Berthold Auerbach Das Landhaus am Rhein, Band 4 Zehntes Buch. Erstes Capitel. Die Sage erzählt von einem Riesenkinde, das den pflügenden Bauer sammt Pflug und Pferd für Spielzeug hielt, in die Schürze nahm und davon trug. Aehnlich erging es Manna. Weit hinausgetragen, weltvergessend und weltüberwindend war all die Tage und Nächte ihr Denken gewesen, daß ihr das Treiben der Menschen wie Kinderspiel vorkam. Das Leben ist eitel Spiel, nur der Tod ist ernst. So denkend stand Manna früh am Morgen nach dem Geburtstage Rolands am Fenster; sie sah in die Landschaft, sie dachte an die Menschen, aber Alles erschien ihr weit, weit entfernt. Die Klosterglocke, die beim ersten Morgenstrahl die Zöglinge geweckt hatte, lag ihr noch so in der Erinnerung, daß sie im Schlafe ihren Schall zu hören vermeinte und davon erweckt wurde. Sie hatte sich erst besinnen müssen, wo sie denn sei. Du bist daheim. – Wo ist daheim? Alles war noch ruhig in der Villa, Manna allein wachte und mit ihr das zahllose Heer der Vögel im Garten. Sie ging in den Park, sie empfand eine Unruhe, sie schaute um, als fühlte sie den Blick, der auf ihr ruhte. Auch Erich war am frühen Morgen erwacht und stand am Fenster. Aber er hütete sich wohl, durch Zeichen kund zu geben, wen er gesehen. Er hatte das Fenster geöffnet und Manna gewahrt. Leise zog er sich zurück und dachte sich, die erfahrene Herbheit vergessend, in die Seele des Mädchens, das aus klösterlicher Abgeschiedenheit in das so reich ausgestattete elterliche Haus zurückgekehrt war. Es läutete im nahen Dorfe und es läutete von allen Enden, diesseits und jenseits am Ufer, stromauf, stromab. Manna verließ den Park und kehrte in das Haus zurück, um ihr Gebetbuch zu holen. Auf dem Flur hörte sie, wie Fräulein Perini den Dienern Auftrag gab, die Zimmer für die Tochter des Landrichters bereit zu halten. Manna hatte es auf den Lippen, der vormaligen Erzieherin zu klagen, wie sie sich eine unwahre Beziehung auferlegt, denn sie fürchtete Lina's Ankunft, deren flatterhaftes Wesen ihr am gestrigen Tage so störend gewesen; aber sie hatte sich vorgesetzt, Alles in sich allein zu überwinden, und es war ihr Entschluß, Lina gradaus zu bitten, sie jetzt nicht zu besuchen; sie war es sich schuldig, jetzt allein zu bleiben. Da kam ein Bote mit einem Briefe von Lina, die bedauerte, daß ihr nicht möglich sei, die längere Gastfreundschaft auf Villa Eden anzunehmen. Sie bat Manna um ein Wort der Beruhigung, daß sie ihr deßhalb nicht zürne. Manna war froh, nun ohne Verletzung frei sein zu können. Die Glocke läutete wieder und Manna ging zur Kirche. Fräulein Perini war stolz und glücklich; die Anderen mochten Manna mit Allerlei zu gewinnen suchen, sie allein konnte mit ihr zur Kirche gehen. »Haben Sie noch immer die Gewohnheit, Morgens nicht gern zu sprechen?« fragte Fräulein Perini. Manna nickte still. Als die Messe zu Ende war und die Beiden mit einander die Kirche verließen, sagte Fräulein Perini, daß sie Manna bei dem Pfarrer einführen wolle, der erst während ihrer Abwesenheit hieher versetzt war. Manna bat, sie allein gehen zu lassen. Sie ging nach dem Pfarrhause. Sie schien erwartet worden zu sein, denn der Pfarrer kam ihr auf der Treppe entgegen und begrüßte sie mit einem Segensspruche. Er führte sie an der Hand in sein Zimmer. Manna mußte sich auf das Sopha setzen. Sie begann: »Fräulein Perini wollte mich bei Ihnen, hochwürdiger Herr, einführen. Das muß man bei einem fremden Manne, aber Sie sind kein fremder Mann, Sie sind ein Diener unserer heiligen Kirche.« Der Pfarrer legte die Spitzen der feinen Hände auf einander und sagte mit ruhigem Tone: »Sie sind auf dem rechten Weg, halten Sie ihn inne. Die Weltlinge kommen in einen Ort, sind fremd, wildfremd, sie wissen nicht, ob hier ein Mensch ist, der gleiche Gedanken hegt wie sie, und unter ihnen sind auch nicht zwei Menschen, die das Gleiche denken bei denselben Worten; sie haben kein Band der Einigung, sie flattern in der Schwebe wie das Sonnenstäubchen. Sie aber, treten Sie in das entlegenste Dorf, Sie sind daheim, da ist ein Haus und darin ein Mann, der Ihres Geistes, der Sie als Bruder, als Vater begrüßt; denn er ist hingesetzt von einem Höhern, und Sie sind hergeführt von einem Höhern. Seien Sie mir doppelt willkommen, da Sie dieses sogleich wußten. Klopfe an meine Thür, es wird Dir aufgethan zu jeder Zeit; klopfe an mein Herz, es ist Dir aufgethan. Ich habe kein eigen Haus, kein eigen Herz, mein Haus ist dem, der mir nachfolgt, und mein Herz dem, der es bewegt.« Der Pfarrer hielt eine Weile inne, er betrachtete Manna, die die Augen geschlossen hatte, wie wenn sie nicht in die Sonne schauen könne, nicht in das Antlitz, auf welches der Geist sich niederläßt. Der Pfarrer mochte ahnen, wie sie bewegt war, er verweilte absichtlich auf der allgemeinen Betrachtung, ohne ins Persönliche überzugehen, er wollte den Zwiespalt zwischen der Tochter und dem Vater nicht erweitern; Manna dagegen war zurückhaltend, denn sie hatte nur dem Klostergeistlichen den ersten Grund ihrer Opferbereitschaft gebeichtet und hatte die Erlaubniß erhalten, es fortan zu verschweigen. Beide waren zurückhaltend und Beide wußten nicht, daß sie nichts vor einander zu verheimlichen hatten. Der Pfarrer legte ihr freundlich die Hand aufs Haupt und sagte: »Ja, daß Sie allein gekommen und wissen, warum Sie allein gekommen, das überhebt uns jeder Verständigung, wie es die Weltlinge nennen. Verständigung!« wiederholte er lachend. »Und sie verstehen einander doch nie, die Gebildeten, wie sie sich nennen, oder die Selbstgebildeten, wie sie sich nennen sollten, denn sie glauben, daß sie sich selbst zu etwas machen. Freilich sie bedürfen der Empfehlung von einem Andern, der muß sagen, das ist der und der und er ist so und so; wir aber, wir bedürfen keiner Empfehlung, keiner Einführung. Sprechen Sie mit mir von Allem, von Heiligem und Verkehrtem, von allem Großen und allem Kleinen. Wenn man Sie in der Welt beunruhigt und heimatlos macht, wissen Sie, hier ist Ruhe und Heimat. Da drüben hat Ihr Vater ein Warmhaus für Pflanzen, die nicht heimisch sind in unserm Klima; diese Stube ist ein Warmhaus für die Pflanze des heiligen Glaubens, die nicht heimisch dort ist. Ich hebe keinen Stein auf, gegen Niemand, aber ich sage und Sie wissen es, diese Pflanze ist vom Himmel in uns gebracht und ist in dieser Welt in fremdem Klima.« Der Pfarrer blieb am Fenster stehen und schaute hinaus; Manna saß auf dem Sopha. Geraume Zeit wurde kein Wort gesprochen. Manna war ergriffen von dieser edlen Bereitwilligkeit. Schüchtern fragte sie, wie sie sich zu all den Menschen verhalten solle, die sich in freundlicher Weise ihrem Elternhause angeschlossen und sich der Bildung rühmen dürften. »Sie fragen gut und bestimmt, das ist Zeichen der Reife,« erwiderte der Pfarrer. »Was Sie thun sollen? Lächeln sollen Sie zu all den Großthuereien! Diese Weltweisen thun groß und sind so klein in ihrem Dünkel, daß die Welt nicht mehr Verstand besitze und von nicht mehr Weisheit regiert werde, als ihr Verstand ausmißt; sie wiegen Gott nach dem Gewichte ihres Gehirns.« Es war plötzlich ein anderer Ton, in dem der Pfarrer sprach, ein heftiger, anstürmender, so daß Manna erschrocken zusammenfuhr. Der Pfarrer, der das wohl merkte, faßte sich wieder und sagte: »Sie sehen, ich bin noch schwach und lasse mich zu Heftigkeit hinreißen. Sie werden sie nun auch kennen lernen, die sogenannten Vernunfthelden, oder eigentlich die Vernunftschwächlinge, die nie bekehrt werden können, denn ihnen fehlt der Muth, der zur Demuth werden kann.« Der Pfarrer glaubte, daß Manna verstehe, wie er damit auf Erich ziele; er wollte vorerst nicht näher eingehen, aber sie sollte vorbereitet sein. Jetzt wendete er sich lächelnd, setzte sich und sagte: »Doch verlieren wir uns nicht so weit. Sprechen Sie.« Manna klagte, wie schwer es ihr werde, noch ein Jahr der Prüfung durchmachen zu sollen, sich in der Welt zu bewegen, um sich von ihr abzulösen. Der Pfarrer beruhigte sie, indem er sagte: »Sie wollen den Schleier nehmen, er ist bereits über Sie gebreitet und über die Welt, unsichtbar für Andere. Alles in der Welt berührt nicht Sie selbst, es ist ein Schleier zwischen Ihnen und der Welt; und dieser Schleier fällt erst, wenn der Tod uns erlöst.« Er ging behutsamer als Prancken zu Werke, er wollte nicht gegen Erich kämpfen, und dadurch vielleicht erst ein Interesse in Manna wecken, er lobte ihn, aber in jener mitleidigen Weise, die der auf Positivem Stehende so leicht einnimmt. Als Manna fragte, warum der Pfarrer nicht seinen Einfluß darauf gewendet, daß Erich nicht ins Haus gekommen, entgegnete er, wie er sich dieses Eifers freue, aber man müsse Vieles gewähren lassen in der Welt, und gegen den Vater wäre jeder Kampf im Voraus vergebens; dazu habe Roland seinen eigenen Willen eingesetzt. Uebrigens sei Erich, wenn auch ein vollendeter Ketzer, doch von einer gewissen Anerkennung des Heiligen, obgleich viel Hochmuth in dieser Anerkennung läge. Ohne Ueberleitung sagte der Pfarrer, Manna möge heimkehren, man werde sie zu Hause erwarten. Sie solle nie verhehlen, daß sie bei ihm gewesen, aber er verzeihe ihr im Voraus, wenn sie ihn oft geraume Zeit vernachlässige; er verbleibe unverbrüchlich der Ueberzeugung, daß ihre innerste Seele dem heiligen Glauben zugewendet bleibe. »Nun gehen Sie,« schloß er, »und wissen Sie, daß ich für Sie bete.« Manna sah ihn groß an. »Ich werde für Dich beten« – wie oft hatte sie dies Wort gehört, ohne einen Zweifel daran zu hegen; jetzt kam es ihr ganz neu vor, die Frage zuckte durch ihre Seele: Kann man denn für einen andern Menschen beten? Das Räthsel, das Roland in ihre Seele geworfen, ging neu auf, und wuchs zum Räthsel ihres Lebens. Sie wollte fragen, ob Kinder für die Sünden der Eltern büßen müssen, ob nicht vielmehr das Kind für die Eltern sühnen kann. Sie wollte dem Pfarrer das Alles sagen, er sollte ihr helfen, aber da er jetzt wiederholte: »Nun gehen Sie, mein Kind!« wendete sie ihr fragendes Auge von ihm ab und ging. Zweites Capitel. Träumend ging Manna des Weges, sie wurde geweckt, denn die beiden Hunde, Rose und Distel, sprangen an ihr empor, sie waren froh, ihre Herrin wieder zu haben. »So, unser Wildfang ist wieder daheim?« rief eine Stimme aus der Ferne; es war die des Krischers, er hatte die Hunde gebracht. Sie hörte kaum, wie der Krischer, näher tretend, von seiner letzten Vergangenheit erzählte; erst als er sagte: »Ja, Fräulein, ich bin ein einfältiger Gesell gewesen und habe tiefe Reue,« fragte sie: »Was habt Ihr denn gethan?« »Hoho! Daß ich nichts gethan habe, bereue ich; daß ich mein Lebenlang ein einfältiger, ehrlicher Kerl gewesen. Ist's denn wahr, daß Sie Nonne werden wollen?« Bevor Manna antworten konnte, fuhr der Krischer fort: »Ich habe auch manchmal das Verlangen, ich möchte ins Kloster gehen. Mit dem sechzigsten Jahr sollte Jeder ins Kloster gehen können; nichts thun als trinken und trinken, bis der Tod die Polizeistunde anruft. Aber ich will vom Tod noch nichts wissen, ich sag' wie der Vogt von Mattenheim: Herr, wie Du willst – Ich habe noch keine Eile.« Der Krischer hatte bereits am Morgen etwas Aufgeregtes und Lallendes, Manna fürchtete sich vor ihm, dennoch reichte sie ihm die Hand und ging mit den Hunden davon. »Ich hab' noch eine Bitte!« rief der Krischer Manna nach. Sie blieb stehen. Er kam zu ihr und sagte, daß ihm der Aichmeister ein Loos zur Dombau-Lotterie geschenkt habe, er aber habe das Loos dem Siebenpfeifer verkauft, und wenn nun auf die Nummer das große Loos herauskäme, würde er sich alle Haare aus dem Kopfe reißen und hätte auch bei seinen Kindern keine ruhige Stunde mehr; Manna möge ihm also einen Thaler schenken, damit er das Loos zurückkaufen könne. Schelmisch setzte er hinzu: »Und es ist eigentlich auch eine fromme Sache und paßt für Sie.« Manna verstand nicht, was er damit meinte; sie ließ sich jetzt erst erklären, daß man zum Ausbau eines Domes eine Lotterie errichtet habe. Sie schenkte dem Krischer das verlangte Geld und ging eilig davon. Sie ging am Rhein entlang, der Strom floß so ruhig, die Weiden am Ufer zitterten in der Morgenluft und spiegelten sich im Strom; in kleinen Kreisen, die sich auf dem Spiegel bildeten, zeigte sich das Spielen der Fische. Manna trat in den Park. In die ruhige Luft strömte der Duft der Blumen, und sie waren hell und frisch; die Farbe der einen hob und verklärte die der andern, das Weiß war noch heller durch die blaue, die rothe Nachbarin; die brennende Farbe wurde gemildert von der sanften; es war wie eine heilige, stille Harmonie . . . Warum können die Menschen nicht im Friedensreiche leben? Welch eine Ruhestätte könnte das Landhaus hier sein! Manna ließ sich auf ihren einsamen Stuhl unter der Hängeesche nieder und jetzt dachte sie, warum sie gestern gegen Erich so schroff gewesen. Sie wollte ihm bei der ersten Begegnung sagen: Glauben Sie ja nicht, daß ich, weil Sie abhängig sind, mir solches herausnahm. Zur selben Stunde wandelte Erich allein durch den Park und nahm sich vor, bei der ersten Begegnung zu Manna zu sagen: Ich möchte nicht, daß unsere Beziehung mit Verstimmung oder Mißverständniß anfange. Jetzt hörte Manna Schritte nahen und schaute auf; Erich kam des Weges. Sie blieb ruhig sitzen. Er kam näher, er grüßte und Keines von Beiden sagte die Worte, die sie sich still vorgenommen hatten. Erich brachte stotternd etwas hervor, daß ein Erzieher sich leicht verleiten ließe, sich in das Denken Anderer zu versetzen, auch da, wo es ihm nicht zustehe. Es war ein bedrückter Ton in seiner Rede, Manna wußte nichts zu erwidern. Beide schwiegen, man hörte nichts als den Vogelsang. Endlich sagte Manna: »Erzählen Sie mir von Roland. Wie ist er?« »Roland hat Fleiß, Beharrlichkeit und Wahrhaftigkeit; das ist der sittliche Felsengrund, auf dem sich gut baut.« Unwillkürlich hob Manna mit beiden Händen ihr Gebetbuch in die Höhe, als wäre es ein Schild. Erich glaubte eine Andeutung in dieser Bewegung zu finden und er sagte: »Mich freut an Roland besonders, daß er einen eigenen Blick hat und seinen eigenen Augen vertraut.« Durch ihre Seele zuckte etwas wie Schmerz, denn das Wort Pranckens ging ihr nach. Ist dies Benehmen Erichs das, was Prancken »sich anbiedern« genannt hatte? Roland, Prancken und Sonnenkamp kamen daher, Manna stand rasch auf und ging mit Roland an der Hand nach der Villa. Prancken sagte sofort, daß er auch in der Kirche gewesen, es aber für Pflicht gehalten habe, Manna nicht durch einen Morgengruß zu zerstreuen. Prancken erzählte viel vom Leben auf dem Jagdschlosse und von den Beziehungen zum Hofe des Fürsten, wie zu dem des Fürstbischofs. »Liebes Kind,« unterbrach Sonnenkamp, »Du hast Herr von Prancken noch nicht gratulirt, er ist Kammerherr geworden.« Manna glückwünschte und Prancken erzählte in heiterer Wendung, welch ein Contrast es sei, daß er im Sommer ein Bauernknecht gewesen und im Winter Kammerherr sei. Er berichtete weiter, daß der Fürst diesen Sommer in Karlsbad den Brunnen trinken werde. Sonnenkamp setzte hinzu, daß der Leibarzt auch ihm diesen Brunnen verordnet habe, der ihm zuträglicher sein solle als Vichy. Wie eine Kette schloß es sich an, als Prancken weiter erzählte, daß auch sein Schwager Clodwig und seine Schwester Bella diesen Sommer Karlsbad besuchen würden. Kaum ins elterliche Haus versetzt, sah sich Manna sofort wieder in Gedanken davongeführt in den Strudel eines Badelebens. Prancken berichtete dann, daß er das schneeweiße Pferd mit nach Wolfsgarten nehme, um es vollständig für Manna zu dressiren. Ihre Einsprache, daß sie keine Lust mehr habe, zu Pferde zu sitzen, wurde vom Vater gebieterisch abgewiesen. Prancken verstand es, den gebieterisch heftigen Ton Sonnenkamps als Scherz auszulegen. Mit Innigkeit nahm er nun Abschied und ritt im scharfen Trabe die Straße dahin, die Funken sprühten unter den Hufen seines Pferdes; der Reitknecht hinter ihm führte das schneeweiße Pferdchen am Halfter. Es erschien Manna wie ein Sinnbild, daß sie noch einmal zu Pferde sitzen sollte, bevor sie, allen Tand der Welt ablegend, nur im Gedanken der Ewigkeit lebe. Sie geleitete den Vater durch Park und Garten, durch die Treibhäuser. Sonnenkamp hatte es auf den Lippen, ihr die mit Zuversicht erwartete Standeserhöhung mitzutheilen, aber das Kind sollte nicht so plötzlich in das vielfältige Getriebe hinein versetzt werden. Mit Behagen betrachtete er die großen südländischen Bäume und Pflanzen, die nun bald ins Freie gebracht werden. Zuerst öffnet man die Thüren, um frische Luft eindringen zu lassen, dann erst bringt man sie unter freien Himmel an geschützte Stellen. So auch wollte er es mit seinem Kinde halten. Er war zufrieden, daß sie so fügsam war, er hoffte die Schwermuth ganz von ihr zu verscheuchen. Manna hatte sich eine Tagesordnung festgesetzt, die sie wie eine Ordensregel inne hielt, und diese Strenge ihres Wesens übte eine Einwirkung auf das ganze Haus. Mit der Mutter hatte sie einen schweren Stand, zunächst wegen der Kleidung, denn Frau Ceres, die sich jeden Tag mehrmals umkleidete, wünschte das Gleiche von Manna; diese indeß war es gewohnt, sich am Morgen für den ganzen Tag anzukleiden, ja sie ließ sich nur widerwillig Bedienung durch die Kammerfrau gefallen. Sie blieb in dem am Morgen angelegten Kleide, und es erschien ihr dem höheren Menschenleben entsprechend, daß die Nonnen unveränderliche Kleider tragen; damit fällt alles Vergeuden des Denkens für die äußere Erscheinung weg. An der vielgeschäftigen Wohlthätigkeit der Professorin nahm sie keinen Antheil; sie hatte kurz erklärt, daß sie noch zu sehr mit sich selber zu thun habe und nicht bereits auf Andere wirken könne. Dazu hatte sie eine entschiedene Abneigung gegen die Helferin, Fräulein Milch; sie vermied jedes Gespräch mit Fräulein Milch und reichte ihr nie die Hand. Gegen die Professorin blieb sie ehrerbietig, aber ablehnend; den Lehrer ihres Bruders behandelte sie wie ein zum Hause Gehöriges, zu dem man indeß nur eine Beziehung hat, wenn man seiner bedarf. Es gab Stunden und Tage, wo sie über ihn hinwegsah, als wäre er ein Stuhl, ein Tisch. Oftmals fragte sie ihn geradezu, wenn ihr ein Gegenstand des Wissens unklar war; sobald aber Erich eine Erörterung anknüpfte, die über die Grenze des von ihr Gewünschten hinausging, sagte sie mit großer Bestimmtheit: »Das wollte ich nicht fragen. Ich danke Ihnen für das, was Sie mir mitgetheilt.« Nie empfing sie eine Belehrung von ihm, für die sie nicht sofort dankte, wie sie auch jedem Dienstboten für jede Handreichung dankte. Regelmäßigen Unterricht nahm sie bei der Tante Claudine im Harfenspiel, und diese war die Einzige, die ihr Zutrauen zu besitzen schien; ihr zeigte sie auch ihre Schulhefte, namentlich das über Astronomie mit eingelegten blauen Blättern und den goldenen Sternbildern. Trotz einer gewissen majestätischen Haltung hatte Claudine etwas Anschmiegsames; sie schien auch etwas im Leben verloren oder aufgegeben zu haben, und so war sie in ihrem Wesen weicher und anziehender für Manna. In hellen Nächten waren sie oft stundenlang auf dem flachen Dach der Villa und schauten nach den Sternen. Es zeigte sich, daß Manna gründlich unterrichtet war, denn die Klosterschule, in der sie gelebt hatte, legte besondern Nachdruck darauf, die weltlichen Schulen an wissenschaftlicher Tüchtigkeit wo möglich zu überragen; natürlich war alle Wissenschaft mit jener Grenze umzogen, die der Glaube setzte. Mehr als über ihre Kenntnisse mußte man oft über die Denkkraft Manna's staunen; ihr Empfindungsleben war nach allen Seiten hin durchgearbeitet. Das Bewußtsein religiösen Ernstes und religiöser Reife gab ihr eine Sicherheit, die als Stolz erscheinen konnte. Sie fühlte sich stets wie auf einer unsichtbaren Erhöhung über die Andern hervorragen, die nicht im Glauben lebten. Dennoch war das nicht Ueberhebung, sondern Getragenheit, die sie in jedem Augenblick mit den großen Mächten und Ausblicken ausrüstete, in denen so viele heilige Männer und Frauen das Leben überwunden hatten. Manna fragte Tante Claudine, ob ihr dies Alleinstehen in der Welt nicht oft schwer geworden sei. »Gewiß, liebes Fräulein. Man weiß oft in der Jugend nicht, was es heißt, einen Entschluß für das ganze Leben zu fassen.« Manna faßte nach dem Kreuz auf ihrer Brust; die Tante fuhr fort: »Ja, es gehört Muth und Tapferkeit dazu, eine alte Jungfer zu sein; zur Zeit, wenn man sich dazu entschließt, ist man sich dessen nicht voll bewußt. In der Einsamkeit bin ich ruhig und wünschelos, aber in Gesellschaft und in der Welt erscheine ich mir oft so überflüssig, nur aus Barmherzigkeit geduldet. Da muß man sich hüten, nicht in Mitleid mit sich selbst sentimental zu werden.« »Hatten Sie nie das Verlangen, in ein Kloster gehen zu können?« »Ich möchte Sie nicht beirren und stören.« »Nein, sprechen Sie nur, ich kann Alles hören.« »Nun denn, es gibt Formen, die so viel Unheil anstifteten, daß sie das Recht des Bestehens verwirkt haben. Und, ich für mich könnte nicht leben ohne die Kunst, ohne freie Musik, ohne Anblick dessen, was die bildende Kunst hervorgebracht und noch hervorbringt.« Manna sah nachdenklich auf Claudine. Drittes Capitel. Manna machte keine Besuche in der Nachbarschaft, sie beharrte dabei, daß sie nur zu ihren Eltern und ihrem Bruder gekommen sei, sonst zu Niemand. Bisweilen besuchte sie die Burg; sie ging allein mit ihren beiden Hunden. Sie ließ sich vom Baumeister Art und Weise des Baues und wie er in der Vergangenheit gewesen, erklären; sie willfahrte dem Vater, für Ausschmückung des ersten fertigen Saales, des sogenannten Rittersaales, mit bedacht zu sein. Sonnenkamp kaufte alte Waffen, die an den Wänden aufgehängt, Rüstungen, die auf Säulen aufgestellt werden sollten; er konnte sich nicht enthalten, Manna im Voraus zu sagen, daß er zu ihrem Geburtstage im Herbst die Burg einweihen wolle; sie aber wünschte, daß dies unterbliebe. Das fortwährende Festefeiern und Schmausen sagte ihr nicht zu. Seit ihrer Rückkehr vom Kloster hatte Manna, wenn sie es ehrlich gestehen wollte – und sie wagte, sich Alles zu gestehen – am meisten Freude, daß sie ihre Hunde wieder hatte. Ja, sie schrieb einen Brief an die Oberin, worin sie fragte, ob man einen Hund mit ins Kloster nehmen dürfe; sie verbrannte aber den Brief wieder, denn sie stellte sich vor, wie lächerlich es sein müßte, wenn eine Nonne mit einem Hunde hinter drein durch den Garten geht, und nun gar, wenn jede Nonne ihren eigenen Hund hätte. Zum ersten Mal lächelte sie vor sich hin, dann aber stellte sie sich die Frage: Warum haben wir keine Thiere im Kloster? Erich traf sie, als sie auf der Bank saß und mit den Hunden sprach. »Finden Sie auch,« fragte sie, »daß solch ein Hund einen unsäglich traurigen Ausdruck in den Mienen hat?« »Wer ihn sucht, wird ihn finden. Die Mystiker sagen, daß das vom Sündenfall käme; seitdem habe alle Creatur einen elegischen Ausdruck.« Manna dankte, aber nicht mit Worten, nur mit einem Blick. Ein Wagen kam des Wegs daher; schon von ferne wehte ein weißes Tuch und Lina rief: »Manna!« Erich entfernte sich. Manna ging Lina entgegen, die ausstieg und den Wagen vorausfahren ließ. Sie erzählte, daß sie die Erlaubniß erhalten habe, bei Manna zu bleiben; die Eltern hätten Albert das Jawort gegeben, aber es müsse noch geheim gehalten werden. Lina war immer in heiterer Stimmung, wenn sie nicht unter dem zurechtweisenden Blicke ihrer Mutter stand; jetzt gar sprudelte ihr Herz über und sie rief: »Denke Dir nur, Manna, wie einfältig ich gewesen bin; ich habe mir einmal eingeredet, der Baron von Prancken habe mich lieb – nein, das habe ich eigentlich nicht geglaubt, aber ich habe mir eingeredet, ich hätte ihn lieb . . . Kennst Du Albert? Du mußt ihn kennen, er baut ja die Burg da droben. Damals, beim Musikfeste . . . ich hab' Dich gleich gesehen, ich habe Dir zugewinkt, Du hast mich aber nicht bemerkt . . . damals haben wir uns zum ersten Mal gegen einander erklärt. Ach, Du kannst Dir gar nicht denken, wie glücklich ich bin. Anfangs habe ich gar nicht mitsingen können, ich habe immer gefürchtet, ich sänge zu laut, dann aber habe ich doch mitgesungen. Ach, es war so schön . . . so schön! wir sind nur so geschwommen in den Tönen, und er singt auch ganz prächtig, freilich nicht so großartig wie Herr Dournay. Jetzt sage einmal, Manna, wie ist es Dir denn gewesen, als Du ihn singen gehört? Hast Du gewußt, daß er der Mann ist, nach dem Du mich gefragt hast damals als Du die Engelsflügel auf dem Rücken trugst?« Lina wartete nicht auf Antwort, sie fuhr fort: »Du hast mich gewiß auch gesehen, draußen am Ufer, wie ich zum ersten Mal am Arm meines Albert Dir begegnete. Ich habe Dich nicht ansprechen wollen unter den Nonnen und Schülerinnen, und ich hätte auch nicht dazu kommen können, Dir Alles zu sagen. Du nimmst es mir doch nicht übel, daß ich gethan habe, als ob ich Dich nicht gesehen? Ach, ich habe Alles gesehen . . . und Alles war so schön! Und bei Tafel da war es so lustig! Er hat mich einmal gefragt, warum ich plötzlich so traurig aussehe. Da habe ich ihm bekannt: ich hätte an Dich gedacht, wie Du jetzt wieder ins Kloster gehst und dort ist's so still und so dumpf, ich glaube, die Kreuzgänge haben alle den Schnupfen. Ach, warum kannst Du nicht auch lustig sein wie wir? Sei doch lustig! Es gibt nichts Besseres. Und Du hast doch Alles und kannst Alles haben auf der Welt. Sei doch lustig! . . . Ach, da fliegt eine Schwalbe! Die erste Schwalbe! O wenn ich nur fliegen könnte hinauf zu ihm auf die Burg und ihm guten Morgen sagen und immer wieder zu ihm fliegen und davon fliegen. Ach, Manna! Manna!« Dieser war es fremd, das lustige, flatternde Wesen der Jugendgenossin zu sehen und zu hören, sie konnte nichts erwidern; Lina schien das auch nicht zu erwarten, sie plauderte weiter: »Im Herfahren habe ich mir ausgedacht, wenn ich Du wäre, ich ließe eine Aufforderung ins ganze Land ergehen: In drei Tagen soll man mir alle Vögel bringen, die man einfangen kann. Dann bezahlte ich erschrecklich viel Geld dafür, und dann ließe ich alle Vögel wieder auf Einmal ins Freie fliegen. Nicht wahr, es ist Dir jetzt auch wie einem gefangenen Vogel, der wieder ins Freie kommt? Und gescheidt ist es von Dir, daß Du im Frühling heimgekehrt bist. Man tanzt zu viel, wenn man im Winter vom Kloster heimkommt. Vierzehn Bälle habe ich im ersten Winter mitgemacht und so viele, viele Kränzchen. Und wenn man dann seinen Schatz hat – Ach, Manna, Du glaubst gar nicht, wie schön das ist! Ich bitte Dich, sag mir nur auch Alles. Nicht wahr, Du willst nicht mehr Nonne werden? Glaube mir, sie wollen nur Dein Geld. Möchtest Du wol eine Baronin sein? Ich nicht. Alle Tage sich von der Sippschaft begnadigen lassen, wo man es nicht nöthig hat? Nein, das möchte ich nicht. Und hinterrücks wird man doch ausgelacht. Wenn eine Adelige eine Dummheit macht, da hat es gar nichts zu sagen, aber wenn Eines von uns eine Dummheit macht, hui! da ist gleich eine ganze Stadt und ein ganzes Land mit daran schuld. Ach, solch ein reiches Mädchen ist doch recht unglücklich dran! Da kommen die Männer und wollen ihr Geld heiraten und da kommen die Nonnen und wollen sie mit ihrem Geld zur Nonne haben. Glaube mir, wenn Du eine von jenen Frauen wärest, die jetzt die Kohlen aus dem Schiffe ans Land tragen – die Nonnen wollten Dich nicht, Du könntest noch einmal so gescheidt und so lieb und so gut sein, als Du bist. Nicht wahr, sie reden Dir ein, Du seiest zu einer Heiligen berufen? Glaub's nur nicht. Wenn ich die Leute so reden höre, wie schön es auf der Klosterinsel sei, da habe ich immer gedacht: Ja wohl, das ist recht schön, wenn man so vorbeifährt auf einer Lustpartie; aber da Nonne sein! – Ach, Manna, wenn ich Dir nur von meinem Glück geben könnte! Sei doch auch lustig! Gott im Himmel! Warum kann man nicht einem Andern von seiner Lustigkeit geben; ich hab' so viel – so viel! Und Dir möcht ich's am liebsten geben. Komm, hasche mich! Kennst Du noch unser altes Spiel: Alles was Flügel hat, fliegt? Komm, hasche mich!« Lina rannte mit flatternden Gewändern davon, aber als sie anhielt, sah sie, daß Manna ihr nicht folgte. Sie wartete, bis Manna zu ihr kam, und still gingen die beiden Mädchen mit einander nach der Villa. Viertes Capitel. Lina wohnte neben Manna, sie ging mit ihr zur Kirche, und wenn Manna auf dem Wege dahin und zurück sagte, sie spreche nicht gern am Morgen, blieb Lina dabei, Manna brauche gar nicht zu sprechen, sie solle nur sie allein reden lassen. Beim ersten Erwachen sang sie sofort ihre Scala, dann trällerte sie durchs Haus und fast zu jeder Stunde des Tages, wenn man nicht ausging oder wenn nicht Besuch da war, saß sie am Clavier im Musiksaal und sang unaufhörlich, Alles durch einander, ernst und traurig, classisch und modern, wenn es nur schallte. Auf ein thränenschweres Klagelied von Pergolese setzte sie einen übermüthigen Tiroler Jodler. Wenn man Lina zum Singen aufforderte, war sie immer sofort bereit; sie sang im Glauben, daß es den Menschen Ernst war, die sie aufforderten, und daß sie ihnen Freude mache. Ihre Stimme war von mäßigem Umfange, aber klar und hell wie ein Waldbach. Kam sie auf die Burg, so benahm sie sich gegen den Architekten so zurückhaltend, daß Niemand außer Manna etwas von dem Liebeseinverständniß bemerken konnte. Das ganze Haus war durch die Anwesenheit Lina's verändert, auch bei Tisch gab es viel Lachen. Schon während der Kirschenzeit hatte man aus den Treibhäusern auf Villa Eden frühreife Aepfel, und Lina hatte die Gewohnheit, daß sie nie einen Apfel schälte, sie biß muthig hinein und freute sich, daß sie das jetzt ohne Verweis der Mutter thun durfte; aus dem Blicke Sonnenkamps machte sie sich nichts; sie neckte den allgemein gefürchteten Unhold und fand ihn ganz manierlich und zahm. Lina aß wie ein gesundes Mädchen, das vom Felde kommt, während Manna nur wie gezwungen aß. Lina hatte Freude am Essen und hatte zu jeder Stunde Hunger; sie konnte immer, wie sie sagte, etwas zu sich nehmen, und wenn es ihr bei Tische schmeckte, sagte sie: »Manna, hast Du Dich nicht auch sehr gefreut, daß Du das Klosteressen los geworden? Das erste Essen daheim war mir ganz neu, und bei Euch ißt man sehr gut.« Auch Wein trank sie gern und wurde viel damit geneckt. Sie bat Erich, er möge sie vertheidigen, und dieser erklärte: Das kann ich. Es ist ein romantischer Aberwitz, wenn man es für schön hält, daß ein Mädchen nicht Freude an Speise und Trank hat. Mit Maßhalten Wein trinken paßt sich gewiß für ein weibliches Wesen. Ist Wein trinken nicht viel schöner als Fleisch essen, von einem Thiere sich nähren?« Alles lachte, nur Manna sah Erich wieder befremdet an. – Manna fühlte sich von der Anwesenheit Lina's wie aus dem Hause verscheucht. Nur bei der Professorin, vor welcher Lina eine heilige Scheu hatte, konnte Manna noch ein Alleinsein gewinnen; sie fühlte sich hier wie auf der Flucht geborgen, und auf dieser Flucht in das grüne Haus kam sie fast widerwillig der Professorin näher. Die gleichmäßige Seelenruhe wurde von Manna erkannt und sie lächelte wie erlöst, da die Professorin sagte: »Sie möchten wol, daß Lina zu mir ins Haus ziehe, Sie scheuen sich aber vor mir und vor ihr, das zu bekennen.« Manna gestand, daß sie nicht den Muth gehabt, ihren Wunsch auszudrücken. Schon am nächsten Tage siedelte Lina in das grüne Haus zur Professorin über; auch dort war sie bald lustig und guter Dinge, sie machte das ganze Haus fröhlich durch ihre Munterkeit. Wo sie ging, stand und saß, sang sie vor sich hin wie ein Vogel auf dem Zweig, aber es erquickte dem Hörenden das Herz. Die Tante begleitete ihren Gesang zum Clavier, und der Gesang ihrer glockenhellen Stimme war ganz frische Gesundheit, helle Freude; sie brachte Alles leicht hervor und jetzt in ihrer Liebe war ein Ton der Innigkeit in ihrem Gesang, den man nicht in ihr vermuthet hatte. Lina war sehr sorgfältig auf ihre Kleidung und betrachtete sich gern im Spiegel. Aber sich mit innerem Leben abquälen? »Fällt mir gar nicht ein,« war ihre beständige Redensart. Das lachte, sang und tanzte; Gestern ist nicht mehr und Morgen kommt von selbst. Das lebte so dahin, das war katholisch, weil man es einmal war und es viel zu unbequem ist, etwas daran zu ändern. Mitten unter all den Menschen, die Schweres in der Seele trugen und noch Schweres sich auferlegten, war Lina das einzige unbelastete Naturkind. Manna war immer noch nicht zutraulich gegen die Professorin, sie nannte sie Madame und sprach nur französisch mit ihr, wie sie es vom Kloster her gewöhnt war; doch gab sie auf alle Fragen offene Antwort. »Hatten Sie eine Freundin im Kloster?« fragte einmal die Professorin. »Nein, es ist nicht gestattet. Man soll sich nicht einem Einzelnen widmen, sondern Alle mit gleicher Liebe behandeln.« »Hatten Sie je zu einer der Damen ein besonders vertrauliches Verhältniß?» Manna nannte die Oberin. Die Professorin pries das thätige Leben derselben, denn es sei ein schöner Beruf, jungen Kindern Friede und Freude bieten, sie stark machen, damit sie die Schwere des Daseins überwinden. Manna nickte wie verklärt; dann schrak sie wieder zusammen. Ist das nicht die Versuchung? Will diese Frau in ihre Seele eindringen, um sie zu gewinnen und abwendig zu machen? Es war ein böser Blick, der aus dem jungen Auge auf der älteren Dame ruhte. Mißtrauen gegen die Menschen draußen in der Welt, zumal gegen die anderen Glaubens, war tief in die Seele Manna's gepflanzt worden. Dennoch kehrte sie auch jetzt noch immer zur Professorin zurück. Die freundliche Bereitwilligkeit, sich Anderen zu widmen, wirkte wie magnetisch auf sie und unversehens kam sie in ein vertraulicheres Verhältniß zur Professorin. Das Ringen und Kämpfen, in welches die jugendliche Natur des Mädchens versetzt war, offenbarte sich der Professorin. Sie saßen einst im Garten, sie hatten es glücklich abgelehnt, mit Lina, Roland und Erich auf dem Rhein zu fahren, da sagte Manna, scheu sich umsehend: »Warum soll es eine Sünde sein, sich an der Natur zu erfreuen?« Die Professorin antwortete lange nicht und Manna drängte: »Bitte, sprechen Sie doch.« »Ein Mann,« erwiderte die Professorin, »den Sie wol nicht so verehren wie wir, hat das Wort gesagt: Gott sieht ein freudiges Herz lieber als ein zerknirschtes.« »Wer ist der Mann?« »Lessing.« Manna bat um die Stelle. Sie erklärte sich stark genug, die Gedanken der sogenannten weltlichen Genies in sich aufzunehmen, ohne dadurch sich selbst zu verlieren. Die Professorin warnte und mahnte wiederholt, aber Manna blieb dabei, daß sie in die Welt zurückgekehrt sei, um Alles, was sich ihr darbiete, zu erkennen und dann frei entsagend Alles abzulehnen. Sie erklärte ihren festen Vorsatz, nicht die Gattin Pranckens zu werden, überhaupt keines Mannes Weib; sie war nahe daran, der Professorin zu eröffnen, wie sie sich einer Schuld opfern wolle, und dieses Opfer sei durch die Gnade des Himmels ein freies, sie selbst von allem Weltgelüste ablösendes. »Ihnen,« sagte sie mit thränendem Auge, »Ihnen könnte ich Alles sagen.« Es hätte nur eines Wortes, nur eines ermunternden Anrufes bedurft, und Manna hätte der Professorin Alles gesagt. Aber diese sprach sehr behutsam und jedes Wort wählend. Manna sollte keine Ahnung davon haben, daß sie das Geheimniß bereits wisse; sie gab nur zu verstehen, daß sie den Entschluß des Mädchens billige, den Schleier zu nehmen. Das im Kloster gepflanzte Mißtrauen erwachte wieder in der Seele Manna's. Diese Frau stimmte ihr nur bei, um sie desto sicherer zu machen. Als sie aber jetzt aufblickte und in das ruhig stille Antlitz der Professorin schaute, war sie nahe daran, ihr um den Hals zu fallen und um Verzeihung zu bitten, weil sie ungut von ihr gedacht. Fünftes Capitel. Manna ging regelmäßig zur Kirche, sie betete mit gleichmäßiger Innigkeit, aber eine eigenthümliche Scheu hielt sie vor dem Eintritt ins Pfarrhaus zurück. Sie wiederholte sich stets, daß ihr der Pfarrer gesagt, sie möge ihn eine Zeit lang vermeiden und sich selbst im Leben umthun. Oftmals mitten im Gespräch mit der Professorin überfiel sie ein Schreck, daß sie sich hier in ein fremdes Sein einwebe; sie glaubte wieder jenen Blick zu gewinnen, der über alle Erscheinungen der Welt hinwegsieht. Endlich raffte sie sich auf und ging zum Pfarrer. Der Pfarrer empfing sie freundlich und sagte, es müsse ihr zu Muthe sein, wie einem Menschen, der, nachdem er aus der Welt geschieden, wieder in dieselbe zurückkehren könnte, und nachdem er die ewige Herrlichkeit geschaut, nun sehe, wie es die Menschen treiben, wie sie unruhige Tage verbringen und die Nächte in schweren Träumen, sich beschwichtigen, betäuben. Er schärfte ihr ein, die Menschen recht mild zu betrachten, die Schlimmsten seien die, die da glauben, sie wissen, was sie thun; diesen zu verzeihen, sei am schwersten. Aber gerade aus dem Höchsten heraus müsse man ihnen am meisten vergeben, denn trotz ihres Klugredens wissen sie nicht, was sie thun, und wir könnten immerdar von ihnen sagen: Herr vergib ihnen. Es bleibt uns nichts, als für ihr Seelenheil beten, die ewige Gnade anflehen, daß ihnen das Heil aufgehe. Ohne einen Namen zu nennen, erklärte er, wie es Menschen gebe, die, scheinbar fromm und in sich befriedigt, auch sogenanntes Gutes thun und für ihre von dem Höchsten entfernten Gedanken sich die heiligen Worte borgen. Er schilderte die Professorin, ohne sie zu nennen. Er deutete auf Andere, die, des Wissens voll, immer und ewig vom Mittelpunkt abirren und, ohne selbst eines festen Zieles sicher, einen Menschen führen zu können vermeinten. Er bezeichnete Erich. Mit Behutsamkeit schilderte er dann die Weltmenschen, die den Herrn des Himmels und der Erde zwingen wollen, daß er es ihnen gut gehen lasse, und mit ihrem Spott alle Demuth verscheuchen. Er nannte geradezu den Doctor Richard und den Weidmann'schen Kreis, und doch zielte er dabei zugleich auf Sonnenkamp; nur durfte das Kind allein sich diese Ausdeutung machen. Manna sah aus dem Fenster, ihr Blick ging nach dem elterlichen Hause, dem Park und dem Garten und ihr war, als müßte Alles das versinken. Die Fluthen kommen herauf aus dem Rhein, die ewigen Wasser strömen wieder über das Festland . . . hier in dieser Stube allein ist die Arche Noah. Zaghaft, kaum die Worte hinhauchend, klagte oder vielmehr fragte sie, warum es ihr auferlegt sei, noch einmal in das Leben zurückzukehren. Der Pfarrer tröstete mild. Wie hier aus diesem Fenster ein Auge auf Alles da drunten schaue, ein Auge, das bald vergehen werde, so wache ein unvergängliches Auge über sie; sie solle ohne Furcht sich dem ganzen Treiben hingeben, aber in sich den Gedanken tragen, der Alles dies verschmäht und weit von sich entfernt weiß. Das sei die Prüfung, die ihr auferlegt sei. Er ging sogar weiter und wünschte, daß Manna ihn geraume Zeit nicht besuche, sie solle Wochen, Monate lang von ihm entfernt bleiben; sie solle noch keinerlei bindendes Gelübde nach Außen, auch nicht das des stetig wiederkehrenden Besuches haben; Alles solle ihr freier, fester, selbständiger Wille sein; ohne äußere Handreichung, auf sich allein gestellt, solle sie überwinden. Schüchtern fragte Manna, warum der Pfarrer nicht die Wohlthätigkeit in die Hand genommen habe, die nun die Professorin im Auftrage ihres Vaters in so weiten Kreisen übe. »Warum nicht?« rief der Pfarrer und sein Auge funkelte. »Wir können nichts in die Hand nehmen, was sich uns nicht gibt; und dann müssen die Weltlinge erfahren, daß die sogenannte Wohlthätigkeit ohne kirchliche Segnung in Nichts verfliegt. Mischen auch Sie sich nicht hinein, denn Sie können hier keine Gemeinschaft haben. Halten Sie fest, Sie sind hiehergekommen, nicht um Andere zu bekehren, sondern bei sich selbst einzukehren.« Tief erschreckt war Manna, da der Pfarrer ihr weiter sagte, er glaube nicht, daß sie dazu geschaffen sei, den Schleier zu nehmen; es wäre besser, wenn sie die Gattin Pranckens würde. Eine Röthe durchzog das Antlitz Manna's, sie wehrte mit beiden Händen ab, sie konnte kein Wort hervorbringen. Manna ahnte nicht, wie man mit ihr spielte. Bald das Eine, bald ein Anderes bestärkte sie in dem Gedanken, den Schleier zu nehmen, um dann eine Heirat mit Prancken als Befreiung erscheinen zu lassen und sie auf ewig zu Dank zu verpflichten. Ja, oft dieselben Menschen stellten ihr bald das Eine, bald das Andere als ihren eigentlichen Beruf dar. »Gut,« beschwichtigte der Pfarrer und legte ihr die Hand aufs Haupt, »gut, können Sie auch das überwinden, um so besser: aber wir rufen Sie nicht, wir verleiten Sie nicht, Sie allein müssen sich rufen, Sie allein sich leiten. Man wird kommen und Ihnen zuraunen: Die Pfaffen – so nennen sie uns – haben Sie mit den feinsten Künsten verführt. Ich habe Ihnen ins Herz gelegt, Sie sollen nicht dem Leben entsagen. Können Sie nicht anders, müssen Sie aus sich allein, dann sind Sie uns willkommen, aber nur dann.« Der Pfarrer war aufgestanden und ging in raschen Schritten auf und ab. Manna saß in sich erschauernd auf dem Sopha. Jetzt wendete sich der Geistliche um und sagte: »Sie werden erkennen, wie hoch wir Sie ehren, indem wir Ihrer eigenen Kraft Alles anheimstellen, der Kraft des Glaubens und der Entsagung in Ihnen. Und nun lassen Sie uns frei und heiter mit einander reden. Finden Sie auch, daß Herr Dournay ein bezaubernder Mensch ist? Sprechen Sie offen und gradaus, als sprächen Sie mit sich selbst.« »Ich weiß es noch nicht zu sagen, ich möchte glauben, daß etwas in ihm ist, was ihn zu einem edeln Werkzeug des heiligen Geistes machen könnte.« »So? Also das finden Sie? Das ist die Kunst des Versuchers, daß er die Gestalt des Reinen annimmt, Pflicht und Hoffnung der Bekehrung so lockend hinstellt, daß das arme Menschenkind nicht merkt, wie es bereits dem Bösen verfallen. Also diese Gestalt nimmt er an in Ihnen? Ich rathe Ihnen, versuchen Sie es, diesen Falschmünzer zum Rechten zu bekehren. Versuchen Sie es, und haben Sie es vollbracht, sind Sie größer als ich ahnte; haben Sie es verfehlt, sind Sie geheilt für immer. Weise ist der Weg der Vorsehung, die Ihnen diesen Menschen unter das Auge führte und den Gedanken ins Herz pflanzte, ihn bekehren zu können. Doch nein! Glauben Sie mir, das ist nicht Ihre Aufgabe. Diese Selbstbegucker haben nur den kurzen Blick.« Er hielt eine Weile inne, dann sagte er lächelnd: »Denken Sie sich einen Menschen, dessen Auge nicht so weit reicht, daß es die Sterne sieht, und Sie sprechen ihm von der Pracht des gestirnten Himmels. Diese sogenannten Gebildeten sehen nichts als sich selbst im Spiegel, ihr Blick reicht nicht weiter, sie können Gott nicht sehen.« Wieder ging der Pfarrer starken Schrittes auf und ab. Manna wußte nichts mehr zu sagen und wußte auch nicht, wie sie aus dieser Stube wieder heimkehren, wieder vor die Augen der Menschen treten solle, die ihr wie Schatten, wie Verkleidung des Versuchers erscheinen sollten. Mit mildem Ton wendete sich der Pfarrer wieder zu ihr und sagte: »Nun gehen Sie, mein Kind. Gott mit Ihnen.« Er segnete sie und Manna ging. Mit einer anspannenden Kraft, all das Leben nur wie ein Spiel zu nehmen, wie eine Versuchung, der man sich nicht entziehen dürfe, widmete sie sich ihrer Umgebung. Sechstes Capitel. Niemand als seine Mutter ahnte, daß mit Erich eine Wandlung vorging. Ehedem so mittheilsam, war er jetzt, namentlich in Anwesenheit Manna's, von großer Behutsamkeit, als befände er sich in der Nähe eines Wesens, das man nicht wecken und nicht stören dürfe. Bald aber wurde die Wandlung im Verhalten Erichs noch von einem andern, schärfer lauernden Blicke wahrgenommen. Bella kam, um ihre Schwägerin zu begrüßen. Sie hatte die Gewohnheit, diejenigen Mädchen, die sie begünstigte und denen sie ihre Huld zeigte, um die Hüfte zu fassen und so mit ihnen zu lustwandeln, aber so oft sie das bei Manna versuchte, machte diese immer eine Bewegung, wie wenn sie sie abschütteln müsse, ja sie sagte endlich Bella geradezu, es sei ihr das peinlich. Bella lächelte, innerlich aber war sie empört. In diesem Hause, in diesem Garten mußte sie Ablehnungen erfahren, die sie nie für möglich gehalten. Sie zeigte jedoch keinerlei Verletztheit. Manna entschuldigte sich, daß sie die Freundlichkeit nicht erwidere, denn es sei ihr Vorsatz, keinerlei Besuche zu machen. Bella hielt sich nur noch bei der Professorin und Claudine auf, dann kehrte sie nach Wolfsgarten zurück mit dem Entschlusse, dieses Haus mit Allem, was darin, fortan als nicht vorhanden zu betrachten. Wollte Otto sich von hier die Gattin holen, so war das seine Sache. Sie glaubte nur ihren Bruder aufmerksam machen zu müssen, wie in der beiderseitigen Zurückhaltung, die Manna und Erich bewahrten, der Keim eines tieferen Verhältnisses liege. Nicht ohne Bosheit entgegnete Prancken, daß der Hauslehrer bei weitem nicht so gefährlich sei, als er seiner Schwester erscheine, zumal nicht für eine fest im Glauben stehende Natur. Prancken reiste viel ab und zu, und so oft er kam, brachte er eine Belebung mit. Dem Blicke Manna's entging es aber nicht, daß er nur Kunststücke machte, aber kein Künstler war, daß er geistreich spielen konnte, aber keinen productiven Geist hatte; er hatte etwas Unstetes, Abspringendes; dies wurde um so auffälliger, wenn Erich zugegen war. Prancken war nie verlegen, ein spitzes Wort anzubringen, aber er konnte nicht ausführlich erörtern; neue Themas verwirrten ihn, er brachte nicht dazu Gehöriges vor, während Erich gerade durch ein ihm entgegengehaltenes Denken immer lebendiger, frischer und fruchtbarer wurde. Prancken erschien oftmals schal und abständig, er fühlte das und es reizte ihn; der Umgang mit ihm hatte etwas Beängstigendes und unter vieler zur Schau getragenen Freundlichkeit verbarg sich fast immer eine verbissene Feindseligkeit. Er glaubte jetzt auch eine Uebereinstimmung zwischen Erich und Manna zu entdecken. Manna wie Erich war die Hervorhebung des Allgemeinen, der reinen Idee stets näher als das Persönliche, ihr ergab sich solches aus Religion, ihm aus Erkenntniß. Anfangs hatte sich Manna fremd und theilnahmslos, ja mit einem gewissen Trotz, wie zu einem Widersacher benommen, allmälig aber erkannte sie die ungebrochene Kraft der Wahrhaftigkeit in seinem Wesen. Wenn Prancken stritt, gab er seine Behauptung immer so, als ob Alles, was er sagte, unwiderleglich wäre; Erich dagegen suchte immer zuerst die richtige Fragestellung zu erzielen, denn das sei das Beste, wodurch man zum wirklichen Ergebniß komme. »Fragen und Entbehren,« setzte er lachend hinzu, »bezeichnet schon der alte Philosoph Epictet als die Weisheitslehre.« »Wer ist Epictet?« konnte da Manna fragen, und indem Erich das Leben dieses Stoikers, der Sklave in Rom gewesen, sich zum Philosophen entwickelt und in der Weise des Sokrates gelehrt hatte, kurz darlegte und eigenes Denken daran knüpfte, sah Manna mit Schrecken, wie sie in Vielem Eins mit ihm war; ihre Götter waren nicht die gleichen, aber ihre Andacht war die gleiche. Prancken war eifersüchtig, wenn er bei den Auseinandersetzungen Erichs die theilnahmsvollen Mienen Manna's sah; er suchte nun oft die Ketzerei Erichs herauszulocken, damit Manna sich von ihm abgestoßen fühle. Es war zwischen den beiden Männern oft, als kämpften sie wie im Turnier um den Siegespreis vor Manna's Augen. In solcher Stimmung geschieht es leicht, daß unscheinbare Ereignisse zum Ausgangspunkt eines hitzigen Kampfes werden. So war es, als eines Tages Prancken in lustigem Ton erzählte, heute sei eine Wallfahrt des gesammten Landvolkes nach dem Bahnhofe, denn man erwarte mit dem Abendzuge die Liste der Dombaulotterie, und Jeder der armen Leute, Knechte, Mägde, Winzer, Steinbrecher und Schiffer hoffe auf das große Loos. Manna hatte auf den Lippen, zu sagen, daß sie dem Krischer Geld gegeben habe, um sich ein Loos frei zu machen, aber sie kam nicht dazu, denn Erich konnte sich nicht enthalten, auszurufen: »Diese Lotterie ist eine Ungeheuerlichkeit, eine Schmach für unsere Zeit.« »Wie? Was sagen Sie?« Erich suchte abzulenken; aber Manna bat: »Dürfen wir nicht wissen, welchen Widerspruch Sie gegen diese Einrichtung hegen?« »Ich würde es nicht gern aussprechen.« »Herr Hauptmann,« drängte Prancken, »wollen Sie uns nicht die Gunst erweisen, Ihre Ansicht mitzutheilen? Es wäre sehr freundlich von Ihnen, wenn Sie uns belehren und Ihren Widerspruch erklären wollten.« Erich merkte, wie er gereizt und gestachelt werden sollte, aber er hatte Selbstbeherrschung genug, mit ruhigem Bedacht zu erwidern: »Vor Allem bitte ich, im Auge zu behalten, daß katholische wie protestantische Dome auf diesem entsetzlichen Wege ausgebaut werden sollen.« »Warum so entsetzlich?« fragte Manna. »Ja, weiter, weiter!« drängte Prancken. »Erlauben Sie mir, nicht so eilig zu sein,« entgegnete Erich, »ich muß weiter ausholen.« »Immerzu, immerzu!« stachelte Prancken und zwirbelte seinen Schnurrbart in die Höhe. »Die größten Dome,« begann Erich, »sind unfertig; im Schooß der Erde ruhen tausend und tausend Hände, die einst die Andacht bewegte, daß sie Steine gruben, hoben, meißelten und fügten; gewiß waren auch gedankenlose Arbeiter dabei, aber die Andacht hatte sie in Bewegung gesetzt, die Andacht derer, die das Geld spendeten, die Andacht der Werkführer, die ein Gotteshaus bauen wollten. Nun aber wird in die Welt hinausgerufen: Du Knecht, Du Magd, Du Handwerksgesell, komm her, hier ist ein Lotteriezettel, kostet nur einen Thaler, damit kannst Du Tausende gewinnen und nebenbei auch eine Kirche bauen helfen! Wie kann man in einem Baue das heilige Wort verkünden, wenn der Bau aus Gewinnsucht der Menschen errichtet ist? Sie lächeln, Sie denken, es schadet dem Knecht und der Magd nichts, daß sie den Thaler verlieren; aber ich frage, schadet es nicht ihrer Seele, daß sie auf Lotteriegewinn hofften? Wie wäre es, wenn man in den Eckstein der neuen Bauten einen Lotterieplan einfügte? Die Geschlechter künftiger Jahrhunderte werden schwerer daran entziffern, als wir an den Ueberresten der Pfahlbauten. Was war denn das für ein Geschlecht, das eine Kirche baute auf Lotteriegewinn? werden sie fragen . . . Tetzels Ablaßkram war weniger widersprechend, da gab man Geld für Büßung der Sünden, das war ein mißverstandenes sittliches Motiv, aber doch immer ein sittliches Motiv. Hier aber . . .