Max Barthel Der Putsch DER BÜCHERKREIS, BERLIN 1927   ©: Alexander Barthel   Erster Teil Grauer Tag im November Der Bürgerkrieg war schon oft durch die Stadt gestampft, hatte die Straßen und Häuser verwundet, den Bahnhof erdrosselt, die Brücken gesperrt und die Einwohner ängstlich gemacht. Schon lange standen die Polizisten vor den großen Warenhäusern, den Gummiknüppel neben der Pistole im Gürtel, und schon lange sicherten die Juweliere ihre blitzenden Schaufensterauslagen durch eiserne Gitter. Wenn man vor jenen Geschäften stand, konnte man meinen, sie seien große, leuchtende und lichtsprühende Käfige, in denen die edlen und strahlenden Steine weiter nichts seien als kristallisierte Tränen. An einem grauen Novemberabend marschierten fünfzig Mann durch diese herbstliche Stadt. Sie kamen ohne Fahnen und Armbinden, ihre Kleider waren abgetragen oder Uniformen aus dem letzten Krieg, sie waren wie ein dunkler Gewalthaufen mit umgehängten Gewehren, eine zur Erde herabgesunkene Sturmwolke. Nein, sie brauchten keine Fahnen und auch keine Armbinden, für die Marschierenden war immer noch Krieg. In Berlin und im Land hatten die Generale geputscht. Die Regierung der Republik war auf der Flucht. Die fünfzig Arbeiter wurden von einem Matrosen angeführt und kamen aus dem Volkshaus, in dem die Führer schon vom frühen Morgen an über den Putsch in Berlin, den Abwehrstreik und über Lenin und Marx zusammensaßen und diskutierten. Es gab einen linken Flügel und einen rechten Flügel und jeder Flügel spannte sich weit, wenn der andere zusammengefaltet war. Der große Saal, in dem gestritten und gekämpft wurde, verschwamm im blauen Tabakrauch, löste sich auf, war wie ein Schiff, das den Hafen verlassen hatte und schwankend ins offene Meer hinaustrieb. Mitten in einer wilden Rede, Lewitzki sprach, ein junger Feuerkopf, hatten die fünfzig Mann den Saal verlassen. Sie nahmen ihre Gewehre und wollten keine Reden mehr hören. In Berlin putschten die Generale? Die Zeitungen waren verboten, es wurde gekämpft, was soll da alles Geschwätz über Taktik und Theorie? Irgendwo war in einer Rede der Plan aufgetaucht, der Gewalt die Gewalt entgegenzusetzen, natürlich, es war ja Generalstreik und da mußte eine Zeitung herausgebracht werden. Ja, darüber wurde gerade gesprochen, als sich die fünfzig Mann erhoben. Morgen sollte der Streik alle Zeitungen lahmlegen, also vorwärts marsch, damit unsere eigene Zeitung gedruckt werden kann. Vorwärts marsch nach dem »Tageblatt« des Herrn Korff. Der Matrose Becher nahm seine Leute und marschierte davon. Gewalt gegen Gewalt! Überall begann man, die Arbeiter in das Dunkel zurückzujagen, aus dem sie an einem Novembertag aufgebrochen waren, überall, auch in dieser Stadt, und hier nannte sich der Haupttreiber Korff: Generaldirektor, Zeitungsbesitzer und kleiner Napoleon. Nicht nur die Generale gierten nach der Macht. Auch die Industrie griff mit eisernen Fäusten zu. Sie hatte im Zusammenbruch auf den Schlachtfeldern ihre neuen Konzerne und Schlachtpläne schon vorbereitet. Die ganze Nation war für sie nur statistisches Material und Quelle vertiefter Ausbeutung. Auch Herr Korff gehörte zu den neuen Erzherzögen. Im zweiten Jahr der Republik stellte er sich vollkommen um, warf sich auf Papier und Zellstoff, kaufte von den Landjunkern große Wälder in Mitteldeutschland und Schlesien um ein Viertel ihres Wertes auf, denn die Herren von und zu bebten vor den drohenden Gewittern der großen Städte. Herr Korff also kaufte große Wälder, beteiligte sich an Kunstseide und vor allem an Papier. Seine Wälder rauschten wohl immer noch, aber sie rauschten hauptsächlich als sogenannte »öffentliche Meinung«, und die schönen, heiteren und schwermütigen Forste verwandelten sich in große Zeitungen und Inseratenplantagen und waren eine glänzende Kulisse für die neuen Zellstoffunternehmungen und Kunstseidefabriken. Aber sie waren auch noch weithin dröhnendes Sprachrohr für die neuen Konzerne, gelinde Schmeichelei für das Volk, gelinde Drohung gegen die Regierung. Amerika hatte den Weltkrieg entschieden, Amerika war auch das Ideal der Industrie, und vielleicht träumten sie auch davon, genau so wie in der Union eine Regierung kaufen oder stürzen zu können, Gesetze auf Wunsch zu bestellen und diese oder jene Partei zu korrumpieren oder abhängig zu machen. Natürlich trieften sie von Moral und vor allem triefte die Zeitung des Herrn Korff von Moral, gegen die sich heute der Marsch der fünfzig Arbeiter richtete. Herr Korff hatte eine glückliche Hand, aber sie wurde hauptsächlich von einer jungen Russin namens Nina Konstantinowna Rschewskaja gelenkt. Diese Frau hatte Korff nach einer gemeinsamen italienischen Reise geheiratet. 1918 war Nina aus Moskau mit ihrem Vater geflohen. Sie kamen glücklich durch alle Wirren des Krieges nach Odessa und erreichten Paris. Als ihr Vater starb, erlebte sie allerlei romantische Abenteuer in Paris und Dresden, lernte Korff kennen, fuhr mit ihm nach Italien und wußte noch nicht, ob sie ihn lieben oder hassen sollte. In Venedig entschloß sie sich zu keines von beiden, nicht zur Liebe und nicht zum Haß, sie entschloß sich plötzlich zur Heirat. Diese Nina hatte auf ihrer Flucht die Karte ihres Lebens oft auf alles oder nichts setzen müssen. In Korff gewann sie einen kühnen Mitspieler, einen gewagten Spekulanten, als der Kampf um die Macht in Deutschland einsetzte. An dem frühen Abend, als die fünfzig Mann durch die Stadt marschierten, fuhr Korff mit Nina durch den herbstlichen Park. Das dunkelblaue, große Auto federte leicht und singend über den breiten Fahrweg. Der Motor hämmerte. Durch die letzten flammenden Baumkronen konnte man die Stadt sehen. Ihr vielfältiger Lärm schien sich in den Wipfeln der Bäume zu fangen. Es roch schon nach Fäulnis. Die weißen Marmorgötter an den schwarzen Teichen schauerten. Zwei junge Mädchen liefen Arm in Arm an den schimmernden Statuen vorüber. Die Mädchen, die im Frühling und Sommer aufgeblüht waren, verschlossen sich jetzt und senkten die Stirnen. Sie waren jenseits von Gut und Böse und gehörten zu diesem Park wie die weißen, toten Götter an den dunklen Gewässern. Nina aber, in silberne Pelze eingehüllt, atmete die kühle Luft ein und war nicht jenseits von Gut oder Böse. Sie war schon eine Frau. Korff machte ein selbstbewußtes Gesicht. »Hast du immer noch Angst vor der deutschen Revolution?« fragte er. »Morgen soll es losgehen. Generalstreik. Aber jetzt ist es zu spät. Sie werden noch einigemal putschen. Das ist alles. Deutsche Revolution? Erledigt, Ninuschka!« »Ich habe keine Angst mehr. Ihr werdet siegen und nicht die anderen. Ihr habt den größeren Willen zur Macht ... Was ist beschlossen worden? Geht der Hauptmann Kries mit euch?« »Wir müssen zugreifen, heute oder morgen. Die Entscheidung ist da. Der Berliner Putsch muß zusammenbrechen. Nun ist die Frage: wer kommt jetzt an die Macht? Wir oder die da,« sagte Korff und deutete mit seiner schweren Hand nach der Stadt, »wir kommen dran. Zwei Jahre haben sie die Peitsche gehalten und nicht zugeschlagen. Jetzt halten wir die Peitsche und schlagen zu. Morgen früh sollen ihre Führer verhaftet werden.« »Wollt ihr auch den Doktor Schill verhaften?« »Den Überläufer? Nein. Wir wollen keine Märtyrer schaffen, die ihre Ketten literarisch verzaubern können. Er soll isoliert werden. Infamiert. Was für ein Unsinn: heute, wo alles entschieden ist, auf die Seite der Arbeiter zu gehen! Nein, er wird nicht verhaftet. Die Streikführung wird verhaftet: Bessemer, Lewitzki, Lobe und die anderen Herrschaften. Und wenn es nur für einige Tage ist.« »Mein Freund,« sagte Nina nach kurzem Schweigen, »ich weiß, du setzest durch, was du willst. Aber wo sind deine Soldaten?« »Wir haben ein ganzes Armeekorps. Unser General heißt Eigentum!« lachte Korff. »Und das hier,« er schlug an die Brusttasche, »das sind unsere Soldaten, Leutnants und Hauptmänner. Aber wir haben schon vorgesorgt. Der Leutnant Klemm steht mit der Wachkompagnie dem Bürgerrat zur Verfügung. Zu Kries haben wir Verbindung. Er wird sicher mitmachen.« Der Wagen hatte den Park verlassen und wollte in die Stadt einbiegen, da stieß er auf die singende Masse des Volkes, die den marschierenden Arbeitern folgte. Aus der Menge wurden gegen das Auto geballte Fäuste erhoben. Korff lehnte sich höhnisch in das Polster zurück. Er hatte schon viele Demonstrationen erlebt und harmonisch enden sehen mit Hochrufen, einer schönen Resolution und zertrümmerter Auflösung nach den grauen Mietskasernen. Aber Nina hatte Angst. Plötzlich schrie sie leise auf. Aus der Kolonne der Marschierenden löste sich ein Mensch. Er war kaum dreiundzwanzig Jahre alt, hieß Smirnow und stammte aus Moskau. Sein knabenhaftes Gesicht weitete sich erstaunt, als er die junge Dame in dem Wagen sah und erkannte. »Korff,« flüsterte Nina, »Korff, laß wenden und nach Hause fahren. Der Mensch dort ist aus Moskau. Ein Kommissar. Ich kenne ihn. Ich habe Angst. Bitte, bitte, laß uns nach Hause fahren.« »Der Mann mit dem Kindergesicht?« fragte Korff. »Ja, aber er hat das Herz eines Wolfes.« Korff schoß nach dem Russen erzürnte Blitze, beugte sich dann zu dem Chauffeur und befahl die Heimfahrt. Der Wagen raste, brausendes Gelächter im Rücken, nach dem Park zurück. Nina war wie erschlagen. »Jetzt glaube ich nicht mehr, daß morgen alles vorbei ist,« sagte sie endlich. »So viel Angst vor dem Mann mit dem Kindergesicht?« sagte Korff, »wir haben noch viel Platz auf unserer Liste. Wie heißt das Scheusal?« »Ich kenne nur sein Gesicht,« flüsterte die junge Frau. »Den Namen kenne ich nicht. Er kam in Moskau zu uns, um ein Protokoll aufzunehmen. Mit einem Protokoll fängt bei uns alles an. Da sind wir geflohen... Ach, warum habt ihr kein Sibirien, mein Freund!« »Ein Sibirien haben wir nicht, aber wir haben Disziplin, Fabriken, Bergwerke und keine Angst mehr. Du sollst und darfst nicht traurig sein. Wir schlagen zu. Mit der Peitsche!« »Wenn doch schon alles vorbei wäre,« seufzte die junge Frau. Korff schwieg. Als der Wagen die Villa erreichte, hatte er sein Herz in Gewalt. Lächelnd gab er Nina den Arm, küßte sie und ging in das Arbeitszimmer. Er wußte schon lange von dem Marsch der Fünfzig nach seiner Zeitung. Er war seiner Sache so sicher, daß er sich selbst die Besetzung ansehen wollte. Nun telephonierte er mit der Stadt, und nach einer kleinen halben Stunde fuhren einige Herren an seinem Hause vor. Auch der Leutnant Klemm war unter ihnen. Korff empfing sie mit gemachter Heiterkeit, dann saßen sie in seinem Arbeitszimmer, und er führte das Wort. Der kleine Napoleon erklärte den Herren die Situation, brachte Berliner Berichte, Aufmarschpläne, Auslandsmeldungen und zuletzt die Karte der Stadt. Noch einmal wurde der Angriffsplan durchgesprochen, der Leutnant gestärkt und die Liste der Verhafteten beraten. »Jetzt ist alles klar,« schloß Korff, »an uns liegt es, meine Herren, mit allen Mitteln durchzugreifen. Auf Ihnen, Herr Leutnant, ruht diese Nacht die größte Verantwortung. Wir stehen hinter Ihnen mit allen Verbindungen, und wenn Sie nach der Geschichte nicht mehr Leutnant sein können, wir brauchen einen tüchtigen Sekretär. Also zugreifen. Blut darf nicht fließen. Um Mitternacht bekommen Sie noch Verstärkung.« Die Herren verbeugten sich und verließen das Zimmer. Korff schaute ihnen nachdenklich nach und pfiff leise durch die Zähne. Die Marschierenden hatten das »Tageblatt« erreicht. Der Matrose schlug mit dem Karabiner an das schmiedeeiserne Tor. Becher war früher auf dem Kreuzer »König« Maat gewesen. In den letzten Jahren hatte er in manchem Hafen Anker geworfen. Gestern kam er von Berlin und heute schon führte er auf Lewitzkis Empfehlung die Arbeiterwehr. Während des Marsches hielt er auf strenge Zucht, lief an der Spitze, und es war, als sei er mit seinen Leuten von einem grauen Schiff aufgebrochen, das feste Land zu erobern. Die blaue Matrosenuniform gab ihm einen gewissen Glorienschein. Man dachte an den Aufstand der Flotte in Kiel und Wilhelmshaven. »Aufmachen, vorwärts, aufmachen!« schrie Becher den Portier an, der sich auf die Schläge hin ängstlich genähert hatte. »Kennst du den Matrosen?« wandte sich fragend der Russe an Bessemer. »Nein, ich sehe ihn zum erstenmal. Aber er hatte gute Empfehlungen aus Berlin. Lewitzki hat ihn als Führer bestimmt,« antwortete der andere, ein junger Mensch, der viel in der Welt herumgekommen war, den Krieg mitgemacht und im Soldatenrat gesessen hatte und heute mit den fünfzig Arbeitern zur Zeitung marschierte. Manchmal machte er auch Gedichte und gehörte zu jenem Typ von Jugend, die ihre frühen Jahre in Romantik und Revolte austoben. »Aufpassen, besser aufpassen,« flüsterte Smirnow, der Mann mit dem Kindergesicht. »Ihr habt ja keine Erfahrungen in der Revolution. Nicht jede Schwielenhand ist ein Ausweis.« »Wenn Lewitzki kommt, will ich mit ihm reden.« »Augen aufmachen ist besser als reden,« sagte der junge Russe. Die Sonne war untergegangen. Auf den Bergen flammte noch goldnes, kühles Licht, aber der Talkessel, in dem die Stadt lagerte, wurde schon von der Dunkelheit überschwemmt. Die ersten Lampen brannten schon. Das eiserne Tor der Zeitung drehte sich kreischend und öffnete sich. Die Arbeiter stürzten in den dunklen Hof, drangen in das Haus ein und stellten Posten aus. Die Telephonzentrale wurde besetzt. Man sah, daß die Männer den Krieg mitgemacht hatten und in der Revolution nicht nur Lieder singen wollten, um dann beruhigt nach Hause zu gehen. Auch Bessemer ging mit seinem russischen Freund in das dunkle Tor und stieg dann in die ersten Stockwerke des Hauses. Aus dem Maschinensaal kam das klirrende Donnern der großen Druckmaschinen. In der Redaktion kamen die Freunde zur rechten Zeit, um eine Rede des Matrosen anzuhören, in der er dem Direktor Mühlenbach den Zweck der Besetzung erklärte. »Meine Herren,« wandte sich Mühlenbach kühl an die Eintretenden, »ich suche Menschen, mit denen ich menschlich reden kann. Was soll das bedeuten?« »Aktion gegen Berlin, Herr Direktor,« sagte Bessemer. »Da holen Sie aber weit zum Stoß aus! Wir liegen fern vom Schuß. Bis auf den Streik ist alles ruhig in der Stadt. Nun ja, morgen ist Generalstreik, das weiß ich, und meine letzte Zeitung muß gedruckt werden.« »Aber jetzt ist es nicht mehr ruhig!« antwortete Bessemer. »So lassen Sie mich bitte telephonieren. Ich bin ja wie abgeschlossen von der Welt! Die letzten Telegramme und Funksprüche müssen kommen.« »Bitte, telephonieren Sie,« sagte Smirnow. Mühlenbach nahm den Hörer von der Gabel, lauschte lange und verzweifelt in die tote Membrane und wurde unruhig. Als er nichts hörte als das leichte Sausen des eigenen Blutes, brüllte er die Nummer 2435 in die Muschel. Aber auch diese Zahl machte den Apparat nicht lebendig. »Ich bekomme ja keinen Anschluß,« sagte er endlich. »Nein,« knurrte der Matrose, »Sie bekommen keinen Anschluß. Wir haben die Zentrale besetzt.« »2435?« wiederholte der Russe, der im Telephonbuch geblättert hatte, »2435 ist eine sehr interessante Nummer, aber das Polizeipräsidium haben Sie trotzdem nicht bekommen.« »Ach,« stotterte der Ertappte, »ich wollte nur die neuesten Polizeiberichte haben.« »Natürlich, Herr,« gab Smirnow höflich zu. »Ja, meine Herren,« begann Mühlenbach mit ganz neuer Stimme, »ich sehe, ich habe es mit intelligenten Menschen zu tun. Stoß gegen Berlin? Schön, wir waren früher ein linksstehendes Blatt, und ich wüßte nichts, was uns hindern sollte, uns zur alten Liebe zu bekennen. Die Herren wünschen?« »Morgen früh beginnt der Generalstreik,« berichtete Bessemer. »Alle Zeitungen werden stillgelegt. Auch das ›Tageblatt‹. Wir sind beauftragt, bei Ihnen eine Streikzeitung herauszugeben.« Schill und Lewitzki traten ins Zimmer. »Herr Mühlenbach will wieder links werden, Doktor,« sagte Bessemer, »er wartet auf unsere Vorschläge. Von unserer Streikzeitung weiß er schon. Ich bin für eine kleine Sitzung.« »Wir auch,« sagten die Angekommenen. »Ich erst recht,« bekräftigte der Matrose Becher, der mit beleidigtem Gesicht der bisherigen Verhandlung gefolgt war. »Du gehst zu deinen Leuten!« fuhr ihn Lewitzki an. »Stelle noch mehr Posten aus. Laß das Tor schließen. Kein Mensch außer der Streikleitung darf hereinkommen. Wenn verhandelt wird, verhandeln wir.« Der Matrose entfernte sich murrend. »Nun, Herr Doktor,« wandte sich Mühlenbach an Schill, »wie stehen die Aktien? Ich freue mich aufrichtig, Sie wieder einmal zu sehen.« Doktor Schill lächelte leise. Er kannte den Wert dieser Beteuerung und wußte, daß es eine ausgekochte Lüge war. Gerade im »Tageblatt« wurde er in der letzten Zeit wegen seiner Stellungnahme für die Arbeiter heftig angegriffen. Ja, früher, als er noch der bekannte Reiseschriftsteller und Dichter war, da wurde er gelobt, aber als er vor einigen Monaten mit einem Manifest an die Öffentlichkeit trat, in dem er sich zu der Ideenwelt des Proletariats bekannte, da setzte die Hetze gegen ihn ein. Der gesellschaftliche Boykott. Auch seine Bücher schienen auf einer schwarzen Liste zu stehen. »Heute war Ruhetag an der Börse, Herr Direktor,« sagte er mit verbindlichem Lächeln. »Wir haben Mandat vom Aktionsausschuß, bei Ihnen zu drucken, Herr,« sagte Lewitzki und wies ein gestempeltes Papier vor. »Unmöglich, unmöglich ... Meine Zeitung! Meine Maschinen! Morgen liegt ja sowieso alles still und die letzte Nummer muß heraus ... Aber ich will Ihnen entgegenkommen und einen neuen Leitartikel schreiben lassen. Ganz nach Ihren Wünschen, meine Herren. Auch über die Streikzeitung kann man reden.« »Ihre Zeitung? Ihre Maschinen?« höhnte Lewitzki, »das war einmal Ihre Zeitung! Jetzt schlägt Herr Korff die große Trommel für sich darin. Sie sagen: nicht ruinieren? Schön, aber wir sollen uns ruinieren lassen! Zu lebenslänglicher Zwangsarbeit an den Maschinen verurteilt! Ganz legal in den Bergwerken ermordet durch Seilriß oder schlagende Wetter! Eine kleine Vergiftung in den chemischen Bruchbuden gefällig? Nein, von der Zeitung kommt keine Nummer mehr heraus. Morgen ist Generalstreik, Herr!« »Herr Direktor,« sagte Schill, der sich mit den andern besprochen hatte, »darf ich Sie bitten, sich für zehn Minuten nach einem anderen Zimmer zu bemühen? Dann wollen wir weiter verhandeln.« »Aber mit dem größten Vergnügen, Herr Doktor,« sagte Mühlenbach ohne die Spur eines Vergnügens und ging. »Was soll das sein?« brauste Lewitzki auf. »Warum mit dem alten Narren erst noch verhandeln? Wir haben einen Beschluß durchzuführen. Es hat uns Mühe genug gekostet, ihn im Aktionsausschuß durchzudrücken. Ich bin dafür, hier solange zu bleiben, bis sich die Lage in Berlin geklärt hat. In zwei Tagen kann man weit sehen. Ich bin gegen Korff und seine Zeitung. Basta!« »Lewitzki hat recht,« sagte der Russe. »Ich habe nichts zu sagen, ich bin aus Begeisterung mitgegangen. Das ist eure Revolution. Vielleicht kann ich hier und da ein wenig helfen. Ein gutes Sprichwort sagt in Deutschland: Gib dem Teufel den kleinen Finger, aber er nimmt sich die ganze Hand.« »Liebe Freunde,« fiel Schill ein, »Lewitzki hat ein Mandat vom Aktionsausschuß und auch Bessemer ist gewählt zur Verhandlung. Ich soll nur an der Zeitung mitarbeiten. Von einer Besetzung wurde nichts gesagt. Nur von der Streikzeitung. Was nun morgen oder übermorgen wird, weiß kein Mensch. Mühlenbach will einen neuen Leitartikel schreiben lassen, das ist schon viel, und wir werden noch mehr aus ihm herausschlagen. Laßt uns eine Probe aufs Exempel machen. Die Probe ist so: dieses Tageblatt ist in der ganzen Provinz verbreitet. Lassen wir den Mühlenbach auf elf Seiten zum letztenmal rauschen. Wir haben den Leitartikel und verlangen die ganze erste Seite für uns. Dann ist noch die Streikzeitung da. Laßt uns verhandeln. Eine Seite neue Welt gegen elf Seiten alte Welt! Unsere Ideen gegen die von Korff! Ein neues Weltbild gegen Zellstoff und Kunstseidel Wir wissen ja gar nicht, wie lange wir uns halten können!« »Gerade darum,« ereiferte sich Lewitzki, »gerade, weil wir nicht wissen, wie lange wir uns halten können, bin ich anderer Meinung. Ich stimme gegen Doktor Schill mit beiden Händen.« »Ich bin für Schill,« sagte Bessemer. »Die erste Seite vom Tageblatt und dann die Streikzeitung.« »Ich habe keine Stimme und sage doch ein Wort,« begann der Russe. »Ich studiere Technik an der Hochschule. Als Techniker leuchtet mir ganz gut ein, was Lewitzki will. Aber eine Revolution ist ganz anders, als das. was heute bei euch gespielt wird. Da wird nicht so viel geredet und verhandelt.« »Macht, was ihr wollt,« sagte Lewitzki. Es klopfte an die Tür. Direktor Mühlenbach trat ins Zimmer. »Sie sind pünktlich, Herr Direktor,« begann Bessemer. »Wir haben nichts dagegen, daß die Zeitung morgen früh noch einmal erscheint. Den Leitartikel brauchen Sie nicht schreiben zu lassen. Den schreiben wir. Wir wollen uns einigen und schlagen vor, daß Sie uns die erste Seite des Tageblattes überlassen. Wir haben allerlei Bekanntmachungen, die auch Ihre Leser interessieren. Und natürlich drucken wir die Streikzeitung extra. Einverstanden?« »Ich würde sehr gern erst mit Herrn Korff gesprochen haben,« seufzte der Direktor. »Aber das muß ich halt auf meine eigene Kappe nehmen. Und zum Schluß: einverstanden mit Ihren Vorschlägen. Aber wie ist es mit dem da?« setzte er hinzu und machte die Geste des Geldzahlens. »Über das wird später zu reden sein,« sagte Bessemer. »Da verhandelt der Aktionsausschuß. Wir sind ja gegen die Putschregierung in Berlin! Und, Sie wissen ja, der Herr Doktor Schill kennt Herrn Korff. Auch ich hatte früher einmal das Vergnügen.« »Gut. Ich eile, um die nötigen Anweisungen zu geben.« »Darf ich begleiten, mein Herr?« fragte der höfliche Russe. »Mühlenbach,« stellte sich der Direktor vor. »Kommisarow,« antwortete der russische Student. Die zwei Männer verließen das Zimmer. »Wie ist die Sitzung ausgegangen?« wandte sich Bessemer an Lewitzki. »Was gibt es Neues in Berlin?« »Wir machten bald Schluß. Wir haben die alten Papas mit unserer Zeitungsbesetzung überrascht, über den Haufen geworfen, und da haben sie die Sache schließlich legalisiert, fluchend, wie du dir denken kannst. Als sie mitten im heftigsten Fluchen waren, kam ein Berliner Kurier. Dort ist der Generalstreik schon im Gange. Und der bewaffnete Kampf ... Hier wird es auch nicht lange ruhig bleiben. Paßt auf, der Korff läßt sich nicht so glatt über den Haufen rennen. Er ist am Ende für die Republik, warum soll er nicht? und läßt uns hinausschmeißen. Studenten sind unterwegs und sammeln sich im Park. Auch eine Kompagnie Soldaten habe ich marschbereit gesehen. Aber wir haben auch unsere Leute mobilisiert.« Von der Straße her brandete der bewegte Lärm großer Aufmärsche. Aus dem Maschinensaal kam immer noch das rhythmische Schüttern der Druckmaschinen. Die Fensterscheiben klirrten leise. Es roch nach abgestandener Luft, Druckerschwärze, Tabak und feuchten Kleidern. Plötzlich hörte man die Melodie eines Soldatenliedes, ein fernes Singen noch, das aus dem taktmäßigen Schreiten der Soldaten aufstieg und noch in dem Maschinentrott der Marschierenden gefesselt war. »Wir sind wie in einer Festung,« sagte Doktor Schill, der auf das Lied gehört hatte. »Wenn schon,« antwortete Lewitzki. »Wenn schon, Doktor. Laßt uns dann die Festung inspizieren.« Die drei Freunde traten auf den Flur und sahen die bewaffneten Arbeiter. Der Matrose hatte sich's in einem Redaktionszimmer bequem gemacht. Der Redakteur Kramer kam Schill aufgeregt entgegen. »Herr Doktor, Herr Doktor,« sagte er. »Was ist denn los? Ich muß die letzten Kurzgeschichten redigieren, und man wirft mich aus dem Zimmer! Was soll denn da mit der Zeitung werden? Was soll ich denn tun?« »Nach Hause gehen, Herr Kramer,« sagte Schill. »Sie wissen ja, was los ist: Putsch in Berlin. Ruhe ist des Bürgers erste Pflicht!« »Aber das Tor ist ja gesperrt!« »Es wird aufgemacht werden,« antwortete Lewitzki und wandte sich an den Matrosen, der neugierig auf den Flur gelaufen kam. »Los, die Herren Redakteure dürfen das Haus verlassen. Passierscheine ausschreiben!« »Meinetwegen,« brummte Becher. »Holen Sie die anderen Schreiber zusammen,« befahl er Kramer. Der bebte vor Wut, aber er eilte gehorsam davon und kam nach einigen Minuten mit seinen Kollegen zurück. »Feierabend,« sagte Lewitzki. »Feierabend?« wiederholte der Nachtredakteur. »Was heißt hier Feierabend! Ich brauche noch die letzten Telegramme.« »Feierabend, Herr,« sagte Lewitzki und erklärte eisig: »Die letzten Telegramme sind wir!« »Ich protestiere,« begann der Redakteur Schubert, ein alter Mann in den fünfziger Jahren, und wandte sich an den kaum zwanzigjährigen Lewitzki. »Ich protestiere mit aller Macht gegen den schändlichen Einbruch in unser stilles Haus. Das ist gegen das Gesetz!« »Keine Aufregung, Herr Schubert, es ist schon alles glatt gemacht,« fiel Mühlenbach ein, der eben gekommen war. »Wir haben uns schon geeinigt und gehen nach Hause. Es ist eine tolle Nacht, aber die Zeitung ist doch fertig geworden. Eine schöne Nummer, Herr Doktor Schill!« Becher hatte die Passierscheine fertig gemacht und drückte sie Kramer in die Hand. Der wurde rot wie ein Schuljunge, blickte den Matrosen halb ergeben und halb wütend an und verteilte dann die Zettel. Die Redakteure verzogen sich. Nur Mühlenbach blieb stehen. »Alles in Ordnung, meine Herren,« sagte er. »Die Streikzeitung wird gedruckt, die Setzer warten auf das Manuskript. Wie soll sie denn heißen, das Streikzeitungchen?« »Das ist unsere Sache,« fauchte Lewitzki. »Natürlich. Selbstverständlich!« beruhigte Mühlenbach. »Es war ja nur eine höfliche Frage. Eine bibliophile, Herr.« »Die Rote Flut!« sagte der Russe. »Schöner Name,« scherzte der Direktor. »Darf ich Ihnen ein wenig von dieser Farbe anbieten?« Er nahm den Hut vom Kopf und zeigte seine brandroten Haare. »Vielen Dank,« sagte der höfliche Smirnow. »Vielen Dank, Herr, aber dieses Rot dürfte für unsere Zwecke doch ein wenig zu schwach und zu matt sein!« »Das dachte ich mir gleich,« lachte Mühlenbach. »Das dachte ich mir gleich. Aber das macht nichts. Spaß muß sein bei der Leiche, sonst geht niemand mit. Gute Nacht, meine Herren!« »Gute Nacht,« grüßte Smirnow zurück. Die anderen blieben stumm, sie hatten den Hohn verstanden. »So ein ekelhafter Schwätzer, von wegen ›Spaß muß sein bei der Leiche‹. Wir wollen doch sehen, wer eher kalt wird, er oder wir. In den Keller hätten wir den roten Hundekerl diese Nacht sperren sollen. Paßt auf, der Gauner läuft geradenwegs zu Korff.« »Oder zu 2435,« sagte Smirnow und lächelte. »Jetzt ist doch alles gleich. Die Polizei ist schon lange benachrichtigt. Mich wunderts nur, warum bis auf das verrückte Soldatenlied alles stumm geblieben ist,« meinte der Doktor. »Beruhige dich, Schill,« sagte Bessemer. »Es wird schon losgehen. Vielleicht mehr als uns lieb ist.« An den Fenstern des Hauses, die nach der Straße führten, standen viele Posten. Die Fenster waren abgeblendet. Die Gewehrläufe der Arbeiter schimmerten wie Eis im blassen, kalten Licht der erhellten Straße. Der Torweg der Zeitung war durch einen umgestürzten Wagen versperrt. Vor der besetzten Zeitung wogte eine vieltausendköpfige Volksmenge auf und ab und ließ ihre Hochrufe wie große Schwärme schreiender Vögel verflattern. Immer neue Menschenströme ergossen sich aus den Vorstädten. Die Fenster der Cafés und Musikhallen verfinsterten sich. Vor die großen Scheiben der Kaufhäuser rasselten eiserne Läden. Trambahnen wurden angehalten. Am Park wurde ein Lastauto umgekippt. An der Brücke am Fluß wurden Barrikaden gebaut. Die ganze Stadt fieberte, brüllte oder lauschte auf den tosenden Lärm, der vor jener besetzten Zeitung aufstieg. Auf geisterhaften Flügeln strichen die unsinnigsten Gerüchte und Parolen durch die Stadt. Der Kaiser war in Berlin eingezogen. Der Reichstag sollte in die Luft gesprengt sein. Sowjets in Köln und Hamburg. Rupprecht ist König von Bayern. Die deutsche Flotte im Kampf gegen England. In Paris ist Revolution. Trotzki ist ermordet worden. Plötzlich begann auf den dunklen Bergen ein Scheinwerfer aufzublitzen und wanderte dann in kühlen, blendenden Lichtüberfällen in die nächtliche Stadt und streifte wie ein irrsinniger Komet die ausgestorbenen oder überfüllten Straßen, die verlassenen, traurigen Plätze, den einsamen Park und den schwarzen, kleinen Fluß, der von sich selbst besessen in mystischem Gegluckse seine Wasser nach dem Meere schickte. Einmal streifte der Scheinwerfer auch die belagerte Zeitung. Sie stand für einige Sekunden gläsern und geisterhaft in dem grellen Licht wie unter jenen Leuchtraketen, die im Krieg abgeschossen wurden, und die auf seidenen Fallschirmen über der Front dahinschwebten und krachende Feuerüberfälle und Lufttorpedos anzeigten. Die endlose Nacht »Was soll nun werden?« fragte Doktor Schill, und man hörte Angst in seiner Stimme. »Was soll nun werden? Wir haben die Festung inspiziert. Felix, die Streikzeitung wird gedruckt, die Setzer warten auf Manuskript. Also los. Wir haben fünfzig Gewehre, aber wenn die Soldaten kommen, sind wir verkauft. Fünfzig Knarren! Das ist Ja Wahnsinn. Aber ein schöner Wahnsinn! Los, an die Arbeit!« »Die Soldaten?« fragte Lewitzki. »Unsinn, die ganze Stadt hat sich erhoben und ist auf unserer Seite.« »Das kannst du hören, jetzt, in diesem Augenblick,« flüsterte Bessemer und hatte die Stimme gesenkt, wie fast alle die Stimme gesenkt hatten und nur leise miteinander sprachen. »Das kannst du eben hören, Lewitzki, wie sehr die ganze Stadt auf unserer Seite ist.« Durch die Hochrufe von der Straße hörte man ganz klar das schrille Niedergeschrei einer Gegendemonstration. Das Soldatenlied war schon ganz nahe. Auch die Studenten rückten an. Die enge Straßenschlucht vor der belagerten Zeitung glich jetzt einem brüllenden Hohlpaß, um den erbittert gekämpft wurde, jetzt noch mit Hoch und Nieder, aber ... Da fiel ein Schuß. In die sausende Ruhe, die dem Schuß folgte, auf der Straße und in der Zeitung, sagte der Russe mit seiner freundlichen Stimme: »Jetzt geht es los. Sind eure Pistolen in Ordnung?« »Ich habe keine Pistole,« antwortete Schill und errötete. »Bis heute habe ich nur mit geistigen Waffen gekämpft ... Ist das aber komisch: Wir sind für eine neue und bessere Weltordnung, die allen Menschen mehr Glück geben kann, und gegen uns wird nun geschossen!« »Gar nichts ist komisch, Herr Doktor,« antwortete Lewitzki und ließ die Augen funkeln. »Gar nichts ist komisch! Glauben Sie denn, die Menschen ließen sich durch schöne Worte oder liebevolle Bücher überzeugen? Denken Sie an die Bibel und daran, daß gerade im Namen des Christentums die blutigsten Metzeleien geschehen sind! Denken Sie an die letzte Schweinerei, den Weltkrieg! An die Inkas! An die Inquisition und so weiter. Alles im Namen der christlichen Liebe und Barmherzigkeit. Eine schöne Liebe! Eine schöne Barmherzigkeit! Nein, Doktor, aus zerschossenen Barrikaden wird das Bauholz für die neue Welt geschlagen!« Das wilde Blut seines Großvaters, der achtundvierzig in Deutschland und einundsiebzig in Frankreich für die Freiheit gekämpft hatte, durchbrauste Lewitzkis Herz. Wie eine schwarze, ungeheuerliche Woge raste nun der Straßenlärm empor voll dunkler Schreie und Hochrufe, eine chaotische Woge, die der Ozean in die Brandung einer steilen Küste schleudert. Als die Wogen sich zerbrachen, stürzte eine junge Frau auf die Freunde zu. Eine Frau, die plötzlich aus dem Dunkel auftauchte, keiner wußte woher, keiner hatte sie vorher gesehen, keiner brauchte sie in dieser Nacht der Männer. »Es geht los, es geht los!« schrie sie Lewitzki an. Ihr Gesicht war ganz verzerrt. Aus ihren Augen flammte weißes Licht. »Es geht los, es geht los. Die Soldaten kommen. Habt ihr den Schuß gehört? Der erste Tote von uns liegt auf der Straße in seinem Blut!« Sie wartete auf keine Antwort und lief weiter. »Wer ist das?« fragte verwundert der Doktor Schill. »Weiß nicht,« sagte Lewitzki. Da fiel der zweite Schuß. Noch einmal erhob sich die schwarze, ungeheuerliche Woge vom Grund der nächtlichen Straße, zerschellte an den kalten Wänden und rollte durch alle Gänge und Zimmer der besetzten Zeitung. Auf ihrer schneeweißen Kuppe stand das Klagegeschrei eines Verwundeten. »Mörder! Mörder!« gellte eine Stimme. Die Soldaten rückten an. Ja, die Soldaten rückten an, aber in der gleichen Stunde saß bei Herrn Korff der ehemalige Hauptmann Kries, rauchte eine Zigarre und hörte, was sein Gastgeber zu sagen hatte. Kries liebte Herrn Korff nicht leidenschaftlich, aber sie waren alte Bekannte und es war wohl mehr die Gier nach Abenteuer, die dem Hauptmann zu dem Fabrikanten und Spekulanten geführt hatte. Die wilde, erregte Nacht hatte sein Blut aufgewühlt, und nun saß er da, groß und schwer wie Herr Korff und hörte gelassen zu. »Herr Hauptmann, die Sache ist die,« sagte Korff, »wir haben uns in der letzten Zeit nicht immer gut verstanden. Ich habe Sie hergebeten, weil ich für Waffenstillstand und gegenseitige Hilfe bin. In Berlin kracht der militärische Schlamassel zusammen, das wissen wir beide. Ein General an der Spitze eines Industriestaates ist ein verdammt schlechter Witz! Nein, ich bin nicht für die Militärdiktatur. Auch nicht für den Paragraphen 48, Diese Zahl hat eine zu ominöse Vergangenheit. Ich bin für die Republik. Die Republiken haben den letzten Krieg gewonnen, ich bin ein Mann der Tatsache und heiße Korff.