei sich eingeführt, Städte, Kirchen und Klöster gebaut, Gewerbe, Künste, Wissenschaft und Handel getrieben: fleißig, erfindungsreich, gelehrt und dazu kriegstüchtig wie wenige. Ja, es nahm obendarein aus der Hand Karls des Großen die Last des römischen Kaisertums auf sich; der Ruhm umstrahlte seine gekrönten Fürsten, und es schien oftmals, als wäre es zur führenden Macht des weithin germanisierten Europa bestimmt. Aber Deutschland scheiterte an seinen eigenen Eigenschaften. Was haben ihm seine gewaltigen Staatsmänner und Herrscher, die Ottonen, die Hohenstaufen, der große Kurfürst und Friedrich der Große, was hat ihm schließlich Otto von Bismarck genützt? Ein rettungsloses Zerschellen der immer wieder gewonnenen starken Positionen ist unser Los durch alle Zeiten geblieben: Tod und Auferstehung und wieder Tod. Der Grund dafür aber ist klar. Nur ein in sich einheitliches Land ist zur 445 Machtpolitik befähigt. Die Engländer und Franzosen haben früh den einheitlichen Typus einer Nation gewonnen, sich in eine Staatsform gekleidet, die dauerhaft die Kräfte sammelt und ihrem Wesen angemessen ist. In ihnen ist daher die Nationalehre und ein gesunder Ehrgeiz wach, und die Politik ist bei ihnen feste Tradition seit Chlodwigs und Wilhelm des Eroberers Zeiten. Deutschland war und Deutschland ist dagegen ein loses Nebeneinander von Schwaben und Sachsen, Hessen und Bajuvaren, die in angestammtem Neid und Hader auch heute wieder so borstig eigenwillig auseinanderstreben wie in den Tagen Hermanns des Cheruskers, Friedrich Barbarossas und Gustav Adolfs. Wo der nationale Kernwille fehlt, ist die politische Tradition, ist die Stoßkraft, ist die politische Zielsetzung unmöglich. Unter der zwingenden Führung Preußens hatte sich Deutschland noch einmal nach jahrhundertelangem Darniederliegen zu einer Machtstellung emporgerungen, die seiner Volkszahl würdig war. Als die Mißgunst der Welt sich gegen sie verschwor, warf es sich heldenmütig in den Verzweiflungskampf gegen zehnfache Übermacht. Wir haben es mit Bewunderung, mit Erschütterung erlebt. Deutschland ist in dem Kampf erlegen, und unser dauernder Ruin ist beschlossen. Welches aber sind die Feinde, die sich dazu zusammentaten? Es sind just die Mächte des alten Imperium Romanum . Die alten römischen Reichsländer Italien, Frankreich und England standen auch jetzt wieder zusammen; sie wollten ein starkes Germanien nicht dulden. Die Deutschen sollen wieder in den Urzustand wie zur Zeit des Marius und Julius Caesar zurück. Es wäre den Feinden eben recht, wenn wir auch wieder barfuß und halbnackt im Fellschurz herumliefen und uns von Gerste und Hirse nährten wie in jenen armseligen Zeiten. Der Deutsche aber hat mitten im Kampfe, von innerem Klassenhaß zerrüttet, die Waffen vorschnell und wie im Irrsinn weggeworfen. Er hofft, scheint es, immer noch auf Gnade. Verkleinert, verhungert und abgemagert nagt Deutschland jetzt 446 am Knochen der sozialen Volksbeglückung; es begnügt sich jetzt damit, seine lockere Staatsform hastig umzuwerfen und noch lockerer wieder aufzubauen, wie ein Kind, das mit dem Baukasten spielt, bis man ihm auf die Finger klopft. Alle Machtpolitik verreden und verwünschen jetzt unsere Wortführer, als ob sie nicht wüßten, daß ohne Macht kein gesicherter Wohlstand, ohne Wohlstand keine Kultur, ohne Kultur keine Rettung vor moralischer und leiblicher Verelendung ist. Beides, auch die moralische Korruption, hat schon erschreckend eingesetzt. Was also wird uns die Zukunft bringen? Wir sind heute isolierter als je. Das römische Weltreich konnte Deutschland einst zerstören, der Koalition der jetzigen Weltreiche ist es erlegen. Wie Schweden und Holland, wird auch Deutschland nunmehr ein Land der politischen Zukunftslosigkeit; es wird zur Antiquität, ein stilles Denkmal seiner eigenen Vergangenheit. Gleichwohl ist das nicht das Ende. Der Vaterlandsfreund glaubt trotz allem und allem, er glaubt selbst angesichts des ruchlosen Leichtsinns, mit dem heut Unzählige unter uns den Verfall fördern statt ihm zu wehren, an eine moralische Wiedergeburt. Er kann nicht anders. Ohne solchen Glauben läßt sich nicht leben, und es stärkt sein Herz, wenn er zurückblickt auf die große Geschichte der Germanen. Was ist Moral? Sie ist Kraftwirken in Gottergebenheit. Unsere Kraftquellen haben sich stets erneut im Auf- und Abwogen der Weltgeschichte, in unerschöpflicher, unversieglicher Verjüngung; und ob es uns bestimmt ist, Jahrhunderte lang den Herrenvölkern als Heloten zu dienen: die Arbeit selbst erfreut, erquickt, die Arbeit schafft Gesundung und inneres Genügen. Sie, durch die sich der Herrenmensch entehrt fühlt, ist für den Deutschen ein Kleinod. Der Deutsche ist da, um sich zu opfern, und die Geduld ist der Trotz des Frommen. Wer zählt die Scharen arbeitsuchender Siedler, die unser verarmtes Deutschland allein im 18. und 19. Jahrhundert, in den Zeiten der Massen-Auswanderungen, nach Ungarn, Rußland, Brasilien, Australien, Kalifornien geworfen hat? Sie haben durch ihren 447 redlichen Fleiß auch draußen der Welt genützt; ja, sie bewährten sich überall als Kulturträger ersten Ranges. 30 Millionen Deutsche leben so noch heute in fremden Ländern verstreut. Für ihr Vaterland sind sie verloren. Der Weinstock aber ermüdet nicht und fragt nicht nach Dank; er trägt immer neu und bietet fröhlich seine Trauben. Seien wir wie er. So blicken wir auf Frankreich, auf England, die unsere Todfeinde geworden sind, und über die Meere auf die weite germanisierte Welt mit Genugtuung und Schöpferfreude hinaus, eingedenk des Wortes unseres Dichters, der in der Zeit der größten deutschen Schmach und Machtlosigkeit sich seinen gesunden Stolz bewahrte: Ich sah die Völker alle als einen großen Leib, Den Deutschen als ihr Leben: er opfert sich der Welt. (Abgeschlossen im Juni 1919.)