« »Ich hatte gedacht,« fiel Sonnenkamp ein, »daß Sie die Schönheit an sich, die Ausführung des schönen Baues für ein sittliches Motiv hielten.« »Eine Kirche,« entgegnete Erich, »kann nicht blos als schönes Kunstwerk ohne den damit verbundenen Zweck der Andacht angesehen werden, und diese Andacht wird im Innersten verletzt; es ist ein Widerspruch, ein unheiliges Mittel für einen heiligen Zweck anzuwenden; das Unangemessene ist das innerlich Unschöne.« Prancken war empört und verlegen zugleich, da er sah, daß Manna sinnend drein schaute. Was hätte er erst empfunden, wenn er geahnt hätte, was in ihr vorging? Der Ketzer Erich hätte mit all seiner Philosophie ihr kein Dogma antasten können; da war kein Hebel, der einen festen Fels bewegen konnte; nun aber hatte er im Angriff gegen ein scheinbar Nebensächliches ihr Vertrauen in die sittlich schönen Maßnahmen derer erschüttert, die für sie die Welt des Geistes darstellten. Alles, was die Religion betraf, war fest und abgeschlossen, aber es rüttelte in Manna, daß man nach Geld strebte. Sie verachtete das Geld wie einen gefährlichen Feind. Und »Geld – Geld!« klang es wieder in ihr. »Ist Geld die Verführung?« Prancken raffte sich zum Worte auf: »Ich meine, wer nicht im Glauben steht, sollte nie eine andere Glaubensform attaquiren.« »Das sollten wir nicht?« entgegnete Erich. »Und wir werden doch attaquirt. Die Demuth ist eine Tugend, aber sie ist die Tugend des Belagerungszustandes. Ich weiß, daß wir noch keine feste Formel zu geben haben. Wir stottern noch am Worte der Erlösung. Soll aber das Kind, weil es noch nicht sprechen kann, darum nicht seine Wünsche durch Klagetöne kundgeben?« »Dieselbe Religion,« warf Prancken ein, »die die Dome gebaut, hat auch das Gebot der Liebe der Welt verkündet. Ist Ihnen auch diese ein Gräuel?« Ruhig erwiderte Erich: »Hoch und heilig ist uns das Gebot der Herzensläuterung, der Liebe, aber Liebe ist Genie des Herzens, dagegen thätige Hülfe läßt sich befehlen, läßt sich erziehen. Das große Wort: Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst, ist zur Heuchelei geworden; man sagt, ich liebe meinen Nächsten, aber ich habe nichts für ihn zu thun. Unsere Lehre heißt zunächst: Hilf Deinem Nächsten wie Dir selbst. Liebe ist eine Art musikalischer Empfindung, die geheuchelt werden kann, Hülfe nicht; darum führen wir das Wort weiter: hilf Deinem Nächsten wie Dir selbst. Und Du selber mußt es thun, denn wir stehen auf dem Grundsatz: es gibt keine Stellvertretung im Reiche der Sittlichkeit, da ist allgemeine Wehrpflicht Urgesetz.« »Das haben Sie schon einmal gesagt,« warf Prancken ein. »Ich glaube, daß wir das gleiche Recht haben, wie die, die uns gegenüber stehen, die auch nicht immer Neues vorbringen. Das Sonnenlicht ist heut wie gestern und . . .« Da stürzte Roland athemlos herein und rief: »Erich, Du sollst gleich kommen, der Krischer ist da; er ist wie wahnsinnig und sagt, Du allein sollst entscheiden.« »Was ist denn geschehen?« »Auf das Loos des Siebenpfeifer ist ein Hauptgewinn gefallen, und der Krischer sagt, das Geld gehöre ihm. Komm, der Krischer ist wie rasend.« Erich ging nach dem Hofe. Dort saß der Krischer auf einer Hundehütte und sah jämmerlich zu Erich und Roland auf; er sprach lallend durcheinander, man konnte nicht klug daraus werden; nur das war deutlich, daß der Siebenpfeifer Geld gewonnen hatte und daß der Krischer behauptete, es gehöre ihm. Auch Sonnenkamp, Prancken und Manna erschienen auf der Treppe, und jetzt schrie der Krischer, Manna müsse ihm bezeugen, daß sie ihm Geld für das Loos gegeben habe, er habe nur vergessen, es zurückzukaufen. Erich suchte ihn zu beruhigen und versprach, ihn zum Siebenpfeifer zu begleiten; er bat Sonnenkamp um die Erlaubniß, anspannen zu lassen. Roland drängte, daß er mitfahren dürfe. Der Krischer setzte sich zum Kutscher auf den Bock, und so fuhren sie nach dem Dorf zum Siebenpfeifer. Vor dem Hause trafen sie den Küfer, der Erich erzählte, daß ihn der Siebenpfeifer so eben aus dem Hause gewiesen habe, da er für seine Tochter einen anderen Mann suchen könne und sie vor Allem nicht dem Sohne des Krischers gebe, der ihm vor der Welt sein Besitzthum streitig machen wolle. »Ist's denn wahr, Vater, daß das Loos Euch gehört hat?« »Ja gewiß, und es gehört mir noch.« »So, jetzt verstehe ich erst,« sagte der Küfer und ging davon. Im Haufe des Siebenpfeifers trafen die Ankömmlinge große Verwirrung; die älteste Tochter weinte, die anderen Kinder rannten durcheinander. Endlich kam man zu einiger Ruhe. Der Siebenpfeifer sagte, er lasse sich einstweilen nicht verrückt machen, er bleibe allerdings nicht mehr Taglöhner in den Weinbergen, vorläufig thue er einmal ein Jahr lang gar nichts; es würde sich dann schon finden, was er anfange. Die Kinder sprangen und jubelten durcheinander, der Siebenpfeifer rief sie zusammen, sie sollten singen, aber Keines wollte mehr; das sei jetzt vorbei. Erich sagte, daß der Krischer vor dem Hause warte. Kaum hatte er das gesagt, als der Siebenpfeifer das Fenster aufriß und dem ehemaligen Kameraden auf die Straße hinab zurief: »Wenn Du nicht gleich davongehst und noch ein einzig Mal einen rothen Heller von mir verlangst, so schlage ich Dir alle Knochen entzwei. Jetzt weißt Du, was Du bekommst!« Kein Zureden half, der Siebenpfeifer blieb dabei, daß er dem Krischer nicht gebe, was man in einem Auge leiden könne. Traurig gingen Roland und Erich davon. Sie kamen nach dem Hause des Krischers, er lag auf der Bank und schlief. Die Frau klagte, daß er schwer betrunken heimgekommen sei, und auch der Küfer sei ganz wie verwirrt. Auch hier konnten Erich und Roland nichts helfen. Auf dem Heimwege war Roland tief nachdenklich über die Verwandlung, die der Geldgewinnst unter diesen Menschen hervorgebracht; noch am Morgen beim ersten Erwachen sagte er: »Wie nur der Krischer und der Siebenpfeifer heut erwacht sein mögen?« Man schickte einen Boten nach dem Dorf und hörte zur Beruhigung, daß Beide wieder gleichmäßig weiter lebten; nur die älteste Tochter des Siebenpfeifers hatte ihr elterliches Haus verlassen und wohnte beim Krischer. Siebentes Capitel. Manna war freundlich gegen alle Menschen, aber Niemand ahnte den Grund dieser Freundlichkeit. Alle Menschen erschienen ihr so arm, verloren, gefangen. Was zu ihr gesprochen wurde, hörte sie immer mit einem Gedanken, der daneben stand. Das sprichst Du, das Weltkind, sagte dieser Nebengedanke. Wenn sie sich an einer Lustfahrt betheiligte, war es beständig, wie wenn etwas in ihr sagte: Das bist nicht Du, es ist nur Deine Erscheinung, die das mit unternimmt, Du selbst bist in einer ganz andern Welt – drüber, draußen. Jedes war erquickt von ihrer Freundlichkeit, von ihrer Sanftmuth, von ihrem treuen Anhören, und doch war es, wie wenn ein Theil ihres Wesens allem dem nur geliehen wäre; sie war nicht selbst und nicht ganz dabei. Manna saß zu Pferde und ritt mit Prancken, Erich und Roland in der Gegend umher. Auch Sonnenkamp schloß sich auf seinem großen Rappen manchmal den Reitern an; es war ein heiteres Treiben und ein ehrenvolles zugleich, denn überall begegnete man einer Ehrerbietung, die nicht nur von denen gegeben wurde, die die Professorin und Fräulein Milch beschenkt hatten, sondern auch von den Wohlhabenden und Unabhängigen. Wo man einkehrte und anhielt, empfing man neue Bestätigung, daß die ganze Gegend stolz war auf einen Mann wie Sonnenkamp. Eines Tages ritten Manna, Prancken, Roland, Erich und Sonnenkamp die schöne mit Nußbäumen eingehegte Straße dahin. Manna, die mit ihrem Vater und Prancken vorausritt, streichelte ihr schönes weißes Pferd und Prancken war glücklich, daß das Pferd seiner Herrin sich würdig zeigte. Im Vorüberreiten riß sie ein Nußblatt ab und erzählte, Erich finde es eine unschöne Neuerung, daß die Anpflanzungen an den Straßen nur noch Linden oder andere Holzbäume seien; der Nußbaum gehöre zum Rhein, er sei schön und ergiebig und biete zuletzt noch übermüthigen Knaben eine herbstliche Beute. Da sahen sie eine Procession daher kommen. Manna hielt so plötzlich an, daß sie fast vom Pferde stürzte. Sie stiegen ab, auch Erich und Roland mußten absteigen. Die Reitknechte führten die Pferde bei Seite; Manna ging mit der Procession und sang mit den Wallfahrern, auch Prancken sang laut. Bei einer Capelle am Wege kniete Manna nieder und Prancken kniete neben ihr. Erst als sie sich aufrichtete, sah sie, daß Prancken allein bei ihr war und die Andern sie verlassen hatten; sie warteten in einem Feldwege bei den Reitknechten, die die Pferde hielten. Die Procession zog davon; Manna und Prancken waren allein; von ferne tönte das Murmeln der Wallfahrer. Prancken hielt die Hände gefaltet und schaute Manna wie betend an. »Manna,« begann er – er nannte sie zum ersten Male so – »Manna, so soll unser Leben sein! Die Gnade des Himmels, daß wir getragen vom Besitze, von edlem Namen, uns frei erheben dürfen, erkennen wir, sind aber jeden Augenblick bereit, mit unsern Brüdern und Schwestern uns zu vereinigen, die in groben Schuhen und barfuß die heiligen Wege gehen. Manna, so wollen wir leben!« Er ergriff ihre Hand, sie ließ sie ihm eine Sekunde, dann zog sie sie zurück und er fuhr fort: »Noch habe ich Ihnen nicht gesagt, daß auch ich mit dem Entschlusse rang, der Welt zu entsagen. Auch Sie haben gerungen, groß und fromm, und sind in die Welt zurückgekehrt; ich lege mein Herz, meine Seele, mein Seelenheil in Ihre Hand . . . treten Sie mit mir in die Capelle.« Er faßte nach ihrer Hand, aber in diesem Augenblicke rief Erich: »Fräulein Manna!« »Was gibt's? Was wollen Sie?« fuhr Prancken auf. »Fräulein Manna, Ihr Herr Vater läßt Ihnen sagen, daß dort ein bequemer Markstein sei, von dem aus Sie wieder zu Pferde steigen können.« »Ich reite nicht mehr, ich gehe zu Fuß nach Haus,« erwiderte Manna, und – wußte sie es, daß Prancken ihr nicht folgte, oder wußte sie es nicht – sie ging mit Erich weiter. Erst nach einer guten Strecke wendete sie sich zurück, und da sie Prancken noch regungslos auf seinem Platze stehen sah, rief sie, er möge doch auch kommen. Trotz alles Zuredens stieg sie nicht wieder zu Pferde, sie ging den weiten Weg in dem schweren Gewande zu Fuß. Sie sprach kein Wort mehr, ein seltsamer Trotz lag auf ihrem Gesichte. In ihrem Zimmer angekommen, verschloß sie sich und weinte und betete. Jetzt war der Kampf da und sie erschien sich waffenlos; Prancken hatte ein Recht, so zu ihr zu sprechen. Und ist es vielleicht nicht doch besser, sie gehört dem Leben an? Es war ihr, als müßte sie Erich fragen, wie er ihre Wandelbarkeit beurtheile. In schweren Kämpfen rang sie und gewann nur das Eine: sie wollte nicht mehr durch Zerstreuung ihr eigen Selbst sich entwenden lassen. Auf den Abend war eine Kahnfahrt verabredet. Manna, die zugesagt hatte, lehnte jetzt die Mitfahrt ab. Sie stand am Fenster ihres Zimmers, sie öffnete das Fenster nicht, sie wünschte, daß es vergittert sei. Sie sah die Männer und Frauen auf dem Strome herabkommen, Lina sang hell und eine schöne Männerstimme begleitete ihren Gesang. Wer ist das? Es ist nicht Prancken, nicht Roland; nur Erich kann es sein. Drunten auf dem Kahn aber bat Lina, daß Erich die Schubert'sche Melodie des Harfnerliedes singe; Erich fand es widersprechend, das, was in Einsamkeit und Nacht von einem schwer Beladenen ausgeklagt wurde, hier in froher Gemeinschaft auf dem Rheine laut werden zu lassen. Aber Lina ließ nicht ab und Erich sang: Wer nie sein Brod mit Thränen aß. Die Ruder hielten an, die Stimme Erichs tönte das Herz durchschütternd. Er machte eine kleine Pause und ging dann auf die Worte über: Ihr führt ins Leben uns hinein, Ihr laßt den Armen schuldig werden, Dann überlaßt Ihr ihn der Pein: Denn alle Schuld rächt sich auf Erden. Ohne Auflösung, auch musikalisch in der Schwebe gehalten, schließt die Weise Schuberts wie Goethe's Wort. Als der Kahn an der Villa vorüberglitt und droben Manna die Schlußworte hörte, warf sie sich nieder und bedeckte das Antlitz mit beiden Händen. Da klang's: Denn alle Schuld rächt sich auf Erden . . . Stunde um Stunde verging; da wurde an der Thür geklopft. Manna erwachte; von der Müdigkeit des Körpers und der Seele überwältigt, war sie eingeschlafen. Roland und Lina riefen sie, wie träumend ging sie hinab zur Gesellschaft. Es war ihr, als wäre es Morgen und doch war es Nacht; sie kam sich wie gefangen vor von all den Menschen, die sich ihr doch in Liebe zuwendeten. Wie um sich selbst zu überwältigen, machte sie den Vorschlag, daß man jetzt in der Mondnacht nochmals auf dem Rhein fahre. Sie bat Lina, ein Lied zu singen, aber diese erwiderte, sie könne nicht so schön singen wie Herr Dournay. »Bitte, singen Sie,« wendete sich Manna an Erich. »Ich kann jetzt nicht,« entgegnete er. Die erste Bitte, die sie an ihn richtete, schlug er ihr geradezu ab. Sie war anfangs gekränkt, dann aber freute sie sich. Es ist besser so, er soll Dich nichts angehen; Du mußt wieder die rechte Stellung zu ihm gewinnen. Und um zu zeigen, daß die Unfreundlichkeit sie nicht verletzt habe, war sie heiter wie noch nie. Als man von der Fahrt zurückkam, ging Sonnenkamp den ans Land Steigenden entgegen und verkündete, daß eben der Siebenpfeifer ihm im Vertrauen mitgetheilt habe, die Schiffer, für die er die wohlthätige Anstalt gegründet, würden ihm einen Dank darbringen. Achtes Capitel. »Ein Haus ohne Tochter ist wie eine Wiese ohne Blume,« sagte der Major, der mit der Professorin und Sonnenkamp zusah, wie auf der Wiese, die von der Villa nach dem grünen Hause führte, die jungen Leute mit Reifen spielten. Lina hatte es dahin gebracht, daß Manna theilnahm, und im Verein mit der Kammerfrau es auch vermocht, daß sie ein sommerlich hellfarbiges Kleid und im Haar ein dunkelrothes Sammetband trug, wodurch ihr reiches schwarzes Haar als voller Schmuck erschien. Im weiten Kreise standen die jungen Leute, schnellten bunt umwickelte Reifen in die Luft und fingen sie mit seinen Stäbchen auf. Auch der Architekt war dabei; er war auf den besonderen Wunsch Manna's geladen worden, Niemand außer ihr und Lina wußte, warum das geschehen. Roland hatte gebeten, daß Erich mitspiele, er weigerte sich anfangs, aber Lina zog ihn in den Kreis und rief: »Wer nicht mitspielt, hat eine Perrücke und fürchtet, sich zu verrathen.« Prancken grüßte mit seinem Stabe fast militärisch, als wäre es ein Degen. Nun war lustiges Lachen und Springen auf der Wiese und eine volle Augenlust, die schönen Bewegungen Rolands, noch mehr aber die Manna's zu sehen. Wenn sie emporblickte und einen Arm ausstreckte, war es, als ob ihr Auge nach etwas Anderem gerichtet wäre, als stände sie in einer Verzückung und es müßte nicht ein Reif, sondern irgend eine Himmelserscheinung kommen, die sie festhielte. Rechts von ihr hatte sich Prancken, links Erich aufgestellt; Prancken warf so geschickt, daß sie den von ihm geworfenen Reifen stets auffing, Erich dagegen warf entweder zu hoch oder zu tief, sie mußte sich stets bücken, um den Reifen vom Boden aufzunehmen. Roland und Lina spotteten über seine Ungeschicktheit, aber es schien fast, als ob er es absichtlich thäte, denn bei dieser Bewegung zeigte sich die Anmuth Manna's immer auf's Neue. Ein besonderes Kampfspiel war zwischen Lina und Roland, sie rang mit dem Jüngling, als wäre sie selbst ein wilder Knabe, sie suchten einander niederzuwerfen beim Auffangen eines aus der Linie geworfenen Reifens. Roland ward nicht zu Falle gebracht, er schlüpfte behend unter allen Angriffen durch, und der Architekt lächelte, indem er die rehbraunen Stiefeletten Lina's betrachtete. Als Erich einmal rasch vorstürzte, um den sich zur Seite verirrenden Reif, den Manna geworfen, noch aufzufangen, fiel er der ganzen Länge nach auf die Wiese. Manna lachte laut auf. Kaum hatte Lina dies gehört, als sie in die Hände klatschte und rief: »Die Prinzessin ist erlöst! Herr Hauptmann, Sie haben sie erlöst! Manna ist die Prinzessin gewesen, die nicht lachen kann. Wie wollen wir den Ritter heißen, der sie uns erlöst hat?« Erich verstand es, seinen Unfall zu einem Scherz zu machen. Noch nie hatten die Wangen Manna's von solcher Röthe geglüht wie heut; der Bann, der auf ihr lag, schien gelöst, ein einziges Lachen, ein tiefes, herzliches, kindisch volles, hatte ihr eine Belebung gegeben. Lina ging zu Herr Sonnenkamp und sagte: »Hoher Fürst! Der Ritter, der die Prinzessin zum Lachen gebracht, dessen Ruhm muß der König durch den Herold vom Thurm der Lichtenburg herab durch alle Lande verkünden lassen.« Sie ahmte dem Herold nach. Jetzt war Lina ganz in ihrem Element. Sobald es eine Lustbarkeit gab, eine Neckerei, war sie klug, erfinderisch, übermüthig, voll überraschender Einfälle; sobald man aber in ein ernstes Gespräch einlenkte, saß sie immer da, folgsam und demüthig, aber ihr Blick sagte: Das ist gewiß recht schön, was ihr da sagt, aber mir schmeckt es nicht; und daß die Menschen von all dem Gescheidtreden gesünder und lustiger geworden sind, habe ich noch nie gesehen. Man kehrte in die Villa zurück. Lina hatte ihren Hut an einen Strauch gehängt, der Architekt trug ihr denselben nach, er streichelte die braunen Knüpfbänder und betrachtete das braune Strohgeflecht und die künstlichen herbstlich bereiften braunen Weinblätter. Er übergab Lina den Hut und unter demselben drückten sie einander die Hand. Der Architekt sagte, er müsse nochmals nach der Burg, um Anordnungen für den nächsten Tag zu machen. Nur eine Sekunde sah Lina nachdenklich dem Davongehenden nach, dann sprang sie behend die Freitreppe hinan in den Musiksaal, setzte sich ans Klavier und spielte zum Tanze auf, denn getanzt mußte heute auch noch werden. Als nun Prancken Manna scherzend zum Tanze aufforderte, sprang Lina vom Klavier auf. »Nein, das geht nicht! Zuerst kommt der Ritter von der ins Gras gefallenen Philosophie, der die Prinzessin erlöst hat.« Lina that es nicht anders, Manna mußte zuerst mit Erich tanzen. Claudine war bereit, aufzuspielen, so daß Lina nun auch tanzen konnte. Mit einem schelmischen Knix forderte sie Herrn von Prancken auf und tanzte mit ihm hinter Erich und Manna drein. »Ich begreife gar nicht, daß ich tanze,« sagte Manna, während sie sich wie schwebend am Arme Erichs durch den großen Saal drehte. »Ich auch nicht,« erwiderte Erich. Claudine mußte immer weiter spielen, denn Prancken forderte Manna auf; sie athmete noch hastig, er hielt sie eine Weile an der Hand, bevor er sich mit ihr im Kreise drehte. Roland tanzte mit Lina und wollte gar nicht aufhören. Sonnenkamp sagte zur Professorin, wie gut sich das Alles nun gefügt, er hätte nimmermehr geglaubt, daß sein aus dem Kloster heimgekehrtes Kind in diesem Saale vor ihm tanzen würde. Er hatte zu Frau Ceres geschickt, sie möge doch auch zusehen. Sie kam, und nun mußten Prancken und Manna noch einmal vor ihr tanzen. Sonnenkamp pries es als einen guten Gedanken seiner Frau, Manna zu Ehren einen großen Ball zu geben, diese aber wehrte entschieden ab. Lina bat leise die Eltern, man solle heute Manna nicht weiter bedrängen, sie werde schon Alles zu Stande bringen. Nach dem Abendessen wünschte Lina, daß man noch einmal tanze, sie wollte, daß man heut gar nicht schlafen gehe. Sie hatte das ganze Haus und vor Allem Manna in neues Leben gebracht. Sie war so voll übersprudelnder Heiterkeit, daß selbst Erich, der sie bisher gleichgültig betrachtet hatte, sich ihr freundlich näherte. »Ja,« sagte sie, »damals, wissen Sie noch? Hätten Sie damals geglaubt, daß Sie mit dem geflügelten Wesen tanzen würden? Nicht wahr, sie ist ein himmlisches Geschöpf? Ach, und wenn Sie sie erst wieder so lustig sehen. Ich freue mich darauf, wie Sie verliebt in Manna werden . . . so verliebt, schrecklich verliebt. Wollen Sie mir etwas versprechen?« »Was denn?« »Daß Sie am ersten Tage, wenn Sie verliebt sind, es mir sagen.« »Wenn ich mich nun aber in Sie verlieben würde?« »Ach, gehen Sie, ich bin viel zu dumm für Sie; für Herrn von Prancken wäre ich gescheidt genug gewesen, aber ich bin versorgt und aufgehoben. Hat Ihnen Manna noch nichts von mir gesagt? Haben Sie noch nichts errathen?« Erich verneinte und Lina fuhr fort: »Thun Sie es mir zu lieb und schnappen Sie Manna dem Baron Prancken weg.« »Warum lacht Ihr denn so sehr?« trat Manna bei diesen Worten auf die Beiden zu. »Sagen Sie es ihr,« neckte Lina. Als Erich schwieg, fuhr sie fort: »Er kann Dir's sagen, aber er ist entsetzlich hinterhältig und verschlagen. Manna, gib keine Ruhe, bis er Dir es sagt. Herr Hauptmann, wenn Sie es nicht gleich sagen, so sage Ich es.« »Ich traue Ihnen Haltung genug zu,« erwiderte Erich sehr ernst, »daß Sie einen Scherz nicht muthwillig ins Gegentheil verkehren.« Die Mienen Lina's veränderten sich und sie sagte: »Ach, Manna, er ist schrecklich gelehrt. Der Vater sagt es auch, er sieht die Menschen durch und durch. Hast Du nicht auch manchmal Angst vor ihm?« Ohne Antwort zu geben, nahm Manna Lina unter den Arm und ging mit ihr durch den Garten und Lina plauderte und scherzte und sang durcheinander . . . Als Manna endlich allein auf ihrer Stube war, däuchte es ihr, die Bilder an der Wand schauten sie an und fragten: wer bist Du denn? Sie schlug die Augen nieder vor den stummen Bildern, dann warf sie sich auf die Kniee und in ihr sprach es: Das mußte so sein, Du solltest alle eitle Lebenslust wieder kennen lernen, um sie zu überwinden. In ihr zerknirschtes Gebet hinein tönten lustige Walzer und fröhliches Lachen. War es die Lebenslust, die sich in ihr regte, oder war es ein Anderes? Am andern Tage mußte sie in neue Lustbarkeit hinein. Man zog nach der Burg, wo der Architekt mit einer Art feierlichen Ernstes eine würzige Maibowle bereitete. Die Gesellschaft saß auf dem Vorsprung der Burg, man schaute aus in die weite Landschaft und Lina war so glückselig, daß sie die übermüthigsten Tiroler Jodellieder sang. Sie sang im Freien fast noch besser als im Zimmer, und dazu hatte sie gute Begleitung, denn sie sang auch ein Duett mit dem Architekt. Auch hier wurde Erich aufgefordert, daß er singe, auch hier versagte er es. Lina brachte es dahin, daß Manna den Maiwein credenzte und zuerst aus dem bekränzten Pokale trank. Sie sagte scherzend, wenn sie es nur dahin bringen könnte, daß wieder die alte Manna oder eigentlich die junge Manna herauskäme. Diese schien heraus zu wollen, aber noch hatte Manna Kraft genug, sich zurückzuhalten, nur lachte sie heut bei den kleinsten Scherzen Lina's. Roland nickte Erich zu, aber dieser sagte ihm leise, er solle nicht auf die Heiterkeit Manna's aufmerksam machen, denn damit zerstöre man dieselbe. Es wurden Kränze gewunden, Lina erinnerte an das erste Eintreten Erichs aus Wolfsgarten. Der Abendstern glänzte am Himmel, als man bekränzten Hauptes wieder von der Burg nach der Villa zog. Am letzten Abhang sprang Manna behend den Berg hinab, Lina sprang ihr nach, und drunten am Berge umarmte Lina die Jugendfreundin und rief ihr zu: »Du bist erlöst! Du hast die drei besten Dinge auf der Welt, Du hast gelacht, getanzt, getrunken . . . Nein, das sind doch nicht die besten, das Beste kommt noch.« Manna blieb still. Neuntes Capitel. Was thut man am Morgen eines Tages, wenn man weiß, daß man Abends eine Huldigung empfängt? Sonnenkamp wußte, daß heute die Schiffer, für die er eine Wittwenkasse gestiftet, ihm feierlichen Dank darbringen. Er sah nach dem Barometer. Es hatte geregnet, jetzt ist der Barometer bereits gestiegen, es hellt sich wieder auf, das Fest wird einen schönen Fortgang nehmen. Wenn man nur die Anrede wüßte, die am Abend gehalten wird, man könnte sich auf entsprechende Antwort vorbereiten. Die Fürsten haben es gut, eine Anrede, die an sie gehalten werden soll, wird ihnen vorher vorgelegt. Sonnenkamp hatte indeß die Zuversicht, daß ihm der Augenblick schon das Angemessene eingeben werde. Er hatte nie auf die Ehre von Menschen geachtet, er selbst gab sich alle Ehre, so weit überhaupt Ehre ein Bedürfniß ist. Sollte er nun abhängig sein? Und mit was war diese Ehre erworben? Mit Geld! Hätte er es nicht im Uebermaß, sie schauten nicht nach ihm um. Er ritt zur gewohnten Stunde aus, aber er ritt nicht den gewohnten Weg, er schaute freundlich zu den Menschen, die ihm begegneten; es waltete ein neues Wohlgefühl in ihm. Er ritt nach der Burg. Nicht weit davon bog er ab in den Wald, denn er sah über der Bekrönung des einzigen bereits fertig gestellten Thurmes eine große Fahne flattern und nirgends waren Männer zu sehen. Im Walde ging er lange hin und her und führte sein Pferd am Zügel. Auf dem Rückwege nahm er den Major mit, er mußte bei ihm bleiben. Der Major hatte heut die Art eines Brautführers, der Alles zur Hochzeit gerüstet hat und nun sich mit dem Bräutigam ins stille Gemach zurückzieht, bis man mit voller Musik abgeholt wird. Am Nachmittage fand sich die Familie des Cabinetsraths, der Landrichter mit seiner Frau und der Doctor ein. Der Major, der sich auf eine kurze Stunde entfernt hatte, erschien nun wieder mit allen seinen Orden. Viele Andere kamen und sogar die junge Wittwe, die Tochter des Herrn von Endlich; sie hatte sich für einige Sommerwochen aufs Land begeben. Prancken hatte die Gesellschaft der Umgegend geladen, er wußte, daß Herrn Sonnenkamp diese Ausbreitung seines Ruhmes sehr angenehm war. Alle kamen indeß nur wie zufällig und Sonnenkamp ließ sich diese gesellschaftliche Lüge gefallen. Prancken war besonders aufmerksam gegen die schöne junge Wittwe. Er freute sich, als er einmal einen Blick Manna's sah; sie sollte erkennen, welche Versuchungen und Anreizungen sich ihm böten. Prancken hatte Befehle gegeben, daß große Braten und Flaschen geringen Weines für das ankommende Volk bereit gehalten werden sollten, auch für Cigarren hatte er gesorgt und Sonnenkamp, der von Allem wußte, that, als ob er nichts sehe und höre. Als der Abend hereinbrach, bat Prancken vor allen Anwesenden den Vater – so nannte er ihn mit Nachdruck im Beisein Aller – er möge in seinem Zimmer bleiben, bis man ihn rufe. Verschämt, bescheiden und geduldig sich fügend, begab sich Sonnenkamp auf sein Zimmer. Nun wurden große Tische im Hofe aufgestellt, Speise und Trank darauf gesetzt, denn vom Oberrhein tönte Musik und kamen bereits die zusammen gefügten Schiffe und Gondeln. Sie hielten vor der Villa und ordneten sich, Fackeln und bunte Lampen, wie brennende Guirlanden aufgehängt, leuchteten von den Schiffen. Sonnenkamp war allein auf seinem Zimmer, er hatte ein Bangen vor dieser Huldigung, die er doch gewaltsam hervorgerufen hatte. Wenn unversehens ein Wort dazwischen gerufen wurde? . . . Nein, es kann nicht sein. Jetzt nahten sich Schritte; der Major und der Landrichter kamen. Der Major sagte, sie wollten ihm einstweilen Gesellschaft leisten. Sonnenkamp dankte und rauchte still weiter; er hielt die Cigarre so zart, als ob er sogar gegen sie bescheiden wäre. Er bat die Freunde um Entschuldigung, daß er jetzt keine Unterhaltung führen könne, er habe so viele Jahre in der fremden Welt gelebt und nun erdrücke es ihn fast, in so vielen redlichen Herzen eine Heimat gefunden zu haben, die er nicht verdiene; denn er habe ja nichts gegeben, als elendes Geld. Der Landrichter wollte etwas erwidern, aber der Major winkte abwehrend. In solchen Augenblicken, bedeutete er ihm leise, müsse man einen Mann auch einmal übertrieben reden lassen; es ist genug, wenn man ihm seine Worte abnimmt. Jetzt näherten sich viele schwere Schritte, Prancken öffnete die Thür und sagte: »Hier herein, ihr Männer.« Eine Deputation der Schiffer trat ein und bat, Herr Sonnenkamp möge erlauben, daß man ihm ein Dankeszeichen bringe. Mit niedergeschlagenen Augen ging er zwischen den hell gekleideten Schiffern die Treppe hinab nach dem Park und hier that sich ihm ein schöner Anblick auf. In den bunt beleuchteten Schiffen standen die Schiffer und sangen im Chor ein weithin schallendes Lied. Mit gefalteten Händen stand Sonnenkamp da und schaute drein, dann that er die Hände auseinander und rieb den Ring am Daumen der rechten Hand, der ihm Schmerzen machte. Das Lied war geendet; Hoch wurde gerufen dem großen Wohlthäter; die Böller knallten und hallten vielfältig wieder von den Bergen, daß es wie ein Donner weithin verkündet wurde stromauf und stromab. Mit einer kurzen Rede dankte Sonnenkamp; Roland stand zu seiner Rechten, Manna zu seiner Linken. Er legte die Hand auf die Schulter seines Sohnes und verbarg dabei den Daumen; mit der andern Hand faßte er die Manna's und schloß mit der Bitte, daß die guten Nachbarn ihre Liebe auch auf diese seine Kinder übertragen möchten. Ein junger Bursch, der am Steuer stand, brachte nun auch ein Hoch auf Roland aus. Wieder knallten die Schüsse. Roland sagte zum Major: »Ich kann nicht reden.« Er ging hinab, stieg in das erste Schiff und reichte den Männern die Hand und jetzt sah er, daß auch Erich auf dem Schiffe war. Er saß im Hintergrund, er hatte den Männern im Gesang geholfen; der Schullehrer Faßbender saß neben ihm. Nun stieg man ans Land. Mit Musik zog die Schifferschaft durch den Park nach den Tischen, die zu ihrem Schmause aufgestellt waren. Sonnenkamp befahl, daß die Stühle weggenommen würden. »Sie dürfen sich nicht setzen,« sagte er zu Prancken; »ich hatte geglaubt, daß Sie das bedenken. Machen Sie, daß die Leute bald wieder fortkommen. Dem niedrigen Volk ist nicht zu trauen. Das artet aus. Lassen Sie den Wein auf die Schiffe bringen, dort mögen sie tollen, wie es ihnen beliebt.« Ein Hoch auf Frau Sonnenkamp wurde beim ersten Glase ausgebracht; Sonnenkamp dankte in ihrem Namen von der Freitreppe aus; er bedauerte, daß seine Frau leidend sei und an dem Feste nicht theilnehmen könne. Er bat die Männer, recht ruhig zu sein, denn sie sei sehr empfindlich. Die Lustbarkeit war damit gedämpft. Erich führte die Männer wieder nach den Schiffen, sie fuhren ab, Musik ertönte, Böller knallten und bald war es wieder still auf der Villa. Man saß im Freundeskreise im großen Saal. Der Major sagte: »Das Alles muß von einer guten Feder in die Zeitung. Sie, Herr Kamerad,« wendete er sich zu Erich, »Sie werden das gewiß schön geben. Erwidern Sie nichts, Sie müssen.« Erich erklärte, daß er nicht widersprechen, sondern den Wunsch des Majors habe freiwillig ausführen wollen. Der Major ging zur Professorin und sagte ihr, daß Erich mit dem Volke gesungen habe; er bedauerte, daß nicht auch Fräulein Milch das schöne Fest mit angesehen, sie sei aber hartnäckig gegen Alles, was das Haus Sonnenkamp betreffe; er könne es sich nicht erklären, sie sei doch sonst so gut gegen alle Menschen. Die Professorin wußte, warum Fräulein Milch sich zurückzog. Sie sah den Mann und die Kinder und die ganze Gesellschaft und konnte sich nicht erwehren, darüber nachzusinnen, wie es sein wird, wenn nicht huldigende Böllerschüsse das Echo in der Nacht wecken, sondern ein anderer Ruf sich über Berg und Thal verbreitet. – Die Gesellschaft entfernte sich. Roland und Erich begleiteten die Professorin nach Hause, Roland war voll Glückseligkeit über diese allgemeine Ehre und Erich legte ihm nochmals ans Herz, welch ein Glück es sei, andere Menschen so beglücken zu können. »Was nur Deine Mutter hat, sie war den ganzen Abend so traurig,« sagte Roland auf dem Heimweg. »Sie ist nicht mehr zur Freude gestimmt,« entgegnete Erich. Noch in der Nacht schrieb er einen begeisterten Bericht über die wohlthätige Stiftung und das heitere Fest und schickte ihn nach der Residenz an Professor Crutius. Am zweiten Tage kam das Zeitungsblatt in die Villa. Sonnenkamp dankte Erich für diese begeisterte Kundgebung und Roland bat: »Schenke mir das Blatt, ich will es zum ewigen Andenken aufbewahren.« Es kam noch ein zweiter Bericht in der officiellen Zeitung und Prancken gestand bescheiden, daß er der Verfasser desselben. Das, was Erich geschrieben, war allerdings schön, aber dieser Bericht kam vor die Augen des Fürsten, und das war wichtiger und zeigte bald seine Folgen. Zehntes Capitel. Die Cabinetsräthin erwies sich dankbar und gut unterrichtet, sie zeigte Sonnenkamp einen Brief ihres Mannes, worin dieser schrieb, daß der Fürst mit großer Befriedigung den Bericht über die Stiftung gelesen hatte. Der Fürst sprach die Absicht aus, die Villa und die berühmten Treibhäuser und Obstpflanzungen Sonnenkamps in Augenschein zu nehmen. Das sollte allerdings noch geheim gehalten werden, aber es war doch gut, daß Sonnenkamp unterrichtet war. Er ließ die Bitte zurückgehen, daß man vom Besuche des Fürsten telegraphisch Nachricht geben möge. Wie gefangen kam er sich nun in seinem Besitzthum und im Umkreise desselben vor. Er hatte nie daran gedacht, bevor er ins Bad reiste, die Villa zu verlassen; aber jetzt war es ihm, als würde er plötzlich fortgerissen und der Fürst käme gerade während seiner Abwesenheit. Er gab genaue Anordnungen und versprach sogar einen besonderen Lohn für schnellste Beförderung eines aus der Residenz ankommenden Telegramms; aber Tag um Tag verging, es kam nichts. Alles war wieder im ruhigen Geleis, nur Sonnenkamp war in beständiger fieberischer Erregtheit; Prancken wollte abreisen, Sonnenkamp bat, daß er bleibe; im Vertrauen theilte er ihm mit, welchen Besuch er erwarte. Prancken ertrug es geduldig, daß Manna jede entscheidende Annäherung ablehnte; er war froh, daß sie Erich mit offenbarem Widerwillen behandelte, denn Manna hatte nach den Tagen des harmlosen und lustigen Lebens wieder in strenger Selbstpeinigung sich zurückgezogen und ganz offenkundig, wenn sie Erich begegnete, verfinsterte sich ihr Blick. Sonnenkamp ging unruhig durch den Park, durch den Obstgarten und die Treibhäuser; seine alte Liebhaberei, mit dem übergeworfenen sackartigen Gewande in der schwarzen Erde zu wühlen, trieb er mit größter Vorsicht. Er saß im Warmhause und wie er so sinnend in sich versunken saß, da ging es wie ein wundersames Säuseln durch die Luft, ein leises, kaum hörbares Knistern ward vernehmbar und laut rief Sonnenkamp: »Sie ist aufgebrochen!« Die Victoria regia hatte sich entfaltet. Er sah die Blüthe, er freute sich ihrer und doch schüttelte er ärgerlich den Kopf: Warum konntest Du nicht warten und in dem Moment, wo der Fürst dastand, aufbrechen? Die Natur müßte man zwingen können! Er schickte sofort einen Wagen zur Cabinetsräthin. Sie kam und fand das ganze Haus, selbst Frau Ceres im Anstaunen der wunderbaren Blüthe. Sonnenkamp erklärte ihr, wie die Victoria regia am ersten Tage schneeweiß blüht, in der Nacht die Blüthe sich schließt, in der zweiten Nacht wieder aufbricht, aber dann in rosenrother Farbe. Alle vier Tage geht eine neue Blüthe auf und die abgeblühte Blume senkt sich unter Wasser. Er nahm die Cabinetsräthin bei Seite, sie sollte das Ereigniß sofort nach Hofe berichten. Jetzt war bestimmte Veranlassung, daß der Fürst käme. Noch am Abend traf die Nachricht ein, daß der Fürst und die Fürstin am andern Tage eintreffen werden; sie würden es aber sehr übel vermerken, wenn man für den Besuch, der nur als eine Zufälligkeit erscheinen sollte, etwas vorbereite. Sonnenkamp seufzte vor sich hin. Wenn Alles zufällig sein soll, dann bringt der Fürst das Adelsdiplom nicht, das bedarf ja der Vorbereitung und vieler Förmlichkeiten. Vielleicht aber ist Alles schon im Geheimen geschehen, der Cabinetsrath darf nur nichts davon verrathen. Die unterrichtete Nachbarin hielt das nicht für wahrscheinlich und Sonnenkamp war damit die Freude verdorben. Also immer und immer muß man Neues thun! Immer warten und sorgen! Mit der größten Selbstbeherrschung nahm er sich vor, keinerlei Verstimmung und Ungeduld erkennen zu lassen. Am Morgen nach einer fast schlaflosen Nacht verkündete Sonnenkamp, daß heute Niemand das Haus verlassen dürfe und wie befehlend, sagte er Frau Ceres, sie möge heute nicht krank sein. Er ging zur Professorin und bat sie, die Ehrenformen des Hauses zu übernehmen; ihr gestand er, wen er heut erwarte, denn vor ihr, sagte er, könne er keinerlei Geheimniß haben. Die Professorin schauerte in sich zusammen, ihr Blick sprach: Und das wagst Du mir zu sagen, die ich doch weiß . . . Aber sie bezwang sich und stellte sich Herrn Sonnenkamp zur Verfügung. Die Professorin trug heute zum ersten Mal eine Broche mit dem Pastellbilde ihres verstorbenen Mannes, und nun wollte Frau Ceres wieder all ihren Schmuck anlegen; es gelang nur schwer, sie zu überzeugen, daß sie einfach gekleidet sein müsse. Vom Cabinetsrath aus der Residenz kam ein Telegramm, daß die Fürstlichkeiten abgereist seien. Nun war es entschieden. Auch Erich, Roland und Manna wurden unterrichtet. Erich wollte auf seinem Zimmer bleiben. »Sie erwarten wol, daß Sie gerufen werden?« sagte Prancken scharf. »Ich erwarte nichts als Freundlichkeit, wo ich mir keiner Verletzung bewußt bin,« erwiderte Erich. Prancken machte eine kaum merkliche wegwerfende Bewegung des Kopfes, ihm war es entschieden: der Mensch muß fort, der Mensch wird lästig; diese Lehrersfamilie hat sich eingenistet wie Raupen in einem Bienenstock, da hilft nichts als Ausräuchern. Prancken war der Ruhige, er war Kammerherr und Baron von Prancken und Alle umher waren nichts als armselige Unterwürflinge. Nicht minder ruhig als Prancken, aber aus ganz anderem Grunde erschien Manna. Sie verwarf es, daß man von der Ankunft sterblicher Menschen sich so in Hast und Unruhe versetzen lasse. Sie war äußerlich ruhig, innerlich aber bangte sie. Was soll dieses Jagen nach Ehre von Anderen und nun gar hier? Sie wagte schüchtern, die Bitte auszusprechen, daß sie sich zurückziehen dürfe. Man konnte ihr die Bitte nicht gewähren. Prancken sagte, sie werde sich nach Ueberwindung der ersten Förmlichkeiten am Hof wohl fühlen und Sonnenkamp setzte hinzu, sie werde an der Seite des beliebtesten Cavaliers Freude und Ehre empfangen. Manna schaute nieder; da kam Roland herbei. Er trug ein vollständig weißes Sommergewand. Er war voll Uebermuth und redete Manna zu, sie solle nicht furchtsam sein, die Fürstlichkeiten seien überaus huldreich und nach den ersten Worten sei man mit ihnen wie unter Kameraden. Auf dem flachen Dache des Hauses stand Lutz ausschauend, jetzt kam er rasch herunter und rief: »Sie kommen!« Alles zerstreute sich, als ob man Niemand erwartet hätte. Zwei Wagen fuhren in den Hof. Sonnenkamp eilte die Freitreppe hinab, aber auf der untersten Stufe strauchelte er, er mußte sich am Geländer festhalten. Was ist denn das? Ein schwarzes Gesicht! Ist das Einbildung oder Wirklichkeit? »Kommen Sie, kommen Sie!« rief Prancken, der ihm nachgeeilt war. »Die Fürstlichkeiten erheben sich bereits.« Er kam noch glücklich am Wagen an und hatte die Gunst, dem Fürsten beim Aussteigen die Hand reichen zu dürfen. Die Fürstin stieg an der andern Seite des Wagens mit Hilfe Pranckens aus; sie sprach einige huldreiche Worte, wie sie sich freue, einmal den Ort und den Mann in seinem Hause zu sehen, von wo er so viel Schönes und Gutes dem Volke schaffe. Die Fürstin, die mit besonderem Eifer die Wohlthätigkeits-Anstalten des Landes pflegte, betrachtete sich zu Dank verpflichtet für die großen Leistungen Sonnenkamps. Sie hätte zwar lieber gesehen, wenn er die bedeutenden Summen den von ihr gegründeten Anstalten zugewiesen hätte. Es war ein entschiedener Fehler Pranckens, daß er das nicht beachtet hatte. Ein kaum merklicher Ton der Mißlaune drang durch, indem die Fürstin sagte, sie freue sich, wenn immer neue Anstalten gegründet würden. Frau Ceres war mit Manna herbeigekommen. Die Fürstin sprach einige Worte zu ihr und sagte dann Manna, sie gleiche ihrem Bruder wenig, nur die Augen hätte sie gleich mit ihm. Sie fragte nach Roland. Man sah ihn jetzt auf der Treppe, er sprach heftig in Erich hinein, er solle mit ihm gehen; aber Erich und die Mutter baten, er solle allein vorangehen. Er ging und wurde von den Fürstlichkeiten sehr liebreich bewillkommt. Der Fürst ging nach dem Hause. Auf der Freitreppe standen die Professorin und Erich. Mit raschem Schritt ging der Fürst auf die Professorin zu und sagte, ihr beide Hände reichend, wie er sich freue, sie wiederzusehen, und auf das Pastellbild der Brosche deutend, fügte er hinzu, daß er diesem Manne ein dankbares Andenken bewahre, er trage sein Bild im Herzen. Erich schien kaum bemerkt zu werden; ein Blick der Mutter sagte dem Fürsten: »Sprich mit meinem Sohn,« und der Fürst wendete sich an Erich mit den Worten: »Hoffentlich haben Sie, lieber Dournay, einen bessern Schüler als Ihr seliger Herr Vater an mir hatte.« Erich wußte nichts zu erwidern, er verbeugte sich still. Jetzt trat Prancken vor und fragte: »Wollen Hoheit zuerst den Park und die blühende Victoria regia oder das Haus in Augenschein nehmen?« »Fragen Sie die Fürstin,« wurde erwidert. Mit großer Gewandtheit bewegte sich nun Prancken nach der andern Gruppe und erhaschte den Blick Manna's, der ihm überall hin folgte. Was ist jetzt Erich? Dort steht der arme Mensch; es ist lächerlich, daran zu denken, daß er neben einem Prancken etwas bedeuten mag. Die Fürstin sagte, daß sie nach der Fahrt im Freien lieber ins Haus eintrete. Man begab sich nach dem Balconsaal, wo ein Frühstück bereit stand. Sonnenkamp hatte die Kühnheit, zu sagen, daß die erhabenen Fürstlichkeiten mit dem einfach Unvorbereiteten, das ein schlichter Mann zu bieten vermag, vorlieb nehmen möchten. Frau Ceres hatte die Gunst, rechts neben dem Fürsten zu sitzen, zu seiner Linken befahl er die Professorin; die Fürstin saß zwischen Sonnenkamp und Roland. Erich fand in einem der begleitenden Cavaliere einen ehemaligen Kameraden, der sich mit ihm unterhielt. »Sie müssen nun bald eintreten,« wendete sich der Fürst an Roland. Sonnenkamp sah ihn starr an. Der Fürst weiß ja, wann Roland eintreten soll. Er erwartete jeden Augenblick, daß der Fürst einem Kammerherrn winke, er möge ihm das Adelsdiplom überreichen, aber es geschah nicht. Der Fürst unterhielt sich angelegentlich mit der Professorin und sprach sein Bedauern aus, daß eine so edle und geistig belebende Dame dem Hof entzogen sei. Man stand bald wieder auf und Sonnenkamp war glücklich, wie der Fürst Alles besichtigte und Treibhaus und den Park und die kunstvolle Obstzucht mit hohem Lobe rühmte. Plötzlich fragte der Fürst die Professorin: »Wo ist denn Ihre Schwägerin, die schöne Claudine?« »Sie ist hier bei uns, sie wohnt mit mir in dem Hause, das Herr Sonnenkamp uns eingeräumt hat.« »Besuchen wir sie,« sagte der Fürst. Nun ging es durch die neue Thür über die Wiese nach dem grünen Hause. Claudine war überrascht, aber sie bewahrte ihre gute Haltung. Der Fürst sagte, er könne sich gar kein Harfenspiel vorstellen, ohne Fräulein Claudine mit ihren langen Locken dazu zu denken, wie sie auf einem Tabouret saß und die Harfe im Arme hielt; es sei eine seiner liebsten Jugend-Erinnerungen, wie er sie im Zimmer seiner Mutter gesehen und gehört habe; das sei die schönste Romantik seiner Kindheit. Wiederholt sprach er seine Dankbarkeit gegen die Schwester seines Lehrers aus und pries Herrn Sonnenkamp glücklich, zwei so edle Frauen zu Nachbarn zu haben. Der Fürst hatte das ernste Bestreben, die Menschen glücklich zu machen, und er glaubte sie durch porzellanene Redeblumen zu beglücken; er war überzeugt, daß Tante Claudine von diesem Tage an ein Genügen und eine Freude ohne Gleichen empfinden werde. Er blieb lange in dem grünen Häuschen und befahl zuletzt, daß die Wagen hieher kämen, damit man von hier wieder abreise. Erich, der nicht zum Mitgehen aufgefordert worden, war auf der Villa zurückgeblieben und unterhielt sich mit dem fürstlichen Lakaien, einem großen Mohr, genannt Adams, der eine phantastische Livree trug. Der Mohr wurde bald zutraulich. Erich erfuhr nur abgerissen einzelne Thatsachen aus seinem Leben. Er war als kühnster Springer und Mann von ungeheurer Stärke Mitglied einer Reiterbude gewesen. Der Bruder des Fürsten, der eine Reise in Amerika gemacht, kaufte ihn los und nahm ihn mit nach Europa. Jetzt war er der Lieblingslakai des Fürsten. Während er sprach, sah er immer nach der Villa; sein rollendes Auge schien etwas zu suchen. Erich sprach zum ersten Mal in seinem Leben einen Menschen, der Sklave gewesen; es bewegte ihm dies das Herz und doch konnte er ein Bangen nicht überwinden, zumal da der Neger so unruhig war, als hätte er etwas in sich zu bekämpfen. Während Erich mit dem Neger sprach, war im grünen Hause von ihm die Rede. Die Tante lenkte mit Geschick das Gespräch auf ihn und erzählte dem Fürsten, welch ein Mann Erich geworden. Als man nun nach dem Wagen ging, sagte der Fürst ganz laut zur Professorin: »Wo ist denn Ihr Herr Sohn? Sagen Sie ihm, daß ich ihm gern einmal beweisen möchte, wie ich mich unserer Jugendkameradschaft erinnere.« Die Fürstlichkeiten fuhren davon. Der große Mohr, der auf dem Rücksitz saß, schaute lange rückwärts. Sonnenkamp war sehr verstimmt. Er sagte zu Prancken, dieser Besuch des Fürsten habe eine unbegreifliche Wendung genommen; er verstehe das nicht. Er gab nun den Verdruß kund, daß er, der Herr des Hauses, eigentlich am wenigsten beachtet worden sei; es mochte ihn aber noch etwas Anderes beunruhigt haben. Als man nach der Villa zurückkehrte, ging Manna auf Erich zu und sagte ihm: »Der Fürst hat Ihrer Mutter einen besonderen Gruß an Sie aufgetragen und Sie sollen sich erinnern, daß Sie sein Jugend-Kamerad gewesen.« »Das einzig Erfreuliche an der fürstlichen Gnade ist für mich, daß Sie, Fräulein Manna, mir die Botschaft überbringen,« entgegnete Erich. Alle staunten über diese Zutraulichkeit zwischen Manna und Erich. Prancken lachte höhnisch über die gewandte Keckheit des Schulmeisters. »Wo waren Sie denn?« fragte Sonnenkamp im verweisenden Ton. »Ich glaubte nicht folgen zu sollen; inzwischen hat es mich interessirt, mich mit dem Diener des Fürsten zu unterhalten.« Sonnenkamp sah ihn seltsam an, dann ging er nach seinem Treibhause. Prancken verkündete laut, daß er nun auch abreise; er erwartete offenbar, daß Manna Einsprache erhebe, aber sie sagte nichts. So ritt er davon und hinterließ eine seltsam verwirrte Stimmung auf der Villa. Elftes Capitel. Ein Blitz zuckt am nächtlichen Himmel auf und verschwindet wieder; einen Augenblick war Alles grell beleuchtet, dann aber sieht man erst recht, wie dunkel es ist. So auch war es, nachdem die Fürstlichkeiten weggegangen waren. Ein Jedes vermied den Andern und ging seinen eigenen Weg. Niemand aber sprach seine Enttäuschung ehrlicher aus, als der Kammerdiener Joseph, und der Haushofmeister gab ihm Recht; er konnte aber nicht viel sagen, denn er hatte den Mund voll von den Leckerbissen, die weggeräumt wurden; er nickte nur immer stumm mit dem Kopfe und wurde ganz roth dabei. Joseph aber sagte: »Nicht einmal ein Trinkgeld haben sie hinterlassen! Was ist nun von der ganzen Herrlichkeit da? Nichts. Und bei Hofe ist nicht besser gedeckt und bedient und reichlicher aufgetragen. Schämen sollten sie sich! Nicht einmal ein Trinkgeld zu hinterlassen!« Ja, so war's. Niemand als vielleicht Tante Claudine, an die man gar nicht gedacht hatte, konnte sich an etwas Wirklichem freuen. Sonnenkamp sann und grübelte, womit er den offenbaren Umschlag in der gnadenvollen Stimmung des Fürsten veranlaßt haben könnte. Es empörte sein Innerstes, daß er so abhängig sein sollte von der Laune, vom Blicke eines Andern – er, der Mann, der frei und herrschmächtig waltete. Er vergegenwärtigte sich noch einmal den ganzen Verlauf des Besuches und jetzt glaubte er es gefunden zu haben. Es war nur ein Zupfen an den Handschuhen, das Kunde gegeben hatte; aber es war unzweifelhaft, da war es. Er hatte dem Fürsten gesagt, wie er sich freue, aus derselben Quelle wie der gnädige Herr neue Gesundheit zu trinken, und da der Fürst ihn fragend ansah, hatte er hinzugesetzt, daß er ebenfalls nach Karlsbad reise und dort jeden Tag das Glück haben könne, das Antlitz seines Fürsten zu begrüßen. Ja, da war es, daß der Fürst einen raschen, staunensvollen Blick ihm zuwendete und an den Handschuhen zupfte. Es war ein entschiedener Fehler, bekannte sich Sonnenkamp, daß er nicht Zurückhaltung genug gehabt, denn von der Badereise des Fürsten war ja noch nichts officiell bekannt gemacht; es war voreilig und verrieth etwas von Kundschafterei, daß Sonnenkamp davon sprach. Konnte denn der Fürst das nicht freundlich aufnehmen? Hatte Sonnenkamp nicht die Sache in einer guten und, wie ihm schien, sogar anmuthigen Wendung berührt? Weiter ging sein Denken und neue Anzeichen stellten sich heraus. Hatte denn der Fürst nicht zu Tante Claudine gesagt: »Hier bei Ihnen ist es mir herzlich wohl, hier treffe ich Alles in der gewohnten, durch nichts unterbrochenen Verfassung.