« »Ich bin ganz Ohr, und am neugierigsten bin ich auf das, was Sie jetzt sagen werden.« »Kurz und gut: jetzt wendet sich das Spiel, Hauptmann. Jetzt kommen wir an die Macht. Wir müssen uns gegen das Chaos stemmen. Mit allen Mitteln. Unsere Arbeiter sind verrückt geworden und haben eine Zeitung besetzt.« »Ihre Zeitung, Korff?« »Zufällig meine Zeitung. Was heißt meine Zeitung? Ich persönlich informiere mich gewöhnlich aus der Berliner Presse ... Aber das ist nicht wichtig. Hören Sie, Hauptmann, ich habe mich mit einigen Leuten zusammengetan, wir haben alles sehr gründlich besprochen und sind der Meinung, daß die Polizei versagt hat. Also müssen wir selber eingreifen. Selber ein wenig Regierung und Vorsehung spielen.« »Wie wollen Sie das machen? Was für eine Losung haben Sie?« »Das Eigentum ist in Gefahr.« »Das Eigentum?« »Jawohl, Hauptmann, das Eigentum!« Er schwieg einen Augenblick und sagte dann: »Und wir haben nicht nur gesprochen, Hauptmann, wir haben auch unsere Vorbereitungen getroffen. Der Leutnant Klemm zum Beispiel hat sich mit der Wachkompagnie zur Verfügung gestellt.« »Ja, und?« »Ja, und?« wiederholte Korff, »Ja, und? Nun, das ›Und‹ ist so: wir wissen, daß Sie, Herr Hauptmann, großen Einfluß auf das Bataillon haben. Wir wollen also die ganze Geschichte legalisieren. Wenn das ganze Bataillon mitmacht, ist erstens der kleine Klemm gedeckt und zweitens ist diese Nacht sowieso schon so wahnsinnig und so wüst, daß es ein Wunder ist, wenn das Bataillon nicht mitmachte. Klemm wird die Sache schon allein schmeißen, aber ich fürchte, der junge Mann ist etwas zu heftig. Also: machen Sie mit? Die Entscheidung ist da. Und da geht es letzten Endes auch mit um Ihren Kopf und Kragen.« »Eigentlich nicht so sehr,« lachte der Hauptmann, »ich habe nämlich mein Vermögen gut und sicher in der Schweiz untergebracht. Im übrigen: die ganze Gewehrlage ist schief, Herr Korff, wie wir alte Frontsoldaten zu sagen pflegen. Was ist los? Putsch in Berlin und Gegenputsch bei uns? Nun, das sind ja letzten Endes nur kleine Erdgeräusche, die einen alten Philosophen wie mich nicht mehr stören und aus der Ruhe bringen.« »Ich bin kein Philosoph, Hauptmann,« sagte Herr Korff, »aber ich sehe, Sie haben einen harten Kopf. Wenn ich Sie nicht überzeugen kann, wird es Nina sicher gelingen.« »So ein Haifisch,« dachte der Hauptmann vergnügt, als der andere aus dem Zimmer gegangen war. »So ein Haifisch. Er ist böse, weil andere Leute nach seinem Futter schnappen und weil sich die kleinen Fische nicht ohne Zappeln fressen lassen wollen. Er hat ein gutes Gebiß, der olle Korff.« Dann kam der »olle Korff« mit seiner jungen Frau. »Herr Hauptmann!« rief Nina und streckte ihm die weißen, wohlgepflegten Hände entgegen, »Herr Hauptmann, endlich haben wir einmal das Vergnügen. Das letzte Mal sahen wir uns in Italien. Was sagen Sie zu der Revolution in der Stadt?« »Er betrachtet die Dinge philosophisch,« scherzte Korff. »Er meint, das seien doch nur kleine Erdgeräusche.« »Sagen Sie ›kleines Erdbeben‹, Herr Hauptmann, und Sie haben die Wahrheit gesagt. Auch bei uns in Moskau fing es mit Demonstrationen, Streiks und Besetzungen an,« sagte die junge Frau und runzelte die Stirn. »Aber wir haben, als wir nach der Stadt wollten, unter den Leuten einen Russen gesehen!« »Einen Landsmann, gnädige Frau?« »Sie sind abscheulich!« zürnte Nina. »Ich danke für solche Landsleute! Der Mann wollte uns damals in Moskau verhaften, der Bluthund.« Das interessierte den Hauptmann Kries. Er ließ sich lang und breit von jener Moskauer Episode erzählen, und Nina malte mit zuckenden Händen die Gefahren ihrer Flucht über Charkow, Kiew und Odessa, und ihre schönen Hände beruhigten sich erst, als sie von Paris und von Dresden berichtete. »Und nun ist dieser Mann hier, der uns aus Moskau vertrieben hat, will wahrscheinlich russische Methoden auf Deutschland übertragen, Blut und Tod, Terror und Tscheka. Ich habe wahnsinnige Angst, Herr Hauptmann. Sie müssen uns helfen. Sie können auch helfen, wenn Sie nur wollen.« Sie streckte die Arme aus. Der Hauptmann war ein Mann und schließlich, dachte er, die Russen! Man hat in den Zeitungen allerhand gelesen. Die kleine Korff hat nicht so unrecht. Die Tscheka, was brauchen wir in Deutschland eine Tscheka! Was brauchen wir überhaupt Russen in Deutschland? »Wer macht denn hier bei uns die ganze Sache?« wandte er sich an Korff, »ich meine die andere Seite?« »Da ist ein Aktionsausschuß, und der scheint von einem gewissen Lewitzki und einem gewissen Lobe geleitet zu werden,« erklärte Korff. »Der Lobe ist ein alter, vernünftiger Arbeiter, ich habe nichts gegen ihn, er hat zwanzig Jahre bei mir gearbeitet. Der Lewitzki ist ein ganz grüner Junge. Dann sind die Gewerkschaften dabei und die Partei natürlich. Die Sozis, die Usepeter und die Spartakisten. Dann ist noch ein gewisser Doktor Schill, ein gewisser Bessemer, der junge Kerl, den wir in Italien trafen, und der Russe. Das sind die Leute, die sichtbar auf der Bühne stehen. Wer die eigentlichen Drahtzieher sind, weiß ich nicht. Vielleicht Leute aus Berlin.« »Der Doktor Schill, der die Bücher geschrieben hat? Das ist sonderbar. Ja, an den Bessemer erinnere ich mich noch ganz gut. Er las uns damals Gedichte vor. Er hätte bei der Lyrik bleiben sollen ...« »Der Doktor Schill ist nicht so gefährlich, Herr Hauptmann,« sagte Nina. »Er ist ein Schwärmer, ein Idealist. Der Russe! Der Russe!« »Der Russe ... Ich habe nichts dagegen, wenn sich das Volk untereinander die Köpfe einschlägt, das liegt im Wesen der menschlichen Natur begründet,« sagte der Hauptmann. »Aber daß ein Mann aus Moskau den Knüppel hebt, das geht gegen die Spielregeln ... Nina Rschewskaja möge befehlen.« Er beugte sich über ihre Hand und sagte dann weiter, »wir haben den Krieg verloren, weil sich unsere Leute in die Angelegenheit von andren Leuten einmischten. Sie haben mich überzeugt. Ich setze mich mit dem Bataillon in Verbindung.« Die Russin nickte und rauschte davon, schön und jung, ein wildes Lächeln um den roten Mund. »Nun?« fragte Korff. »Ich bin bereit, an der Legalisierung mitzuhelfen. Aber der Leutnant Klemm hat ausgeklemmert. Ich übernehme die Verantwortung. Ist die Kompagnie schon aufmarschiert?« »Ja, sie stehen wohl jetzt vor der Zeitung.« »Und die Polizei?« »Polizei versagt. Das Bataillon schwankt hin und her. Zwischen Republik und Monarchie. Wie immer. Ich habe die besten Nachrichten, daß sich die alte Regierung behauptet.« »Ich auch,« sagte Kries. »Ich zögre nicht, zu sagen, daß morgen früh dieser Nachtspuk ein Ende hat. Der Russe hat mich aus der Ruhe gerissen. Die gnädige Frau kann ruhig schlafen.« An die Fensterscheiben trommelte der Regen. Der Lichtkegel des Scheinwerfers streifte auch die Villa des Herrn Korff und fiel kalt, weiß und hämisch in das dämmrige Zimmer, in dem die zwei Männer saßen. Der Hauptmann sprang auf, als ihn das weiße Licht berührte, und verabschiedete sich. »Auf einen schönen Guten Morgen für Nina Konstantinowka Rschewskaja!« »Ich werde die Empfehlung übermitteln,« sagte Korff. »Was spricht der alte Narr von Nina Rschewskaja? Korff heißt sie, Nina Korff,« dachte er. Der Hauptmann aber war in langen Sprüngen die Treppe hinuntergerast. Sein Auto stand vor der Tür. »Nach der Kaserne!« befahl er seinem Chauffeur, und der Motor begann zu rattern. Der Park war ein dunkles Ungeheuer in der kalten Nacht voller Schatten, Sturm und Frost. Die weißen Lichtkegel der kleinen Autolampen fraßen sich zischend in die Dunkelheit. Kries passierte die Barrikade, sie war verlassen. Das Lastauto lag tot und halbzerschlagen an der Straße. Die Kaserne war bald erreicht. Während der sausenden Fahrt hatte er sich einen verrückten Plan zurechtgemacht. Ja, der Russe hatte ihn zuerst gereizt, aber dann, als er noch ernst bei Korff und seiner Frau saß, hatte er innerlich gelacht. Da war ja noch ein russischer Mensch da, die Nina Rschewskaja, und da beschloß er, das Spiel aufzugreifen, mitzumachen, in dieser Nacht als Gott über den Dingen zu schweben und die kleinen Erdgeräusche zu einem harmonischen Ende zu führen. Er wußte schon lange, daß der Putsch in Berlin am Verrecken war und der Putsch in der Stadt klanglos untergehen mußte. Was war schon die Provinz? Es ging ja um mehr als um die Zeitung des Herrn Korff, es ging um mehr als um den kleinen Napoleon, der einen grünen Leutnant bestochen hatte, damit er für ihn Krieg führe. Es ging um das neue Deutschland, von dem gerade die andere Seite, die der Arbeiter, viel schönere Lichtbilder entwarfen, als die Männer mit den Bergwerken, Zeitungen, Zellstoffabriken oder Rittergütern. Warum hatte sich der Doktor Schill auf die Seite der Arbeiter gestellt? Warum schrieb der junge Felix Bessemer keine lyrischen Gedichte mehr, sondern besetzte mit seinen Freunden eine Zeitung, um in der Nacht ein Streikblatt herauszubringen? Warum brachen die Proleten aus ihren Jammerhöhlen auf und entfalteten während ihrer Demonstrationen die großen, roten Fahnen und trugen sie wie Heiligenbilder durch eine verdreckte und verlogene Stadt? Warum, immer nur Warum? dachte der Hauptmann auf dieser nächtlichen Fahrt. Der Major von Schmidt, der das Bataillon befehligte, war von dem Abmarsch der Wachkompagnie vollkommen über den Haufen geworfen, und als sein Freund, der Hauptmann Kries kam, war er nahe daran, das ganze Bataillon gegen die Zeitung zu schicken und sich den Berliner Generalen anzuschließen, vor allem, um den kleinen Leutnant zu decken. Er ließ sich von Kries sofort vom Zusammenbruch des Berliner Abenteuers überzeugen und ebenso gern gab er ihm die Oberleitung über die gegen die Zeitung schon eingesetzten Soldaten. Es war spät in der Nacht. Von den Bergen stieß heftiger Sturm. Der Regen hatte aufgehört. Auch der Scheinwerfer war plötzlich erblindet. Die Demonstration vor der Zeitung hatte sich aufgelöst. Die Arbeiter waren in ihre Vororte abgezogen. Auch die Bürgerwehr, die Studenten und die müßigen Zuschauer und Schlachtenbummler hatten sich gedrückt. Ein kleiner Haufen junger Leute hielt noch tapfer an der Zeitung aus, fror, sang ab und zu ein Lied, begeisterte sich an den Hochrufen auf die Revolution und auf die Republik, und löste sich endgültig auf, als die Soldaten anrückten und die Straße säuberten. Die Straße war gesäubert, ein junger Fabrikbursche wurde verwundet, ein Arbeiter war erschossen. Die Straße in der Nacht war nichts mehr als eine versteinte Ader, eine tiefe Rinne im Quaderleib der Stadt. Der Tote lag nicht mehr auf der Straße. Seine Freunde hatten ihn in den dunklen Torweg der Zeitung getragen. Dort lag er im Schatten der Barrikade, die den Weg nach den oberen Zimmern absperrte. Der Leutnant Klemm, der den Toten auf dem Gewissen hatte, war ein noch ganz junger Mensch mit bartlosem Gesicht, in dem die Augen wie frierende Sterne standen. Den Weltkrieg hatte er als blutjunger Gymnasiast mitgemacht, als Mann und Leutnant kam er aus dem Schlachtfelde zurück, das Herz voller Ehrgeiz, und blieb Soldat. Mit seinen Freunden träumte er oft vom kommenden Krieg gegen Frankreich und vom fahnenumrauschten Einzug in Paris. Mit beiden Händen hatte er den Vorschlag Korffs, die Zeitung zu entsetzen, aufgegriffen. Am liebsten hätte er für sich allein die Berliner Generale unterstützt. Er war für die Diktatur. Da lag nun die leere, kalte Straße in der Nacht. Sturm heulte von den Bergen und fegte über die Steine. Die Straße war gesäubert. Ja, sie war so gut gesäubert, daß ein Arbeiter für immer verstummte und ein anderer seinen Enkeln noch mit haßerfüllten Augen von jener Nacht und jenem Leutnant erzählen würde. Zu diesem jungen Leutnant, der mit sieben Maschinengewehren und hundert Karabinern sich zum Sturm auf die Zeitung rüstete, kam der Hauptmann Kries. Er war schon angemeldet, Leutnant Klemm eilte herbei. »Herr Hauptmann,« meldete er militärisch, »Leutnant Klemm mit hundert Mann zur Stelle. Übergebe mein Kommando Herrn Hauptmann.« »Lassen Sie die Kompagnie rühren,« befahl der Hauptmann. »Die Maschinengewehre zurücknehmen. Die Handgranaten in die Kisten. Wir wollen es erst mit Verhandlungen versuchen. Ich werde verhandeln. Sonst alles ruhig gewesen, Leutnant? Nichts Neues?« »Zu Befehl,« sagte der Leutnant und setzte zögernd hinzu: »Zu Befehl, alles ruhig gewesen. Bis auf den Anfang. Da ist geschossen worden.« »Aus dem Zeitungsgebäude?« »Nein, auf der Straße.« »Da war es hohe Zeit, daß ich kam. Sie hatten doch Befehl, Leutnant, nicht zu schießen? Kein Blut!« »Zu Befehl!« sagte der Leutnant mit unbeweglichem Gesicht. Der Hauptmann wandte sich schroff ab. »Ich brauche drei Mann, die auch den Teufel aus der Hölle holen würden,« sagte er zur nächsten Soldatengruppe. »Wer will mit die Teufel aus der Hölle holen? Freiwillige vor!« Zehn Mann traten vor. »Schön. Der und der und der,« sagte er und wählte drei Mann aus. Er hing sich einen Soldatenmantel um, ging auf das Zeitungsgebäude zu, beachtete die Gewehre nicht, die gläsern aus den dunklen Fensterhöhlen starrten, und pochte mit der Pistole an das schmiedeeiserne Tor. »Aufmachen! Vorwärts, aufmachen! Wir müssen die Leitung sprechen. Wir sind Parlamentäre.« Der Matrose Becher näherte sich mißtrauisch. »Sind Sie hier der kommandierende Admiral? Wir müssen die Leitung sprechen, Herrn Lewitzki und Herrn Bessemer und auch den Doktor Schill,« sagte der Hauptmann Kries. »Was wollen Sie von Lewitzki und Bessemer?« »Das sind unsere Sorgen, mein Junge. Melden Sie Parlamentäre an.« Zu den Posten gewandt fuhr er fort: »So schließt doch endlich das verdammte Tor auf. Es wird Zeit, und wir haben schon kalte Füße!« Da schob Becher die Posten beiseite und öffnete selbst das Tor. Der Hauptmann und seine Soldaten traten ein. Plötzlich stolperte Kries. Er war auf den Toten getreten, dessen wächsernes Gesicht im Schein einer kleinen Lampe maskenhaft zu lachen schien. Der Hauptmann zuckte zusammen, aber Becher schritt leichtfüßig voran, er lebte ja, und er lebte gerne. Bald waren die oberen Zimmer erreicht. Der Hauptmann riß die Augen weit auf, dann schloß er sie, aber in ihrem Blickfeld, ob sie nun offen oder geschlossen waren, lag immer ein toter Mann im Schatten einer Barrikade. Nein, er lag nicht mehr starr und wächsern auf den kalten Steinen, dem Hauptmann war es, als lebe er, als sei er ein Posten neben den anderen Posten an den kahlen Fenstern, ein wachsamer Toter mit entsichertem Gewehr, den Blick auf die Feinde seiner Klasse gerichtet. Der Hauptmann schritt weiter. Er hatte viele Tote im Kriege gesehen, hunderte, tausende, aber ganze Leichenhügel hatten ihn nicht so sehr erschüttert, wie dieser einzige Mensch da unten im kalten Flur. Ihm war, als höre er durch alle Arbeitsgeräusche des nächtlichen Hauses den geisterhaften Tritt des Erschossenen. Die großen Rotationsmaschinen stampften immer noch. Unzählige Lampen und Lichter brannten und schütteten weißes Licht in furchtbaren Sturzbächen auf die leeren Treppen und hallenden Korridore. Der Matrose ging voran, dienerte und führte die Soldaten nach dem Hauptzimmer der Lebendigen, nämlich nach dem Zimmer, in dem Lewitzki, Bessemer, Schill und Smirnow versammelt waren und ihre Aufsätze, Manifeste und Bekanntmachungen schrieben. »Bleibt vor der Tür,« sagte der Hauptmann zu seinen Begleitern, »ich komme bald zurück. Ich muß mit den Herrschaften ein ernstes Wort reden,« und trat, ohne zu klopfen, in das Zimmer ein. Tabaksrauch stieß ihm wie eine gespensterhafte Wolke entgegen. Er schritt in die Wolke hinein und riß sich den Soldatenmantel von den Schultern. Die Männer aber waren so in ihre Arbeit vertieft und glaubten, der Metteur wolle neues Manuskript für die Streikzeitung haben. »Guten Abend, Herr Bessemer,« sagte der Hauptmann. »Hauptmann Kries!« schrie Bessemer überrascht auf und erhob sich. »Hauptmann Kries, wie kommen Sie in unsere Räuberhöhle?« »Um Sie zu verhaften, Menschenskind!« Smirnow, der Mann mit dem Kindergesicht, entsicherte seine Pistole. Die Nacht nähert sich dem Ende Die blaue Wolke des Rauches löste sich auf, als sei ein Fenster aufgestoßen. Es war, als stiege die Nacht in den Raum. Die vier Leute, die über ihren Aufsätzen und Manifesten saßen, sprangen auf und umringten den Eindringling. Der behielt seine Ruhe. »Meine Herrn,« sagte er, »das Spiel nähert sich dem Ende. Ihr macht viel Lärm in Deutschland. Ich komme, um über den Abzug zu verhandeln. Wer von Ihnen ist Doktor Schill?« »Das bin ich,« sagte Schill und trat einen Schritt vor. »Ich habe Ihre Bücher gelesen, Herr Doktor, und das Bild, daß ich mir von Ihnen machte, paßt nicht ganz zu dem Ort und zu den Umständen, in denen ich Sie treffe. Mir gefällt vor allem »Die sibirische Reise«. Tolle Gegend, was?« »Es geht,« sagte jetzt Smirnow. »Ich bin in Tobolsk geboren.« »Das ist also der Russe, vor dem die Nina Korff solche Angst hat? Sie haben die junge Dame in Moskau kennen gelernt?« »Ja,« sagte Smirnow und holte die Pistole hervor. »Wir wollen die Knalldinger beiseite lassen, solange wir uns mündlich und menschlich verständigen können,« sagte der Hauptmann lächelnd. »Es kommt wahrhaftig nichts heraus als Tod und Feuer. Das können Sie mir altem Landsknecht schon glauben. Ich denke, wir werden uns verständigen ohne Tod und Feuer.« »Zwischen uns gibt es keine Verständigung,« griff Lewitzki an. »Ihr habt einen Toten zwischen uns gestellt. Blut ist geflossen. Die Soldaten haben zuerst geschossen.« »Sie sind der Herr Lewitzki?« fragte der Hauptmann. »Was soll das Affentheater?« brauste der Gefragte auf. »Ja, ich bin der Herr Lewitzki!« »Genug, Herr Hauptmann. Wir bitten um Aufklärung. Sind Sie für die Generale in Berlin?« sagte Bessemer. »Nein, dagegen. Die werden morgen oder übermorgen erledigt sein. Aber darum geht es ja gar nicht. Der Herr Korff ist auch für die Republik und trotzdem gegen euch. Weil ihr euch nicht so glatt fressen laßt, Kinder! Aber was habt ihr für Unsinn gemacht! Ihr setzt euch in eine Mausefalle und die ist jetzt zugeschlagen. Von Herrn Korff nämlich. Was könnt ihr mit fünfzig Knarren gegen sieben schwere Maschinengewehre, hundert Karabiner und fünfzig Handgranaten machen? Der tote Mann da unten ist umsonst geopfert. Immer müßt ihr opfern. Im Kriege und im Frieden. Ich weiß schon, was Sie sagen wollen, Doktor,« wandte er sich an Schill. »Ich kenne Ihren Lieblingsgedanken von der Erlösung durch das Opfer. Ich bin dagegen. Auch das Opfer ist nämlich dagegen und wird immer dagegen sein, wenn es zuerst befragt würde und wenn es nicht schon in der Grube verfaulte ... Ich komme von Korff und habe eine Lektion in Patriotismus gehört, daß mir das Kotzen kam. Und deshalb ging ich auf seine Pläne ein, um sie umzuschmeißen.« Er setzte sich an den großen Tisch, der mit Manuskripten übersät war, und als die Männer auch saßen, berichtete er von seiner Unterredung mit Korff und der jungen Russin. Bisher hatten die Freunde nur die eine Seite der Welt gesehen, ihre Welt, und sie waren aus der Masse der Kameraden als Beauftragte und Vollstrecker eines großartigen Willens aufgebrochen, sie wußten von all dem Haß und der messianischen Verzückung, von aller Sehnsucht und Verbitterung, vielleicht war es auch die stürmische Nacht, die sie gerufen und verzaubert hatte, die endlose Nacht, die sich jetzt dem grauen Ende zuneigte. Und jetzt tauchte in dem fahlen Licht der Gegenspieler auf, ein Gegenspieler, und wahrscheinlich auch ein Mensch, der sich als Beauftragter seiner Klasse fühlte. Korff tauchte auf. »Was sind Ihre Pläne, Herr Hauptmann,« fragte Bessemer, als der Bericht beendet war. »Die Zeitung muß auf alle Fälle geräumt werden. Ohne einen Schuß. Von keiner Seite. Ich habe mich in euer Spiel gedrängt, jetzt bin ich mitten drin und stelle die Spielregeln auf. Und spiele mit. Verdammt, da ist der Korff, wenn er von Deutschland spricht, trieft er nur so wie eine Speckschwarte überm Feuer. Er war ein angenehmer Kerl, bis er einer ehrgeizigen Russin in die Hände fiel, die noch patriotischer ist als er. Wenn schon, denn schon ... Sagen Sie mal, Herr Russe, lieben Sie Moskau? Lieben Sie Rußland?« fragte er unvermittelt und beugte sich zu dem jungen Smirnow. »Ja, ich liebe Moskau und liebe Rußland,« antwortete Smirnow. »Und warum sind Sie in Deutschland?« »Ich studiere an der Technischen Hochschule ...« »Jetzt auch, in dieser Nacht?« »Nein. Jetzt bin ich bei meinen Genossen.« »Quatsch, ich komme ins Geschwätz hinein,« unterbrach sich der Hauptmann. »Ich bin ja für die Vereinigten Staaten von Europa ... Meine Leute warten vor der Tür,« fuhr er fort. »Es sind brave Kerle. Sie würden, ohne mit der Wimper zu zucken, ihre Handgranaten auf euch schmeißen. Wann werdet ihr fertig? Wann kann das Lokal geräumt werden? Meine Soldaten haben nämlich verflucht kalte Füße bekommen und möchten gern nach Hause.« »In zwei Stunden,« sagte Bessemer. »Wir machen die letzte Seite fertig. In einer halben Stunde kann gedruckt werden.« »Jetzt ist es vier Uhr. Um sechs Uhr komme ich. Laßt nicht schießen. Verdammt, nicht schießen lassen. Ja, der Tote liegt zwischen uns, Herr Lewitzki, aber wenn ich nicht gekommen wäre, in der Frühe würde mehr als einer von euch starr und steif auf dem Pflaster liegen... Mein Plan? Ich habe da einen guten Bekannten nicht weit von hier, einen Herrn Lamprecht, und ihr würdet gut daran sein, die Stadt auf einige Tage zu verlassen. Bis sich alles beruhigt hat. Was meinen Sie, Herr Doktor?« »Herr Hauptmann,« antwortete Schill, »ich habe im Augenblick keine eigne Meinung, und wenn ich eine hätte, wäre sie vollkommen unwichtig. Ich stelle mich in eine Reihe mit meinen Freunden und übernehme auch, wenn es sein muß, jede Verantwortung.« Hauptmann Kries trat auf ihn zu und schüttelte seine Hand. Diese Ehrung freute und verwirrte den Doktor sehr. »Also die Nacht nähert sich dem Ende. Das Spiel ist aus. Wir wollen es gut zu Ende führen. Hämmert euern Leuten in den Schädel, nicht zu schießen. Und schreibt nicht zu wüste Aufsätze in euer Blatt, der helle Tag ist erbarmungslos kühl und nüchtern.« Er stand und ragte in die blaue Rauchwolke hinein, die über den Männern schwebte, dann schüttelte er Bessemer die Hand, verbeugte sich vor den anderen Männern, warf seinen Mantel um und verließ das Zimmer. Die drei Soldaten an der Tür salutierten, der Matrose Becher führte sie wieder durch endlose, im weißen Licht wie vereist aussehende Korridore hinunter in den Hof, an der Barrikade vorbei, in deren Schatten der Tote lag. Das eiserne Tor drehte und öffnete sich kreischend. Der Hauptmann und die Soldaten traten auf die kalte, verdunkelte Straße. Die letzten Manuskripte waren fertig. Bessemer erzählte seinen Freunden von der Bekanntschaft mit dem Hauptmann Kries, den er auf einer Vagabundage in Italien getroffen hatte. »Ein feiner Kerl, der Hauptmann, ein Mensch unter Unmenschen,« sagte er zum Schluß, »es ist wie ein Schicksal, daß er heute Nacht das Kommando über die Soldaten hat. Es ist ein Wunder.« »Die ganze Nacht ist ein gläsernes Wunder,« sagte der Doktor Schill. »Ein Wintermärchen aus Glas, das im grauen Morgen zerbrechen muß. Und bald ist der graue Morgen da.« Die anderen schwiegen. Lewitzki knurrte noch ein wenig. Smirnow bewahrte seine höfliche Ruhe. Vor einem Jahr war dieser Smirnow aus Rußland gekommen, um in Deutschland zu studieren. Aus dem russischen Umsturz kam er in den deutschen Umsturz hinein, und der tragische Bruch ging durch den ganzen Menschen. Er war der geborene Techniker und ein glühender Revolutionär. Sein Vater war in der Verbannung zugrunde gegangen. Schon in Moskau hatte der junge Smirnow zwischen den Hörsälen und der bewegten Straße hin und her geschwankt, und in Deutschland wiederholte sich dasselbe Spiel. Er war mit Lewitzki sehr gut befreundet, und als er von ihm heute nur einen leisen Wink bekommen hatte, war er sofort nach dem Volkshaus geeilt und schloß sich dem Marsch der Arbeiter an. Oft schien es ihm, wenn er über die Dinge nachdachte, als ginge die Grenze der vielen Länder nicht nur durch wechselvolle Landschaften, ihm war es, als ginge sie viel feuriger und tiefer durch die Herzen der Arbeiterklasse in der ganzen Welt. Natürlich liebte er Rußland. Das war eine Liebe wie zu einer Mutter. Aber nun war er ja erwachsen und ein Mann. Seine Liebe hatte Flügel bekommen und umarmte auch Deutschland. Der Matrose Becher hatte nur einen Blick auf die Straße geworfen. Im Licht vereinsamter Laternen sah er den matten Schimmer der Stahlhelme von den vielen Soldaten, er sah die zusammengestellten Gewehre und schauderte zusammen. Rasch trat er in das Haus zurück, ging durch alle Zimmer, stand dann lange an einem Fenster und blickte noch einmal auf die Straße, die vollkommen vom Militär abgeriegelt war. Da trat der Matrose in das Dunkel zurück. Er stellte den Karabiner in die Ecke, schnallte die Mauserpistole ab und warf seinen Mantel über einen Stuhl, als sei er ein schlechtes Kleid, schlich noch einmal an das Fenster und ging dann mit leisen Sohlen aus dem Raum und verschwand wie ein Dieb. In dem hellen, vom elektrischen Licht flammenden Korridor der ersten Etage hatten sich einige Posten um die junge Frau mit den Tieraugen gesammelt. Ab und zu trommelte Sturm an die Fenster, die Scheiben klirrten, die Rotationsmaschinen krachten dunkel. Die Streikzeitung wurde gedruckt. Neue Posten kamen, und plötzlich begann die junge Frau zu sprechen. »Wir sitzen in einer Falle,« sagte sie. »Wir sind umstellt und verloren, wenn wir uns nicht wehren. Die Führer sitzen weich und warm in ihrem Zimmer und schreiben und verhandeln. Der Hauptmann war eine halbe Stunde bei ihnen. Und sie haben gelacht. Ich habe es gut gehört. Wer von da oben kann überhaupt schießen? Keiner, sage ich euch. Sie haben uns an den Hauptmann verkauft und verraten. Wenn wir abziehen, knallen uns die Soldaten wie Hunde über den Haufen. Denkt an den Toten an der Barrikade! Wir müssen kämpfen. Bis zum letzten Atemzug. Soll auch heute alles wieder umsonst sein? Das Blut. Der Streik. Die Zeitungsbesetzung? Ihr habt ja, wenn ihr nur wollt, die Macht. Kämpft und haltet durch. Oder habt ihr vielleicht Angst?« »Angst?« fragte der Metallarbeiter Schulz, dessen Bruder erschossen war, »Angst? Nein, was ist das? Wir haben keine Angst!« »Dann schießt, wenn die Soldaten kommen!« Die Freunde näherten sich der Gruppe und hatten den Schluß der wilden Rede noch gehört. Lewitzki drängte sich vor. Sein junges Gesicht war kalt, hart und entschlossen. »Wer spricht vom Schießen? Wer hat Sie für diese Rede bezahlt? Wer sind Sie? Und wer hat Sie gerufen?« herrschte er die junge Frau an. »Das Volk hat mich gerufen. Der Tote unten im Flur,« sagte die Frau und blickte Lewitzki feindlich an. »Die im Zuchthaus sitzen, haben mich gerufen. Mein Mann, der in der Festung sitzt. Alle!« »Die Streikleitung hat Sie nicht gerufen. Auch der Tote nicht. Was wissen Sie vom Zuchthaus?!« Die Frau schwieg. Ihr Mund zuckte. Durch das tiefe Rot der Lippen schimmerten die weißen Zähne. Sie sah schön und gefährlich aus. In der kalten Nacht stand sie als weiches, heißes Weib vor den ernsten Männern, ewige Verlockung, glühender Trost vor dem Grauen der Niederlage. Alle hingen an ihrem Gesicht, an dem weißen Hals und an der vollen, runden Brust. Jetzt erst schien die Nacht Sinn und Leuchtkraft zu bekommen: die Frau war da. Der Sturm heulte nicht mehr so wütend, die Nacht war nicht mehr so kalt und einsam. Lewitzki aber blieb kühl und klar. »Also,« fragte er weiter, »wer hat Sie in das Haus gelassen? Auf wem können Sie sich berufen?« »Der Matrose Becher kann sagen, wer ich bin,« antwortete sie. »So holt den Matrosen!« Ein Posten eilte davon. Zurück blieb das kalte Schweigen, die Gier der Männer, harte Windstöße, klirrende Fenster, die Arbeit der stampfenden Druckmaschinen, ferne Kommandorufe auf der Straße. In den wenigen Minuten der Windstöße und klirrenden Fensterscheiben versuchte die Frau ein verwegenes Spiel. Sie ließ die schwarzen Augen zärtlich über die vielen Männer wandern, lockte und warb, forderte heraus und ergab sich. Lewitzki stand bei seinen Freunden. Der Doktor Schill begann in sein Notizheft zu schreiben, Smirnow erzählte eine Spitzelgeschichte aus Moskau. Immer weiter spielte die junge Frau und hatte beinahe gewonnen, als der Posten aufgeregt zurückkam. »Der Matrose Becher ist nirgends zu finden,« meldete er. »Der Posten an der hinteren Tür sagt, daß er ihn vor zehn Minuten das Haus hat verlassen sehen. Ohne Mantel und ohne Waffen.« »Nun,« begann Lewitzki von neuem, »nun, junge Frau, es ist am besten, wenn auch Sie verschwinden. Gehen Sie schlafen, Madame. Paul,« wandte er sich an den Posten, »Paul, zeige doch auch ihr die hintere Tür. Still sein!« schrie er, als die Frau reden wollte. »Los, abführen!« Noch einmal, zum letztenmal, ließ das junge Weib die Augen wandern, zum letztenmal, schon unterliegend, lockte und warb sie. Als sie endlich begriff, daß diese Nacht nur eine Nacht der Männer war, warf sie den schönen Kopf in den Nacken, lachte verächtlich auf und ließ sich dann abführen. »Kameraden,« sagte Lewitzki, »über diese Frau keine großen Worte mehr. Sie ist von der anderen Seite geschickt worden. Vielleicht von Korff ... Ja, wir haben mit dem Hauptmann verhandelt und das war das beste, was wir tun konnten. In zwei Stunden kommen die Soldaten. Unsere Zeitung wird jetzt gedruckt. Aber wenn wir abmarschieren, wechseln wir nur den Kampfplatz. Wenn die Soldaten kommen, nicht schießen. Ein Toter ist mehr als genug. Haben wir verspielt? Vielleicht diese eine Partie, aber wir unterbrechen ja nur das Spiel ... Es ist freier Abzug vereinbart worden ... Wer will jetzt gehen? Der Weg ist frei!« Schweigen antwortete, tiefes Schweigen, aus dem hier und da dunkles Grollen aufstieg. Diese Männer waren am Abend durch die Stadt marschiert, nun war es späte Nacht, der Morgen kam, und was stand am Ende des Marsches? Eine Niederlage. Wieder eine Niederlage! Ein Toter lag auf den kalten Steinen. Ein Mann war verwundet. Ja, immer lagen die Toten hinter dem Marsch. Geopferte. Opfer. Immer war Blut. Und jetzt? Worte, nichts als Worte ... »Lewitzki,« erhob sich endlich eine Stimme, »Lewitzki, wir kennen dich gut und glauben, was du sagst. Auch wir wissen, daß wir in der Falle sitzen. Da blieb nichts weiter übrig, als zu verhandeln. Hans ist tot. Viele werden wohl noch sterben, bis wir gesiegt haben. Das ist bitter. Wieviel Mann brauchst du bis zum frühen Morgen?« »Sechs Mann genügen.« »Sechs Mann vortreten,« befahl Schulz, der das Kommando übernommen hatte. »Sechs Posten bis die Soldaten kommen.« »Wir bleiben bis zur letzten Minute,« antworteten alle. Aber nicht alle blieben bis zur letzten Minute. Einige hängten die Gewehre ab, senkten die Köpfe und verließen das eingeschlossene Gebäude. Als sie auf die Straße traten, wurden sie zuerst von den Soldaten umringt. Der Befehl des Hauptmanns aber bahnte ihnen freien Weg. Immer noch stieß der Sturm. Kein Stern war am Himmel. Schwermut und Verzweiflung kamen und umhalsten die Geschlagenen, flüsterten vom geruhigen Dasein, von einem kleinen Haus mit blühendem Garten und animalischem Dasein zwischen Geburt und Tod und neuer Geburt. Nein, der Weg durch die sinkende Nacht war nicht schön. Auch die Zurückgebliebenen hatten die Stimmen der Versuchung gehört. Junge Leute wurden müde und ungläubig; alte Männer, die sich ihr ganzes Leben lang gebeugt hatten, beugten sich in dieser Nacht nicht und erwarteten mit tränenlosen Augen das bittere Ende. Ja, sie würden, wenn es an der Zeit war. wieder zum Gewehr greifen und durch eine Stadt marschieren. Ja, und dann würden sie auch schießen, wenn es die Zeit war zu schießen. Am frühen Morgen, als die Soldaten in das Haus eindrangen, standen noch zehn Posten auf ihren Plätzen. Die anderen waren abtrünnig geworden und hatten sich davongeschlichen. Bessemer und seine Freunde warteten im Zimmer des Chefredakteurs auf die Zeitung. Die ersten Zeitungen, noch feucht vom Druck, wurden gebracht. Auf der ersten Seite des »Tageblatt« stand der Aufsatz, den der Doktor Schill geschrieben hatte. Bekanntmachungen der Streikleitung füllten den anderen Platz aus. Auch die Streikzeitung war fertig. Eine Seite Neuzeit kämpfte gegen elf Seiten alte Welt! Und was war in dieser Nacht die neue Zeit? O, Streik in der Stadt, Vorstoß gegen den Putsch in Berlin, der Wille zur Macht, ein trüber Novemberabend mit Sturm, eine besetzte Zeitung, ein Verwundeter und der Tote im Schatten der Barrikade. Was war die neue Zeit? Zehn bewaffnete Arbeiter im Morgengrauen, ein Doktor, ein russischer Student, zwei junge Schwärmer und ein leuchtend schöner Aufsatz von Schill. Aber auch das war die neue Zeit: die großen Demonstrationen bis in die Nacht, das dunkle, namenlose Volk, das wieder in die Vorstädte zurückgetrieben war und sich zu neuer Sammlung bereit hielt. Die Gewehrkolben knallten an das schmiedeeiserne Tor. Die Soldaten brachen ein. Es waren junge Kerle vom flachen Land. Sie hatten die ganze Nacht untätig vor der Zeitung gelauert, waren durchfroren und voller Wut Sie zerstörten die Barrikade und trugen den Toten in den Maschinensaal, in dem die Maschinen ausgetobt hatten und nun stumm und gigantisch lauerten. »Es geht los, benehmt euch heldenhaft,« sagte Bessemer, als die Gewehre an das Tor knallten. »Wird der Hauptmann sein Wort halten?