« Der Fürst schien beleidigt, daß heimliche Vorbereitungen für sein Eintreffen geschehen waren. Ist denn das aber nicht allgemeine Sitte gegen die Fürstlichkeiten? Und jetzt wendete sich Sonnenkamps Aerger aufs Neue nicht gegen sich, sondern gegen den Fürsten. Der Fürst sollte doch bedenken, daß er lange in der fremden Welt gelebt, und die Professorin hätte Alles besser bedenken müssen, sie war ja Hofdame gewesen; auch Prancken hätte es bedenken müssen, er ist ja Kammerherr. Zum ersten Male ging ihm auf, wie wunderlich, daß diese Menschen alle den Ehren-Humbug so ernst behandeln; aber freilich, er besteht nur dadurch, daß Eines vor dem Andern sich den Anschein gibt, als hege es andächtige Verehrung dafür. Eine kurze Weile dachte er daran, den ganzen Plan aufzugeben. Wozu sich adeln lassen? Wozu in Hofkreise eintreten? Warum sich eine ständige Gebundenheit auferlegen? Er war stolz darauf, eine freie Natur zu sein, und nun sollte er sich uniformiren lassen, Schritt und Tritt, Bewegung und Wort nach der Hofsitte messen? Lieber wollte er bleiben, wer er ist, stolz in sich, und die ganze Gesellschaft offen verachten, wie er sie doch eigentlich im Stillen verachtet. Schmerzlich fühlte er, daß er bereits zu weit gegangen; ein Rückzug war eitel Schande. Und wie lange hatte er Frau Ceres mit dieser Hoffnung vertröstet, welche Verbindlichkeiten hatte er gegen Prancken und vor Allem gegen Roland! Was sollte aus ihm werden, wenn er nicht in den Adelstand eintritt? Soll vielleicht Roland selbst und seine Nachkommen wieder arm werden können? Nein, der Adel muß gewonnen werden. Aus dem kühn eroberten Besitzthum wird ein Fideicommiß gegründet, so daß von Geschlecht zu Geschlecht seine Nachkommen nicht mehr der Ehre und des Reichthums entkleidet werden können; das Landhaus und die Burg bleiben als festes unveräußerbares Besitzthum in der Familie. Etwas aus seiner eigenen Vergangenheit stieg in Sonnenkamp auf und laut sagte er vor sich hin: »Du bist Deinem Kinde schuldig, das von ihm abzuwenden, was Dich dahin gebracht hat.« Fest und entschieden kehrte er wieder ins Haus und that vor Allen sehr beglückt von diesem Besuch. Ja, als Joseph ihm erzählte, die Fürstlichkeiten hätten kein Trinkgeld hinterlassen, spendete er ein reichliches mit dem Zusatze, daß Prancken damit beauftragt gewesen; die Diener sollten in der ganzen Umgegend verbreiten, daß der Fürst dagewesen und reiche Trinkgelder hinterlassen habe. Das wird alle Umwohnenden neidisch machen und mit Neid werden sie es immer weiter verbreiten, und das Beste dabei ist doch noch, daß Alle betrogen sind. Sonnenkamp pfiff leise vor sich hin und das war ein untrügliches Zeichen, daß er überaus heiter und zufrieden war. Er widmete seine besondere Aufmerksamkeit der Tante, lobte ihre Bescheidenheit und den großen Blick des Fürsten, der sie richtig zu würdigen wisse. Es schien ihn wahrhaft zu ergötzen, wie die Menschen das Lob ablehnen und doch heimlich gekitzelt davon sind. Er ging immer lächelnd umher; erfreute sich, wie er das allgemeine Phantom der Ehre zerstören konnte. Dieser Fürst war von Verehrung, Huldigung, Unterwürfigkeit umgeben – glaubt er, daß er in der That geehrt ist? Was thut's? Er sieht sich geehrt und das ist genug. Wer wird fragen, mit was die Münze legirt ist, wenn man die Dinge der Welt dafür bekommen kann? Die ganze Verdüsterung, die der Besuch des Fürsten hervorgebracht, verflog wie der Nebel, der sich am Sommermorgen über die ganze Gegend lagert; ja der Nebel ist ein Zeichen des hellen Wetters, er wird zum Thau, und Alles glitzert und schimmert. Eine neue Bewegung kam in das ganze Haus, die Vorbereitungen zur Badereise wurden gemacht. Auch Erich hatte ohne Weiteres sich bereit erklärt, er glaubte verpflichtet zu sein, Roland nicht mehr zu verlassen. Sonnenkamp hatte seine besondere Lust am Badeleben; da ist Freiheit, leicht sich fügende Gesellschafts-Verbindung; das ist doch der eigentliche Punkt, wo die festgesessenen Menschen sich hinausbegeben und, ohne daß sie es wollen, auch von ihrer philisterhaften Gebundenheit erlöst werden. Er schlug jeden Einwand des Doctor Richard nieder, indem er keck behauptete, der Leibarzt des Fürsten habe ihm Karlsbad angerathen. Dorthin kam der Fürst mit Gefolge, dorthin kamen Bella und Clodwig, dort mußte sich Alles entscheiden, die Adelserhebung, die Verlobung Pranckens. Manna war beunruhigt, daß sie, kaum ins elterliche Haus zurückgekehrt, schon wieder in eine neue Fremde versetzt werden sollte. Roland erzählte ihr, wie schön es war, als Erich im vergangenen Jahre die Badereise ablehnte; er konnte nicht genug berichten, wie es ihn anfangs gekränkt, daß er den Freuden entsagen solle, wie es ihm aber dann die glückseligste Zeit geworden, so allein mit Erich lebend Tag und Nacht mit ihm wandern, Alles mit ihm empfinden. Am hellen Tage, in der linden Nacht war es damals schön gewesen, jetzt in der Erinnerung war es noch glänzender, noch wonniger. Manna wurde nachdenklich: der Mann hat sich die Freuden der Zerstreuung versagt, um selber seine Pflicht zu erfüllen und einen Andern zur Pflichterfüllung anzuleiten? Eine Erkenntniß von der sittlichen Kraft Erichs ging in ihr auf; auch er kann entsagen. »Ach,« rief Roland, »Du kannst Dir gar nicht denken, welche Glückseligkeit es ist, so allein wochenlang mit Erich hier auf der Villa zu sein.« Manna lächelte, sie begrüßte indeß Erich immer zutraulicher; eine gewisse Uebereinstimmung in der Kraft der Entsagung, um dem eigenen Innern zu genügen, dämmerte in ihr. Sie war entschlossen, dem Reichthum zu entsagen; sie wußte, welch ein Flecken darauf ruht, sie wollte mit Aufopfern ihrer selbst Alles das sühnen und betrachtete sich als Opfer. Wie das vollzogen wird, war ihr nicht klar, sie überließ es der heiligen Satzung, aber in diesem Entschlusse war sie freundlich gegen den Vater. Es lag ein Ausdruck wehmüthiger Güte in all ihrem Thun und Reden; sie war versöhnt, als lebte sie in einer höhern Welt, als wäre Alles bereits gesühnt, und sie selber war das Sühnopfer. Sonnenkamp freute sich dieser Milde seines Kindes, sie erschien ihm als eine Sinnesänderung; er glaubte, daß die jugendliche Lebenslust den Vorsatz in ihr besiegt, und so oft er ihr nahte, war eine Milde und Dankbarkeit in seinem Wesen, daß selbst Manna davon gerührt wurde. Es erschien ihr immer mehr, als ob ihr Opfer bereits von den höheren Mächten angenommen wäre, da der Vater so zarter, so versöhnender, so gütiger Natur geworden. Seelenbewegungen der verschiedensten Art lebten in den Menschen, die in die Wagen stiegen, um ins Bad zu reisen. Wer kann vorher ermessen, welche Umstimmung sie Alle erfahren? Zwölftes Capitel. Die Saison in Karlsbad war glänzend; noch selten waren so viel vornehme und so viel abenteuerliche Gäste hier versammelt gewesen. In die Klasse der abenteuerlichen, aber auch in die der vornehmen zugleich gehörte Sonnenkamp, der mit großem Gefolge gekommen war, mit Frau und Tochter, Sohn, Hofmeister, Gesellschafterin und mehreren Dienern, die er aber bescheidentlich nicht in Livree, sondern in einfacher bürgerlicher Kleidung gehen ließ. Der fürstliche Hof, Clodwig und Bella waren bereits eine Woche im Bade, als das Haus Sonnenkamp ankam. Am selben Tage reiste ein ebenso bescheidener als wohlangesehener Gast ab; Erich traf ihn noch, als er den letzten Becher am Sprudel trank. Es war Weidmann. Unter der Badgesellschaft war noch mehrere Tage die Rede davon, daß der Fürst diesen Präsidenten seines Abgeordnetenhauses, den unbeugsamen Oppositionsmann, zweimal zur Tafel geladen und mehrmals beim Morgengang angesprochen hatte. Die Statistik schwankte nur, die Einen behaupteten, die Morgenansprache sei zweimal, die Anderen dagegen, sie sei dreimal geschehen. Wieder war die Begegnung zwischen Erich und Weidmann nur eine vorübergehende, und Erich scheute sich zu wiederholen, daß er Weidmann einmal besuchen werde. Bella war sehr aufgeheitert, aber ihre Belebung war mehr äußerliche Unruhe; sie sagte Erich, es sei schön, daß man nun wochenlang tagtäglich mit einander verkehren würde; sie erwartete große Erheiterung davon und war so unbefangen, ihn damit zu necken, daß, wenn ein Wohlthätigkeits-Concert gegeben werde, wobei sie spiele, er singen müsse. Clodwig machte bald seinen jungen Freund mit einem alten bekannt. Es war dies ein vielseitig gebildeter Banquier aus der großen Handelsstadt, den er alljährlich im Bade traf, und dann waren die beiden alten Herren viele Stunden des Tages beisammen. Der Banquier war bei siebzig Jahren jugendlich unruhig, von eben so viel Lernbegierde als Mittheilungslust. Clodwig behielt seine bemessene Ruhe, er sprach fast nie während des Gehens; wenn er etwas zu sagen oder seinem mittheilsamen Freunde zu erwidern hatte, blieb er stehen. Der Banquier sagte Erich alsbald mit einer gewissen Geflissentlichkeit, daß er Jude sei. Clodwig mußte offenbar schon viel von Erich erzählt haben. Die rasche Art, wie der Freund Clodwigs sich nun Erich nahe stellte, fand indeß bei diesem nicht das entsprechende Entgegenkommen; jeder Dritte war ihm störend, denn er hatte sich sehr daraus gefreut, viel mit Clodwig zu verkehren, und nun nahm der Banquier einen guten Theil weg. An den Frühstückstischen auf der alten Wiese war der Fürst und Gräfin Bella häufig Gegenstand des Gesprächs; man sagte, daß die Curmusik einen von ihr componirten Walzer spiele. Die Toilette der Gräfin Bella wurde gemustert, noch mehr aber war davon die Rede, daß der Fürst fast täglich mit ihr ging; er war dabei überaus heiter und man hörte ihn oft über die zierlichen Entgegnungen Bella's lachen. Auch Clodwig konnte sich vieler Gunstbezeugungen erfreuen. Bella bildete einen besonderen Hof für sich; sie frühstückte mit einer gewählten Gesellschaft im Freien vor aller Welt, und ihr Tisch war stets mit den schönsten Blumen geschmückt. Auch der Weincavalier und der Portraitmaler waren auf einige Zeit im Bade. Es war schon der vierte Curort, den der neue Baron von Endlich in diesem Sommer in seiner gewählten Eleganz mit seinem geheimen Album und seinen zierlichen Anekdoten erfreute. Er war, wie er oftmals wiederholte, natürlich nur nach Karlsbad gekommen, um seine hochverehrten Nachbarn zu begrüßen. Bella empfing ihn sehr kalt, auch Clodwig entschuldigte sich, daß er nicht viel Zeit habe. Er entschädigte sich dadurch, daß er unter allgemeiner Aufmerksamkeit einige Schachpartien mit einem berühmten anwesenden Schachspieler spielte. Der Maler unterrichtete Erich eifrig über die Abenteuer der hier Heilung suchenden Männer und Frauen. Er fand Erich unbegreiflich naiv und unwissend. Wenn Sonnenkamp dem mit Bella wandelnden Fürsten begegnete – und dies geschah an jedem Morgen – nickte ihm Bella huldreich zu, auch der Fürst begrüßte ihn mit einem Kopfnicken, hatte ihn aber trotz mehrtägiger Begegnung noch nicht angesprochen. Der Cabinetsrath war ebenfalls im Gefolge des Fürsten, und mit ihm und einem vielerfahrenen Polizeirath, der den Fürsten immer aus der Ferne umkreiste, machte Sonnenkamp in der Regel seinen Morgengang. Prancken, der selbständig wohnte, sich aber der Familie Sonnenkamp anschloß, war bald in das ganze Getriebe eingeweiht. Eine schöne Spanierin, die tief schwarz gekleidet einsam daherging, einen dunklen Schleier auf dem Kopf trug und mit Niemand sprach, kämpfte mit Bella um den Preis der Aufmerksamkeit. Man sagte der Spanierin nach, daß sie das Unglück gehabt habe, nach den ersten Tagen ihrer Ehe zu entdecken, daß ihr Mann bereits anderweitig verheiratet war. Frau Ceres erregte eine Empörung in der ganzen Badegesellschaft. Sie ließ sich Morgens in einem Handwagen zum Brunnen fahren, auf ihrem Schooße lag ein kleiner Hund und in der Hand hielt sie eine frische Rose. Prancken bemühte sich immer sehr geflissentlich um sie, und Fräulein Perini war beständig neben ihrem Wagen. Am Mittag ging Frau Ceres schön geschmückt den Promenadenweg. Die ganze Badegesellschaft war empört und jeden Morgen richteten sich alle Blicke nach ihr, weil sie, die doch gesund war, sich im Gedränge fahren ließ. Frau Ceres freute sich dieser allgemeinen Aufmerksamkeit; daß sich darin Zorn kundgab, bemerkte sie nicht. Manna mischte sich nur wenig in das morgendliche Badeleben; sie ging früh zur Messe und übte sich fleißig im Harfenspiel, wozu sie ein Zimmer auswählte, in welchem sie von Niemand gehört werden konnte. In der Kirche begegnete sie oft der verschleierten Spanierin, sie hatte ein Verlangen, sich der einsam Trauernden zu nähern, aber sie unterließ es; trug sie ja selbst Schweres genug in der Seele. Prancken klagte viel über die außerordentliche Gnade des Fürsten, der ihn oft ganze Tage seinen Freunden entzog. Sonnenkamp konnte sich, Dank den Bemühungen Bella's, rühmen, mitten in der auserwählten Gesellschaft zu stehen. Er kümmerte sich nichts darum, daß die vornehme Gesellschaft unter sich sagte, eine Badebekanntschaft verpflichte nicht zu ferneren Beziehungen; er hoffte, ja er glaubte mit Zuversicht, daß vielleicht noch hier die Entscheidung kommen würde, die ihn mit der vornehmen Welt in gleiche Linie versetzte; er benahm sich schon im Voraus mit Unbefangenheit als Gleicher unter Gleichen. Bella hatte an einem Vergnügungsorte, wo sie sich länger aufhalten mußte, keine Ruhe, bis sie Jemand hassen und verfolgen konnte; dann erst war ihre Lustigkeit eine volle. In Ermangelung eines Andern mußte nun die Spanierin herhalten. Bella behauptete, die zur Schau getragene Einsamkeit der Spanierin sei eine Maske, es stecke nichts als eine Pariser Putzmacherin dahinter; trauernde junge Wittwe spielen, sei Comödie und es wirke sehr, sich mit Trauerkleidern und schwarzem Flor zu drapiren. Sie forderte nun die Männer ihres Kreises auf, die Schleier-Spanierin, wie sie sie gern nannte, zu verfolgen und zu zwingen, daß sie sich demaskire. Der Weincavalier erklärte sich dazu bereit, aber die Verhüllte zeigte sich mehrere Tage nicht mehr, sie war verschwunden. Der Weincavalier ließ durchschimmern, daß das verabredet sei; Bella war sehr vergnügt darüber, daß sich ihre Voraussetzung bestätigt hatte. Sie gab dem Weincavalier zu verstehen, daß das einen Glanz gebe, ein so ungewöhnliches Abenteuer gehabt zu haben, und so mußte er, um den Schein eines Abenteuers zu wahren und die Voraussetzung Bella's zu bestätigen, abreisen. Sie lachte hinter ihm drein, wie man sie noch gar nicht hatte lachen hören, als er am Morgen bei seinem letzten Frühstück zu verstehen gab, seine schnelle Abreise habe etwas Verschleiertes. Nun war Bella doppelt wohlgemuth. Bella und Sonnenkamp gelangten in tagtäglichen, wochenlangen Verkehr, in eine ihnen selbst ungeahnte Beziehung. Im Grunde hatten sie eine Verwandtschaft oder Gemeinsamkeit, die in ihrer Weltverachtung bestand. Bella hatte eine tiefe Verachtung gegen das Hofleben, in dem sie sich doch so wohlig bewegte, Sonnenkamp zeigte ihr dagegen die Verächtlichkeit andrer Kreise. Beide erschienen sich als die Starken, denn sie fanden, daß sie den gleichen Weg gehen. Der Menschenverächter wird eine gewisse Unruhe der Vereinsamung nicht los; trifft er nun einen Andern, der gleich ihm gestimmt ist, so gibt ihm das eine Gewähr seiner Sinnesweise und diese Befriedigung kann zur Wurzel eines ganz neuen Verhältnisses werden. In solcher Weise vereinigen sich in niederen Sphären Gauner und in höheren kluge Staatsmänner, die alles ideale, alles gute und reine Streben für eitel Phrase ansehen; und in solcher Weise vereinigten sich Bella und Sonnenkamp. Beide stimmten vollkommen darin überein, daß die ganze Gemeinschaft, alle Gesellschaft nichts als stillschweigende Uebereinkunft von Lügen sei; Niemand glaubt dem Andern, Niemand ehrt den Andern und Alles, was man als bedeutsam preist, ist nichts als ein Aufputz, ein Humbug, den man eben aufrecht erhält, so lange es geht; nur einige Tölpel von Lehrern und Ideenjägern glauben vielleicht noch an ihre selbstverfertigten Götzen. Sonnenkamp erklärte, daß sie die erste Frau sei, in der er wirklichen Geistesmuth entdecke, und trotzdem Beide einverstanden waren, daß Alles, was man sich Schönes und Gutes sagt, nur Lüge und Uebereinkunft sei, empfanden Beide, daß dieser Ausspruch auf Wahrheit beruhte. Bella wußte, daß sie Muth hatte, und erkannte Sonnenkamp das Recht zu, diesen Muth zu legalisiren. Er gab ihr wiederholt zu verstehen, daß er allein ihre große Natur begreife, ja er sagte einmal geradezu: »Wer eine Frau hätte wie Sie und selber ein Mann wäre . . . eine erobernde Natur mit einer Frau wie Sie . . . richtete einen neuen Thron auf in der Welt. Ich hatte darauf verzichtet, eine zum Herrschen geborene Natur wie Sie kennen zu lernen.« Er sagte das halb wie Höflichkeit, aber sie wußte, daß es voller Ernst war, und faßte es als Ernst. Sie war empört über die kleinliche Welt, wo sich die Einen an einer Intrigue, die Andern an dem gefallen, was sie Humanität nennen, das aber nichts ist als Sentimentalität. So lag im Gruß der Beiden, auch wenn sie nur rasch an einander vorüberstreiften, immer ein viel Sagendes, auf geheimer Einigung Beruhendes. Sie sagten sich in kurzem Blicke: Wir allein sind die Starken und groß genug, um jede Tändelei zu verschmähen. Es war an einem schönen Julimorgen, als Bella große Frühstückstafel hielt; sie hatte die Familie Sonnenkamp geladen und auch Manna erschien heute mit der Mutter. Der Cabinetsrath, der General-Adjutant und mehrere Männer und Frauen vom ersten Adel aller Länder waren ebenfalls anwesend. Man bewunderte den reichen und geschmackvollen Blumenschmuck des Frühstückstisches. Bella stellte Herrn Sonnenkamp als den geist- und erfindungsreichen Geber vor und mit großem Geschick zeigte sie den Gästen, wie Herr Sonnenkamp, bekannt als der größte Gartenkünstler, die Zusammenstellung der Blumen zu behandeln wisse. Sonnenkamp war sehr zufrieden mit dem Eindruck. Manna bemerkte mit Zagen, daß sie von der Blumenverschwendung, die hier im Orte stattfinde, verletzt sei; durch Massenzusammenstellung und gepreßte Gebundenheit zerstöre man den Charakter der Blumen, vor Allem der Rosen; man beleidige gewissermaßen diese zarten Wesen. Erich entgegnete, daß ohne diese Blumen dem Leben hier ein Glanz und eine Heiterkeit fehlen würde; auch das Reinste und Schönste sei nicht vor Mißbrauch und Uebertreibung sicher, das dürfe uns aber den schönen Grundzug nicht verkennen lassen. Das Gespräch verlief in Scherz und Heiterkeit und gewann jene frohe Spannung, die die Brunnencur und die Frische des Morgens hervorbringt, und dazu hatte man in einem langen Premierlieutenant aus einem der kleinsten deutschen Fürstenthümer auch eine Zielscheibe des Witzes. Der lange Lieutenant hatte offen gestanden, daß er nach dem Bade gekommen sei, um eine reiche Bürgerliche mit seinem Adel zu beglücken; er hatte das Bella vertraut und sie suchte ihn nun in allerlei scherzhafte Verbindungen zu bringen. Der lange Lieutenant ließ sich's gefallen; er hatte einen stehenden Witz: er bedauerte »auf Ehre«, daß Roland nicht auch eine Tochter Sonnenkamps sei, er würde sie heiraten. Manna erröthete, denn damit war offen gesagt, daß man sie als Braut Pranckens betrachtete. Es wurde viel erzählt von zerrissenen, keck überspringenden, frivolen Lebensübergängen mancher Badegäste. Manna starrte drein und innerlich sagte sie sich: Es ist gut, den ganzen Wirrwarr der verkehrten Welt kennen zu lernen, bevor man sie verläßt. Clodwig, Sonnenkamp, Erich, Roland und der Banquier unternahmen einen weiten Gang durch den Wald. Bella behielt Manna bei sich. Da Prancken heut von jedem Dienst befreit war, blieb auch er bei ihnen. Bella besprach mit Manna ihre Kleidung zur nächsten Reunion, denn sie hatte es dahin gebracht, daß Sonnenkamp mit seiner Familie zu einer solchen geladen wurde, in der nur der ausgesuchteste Adel Europa's sich zusammenfand. Manna hatte gebeten, daß sie zurückbleiben dürfe, aber dies wurde als durchaus unmöglich abgelehnt; sie willfahrte nun und wußte kaum, daß sie es gethan. Bella, die sich großer Menschenkenntniß rühmte, hatte ihrem Bruder oft gestanden, daß sie aus Manna nicht klug werde. Sie hatte sich in das Vertrauen derselben einzudrängen gesucht, aber Manna hörte sie meist nur lächelnd an, als ob sie zu einem ganz anderen Menschen spräche; auch jetzt hatte sie einen Blick, in dem etwas Abwesendes lag. Sie sprach hier zu Bella und Prancken und ihre Gedanken wanderten andere Wege, vielleicht gingen sie mit Denen, die jetzt durch den Wald wanderten . . . Erich hatte sich zuerst Clodwig angeschlossen, und dieser lächelte, da der junge Mann ihm berichtete, daß er noch nie ein Badeleben mitgemacht und daß es ihn fast verwirre. Bei einer Biegung des Weges trat Erich zurück und ließ Sonnenkamp mit Clodwig gehen. Der Verkehr mit Sonnenkamp hatte für Clodwig etwas Abstoßendes und Anziehendes zugleich. Er hatte einen solchen Mann noch nicht kennen gelernt; vor Allem erkannte er einen gewissen Muth, da der Mann sich gar kein falsches Mäntelchen umhing. Wieder suchte Sonnenkamp den Grafen darauf hinzulenken, daß er thätig für seine Adelserhebung eintreten solle, aber Sonnenkamp erfuhr eine Behandlung, die ihm noch nie geworden, denn Clodwig zermalmte ihn mit lauter höflichen Worten. »Ich staune über Ihren Muth und Ihre Ausdauer,« sagte er, und doch hieß es eigentlich: Ich verwerfe Deine Frechheit und Zudringlichkeit. »Sie sind unermüdlich,« lauteten die Worte, und eigentlich sagten sie: Du bist ein schamloser Unterdrücker. Sonnenkamp hatte viel erlebt, aber noch nicht, wie man mit höflichen Worten niedergeworfen werden kann. Er lächelte immer, er durfte keine Verletztheit kundgeben, und Clodwig war dabei so ruhig, so beherrschend, er klopfte auf seine goldene Dose, wie wenn er den kitzelnden Kräften darin sagen wollte: Seid nur geduldig, der Mann bekommt eine starke Prise. Schließlich öffnete er die Dose und reichte Sonnenkamp eine Prise, der sie auch höflich dankend annahm. Erich ging indeß mit dem Banquier; dieser behauptete, daß vielleicht doch nur ein Adliger so frei und so durchdrungen human sein könne wie Clodwig. Der Blick Rolands traf Erich und dieser Blick sagte: Siehst Du? Der Mann sagt es auch! Erich widerlegte diese Behauptung mit großem Eifer, und der Banquier, der anfänglich einen gönnerischen Ton gegen den jungen Gelehrten angenommen hatte, ließ sich gern bekehren. Als man vom Morgengang heimkehrte, wurde Erich eine große Freude zu Theil; sein Lehrer, Professor Einsiedel, war angekommen. Der gute tiefgeistige Professor war ganz hülflos, er kam sich wie verbannt und verloren vor, da er von seinem Collegen, dem ersten Arzt der Universität, hieher verwiesen wurde. Erich ordnete dem Unbehülflichen Jegliches und war glücklich, ihn im selben Hause unterbringen zu können, in dem er mit der Familie Sonnenkamp wohnte. Während Erich bei seinem Lehrer stand, sah er in der Ferne Sonnenkamp mit Professor Crutius sprechen, der ebenfalls heut angekommen war. Crutius schien die Zutraulichkeit Sonnenkamps ablehnen zu wollen, und nur nicht den Weg dazu zu finden. Als jetzt Sonnenkamp ihm zum Abschied die Hand reichte, faßte er dieselbe nicht, sondern griff nach dem Hut und grüßte sehr höflich. Dreizehntes Capitel. Schön geschmückt, mit Blumen im Haar, ging Manna im großen Saal auf und ab; sie schämte sich vor sich selber, als sie im großen Spiegel ihren entblößten Nacken sah, sie hüllte sich fester in die Tüllwolke; da traten Roland und Erich ein. Erich stand starr. »Sie kommen so spät,« sagte Manna. Erich erklärte, daß er seinen Lehrer in die Ordnung des Badelebens eingeführt, und daß er wünsche, auch Manna möchte an dem feinsinnigen Manne Freude gewinnen. »Ihren Lehrer?« sagte Manna, sie hatte wieder den umflorten Ton. »Machen Sie mich morgen mit ihm bekannt. Aber nun eilen Sie, daß Sie noch rechtzeitig zur Reunion kommen.« »Ich bin nicht geladen,« entgegnete Erich. »Nein, er ist nicht geladen, und da gehe ich auch nicht,« rief Roland. Vater und Mutter kamen, es half kein Dreinreden; Roland blieb zurück, selbst den dringenden Bitten Erichs willfahrte er nicht. Die Familie fuhr nach dem Gesellschaftssaal. Roland schien es jetzt doch leid zu sein, daß er nicht mitgegangen; Erich mußte ihn auf die Tribüne des Saales begleiten, von wo sie die Gesellschaft tanzen sahen. Prancken war der Herr der Gesellschaft und Manna theilte den Vorrang mit ihm, ihre Wangen glühten und Roland ärgerte sich, daß sie nicht ein einzigmal nach der Tribüne aufschaute. Manna aber kam sich wie ihr selbst entzogen vor und mitten in der Lustbarkeit sagte sie zu Prancken: »Haben Sie schon gehört, daß der Lehrer des Herrn Hauptmann Dournay angekommen ist?« Prancken zog die Brauen zusammen. Also sie denkt an ihn, jetzt, mitten in der Lustbarkeit! Er hielt eine Weile an, er wußte nicht, was er antworten sollte. Endlich sagte er in heiterem Ton: »Ach, Lehrer! Diese ganze Koppel von Lehrerthum, wird sie Ihnen nicht auch langweilig? Jetzt ist Musik, Tanz, Freude – kommen Sie.« Er schwang sich mit ihr behend im Kreise und Manna war es, als schwebte sie in der Luft und nicht mehr auf dem Boden. »Laß uns gehen,« sagte Roland auf der Tribüne zu Erich. Sie gingen und wandelten im Mondschein die schönen Waldwege, die sie heut am Morgen beschritten. »Gibt es denn gar kein Mittel,« fragte Roland, »daß ich ein vertrautes Geheimniß, an dem ich so schwer trage, kundgeben darf? Ich möchte so gern mit Dir davon reden. Darf ich es Dir nicht sagen?« »Nein, Du darfst unter keiner Bedingung Dein Wort brechen. Thust Du das, so lösest Du allen Halt in Dir selbst auf.« Roland seufzte; er hätte Erich so gern gesagt, daß seine Familie geadelt wird. Als sie nun auf die Lichtung hinaustraten und im Mondesglanz das Städtchen und das Thal überschauten und Töne aus dem Musiksaal wie verlorene Klänge zu ihnen heraufdrangen, sagte Roland wieder: »Ich glaube, daß heut Abend Manna die Braut Pranckens wird. Die Mutter meint, daß dann das Andere schneller und besser zu Stande kommt. Nicht wahr, errathen darfst Du es doch?« Erich erwiderte, daß es von Roland nicht wohlgethan sei, über Familien-Angelegenheiten zu sprechen, die man nur ihm anvertraut. Er sprach das mit bebender Stimme. Was schon längst entschieden war, erschien ihm plötzlich ganz neu, unerhört, unmöglich. Mit Wonne in der Seele und mit Schauder zugleich empfand er, daß Manna ihm mehr geworden, als sie sein sollte. Er bohrte seinen Stock tief in den Boden und stemmte ihn so mächtig ein, daß er ihm in der Hand zerbrach; dann sagte er zu Roland, sie wollten nach Hause gehen. Eben als sie ins Haus traten, fuhr der Wagen vor; Sonnenkamp stieg aus, hinter ihm Frau Ceres und Manna. »Bist Du die Braut Pranckens?« fragte Roland. »Du bist ein albernes Kind,« entgegnete Manna und sprang rasch die Treppe hinauf. Sonnenkamp bat Erich, daß er zu ihm aufs Zimmer käme, Roland sollte sich zur Ruhe begeben. »Hier ist eine leichtere Sorte Cigarren, stecken Sie sich eine solche an,« sagte Sonnenkamp zu Erich, indem er sich in den Stuhl zurücklehnte. »Herr Hauptmann, ich betrachte Sie als Zugehörigen, Sie sind unser und sollen es immer bleiben.« Erich erzitterte. Sollte der Vater etwas ahnen? Sollte er jetzt, durch die ungeschickte Frage Rolands bewegt, ihm sagen, daß er jeden Gedanken von Manna abthun müsse? Sonnenkamp machte eine längere Pause; er hatte offenbar erwartet, daß Erich auf seine zutrauliche Anrede etwas erwidere. Da dieser aber noch immer schwieg, stand Sonnenkamp auf und ging im Zimmer auf und nieder. Dann blieb er vor Erich stehen und sagte: »Heute gebe ich Ihnen das untrüglichste Zeichen, daß ich Sie als Zugehörigen betrachte. Reichen Sie mir Ihre Hand.« Erich that's. Sonnenkamp fuhr fort: »Ich erkenne, ich ehre vollkommen Ihre Zurückhaltung.« Unstet ging der Blick Erichs hin und her. Was sollte das? Nachdem Sonnenkamp mehrere Züge seiner Cigarre rasch hinter einander ausgestoßen, fuhr er fort: »Sie haben, was vorgeht und was Sie wohl bemerkten, nie durch ein Wort zu erkennen gegeben.« Immer noch bebte Erich. Sonnenkamp machte so ungewöhnliche Pausen. Endlich stieß er fast wie unwillig die Worte hervor: »Sie wissen, daß ich geadelt werden soll.« »Nein, das wußte ich nicht.« »Nicht? In der That? Hat Ihnen Roland nie eine Andeutung?« – »Die Andeutung von einem Geheimniß wohl, aber ich habe ihm streng untersagt, ein anvertrautes Geheimniß auch nur mit einem Hauche zu brechen.« »Sie hatten Recht. Ich bin Ihnen dankbar – Ich werde es Ihnen noch mehr sein. Also gradaus! Herr Hauptmann . . . Sie können zur Förderung . . . zur Beschleunigung der Sache wesentlich beitragen.« »Ich?« »Ja, Sie. Sie sind der Freund unseres edlen Grafen Wolfsgarten; er gehört bereits zu unserer Familie, aber er lehnt es beständig ab, wenn ich oder meine Freunde ihn in dieser Angelegenheit beanspruchen. Sie kennen mich, lieber Herr Hauptmann, Sie haben mein Leben beobachtet, Sie haben ein scharfes Auge, ich darf erwarten, daß Sie bei allen meinen Fehlern, die ich ja leider auch habe, gerecht und als Menschenfreund von mir denken. Sie sind ein Mann, der seinem Denken gemäß handelt. Sie verstehen mich doch?« »Offen gestanden, ich verstehe noch nicht ganz.« »Nun denn, ich werde in den nächsten Tagen – ich gebe ein ländliches Fest im Haus-Heilingthal – mir den Juden annectiren, Sie werden mit Ihrem Freunde Wolfsgarten gehen und leicht erfahren, welch ein Gutachten er über mich abgeben wird oder vielleicht schon abgegeben hat.« »Sollte nicht Herr von Prancken oder die Gräfin oder auch der Cabinetsrath besser dazu geeignet sein?« »Nein. Ich würde Sie ja sonst nicht bemühen. Graf Wolfsgarten hat jegliche Auskunft abgelehnt, denn nach seiner etwas pedantischen . . . ich meine nach seiner feinen, strengen Weise sagt er beständig, ein vertraulich abgegebenes Gutachten, das nur vor das Auge des Fürsten kommen soll, darf niemand Anderem bekannt sein. Der Fürst reist in den nächsten Tagen ab, er ist in guter Stimmung. Also nicht wahr, lieber Dournay, Sie erforschen mir das? Es wird Ihnen ja so leicht!« »Herr Sonnenkamp,« entgegnete Erich, »Sie hatten vorhin die Güte, es als correctes Verfahren zu erkennen, da ich Roland davon abhielt, mir ein Geheimniß anzuvertrauen. Wie sollte ich nun –« »Ach lieber Dournay,« fiel Sonnenkamp ein, »man versagt einem jungen Menschen Manches, was man sich selbst erlauben darf. Ich ehre, ich respectire Ihre Wahrhaftigkeit, ich erkenne auch das Opfer an, das Sie mir bringen . . . vollkommen . . . durchaus . . . aber dies Opfer bringen Sie mir?« Erich suchte den Auftrag abzulehnen, Sonnenkamp warf den Kopf zurück, da Erich darauf bestand, daß er nicht zum Ausforschen geeignet sei und es für einen Verrath an der Freundschaft halte, vertrauliche Mittheilungen weiter zu geben. »Ich glaube indeß,« schloß er, »daß Graf Wolfsgarten mir nichts Näheres sagen wird.« Sonnenkamp war innerlich empört, aber er lobte die Gewissenhaftigkeit Erichs, er sprach begeistert von seinem feinen Tact, seiner sittlichen Reinheit und seiner Ideengröße . . . Ja, er bat ihn um Verzeihung, daß er einmal kurz geglaubt, Erich sei etwas mehr als der Freund Bella's. Er entschuldigte dieses kurze Unrecht mit seinen traurigen Erfahrungen und pries es als höchstes Glück, einmal einen wirklich edlen und reinen Mann kennen gelernt zu haben. »Mein lieber junger Freund!« sagte er mit zitterndem, ja mit einem wie von Thränen gepreßten Ton. »Ja, mein Freund, so nenne ich Sie, denn Sie sind es – habe ich auch selber nicht das Recht, Ihnen so nahe sein zu dürfen, wie ich wohl möchte, so bedenken Sie, Sie wirken ein Großes, ja durchaus Nothwendiges – nicht für mich, was liegt an mir? Sie bewirken es für unsern Roland . . . für unsern Roland!« wiederholte er nachdrücklich. Bei Nennung dieses Namens war es, als wenn Erich plötzlich erwachte; er erwiderte zunächst nur fragend, warum denn Herr Sonnenkamp für Roland den Adel wünsche. »O mein Freund!« fuhr Sonnenkamp zärtlicher werdend fort, »das ist das letzte, das einzige Ziel meines Ringens in der alten Welt. Wer weiß, wie bald ich sterbe, Sie bleiben der Freund, die Stütze meines Sohnes . . . geben Sie mir die Hand . . . Sie bleiben es. Ich sterbe in ruhiger Zuversicht, da ich ihn in Ihrer Obhut weiß. Ach, man sieht mir nicht an, wie krank ich bin. Ich halte mich gewaltsam aufrecht, innerlich bin ich gebrochen. Die Mühen und Kämpfe des Lebens haben etwas in mir geknickt, was mir Niemand ansieht. Es kann plötzlich einmal enden und da möchte ich meinen Sohn in fester Geborgenheit zurücklassen. Mein Freund! Sie lieben unser schönes, unser herrliches deutsches Vaterland. Sie gewinnen dem Vaterland einen treuen, mächtigen Sohn. Bleibt Roland, wie er ist, behält er den Namen, den er hat, wird er sich immer als Bürger der Welt da drüben ansehen, wird nie ein echter Sohn unseres erhabenen deutschen Vaterlandes, in welchem allein ein Mann mit edlem Sinn und reichen Mitteln eine humane Mission erfüllen kann. Verzeihen Sie, wenn ich mich nicht so warm ausdrücke, wie ich es fühle, wie ich es zu Ihnen sollte. Ich sage Ihnen nur, Sie haben so viel an Roland gethan, machen Sie ihn nun auch zum Sohne Deutschlands, wenn nicht um unseret-, so doch um des Vaterlandes willen.« Sonnenkamp wußte wohl, welch eine tiefklingende Saite er in Erich berührte, und dazu der schmerzvolle, innige Ton des Vaters, und ein Blick, so groß, so weit, so andachtsvoll, als sähe er nicht nur über seinen Tod, sondern auch über alles einzelne Sein hinweg. Erich war erschüttert und sagte: »Für Roland gebe ich mein Leben hin . . .« Sonnenkamp wollte ihn umarmen, aber Erich bat, ihn ausreden zu lassen. »Mein Leben kann ich hingeben, meine Grundsätze nicht; aber ich bin jede Minute bereit, mich von Vernunftgründen bekehren zu lassen. Glauben Sie denn, daß es für Roland ein Glück wäre, wenn er geadelt wird?« »Das einzige, sonst gibt es keines. Sie verkennen mich gewiß nicht, mein lieber herrlicher Freund. Ich bekenne Ihnen offen, ich schätze das Geld hoch, ich habe es schwer erworben und möchte es auch erhalten. Ich möchte das bewegliche Besitzthum zum unbeweglichen machen, wenigstens zum guten Theil; mein Sohn soll das, was ich mit eisernem Fleiß erworben, frei genießen. O mein Freund, Sie wissen nicht, wie mein Leben hart gehämmert wurde, weil ich . . . Doch lassen wir das, es würde mich heute zu sehr erschüttern. Aber da fällt mir ja eine Hauptsache ein, gut, daß ich mich daran erinnere. Sie waren die Veranlassung, daß ich mein Dichten und Trachten auf diesen Gedanken brachte.« »Ich? Warum ich?« »Erinnern Sie sich. – Am ersten Tage Ihres Eintritts haben Sie mir gesagt und noch oft bestätigt, Roland habe keine besondere Begabung, die ihn zu einem besonderen Berufe verpflichtet. Damals kränkte es mich, aber es ist vollkommen wahr. Gerade weil Roland nicht mit Genie begabt ist, soll er adlig werden, das gibt auch mittelmäßigen, nicht selbst erobernden Naturen Stellung und Halt. Man ist Baron, man ist Graf, damit ist man bereits etwas, hat nicht erst etwas zu werden; und ist er sonst noch etwas, ist man ihm dankbar dafür, findet es besonders schön. Ach, lieber Freund, ich spreche viel durcheinander.« »Durchaus nicht.« »Lassen Sie mich nur noch sagen: tritt Roland einst – ja vielleicht bald – in den Besitz von Millionen, ist er ein Adliger, so steht er nicht nur in der geschlossenen Reihe, sondern hat auch alle Verpflichtungen und höheren Aufgaben von Ehre, Wohlthätigkeit, Gemeinnützigkeit, und hat sie doppelt, weil er ein Neugeadelter ist. O mein Freund, ich öffne Ihnen mein ganzes Herz – Ich kenne fast die ganze bewohnte Welt, und soll ich Ihnen sagen, was ich gefunden?« »Ich würde es dankbar aufnehmen.« »Nun denn, mein Freund; es gibt drei Menschengemeinschaften, die einen Zusammenhalt bilden, so daß man nicht allein steht. Von diesen Dreien muß man Eines sein in dieser zerfallenen Welt . . .« Sonnenkamp machte eine Pause, und da Erich ihn fragend ansah, fuhr er fort: »Ja, mein Freund, in der Welt muß man sein: entweder ein Jude, oder ein Jesuit, oder ein Adliger. Sie lächeln? Sie sind überrascht? Lassen Sie es mich erklären. Uebersehen Sie die ganze Welt und Sie werden finden, daß diese drei allein noch zusammenhalten, unverbrüchlich, beständig, sie bieten noch eine wirkliche Gemeinschaft. Ein Jude kann mein Sohn nicht werden, ein Jesuit soll er nicht werden, ein Adliger muß er werden.« Erich war wie benommen von alle dem, was ihm Sonnenkamp mittheilte, sein Freisinn sträubte sich, aber er sah, wie unzerstörbar der Gedanke in Sonnenkamp war, und rückwärts schauend, wurde ihm klar, wie Alles immer darauf gestellt und gerichtet war. Und sollte es nicht vielleicht gut sein, wenn Roland geadelt wird? Daß dies allein im Stande wäre, ihm in Deutschland eine wirkliche Heimat zu geben? Bis tief in die Nacht hinein legte Sonnenkamp dar, wie nothwendig der Adel für Roland sei, und übermüdet gab endlich Erich das Versprechen, daß er auch bei Clodwig dahin wirken wolle. Ruhelos lag er in seinem Bette, er erschien sich als ein Abtrünniger. Vierzehntes Capitel. »Ball« . . . »Amerikaner« . . . »Bräutigam« . . . konnte man am Morgen beim Brunnen in allen Sprachen hören, während Manna in der Stadtkirche noch lange, nachdem die Messe vorüber war, in sich zusammenschauernd vor dem Altar lag. Sie rief um Hilfe, um Beistand gegen die Welt; sie wollte, eingedenk der Worte des Pfarrers, daß sie überall, wohin sie käme, einem Bruder, einem Vater ihr Herz aufschließen könne, auch hier beichten, aber sie unterließ es, denn Alles konnte sie doch nicht sagen. Zum ersten Mal in ihrem Leben verließ sie die Kirche mit schwer belasteter Seele. Auf den Bergen wandelte Erich mit sich selbst kämpfend hin und her. Sonnenkamp hatte so offen mit ihm gesprochen, und doch hatte er das Eine nicht gesagt, daß Prancken mit der Verlobung wartete, bis Manna geadelt war. Er erschrak, als er plötzlich seinen Namen rufen hörte, und doch war er von einer sehr sanften Stimme gerufen. Professor Einsiedel war es, der ihm begegnete. Er klagte, wie er gar nicht fasse, daß er nun wochenlang nichts arbeiten und nur an die Pflege seines Körpers denken solle. Er wiederholte mit kindlichem Lächeln, eine Badecur sei eine Krankheit mit Spazierengehen; er müsse sich dem fügen, denn er müßte ja auch eine Krankheit aushalten, wenn er zu Bett läge. Bald aber fragte er Erich nach dem Fortgange seiner Studien und wie weit er mit dem Werke gediehen, das er über die Sklaverei schreiben wolle. Bevor Erich antworten konnte, theilte ihm Professor Einsiedel mit, wie er fort und fort Notizen für ihn sammle. Am auffälligsten sei, mit welchen harten Worten Luther vom religiösen Standpunkt aus das Bestehen der Leibeigenschaft gerechtfertigt habe. »Ich mache Luther keinen Vorwurf,« setzte er hinzu, »er sah doch auch nur mit den Augen seiner Zeit, wie Andere in anderen Zeiten ja an Dämonen und ihre Austreibung glaubten. Und wie sehr selbst die Bedeutendsten in der allgemeinen Meinung ihrer Zeit standen, zeigt Bossuet, von dem der Ausspruch ist: Der da sagt, daß es keine Sklaven geben solle, sündigt wider den heiligen Geist.« Auf diesem Morgengange empfand Erich aber auch eine Befriedigung, wie er sie lange nicht gekannt. Professor Einsiedel hatte sich im Walde scheu umgeschaut, als sollte Niemand das große Geheimniß vernehmen, das er kundgab, und er sagte: »Lieber Doctor« – er nannte Erich stets Doctor – »ich habe viel über die Aufgabe gedacht, einen reichen Jüngling zu erziehen. Ich habe das Absolute nicht gefunden. Das Absolute ist ja überhaupt nur ein Gedankending. Aber einen Menschen so ausbilden, intellectuell und ethisch, daß man annähernd . . . bitte, bemerken Sie wohl, ich sage annähernd . . . daß man also annähernd sicher sein kann oder erwarten darf, daß er in jedem gegebenen Fall das Sittengesetz zu Rathe zieht, das ist das Einzige, was man thun kann. So weit ich die Welt kenne . . . und ich war ja auch einmal Hofmeister, freilich nur kurze Zeit . . . soweit ich die Welt kenne, haben die durch Geburt Vornehmen, und wahrscheinlich ist es auch bei den Reichen so, immer nur Wünsche und Verlangen. Nun ist die Aufgabe, das Wünschen und Verlangen und Erwarten zu einem Wollen, zu einer Selbstthätigkeit zu machen; dazu sind gute Ansätze in dem schönen Jüngling, er hat den Ernst des Lebens begriffen.« Nie duftete der Wald so kräftig, nie schimmerte die Sonne so hell, nie war die Luft so erquickend, die ganze Welt so durchklärt als in diesem Augenblick, da Erich dieses Zeugniß von seinem Lehrer empfing. Zu anderer Zeit aber rüttelte Professor Einsiedel wieder Erich auf, indem er ihm vorhielt, daß auch er in den Fehler der Reichen verfalle, die die Pflege ihres höheren Selbst vergessen. »Das Leben mit Andern ist gut,« sagte er, »aber das Leben mit sich selbst ist besser; und ich fürchte, Sie haben nicht gut mit sich selbst gelebt.« Wie ein Schulknabe, der sich auf Lässigkeiten ertappt und zurechtgewiesen sieht, erging es Erich; er mußte gestehen, daß er die Arbeit aus den Augen verloren. Das Gesicht des Professors schrumpfte zusammen, als ob es zu lauter Falten würde, er schwieg lange, endlich sagte er: »Sie fügen sich und Ihrem Zögling den größten Schaden zu.« »Mir und meinem Zögling?« »Ja. Sie haben keine wissenschaftliche Arbeit neben Ihrem zerstreuenden täglichen Beruf, und da ist kaum möglich, die nöthige Spannkraft und Frische zum Lehren zu finden. Ich bin auch Erzieher gewesen, habe aber immer mein wissenschaftliches Heiligthum für mich gehabt. Es ist ein Gebot der richtigen Erziehung, sich dem Zögling nicht immer zur Verfügung zu stellen; er muß erkennen und wissen, daß neben ihm ein sein inneres eigenes Leben fortsetzender Mensch ist, daß Niemand einen Andern immerdar mit allen seinen Kräften zu Gebote haben darf. Sie dürfen sich nie als fertig . . . bemerken Sie wohl, ich sage fertig . . . betrachten, Sie müssen sich ständig fortbilden. Fertig sein ist der beginnende Tod. Sehen Sie das Blatt am Baum! Sobald es seine Grünungshöhe erreicht hat, geht es der Vergilbung und Welkung entgegen.« Das, was der Mann hier auf dem stillen Waldwege laut kundgab, hatte Erich oft selber empfunden, aber sich nicht gestehen wollen. » Non semper arcum tendit Apollo, sagt Horaz,« erwiderte er nun mit dem Lieblingsdichter seines Lehrers. »Allerdings spannt Apollo nicht beständig den Bogen, aber er legt ihn nicht ab, er bleibt sein unveräußerliches Attribut,« entgegnete Einsiedel. Lange gingen sie lautlos mit einander und der Professor begann wieder: »Sie sind noch jung; das sind die Morgenstunden des Lebens, die dürfen Sie nicht versäumen. Ich mahne Sie als Lehrer und aus dem Geiste Ihres Vaters heraus. Ich habe Recht und Pflicht, das zu sagen, denn Sie sollen sich Ihren Vater als Warnung dienen lassen.« »Als Warnung?« »Ja. Wie gediegen und bedeutend er war, ist nicht nöthig, zu sagen, aber Ihr Vater klagte oft, daß er durch die Geltung in der Gesellschaft den Zusammenhang mit der Wissenschaft verloren hatte; er konnte nicht mehr in die Systematik hinein. Noch mehr. Er dachte, so sehr er es vermeiden wollte, doch an die Menschen, während er schrieb, und man darf nur an die Idee denken; das ist unser Gottesdienst. Verlieren wir das, sind wir die ärgsten Götzendiener, und unser Götze ist nicht einmal so fest wie irgend ein Gebilde in einem Tempel, es ist der nichtigste Götze: die wandelbare Gesellschaftsstimmung.« Noch immer sprach Erich nichts, und der sanfte Mann fuhr fort: »Sehen Sie, da ist wieder jener wunderbare Zusammenhang der Welt. Es ist mir gar schwer geworden, eine Badecur zu unternehmen, und mein Arzt wußte es nicht, und ich wußte es nicht, daß ich hieher geschickt bin, um Ihnen vielleicht zur Erweckung zu werden.« »Ja, das sind Sie!« rief Erich endlich und faßte die kleine feine Hand des Lehrers. Er erklärte, daß er nur noch kurze Zeit, bis Roland in seine nächste Bestimmung eintrete, sich diesem ganz widmen wolle, dann aber der Wissenschaft allein zu dienen entschlossen sei. Der Professor ermahnte ihn, nicht bis dahin zu warten, denn der Rapport mit der Wissenschaft dürfe nie unterbrochen werden. »Uebrigens,« setzte er hinzu, »bin ich keineswegs dagegen, wenn Sie sich dem praktischen Leben widmen; nur sollen Sie sich entscheiden, für das Eine oder für das Andere.« Als ein neuer in sich erweckter Mensch kehrte Erich in die Stadt zurück; er sah die Gefahr, in der er stand, durch Geltung im Leben, durch Aufbringung von Gedanken und Thatsachen, die er in festen Studien sich angeeignet, sich zu zersplittern, statt in sich fortzuschreiten. Ganz anders wie damals der Doctor, hatte ihn der Professor im innersten Wesen erfaßt. Professor Einsiedel fand seine besondere Freude an Roland, und dieser war von einer Ehrerbietung und dienstfertigen Ergebenheit, daß Erich seine Herzerquickung hatte, wenn er die Beiden mit einander sah. Manches Wort, das der Professor sprach, drang tief in die Seele des Jünglings, und einmal sagte Roland: »Man sollte gar nicht glauben, daß der lange Lieutenant und der Professor von demselben Menschengeschlechte sind!« Erich ließ seinen Zögling gern mit dem Professor allein gehen und sein Auge leuchtete, da Einsiedel ihm nach wenigen Tagen wieder sagte: »Sie haben gute Arbeit vollführt; der Jüngling hat den idealistischen Stolz, den man auch geistige Vornehmheit nennen kann. Ich glaube, er kann nicht in Laster und Niedrigkeit verfallen, weil sein schöner Stolz die Gemeinheit derselben ihm abstoßend macht. Ein bis zum Stolz gehendes Selbstbewußtsein, wenn es recht gelenkt ist, kann ein sicheres Moralprincip werden.« Bella hatte es anfangs versucht, den Professor zur Zielscheibe ihrer Neckereien zu machen; aber er sah sie so kindlich und dabei wieder so still verweisend an, daß sie bald von dieser Tonart abließ und ihn ganz übersah. Der scheinbar unerfahrene Mann hatte ein sicheres Urtheil über alle Begegnungen. Er erkannte Clodwig die antike Bezeichnung zu, daß er ein »schönguter« Mann sei, er war besonders erfreut von dessen classischer Bildung und sagte: »Die classische Bildung ist die Grundmauer von Quadern, sie wird in den Boden gelegt, bleibt unsichtbar, aber sie trägt den Bau sicher und fest.« Den Banquier fand er zu unruhig, aber er lobte an ihm eine große Dankbarkeit des Geistes, die er als einen jüdischen Charakterzug bezeichnete; Dankbarkeit für geistiges Geben sei in den Juden sehr lebendig. Vor Sonnenkamp hatte Professor Einsiedel eine furchtsame Scheu. Er fand solche zwar ungerecht, denn der Mann hatte sich ihm ja nicht unfreundlich erwiesen, aber er konnte seine Empfindung nicht besiegen. Er gestand einmal Erich, er habe Furcht vor Menschen, die so stark seien; er meine immer, Sonnenkamp wolle ihn wie ein kleines Kind auf den Arm nehmen und seinen Scherz mit ihm treiben. Uebrigens werde er diesen Mann nie ganz kennen lernen; es gehe bei der Wahrnehmung im Verständniß eines Charakters wie bei der Entzifferung einer aufgefundenen Steinschrift; was nicht der erste frische Blick enträthselt, das findet man durch langes und angestrengtes Betrachten nicht mehr. Eine ganz neue Belebung zeigte sich aber, als Professor Einsiedel mit Manna vertrauter wurde. In seinem Verhältniß zu Erich war es ihm alsbald offenbar geworden, wie er von der unsichtbaren Macht, die alles Leben einigt, zum Heil hierher geschickt worden war; bei Manna erkannte er das nicht, und doch war es hier noch weit mehr, denn Manna war suchend und hilfsbedürftig und schloß sich dem feinen, so kindlich hilflosen Manne wie eine sorgsame Tochter an. Noch hat die Wissenschaft nicht vollkommen ergründet, wie sich die Heilquellen bilden, und Niemand kann ahnen, wie ein Mensch dem andern durch unfaßbare Vorbereitung zum Heil oder zur Umstimmung wird. So wirkte Professor Einsiedel auf Manna in ungeahnter Weise. Als sie ihm berichtete, daß sie ins Kloster gehen wolle, sagte er: »Ich könnte Sie fast beneiden. Wäre ich Katholik, ich ginge in ein Kloster, aber ich möchte ein solches von lauter Männern der Wissenschaft, die nicht Zeit und Geschick haben, für die Lebensbedürfnisse zu sorgen, und doch große Arbeiten vollenden müssen.« Manna war zaghaft, aber wie in Erinnerung an ihren alten Muth und ihre alte Sicherheit wagte sie, wenn auch nur in Form der Frage, den Professor auf die Nothwendigkeit und die alleinige Sicherheit des Glaubens hinzuweisen. Sie war ganz erstaunt, wie der sonst so ruhige Mann da plötzlich aufflammte. »Wir kämpfen nicht mit der Kirche,« sagte er. »Die Kirche konnte die Welt nicht gestalten, keinen Staat, keine Gesellschaft bilden; sie konnte Krankenhäuser und Waisenhäuser gründen, das ist Alles. Das Leben ist nicht ihr, sondern der classischen Bildung, der fortschreitenden Cultur. Ich habe einen Collegen in der Universität, der beständig behauptet, das Corpus juris habe für Ordnung der Welt weit mehr geleistet, als die Fragmente, die man die Bibel alten und neuen Testaments nennt. Ich stimme dem nicht bei, denn die Bibel hat auf einen andern Nerv im Organismus der Menschheit gewirkt. Und nun beachten Sie wohl: zwei große Ideen hat die Welt aus dem classischen Alterthum geerbt, diese Ideen heißen Staat und Nationalität. In diesen Beiden ging der Mensch auf. Da erschien die Religion und pflanzte die Einheit der Menschheit in die Gemüther; die Menschen sollten Brüder und die Menschheit ein Einziges sein. Das konnte nur die Religion gründen, das gelang nicht dem Römerthum, nicht dem alten und nicht dem neuen Cäsarismus. Die Religion hat ihren Beruf erfüllt, sie hat den Gedanken der Menschheit in die Welt gesetzt. Nun sammeln sich die Völker wieder in geschlossenen Staaten, in Nationalitäten; darüber darf aber die Idee der Menschen-Einheit nicht verloren sein. Aber entschuldigen Sie, ich verfalle in den Lehrton.« »Nein, nein. Ich verstehe, bitte, weiter.« »Nun denn, was einmal reine Idee war, ist unverloren in der Welt; nur soll es nicht verlangen, immer und ewig einziger Ausdruck der Idee sein zu wollen. Hier ist der Punkt, der uns Ungläubige, wie man uns nennt, von den Gläubigen unterscheidet. Ich will Ihnen Thatsachen aus der Gegenwart anführen – aber langweile ich Sie nicht?« »Wie mögen Sie so gering von mir denken!« »Ja, verzeihen Sie. Unser Jahrhundert arbeitet an zwei großen Dingen, an Aufhebung der Leibeigenschaft und Vertilgung der Sklaverei; sie werden vollzogen, aber nicht durch die Kirche, sondern durch die fortschreitende Cultur . . . . Ich will Sie nicht beirren, aber thun Sie das nicht wieder . . . thun Sie das ja nicht mehr. Ich bin ein geduldiger Mann, sehr geduldig, ich störe Niemand, aber ich muß sehr bitten, mit solchen Sachen nicht in mich eindringen zu wollen. Wie gesagt, es thut mir leid, wenn ich etwas beleidigt habe, was Ihnen hoch und heilig ist; es wird Ihnen hoffentlich bleiben, auch wenn ich es ablehne. Aber ich bitte . . . ich bitte sehr, mich nicht mehr mit Solchem anzugreifen.« Manna ging neben dem Professor und wünschte, daß eine himmlische Macht käme, die sie hinwegtrüge von der Seite dieses Mannes. Wohin ist sie gerathen? Was hat sie hören müssen? Und das von einem Manne, der kein Weltling ist, der nichts will, als ruhig und arbeitsam sein Leben vollenden! Es kam keine himmlische Macht, die sie hinwegtrug, und sie beschwichtigte sich im Innern. Es ist gut, daß sie das auch noch gehört von einem Manne, den sie nicht verwerfen kann. Das ist die letzte Probe des Versuchers, er soll sie nicht irre machen. So gelobte sie sich und preßte die Hand aufs Herz, als ob sie sich an etwas anklammern müsse. Aber es war entschwunden, sie konnte es nicht mehr fassen. Das, wofür sie ihr Leben opfern wollte, konnten die dort nicht annehmen, denn dort, wo sie es opfern wollte, war nichts geschehen zur Tilgung des Ungeheuerlichen. Sie wollte sich fortan von dem Professor zurückziehen, aber sie fand dies ungerecht. Was hat er gethan, als frei und offen sich zu seiner Ueberzeugung bekannt? Sie widmete sich ihm aus Anhänglichkeit; sie erkannte, daß dem Manne die Wahrheit, wie er sie erfaßte, über Alles ging, und daß er jeden Irrthum als das Uebel ansah. Der Professor gestand ihr offen, daß er bereue, ihr so Fremdes mitgetheilt zu haben, und daß es ihn sehr schmerzen würde, wenn er ihr Gewissen beirrt; er bitte nur, sie solle auch an das reine Ideenleben Anderer glauben. Beide vermieden fortan jedes Streifen ins Gebiet des Religiösen, und nur manchmal sah Manna auf und ihre Augen wurden größer, wenn der Professor Aussprüche der Heiden citirte, die Wahrheiten enthielten, welche sie für das alleinige Besitzthum der Kirche gehalten. Vor ihrem Auge that sich ein weit gespannter Horizont auf, innerhalb dessen die verschiedenen Religionen nur wie Vorgebirge sich darstellten. Dieser unscheinbare, zart organisirte Mann erschien als die vollkommene Individualität, die in der humanen Betrachtung alle Gegensätze in sich aufgenommen und ausgeglichen. Sie sah die Ehrerbietung Erichs gegen ihn, seine kindliche Fügsamkeit, sein treues Aufmerken, die Unterordnung, die er zu jeder Stunde zeigte. Sie beobachtete Erich immer scharf. Also dieser Mann mit dem stark betonten Selbstbewußtsein ist so bescheidener Verehrung für Andere fähig? Professor Einsiedel ging manchmal mit einem alten eingeschrumpften Männchen von äußerst demüthiger Erscheinung; so oft er Manna begegnete und sie ansprach, zog sich der Genosse zurück, wie wenn er nicht das Recht habe, auch in die Gemeinschaft der Menschen einzudringen. Professor Einsiedel erzählte Manna einst dessen Geschichte. Sie waren mit einander auf der Schule gewesen, der Genosse war früh ausgetreten, weil ihm seine Eltern gestorben waren und er für Geschwister zu sorgen hatte. Er war Buchhalter in einem großen Bankgeschäft, er unterhielt seine verwittwete Schwester und deren Kinder. Unter großen Entbehrungen sparte er sich eine beträchtliche Summe, und einst, als er im Theater gewesen und heimkam, sah er, daß sein Neffe den Schreibtisch erbrochen und ihm sein ganzes Besitzthum gestohlen hatte. Er erfuhr, daß er nach Amerika entflohen sei. Ohne je ein Wort davon zu verrathen, fing er nun von Neuem an zu sparen und zu kargen, und opferte er sein Leben einem Andern. Der Professor konnte nicht ahnen, wie diese einfache Geschichte Manna ergriff. Er sprach auch viel von der Mutter Erichs; er setzte voraus, daß Manna in inniger Freundschaft mit ihr stehe, und konnte nicht genug Worte finden, den Edelsinn dieser Frau zu schildern. Manna lächelte, da er sagte, er habe ehedem eine geringe Ansicht von den Fähigkeiten des weiblichen Geschlechts, vor Allem aber das Vorurtheil gehabt, daß es keine Humanität besäße. Die Professorin Dournay indeß habe ihn bekehrt und ihm gezeigt, daß alle guten Manneseigenschaften in einer Frau noch schöner seien. Auch Manna hatte Erfreuliches zu berichten; im Aussprechen gegen den Professor fand sie das Beste in den Menschen heraus. Sonnenkamp sah indeß mit Aerger die Curzeit vorüberstreichen, ohne daß er zu einer Entscheidung in seiner nächsten Angelegenheit gelangte. Der General, der auf Villa Eden sein Gast gewesen, war angekommen, um mit dem Fürsten nach Beendigung der Brunnencur ins Seebad zu reisen. Der General war Ordenskanzler. Sonnenkamp forschte nach dem Stande seiner Angelegenheit. Der General war sehr zurückhaltend und ließ sich nur zu der Aeußerung herbei, daß nicht er, sondern Graf Wolfsgarten von Entscheidung wäre. Sonnenkamp hatte bisher immer eine Scheu gehabt, mit Bella über seine Adelserhebung zu sprechen, er hatte das Gefühl, daß er bei ihr dadurch in eine falsche Stellung trete; jetzt überwand er das und sprach mit ihr über die nothwendige Mitwirkung Clodwigs. Sie lachte ihn zuerst aus, daß er etwas Derartiges wolle, daß er nach einem Adelsbrief strebe, der ja bald für einige tausend Gulden auf dem Trödel zu haben wäre; am hiesigen Hofe sei es allerdings noch etwas schwieriger, aber wer frage danach, wo man geadelt worden, wenn man es nur sei. Uebrigens fand sie es auch nicht angemessen von Sonnenkamp, daß er seine Ausnahmsstellung aufgebe und sich in eine Genossenschaft einreihen lasse, und sei es auch die Adelsgenossenschaft. Es gelang Sonnenkamp nicht, das Räthsel zu lösen, ob Bella es in der That seiner nicht würdig halte, sich adeln zu lassen, oder noch ein gewisser Ahnenstolz in ihr ihn auf höfliche Weise abwendig machen wolle. Trotz sein gestellter Fallen konnte er nicht erkunden, was Bella dachte und wollte; sie merkte die Schlinge und entschlüpfte immer gewandt. Sie spielte mit ihm, bald ließ sie ihn glauben, sie halte ihn für zu hoch, um sich irgendwem gleich zu stellen, bald ließ sie ihn verstehen, er solle aus diesem Kreise wegbleiben, in welchem er doch nie heimisch werde. Wenn Sonnenkamp über dieses schillernde Spiel empört war, wußte sie ihn wieder mit einem Blick, mit einem Wort zu bezaubern. Der Fürst, der General, Clodwig und Bella reisten in den nächsten Tagen ab; konnte Sonnenkamp nun den Fürsten nicht gewinnen, so wollte er sich doch die ganze vornehme Welt verbinden. Er bereitete ein Fest im sogenannten Haus-Heilingthal vor. Fünfzehntes Capitel. Der Tag des Festes war gekommen. Roland ritt mit Prancken voraus, Sonnenkamp fuhr mit dem Banquier, Erich mit Clodwig. Der Tag war sonnig, aber nicht zu heiß. Eine bunte Gesellschaft stieg auf der Höhe aus den Wagen und wandelte den Waldweg hinab nach dem Thal. Erich versuchte es, von der Adelserhebung Sonnenkamps zu sprechen, aber sofort fiel Clodwig ein und verwehrte ihm mit einer gewissen väterlichen Strenge, sich zu dieser Sache in Beziehung zu bringen. Zum ersten Mal war etwas in dem Blicke Clodwigs, das Erich nicht verstand. Schweigend gingen sie des Weges. Als sie im Thale ankamen, nahm Sonnenkamp Erich bei Seite und fragte hastig, wie das Gutachten Clodwigs laute. Erich erwiderte, daß Clodwig jede Besprechung der Sache ablehne. »Ich danke Ihnen – danke Ihnen sehr,« stieß Sonnenkamp hervor ohne ersichtlichen Grund. Am Ufer des Waldbaches im Haus-Heilingthal hatte Joseph die Tafel geordnet, Sonnenkamp hatte nur noch einige Kleinigkeiten hinzuzufügen. Die Gesellschaft, die sich zusammengefunden, war auserlesen und von der Anordnung überrascht. Der lange Lieutenant besonders war sehr redselig, und Sonnenkamp sah ihn immer seltsam an, denn er, der doch kein Oesterreicher war, nannte ihn immer Herr von Sonnenkamp. Eine Musikbande war im Walde aufgestellt und spielte schöne lustige Weisen. Man schaute auf nach der Felsengruppe, die nach der Sage ein von Unterirdischen versteinerter Hochzeitszug sein sollte. Bella fragte, zu Erich gewendet, woher diese Sage entstanden sein möge. Alles hörte aufmerksam zu, da dieser erklärte, daß hier eine Variation aus dem Sagenkreis des Tannhäuser gegeben sei und daß im Morgendämmer der Erkenntniß eine Rückbildung von Sagen stattfinde, die aus dem Räthsel über Entstehung unserer Erde ahnungsvoll sich ableitet. Da ertönte plötzlich ein Waldhorn; oben bei den Felsen und unten im Thal zeigte sich ein überraschendes Schauspiel. Eine Bande von Zigeunern, phantastisch gekleidet, brach plötzlich herein, spielte wilde Weisen und vor Allem ein junger Geiger mit blauschwarzen Haaren tanzte und sprang geigend im Kreise. Alles war voll Lob gegen Sonnenkamp, der immer Ueberraschendes anzuordnen verstehe; man wußte nicht, war es Bescheidenheit oder Wahrheit, da er bekannte, er sei selber überrascht. Ein Blick zwischen ihm und Lutz zeigte, daß dies Wahrheit. Bella ermunterte die Zigeuner zu immer wilderen Weisen, und als sie erfuhr, daß die Leute in der Nähe ihre Lagerstatt aufgeschlagen hatten, ging sie mit einigen Frauen und Männern dorthin; auch Roland mußte sie begleiten. Sie bedauerte, daß Professor Einsiedel nicht da war, der ihr gesagt hatte, daß die Sprache der Zigeuner mit dem Sanscrit zusammenhänge. Nun fragte Bella ringsumher, ob Niemand von der Gesellschaft zeichnen könne. Das magere Pferd, das an einem Heubündel fraß, den Wagen, die alten Frauen, die um ein offenes Feuer saßen, mußte sofort der lange Lieutenant für sie zu zeichnen versuchen. Ein wild dreinschauendes braunes Mädchen, das eine weite Crinoline trug und keck aus einer kurzen Pfeife rauchte, wurde schnell der Günstling Bella's. Sie fand ihre besondere Lust an diesem kecken Wesen. Sie schenkte ihm einen bunten Shawl, den sie ihm sofort als Turban aufsetzte. Manna sah nachdenklich drein; die Art, wie Bella die Menschen als Puppen behandelte, zeigte sich ihr. Manna ging mit der Gesellschaft, aber sie lebte nur wie träumend. Im Innersten dachte sie Alles dieses bereits als Erinnerung, die sie beim Abschiede von der Welt sich vergegenwärtigen solle. Schon jetzt rückte sich's ihr in die Ferne, wie ein Vergangenes; sie stand inmitten des Lebens wie abwesend, denn sie hielt gewaltsam den Gedanken fest, daß sie diesem ganzen Treiben entsage. Dieses Jahr draußen in der Welt war ein Prüfungsjahr, und sie freute sich, daß schon Monate dieses Jahres vorüber waren. Am Bergrande unter schattigen Tannen waren große Teppiche ausgebreitet, auf denen sich die Damen niederließen, während die Männer noch bei Tafel sitzen blieben und auf die Mahnung des langen Lieutenants, der seine Skizze vollendet hatte, nun zur Flasche zusammenrückten. »Warum sind Sie nicht von Adel?« fragte der lange Lieutenant Herrn Sonnenkamp. »Weil Herr Sonnenkamp ein Bürger ist,« versetzte Clodwig. »Aus Bürgern kann man aber Adlige machen, wenn man Millionen –« Prancken winkte unwillig dem Kameraden, so daß er plötzlich abbrach, aber der Cabinetsrath hielt es am Orte, da man das Gutachten Clodwigs zu erwarten hatte, hinzuzufügen: »Ja, Herr Lieutenant, wenn Edelsinn, große Kraft, Wohlthätigkeit und Würde zum Adel bestimmen, so ist . . . so wird unser Herr Sonnenkamp adlig.« Der lange Lieutenant glaubte einen guten Witz zu haben, und den kann man nicht unterdrücken, auch wenn man nicht Champagner getrunken; er rief: »Sehr schön – deliciös! Herr Graf von Wolfsgarten, Sie sind der Gescheidteste von uns Allen; sind Sie auch der Meinung, daß eine Million geadelt werden muß? Nicht die Million, sondern der die Millionen hat.« »Es ist mehr als liebenswürdig von Ihnen,« entgegnete Clodwig, »daß Sie Ihre Machtvollkommenheit, den Gescheidtesten zu ernennen, auf mich anwenden.« »Danke, der Hieb sitzt,« rief der lange Lieutenant. »Aber bitte, weiter, nun auch Ihre Meinung.« »Ich glaube,« sagte ein dicker zurückgezogener Hofmarschall, der sich rühmte, bereits sechzehn Pfund an Gewicht hier abgenommen zu haben, »ich glaube, unser edler Wirth hat das Recht, zu verlangen, daß wir diese Erörterung nicht hier und nicht jetzt führen. Nicht wahr, Excellenz?« wendete er sich an Clodwig. Aber bevor dieser geantwortet hatte, fiel Sonnenkamp ein: »Im Gegentheil, es würde mich freuen, wenn meine verehrten Gäste mir die Ehre angedeihen ließen, mich als zugehörig zu betrachten und die Erörterung weiter führten; ja ich möchte dies sogar als einen Beweis ansehen, daß Sie mich nicht als Fremden betrachten.« Clodwig, der seine strenge Ordnung durchbrochen und auf vieles Zureden zwei Gläser Champagner getrunken hatte, gewann plötzlich eine schelmische Miene und rief: »Nun denn, Herr Sonnenkamp, so sagen Sie uns zunächst Ihre eigene Meinung.« »Ja, ja,« rief der lange Lieutenant, »wer Millionen erworben hat und ein solches Feenfest herrichten kann, der muß –« »Bitte,« unterbrach Clodwig, »lassen Sie Herrn Sonnenkamp sprechen.« »Meine Verehrten,« begann dieser, »ich habe alle Welttheile unserer bewohnten Erde betreten und überall gefunden, daß es eine Aristokratie gibt und geben muß.« »Ist ja auch unter Pferden und Hunden so,« warf der lange Lieutenant ein. »Die Gräfin Dingsda aus Rußland hat zwei mausgraue Windhunde, die von der Kaiserin Katharina – wollte sagen von den Hunden der Kaiserin Katharina abstammen.« Der von sechzehn Pfund entlastete Hofmarschall raunte dem langen Lieutenant zu, doch an sich zu halten; er exponire sich und die ganze Gesellschaft. Der lange Lieutenant fuhr sich mit der Hand über die Stirne und versprach leise, zu gehorchen. »Erzählen Sie weiter,« bat Clodwig, und Sonnenkamp fuhr fort: »Es ist auch für die wilden Stämme ein Glück, wenn sie Geschlechter besitzen, die in geschichtlicher Fortsetzung die Sammelpunkte und Haltpunkte für sie bilden, und neue sich durch Muth und Klugheit hervorthun, wenn man so sagen darf, eine neue Dynastie bilden.« Der Schweiß stand Sonnenkamp auf der Stirn, Clodwig sah das und nahm das Wort: »Man könnte sagen, daß vielleicht der Adel vorzugsweise die Berufung hatte, Bildung und Muth zu vereinen; nie sollte Eines ohne das Andere sein. Der Adel war – ich hoffe, Sie verstehen mich recht – die Tradition dessen, was in der Vorzeit einmal der hervorragenden Kraft eingeboren und von ihr erworben war und nun zu einem Erbrecht, noch mehr zu einer Erbpflicht wurde. Der Adelige war der Mensch, der Natur und Geschichte in sich vereinigt; das sich stets erneuernde Menschengeschlecht erhielt dadurch eine gewisse geniale Continuation. Der Adel hatte ein angebornes Amt. Er sollte aus seiner Natur handeln, aber dabei verpflichtet von gegebenen historischen Bedingungen.« »Mir soll der Sect im Leibe gefrieren, wenn ich von all dem ein Wort verstehe,« sagte der lange Lieutenant zu dem Hofmarschall, der sich sehr anstrengen mußte, den curwidrigen Schlaf von sich abzuwehren. Er erwachte plötzlich und sagte: »Ja, ja, Sie haben recht, aber bitte, halten Sie sich ruhig.« »Sie selber,« nahm der General auf, »achten gewiß auch den rechten Ahnenstolz, den auf Tapferkeit und Tugend der Vorfahren. Wer einmal durch eine Gallerie gegangen, in der die Bilder seiner Ahnen auf ihn niederschauten und seinen Gang betrachteten, der behält sein Lebenlang eine Wirkung in der Seele; auf seinen ganzen Lebensgang begleiten ihn die Blicke seiner Ahnen.« »Sehr wahr! sehr wahr!« riefen Viele. »Und was wollen Sie damit?« fragte Clodwig. »Kehren Sie zu unserer Frage zurück.« »Ja, das wollte ich. Warum soll diese historische Bedingung nicht immer wieder erneut werden?« »Ganz recht, das ist die richtige Fragestellung,« erwiderte Clodwig. »Ist unsere Zeit eine solche, die noch eine besondere Pflicht und damit ein besonderes Recht für den Adel ermitteln kann? Wir stehen in der Rechtsgleichheit, wir haben keine Ständegliederung mehr. Es gibt nur noch zwei Classen von Menschen: Männer von Ehre und Männer ohne Ehre. Der Adel, der die Erb-Ehre sein will, ist im Zeitalter der Rechtsgleichheit abständig geworden und unwiederbringlich eine absterbende Institution. Ich habe einem berühmten Badearzt die Aufgabe gestellt, an den ihm vorkommenden Exemplaren des europäischen Adels die Lebensfähigkeit und Lebensdauer des Adels in den verschiedenen Völkern zu studiren, und ich erwarte bedeutsame Resultate davon. Wozu sind noch die Wappen? Um auf Ofenschirme, Sophakissen und Reisetaschen gestickt zu werden. Die allgemeine gleiche Wehrpflicht ist grundmäßige Aufhebung des Adels. Wissenschaft, Kunst, Gewerbe sind die Factoren unserer Zeit und zur Theilnahme an denselben ist das ganze Volk unterschiedlos gleichmäßig berechtigt und gleichmäßig verpflichtet. Der Adel ist ein Widerspruch mit der Geschichte, in der wir stehen; er hatte noch eine Bedeutung, so lange der Grundbesitz auch der Boden der Staatsmacht war; das ist vorbei, seit sich die langen Schornsteine in die Luft strecken, seit die Macht der beweglichen Habe, das ideelle Besitzthum – denn alle Staatspapiere sind nur ideelles Besitzthum – die Macht des Grundbesitzes weit überragt. Jenes flüssige Besitzthum hat das Gute, daß die todte Hand es nicht festhalten kann; auch die fideicommissarische Erb-Hand ist eine todte Hand. Ich bin durchaus nicht dagegen, daß der heutige hohe Adel seinen Namen zu Actien-Unternehmungen hergibt; das sind bessere Dinge als Titel und Orden, und es läßt sich da nicht nur gewinnen, sondern auch wirken. Ich danke es dem edlen Jacob Grimm, daß er in seiner Rede auf Schiller den Widersinn aussprach, daß man Goethe und Schiller adeln zu können glaubte. Heutigen Tages ist der Adel nur noch ein Name, eine Decoration, weiter nichts. Man geht ja sogar schon so weit, daß man Juden adelt.« »Sie werden doch nicht,« warf der Banquier ein, »die Gleichberechtigung der Confessionen da aufheben, wo diese Gleichberechtigung an das mit Wappen verzierte Thor des Adels anklopft?« »Gleichberechtigung!« rief Clodwig. »Lieber Freund vom alten Stamme, ist es nicht eine tolle Verkehrtheit, die Gleichberechtigung zur Aufhebung der Gleichberechtigung zu benutzen? Wenn man überhaupt adlig werden kann und es nicht geworden sein muß, so können auch die Juden adlig werden; aber sie sollen es nicht wollen, sie sollen den Verrath und die Abtrünnigkeit erkennen. Soweit ich sehe, sind die Juden – ich kümmere mich nichts um die Religion – eine ständige, lebendige Mahnung, den Menschen nicht danach zu beurtheilen, was er glaubt, sondern danach, was er in Tugend und Bildung leistet. Die Juden sind, je nachdem man es nimmt, ein Volk von Adligen – denn wer hat einen älteren, reineren Stammbaum? – oder auch, sie sind gewissermaßen stolz darauf, daß ihre Vorfahren einmal Sklaven waren. Ich verdanke einem alten Rabbinen, den ich einmal im Bade traf, einen großen Gedanken. Er erklärte mir, es läge ein großer Anreiz, um das Höchste zu erringen, im Gedanken an eine Vergangenheit, die einmal Sklaverei gewesen. Vieles, was an den Juden wunderbar erscheint, erkläre sich aus diesem Einen. Sie waren Sklaven in Egypten, das hat ihnen etwas Großes eingepflanzt, einen Stolz und eine Demuth, eine Ausdauer gegen jegliche Unterdrückung, eine Erkenntniß jeder Rechtsverkümmerung und jedes fremden Leids, und daraus ein Mitgefühl, das ohne Gleichen in der Geschichte ist.« Clodwig machte eine Pause, dann fuhr er fort: »Ein Jude aber mit Adelswappen, mit Helm und Schild und dem ganzen Krimskrams – schon der Anblick müßte ihn kränken; denn zur Zeit, als man Helm und Schild trug, waren seine Vorfahren Kammerknechte des Kaisers und fast vogelfrei. Ein Jude, der zum Christenthum übertritt, kann dies aus Ueberzeugung vollführen, weil er, abgesehen vom Dogma, es als einen Fortschritt anerkennt, was Jesus in der Geschichte der Bildung hervorgebracht. Viele thun es aus Leichtfertigkeit, weil es ihnen zu lästig ist und sie sich nicht verpflichtet erachten, ein fortgesetztes Martyrium zu übernehmen für sich und ihre Kinder. Das Alles mag hingehen, obgleich sich gegen Religionswechsel noch Vieles sagen ließe. Aber ein Jude, der adlig wird, ist ein so geckenhafter Anachronismus, wie er nicht schärfer gedacht werden kann. In das wachsende und werdende lebendige Bürgerthum eintreten, ist Recht der Juden und ihre Pflicht. Oder soll es auch eine Kette von jüdischen Adelsfamilien geben, die nur unter einander heiraten? Je weiter man darüber denkt, desto widersinniger wird der Wirrwarr. Nun aber, ich wollte nicht von den Juden reden und bitte um Entschuldigung, daß ich mich so verirrte.« »Wollen wir nicht überhaupt diese Erörterung abschließen?« bat Prancken. »Ich bin gleich zu Ende. Nur noch ein Wort, um nicht blos abzubrechen. So lassen Sie mich noch kurz sagen, daß ich jede Adelsernennung eines Bürgerlichen, um mich nicht schärfer auszudrücken, für einen historischen Widersinn halte. Wer den Bürgerstand verläßt, ist ein Ausreißer, ein Abtrünniger, ich will nicht sagen, ein Verräther und ein Aberwitziger zugleich, indem er die siegende Fahne des Bürgerthums verläßt. Ich weiß, was die Bürgerlichen wollen; sie wollen den Besitz an die Familie ketten, Fideicommisse gründen, die Söhne von Millionären wollen Junker werden; aber es gibt doch nur ein verkrüppeltes Geschlecht, Wurzelbrut, sogenannten Stockausschlag, der nicht zum Baum wird.« Clodwig hatte nach verschiedenen Seiten hin gesprochen, er wollte seinen Standesgenossen scharf zu Gemüthe gehen, er wollte Sonnenkamp und den Banquier zu einer Wendung bringen, denn er wußte, daß man auch den Banquier anreizte, nach dem Adel zu trachten, und er wollte ihn ein für allemal bekehren. Jetzt, da er das bewegliche Antlitz seines alten Freundes sah, wendete er sich an ihn und sagte: »Ich sehe Ihnen an, Sie wollen noch etwas hinzufügen.« »Nur Unbedeutendes,« erwiderte der Banquier achselzuckend und hielt Clodwig und Sonnenkamp seine offene goldene Dose hin. »Unser Herr Wirth ist ja selbst ein Beispiel davon, daß es in der neuen Welt höchste Ehre ist, ein Self-made-man zu sein; Nichts ererbt und Alles erobert zu haben. Self-made-man ist, wenn man so sagen darf, sein Wappenspruch. Ihr zum Präsidenten designirter Abraham Lincoln ist ein weiteres Beispiel: Holzfäller, Schiffer gewesen zu sein und zur höchsten Ehre emporzusteigen, das ist's. Kennen Sie Lincoln persönlich?« »Ich habe nicht die Ehre,« erwiderte Sonnenkamp. Man stand auf. Die Männer aus der hohen Gesellschaftsschicht aller deutschen Länder starrten einander an, und wenn heut noch ein Zauber möglich wäre, sie wären versteinert, wie dort der Hochzeitszug. Der lange Lieutenant und der zur Ruhe gesetzte Hofmarschall hätten sehr groteske Steinfiguren gebildet. Wie ist es möglich, daß ein Mann von Adel, ein Graf Wolfsgarten, so spricht? Man ging zu den Damen. Clodwig und Erich hielten sich noch etwas zurück; Erich hatte während der ganzen Erörterung kein Wort gesprochen. Jetzt sagte Clodwig, wie er sich ärgere, daß er noch so jugendlich unbesonnen sei, vor Menschen, die eigentlich nichts Ernstes hören wollen, sich ganz zu geben. »Und ich danke Ihnen,« erwiderte Erich. »Ja,« schloß Clodwig, »ich will mich dünken lassen, ich hätte zu Ihnen allein gesprochen.« Er ging mit ihm nach dem Walde, wo die Damen die teppichbelegten Sitze verlassen hatten; dort setzte er sich mit Erich nieder und schaute zu, wie die junge Welt drunten auf der Wiese tanzte. Sonnenkamp stand an eine hohe Tanne gelehnt, er stand da wie versteinert und wünschte fast, daß die ganze Gesellschaft versteinerte. Unterdeß sagte Clodwig zu Erich: »Sie haben heut früh nach meinem Gutachten geforscht, ich glaube, daß Sie jetzt wissen können, wie es lautet. Ich habe bündig erklärt: ich widerspreche unbedingt jeder Adelserhebung; Ihnen aber, junger Freund, kann ich sagen, daß Herr Sonnenkamp alle Aussicht hat, denn mein Gutachten ist nicht das entscheidende.« Erich hatte Lust, zu Sonnenkamp hinabzugehen und ihm diese Eröffnung mitzutheilen, er hatte seine Zerschmetterung beachtet und wollte ihn nun aufrichten; der Mann, der Alles für seinen Sohn wollte, that ihm im Herzen leid. Aber er hielt sich zurück, er mochte an dieser Sache durch kein Wort Theil haben. Er erzählte Clodwig, daß Roland ihm am Ballabende das Geheimniß der Adelserhebung habe kundgeben wollen, daß es aber sein Vorsatz sei, mit dem Jüngling nichts davon zu sprechen, obgleich der Vater ihm nun die Eröffnung gemacht. Roland habe die Sache bis jetzt ruhig in sich getragen, und es erschien besser, sie zu übersehen, damit keinerlei Widerspruch gegen die Maßnahmen des Vaters sich in dem Sohne bilde. Es war eine erquickliche Stunde, wie die Beiden so beisammen saßen. Der lange Lieutenant schien das einsame Denken Sonnenkamps zerstreuen zu wollen; er sagte sehr zutraulich: »Herr von Sonnenkamp! Haben die Neger auch musikalisches Talent?« »Die Neger halten Vieles für Musik, was nichts als Lärm ist,« erwiderte Sonnenkamp, »und manche Weise halten das für ein Gespräch, was . . .« Er suchte nach einem Wort, er schien keines zu finden, was ihm scharf und doch zugleich höflich genug war; endlich sagte er: ». . . was man vielleicht in der kleinen Residenz für ein Gespräch hält.« Er begab sich zur lustigen Gesellschaft und man wanderte unter Musik heimwärts, bis zu den Wagen. Auf dem Wege durch den Wald hatte es sich gefügt, daß Manna mit Erich ging; Beide wußten nicht, wie das geschehen war. Sie gingen eine gute Strecke still neben einander. »Wie ich höre,« begann Manna endlich, »hat Graf Clodwig sehr scharf gegen den Adel gesprochen. Findet er auch, daß Bevorzugung durch Geburt ein Widerspruch gegen die Religion ist?« »Nein, davon sprach er nicht.« Wieder gingen sie wortlos weiter. »Wo nur heute unser Freund Professor Einsiedel gewesen sein mag,« nahm Manna wieder auf. »Ich bin nun auch seine Schülerin.« »Und es ist ein Glück,« entgegnete Erich, »diese freie, fromme Seele zu kennen.« Sie sprachen nicht mehr, aber sie empfanden Beide, daß diese Verehrung, die sie zu einem Menschen hatten, ihnen eine Einigung eigener Art gab. »Erich! Manna!« rief plötzlich eine Stimme und hallte wider im Wald. Sie standen wie erstarrt, ihre Namen so in Eins gerufen zu vernehmen und im Widerhall von der versteinerten Gruppe des Hochzeitszuges vervielfältigt. Roland kam und führte Manna an der Rechten und Erich an der Linken und so gingen sie bis zu den Wagen, wo sie einstiegen. Sechzehntes Capitel. Sonnenkamp fühlte sich vom Hof zurückgesetzt oder vielmehr völlig übersehen, er durfte aber keine Verletztheit zeigen, denn dadurch verliert man an Ansehen; er ließ es daher nicht an fortdauernd gleichmäßiger Ehrerbietung fehlen, auch wenn ihn der Fürst nur befremdet ansah. Das ist Hofdienst, er wollte sich ihm fügen. Der Tag, an dem der Fürst mit Gefolge abreiste, war bestimmt. Sonnenkamp fand sich mit der höheren Gesellschaft ein, die noch eine letzte Verbeugung vor dem Wagen machte; auch er erhielt etwas von dem allgemeinen huldreichen Blick, und der Cabinetsrath, der den zweiten Wagen bestieg, sagte ihm noch zuletzt: »Ihre Sache steht gut, trotz des sehr gelehrten und höchst ehrenwerthen Herrn Grafen Wolfsgarten.« Für einen großen Kreis war die Abreise des Hofes, wie wenn die Braut sich vom Hochzeitstanze zurückgezogen; man tanzt wol noch weiter, ja man überbietet sich in Lustigkeit, aber der eigentliche Mittelpunkt fehlt. Menschenwellen kamen, Menschenwellen verflossen; der belebte Kreis, den Bella gebildet hatte, verlor jeden Tag bald diesen, bald jenen Theil, und Sonnenkamp hatte oft Gelegenheit, die Blumenhuldigung bei der Abreise zu üben, obgleich ihm das eigentlich zuwider war. Auch Bella und Clodwig rüsteten sich zur Abreise. Die letzten Tage waren für Erich und Roland ein schönes Ausklingen, wie eine erquickliche Rast nach lärmendem Getriebe, ja als Clodwig und Bella abreisten, nahmen sie das leicht auf, denn Professor Einsiedel verblieb ihnen. Sonnenkamp und Frau Ceres aber waren mißgestimmt, sie hatten das Gefühl, sich überlebt zu haben. Sonnenkamp erschien sich wie ein unverkaufter Blumenstrauß. Was ist er am Abend? Man begießt ihn in der Nacht, man rauft am Morgen die welkgewordenen Blumen aus, man bringt ihn wieder zu Markt. Wird er ein besseres Schicksal haben? Es muß versucht werden. Männer und Frauen, die zu Bella's Zeiten in seinen näheren Kreis gehört, grüßten jetzt nur noch fremd und hatten sich neuen Ankömmlingen angeschlossen. Auf manchen Gängen begegnete man auch Professor Crutius, der viel mit anwesenden Amerikanern verkehrte; sie sahen Sonnenkamp oft nach. Er grüßte Crutius sehr freundlich, aber dieser dankte kaum. Endlich kam der Morgen der Abreise. In drei Wagen fuhr Sonnenkamp mit seinem Gefolge davon; es hatten sich zur Abfahrt weniger Befreundete gefunden, als man erwarten durfte. Die Wagen waren indeß mit Blumenguirlanden bekränzt und eine Blumenkrone prangte über dem Verdeck, ja selbst die Speichen der Räder waren mit Laubgewinden umwunden; auch der Postillon war bekränzt. Alles das hatte Lutz angeordnet und es hatte den Anschein, als ob die Freunde es gemacht hätten. Man frühstückte noch im Freien, ging aber nicht mehr in die Wohnung, von der Straße stieg man in den Wagen. Unter den Abschiednehmenden war Professor Einsiedel, er stand bei Seite neben Manna und sagte ihr leise: »Ich habe Ihnen in der letzten Vorlesung – Ach, ich bitte um Entschuldigung, mein liebes Fräulein, ich spreche ja nur zu Ihnen – ich habe Ihnen bereits gesagt: auch ich wünschte, daß ich in ein Kloster gehen könnte, nachdem ich im Leben draußen müde geworden, einsam bin und nun in der Stille gern das abschlösse, was ich eigentlich soll. Ob aber Sie, bevor Sie mit dem Leben fertig, es abthun können, überlegen Sie sich das recht wohl, denn es kann nichts Entsetzlicheres geben, als mit der Pflicht, beständig sich dem höchsten Gedanken zu weihen, allerlei Unruhe in der Seele zu empfinden. Die Lehre der Entsagung ist leicht, weil sie einfach und eine einzige That; die Lehre des freien Thuns ist schwer, sie muß sich immer neu und vielfältig an den Zuständen bemessen. Ich kann das jetzt nicht ausführen, aber nehmen Sie es recht ins Herz, liebes Kind, ich meine es gut, von Herzen gut,« sagte der Mann mit stockender Stimme. »Ich weiß es und ich glaube Ihnen,« erwiderte Manna. Große Thränen standen ihr im Auge; sie beugte sich nieder auf den Blumenstrauß, den sie in der Hand hielt, und Thränen fielen in die Blumen. Roland kam herbei, er zog den Hut ab und der Professor legte ihm die Hand aufs Haupt und sagte: »Bleibe brav und denke, daß Du an mir auch einen Freund hast.« Roland konnte vor Rührung nicht sprechen, er küßte dem Gelehrten die feine Kinderhand. Die umher stehenden Zuschauer staunten. Der Postillon blies, daß es im Thal und von den Bergen widerhallte. Man verließ den Ort, wo man viel erlebt, aber doch keine Entscheidung gefunden hatte. Auf dem Wege wies Roland darauf hin, wie recht Manna habe, da sie über die Blumenvergeudung gescholten, denn hier an der Straße lagen überall welke Sträuße und auch frische, die den Wegreisenden in den Wagen geworfen wurden und die sie unterwegs fortgeschleudert hatten, so daß die Räder über die schönen Blumensträuße dahin gingen. Manna saß still in sich gekehrt. Sie war nur zur Begleitung der Angehörigen mit ins Bad gegangen, aber Keines hatte eine tiefere Umstimmung seines Wesens erfahren als sie. Noch wollte sie es sich nicht bekennen. Sie faltete still die Hände und betete. Man kam zur Eisenbahn. »Die Locomotive pfeift,« sagte Roland, »mir ist, als wären wir schon in der Heimat. Geht es Dir nicht auch so? Man meint, man wäre in einer ganz andern Welt, wo man das nicht mehr hört. Wenn nur auch daheim Alles noch gut ist!« Erich sagte, daß sie den frischen Muth festhalten wollen, wenn man auch bei der Heimkehr Manches anders finde. Siebenzehntes Capitel. »Die Wirkung folgt nach,« hatte der Arzt zu Sonnenkamp und dessen Frau bei der Abreise gesagt. »Die Wirkung folgt nach,« hatte auch der Cabinetsrath angedeutet. Mit frischer Spannung und Erwartung kehrte die Familie Sonnenkamp nach dem Rhein zurück. Man kam auf der Villa an. Alles war im besten Stande, die Verbindungshalle zwischen den Treibhäusern und den Ställen, ein leichter Bau von Gußeisen, den Sonnenkamp vor seiner Abreise angeordnet hatte, stand vollendet. Nirgends gewahrte man eine Spur, daß etwas Neues hergerichtet worden; der Obergärtner hatte bereits Schlingpflanzen an den eisernen Säulen emporgezogen. Sonnenkamp sprach seine Zufriedenheit aus. Eine frische Stimmung herrschte in den Gemüthern, man empfand das Gefühl der Heimatlichkeit, das noch von der bewegten Reiseempfindung gehoben war. Sonnenkamp fragte, ob während seiner Abwesenheit viele Fremde Haus und Garten besucht hätten, denn er hatte es als Vergünstigung für die Dienerschaft alljährlich zugelassen, daß während seines Bade-Aufenthaltes der untere Stock der Villa, Treibhäuser, Obstgarten und Ställe gezeigt werden durften. Der Castellan berichtete, daß noch nie so viel Besuch gewesen, als in diesem Jahr, und er habe Jedem gezeigt, wo der Fürst und die Fürstin gesessen hätten. Sonnenkamp ließ sich das Fremdenbuch zeigen, das im Billardzimmer aufgelegt war, denn auch ein solches hatte er aus einem großen Saale des Treibhauses herrichten lassen. Es war strenge Ordre gegeben, daß nur Namen eingezeichnet werden durften. Er las eine große Reihe von Namen, plötzlich fragte er heftig: »Wer hat das geschrieben?« Niemand konnte rechte Auskunft geben; zuletzt sagte der zweite Gärtner, das sogenannte Eichhörnchen, es sei ein Mann da gewesen, der auch früher einmal Lehrer bei Roland habe werden wollen, in Begleitung eines Andern, der groß und stattlich war und westphälisch deutsch gesprochen; der große Mann mit den blonden Haaren habe nichts geschrieben, der andere aber, den man Professor genannt, habe mehrere Namen eingeschrieben. Er erinnerte sich genau, daß es ihm schon damals aufgefallen sei. Sonnenkamp glaubte auf der rechten Spur zu sein; derjenige, der die Namen eingeschrieben, war kein Anderer als Professor Crutius. Daß die Eingeschriebenen, die Hauptführer der südstaatlichen Sklavenpartei, selbst da gewesen, war undenkbar. Sonnenkamp ging nachdenklich umher, es gelang ihm aber, sich Alles aus dem Sinn zu schlagen, indem er fast laut vor sich hin sagte: »Dein ältester und ärgster Feind erscheint wieder und das ist Niemand anders, als Deine unglückliche, Alles ausbrütende Phantasie . . .« Erich hatte nicht größere Freude, seine Mutter wieder zu umarmen, als Roland und Manna. »Du und die Tante, Ihr seid mir lieber,« rief Roland, »als das Haus und Alles. Ach, wie gut ist's, daß Ihr da seid! Wenn man heimkommt, hat man doch Menschen daheim.« Das Herz des Jünglings ging auf in inniger Lust. Manna war schweigsam und nur ihr Blick sagte, wie sie die Friedsamkeit im Leben der beiden Frauen erkenne. Sie fand etwas von der klösterlichen Ruhe im grünen Hause, und doch waren diese beiden Frauen frei, nicht durch ein äußeres Gelübde gebunden. Erst allmälig erzählte sie von Professor Einsiedel, und die Professorin war erfreut, da sie aus den Mittheilungen Manna's entnahm, wie diese auch die Weihe des Geistes in einem Manne der weltlichen Wissenschaft zu erfassen vermochte, denn Manna sagte, der Professor besäße wahrhafte Frömmigkeit. Sonnenkamp war nachdenklicher als je; es erschien ihm als eine muthwillig auferlegte Abhängigkeit, daß er nach dem Adel strebte. Er brachte aus dem Bade die Empfindung mit nach Hause, daß er im Adelskreise doch allezeit als Fremder und Eindringling betrachtet werde, der sich immer behutsam benehmen, vor Mißdeutungen zu wahren habe. Von Allem, was gesprochen wurde, ging ihm der Anruf des Banquiers nach: man muß ein selbstgemachter Mann sein und bleiben. Da stand er wieder wie vor einer undurchdringlichen Mauer. Er ärgerte sich, daß er so viel grübeln und denken mußte, und doch konnte er nicht davon los. Er wollte den Cabinetsrath bitten, die ganze Sache aufzugeben, als er einen Brief von demselben erhielt, der ihm verkündete, daß die Angelegenheit als glücklich durchgeführt betrachtet werden durfte. Sonnenkamp schaute um, als er dies las. Jetzt hatte er es und jetzt wollte er es von sich werfen. Das war noch größer, noch befriedigender, als annehmen. Was soll dann aber aus Frau Ceres, aus Manna und Roland werden? Wie sollte er sich zurückziehen? Einen Augenblick ging ihm der Gedanke durch den Kopf, das ganze Besitzthum zu verkaufen, nach der Schweiz, nach Frankreich, nach Italien überzusiedeln. Aber es stand ihm vor Augen, wie er sich doch wieder hierher sehnen würde, wie er eine gesellschaftliche Stellung und Geltung haben müsse, in deren Besitz er sich nun ganz eingelebt hatte. Er ging unter den Bäumen, die er gepflanzt, gezogen und gehegt, hin und her, und spürte, daß er mit ihnen eingewachsen war, ja, als er nach dem Rhein ausblickte, fühlte er etwas von jenem zauberischen Festhalten, das Jeden überkommt, der sich einmal hier angesiedelt hat. Vorwärts! rief er sich zu. Die Kugel ist im Rollen, sie muß ans Ziel! Er las den Brief nochmals und da hieß es, daß der jüdische Banquier sich zu gleicher Zeit mit Sonnenkamp um die Standeserhöhung beworben, auffälliger Weise aber wieder davon zurückgetreten sei. Von Herrn Weidmann werde noch ein Gutachten erwartet, es wäre daher sehr angemessen, wenn Sonnenkamp in nähere Beziehung zu Weidmann träte, denn man sei nicht sicher, wie dieser die Angelegenheit aufnehme. Noch ein Anderes gab Sonnenkamp viel zu denken, denn der Cabinetsrath schrieb, das Gutachten des Grafen Wolfsgarten sei höchst auffällig, aber eine Bemerkung desselben habe die Sache für Herrn Sonnenkamp entschieden. Das waren der Räthsel zu viel und er beschloß, einstweilen gar nichts zu thun. Der Doctor kam und hielt Heerschau. Er fand, daß das Bad Allen wohlgethan, nur stünde Herr Sonnenkamp noch zu sehr in der aufregenden Nachwirkung. Der Doctor hatte allen Angekommenen den Puls gefühlt und sie gemustert, aber die Wandlung, die in den Seelen vorgegangen, ließ sich daraus nicht erkennen. Frau Ceres war müde und gelangweilt wie immer, sie fand es entsetzlich, daß man nun wieder von der schönen Natur sehen und hören müsse. Manna begriff es nicht, daß sie so viel Lärm und unruhige Tage erlebt hatte. Die widersprechendste Nachwirkung aber hatte der Bade-Aufenthalt in Roland und Erich erzeugt. Erich erkannte, daß die Mahnung des Professor Einsiedel den Kernpunkt getroffen; in diesem zerstreuenden Leben war ihm sein eigen Selbst abhanden gekommen, er wollte nun einen wissenschaftlichen Burgfrieden, ein eigen Leben neu aufbauen. Er gab Roland viel einsame Arbeit und antwortete auf seine Fragen oft ausweichend und halb, er verwies ihm, daß er manche Dinge, die er selbst auflösen konnte, sich wolle bereiten lassen. Roland fühlte sich zum ersten Mal von Erich vernachlässigt und doch bedurfte er seiner jetzt mehr als je, denn das müßige Leben in der Badegesellschaft, die Zerstreuung und der beständige Verkehr mit Männern und Frauen, die ihr Wohlgefallen an ihm kundgegeben – dies Alles ließ ihm jetzt, da er das erste Heimatsgefühl durchempfunden, eine Leere in der Seele zurück, eine beunruhigende Sehnsucht, so daß ihm die Stille des Hauses, die Regelmäßigkeit des Studiums zur drückenden Last wurde. Fort unter Menschen wollte er, unter Genossen. Er erhielt einen Brief des Cadetten, der ihm anzeigte, daß er Fähnrich geworden sei und bald mit Kameraden zu Besuch kommen werde. Mit Ungeduld schaute Roland nach Zerstreuungen und Vergnügungen aus; eine Mahnung des langen Lieutenants, daß er nicht mehr von einem Hofmeister abhängig sein müsse, stieg ihm auf. In dieser Stimmung näherte er sich seinem Vater und fragte oft, ob das Adelsdiplom noch nicht gekommen sei. Sonnenkamp vertröstete ihn von Tag zu Tag, und als er Roland sagte, daß Erich auch von der Sache wisse, war Roland betroffen. Warum hat Erich noch kein Wort davon gesprochen? Die Professorin bemerkte weit mehr als Erich, daß durch den Bade-Aufenthalt in Roland eine Veränderung vorgegangen war. Jetzt erkannte das auch Erich und legte seine wissenschaftliche Arbeit wieder auf einige Zeit bei Seite. Aber es schien ihm nicht zu gelingen, Roland wieder ganz zu gewinnen. Ein unerwartetes Ereigniß sollte dazu verhelfen. Eines Tages bat der Major, daß Herr Sonnenkamp gestatte, ein großes Freimaurerfest in dem nahezu fertig gestellten Rittersaal der Burg zu feiern; Herr Weidmann wolle das Fest hier abhalten. Im ersten Augenblick wollte Sonnenkamp gewähren; es war gut, daß gerade jetzt Weidmann in seinen Umkreis treten solle, er fand indeß genehmer, noch zurückzuhalten, und fragte, warum nicht Herr Weidmann selbst die Bitte stelle. Der Major schien in Verlegenheit, er konnte doch nicht sagen, daß er selbst dieses Verlangen gestellt, daß aber Weidmann jede Beziehung zu Sonnenkamp kurz abgewiesen habe. Sonnenkamp lehnte vorläufig ab, bat indeß den Major, eine freundliche Verbindung zwischen ihm und Weidmann anzubahnen. »Da weiß ich etwas Gutes,« sagte der Major. »Herr Weidmann wünscht sehr, daß Roland und Herr Dournay ihn einmal besuchen; schicken Sie sie hin.« Auch das lehnte Sonnenkamp ab, er fand eine Zuvorkommenheit gegen den schroff sich fern haltenden Weidmann nicht am Platze. Als er aber am andern Tage ausritt, verlor er fast die Zügel, es begegnete ihm ein offener Wagen, in dem Weidmann neben einem Manne saß, der Sonnenkamp die schwersten Kämpfe der Vergangenheit zurückrief. Es war Doctor Fritz. Er glaubte, daß er sich geirrt habe. Er kämpfte mit sich, ob er sich Gewißheit verschaffen solle, dann aber stellte er sich auch dem Manne dar, der ihn erkennen mußte. Im Zorn wendete er rasch das Pferd und ritt an dem Wagen vorüber. Weidmann grüßte; sein Begleiter schien erschrocken, er griff ebenfalls nach dem Hut, zog ihn ab und jetzt war er unverkennbar: es war Doctor Fritz, ein Mann von ungewöhnlicher Größe und jugendlich frischem Ansehen; das wellig gekräuselte dichte Haupthaar, diese hohe Stirn, dieser wohlwollende Blick aus dem blauen Auge; das Alles zeigte den Mann unverkennbar. Sonnenkamp hielt sein Pferd an, er fühlte sich so geknickt und gelähmt, als müsse er plötzlich vom Pferde sinken. Ja, er ist's! Das ist sein Todfeind, sein heftigster Widersacher! Wie kommt denn der hieher! Er lauschte, bis das Gerassel der Räder verklungen war, dann wendete er sein Pferd und ritt im Schritt heimwärts. Ist ihm dieser Mann begegnet, als Mahnung, daß er von seinem Vorhaben ablassen soll? Soll er vor ihm sich verbergen und wieder unstet und flüchtig in der Welt sein, Haus und Garten und Park und all die mühsam errungenen gesellschaftlichen Beziehungen verlassen? Soll er dem Manne nachjagen und ihn bitten, um der Kinder willen, die Vergangenheit vergessen zu lassen? Soll er Reue heucheln? Bald faßte er wieder stramm die Zügel, peitschte und spornte seinen Rappen und ritt zum Major. Er traf ihn nicht zu Hause. Fräulein Milch sagte, er sei auf der Burg. Sonnenkamp ritt nach der Burg. Mit großer Unbefangenheit sprach er von einem Besuch, der bei Weidmann sei; der Major bestätigte, daß ein Neffe Weidmanns, Doctor Fritz, seit Kurzem da sei; er sei gekommen, um sein Kind abzuholen, das auf Mattenheim erzogen und von Knopf unterrichtet worden war. »War dieser Besuch,« fragte Sonnenkamp, »während meiner Abwesenheit auf der Villa?« »Ja freilich, mit dem Professor Crutius. Sie waren Beide sehr entzückt von der Schönheit Ihres Hauses und Ihren Gartenkünsten. Die Sämereien, die ich vom Obergärtner kaufte, sind für Doctor Fritz, er will sie mit nach Amerika nehmen. Schicken Sie doch Erich und Roland nach Mattenheim, es wird für Beide eine Lust sein, den vortrefflichen Doctor Fritz zu kennen; aber es muß schnell geschehen, denn wie ich höre, reist er schon in den nächsten Tagen wieder ab.« Glücklicherweise kamen eben auch Erich und Roland auf die Burg und der Major erinnerte sie, doch endlich den Besuch bei Weidmann auf Mattenheim zu machen. Roland war froh, daß es wieder etwas Zerstreuendes; eine Reise geben solle, und Erich hoffte, daß durch die Erschauung eines thätigen Lebens Roland neue Erweckung gewinnen werde. Diesmal legte es Sonnenkamp klüger an. Von Clodwig hatte Erich nichts herausgebracht, obgleich er offenen Auftrag hatte; jetzt gab er Erich nur Andeutungen, die sich höchst unbefangen ausnahmen, die ihn aber doch von Allem Kunde gewinnen ließen, was ihm zu wissen von Bedeutung war. Er wollte wissen, was im Feindeslager vorgeht, was Weidmann von ihm weiß, was Doctor Fritz unternehmen will. Er schärfte Erich ein, Herrn Weidmann nur ganz offen zu sagen, wie Roland sein Bruder geworden und wie Roland einst große gemeinnützige Anstalten im Vaterlande gründen müsse. Das, hoffte er, würde seine Feinde von jedem Zuwiderhandeln gegen ihn abhalten. Ja, er bat Erich, zu sagen, daß er Roland bald das ganze Anwesen übergeben und sich selber nach Frankreich zurückziehen wolle. Erich sollte andern Tages eine Botschaft schicken, dann würde ihn Sonnenkamp selbst von Mattenheim abholen. – Am Morgen, als Erich und Roland nach Mattenheim abreisten, entschloß sich Manna endlich, ihren Besuch beim Pfarrer zu machen. Fräulein Perini hatte ihr offen gestanden, der Pfarrer wundere sich, daß sie ihn seit ihrer Heimkehr noch nicht besucht habe. Fräulein Perini wollte, daß Manna von ihr selbst erfahre, sie sei im Pfarrhause gewesen; natürlich aber berichtete sie nicht, wie sie den ganzen Aufenthalt in Karlsbad bereits mitgetheilt hatte. Als nun Manna ins Pfarrhaus eingetreten war, wollte sie wieder umkehren, denn sie hörte von der Wirthschafterin, daß der Domdechant aus der Hauptstadt zum Besuch beim Pfarrer sei. Der Pfarrer aber, der sie vom Fenster aus bemerkt hatte, kam heraus und führte sie an der Hand in die Stube. Er stellte sie dem Domdechanten als Postulantin vor. Manna kannte den Ausdruck noch nicht, der Domherr sah ihr das an und erklärte, daß er bereits von ihrem Vorhaben, den Schleier zu nehmen, wisse. Manna senkte erschrocken und demuthsvoll den Blick. Sie mußte von den beiden Männern ihr Lob vernehmen, sie konnte es nicht ablehnen, aber sie war tief in sich zerrissen. Der Domdechant fragte, ob auch hohe Geistliche zur Cur in Karlsbad gewesen. Manna verneinte. Als nun der Pfarrer fragte, wen sie sonst von bedeutenden Männern kennen gelernt, hielt es Manna für ihre Pflicht, vor Allem Professor Einsiedel zu nennen. »Also den leibhaftigen eingeschrumpften Dünkel . . . das dürftige Männchen, das sich gern einen antiken Griechen nennen läßt, haben Sie kennen gelernt?« Die beiden Männer lachten und Manna sah staunend, wie der von ihr so hochverehrte Professor Einsiedel in die lächerlichste Caricatur verwandelt wurde. Sie fühlte nicht die Kraft, ihn hier zu vertheidigen, sie schwieg. »Wir geleiten Sie nach Haus,« sagte endlich der Pfarrer. »Sie, verehrter Amtsbruder, sollen einmal die schöne Villa sehen.