« fragte Smirnow, der Mann mit dem Kindergesicht, einen Ton tiefer als sonst. »Hoffentlich kommt er bald,« sagte der Doktor Schill. »Es war eine endlose Nacht, und nun bin ich müde.« Sie brauchten nicht mehr lange zu warten. Der neue Tag wühlte schon mit feurigen Händen in der matten Dämmerung. In dem Zeitungsgebäude brannten noch die elektrischen Lampen, aber sie waren kalte und eisige Sonnen am Rande des Nichts. Schill hatte ein Fenster aufgestoßen. Die blauen Tabakswolken wurden von unsichtbaren Fäusten aus dem Zimmer gerissen. Kühle, erquickende Luft strömte in den überhitzten Raum. Der Lärm der einbrechenden Soldaten füllte alle Korridore. Eisenbeschlagene Stiefel klapperten auf den Treppen. Neue Schritte näherten sich dem Zimmer, in dem die Freunde saßen. Die Tür öffnete sich. Der Hauptmann Kries kam mit einigen Soldaten. »Hände hoch!« befahl er laut, »Hände hoch, meine Herren. Sie sind verhaftet. Folgen Sie mir.« »Wir weichen nur der brutalen Gewalt,« antwortete Lewitzki. »Und einmal kommt die Zeit, das weiß ich, da werden wir ›Hände hoch!‹ kommandieren.« »Aber jetzt noch kommandiere ich,« sagte der Hauptmann und wandte sich an die andern: »Sind Sie fertig, meine Herren? Ja, dann vorwärts, bitte.« Die Gefangenen setzten sich in Bewegung. Als sie auf den Korridor kamen, wurden sie von den Soldaten fluchend empfangen. Als ein ganz junger Bengel aber nach Lewitzki mit dem Kolben stieß, brüllte der Hauptmann: »Unteroffizier, den Mann abführen!« Der Mann wurde abgeführt. Kein Gewehrkolben wurde gegen die Gefangenen mehr erhoben. Bald war die Straße erreicht. Die Barrikade im Torweg lag zerbrochen im grellen Licht einer Bogenlampe. Das Blut des Erschossenen konnte auch von dem grellsten Licht nicht ausgelöscht werden. Auf der Straße stand ein Auto. Der Leutnant Klemm eilte herbei. »Ich führe die Gefangenen in die Kaserne, Leutnant,« sagte Kries. »Sie übernehmen das Kommando. Neue Posten ausstellen. Die Arbeiter,« und er zeigte auf die letzten zehn Mann, die aus dem Tor traten, »die Arbeiter passieren lassen. Sie haften dafür, daß sich niemand an ihnen vergreift.« »Zu Befehl, Herr Hauptmann!« antwortete der Leutnant mit unbeweglichem Gesicht. »Einsteigen, meine Herren!« wandte sich Kries an die Gefangenen. Sie stiegen ein. Der Hauptmann entließ den Chauffeur und setzte sich selbst an die Steuerung. Die Hupe schrie in den Morgen hinein, der Motor begann zu hämmern, der Wagen sauste durch die verlassene Straße hinunter nach dem Park, der wie eine Mauer zwischen Tag und Dämmerung stand. Langsam wachte die Stadt auf. Der Schlaf hatte ihre Fieber gestillt. Ja, jetzt war der Generalstreik da, die letzten Züge ratterten in den Bahnhof, die ersten Arbeiter marschierten nach der Innenstadt. Im Volkshaus brannten noch die Lampen. In der Nacht hatte die Streikleitung beschlossen, am frühen Morgen die eingeschlossenen Arbeiter zu entsetzen. Verstummt waren alle Fabriken, keine Sirene schrie, kein Schwungrad brauste, keine Maschine donnerte und blitzte. Auf der Straße patrouillierten Soldaten. Der Major von Schmidt hatte sich doch noch den Berliner Generalen zur Verfügung gestellt. Am Bahnhof, der wie ein lebloses Wrack an der Hauptstraße lag, wurde das Auto zum erstenmal angehalten. Kries zeigte seine Papiere und durfte passieren. Am Rande der Stadt aber machte eine neue Patrouille Schwierigkeiten und wollte nicht weiterfahren lassen. Ein Feldwebel sprang aufs Trittbrett, da stieß ihn Kries vom Wagen herunter, gab Vollgas und raste davon. Einige Schüsse krachten hinter den Flüchtlingen her. Dem Doktor Schill wurde der Hut vom Kopfe heruntergeschossen. In einer Stunde war das Ziel, eine kleine Stadt, erreicht. »Jetzt sind wir in Sicherheit,« sagte der Hauptmann Kries. »Die Generale in Berlin sind geflohen. Das ist das Neueste. Der Herr von Schmidt wird große Augen machen! Ich rate im Augenblick nicht zu Berlin. Euer kleiner Putsch wird im Meer des Vergessens untergehen. Schade, Herr Lewitzki, ja? daß sich die Welt nicht um eure besetzte Zeitung gedreht hat ... Einverstanden mit Herrn Lamprecht?« »Einverstanden,« antwortete Bessemer. »Und wir hoffen, daß auch Sie mal in einer Mausefalle stecken, Herr Hauptmann, und wir eine Tür aufmachen können. Im übrigen sind wir für einige Ruhetage.« »Dann ist es ja gut,« sagte Kries und lenkte den Wagen weiter, und bald war das große Gut Seehausen, das dem ehemaligen Major Lamprecht gehörte, erreicht. Es lag an einem kleinen See, der matt durch den Morgen schimmerte. Der Herr Lamprecht war ein Freund vom Hauptmann Kries und hatte den Krieg an der Front mitgemacht. Zwanzig Monate lag er vorn in Dreck und Feuer und war bald fertig. Er war nicht nur deshalb fertig, weil ihm eine Granate das rechte Bein zerschmetterte, lange vorher schon waren ihm alle Illusionen zerschmettert worden. Im brüllenden Geschützkampf und vielleicht noch mehr in den einsamen Nächten, in denen das silberne Mondlicht wie Regen zur Erde fällt, zerrissen ihm die Vorhänge eines lügenhaften Tempels, in dem geschäftige Macher von Glanz und Gloria des Vaterlandes predigten und bei ihrem pathetischen Geschwätz schon die Gewinne aus den neu eroberten Gebieten oder aus den Kriegslieferungen mit verdrehten Augen berechneten. In jenen Nächten saßen Lamprecht und Kries oft zusammen und begründeten ihre Freundschaft. Als Lamprecht verwundet war, übernahm Kries das Bataillon und führte es durch den Blutsumpf der Schlachten in den Waffenstillstand und Frieden hinein, in den Frieden, der weiter nichts war als ein verlängerter Krieg mit neuen Fronten. Der Hauptmann nahm den Abschied und lebte seit jener Zeit ein beschauliches Leben auf der komischen und heldenhaften Bühne, auf der sich das Dasein abspielt. Er machte große Reisen, und auf einer Reise hatte er auch Bessemer kennengelernt. Auch Lamprecht hatte genug Weltgeschichte mitgemacht. Jetzt ließ er die Felder wachsen, das Vieh groß werden und die Ernten reifen. Zu diesem Mann also brachte Kries die Männer der einen Nacht. Er stellte sie seinem Freunde vor, erzählte die Verschwörung des Herrn Korff, der Napoleon auf eigene Faust spielen wollte und auch für die alte Regierung war. Er blieb nicht mehr lange. Er wollte in die Stadt zurück und Nina Rschewskaja einen Guten Morgen wünschen. »Herr Hauptmann,« sagte Bessemer zum Abschied, »als ich vor Jahr und Tag Ihre Bekanntschaft machte, ahnte ich nicht, daß sich unsre flüchtige Begegnung so glücklich gestalten würde. Überlegen Sie, mit einigen Gedichten fing es an, die ich aufsagte. Aber Sie waren damals gegen Verse ...« »Ja, aber ich war immer für die Ballade des Lebens. Und ihr grünen Jungens dichtet trotz allem Unfug an diesem gewaltigen Lied eine herrliche Strophe,« antwortete Kries. Er verabschiedete sich. Sein Wagen rollte den breiten Fahrweg hinab und schoß durch den jungen Tag mit vierzig Pferdekräften dahin. Ein neues Spiel beginnt Auch die Flüchtlinge blieben nicht lange auf dem Gute des Herrn Lamprecht. Der Putsch in Berlin war endgültig zusammengebrochen. Die Generale flohen. Aus der Stadt kam die Nachricht, daß sich Herr von Schmidt bedingungslos der alten Regierung zur Verfügung gestellt hatte und am selben Tag, als er noch für die Diktatur schwärmte, mit der Streikleitung verhandelte. Auch Herr Korff, der kleine Napoleon, zog sich elegant zurück und wartete auf seine Zeit. Zu dem Hauptmann Kries aber brach er alle Verbindungen ab. Als diese Nachrichten kamen, fuhren Lewitzki und Doktor Schill zurück. Bessemer und Smirnow reisten nach Berlin. In Berlin hörte Bessemer, daß die Streikleitung von der Heldenrolle ihrer jungen Leute nicht allzu begeistert war, Lewitzki bekam eine Verwarnung, der Doktor Schill aber veröffentlichte ein Buch: »Das Höllengelächter der Nacht«, in dem er eine phantastische Schilderung jener Novemberereignisse gab. Das Hauptkapitel hieß: »Die Nacht der Männer« und beschrieb die Episode mit der jungen, wilden Frau, die sich zwischen die Arbeiter und ihre Aufgabe gedrängt hatte. Das »Tageblatt« druckte den Roman und Nina vermittelte zwischen Korff und Schill. Smirnow blieb nicht mehr lange in Berlin. Er reiste nach Rußland zurück und wurde dann von Moskau in eine kleine Stadt hoch im Norden zum Bau eines Elektrizitätswerkes abkommandiert. Bessemer schloß sich fester an die Partei, wurde mit neuen Arbeiten beauftragt, stürzte sich in die Bewegung und lebte viele Monate unterirdisch bei einem Portier im Tiergartenviertel. Als der Frühling kam, war er unterwegs und kam in Mitteldeutschland in die Märzkämpfe hinein. Da wurde nicht mehr geredet und verhandelt. Die Militärs, denen er gegenüberstand, hießen nicht Lamprecht oder Kries. Da wurde geschossen. Und auch Bessemer nahm eine Knarre in die Hand. Der Kampf ging viele Tage. Das heftigste Gefecht tobte um einen kleinen Park, der alle Zugangsstraßen zur Stadt strategisch sperrte. Die Bäume des Parkes standen jenseits aller Strategie, sie begrünten sich schon, die ersten Vögel waren da und die ersten Blumen. Bessemer lag mit seinen Freunden an der feuchten Erde und grub sich ein. Als die Geschosse sangen und in die Bäume klatschten, als die Vögel flohen wie damals an den Fronten, da schoß auch Felix Bessemer, weil auf ihn geschossen wurde. Nein, der deutsche Frieden war noch kein Frieden. Am Himmel schwammen weiße Wolken wie in einem veilchenblauen Meer. Die Aufständischen sahen nicht nach jenen weißen Wolken. Sie blickten nach dem Feind durch die Visiere ihrer Gewehre. Im Blickfeld von Felix Bessemer blühten Blumen, kleine, weiße zitternde Anemonen mit lichtroten Tupfen. Da ließ er einen Augenblick das Gewehr sinken und schmückte mit den kleinen Blumen den feldgrauen Rock. Dann schoß er noch einmal so gut. Aber auch hier in diesem Park stand die Niederlage mit schwarzen Flügeln am Ende des Gefechts, auch hier lagen Tote kalt und wächsern auf der Erde, und das Blut spritzte. Bessemer lief um sein Leben und kam glücklich durch alle Postenketten. Er hatte keine Sehnsucht nach einem Fangschuß oder nach einem Gefängnis. Die deutschen Gefängnisse kannte er aus den ersten Monaten der Revolution ganz genau. Felix Bessemer, ein Mann in den zwanziger Jahren, schlug sich nach dem Ruhrgebiet durch und lebte dort drei Monate als Bergarbeiter auf der Zeche »Unverhofft«, wußte erst jetzt, was es heißt, unterirdisch zu sein, in der Tiefe eines Bergwerks nämlich, achthundert Meter unter dem Licht der Sonne an einem »Ort«, der kein Ort war, sondern ein dunkler, heißer und steiler Stollen, in dem man auf dem Bauch zur glänzenden Kohle kriechen mußte und vor Hitze beinahe umkam. Bei einer Razzia über Tag in der Kolonie wurde Bessemer aufgestöbert, mußte wieder fliehen und ging nach Berlin zurück, lebte bei dem Portier im Tiergartenviertel, und als auch dort eines Tages die Kriminalpolizei erschien, wurde er von der Partei nach Stettin geschickt und reiste dann mit einem Transport heimkehrender Kriegsgefangener über Reval nach Rußland. In Petrograd besuchte er die berüchtigte Peter-Pauls-Festung, in Moskau den Kreml und in Jekaterinenburg das Haus, in dem der Zar erschossen wurde. In Minsk stand er in der Front gegen die Polen, bei Odessa badete er im Schwarzen Meer, in Omsk kam er in den sibirischen Winter hinein und fuhr auf der Rückreise nach Moskau auf einen Schlitten über die vereiste Wolga. Er lernte viele Menschen kennen, einen Inder, der eine abenteuerliche Flucht um den Erdball hinter sich hatte, ehe er nach Moskau kam, und der dann von Taschkent aus neue Verbindungen zu seiner Heimat herstellte, einen Perser, der Deutsch lernte, um sich aus deutschen Büchern über die sozialen Verhältnisse seines Landes zu informieren, einen Koreaner, einen Professor der Philosophie, der in einem verrückten Englisch für die Freiheit seiner von Japan unterdrückten Heimat warb, einen Japaner, der schon über zwanzig Jahre im Exil lebte, mit solchen Menschen kam Bessemer auf seinen Reisen zusammen. Aber auch mit Tataren, Kirgisen, Kaukasiern und Chinesen. Es schien, als habe die ganze Welt ihre Botschafter und Gesandten nach Rußland geschickt, um eine siegreiche Revolution und ihre Technik zu studieren. Engländer traf er, Amerikaner, Deutsche, Franzosen, Holländer, Schweden, Italiener, Spanier und Letten. Finnen und Polen lernte er kennen, Litauer und Dänen. Einmal traf er auch einen Neger. Als Bessemer zum erstenmal die roten Fahnen über dem Kreml wehen sah, war er glücklich und begeistert, als er später in einer kleinen Uralstadt an Typhus zwischen Leben und Sterben schwebte, war er weniger glücklich und begeistert. Aus dem tragischen Dunkel seiner Revolution war er plötzlich in die Blitze und Donner einer Weltrevolte hineingestellt und ging unter in Hochmut und Schwermut. Die Jahre rasten wie apokalyptische Reiter vorbei. Der General Wrangel wurde in der Krim vernichtend geschlagen. In Kronstadt erhoben sich die Matrosen gegen die Sowjets. Die entsetzliche Hungersnot überfiel das Land und mähte Millionen Menschen an der Wolga und in der Krim in die Massengräber. Einmal saß Bessemer im Alexanderpalast auf dem goldnen Thron des Zaren, und ein andermal reiste er auf dem Dach eines Güterwagens nach Samara. Auch mit Smirnow kam er zusammen. Die Nacht, die er mit dem jungen Russen verbrachte, war auch eine Nacht der Männer, eine endlose Nacht, in der über Deutschland und Rußland gesprochen wurde, eine russische Nacht mit ewigen Diskussionen, Tee, Zigaretten und Verbrüderungen. Zuletzt war alles versunken, Deutschland und Rußland. Asien hatte sich erhoben und starrte mit schrägen Sternenaugen in das hochmütige Abendland. In China und Indien rührten sich siebenhundert Millionen farbige Menschen. Als er von dieser Reise zurückkam, wurde er nach Smolensk geschickt, und in dieser hochgebauten Stadt traf er einen Bekannten aus seiner Heimatstadt, der jene Nacht in der belagerten Zeitung als Posten mit erlebt hatte. Auch dieser Mann hatte damals nur das Gewehr beiseite gestellt und griff es wieder auf, als die Märzkämpfe brausten, auch er wurde durch das Land gehetzt und rettete sich durch die Flucht. »Menschenskind,« sagte er zu Bessemer. »In Smolensk müssen wir uns treffen! Weißt du auch, daß der Doktor mit Korff Frieden gemacht hat? Er ist jetzt Feuilletonredakteur im ›Tageblatt‹!« »Der Doktor Schill?« fragte Bessemer unsicher und zuckte zusammen. »Der Mann, der das Buch über unsere Nacht geschrieben hat?« »Ja, aber tröste dich. Für ihn war unser Kampf nichts weiter als eine Sensation. Ein Romanstoff. Eine interessante Abwechslung. Aber was will ein Schill besagen? Ein Überläufer, der in die alte Stellung zurückging.« »Als wir in der Zeitung saßen,« antwortete Bessemer nachdenklich, als suche er den Schlüssel zu jener Wandlung, »sprachen wir davon, daß es ein Wunder sei, weil der Hauptmann Kries die Soldaten kommandiere, und da sagte Schill, jetzt wird mir der Sinn klar. ›Diese Nacht ist ein gläsernes Wunder, das am frühen Morgen zerbrechen muß‹ Nun gut, auch sein Tag, in den er sich geflüchtet hat, wird einmal zerbrechen.« Bessemer reiste nach Moskau zurück, und auf der Fahrt überdachte er noch einmal die Geschichte jener Nacht. Sie war ihm so nahe und gegenwärtig, daß es kein China und Indien mehr gab. Diese Novembernacht in Deutschland war auch keine endlose und keine gläserne Nacht mehr, die am frühen Tag zerbricht, er wußte, daß auch in jenen dunklen Stunden, als die Soldaten marschierten und der Tote im Schatten der Barrikade lag, um die Morgenröte einer besseren Zeit gekämpft und gestritten wurde. In Moskau lernte Felix Bessemer einen jungen Chemiker aus den Leunawerken kennen und befreundete sich mit ihm. Er hieß Richard Nathan und war auch ein politischer Flüchtling. Durch Nathan bekam er, als er nach Deutschland zurückfahren wollte, Arbeit in einem großen Konzessionsbetrieb, zu dem Wälder, Farmen, kleine Fabriken und eine große Fischerei an der Wolga gehörten. Auch Nathan hatte die Märzkämpfe mitgemacht, und als Bessemer einmal von jenem Tag erzählte, als das Gefecht um den Park ging, in den der Frühling die ersten Vögel und Blumen und das Militär die ersten Granaten schickte, da war es ihm, als sei alles unwichtig und nicht der Rede wert, das Gefecht, die verwundeten Bäume und Genossen, die krachenden Feuerüberfälle, und die kleinen Blumen, die er sich damals gepflückt hatte, alles gehörte zusammen, das Leben und der Tod, und war Lichtbild und Schattenriß von Deutschland, schmerzhafte Wehen einer neuen Geburt. Da verließ er den Klub, in dem er mit dem Chemiker Nathan zusammen saß, er wollte und konnte nichts mehr erzählen, er hatte schon alles gesagt, und auch sein plötzliches Stummsein war eine große Rede für den, der es hören will. Der heiße Sommer dampfte über Moskau und hüllte die Stadt in goldnen Dunst ein, aus dem die Kuppeln der Kirchen feurig blitzten. Bessemer trieb sich auf den Straßen herum, ziellos, planlos, überquerte dann die Mosqua und wanderte nach den nahen Sperlingsbergen. Bald hatte er die schönen Hügel erreicht, die sich über dem kühlen Fluß wie eine schwellende, endlos dahinwehende und grüne Fahne und auch über den Goldglanz der Stadt Moskau erhoben. Zweiter Teil Fischfang bei Astrachan Die Reise ans Kaspische Meer Die Türme und Kuppeln der Stadt Moskau blitzten in der Septembersonne. Die Nächte waren schon kühl. An den schönen Tagen war die Stadt ganz südlich und orientalisch, aber in der Nacht ahnte man schon den frostkrachenden Winter. Die Mosqua wandelte in verzückten Linien am Kreml vorüber. Auf den nahen Sperlingsbergen und im Falkengehölz rauschte der Herbst scharlachfarben auf. Neben dem flammenden Gold vieler Kirchenkuppeln standen andere Kuppeln in blauen, grünen und roten Wölbungen wie reife und herrliche Früchte. Ein Taumel von Licht und Farbe stürzte über die Stadt. Sie blühte wie ein Blumenbeet. Felix Bessemer hatte schon einen russischen Winter erlebt und kannte die eisklaren Nächte, in denen die Sterne im bleichen Raum des Himmels zitterten und zuckten. Er kannte die gewaltigen Schläge und Peitschenhiebe des Frostes und die wie für alle Ewigkeit verschneiten Wälder und Steppen. Natürlich war er noch in den zwanziger Jahren und trug sein Leben leicht, aber manchmal fühlte er doch eine Last auf seinem Rücken, das kommende dreißigste Jahr, an dem alle Schwärmerei vergehen muß, damit der Mensch vor sich und der Welt bestehen kann. Und Bessemer wollte vor sich und der Welt bestehen. Bessemer liebte Rußland, aber noch mehr liebte er Deutschland. Jetzt erst wußte er, daß aller Kampf und Aufstand um das Land nur verschmähte Liebe war. Er erinnerte sich der letzten Kämpfe, und ganz klar stand jener Tag vor ihm, als er mitten in einem Feuergefecht in einem großen Park seinen feldgrauen Rock mit den ersten Blumen schmückte. Diese zarten Blumen blühten auch jetzt noch in seiner Brust. So sehr liebte er Deutschland. Felix Bessemer liebte auch Eleonora Nintitsch, eine serbische Tänzerin aus einem Vorstadttheater, die vor zehn Jahren mit ihrem Vater aus Belgrad gekommen war und, von allen Stürmen unberührt, durch ihre Schönheit und Jugend die arme Bühne eines Arbeiterbezirks erleuchtete. Ihr Vater war Ingenieur und lebte in der Nähe Moskaus auf dem flachen Land. Eleonora, die sich nach einem beliebten Vorbild gern Nora rufen ließ, wurde von dem Brot, das sie auf dem Theater verdiente, nicht satt. Der junge Mann Felix aber wollte, daß sie gesättigt und auch glücklich sei, und half ihr, wo er nur konnte. Mit jener Nora also kam Bessemer in einer hellen Nacht aus dem Meyerholdschen Theater. Der Triumphplatz lärmte noch ein wenig, aber die Kälte hatte schon alle Liebespaare vertrieben. Bei Meyerhold hatte Bessemer eines der phantastischen Spiele gesehen, daß der besessene Regisseur vollkommen zerstört und neu aufgebaut hatte. Die Schauspieler seines Theaters waren nicht mehr die gehorsamen Nachbeter der Dichter, o nein, sie lösten das strenge und vorgeschriebene Spiel in hundert Spielarten auf. Sie lösten sich selbst auf und waren Artisten, Komödianten und Clowns, liefen auf den Händen, rutschten Treppen und schiefe Ebenen hinab, verhöhnten und beteten an und meisterten scheinbar die Gesetze der Schwerkraft. Sie bewegten sich in ihren Gelenken genau so wie die maschinenmäßigen Kulissen der Bühne, die eigentlich gar keine Kulissen mehr waren, sondern hohe Gerüste, Rutschbahnen, rotierende Räder und steile Wände. Eine Szene hatte ihm besonders gut gefallen. In ihr erschien eine junge Müllersfrau, die ein schönes triebhaftes Menschentier war, und ihren Freund über hohe Treppen in das nur leicht angedeutete Schlafzimmer verlockte. Als sich die dunkle Tür hinter den Erhitzten schloß, begann da oben an der Kammer plötzlich eine rote Sonne zu kreisen. Auch die Räder und die leblosen Gegenstände auf der Bühne schienen sich im Rhythmus der unsichtbaren Szene hinter der geschlossenen Tür zu bewegen. Alle Dinge waren nur den zwei unsichtbaren, sich liebenden Menschen dienstbar. »Weißt du auch, wie schön das ist,« sagte Nora unvermittelt, denn sie hatte gleichzeitig an jenes Spiel gedacht. »Die Sonne dreht und bewegt sich, wenn sich die Menschen lieben.« »Ja, das ist schön,« sagte ihr Freund. »Aber auch der Mond bleibt nicht still am Himmel!« »Ich bliebe auch nicht still,« sagte das Mädchen und fragte: »Und wann fährst du nach dem verdammten Astrachan?« »Morgen abend, aber am liebsten bliebe ich bei dir!« »Das sagen alle Männer zum Abschied,« spottete sie. »Aber wenn man genau hinhört, sind sie schon längst auf der Reise und haben uns vergessen.« »Niemals werde ich dich vergessen, schöne Tänzerin! Ich gehe ja nur, weil ich muß. Ich komme wieder.« Ja, sein Herz war schon auf der Reise in das neue Abenteuer. Gestern war unter dem Vorsitz von Richard Nathan beschlossen worden, daß er mit Moser und Gurow nach Astrachan fahren sollte. In der großen Fischerei an der Wolga ging alles drunter und drüber, eine Delegation löste die andere ab, jede berichtete anders, aber nun sollte reiner Tisch gemacht und die Herbstfänge organisiert werden. Dann war noch verabredet, mit Morton W. Forster einen Film vom Leben und Sterben der Fische zu drehen. Das waren die Beschlüsse von gestern. Nathan befahl und Bessemer mußte gehorchen. Auch in seinem Betrieb herrschte die Diktatur. Er ging nicht gern. Sein Herz hing viel mehr an dem tanzenden, goldenen Fisch Nora, als an den schwarzen und grünen Fischen der Wolga. Dieser kühle Septemberabend war für Bessemer der letzte Abend in Moskau auf lange Zeit und gehörte seiner schönen Freundin. »Komm bald wieder,« sagte sie endlich und seufzte. »Ich bin nicht gern allein.« »In vier Wochen spätestens, Tänzerin,« sagte der junge Mensch. »Das ist eine lange Zeit,« antwortete das Mädchen. »Hier in Moskau sind schon vier Tage viel. Vielleicht bin ich, wenn du wiederkommst, auch schon auf der Reise.« »Auch du willst fort?« »Nicht gern,« antwortete sie leise. »Aber mein Vater ist lungenkrank und der russische Winter ist nicht gut für ihn. Wir wollen nach Belgrad zurück oder vielleicht nach Paris.« Diese Antwort bestürzte ihn sehr, und nun faßte er, als könne er damit das Verhängnis aufhalten, den Arm des Mädchens und wanderte nachdenklich die verdunkelte Straße hinauf zum Bahnhof. In den Teestuben und an den Kinos schwärmten die jungen Leute. An den verfinsterten Straßenkreuzungen standen bemalte Mädchen. »Es ist kalt,« sagte Nora und preßte sich an ihren Freund. »Es ist schon Herbst. Mich friert.« »Dir soll warm werden, Tänzerin, feuerheiß!« sagte der Mann, öffnete seine Arme und begrub darin das frierende Mädchen. Dann küßte er sie. Die Abschiedsstunde löste alle Scham und Verstellung. Das Schicksal hatte die zwei Menschen zusammengebracht, das Mädchen aus Belgrad, den Mann aus Berlin, und hier im fremden Land blühte ihre Liebe. Blut war Blut und wollte erlöst werden. Endlich riß sich das Mädchen los, lachte unter Tränen, weinte im Gelächter und entschwebte mit tänzerischen Schritten in die Dunkelheit nach dem Bahnhof. Der Zug stand schon bereit und brauste donnernd in die kühle Nacht hinaus. Der Verlassene sah von der Brücke aus die leuchtende Fahrt und die Funkensterne der Lokomotive. Lange stand er auf der Brücke in der herbstlichen Nacht. Traurig ging er nach seiner kalten Stube, lag lange und ruhelos im Bett und konnte nicht einschlafen. Als er endlich schlief, lärmte durch sein Blut der nächtliche Zug, und zwischen dem feurigen Rauch der Lokomotive tanzte im Traum die serbische Tänzerin Nora. Am anderen Morgen erwachte er sehr früh. Auf dem großen Markt am Roten Tor kaufte er eine schwere Lederjacke und sah das Leben und Treiben auf dem lärmenden Platz, die Hochzeit zwischen Europa und Asien. Er sah russische Bauern und Stadtleute, tatarische und persische Händler, Männer aus Buchara und die gelben Elfenbeingesichter der Chinesen und Koreaner. Teppiche waren wie leuchtende Fahnen ausgehängt, bunte Tücher schwebten wie kleine goldene Wolken über dem grellen Schnee sibirischer Pelze. Aber auch Weintrauben waren zu sehen, blutiges Fleisch, gelbe Butter, eiserne Öfen, Textilwaren, Schuhe, Uhren, Geschirr und allerlei Hausrat. Alles war auf diesem Markt zu kaufen: Brillanten und junge Schweine, silberne Löffel und warme Pelzmützen. Der Tag verging sehr schnell mit letzten Besprechungen. Moser schleppte die sich widersprechenden Berichte der Fischerei heran und Gurow studierte die Börsenmeldungen aus Astrachan. Über allem aber thronte Richard Nathan. Das dreißigste Jahr hatte er hinter sich, konnte eine Bilanz lesen und genaue Kalkulationen machen. In seinen Freistunden sammelte er Briefmarken oder las Gedichte. »Es ist alles klar, Felix,« sagte er zum Schluß der Sitzung. »Wir haben drei Leute hinunter geschickt, und soviel kann ich von hier aus sehen, daß die Karre im Dreck steckt. Ich würde selber fahren, habe keine Zeit. Du hast die Berichte gelesen? Das sind ja schöne Geschichten, die der Rumäne gemacht hat! Und Paulitsch, ach höre mir von Paulitsch auf! Er wird abberufen. Hier ist das Mandat. Verkauft Fische, wir brauchen Geld. Du kennst unsere Schmerzen. Schicke mir sofort telegraphische Berichte, hörst du? Gurow soll verkaufen. Moser soll dein Gehilfe sein. Du bist der Mann, ohne den nichts gemacht werden darf. Hast du sonst noch was auf dem Herzen?« Er trommelte mit den Fingern auf der Tischplatte und erhob fragend die schwarzen Brombeeraugen. »Nicht viel,« antwortete Bessemer, »Gurow sagt, es seien keine Käufer in der Stadt und unsere Keller sind noch mit Fischen vom Frühlingsfang überfüllt. Und Paulitsch und der Rumäne ...« »Mensch, hör auf,« wütete Nathan. »Das weiß ich ja alles viel besser als du. Und darum sollst du ja fahren, um zu verkaufen. Und darum fliegen ja die beiden, der eine, weil er ein Bandit ist, und der Paulitsch, weil er im Sommer keine Fische verkauft hat. Werde doch in der letzten Stunde nicht kindisch, junger Mann! Jetzt kommen mir allerhand Zweifel, ob man dich fahren lassen darf ...« »Ich bin kein kleines Kind mehr, Nathan,« sagte der andere. »Ich glaubte, du hättest keine Zeit gehabt, alles zu lesen. Ich werde schon verkaufen und reinen Tisch mit der Schweinerei da unten machen. Darauf kannst du dich verlassen. Du wirst im Gelde schwimmen können, und wenn wir auch einige Kopeken unter den Marktpreis gehen müssen.« »Ja, auch dann soll verkauft werden, Gurow,« sagte Nathan und konnte die große Welle Mißtrauen nicht unterkriegen, die ihn plötzlich überschwemmte. »Also verkauft und schickt viel Geld!« Er zuckte mit den breiten Schultern, stand auf, wünschte »Gute Reise« und ging aus dem Zimmer. Von dieser Unterredung war Bessemer nicht besonders entzückt. Sein Stolz war geknickt, aber er richtete sich rasch wieder auf und fuhr nach dem Bahnhof. Der Wagen ratterte über den Roten Platz, und als der Reisende den Kreml sah, war er wieder heiter. Die Mosqua wurde überquert und zurückblickend sah er den vieltürmigen Kreml, diese bunte, verzauberte Stadt mit den unzähligen Kirchen, Palästen, Türmen, Terrassen und Verwaltungsgebäuden, deren weiße, goldene, rote und blaue Farben glühend zusammenschmolzen. Auch die sieben gedrehten Zwiebelkuppeln der Wassilikirche waren sichtbar, der Schattenriß von jenem kostbaren Barbarenschiff. Dann dachte er auch an Nora, die Tänzerin, an den letzten Weg durch die Nacht und an die Feuer des ratternden Eisenbahnzuges. Vor allem aber, und da lächelte er, dachte er an die rote Sonne, die sich nicht nur im Theater zu dem verführerischen Spiel der Liebe dreht. Gregor Gurow war ein alter Mann in den fünfziger Jahren. Er wurde nur der Fischonkel genannt, denn über dreißig Jahre hatte er schon mit Astrachan und seinen Fischen zu tun. Dieser Gurow also wartete schon am Bahnhof. Im letzten Augenblick kam Karl Moser und brachte Claudia Paulitsch mit, die ebenfalls auf dem Wege nach der unteren Wolga war. Sie fuhr zu ihrem Mann. Wie viele russische Frauen liebte sie Rotstift und Schminke und kam in einer Wolke von Wohlgerüchen angeweht. Sie war erst zwanzig Jahre alt und stammte aus Riga. Sie liebte die Deutschen nicht. Ihr Mann war Deutschrusse und hatte sich, der Himmel weiß wie, gerade zu dieser Frau heimgefunden. Seine dunklen Nebenverdienste hatte er in Schmuck und Pelzen angelegt, von denen Claudia einen beträchtlichen Teil auch heute gern zur Schau stellte. Bessemer war ein wenig bedrückt, als der die Frau sah. Claudia hatte ein feines Gefühl für diese Unsicherheit und spielte im ersten Augenblick ein kleines, verständliches Theater, schüttelte ihm sehr herzlich die Hand und lachte. Aber noch mitten im Gelächter versteinerte ihr Mund. Die Zwanzigjährige spielte nicht mehr Theater, sie spielte blutvolles Leben und das war in diesem Falle gerechter und blinder Haß gegen den Mann, der Paulitsch den Hals brechen sollte. Bessemer spielte das Spiel nicht mit, er blieb Zuschauer, fühlte Mitleid und war erst dann voller Gegenhaß, als er um die Eisenbahn die zerlumpten Bettelkinder schwärmen sah, durch deren Elend die junge Dame Claudia wie in einer Wolke von Wohlgerüchen wandelte. Die Bahnhofsglocke klingelte zum drittenmal. Der Zug setzte sich langsam in Bewegung. Die Reisenden nahmen in dem bequemen Abteil Platz. Gregor Gurow hatte als vielgereister Mann einen großen Korb mit Eßwaren bei sich und bot auch Bessemer und Moser davon an. Als er gegessen hatte, hüllte er sich in eine Decke und schlief rasch ein. Claudia saß in einem anderen Abteil und bemalte ihre Lippen. Für einige Minuten kam sie zu Moser und Bessemer, zeigte ihr schönes Gesicht und ging dann auch schlafen. Die zwei jungen Männer aber saßen noch lange wach. Moser erzählte große Geschichten von Sibirien und der chinesischen Grenze. Aber auch dieses Gespräch verstummte. Der Zug hämmerte durch die Nacht und durch das flache Land nach der Wolga hinüber. Die Schienen klirrten. Die Lokomotive ließ die fliegenden Funken ihrer Feuerung wie einen goldenen Schleier wehen. Die ersten Sterne kamen am Himmel hoch und umblühten einen schmalen, silbernen Mond. Am anderen Morgen wurde auf einer Station vor einer größeren Stadt, die unsichtbar blieb, ein zerlumpter Betteljunge unter dem Schlafwagen hervorgeholt. Schon von Moskau aus hatte er die Fahrt nahe den Rädern mitgemacht. Er wollte nach dem Süden, der Sonne zu, nach Baku oder Taschkent, hieß Grischka Nikitin und stammte aus der Ukraine. Die Hälfte seines Lebens war angefüllt mit Bürgerkrieg, Hunger und Landstreicherei. Kinderheime liebte Grischka nicht. Immer wieder entfloh er, vagabundierte und reiste unter den Wagen der Züge durch das unendliche Land und war in Odessa ebensogut zu Hause wie in Moskau oder Smolensk, das heißt, er war nirgends zu Hause. Der Hunger hatte seine Eltern aufgefressen. Der Hunger war auch sein ewiges Erbteil. Immer hungerte Grischka, auch dann, wenn er gesättigt war. Dann hungerte er nach den freien, bewegten Steppen oder wilden Flüssen, nach den goldgrünen und schwarzblauen Wäldern und den nach Blumen und Brot duftenden Feldern. Als ihn an jenem Morgen der Eisenbahner unter dem Wagen hervorzog, nahm er ohne großen Protest seinen Bettelsack und lief nach dem Bahnsteig der unsichtbaren Stadt. Angst hatte er keine. Er wußte, daß die Kinderheime auch hier von der letzten Hungersnot noch überfüllt waren. Vom Bahnsteig aus streckte er die schmutzige Kinderhand nach dem offenen Fenster, von dem aus Bessemer und Moser den Vorgang beobachtet hatte. »Gebt Brot!