« Von den beiden Geistlichen geleitet, ging Manna nach ihrem elterlichen Haus, sie erschien sich wie ein gefangener Verbrecher, und doch waren die Männer überaus freundlich und zutraulich. Im Hofe trafen sie Sonnenkamp. Er war sehr zuvorkommend und ehrerbietig und machte sich eine Freude daraus, den ehrwürdigen Männern den Park, den Obstgarten, die Treibhäuser und zuletzt die Villa zu zeigen. Der Domdechant zeigte ein feines Verständniß für Alles, und als Sonnenkamp wieder mit einem gewissen Stolz darauf hinwies, daß jede Feuerstelle ihren besondern Kamin habe, bemerkte er plötzlich, wie der Domdechant einen raschen Blick mit dem Pfarrer wechselte und dabei befriedigt lächelte. Also das glaubt Ihr? ging es in Sonnenkamp auf. Ihr nehmt die Villa in Augenschein, um schon jetzt einzutheilen, wie dieses Haus zum Kloster gewandelt werden kann, wenn Manna ihren Vorsatz ausführt? Lieber verbrenne ich das Haus mit Allem, was darin! Die beiden Geistlichen verstanden nicht, warum plötzlich ein so veränderter, siegender Ausdruck in den Mienen Sonnenkamps war; er war glücklich, daß er jeden Trug Anderer durchschaute. Er geleitete die Männer bis an das Thor und bat sie, noch recht oft sein bescheidenes Haus zu besuchen. Elftes Buch. Erstes Capitel. Im Gleichschritt wanderten Roland und Erich über die Berge landeinwärts. Zu keiner Zeit wandelt sich's besser, als am frischen Herbsttage; auf den Wiesen weiden die Kühe, auf den Feldern werden die letzten Früchte eingeheimst, das Laub der Bäume spielt in allen Farben und in der Luft liegt etwas wie thauige Abendkühle, es ist der Abend des Sommers, der nun eintritt; die ganze Natur erscheint wie gesättigt nach Vollendung der Arbeit. Erich und Roland wanderten dahin, als müßten sie immer so fortwandern und nirgends Rast halten, ziellos, immer im gleichen Schritt. Unterwegs erzählte Erich von seinem eigenen Lebensgange, aber in ganz anderer Weise, als damals Clodwig und nachher Sonnenkamp. Er hatte das Gefühl, daß er die letzte freie Wanderung mit Roland machte, und dieser bestätigte sein Gefühl, indem er Erich mittheilte, daß Prancken bereits eine Uniform für ihn bestellt habe; er werde noch im Spätherbst in das Cadettenhaus eintreten. Jetzt auch sprach Roland zum ersten Mal von Knopf, der auf Mattenheim Lehrer war; er sagte offen, daß es ihm wohlthue, bevor er in ein anderes Leben eintrete, den Magister noch zu versöhnen. Erich erfuhr, wie schwer Roland seinen ehemaligen Lehrer verletzt hatte. Er hatte ihm, während er schlief, in Gemeinschaft mit einem früheren Kammerdiener Sonnenkamps, und von diesem dazu angereizt, die Hälfte seines Bartes abgeschnitten; er bereute das aufrichtig und wollte es Herr Knopf bekennen. Immer mehr entfernten sie sich vom Rhein und kamen in dürftigere Landschaft. Da begegneten ihnen Menschen, die herausgeputzte Kühe, Schweine und Schafe führten; auch erlesene Feldfrüchte wurden wohlgeordnet getragen. Die Wanderer erfuhren, daß bei Mattenheim ein großes Gaufest abgehalten werde. Sie kamen in das unweit des Weidmann'schen Gutes gelegene Dorf; es war mit Fahnen geschmückt, und auf Wagen mit Guirlanden verziert standen Bauern und Bäuerinnen und ahmten spielend ihre Handthierungen nach. Da war ein Wagen mit Dreschern, andere mit Schnittern, Winzern, Webern, Schindelmachern, Holzfällern; alle schwere Arbeit war zum Spiel geworden. Die Pferde und Ochsen, die vor die Wagen gespannt waren, trugen Blumenkränze und Bänder; die Menschen jauchzten und jubelten und hießen die Ankömmlinge willkommen. Am Rathhaus des Dorfes hingen Fahnen; dort oben, hieß es, hält Weidmann einen Vortrag. Roland und Erich gingen hinauf. Im großen Saal stand Weidmann hinter einem Tisch und gab den Leuten eine wissenschaftliche und dabei durchaus faßliche und auf das Nächste abzielende Anweisung, wie man am besten Fleisch mache; so nannte er die Fütterung. »Fleisch machen« war sein Hauptwort und dabei bezeichnete er die Futtermengen, wie Rüben und Oelkuchen sich ergänzen und aushelfen müssen. Er legte besondern Nachdruck darauf, daß Alles nur durch Sorgfalt den gehörigen Vortheil bringe. Er setzte den Leuten auseinander, wie sie es mit einem kleinen Gute besser hätten als er selbst; sie könnten Alles unter Augen haben, während er sich auf Knechte verlassen müsse; und da sei besonders der Montag kenntlich, denn am Sonntag werde immer schlecht gefüttert. Er wiederholte mehrmals, wie im Umkreis von wenigen Stunden mehr als eine Million hinausgeworfen werde dadurch, daß das Gras zu spät zu Heu wird, indem man es erst todtreif einheimst. Das Alles wußte er mit gutem Humor vorzutragen. Er eiferte gegen die Gemeindeweiden, und zielte immer darauf hinaus, daß die Menschen unverständig und Verschwender seien, da sie nicht verstehen wollen, sich gute Nahrung zu bereiten. Roland hörte staunend, wie da ein Mann sich so warm ereiferte, daß seine Mitmenschen den Verstand gewinnen, um sich gut zu nähren. Nachdem Weidmann seinen Vortrag geendet, begrüßte er Erich und Roland herzlich, und als Erich seine Freude über den Vortrag aussprach, sagte er: »Ich sollte auch einmal Pfarrer werden, der Sohn des Pfarrers steckt noch in mir.« »Es wird so viel Geist gepredigt,« entgegnete Erich; »es ist gut, daß Sie einmal Fleisch predigen.« Sehr ernst erwiderte Weidmann: »Ich läugne aber den Geist durchaus nicht, ja es wird mir immer unbegreiflicher, wie es Menschen fertig bringen, nicht an Gott zu glauben; ich spüre ihn überall.« Man ging auf die Straße, wo der festliche Zug vorüberzog. Voraus schritt die Feuerwehr des Orts und der angrenzenden Dörfer, schöne frische Burschen in grauleinenen Gewändern mit dem gelben blinkenden Helm auf dem Kopf. »Das ist eine neue Ordnung unseres Lebens,« sagte Erich zu Weidmann, und dieser erwiderte: »Ja, das hatte keine Zeit vor uns, und wer weiß, welche weiteren, in Reih und Glied stellenden Organisationen sich daraus entwickeln.« Die Wagen mit den lustigen Insassen fuhren vorüber; von den Hanfbrecherinnen wurde manchmal im Scherz Häckerling auf die Gaffenden gestreut; von einem Wagen wurde neuer Wein gereicht und fröhliches Leben entwickelte sich. Die Lustigkeit des Weinlandes wie des Ackerlandes vereinigte sich hier. Man ging auf den Festplatz, wo jetzt die Preise vertheilt wurden; dann führte Weidmann seine Gäste in der Ausstellung landwirthschaftlicher Werkzeuge umher und lobte die Einrichtung, daß die besseren neuen Werkzeuge durch Verlosung unter das Volk kommen. »Es ist schwer,« betonte er, »den Bauer zu etwas Neuem zu bringen; der Bauer muß das conservative Element verbleiben, und doch soll er zugleich die Fortschritte der neuen Zeit sich aneignen.« Er sprach von einem längst gehegten Plan, landwirthschaftliche Missionäre auszuschicken, oder vielmehr einzelne angesessene Bauern zu Missionären zu machen, denn gegen einen Mann mit gelehrter Sprechweise hätte der Bauer immer ein Mißtrauen. Roland ging in der Ausstellung und unter dem versammelten Volke umher, wie wenn er plötzlich in eine andere Welt versetzt wäre. Nur wenige Stunden von Villa Eden lebte ein Mann, der mit solchem Eifer arbeitete, um seinen Mitmenschen zu guter Nahrung zu verhelfen. Und was wollen denn wir? Erich sah eine glückliche Fügung darin, daß Roland die Anschauung eines thätigen Lebens gewann. Er durfte nicht eingreifen, ihn nicht geradezu vom Soldatenstande abwendig machen. Eine Darstellung des Widerstreits, in den er selbst mit seinem früheren Beruf gekommen war, half dem Jüngling nichts, der jetzt nur das Schimmernde und Lockende des Soldatenstandes sehen konnte. Vielleicht gewinnt Roland nun den rechten Beruf in der Landwirthschaft, wo sich unmittelbar für Viele wirken läßt. »Sie müssen meine Schweine sehen,« drängte Weidmann, »sechs Wochen alte Yorkshire-Schweine . . . prächtige Geschöpfe! . . . Finden Sie auch die Schweine widerwärtig? Kann mir's denken. Aber, junger Freund, von der Fleischnahrung unseres Landes besteht siebzig Procent aus Schweinefleisch, zwanzig aus Rind und nur zehn aus Schaffleisch, Geflügel, Wild u. s. w., während in Frankreich sechzig Procent Hammelfleisch gegessen wird.« Die Yorkshire-Schweine waren in der That sehr saubere Erscheinungen. Die Preise waren vertheilt, der Volksjubel tummelte durch einander und Erich suchte seinem Zögling zu zeigen, daß das ein Fest sei, das sich das Volk selber macht, von keiner Staats-, von keiner Kirchengewalt angeordnet. Weidmann, der etwas davon hörte, setzte lächelnd hinzu: »Ja, das ist unsere neue Selbstverwaltung in allen höheren und in allen niedern Dingen. Wir haben keine Verwalter unseres Lebens mehr, seien sie in Talaren oder Uniformen.« Es war Zeit, daß man zum Tanze ging; Musik tönte hell. Sie traten in das Wirthshaus zum Raben, an welchem ein grüner bebänderter Strauß ausgehängt war; Bauern und Bäuerinnen tanzten im lustigen Reigen. Auf einer kleinen Erhöhung bei den Musikanten stand Knopf, der die Flöte blies; er nickte den Eintretenden zu. Roland faßte zitternd die Hand Erichs und deutete auf mehrere wohlgekleidete Menschen, die um den mit einer rothen Decke bedeckten Tisch saßen. »Da ist sie! Da ist sie!« Ein schlank erwachsenes Kind, rosig erblüht, mit langen aufgelösten Haaren saß neben einem hochgewachsenen Manne. Es war der Neffe Weidmanns, Doctor Fritz aus Amerika. Knopf gab dem Trompeter neben ihm einen Wink, der Tanz hörte auf und nun kam er herab und reichte Erich und Roland die Hand. Unter seiner großen Brille traten ihm Thränen in die Augen, die auf die Gläser fielen, so daß er die Brille abthun und die Ankömmlinge blinzelnd anschauen mußte. »Sie kommen zur guten Stunde, zur besten. Wir feiern das Gaufest.« »Verzeihen Sie mir . . .« rief Roland. »Ist schon lange geschehen. Du bist – Sie sind ja ein stattlicher Jüngling geworden. Kommen Sie.« Er führte die Beiden nach dem großen Tisch und stellte Erich der Frau Weidmann vor. Noch ein Anderer, der hinter dem Tische saß, reichte Erich und Roland die Hand; es war Fürst Valerian, der als Zögling bei Weidmann lebte. Zwei Söhne Weidmanns, Doctor Fritz aus Amerika und sein Kind wurden ebenfalls vorgestellt. Roland und das Mädchen schauten einander wie träumend an. »Vater, das ist der Waldprinz, den ich gesehen habe,« sagte das Mädchen. Roland schaute betroffen um beim Tone dieser Stimme; wenn die Glocken der Maienblume Stimme gewinnen, gerade so müßten sie tönen. Wie schnell erwachsen war aber Lilian seitdem! Nun wurde die Begegnung im Walde erzählt und als der Ruf »Lilian komm!« erwähnt wurde, sagte Knopf: »Lilian komm! Lilian komm! Das geht im Dreiviertelstakt.« Seine Flöte wie einen Zauberstaub schwingend, rief er laut: »Es geschehen noch Wunder. Es geschehen noch Wunder! Nun aber, folgt mir; redet nichts, kein Wort. Roland kann tanzen, Du kannst auch tanzen, Lilian. Ich bitte um Ruhe!« rief er zu den Versammelten. »Die Beiden hier tanzen jetzt ganz allein.« Er stellte sich wieder auf die Erhöhung und spielte einen Walzer auf der Flöte; Roland und Lilian tanzten und Alles schaute ihnen zu. Noch hatten Roland und Lilian kein Wort gesprochen und hatten sich doch so viel zu sagen, aber sie tanzten mit einander. Wer weiß, wie lange Knopf noch fortgespielt, wenn nicht Doctor Fritz gerufen hätte: »Nun ist's genug, Herr Candidat!« Knopf fuhr zusammen, das Wort Candidat mitten in diesem Märchen schien ihn zu verletzen; es ist doch gar so grausam prosaisch. Roland und Lilian setzten sich zu den Uebrigen an den Tisch. Knopf ermahnte Lilian, sie solle nun auch ihrem Tänzer zu trinken geben, aber Frau Weidmann wehrte ab, die Beiden dürften jetzt noch nicht trinken. Sie saßen still und schauten einander an und redeten kein Wort. Erich bat, daß durch sein Eintreffen keine Störung bewirkt sein solle, aber Weidmann erklärte, daß er ohnedies habe aufbrechen wollen; er habe heut schon hundert und hundert Menschen Antwort geben müssen. Frau Weidmann bedauerte, daß die besten Zimmer im Hause besetzt seien. »Beruhigen Sie sich,« tröstete Weidmann; »alle Frauen, auch die besseren, entschuldigen ihre Bewirthung, wenn sie auch noch so gut bestellt ist.« Die Gesellschaft ging mit Roland und Erich nach dem Hofe; Doctor Fritz führte sein Töchterchen an der Hand und jetzt erfuhr man auch, daß er andern Tages wieder nach Amerika zurückreise. Knopf legte seinen Arm in den Rolands, Erich ging zwischen Weidmann und dessen Frau; Fürst Valerian war mit einem Sohne Weidmanns feldeinwärts gegangen, während der zweite Sohn sich zu Doctor Fritz gesellte. Weidmann erinnerte Erich an seinen Versuch in der Leitung der Züchtlinge und bemerkte, daß der Trompeter, der beim Tanze das Klappenhorn blies, auch ein ehemaliger Sträfling sei, sich aber seit Jahren gut benehme. Frau Weidmann fragte Erich, ob es bereits entschieden sei, daß der Baron Prancken die Tochter des reichen Sonnenkamp heirate. Erich konnte nicht umhin, zu bejahen, und Frau Weidmann wurde sehr ärgerlich. »Mich kränkt es stets,« sagte sie, »wenn ein gesundes, reiches, bürgerliches Mädchen einen Adligen heiratet; unser gutes bürgerliches Erwerbniß wird entfremdet. Ich will nicht sagen, daß der Adel unser Feind ist, aber er ist nicht unser, er hält sich für etwas anderes, und die Frucht unserer Arbeit gehört ihm nicht. Ein bürgerliches Kind, das sich in den Adel einkauft, übt Verrath an seinen Vorfahren und verräth uns durch seine Nachkommen.« Frau Weidmann redete sich in Hitze und Aerger hinein; ihr Gatte bemühte sich vergebens, sie zu beruhigen. Freilich wählte er dazu ein ungeschicktes Beruhigungsmittel, denn er berichtete, daß Herr Sonnenkamp selbst sich adeln lassen wolle. Erich war betroffen, das Geheimniß hier so rückhaltlos aussprechen zu hören. Frau Weidmann äußerte einen besondern Widerwillen gegen Prancken, weil er viele Menschen verleite, die sogenannte Liebenswürdigkeit über die Bravheit zu stellen; man könne trotz seines Lasterlebens Männer und Frauen gut von ihm reden hören, weil er, was man so nennt, liebenswürdig sei. Weidmann wendete sich zu Erich mit der Erklärung, daß seine Frau aufgebracht gegen Prancken sei, denn dieser habe in den wenigen Tagen, wo er einmal auf Mattenheim gewesen, eine Zuchtlosigkeit veranlaßt, deren Nachwirkung man noch heute merke. Zweites Capitel. Knopf sprach indeß viel mit Roland, er pries ihn glücklich, daß er einen Mann wie Erich zum Erzieher erhalten. Roland war unaufmerksamer als je, zuletzt fragte er nur: »Was ist der Vater Lilians?« »Ein angesehener Advocat, ein Hauptkämpfer gegen die Sklaverei.« Knopf hätte sich gern einen Schlag auf den Mund gegeben, als er das gesagt, aber es war heraus. Er sah Roland scharf ins Gesicht; zu seiner Beruhigung gewahrte er, daß die Mittheilung gar keine Wirkung auf den Jüngling geübt hatte. Auf dem Wege hatte man noch die Melodie des Walzers im Gedächtniß und jetzt, da man sich dem Hofe näherte, wurde sie verdeckt, denn man vernahm das Wallen und Rauschen eines Mühlbachs und das Klappern der Mühle. Der Bach floß unter einem guten Theil des Hauses hinweg und trieb die dort angebaute Mühle. »Sie werden heut Nacht nicht gut schlafen,« sagte Knopf zu Roland. »Warum nicht?« »Weil Sie sich an das Rauschen der Mühle gewöhnen müssen; wenn man sich aber daran gewöhnt hat, schläft man weit besser, als sonst irgendwo. Meiner kleinen Schülerin ist es auch so ergangen.« Nicht weit vom Hofe trat die Gruppe am Zaun einer Einhegung wieder zusammen; Roland war voll Freude über die schönen Fohlen, die lustig umhersprangen und herbeikamen, da sie Herrn Weidmann witterten. Dieser erklärte, dies sei seine Kleinkinderschule; er habe einen Fohlengarten angelegt, wo alle Züchter aus dem Gau ihre jungen Thiere hinschicken; da sei gutes Weideland, sie könnten sich austurnen, seien gegen mäßige Vergütung in guter Hut und alle versichert. Das nütze der Pferdezucht der ganzen Landschaft. »Haben Sie sich bereits entschlossen, was Sie werden wollen?« wendete sich Weidmann an Roland. Zum ersten Mal zögerte Roland, eine bestimmte Antwort zu geben. Weidmann drängte nicht weiter. Lilian machte sich von der Hand des Vaters los, ging zu Knopf und sagte ihm leise, er habe ihr immer nicht geglaubt, daß sie eine Begegnung im Walde gehabt; nun müsse er doch überzeugt sein, daß Alles Wahrheit gewesen. Roland erzählte, wie auch Erich ihm das Begegniß nie habe glauben wollen. Knopf strich immer mit der Hand über die Brust und seine Augen glänzten unter der Brille. Ja, mitten unter Chemie und rationeller Fütterung, Locomotivenpfiff und Dividenden-Speculation – mitten unter alledem gibt es noch Romantik in der Welt. Freilich, das begegnet nur Sonntagskindern und Lilian war ein Sonntagskind. Er wünschte, daß er etwas thun könnte, um den Kindern diese schimmernde Romantik einer wundersamen Begegnung zu bewahren und zu erhöhen. Aber zum Romantischen kann man gar nichts thun, es kommt immer von selbst, unerwartet und überraschend, läßt sich nicht reguliren und rationell anbauen; nur still halten kann man, den Athem anhalten, nichts rufen, sonst verschwindet der Zauber. Knopf that nun doch das Beste. Er ging davon und ließ die Beiden allein. Sie schauten einander an und sprachen noch immer nicht. Eine schöne rothe Kuh, die eine Schelle um den Hals hatte und einen Kranz zwischen den Hörnern, wurde in den Hof geführt. Das Mädchen ging der Kuh entgegen und rief, sie streichelnd: »Guten Abend, Rothtraut! Bist Du nun stolz, weil Du den Preis gewonnen? Wirst Du es Deinen Nachbarinnen erzählen? Wird Dir es noch gut daheim schmecken oder weißt Du gar nicht, daß Du so viel Ehre bekommen hast?« Die Kuh wurde nach dem Stall geführt und Lilian sagte zu Roland: »Möchtest Du nicht auch wissen, ob die Kuh eine Ahnung davon hat, daß etwas mit ihr vorgegangen ist?« Da Roland noch immer nichts erwiderte, fuhr Lilian ernst werdend fort: »Willst Du auch Landwirth werden und beim Oheim in die Lehre eintreten? Wenn ich fort bin, kannst Du in meinem Zimmer wohnen. Da ist's schön! Warum bist Du denn nicht früher zu uns gekommen?« »Ich habe nicht gewußt, wo Du bist und wer Du bist,« konnte Roland endlich hervorbringen. »Ach ja!« Und nun erneuerten sie nochmals die Erinnerung, wie damals Lilian vom Oheim Weidmann fortgeführt wurde und wie Roland weiter wanderte zu Erich. Damals war Frühling, jetzt ist Herbst. Roland erzählte, wie er sich auf der Reise bald so einsam und verlassen, bald so überselig gefühlt hatte; Lilian hörte ihm mit gespannten Mienen zu. Seine Stimme wurde immer bewegter. Er berichtete von seiner Krankheit, wie sich ihm da immer die Worte gesprochen hätten: das ist der deutsche Wald – wie er in seinen Fieberträumen auch Maienblumen verlangt und dies die ersten Pflanzen waren, die vor seinem Krankenbette gestanden, als er zur Besinnung gekommen. Lilian weinte, große Thränen rannen ihr über die Wangen. »Hast Du die Blume aufbewahrt, die ich Dir geschenkt habe,« fragte Roland. »Nein. Ich mag keine vertrockneten Blumen. Schenk mir etwas – schenk mir etwas, das nicht verwelkt.« »Ich habe nichts,« erwiderte Roland. »Aber ich will Dir meine Photographie schicken, wo ich als Page – Nein, das ist nichts. Ach, wenn ich nur meine Ringe noch hätte! Ich möchte Dir einen Ring geben, aber Erich hat sie mir alle von der Hand genommen.« »Ich will keinen Ring. Gib mir das – gib mir den Kieselstein, auf dem Dein Fuß jetzt steht.« Roland bückte sich und gab ihr den Kiesel, dann bat er, daß sie ihm auch einen Kiesel gebe. Sie that es und rief: »Jetzt nehm' ich ein Stück Deutschland mit übers Meer.« Roland schwieg, das Herz zuckte ihm. Das Mädchen fuhr fort: »Also das ist der Wildfang Roland, von dem der gute Herr Knopf immer spricht? Du glaubst gar nicht, wie lieb er Dich hat.« »Vielleicht so lieb wie Dich?« »Ja, mich hat er auch lieb, und er hat mir versprochen, er kommt zu uns nach Amerika.« »Ich bin auch aus Amerika.« »Ach ja! Willkommen, lieber Landsmann. Geh mit mir in den Garten und hilf mir einen Blumenstrauß suchen, den ich morgen mitnehme.« »Wohin gehst Du denn morgen?« »In aller Früh reisen wir heim.« »Wir sehen uns nur zu Willkomm und Abschied,« sagte Roland. »Komm mit mir in den Garten,« erwiderte Lilian. Drittes Capitel. Wie im Märchen gingen sie im Garten hin und her und pflückten Blumen. Sie gingen zuerst durch den Gemüsegarten, wo in regelmäßiger Entfernung kleine Zwergbäume standen; Lilian erklärte in hausmütterlicher Weise dem Gaste Alles und schloß: »Da ist kein Rosenstock, kein Baum, den die Tante nicht selbst oculirt hat, und sie hat einen schrecklichen Haß auf alles Ungeziefer. Denk Dir nur, was die Tante Alles zum Ungeziefer rechnet! Aber Du mußt sie nicht darüber auslachen.« »Was denn?« »Die Vögel hält sie auch für Ungeziefer. – Ach, Du lachst gerad so wie mein Bruder Hermann. Lach noch einmal! Ja, gerad so lacht er. Mein Bruder ist aber schon drei Jahre im Geschäft. Komm, jetzt wollen wir Blumen suchen.« Sie gingen nach dem Blumengarten und pflückten Blumen mancher Art, aber Lilian warf einen ganzen Strauß in den Bach und vergnügte sich im Ausdenken, wie die Blumen in den Rhein fließen und vom Rhein ins Meer und wer weiß, ob sie nicht nach New-York kommen, noch bevor sie selbst da ist. »Ich komme auch zu Dir nach Amerika,« sagte Roland. »Gib mir die Hand darauf.« Zum ersten Mal reichten sie einander die Hand. Da knallte ein Schuß hinter ihnen. Roland erzitterte. »Sei nur ruhig. Bist Du denn so furchtsam?« beschwichtigte Lilian. »Es ist die Tante, sie verscheucht nur die Sperlinge, sie schießt jedesmal, wenn sie in den Obstgarten kommt. Dort auf dem Tisch liegt immer ein Pistol.« Roland sah jetzt Frau Weidmann, wie sie das abgeschossene Pistol auf den Tisch legte. Sie setzten sich miteinander am Bachesrande nieder und leise sagte Lilian: »Die Reseda will ich behalten, die riechen so gut, auch wenn sie vertrocknet sind.« »Ja,« fügte Roland hinzu, »gib mir auch eine Reseda und so oft wir daran riechen, wollen wir an einander denken. Der Krischer hat mir gesagt, daß die Reseda am meisten Honig gibt.« »Du bist aber gescheidt!« jauchzte das Kind. »Sag, meinst Du auch, daß die Bienen die Blumen so riechen wie wir, und daß sich die Blumen so buntfarbig aufputzen, damit die Bienen und die Fliegen zu ihnen kommen und freundlich mit ihnen sind? Denk nur! Das behauptet Herr Knopf. Ach, was für ganz klein winzige Nasen müssen die Bienen haben! Und daß die Hummel nicht gescheidt ist, das hab' ich schon oft gesehen; zwei, dreimal fliegt sie auf eine Blume, wo sie doch weiß, daß da gar nichts zu finden ist. Die Hummel ist dumm, aber die Bienen – Hast Du die Bienen auch am liebsten?« »Nein, ich habe Pferde und Hunde lieber.« »Und denk nur,« fuhr Lilian fort, »mir thun die Bienen gar nichts und dem Onkel auch nicht, aber die Tante muß sich in Acht nehmen. Hast Du auch schon einmal einen Schwarm eingefangen?« »Nein.« »Wenn Du einmal ein großer Gutsherr bist, mußt Du Dir auch Bienen anschaffen. Die Bienen gedeihen nur in einem Hause, wo Frieden ist, hat mir Herr Knopf gesagt. Und wenn wir morgen abreisen, nimmt der Vater einen Bienenstock mit. Wir setzen ihn auf unsere Farm. Ach, wenn wir ihn nur gesund in die neue Welt bringen; es wäre doch schrecklich, wenn all die guten Bienen unterwegs sterben müßten. Aber schön wird's sein, wenn sie in Amerika aufwachen und hinausfliegen und sehen da ganz andere Bäume.« »Ist es denn wahr, daß Ihr schon morgen fortgeht?« »Ja, der Vater hat's gesagt, und wenn der etwas gesagt hat, kannst Du Dich darauf verlassen, so sicher, als morgen die Sonne aufgeht. Jetzt sag', was willst Du denn werden?« »Soldat.« »Ach, das ist schön, dann kommst Du zu uns und hilfst Alle todtschlagen, die Sklaven haben. Der Vater und der Onkel sagen, es geht bald los. Ach, wenn es nur noch wäre wie in alten Zeiten, dann würden wir mit einander fortziehen in den wilden Wald, weit in die Welt hinein, und da kommen wir auf ein Schloß und da sind lauter winzig kleine Zwerge und da ist ein Einsiedler, ein gar guter Mann mit schneeweißem Bart, den haben alle Thiere im Walde gern . . . und der Herr Knopf könnte so ein Einsiedler sein . . . Ja, er soll unser Einsiedler sein und er heißt ja Emil Martin. Von heut an wollen wir ihn immer Bruder Martin heißen.« Roland fragte: »Warum mußt Du denn morgen schon fort?« »Warum mußt du denn hier bleiben?« entgegnete Lilian. »Ich muß bei meinen Eltern bleiben.« »Und ich bei den meinen. – Ach, Du hast ja schon einen Bart,« rief Lilian plötzlich und zupfte Roland am Flaum. »Das thut weh; Du reißest mir ja die paar Haare aus, auf die ich stolz bin.« »So, Du bist stolz darauf?« Und sie streichelte ihn und sprach einen sogenannten Heilsegen dabei, den sie von Knopf gelernt hatte zum Heilen einer Wunde. »Wo ist denn Dein Hund?« fragte Lilian. »Er muß mit Erich gegangen sein. Wo er nur sein mag?« Er pfiff laut; Greif kam herbei. Lilian liebkoste den Hund, küßte ihn und gab ihm alle guten Worte. »Ich schenke Dir den Hund,« sagte Roland. »Siehst Du?« rief Lilian, »er schaut Dich und mich verwundert an, er merkt, daß er einem Andern übergeben werden soll wie ein Sklave. Aber, Roland, ich darf den Hund nicht mitnehmen, ich darf dem Vater gar nichts davon sagen. Denk nur die viele Mühe, die wir mit dem Hunde hätten bis nach New-York; behalte Du ihn nur.« Roland hatte nachdenklich dreingestarrt; jetzt fragte er: »Hast Du schon Sklaven gesehen?« »Nein, sobald sie zu uns kommen, sind sie es ja nicht mehr. Aber ich habe schon Viele gesehen, die es gewesen sind; Einer ist ein Freund vom Vater, und der Vater geht Arm in Arm mit ihm über die Straße. Komm her, Greif,« unterbrach sie sich plötzlich, »da hast Du etwas.« Sie gab Greif Zuckerbrod zu essen, das sie in der Tasche hatte, der Hund leckte noch lange mit der Zunge seine Lefzen und stand da, in die Landschaft hinausschauend. Geraume Zeit sprach Keines ein Wort; dann fragte Lilian wieder: »Hast Du auch eine kleine Schwester?« »Nein, sie ist ein Jahr älter als ich.« »Und ist sie auch schön?« Lilian wartete die Antwort nicht ab, sie winkte Roland, denn eben lief ein Marienkäferchen an ihrer Hand empor. »Gib Acht,« sagte sie, »jetzt arbeitet es seine Flügelchen unter dem Rückendeckel vor und rüstet sich mit den verborgenen Flügeln. Hui! fort ist es. Das wird viel zu erzählen haben, wenn es heimkommt. Ach, wird es sagen, da ist ein großes Thier gewesen und das hat fünf Bäume an der Hand – meine Finger müssen ihm doch wie Bäume vorkommen, und wenn es dann mit den Seinen zu Nacht ißt – Sag', Roland, bist Du nicht auch hungrig? Ich bin hungrig.« »Was macht Ihr da?« rief plötzlich eine starke Frauenstimme. »Kommt ins Haus.« Lilian sagte leise zu Roland: »Wir kriegen etwas Gutes zur Nacht, Pfannkuchen mit Schnittlauch. Siehst Du nicht den Schnittlauch, den die Tante abgeschnitten in der Hand hält? Der ist zu den Pfannkuchen.« Sie gingen mit Frau Weidmann ins Haus. Viertes Capitel. Während Roland und Lilian im Garten träumend und räthselnd beisammen gesessen hatten, waren die Männer nach dem Hause gegangen. Sie traten in den großen getäfelten Hausflur, wo viele getrocknete Erntekränze hingen. Weidmann zeigte Erich, daß zweiunddreißig von diesen Kränzen ihm gehören, denn so viel Mal hatte er hier schon geerntet. Der einzeln hängende Kranz sei der fünfzigste Kranz seines Schwiegervaters gewesen. Man ging in die Wohnstube im Erdgeschoß. Der Raum war groß und wohnlich, mit behaglichen Sitzplätzen in Fenstervertiefungen und da und dort aufgestellten Tischen und Stühlen. »Im Sommer wohnen wir hier im Erdgeschoß,« sagte Weidmann zu Erich, »da läßt sich Alles besser überschauen. Wenn die Blätter von den Bäumen abgefallen sind, beziehen auch wir unsere Winterresidenz im obern Stock.« Aus dem großen Wohnzimmer sah man in andere, wo die schweren damastenen Thür-Vorhänge zurückgeschoben waren. Der Banquier, den Erich in Karlsbad kennen gelernt hatte, kam aus einem innern Zimmer; er hielt ein Actenbündel in der Hand und grüßte freundlich. Er freute sich, hier den Freund Clodwigs wiederzufinden. Sofort wurde man in ein neues Thema eingeführt. Der Banquier sagte, daß er die Papiere genau durchstudirt habe, die Staatsdomäne scheine nicht zu hoch geschätzt und die Art, wie sie zertheilt werden solle, müsse Weidmann verstehen; nur glaube er, daß es schwer thunlich sei, die Sicherung, die Weidmann für seine Arbeiter aufgestellt, auch auf das neue Unternehmen auszudehnen; denn es sei sehr fraglich, ob in Jahren das Erträgniß ein solches sein werde, daß man den Betrag für die Lebensversicherung erübrigen könne. Erich erfuhr, daß Weidmann seine sämmtlichen Arbeiter veranlasse, einen Verband zu bilden, der sich in eine Lebensversicherung einkaufe, und wer sieben Jahre treu bei ihm ausgehalten, für den trat er im Unvermögens-Falle selbst ein. In großen Umrissen erklärte Weidmann, wie ihm die sogenannte sociale Frage beständig unter der Form erscheine, in der sie bei den Römern sich zeigte; immer wieder handle es sich darum, freie und selbständige Grundbesitzer zu schaffen. Die sociale Frage werde sich indeß nicht als bloßes Rechenexempel lösen lassen, ein sittlicher Eifer müsse hinzutreten, und wenn auch Manche darüber die Achseln zucken, er bekenne offen, daß das vielfach zur hohlen Phrase gewordene humane Princip der Freimaurerei hier neue Belebung und Bethätigung finden müsse. Ueberall ist in unseren Tagen ein Dichten und Trachten, ein Sorgen für die Nächsten, für die im Dasein Verkümmerten. Das ist unsere Religion, die keine Tempel und keine geordneten Festtage hat, aber überall und allzeit zum Guten ringt. Fürst Valerian fragte, was Roland werden wolle. Noch ehe Erich antworten konnte, trat im Geleite des Doctor Fritz ein anderer Mann ein, der Erich sofort freundlich begrüßte; es war der Schwiegersohn Weidmanns, ein Infanterie-Officier höheren Ranges. Die beiden Männer baten, daß man das Gespräch nicht unterbreche, und Fürst Valerian wiederholte seine Frage. Erich erwiderte, daß Roland sich dem Soldatenstande widmen wolle; es wäre aber zu wünschen, daß er sich dem Feldbau widmen könnte. Lächelnd entgegnete Weidmann, daß Erich, weil selbst Soldat gewesen, zu scharf gegen diesen Stand sei; er für sich sei der Ueberzeugung, daß es zur Fertigstellung eines Mannes von großer Bedeutung sei, dem Soldatenstande angehört zu haben. Da bilde sich Gewecktheit, Entschlossenheit und Selbstvertrauen und zugleich ein Einreihen in die Gesammtheit. Nirgends lerne man so gut Pünktlichkeit und nirgends übe man sich besser im Befehlen wie im Gehorchen. Roland müsse nur immer in der Ueberzeugung stehen, daß das Soldatenleben ein Durchgangspunkt sein solle, nichts, das sein ganzes Leben durchaus einnehmen und ausfüllen dürfe. »Dann wird er kein rechter Soldat,« fiel der Schwiegersohn Weidmanns ein. »Wer etwas unternimmt, das er nicht für eine Thätigkeit hält, der die volle Lebenskraft gehört, wer dabei immer nach einem beruflichen Jenseits schaut, steht nicht voll im Gegenwärtigen.« »Es wäre wichtig für Roland,« sagte Knopf, »nicht einen vorübergehenden, sondern einen bleibenden Beruf zu finden. Gerade Sie, Herr Weidmann, bei dem mächtigen Eindruck, den Sie und Ihre Thätigkeit auf Roland unfehlbar machen – gerade Sie wären geeignet, ihm die entscheidende Richtung zu geben.« Man setzte sich und der Banquier begann: »Ich glaube, es ist Jean Paul, der einmal sagte. Kommst Du in eine fremde Wohnung und es ist Dir unheimisch, so arbeite sofort etwas und es wird Dir heimisch. Ich möchte das erweitern. Heimisch in der Welt wird man nur durch Arbeit; wer nicht arbeitet, ist heimatlos. Noch eine Frage,« wendete er sich an Erich. »Hat Ihr Zögling nicht auch, wie leider die meisten Söhne der Reichen, das Verlangen, ein Cavalier, ein Junker zu werden?« Da Erich nicht antwortete, fuhr er fort: »Unser Unglück ist, daß die Söhne der Reichen blos Erben sein und nicht Selbstgeltung aus sich gewinnen wollen.« »Wie wir schon gehört,« nahm der Schwiegersohn Weidmanns das Wort, »will der junge Mann Soldat werden, und ich glaube, daß man ihn darin bestärken müßte. Ich hoffe, daß man mir nicht ein Vorurtheil für meinen Beruf zutraut, aber ich muß die Betrachtungsweise unseres Herrn Vaters wiederholen: das Soldatenthum gibt eine Geschlossenheit, die nichts Anderes so bewirken kann. An jedem Tage gerüstet mit Sack und Pack dem Leben gegenüberstehen, das macht fertig; das stehende Heer wird gewissermaßen in jedem Einzelnen zur Thatsache.« »Einverstanden,« ergänzte Weidmann. »Aber muß man nicht doch wieder fürchten, daß ein Mann, der seine besten Jahre Soldat gewesen, nur schwer in eine andere bleibende Thätigkeit kommt? Er betrachtet sich stets als auf Urlaub, und ein Hauptunglück zeigt sich vornehmlich in den Reichen, daß sie sich immer auf Urlaub, immer in Ferien befinden.« »Das Beste ist, Roland bringt das Geld durch, dann kommt es unter die Leute,« scherzte der Sohn Weidmanns und zeigte die von Prancken so sehr gescholtenen impertinent weißen Zähne. »Ich möchte auch ein Wort sagen,« wendete sich der Fürst Valerian an Weidmann. »Ich glaube, daß wir in Rußland ein Beispiel sein können. Wir müssen aus Gutsbesitzern zu Landwirthen werden, ob das Erbe nun in Geld oder in großen Gütern besteht. Warum soll der junge Mann nicht einfach Landwirth werden?« »Die Landwirthschaft hat fünf Zweige,« erwiderte Weidmann, »und diesen sollen fünf gleiche Wurzeln in der Neigung entsprechen. Die Landwirthschaft besteht aus Physik, Chemie, Mineralogie, Botanik und Zoologie; Eines davon, ich meine die Neigung zu einer dieser Wissenschaften, muß so zu sagen den Boden im Gemüthe bilden, sonst erwächst kein Berufsglück daraus. Und wissen Sie,« wendete er sich lächelnd an den Fürsten, »wissen Sie, was das erste Erforderniß für einen Landwirth ist?« »Geld.« »Nein, das ist das zweite. Das erste ist: gesunder Menschenverstand, und es gibt weit mehr geistreiche Menschen, als Menschen von einfach gesundem Verstand.« Mit einem Eifer, der gegen sein sonst ruhiges Wesen sehr abstach, erging sich Weidmann in Widerlegung der allgemeinen Ansicht, daß die Landwirthschaft eine allgemeine Zuflucht sei, in der man Jegliches unterbringen könne; dennoch blieb man endlich dabei, daß es am angemessensten wäre, wenn Roland sich zur Landwirthschaft in Verbindung mit der Groß-Industrie bestimmen ließe. Das Gespräch zertheilte sich. Weidmann fügte hinzu, das Schwierigste bleibe, daß Roland nichts zu wünschen habe, wozu er seine Kräfte anspanne, und dann glücklich sei, wenn er das Erstrebte erreiche, und sofort wieder ein Neues sich ansetze; denn das ist ja das Treiben und Wachsen im Leben, daß alles Erreichte sofort wieder den Keim eines zu Erstrebenden ansetzt. »Man kann keinen Menschen zum Glücklichmacher erziehen,« schloß er endlich. »Der Jüngling muß etwas bekommen, das in ihm das Bedürfniß nach der Association mit Menschen erweckt; er soll Alles auf Andere und zugleich auf sich beziehen; er muß etwas schaffen wollen. Aus dem Geschaffenen allein fließt Glück.« Doctor Fritz hatte keinen Antheil an der Berathung genommen; er saß nachdenklich da und hatte die Brauen zusammengezogen. »Warum sprichst Du kein Wort?« sagte Weidmann leise zu ihm, während sich verschiedene Zwiegespräche entwickelt hatten. Ebenso leise erwiderte Doctor Fritz: »Es ist schon schwer, ein so übermäßiges, rechtlich erworbenes Erbe anzutreten, wie viel schwerer noch eines, an dem eine Schuld haftet.« Weidmann winkte seinem Neffen und legte den Finger, wie Schweigen gebietend, an die Lippen. Nun trat Frau Weidmann ein und bat, daß man zu Tische käme. Man ging nach dem Speisezimmer. Erich saß neben Knopf und sagte: »Herr College, ich habe eine Frage, die Sie mir aber nicht sofort, sondern morgen beantworten.« »Welche Frage?« »Was würden Sie thun, wenn Sie plötzlich in den Besitz von vielen Millionen kämen?« Knopf, der eben das Glas an den Mund gesetzt hatte, fing plötzlich so heftig zu husten und zu prusten an, daß er sich vom Tisch entfernen mußte. Er kam nach einer Weile wieder, aß aber keinen Bissen und trank keinen Tropfen mehr an diesem Abend. Als Alle sich zur Ruhe begaben, sagte Weidmann leise zu Erich, er möge noch bei ihm bleiben, er habe mit ihm zu reden. Roland ging mit Knopf in der sternhellen Nacht umher und Knopf mußte versprechen, ihn zur Abreise des Doctor Fritz und seines Kindes zu wecken. Erst dann begab Roland sich zur Ruhe; er fand sie lange nicht, denn Alles, was er heute erlebt, dazu das Geräusch des Baches, das Klappern der Mühle hielt ihn wach. Aber endlich siegte Ermüdung und Jugend und er schlief fest ein. Fünftes Capitel. Erich war seinem Gastfreund in das Arbeitszimmer gefolgt und hier fragte nun Weidmann: »Wissen Sie, warum Sie hierher geschickt sind?« »Hieher geschickt?« »Ja.« »Herr Sonnenkamp wünscht eine freundliche Beziehung zu Ihnen, und ich selbst hatte schon längst das Verlangen –« »Gut. Der beste Spion ist oft, der nicht weiß, daß er Spion zu sein hat, der harmlos sieht und harmlos berichtet.« »Ich begreife nicht . . .« »Glauben Sie mir, Herr Sonnenkamp dachte keinen Augenblick daran, zu uns zu kommen, zumal er noch nicht weiß, wann Doctor Fritz abreist; die Abholung, die er Ihnen vorspiegelte, war gar harmlos. Senden Sie einen Boten und er wird Ihnen mit Bedauern sagen lassen, daß er nicht selber kommen könne, und wird den Wagen schicken. Herr Sonnenkamp will zunächst erkundschaften, ob mein Neffe, der ihn kennt, etwas gegen ihn unternehme und ob von unserer Seite überhaupt etwas gegen ihn geschehe.« Da Erich schwieg, fuhr Weidmann fort: »Ach, junger Freund, es ist kein Vergnügen, den Schleichwegen des Raubthieres im Menschen nachzugehen. Doch vor Allem eine Frage. Wissen Sie, wie es zunächst um die Adelsbewerbung des Herrn Sonnenkamp steht?« »Nein.« »Wissen Sie, daß ich auch vertraulicher Weise um ein Gutachten über Herrn Sonnenkamps Verdienste angegangen wurde?« Erich bejahte und Weidmann fuhr fort: »Ich habe Ihnen gesagt, daß der Pferdeknecht, der die Trompete bläst, ein Sträfling war; ich habe noch einen zweiten Sträfling auf einem entfernten Gehöft, denn er thut nicht gut, nicht sowohl aus Bosheit, als aus Prahlerei, wenn er unter Menschen ist. Sie sehen also, ich stoße Menschen von verbrecherischer Vergangenheit nicht von mir; es ist meist nur Glück, wenn wir aus Lehre und Beispiel und durch gesichertes Auskommen nicht auch Manches auf uns laden, was nicht zu tilgen wäre. Freilich, eine fortgesetzte raffinirte, alles Menschenthum empörende Thätigkeit – Aber wie gesagt, ich lege Herrn Sonnenkamp nichts in den Weg; nur ist es mir unbegreiflich, daß er nach dem Adel strebt und damit die Forschung nach seiner Vergangenheit muthwillig herausfordert. Wie mir unser Freund Wolfsgarten sagt, haben Sie viel Macht über Herrn Sonnenkamp; ermahnen Sie ihn, von dieser Sache abzulassen. Es ist unfaßlich, daß er ein Nachforschen über sein Leben tollkühn herausfordert. Schon um der Kinder willen, die diesen Mann Vater nennen müssen, hätte er es nicht wagen sollen.« Erich fragte, ob denn Roland und Manna nicht die Kinder Sonnenkamps seien. Weidmann war verwundert über diese Frage und sagte: »Roland und Manna sind die Kinder dieses Mannes und ich freue mich, daß Sie, wie mir Herr Knopf früher mittheilte und wie ich selbst sehe, eine Sphäre des Edelsinns im Umkreis dieses Hauses zu bilden vermochten und Ihren Zögling in allem Guten einbürgern. Wenn dieser Jüngling einst erfährt –« »Was ist denn? Was ist denn?« konnte Erich mühsam herausbringen. »Wissen Sie denn nicht?« erwiderte Weidmann, sich den Kopf mit beiden Händen haltend. »Wissen Sie denn nicht?« wiederholte er. »Ich weiß nichts, als daß Herr Sonnenkamp große Plantagen mit vielen Sklaven besaß, daß ihm das amerikanische Leben nicht mehr gefiel und er darum nach Deutschland zurückkehrte.« »Herr Sonnenkamp – Herr Sonnenkamp!« sagte Weidmann. »Schöner Name! Es ist noch gut von ihm, seine Mutter hieß so. Also von einem Herrn Banfield haben Sie nie gehört?« »Nicht eigentlich. Ich hörte nur einmal, daß Herr Sonnenkamp bei der Rückreise aus dem Bade sehr ärgerlich war, als er diesen Namen in das Fremdenbuch eingetragen fand.« »Dieser Herr Sonnenkamp, oder eigentlich nicht Herr Sonnenkamp, Herr Banfield, ist, kurz gesagt, der berüchtigtste Sklavenhändler, den die Südstaaten kannten; ja noch mehr. Mein Neffe, Doctor Fritz, könnte Ihnen erzählen, was er noch gethan; er ging so weit, in öffentlichen Schriften die Sklaverei zu vertheidigen, und war so frech, sich als Beispiel aufzustellen, daß nicht alle Deutsche von der sentimentalen Humanität verweichlicht seien, sondern daß er, ein Vertreter des Deutschthums, die Sklaverei als zu Recht bestehend vertheidige. Er hat einen Ring am Daumen, wenn er den Ring abthut, können Sie die Zähne eines Sklaven sehen, den er erdrosselte und der ihn in den Daumen biß.« Ein Schrei des Entsetzens rang sich aus der Brust Erichs, er konnte nichts ausrufen als die Worte: »O Roland! O Mutter! O Manna!« »Es thut mir leid, daß ich es Ihnen sagen mußte, aber es ist besser, daß Sie es durch mich erfahren. Sie fassen nicht, daß der Mann mit solcher Vergangenheit manchmal so schön thun und in Erörterungen über Ideen sich einlassen kann? Ja, dieser Mann ist ein von Blumen umkränzter Sumpf! Der Sklavenhandel ist der trockene Mord, das Vernichten freier Existenzen zu eigenem Vortheil. Ein Mörder aus Leidenschaft, ein Mörder aus Raubsucht schreitet über Leichen hinweg nach seinen Genüssen, zur Bethätigung seiner vermeintlichen Berechtigung. Die Welt ist ihm Krieg und Kampf, ein Vernichten des Andern, um selber Raum zu finden. Aber ein Sklavenhändler . . . ein Sklavenmörder!« Erich hielt die Hände in einander gepreßt. Wer kann ermessen, warum aus dem Gewirre von Gedanken sich der eine herausarbeitet? Er erinnerte sich des ersten Sonntags, wo der Arzt ihn gefragt: können Sie mit einem Menschen leben, den Sie nicht achten? – Also Alle wußten, Alle, und nur er nicht? Der Dünkel, das herrschsüchtige, gewaltsame Gebahren Sonnenkamps war ihm oft auffällig gewesen und seine Freundlichkeit hatte etwas Erschreckendes, aber er hatte immer geglaubt, daß ein Mann, der ein Eroberer war – einen Eroberer hatte Bella ihn genannt – weiß auch Bella? . . . Weiß auch Clodwig? . . . Ein Mann, der so viel von der Welt sich angeeignet, erschien in seiner Weise folgerichtig, wenn er auch stets fremd blieb. Aber nun ein Sklavenhändler! Alle wußten es und er allein nicht. Wie mochte er ihnen erscheinen? Erich hatte mit dem Namen Rolands und seiner Mutter auch den Manna's ausgerufen; jetzt zum ersten Mal im höchsten Schmerz ging es ihm ganz und voll auf, daß er Manna liebte. Wie wird sie es tragen? Wußte sie es schon? War das der Grund ihres verschlossenen Wesens, ihres Drängens, sich zu opfern und den Schleier zu nehmen? Aufblickend war sein erstes Wort: »Es ist schwer, aber es ist gut, daß ich hierher auf diesen Punkt gestellt wurde, um einen Jüngling mit einem solchen Schicksalserbe zu erziehen und . . .« Er wollte von Manna sprechen, aber er unterdrückte jedes Wort über sie; er schaute wirr um sich. Weidmann legte ihm die Hand auf die Schulter und sagte: »Ja, Sie haben den großen und schweren Beruf, einen Jüngling wie Roland zu stützen.« Erich sagte, wie entsetzlich es ihm sei, daß er seine Mutter in diese Beziehung gebracht. Weidmann erklärte, wie er wohl erkenne, welch Entsetzen darin liege, das Brod dieses Mannes zu essen, von diesem Manne sich Wohlthaten erweisen zu lassen. Er schärfte aber Erich ein, seine Mutter so lange als möglich zu schonen, denn er bedürfe ihrer noch sehr zur Stütze für Frau Ceres und Manna. Weidmann nannte es ein Glück, daß eine mit allem Edlen ausgerüstete und im Leben erprobte Frau hier stützend und helfend zur Seite stehe. Mitternacht war längst vorüber, als Erich seinen Gastfreund verließ. Er ging nach seinem Zimmer, er sah Roland schlafen, und ein stilles Gelöbniß lag auf seinen Lippen, da er den schönen schlafenden Jüngling sah. Rastlos wanderte dann Erich durch den Garten und die Felder; Sternschnuppen flogen hin und her, in der Ferne glitzerten die Wellen des Rheins, ein thauiger Duft lag über der ganzen Erde, Erich fand keine Ruhe, ja er fand kaum eine Besinnung. Was sollte, was konnte er thun? Der Morgen begann zu dämmern, er kehrte nach dem Hofe zurück. Hier war lebendiges Treiben. Er traf zuerst auf Knopf, der ihm sagte: »Ihretwegen habe ich die ganze Nacht nicht geschlafen. Ach, Ihre Frage! Ich glaube, daß ich viel vergeuden würde in Experimenten, in Versuchen, die leidenden Menschen zu sichern. Vor Allem fragte ich mich, was ist denn eine Million, oder mehrere Millionen? Was bedeuten sie? Ich habe mir vorerst Folgendes klar gemacht. Um zu wissen, was derartige Summen in sich begreifen, habe ich mich gefragt, wie viel Brode könnte man wol für eine Million haben, und durch diese etwas kindisch klingende Frage kam ich, wie ich glaube, auf den rechten Weg. Ich suchte mir klar zu machen, wie viel Familien-Existenzen eine Million repräsentirt. Aber ich glaube, theoretisch läßt sich Ihre Frage gar nicht lösen, da alle wirklichen Lebensverhältnisse nicht aus ganzen Zahlen, sondern aus Brüchen bestehen und sich nur damit ausdrücken lassen. So läßt sich auch das Facit nicht in einer ganzen Zahl ausdrücken. Ich bringe es nicht heraus und es verwirrt mir den Kopf, was ich anfangen sollte, wenn ich viele Millionen besäße. Wohlthätigkeits-Anstalten gründen? Das ist noch nicht genug. Die ganze Welt soll nicht eine barmherzige Anstalt, eine fromm ausstaffirte Herberge sein. Ich will Fröhlichkeit, Schönheit, die Menschen sollen nicht nur gesättigt und gekleidet, sie sollen auch erfreut sein. Zunächst würde ich in jedem Dorf eine gute Besoldung für den Lehrer gründen, der die Gesangvereine leitet, und einen Schoppen Wein für jedes Mitglied am Sonntag, und ein Liederhaus baute ich in jedem Dorfe mit hohen Sommerhallen und gut geheizten Gemächern im Winter, geschmückt mit schönen Bildern, und da würden die Preise ausgehangen, die der Verein errungen.« Erich nickte still, und da Knopf glaubte, er stimme ihm bei, fuhr er fort: »Ich würde auch ein Institut für arme Kinder errichten und mich zum Director des Instituts machen, und dann würde ich ein Pfründnerhaus für verdiente Hauslehrer gründen. Ich habe schon den Namen für das Haus. »Das Haus zum Feierabend.« O, das muß prächtig sein, wie da die alten Schullehrer sich mit einander zanken und Jeder hat die beste Methode gehabt. Ich habe mir auch noch überlegt: Die Hauptsumme würde ich ruhig hinlegen und eine Million davon nehmen, um sie zu verreisen. Ich würde ein Dutzend oder mehr Kameraden mit auf die Reise nehmen, rechtschaffene, tüchtige Menschen, Naturforscher, Maler, Bildhauer, Kaufleute, Politiker, Lehrer – kurz, tüchtige Männer aus allen Gebieten. Die würde ich ausstatten mit Allem, was sie brauchen, und wir halten uns auf, wo wir wollen, und so lange als wir wollen. Und da lerne ich kennen, welches die besten Einrichtungen in der Welt sind, und wenn ich heimkomme, mache ich auch solche. Ich traue mir nicht zu, das jetzt schon zu können. Denken Sie sich, wie schön so eine Reise wäre mit einem Dutzend oder mehr tüchtiger Menschen, und wir haben ein eigenes Schiff und nehmen Maulthiere, wo es gebirgig ist. Kurz, es könnte prächtig werden, nützlich auch. Und wenn Roland heimkommt, muß er Landwirth werden, das ist doch immer das Beste, das heißt, man hat den natürlichen Boden. Aber, wie gesagt, ich krieg es doch nicht ganz heraus.« Erich hörte kaum, was Knopf sagte, er erwachte erst aus seinen Träumen, da Knopf fragte: »Wo ist Roland? Ich habe versprochen, ihn zur Abreise des Doctor Fritz und seines Kindes zu wecken.« »Lassen Sie ihn nur schlafen.« »Auf Ihre Verantwortung?« »Auf meine Verantwortung.« »Gut,« stimmte Knopf bei. »Eigentlich ist es mir lieber, ich brauche ihn nicht zu wecken. Roland bekommt dadurch einen schönen romantischen Schmerz. Er hat in der Nacht Abschied genommen oder auch nicht Abschied genommen, und während er schlief, ist sie verschwunden. Morgens schauernd und fröstelnd an der Dampfschiffslände oder an der Eisenbahn Abschied nehmen, das Schiff oder der Zug geht weg und dann steht man da wie ausgeraubt und man muß wieder zurück . . . Ach, das ist so widerwärtig! Mich friert immer den ganzen Tag nach einem Abschiede. Nun aber, wenn Roland erwacht und das Kind ist fortgeflogen, das läßt eine schöne, von Fernen-Duft umzogene Erinnerung in der Seele zurück.« Nun kamen Herr und Frau Weidmann, kamen die Söhne, der Fürst, der Banquier und alle Hausgenossen. Alle reichten Doctor Fritz und seinem Kinde nochmals die Hand und Lilian rief: »Herr Knopf, grüßen Sie mir Roland, den Langschläfer.« Fort rollte der Wagen, die Hausgenossen begaben sich wieder zu Bett, nur Erich und Knopf wandelten noch in der Morgenfrühe umher, und Knopf freute sich, wieder einmal das Erwachen der Natur so genau zu sehen. Er sagte, man versäume das immer, wenn nicht ein Zwang eintrete, und vielleicht seien viele Lyriker, die von thauiger Morgenfrühe singen, auch entsetzliche Langschläfer. Erich hörte dem guten Knopf zu und faßte es nicht, daß noch ein Mensch da draußen in solcherlei Anliegen lebt; ihm war alles Denken und Schaffen, die Vorstellung, daß es noch manches Glück gebe, wie ein schattenhafter Traum. Knopf dagegen glaubte, daß Erich sehr aufmerke, und klagte, daß das Kind fort sei; er habe zwar noch dem Fürsten Unterricht zu ertheilen, aber das Kind habe das ganze Haus glücklich gemacht, es sei, wie eine lebendige redende Blume gewesen, der neuen Welt entsprossen. Das waren offenbar Wendungen, die einem bereits angefangenen oder sofort zu entwerfenden Gedichte zur Zierde dienen sollten. Erich hörte Alles geduldig an. Endlich fragte er Knopf, ob ihm Doctor Fritz nicht Mancherlei über Herr Sonnenkamp mitgetheilt habe. Knopf bestätigte einen Theil dessen, was Weidmann kundgegeben, das Ganze schien er nicht zu wissen. »Und den heiligen Morgen nehme ich zum Zeugen,« rief Knopf, »Sie, Herr Dournay, sind ein starker Mann. Wenn ich damals die Vergangenheit des Herrn Sonnenkamp gewußt, ich hätte Roland nicht so sorglos unterrichten können, ich hätte immer das Gefühl gehabt, ich trüge ein geladenes Pistol bei mir, das unversehens losgehen kann.« Knopf hatte die Hand Erichs gefaßt und in seiner überschwänglichen Empfindung küßte er sie, bevor Erich es abwehren konnte. Erich ward ruhiger und Knopf pries sich selbst und Erich glücklich, daß sie mitarbeiten in den schwersten und erhabensten Aufgaben des Jahrhunderts; denn Erich habe Roland zu unterrichten, der, wenn er zur Selbständigkeit komme, etwas für die Negersklaven thun müsse, und er habe den Russen zu unterrichten, der nun die befreiten Leibeigenen zu führen habe. Er erzählte, daß der Fürst wünsche, er möge mit ihm in die Heimat ziehen und eine Schule für die freigelassenen Bauern gründen; Doctor Fritz dagegen wünsche, daß er nach Amerika käme und eine Schule für die Kinder der freien Neger halte. Wenn er ehrlich sein wolle, müsse er bekennen, er ginge lieber nach Amerika, nur um Lilian wieder zu sehen und zu erleben, wie sie sich entwickle und welches Schicksal sie haben werde; er glaube, daß sie seine Schülerin sei, die zu harmonischem Leben kommen müsse. Als Erich wieder nach dem Hofe zurückkehrte, sah er Weidmann und den Banquier in den Wagen steigen; sie fuhren nach der Residenz, um wegen der Domäne zu verhandeln. Erich nahm Abschied, denn er sprach seinen Entschluß aus, sofort wieder nach Villa Eden zurückzukehren. Wie er Villa Eden nannte, erschrak er. Weidmann stieg nochmals aus, nahm ihn bei Seite und sagte: »Lieber Dournay, auch für Ihre Mutter und Ihre Tante ist mein Haus stets das Ihrige.« Erich ging, um Roland zu wecken. »Schon Tag? Sie sind noch da?« rief Roland. »Wer denn?« »Lilian und ihr Vater.« »Nein, die sind längst abgereist.« »Warum habt Ihr mich nicht geweckt?« »Weil Du schlafen solltest. In einer Stunde reisen auch wir wieder heim.