« sagte er mit heller Stimme und machte traurige Augen, tierhafte Augen, in denen schönes Feuer spielte. »Da ist Brot, kleiner Satan,« lachte Moser und warf sein Geschenk aus dem Fenster. Grischka fing wie ein Taschenspieler das Brot mit sicherer Hand auf. »Wohin soll denn die Reise gehen?« fragte Bessemer. »Weit, Onkel, weit,« sagte Grischka. »Nach dem Süden. Nach Taschkent oder dem Kaukasus!« »Und wie willst du nach Taschkent kommen?« fragte mißbilligend Gurow. »Mit der Eisenbahn,« antwortete der Knabe. »Und wenn ich nicht mit eurem Bourgeoiszug fahren kann, die ›Zwanzig Roten‹ nehmen mich allemal mit. Wohin fahrt ihr?« »Nach Astrachan,« sagte Bessemer. »Gut,« sagte Grischka, »ich komme auch mit nach Astrachan.« »In die Tscheka kommst du Teufel, aber nicht nach Astrachan!« drohte Gurow. »Die haben anderes zu tun, als sich um Grischka zu kümmern,« lachte der kleine Landstreicher. »Wir werden ja sehen, wer früher in Astrachan ist, du oder ich, Onkel.« »Das werden wir ja sehen, Grischka,« sagte Moser und fügte für Bessemer leise hinzu: »Da haben wir uns ja einen feinen Kameraden aufgehalst. Paß auf, er fährt wirklich nach Astrachan. Das kann ja ein schönes Wettrennen werden!« »Das glaube ich nicht,« antwortete Bessemer und lachte: »Wie soll der kleine Mann über tausend Kilometer ohne Geld reisen? Hat er sich in uns verliebt? Was will er bei den Fischen?« »Du wirst ja sehen,« sagte Moser. Die Glocke schlug zum drittenmal an. Der Zug setzte sich in Bewegung. Die bisher unsichtbare Stadt zeigte die himmelblaue Kuppelwölbung einer Kirche. Von Grischka war nichts zu sehen. Der kleine Landstreicher Nikitin aus der Ukraine hatte nicht in den Morgenwind gesprochen, sein Ziel war nicht mehr Taschkent oder Baku, er hatte sein Wort gegeben und wollte nach Astrachan, nein, er mußte nach Astrachan! Und nun begann zwischen dem schmutzigen, namenlosen Jungen und den wohlgesicherten Reisenden das große Wettrennen über tausend Kilometer hinunter an das Kaspische Meer. Grischka brauchte auf die »Zwanzig Roten«, so wurden die Güterwagen genannt, nicht zu warten. Es gelang ihm, den letzten Wagen des Schnellzuges zu packen und wieder einmal zwischen den Rädern nach Saratow zu rasen. Die Reisenden ahnten nichts von dem todesmutigen, lebenshungrigen Passagier. Gurow verschlief den Reisetag und Charly Moser führte lange Gespräche mit Claudia Paulitsch. Jetzt spielte sie ihm das Spiel um den Mann vor. Moser war ein Mann und spielte begeistert mit. Wer siegte in diesem Spiel? Charly siegte, er war ja ein Mann. Claudia siegte, sie war ja eine Frau ... Saratow liegt an der Wolga und ist eine weithingebaute schöne und schon südliche Stadt. Bis auf die kahlen Berge klettern die Straßen hinauf, sie laufen gerade oder krumm und einige fallen, mit grünen Gärten eingefaßt, scheinbar in das mächtige Fluten der Wolga, der alten Handelsstraße und Kulturrinne, an der sich so viele Völker angesiedelt haben. Die Hauptstraße heißt: »Nemskaja«, also »Deutsche Straße«. Dieser Name ist nicht zufällig. Saratow gegenüber liegt auf der Wiesenseite Prokowsk, die Hauptstadt der deutschen Wolgakommune. Zwei Tage blieben die Reisenden in Saratow und warteten auf das Schiff, das von Kasan aus die Wolga befuhr. Grischka aber reiste schon in der ersten Nacht weiter und wurde wieder an einem frühen Morgen (er haßte die frühen Morgen) mitten in der Steppe entdeckt, heulte seit langer Zeit zum erstenmal wieder, denn der Zug hämmerte ohne ihn weiter. Die Tränen trockneten rasch. Mit dem Gegenzug reiste er nach Saratow zurück und atmete erleichtert auf, als er zufällig Bessemer und Moser fand, die auf der breiten Nemskaja mit zwei jungen Mädchen spazierten. Diese Mädchen hießen Nina und Njura und arbeiteten in einer Fabrik, solange es Arbeit gab. Jetzt strichen sie, der Mensch will leben, mit vielen anderen arbeitslosen Mädchen durch die Stadt und suchten und fanden Brot zum Leben und manchmal auch Fleisch und Fisch. Das Fleisch und der Fisch waren an jenem Abend, als Grischka zurückkehrte, Charly Moser und Felix Bessemer. Charly war das Fleisch. Felix war der Fisch. Nina vergnügte sich mit Moser und Njura hatte Bessemer untergefaßt. Zuerst gingen die vier Menschen in eine Teestube, aßen zur Nacht und versuchten den roten Wein, der seit vielen Jahren wieder ausgeschenkt wurde, und konnten von den zarten jungen Fischen des ersten Herbstfanges nicht genug bekommen. Auch die Mädchen von Saratow waren romantisch, und Berlin und Leipzig waren für sie singende, ferne Welt, Glanz und Abenteuer. Moser und Bessemer mußten viel erzählen. Aber es blieb nicht beim Erzählen. Die Nacht verstreute ihr Gift. Die Mädchen griffen an. Charly wollte nicht immer Sieger sein. Gern ließ er sich zu einer Fahrt in die Vorstadt überreden. Wo alle Ja sagten, konnte und wollte Felix nicht widersprechen. Die Fahrt ging über holpriges Pflaster durch dunkle Straßen und endete erst an den blauen, schweigenden Bergen. Der Mond stand hoch und rot am Himmel. Auf der Wolga röhrten späte Schiffe. Große Sterne standen auch über dem Holzhaus, auf das Nina schnellen Fußes zueilte und mit dunkler Samtstimme die Wirtsfrau weckte. Njura hatte alle Bekehrungsversuche aufgegeben. Bessemer war noch zu tief in Nora verstrickt. Als sich aber das Mädchen Moser zuwandte, schäumte auch sein Blut auf. Nina kam wie eine Katze durch das bleiche Dunkel. Bessemer nahm sie in seine Arme. »Kommt,« flüsterte sie, »aber still sein!« In den Stuben des Hauses flammte Licht auf. Die Wirtsfrau hatte ihren Sohn schlafend an der Brust, als die beiden Mädchen mit den zwei Freunden eintraten. Die Wirtin war groß und breit. Sie lächelte und räumte geschwind den Schauplatz. Der Schauplatz war ein großes Zimmer, in dem wehende Vorhänge zwei Betten verdeckten. Plötzlich mußte Bessemer an das Schlafzimmer im Meyerholdschen Theater denken, an das Spiel hinter der Tür und an die rote, sich drehende Sonne. Er dachte nicht mehr an Nora. Er ließ sie fahren, in die Nacht fahren, weit fort über alle Grenzen. Sein Herz war grenzenlos. Nora? Nina? Zwei Mädchen und nur ein schöner, junger sich bäumender Leib! Nein, er war schon lange kein Fisch mehr. Der rote Mond stand ja am Himmel. Und in derselben Nacht lag Nora an Nathans Brust und sagte: »Ich liebe dich, Nathanitsch!« Nathan lächelte. Er konnte Bilanzen ziehen und war schon über dreißig Jahre alt ... Vor dem Hause aber, über dem sich der Mond in den Sternen drehte, lauerte Grischka Nikitin und lachte lautlos. Er hatte die Fahrt an den Saum der Berge laufend mitgemacht. Über eine Stunde stand er da und sah das flüchtige Schattenspiel an den leuchtenden, unverhüllten Fenstern. Als das große Holztor kreischte, trat er in die schwärzeste Dunkelheit zurück und lief auf Umwegen durch die Stadt nach den Mühlen an der Wolga. Dort schlief er mit anderen Kameraden. In den letzten sechs Jahren hatte er viel gesehen und erlebt. Auch das nächtliche Spiel war ihm nicht mehr fremd. Grischka, dreizehn Jahre alt, war schon beinahe ein richtiger Mann. Immer noch tanzte der Mond in den Sternen, als die zwei Mädchen mit ihren flüchtigen Liebhabern ins Freie traten. Die Berge flössen über vom Licht und erfüllten auch die Straßen mit sanftem Schimmer. Nina und Njura begannen mit einem vogelhaften Gezwitscher und verstummten jäh. Eine Kosakenpatrouille raste vorbei, eine eilige Flucht schwarzer Reiter auf wilden Pferden, die aus dem Dunkel kamen und ins schimmernde Nichts jagten. Noch lange hörte man den Hufschlag der Pferde. Bessemer hörte auch das Herz seiner Freundin schlagen, tuck, tuck, tuck ging das Herz. Auch Njura war aufgeregt und zitterte noch lange. Erst in der Stadt beruhigten sich die Mädchen. Ihre Abschiedsküsse flammten nicht mehr so heiß wie in der einsamen Kammer an den blauen Bergen. Als die Freunde nach ihrem Hotel kamen, hörten sie den hellen Schrei eines Wolgadampfers und vergaßen die Mädchen Nina und Njura. Das Schiff »Roter Oktober« sollte in der zehnten Stunde am Hafen anlegen. Auf dem Wege zum Schiff wurden die Freunde von einer Frau aus der Wolgakommune angebettelt. Sie sang das jammervolle Lied des Elends, und ihre Stimme war eine Stimme aus dem uralten Choral der Geschlagenen und der Verzweifelten. Die Hungersnot hatte das Dorf überfallen. Eine glühende, götterlose Sonne verbrannte die Frucht auf den Feldern, dörrte die Adern der Menschen aus, warf Gift und Krankheit in die Gemeinde, brachte Entsetzen und Rückfall in die Barbarei. Die Überlebenden krochen wie gequälte Tiere durch das Land, starben unterwegs noch zu vielen Tausenden, verstreuten sich über die Steppen und Wüsten, und wenn sie beteten, da beteten sie um einen Bissen Brot und um einen Schluck Wasser. Die Frau nun, die in Saratow die Bettelhand ausstreckte, war besonders gezeichnet. Zuerst wurde das Vieh des kleinen Gehöftes krank. Dann starb der Mann. Die Frau rettete sich und ihre drei Kinder in die Stadt und lag jede Nacht auf dem Trümmerhaufen menschlicher Schicksale, an den Mühlen, dem Sammelplatz aller Elenden und Obdachlosen. Die Sonne hatte auch diese Menschen zur Wüste ausgebrannt. Einen Steinwurf von ihrem Lager flutete die Wolga, der fischreichste Strom Europas, aber mit fanatischer Ergebenheit ließen sie alles vorüberfluten, das Leben, den Strom, die vielen Fische. Diese Vision erfüllte Bessemer beim Anblick der Frau. Er ließ in ihre Hand einige Geldscheine flattern. Als sie aber die Hände des Reisenden küssen wollte, so asiatisch und ergeben war sie schon, da floh er nach dem Hafen, verhärtete sein Herz und dachte an den roten Mond. Um die Landungsbrücken hatte sich ein kleiner Jahrmarkt aufgebaut. Bessemer sah um sich und beobachtete die anderen Menschen, die auf das Schiff warteten. Es waren Bauern, kleine Händler, Beamte, Soldaten und Beauftragte aus dem fernen Moskau, die der Befehl irgendwohin warf, vielleicht an die indische Grenze oder nach dem Kaukasus. Die schwimmende Brücke wogte auf und ab von den nächtlichen Reisenden. Gregor Gurow und Claudia Paulitsch grüßten. Der »Rote Oktober« war noch nicht sichtbar, aber Charly Moser kam und strahlte wie ein Held. Bis vor einer Stunde war er noch mit Njura beschäftigt gewesen. Der Glanz des letzten Sieges leuchtete von seiner Stirn. Er hatte noch viel Zeit übrig und versorgte sich in den Basars mit Brot und Fleisch. Endlich schrie doch der ferne Dampfer. Sein Signallicht tanzte zwischen den Sternen. An den Landungsbrücken lagen neben den Güterballen viele Obdachlose. Mit einen von ihnen kam Moser ins Gespräch. »Es wird kalt werden, Brüderchen, nachts am Fluß,« sagte er. »Kalt?« wiederholte langgedehnt der Barfüßler. »Warm wird mir jede Nacht, solange mein kleines Feuer brennt!« Er lachte und deckte die Lumpen seines Lagers auf und zeigte ein Mädchen, das sich mit hellem Gelächter an ihren Liebsten kuschelte. Plötzlich aber schrie sie auf und verbarg das Gesicht. Charly Moser erstarrte. Das Mädchen war Njura, die er vor einer Stunde geküßt und verlassen hatte. Der »Rote Oktober« schrie auch auf, aber viel voller und tiefer, und brüllte alle Reisenden zusammen, die wolgaabwärts fahren wollten. Auch für Grischka schrie das Schiff. Es gelang dem kleinen Landstreicher, sich unter das bärtige Volk zu mischen und einen Platz im Bauch des Dampfers zu erobern, unterzutauchen, Sonnenblumenkerne zu kauen, Melonen zu essen, die Nacht und den Tag zu verschlafen und allen Kontrollen wie ein scheues und schlaues Tier zu entgehen. So reiste auch Grischka aus Mirgorod in der Ukraine die Wolga hinunter und schlief nicht schlechter als die vornehmen Passagiere oben am Verdeck des Schiffes in den hellen, sauberen Kabinen. Die Lichter von Saratow löschten aus. Lichter und Feuerschein aus kleinen Dörfern blühten auf. Nicht lange blühten die Feuer und Lichter. Alles ertrank und versank. Nur das Schiff lebte. Seine Maschinen stampften rhythmisch. Aber zu den taktmäßigen Hymnen der Maschinen stieg eine neue Musik auf: das Volk im Bauche des Schiffes begann zu singen, der dunkle Bauch war kein Bauch mehr -- das Herz des Landes sang über dem schwarzen Wasser. Bessemer konnte nicht schlafen und wanderte mit breiten Schritten auf dem Verdeck und ging wie in einer Wolke schwermütiger Musik. Die Nacht, die Quelle aller Schwermut, berührte sein Herz und machte es wunschlos und sehnsüchtig. Der schwarze Schattenriß des Schiffes, von den vielen Lampen und Lichtern geisterhaft erhellt, diente seiner eigenen Schwere und unwahrscheinlichen Gesetzen, trieb unter den Sternen dahin, die Wellen des Stromes schlugen an die dünnen Wände, das Wasser gurgelte schwarz und schäumte weiß in der Fahrrinne, ab und zu schrie die Sirene, dann drehte sich das Schiff, schwamm gegen den Strom und legte sich in einer phantastischen Schleife an das nachtschwarze Ufer, ruhte an den Landungsbrücken, die aus dem Schlaf erwachten und wie vom Tode aufstanden, einige Minuten, nahm neue Güter oder Menschen auf, schrie noch einmal, aber hastiger und heiserer, und setzte die Reise fort. Die Maschinen dröhnten. Die Wolga rauschte. Die Lieder im Bauche des Schiffes waren eingeschlafen. Als der einsame Wanderer am Verdeck endlich nach seiner Kabine ging-- auch er war müde geworden -- streifte ihn im engen Gang eine Frau. Es war Claudia Paulitsch, die von Charly doch die Aufträge für Astrachan erfahren hatte. Bessemer trat höflich einen Schritt beiseite und gab den Weg frei. Wortlos und rätselhaft lächelnd ging Claudia vorüber, schöpfte auf dem Verdeck frische Luft, starrte in die Sterne und ging dann gedankenvoll in ihre Kabine zurück. Gurow schlief, Charly schlief, Bessemer schlief, nur Claudia schlief nicht. Sie dachte an Astrachan und das Mandat des Fremden, der ihrem Manne den Hals brechen sollte. Sie biß mit den weißen Zähnen in die vollen Lippen, und ihr Gesicht war kalt und berechnend. Am nächsten Morgen stand die Sonne golden über der Wolga und zeigte die verdorrten Hügel der Bergseite und die tiefen, vom Herbst schon leicht verfärbten Flächen der Wiesenseite. Bessemer hatte traumlos geschlafen und um wanderte das Schiffsverdeck. Lange starrte er in das weiße Gischtwasser der Fahrrinne, aber vielleicht noch länger in die Tiefe des Schiffes, wo das namenlose Volk in der dritten Klasse dicht beieinander lag. Er stieg hinab in das Volk, erblickte einen Knaben, der Grischka sein konnte, aber ebenso gut ein Wladimir oder Nikolai, und kam mit einem Lehrer aus der deutschen Wolgakommune ins Gespräch, der nach dem Kaukasus reiste. Das Gespräch endete in der Blutnähe persönlicher Erlebnisse und Berichte aus der Hungersnot, von der ja Bessemer auch in Moskau und Saratow Spuren gesehen hatte, nicht nur den kleinen Vagabunden Grischka, die Frau in Saratow und die Mädchen Nina und Njura. Wie von eigener Schwere trunken trieb der Strom nach dem Meere, trug geduldig die vielen Schiffe und Barken, teilte sich und umarmte die Landschaft. Inseln stiegen aus dem Wasser, Sandbänke bauten breite Barrikaden. An vielen Stationen legte der »Rote Oktober« an, drehte sich, lag quer im Wasser, verweilte an den Landungsbrücken einige Minuten. Die Basare am Strande wachten für kurze Zeit auf, Milch wurde verkauft, Obst, Fleisch und Brot, neue Passagiere stürmten das Schiff, die Schattenrisse unbekannter Städte wurden sichtbar und ließen die goldenen Flammenblitze kostbarer Kirchen auf den zeitlosen Strom niedersausen. Dann brüllten wieder die Sirenen, das Schiff bewegte sich, die Maschinen stampften, das Volk begann im Schiffsbauch zu singen und verwandelte diesen Bauch in ein tönendes Herz. Fischerboote tanzten in zuckender Kette über das träge dahinfließende Wasser. Claudia machte sich schön und wanderte mit einem jungen Offizier über das Verdeck, Gurow und Charly Moser spielten Schach, Bessemer knüpfte mit einigen Reisenden neue Gespräche an. Diese Männer hatten den Bürgerkrieg mitgemacht. Ihre Erzählungen trieften auch jetzt noch von Blut und fanatischer Entschlossenheit. Einer erzählte vom Bürgerkrieg an der Wolga. Gefangene wurden nicht gemacht. Sie wurden gefesselt in das eistreibende Wasser geworfen. Durch viele Dörfer lief die Front und riß die Familien auseinander, den Vater in die Weiße Armee, den Sohn in die Rote Armee. Die Waffen waren gegen das eigene Fleisch und Blut gerichtet. Millionen kämpften, Millionen starben. Rußland war ein einziges Schlachtfeld geworden ... Als Bessemer schwermütig werden wollte, kam zur rechten Zeit Charly Moser und strahlte. Er hatte den Fischonkel Gurow dreimal matt gesetzt. Er lächelte und stieg in das Zwischendeck und kam nach einigen Minuten aufgeregt zurück. »Denke dir,« sagte er zu Bessemer. »Denke dir, ich glaube, ich habe da unten den Grischka gesehen!« »Du wirst Gespenster gesehen haben, Charly,« sagte Bessemer. »Wie sollte er auf das gut überwachte Schiff kommen?« »Ich sah ihn nur flüchtig,« gab Moser nach. »Und mit den Kindern geht es mir wie mit jungen Hunden, ich verwechsle sie regelmäßig. Ich habe mal in Urga einen Hund gehabt.« »Laß den Hund von Urga laufen, Charly,« sagte Bessemer. »Laß uns, wenn du willst, von Grischka reden. Glaubst du wirklich, er will nach Astrachan?« »Warum nicht? Was soll er in Baku? Wer lebt, wird sehen. Und noch leben wir. Aber das sage ich dir, sollten wir ihn wirklich in Astrachan treffen, der Teufel auch, drei Rubel will ich wetten, daß er es doch nicht schafft!« sagte Moser. »Ich nehme die Wette an und setze fünf Rubel dagegen. Das Geld wird bei unserem Fischonkel deponiert. Los, Charly! Und weißt du, wenn er es wirklich schaffen sollte, da nehmen wir ihn einfach mit in unsere Fischerei, im Wasserschutz ist allemal noch Platz. Wir machen einen guten Sowjetmann aus ihm. Einverstanden, Charly?« »Einverstanden!« sagte Moser und ächzte doch, als er sein Geld bei Gurow deponierte. »Noch ein Wort, Charly,« sagte Bessemer und wurde ernst. »Du hast doch bei der Paulitsch nicht den Vorhang von meinem Reiseauftrag gelüftet?« »Beruhige dich, Felix, ich habe bei der Paulitsch etwas ganz anderes gelüftet,« sagte Moser und lächelte zynisch. Claudia Paulitsch, von den Männern nur noch die Paulitsch genannt, hatte sich am zweiten Tage der Reise mit Pjotr Borodin angefreundet, der an die Front nach Buchara ging. Je mehr er sich dem Rande des Todes näherte (er fiel beim ersten Gefecht und schien das vorauszuahnen), um so inniger schloß er sich dem Leben an. Das Leben, was war das Leben? Eine junge zwanzigjährige Frau, Claudia Paulitsch aus Riga, wohnhaft in Moskau, schwarze Haare und weißes Gesicht. Das war das Leben für Pjotr Borodin aus Samara. Damit sich der Kreis schließe, muß berichtet werden, daß sich in diesen schönen Herbsttagen die Tänzerin Nora Nintitsch an den Chemiker Richard Nathan immer fester anschloß und mit ihm oft nach den Sperlingsbergen fuhr, nach jenen heiteren Höhen über dem Flusse Mosqua, der schwärmerisch durch den Goldglanz Moskaus wandelt. Nora ließ ihr Herz tanzen und Nathan fand die Grundstoffe des Daseins: die Bitternis und Süßigkeit der Liebe. Auch das sei noch gesagt, daß der Ingenieur Nintitsch durchaus nicht schwindsüchtig war. Er war mit anderen Dingen beschäftigt. Aber das stimmte ganz genau, auch das konnte tödlich werden. Am dritten Tag der Reise kam Astrachan in Sicht. Türme und Häuser stiegen aus dem Wasser, eine kleine Werft drängte sich an das Ufer, Schlepper, Barken und Barkassen belebten die Flut, Motorboote sausten vorbei, der »Rote Oktober« legte dampfend an den Landungsbrücken an. Das Schiff leerte sich und auch Grischka kam an das sichere Land. Die Moskauer Reisenden verließen ihre Kabinen. Der erste bekannte Mensch, den sie erblickten, war Grischka. Er zog die schmutzige Mütze und war ein einziges triumphierendes Gelächter. Auch Bessemer lachte, Charly fluchte und Gurow blätterte acht Rubel mit ernstem Gesicht auf. Paulitsch kam herangestürzt und umarmte und küßte seine Frau. Pjotr Borodin wußte jetzt ganz genau, daß er bald sterben würde. »Nun, da seid ihr ja,« begrüßte Paulitsch dann die Reisenden. »Habt ihr neue Zeitungen mit?« »Die allerneuesten!« sagte Moser. »Grischka, Grischka, steig mit ein,« sagte Bessemer zu dem kleinen Vagabunden. »Du hast das Wettrennen gewonnen. Gurow, gibt dem kleinen Mann das Geld. Hast du Lust, Grischka, bei uns zu bleiben und zu arbeiten? Wenn ja, einsteigen! Wir fahren los!« »Ich habe große Lust und nun fahrt los!« sagte Grischka und versteckte die Geldscheine in einer von seinen abgründigen Taschen. Der Wagen ratterte über das Pflaster, tanzte über Steine und versank in tiefe Löcher. Der kahle Mastwald einer Fischerflottille wurde sichtbar. Graue Straßen mit häßlichen Häusern taten sich auf. Wüstenwind stieß heran und trug rieselnde Sandwolken. Als die Reisenden das Verwaltungshaus der Fischerei erreichten, wurden sie von der Droschke Paulitschs eingeholt. »Ach,« sagte er atemlos, »ich habe ja ganz vergessen, eure Zimmer in Ordnung bringen zu lassen. Wenn ihr wollt, könnt ihr auch im Hotel zum Bären wohnen!« »Schon gut,« antwortete Bessemer, »schon gut, Paulitsch, wir bleiben in der Verwaltung. Ich glaube, in den nächsten Tagen ist viel Arbeit. Heute abend soll die erste Sitzung sein.« »Schön, ich werde pünktlich und vorbereitet erscheinen,« sagte Paulitsch. Charly senkte schuldbewußt den Kopf. Er hatte bei Claudia schon den Vorhang über den Reiseauftrag Bessemers gelüftet. Zwischen Sumpf und Wüste Astrachan ist auch heute eine Stadt der Verbannung. Ringsum dehnen sich Sümpfe, Wüsten und Steppen. Die Malaria wütet und auch die Pest. Vom Bürgerkrieg zertrümmert und allen Stürmen des Kaspischen Meeres und der Wüsten freigegeben, vertrauert diese Stadt im Sterbegeruch der Fischmilliarden ihr Dasein. Schlepper und Dampfer fahren auf der Wolga und der Rauch ihrer Feuerung treibt mit in den Sandwolken, die von der Wüste kommen und durch die Straßen und Höfe fegen. Aber im Frühling und im Herbst ist Astrachan keine Stadt der Verbannung mehr. Da berstet die Stadt von den unzähligen Fischhändlern, die aus dem unendlichen Rußland zusammengeströmt sind, und die Börse steht jenseits von Gut und Böse und lärmt und leuchtet bis in die Nacht. In der Fischereiverwaltung hatte Paulitsch einige Zimmer freigemacht und war dann unter großer Herzlichkeit mit seiner Frau abgefahren. Die Moskauer reinigten sich vom Staub der Reise. Pjotr Borodin war an die Front abgereist, ohne Claudia noch einmal gesehen zu haben. Charly Moser und Gurow saßen wieder über dem Schachbrett, Bessemer aber bummelte mit Grischka durch Astrachan. Er sah die zerstörte Innenstadt, den Rauch und Betrieb der Hafenanlagen, den schmalen Kanal, der sich von der Börse aus quer durch die Vorstadt hinzog und in dem die Fangflotte der Fischer verankert lag. »Dreimal habe ich dich gesehen,« sagte Grischka an jenem Kanal. »Dreimal, aber du gingst schnell vorbei, in Saratow und auf dem Schiff. Einmal hätte mich die Kontrolle beinahe entdeckt, aber auch das ging vorbei wie der Engel Gottes. Und nun bin ich doch in Astrachan und nicht in Baku oder Taschkent.« »Jetzt bist du in Astrachan, Grischka, aber wo kommst du her? Erzähle von deiner Heimat.« »In Mirgorod bin ich geboren, in der lustigen Ukraine,« antwortete der Knabe. »In der Stadt, wo auch Gogol auf die Welt kam.« »Und wie wurdest du Barfüßler?« »Das ist eine lange Geschichte. Ich war noch ganz klein, da begann eines Tages eine große Schießerei. »Das ist Revolution, Grischka,« sagte mein Vater, der damals noch Kaufmann war. Revolution, nun wenn kein Mensch schläft, das ist Revolution! Dann kam der Streik und in der Stadt zogen alle Menschen auf die Straße und sangen viele Lieder. Auch unser Mädchen Natascha lief mit und sang. Zu Hause in der Küche hat sie sonst wenig gesungen. Ich war den ganzen Tag damals auf der Straße und lief überall herum. Aber dann kamen plötzlich die Kosaken und mein Vater sagte: »Kommt, jetzt geht es erst richtig los.« Da sind wir geflohen und wandelten fünfhundert Werst durch die Steppe. Dann kam die Wüste. Dort gab es kein Wasser mehr. Alles war tot und gestorben. Da starb auch meine Mutter. Und dann sank Natascha in den heißen Staub. Ich war damals sieben Jahre alt ... An diesem Tage wurde ich Barfüßler, Onkel.« »Aber dein Vater, Grischka?« »Der Vater starb auch in der Wüste. Nur mein Bruder und ich blieben von der ganzen Familie.« »Und wo ist dein Bruder?« »Rußland ist groß, und ich weiß nicht, wo Nikolai ist,« antwortete der Knabe. »Bist du noch einmal in Mirgorod gewesen?« »Ja, ich war noch einmal dort, aber auch an diesem Tage wurde geschossen. Das Liedersingen, weißt du, war längst vorbei. Ich rannte durch eine Straße. Da wurde plötzlich in ein Haus eine Bombe geworfen. Das Haus brannte und donnerte. Als alles vorbei war, ging ich in die Trümmerhaufen. In dem Hause lebte nämlich mein Lehrer, Gregor Nikolaijewitsch hieß er. Er lag in der Stube und war tot. Nur die große Kuckucksuhr tickte an der Wand weiter ...« »Und dann?« fragte Bessemer, als Grischka schwieg. »Dann hielt ich die Uhr an, Onkel,« sagte er mit altem, klugen Gesicht. »Sie brauchte ja nicht mehr die Zeit zu sagen, denn der Lehrer war tot ... Von Mirgorod reiste ich nach Odessa und wurde gefangen genommen, war bei den Weißen und bei den Roten und kam dann in ein Kinderheim. Aber ich liebe keine Kinderheime, ich machte mich aus dem Staube und sah mir Rußland an.« »Und jetzt, Grischka?« »Jetzt laufe ich mit dir durch Astrachan und rede dummes Zeug!« In einer kaukasischen Küche aßen die zwei Hammelfleisch mit Reis und tranken heißen Tee. Grischka war ausgehungert wie ein Wolf. Die Küche wurde von Bettelkindern umlagert, die nur schmutzige Lumpen oder Säcke auf den dünnen Leibern trugen. Unter den Kindern war auch ein zwölfjähriges Mädchen. Sie war sehr blaß und hatte Augen wie ein gehetztes Tier. »Olga!« schrie Grischka plötzlich auf, »Olga Nikolajewna!« »Grischka!« antwortete das Mädchen.« Der kleine Landstreicher sprang auf und holte das Mädchen in die offene Küche. Olga wehrte sich, aber Grischka lachte. »Das ist die schwarze Olga aus Moskau, Onkel,« sagte er zu Bessemer, »wir haben zusammen eine Reise von Odessa nach Poltawa gemacht. Dort kam Olga in ein Kinderheim. Und jetzt ist sie hier!« »Und jetzt trinkt sie mit uns Tee und ißt Reis mit Hammelfleisch,« sagte Bessemer. »Die anderen Kinder sind auch hungrig, Herr,« sagte das Mädchen mit dunkler Stimme. Natürlich, auch die anderen Kinder waren hungrig, die kleinen Wölfe und wilden Hunde, die Vagabunden und Landflüchtigen, die aus der Bahn geschleuderten Geschöpfe unbekannter Menschen. Und wie ein guter Gott saß dann Felix Bessemer aus Berlin in einer kaukasischen Küche in Astrachan zwischen einem Dutzend verwahrloster Kinder und ließ Suppe, Reis mit Hammelfleisch und Tee auffahren, einmal, zweimal und dreimal, ließ sich von der schwarzen Olga küssen und zog dann mit Grischka weiter am Kanal entlang. Lastträger und Hafenarbeiter gingen vorüber. Eine junge Zigeunerin wurde von zwei Fischern verfolgt. Kalmücken trotteten vorbei in langen, lehmgrauen Mänteln und hohen Lammfellmützen, ein götzenhaftes Lächeln in den gelben, mongolischen Gesichtern. Wilde Hunde und schwarze Schweine liefen durch den Markt und wühlten im Abfall und Schmutz. Der Tag neigte sich dem Ende zu, und der Lärm der traurigen Stadt hallte rhythmisch zu dem Marschgesang einer Kompagnie junger Soldaten, die nach dem kahlen Kreml zogen. Hinter den Küchen begannen die schmalen Reihen eines Marktes, auf dem die Schätze Astrachans zu sehen waren. An den vielen Fischbuden hingen die getrockneten, aufgeschlitzten Leiber der großen Fische, die »Wobla« heißen und in Moskau, Smolensk und Omsk ebensogut zu kaufen waren als hier. In den engen Gassen, in denen Textilwaren ausgestellt waren, trieben sich kindliche Händler mit Zigaretten und Süßigkeiten herum. Persische Knaben boten sich als Schuhputzer an. Aber hinter Textil und Fisch bauten sich die leuchtenden Hügel gelber und grüner Melonen auf, blaue Gebirge süßer Weintrauben waren da, die blutvollen Kugeln der Granatäpfel und die grellroten Ketten des Pfeffers. Die nahe Wüste schickte nicht nur Sand, Sturm und Staub, aus ihren Oasen kamen die vielen funkelnden Früchte. Astrachan ist ein Tor zwischen Europa und Asien. Bessemer sah auch die vielen Völker Asiens und Europas vorüberfluten, Kirgisen, Russen, Juden, Tscherkessen, Tataren und Armenier. Und jetzt in dieser Stunde war die Stadt nicht mehr traurig. Sie bewegte sich, sie hob ihren runden Kopf aus den Wogen der Wolga, ihre goldenen Fischaugen leuchteten in heftigem Glanz. Aus dem Kaspischen Meere stieß nicht nur der Sturm. Wie die Wüste ihre süßen Früchte in die Stadt schickte, so schickte auch das wüste Meer seine Schätze mit der Wolga nach Astrachan: die schwarzen, grünen, blauen und rotgetupften Fische, die nicht nur Wobla heißen, sondern auch Lesch, Sterlett, Beluga, Wels und Stör. Grischka war verstummt. Er dachte an Olga. Auch Bessemer blieb auf dem Streifzug, der bis an den Rand der Steppe führte, schweigsam. Auf dem Heimweg sahen sie am Kanal eine alte Frau, die sich demütig unter Anrufung aller Rechtgläubigen in den Staub beugte und mit der Stirn die Erde berührte. Das war eine Bettlerin. Ein kleines Kind spielte neben ihr im Schmutz. Bessemer gab einige Kopeken, aber Grischka hatte ein wölfisches Herz und lachte. Seine beinahe wimpernlosen Augen waren starr auf den fremden Mann gerichtet, der sich eines Betteljungen annahm, zerlumpte Kinder speiste und ein Russisch sprach, über das man sich krumm lachen konnte, wenn man gesättigt war. Am Abend versammelte sich die Delegation zur ersten Sitzung. Paulitsch führte das Wort. Charly Moser und Gregor Gurow machten sich Notizen. Bessemer blätterte, als Paulitsch sprach, in den letzten Börsennachrichten. »Ich habe,« sagte der Redner, »erst gestern nach Moskau neue Briefe geschickt und die Lage geschildert. Die Karre ist verfahren, das wissen wir alle. Kein Mensch will jetzt Fische kaufen, will schon, sage ich, aber er hat kein Geld. Marculescu, der Rumäne, von dem ich den Betrieb übernommen habe, ist verschwunden. Jetzt beginnen die Herbstfänge und kein Schwanz ist zu sehen, der kaufen will. Nur zwei oder drei Spione aus Odessa sind da. Nathan wirft mir vor, ich hätte im Sommer verkaufen sollen. Das hätte ich, zum Teufel, ja, aber wie war denn die Lage? Die Preise stiegen jeden Tag und kein Mensch konnte den großen Sturz voraussehen. Auch die Genossenschaften haben alle Keller und Lager voll. Dort ist alles viel tiefer im Dreck. Vorige Woche sind die Hauptleiter verhaftet worden. Der Rumäne hat mit den Leuten zusammengearbeitet, ich nicht, das weiß ja Moskau von ganz allein. Da braucht keine besondere Delegation zu kommen. Das gebe ich zu, ich hätte im Sommer verkaufen sollen. Ich bin auf diesen Platz gestellt worden, obwohl ich kein Fachmann bin. Das wußte Moskau. Ich habe alles getan, was getan werden konnte. Wir haben Fische gefangen und die Keller in Ordnung gebracht. Was will man mehr? Ihr werdet ja selber sehen, was los ist. Die Bücher sind in Ordnung!« »Wir werden alles sehen, Paulitsch,« sagte Bessemer. »Aber warum ist der Rumäne auf seinem Platz geblieben, als du kamst? Und wo sind die zehntausend Pud Heringe hingekommen, die Marculescu angeblich nach Moskau geschickt hat?« »Marculescu blieb noch einige Wochen, denn ich mußte mich einarbeiten, Bessemer, das wirst du verstehen, wenn du erst acht Tage hier bist,« antwortete Paulitsch. »Und wegen der Heringe gerade schrieb ich gestern: Marculescu hat das Geld dafür bekommen und die Fische nach Odessa geschickt und nicht nach Moskau. Das habe ich gestern auf der Tscheka erfahren. Wo der Rumäne steckt? Das möchten wir auch wissen. Vielleicht bei den Tataren oder den Kalmücken. Die Steppe ist groß, in der Wüste ist manches Versteck.« »Ja, aber Moskau ist doch der Ansicht,« sagte Bessemer darauf und wollte das Abberufungsmandat verlesen, da öffnete sich die Tür zum Beratungszimmer und Hans Granach, der Verwalter des Hauptfangplatzes, erschien. Er war etwas über vierzig Jahre alt. Die Malaria hatte seinen Körper verheert. Auch heute glänzte das Fieber in den tiefliegenden Augen. Granach war am Abend mit der Barkasse in die Stadt gekommen. »Hallo,« sagte er, »wir haben Besuch... Aber Paulitsch,« wandte er sich an den Vorsitzenden, »zum Teufel, warum bekommen wir kein Mehl? Unsre Leute wollen und können nicht arbeiten, wenn sie nichts zu fressen haben. Verstehst du das? Auch Naphtha brauchen wir für die Barkassen.