« Trotzig wendete sich Roland ab. Erich sprach ihm mit Innigkeit zu, da kehrte er endlich das Antlitz nach ihm; in seinen langen Wimpern standen große Thränen. Welche Thränen werden diese Augen noch vergießen? sprach's in Erich. Der Wagen, in dem Doctor Fritz mit seinem Kinde davon gefahren, kam zurück. Der Kutscher brachte noch einen Gruß von Lilian an Roland. Die Pferde wurden nicht ausgespannt, sondern an der fliegenden Krippe gefüttert, und bald fuhren Erich und Roland wieder heimwärts. Sechstes Capitel. Roland saß neben Erich im Wagen und schloß die Augen, um nichts zu sehen, als was in seiner Erinnerung sich bewegte; er preßte die Lippen zusammen, um kein Wort zu reden. Warum hat Erich keinen Grund angegeben, daß er sofort wieder abreist? Warum hat Knopf mit einem triumphirenden Lächeln berichtet, daß er mich absichtlich nicht geweckt habe? Denn als es darauf ankam, hatte Knopf die Verantwortlichkeit auf sich selbst gewälzt; es erschien ihm besser, wenn Roland auf den Abwesenden ärgerlich war, als auf den, in dessen Händen er bleiben muß. Bisweilen blinzelte Roland zu Erich herüber, ob er nicht beginne, ihm Alles zu erklären, aber Erich schwieg; auch er hatte die Augen geschlossen. Am hellen Tage in einer Landschaft voll erquickenden Ausblickes fuhren die Beiden dahin und träumten nur in sich hinein. Von Müdigkeit übermannt, saß Erich wie im Halbschlaf versunken, in welchen das Geräusch des Wagens wie dämonisches Rollen hineinschwirrte. Manchmal, wenn es bergab ging und die gehemmten Räder knirschten, blinzelte er auf, er sah nach dem Rhein in der Ferne, er schloß die Augen und in seinen Halbtraum hinein drang der Anblick des Wassers, der Berge. Ihm träumte, es wäre Alles überfluthet und mitten auf den Fluthen stehen zwei Männer aus Felsen fern von einander und doch einander zuwinkend. Auf dem einen steht Clodwig und spricht von einem Römerfund, den er in der Hand hält, auf dem andern steht Weidmann und spricht von der Lebensversicherung, und dazwischen reden sie von Geretteten. Und wie er jetzt aufwacht, ist es, als hörte er noch laut, wie sie Beide einander zugerufen hätten: Erich und Roland sind sicher angekommen. Die Pferde hielten an; am Gartenzaun stand Fräulein Milch, man war an der Wohnung des Majors. Erich grüßte, und als verstände sich von selbst, daß man nicht nach ihr frage, rief Fräulein Milch: »Der Herr Major ist vor einer Stunde nach der Villa geholt worden und hat mir sagen lassen, er käme nicht zu Mittag.« Erich stieg aus; Fräulein Milch sagte ihm, auf der Villa sei Alles in freudigster Aufregung. Erich ließ Roland allein heimfahren, er mußte sich fassen. »Die ganze Welt ist ein Narrenspiel,« sagte Fräulein Milch. Erich, der die gute alte Dame sehr ehrte, fand sich doch nicht in der Verfassung, auf allgemeine Menschenbetrachtung einzugehen. Er hatte hier im Hause wie in einem Vorhof sich sammeln und Alles zurecht legen wollen, jetzt ging er wie verscheucht davon. Er sah die schöne, im hellen Sonnenschein glänzende Villa, die blitzenden Scheiben des Glashauses und der Kuppel, er sah den Park, das grüne Haus, wo seine Mutter wohnte – und Alles das ist aus dem Erlöse für verkaufte Menschen gebaut und gepflanzt . . . Ein körperlicher Schmerz, ein Stich durchs Herz ließ ihn kaum aufathmen. Leuchtend und umnachtend stand es vor ihm, er liebte Manna . . . Als Roland auf der Villa ankam, wurde er sofort zu seinem Vater gerufen. »Mein Sohn! Mein Sohn! Da bist Du! Alles für Dich, Du bist auf immer gesichert, erhoben. Mein geliebter Sohn! Alles für Dich! Vergiß diesen Augenblick nie, er ist das Höchste, das All meines Lebens voll Irrfahrten und Gefahren. Mein Sohn, von heute an heißest Du Roland von Lichtenburg.« So rief Sonnenkamp. Roland stand bebend, so hatte er den Vater noch nie gesehen. »Ja,« fuhr der Vater fort, »es erschüttert Dich auch. Ach Kind, Du wirst erst später wissen, was Dir geworden. Vor der Welt darf ich nicht zeigen, auch Du sollst es nicht, daß mich die Sache so angreift. Ich werde gleichgültig thun, das müssen wir. Ihr seid schnell gekommen? Wo hat Euch mein Bote getroffen?« Roland sagte, daß er nichts von einem Boten wisse. Er hörte jetzt, daß der Vater in der Nacht einen Boten nach Mattenheim geschickt; auch sei der Sohn des Cabinetsraths, der Fähnrich geworden, zum Besuch auf dem Landhause mit mehreren Kameraden, die noch zum Mittag zu Roland kommen werden. »Wo ist denn Herr Dournay?« fragte Sonnenkamp wieder. Roland erzählte, daß er bei Fräulein Milch geblieben. Sonnenkamp lächelte und schärfte seinem Sohne ein, er solle ein freundliches Benehmen gegen Erich beibehalten; er müsse ihm doch immer dankbar bleiben und solle sich überhaupt vornehmen, recht bescheiden zu sein. »Auch Du mußt lernen, vor der Welt unsere Standeserhöhung als unerheblich erscheinen zu lassen. Nun geh zur Mutter. Nein – halt! Du sollst noch etwas haben, das wird Dich stark, das wird Dich stolz und sicher machen. Hier, bleib stehen, ich will Dir zeigen, wie ich Dich hochhalte.« Er suchte hastig in seinen Taschen, er brachte den Schlüsselring heraus, ging nach dem in die Wand eingemauerten feuerfesten Schrank, klappte die Rosetten an demselben zurück und öffnete beide Flügelthüren. »Hier sieh,« sagte er, »das Alles wird einst Dein – Dein und Deiner Schwester. Wirbelt Dir's vor den Augen? Das soll es nicht, Du sollst nur wissen, hier sind Millionen; damit bist Du Herr der Welt, über Alles. Sieh, hier unten ist Gold, viel gemünztes Gold, ich liebe gemünztes Gold, auch ungemünztes, das liegt hier. Ich bin sterblich, ich fühle jetzt oft, als ob ein Schwindel mich plötzlich fassen und dahin raffen könnte. Hier oben, sieh hier – hier liegt mein Testament. Jetzt geh, mein Sohn, sei in Dir stolz und gegen die Welt bescheiden, Du bist mehr, Du hast mehr als alle Adlige dieses Landes, vielleicht mehr als der Fürst selbst. So, mein Kind, so – diese Minute macht mich glücklich – sehr glücklich. Wenn ich sterbe, Du weißt schon – Du weißt jetzt Alles. So, jetzt geh. Komm, laß Dich noch einmal küssen. So, jetzt geh.« Roland konnte kein Wort vorbringen, er ging. Er kam zur Mutter. Frau Ceres wandelte schön gekleidet im großen Saale auf und ab, sie nickte Roland vornehm zu und sah ihn lange still an; endlich sagte sie: »Wie grüßt man mich? Sagt man bloß guten Morgen, Mama? Man sagt: guten Morgen Frau Mama; guten Morgen, Frau Baronin, Sie sind sehr gnädig, Frau Baronin – ich empfehle mich Ihnen zu Gnaden, Frau Baronin – Sie sehen vortrefflich aus, Frau Baronin.« Roland überrieselte ein Angstschauer, es war ihm, als wäre seine Mutter irrsinnig geworden. Aber jetzt stand sie vor einem Spiegel und sagte: »Dein Vater hat Recht – sehr Recht, wir sind Alle heute erst geboren, neu in die Welt gekommen, und wir sind Alle schön. Küsse Deine Mutter, Deine gnädige Frau Mutter.« Sie küßte Roland heftig. »Wo ist denn Manna?« fragte Roland. »Sie ist närrisch, sie ist im Kloster verdorben und will von Allem nichts wissen; sie hat sich in ihr Zimmer eingeschlossen und läßt Niemand vor sich. Versuche Du, ob Du mit ihr reden kannst, und mache, daß sie auch gescheidt wird. Wir müssen jetzt Alle sehr gescheidt sein. Die Professorin hat mir immer gesagt, ich sei gescheidt, ja, jetzt will ich gescheidt sein; ich will es zeigen. Die dicke Frau von Endlich und die stolze Gräfin Wolfsgarten . . . wir werden auch noch Graf . . . sie sollen bersten vor Zorn! Geh, liebes Kind, geh zu Deiner Schwester, hol sie her, wir wollen uns dann zusammen freuen und uns schön ankleiden, und morgen reisest Du mit Deinem Vater und Herrn von Prancken nach der Residenz.« Roland ging nach dem Zimmer Manna's, er klopfte und rief; sie antwortete endlich, in einer Stunde werde sie ihn sehen, jetzt müsse man sie noch allein lassen. Als Roland nach seinem Zimmer ging, begegnete ihm Prancken; er umarmte ihn innig, er nannte ihn Bruder und begleitete ihn unter Glückwünschen auf sein Zimmer. Hier lag die Uniform, die für Roland bestellt war. Prancken beredete ihn, dieselbe sofort anzuziehen; Roland wollte es nicht thun, da er sein Examen noch nicht bestanden habe. »Pah!« lachte Prancken. »Examen! Das ist ein Schreckschuß für bürgerliche arme Teufel. Junger Freund! Jetzt sind Sie Baron und haben damit den besten Theil des Examens bestanden; was noch kommt, ist nur Form.« Es bedurfte keiner großen Ueberredung, um Roland zum Anlegen der Uniform zu bestimmen; Prancken half ihm. Die Uniform stand Roland vortrefflich, er erschien geschmeidig und kräftig zugleich, er hatte breite Schultern und die Biegsamkeit seiner Gestalt entbehrte nicht der Muskelkraft des Mannes. »Eigentlich wäre ich lieber in die Marine eingetreten,« sagte er, »aber die ist nicht da.« Von Prancken begleitet, ging er nochmals nach dem Zimmer Manna's und rief, sie solle ihn doch in seiner Uniform sehen, Manna gab gar keine Antwort. Prancken begleitete ihn nun zum Vater und Beide führten ihn zur Mutter; sie war entzückt bei seinem Anblick. Roland zeigte sich den Dienern und Alle glückwünschten ihm. Eben als er beim Castellan stand, der als alter Soldat militärisch begrüßte, kam Erich daher. Er erkannte Roland erst als dieser ihn anredete. Die Wange Rolands glühte und er rief laut: »Ach, wenn ich Dir nur Alles sagen könnte, Erich! Ich bin wie berauscht, wie verwandelt.« Er ging mit Erich nach seinem Zimmer und wollte immer wissen, ob dieser auch so glücklich gewesen, als er das erste Mal die Uniform angezogen. Erich konnte nichts erwidern; er gedachte, wie es ihm war, da er zum ersten Mal die Uniform anzog, noch mehr aber, als er sie zum letzten Mal auszog. Der Doctor hatte einmal gesagt, Roland habe sich noch nie mit einem neuen Kleide gefreut; jetzt war er voll Wonne über den bunten Soldatenrock; alle Ideale schienen verschwunden oder doch in diesem Rock sich zu concentriren. Erich betrachtete ihn mit schweren Blicken. Wie wird Dein armes Herz unter diesem bunten Gewande erzittern, wenn . . . Erich wurde abgerufen, er solle sofort zu Herrn Sonnenkamp kommen. Siebentes Capitel. Als schwankte der Boden unter ihm, als bewegte sich Alles hin und her, wie im Traum ging Erich über den Hof, die Freitreppe hinan; im Vorzimmer faßte er sich. Jetzt ist der entscheidende Augenblick. Er trat ein; er wagte kaum, Sonnenkamp anzusehen, er empfand einen Abscheu gegen jedes Wort, das der Mann zu ihm sprechen würde, denn jeder Gedanke, den ihm Sonnenkamp aussprach, ja, was er ehedem mit seinen Gedanken berührt hatte, erschien ihm verunreinigt. Als er aber jetzt den Blick aufschlug, schien sich Sonnenkamp verwandelt zu haben, als hätte er seine mächtige Gestalt durch einen Zauber verkleinert. Er sah so bescheiden, so demüthig, so kindlich lächelnd drein. In gleichgültigem Tone berichtete er, daß die fürstliche Gnade ihm den Adel verliehen habe und das Diplom desselben höchst eigenhändig übergeben wolle. Erich athmete noch immer schwer und konnte kein Wort hervorbringen. »Sie sind erstaunt?« fragte Sonnenkamp. »Ich weiß, der jüdische Banquier ist abgewiesen worden und ich glaube sogar – die Herren sind sehr pfiffig – ich glaube sogar – doch das ja ist jetzt gleichgültig . . . Jeder handelt nach seiner Weise. Ich weiß auch, daß ein gewisser Doctor Fritz bei dem Menschenfreunde, Herrn Weidmann, war, der über einen Mann, dem ich unglücklicher Weise ähnlich sehe, mancherlei Ehrenrühriges gesagt hat – nicht wahr? Ich sehe das Ihren Mienen an. Ich hoffe, daß Sie doch nicht – nein, seien Sie ruhig. Mein lieber, werther Freund, freuen Sie sich mit mir und für unsern Roland.« Erich schaute freier auf. Gewiß ist hier ein Irrthum, denn so zuversichtlich könnte der Mann nicht sein, wenn er etwas zu fürchten hätte. Sonnenkamp fuhr fort: »Sie und die Ihrigen bleiben uns Freund.« Er reichte ihm die Hand; jetzt durchzuckte es Erich wieder. Der Ring am Daumen – ist das auch eine Verwechslung, eine Täuschung? Sonnenkamp mochte etwas fühlen; er zog die dargereichte Hand schnell zurück, wie wenn ein wildes Thier die Tatze danach ausgestreckt hätte. Mit großer Fassung sagte er: »Ich weiß, Sie sind ein Gegner der Adelserhebung.« »Nein, mehr – ich wollte noch mehr und Anderes sagen,« warf Erich ein; aber mit Heftigkeit unterbrach ihn Sonnenkamp: »Wenn ich aber jetzt nicht mehr und nichts Anderes wissen will –« Schnell wechselnd fuhr er dann mit innigem Tone fort, daß Erich nur noch das Letzte thun solle, indem er Roland zur würdigen Erfassung seiner neuen Stellung und seines Namens anleite und befestige. »Sehr schön wäre es, wenn Sie die Professur annähmen; ich würde dann Roland, bis wir selbst in die Stadt ziehen, und vielleicht dann noch, mit Ihnen eine gemeinschaftliche Wohnung beziehen lassen, Sie blieben sein Freund und Führer.« Erich blieb schweigsam, er war mit Mahnungen, mit schweren Besorgnissen gekommen, nun war die Sache vollendet, nun ließ sich nichts mehr thun, ja durch das Bekenntniß Sonnenkamps, daß er mit Herrn Banfield verwechselt werde, schien jeder Einwurf beseitigt. »Haben Sie Ihre Frau Mutter schon gesprochen?« fragte Sonnenkamp. »Nein.« »Sie hat mir leider sagen lassen, daß sie etwas unwohl sei und an unserer Freude nicht theilnehmen könne.« Erich eilte zu seiner Mutter. Noch nie hatte er sie kränkelnd gesehen, jetzt lag sie matt auf dem Sopha. Sie richtete sich auf und sprach ihre Freude aus, daß er so schnell auf ihren Brief zurückgekommen sei. Erich wußte nichts von einem Brief und auch er hörte jetzt, daß Sonnenkamp einen Boten geschickt und die Mutter ebenfalls einen Brief mitgegeben hatte. Die Mutter fieberte und sagte, sie fürchte eine schwere Krankheit, es sei ihr immer, als ob das Haus, in dem sie wohne, auf Wellen schwimme, immer weiter und weiter dem Meere zu; sie müsse sich gewaltsam wach halten; denn so wie sie die Augen schließe, käme diese Vorstellung immer beängstigender wieder. »Wenn Du da bist, wird schon wieder Alles gut. Es war mir so bang, da ich hier auf dieser verkehrten Welt so allein war.« Erich sah, daß es unmöglich war, seiner Mutter etwas von dem anzudeuten, was er bei Weidmann erfahren. Die Mutter klagte: »Ach, ich wünsche, daß es Dir nicht so gehe wie mir. Je älter ich werde, desto räthselhafter und verwirrter sind mir manche Dinge. Ihr Männer seid glücklicher, Euch plagt das Einzelne nicht so sehr, weil Ihr das Ganze seht.« Sie betrachtete ihren Sohn mit trübem Blick, sie hätte ihm gern das Entsetzliche mitgetheilt. Aber wozu ihn belasten, da er doch nichts leisten kann? Erich berichtete von dem Leben auf Mattenheim und wie ihm das Glück geworden, auch da einen Freund zu gewinnen. In der Art, wie er das thätige Getriebe des Hauses darstellte, war etwas, als ob er eine frische Luftströmung in die Stube bringe, und die Mutter sagte: »Ja, man vergißt in Wirrnissen, daß es noch schöne harmonische Existenzen gibt.« Sie kehrte aber wieder zur Klage zurück und bejammerte die Lebenskämpfe, die einem Mädchen wie Manna beschieden seien. Und eben als sie ihren Namen nannte, kam ein Bote von Manna mit der Bitte, daß die Professorin zu ihr kommen möge. Erich wollte dem Boten erwidern, daß seine Mutter unwohl sei, Fräulein Manna möge doch die Güte haben, hierher zu kommen; aber die Mutter richtete sich rasch auf und sagte: »Nein, sie braucht meine Hülfe, ich muß gesund sein und ich bin gesund. Es ist gut, daß mich meine Pflicht von dieser kränklichen Nachgiebigkeit erlöst.« »Ich komme,« rief sie dem Boten zu: Sie kleidete sich schnell um und ging mit ihrem Sohn nach der Villa. Achtes Capitel. An der Thüre Manna's nannte die Professorin ihren Namen. Manna öffnete; blutlosen Antlitzes und matt reichte sie die Hand. »Ich habe mit mir allein gerungen,« sagte sie; »ich kann den Ausweg nicht finden; Ihnen sage ich Alles.« Nun erzählte sie, wie sie in anbetender Verehrung gegen ihren Vater aufgewachsen, oft schmerzlich beklagt habe, daß die Mutter so herb und gehässig gegen ihn sei; aber einmal – sie habe nie erfahren, was vorausgegangen – habe die Mutter im Beisein des Vaters gesagt . . . Mit thränenerstickter Stimme sprach nun auch Manna das Wort. Die Professorin saß da und hielt die Hände im Schooß und schloß die Augen. Manna erzählte weiter, wie sie zuerst nicht begriffen, was das sei, aber allmälig sei es ihr aufgegangen; Alles habe sie angeekelt, jede Speise, jedes Gewand . . . Von solchem Erwerbniß sich Bequemlichkeit, Lust und Glanz des Lebens verschaffen? Ein Grausen verfolgte sie überall, das Dasein ward ihr zur unerträglichen Last. Eine einzige Rettung that sich auf. Sie ging ins Kloster. Auf dem Wege dahin sei ihr immer der Gedanke nachgegangen: wie einst Iphigenie geopfert worden zur Sühne, so wollte sie sich frei und heilig opfern und alle Schuld der Ihrigen tilgen. »Mir war es damals, als ob sich etwas in mir gespalten, als ob eine Ader in meinem Herzen gerissen wäre,« schloß Manna. Nach einer längeren Pause fuhr sie fort, wie sie nicht begreife, was ihr Vater thue, und sie – sie selbst solle eine Adlige werden, die ebenbürtige Braut Pranckens. Sie habe Prancken geehrt und geachtet; er sei ein Weltmann, aber dabei von tief edlem, religiösem Gefühl. Laut schluchzend warf sie sich an den Hals der Professorin und rief: »Ich kann nicht! Ich kann nicht sein Weib werden! Ach, ich bin zu schwach. Man hat es mir gesagt, ich werde schwere Kämpfe durchmachen müssen; aber das habe ich doch nie geglaubt, nie geahnt. Nein, gewiß nicht.« »Was denn noch?« fragte die Mutter. Manna bedeckte sich das Gesicht mit beiden Händen, dann warf sie sich der Mutter an den Hals und weinte. Diese drängte, daß sie das Weitere bekenne, aber Manna blieb stumm; endlich sagte sie die Worte: »Nein, das nehme ich mit mir ins Grab, das ist mein allein.« Die Professorin sprach ihr Trost und Ruhe ein und fragte, ob sie das, was sie jetzt bekenne, nie in der Beichte bekannt habe. Manna warf sich vor der Professorin auf die Kniee und beschwor sie, Niemand zu sagen, was sie von ihrem Vater erzählt. Sie schnellte aber wie von einer Schlange gebissen empor, als die Professorin erklärte, daß sie Alles längst wisse; sie habe es schwer getragen, aber es sei die Pflicht derer, die sich schuldlos fühlen, sich demjenigen nicht zu entziehen, der eine traurige Vergangenheit tilgen wolle. Ein Zucken ging durch die Mienen Manna's. »Wer weiß es noch? Wer? Sagen Sie es mir!« »Wozu das, mein Kind? Was quälst Du Deine Seele, daß sie zerknirscht, bettelnd, Verzeihung erflehend von Haus zu Haus, von Mensch zu Mensch wandert?« »Mein Gebet, mein Opfer ist verworfen, verworfen ich, verworfen wir Alle. Es sollte in mir allein leben, in mir, in meinem zerknirschten, zerschlagenen Herzen. Ich bin frei . . frei!« »Die Art, wie Du lächelst, macht mich bang,« sagte die Professorin, die das Mienenspiel Manna's scharf beobachtete. »Ach, ich habe mit meinem Bruder nur Einmal über Sklaverei gesprochen,« klagte Manna, »und es ergriff mich, als wenn ich plötzlich in den Abgrund geschleudert würde, da er sagte: Geschöpfe, die man in die Kirche aufgenommen hat, sind uns gleich. Er hat Recht. Wer in die Halle der Gotteserkenntniß eintritt, ist ein freies Kind Gottes. Mich schauderte, da ich dachte: wie ist es möglich, daß man in der Kirche betet und hat neben sich, abgeschieden durch einen Zaun, Menschen, die Sklaven sind? Ist da nicht jedes Wort des Gebetes, die Andacht, das Opfer eine Lüge? Wie kann ein Geistlicher das Kind eines Mannes, wie konnte er uns in die Kirche aufnehmen, da unser Vater doch –« Manna deutete mit der Hand auf das Herz; es preßte sie, sie konnte nicht weiter sprechen. Die Professorin beruhigte sie. »Mein Kind,« sagte sie, »wirf keinen Stein auf diejenigen, die nicht Alles leisten und ausgleichen, was von Sünde in der Welt ist. Das Heiligthum ist groß, wenn auch Verkehrtheit, Lässigkeit und Nachgiebigkeit sich darin eingenistet.« Aus tiefstem Herzen suchte die Professorin dahin zu wirken, daß Manna ihren Halt in der Religion nicht verliere; sie sprach mit Begeisterung von denen, die ihr Dasein dem Höchsten widmen, rastlos wirken und schaffen, wenn es ihnen auch nicht gegeben ist, die Erde zu einer Wohnstätte der Liebe und Tugend umzugestalten. Staunend sah Manna auf die Frau, die ihr so zuredete; sie wollte fragen: Sind Sie denn nicht eine Protestantin? Aber sie hielt die Worte zurück, denn hier, jetzt, erschienen ihr alle Unterschiede der Glaubensform verwischt; sie sah nichts als ein mildes, ein tragendes und zum Guten auslegendes Herz. Jetzt fühlte sie sich ganz und voll der edlen Frau hingegeben; sie warf sich in ihre Arme, mit Thränen in den Augen küßte sie ihr die Wangen, die Stirn und die Hände und bat, ihr die Hände aufs Haupt zu legen und sie zu halten, daß sie nicht vor Jammer vergehe. Still an einander geschmiegt saßen die beiden Frauen, da klopfte es an die Thür. Sonnenkamp rief, daß er seine Tochter sprechen müsse. »Du mußt ihn sprechen,« sagte die Professorin. Manna erhob sich und schob den Riegel an der Thür zurück. Sonnenkamp trat ein. »Es freut mich, daß Sie wieder wohl sind,« sagte er mit heller Stimme zur Professorin. Er ahnte nicht, mit welchem Blicke ihn die Professorin und sein Kind ansahen. »Ich danke Ihnen,« fuhr er fort und sagte, daß er mit Manna allein sprechen wolle. Manna bat, der Vater möge erlauben, daß die Professorin bei der Besprechung anwesend sei; sie habe keinerlei Hehl vor der edlen Frau. Sonnenkamp war betroffen. Wäre es möglich? Nein, das kann nicht sein, sein eigenes Kind kann ihn nicht verrathen haben. Oder will sie einen Zeugen, einen Schutz? . . . Das Kind vor dem Vater? Die Professorin erhob sich, um zu gehen, und Sonnenkamp sagte ihr nur noch in herzlichem Ton, er bitte sie, seiner Frau Gesellschaft zu leisten und ihr während seiner Abwesenheit alle Anleitung und Rücksicht zuzuwenden. Die Professorin ging. Manna sah den Vater starren, umflorten Blickes an. Sonnenkamp schien nach dem Worte zu ringen. Er wartete, daß Manna zuerst spreche; da sie aber schwieg, sagte er, daß sie gewiß das giftige Wort, das ihre Mutter gegen ihn erfunden, längst vergessen habe; sie möge nun zur Mutter gehen, die ihr bestätigen werde, daß sie jenes Wort nur aus Bosheit hervorgestoßen. Manna nickte schweigend, und nun sprach Sonnenkamp von der Verlobung mit Prancken, wobei er sich rühmte, daß er seinem Kinde nie einen Zwang auferlegt. Manna beschwor ihn, jetzt keine Entscheidung von ihr zu verlangen. »Gut, so sollst Du erst bei unserer Rückkehr Dich entscheiden, aber versprich mir, freundlich gegen ihn zu sein.« Das konnte Manna versprechen, und Sonnenkamp lächelte vor sich hin; er hält Prancken noch in der Schwebe, bis Alles abgethan ist; tritt ein Unvermeidliches ein, so ist's nicht zu ändern. »Du bist nun ein Freifräulein,« sagte er gewaltsam lächelnd zu seinem Kinde; »Du sollst in Allem frei sein, nur heute noch laß Alles in der Schwebe. Ich kann nicht unehrlich sein.« Er hatte eigentlich sagen wollen, daß er sich nichts daraus mache, Prancken zu betrügen, aber er setzte hinzu, daß es viel schicklicher sei, Einwilligung oder Versagung zu geben, wenn man geraume Zeit im Besitze der Standeswürde sei. Und so schied er mit freundlichen Worten von seinem Kinde. Sonnenkamp wußte, daß sein Wagniß noch nicht gelungen ist, aber jetzt ist nicht mehr Zeit zum Innehalten. Er war überzeugt, daß Prancken Alles von ihm wußte, und wenn es zu Tage kam, vor der Welt den Getäuschten spielen wird; aber er hat gute Art genug, von Manna nicht zu lassen, die vornehme Sippschaft wird schon Alles vertuschen, und Geld wirkt überall, und Roland ist gesichert. Wenn aber doch Alles zusammenbricht, dann läßt er Frau und Kinder zurück und zieht wieder allein nach Amerika. Sonnenkamp war in der Verfassung, in der er Alles zu beherrschen und zu klären glaubte und doch wie von einer dämonischen Gewalt fortgetrieben wurde. Am Mittag war große Heiterkeit auf der Villa, denn der Fähnrich mit mehreren Kameraden war gekommen; sie ritten mit Roland aus, er war als guter Kamerad aufgenommen. Auf den Wunsch Pranckens reiste man noch am Abend nach der Residenz ab. Neuntes Capitel. Am Gesindetisch im Erdgeschoß war eine große Lücke. Der obere Platz, den Bertram einnahm, war leer, auch Joseph und Lutz fehlten, denn sie waren mit nach der Residenz gereist. Die Männer und Frauen am Tische flüsterten leise, endlich sagte der Obergärtner, die Sache sei kein Geheimniß mehr; er behauptete, schon damals, als die Fürstlichkeiten zum Besuche gewesen, es gesehen zu haben. Mit einer Art Herablassung, die deutlich erkennen ließ, wie er bedauere, seine Bildung vor diesen Menschen bekunden zu müssen, gab er seine Worte, denn diese Leute konnten doch nicht würdigen, was er zu sagen hat; Joseph allein, wenn er da wäre, hätte ihm das entsprechende Lob dafür ertheilen können. Die übrige Dienerschaft aber hatte einen Widerwillen gegen den vornehm und gelehrt thuenden Obergärtner. Niemand antwortete ihm. Die dicke Köchin, die sich selten zu Tische setzte, denn sie behauptete, sie esse eigentlich gar nichts, wagte es nun, den Platz Bertrams so einzunehmen, daß sie jeden Augenblick aufstehen konnte. Sie sagte, sie habe ihr Lebenlang nur bei adligen Herrschaften gedient und jetzt sei es wieder so. Nun war das Wort heraus, Allen schien eine Last von der Seele genommen, da man frei davon sprechen durfte. Der zweite Kutscher stülpte die Batten an seiner langen Weste etwas auf und betrachtete sie mit forschendem Blick. »Da kommen nun auch Wappenknöpfe hin,« sagte er endlich; »und unsere Wagen werden neu lackirt, auf dem Kutschenschlag wird ein feines Wappen angebracht.« Ein Reitknecht freute sich, daß aus den Pferdedecken über dem Namen eine siebenzinkige Krone allen Menschen in die Augen stechen würde. Die Weißzeugschließerin jammerte über die große Mühe, die man haben werde, alle Wäsche neu zu sticken; die Silbermamsell dagegen freute sich, daß sie neue Löffel und Gabeln bekäme, denn jetzt werde Alles umgeschmolzen, um neu gravirt zu werden. »Und die Hundehalsbänder werden auch neu gemacht,« rief eine kreischende Stimme. Alle lachten über den Hundejungen, der blöde grinsend drein schaute, weil er etwas so Lustiges gesagt hatte. Die alte Ursel, die beharrlich auf ihrem Schemel saß und ihren Teller auf dem Schooß hielt, rief der zweiten Köchin zu: »Nun gibt's auch bald eine Frau Lutz. Jetzt wird der Herr das Heiraten erlauben.« »Hat er es denn Dir erlaubt?« »Gottlob, daß ich's nicht mehr nöthig habe. Aber jetzt bleibt er für ewige Zeiten da und geht nicht mehr fort. Jetzt könnt Ihr alle heiraten.« Der zweite Gärtner, das sogenannte Eichhörnchen, erklärte mit Salbung: »Ich will nichts gesagt haben, aber wenn ich ein so reicher Mann wäre, ich hätte mich nicht adeln lassen; nein, ich wäre lieber der reichste Bürger rheinauf und rheinab, als der neueste Adlige. Ich thät's den Adligen nicht zu Gefallen. Wenn man Geld hat, ist man adlig genug.« Alle höhnten den Vorwitzigen. Nur der Obergärtner sah ihn gönnerisch nickend an; seine Mienen sagten: ich hätte dem Einfältigen solch einen Gedanken nie zugetraut. Man sprach nun hin und her, welche Livreen der Herr anschaffen werde und ob er vor seinem alten Namen ein von bekommen oder einen ganz neuen Namen erhalten werde. Endlich ging das Gespräch auf die Verlobung Pranckens über. Die Weißzeugschließerin vertraute auch der dicken Köchin, daß der Kammerdiener Joseph – sie habe es während des ganzen Winters bemerkt – eine Liebschaft mit der Tochter des Victoriawirths habe. Die Unterredung im Erdgeschoß wurde unterbrochen, als eine Stimme von oben kam mit der Botschaft, es solle noch einmal angespannt werden, denn die gnädige Frau wolle ausfahren . . . »Ja – er hat's gut, er reist, er zerstreut sich und mich läßt er hier allein! Was soll ich nun anfangen?« So klagte Frau Ceres gegen Fräulein Perini, als Sonnenkamp, Prancken und Roland abgereist waren. Mit der Hast und Unruhe einer Fieberkranken ging sie im Zimmer auf und ab und fragte Fräulein Perini, was sie thun solle. Diese ermahnte sie, sich ruhig zu verhalten, sich zu ihr zu setzen und am andern Ende ihrer Stickerei den Grund auszufüllen. »Ja,« rief Frau Ceres plötzlich, »jetzt hab' ich's. Ich will ihm auch eine Freude machen, ich sticke ein Sophakissen mit unserm Wappen. Und noch etwas! Ich habe auch gesehen, daß man mit Wappen gestickte Betschemel in der Kirche hat; das wollen wir auch haben.« Fräulein Perini stimmte bei. »Noch eins!« sagte sie. »So? Sie wissen noch etwas?« rief Frau Ceres. »Ja, es wird Ihrem frommen Sinne gut anstehen, Sie haben es gewiß schon gedacht, nur wieder vergessen.« »Was? Was habe ich vergessen?« »Sie wollten, wenn die Ehre erreicht ist, sofort eine Altardecke sticken.« »Ja, das wollen wir. Hab' ich das einmal gesagt? Ach, ich vergesse Alles. Ach, liebe Madame, bleiben Sie nur immer bei mir, mahnen Sie mich nur immer an Alles. Haben Sie großen Stramin? Wir wollen jetzt gleich anfangen.« Fräulein Perini hatte immer Alles bereit, Seide, Wolle, Goldfäden und Silberfäden, Stramin und Muster. Frau Ceres machte in der That einige Stiche, dann aber sagte sie: »Ich zittere heute, aber angefangen habe ich doch die Decke und nun arbeiten wir immer daran. Nicht wahr, Sie helfen mir?« Fräulein Perini bejahte, sie wußte, daß sie die ganze Altardecke fertig machen mußte, aber Frau Ceres war nun doch etwas ruhiger geworden. »Wollen Sie mir nicht den Pfarrer rufen lassen, oder wollen wir ihn nicht besuchen?« »Wie Sie befehlen.« »Nein, es ist besser, wir bleiben allein. Wo nur Manna ist? Sie soll kommen, sie soll bei ihrer Mutter sein.« Sie klingelte und schickte nach Manna; sie erhielt die Antwort, daß sie sich bereits zur Ruhe begeben, sie bäte die Mutter um Entschuldigung, aber sie sei so müde. »Wo nur die Professorin bleibt? Wäre es nicht ihre Schuldigkeit, zu mir zu kommen und mir zu gratuliren?« »Sie scheint wieder gesund, sie war bei Fräulein Manna und ging wieder heim,« entgegnete Fräulein Perini. »Sie war im Hause und ist nicht zu mir gekommen?« rief Frau Ceres. »Sie soll sogleich kommen – augenblicklich. Schicken Sie nach ihr, sie soll sogleich kommen!« Fräulein Perini mußte willfahren. »Seien Sie recht ruhig, Frau Baronin,« ermahnte sie. »Frau Baronin! Die Professorin wird mich hoffentlich doch auch so nennen?« »Gewiß, sie hat sehr viel Anstand.« Wieder ging Frau Ceres unruhevoll im Zimmer auf und ab. Vor dem großen Spiegel stand sie manchmal still und machte eine Verbeugung; sie legte die Linke aufs Herz, die Rechte hing schlaff herab, und sie verbeugte sich tief. An dem Spiegel waren zu beiden Seiten vierarmige Leuchter angezündet und manchmal griff sich Frau Ceres an ihren Oberkopf. »Er hat mir ein siebenzinkiges Diadem versprochen; es wird mir gut stehen, nicht wahr?« Sie verbeugte sich nochmals vor dem Spiegel und hatte ein überaus holdseliges Lächeln. Fräulein Perini hörte draußen die Ankunft der Professorin, sie ging ihr entgegen und bat, Frau Ceres recht schonend und nachsichtig zu behandeln und sie ja nur immer Frau Baronin zu nennen. »Warum haben Sie mir sagen lassen, daß sie krank ist, und mich darum noch in der Nacht rufen lassen?« »Entschuldigen Sie, Sie wissen, es gibt Kranke, die nicht zu Bett liegen.« Die Professorin verstand. Als sie eintrat, rief Frau Ceres, immer noch mit dem Gesicht zum Spiegel gewendet: »Ah, schön! Schön, daß Sie kommen, liebe Professorin – sehr freundlich – sehr dankenswerth – ich bin Ihnen auch gut.« Jetzt erst wendete sie sich um und reichte der Angekommenen die Hand. Die Professorin glückwünschte nicht und nannte sie nicht Frau Baronin. Frau Ceres wollte nun wissen, was ihr Mann – sie corrigirte sich aber schnell und sagte: »Nicht wahr, man sagt immer Gemal?« – also, was ihr Gemal in der Stadt zu thun habe, ob er Ritterprobe bestehen müsse und ob er vor dem versammelten Volke den Ritterschlag erhalte. Die Professorin entgegnete, daß Derartiges nicht mehr geschehe; es werde ihm einfach ein pergamentenes Diplom überreicht. »Pergament – Pergament?« wiederholte Frau Ceres vor sich hin. »Was ist Pergament?« »Das ist eine gegerbte Haut,« erklärte die Professorin. »Ah, ein Skalp – ein Skalp. Ich verstehe. Da drauf . . . Wird das Diplom auch mit Dinte geschrieben, wie Anderes, was man schreibt?« Sie starrte lange vor sich hin; dann zuerst die Augen schließend und wieder öffnend, bat sie die Professorin, sich eines ihrer schönsten Kleider auszuwählen; stolz und erschreckt erhob sich diese, aber sie setzte sich rasch wieder und sagte, sie erkenne die Freundlichkeit der Frau Sonnenkamp, sie trage aber keine so schönen Kleider mehr. »Frau Sonnenkamp trägt auch keine mehr. Frau Sonnenkamp – Frau Sonnenkamp!« wiederholte Frau Ceres. Sie wollte der Professorin zu Gemüthe führen, daß sie sie nicht Frau Baronin genannt habe. »Haben Sie schon einmal die Adelserhebung eines Amerikaners erlebt?« fragte sie plötzlich. Die Professorin verneinte. Als nun erwähnt wurde, daß Herr Sonnenkamp den Namen Baron von Lichtenburg, nach der Burg, die man neu erbaue, erhalten werde, rief Frau Ceres: »Ah, das ist's! Das ist's! Jetzt weiß ich's. Noch heut Abend, jetzt gleich will ich die Burg besuchen – unsere Burg! Dann werde ich gut schlafen. Sie Beide begleiten mich.« Sie klingelte, daß man sofort anspanne; die beiden Frauen sahen einander erschreckt an. Was soll daraus werden? Wer weiß, ob nicht unterwegs in dieser Aufregung eine plötzliche Verwirrung, ein Wahnwitz ausbricht. Die Professorin sagte Frau Ceres, es wäre viel schöner, morgen am Tage die Burg zu besuchen; wenn man es noch heut in der Nacht thäte, würde das in der ganzen Gegend Aufsehen erregen. »Warum? Gibt es vielleicht eine Sage von unserer Burg?« Es gab wol eine solche, aber die Professorin hütete sich, sie jetzt zu erzählen; sie war indeß bereit, mit Frau Ceres eine Stunde in der milden Nacht auf der Landstraße spazieren zu fahren; sie hoffte, daß sie das beruhigen werde. Und so fuhren die drei Frauen durch die linde Nacht mit einander dahin. Die Professorin hatte angeordnet, daß nicht nur neben dem Kutscher ein Bedienter, sondern auch ein anderer auf dem Rücksitz saß; sie wollte für alle Vorkommnisse Hilfe haben. Eine solche aber war nicht nöthig, denn als Frau Ceres im Wagen saß, war sie ruhig, ja, sie begann von ihrer Kindheit zu erzählen. Sie war früh verwaist, die Tochter eines Capitäns auf einem der Schiffe Sonnenkamps, das weite, sehr gefährliche Fahrten gemacht habe. Nach dem Tode der Eltern habe Herr Sonnenkamp sie ganz in seine Obhut genommen und sie einsam, nur von einer alten Dienerin und einem Diener bewacht, aufwachsen lassen. »Er hat mich nichts lernen lassen, gar nichts,« klagte sie wieder; »er hat mir gesagt: so wie Du bist, ist es am besten. Ich war noch nicht fünfzehn Jahre alt, als er mich heiratete.« Sie weinte; dann aber wieder in die Hände schlagend, rief sie: »Nun ist Alles gut – nicht wahr, es ist Alles gut?« Sie reichte der Professorin und Fräulein Perini die Hände. »Glauben Sie,« wendete sie sich zur Professorin geheimnißvoll, »glauben Sie, daß unser Adelstand nun ganz sicher und gewiß ist?« »Nachdem das Decret ausgefertigt, scheint Alles fest, aber Niemand kann sagen, daß etwas fest sei, bevor es geschehen; es können im letzten Momente noch Zufälle eintreten.« »Welche Zufälle? Was meinen Sie? Welche? Was wissen Sie? Sagen Sie mir Alles!« Die Professorin war in tiefer Verlegenheit, aber Fräulein Perini half ihr, indem sie die »Frau Baronin« bat, sich nicht gewaltsam in Aufregung zu bringen; sie erzählte von dem Palais, das Herr Sonnenkamp in der Residenz baue, und Frau Ceres ließ sich ablenken, zumal da Fräulein Perini zwischen jeden Satz die Anrede »Frau Baronin« einschob. Frau Ceres legte sich in die Ecke zurück; sie schlief ein wie ein Kind, das sich ausgetobt und ausgeweint. Fräulein Perini bat dringend, die Professorin möge Frau Ceres doch Baronin nennen, wenn sie wieder aufwache. Sie ließ den Wagen wenden, man fuhr zurück nach der Villa. Frau Ceres war kaum zu erwecken; man brachte sie zu Bett. Sie dankte den Frauen innig, und glückselig lächelte sie, als die Professorin sagte: »Nun schlafen Sie gut, Frau Baronin.« Zehntes Capitel. Erich wanderte hinaus in die Landschaft; er glaubte, er müsse zu einem Freund, zu einem Menschen, an dessen Brust er sein schweres Haupt legen könnte. Er wollte zu Clodwig, zum Doctor, aber sie konnten das Unabwendbare nicht ändern, und er darf seine Mutter, das Haus nicht verlassen, er darf nicht an sich selbst denken. So wandelte er wie ein irrender Schatten durch die Nacht. Er sah den Wagen, darin die Frauen saßen, des Weges daher kommen, er verbarg sich schnell hinter einer Hecke, er begriff nicht, was das sein soll; er hatte seine Mutter, Frau Ceres und Fräulein Perini erkannt. Wohin eilen sie? Er stand lange; da kehrte der Wagen wieder um und auch er kehrte heim. Lange saß er am Wiesenweg auf einer Bank vor dem grünen Hause; er sah das Licht löschen; endlich ging er nach der Villa. Am Fenster Manna's, wo kein Licht brannte, schien es ihm, daß Manna herausschaute und eine weiße Hand sich aus dem Fenster streckte; er ging schnell vorüber. Mit stummer Lippe wandelte er in seinem Zimmer auf und ab; es war ihm so ungewohnt, daß er nicht noch mit Roland sprechen sollte, wie allabendlich bis jetzt. Er wollte in einem Buche Befreiung vom eigenen Denken suchen, aber die Hand, die nach dem Buche greifen wollte, machte eine abwehrende Bewegung. Hin und her dachte Erich, was aus ihm werden solle; er fand es nicht und tröstete sich, daß der morgende Tag schon seine Aufgabe stellen würde. Als er erwachte, war sein erster Gedanke: wie ist Roland erwacht. Ob er wol jetzt sich zu mir sehnt, wie ich zu ihm? Jetzt nicht, jetzt faßt ihn der Strudel des Lebens; aber es werden Zeiten kommen, wo er sich nach mir wendet, und ich will bereit sein. Er hörte die Kirchenglocken läuten und verließ das Haus; er wollte zu seiner Mutter, aber er fühlte sich nicht gefaßt genug, sie jetzt schon zu begrüßen; die Erinnerung an das, was Weidmann ihm mitgetheilt, lebte in ihm auf, als hörte er es zum ersten Mal. Seine Wangen glühten, denn er dachte: Manna, Du sollst nie wissen, was in mir. – Er wanderte durch die Weinberge und mitten in aller Verlassenheit, allem Schmerz war es ihm plötzlich, als stünde er auf der Schwelle des Glücks, eines unnennbaren, von dem Niemand weiß, woher es kommen soll. Zurück in jene ersten Tage, da er von Wolfsgarten kommend hier eingetreten war, gingen seine Gedanken. Wie ist es möglich, daß man Alles wieder verläßt? Er saß am Wege auf einem Marksteine, da redete ihn eine Frauenstimme an. Er schaute verwundert auf; Fräulein Milch stand vor ihm, sie trug ein Gebetbuch in der Hand. Er grüßte sie und sagte, er habe nicht gewußt, daß sie Katholikin sei. »Ich bin es auch nicht, aber es gibt Zeiten, wo ich nicht allein beten kann, ich muß in ein anderes Haus, in eines, das dem Höchsten erbaut ist, ich muß mit Menschen da sein, die gleich mir Trost und Ruhe im Ewigen suchen, wenn sie den Ewigen auch anders anrufen, als ich. Ich bete nicht dasselbe wie die Anderen, aber ich bete doch mit ihnen.« Sie fragte nach der Mutter und bat, ihr zu sagen, daß sie jetzt nicht zu Besuch käme, weil sie zu stören fürchte; sie selber aber sei immer zu Hause zu finden. »Auch Sie, Herr Hauptmann, sollten zu uns kommen, wann es Ihnen genehm; wir haben nicht viel zu bieten, aber etwas ist bei uns immer zu haben, und das ist Ruhe.« Sie fragte, wie es Erich zu Muthe sei, da ihn Roland verlassen, und sie war die Erste, welcher Erich die ganze Sehnsucht nach dem Jüngling aussprach. »Roland ist mir mehr geworden, als mir mein verstorbener Bruder war,« rief er aus. Eben als er diese Worte mit bewegter Stimme aussprach, ging Manna mit Fräulein Perini vorüber. Sie grüßte die Beiden still und drückte ihr Gebetbuch fest gegen das Herz. »Ich möchte es ihr gönnen, daß sie eine glückliche Nonne wird, aber sie wird es nie,« sagte Fräulein Milch. »Natürlich, sie wird Frau von Prancken.« »Frau von Prancken? Das glaube ich nie.« »Ich begreife nicht.« »Denken Sie daran, Herr Hauptmann, daß ich Ihnen das heute gesagt. Ich verstehe mich ein wenig auf die Menschen. Ich habe von Baron Prancken kein anderes Wort gehört, als: Wo ist der Herr Major? Mich selber sprach er nie an, ich nehme es ihm auch nicht übel, aber ich kenne ihn doch.« Erich hatte keinen Grund, an die Vermuthung, die Fräulein Milch ausgesprochen, zu glauben, und doch glaubte er ihr. Er begleitete Fräulein Milch nach Hause. Der Major war nicht da, er war nach der Burg gegangen, denn da gab es noch viel zu thun, um in den nächsten Tagen die festliche Einweihung des Burgfrieds vornehmen zu können. Erich kehrte um und ging zu seiner Mutter. Elftes Capitel. »Sind Sie auch schwermüthig und gedankenvoll?« rief der Doctor dem Eintretenden entgegen. »Ich treffe hier eine Colonie von Bangenden. Was ist denn an dieser Geschichte so Schwermüthiges? Herr Sonnenkamp schafft sich ein neues Gewand, eine neue Equipage an. In alten Zeiten, ich erinnere mich ihrer noch, durfte ein Bürgerlicher nicht vierspännig fahren, und wenn er es wollte, mußten die Pferde hänfene Stränge haben. Herr Sonnenkamp schafft sich lederne Stränge an. Frau Ceres ist krank, Manna ist krank, die Professorin ist krank, der Herr Hauptmann sieht krank aus; nur Fräulein Perini und die Tante sind noch gesund in diesem Lazareth. Brausepulver! Brausepulver wird heut als Haus- und Feldgeschrei ausgegeben.« Der Doctor brachte einen frischen Ton, der wie ein über den Bergwäldern gewürzter Luftstrom die Dünste wegblies. Die Professorin konnte nicht sagen, warum sie so bang sei, Erich konnte es nicht sagen. Der Doctor nahm Erich mit nach der Villa, und eben als sie in den Hof eintraten, kam ein Telegramm an Erich. Es war von Sonnenkamp und enthielt den Auftrag, er möge Frau Ceres mittheilen, daß er in dieser Minute seine Auffahrt bei Hof halte. Der Doctor übernahm die Verantwortung, Frau Ceres diesen Bericht vorzuenthalten; sie sei ohnedies bis zum Wahnwitz aufgeregt, er habe ihr deßhalb ein Schlafmittel verordnet. Bei Tische erschien Fräulein Perini, Manna und Erich. Nach dem ersten Gericht wurde Fräulein Perini zu Frau Ceres gerufen; sie ging und kam nicht wieder. Manna und Erich saßen allein. »Sie waren heut auch in der Kirche?« fragte Manna. »Nein. Für mich klingt kein Glockenton durch die Luft. Ich erkenne aber vollkommen die Empfindung derer, denen dieser Klang ein Besonderes in der Seele wach ruft.« Manna schwieg und legte den Bissen, den sie eben zum Munde führen wollte, wieder auf den Teller. Ahnte sie, daß Erich mit Gewaltsamkeit den Zwiespalt zwischen ihnen offen legte und dadurch jede Annäherung unmöglich machen wollte? Lange saßen die Beiden stumm einander gegenüber. Erich glaubte, daß er zu scharf hervorgetreten sei, er hätte gern ein friedliches, beschwichtigendes Wort gegeben, er fand es nicht. Da begann Manna: »Sie wollen sich gottloser darstellen als Sie sind. Wer so mit lauterer Hingebung wie Sie einem Menschen sich gewidmet . . .« Sie brach plötzlich ab und fuhr hocherröthend fort: »Ach, mir fällt ein, wie ich Sie am ersten Tage verletzte . . .« Sie wollte hinzufügen: und jetzt versenke ich mich in Dein Denken und wollte Dir doch wehren, in das meinige einzudringen. Erich wollte erwidern, wie er dessen kaum mehr gedenke, wie er gar kein Zeitmaß habe für die Dauer ihres Zusammenseins, aber er brachte kein Wort hervor; er fühlte, daß es ihm nicht möglich ist, etwas zu sagen, ohne die ganze Uebermacht seiner Liebe hervorbrechen zu lassen. Und wieder begann Manna: »Sie hatten einen jüngeren Bruder, den Sie verloren haben? Ich habe Sie heut davon sprechen hören.« »Ja, er war im Alter Rolands, und eben heute mußte ich darüber denken, warum ich meinem leiblichen Bruder nicht so viel sein konnte, wie ich es unserm Roland gewesen.« »Gewesen? Sie sind es noch und werden es ihm bleiben.« »Gewiß. Aber was hilft das beste Denken, wenn man nicht mehr das tägliche Brod des Lebens mit einander bricht? Ich habe gewußt, daß diese Trennung eintreten wird, habe sie als nothwendig erkannt, und doch fühle ich erst jetzt lebhaft, wie lange Zeit, einzelne Abirrungen ungerechnet, ich nichts dachte, nichts empfand, nichts erlebte, was ich nicht sofort zu Roland in Beziehung brachte, ja nur für ihn erlebte. Jetzt ist diese ganze Seelenrichtung zerschnitten, abgelöst, der Halt- und Zielpunkt verändert. Ich fühle mich so heimatlos, so leer.« »Ich verstehe das vollkommen,« sagte Manna, da Erich eine Pause machte. Sie nippte von dem Wein, der vor ihr stand. Erich fuhr fort: »Ich habe einen dichterischen Freund, der Alles überaus ernst und schwer nimmt; er lebt mit ganzer Seele, rückhaltlos und ausschließlich, seinem Berufe. Er klagte mir einst, wie ausgehöhlt, wie abgelöst und verlassen er sich erscheine, wenn er ein Werk vollendet, das nun von ihm ausgeht in alle Welt, aber nicht mehr bei ihm bleiben will. Er hat sein Denken und Empfinden Tag und Nacht den Gestalten seiner Phantasie gewidmet, und nun sind sie ausgewandert übers Meer in eine andere Welt, nicht mehr für ihn da; er kann seine Gedanken nicht von ihnen zurückziehen und doch nichts mehr für sie, für ihre Reingestaltung, ihre Vervollkommnung thun. Ja, Fräulein Manna, und das sind nur Gebilde der Phantasie, die den Mann verließen und ihn einsam stellten. Wie ganz anders, wenn ein lebendiger, uns in die Seele eingewurzelter Mensch uns verlassen.« Manna schaute ihn groß an; Thränen hingen an ihren langen Wimpern, und sie sah auch das Auge Erichs in feuchtem Glanze; sie faltete die Hände auf dem Tische und sah ruhig in sein Antlitz. Er fühlte diesen Blick und verwirrt sagte er: »Entschuldigen Sie den Egoismus, daß ich nur von mir spreche. Ich will die Schwester nicht noch mehr belasten, und kann Ihnen auch sofort den Trost geben, den ich für mich gefunden. Aus dem Allgemeinen heraus schließt man sich dem Einzelnen an, das eine Erscheinung des Allgemeinen ist, und nun tritt dieses Einzelne wieder zurück, verläßt uns. Wir müssen die Kraft haben, uns dem Allgemeinen, Ewigen wieder zu Gebote zu stellen, und uns nur freuen und getrösten, daß es uns erschienen ist in einem lebendigen Menschenkinde, von dessen Dasein wir keine Ahnung hatten. Ach, ich spreche verwirrt. Ich wollte nur sagen, man kann in solcher Stunde nichts thun, als still warten, sich sammeln in Gedanken an die Fülle der Weltkräfte und die Fülle der Pflichten und Freuden, die in unsern Fähigkeiten liegen. Ach,« unterbrach er sich lächelnd, »meine Mutter erzählt von einem alten Pfarrer, der seiner Gemeinde zurief: Kinder, ich predige nicht nur für Euch, ich predige auch für mich, ich hab's auch nöthig.« Ein Lächeln ging über das Antlitz Manna's und sie sagte: »Ich glaube, ich verstehe Sie. Sie meinen, der einzelne Mensch ist ein Bote des ewigen Geistes, und ist der Bote nun auch wieder zurückgekehrt, wir wissen doch, wer ihn gesendet hat, und wissen, wo er daheim ist.« »Ich würde es nicht so fassen, aber immerhin. Indem wir dem Einzelnen, Zerstreuten, Vergänglichen dienen, dienen wir dem Ewigen, dem im Gesammten ruhenden Geiste, bis er uns auf einen andern Posten beruft.« »Glauben Sie an Bestimmung?« »Ich glaube, es ist eine Fügung und Richtung, eine Verknüpfung in unsrem Leben, die wir erst erkennen, wenn sie geschlossen, leider meist erst, wenn sie abgeschlossen ist. Mir wird jetzt jene Stunde wieder lebendig, da ich drüben auf dem Wege nach Wolfsgarten zum ersten Mal hier herab sah. Da lebt eine Menschenseele und ahnt nicht, daß sich eine andere zu ihr drängt, und daß sie Beide einander zu einem Schicksale werden. Es gibt eine Vorbereitung, die den Einen fähig macht, einen Menschen, dessen Namen er nicht gekannt, von dessen Dasein er keine Ahnung hat, in sich aufzunehmen, als wäre man Ein Leben mit ihm gewesen. Hierin liegt die Erlösung von der Ursünde des Egoismus; wir sagen: Du bist der Hüter Deines Bruders.« »Sie sind nicht gottlos . . . nein, Sie dürfen das nicht von sich sagen. Sie sind nicht gottlos,« rief Manna. Ihre Wangen glühten, sie that die gefalteten Hände auseinander, sie streckte die eine Hand aus, als wollte sie sie Erich reichen, aber unterwegs erfaßte sie die Flasche und sagte: »Nicht wahr, ich bin eine schlechte Wirthin?« Sie schenkte ihm ein, er trank, und während er trank, ruhte sein Blick auf Manna. Sie wußte, daß er sie anschaute, sie schlug die Augen nieder. »Ich muß Ihnen noch ein Bekenntniß machen,« sagte sie. Sie hielt an, Athem schöpfend, dann fuhr sie fort: »Wie Sie davon sprachen, daß Sie nun so traurig sind, weil Sie nichts mehr für Roland thun können, wurde mir aufs Neue klar, welch ein Glück, welch einen Glauben auch ich verloren habe.« Sie schloß die Augen, sie athmete tief, dann öffnete sie die Augen wieder und sagte: »Ich hatte einst geglaubt, man könne für einen Andern beten, für einen Abwesenden, Fernen, wo und was er auch sei; ich hatte geglaubt, man könne sich für einen Andern opfern und Alles wäre gesühnt und nun . . . ach, nun glaube ich das nicht mehr.« Erich erwiderte nichts, er wußte, wie schwer dies Bekenntniß sich von den Lippen Manna's losrang; ihn überschauerte es. Jetzt wußte er, Manna liebte ihn, denn nur dem Manne, den sie liebt, konnte sie das anvertrauen. Ein Diener trat ein und sagte Erich, seine Mutter erwarte ihn, er solle zu ihr kommen. »Ich begleite Sie,« sagte Manna aufstehend. Sie ging, um ihren Hut zu holen. Zwölftes Capitel. Erich stand im Speisesaal, die Teller und Gläser und Schüsseln tanzten vor seinen Augen. Manna kam rasch zurück, ihr Antlitz war heiter wie noch nie, sie war wieder das junge Mädchen, sie hatte den hellen Ton und die frische Bewegung der Jugend, indem sie eine leichte Verbeugung machte und Erich zum Mitgehen einlud. Auf dem Flur wurden sie aufgehalten, es war eben ein Paket angekommen. »Ah, das Seidenkleid von dem Herrnhuter?