« »Steht es so schlimm?« fragte Charly Moser. »Noch viel schlimmer,« antwortete Granach kurz und fuhr fort: »Da haben wir wieder einmal Besuch aus Moskau! Das ist schön, daß ab und zu jemand vom Zentrum kommt, um nachzusehen, ob wir noch nicht an Malaria krepiert; sind. Habt ihr neue Netze mitgebracht? Oder sollen wir im Herbst die Fische mit den Händen fangen?« »Netze haben wir in England eingekauft. Sie sind unterwegs. Auch Salz und Lederkleidung für die Fischer. Wir fahren heute nacht mit ins Fanggebiet. Ich heiße Bessemer und habe ein Mandat. Wann geht die Barkasse?« »Um Mitternacht. Aber wir brauchen Mehl!« knurrte Granach. »Mehl kommt morgen nach,« sagte Bessemer, »Gurow, das ist der Mann hier, bleibt in der Stadt und verkauft Heringe oder Lesch. Wie steht der Fang? Geht es schon los?« »Mäßig, Genosse,« antwortete der fieberkranke Granach, »aber es kann jeden Tag losgehen. Wir brauchen auch Chinin. Zwanzig Leute und sieben Mädchen haben Malaria.« »Chinin ist noch genug da,« fiel Paulitsch eifrig ein und fragte: »Soll ich auch mitfahren, Bessemer?« »Nein, du kannst morgen nacht mit dem Mehl kommen. Ich will mir den Betrieb allein ansehen. Bringe die Bücher mit. Da können wir draußen auf dem Fangplatz weiter über deinen Bericht sprechen.« »Schön,« sagte Paulitsch und war wie umgewandelt, »schön, Genosse, und ich bringe auch Tee und Tabak mit.« »Und Naphtha! Wir können die Barkassen nicht mit Wasser feuern!« ergänzte Granach, steckte sich eine Zigarette an und machte sichs am Tisch bequem. Paulitsch verabschiedete sich. Granach erzählte bei unzähligen Gläsern Tee von der Fischerei und von dem Rumänen, den er gut kannte. »Das ist ein Kerl für sich,« sagte er, »der Marculescu! Er kam aus Bessarabien, ging in die Rote Armee und war ein Draufgänger. Den Kreml in der Stadt hat er mit neunzig Mann gegen fünfhundert Weiße gehalten. Als der Krieg vorbei war, wurde er Tschekist. Aber er war ein zu großer Bluthund. Dann kam er zu uns in die Fischerei, war wenig in der Stadt, immer auf der Wolga und auf den Fangplätzen, verschwand manchmal zu den Tataren und Kalmücken in die Steppe, und mich haßte er, weil ich als Lagerhalter nichts unverbucht herausgab. Vor sieben Wochen ist er verschwunden. Wir haben tatarische Fischer, die wollen ihn in der Steppe gesehen haben.« »Ja, und Paulitsch sagte, daß er zehntausend Pud Heringe für die eigne Tasche verkauft hat,« sagte Charly und starrte Granach nachdenklich an. »Mehr als zehntausend. Auch in Astrachan hat der Schuft Geschäfte mit unsren Fischen gemacht,« sagte Granach. Dann erhob er sich und ging fort. »Hab noch in der Stadt zu tun,« sagte er, »um zwölf Uhr treffen wir uns an der Barkasse.« »Der Mann kommt mir sehr bekannt vor, Felix,« sagte Moser, »ich muß ihn mal getroffen haben. Vielleicht in Sibirien. Aber damals nannte er sich anders.« Die Sitzung war aufgehoben. Grischka kam für einen Augenblick. Er hatte gebadet und aus dem Lager neue Kleider bekommen. Die führte er in der Stadt spazieren. »Gruß an Olga!« rief ihm Bessemer lachend nach. Kurz vor Mitternacht kam der Barkassenführer und holte die kleine Reisegesellschaft ab. Auch Grischka war dabei. Die Barkasse stand schon unter Dampf und ratterte rasch in die warme Dunkelheit hinaus, wolgaaufwärts nach den Fischbänken. Viele Sterne waren am Himmel und standen um einen schmalen, silbernen Mond. Granach sprach mit dem Barkassenführer. In Moser aber begann das Abenteuerblut zu schäumen. Der ganze Mensch tropfte in dieser Nacht vom heißen Blut Er erzählte von Sibirien. Drei Jahre hatte er dort gelebt. Er stammte aus Leipzig, aber er hatte die Heimat vergessen. Seine Frau war eine Baschkirin und lebte in Moskau. Zuerst hörte auch Grischka zu, aber die Männer sprachen deutsch, das verstand der Knabe nicht. Er rollte sich wie ein Hund auf dem Verdeck der Barkasse zusammen und schlief ein. »Sibirien,« sagte Moser, »was wißt ihr von Sibirien? Wölfe und Eisstürme? Ja, aber auch dreimal Weizen« ernte im Jahr, Gold, Platin, Kohlen, Tiger, Bären, Zobel und Blaufuchs ... Wir fahren auf der Wolga, aber ich muß an die sibirischen Ströme denken, an den Amur, an den Ob und Jenissei. An den Irtitsch und an den Baikalsee. Habe ich dir schon die Geschichte von Bamaul erzählt?« »Nein, Charly, erzähle von Barnaul!« »Es war im Bürgerkrieg, und einmal war diese Stadt weiß und ein andermal rot. Die Soldaten spielten um diese Stadt wie um den Leib einer schönen Frau. Als einmal die Weißen Barnaul besetzten, wurde ich am nächsten Tag bei einer Razzia verhaftet. ›Was bist du für ein Mensch?‹ fragte der Hauptmann der mich vernahm. ›Sprachlehrer,‹ sagte ich, ›englischer Sprachlehrer, Hoch wohlgeboren‹. Vor einiger Zeit hatte ich in einem verlassenen Haus eine englische Grammatik gefunden. Das waren meine einzigen Beziehungen zu England. ›Lauf zu,‹ sagte der Hauptmann, ›das trifft sich gut. Lauf zu und melde dich bei dem Oberst Lankewitsch.‹ Ich meldete mich. Der Oberst war ein alter Mann, hoch in die siebzig. Er war mit den Weißen nach Barnaul gekommen und auf der Flucht nach Amerika. Er stammte aus Moskau. ›Englischmen,‹ sagte er zu mir, ›du bist jung und ich bin alt, aber der Mensch lernt niemals aus. Am letzten Tage lernt noch der Ungläubige das Beten. Sprachlehrer bist du?‹ ›Englischer Sprachlehrer, euer Gnaden,‹ sagte ich. ›Bin ein Mensch und nicht voller Gnaden,‹ bekam ich zur Antwort, ›komm jeden Tag zwischen drei und vier zu mir und trage vor.‹ Und ich kam jeden Tag zwischen drei und vier und trug vor. Er war ein altes, großes Kind, und wußte nicht, was mit Rußland geschah. Er fluchte auf die Roten und schimpfte auf die Weißen. Einmal klagte er: ›Brüder sollten wir sein und Wölfe sind wir!‹ Als der Krieg begann, hatte er sich freiwillig gemeldet. Er kam auch ins Feuer und klappte bald zusammen. Nervenzusammenbruch, Pension und so weiter. Dann kam die Revolution. Das war der Oberst Lew Gregorjew Lankewitsch. Er zählte sich zu den Liberalen und liebte schöne Literatur. Die Welt aber war nicht schön ... Mann Gottes, was für ein verrücktes Englisch wurde da jeden Tag vorgetragen! Vor jeder Stunde lernte ich erst einmal selber meine Lektion. Wer konnte mich in Bamaul kontrollieren? Kein Mensch. Aber eines Tages kam eine amerikanische Kommission und reiste nach dem Ural in die Platingruben. Sie hörten, ein englischer Dolmetscher ist da. Sie forderten mich an und fuhren, ohne mich zu sprechen oder zu prüfen, weiter. Glück muß man haben, Bessemer. Und ich hatte Glück. Saumäßiges Glück. ›Du mußt nach Irkutsk,‹ sagte am anderen Morgen der Hauptmann zu mir. ›Die Amerikanskis haben dich angefordert. Damit du aber den Weg nicht verfehlst, geben wir dir zwei Soldaten mit, die verdammt gut schießen können.‹ ›Zu Befehl,‹ sagte ich, ›aber was soll aus seiner Gnaden, dem Oberst Lankewitsch werden?‹ ›Das ist meine Sorge. Melde dich ab und fahre mit dem Nachtzug‹, sagte er und musterte mich mißtrauisch. Wie du dir denken kannst, war mir durchaus nicht fröhlich zu Mute, als ich mich bei dem alten Herrn abmeldete. Ich hatte ihn ganz einfach liebgewonnen, trotzdem ich ihn betrog. Er war ein Mensch, mit dem man menschlich reden konnte. Und dann kam Irkutsk. Das stelle dir, bittschön, richtig vor! Ich komme an, ich melde mich und was geschieht dann? Dann ist es aus mit der Dolmetscherei! Dann kommt der Schwindel heraus! Und in jener Zeit wurde man wegen viel leichterer Dinge an die Wand gestellt. ›Charly‹ sagte Lankewitsch zu mir (seit der Zeit nenne ich mich auch Charly), ›Charly du bist jung und hast Löwenmut. Das freut mich. Nach Irkutsk willst du? Das ist eine schöne Stadt. Grüß mir den Baikalsee! Und nun, Bruder‹ fuhr er mit anderer Stimme fort, ›nun will ich dir zum Abschied was erzählen. Du kannst nämlich nicht mehr englisch wie ein Schneehase! Reise mit Gott, auch wenn du nicht an ihn glauben solltest. Auch ich habe dich betrogen. Ich verstehe sehr gut englisch! Laß dir sagen, daß ›Sir‹ wie ›Sör‹ ausgesprochen wird. Goodbye, Charly, hier ist ein kleines Buch über die Aussprache! ‹« Charly schwieg. Immer noch standen die Sterne um den Silbermond. Gespensterhaft schwamm der Schattenriß eines Petroleumschiffes vorbei. Sonst war alles still. Nichts war zu hören als das trunkene Fließen der Wolga und die metallische Musik der Barkasse. »Und was kam dann?« unterbrach Bessemer das Schweigen, »kamst du bis nach Irkutsk? Erreichte Lankewitsch Amerika?« »Ich kam nach Irkutsk,« sagte Moser mit veränderter Stimme, »aber der Oberst kam nicht nach Amerika. Als die roten Partisanen Barnaul stürmten, wurde unter anderen Leuten auch der alte Mann erschossen. Der Tod war schnell und billig in jener Zeit. Der weiße Tod, Der rote Tod ...« »Schossen deine zwei Soldaten gut, Charly?« fragte Bessemer. »Das weiß ich nicht. Ich gab ihnen keine Gelegenheit. Wahrscheinlich schössen sie gut. Flucht wäre Wahnsinn gewesen. Sieben Tage fuhren wir und dann kamen wir nach Irkutsk. Als wir die Stadt erreichten, bebte und zitterte ich ... Ich war fertig. Nein, ich war noch lange nicht fertig. Höre zu. Die Amerikaner hatten einen eigenen Wagen, darin reisten sie, darin schliefen sie auch. Dieser Wagen stand am Bahnhof. Die Amerikaner waren in der Stadt auf einem Bankett. Du kennst die russischen Feste! Nun, ich habe mich in dem Wagen einquartiert und ließ Schnaps holen. Dann begann eine wüste Sauferei. Und ob du es glauben willst oder nicht, in einer Stunde hatte ich die Wachen in Grund und Boden gesoffen. Da hatte ich das Spiel gewonnen. Ganz nüchtern war auch ich nicht mehr, aber das macht nichts, ich nahm den Russkis die kostbaren Pistolen ab und die Gewehre, versorgte mich mit Munition, Schnaps, Brot und Konserven und türmte nach den verschneiten Wäldern. Auch einen Bärenpelz hatte ich erobert. In der Morgenfrühe stieß ich auf deutsche Kriegsgefangene, die im Rücken der Weißen Krieg auf eigne Faust führten, und blieb bei ihnen und ritt im Frühling über die chinesische Grenze.« Der Erzähler schwieg. Er wollte keine Antwort haben, rollte sich wie Grischka auf dem Verdeck zusammen und schlief ein. Bessemer mußte noch lange an Lankewitsch und Barnaul denken. Ja, er lebte in einer phantastischen Welt! Der Krieg hatte sie in allen Gründen erschüttert und ihr neue Maße gegeben. Schicksal um Schicksal erfüllte sich hier in diesem Lande der Abenteuer und Abenteurer. Von Sibirien, Buchara, China und der Mongolei wurde erzählt, als seien diese Länder die zauberhaften Kulissen eines heldenhaften Spieles, das durch den Einsatz von Blut und Leben süß und bitter war. Er dachte auch an die baschkirische Frau Charlys, die mit zwei Kindern in Moskau saß, er dachte an die Tänzerin Nora. Dann schlief er ein. Als die Sonne über der Steppe emporstieg, hatte die Barkasse den Hauptfangplatz erreicht und legte an der weit ins Wasser gehenden Landungsbrücke an. Grischka schrie vor Vergnügen, als er am Morgen endlich wieder Russisch hörte. Wie ein junger Wolf stürzte er vom Schiff und lief zu den jungen Mädchen und Frauen, die unter den Schutzdächern an den Bänken saßen und die silbernen, grünen, blauen und rotgetupften Fische des nächtlichen Fanges mit scharfen Messern aufschlitzten. Er griff mit beiden Händen einen großen Lesch, hielt ihn hoch und grüßte Bessemer damit, der langsam näher kam und das unbekannte Bild neugierig betrachtete. »Grischka!« rief Charly Moser, »hast du noch keine Fische gesehen?« »Viele Fische, aber noch keinen so mächtigen Lesch. Lesch ist gut, Onkel, und ich will jeden Tag zehn Stück davon essen.« Die Frauen und Mädchen lachten. »Du denkst nur ans Essen,« antwortete Bessemer, »du kannst jeden Tag zehn Lesch bekommen, aber du mußt auch arbeiten.« »Gebt mir nur drei Fische und laßt mich nichts tun,« sagte verzagt der kleine Barfüßler,« oder wenn es sein muß, nehmt mich mit zum Fang auf die Wolga.« »Was ist das für ein junger Wolf?« fragte Granach. »Der Wolf Grischka aus der Ukraine, unser neuer Wasserschutzmann,« sagte Bessemer. Von einem nahen Blockhaus her kam jetzt Ilja Glaserin, der russische Fangleiter. Er war noch in den zwanziger Jahren und stark und wild wie ein junger Stier. Er stammte aus einem kleinen Kosakendorf und das Herrschergefühl der siegreichen Revolution füllte sei Herz vollkommen aus. Tag und Nacht steckte er in hohen Wasserstiefeln und lag mehr und lieber auf dem Wasser als im Bett. Er begrüßte die Reisenden, quartierte sich im Blockhaus ein, ließ von Sonja, einem jungen Fischermädchen, Tee bringen, und berichtete über die ersten Fangergebnisse. Dann führte er Bessemer durch die Fischerei. Der Tag war schön und heiß. Der Oktober lag glühend über Wasser, Steppe und goldgelber Sandwüste. Die Vorbereitungsarbeiten für den Herbstfang waren im vollen Gang. Aus ganz Rußland waren die Wanderarbeiter gekommen. An den niedrigen Bänken saßen die Frauen und Mädchen bis zu den Hüften in den totgeweihten Fischen. Andere Mädchen arbeiteten in den kühlen Kellereien, in denen die reichen Fänge gelagert und eingesalzen wurden. Die Luft war erfüllt von Windstößen, Lärm der Arbeit, Musik, Sterbeduft der Fische und tiefem Salzgeruch wie an einem Meer. An einer Barke am Ufer und an einem Floß -- es kam im Frühling aus Kasan die Wolga herunter -- arbeiteten Zimmerleute. Über zehn Jahre hatte alle Arbeit an den Fischplätzen geruht. Giftige Gase und sumpfiges Wasser standen in den Eiskellern. Die Baracken mußten erneuert und die Landungsbrücken ausgebessert werden. Alle Hände regten sich. Die Sonne stand hoch und heiß über dem Orgelkonzert der Anstrengung. Glaserin, der Kosak, lief mit großen Schritten voraus, holte Granach aus seiner Hütte, und die drei Männer besahen sich die baufälligen Baracken und Holzhäuser der Siedlung. In einem alten Haus schimpfte der Kosak mit einer vertrockneten Frau und ließ das letzte Zarenbild von der Wand nehmen. Für die malariakranken Frauen und Mädchen ordnete er Milch an und fand in einer Hütte, die keine Tür und keine Fensterscheiben hatte, drei Kirgisen auf dem nackten Boden. Es waren drei Wächter mit zerlumpten Kleidern. Glaserin stieß mit Granach heftig zusammen und verfluchte den alten Bürokraten, der sein Lager eifersüchtiger bewachte als eine Jungfrau ihre Unschuld. »Wir leben am Kaspischen Meer in der Steppe,« sagte Granach, »wir sind keine Philantropen, und wir können nicht für jeden Mann ein weiches Federbett bereitstellen. Sie sollen arbeiten und ich verkaufe sehr gern meine Decken.« »Du hast nicht nur Stroh im Lager, du hast auch Stroh im Schädel,« antwortete der Kosak, »wer arbeitet, soll wenigstens zu essen haben und nachts ein Lager, wo er ruhen kann, und wenn er gelbe, grüne, schwarze oder blaue Hautfarbe hat. Laß Stroh heranschaffen, Granach, und Glas für die offnen Löcher. Auch die Kirgisen und Kalmücken sind Bürger unserer Republik!« »Alle Welt kommt zu mir und sagt: ›Granach, ich brauch das, Granach, ich brauch jenes!‹ Der Teufel soll euch alle holen! Gestern kamen zwei Mädchen und wollten Damenschuhe haben! Damenschuhe, als ob es die Holzpantinen nicht auch täten! Achmed, du kennst ihn, wollte Tabak und Zucker. Morgen will jemand elektrisches Licht und Wasserklosett! ›Los, Granach, wir brauchen ein Grammophon! Spring, du Faulenzer, mich leckerts nach Schokolade!‹ Und nun kommst du, Kosak, und willst Stroh und Fensterglas! Du hast natürlich nur für die verdammten Fische zu sorgen. Und die schwimmen dir ins Netz. Und wir brauchen so notwendig Salz und Naphtha,« schloß er seinen großen Sermon. »Mann Gottes, Naphtha kommt morgen früh und auch Salz. Wie lange reichen die Salzvorräte?« fragte Bessemer. »Drei Tage noch,« antwortete der Verwalter. »Vorgestern war ein Kalmück da und wollte unser Salz beschlagnahmen, weil wir noch Steuerrückstände haben. So ein Idiot! Ausgerechnet das Salz! Und zwanzig Kilometer weit in der Steppe sind die schönsten Salzlager. So ein Blödsinn. Denkst du, Bessemer, wir dürften eine Karawane ausrüsten und Steppensalz holen? Da denkst du falsch! Nicht um alles in der Welt! Da muß zuerst ein Bericht gemacht werden, der geht nach Astrachan, dort schreiben sie zehn Resolutionen drauf und schicken ihn nach Moskau an die Zentralsalzverwaltungsstelle oder wie der Blödsinn heißt. Und von dort kommt, wenn alles gut geht, in einem Monat die Bewilligung. Der Teufel hole die verdammten Bürokraten!« »Wenn dein Wunsch erhört werden sollte, holt er dich bestimmt mit, der Teufel, denn du bist ein Oberbürokrat, ein Deutscher!« spottete Glaserin. »Klage nicht und tu, was recht ist. Die Kirgisen bekommen Stroh und Decken, wenn keine Fensterscheiben da sind,« entschied der Kosak. »Auf deine Verantwortung, Glaserin,« knurrte Granach. In einer Stunde, als die Männer zurückkehrten, war die Hütte wohnlich eingerichtet. Die drei gelben Männer dankten und verbeugten sich. Bessemer nahm Grischka zu sich und fuhr in das Fanggebiet. Mitten in der Wolga stürzte sich der Knabe in den Strom, schwamm behende wie ein Fisch, tauchte unter, kam wieder hoch, spuckte Wasser, lag triefend im Boot und ließ sich von der heißen Sonne trocknen. »Onkel,« sagte er dann faul, »ich bin ein freier Mensch, aber die Wolga ist noch freier. Wenn du willst, bleibe ich und fahre mit dem Wasserschutz.« »Grischka,« fragte Bessemer, »was willst du schützen?« »Unser Fanggebiet. Oder sollen die Tataren und Kalmücken von unseren guten Fischen räubern? Von Lesch und Sterlett nichts als die Gräten lassen?« sagte der kleine Vagabund mit stolzem Gesicht. »Nein, das sollen sie nicht. Du wirst mit Kanonen auf sie schießen, Genosse Wasserschutzmann ...« lachte Bessemer und fragte den Bootführer: »Wie weit fahren wir noch?« »Eine kleine Stunde,« sagte der Mann, ein junger Tschuwasche, der in Baden kriegsgefangen war und ein wenig Deutsch sprach. Das kleine Motorboot sauste über den glühenden Strom. Es war ein alter Kasten. Sein Motor ratterte noch vor einem Jahr in einem Fordauto der amerikanischen Hungerhilfe. Jetzt gröhlte er über der Wolga, Immer noch strömte das Licht. Die große Insel, die sie berührten, schien im Wasser zu treiben wie ein sagenhaftes, grünes Riesenschiff. Hinter dieser Insel sprang ein neuer Strom aus dem alten Flußbett und wühlte sich in die Steppe ein. Diesen neuen Strom verfolgte das Boot und erreichte bald eine große Barke, die an einem steilen Ufer verankert lag. Auf dieser Barke wurden die Fische, die von kleinen Kähnen herangeschleppt wurden, verarbeitet, ausgeweidet und eingesalzen. Sieben Männer und zehn Mädchen hausten am Rand der Steppe, Zelte waren aufgebaut. In einem Zelt lagen zwei malariakranke Mädchen mit fieberheißen Augen. Eine kalmückische Frau saß an einem offenen Feuer. Sie hatte die Beine gekreuzt und schlachtete silberne Fische. Die Frau war alt und grau wie verdorrte Steppe im Herbst und in ihrem unbeweglichen Götzengesicht war die Schwermut eines gefangenen Tieres zu lesen. »Was machen die Fische?« fragte Bessemer den Führer der kleinen Kommune. »Wie ist der Fang?« »Gut,« sagte der junge Mensch. »Aber wir brauchen Arbeitskleidung und Mehl. Und Chinin.« »Es ist alles unterwegs,« antwortete Bessemer und ließ die kranken Mädchen in das Boot schaffen. Dann fuhren sie ab. In zwei Stunden war das Blockhaus erreicht. Ein Bote wartete auf Bessemer. Paulitsch war nicht gekommen. Es gab kein Mehl. Es gab kein Naphtha. Es gab keinen Tee und keine Zigaretten. Nur Chinin hatte die Stadt geschickt. Es gab auch keine Käufer für die Fische. Gurow hatte einen verzweifelten Bericht mitgegeben. Bessemer fluchte. Aber es gab immer noch kein Mehl und kein Naphtha. Am Abend reiste er nach Astrachan zurück. Grischka wurde endgültig dem Wasserschutz zugeteilt. Er bekam am ersten Tag doch so viel Fische, wie er wollte. Von Granach stahl er eine Kamelhaardecke und schlief in der Hütte bei den Kirgisen. Charly inspizierte die Fischerei. Am frühen Morgen kam die Barkasse nach der Stadt. Der Fischereihafen war in Bewegung geraten. Segler und Barkassen fuhren in das Sumpfdelta, die Kanäle lagen kühl im Licht, der Kreml stand hoch über dem Fluß, das Gold der Kathedrale blitzte, eine große Barke mit grünen Melonen legte an, Kamele schleppten große verschnürte Ballen vom Hafen, der Arbeitsgesang der Lastträger hob an. In der Verwaltung fand Bessemer den Fischonkel vor. Er lachte. Tausend Pud Heringe waren gestern abend verkauft worden, das Pud drei Kopeken unter dem Marktpreis, aber es kam Geld in die Kasse und Geld war in diesem Falle nicht eine angehäufte Kapitalmenge, Geld verwandelte sich in Naphtha, Salz, Mehl und Tabak. Und Mehl, Salz, Naphtha und Tabak war Bewegung und Schwung an den Fangplätzen, Singsang der Frauen und Mädchen, zufriedene Tataren, viel Fische und gute Berichte nach Moskau. Paulitsch hatte die Bücher in Ordnung gebracht und bat Bessemer für eine Stunde in das Hotel. Bessemer kam und fand Claudia. »Sergej kommt bald,« sagte Claudia. »Gurow war eben d\&. Es sind neue Käufer in der Stadt. Sergej will sie abfangen. Was macht die Fischerei?« »Die Fischerei macht sich, aber es sind viele faule Fische da,« antwortete der Besuch. »Das weiß ich,« sagte schnell die junge Frau. »Sergej hat mir alles erzählt. Ich weiß, er hätte im Sommer verkaufen sollen, aber da war ja noch Marculescu da, und der hat verkauft, aber für die eigene Tasche. Ja, Sergej hat sich geirrt, das weiß er selber, aber wir sind ja Menschen, und wir können uns irren, und nichts Menschliches sei uns fremd, wie ein deutscher Dichter sagt.« Dabei blickte sie ihren Gast mit großen Augen an und legte beschwörend die Hand auf seine Schultern. »Aber der Irrtum kommt uns teuer zu stehen,« sagte Bessemer. »Im Fanggebiet sind noch Leute, die haben seit Mai keinen Lohn bekommen. Und jetzt ist Oktober. Eine hungrige Hand arbeitet nicht gern.« »In der staatlichen Fischerei soll es noch schlimmer sein,« griff Claudia tapfer an. »Man hat mir erzählt, daß unsere Fischerei Gold ist gegen die der Genossenschaften.« »Das weiß ich nicht,« sagte der Gast und stand auf. »Aber es ist möglich und hat mit uns sehr wenig zu tun. Und auf den verdammten Marculescu kann unmöglich alles geschoben werden.« Auch Claudia hatte sich erhoben. »Was wird geschehen?« flüsterte sie. »Wird Sergej entlassen? Er hat doch alles getan, was er konnte!« »Das muß die Untersuchung ergeben.« »Und wer führt die Untersuchung?« flüsterte die Frau, die um ihren Mann Sergej kämpfte. »Charly Moser und ich,« sagte Bessemer und war noch stolz darauf. »Dann wird Sergej bleiben, wenn ich Sie recht von Herzen darum bitte,« schmeichelte Claudia. »Sie können mir ja nicht weh tun,« fuhr sie fort, »nein, ich fühle das und will gern ...« »Was wollen Sie gern?« fragte der Mann und merkte, daß er schwach und weich wurde. »Verstehen Sie doch, großer, deutscher Bär,« sagte sie. »Ich habe Sie vom ersten Augenblick gern gehabt.« Sie kam näher. Der Mann hörte hinter ihrer hohen, vollen Brust das Herz schlagen. Da wurde er wie ein Fisch. Und als er nach der bitteren Angel schwimmen wollte und den Mund zum Kuß formte, der Paulitsch festigen sollte, da klopfte es an die Tür, und der Mensch trat ins Zimmer, um den das Spiel ging. Sergej Paulitsch kam. Bessemer hatte sich wieder in der Gewalt. »Hallo,« sagte er, »du kommst gerade zur rechten Zeit. Wie gerufen kommst du, Paulitsch. Was machen die Fische? Hat Gurow verkaufen können?« »Leider nein,« sagte Sergej. »Die Käufer wollen sich die Sache beschlafen. Sie kommen morgen wieder.« »Nun, etwas haben wir doch verkauft. Wie lange reicht das Geld?« »Vier Tage. Wir mußten Löhne zahlen.« »Das stimmt. Die vom Mai, Paulitsch?« »Ja, auch die vom Mai, die der verdammte Marculescu nicht gezahlt hat. Zuerst mußten wir aber die Schiffer und Barkassenführer entlohnen. Sie wollten nicht mehr fahren.« »So schlimm steht die Sache?« fragte Bessemer. Dann sagte er ganz geschäftsmäßig: »Hör mal, Paulitsch, im Hof der Verwaltung steht doch eine große Eismaschine. Können wir die nicht verkaufen?« »Die kauft kein Mensch. Da fehlt ein Kolben und eine Achse. Hier gibt es keine Maschinisten, die so was reparieren können. In Baku soll ein Mensch sein, der was davon versteht.« »Wo ist die Maschine hergekommen?« »Aus Petrograd.« »Aus Petrograd? Das sind einige tausend Kilometer weit.« »Das weiß ich,« sagte der andere. »Und wir haben uns auch gefreut, als sie im Frühling ankam. Als sie montiert werden sollte, sahen wir den Schwindel. Da ist nichts zu machen ... Aber vielleicht können wir von unserem Floß tausend Stämme oder zweitausend verkaufen. Holz wird hier sehr hoch bezahlt.« »Wir wollen sehen,« antwortete Bessemer und verabschiedete sich. Immer stieß er auf Marculescu, den Rumänen. Er kannte Marculescu flüchtig aus Moskau, wo er einige Tage zur Berichterstattung weilte. Er war jung, kaum fünfundzwanzig Jahre und machte einen guten Eindruck. Von militärischen Dingen verstand er mehr als vom Fischfang, und deshalb war ihm ja auch Paulitsch vor die Nase gesetzt worden. Und Paulitsch? Das war ein armer Teufel mit dem besten Willen, der nicht mehr aus und ein wußte. Vielleicht war er als Buchhalter gut, aber als Leiter einer großen Fischerei, in der gegen tausend Leute arbeiteten, taugte er nichts. Dann kam Claudia. Wer war Claudia? Eine junge Frau, die um ihren Mann mit anderen Männern kämpfte und sehr gern Herzdame in dem Spiel ansagte. Und Felix Bessemer? Nun, was er war, sollte er jetzt zeigen. Was war zu tun? Holz verkaufen? Fische waren nicht zu verkaufen? Er war ja auch kein Fachmann. Was tun? Spezialisten müssen herangeholt und die Bücher überprüft werden. Holz vom Floß aus Kasan wird verkauft, wenn keine Heringe verlangt werden. Es mußte schnell entschieden sein. Schon schwärmten die ersten Fische vom Kaspischen Meer. Bessemer fuhr durch die Stadt zum Haus der Partei und verlangte Kontrolle von der Arbeiter- und Bauerninspektion. Dann schloß er einen Kaufvertrag über zweitausend Stamm Hartholz ab. Als er mit dem Vertrag und einer Anzahlung in die Verwaltung zurückkam, fand er Gurow vor, der in derselben Zeit dreitausend Pud Lesch und Sudack verkauft hatte. Das Geld reichte für Salz bis zum Schluß und für die letzten Löhne im Mai. Von Nathan fand er einige Telegramme. Nathan wollte Geld haben, der Narr. Bessemer telegraphierte einen großen Bericht, schickte kein Geld und blähte sich vor Stolz und Verantwortungsgefühl. Ehe er in die Fischgründe zurückreiste, kaufte er Tabak, Zigaretten, Melonen, Weintrauben und Zucker. Auf diesem Einkauf kam er am Hafen in großes Gedränge. Eine Volksmenge drängte sich um einen Lagerschuppen. Ein Tatar hielt eine aufgeregte Rede. Milizsoldaten rückten an. Auf der Straße am Lagerschuppen lag ein Mensch im Blut. Der Mörder hatte ihn mit einem langen Messer schrecklich zugerichtet. Der Mörder war ein Kalmücke, wie der Tatar erzählte, und in der Richtung zum Kreml entflohen. In der Nacht fuhr Felix mit der Barkasse wolgaaufwärts und kam, als die Sonne aufstieg, am Hauptfangplatz an. Charly Moser und Granach waren schon wach. Sie saßen zusammen und redeten. Gestern abend hatten sie sich endlich wieder erkannt. Vor drei Jahren waren sie in Omsk flüchtig zusammen gewesen. Dann hatte Granach in den mongolischen Grenzbergen und in der Mandschurei gekämpft, bis ihn das Schicksal an die untere Wolga warf. Sonja hatte Tee gebracht. Der Samowar begann zu singen, und Bessemer, der sich plötzlich mehr für Sibirien als wie für die Fische interessierte (er war ja noch in den zwanziger Jahren), setzte sich an den Tisch zu den Männern, die von der Welt erzählten, von jener bunten, leidenschaftlichen Bühne, auf der sie viele Jahre im Feuer jugendlicher Liebhaber mitgespielt hatten. Am meisten aber staunte er über Granach, der als Lagerhalter mit jedem Fetzen geizte und nichts als eine Rechentafel war. In der grenzenlosen Freiheit der Berge war derselbe Mann wie ein wildes Tier gewesen. Er erzählte eben die Geschichte von einem Maschinengewehrnest, das von dreihundert Weißgardisten umlagert wurde. Dreihundert Mann gegen fünf Mann auf einem verdorrten Berg, über dem Adler kreisten. Nach drei Tagen Belagerung ging das Wasser aus. Die Sonne schien sich mit den Weißen verbündet zu haben. Sie brannte höllisch. Die Quelle am Berghang hatten die anderen besetzt. Die fünf Mann konnten kaum mehr schießen. Der Lauf ihres Gewehres war glühend geworden. Am Berghang sprudelte das lebendige Wasser. Am Berghang sprudelte der schnelle Tod. »So war es, Charly,« erzählte Granach. »Das Gewehr haben wir schließlich mit Urin verkühlt und wir konnten wieder schießen. Aber der Durst! Aber der Durst! Die Luft, die wir atmeten, war wie flüssiges Feuer. Wir waren mehr tot als lebendig. Und immer kreisten drei verfluchte Adler über uns. Am vierten Tag endlich zogen die Weißen ab. Da stürzten wir, und hätten wie Hasen glatt abgeschossen werden können, nach dem Quellgrund, warfen uns wie Tiere in das Wasser und lachten und brüllten wie die Verrückten.« Bessemer hatte seine Schätze aus Astrachan auf dem Tisch ausgebreitet. Die Männer drehten sich Zigaretten. Grischka kam hereingelaufen, bettelte eine Melone, und gierig die Zähne in das rote, süße Fruchtfleisch schlagend, meldete er mit vollem Mund, daß der Wasserschutz gestern abend die Kalmücken an der »Großen Grube« gesehen habe. Sie hätten, als das Motorboot kam, sofort die Netze eingezogen und wären in die Steppe geflüchtet. »An der ›Großen Grube‹?« fragte Granach und machte ein finsteres Gesicht. »Die gelben Hunde soll der Teufel holen.« Die Große Grube war ein bekannter Laichplatz und für den Fang verbotenes Gebiet. Trotzdem wurde im Frühling und im Herbst darin gefischt. In diesem Gewässer schwamm ein sagenhafter Fisch, eine große vier Meter lange Beluga aus dem Geschlecht der Rotfische, deren Weibchen den wertvollen Kaviar geben. Diese Beluga hatte Granach zuerst entdeckt und er liebte ihn wie ein eigenes Kind. Aber der Fisch war kein Kind. Das war die Milliardenmutter schwärmerischer Fischzüge. Und in diesem Herbst sollte er in das Schleppnetz der ausländischen Kompagnie versacken. »Ich will mir den Riesenfisch ansehen, Granach, und fahre dann mit Grischka nach der »Großen Grube,« sagte Bessemer und wandte sich an den Knaben: »Wie schmeckt dir die Arbeit bei uns?« »Sterlett schmeckt schon besser!« lachte er und lief aus dem Zimmer. Granach haßte den kleinen Landstreicher immer noch. Wenn er ihn sah, war er nur Lagerverwalter und dachte nicht an seine räuberischen Jahre. »Paßt auf, der ukrainische Teufel läuft euch davon, wenn er genug Sterlett oder Lesch gefressen hat,« sagte er böse. »Wir können ihn nicht anbinden,« antwortete Bessemer leichthin. »Aber ich glaube doch, daß er bleibt. Hier hat er Freiheit und Abenteuer genug. Warum sollte er uns davonlaufen?« »Weil er zuviel Freiheit und Abenteuer und vor allen Dingen, weil er jeden Tag satt zu essen hat, du Philantrop,« sagte Granach. »Du bist nicht für Philantropie?« »Nein, ich bin nicht dafür. Ich bin für den Fischfang. Und wann kommen die verdammten Netze aus Moskau?« »Sie können jeden Tag kommen. Und dann kommt noch jemand: die Arbeiter- und Bauerninspektion.« »Meinetwegen. Bringen die guten Männer Salz und Mehl mit?« höhnte Granach. »Sie können nicht günstiger kommen. Jetzt, wo wir alle Hände voller Arbeit haben. Welcher Idiot hat sie bestellt?« »Ich war der Idiot,« sagte Bessemer. »Granach,« fuhr er fort, »du bist ein musterhafter Mensch und für jeden dreckigen Schuh hast du einen Beleg, aber ich habe mich im Fanggebiet umgesehen. An der Fangstelle ›Neun‹ ist nicht alles in Ordnung. Da scheint Marculescu seine Leute sitzen zu haben. Hundert Faß Heringe sind erst in den letzten Tagen verschwunden. Und wenn man nach ›Neun‹ kommt, hat der Leiter Malaria, liegt im Blockhaus und macht dumme Augen. Überall hängen Schleier, vielleicht bilden wir uns das nur ein, weil wir Fremde sind. Gut, da soll russische Kontrolle kommen. Wir wollen keine Schweinerei haben wie in der Staatlichen Fangstelle.« »Einverstanden,« sagte Granach. »Aber die Geschichte ist so, daß wir alle mehr oder weniger aus dem Bürgerkrieg kommen und vom Schießen mehr Ahnung haben als vom Verwalten und Regieren.« »Felix, ich wäre auch lieber bei den Partisanen an der chinesischen Grenze, als hier bei den Fischen,« fiel Charly Moser ein. »Hast du eine Ahnung, wie die Geschichte bei den anderen Leuten steht?