« sagte Manna. »Sehen Sie, Herr Hauptmann, diese Leute sind nicht von unserer Kirche, aber die Zuverlässigkeit haben sie nur von der Kirche. Oder sind Sie auch ein Verächter der Herrnhuter?« »Verächter ist das Wort nicht, das Sie mir geben wollten. Aber ich finde das Thun dieser Sekte widersprechend. Beständig verkünden sie Einfachheit, Entsagung, Verachtung des Prunks und der Weltgenüsse und treiben Handel mit Seidenwaaren, mit Havanna-Cigarren; sie verlassen sich auf die Sündhaftigkeit der anderen Menschen gerade wie der Bettelmönch, der sagt: Ich will nicht arbeiten und Brod verdienen, aber natürlich sollen Andere arbeiten, damit ich betteln kann.« »Bringen Sie das Paket nur fort,« sagte Manna zu dem Diener. Still ging sie mit Erich davon. Unterwegs sagte sie: »Wissen Sie, daß ich . . . einen Widerwillen . . . einen Abscheu vor Ihnen hatte, als ich hieher kam?« »Ja wohl, das wußte ich.« »Und warum thaten Sie nach jener ersten häßlichen Erwiderung von mir nichts mehr, um mich zu bekehren?« Erich schwieg und Manna fragte nochmals: »Ist es Ihnen denn so gleichgültig, wie man von Ihnen denkt?« »Nein, aber ich war ein Diener Ihres Hauses und war stolz genug . . .« »Aber Stolz ist doch eine Untugend?« »Gewiß; wenn man Ansprüche macht, die die Geltung Anderer herabsetzen wollen.« »Sie sind mir zu gescheidt,« neckte Manna. »Das höre ich nicht gern von Ihnen, denn das ist eine Redensart. Kein Mensch ist dem andern zu gescheidt, wenn jeder sich sagt: ich habe nach meiner Weise auch etwas. Eine solche Redensart sollten Sie nicht gebrauchen. Ich habe nie eine hohle Phrase von Ihnen gehört. Was Sie sagten, war nicht immer logische Wahrheit, aber Wahrheit für Sie.« »Ich danke Ihnen,« sagte Manna rasch und berührte mit der Fingerspitze seine Hand; wie sich besinnend, setzte sie schnell hinzu: »Ich weiß nicht, ich . . . ich bin von meiner Schwermuth befreit, und mir ist, als wäre es schon ein Jahr, seitdem ich so schwermüthig gewesen.« »Wir haben das Glück,« erwiderte Erich, »uns im besten Denken zu verstehen, und da gibt es kein Zeitmaß.« »Ach ja,« nahm Manna wieder auf, »mitten durch alle Schwermuth ging mir heute immer der Gedanke: es kommt etwas, was Dir Freude macht . . . Jetzt ist es gekommen. Sie waren der Freund und Lehrer Rolands, nehmen Sie mich dafür, seien Sie mein Freund und Lehrer.« Sie streckte ihm die Hand entgegen und die Beiden sahen einander glückselig an. »Ach, da sitzt Ihre Mutter,« rief Manna plötzlich. Mit eiligen Schritten ging sie zur Professorin und küßte sie heftig. Die Professorin sah sie erstaunt an. Ist dies dasselbe Mädchen, dem sie gestern die fieberisch kalten Hände erwärmt und Lebensmuth zugesprochen? Die Jugend ist doch ein ewiges Räthsel. Und so war's. Es war etwas von Kindschaft in Manna unterbrochen, das lebte nun auf und blühte mitten unter Jammer und Elend, unter Gefahr und Kampf. Manna hielt sich geraume Zeit mit der Hand die Augen zu, und als sie sie wieder aufschlug, sagte sie: »Mir ist, als sehe ich das Alles heut zum ersten Male; der Rhein, die Berge, die Häuser, die Menschen.« Eine Schaar junger Schwalben flog durch die Luft, wie jauchzend im freien Aether, und Manna rief: »Die Schwalben schwirren! Ach! Wer auch fliegen könnte! Ich bin eigentlich so traurig, so schwer, und daneben singt etwas in mir, ist lustig und singt immer fort: Du bist lustig, wehre Dich nicht dagegen. Ach, es ist entsetzlich sündhaft, wie ich bin.« »Nein, Kind, Sie sind nur noch ein Kind, und das hat, wie man sagt, Lachen und Weinen in Einem Sack. Mir ist viel leichter zu Muthe, seitdem der Doctor da war. Man kann sich daran gewöhnen, Alles schwarz zu sehen, da ist es gut, wenn Einer kommt und sagt: Die Welt ist nicht so schlecht und nicht so gut, wie wir uns einreden, und die Dinge gehen im Guten und im Bösen nicht ihren logischen Gang.« Die Professorin sprach Manna noch Beruhigung zu, aber diese schien nicht gehört zu haben, was die Professorin sagte; mit neckischem Ton rief sie: »In dieser Stunde sind wir also geadelt? Ich spüre gar nichts davon an mir, so etwas sollte man doch auch spüren.« Es war ein ungewöhnlich heller Ton in Allem, was sie sagte, und sie fuhr fort: »Sagen Sie mir, wie war es Ihnen an dem Tage, als Sie den Adel ablegten?« »Von Leid keine Spur, es schmerzte mich nur, daß meine Freundinnen mir immer betheuerten, sie verblieben mir dieselben, denn in dieser Betheuerung lag ja das Bekenntniß, daß es anders geworden; und da wiederholten sie mir immer, wie lieb sie mich gehabt, als ob ich gar nicht mehr lebte. In der That war ich für Manche gestorben, denn für sie ist ein Menschenkind, das den Adel verliert, wie ins Schattenreich versunken.« »O wie beglückt und gesegnet waren Sie,« rief Manna, »all den Tand von sich zu werfen und frei und stark Alles zu finden in dem Manne Ihrer Liebe allein.« Die Professorin erzitterte. Ist das dieselbe Manna, die Nonne werden wollte? Sie sprach von der Seelenkraft, die es erheische, im Ringen mit den Bedürfnissen des Lebens sich die Gedankenwelt zu erhalten. Manna schaute sie aber bei allem dem mit strahlenden Augen an. Erich hatte die Mutter und Manna allein gelassen; er stand an einem Rosenstrauch und sah, wie die Blätter der Rose abfielen, so leise, so still wie von Geisterhand gepflückt. Er starrte auf die Blätter am Boden: Roland, Manna, die Mutter, die entsetzliche Vergangenheit Sonnenkamps – Alles wirrte sich ihm durcheinander, er glaubte, er sehe die Welt nicht mehr, wie sie ist. Wenn er nur Jemand hätte, der ihn anruft! Er fühlte, wie seine Wangen glühten, wie es ihn durchschauerte. Du liebst und wirst geliebt von diesem Mädchen, von der Tochter . . . Was ist Tochter? Jedes ist für sich allein da. Im Erdgeschoß war die Bibliothek seines Vaters, die Fenster standen offen, er ging hinein. Es lag ihm im Sinn, als müsse unter den hinterlassenen Handschriften des Vaters etwas sein, das ihm heute Trost und Manna neuen Halt gebe; vielleicht kann der Geist des Vaters in diese jubelvolle und trauervolle Wirrniß hineinsprechen. Er suchte unter den Papieren, allerlei kam ihm in die Hand, doch war es nicht, was er wollte. Er löste ein Convolut von Heften, das die Ueberschrift trug: »Sibyllinische Bücher«, und faßte ein Blatt. »Das ist's!« rief er. Er stand mit dem Rücken gegen das offene Fenster gelehnt; er hörte, wie die Mutter Manna ermahnte, ja recht fest und treu an ihrer religiösen Ueberzeugung zu halten; seien da auch Formen und Fassungen, die sie selbst nicht als die ihrigen erkenne, so sei doch auch hierin die Wahrung des heiligen Geistes, die uns allein die Kraft gibt, Leid zu tragen und Freude zu empfangen.« »Mutter!« rief Erich, sich plötzlich umwendend. »Mutter, ich bringe etwas, was Deine Gedanken fortsetzt.« Er ging hinaus, er zeigte die Handschrift seines Vaters und sagte, daß er sie vorlesen wolle. »Ach ja,« rief Manna, »das ist echt, das ist gut von Ihnen, daß Sie uns Ihren Vater hierher bringen.« »Das Blatt hat einen seltsamen Titel,« sagte Erich; »es lautet: Von drei Dingen, die ich nicht ganz sagen kann und vielleicht Niemand ganz sagen kann.« »Bitte, lesen Sie,« ermahnte Manna. Erich las: »Zwei Dinge beharren, derweil des Menschen Herz trotzig und verzagt, übermüthig und feige hin und her schwankt; sie sind: die Natur und die in uns lebenden Ideale. Die Kirche war auch eine Burg des Ideals, eine sichere und feste; sie ist es für mich und viele meines Gleichen nicht mehr. Du sagst, die Natur hilft uns ja nichts. Was hilft sie mir, wenn der Gedanke der Halbheit, des Verderbens, der Schuld über mich kommt, mich gefangen nimmt? Die Natur spricht nicht, sie läßt sich nur verstehen, deuten; sie tönt das Echo zurück, das wir in sie hineinrufen. Die Kirche dagegen spricht zu uns in persönlichem Leid, sie nimmt uns auf ins Allgemeine. Ich sage: Ein Drittes ist, das Natur und Ideal vereint darstellt und uns aufnimmt. Wir nennen es die Kunst, die bildende, die Lebenskunst, die sittliche, die schöne That. In meinem Betracht gehört alle Wissenschaft zur Kunst. Was ein Menschengeist rein aus sich gebildet und dargestellt, als Zeugniß seines Seins, Schauens und Wollens, das erscheint in der Kunst als sichtbares Gebilde, schaut uns an, in Marmor und Farben, tönt uns zu in Wort und Klang, läßt uns ahnen und erkennen, daß unser gebrochenes, halb zum Ausdruck kommendes Dasein Fülle und Vollendung hat. Die Kunst hilft dem Leide nicht, sie heilt nicht geradezu, aber sie bringt vor Augen, sie tönt ins Ohr: Merk auf! Es gibt ein Leben, rein und vollendet, das wir in uns tragen. Die Kunst ist ein Gebilde der Kraft, der Freude, des Wohlgefühls, des Lebensmuthes; sie reicht nicht die Hand, sie macht nur, daß wir uns sammeln in der Erkenntniß, in der Anschauung, in der Durchdringung eines in sich beruhenden Daseins außer uns, das wir begreifen.« Erich unterbrach sich und sagte: »Hier steht als Anmerkung: Ich kannte eine Frau, die während der Trauerzeit keine Musik machte und keine hören wollte; da zeigte sich, was ihr die Kunst ist.« Es trat eine Pause ein. Erich fuhr fort zu lesen: »Im schwersten Schmerz meines Lebens habe ich Trost, Ruhe, freies Aufathmen gefunden, als ich unter den antiken Gebilden umher wandelte; Andere mögen Aehnliches in der Musik finden, mir gab es sich im Anschauen der antiken Gestalten. Nicht der Gedanke an die große Welt, die hier zu Erz und Stein geworden, nicht die Erinnerung an den Geist, der daraus spricht, faßte mich an; ein Anderes war es. Sieh her, da ist eine zur Ruhe gekommene Seligkeit, die nichts mit Dir gemein hat und doch bei Dir ist. Ein Hauch der Unendlichkeit hauchte mich an, goß sanfte Ruhe in mein aufgewühltes Herz, sättigte meinen Blick, beschwichtigte mein Empfinden. Im Anhören der Musik konnte ich noch immer mein eigen Leben und Denken fortträumen, hier nicht mehr. Wenn ich es nur zu sagen vermöchte, wohin mich das Alles führte, wie ich wandelte in der Unendlichkeit und, hinausgetreten in das Lebensgewühl, immer von festen, ruhigen Göttergestalten begleitet war; mir war –« Erich brach plötzlich ab. Manna bat, daß er weiter lese; Erich erwiderte, es sei nur ein Bruchstück. »Es ist kein Bruchstück, es ist ganz und voll. Da könnte kein Mensch weiter sprechen, weiter schreiben,« rief Manna, »da ist nur noch ein in sich selbst Versinken. Ich habe eine Bitte . . . schenken Sie mir das Blatt.« Erich sah auf die Mutter und diese erklärte, daß sie noch nie einen Federstrich ihres Mannes in fremde Hand gegeben. »Aber Sie, mein Kind,« sagte sie, »Sie sollen es haben. Erich wird für uns es abschreiben, damit nichts fehlt.« Sie gab Manna die Handschrift und diese drückte sie an ihre auf und nieder wallende Brust. Jeder Blutstropfen war aus ihrem Gesichte verschwunden; sie bat die Professorin, daß sie in das Haus gehen dürfte, sie möchte gern allein sein, sie sei so müde. Die Mutter geleitete sie. Manna legte sich auf das Sopha; die Vorhänge wurden herabgelassen, sie hielt die Schrift in der Hand und las wiederholt; bald aber schloß sie die Augen und dachte in sich hinein, halb wachend, halb träumend, und schlief endlich ein. Die Mutter und Erich saßen beisammen und Erich gelobte sich, daß es sein Erstes sein solle, jetzt, da keine nächste Pflicht ihn bindet, das Unfertige und Halbe, das der Vater hinterlassen, in die Oeffentlichkeit zu geben; es würde doch viele Seelen finden, die das Mangelhafte aus sich ergänzen. Nun fühlte er sich frisch und frei; jetzt war etwas da, was er zu thun hatte, eine fromme Kindesthat und eine Mannesthat zugleich; denn er konnte aus eigenem Wissen und aus mündlichen Mittheilungen des Vaters Vieles hinzufügen. Er kehrte nach der Bibliothek zurück; er saß in Schriften vertieft, da trat Manna ein. »Sie hier?« sagte sie. »Ich wollte mir nur all die Bücher von Außen ansehen, auf denen der Blick Ihres Vaters geruht. Ich muß nun heimkehren, aber heute habe ich viel, unendlich viel bekommen.« »Darf ich Sie begleiten?« Manna nickte. Dreizehntes Capitel. Zögernden Schrittes gingen die Beiden neben einander durch die Wiese nach der Villa. »Sie sind ein glücklicher Mann, so die Gedanken Ihres Vaters zu haben,« sagte Manna ernst. Erich konnte nicht antworten, ihm preßte das Gefühl die Brust: wie wird das arme reiche Kind zusammenbrechen, wenn sie erfährt von ihrem Vater. Er ahnte nicht, daß die Worte Manna's eben aus diesem Schmerz hervorgingen. »Ich kann die Gedanken meines Vaters nicht erben,« sagte er endlich. »Jedes Kind muß Alles wieder aus sich selbst erleben.« Weiter gingen sie, und es war ihnen doch, als müßten sie bei jedem Schritt inne halten und einander erfassen. »Nun ist Roland und der Vater bereits auf dem Rückwege,« sagte Manna. »Und Herr von Prancken,« wollte Erich hinzusetzen, aber er hielt sich zurück. Manna mochte fühlen, daß er ihr Verschweigen von Pranckens Namen merkte, und sie fragte: »Waren Sie ehedem nicht ein naher Freund des Baron von Prancken?« »Wir waren Kameraden, Freunde nie.« Wieder waren die Beiden still; es lag so viel Unausgesprochenes in ihnen, was sich jetzt herzudrängte, daß sie nicht zu wissen schienen, von was sie zuerst reden sollten. Die Abendglocke läutete. Manna schaute auf Erich, er zog den Hut nicht ab. Sie zitterte; Alles stand zwischen ihnen, auch die Kirche trennte sie. Manna trug verborgen unter ihrem Gewande eine dünne hänfene Schnur um die Hüfte gebunden; eine Nonne hatte ihr diesen verborgenen Bußgürtel gegeben, damit sie immer eingedenk bleibe, daß sie gelobt habe, offen den hänfenen Strick zu tragen. Jetzt war es ihr, als ob die dünne Schnur fester angezogen würde, und dann wieder, als ob sie sich löse. Mit der linken Hand hielt sie sich an einen Baum am Wege und athmete schwer. »Was ist Ihnen?« fragte Erich. »Ach . . . Ich danke Ihnen, daß Sie bei uns bleiben. Sehen Sie, dort oben . . . über dem Thurm der Burg fliegt ein Falkenpaar . . . Ach, wer auch so schweben könnte hoch oben, und Alles, was drunten, ist vergessen und versunken. Ach, was war mir das Leben? Nichts als ein Arbeiten an unserem Sterbekleide. Ich wollte über der Welt leben, wollte büßen, vom Himmel herab beten . . . für einen Andern! Ich kann es nicht mehr . . . ich kann es nicht.« Sie fuhr sich mit der Hand über die Stirn; sie sprach, sie wußte nicht was. Sie ging weiter und wollte doch immer stehen bleiben. Eine Mähderin, die auf der Wiese das dritte Gras abmähte, rief Manna an und sagte, ihre Schwester sei wieder gesund und werde schon morgen helfen, das Heu einbringen. »Ich wünschte, ich wäre die Mähderin,« sagte Manna. »Entschuldigen Sie,« entgegnete Erich, »wenn ich mein Staunen nicht zurückhalten kann, daß auch Sie einen solchen Wunsch ausdrücken.« »Auch ich? Warum denn ich nicht?« »Sie sind so klar denkend, daß ich eine solche Redensart, die man tausendfältig hört, von Ihnen nicht begreife. Was heißt denn das: ich wollte, ich wäre eine Andere? Behielten Sie das Bewußtsein, was Sie gewesen, so wären Sie nicht eine Andere. Solch eine Redeweise ist nicht nur widervernünftig, sondern von meinem Standpunkte aus auch unreligiös.« Manna blieb stehen und Erich fuhr fort: »Wir sind, was wir sind, nicht durch uns, sondern durch eine ewige Ordnung, die wir Gott nennen dürfen; wir müssen in dem, was wir sind, uns zu finden und glücklich zu machen suchen, ob arm, ob reich, ob schön, ob häßlich.« »Ich werde nie mehr solch einen unklaren Gedanken hegen und aussprechen,« entgegnete Manna und reichte Erich die Hand. Sie zitterte. Leise, kaum hinhauchend, sprach sie davon, welch ein Glück es sein müsse, nicht nur den Reichthum, sondern auch allen Tand des Lebens von sich zu werfen, in Arbeit, in Friede mit sich und den Seinigen und der Welt die Lebenstage zu erfüllen. Erich durchschauerte es; durfte auch er ihr sagen, daß er in sich entschieden war, nie einen Reichthum sein zu nennen und nun gar einen solchen? Er fand kein Wort. Eine Weile gingen sie stumm weiter; dunkel war es in den schattigen Gängen, nur da und dort fielen gelbe Lichter durch das Gezweige und lagen wie Flämmchen auf den schwarzen Haaren Manna's; Beide sprachen kein Wort. Tief aufathmend blieb Manna stehen. Wollte sie nicht gemeinschaftlich mit Erich bei der Villa ankommen? Sie war doch so oft mit ihm gegangen; es war kein Arg dabei, mit ihm allein zu sein. »Ich sage Ihnen hier Lebewohl,« begann sie leise. »Das war heut ein Tag. War's nur Ein Tag?« »Und wie die Sonne hier untergeht,« fiel Erich ein, »und immer wiederkehrt und treu bleibt in guten und in bösen Tagen, so haben Sie in mir einen treuen Freund, dessen Auge über Ihnen wacht, so lange dies Auge offen steht. »Ich weiß!« rief Manna. »O Gott, ich weiß!« Sie zitterte am ganzen Leibe. »Ich bitte, verlassen Sie mich jetzt,« setzte sie hinzu. Erich kehrte um, aber als er zurückschaute, sah er, wie Manna unter einer großen Tanne auf den Knieen lag; ihr Antlitz war von der untergehenden Sonne überstrahlt, sie streckte die gefalteten Hände zum Himmel empor; dann richtete sie sich auf. Er eilte zu ihr, sie zu ihm; es war eins. »Manna! Manna!« rief er. »Erich! Erich!« antwortete sie. Sie lagen einander in den Armen. »Ich liebe Dich,« flüsterte er. »Du! Du!« rief sie. »Himmel und Erde, Alles!« Sie hielten sich fest umschlungen und hielten die Lippen in einem Kusse gefesselt, als sollte ewig nur noch ein einziger Athem in ihnen sein. »Du bist mein! mein! meine Hoffnung, meine Welt! Ach, Erich, verlaß mich nie mehr – nie mehr!« »Ich Dich verlassen? Dich, meine Manna?« »Nein, Du kannst es nicht. Der Himmel wird's verzeihen, nein, segnen. Ich konnte nicht anders, Du nicht, ich nicht. Erich sieh, Alles brennt, die Bäume brennen, das Gras brennt, der Rhein brennt, die Berge, der Himmel – Alles in Flammen! Ach, Erich, und wenn die ganze Erde in Flammen aufgeht, ich halte Dich in meinen Armen und sterbe gern in Deinen Armen. Nimm mich, ich kann nicht mehr anders.« »Laß Dich anschauen. So bist Du?« erwiderte Erich. »Du weißt nicht, wie ich gerungen habe um Dich. Nun hab' ich Dich, nun bist Du mein! O sag es noch einmal.« Stammelnd, sich unterbrechend und wieder fortsetzend, erzählte Eines dem Andern, wie Jedes mit sich gerungen, mit Allem, was die Welt hat; aufs Neue erkannte Jedes die Wahrhaftigkeit und Lauterkeit in der Seele des Andern, und wie Manna sich ehedem herb vor Erich verschlossen, so quoll und überströmte nun die ganze Fülle ihres Herzens. Sie standen und hielten einander an den Händen und schauten sich an und Erich sagte: »O Manna, mein einziger Wunsch ist jetzt, Du möchtest das Glück haben, Deinen Blick zu sehen.« »Und Du den Deinen. Ach, Jeder, der Dich sieht, Dich erkennt, muß Dich lieben. Was bleibt denn mir, die ich Dich sehe und erkenne, wie Dich doch Niemand sieht und erkennt, außer mir?« Sie küßten einander und hielten die Augen geschlossen, und über ihnen rauschten die Bäume im leisen Abendhauch. Auf der Bank, auf der Erich damals neben Bella gesessen, saß er jetzt mit Manna und ein Zittern durchfuhr ihn im Gedanken an damals; er verscheuchte die Erinnerung. Mit dem Scharfblick der Liebe hatte Manna die vorüberhuschende Gemüthsbewegung in Erich entdeckt und sie fragte ihn: »Hast Du auch so schwer ringen müssen und kämpfen, bis Du Dir es eingestanden und bekannt hast und endlich gesagt: es muß sein?« »Ach, laß uns schweigen! Sorgen und Mühen und Kämpfen und Ringen wird schon kommen. Jetzt ist Hochzeit, Hochzeit unserer Seelen; nichts Anderes soll drein tönen, nichts Anderes drein denken. Selig, glückselig sind wir. Ich weiß, Du bist mein, wie ich Dein. Es kann nicht anders sein.« Und sie umarmten sich. Und wie sie nun rief: »O! könnte ich Dich auf den Arm nehmen wie auf Flügel, und Dich hinaustragen über alle Berge. O, Erich!« da merkte er, daß in ihr eine Naturmacht war, wie sie die Tochter Sonnenkamps haben mußte, wild, unbändig, mächtig. Wer das bescheidene, stille, sanfte, demüthige Kind noch heute am Morgen gesehen, hätte nicht ahnen können, daß es am Abend so leidenschaftlich werden könnte. Erich selbst fühlte sich wie von stärkerer Kraft gefaßt. »Ach ja,« rief sie, als lese sie in seiner Seele, »nicht wahr, ich bin ein schrecklich wildes Kind? Du glaubst gar nicht, wie wild ich bin. Aber das kommt nie mehr, gewiß nicht, verlaß Dich darauf.« Sie saß neben ihm, sie streichelte ihm die Hand, und es war ein tief demuthvoller Blick, mit dem sie ihn ansah und sagte: »Du weißt so viel, bist des Wissens so voll, und ich . . .« Lächelnd erwiderte Erich: »Mein ganzes Wissen, mein bestes Wissen ist, daß ich weiß, ich liebe Dich; was ich sonst noch weiß, das kann ein Anderer auch wissen, dies Eine aber nur ich allein.« »Und ich will recht viel bei Dir lernen,« sagte Manna und streichelte und küßte ihm die Hände. »Ach, sprich nur immerfort, sprich was Du willst; mir ist es Musik, wenn ich Dich höre. Und weißt Du, daß ich Dich auch schon habe singen hören? Zweimal. Einmal in großer Versammlung und ein andermal hier auf dem Rhein.« »Und weißt Du,« entgegnete er, »wie ich Dich in der Abenddämmerung im Kloster sah?« »Ja. So hast Du mich angesehen.« Sie versuchte seinen Blick nachzuahmen. »Und damals, als wir von dem Gesangfeste kamen, waren ein Dutzend Pensionärinnen in Dich verliebt; aber ich habe mich vor Dir gefürchtet und noch jetzt kann ich es nicht begreifen. Ach, was werden sie im Kloster sagen? Sie werden mich für eine Heuchlerin halten wegen Deiner und – Ach, Erich . . . Und wie wird sich Roland freuen! »Aber Deine Eltern?« »Ja, meine Eltern!« sagte sie. »Meine Eltern!« Ihre Stimme versank; ihr Antlitz wurde plötzlich blaß und wie frierend schmiegte sie sich an Erich. Er hielt seine Hand auf ihrem Haupte, er spielte mit ihren Locken und sie hielt seine andere Hand an ihre Lippen gedrückt. Es war nicht nöthig, daß sie Worte sprachen, sie konnten es auch nicht, denn Eines wollte dem Andern sagen: Weißt Du auch schon? »Warum bist Du plötzlich erzittert?« fragte Manna. »Ach, ich wünsche, Du wärest nicht reich.« »Das wünschte ich auch,« sagte sie, die Augen schließend, wie einschlafend. »Laß uns aber still sein . . . Nur eine halbe Minute lang laß mich da schlafen. Ach, Dein Herz pocht so schön.« Sie hielt den Kopf an sein Herz gedrückt; nach einigen Sekunden richtete sie sich auf und sagte: »Jetzt ist ein Jahrhundert vorüber, ein glückseliges Jahrhundert. Jetzt bin ich wieder stark und frisch und wach und jetzt vergiß Alles, was ich gethan und gesagt, nur das Eine nicht, daß ich Dein bin und Dich liebe, so lange ich athme, und Du mein.« »Du wolltest Nonne werden und ich . . . ich wollte auch der Welt entsagen.« »Bist Du denn nicht Protestant?« »So meinte ich es nicht, meine Manna. Ich wollte dem, was man die Welt nennt, entsagen und ganz dem reinen Gedanken leben.« »Und kannst Du das nicht, wenn ich Dein?« »Nein. Doch was soll das jetzt? Ich bin nicht mehr allein, ich bin ich und Du.« »Und ich bin Du und ich,« wiederholte Manna . . . »Jetzt muß ich zu meiner Mutter,« sagte sie, sich erhebend; »noch soll Niemand von uns wissen, nicht Deine Mutter, nicht meine Mutter, Niemand.« »Sehe ich Dich noch heut Abend im Garten?« »Nein, es ist besser morgen; ich kann nicht, ich muß mich erst fassen. Ach, ich versage es ja mir selbst. Morgen in der Frühe.« Sie knüpfte ein blauseidenes Tuch, das sie um den Hals trug, los und legte es ihm um den Hals. Sie küßte ihn und ging davon. Sie schaute nicht mehr um. Vierzehntes Capitel. Noch lange saß Erich auf der Bank; die Nacht brach herein, er sah Licht im Hause seiner Mutter, er wußte, wie sie jetzt da sitzt und die Tante bei ihr, ja er glaubte sogar Harfentöne in der Luft zu hören, und doch, so weit drangen die Töne nicht. Aber in ihm klang und sang es und dazwischen schwirrte die Frage: Wie wird es Manna tragen, wenn sie das Entsetzliche erfährt? und darfst Du Theil haben an so erworbenem Gut? Wie wird Sonnenkamp rasen? Was wird Prancken beginnen? Die Welt wird sagen, es war fein angelegt; derweil Vater und Bräutigam abwesend, hat er mit Hilfe seiner Mutter die Tochter des Hauses geraubt. Laß die Welt herankommen! Die Liebe besiegt Alles! Er sah Licht im Zimmer Manna's, er hörte das Fenster schließen, er sah lange hinauf; dann ging er nach dem Hof und befahl dem Reitknecht, ihm ein Pferd zu satteln. Das Pferd wurde vorgeführt, es sah Erich mit großen Augen an, blies die Nüstern auf, wieherte und warf die Mähne zurück. Er stieg auf und ritt in wildem Trabe davon, die Straße dahin. Er fühlte sich so sicher auf dem Pferde, das sich seines frohen Reiters zu freuen schien. Er fühlte sich so frei, als wäre alle Körperlast von ihm genommen und er könnte in die weite Welt hineinfliegen. Er ritt den Berg hinan zum Dorf, wo der Krischer wohnte. Alles, was er auf diesem Wege erlebt und gedacht, drängte sich in einen Augenblick zusammen. Er ritt ins Dorf. Hier war Alles still; am Hause des Krischers hielt er an, er wußte nicht warum. In die stille Nacht hinein sang die Schwarzamsel: Freut Euch des Lebens. Weiter kam sie nie in der Melodie, und diese Melodie, so altväterisch und so gut, begleitete nun Erich und tönte mitten aus dem Hufschlag seines raschen Pferdes. Still ritt er bergab, er sah bereits die Villa und das Glasdach der Treibhäuser, aber nochmals wendete er das Pferd. Er muß es einem Menschen sagen, einem Einzigen. Er ritt nach dem Hause des Majors. Wie ein Verirrter, der ein Licht in der Ferne sieht, freute er sich im Herzen, da er in dem kleinen Hause Licht blinken sah. Der Major, der den Hufschlag des Pferdes gehört hatte, rief zum Fenster hinaus: »Herr Baron von Lichtenburg, sind Sie schon da?« »Bis jetzt heiße ich noch Erich Dournay,« erwiderte Erich. Er stieg ab, band das Pferd an den Gartenzaun und ging zu den Beiden hinauf, die ihn herzlich willkommen hießen. »Was ist? Es ist doch Alles wohl?« fragte der Major. Erich beruhigte ihn und der Major sagte: »Sehen Sie doch, Fräulein Milch . . . setzen Sie nur ohne Scheu Ihre Brille auf . . . sehen Sie doch, unser Herr Erich sieht ganz anders aus. Sie haben ein Fieber, Sie haben so rothe Lippen.« Erich konnte nicht sagen, daß seine Lippen noch von den Küssen brannten. Der Major ging nach einem Schrank, mischte ein Pulver in ein halbes Glas Wasser, kehrte zu Erich zurück, befühlte ihm die Stirn und sagte: »Sie dürfen jetzt schon trinken.« Dann schüttete er ein zweites Pulver hinein, daß es aufbrauste, und Erich mußte, bevor er ein Wort weiter sprach, das zischende Getränk zu sich nehmen. Der Major lehrte sehr bedächtig, daß es nichts auf der Welt gebe, was gegen alle Aufregung besser wirke, als ein Brausepulver. Fräulein Milch, die wohl merkte, daß Erich etwas mitzutheilen hatte, wollte sich entfernen, aber dieser rief: »Sie sollen es auch hören, Sie und mein Freund hier. In Ihre treuen Herzen gebe ich es. Ich bin verlobt.« »Mit Manna,« sagte Fräulein Milch. Erich sah starr drein und der Major rief: »Gottlob, daß sie in unseren Zeiten lebt! In vergangenen, finstern Zeiten hätte man sie als Hexe verbrannt; sie weiß Alles und sieht in die Ferne, es glaubt's kein Mensch. Wie wir da beisammen sitzen, hat sie gesagt: Heut Abend haben sich Erich und Manna ihre Liebe bekannt. Und wie ich lache, sagt sie: Lachen Sie nicht, ich hole eine Flasche Wein. Sehen Sie, Kamerad, da steht sie, und dann sagte sie: Heut Abend kommen sie mit einander. Nun, ganz prophezeien kann sie doch nicht; denn Sie sind allein gekommen, Kamerad. Komm her, laß dich küssen, Bruderherz!« Er küßte ihn und fuhr fort: »Du hast keinen Vater mehr, ich . . . ich führe Dich zum Traualtar. Gib mir die Hand. Und da sagen sie, es geschähen keine Wunder! Jeden Tag geschehen Wunder, gerade so gut wie in uralten Zeiten, wir verstehen sie nur heutigen Tages zu erklären; in alten Zeiten hat man das nicht verstanden.« Fräulein Milch hatte die Flasche entkorkt und die Gläser eingeschenkt. »Stoß an, mein Sohn!« rief der Major. »Stoß an! den Johannistrunk!« Sie stießen an, der Major trank aus und küßte Erich nochmals, dann rief er: »Gib auch Fräulein Milch einen Kuß, ich erlaub's. Fräulein Milch, wehren Sie sich nicht. Komm her . . . da . . . gib ihr einen Kuß; sie ist eine Freundin, Du hast keine bessere auf der Welt außer Deiner Mutter, und sie ist mehr als die Welt weiß; Du sollst es erfahren, Du verdienst es.« »Herr Major,« unterbrach Fräulein Milch zitternd. »Gut,« beruhigte der Major. »Ich sage ja nichts. Aber jetzt gebt Euch einen Kuß.« Erich und Fräulein Milch küßten einander und Fräulein Milch wurde flammroth im Gesicht. Nun saß man traulich beisammen und der Major hatte seine Freude, daß Prancken das prächtige Mädchen und die vielen Millionen nicht bekomme; daß das Kloster angeführt war, war ihm noch eine besondere Lust. Erst spät in der Nacht kehrte Erich heim und er hörte noch immer die Schwarzamsel singen: Freut Euch des Lebens! Im Zimmer Manna's war kein Licht mehr, aber Manna stand am Fenster. Fünfzehntes Capitel. Manna stand am Fenster und schaute hinaus in die Nacht, sie legte die heiße Stirne an die kalte steinerne Fenstersäule und sprach laut vor sich hin kurze Ausrufe, Hoffen, Bangen, Jauchzen, Klagen, Alles durcheinander. Nur die Sterne sahen das Antlitz, das so schmerzlich und so wonnig bewegt war, und in die leere Luft hinaus gingen die Küsse von Manna's Lippen. Sie schaute hinauf zu den Sternen, sie kannte sie, und doch dünkte ihr aller Sternenstrahl nur der Blick von Erichs leuchtendem Auge, das auf ihr ruhte. Warum nun wieder allein? Warum noch eine Lebenssecunde allein? fragte sie in die Nacht hinein. Eine tiefe Verlassenheit kam über sie, als wäre sie einsam in der Welt. Und wieder war es ihr, als stünde sie schwindelnd an einem Abgrund und würde bald hinweggerissen, bald zurückgetragen; sie schaute um, als fühlte sie leibhaftig den Arm Erichs, der sie vom Boden hob. Sie fuhr sich mit der Hand über das Gesicht und es kam ihr vor, als wäre es nicht ihre eigene Hand; sie wendete sich zurück ins Zimmer und warf sich auf die Kniee. »Weh! ich liebe!« rief sie. »Nein, ich danke Dir, o Gott, daß Du mir diese Probe auferlegt. Diese Probe? Nein, ich kann nicht mehr anders! Du, der Du die Liebe bist, den tausend Zungen nennen und doch nicht ganz zu nennen vermögen, vergib und hilf mir, hilf ihm und uns Allen. Laß mich leben in ihm und in Allem, was heilig und groß, schön und rein. Heimchen, Du meine Schwester, ein Stück von meiner Seele, Du bist dahin geschwebt über die Welt wie eine Blüthe, die vom Baum gefallen . . . ich, ich muß unter Sturm und Wetter am Baum des Lebens haften. Du, den ich anbete, Du, den er verehrt, wenn er auch nicht betet; sein Denken ist Gebet, sein Thun ist Gebet, sein Leben ist Gebet . . .« Sie stand auf, sie ging wieder ans Fenster und starrte lange ohne festen Gedanken in den sternglänzenden Himmel. In die Mitternacht hinein schwebte etwas vom Fenster Manna's hinab in den Garten und blieb auf einem Baum hängen; es war der Bußgürtel, den sie gelöst hatte . . . Am Morgen, als Manna erwachte, rief sie: »Ich bin sein, sein! Ob er wol auch schon wacht?« Sie öffnete das Fenster. Ein junger Staar, der jetzt noch im Herbst ein Nest baute, fand auf dem Baume vor dem Fenster Manna's die dünne hänfene Schnur, er faßte sie in seinen Schnabel, flog auf und baute sein Nest damit. Drunten im Garten stand Erich; sich verhüllend rief Manna hinab: »Ich komme gleich.« Und in der ersten Morgenfrühe standen sie beisammen und umhalsten und küßten sich. Dann sprachen sie einander Muth zu, denn heute war Schweres zu ertragen, heute kam der Vater und Prancken. »Ach Erich! ich bin so glückselig und so entsetzlich gepeinigt. Mein Vater –« »Ich weiß Alles.« »Du weißt und liebst mich?« Sie fiel auf die Kniee und umfaßte seine Füße. Er erhob sie, setzte sich zu ihr und nun sprachen sie von dem Entsetzlichen. »Erzähle mir,« sagte sie, »wie hast Du es ertragen?« »Frage lieber, wie wird es Roland ertragen?« »Glaubst Du, daß er es erfahren wird?« »Gewiß. Wer weiß, wie bald die Welt . . .« »Die Welt! die Welt!« rief Manna. »Nein, nein! Die Welt ist gut, die Welt ist schön. O Dank, Dank dem Unerforschlichen, daß er mir meinen Erich gegeben, meine Welt, meine ganze Welt!« Ruhig und klar, wunderbar durchsichtig erkannte Manna Alles; aber mitten in der Darlegung warf sie sich an die Brust Erichs, schluchzte und rief: »Ach, warum muß ich in meinen jungen Jahren Alles das wissen, Alles das erleben, besiegen?« Hand in Hand gingen sie nach dem grünen Hause und setzten sich nieder, wo sie am Tage vorher mit der Mutter gesessen. Sie warteten, bis sie erwachte. In aller Lust und allem Leid einer heimlichen, von Gefahren umringten Liebe wollten sie ausdenken, wie es in der Hauptstadt ergangen war. Sie konnten es nicht ahnen. Erich ließ Manna allein zurück. Er hatte ihr erzählt, daß er gestern in der Nacht beim Major gewesen, er wollte nochmals zu ihm, um ihn und Fräulein Milch zu bitten, das Geheimniß der Liebe ja recht streng zu bewahren. Erich ging die Straße dahin, ein Wagen kam des Weges; sein Name wurde gerufen. Bella stieg aus. Es freut mich, daß ich Sie noch treffe. Doch ich komme heute nicht zu Ihnen und den Ihrigen. Clodwig läßt Sie grüßen und bitten, zu ihm nach Wolfsgarten zu kommen; er ist einsam und Sie sind einsam und es wird Ihnen wol angenehm sein, die ersten Tage des Durcheinander hier im Hause und bis Sie sich in die Entfernung ihres Zöglings gefunden, bei uns zu verleben. Sie können mit unserm Wagen nach Wolfsgarten fahren, ich will hier bei meiner Schwägerin sein, bis Alles geordnet ist. Wo ist denn das liebe Kind?« Erich geleitete Bella nach der Villa, er konnte kein Wort reden. Glücklicherweise kam Fräulein Perini und er konnte Bella ihr überlassen; er eilte zu Manna. Hastig athmend berichtete er, daß Bella angekommen sei; halb schelmisch, halb mitleidig sah ihn Manna an. »Ist es denn wahr, daß Du sie einmal geliebt hast?« »Ja und nein. Bist Du eifersüchtig?« »Nein, denn ich weiß, Du hast nie geliebt, nie! Du kannst Niemand geliebt haben, Niemand als mich. Erich, komm! Hand in Hand laß uns vor sie hintreten und bekennen, was wir uns sind, und so vor aller Welt. Laß uns nur keine Minute heucheln, nichts verbergen. Ich habe den Muth, Alles zu bekennen und bin glücklich, Alles bekennen zu dürfen. Die Weltrücksicht soll uns keine Minute rauben, keine Minute, in der wir uns nicht ins Auge sehen, uns frei die Hand reichen und uns als Eins der Welt darstellen, wie wir es sind.« Erich hatte Mühe, Manna zur Klugheit und Vorsicht zu bestimmen; er verlangte es als erstes Zeichen seines Rechts an sie, daß sie sich seinem Willen füge. »Gut, ich gehorche Dir, aber ich lasse mich vor Niemand sehen.« Er versuchte Manna zu bestimmen, daß sie Bella begrüße; doch sie widerstand und sagte: »Kannst Du, der Reine, Gute, mich nur auf eine Stunde so verderben lassen? Wie soll ich dastehen, wie soll ich mich benehmen, wenn sie mich als Schwägerin begrüßt?« Erich erzählte, daß Bella ihn veranlassen wollte, sofort nach Wolfsgarten zu fahren, um über die nächsten unruhigen Tage dort bei Clodwig zu sein. Und als er darauf hinwies, in welch seltsamer Lage ein Dienender sei, fuhr ihm Manna mit ihrer zarten Hand über das Gesicht. »Du guter Mensch, Du hast dienen müssen; ich weiß jetzt, was das ist für Dich, die große, reine Seele, der Alles unterthan sein sollte. Ach, Du Guter, das hast Du Alles auf Dich nehmen müssen. Aber es ist gut, denn sonst wären wir nicht einander zu eigen geworden. Nun denn, ich werde es können, ich muß es können.« Sie ging, Bella zu begrüßen, und hatte Haltung genug, dies in bester Form zu thun. Erich entfernte sich bald und Bella sah mit Staunen den Blick, den Manna ihm nachsandte. Manna sprach sehr viel und ungewöhnlich lebhaft, so daß Bella aufs Neue stutzig wurde. Jetzt kam auch der Major, um Manna zu gratuliren; als er Bella sah, schwieg er erschreckt. Manna wendete sich ab. Bella hatte genug gesehen. Plötzlich stand es vor ihr: Manna liebt Erich. Aber nein, das kann nicht sein! Sie wollte Manna umarmen und küssen, aber diese bat, ihr heute recht viel Ruhe zu gönnen. Bella richtete sich hoch auf, sie warf einen Blick auf Manna, es war der Medusenblick, aber Manna hielt ihn ruhig aus. Ohne ein Wort weiter zu sagen, schritt Bella aus dem Hause und verließ die Villa. Als Bella fort war, stand Manna starr; der Major trat auf sie zu und sagte: »Kind, hast Dich tapfer gehalten, brav . . . hast ruhig gestanden im Feuer . . . Recht so! Sollst an mir eine Hilfe haben und an Fräulein Milch auch, und wenn sie Dich hier im Haus plagen, kommst Du zu uns . . . Sei ruhig, Du bist nie verlassen auf der Welt. Wirst schon noch erfahren . . . Red' nur nicht . . . an mir hast Du eine Hilfe . . . und sie hat mir gesagt, ich soll hierher gehen, sie wolle zur Professorin gehen, sie weiß immer das Rechte. Ich wünschte nur, wenn Ihr so lange bei einander seid, daß Ihr auch noch so zu einander seid wie wir . . . Wirst schon noch erfahren, wirst die Augen aufreißen. Man kann auch im Gegentheil stark sein, sie ist's im Gegentheil. Schon gut . . . Ich habe nichts ausgeplaudert? . . .« Manna lächelte unter Thränen über die seltsame, unverständliche und doch so innige Zusprache des guten Majors. Während Manna und der Major beisammen standen, ging Bella durch den Park. Haß, tiefer Haß bewegte sich in ihr, ihr Auge schien etwas zu suchen, woran sie ihre Wuth auslassen konnte. Was kann man hier zerstören? Was thun, womit man die Menschen ärgert? Sie dachte an Erich, an die Professorin, an Claudine, sie suchte einen Angriffspunkt, wo man sie fassen und zerschmettern könnte. Sie haßte vor Allem diese Dournay's, denn durch sie war eine Tonart in die Umgebung gekommen, die nicht sie bestimmte; diese Menschen hatten sie gegeben. Wer sind sie? Predigerhafte Schulmeister, die Trödel treiben mit sublimen Gedanken! Und sie, Bella, die glänzende, die bewunderte, die ehedem mit einem Blick, einem Wort beglücken konnte, stand daneben! Aber sie müssen fort, diese Schmarotzer, sie sollen fühlen, wer sie sind, und sollen wissen, wer sie kennt und zerbricht! Sie ging unruhig hin und her zwischen der Villa und dem grünen Hause, endlich trat sie bei der Professorin ein. Hier traf sie Fräulein Milch. Die ist's! Die packt man als Hammer, um die Anderen zu treffen. Als Bella eintrat, erhob sich Fräulein Milch, verbeugte sich und wollte gehen. »Bleiben Sie nur,« bat die Professorin. »Sie kennen doch die Frau Gräfin Wolfsgarten?« »Ich habe die Ehre.« Bella sah die Bescheidene an, die sie zerschmettern wollte, dann sagte sie: »Ach ja, ich erinnere mich; sie ist die Haushälterin des Majors, wenn ich nicht irre?« »Fräulein Milch ist meine Freundin,« fiel die Professorin ein. »Ihre Freundin? Das wußte ich nicht. Sie sind sehr gütig.« »Fräulein Milch ist meine Freundin und Helferin im Werke der Wohlthätigkeit.« »Ach ja, Sie colportiren das Geld des Herrn Sonnenkamp.« Es war unentschieden, ob dieses Sie auf beide anwesende Frauen sich beziehen ließ, oder ob es nur eine Anrede gegen Fräulein Milch war. Bella sah, wie das Antlitz der Professorin zitterte. Jetzt ist's gefunden. Diese Professorin hat ihr durch ihren Sohn eine Kränkung angethan – nein, das nicht, aber sie hat sie persönlich gekränkt, sie hat sich in eine erste Rolle hineingesetzt, die ihr nicht zusteht. Und Bella fuhr fort: »Diese Gabenspendung an Verwahrloste, an notorische Trunkenbolde wird nun wol aufhören . . .« Die Professorin bat Fräulein Milch, sie zu verlassen; sie hatte sie noch nie geküßt, heut umarmte sie sie innig und gab ihr einen Kuß. Sie wollte der Gekränkten eine Beruhigung, eine Entschädigung geben und der Gräfin zeigen, wie sie die so hart Angegriffene, die wehrlos schien oder sich doch nicht wehren wollte, hoch ehrte. Als Fräulein Milch weggegangen war, sagte Bella: »Ich begreife nicht, wie Sie mit dieser Person so vertraulich sein können; Sie entwerthen dadurch die freundschaftlichen Beziehungen zu Ihnen.« »Ich glaube, wen ich ehre und freundschaftlich an mich schließe, der ist dadurch in einer Ehrenstellung, und ich dürfte erwarten, daß das von Jedem gewürdigt würde.« »Gewiß, gewiß, so lange Sie hier sind. Wenn Sie nun aber die Gegend bald verlassen?« »Die Gegend verlassen?« »Die Aufgaben sind ja hier erfüllt und . . .« Die Professorin mußte sich setzen; die Augen Bella's glühten, sie hatte erreicht, was sie wollte. Sie hatte diesen immerdar mit Hoheit aufgeputzten Menschen allen Flitter abgerissen. In sehr höflichem Tone sagte sie: »Ach, ich bitte, es sollte mir in der That leid thun, wenn ich voreilig die von Herr Sonnenkamp beabsichtigte Entlassung . . .« Die Widerstandskraft, welche die Professorin sonst in allen Schrecknissen bewahrt hatte, wich zum ersten Mal von ihr. Sie hatte viel im Leben kennen gelernt, das noch nicht; die reine Bosheit, die nichts will, als Bosheit seyn, sich zur Lust und Andern zum Leid, hatte sie nicht für möglich gehalten. Und in der Empfindung, daß sie das nun auch erleben, in ihrem Gedanken festsetzen, für wahr halten muß, verlor sie alle Kraft der unmittelbaren Gegenwehr. Sie sah Bella an mit einem Auge, das diese zur Weichheit hätte stimmen müssen, aber Bella wollte nicht weich sein; sie mußte wieder einmal etwas zum Zerreißen haben, und da sie Erich nicht beikommen konnte, mußte es seine Mutter entgelten. Sie sprach noch sehr höflich und sehr viel; die Professorin hörte sie kaum und wußte kaum, daß sie endlich fortgegangen war. Triumphirend rauschte Bella den Wiesengang dahin nach der Villa, sie bestieg den Wagen, der noch bespannt auf dem Hofe stand, und fuhr nach Wolfsgarten zurück. Ihre Zerstörungslust war gesättigt, sie war frei und froh. Zwölftes Buch. Erstes Capitel. Auf der Fahrt nach der Residenz staunten Sonnenkamp und Prancken über die Redseligkeit und geistige Gewecktheit Rolands; er allein war frei im Worte, denn Sonnenkamp und Prancken konnten eine gewisse Bangigkeit nicht überwinden. Sie thaten zutraulich und offen gegen einander und doch fragte Sonnenkamp sich immer: Weißt Du? Und Prancken dagegen: Weißt Du, daß ich weiß? Aber sie sprachen es nicht aus. Wie sollten sie auch? Prancken wollte, wenn es zu Tage kommt, als der Unschuldige, Getäuschte erscheinen; er war der Betrogene, er und die ganze Welt, der Fürst vor Allem; der Fürst hatte ihn ja geadelt – wie sollte da Prancken dem Manne nicht vertrauen? Sonnenkamp dagegen war unschlüssig und deßhalb erleichtert, daß Prancken Alles bestimmte; er handelte nicht mehr mit Willen; was geschieht, soll und muß nun sein. Er schaute oft zum Wagenschlag hinaus und seine Hand zuckte, als müßte er plötzlich den Griff erfassen, hinausspringen und entfliehen. Welch ein kühnes Spiel versucht er! Er zürnte auf sich, daß er auf der Schwelle der letzten Entscheidung ein Bangen über sich kommen ließ. Er konnte nicht umhin, Prancken zu erklären, er fühle sich sehr bewegt; Prancken fand dies ganz in der Ordnung, denn die Adelserhebung ist keine geringe Sache. Und jetzt im Besprechen fand Sonnenkamp den Grund seiner Zaghaftigkeit. Diese immerwährend Geist destillirende Familie, Mutter, Tante und Sohn, hatte ein weichliches Element in seine Umgebung gebracht; es ist gut, daß man sie los wird, natürlich in höflicher Weise, aber fort müssen sie, abgethane Werkzeuge, abgelohnte Arbeiter. In der Empfindung, etwas wegzustoßen, fand er sich selbst wieder. Er hat nicht bloß etwas mit sich geschehen zu lassen, er ist selbst wirkend; er läßt die Puppen tanzen, denn Puppen sind alle Menschen für den, der sie zu regieren weiß. Lächelnd sah er auf Prancken, auch dieser war jetzt seine Puppe. Unhörbar pfiff er vor sich hin. Es war spät am Abend, als man in der Residenz ankam. Roland ging bald zur Ruhe, auch Prancken verabschiedete sich, da er noch einen nöthigen Besuch machen müsse. »Vergessen Sie nicht, daß Sie Bräutigam sind,« rief ihm Sonnenkamp lachend nach. Zum ersten Mal in seinem Leben that Prancken ein solcher Scherz weh, er that ihm weh, weil er vom Vater Manna's kam und weil Prancken in der That einen sehr ernsten, sittlich ergreifenden Gang zu machen hatte, denn er ging nach dem Hause des Domdechanten. Das Haus lag im Garten hinter dem Dom, verborgen vor aller Welt, in einer Stille, die nichts ahnen ließ vom lärmenden Getriebe der Residenz. Prancken klingelte, ein Diener öffnete und Prancken war erstaunt, sofort bei seinem Namen genannt zu werden. Der Diener war ein Soldat, den er kurze Zeit als Bursche gehabt. Er erhielt den Auftrag, am nächsten Morgen im Hotel Victoria Prancken persönlich die Meldung zu bringen, ob der Domdechant ihn um elf Uhr ganz allein empfangen könne. Prancken kehrte um und lächelte, da er, der Mahnung seines Schwiegervaters gedenkend, vor einem Hause still stand. Er kannte es wol, das zierliche, verschwiegene Haus, das er einst selbst möblirt hatte; die Treppe teppichbelegt, das Geländer mit Sammet gepolstert und Alles so warm und droben die Klingel nur ein einziger Ton, das kühle Vorzimmer voll grüner Pflanzen, der Salon so wohlig, die Tapeten und die Möbel von gleichem Seidenstoff, grüner Grund, gelbe Guirlande – Prancken liebte die Landesfarben auch hier. In der Ecke steht ein alabasterner Engel, der hält täglich einen frischen Blumenstrauß in der Hand, manchmal muß der Engel aber auch einen zierlichen Frauenhut tragen, manchmal auch einen Männerhut. Und dann die Portièren . . . was lacht dahinter? Nein, er geht vorüber. An einem Laden mit großen Scheiben stand er . . . er hatte immer, wenn er nach jenem behaglichen Häuschen ging, einen Scherz, eine überraschende Nippfigur mitgebracht . . . es sind viel neue Dinge da, er tritt ein, er kauft das Neueste. Der junge Verkäufer sieht ihn scharf an, Prancken nickt und sagt: »Sie können mir Alles zeigen.« Nun werden ihm Geheimnisse gezeigt, er nimmt nichts mit, er sagt, das wolle er ein andermal kaufen, er geht mit der Nippfigur davon. Es ist nur zum Scherz, nur ein Abschiednehmen! Er will nur Erkundigungen bei der kleinen Nelly einziehen, was man von ihm spricht; es ärgert ihn, daß er sich noch darum kümmert, aber es reizt ihn doch, es zu erfahren. Er weiß nicht, daß er geklingelt hat, er geht die Treppe hinan, er sucht nach dem Schlüssel in seiner Tasche und hat ganz vergessen, daß er ihn nicht mehr hat. Es wird geöffnet, das Kammermädchen sieht ihn verwundert an. Man ist nicht zu Hause. Eine Ampel von blaßrothem Krystallglas brennt im Erkerzimmer, die kleine Alabasterfigur lächelt; Prancken läßt eine Lampe bringen, er will warten. Er sieht sich in den Gemächern um, er kennt die Stühle, die Causeusen, Alles ist noch wie er es hergestellt. In den Zimmern herrscht ein ihm fremder Parfüm, er muß jetzt Mode sein . . . man verbauert doch ganz auf dem Lande! Es schlägt vom Dom, das Theater muß bald zu Ende sein. Auf dem Tisch liegen Photographie-Albums, Prancken mustert sie, er sucht nach seinem Bilde, es ist nicht mehr da, aber Andere, die er nicht kennt. Auch ein Buch liegt auf dem Tisch, eine Blumenlese aus deutschen Dichtern »von Frauenhand für Frauen« ausgewählt. Prancken liest darin. Sind doch seltsame Menschen, die Poeten! Er stand am Kamin, darin glühende Kohlen schimmerten, aber es war kein Kamin und es waren keine Kohlen, denn sie verbrannten nicht und lagen immer so geschichtet; Kamin und Kohlen waren nur zierlicher Zimmerschmuck. Es schlägt wieder auf dem Domthurm; man kommt noch immer nicht. Prancken nimmt endlich seine Karte und legt sie auf den Blumenstrauß, den die Alabasterfigur hält; er geht davon. Es ist besser so, Du bist brav, Du wolltest es sein . . . gewiß. Er lachte über seine Tugend. Pah! Man sollte auch einmal wieder übermüthig scherzen und lachen, dieses ewig Moralische fängt an langweilig zu werden. Aber Manna . . . Prancken fühlte einen Stich durchs Herz, als hätte er jetzt eben Manna verwundet. Er schüttelte den Kopf über die Zimperlichkeit, in die er verfallen war. Und doch wurde er die Empfindung nicht los, daß in dieser Stunde etwas mit Manna vorgeht; er weiß nicht was, aber er meint es zu spüren. Er ging rasch weiter. Im Militär-Casino war Alles noch hell erleuchtet; Prancken ging vorüber. Er kehrte in den Gasthof zurück. Mit Selbstzufriedenheit begab er sich zur Ruhe, ohne bei Sonnenkamp vorgesprochen zu haben. Er wollte noch eine Weile in dem kleinen Büchlein lesen, das durch den darin liegenden Zweig ganz von Tannenduft erfüllt war; der Zweig war kahl, aber die abgefallenen Nadeln waren wie ein Heiligthum aufbewahrt worden. Er vermochte nicht, die Zeilen dieses Buches zu ertragen; er hatte heute eine Scheu davor . . . Während Prancken in der Stadt umher gegangen war, wurde es Sonnenkamp zuwider, allein zu sein. Er wollte fremde Menschen sehen, belebte, die ihm etwas Neues brächten. Er schickte nach dem Cabinetsrath. Glücklicherweise begegnete ihm der Bote bereits auf der Treppe. Sonnenkamp saß wohlgemuth bei dem Manne, den er fragte, was es zu bedeuten habe, daß der Fürst ihm nicht sein Diplom schicke, sondern persönlich übergeben wolle. Mit einer Doppelzüngigkeit, in der er seinen gnädigen Herrn lobte, ja bewunderte und dabei ironisch charakterisirte, erklärte der Cabinetsrath, daß Niemand die Maßnahmen eines Regenten vollständig beurtheilen könne, der schließlich allein regieren wolle, vor Allem in dem, was ihm noch ohne Dreinreden der Landstände verblieben war: in Ordens- und Adelsertheilungen. Mit Verwunderung hörte Sonnenkamp, wie der Fürst Alles mit »Mein« bezeichne: meine Fabrikanten, meine Universität, meine Freimaurerloge, meine Landwirthe, meine Landstände. – Der Cabinetsrath erklärte weiter: Der Fürst wolle das Gute, lebe aber in beständiger Angst vor den Demokraten, Communisten und Liberalen – alle diese Begriffe zerfließen ihm in Eins – er halte Jeden, der nicht mit der Regierung stimmt, für eine wandelnde Barricade, auf der es in der nächsten Stunde losgehen kann. Er möchte gern, daß es allen Menschen gut gehe, und habe sich dafür einen schönen Satz angewöhnt, den ihm einmal ein Kammerherr zugeritten hat. Zwei Liebhabereien habe er, das Theater und den Wohlstand der Residenz. Er will, daß viel reiche Leute nach der Residenz ziehen, damit recht viel Verdienst sei. Er hat dafür ein Großes gethan, die strengen Gesetze des Ceremoniells modificirt; Fremde, die ihrem Stande nach nicht hoffähig sind, haben, wenn sie großen Aufwand in der Stadt machen und durch ihren Gesandten vorgestellt sind, Zutritt bei Hofe. Der Fürst thue das aus reiner Gutmüthigkeit für den Wohlstand seiner Leute, denn »meine Leute« nenne er alle Residenzbewohner, die unbeugsamen Demokraten mit einbegriffen, sie haben zwar Unarten, aber es sind doch »meine Leute.