« »Schief und schlecht für die Angeklagten,« antwortete Bessemer. »Wir haben unsere eigenen Sorgen. Ich gehe jetzt an die Arbeit,« sagte Granach unwillig und schloß das Gespräch. Das Motorboot knatterte über der Wolga. Aus den nahen Fischerdörfern waren einige Fischer gekommen und lieferten den nächtlichen Fang ab. Neue Netze tanzten über den Wellen. Auf der Fahrt nach der »Großen Grube« kam Bessemer endlich dazu, die deutschen Zeitungen zu lesen, die Nathan mitgeschickt hatte. Wieder einmal wurde das Land vom Fieber des Aufstands geschüttelt. Hungeraufstand löste neuen Hungeraufstand ab. Große Streiks lähmten die Städte und hielten die Maschinen an. In Berlin wurde geplündert und geschossen. Man hörte aus den Berichten das Krachen der Staatsmaschine. Als der junge Mann auf der Wolga, vom allzuvielen Licht geblendet, die Augen schloß, sah er den Minister vor sich, von dem die Presse schrieb. Er sah den aufgeschwemmten Mann mit dem Allerweltsgesicht, wie er im Reichstag beschwörend die Hand ausstreckte (an den kurzen Fingern blitzten goldene Ringe) und sich beschwörend auf die rechte Seite des Hauses beugte. Er hörte auch die Stimme des Redners. »Wir sind das letzte bürgerliche Ministerium, meine Herren!« sagte der Minister. »Der Aufstand wird uns davonjagen, wenn wir nicht nachgeben.« Aber noch eine andere Stimme rief über dem Wasser. Die Stimme der Heimat rief, und ganz klar stand vor dem wachen Träumer die Straße seiner Kindheit, die aus der Vorstadt zum Fluß führte, an dem er seine ersten großen Erlebnisse hatte. An den heiteren Sommertagen rauschten die Bergwälder wie Springbrunnen über dem Wasser. Der Fluß strömte und kühlte, und manchmal konnte man bis auf den Grund sehen und das Spiel der Fische und den Lichtblitz ihrer Reisen beobachten. Auch das Schattenspiel ihrer Ruhe war sichtbar. Dann dachte er an jene Novembernacht, an Korff, den Hauptmann Kries, an Lewitzki und Schulz. Tod und Leben umarmten ihn. Der Mensch in dem kleinen Boot öffnete die Augen und blickte haßerfüllt auf die Wolga. Ja, auch sie war Heimat für Russen und Kalmücken, Tataren und Wolgadeutsche, aber nicht für ihn. Er war bei allen Begebenheiten doch nur ein Statist in dem phantastischen Drama des russischen Volkes. In Deutschland hätte er auf dem Schauplatz der sechzig Millionen mitdichten können. Nicht lange blieb er in seiner Verbitterung. Der Tag war zu schön und die Arbeit zu vielgestaltig, um in nutzlose Trauer zu versinken. Der Mann im Boot trank mit tiefen Zügen die herbe Morgenluft ein, freute sich der wechselnden Landschaft, fluchte mit dem Bootsführer, weil der Motor plötzlich versagte und die starke Strömung das Boot an das steile Ufer trieb. Endlich kam Bessemer nach Trauer und Aufregung an die »Große Grube«. Dieses Gewässer war eine süße Bucht mit grünem Hinterland und leicht erglühten Herbstbäumen. Von den Kalmücken war nichts zu sehen. Auch die Beluga, die Mutter der Fische, lag unsichtbar auf dem Schlammgrund der Grube. Das Boot wendete sich und knatterte wieder wolgaabwärts nach der »Goldenen Grube«, jenem reichsten Fangplatz, auf dem ein halbes hundert Tataren und einige Russen, Tschuwaschen und Kalmücken arbeiteten. Vor einer Woche waren die Tataren aus ihrem Steppendorf aufgebrochen und nach der Wolga gekommen. Sie wurden von einem jungen Menschen namens Sultan Khanow angeführt, dessen Schwager im Sowjet des Tatarendorfes den Vorsitz hatte. Die Tataren waren ein Splitter der Urbevölkerung in der Astrachaner Steppe und lebten als Fischer an der Wolga ein unmenschliches Leben. Zwei große Zelte dienten ihnen als Wohnung. Bei der schweren Arbeit standen sie oft bis an die Brust im Wasser und sangen dazu dumpfe Arbeitslieder. Ihre Nahrung bestand aus Brot. Fischen und Ziegeltee. Ihre Leidenschaft und Sehnsucht war Tabak. Bessemer blieb nicht lange bei den Tataren. Auf der Weiterfahrt traf er mit dem Wasserschutz zusammen. Grischka brüllte ein Vagabundenlied, als er vorübersauste. An der Fangstelle ›Neun‹, an der Bessemer dann anlegte, wollte er den Leiter sprechen. Aber der war krank. Ein Fischer aus der Wolgakommune nahm den Besuch beiseite. »Herr,« sagte er, »Wasiliy Sergejwitsch hat immer Malaria, wenn Kontrolle kommt. Aber manchmal ist er ganz gesund!« »Wann ist er denn gesund?« »Wenn der Rumäne auftaucht.« »Mann Gottes, der Rumäne kommt auf die Fangstelle ›Neun‹? Hast du dich nicht versehen?« »Er kommt immer nachts,« sagte der Wolgadeutsche. »Als ich gestern Wache hatte, legte er mit einem Segelboot an. Hinten am Blockhaus und nicht an der Landungsbrücke. Heute morgen ist er wieder abgefahren.« »Kommt Marculescu allein?« »Nein, ein Kalmück oder Kirgise ist bei ihm.« »Mensch,« sagte Bessemer, »Sie wissen, daß der Rumäne ein Bandit geworden ist? Daß ihn die Tscheka sucht? Wollen Sie zu uns halten?« »Ja. »Sie haben Nachtwache? Schön. Wenn der Rumäne kommt, fahren Sie zu uns herüber und bringen Meldung. Was können wir für Sie tun?« »Nichts, Herr,« antwortete der Wolgadeutsche. »Rußland ist arm, und wir wollen keine Banditen haben.« Das Motorboot tanzte über die Wolga. Bessemer lachte innerlich. Nathan, Richard Nathan, Chemiker, Briefmarkensammler und Lyrikfreund, du wirst große Augen machen, Brombeeraugen, wenn ich melde, Take Marculescu, der Bandit, ist durch mich gefangen worden! Da wirst du deine Meinung über Felix Bessemer ändern. Der Mann kann nämlich nicht nur Brot essen, Mädchen lieben, Verse schreiben und Fische fangen: er kann auch rumänische Räuber zerschmettern! Sein Geheimnis behielt er für sich. Nur Charly wurde eingeweiht. Wenn der Wolgadeutsche kam, war es immer noch Zeit, Glaserin und vier starke Fischer zusammenzutrommeln, um den Rumänen zu fangen. Die nächsten Tage vergingen in der Erwartung des großen Fischzuges. In Astrachan hatte der Fischonkel eine glückliche Hand und verkaufte zehntausend Pud. Die rückständigen Löhne konnten gezahlt werden, es gab Mehl und Salz, Naphtha und Zucker, Weißbrot und Tabak, und Granach wurde so großmütig, daß er gern an die Fischmädchen getragene Damenschuhe und einige Hemdhosen aus dem unergründlichen Lager abgab und gegen Lohn verrechnete. Die Kultur hielt am Rand der Steppe glorreichen Einzug und verdarb sogar die schöne, prachtvoll gebaute Sonja, die sich ein Korsett aussuchte. Die Tataren waren glücklich bei Tee und Zigaretten. Am dritten Tag kamen aus Astrachan zwei Leute von der Inspektion. Der Hauptmacher war ein Ukrainer namens Wassilenko. Sein Gehilfe hieß Adolf Springer, war ein Deutschrusse und päpstlicher als der Papst. Hier an der Wolga schwärmte er für den Rhein. Wenn er in Köln gelebt hätte, da wäre die Wolga das Ziel seiner Sehnsucht gewesen. Auch Sergej Paulitsch kam mit seiner Frau in das Fanggebiet. »Die Kosten der Untersuchung trägt in Rußland der Betrieb, Felix,« sagte Charly. »Und das ist ganz richtig. Aber ich schlage doch vor, einen Mann in die Stadt zu schicken. Er soll Tee, Tabak, Zigaretten und Zucker für die hohen Gäste holen. Das dürfte die Kontrolle wesentlich beschleunigen. Ich kenne Fälle, wo die Geschichte monatelang dauerte.« »Einverstanden, Charly. Aber wem sollen wir schicken?« »Was denkst du zu Grischka?« »Grischka? Meinst du, er wird wiederkommen? Gut, er soll fahren.« »Er wird wiederkommen, Felix. Jetzt spielt er mit Leidenschaft Wasserschutzmann und rächt an den armen Kalmücken die Prügel, die er früher reichlich und wahrscheinlich auch verdient bekommen hat. Ich glaube, er hat noch viel Prügel gutzumachen und kommt bestimmt wieder.« Mit der Barkasse, die am Abend aus Astrachan kam und Mehl und Salz brachte, reiste also Grischka Nikitin in die Stadt und kam am anderen Abend mit Tee, Tabak, Zucker und Zigaretten zurück. Er dachte keinen Augenblick an die Flucht. An den Küchen hatte er Olga getroffen und ihr von acht Rubeln, die auf seinen Kopf gesetzt waren, vier Rubel geschenkt. Paulitsch schlug vor, eine Barkasse mit Fischen auszurüsten und nach Samara zu schicken. Dieser Vorschlag wurde mit Begeisterung aufgenommen. Auch Claudia blieb nicht untätig. In Wassilenko fand sie den Mann, dem sie ihre Leiden klagen konnte. So kam endlich vor dem großen Fischzug eine kleine Harmonie an den Rand der Steppe. Überall hellten sich die Gesichter auf. Bessemer schickte einen neuen Bericht nach Moskau und versprach im November das erste Geld. Charly erzählte eines Abends im Blockhaus, als er mit Granach und Bessemer zusammen saß, die Geschichte von Karawili, dem kaukasischen Fürsten. Karawili war ein roter Partisanenführer, verachtete den Tod und griff den Feind als erster an. Auf den grausigen Wegen durch Urwaldsümpfe ritt er immer an der Spitze. Einmal im April wurde seine Abteilung von den Weißen aufgestöbert und verfolgt. In atemloser Flucht zogen sich die Partisanen in die Wälder zurück. Die Weißen waren ganz nahe, als der Fluß erreicht wurde. Da lag wohl eine Fähre, jawohl, aber sie lag am anderen Ufer. Der Fürst und Führer sprang kopfüber in das eistreibende Wasser und kam in der letzten Minute mit dem Rettungsschiff an. Auf dem Fluß schössen die Partisanen ihre Flinten ab und sangen das Lied vom Baikalsee. Die Weißen hatten nichts als das Nachsehen. »Da kennst du doch auch die Geschichte von der Butter,« wandte sich der Lagerverwalter fragend an den Erzähler. »Ich habe sie vielemal in Irkutsk gehört, als von Wili die Rede war.« »Ja,« sagte Charly Moser. »Die Geschichte kenne ich gut. Ich habe selber mitgemacht. Und die Geschichte von der Butter ist so: Es war mitten im Winter. Wir hatten unsere Bagage an die Weißen verloren und flohen durch die Wälder. Es gab kein Mehl und keinen Bissen Brot mehr. Wir hatten nur noch Tee. Das Fleisch lief im Walde herum. Wir mußten es selbst schießen. An manchen Tagen war es über fünfzig Grad kalt. Vielen von uns erfroren die Füße, die Ohren, die Finger und die Nasen. Es war zum Verrecken. Wir ritten durch den Wald. Als Beilage zu dem selbst geschossenen Fleisch aßen wir gekochte Baumrinde. Einmal haben wir zehn Tage keinen Menschen gesehen, außer uns natürlich, aber wir waren ja Soldaten. Gut. Eines Tages aber stießen wir an einen kleinen Fluß und fanden ein verlassenes Dorf. In der Molkerei gruben wir in den Kellern nach und holten vierzig Faß Butter heraus. Ich weiß das noch genau, denn wir waren gerade zwanzig Mann. Auf jeden von uns kamen nämlich zwei Faß. Auch zwei Wagen hatten wir bei uns. Erst später stießen wir mit dem Haupthaufen zusammen, denn wir hatten uns zerstreut, um besser vorwärts zu kommen. In Tibet sollen sich die Menschen ihre Gesichter mit Butter einschmieren, und die älteste Butter ist die beste. Ich war noch nicht in Tibet und weiß das nicht, aber auch wir haben uns die Visagen und die Hände mit Butter eingeschmiert, und ich sage euch, von dieser Stunde an froren wir nicht mehr. Wir lebten dann nur noch von Butter, von Butter und Ziegeltee. Die Kälte konnte uns nichts mehr anhaben. Auch die Stiefel füllten wir mit Butter. Das hielt verdammt warm, kann ich euch sagen! Das hat uns gerettet, denn auch die Munition war beinahe ausgegangen. Wir waren ja nahe am Krepieren, als wir auf das Dorf und die Molkerei stießen. Endlich kamen wir aus dem Wald, und du kannst dir gar nicht vorstellen,« wandte sich Charly Moser an Bessemer, »du kannst dir gar nicht vorstellen, was sibirische Urwälder sind. Du kennst den mittleren Ural, aber das ist ein wohlgepflegter Garten gegen die Wälderdickichte des fernen Ostens. Zwei Monate, Granach, ritten wir durch die Wälder und erreichten dann die große sibirische Eisenbahn. Die ersten Züge fuhren wieder und kamen von Tschita und brachten für die weiße Front Lebensmittel, Munition und Kleidung. ›Habt ihr Hunger auf Weißbrot?‹ fragte an dem Tag, als wir die Strecke erreichten, Karawili. ›Wir haben Hunger auf Weißbrot‹, brüllten wir in einem Chor. ›Wollt ihr Tee mit Zucker trinken? fragte Karawili weiter. Tee mit Zucker, Felix, war damals der Gipfelpunkt des Glücks, der Gaurisankar menschlicher Vermessenheit. Natürlich wollten wir Tee mit Zucker trinken. Die verdammte Butter hing uns schon lange zum Halse heraus. ›Wir wollen Tee mit Zucker!‹ dröhnte unsere Antwort. ›Wollt ihr neue Ausrüstung haben?‹ fragte unerschüttert unser Führer weiter. ›Willst du sie aus den Bäumen schütteln?‹ rief Kolzow, der Unterführer und Spaßvogel. ›Nein, nicht aus den Bäumen‹ lachte der Hauptmann. ›Aber diese Schienen hier bringen Tee und Zucker, Weißbrot und neue Kleidung, Konserven und Patronen. Los, an die Arbeit und verdient euch das Süße zum Tee!‹ Und wir verdienten uns das Süße zum Tee, kann ich euch sagen! Die Schienen waren bald aufgerissen und die umliegende Strecke mit guter Sibiriakenbutter eingeschmiert. Und als drei Stunden später der Güterzug aus Tschita heransauste, begann er plötzlich zu schwanken und zu taumeln, zu tanzen und zu fallen, sage ich euch, und dann versackte er in der aufgerissenen Linie. Die Besatzung ergab sich auf den ersten Schuß, den wir losfeuerten. Und wir holten uns nicht nur das Süße zum Tee, wir faßten Lebensmittel auf ein ganzes Jahr und ritten dann in englischen Uniformen und neuen Pelzen weiter. Auch mit unserem Haupthaufen kamen wir bald zusammen und kippten dann gemeinsam in den nächsten Wochen manchen Zug. Ja, Felix,« schloß Charly die Erzählung, »das war noch eine schöne Zeit, als wir uns das Süße zum Tee holten!« »Und was macht Karawili jetzt?« fragte Bessemer. »Ist er noch in Sibirien? Fängt er vielleicht auch Fische wie du, Charly?« »Nein, sagte Moser mit leiser Stimme, »Karawili ist tot und fängt keine Fische. Auch das will ich noch erzählen. Unsere Schar hielt auf Tod und Leben zusammen. Wir waren uns mehr als Brüder geworden. Es war im Frühling, als die letzten Weißen Sibirien verlassen mußten. Die Japaner waren schon vorher abgezogen. Wir wollten nach Irkutsk und ritten durch jene Wälder, in die ich damals flüchtete, als ich von den Amerikanskis türmte, Bessemer kennt die Geschichte. Wili ritt wie immer an der Spitze, auch in dem Sumpfwald, den wir durchquerten. Ich war Unterführer. Kolzow, der Spaßvogel, war gefallen, Ich ritt also dicht hinter dem Hauptmann. Plötzlich scheute mein Gaul und schmiß mich in den Sumpf. Kopfüber, weißt du. Schön war das nicht. Ich konnte noch brüllen: ›Wili! Wili!‹ und gab mich schon verloren. Aus den Sümpfen kam keiner heraus. Die hielten teuflisch fest. Wir haben manchen Mann in dem schwarzen Dreck verloren. Wili hörte den Schrei, riß sein Pferd herum, beugte sich aus dem Sattel (ich spüre auch jetzt noch manchmal den eisernen Griff) und zog mich, nein, riß mich empor. Ja, ich war gerettet, aber nun scheute sein Pferd und versank. Der Hauptmann verlor das Gleichgewicht, stieß mich auf die feste Erde und stürzte selber in den verdammten Morast. Als wir ihn herausholten, war er tot. Erstickt, sagte Lebedew, Herzschlag, sagte ich. Wir waren harte Männer, aber mancher wischte sich an diesem verfluchten Tag heimlich eine Träne aus den Augen... So, nun wißt ihr, warum Karawili in Sibirien keine Fische im Amur oder Irtitsch fängt.« Charly Moser hatte geendet und vergrub sein Gesicht im Schatten der kleinen Stube. Auch die zwei anderen Männer schwiegen. Nichts war zu hören als der Singsang des Samowars. Die Toten aus den sibirischen Wäldern und Steppen gingen mit unhörbaren Schritten durch das einsame Blockhaus an der Wolga, allen voran aber ging Karawili aus dem Kaukasus. Plötzlich wurde die Tür aufgerissen. »Es geht los! Es geht los!« brüllte eine Stimme. Ilja Glaserin war gekommen und brüllte: »Es geht los! Die Fische! Die Fische kommen!« Die drei Männer sprangen auf und ließen die Toten. Mit der Barkasse setzten sie über die nächtliche Wolga. Maxim Petrowitsch, der russische Leiter der Tatarenkolonne, kam ihnen am Strand entgegen. »Hallo!« schrie er durch die Dunkelheit. »Hallo, ihr Teufel, was ist los? Ist Lenin gesund geworden? Hat in Deutschland die Revolution begonnen?« »Nein,« brüllte Charly Moser zurück. »Aber die Fische! Der Fischzug beginnt!« »Heute nacht ziehen keine Fische,« antwortete Maxim Petrowitsch. »In drei Tagen können wir sehen. Die Netze liegen bereit. Euer Alarm hat blinde Augen. Geht schlafen, ihr Teufel, Maxim Petrowitsch wacht.« Fischfang bei Astrachan Nathan hatte geschrieben. Bessemer saß im Motorboot und sauste über die Wolga. Mit wachsendem Erstaunen las er den Moskauer Brief. Sein Herz war nicht dabei. Aber schließlich war ja auch sein Herz nicht nach Astrachan geschickt worden. »Wir haben deine Telegramme und Berichte bekommen,« schrieb Nathan. »Wir verstehen die Schwierigkeiten und freuen uns, daß die Schweinerei mit Marculescu aufgeklärt ist. Das erleichtert unsere Lage ein wenig, aber nicht vollkommen. Auch darüber sind wir erfreut, daß Gurow siebentausend Pud Fische verkauft hat. Mit der Holzgeschichte sind wir einverstanden und natürlich auch mit der Inspektion. Geld wäre uns sehr erwünscht gewesen, du kennst ja unsere Lage, wir haben Verpflichtungen nach dem Ural und nach Berlin. Einverstanden dagegen sind wir nicht mit der Behandlung des Falles Sergej Paulitsch. Du schreibst einen großen Sermon über seine Unschuld und auch darüber, daß es bei den Genossenschaften noch schlimmer ist. Das kann nicht unsere Sorge sein. Unsere Sorge ist, die Astrachaner Konzession zu behalten. Darum geht alles. Du weißt, die Hauptfischverwaltung in Moskau will die Geschichte selber übernehmen. Wir können uns nur halten, wenn wir neben dem Rumänen noch einen Mann opfern. Wenn wir Kompromisse schließen. Ein Opfer ist immer ein Kompromiß. Also muß Paulitsch den Moskauer Göttern geopfert werden. Er muß für Marculescu, den wir nicht haben, in die Wüste gehen. Er muß fallen, weil andere Leute uns stürzen wollen. Das ABC der Politik müßtest du doch endlich kennen. Ist das klar genug? Verstehst du noch deutsch? Haben die letzten Zeitungen deinen Verstand getrübt? Es ist wahr, in Berlin geht das Volk auf die Straße und singt das rote Lied vom Siegerkranz, aber es wird ein Trauerkranz werden wie schon viele Male. Und das hat alles mit unserer Arbeit und mit dem Fischfang nichts zu tun. Ich analysiere deine Berichte und finde Abenteuerlust, Schwärmerei, sogenannten guten Kerl und, damit ich nicht endlos weinen muß, dreißig Prozent Sachlichkeit. Du sollst dich nur für Salz, Lesch, Wobla, Kaviar und den Herbstfang interessieren. Du mußt Geld heranholen. Die englischen Netze und die Lederkleidung sind unterwegs. Bis Ende Oktober brauchen wir unbedingt 5000 Rubel. Sergej Paulitsch muß in den nächsten acht Tagen verschwinden. Melde telegraphisch, wenn das in Ordnung ist. Die Hauptfischverwaltung fordert einen Kopf. Ich bin nicht dafür, daß es mein eigener Kopf ist. Nathan. P. S. Hier ist eine Tänzerin Nora, sie sagt, ich soll dich grüßen. N.« Bessemer ließ den Brief sinken. Charly fragte nach etwas, aber er redete in taube Ohren hinein. Das Hündchen Natascha, das gestern vom freien Feuer der Tataren aufgelesen war, erhob die goldgrünen Augen. Grischka machte ein gelangweiltes Gesicht und spielte mit dem Hund. Noch einmal las der Mann den Brief, dann lachte er und zerriß das Papier. Die weißen Fetzen flatterten in das Wasser. Ein Satz haftete mit spitzem Widerhaken im Gehirn: »Paulitsch muß in die Wüste gehen.« In die Wüste! Ja, an der Bergseite baute sich eine goldgelbe Wüste mit wunderlich hingewehten Tälern und Sandbergen auf, gelber Sand dehnte sich maßlos und schimmerte bis an das trockene Grün einer Steppe. In die Wüste gehen! Der Teufel soll alle Wüsten holen, dachte Bessemer, und Nathan dazu und auch Nora und die siebenhundert Millionen Fische aus dem Kaspischen Meer. »Was bringt die Moskauer Post?« fragte Charly Moser. »Futter für die Fische, du Idiot!« bekam er zur Antwort. »Nathan ist vollkommen verrückt geworden!« »Hat dich Nora versetzt?« fragte Charly mit honigsüßer Stimme weiter. »Ist dir die Tänzerin untreu geworden?« »Halt dein Schandmaul!« antwortete Bessemer und stieß mit dem Fuß nach dem Hund, der sich liebevoll genähert hatte. Das Hündchen wimmerte und blickte mit so abgründigen Augen empor, daß der Mann plötzlich in einer Sturzwelle großer Zärtlichkeit unterging. In die Wüste gehen? Wer soll in die Wüste gehen? Ja, er selbst wollte dort untertauchen, und das Bild jener Männer stand diamanten vor ihm, die sich in der furchtbaren Einsamkeit für ein großes Werk vorbereiteten. Da zerbrach das leuchtende Bildnis. Die Gegenwart atmete und war ein kleiner, schwarzer Hund vom Feuer der tatarischen Fischer. Er beugte sich zu dem Tier und wurde mit so goldgrünen Dankbarkeitsblicken belohnt, daß er es kaum ertragen konnte. Dann bändigte er alle verschwommenen Gefühle, sein Leid verging in das größere Mitleid zu der zärtlichen Kreatur an seinen Füßen, die vielleicht noch größere Schmerzen hatte als er. Jetzt erst sah er, daß Natascha von Ungeziefer wimmelte. Und da packte er das Hündchen an den Füßen und wusch seinen bittren Dreck im peitschenden Kielwasser der Fahrt. Und als er dann einen schwarzen, triefenden Teufel ins Boot zog, in dem nichts Lebendiges mehr war, als die juwelenhaften Augen, da konnte er weiter barmherzigen Samariter spielen und viele hundert Flöhe aus dem Fell streichen. Natascha war ein Tier und hielt still, und der Mann lernte von einem kleinen Hunde auf der Wolga, daß auch der Mensch stillhalten muß, wenn ihn das Leben im wilden Wasser des Schicksals reinigt. Immer weiter ratterte und knallte das schwankende Boot. Von den Kalmücken war nichts mehr zu sehen. Sie hatten längst die kleinen Netze eingeholt und waren in der Steppe verschwunden. Grischka wütete wie ein hungriger Wolf, auch Moser schwur Rache, aber Bessemer hatte ein friedsames Herz und spielte mit dem Hund, der selig in der heißen Sonne lag und sein Fell trocknen ließ. Auf der Heimfahrt setzte plötzlich der Motor aus. Die Strömung trieb das Boot an das Ufer der Bergseite. Moser und Grischka blieben im Boot, Bessemer aber nahm das Hündchen und trabte nach der nahen Wüste, lief durch hartes Steppengras und wirre Täler und auf den goldgelben Bergen, um die alle Farben schwärmerisch spielten, genoß er aus vollem Herzen die Wollust des Daseins, nämlich Mensch zu sein, zu leben, zu atmen, zu singen, zu lachen und die Welt zu verändern oder zu verträumen. Moskau und Berlin waren endlos weit, wie auf einem anderen Stern. Er erinnerte sich der grausigen Geschichten von verirrten Wüstenwanderern, die er irgendwo gelesen hatte, er dachte auch an Grischka, dessen Eltern in einer Wüste starben. Einmal dachte er an Nathan und an sein »In-die-Wüste-gehen«. Ja, nun war die Wüste da, er selbst stand in der Wüste. Und nun sank er verzweifelt in den goldenen Sand, um den alle Farben spielten, und hob flehend die Arme. Der kleine Hund spielte das Spiel mit, tobte heiter durch schimmernde Täler und kam immer wieder zurück und erhob die Juwelenaugen. In die Wüste schicken! Diese Wüste an der Wolga war nur die Illusion tödlicher Landschaft, aber die Illusion war so groß, daß der spielende Mann mit heiseren Kehllauten röchelte und vor Durst beinahe umkam, trotzdem das kühle Wasser nur einige Steinwürfe entfernt strömte. Aber das Leben kam, die bedingungslose Treue und Freundschaft, das kleine schwarze Hündchen Natascha. Und als die lebendige Kreatur ganz nahe war und aufmerksam den klugen Kopf emporhob, da verging die Illusion brennenden Durstes, die Besessenheit der Märtyrer, da war Bessemer ganz irdisch und suchender Mensch. »Augen eines Hundes mit goldgrünem Licht, in dem sich die Tierseele offenbart,« dachte er. »Du schöne Gebärde des klugen Kopfes, die süß ist wie Freundschaft und Liebe, stummes Tier aus vollem Herzen, das den Menschen mehr zu sagen hat als die Vorlesungen vieler Professoren: du Freund, Gefährte des Einsamen und Verzweifelten, Tröster und Kamerad!« Und als er in die Augen des Hundes blickte, sah er wie in einen kristallenen Brunnen, aus dem ein Strahlenaufbruch schönster Lichter kam. Da ließ er das dumme und törichte Spiel vom Tod und von verletzter Eitelkeit, da begann er zu singen. Das Lied hatte er selbst gedichtet. Die Melodie kam ihm wie ein Vogel zugeflogen. Er erhob sich aus dem Tal, stieg einen sanften Berg hinan und sang von der Höhe: Mein Freund, wenn deine Feinde dich in die Verbannung schicken, dann mußt du in die Augen eines Hundes blicken, In ihrem Licht, es strahlt aus tiefsten Fernen, Kannst du den Mut zum Leben lernen. Doch auch zur Sonne mußt du deine Blicke senden, Zum grünen Gras mußt du die Augen wenden, Es fließt kein Fluß so wild und unermessen, An dem du nicht die Feindschaft kannst vergessen. Der volle Baum wird dir von seinem Schatten geben. Sei einsam, und du weißt, schön ist das Leben! Ein Hund genügt, laß dich vom ihm begleiten, Ein Hund genügt für alle Zärtlichkeiten. Wer niemals hungerte und elend ist gewesen, Der wird mit sattem Bauch am vollen Tisch verwesen. Auf seinem Grab wird man die Tafel lesen: »Er war nur Staub. Das Schicksal nahm den Besen.« Von seinem Berge sah der Sänger das oktoberliche Land. Die Wüste streifte nach dem verdorrten Rand der Steppe. Der Himmel glühte. Von der Wolga her wehte kühler Wind. Der Hund lag zu Füßen des Mannes und hob die Augen. Und im Glanz der goldgrünen Lichter wurde Bessemer immer fröhlicher. Immer lauter und herrlicher schwebte sein Lied des Lebens und der Todverachtung über den Berg. Trunken von seinen Versen sang er, berauscht vom Schöpferwahnsinn der Poesie. Es war, als sänge nicht er das Gedicht, ihm war, als stimmten in seiner Brust auch die schon Gestorbenen heldenhafte Lieder an. Er war so sehr verblendet, daß er Grischka vollkommen übersah, der sich laufend genähert hatte und nun mit offenem Münde dastand und wartete. »Das Boot ist fertig, Herr,« meldete er und sagte zum ersten Male ,Herr\ »Moser wartet, Herr.« »Laß ihn warten, Grischka,« sagte Bessemer, als er ausgesungen hatte. »Er soll warten. Der Teufel hole das Boot. Wozu hat der Mensch seine Füße? Ich laufe nach der Fangstelle und finde den Weg zum Blockhaus allein. Gruß an Charly, Grischka, und das nächste Mal fahren wir wieder zu den Kalmücken!« Grischka blieb noch eine kleine Weile stehen und dachte nach. Aber dann raste er den kleinen Berg hinab, sauste nach der Wolga und brüllte schon von weitem: »Abfahren, abfahren, der Herr ist wahnsinnig geworden!« Aber da kam auch schon der Herr. »Charly,« sagte er, »fahr ab, ich laufe. Heute abend will ich dir ein neues Lied vorsingen.« Charly Moser, der an der chinesischen Grenze und in Sibirien gekämpft hatte, behielt seine Ruhe. Er ließ den Motor anlaufen, lachte, winkte mit der Hand und fuhr mit Grischka ab. Das Boot war ausgeruht, raste über das Wasser, erreichte die Mitte des Stromes und war nach einigen Minuten nur noch ein flüchtiger Schatten auf dem Lichtspiegel der Wolga. Bessemer starrte lange auf den fliehenden Schatten, dann wandte er sich und wanderte, von Natascha umsprungen, am Rande der Steppe und Wüste nach dem Blockhaus zurück. Wie ein Lahmer, der endlich wieder laufen kann, ging der Mann an der Wolga entlang, berührte einsame Fischergehöfte, sah. die Kosakendörfer am jenseitigen Ufer, einmal tauchte aus der Steppe eine Karawane sich wiegender Kamele auf, verschwand plötzlich in einer versteckten Talsenkung, dann kamen die Schlammbänke an der Fischverarbeitungsstelle, die weitverstreute Siedlung lehnte sich an die Wand hoher Laubbäume, auf der Wolga schwammen Petroleumschiffe und Holzbarken, die Einsamkeit löste sich immer mehr auf, rieselte zuerst nur wie feiner Sand, war dann ein vereinzelter Schrei und zuletzt am Blockhaus großartiger Hymnus der Arbeit. Auf dem Heimweg hatte Bessemer viele Male sein Lied gesungen. In zwei Stunden hatte der Lahme wieder das Gehen gelernt, und als er nun das Blockhaus erreichte, schmetterte er in den Singsang der russischen Frauen und Mädchen an den Fischbänken sein Lied in deutscher Sprache: »Wer niemals hungerte und elend ist gewesen, Der wird mit sattem Bauch am vollen Tisch verwesen. Auf seinem Grab wird man die Tafel lesen: »Er war nur Staub. Das Schicksal nahm den Besen!« An den blutigen Bänken wurde die Arbeit unterbrochen. Auch aus den Kellereien kamen die Leute. Viele von ihnen lachten. Drei Tataren schüttelten die mongolischen Köpfe, daß die Lammfellmützen als schiefe Türme schwankten. Glaserin, der Kosak, hatte früher auch viele Lieder gesungen, wilde Lieder, Liebeslieder und Sauflieder, aber jetzt sang er nur ein Lied, das Lied der Revolution. Und als er den Fremden hörte, lächelte er verächtlich. Er schnipste mit den Fingern, als jage er ein lästiges Insekt fort. Charly schüttelte nur den Kopf und sagte: »Mensch, du bist verrückt,« und zog ihn in das Blockhaus. Als Charly Moser im Blockhaus mit einer großen Rede beginnen wollte über das Verhältnis von oben und unten nach einer siegreichen Revolution, kam zur rechten Zeit die tatarische Delegation der Fischer. Sie wurde von Sultan Khanow angeführt, einem ungefähr dreißigjährigen Tataren mit olivenem Gesicht und schwarzen, funkelnden Augen. Dieser Khanow war vor einigen Tagen mit seinen Kameraden aus der Steppe gekommen, hatte Arbeit in der Fischerei genommen und verhandelte jetzt -- die Fische begannen zu schwärmen -- um neue Lohnzuschläge. Über eine Stunde stand Bessemer breithüftig auf der Erde und vergaß das Lied von der Einsamkeit, den Gesang auf das Tier mit den Juwelenaugen. Die Tataren waren gute Asiaten und gaben sich endlich mit einem Bruchteil ihrer Wünsche zufrieden. Auch Glaserin nahm an den Verhandlungen teil. »Towarischtschi,« sagte er am Schluß, »wir haben uns bemüht, euch zu geben, was wir haben. Bemüht euch nun, uns zu geben, was ihr habt. Der Fischzug beginnt. Geht zu Granach, die Wasserstiefel sind aus Moskau gekommen. Auch Tabak habe ich für euch angewiesen.« Bessemer, der diese neuen Stiefel als letzten Trumpf aufbewahrte, sah sehr überrascht drein, als Glaserin, der Kosak, damit spielte. Natürlich hatte Glaserin recht. Diese Fischerei lag in Rußland und war eine russische Angelegenheit, auch wenn einige Ausländer das große Wort führten. Das letzte Wort aber, und das war das entscheidende, führten schließlich doch die Russen. In aller Freundschaft natürlich. Der Sturm hatte begonnen und stieß vom Kaspischen Meer. Er rüttelte auch an das einsame Blockhaus an der Wolga, in dem der Kosak Glaserin, der ehemalige Kriegsgefangene Charly Moser und der Emigrant Felix Bessemer zusammensaßen, als die Tataren gegangen waren. »Ich will hinüber zur ›Goldenen Grube‹, Glaserin,« sagte Bessemer. »Will sehen, was in einem Zug gefangen wird und wie die englischen Netze ziehen. Bin zum Abend zurück. Grischka wird mit hinüberfahren, Charly.« »Wir fahren nach Fangstelle Neun, Charly und ich,« sagte Glaserin. »Wir wollen sehen, ob Wasiliy Sergejwitsch immer noch krank ist.« Charly lachte. Grischka stand an den Fischbänken bei den Frauen und Mädchen, und der Hund Natascha war auch nicht weit. Mit einem Fischerboot, dessen schräge Segel im Sturm knatterten, fuhr Bessemer über die Wolga, die sich brüllend dem Wetter entgegenstürzte und aus ihrer Trägheit aufgewacht war. Der Himmel verfinsterte sich. Das kleine Boot tanzte über schaumgekrönte Wasserberge, neigte sich in blauschwarze Täler mit grünen Rändern, stieß wie ein blitzender Fisch durch alle Fluten und Sturmangriffe und taumelte dann triefend und ermattet an das sichere Ufer des Fangplatzes, der seinen Namen vom Fischreichtum seiner Gründe bekommen hatte. Grischka lachte immer noch, als sei das alles, der Sturm, die rollende, grollende Wolga und der schwarze Himmel, ein liebliches Spiel. Der Hund Natascha faßte neuen Mut, als er feste Erde unter sich spürte, und raste nach den rauchenden Feuern, die am Strande wie Signale aufblühten. An einem solchen Feuer saß der junge Tatar Ali und kochte Tee. Der große Kupferkessel hing mitten im Rauch und Feuer. Weiter hinten knallten zwei große Wohnzelte im Sturmwind. Rechts von den Zelten am Ufer der Wolga arbeiteten dreißig tatarische Fischer am Schleppnetz. Maxim Petrowitsch, der russische Fangleiter, eilte herbei. »Die englischen Netze sind gut,« sagte er. »Die Fische beginnen zu ziehen. Aber der Sturm, der verfluchte Sturm! Dieses Netz holen wir noch herein, aber was dann wird, weiß ich nicht,« Er machte ein verzweifeltes Gesicht, als sei er Herr der Fischerei und für Glück oder Unglück verantwortlich. Den bärtigen Muschikkopf drehte er nach den schwarzen Sturmwolken und den gelben Wüstenstreifen des anderen Ufers. »Wir werden es schon schaffen,« brüllte Bessemer durch den Sturm zurück. »Und wenn es sein muß, legen wir alle Mann an das Schleppnetz.« »Ist gut,« antwortete merkwürdig still der Russe und ging nach seiner kleinen Hütte und kam nach einer Weile wieder. Er hatte seinen Schafpelz angezogen, denn mit dem Sturm war plötzlich empfindsame Kälte gekommen. Grischka lief ohne ein Wort zu sagen an das eine Feuer, an dem der tatarische Knabe Ali saß und Tee kochte. Der Hund Natascha saß inmitten seiner Brüder und Schwestern und fraß gebratene Fische. Gegen den dunklen Himmel, der die Sonne besiegt hatte und noch hier und da ein wenig ockergelb aufflammte, standen die noch schwärzeren Figuren der dreißig Fischer, die sich um das Schleppnetz bemühten. Viele von ihnen standen bis an die Brust im schäumenden Wasser. Andere hatten sich an das Zugseil gespannt und berührten mit ihren Stirnen beinahe die Erde. Endlich war die Arbeit getan, das Schweigen löste sich, das Schweigen der dreißig Mann im lauten Sturm: das große Netz lag dicht am Strande und wimmelte von den zuckenden Leibern der silbernen, grünen, schwarzen, blauen und rotgetupften Fische. Die große Barke schleppte den Fang hinüber nach dem Blockhaus. Aber ehe die Fahrt durch den Sturm begann, wurde das zweite Netz ausgeworfen. Eine neue Arbeitskolonne stand in Sturm und Wetter. Die Fischer des ersten Zuges lösten sich vom Wasser und trotteten nach den rauchenden Feuern, tranken aus flachen Schalen dampfenden Tee und verkrochen sich in die wehenden Zelte. Ali strahlte mit gelbem Elfenbeingesicht Grischka und Bessemer an und reichte mit vollendeter Feierlichkeit auch ihnen heißen Tee. Grischka hatte sich einen großen rotgetupften Fisch geholt und briet ihn am offenen Feuer. Bessemer trank Tee, aß von dem Fisch und ging dann zu der Barke, die bis an den Rand mit den Fischen des ersten Zuges gefüllt war. Diese Barke war ein Schiff des Sterbens und des Gestorbenseins, ein Schiff der Opfer und der Opferung. Nichts war zu sehen als ein schmerzhaftes Kiemenaufreißen, ein wildes mit den Schwänzen schlagen, ein gedrängter Haufen sicherer Tod und lebendigstes Leben, ein gleißender Schimmer von Rot, Grün, Blau, Schwarz und Silber und Lichtgrün, eine Überfahrt nach den spitzen Schlachtmessern der Frauen und Mädchen an den niedrigen Bänken. Manche Fische lebten noch und einigen von ihnen glückte wohl auch der Sprung in den freien Strom, aber auch das war ja ein Sprung in das Verderben, denn bergaufwärts senkte sich ein Netz an das andere, ein Tod an den anderen. Die Fische aber verachteten den Tod, solange sie noch die runden Mäuler aufreißen konnten. Sie zuckten und schlugen mit den Schwänzen, und durch den gleißenden, kühlen Berg wühlten sich die großen, schwarzen Welse ans Licht. Diese Welse mit den klugen Köpfen und den langen Bartfühlern lebten am längsten. Die kleinen stachlichen Sterletts waren sofort tot. Lange starrte Bessemer auf das tödliche Schiff. Dabei dachte er an das unbegreifliche Gesetz der Natur, das diese schimmernden Fischmillionen aus dem Meer hinaufjagte, wenn die Laichzeit kam. In sagenhaften Zügen schwärmten die Fische, und ihre Eier häuften sich zu hohen Milliarden. Viele Geschlechter zogen aus, viele Arten, Heringe, Störe, Welse, die Fische Wolba und Sterlett, Lesch und Sudack, und das Geschlecht und die Art blieb doch erhalten, wenn auch hunderttausend oder hundertmillionen Fische im Frühling oder im Herbst gefangen wurden. Dem kleinen Menschen an der Wolga schwindelte bei dieser Vorstellung. Ein neues Gedicht formte sich in seinem Herzen: das Gedicht vom großen Fischzug. Nun begann der Sturm mit neuer Wut zu brüllen. Immer dunkler wurde der Himmel, immer weißer und greller schäumte die Wolga und es war, als werfe sie ihre ganze Schwere und Leidenschaft in das neue englische Netz. Wie Tiere lagen die Fischer an dem Zugseil, wieder berührten ihre Stirnen die Erde, aber plötzlich begannen die Männer mitten in Sturm und schwerer Arbeit mit einem Gesang. Sie sangen eines der uralten Arbeitslieder, die schon in Ägypten um den Bau der Pyramiden geisterten, sie stimmten eines von jenen schwermütigen Liedern an, die nur im tiefsten Dunkel aufkommen können und die erst dann sterben, wenn der helle und samtne Schrei der Dynamos zu singen beginnt. »Los, Grischka, zeige, was du kannst,« sagte Bessern er. »Komm, mein Freund, auch wir gehen an das Seil.« Der Knabe war nicht besonders entzückt davon, aber er hatte ja schon viele Narrheiten gesehen, und wenn es dem fremden Mann Vergnügen machte? Also spannte er sich neben Bessemer an das Seil und versuchte, wie er die dunkle Melodie des tatarischen Liedes einzufangen. Wohl tropften die Tränen der armen Leute durch das Lied, das Leid ganzer Geschlechter, aber durch die Tränen und durch das Leid hämmerte das unverzagte Herz des Volkes. Endlich hatte Bessemer die Sprache des Liedes gefunden und sang mit den Fischern: »Und noch einmal Und noch einmal Und jetzt und jetzt Und noch einmal Zieht und zieht den Strick!« Das dunkle Lied kämpfte mit dem Sturm und der brüllenden Wolga. Schritt um Schritt kam das Netz an den Strand, aber nun blieb es unbeweglich in der Tiefe des Stromes hängen. Wie eine Mauer stand das Wasser vor dem englischen Netz. Jeder Ruck und jedes Lied war vergeblich. Das neue Netz saß fest auf dem Grund der Wolga. Maxim Petrowitsch sauste nach dem Wohnzelt der anderen Fischer und holte sie heraus in den Sturm. Auch Ali schleppte er heran. Sechzig Tataren spannten sich in das verdammte Seil. Sechzig Nacken beugten sich zur Erde, hundertzwanzig Fäuste rissen an den Stricken, das Arbeitslied war nicht mehr ergeben, es brüllte wie der Sturm und war finster wie der Himmel, zerfetzte dann und zuckte wie ein wildes Pferd in einer Schlinge, aber das Netz kam nicht frei. »Der Teufel hat den Sturm losgelassen, Bruder,« sagte Maxim Petrowitsch zu Bessemer. -- Der schwarze Teufel -- Ich glaube, wir müssen den Fang schwimmen lassen, um das Netz zu retten. Der russische Sturm zerreißt auch das englische Netz!« fügte er lachend hinzu. »Der Schturm iss nich gutt,« begann plötzlich der Tatar Achmed, der neben Bessemer am Seil hing, zu reden. »Schturm iss nich gutt auf Mütterchen Wolga. Arme Tatar iss kaputt. Arme Tatar nich Wodka. Rossia nich gutt Wodka. Deutschland gutt. Deutschland gutt Wodka!« Da mußte Bessemer mitten in seiner Wut und Anstrengung laut lachen. Achmed war einige Jahre als Kriegsgefangener in Deutschland gewesen, und an die untere Wolga mußte man reisen, um die Vorzüge seiner Heimat zu hören. Wie einfach brach sich in den Augen eines Tataren das Bild der Welt! In einem Schnapsglas brach sich für Achmed das Bild der Welt. Plötzlich lachte der Mann am Seil nicht mehr. Plötzlich dachte er, und war über diesen Gedankengang selbst verwundert, an die Neger in Afrika und an die Indianer in Amerika, die ihre Freiheit und ihre Jagdgründe auch für einen Schluck Feuerwasser verkauft hatten. Da entschleierten sich, als er mit an Zugseil hing, die Geheimnisse der Kolonisation. Bessemer erkannte und wußte nun, daß die Macht des Kaufmanns über den fremden Mann größer ist als die Macht des Missionars. Aber auch diese Erkenntnisse rückten das Netz keinen Zentimeter näher ans Ufer. Maxim Petrowitsch brüllte, die groben, roten Hände als Schalltrichter vor dem bärtigen Mund, dem Kontrollboot, das auf dem Wasser tanzte, seine Befehle zu. Da draußen beugten sich nun zwei Männer über die Bordwand, öffneten das Fangnetz und ließen die Fische in die brüllende Freiheit der Wolga blitzen. »Dreihundert Pud schwimmen dahin,« sagte der Russe mit klagender Stimme,« und das alles am ersten Tag des Fischzugs!« Das geöffnete Netz hereinzuholen war ein Kinderspiel. In einer halben Stunde war alles erledigt. Die Tataren verkrochen sich in ihre Zelte. Die Dunkelheit wogte immer dichter heran. Der Russe schlachtete für seine Gäste einen edlen Stör, brachte Kaviar und setzte sich mit Bessemer und Grischka an ein rauchendes Feuer. Ali kam mit dampfenden Tee. »Komm in meine Hütte,« bat Maxim Petrowitsch, als das Mahl beendet war, »komm und erzähle von Deutschland.« »Auch in Deutschland wird jetzt gefischt,« sagte Bessemer, als er in der Hütte des Russen saß und den Sturm heulen hörte, »auch wir in Deutschland sind an den Netzen. Wir fangen die goldnen Fische des Reichtums, Maxim Petrowitsch, die großen Haie der Industrie...« »Wir warten schon viele Jahre darauf, Bruder,« antwortete der Alte, »aber wir haben mit der Arbeit im eignen Lande begonnen. Wir bauen unser Land auf, räumen die Trümmer beiseite und an der Wolga fangen wir Fische...« »Ja, Wobla und Lesch, Rotfisch und Hering,« sagte Bessemer, »und willst du immer bei den Fischen bleiben, Maxim Petrowitsch?« »Vielleicht, ich weiß es nicht. Es kommt darauf an, daß der Mensch überhaupt etwas tut. Warum nicht der Fischfang? Weißt du,« setzte er nachdenklich hinzu, »der Fischfang ist eine große Arbeit. Eine Arbeit bis auf den Grund, Bruder... Auch unsere Revolution war wie ein großer Fischzug. Wir haben den Grund des Landes aufgewühlt, und wenn viel Schlamm und ekles Gewürm emporgestiegen ist, kann das unsre Schuld sein? Wir haben nichts als den nackten Menschen gesucht, und wenn wir die heilige Erde entweihen, so taten wirs, damit sie geweiht werde ... Der große Fischzug! Ja, die Wolga färbte sich rot vom Blute des Volkes.« »Ich weiß es, Maxim Petrowitsch,« sagte Bessemer schwermütig. »Aber wie die Fische nicht sterben, so ist auch das Volk unsterblich. Trotz aller Opfer. Der nackte Mensch, sagst du!« »Der nackte Mensch!« antwortete nachdenklich der Russe. »Reiß alle Fetzen ab und alle Uniformen, stelle den Menschen dem Tod gegenüber, stelle ihn in den Blitz der Entscheidung... Das ist der Sinn aller Revolutionen. Der träge Unsinn der satten Ruhe ist tödlicher als der Tod.« »Der Blitz der Entscheidung, aber was kommt dann?« »Alles, was du willst. Dann ist wieder Schöpfungstag,« sagte Maxim Petrowitsch. Der Gast schwieg. Immer noch heulte der Sturm. »Dann ist wieder Schöpfungstag,« wiederholte Bessemer leise und dachte an sein Lied vom großen Fischzug. Als er das Gespräch weiterführen wollte, öffnete sich die Tür der Hütte und der junge Tatar Ali kam und brachte eine feierliche Einladung von Sultan Khanow. »Komm, Bürger,« ließ er melden, »komm und mach unsre Wohnung hell.« Bessemer ging gern, denn das Gespräch mit dem Russen hatte ihn trotz des großen Ausblicks traurig gemacht. Maxim Petrowitsch knurrte zum Abschied und war auf die Tataren eifersüchtig, aber er ließ seinen Gast doch abziehen. Die Dunkelheit lagerte nun wie eine Mauer über der brüllenden Wolga. Die Feuer waren erloschen. Nur aus den tatarischen Zelten schimmerte Licht. Auch vom jenseitigen Ufer zuckten tanzende feurige Spritzer. Ein tanzendes Feuer schien über das schwarze Wasser des Stromes zu schwimmen, stand aber plötzlich still und verschwand. Das Feuer kam von der Laterne der großen Barkasse, die trotz des Sturmes die Fahrt wagte, um Bessemer und Grischka nach dem Blockhaus zu holen. Aber der Sturm am Kaspischen Meer trieb das Schiff immer und immer wieder zurück. Glaserin und Charly Moser waren mit Mühe und Not von Fangstelle Neun zurückgekehrt. Sie hatten Wasiliy Sergejwitsch gesund angetroffen. Der Wolgadeutsche hatte auch den Kosaken von den Besuchen des Rumänen erzählt. Glaserin war nun der Dritte im Bunde und brannte auf die Entscheidung. Er war es, der die Barkasse über die aufgewühlte Wolga nach den Tataren hinüberhetzte. Er stand selbst an der Steuerung und dreimal wurde das Schiff vom Sturm zurückgetrieben. Bessemer wurde von den Tataren großartig begrüßt. Sie erhoben sich von der Erde und verbeugten sich vor ihrem Gast. Das Zelt war kahl und kalt. An schmalen Gerüsten hingen große Lampen. Auf den Gerüsten war auch der kleine Hausrat der Fischer aufbewahrt. Der späte Gast setzte sich neben Achmed auf die strohbedeckte Erde und ließ seinen Tabak herumgehen. Achmed zerriß die letzte Moskauer »Prawda« und verteilte Zigarettenpapier. Dabei führte er das Wort in rauher tatarischer Sprache. Er war der Held der Stunde und erzählte von Deutschland. Die Augen der Kameraden gingen von dem Erzähler hin zu den Mann aus Deutschland, wo auch der Fischer Achmed drei lange Jahre wohnte. Deutschland, das war das Land, wo die Wagen ohne Pferde fuhren und wo sich die Leute viele tausend Werst durch einen Kupferdraht unterhalten konnten. Deutschland, das war das Land, wo der Affe erfunden war. Es waren geschickte Leute, diese Deutschen! Unter den Fischern war auch ein alter Mann im weißen Silberbart, der wie eine glühende Flamme um das dunkle Gesicht wehte. Am frühen Morgen war dieser Alte in der Steppe aufgebrochen, um Sohn und Enkel an der Wolga zu besuchen. Und jetzt saß er in dem knatternden Zelt. Nacht stieg aus dem Wasser, Sturm brüllte, aber er saß gut und warm bei den Genossen und trank Tee und aß Fische, Sterlett und Lesch. Inmitten der zerlumpten und verwilderten Arbeiter an dem Schleppnetz saß der Alte wie ein Mullah da. Sein heller Wolfsblick ging zu dem weißen Mann aus Deutschland. Achmed kannte Deutschland. Das heißt, er kannte das Dorf in Westfalen und den Bauern, bei dem er gearbeitet hatte. Er kannte auch in Berlin die Straße Unter den Linden, wo die Russische Botschaft stand. Sonst kannte er wenig von Deutschland. Er kannte auch einen Füllfederhalter nicht, den Bessemer jetzt herumgehen ließ. Für ihn war es nur eine schwarze Röhre, aus der Finsternis tropfte. Aber für Ali tropfte Licht daraus. Ali konnte schreiben. Er nahm ein Stück Papier und malte schwerfällig drei russische Worte hin, seinen Namen, den Namen seines Steppendorfes und den Namen der Stadt Moskau. Darunter schrieb er schnell und gelenkig eine verschnörkelte Reihe tatarischer Buchstaben. Ali war der Enkel des Alten. Der konnte nicht lesen und schreiben. Er stammte ja noch aus einer Zeit, in der Lesen und Schreiben eine Geheimwissenschaft für Auserwählte war. Ali wusch sich ganz selten, aber er konnte sehr gut Tee kochen und Fisch braten und von seinem Bruder Achmed lernte er Deutsch und konnte schon zählen: »Ein, tswei, drei vier, fünf, sets, sieben, ach, nein, tsehn.« Darin und in einem ausgewachsenen Fluch bestand seine Kenntnis der deutschen Sprache. Von jenem Fluch und von jenen Zahlen war aber Bessemer so sehr begeistert (denn das war ja Bewegung an der unteren Wolga, war Jugendbewegung), daß er dem jungen Tataren eine deutsch-russische Grammatik schenkte. »Gib mir auch ein Buch,« bettelte Grischka, »auch meine Augen wollen sprechen lernen!« »Nich du!« sagte Achmed, der die Bitte mit dem feinen Ohr des Halbnomaden gehört hatte, »Ali soll abbe Buch. Ali soll lernen daitsch!« Dann beugte er sich zu Bessemer und sagte: »Ich kann singe viel schönes Lied von Lippe-Ettmoll, die viel schöne Stadt.« »Singe das Lied von der viel schönen Stadt!« sagte der Gast. »Singe, Achmed, in der Steppe von Astrachan das Lied aus Deutschland!« Das Gespräch der Tataren verstummte. Nur der Sturm schüttelte das Zelt. Achmed setzte sich unter das Licht einer Lampe und begann das Lied von Lippe-Detmold, der wunderschönen Stadt, in einer seltsamen Sprache, die aus Deutsch und Tatarisch bestand, zu singen. Dabei plusterte er sich auf wie ein Pfau und sah triumphierend auf seine Kameraden, die mitten im Lied haltlos zu lachen begannen. Ja, es war ein Teufelskerl, der Achmed, früher hatten sie ihn als Lügner verschrien, wenn er von Deutschland erzählte, aber jetzt glaubten sie ihm. Er hatte die Wahrheit gesprochen. Allah hatte ihn ausgezeichnet. Er konnte sich ja mit einem fremden, sonderbaren Mann mit einer großen Brille in einer fremden, sonderbaren Sprache, die wie das Schreien wilder Kamele klang, verständigen. Achmeds Ansehen stieg bis in die Sterne. Dann aber stürmte Bessemer gegen den Ruhm an und wiederholte noch einmal das alte Soldatenlied. Achmed, der seinen Stern sinken sah, fiel in den Gesang mächtig ein und hielt sich auf seiner stolzen Höhe. Dann sangen die Fischer. Sie sangen monotone Lieder mit endlosen Einzelstimmen, die plötzlich in dunklen Chören erstarben. Sultan Khanow spielte dazu auf einer kalmückischen Balaleika. Auch der Alte mit dem Silberbart stimmte ein Lied an. Er sang einen Heldengesang auf die tatarischen Khans, die früher das weite Rußland beherrscht hatten. Die armen Fischer fielen rauschend in das Lied ein. Bessemer hatte die Füße unter dem Leib gekreuzt, hörte die Lieder und Gesänge der braunen Rotte und seinem Gedicht wuchsen neue Flügel. Moskau und Nathan und Nora hatte er vergessen. Auch an Paulitsch dachte er nicht mehr, nicht an die Wüste und an den Rumänen Take Marculescu. Er war namenlos glücklich. Auch Grischka hatte blanke Augen. Immer noch schrie der Sturm. Die Sonne war schon lange untergegangen. In der Asche der freien Feuer lagen die wilden Hunde. Auch der Hund Natascha lag dort. Aber plötzlich fiel in sein Herz die Angst. Die Nacht war wie ein Urwelthund und heulte. Wo war der weiße Gott mit der tröstlichen Stimme? Wo war der Herr und Freund mit dem weichen Lager? Da erhob sich der Hund und verließ seine Art und kam in das Zelt. Er fand seinen Herrn und legte sich zu seinen Füßen. Bessemer aber war nicht auf dieser Welt. In seinem Herzen war Sturm. Er dachte an den großen Fischzug und an das Gespräch mit Maxim Petrowitsch. »Das sind die großen Fischzüge,« dachte er. »die gleißende Kolonne aus dem Meer. Die silbernen Gegenströme wandern flußaufwärts, jeden Frühling und jeden Herbst, überall in der Welt und nicht nur in der Wolga. Überall wandern die Fische, der lichtgrüne Hering mit dem blauen Schimmer, der kluge, schwarze Wels, der rotgetupfte Stör und dann die großen Raubfische. Die Raubfische! Die Raubfische ...« Plötzlich begann er zu singen wie damals in der Wüste. Er sang sein Lied vom großen Fischzug. »Wir alle verließen das warme Haus Und warfen die schleppenden Netze aus In den brüllenden Fluß, Wir Fischer vom Meer bis zum Kaukasus, Wir Fischer von Astrachan oder Rom. Wir fangen den gleißenden Gegenstrom Der Fische bei Astrachan oder Rom ... Wir fangen Hering für den hölzernen Tisch, Wir fangen auch manchen edlen Fisch Im brüllenden Fluß, Am Meer und schimmernden Kaukasus, Wir Fischer von Astrachan oder Rom. Wir fangen den silbernen Gegenstrom Der Fische bei Astrachan oder Rom. Wir fangen auch Menschen im Strome der Zeit. Wir Fischer sind immer zum Fischzug bereit Im brüllenden Fluß, Am Meer und schimmernden Kaukasus. Wir Fischer von Astrachan oder Rom, Wir fangen den goldenen Gegenstrom Der Menschen in Berlin oder Rom. Die Tataren hatten eigentlich nur aus Höflichkeit zugehört. Als der letzte Ton verklungen war, stürzten sie sich in ihre monotonen Lieder und Gesänge. Nur der Hund Natascha, der vor der Dunkelheit geflohen war, erhob auch jetzt noch seine glühenden Augen. Grischka beugte sich zu Ali und erzählte von jenem Lied in der Wüste. Achmed sann auf neue Überraschung. »Willst du, teurer Gast, kalmützki Tanz sehen?« fragte er den Mann aus Deutschland. »Ja,« antwortete Bessemer und war noch bei seinem Lied, »ja, Achmed, ich will kalmückischen Tanz sehen.« Sultan Khanow klatschte in die harten Hände. Aus der dunklen Ecke des Zeltes schoß ein dicker, weibischer Tatar und stellte sich starr in das Licht einer Lampe. Dann fügte er seine aufgeschwemmten Glieder zum kalmückischen Tanz. Der Tanz war eine Entlarvung und Verhöhnung. Die Tataren haßten die Kalmücken. Auch das wurde sichtbar. Lange waren sie die Herren Rußlands gewesen, aber die Kalmücken? Was waren die Kalmücken? Ein armes Helotenvolk, Nomaden der Steppe, Mädchenräuber, Fischer im Kaspischen Meer, Seehundjäger in den wüsten Lagunen, Fischdiebe in der Wolga. Der Tanz, den nun Bessemer zu sehen bekam, war ein vollkommen asiatischer Tanz. Der träge, feiste Tatar drehte sich wie ein Kreisel, ließ seine Hände wie wilde Schlangen wirbeln und erstarrte wie auf ein geheimes Zeichen in unheimlicher Ruhe. Der Tanz war ein götzenhafter Tanz, aber als der Tatar still stand und nur die Füße leicht bewegte und sein Oberleib bei Buddha oder Allah war, da griff er blitzschnell hinter sich und hob und senkte sich in tollen erotischen Bewegungen, hob und senkte sich mit so schamlosen Gebärden, daß die neuen Tänze, die man in Europa zu sehen bekommt, weiter nichts als harmlose Sonntagsspiele keuscher Jungfrauen sind. Das Gesicht des Tänzers blieb steinern erstarrt, als sich sein Leib auflöste und preisgab. Die tatarischen Fischer im Zelt klatschten mit harten Händen Takt und Beifall. Grischka hatte mit brennenden Augen diesen Tanz gesehen, aber als der Tänzer einen Augenblick ermattet anhielt, sprang er in den freien Kreis und begann mit einem ukrainischen Tanz, in dem die Füße wie wähnsinnig zuckten. Dazu stieß er kleine wilde Schreie aus, wie es junge Pferde tun, wenn sie im Frühling über blühende Wiesen jagen. Grischka, der kleine Mann aus der Ukraine, verschlagen in das Tatarenzelt an der unteren Wolga, war in jenen Augenblicken wie ein tanzendes Herz, auf und ab, auf und ab, auf und ab ... Die Balaleika verstummte. Auch die Tataren standen still. Der feiste Tänzer mit dem Götzengesicht stand neben Achmed und ließ seine schiefgestellten Augen funkeln. Grischka aber tanzte noch immer, auf und ab, auf und ab, und zeigte mit seinen wilden Sprüngen die große Kluft zwischen den trüben Kalmücken und den heiteren Ukrainern. Als er noch tanzte, kam Maxim Petrowitsch in das Zelt. »Ich habe mit Feuer an Glaserin telegraphiert,« sagte er, »die Barkasse ist zum viertenmal unterwegs. Ich habe ihr Licht gesehen. Diesmal wird sie's schaffen. Es ist schon spät ...« »Du hast wie der Wüstenwind getanzt!« sagte lächelnd Ali zu Grischka. Die Tataren schrien wild durcheinander und lobten den kleinen Tänzer. Auch der Mann mit dem Götzengesicht klatschte Beifall. Grischka war glücklich. Maxim Petrowitsch lächelte. »Lebt wohl, tatarische Fischer,« sagte Bessemer zum Abschied, »ich werde immer an diese Stunde denken.« »Auch wir danken dir, teurer Gast,« sagte Sultan Khanow, der Führer mit der weißen Lammfellmütze, und verbeugte sich. »Auch wir danken dir. Du hast uns die Stunde süß wie Honig gemacht.« Bessemer mußte viele Hände schütteln, harte tatarische Fischerhände, die nur aus Schwielen zu bestehen schienen, und ging dann mit dem Russen, mit Grischka und dem Hund Natascha aus dem Zelt. Viele Fischer folgten ihm. Der Sturm hatte nachgelassen. Die Wolga schäumte noch, aber sie brüllte nicht mehr. Die Dunkelheit war zerfetzt. Lichter des jenseitigen Ufers flammten. Am Himmel waren kleine glühende Sterne sichtbar. In der Hütte von Maxim Petrowitsch warteten zwei Fischermädchen auf das Schiff. Der alte Fischer wollte es diese Nacht weich und warm haben, er tanzte wie ein Faun um die breithüftigen Mädchen. Aber sie lachten nur. Das Licht der Barkasse taumelte immer näher. Plötzlich hielt es an. Der Schattenriß des Dampfers war zu sehen. Von ihm löste sich ein kleines Boot nach dem Ufer. Glaserin, Charly Moser und ein russischer Fischer sprangen an das feste Land. »Mann Gottes, Mann Gottes, Mann Gottes,« sagte Moser, immer nur »Mann Gottes«, und schüttelte Bessemers Hände, als sei er nur knapp dem Tode entronnen, »Mann Gottes, wir haben Marculescu gesehen, aber der Hund ist uns entwischt.« »Wir werden ihn einfangen,« sagte Glaserin, »wie wir heute Wasiliy Sergejwitsch eingefangen haben.« »Der große Fischzug hat begonnen,« antwortete Bessemer, »aber darüber wollen wir im Blockhaus reden. Los, abfahren, Genossen.« Das kleine Boot lag tief im Wasser, denn auch die Mädchen fuhren mit, als es vom Strand abstieß, und die Tataren brüllten »Hurra! Hurra!«, als das Boot nach der Barkasse hinüberschwamm. Die Wolga war besänftigt. Das Blockhaus war bald erreicht. »Wir dachten schon, die Tataren hätten dich verschleppt,« sagte Glaserin, als er mit dem Heimkehrer beim Tee saß. »Ich hätte es ihnen wohl zugetraut. In ihnen ist immer noch die Wildheit von früher, als sie Moskau besiegt hatten.« »Nein, sie haben uns nicht verschleppt,« antwortete Bessemer. »Wir haben viel gesehen und erlebt. Achmed hat mich in sein Dorf eingeladen und mir seine Frau für eine Nacht versprochen. Man hat uns einen kalmückischen Tanz gezeigt. Grischka hat alle übertrumpft ... Aber was ist mit Marculescu? Warum ist die Barkasse nicht früher gekommen?« »Der Sturm, der brüllende Sturm!« sagte der Kosak. »Wir haben es dreimal versucht und wurden immer wieder zurückgetrieben ... Achmed hat dich in sein Dorf eingeladen? Er hat dir seine Frau versprochen? Ich will dir sagen, wen du dort getroffen hättest: Take Marculescu!« »Marculescu?« fragte Bessemer entsetzt. »Ja, den Rumänen,« antwortete Moser. »Wasiliy Sergejwitsch hat alles verraten, als er sah, daß er gefangen war. Nun, wir werden auch den Rumänen fangen ... Wie war der letzte Fang, Felix?« »Wir haben die Fische schwimmen lassen müssen, um das neue Netz zu retten,« sagte Bessemer. »Morgen früh muß ein neues Netz nach der ›Goldenen Grube‹. Wir haben,« fügte er mit leuchtenden Augen hinzu, »wir haben viel Arbeit vor uns. Die große Beluga und den Bandit Marculescu. Aber wie hängt der Rumäne mit den Tataren zusammen? Erzähle, Glaserin!« »Das ist bald erzählt. Wir kamen gegen Mittag nach der Fangstelle Neun. Der Wächter Schmidt lief uns entgegen. ›Der Rumäne ist da!‹ sagte er zu Moser. Der Rumäne! Ich wußte kein Wort davon, daß ihr unterrichtet sei dl Lassen wir das. Gut, wir laufen nach dem Wohnhaus. Es ist verschlossen. Wir klopfen an. Keine Antwort. Wir sprengen die Tür, ja, zum Teufel, Wasiliy Sergejwitsch liegt im Bett und hat Malaria und ein Fenster steht offen. Wir kannten seine Malaria! In zehn Minuten wußten wir Bescheid. Die Sache ist die, daß Marculescu bis jetzt achttausend Pud Fische von Fangstelle Neun mit Hilfe seiner Freunde gestohlen hat und mit Hilfe anderer Freunde in Astrachan auf der schwarzen Börse verkauft. Wassilenko ist nach der Stadt unterwegs trotz Sturm und Wetter und bringt den Schuft nach der Tscheka. Wir haben Schmidt die Leitung der Fangstelle Neun übergeben ... Aber die achttausend Pud Fische sind trotzdem kaputt.« »Ja,« erklärte Charly Moser weiter, »der Rumäne ist futsch, aber er hat seine Brieftasche verloren. Wir fanden tausend Rubel und einen Plan des Schmuggelweges. Er führt in das tatarische Steppendorf. Es kann nur das Dorf von Achmed sein. Sobald wir Zeit haben, werden wir alle mitgehen. Auch aus Astrachan kommt Miliz. Es lebe der große Fischzug!« »Und was gibt es sonst Neues?« wollte Bessemer wissen. »Erfreuliches,« sagte Paulitsch, »Gurow hat heute viertausend Pud Heringe und dreihundert Pud Stör verkauft.« »Und wir haben Mehl aus der Stadt bekommen,« sagte Granach. »Mehl, Naphtha, Tabak und Salz. Als du da drüben warst, kam eine Barkasse.« Bis spät in die Nacht saßen die Männer im Blockhaus zusammen. Sonja brachte Tee, Springer wurde sentimental und stimmte ein Lied vom deutschen Rhein an, und Claudia spielte in der rauhen Männerkommune an der Wolga die zwitschernde Dame. Bald erfüllte Gelächter das kahle Zimmer. Der große Fischzug Ein kleiner Dampfer fährt die Wolga aufwärts nach den großen Fischbänken. Neben der roten Fahne weht ein kleines Banner in den amerikanischen Farben. Auf dieser Barkasse fährt Morton W. Forster von Astrachan wolgaaufwärts. Er ist noch jung, kaum fünfundzwanzig Jahre alt und hat eines der kühlen, sachlichen Amerikagesichter, die das Resultat glücklicher Blutmischungen sind. Vielleicht ist auch ein Tropfen indianisches Blut in ihm, denn seine Familie gehörte zu jenen Pionieren, die von der Küste in das weite Hinterland vorstießen und Pelzjäger, Goldgräber, Farmer, Spekulanten und Händler waren, ehe sie sich in San Franzisco festsetzten, an der anderen Seite des Kontinents, zwanzigtausend Kilometer von der Landung vor zweihundert Jahren. Forster steht am Verdeck des kleinen Dampfers, vor sich den Filmapparat und dreht Landschaftsbilder. Der Mann ist in schwarzes Leder gekleidet und sieht aus wie ein Chauffeur oder Tschekist. Die Nase springt kühn aus dem Gesicht, das Kinn ist sehr kräftig, die grauen Augen funkeln voller Lebensmut. »Kohn,« sagt er zu seinem Übersetzer, einem flinken Moskauer Juden. »Wir haben noch sieben Stunden Zeit. Wann kommen wir nach der verdammten Fischerei?« »In einer Stunde sind wir da.« »Allright,« sagt Forster und kurbelt weiter. Die Sonne steht goldklar am Himmel und Forster hat gutes Licht für seine Bilder. Einmal dreht er interessiert ein rundes kirgisisches Nomadenzelt, das sich ganz dicht am Ufer der Wolga aufbaut, ein andermal nimmt er tief im Wasser liegende Petroleumkähne auf, dann ein einsames Fischerdorf und später den Ausblick in die schimmernde Steppe. Unermüdlich steht der Mann auf dem kleinen Schiff, richtet seinen Kasten wie ein Geschütz auf das Wasser und auf das Land und seine Augen strahlen, sein Mund lächelt und die Kurbel knattert, wenn er etwas Neues für seinen Filmstreifen gefunden hat. Am frühen Nachmittag kommt die Barkasse am Blockhaus an. Der große Fischzug hat gestern begonnen. Am frühen Morgen ist Wassilenko mit drei Milizsoldaten aus Astrachan gekommen. Die Männer stehen bei den Mädchen an den Schlachtbänken und reißen Witze. In der Nacht soll der Streifzug nach dem tatarischen Steppendorf beginnen. Wasiliy Sergejwitsch denkt in einer Gefängniszelle über sein Freundschaftsverhältnis mit Take Marculescu nach. Er ist noch nicht vernommen worden, aber in der Stadt hatte er neue Zeitungen kaufen dürfen und darin las er die Verhandlung gegen die Leiter der Staatlichen Fischerei. Diese Lektüre heiterte ihn durchaus nicht auf. Wasiliy Sergejwitsch haßt jetzt ganz Rumänien ... Bessemer wollte in dieser Nacht mit den Milizsoldaten und Glaserin in die Steppe aufbrechen. Achmeds Frau lockte ihn nicht. Er wollte den Raubfisch Marculescu fangen helfen. Jetzt hatte er sich eine Stunde frei gemacht und das Badehaus heizen lassen. Als Forster ankam, stand er im Badehaus und dampfte wie ein roter Teufel. Plötzlich wurde die Tür aufgerissen, eine dunkle Gestalt wuchs durch den Dunst, das Knattern einer Maschine hob an. »Hallo!« schrie eine helle Stimme durch den Dampf. »Hallo, Bessemer, steh still, ich brauche dich für meinen Film!« »Der Teufel hole dich, Mann aus Amerika. Mach die Türe zu. Du siehst nichts als einen nackten Menschen. Und das ist doch ›shoking‹ für eure prüden Misses!« »Das Bild ist für unsere Freunde,« antwortete lachend Forster, »und ich glaube nicht, daß es gelungen ist ... Aber mach dich fertig. Ich muß in sechs Stunden zurück. Morgen früh fahre ich nach Baku.« Der Amerikaner streckte durch den Dampf seine große Hand und machte sich dann lachend davon. Als Bessemer erschien, stand er mit seinem ewigen Kasten bei den Frauen und Mädchen an den Schlachtbänken. Die drei Milizsoldaten waren wie Kinder und liefen lachend durch die Aufnahmen. »Bessemer, ich brauche ein schnelles Boot für die Wolga und deine entsetzlich vielen Fische. Kommst du mit?« fragte Forster. »Natürlich. Aber wollen wir nicht erst Tee trinken?« »Ich brauche jetzt keinen Tee. Später. Ich brauche jetzt das Licht.« Nun kam Glaserin aus den Fischkellern und ließ das Motorboot fertig machen. Forster kurbelte erst den ganzen Betrieb, das Blockhaus, die Wohnbaracken, das große Floß, die Fangflottille, die kleinen Fischerboote, die ausgespannten Netze, die tatarischen Arbeiter und die Lagerhallen, und nach einer kleinen Stunde sausten die drei Männer über die Wolga, um das letzte Licht und die bewegte Arbeit der Fischer einzufangen und die Bilder vom Sterben der Fische aufzunehmen, vom Sterben, ja, und vom ewigen Leben. »Warum singen die Mädchen bei der Arbeit,« wollte der Amerikaner wissen, ehe sie abfuhren. »Die Mädchen singen und die Tataren singen. Ist die Arbeit so lustig? Singen die Fische auch?« »Nein, die Fische singen nicht. Aber ihr Stummsein ist auch Gesang,« sagte der unbegreifliche Kosak mit ernster Stimme. Die Explosionen des Motorbootes knallten über den glühenden, stillen Strom. Bald war die »Goldene Grube« erreicht. Bessemer hatte sich einen Plan gemacht, was der Amerikaner alles filmen sollte. Er dachte an Großaufnahmen in das kühle wilde Sterben und Zucken der schimmernden Fischleiber auf dem tödlichen Kahn, auch der kalmückische Tanz sollte festgehalten werden, der wüste Tanz am Saum der Tatarensteppe, Ali durfte in diesem Filmstreifen nicht fehlen und auch nicht der Tatar Achmed, für den sich das Bild der Welt in einem Glase Wodka brach. Ja, es sollte ein bitterer und verzückter Bericht an die Völker werden und vielleicht könnte man auch das Gespräch zwischen ihm und Maxim Petrowitsch über den nackten Menschen sichtbar machen ... Aber dieser Plan zerbrach sich an den Plänen des Amerikaners. »Ich bin zehntausend Kilometer bis jetzt gereist, Bessemer,« sagte Forster, als der Plan entwickelt war, »und was du mir vorschlägst, ist ein Film für sich. Ein sehr guter Film, old boy, aber ich habe keine Zeit. Morgen früh geht mein Schiff nach Baku ... Das Leben und Sterben der Fische? Allright, das wollen wir nehmen.« Das Motorboot tanzte nach den Schleppnetzen. Forster stand wie ein Schütze an seinem Maschinengewehr und drehte interessiert das eingezogene Netz, die vielen zuckenden Fische, die ungerührten Tataren, die weißen Zelte im goldenen Abend, den Rand der Steppe, auch Ali wurde gedreht, Achmed kam ins Lichtbild und die wilden Hunde an den Feuern. Auch Bessemer durfte mitspielen und sein Gegenspieler war ein mannsgroßer Wels, der den klugen Kopf todmüde in die klare und tödliche Luft streckte. Auch der flache Kahn mit den zuckenden Fischen, deren Stummsein auch Gesang war, wie Glaserin sagte, wurde gefilmt und das Gesicht Forsters rührte sich kaum, als er das kühle, schimmernde Sterben aufnahm. Er arbeitete mit seinem Kasten, bis das letzte Licht erlosch und nur noch in der Wüste am jenseitigen Ufer blau und lila aufzuckte. Dann saß er mit Bessemer und dem Kosaken an einem Feuer, aß Fischsuppe und ließ sich von Ali mit dünnem Tee bedienen. Als die Dunkelheit aus der Steppe stürzte, fuhren die Männer mit ihrem Boot nach dem Blockhaus. Im Blockhaus erzählte Forster von seinen Reisen. Vor sieben Wochen war er in Moskau aufgebrochen, nachdem er sich drei Wochen um die Filmkonzession bemüht hatte. Quer durch den Ural bis nach Sibirien war er gekommen und hatte alle Dinge nur mit den bestochenen Augen eines Operateurs gesehen. Er war nichts als Bildberichterstatter und die gewaltigen Ausmaße des Landes erinnerten ihn oft an seine Heimat. Davon erzählte er im Blockhaus, als er mit beiden Backen den kostbaren Kaviar kaute, den der Kosak auf den Tisch gestellt hatte. »Habt es gut, Fischer an der Wolga,« sagte er endlich. »Sitzt da und die Fische schwimmen euch ins Netz. Ich muß mir meine Fische schon selber suchen. Das verdammte Baku! Bliebe gern noch einen Tag ... Habt ihr Naphtha für meine Barkasse?« »Wir haben es gut, und wir haben auch Naphtha für deine Barkasse, und in drei Tagen fährt ein neues Schiff,« antwortete Bessemer. »Aber willst du nicht bleiben? Wir fangen diese Nacht einen Raubfisch!« »Einen Raubfisch?« »Ja, einen rumänischen!« sagte Bessemer und erzählte von Take Marculescu und dem geplanten Streifzug in die Steppe. Forster dachte nach. »Nein,« sagte er endlich. »Ich muß weiter. Meine Konzession läuft ab. Ich muß noch Baku sehen. Ginge gern mit. Aber,« fuhr er fort und schlug auf den Tisch, »das ist ja auch wie Amerika! Banditen und Fischräuber! Goldgruben und Platinlager! Urwälder und Bären! Wölfe und Weizen! Mein Film wird Aufsehen machen. Auch ohne deinen Plan, old boy! Deutscher Emigrant fängt Fische in Wolga! So wirst du über den Broadway rollen ... Im Ural habe ich Platingruben gedreht. In Sibirien Weizenfelder und Urwälder. In Ufa Kinderheime. In Samara Massengräber aus der letzten Hungersnot. In der Steppe Baschkiren, Kalmücken und Kirgisen. In Moskau die rote Fahne über dem Kreml. Bei euch den Fischfang ...« »Lockt dich auch nicht die große Beluga, Forster?« fragte Charly Moser. »Das ist ein Riesenfisch, ein Stör, den wir in den nächsten Tagen fangen wollen. Ein Mordsvieh!« »Er lockt schon, aber er verlockt mich nicht,« antwortete der Amerikaner. »Ich habe mal gelesen, daß ein dänischer Dichter Rußland mit einem ungeheuren Wal verglichen hat. Sein Schwanz liegt in den Eismeeren des Nordens. Sein kluger Kopf aber ist uns allen zugewandt. »Bach allen,« sagte der Kosak und ließ die Augen blitzen. »Über einem Sechstel des Erdballs liegt der große Wal und wartet auf seine Zeit.« Die Männer versanken in Schweigen. Endlich raffte sich der Amerikaner auf. Das Bild hatte ihn nicht verwirrt. Er stammte ja aus einem jungen Volk und fand hier nur den heftigen Herzschlag gleicher Entwicklungsmöglichkeiten. »Allright,« sagte er. »Jedes Volk in der Welt wartet auf seine Zeit ... Ich verstehe sehr wenig von den Fischen. Ich glaube kaum, Bessemer, daß die Badehausgeschichte geglückt ist, es war zu trübes Licht in der Stube, aber die anderen Bilder von der Wolga sind gut.« »Und von Baku? Wohin gehst du dann?« fragte Charly Moser. »Zurück nach Moskau und von dort über Berlin nach Amerika,« sagte Forster und stand auf. Kohn hatte den Kurbelkasten zusammengepackt. »Und nun lebt wohl, old boys,« fuhr Forster fort und schüttelte den Männern die Hand. »Dank für die Gastfreundschaft, Fischer an der Wolga. Auch mein Fischzug ist noch nicht zu Ende.« Die Fischer begleiteten ihn bis zu der kleinen Barkasse, auf der neben der roten Fahne das amerikanische Banner wehte. Der Dampfer schrie und schwamm in die Dunkelheit hinaus. Bald war nichts mehr zu sehen als die Signallaterne, ein roter, zuckender Stern in den weißen, flimmernden Sternen des Himmels. »Farewell,« sagte Bessemer leise und ging mit seinen Freunden in das Blockhaus zurück. Nach zwei Stunden brachen sie auf zu dem Streifzug in die Steppe. Auch Forster schlief in dieser Nacht nicht. Im Morgengrauen kam er in Astrachan an. Das Schiff nach Baku dampfte schon. Der Streifzug in die Steppe war ein Fehlschlag. Fünf Stunden waren die Männer marschiert, und als sie am Morgen das kleine Dorf erreichten, fanden sie einen Sowjet, dessen tatarischer Vorsitzender bei Allah und Lenin beschwor, niemals einen rumänischen Banditen beherbergt zu haben. Es sei wohl möglich, daß noch tiefer in der Steppe bei den Kirgisen Banditen und Räuber säßen, erklärte der Mann, auch ihnen seien in der letzten Zeit hundert Hammel gestohlen worden, aber bei ihnen? Unmöglich! Ihre Leute seien Fischer an der Wolga und ein Tatar sei kein Dieb und kein Freund von Banditen. Er zeigte ihnen auch alle Hütten, aber er hätte ihnen auch die weite Steppe zeigen können. Von Marculescu war nichts zu sehen … Das war mitten im großen Fischzug, und als die Männer gegen Mittag die Wolga erreichten, verfluchten sie den nächtlichen Vorstoß in das unbekannte Land. Die drei Soldaten wurden in einer Hütte einquartiert, die Arbeit ging weiter und am Abend kam Wassilenko zu Bessemer und gab Bericht über seine Revision. »Wir haben die Bücher geprüft,« sagte er, »sie sind in Ordnung, wie Ordnung sein kann, wenn der große Fischzug beginnt. Das faule Fleisch an der Fangstelle Neun haben wir abgeschnitten. Wenn wir noch den verdammten Rumänen bekommen, ist alles in guter Ordnung.« »Alles in Ordnung!« höhnte Bessemer und dachte an die vergebliche Jagd in der Nacht. »Der Teufel ist in Ordnung! Hat Paulitsch keine Schuld? Wir haben in den Kellern Fische, nichts als Fische. Die hätten im Sommer verkauft werden müssen. Marculescu hat ja das seinige getan, um uns von den Fischen zu befreien! Also wer hat nun die Schuld?« »Es ist eine unschuldige Schuld,« antwortete Wassilenko. »Wenn danach gemessen werden sollte, müßten alle Leute verhaftet werden, die im Sommer nicht verkauft haben ... Im übrigen ist gestern nacht das Urteil gefällt worden ...« »Was für ein Urteil? Ist Wasiliy Sergejwitsch schon verurteilt?« »Nein. Das dauert noch eine Weile. Ich rede von der Staatlichen Fischerei. Der Fangleiter ist erschossen worden. Sein Gehilfe bekam zehn Jahre.« »Aber der Gehilfe soll doch der Hauptschuldige sein!« »Das ist richtig, aber er ist nicht Mitglied der Partei ... Ist vielleicht Sergej Paulitsch in der Partei?« fragte zögernd der Russe. »Ja,« antwortete Bessemer. »Dann ist es schlecht für ihn. Er hätte sich natürlich um Fangstelle Neun besser kümmern müssen. Nun muß ich die Sache weitergeben. Astrachan soll entscheiden.« »Moskau hat schon entschieden. Paulitsch wird abberufen.« »Dann ist es gut, und ich brauche nichts mehr zu tun. Wenn der Fang vorüber ist, laß ihn abfahren,« sagte Wassilenko erleichtert und verabschiedete sich. »Es ist nicht gut,« dachte er auf dem Weg in sein Haus. »Nein, es ist nicht gut, wenn sich eine Frau zwischen die Arbeit der Männer stellt. Nein, es ist nicht gut.« Er erinnerte sich der ersten Begegnung mit Claudia, an seine Abwehr und flüchtige Berührung und an den leuchtenden Aufstieg in einer einsamen Nacht. Er seufzte. Sein Blut war unruhig. Dann aber dachte er an seinen Auftrag und vergrub sich in die Bücher und Abrechnungen. Der große Fischzug hatte begonnen. Der Himmel blieb klar. In silbernen und gleißenden Kolonnen wanderten die Fische aus dem Kaspischen Meer. Überall wurde gefischt, an der Goldenen Grube, am Schwarzen Loch, an der Fangstelle Neun, an der Roten Bank und am Goldenen Sand. Die kleinen Boote aus den Fischerdörfern tanzten über den Wellen und schleppten ihre Netze nach. Die Tataren spannten sich an die Zugseile, Maxim Petrowitsch brüllte und schrie, die Fische zappelten in den tödlichen Netzen (einmal wurden in einem Netz drei mannsgroße Störe gefangen). Achmed lenkte die Fischbarke und schlug mit stumpfer Keule in das wilde und glitzernde Durcheinander der zuckenden Fischleiber. Wieder kamen die Kalmücken aus der Steppe und senkten die kleinen Räubernetze in das Wasser. Der Wasserschutz raste die fünfzig Kilometer Fanggebiet ab, aber wenn das Boot kam, verschwanden die Kalmücken, um in der nächsten Stunde wieder über der Wolga zu liegen. Über den glühenden Strom orgelte die Unruhe der Arbeit, der Lärm der plätschernden Jagd und ab und zu das dumpfe Lied tatarischer Fischer. Die Mädchen saßen breithüftig in dem silbernen Schimmer der Fische, stießen die spitzen Messer in die schönen Leiber und sogen den Sterbeduft und den Salzgeruch der nahen Keller mit weiten Nüstern ein. Mit grellen Augen blickten die Mädchen und Frauen an den blutigen Bänken in das letzte Zucken und harte Schnappen der runden Fischmäuler. Der Kosak Glaserin blähte sich vor Stolz, fluchte mit den Tataren und raste mit seiner Barkasse von einem Fangplatz zum anderen. Er schimpfte mit dem Steuerbeamten, die wieder einmal das Salz pfänden wollten, und schob ihn mit einer kleinen Tonne Heringe ab. Mitten in die große Unruhe des Fanges kam auch Gurow aus der Stadt. Endlich einmal wollte er auch die Fische lebendig sehen, die er seit vielen Jahren verkaufte. Er kam nicht allein. Er brachte einen Käufer namens Mandelbaum aus Odessa mit, einen von der Wucht des Daseins scheinbar erdrückten, kleinen Mann im langen, schleppenden Pelzmantel. Mandelbaum war die Versuchung und wollte von Bessemer den ganzen Frühlingsfang kaufen, zwölf Kopeken das Pud unterm Marktpreis. Bessemer lachte herzlos. Jetzt erst verstand er Paulitsch vollkommen, der im Sommer auch nicht seine Fische verschachern wollte und sie lieber dem Eiskeller anvertraute als irgendeinem Mandelbaum im Pelz. Aber der Mandelbaum im Pelz kaufte doch viertausend Pud Heringe. Bessemer, der Narr, rächte sich und nahm den kleinen Mann auf eine wilde Fahrt über die Wolga mit und setzte ihn dann -- der Vertrag war schon unterschrieben -- bei den Tataren ans Land und ließ ihn erst in einer Stunde abholen. Auch Moser lag den ganzen Tag auf dem Wasser. Immer neue Fischzüge stießen aus dem wüsten Meer. Die Barkassen pendelten Tag und Nacht von den Fangplätzen nach den Verarbeitungsstellen und oft fuhren sie durch die schwärmenden Fische, und die Männer auf den Schiffen sahen im gelben Wasser den lichten Schimmer der wandernden Kolonnen. Sie sahen ein sanftes, grünes Gold, ein dunkles und helles Blau mit roten Tupfen und einen silbernen Feuerschein. Claudia war immer noch im Fanggebiet. Sie war sehr oft bei Wassilenko. Springer wurde nach der Stadt geschickt, um die ersten Berichte zu geben. Paulitsch hatte sich über die Bücher vom Lagerverwalter Granach gestürzt, aber diese Bücher waren in Ordnung, so eifrig auch Paulitsch nach verborgenen Fehlern suchte. Die Verhaftung auf Fangstelle Neun hatte ihn sehr erschüttert. Auch im Blockhaus brannte die Lampe die ganze Nacht. Die nächtlichen Feuer flammten auch an der Goldenen Grube, am Schwarzen Loch und an den anderen Fangplätzen. Jede Stunde war kostbar. Auch in der Nacht zogen die Fische aus dem Meer. Mitten im Herbstfang wurde auch die große Beluga nicht vergessen. Die Fahrt nach der Großen Grube war wie die Fahrt zu einem Fest. Charly hatte den Riesenfisch gesehen und mit Glaserin wurde eines der neuen englischen Netze fertig gemacht. Am achten Tag des Fischzugs wurde die Große Grube abgesperrt und das Netz in das Wasser versenkt. Dieser Fischzug begann in der Morgendämmerung. Das Netz war um Mitternacht ausgeworfen worden. Als aber dann (die Sonne stieg rot und dampfend aus dem Nebel) das Netz eingezogen werden sollte, da sprang mitten in der Grube das Wasser wie ein Sprudel empor, schwarzer Schlamm verfärbte die Flut, es war, als würde das neue Netz mit unsichtbaren Fäusten am Grund des Wassers gehalten. Die Fischer spannten sich in die Stricke und sie berührten mit den Stirnen beinahe die Erde wie damals, als der Sturm über der Wolga brüllte. Dann stürzten sie mitten in der Anstrengung auf die Erde. Das neue Netz war gerissen. Die Beluga, die Millionenmutter der vielen Störe, hatte die Stricke zerfetzt und den Weg in die Freiheit gefunden. Glaserin brüllte. »Das sind unsere großen Fischzüge,« sagte Bessemer verbittert. »Da ist der Raubfisch Marculescu, der geht durch die Lappen, und dann ist die Beluga, die reißt das neue Netz. Kosak, ist das immer bei euch so an der Wolga?« Glaserin antwortete nicht. Schweigend fuhren die Fischer zurück. Bessemer stürzte sich in die Arbeit, vergaß den Rumänen und vergaß die Beluga, er hatte alles vergessen, auch Nathan und Nora und Deutschland, er ließ alle Post ungelesen und lebte nur dem Rausch des großen Fischzugs. Er lag auf dem strömenden Wasser, kümmerte sich nicht mehr um seinen Hund, nicht mehr um Grischka, und wenn er mit Granach und Moser zusammen war, sprach er nur noch von Fischen. Er dachte nur noch in Fischen und träumte auch des Nachts von den Fischen. Die Welt erschien ihm wie ein schöner, glanzvoller Strom, in dem die Genossen die Schleppnetze senkten und silberne oder rotgetupfte Fische fingen. Auch das Lied vom großen Fischzug sang er oft, wenn er allein und trunken über die Wolga sauste. Endlich brach die ganze Herrlichkeit zusammen. Am Vormittag hatte er mit Mandelbaum im Pelz verhandelt, der die Fische des Frühjahrfangs und die Heringe des neuen Fischzugs kaufen wollte. Er sagte nicht ja und nicht nein, denn er wartete auf Nachricht von Schmidt, dem neuen Leiter der Fangstelle Neun. Und als die Nachricht endlich kam, ließ er Mandelbaum kühl stehen, als gäbe es sonst in ganz Astrachan keine Fische zu kaufen und verschwand, Mit Charly Moser und Glaserin fuhr er wolgaabwärts. Gurow verzweifelte, aber es gelang ihm doch, den Käufer zum Dableiben zu überreden. Das Motorboot sauste über die Wolga. Die Männer redeten kein Wort. Als die Fangstelle Neun erreicht war, brach Glaserin das Schweigen. »Ist Schmidt in der Partei?« fragte er. »Nein,« antwortete Bessemer. »Ist trotzdem ein tapferer Kerl!« sagte der Kosak. »Ja,« sagte Bessemer. Und nun winkte Schmidt, der tapfere Kerl, von der Landungsbrücke, als er das Boot bemerkte. Die Männer winkten zurück. »Ist er noch da?« brüllte der Kosak. »Ja, ja, ja!« brüllte Schmidt. »Wo?« schrie Bessemer. »Im Eiskeller!« gab Schmidt zur Antwort. Die drei Männer kletterten aus dem Boot. Der Kosak lief auf den Wolgadeutschen zu und küßte ihn. Dieser Gefühlsausbruch verwirrte Bessemer immer mehr, der das Bild von Glaserin, das er sich gemacht hatte, beinahe jeden Tag ändern mußte. Charly Moser pfiff leise vor sich hin. »Ich habe ihn heute morgen gefangen,« erzählte Schmidt. »Er ist mir in die Falle gegangen, der Rumäne. Ob er wußte, daß sein Freund verhaftet war, weiß ich nicht, aber ich wußte, wo er sein Geld versteckt hatte. Das wußte auch Marculescu, und heute morgen kam er -- es war in der Dämmerung -- nach den Kellern, und ich hatte nichts zu tun, als die Tür hinter ihm zuzuschlagen. Der Notausgang war vorher schon zugesperrt. Die Wand schlägt er nicht ein!« »Schmidt,« antwortete der Kosak, »bist du sicher, daß es der Rumäne war?« »Ganz sicher. Ich habe ihn brüllen hören. Seit einer Stunde habe ich nichts mehr gehört. Seit einer Stunde ist er still.« Der Kosak übernahm die Führung, als der Eiskeller erreicht war. »Marculescu!« schrie er und hämmerte an die Tür. »Marculescu!« Keine Antwort kam. Die Männer hörten nur tappende Schritte. »Marculescu!« schrie der Kosak noch einmal. »Marculescu!« Alles blieb still. Da öffnete Glaserin die schwere Tür und trat als erster in den Keller. Plötzlich krachte ein Schuß und streifte seine Lammfellmütze. Ehe aber Glaserin antworten konnte, feurig und aus dem Browning, es gab keine andere Antwort, kam der zweite Schuß, und der traf Take Marculescu in den Kopf. Der Rumäne stand, als er schoß, am Rande eines großen; in die Erde versenkten Bottichs, in dem die Fische eingesalzen wurden. Und in diesen Bottich stürzte der Mann mit dem zerschossenen Kopf, ein toter Mensch auf viele tausend tote Fische. »Fertig,« sagte der Kosak. »Ihr müßt die Fische nochmal waschen und einsalzen... Schickt den Rumänen mit einer Barke zu uns herüber. Die Miliz wartet immer noch auf ihn. Sie sollen ihn nach Astrachan nehmen ...« Auf der Heimfahrt zum Blockhaus wurde wenig gesprochen. Der Tod des Rumänen war ja schließlich weiter nichts als der Schlußpunkt eines schon zu Ende gespielten Romanes. Gegen Abend kam von Fangstelle Neun ein Boot und brachte den Erschossenen. Aber fast gleichzeitig mit Marculescu kam Richard Nathan aus Moskau. Der Tod kam und das Leben kam. Als Nathan in Moskau auch auf dringende Telegramme keine Antwort bekam, ernannte er einen Vertreter und reiste über Saratow nach Astrachan. Er fuhr nicht nur der Fische wegen. Nora Nintitsch war in den letzten Tagen verhaftet worden. Bei Nathan erschien einer der jungen, kühlen Männer von der Politischen Polizei und wollte von seinen Beziehungen zum Ingenieur Nintitsch wissen. Nathan konnte nachweisen, daß er zu jenem Ingenieur keine Beziehungen hatte und daß seine Bekanntschaft mit Nora unpolitisch war. Am selben Abend verließ Nathan Moskau und am vierten Tag traf er in jenem Blockhaus an der Wolga den Israel Mandelbaum aus Odessa, den Bessemer verschmäht hatte, und verkaufte ihm vierzigtausend Pud Heringe, Wobla, Lesch und Sudack. Bessemer fiel aus allen Wolken, als er in das Blockhaus kam und den Abschluß dieses Geschäftes erlebte. Nathan aus Moskau war erschienen! Nathan verkaufte Fische an der Wolga! »Verrückt, vollkommen verrückt!« knurrte Nathan, als Mandelbaum fort war. »Ich bin ja gerade noch zur rechten Zeit gekommen! Was ist mit dir los? Hast du Malaria? Warum bekomme ich auf dringende Telegramme keine Antwort?« »Freundlich ist deine Begrüßung gerade nicht,« antwortete Bessemer. »Bist du deshalb hierher gekommen? Telegramme, Telegramme, warte nur einen Augenblick, dann wirst du Telegramme sehen. Wir haben eben Marculescu gefangen, den Bandit, weißt du.« »Läßt mich vollkommen kalt, bleiben wir bei der Sache. Warum antwortest du nicht?« »Die Fische, du siehst doch, die Fische! Wir sind mitten im Herbstfang!« »Die Fische, die Fische,« höhnte Nathan. »Die Fische, die Fische! Warum fangt ihr eigentlich die Fische? Um sie für das nächste Jahr einzusalzen? Du bist ein Bandit, aber nicht der Marculescu! Warum hast du den Frühjahrsfang nicht sofort an Mandelbaum verkauft? Du scheinst denselben Vogel zu haben wie Paulitsch, der auch nicht verkaufte, als es an der Zeit war.« »Mensch, mach dich nicht lächerlich, die Stadt ist jetzt mit Käufern überschwemmt,« sagte Bessemer. »Heute noch und vielleicht auch morgen, aber übermorgen nicht mehr,« antwortete Nathan. »Also verkaufen, jeden Schwanz verkaufen ... Nun gut, das werde ich von heute ab besorgen ... Und nun zum zweiten: ist dir eine Tänzerin Nora Nintitsch bekannt?« »Sehr gut,« rief Bessemer erleichtert aus. »Natürlich ist mir die Tänzerin bekannt. Sollst du mir Grüße bringen? Kommst du deswegen aus Moskau?« »Du bist und bleibst ein Narr,« entschied Nathan. »Nein, ich soll dich nicht grüßen! Sei froh, daß du keine Grüße bekommst. Die Nora sitzt nämlich in der Tscheka!« »In der Tscheka? Als ich nach Astrachan fuhr, erzählte sie mir, daß sie mit ihrem Vater nach Belgrad oder Paris wolle. Ihr Vater hätte die Schwindsucht, sagte sie.« »Ja, und die Nora hat die Schwindelsucht,« heulte Nathan. »Der Mann und die Schwindsucht! Er wurde wegen Spionage verhaftet ...« »Aber Nora?« »Der Teufel hole sie. Ich kenne keine Nora und will sie nicht kennen,« sagte Nathan mit großartiger Gebärde. »Und wenn man dich nach ihr fragt, Felix, so solltest du erklären, ich kenne sie auch nicht. Die Weiber bringen nur Unruhe in die Welt ... Und jetzt kommt Frage Nummer drei: Warum ist Paulitsch noch in der Verwaltung? Warum ist er noch hier bei den Fischen?« »Das ist eine lange Geschichte,« sagte Bessemer. »Wir haben alles gewissenhaft geprüft, und wenn Paulitsch schuld hat, so ist es eine unschuldige Schuld. Laß dir erklären: Auf der Fangstelle Neun, dort war ein Russe, Wasiliy Sergejwitsch, und der war mit dem Rumänen in Verbindung. Das haben wir entdeckt. Und das hätte Paulitsch auch finden können. Das ist seine Schuld. Aber sie ist nicht so groß, daß er dabei das Genick brechen darf.« »Frische Fische, faule Fische, mein Freund. Aber darum handelt es sich gar nicht, um das Gut oder Böse, um die Schuld oder die Unschuld, das habe ich dir auch in meinem letzten Brief auseinandergesetzt. Du sollst nicht untersuchen. Du sollst einen Befehl ausführen. Gerechtigkeit ist eine schöne Sache, aber sie hat in unserem Fall absolut nichts zu tun ... Der Rumäne ist tot. Er hat sich erschossen. Das könnte vielleicht auch Paulitsch retten. Aber nein: es bleibt dabei, auch Paulitsch muß gehen. Großer Fischzug, mein Freund, großer Fischzug auch in Moskau! Ja und was weiter?« »Alles und nichts, Richard. Ich bin auch für den großen Fischzug. Ich habe auch mit die neuen Netze ausgelegt und verlange kein Lob, wahrhaftig nicht, aber auch keinen Schimpf.« »Kein Mensch beschimpft dich, kein Mensch! Begreifst du denn immer noch nicht, daß wir alle irgendwie abhängig sind und niemals nach eigenen Wünschen und Ermessen handeln? Und, das sage ich, wenns nach unserem eigenen Kopf ging, das gäbe erst eine Verwirrung in der Welt! Denke das Leben von Marculescu durch! Ein tapferer Genosse kämpft in der Roten Armee, schlägt sich heldenhaft herum, aber als der Krieg vorbei war und der Frieden kam, konnte er nicht mehr zurück. Versackte. Ging unter. Hatte Ekel vor sich selbst und schoß sich eine Kugel in den Kopf.« »Und schoß vorher auf Glaserin, Nathan!« »Natürlich! Er wollte sich selbst von damals, als er noch Genosse war, in dem Kosaken treffen,« antwortete Nathan. »Mein Freund,« fuhr er fort, »du bist noch in den zwanziger Jahren, und die Wochen an der Wolga waren mehr oder weniger Spielerei. Ich glaube, es ist auch für dich am besten, wenn du diese Jagdgründe verläßt und nach Moskau gehst. Hast du besondere Wünsche?« Bessemer fiel noch einmal aus den Wolken. Dieser Sturz war der tiefste. Er sah Nathan mit erschreckten Augen an. Nathan machte ein starres Gesicht, wie man es oft bei ihm sehen konnte, wenn er irgendeinen Auftrag oder Befehl ausführte. Natürlich, er war ja auch schon in den dreißiger Jahren! »Es ist gut, Richard,« sagte Bessemer. »Ich werde gehen, aber die Wochen an der Wolga waren mehr als Spielerei. Ich habe das Leben gesehen und den Tod. Aber sage, was soll ich in Moskau? Da könnte ich doch höchstens hier und da eine Kulisse schieben. Ich glaube, ich gehe nach Deutschland zurück. Was gibt es Neues in Berlin?« »Viel Vergnügen!« antwortete Nathan. »In Deutschland, mein Sohn, ist alles ruhig. Das Volk hat sich von Franz Drake und seinen Kartoffeln beruhigen lassen. Man spricht und schreibt auch von einer großen Amnestie. Vielleicht komme ich auch im nächsten Frühling ...« In seinen Brombeeraugen war linder Glanz. Dann straffte er sich und sagte: »Ich will Marculescu nicht mehr sehen. Und fetzt hole unseren Freund Paulitsch,« Bessemer ging und hatte Blei in den Füßen, aber in seinem Herzen blühten wieder die kleinen Blumen, die er in jenem Park gepflückt hatte, als der Aufstand um die Stadt knallte. Da wurde sein Weg leichter und beschwingter. Das Blei schmolz in den Füßen. Als er bei den Mädchen an den Fischbänken vorbei kam, sah er, wie die Fischer von der Fangstelle Neun den toten Rumänen brachten. Er ließ den Toten und ging zu Paulitsch. Er fand ihn bei Granach über den Büchern. »Nathan ist gekommen, Paulitsch,« sagte er. »Er wünscht dich dringend zu sprechen. Er ist im Blockhaus.« »Nathan?« sagte Paulitsch und seufzte. »Nathan ist aus Moskau gekommen? Wirklich Nathan?« »Ja, wirklich Nathan.« Paulitsch schlug die Bücher zusammen und ging mit schweren Füßen. Nun war alles vorbei. Der verfluchte Rumäne! Der verfluchte Nathan! Ja, nun war die Entscheidung da, die Entscheidung gegen ihn trotz Claudia und ihrer Spiele. »Nathan?« sagte auch Granach und lachte. »Zum Teufel, was will Nathan an der Wolga? Kleine Malaria gefällig, Genosse Nathan?« Bessemer antwortete nicht und lief mit beflügelten Schritten nach der Wolga und fuhr nach der Goldenen Grube. Lange stand er bei den Tataren und hörte den klagenden Arbeitsgesang der Fischer und spannte sich zum letztenmal an den Strick. Zog und zog an dem großen Schleppnetz, Ruck um Ruck, und fiel in die Melodie des Liedes an der Steppe ein. Als das Netz eingeholt war, kam Ali und brachte Tee und einen gebratenen Fisch. Maxim Petrowitsch kam mit großen, wiegenden Schritten. Da schmeckte der Tee und der Fisch bitter. »Es ist aus, Maxim Petrowitsch, aus mit der Fischerei,« sagte Bessemer. »Die schönen Tage an der Wolga sind vorbei. Ich fahre morgen nach Deutschland zurück.« »Nach Deutschland?« »Ja nach Deutschland.« »Gefällt dir nicht mehr der Fischfang?« »Der Fischfang! Natürlich gefällt mir der Fischfang! Aber der Teufel hole alle Gleichnisse,« rief Bessemer und dachte an die letzten, wilden Jahre, »Fische, Fische, immer nur Fische. Die einen werden gefangen, die anderen reißen die Netze, die werden geschlachtet und jene eingesalzen, aber ob sie nun gefangen oder eingesalzen werden, sie sind nicht tot zu kriegen, sie reißen alle Netze und jedes Jahr wimmeln neue Milliarden in den Meeren und den Strömen! Wir wollen endlich menschlich unter Menschen leben, Mann an der Wolga, und wenn unser Wunsch auch nur Sporn und Peitsche zu ewigem Kampf ist! Blühen wollen wir. Reif werden. Schöpferisch sein, ehe wir im Schleppnetz des Todes versacken.« Das Gesicht des alten Fischers verklärte sich. Er dachte an seine jungen Jahre und an die Tage und Nächte, wo er mit Gorki die Wolga hinunterfuhr. Er dachte auch an Tolstoi, an den Krieg und an die Revolution, an das Erlebnis vom nackten Menschen im Blitz der Entscheidung. Jenes Erlebnis beflammte und verjüngte ihn, gab ewige Jugend, besiegte den Tod, machte das Alter süß und das Sterben leicht. Und als er nun den jungen Menschen vor sich sah, da mußte er leise lächeln. Er erkannte in ihm den Bruder und den Genossen. Da schloß sich wiederum ein Kreis. Der Alte verjüngte sich. Der junge Mann erkannte die Gnade des Alters und die Klarheit des Wissens. »Fahr wohl,« sagte der alte Fischer. »Leb wohl. Gut hast du gesprochen, Bruder. Auch jetzt ist noch Schöpfungstag. Wieder geht der Meister über die Gewässer und ruft die Fischer von ihren Netzen.« Er lächelte Bessemer an. Und das war der rechte Trost für den Abschiednehmenden: ein menschliches Wort zur richtigen Stunde, ein mildes Lächeln für aufquellende Tränen. Als er dem Alten antworten wollte, kam Maxim Petrowitsch auf ihn zu, umarmte und küßte ihn nach russischer Sitte. Dann riß sich der junge Mensch los und raste mit seinem Boot über die Wolga. Auch der letzte Tag war erfüllt vom schönen Lärm der Arbeit, lieber die Weite des Wassers flutete das Licht in großen Ergüssen. Die Tataren standen wie in schwarzer Bronze gegen den leuchtenden Himmel und den Glanz der Steppe. Der Abschiednehmende beugte sich aus dem Boot und sah im Wasser die gleißenden Gegenströme der Fische. Er sah auch ihren schnellen Tod und die schimmernde Übermacht, die jeden Tod besiegte. Bei diesem Anblick wurde er sehr fröhlich. Dann lenkte er nach der Wüste hinüber und lief eine kleine Stunde durch die Täler und über die goldenen Berge und verweilte im harten Gras. Er entsann sich auch seines Liedes, das er damals gedichtet hatte und mußte an seinen Hund Natascha denken. Jetzt erst erinnerte er sich, daß er ihn schon einige Tage nicht mehr gesehen hatte. Auch Grischka hatte er vergessen! Da rannte er nach dem Boot zurück, ließ den Motor anlaufen und hetzte über das Wasser und suchte die alten Freunde, lieber drei Stunden befuhr er die Wolga und suchte Grischka und seinen kleinen Hund. Er suchte vergeblich. Grischka war schon damals mit Forster aufgebrochen. In derselben Stunde, als ihn Bessemer suchte, lief er mit Natascha durch das schmutzige Baku und der Hund erhob die juwelenhaften Augen zu seinem neuen Herrn. Am Abend verließ auch Felix Bessemer die Wolga. Der Abschied war schmerzhaft und mußte ertragen werden. Charly Moser versuchte einen Witz, aber es kam kein Lachen hinter seinen Worten. Richard Nathan blieb kühl. Der Kosak schüttelte lange die Hände und Granach sagte: »Felix, du hast es gut. Schreib mal, wie es jetzt in Deutschland aussieht. Vielleicht komme ich auch bald.« Claudia lief mit großen, leeren Augen stumm aus dem Zimmer. Paulitsch kämpfte bis zum letzten Atemzug mit Nathan um seine Stellung. Er verlor den Kampf. Auch Wassilenko reiste nach Astrachan. Dort saß Gregor Gurow und verkaufte Fische, nichts als Fische. Nicht lange verweilte Bessemer in Astrachan. Auf dem schnellsten Wege reiste er nach Moskau. Der blaue Samt der Nacht hing über jener Stadt zerfetzt in den Sternen. Aus den Urwäldern und Eiswüsten war der Winter aufgebrochen und brachte Sturm und ersten Schnee. Im Meyerholdschen Theater wurde immer noch das Spiel mit der roten Sonne gespielt. Immer noch glühte und tanzte sie über den Rädern und Maschinen vor der geschlossenen Tür, hinter der das schöne Spiel der Liebe ging. Auch in Moskau blieb Bessemer nicht mehr lange. Er war ja wie auf einer Flucht und Heimkehr. In seiner Freizeit bummelte er durch diese barbarisch-schöne Stadt an den unbegreiflichen und zauberhaften Kirchen vorüber und auf dem asiatischen Basar kaufte er für eine vergessene Freundin in Berlin ein Paar tatarische Pantöffelchen und ein leuchtendes Seidentuch aus Buchara. Einmal dachte er auch an Nora Nintitsch und jene Septembernacht, in der sich das Mädchen ergab, um in derselben Stunde mit einem funkensprühenden Eisenbahnzug in die Nacht zu fahren. Für immer in die Nacht. Dann riß er sich zusammen und dachte an das kommende dreißigste Jahr. Am nächsten Tag verließ er Moskau. Aus Sturm und Schnee blühte zum Abschied diese Stadt golden und leuchtend auf. Sturm unzähliger Glocken brauste auf, ein wildes, dunkles, silbernes und märchenhaftes Geläut über Europa und Asien. Moskau lag nun hinter ihm, der Rote Platz und der Kreml, die Tänzerin Nora und das Meyerholdsche Theater. Vor ihm entfaltete sich große Flächenlandschaft mit endlosen Feldern, Wäldern, versteckten Dörfern und weithin sichtbaren Städten. Der Eisenbahnzug hämmerte auf den Schienen. Am zweiten Tag erreichte der Reisende Sebesch und die lettische Grenze, die mit riesenhaften Stacheldrahtverhauen abgesperrt war. Die rote Fahne des russischen Postens flatterte im Wind wie eine zuckende Flamme. Dann kam Riga. Weiter, immer weiter rollte der Zug. Neue Wälder und Felder zeigten sich, neue Flüsse und Moore und am dritten Reisetag kam Kowno in Sicht. Bis zur deutschen Grenze war nicht mehr weit. Bis zur Grenze war nicht mehr weit, aber Bessemer hatte schon viele Grenzen hinter sich, Grenzen der Sehnsucht und Grenzen der Jugend. Jetzt wußte er, auch Schwärmerei ist gut zu ihrer Zeit, und das Lied, das er in der Wüste gedichtet hatte, kam ihm in den Sinn. Die Menschen, mit denen er zusammenlebte, erstanden vor ihm, eine stumme, feierliche Schar, und wenn er an ihren Schatten rührte, bewegten sie sich und öffneten ihre Herzen. Da schloß der Heimkehrer die Augen und sang leise die letzte Strophe seines Liedes aus der Wüste: »Wer niemals hungerte und elend ist gewesen, Der wird mit sattem Bauch am vollen Tisch verwesen. Auf seinem Grab wird man die Tafel lesen: Er war nur Staub. Das Schicksal nahm den Besen ... Schon jetzt hatte ein Mitreisender in dem Abteil die Zeitung sinken lassen und den Sänger sonderbar betrachtet. Der Mitreisende war ein Viehhändler und kam aus Litauen. Bessemer aber sah und hörte nichts. Als sein Lied verklungen war, dachte er an Maxim Petrowitsch. Ja, nun war er wieder in Deutschland. Die Blumen von jenem Aufstand blühten auch jetzt wieder in seinem Herzen. Dann sah er die vielen Schleppnetze im Strom der Zeit und erinnerte sich der letzten Worte des alten Fischers: »Wieder geht ein Meister über die Gewässer und ruft die Fischer von ihren Netzen.« Da öffnete der Heimkehrer die Augen. Ja, auch er hatte im Blitz der Entscheidung gestanden. Und er hatte sich entschieden. Nun war neuer Tag. Schöpfungstag. Deutschland? Ja, jetzt war er wieder in Deutschland, und da sagte er ganz laut: »Auf, lasset uns Menschen fangen.«, daß der Viehhändler noch mehr erstaunte und die großen, kühlen Fischaugen verwundert aufriß.