« Der Fürst hatte ein gesteigertes Interesse für Sonnenkamp, da man ihm sagte, daß dieser einen großen Palast für seinen Winteraufenthalt in der Residenz bauen wolle, den er so lege, daß er eine Zierde des Schloßparks sein wird, da die Fronte nach einer bis jetzt ins Oede führenden Allee sich stellen soll. Der Fürst freute sich, daß dadurch wieder viel Verdienst unter seine Leute kommen sollte. Eine entschiedene Wendung, erzählte der Cabinetsrath, habe die Sache Sonnenkamps dadurch genommen, daß Graf Wolfsgarten in seinem Gutachten ausgesprochen: abgesehen von der Zweckmäßigkeit, neuen Adel zu schaffen, erscheine es ihm zweifelhaft, ob die einzelnen deutschen Souveräne noch in so ausgedehnter Weise das Recht dazu hätten. Der Fürst sei außer sich gewesen über diese Bemerkung des alten Diplomaten, den er immer für einen heimlichen Demokraten gehalten, und theilweise Clodwig zum Trotz sei die Sache Sonnenkamps rasch entschieden worden; denn der Fürst sei sonst sehr sparsam und zögernd in der Adelsertheilung. Das Alles vernahm Sonnenkamp mit Behagen und der Cabinetsrath schärfte ihm ausdrücklich ein, daß der Fürst sehr bescheiden sei und nicht blos bescheiden spreche; er sage gern, er sei kein bevorzugter Geist, und da sei es schwer, das Rechte zu finden. Der Fürst fühle sich beleidigt, wenn man ihm widerspreche und ihn erhebe, und doch dürfe man ihm wieder in dieser Bescheidenheit nicht beistimmen. Er empfahl Sonnenkamp, möglichst wenig zu sprechen; er könne die Ergriffenheit, die er in der That habe, noch ein wenig übertreiben; Zaghaftigkeit werde von dem gnädigen Herrn sehr wohl bemerkt und er freue sich im Stillen, daß er imponire. Sonnenkamp war wieder ganz ruhig. Als der Cabinetsrath wegging, klingelte er und ließ sich die Zeitung bringen. Er las sie ganz durch, selbst die Anzeigen; das sollte ihn auf andere Gedanken lenken. Wiederholt las er die am Kopfe der Zeitung stehenden amtlichen Nachrichten, Amtsernennungen, Militärbeförderungen, Gnadenertheilungen; das tröpfelte so das ganze Jahr fort, wenn die große Ordensvertheilung vorüber war. Er dachte sich schon, wie morgen an dieser Stelle steht: Se. Hoheit haben in Gnaden geruht, den Herrn James Heinrich Sonnenkamp und seine Familie unter dem Namen Freiherr von Lichtenburg in den erblichen Freiherrnstand zu erheben. Stolz und aufrecht ging er lange in seinem Zimmer auf und ab. Unversehens aber wurde er wieder zaghaft, er wußte, er begab sich auf ein Gebiet, wo er sich nicht sicher fühlte. Hier hilft weder Geldmacht noch Gewalt. Es fiel ihm ein, daß der Cabinetsrath erzählt, der Fürst liebe gewisse Ceremonien und er werde mit entblößter Hand schwören müssen. Er betrachtete seine Hand. Wie, wenn der Fürst nach dem Ring am Daumen fragt? »Hoheit, da ist der Biß eines Affen . . . nein, besser . . . das ist ein Rheumatismusring, den trage ich seit meinem dreißigsten Jahre,« sagte Sonnenkamp laut, als ob er vor dem Fürsten stehe. Aber wieder fragte er sich, warum er sich denn der Frage aussetzen solle. Es muß doch möglich sein, den Ring abzulösen, die Wunde kann nicht mehr sichtbar sein. Während ihm die Wangen glühten, hielt er die Hand im Wasser, aber der Ring ging nicht ab. Er klingelte und befahl Lutz, daß man ihm Eis hole. Er hielt die Hand auf das Eis, der Ring löste sich endlich vom Daumen; er ging schwer über den Knöchel, aber es gelang. Sonnenkamp betrachtete die bisher unter dem Ring verborgene Narbe. Sieht man noch, daß es eine Bißwunde war? Er war grimmig auf sich selbst, daß er sich heute diese Erinnerung erweckte. Wozu soll das? Er klingelte abermals, er wollte Lutz fragen, für was er die Stelle an seinem Daumen ansehe. Als aber Lutz da war, unterließ er es, denn das konnte Aufmerksamkeit erregen; er gab ihm einen Auftrag für den andern Morgen und begab sich endlich zur Ruhe. Er fand sie lange nicht, denn immer war es ihm, als ob rings um den entblößten Finger sich ein kalter Luftstrom bewegte. Wenn er die Faust ballte, war es vorüber, und so schlief er endlich mit geballter Faust ein. Zweites Capitel. Die Sperlinge auf dem Dach zwitscherten durch einander, die Droschkenkutscher vor dem Hotel Victoria plauderten, als am Morgen das schöne Gespann Sonnenkamps mit dem zweisitzigen Glaswagen vor der Säulenhalle des Gasthofes hielt. Der kleine verwachsene Kutscher, der das große Wort führte, hatte eben die vorderste Stelle, ihm gebührte natürlich das Wort. Er berichtete, daß heute Sonnenkamp zum Grafen ernannt werde, er könnte Prinz sein, denn er habe mehr Geld als ein Prinz. Unglücklicherweise wurde die vorderste Droschke von einem Fremden genommen und der kleine verwachsene Kutscher bedauerte sehr, nicht dabei sein zu können, wenn Herr Sonnenkamp heraus kommt. Er empfahl den Anderen, dem Grafen ein Hoch auszubringen, wenn er in den Wagen steige. Es dauerte aber lange, bis Herr Sonnenkamp vom Gasthofe herunterkam, denn droben ging er im großen Saale auf und ab, schwarz gekleidet, mit weißer Halsbinde, den Orden auf der Brust. Neben ihm ging der Cabinetsrath und sagte, er verstehe wohl, daß Herr Sonnenkamp sehr aufgeregt sei, um so ruhiger werde er am Mittag sein. Sonnenkamp biß auf die Lippen und wechselte die Farbe. »Sie sind doch wohl?« fragte der Cabinetsrath. Sonnenkamp bejahte; er konnte nicht sagen, daß ihn der entblößte Daumen schmerze. Wenn er die Hand nicht sah, hatte er immer das Gefühl, als ob der Daumen zu einem Ungeheuer aufschwelle und Pulsschläge waren darin, wie glühende Hämmer. Er betrachtete seine Hand und erkannte zu seiner Beruhigung, daß er sich täusche. Lutz kam. Sonnenkamp nahm ihn bei Seite und Lutz berichtete, Herr Professor Crutius bedaure sehr, Herrn Sonnenkamp nicht besuchen zu können, er müsse das Abendblatt redigiren. »Hast Du das Morgenblatt gebracht?« »Nein, es wird erst um elf Uhr ausgegeben.« »Warum hast Du nicht gewartet, es ist ja gleich Elf?« »Ich dachte, der Herr könnten noch etwas wünschen vor der Auffahrt ins Schloß.« »Gut, gib mir meinen Ueberzieher.« Joseph stand mit demselben schon bereit; Sonnenkamp verabschiedete sich bei Roland und Prancken, sie erinnernd, genau um zwölf Uhr wieder im Gasthof zu sein. Zum letzten Mal stieg der Bürger Sonnenkamp die Treppe hinab, um sie als Baron wieder hinaufzusteigen. Der Cabinetsrath ging neben ihm. Als er am Wagen anlangte, wollten die Droschkenkutscher, wie ihnen eingeschärft war, ein Hoch ausbringen, aber sie konnten es nicht ausführen, es fehlte der Knirps, der den Ton angab; sie starrten nur in einer Gruppe nach Sonnenkamp und zogen den Hut ab. Sonnenkamp dankte höflich. Der Cabinetsrath bedauerte, nicht mitfahren zu können; er befahl nur dem Kutscher, vor dem großen Schloßportal zu halten. Prancken ließ Roland allein, da diesen der Fähnrich, wenn er vom Exercierplatz zurückgekehrt sei, abzuholen versprochen hatte. Mit ungewöhnlich stillem Ton und bescheidener Miene sagte Prancken Lebewohl, auf gutes Wiedersehen zu Tische, denn Sonnenkamp hatte ein kleines gewähltes Mittagsmahl zu vier Gedecken, für sich, seinen Sohn und Schwiegersohn und für den Cabinetsrath bestellt. Fort fuhr Sonnenkamp durch die Straßen der Stadt; die Fußgänger standen still; manche, die ihn kannten, grüßten, aber auch manche, die ihn nicht kannten, denn in einem solchen Wagen konnte ein fremder Fürst sitzen, dem man sich ehrerbietig zu erweisen hatte. Die Pferde trabten so lustig, als wüßten sie, zu welcher Ehre sie ihren Herrn führen; Sonnenkamp legte sich im Wagen zurück und spielte mit dem Ordenskreuz auf seiner Brust. Dies Zeichen gab ihm Ruhe. Warum fürchtete er sich denn bei der zweiten Stufe, da er bei der ersten sich nicht gefürchtet hatte und sich keinerlei Gefahr zeigte? Der Wagen fuhr an einem großen vielfenstrigen Hause vorüber; Sonnenkamp kannte es. Es war die Redaction und Druckerei des Professor Crutius. Vor dem Hause standen Gruppen, Einzelne lasen ein Blatt; sie schauten auf, da der schöne Wagen vorüberfuhr. Sonnenkamp hätte gern angehalten, um sich ein Blatt mitzunehmen, er hatte schon die Schnur in der Hand, womit er das Zeichen zum Anhalten geben wollte, aber er ließ sie wieder los. Warum das? Warum will er denn gerade heute diese Zeitung? Ach, am besten ist es doch in der einsamen Wildniß, wo man keine Menschen sieht und wo es keine Zeitung gibt. Das dachte Sonnenkamp vor sich hin, während er durch die belebte Residenz nach dem Schlosse des Fürsten fuhr. Ein Ruck erschütterte plötzlich Sonnenkamp; der Wagen hielt an. Um die Ecke kam ein Bataillon Soldaten mit klingendem Spiel. Der Wagen mußte warten, bis die Soldaten vorübergezogen, und es kostete Mühe, die Pferde bei dem Geräusch im Zügel zu halten. Jetzt war es vorüber; Sonnenkamp sah nach seiner Uhr, es wäre peinlich, wenn er gleich bei der ersten Auffahrt die gemessene Minute versäumt und sich bei dem Fürsten zu entschuldigen hätte. Bist Du denn so gefangen? Bist Du ein von der Minute bedrängter Diener? Er hatte Lust, dem Kutscher zuzurufen, er solle umkehren. Er schalt sich, daß er sich ohne Noth so gewaltsam aufrege. Er ließ die Wagenfenster herab, that den Hut vom Kopf und freute sich, daß die frische Luft ihn kühlend beruhigte. Mit Stolz parirte Bertram das Gefährt vor dem großen Portal. Die beiden Wachen standen still und warteten, ob sie Gewehr in Arm oder präsentiren sollten. Der Wagenschlag wurde aufgerissen, die Wachen blieben ruhig, da nur ein Mann in schwarzem Kleide mit einem einzigen Orden ausstieg. Joseph geleitete Sonnenkamp in die große, reich mit Stuccatur versehene Vorhalle. Am Aufgang der Treppe standen zwei schön gemeißelte marmorne Wölfe; sie schauten Sonnenkamp fast freundlich an. Er winkte Joseph, er möge den hier wartenden Hoflakaien Angemessenes geben; er hatte ihn zu diesem Zweck mit einer ungezählten Hand voll Gold versehen; er konnte Joseph vertrauen. Der Portier in der großen Uniform mit dem breiten Hut und dem goldknaufigen Stock fragte, wen er melden solle. Sonnenkamp und Joseph sahen einander verlegen an. Joseph war zurückhaltend genug, dem Herrn das Wort zu überlassen, und Sonnenkamp wußte nicht, sollte er sagen Baron von Lichtenburg oder Herr Sonnenkamp. Pah! Warum diesem Lakaien den alten Namen nennen? Dieser Name däuchte ihm so widerwärtig, so abgetragen wie ein ausgetretener Schuh; man begreift nicht, daß man ihn so lange getragen und sich nicht vor aller Welt geschämt hat. Endlich erwiderte Sonnenkamp mit sichtbarer Herablassung: »Ich bin zu Seiner Hoheit befohlen.« Es that ihm leid, daß er vor Joseph das Wort »befohlen« sagen mußte – er, Sonnenkamp, ist befohlen! – aber er wollte dem Lakaien zeigen, daß er die höfische Redensart kenne. Der Lakai drückte auf eine telegraphische Klingel; auf der Freitreppe erschien ein schwarzgekleideter Kammerdiener und sagte, der Herr Baron werde schon zwei Minuten erwartet, es sei größte Eile nöthig. Es klang fast, wie wenn ein strafender Bote vom Himmel herunter ein Versäumniß und Vergehen verkündete. Mit zitternden Knieen stolperte Sonnenkamp die teppichbelegte Treppe hinauf; er mußte noch unterwegs die Handschuhe anziehen, dabei aber sagte er sich immer im Stillen: »Halte Dich doch ruhig!« Oben auf der Treppe erschien ein zweiter weißhaariger Kammerdiener in kurzen schwarzen Beinkleidern und schwarzen hohen Gamaschen und sagte: »Gehen Sie nur ganz ruhig, Herr Sonnenkamp. Se. Hoheit sind noch nicht zurück vom Exercierplatz.« Sonnenkamp hätte den ersten Kammerdiener gern zu Boden geschlagen, weil er ihn so in Angst versetzt hatte. Der weißhaarige Kammerdiener unterhielt sich zutraulich mit Sonnenkamp und erzählte, er sei mit Prinz Leonhard in Amerika gewesen; es sei ein häßliches Land, ohne Orden und Anstand; er habe Gott gedankt, wie er wieder daheim gewesen. Sonnenkamp wußte nicht, wie er sich gegen diese Zutraulichkeit verhalten sollte; das Beste war, er ließ sich dieselbe stillschweigend gefallen. Mit beistimmender Herablassung hörte er zu und dachte bei sich: welch ein seltsames Gethue das hier im Schlosse ist. Da ist's ja, als ob die Menschen gar nicht mehr auf den Füßen gehen; Alles so geheimnißvoll, als käme jeden Augenblick etwas, was mit dem Leben der andern Menschen nichts gemein hat. Der weißhaarige Kammerdiener sagte Sonnenkamp, er möge sich einstweilen setzen. Sonnenkamp that es, zog den Handschuh an der rechten Hand aus; er wollte es ohne Hinderniß thun können, wenn er die Hand zum Schwure entblößen muß, und nun schenkte er dem weißhaarigen Kammerdiener auch einige Goldstücke. Der erfahrene Kammerdiener zog sich verbeugend zurück; er kannte das Kanonenfieber derer, die nicht an den Hof gewöhnt sind; er wollte dem Manne Ruhe geben. Sonnenkamp saß still, wieder klopften wilde Pulse in seinem Daumen; er bat um ein Glas Wasser. Der Weißhaarige rief einen Andern an, dieser einen Dritten, und der Ruf um ein Glas Wasser ging weit hin. Auf einer altväterischen Uhr, die auf dem Kaminsims stand, schlug es ein Viertel. Sonnenkamp verglich seine Uhr mit der hier, die seinige ging beispiellos nach; er nahm sich vor, künftig seine Uhr nach der im Schlosse zu richten. Er war allein und ahnte nicht, daß hinter einer Glasthür durch die glatten Einfassungen des mattgeschliffenen Glases zwei Augen auf ihn gerichtet waren, und diese Augen rollten wild hin und her. Eben als das Glas Wasser kam, wurde gemeldet, daß Herr Sonnenkamp eintreten solle; er konnte seine Lippen kaum noch benetzen. Er trat in den großen Saal. Er hatte nicht Zeit, sich zu besinnen, denn rasch, unhörbar auf den dicken Teppichen, trat durch den Thürvorhang der Fürst ein. Er war in großer Uniform, mit einem breiten Bande über der rechten Schulter und der Brust. Er hielt sich stramm aufrecht, nickte nur leicht mit dem Kopfe und hieß Sonnenkamp willkommen, sich entschuldigend, daß er ihn habe warten lassen. Sonnenkamp verbeugte sich tief, ohne ein Wort hervorzubringen. Drittes Capitel. »Haben Sie Ihren Sohn bei sich?« »Ja, Hoheit.« »Ist er noch entschlossen, ins Militär einzutreten?« »Mit Begierde.« »Ich freue mich des schönen Jünglings und werde dafür sorgen, daß die Damen ihn nicht verderben; sie wollen Cherubim mit ihm spielen. Hat er sich bereits gemeldet?« »Noch nicht, Hoheit. Ich wollte ihn erst mit dem Namen melden, den Ew. Hoheit mir gnädig verleiht.« »Ganz recht,« erwiderte der Fürst. Auf seinem Schreibtische waren zwei telegraphische Knöpfe angebracht, ein weißer und ein schwarzer; er drückte auf den weißen; der alte Kammerdiener trat ein. Der Fürst sagte: »Ich wünsche, daß Niemand im Vorzimmer sei.« Der Diener entfernte sich. Sonnenkamp sah fragend drein und der Fürst sagte: »Ihre Standeserhöhung wurde mir schwer gemacht. Sie haben viele Feinde.« Die Augen Sonnenkamps zuckten, als ob man ihm mit einem Dolche vor den Augen spiele. »Sie sind ein Mann von Edelsinn,« begann der Fürst aufs Neue; »Sie haben sich selbst Ihr Leben geschaffen. Ich würdige das. Solche Männer verdienen die höchsten Ehren. Ich freue mich, daß ich sie Ihnen verleihen kann.« Der Fürst wiederholte noch einmal all das Schöne und Gute, das Sonnenkamp gethan. Bescheiden niederblickend hörte dieser zu; er fand es nur peinlich, das gerade in der jetzigen Lage zu hören; der Fürst konnte es ihm ja später bei einer schicklichen Gelegenheit sagen. Sonnenkamp war der Ansicht, daß auch der Hof diese Adelsgeschichten nur für einen nothwendigen Humbug hielte; er war erstaunt, den Fürsten unter vier Augen so feierlich und ernst zu finden. Oder gehört das mit zum Humbug? Der Fürst aber ordnete Alles gern gehörig als Mann der Pflicht; er hielt es offenbar für angemessen, die Beweggründe darzulegen, um den Mann zu immer Schönerem zu ermahnen. Er erschien sich in diesem Momente als ein Priester, der im abgeschiedenen Heiligthume des Tempels einem Novizen die Weihe ertheilt; er war selber sehr bewegt. Der erste Kammerdiener hatte nicht Unrecht gehabt, der Fürst war schon vor der angesetzten Zeit ins Schloß zurückgekehrt, aber er hatte sich still auf diese Weihehandlung vorbereitet. Von der Adelserhebung des Herrn von Endlich her hatte der Fürst eine ständige Redeweise, er sagte oftmals wie ein auswendig Gelerntes: »Ja, ja, es ist ein schönes Gesetz, das Monumentale verträgt den Scherz nicht. Man soll einen Witz, eine Laune nicht in Stein und Erz meißeln, das wird mit der Zeit steif und unpassend; es soll ja nur momentan und decorativ wirken. Das Momentane soll nicht das Monumentale werden.« Er bezeichnete das nicht bestimmter, aber Jeder sollte merken, was er damit meinte. Er hatte nicht wohlgethan, mit der Namengebung des Herrn von Endlich einen Scherz zu machen, denn was gibt es Monumentaleres als Adelserhebung? Darum wollte er jetzt recht feierlich sein. Geduldig sich neigend, beugte Sonnenkamp das Haupt. Der Fürst streckte manchmal die eine, manchmal die andere, ja manchmal sogar beide Hände aus, während er von dem Segen sprach, den mächtig ausgerüstete, die höhere Pflicht erkennende Menschen verbreiten. Sonnenkamp erwartete, daß der Fürst ihm beide Hände auf das Haupt lege und ihn segne, und obgleich der Fürst jünger war als er, wollte er das doch bescheiden und demüthig aufnehmen, denn dieser Mann war ja von Urzeit her dazu geweiht, Ehre auszutheilen. Mitten in seiner Rede nahm der Fürst eine mit blauem Sammt überzogene Rolle auf, die auf seinem Tische lag, er hob den Deckel und zog eine pergamentne Rolle heraus, die knitterte und rauschte und ein großes Siegel blinkte darauf. Sonnenkamp machte sich bereit, den rechten Handschuh auszuziehen; jetzt kommt der Moment, wo er schwören muß und das Pergament empfängt, das ihn zu einem neuen Menschen macht. Er zwang sich, recht innig ergriffen zu sein, und suchte nach dem Einzigen in der Welt, das ihn erschüttern konnte. Und im Cabinet des Fürsten sah er vor sich einen verschneiten Kirchhof in einem polnischen Dorf, wo das Grab seiner Mutter war; er hörte nicht, was der Fürst gesagt, aber es waren gewiß sehr ergreifende Worte gewesen. Nun aber – was soll das? – nun legte der Fürst das Pergament wieder auf den Tisch und sich setzend sagte er: »Ich freue mich, aus Ihren Augen zu sehen, wie tief Sie diesen Moment empfinden. Setzen Sie sich.« Sonnenkamp setzte sich und der Fürst fuhr fort: »Laffen Sie uns noch Einiges ruhig erörtern. Sie haben viele Sklaven gehabt. Haben Sie noch solche?« »Nein, Hoheit.« »War es die Sehnsucht nach Deutschland allein, die Sie nach der alten Welt zurückkehren ließ, oder war es auch, weil Sie die Zustände der gepriesenen Republik unerträglich fanden?« »Das Letzte, Hoheit, wenn auch das Erste mitwirkte. Ich sehe eine Verwirrung hereinbrechen über die Vereinigten Staaten, die – ich spreche es zu Ew. Hoheit – nur durch Errichtung der Monarchie in der neuen Welt wieder geschlichtet werden kann.« »Das müssen Sie mir ein andermal näher auseinandersetzen. Ich lerne gern, sehr gern. Es ist unsere Pflicht, uns von denen unterrichten zu lassen, die eine Sache gründlich verstehen. Wie denken Sie über Sklaverei überhaupt?« »Hoheit, das ist ein sehr weites Thema, ich werde die Ehre haben . . .« »Nein, sagen Sie mir nur kurz den Kernpunkt, das Princip.« »Hoheit, die Neger sind eine niedere Rasse, das steht physiologisch fest. Es ist Phantasterei – ich will annehmen von Manchen wohlgemeinte – aber es führt entschieden zum Untergange der Neger, wenn man sie als gleichberechtigte Menschen hinstellt.« »Und würden Sie . . .« fragte der Fürst. »Nein, ich wollte anders fragen. Wie betrachten Sie einen Mann, der mit diesen Wesen niederer Rasse Handel treibt?« Sonnenkamp stand unwillkürlich von seinem Stuhle auf, aber er setzte sich schnell wieder und sagte: »Hoheit! Geschöpfe, die sich nicht selbst helfen können, sind geschützt, wenn sie als Gegenstand des Besitzes betrachtet werden; der sogenannte Edelsinn ohne Vortheil, ohne materielle Rücksichtnahme, sei es für den Besitz, sei es für die Ehre, wäre eine Seele ohne Körper: man kann sie sich denken, aber sie ist nicht da, wenigstens nicht in der Welt, die wir vor Augen haben.« »Sehr schön . . . sehr gut. Ich glaube auch, daß es den Negern besser ergeht bei einem Herrn. Aber wie ist es denn, wenn man vor Augen sieht, wie das Kind von der Mutter weg verkauft und so jedes Familienband gewaltsam zerrissen wird?« »Hoheit,« erwiderte Sonnenkamp mit großer Fassung, »vor Allem geschieht das nur selten, ja fast nie, denn es wäre ein materieller Nachtheil und machte die Sklaven arbeitsunfähiger; geschähe es aber, so wäre eine Sentimentalität hier nur ein Transponiren aus der gebildeten Empfindungssphäre in eine geringere. Ein Thier, der Pflege der Eltern entwachsen, kennt die Eltern nicht mehr, Männchen und Weibchen kennen einander nicht mehr, wenn die Brutzeit vorüber. Ich will nicht sagen . . .« »Was ist?« unterbrach der Fürst plötzlich. Der weißhaarige Kammerdiener trat ein. »Warum unterbricht man mich?« »Der Herr Minister Excellenz bitten Ew. Hoheit, das sofort zu öffnen.« Der Fürst öffnete das Schreiben, er nahm ein gedrucktes Blatt heraus; wie eine blutige Ader lief an der Seite ein rother Strich. Der Fürst las, sah vom Blatt auf nach Sonnenkamp, er las weiter, das Papier knitterte und zitterte in seiner Hand, er legte es auf den Tisch und sagte: »Verdammt! Diese Frechheit!« Sonnenkamp starrte auf den Tisch und es war ihm, als würden die beiden telegraphischen Knöpfe plötzlich zu Augen, und auf dem grünen Tisch bildete sich ein Ungeheuer mit fabelhaften Formen, ein grünes Ungeheuer mit einem weißen und einem schwarzen Auge und das tauchte auf aus der Fluth, bewegte sich träge und schwankte hin und her. Wie in Fieberphantasie saß er da, er faßte sich mit aller Macht. Der Fürst sah bald auf das Blatt, bald nach Sonnenkamp, er trat auf ihn zu, reichte ihm das Blatt und sagte: »Da lesen Sie . . . lesen Sie!« Mit großer Schrift stand hier roth angestrichen: »Unmaßgeblicher Vorschlag zu Wappen und Schild für den geadelten Sklavenhändler und Sklavenmörder James Heinrich Sonnenkamp, vormals Banfield, aus Louisiana . . .« »Verweilen Sie hier, ich werde sofort wiederkommen,« sagte der Fürst und zog sich zurück. Sonnenkamp war allein. Was wird nun? Da erschien plötzlich ihm gegenüber ein großer gewaltiger Neger, der die Augen rollte und die Zähne fletschte. Mit einem Schrei, der mehr der Schrei eines wilden Thieres als der eines Menschen, stürzte Sonnenkamp zurück auf seinen Stuhl. Die Gestalt ihm gegenüber schrie und hinter ihm schrie ein Anderer – es war Adams, der hereingestürzt war und Sonnenkamp umklammerte. Der Fürst erschien wieder unter der Thüre und der Neger rief: »Fürst! Herr! Der ist's, der mich betrogen, als Sklaven weggeführt und ins Wasser geworfen hat. Laß seinen Finger zeigen, dort ist noch der Biß von meinen Zähnen. Gib mir ihn, Fürst, gib mir ihn! Auf eine Minute . . . gib mir ihn! dann tödte mich . . .« Von rückwärts hatte Adams die Hände Sonnenkamps gefaßt und hielt sie, als müßte er sie zerknicken. Mit all seiner Macht rang Sonnenkamp gegen diese Gewalt, und hin und her riß er sich mit dem ihn haltenden Neger; er rang nicht nur, er sah auch, wie er rang, in dem Spiegel gegenüber. Da waren zwei Menschen, der eine war er – ist er es? – der andere ein Dämon . . . Der Finger des Fürsten lag fortwährend zitternd auf der telegraphischen Klingel an seinem Schreibtisch, Diener in großer Zahl kamen herbei. Der Fürst rief: »Bringt Adams fort! Ihr steht mir dafür, daß er ruhig bleibt, und Ihr Andern geleitet den Mann da aus dem Schloß.« Adams wurde von Sonnenkamp losgerissen; er stöhnte wie ein getroffener Stier und Schaum stand ihm vor dem Munde. »Laßt mich los! Ich geh' allein,« rief er. Die Diener ließen ab. Der Fürst nahm das Pergament mit dem rothen Siegel vom Tische auf und wendete sich. Da erhob sich Sonnenkamp, er sah den Fürsten an mit Augen, die aus ihrer Höhlung zu treten schienen, und schrie: »Was willst Du? Was bist denn Du? Deine Vorfahren oder Vettern oder wer sonst haben ihre Unterthanen nach Amerika verkauft und sich feste Preise zahlen lassen für einen weggeschossenen Arm, für einen glücklich Getödteten. Pah! Ich habe meine Sklaven von einem Fürsten gekauft und ehrlich bezahlt, aber Ihr . . . was habt Ihr? Ihr habt Eure Unterthanen verkauft und die Zurückgebliebenen mußten noch am Sonntag in der Kirche Amen sagen, wenn der Herr der Herren von der Kanzel herab für Euer Wohl angerufen wurde . . .« Er war nicht sicher, ob der Fürst das noch gehört; die Diener packten Sonnenkamp, er stürzte nieder. Die Wuth, die er schon lange in sich zurückgehalten, raste in ihm. Er wurde aufgerichtet und die Treppe hinabgeführt. Eine Erinnerung, wie ein entronnener Sklave wieder eingefangen wurde, tauchte in ihm auf. Drunten harrte der Wagen. Sonnenkamp stützte sich auf Joseph und sagte: »Joseph, setz' Dich zu mir in den Wagen.« Unterwegs sprach er kein Wort. Als er am Gasthof ankam und ausstieg, war das kleine Kerlchen unter den Droschkenkutschern; jetzt hatten sie Alle Muth und Alle riefen: »Hoch lebe der Baron! Hoch! und abermals hoch!« Sonnenkamp konnte kein Wort hervorbringen. Spottet die Welt über ihn? Er wußte nicht, wie er die Treppe hinaufgekommen. Jetzt saß er im großen Stuhle wie gelähmt, er starrte nach dem Spiegel, als müßte auch hier das Bild des Negers ihm entgegentreten. So saß er stumm dreinstarrend. Viertes Capitel. Im Lehnstuhl lag Sonnenkamp, er betrachtete den Stuhl und faßte die Armlehnen, als wollte er fragen: Hält denn der Stuhl noch, auf dem ich sitze? Als er die Hand auf die Brust legte, zuckte er zusammen, er wurde den Orden gewahr; er riß ihn mit Heftigkeit ab und rief: »Ja! Ich bin ein Kämpfer zweier Welten. Wohlauf! die neue Jagd beginnt! Ich lasse mich nicht niederdrücken. Entweder muß ich mich verachten oder Euch! Wir wollen sehen, wer stärker ist, wer es mehr verdient.« Es muthete ihn fast wie eine Belebung an, daß ihn die Welt so verabscheut. »Recht so! Ich thue es ja auch; ich verabscheue Euch Alle.« Aber die Kinder! die Kinder! sprach es in ihm. Damals, als er in Amerika den Kampf wagte, wußten die Kinder noch nichts. Er klingelte und fragte: »Wo ist Roland?« »Der junge Herr ist noch nicht zurückgekommen; er war um zwölf Uhr da und fragte nach, ist aber dann mit Kameraden wieder weggeritten.« »Er hätte warten sollen,« rief Sonnenkamp . . . . »Besser so,« beruhigte er sich. Wieder saß er in sich gekehrt allein und jetzt war es ihm deutlich. Das war es, was die Menschen bei der Druckerei gelesen hatten; zum Hohne hatten ihm dann die armen Teufel vor dem Hause ein Hoch zugerufen. Er stand auf und schaute zum Fenster hinaus. In einer Gruppe standen die Droschkenkutscher und der Knirps las ihnen eine Zeitung vor. Sie mochten spüren, daß Sonnenkamp nach ihnen schaute, denn ihre Blicke wendeten sich plötzlich hinauf, und wie von Kugeln getroffen stürzte Sonnenkamp in die Mitte des Zimmers zurück; dann setzte er sich nieder und hielt die Hände flach an einander zwischen den Knieen. Es schwindelte ihm, aber er faßte sich muthig und entschlossen. Er weiß, wie sie jetzt in der ganzen Stadt von ihm reden, in teppichbelegter Stube wie im gepflasterten Stall; da heißt es: Ich nähme nicht seine Millionen, wenn ich der Mann sein müßte – und was wird morgen in der Zeitung stehen? Geraume Zeit saß er stumm in sich versunken, da wurde ihm ein großer beschwerter Brief gebracht. Sonnenkamp öffnete, es war ein Brief der Zeitungs-Redaction und enthielt mehrere Goldstücke. Crutius schickte mit vielem Dank das, was er bei seinem Besuche in der Villa erhalten, zurück und erklärte, daß er es schon früher gesendet hätte, wenn er es nicht mit Zinsen hätte zurückerstatten wollen. Sonnenkamp lächelte; es schien ihn fast zu freuen, daß Crutius sich unschön benommen. Lange wiegte er das Gold, das ihm wie verschmäht zurückgekehrt war, in der Hand hin und her. So ist's also! Jeder darf Dich höhnen und Du mußt still sein. Er hatte einen Revolver bei sich, er sprang empor, nahm den Revolver, hob ihn in die Höhe und wendete ihn. Nach der Druckerei und diesen Professor Crutius niederschießen wie einen tollen Hund . . . Aber das geht hier zu Lande nicht ungesühnt. Und sollte er dann gleich sich selbst erschießen, oder im Kerker sitzen und endlich enthauptet werden? »Nichts da! Wir müssen die Sache anders machen,« erholte er sich. Er legte den Revolver in das Etui und klingelte. Joseph kam zitternd. Wer weiß, was der Menschenfresser jetzt mit ihm macht! Drunten hatte der Kutscher Bertram bereits einen andern Dienst angenommen, Joseph wollte bleiben, er wollte das seinem Herrn sagen; er kam nicht dazu, denn Sonnenkamp fragte in gutmüthigem Tone: »Joseph, wer war Dein Vater? Lebt er noch?« »Ja wohl; mein Vater ist Anatomiediener.« »So? Und auf die Anatomie kommen die Leichen der Selbstmörder und die Studenten studiren dran? Nicht wahr?« Joseph wußte nicht, was er sagen sollte. Sonnenkamp schien auch keine Antwort zu verlangen; abspringend sagte er, man solle Boten nach Roland ausschicken, auch Baron Prancken solle gesucht werden. Roland war schwer zu suchen, Prancken aber gar nicht zu finden, denn er war an einem Orte, wo man den lebemännischen Baron niemals vermuthet hätte. Der Oberkellner trat ein und sagte, daß das Mittagsmahl bereit sei, und fragte, wann aufgetragen werden solle. Sonnenkamp starrte den Fragenden an. Der Mensch weiß doch sicher, daß jetzt nicht gespeist wird, er war offenbar nur gekommen, um zu kundschaften; vielleicht warteten drunten Viele, die Bescheid haben wollten, wie Herr Sonnenkamp sich jetzt benimmt. Sonnenkamp sah den Oberkellner mit einem wegwerfenden Blicke an und erklärte, er werde Bescheid geben, wann er das Befohlene wünsche, und ferner solle Niemand unangemeldet bei ihm eintreten. Fünftes Capitel. Zur selben Zeit, als Sonnenkamp im Schlosse ankam, trat Prancken in die Domdechanei; er war von dem vorbeiziehenden Militär einige Minuten aufgehalten worden, er hatte manchen von Staub bedeckten Kameraden zu Fuß und zu Pferd zu begrüßen. Er ging nach dem Stadtviertel, wohin keine Militärmusik dringt, hier war's so still, als hielte Alles den Athem an; nur in der Kirche dröhnte noch die Orgel. Er trat ein und sah den Domdechanten, eine große, mächtige Gestalt, eben in die Sacristei zurückkehren. Eine Weile saß Prancken in einem Kirchenstuhl, bis er wissen konnte, daß der Domdechant in seiner Behausung angekommen; dann verließ er die Kirche. Der Diener stand in der offenen Thüre und sagte, der geistliche Herr lasse ihn bitten, einstweilen hier einzutreten. Er wurde die schöne große Treppe des alten Stiftshauses hinaufgeführt, droben schloß ein junger Geistlicher, der eben aus der Thüre kam, dieselbe ganz leise, fast andächtig; der junge Geistliche stieg die linke Treppe hinab, während Prancken die rechte hinanging. Prancken mußte im großen Zimmer wieder eine Weile warten; ein offenes Buch lag auf dem Tisch; er sah hinein, es war der Schematismus; Prancken lächelte. Die Geistlichen haben wie das Militär eine gedruckte Rangliste? Der Domdechant trat ein, er hielt ein Buch in der Hand, zwischen dessen Blätter er den Zeigefinger gelegt hatte. Er begrüßte mit dem Buche winkend Prancken und bat ihn, sich zu setzen; er ließ ihn das Sopha einnehmen und setzte sich in einen Rollstuhl ihm gegenüber. »Was bringen Sie, Herr Baron?« Mit demuthsvollen Mienen erwiderte Prancken, daß er nichts bringe, vielmehr etwas holen wolle. Der geistliche Herr sah noch einmal in das Buch, legte es weg und sagte: »Ich bin bereit.« Prancken begann zu erklären, daß er den Domdechanten vor Allem zu seiner Beichte erwählt habe in einer Sache, die nur ein Mann von adliger Geburt maßgebend beurtheilen und berathen könne. Der Domdechant hielt das Kinn in der linken Hand fest und erwiderte, daß es nach der Weihe und Wiedergeburt keinen Adel mehr gebe; er habe keine andere Kraft als der Sohn des ärmsten Taglöhners. Prancken glaubte einen unrichtigen Ton angeschlagen zu haben, er erklärte daher, wie er allerdings die geistliche Würde als die höchste ansehe, wie es aber doch von Bedeutung sei, daß der hochwürdige Herr die Lebensverhältnisse kenne, die er ihm vorlegen wolle. Nun berichtete er kurz von seiner Vergangenheit bis dahin, wo er in Beziehung zu Sonnenkamp getreten war. Hier wurde er etwas ausführlicher und bekannte, daß es zuerst ein Scherz, ein Zeitvertreib gewesen sei, Manna, die Tochter des Millionärs, sich als seine Frau zu denken. Er erzählte, wie Manna unversehens ins Kloster eingetreten, und mit großer Wärme bezeugte er, daß sie es war, die ihn zum höheren Leben erweckt habe. Ausführlich verweilte er bei einem momentanen Vorsatze, Geistlicher zu werden; er fügte hinzu, daß er davon abgekommen, denn er halte sich nicht für würdig, er hoffe jedoch, im Verein mit Manna ein den höchsten Interessen gewidmetes Leben zu führen. Mit ruhiger Aufmerksamkeit hörte der Domdechant die Erzählung. Jetzt machte Prancken eine Pause und der geistliche Herr sagte: »Das war wol die Einleitung. Ich muß Ihnen nun sagen, daß ich Herrn Sonnenkamp und seine Tochter kenne. Ich war vor Kurzem bei einem Amtsbruder im Dorf, zu welchem Villa Eden – nicht wahr, so heißt es doch? – eingepfarrt ist; ich habe das Mädchen gesehen, es hieß damals, sie wollte Nonne werden. Ich habe auch den Park gesehen und das Haus, Alles sehr stattlich, sehr verlockend. Und nun, bitte, fahren Sie fort, sagen Sie ohne weitere Umschweife, was Sie von mir wünschen.« Prancken erzählte, daß er in Gemeinschaft mit dem Cabinetsrath es dahin gebracht habe, daß Sonnenkamp das Adelsdiplom erhalte. Wieder machte er eine Pause, aber der geistliche Herr fragte nicht mehr, sondern sah ihn nur fragend an. Den Blick auf die Tischdecke geheftet, sagte nun Prancken, was er von der Vergangenheit Sonnenkamps wisse, er habe bisher immer geglaubt, daß er es gleichgültig betrachten dürfe, aber eben jetzt – seit gestern, da Sonnenkamp ihm und seiner Familie ebenbürtig würde, lasse es ihm keine Ruhe mehr. »Ich verstehe Sie nicht,« sagte der Domdechant. »Finden Sie sich in Ihrem Gewissen belastet, weil Sie, obgleich Sie wußten, wer der Mann ist, doch dahin wirkten, daß er in den Adelstand erhoben wird?« »Ja und nein,« erwiderte Prancken, »ich bin mir darüber nicht klar. Ich könnte sagen, ich bin unschuldig, denn ich bin zu keinem Gutachten aufgefordert, und doch –« »Sprechen Sie nur weiter, ich glaube, Sie sind auf dem richtigen Wege. Also, und doch –?« Prancken erklärte, daß es ihm schwer werde, aber sich zusammennehmend, sagte er: »Dank dem Himmel, daß er uns lebendige Wesen in die Welt gesetzt, denen wir sagen können und müssen, was wir uns selbst nicht bekennen. Ich gestehe, daß mein offen dargelegtes Verhältniß zu Herr Sonnenkamp vielleicht mehr als ein Gutachten in Worten war.« »Ganz richtig. Sie sind nun zu mir gekommen, um in der letzten Stunde zu hören, was Sie thun sollen?« »Ehrlich gestanden, nein. Ich möchte nur, daß Sie mir etwas auferlegten, wodurch ich diese Pein und Furcht vor Entdeckung los werden könnte.« »Wunderliche Welt!« entgegnete der Geistliche. »Die Weltkinder möchten gern genießen und sündigen und dabei einen sühnenden Segensspruch empfangen.« Die Gedanken Pranckens wanderten unwillkürlich nach dem nahen Hause Nelly's. Er zwang seine Gedanken gewaltsam zurück. Eine Weile waren beide Männer still, dann fragte der Domdechant: »Weiß Herr Sonnenkamp, daß Sie seine Vergangenheit kennen?« »O nein, und er darf es nie wissen.« Wieder trat eine längere Pause ein. Vom nahen Dome schlug es Mittag, die Glocken läuteten, der Geistliche erhob sich und sprach ein leises Gebet; auch Prancken erhob sich und faltete die Hände. Dann setzten sich Beide wieder. Noch immer sprach Keines ein Wort. Ein Unwille erhob sich in Prancken, er bereute fast, daß er hieher gegangen; es kann ihm doch nicht geholfen werden. Mit unterdrücktem Unmuthe sagte er endlich: »Hochwürdiger Herr, ich habe Ihnen Alles gebeichtet, nun, bitte, rathen Sie mir.« »Soll ich Ihnen rathen, daß Sie Herrn Sonnenkamp und Ihre Braut verlassen?« Prancken schaute vor sich hin. »So sind sie!« fuhr der geistliche Herr fort; »sie wollen einen Rath haben, die Kinder des Weltgenusses, aber nur einen solchen, der ihnen keine Entziehung auferlegt; sie wollen einen Rath haben, wie sie das, was sie ausführen wollen, auch noch mit einer Beschwichtigung des Gewissens thun dürfen. Sie wollen Senf zur Verdauung schwerer Speisen . . .« »Ehrwürdiger Herr,« sagte Prancken zitternd, »befehlen Sie, daß ich Herrn Sonnenkamp und Manna verlasse, und ich gelobe Ihnen, daß ich es sofort thue. Nur bedenken Sie, was soll aus dem Mädchen werden und soll das so Erworbene nicht zu Höherem –« »Halten Sie ein!« unterbrach der Domdechant; seine Brauen zogen sich zusammen, seine Lippen preßten sich auf einander. »Sie glauben uns wol mit diesen Millionen zu kirren? Sie sind auch ein solcher, der bei aller scheinbaren Verehrung für uns doch denkt: die geistlichen Herren wollen nichts als Geld, nichts als Macht. Nein, wir wollen nichts von Eurem Gelde, von so erworbenem, von so erheiratetem und so ererbtem.« Der geistliche Herr stand am Fenster und schaute in den Himmel, wo dunkle Wolken dahin zogen; er schien ganz vergessen zu haben, daß Prancken da sei, bis dieser endlich sagte: »Wünschen Sie, hochwürdiger Herr, daß ich mich entferne?« Rasch wendete sich der Geistliche und sagte, mit der linken Hand befehlend: »Setzen Sie sich – setzen Sie sich.« Prancken gehorchte. »Ich will Ihnen etwas sagen. Was Sie dem Adel angethan . . . denn Sie haben nicht blos geschehen lassen . . . das ist Ihre und des Adels Sache; für uns sind Ihre Ehrengrade gleichgiltig. Aber das sage ich Ihnen« – der Geistliche hielt inne, stützte den Ellenbogen in die Fläche der rechten Hand und hielt sich mit der Linken das Kinn – »nun müssen Sie treu sein, Sie dürfen diesen Mann und seine Tochter nicht verlassen. Sie müssen Alles mit ihnen theilen, Sie müssen sich als angeschmiedet betrachten und in Demuth danken, daß Sie sich und Ihre neue Familie noch zu reinen Opfern lenken können.« Prancken stand auf, küßte dem Domdechanten die Hand und rief: »Das will ich, das gelobe ich. Halten Sie Ihr Auge auf mich, Sie sollen sehen, daß ich vollführe, was Sie mir auferlegt.« »So gehen Sie mit Gott, Sie haben Schwereres zu tragen, als Sie jetzt vermeinen. Gehen Sie mit Gott.« Prancken ging. Er ging voll Demuth die Treppe hinab und drückte drunten dem Soldaten brüderlich die Hand. Als Prancken weggegangen war, betrachtete der Soldat noch seine Hand und suchte dann auf dem Boden herum; er konnte immer nicht begreifen, daß der flotte Herr von Prancken ihm nicht ein Goldstück gegeben. Nein, das hätte geklirrt – er hat ihm gewiß Papiergeld gegeben, aber es war nichts zu finden auf dem saubern Estrich. Als hätte Prancken die Gedanken des Soldaten geahnt, kam er wieder und händigte ihm in der That ein Goldstück ein, dann ging er weiter. Er kam an dem Hause Nelly's vorüber, wo er gestern – war es denn in der That? – eine Stunde gewartet. Er blinzelte hinauf, er glaubte, daß im offenen Fenster Jemand liege, dessen Auge nach ihm schaute; er hielt den Blick zur Erde geheftet und ging weiter. Er kam auf den Paradeplatz, hörte die Parademusik, sah die Officiere im Kreis stehen; er ging vorüber und ein Lächeln zog über seine Mienen. »Du hast gut gespielt, aber Du hast auch nur gespielt,« sagte er, indem er an den Domdechanten zurückdachte. »Du sollst sehen, ich werde gut spielen, ich kenne meine Rolle und werde Euch schon etwas vorgaukeln.« Der Stolz that sich wieder in ihm auf, er konnte es nicht fassen, daß er, Otto von Prancken, die verschämte Demuth gewesen. Halb demüthig, halb selbstbewußt kam er vor dem Hotel Victoria an und jetzt spürte er einen wahren Manöverhunger. Das Gute haben solche Gemüthsbewegungen, sie machen Hunger. Prancken freute sich auf das feine Mittagsmahl mit dem Schwiegervater Baron. Als er vor der Thür Sonnenkamps stand, faßte er sich aufs Neue. Er trat ein. Das Ordenszeichen Sonnenkamps lag vor den Füßen des eintretenden Prancken; das Erste war, daß er sich nach demselben bückte und es aufhob. Joseph verließ das Zimmer. Sonnenkamp schien zu warten, daß Prancken zu sprechen beginne, und als dieser sagte: »Ich gratulire,« fiel er ein: »Nein, nein – nicht. Ich danke Ihnen, daß Sie noch einmal zu mir gekommen sind. Ich danke Ihnen sehr. Sie haben es gut mit mir gemeint.« »Noch einmal? Gut gemeint? Ich begreife nicht.« Sonnenkamp sah ihn starr an; die ganze Stadt, die Kutscher auf den Straßen wissen es, und dieser Mann nicht? Will er ihn täuschen? »Haben Sie die Zeitung gelesen?« fragte Sonnenkamp. »Die Zeitung? Nein. Was soll's denn?« Sonnenkamp reichte ihm das Blatt. »Hier – mein Adelsdiplom,« sagte er und wendete sich ab, während Prancken las. Er wollte nicht umschauen, die Mienen dieses Mannes nicht sehen. Lange war lautlose Stille in der Stube, da fühlte Sonnenkamp eine Hand auf seiner Schulter. »Herr Sonnenkamp,« sagte Prancken, »ich bin ein Edelmann . . .« »Ich weiß – ich weiß.« »Und ich bin Ihr Freund,« fuhr Prancken ruhig fort. »Ich kann nicht billigen, was Sie gethan, um eine solche Kundgebung herauszufordern.« »Machen Sie es kurz, ich habe heut schon genug predigen gehört.« »Ich trete der ganzen öffentlichen Meinung entgegen, ich bin Ihr Freund und liebe Ihre Tochter. Es freut mich fast, daß ich Ihnen durch ein Opfer beweisen kann, wie meine Gesinnung –« »Herr von Prancken, Sie wissen nicht, was Sie thun. Ihre Freunde, Ihre Familie –« »Ich weiß Alles. Pah! Die Tugendmenschen sollen die Steine liegen lassen, die sie gegen uns aufheben wollen. Wer mit den Augen zuckt, den fordere ich vor meine Klinge.« »Sie haben Muth . . . Opfermuth . . . Aber ich kann das nicht annehmen.« »Nicht annehmen? Sie haben kein Recht, mich abzulehnen. Ich bin Ihr Sohn wie Roland, ich stehe zu Ihnen . . . Ist Roland noch nicht zurück?« »Nein.« »So ist er mit dem Fähnrich zu dem Schmause. Ich hole ihn.« Sonnenkamp sah staunend dem Davonfahrenden nach. Sechstes Capitel. Roland war, wie Prancken mit Recht vermuthet hatte, mit dem Sohn des Cabinetsraths nach dem Militär-Casino gegangen, wo ein Theil der Garnisons-Officiere nach dem anstrengenden Manöver des heutigen Morgens einen Schmaus bestellt hatten. Es wurde viel gescherzt und getrunken, man stieß an auf das Wohl des jungen Amerikaners und Roland war einer der muntersten von Allen. Da kam ein Nachzügler und rief in den Lärm hinein: »Wißt Ihr schon? Der Sklavenhändler ist in einem papiernen Lasso gefangen worden.« »Was ist?« hieß es. Der Neuangekommene las aus der Zeitung vor: » Unmaßgeblicher Vorschlag zu Wappen und Schild für einen Neugeadelten. Es könnte uns eine Genugthuung sein, die Einheit des Junkerthums in beiden Welten zu constatiren; leben von der Arbeit Anderer, ist ihr Wappenspruch; Du bist zum Nichtsthun geboren, sagen die Junker in der alten, wie in der neuen Welt. Es kann nur Junker geben, wo es Sklaven gibt, wenn sie auch nicht immer Sklaven heißen. Wir haben nach Amerika geschrieben, um Erkundigungen über einen sichern Herrn Banfield einzuziehen. Wir haben bisher geschwiegen, wir hätten länger und immer geschwiegen aus Rücksicht und Schonung für die Kinder dieses Auswürflings, die es nicht verdienen, diese schwere Schuld zu tragen. Wir sind keine Freunde des Adels, wir halten diese Institution für eine absterbende; aber auch die Adligen sind unsere Mitbürger, sind ein Theil unseres Volkes; wir Bürgerlichen haben nichts, um einen Mann aus unserer Mitte auszustoßen, wir hätten ihn ruhig gewähren lassen müssen, diesen Mann, diesen unbarmherzigen Sklavenhändler. So gehe denn hin, deutsche vornehme Welt, und adle ihn, gib ihm deine Ebenbürtigkeit. Die Heraldiker unserer Redaction schlagen als Wappen vor für diesen Herrn Sonnenkamp aus Villa Eden . . .« »Halt ein!« schrie der Fähnrich, denn Roland fiel leblos vom Stuhl zu Boden. Er wurde aus dem Zimmer getragen, er wurde zum Leben erweckt. Glücklicherweise kam jetzt ein Wagen, Prancken stieg aus. Roland wurde in den Wagen gehoben. Vom Fieber geschüttelt, in einen Soldatenmantel gehüllt, saß Roland in der Ecke, manchmal öffnete er die Augen, schloß sie aber bald wieder. Prancken redete ihm zu, er solle die ganze Welt verachten; Roland schwieg. Man kam im Gasthof an. Vor der Thür wartete Joseph. Das erste Wort, das Roland sprach, war, daß er bat, ihn allein zu lassen. Er ging mit Joseph die Treppe hinan. »Sie sollen zu Ihrem Vater kommen,« sagte Joseph. Roland nickte, aber als er oben war, eilte er in sein Zimmer und verschloß die Thür. Joseph ging zu Sonnenkamp und sagte, daß Roland zurückgekehrt sei. »Er soll zu mir kommen,« rief dieser. »Er hat sich eingeschlossen.« »Hat er seine Pistolen bei sich?« »Nein, ich habe sie noch.« Sonnenkamp ging nach dem Zimmer Rolands. Er klopfte. Keine Antwort. Er bat und beschwor Roland, ihm zu antworten; Roland gab keinen Laut von sich. Sonnenkamp stand zitternd vor der Thür. »Roland,« rief Prancken, »wollen Sie Ihren Vater noch aufs Aeußerste kränken? Wollen Sie ihn auch verlassen?« Es kam keine Antwort. »Mein Sohn!« stöhnte Sonnenkamp. »Mein Sohn! Dein Vater ruft! Gib Antwort! Soll ich mit einem Schlag die Thüre einbrechen? Gib Antwort . . . Ist das die Lehre, die Dir Herr Dournay eingepflanzt?« Der Riegel ging zurück, Roland stand unbewegt, die Lippen zusammengepreßt, und schaute auf seinen Vater, der ihm die Arme entgegenstreckte. »Mein Sohn!« rief Sonnenkamp. »Mein einziger Sohn! Mein geliebter Sohn! Mein Kind!« Roland stürzte auf seinen Vater los, faßte seine Hand und weinte darauf. »O, mein Kind, Deine Thränen auf meiner Hand! Hier diese Wunde, diese Narbe, die Thränen meines Kindes heilen sie, die Thränen meines Kindes allein!« Er warf sich an die Brust Rolands und rief: »Du, mein Sohn, Du wirst Deinen Vater nicht verachten. Ich werde Dir Alles erklären . . . Wenn Unrecht an meinem Gute haftet . . . Es ist nicht, ist keines . . . Diese Ehre wollte ich um Deinetwillen . . . Du solltest es besser haben, als ich . . . Ich habe gefehlt, daß ich es wollte . . . Um Deinetwillen und Deiner Schwester willen . . .« Es gab ihm Herzstöße, während er sprach, und zum ersten Mal im Leben sah Roland seinen Vater weinen. Er umschlang ihn und weinte mit ihm. Stumm und starr saßen Vater und Sohn dann einander gegenüber, endlich sagte Roland: »Es gibt eine Rettung . . . eine einzige Rettung!« »Ich bin bereit, sprich, mein Sohn.« »Ich weiß es – ich weiß es! Wirf Alles von Dir, laß uns arm sein – arm! Willst Du?« Sonnenkamp war erleichtert, da er sah, wie Roland sein Gemüth erleichterte. »Du bist starken Herzens, muthigen Geistes; Herr Erich hat Dich gut gelehrt . . . groß . . . tapfer . . . Das ist schön . . . das ist das Rechte . . . das Beste!« »Also Du stimmst bei?« »Mein Sohn! Ich verspreche Dir, Du sollst einig sein mit dem, was ich thue. Nur in diesem Augenblick darf man nichts bestimmen.« »Nein, jetzt . . . in diesem Augenblick . . . es ist der höchste, es ist der einzige Moment! Jetzt muß es geschehen! Nach ihm ist Tod, Nacht . . . Zerfall . . . Elend! Ich will für Dich arbeiten, für Dich, für die Mutter, für Manna. Und Erich wird bei uns sein! Ich weiß nicht, was werden soll, aber es wird . . . Nur wirf Alles von Dir!« »Mein Sohn – Alles, Alles mit Dir, durch Dich, aus Deinem reinen Herzen, aus Deinem ungebrochenen . . . Ja, Dein Freund Erich – unser Freund Erich soll auch bestimmen, nur in diesem Augenblicke laß uns nichts entscheiden.« »Laß uns heute noch heimkehren,« bat Roland. Sonnenkamp schien nicht zu hören, was Roland sagte; er saß da, hatte die Augen geschlossen und die Fäuste geballt. »Hörst Du mich, Vater?« rief Roland. Bei dem Worte Vater durchschauerte es ihn, er empfand jetzt, was es heißt, hier Vater sagen zu müssen. »Was willst Du?« fragte Sonnenkamp wie erwachend. »Laß uns heut noch heimkehren,« wiederholte Roland. »Nein, heute nicht. Wir müssen Beide zuerst Kraft haben.« Prancken hatte sich ins Nebenzimmer zurückgezogen; er schickte nun Joseph und ließ sagen, daß es Zeit zum Speisen sei. Roland war entsetzt, daß er essen solle; er willfahrte um des Vaters willen. Der Platz des Cabinetsraths war leer; es zeigte, was künftig allen Tafelsfreuden fehlen würde. Prancken winkte Joseph, dieser verstand und nahm das Gedeck schnell weg. Jetzt erfuhr auch Roland, wie die Bestechung eingeleitet und wie verderbt und eigensüchtig die Menschen waren. Sonnenkamp bemerkte, welch einen Eindruck das auf Roland machte; ein Triumphiren ging über seine Mienen. So ist's gut! Roland soll die ganze Verruchtheit der Menschen kennen, soll einsehen lernen, daß alle Menschen mehr oder minder niederträchtig sind, dann wird auch, was sein Vater gethan, ihm allmälig milder und in matteren Farben erscheinen. Ein ausgesuchtes Mahl wurde aufgetischt, die Drei aber aßen, als ob sie bei einem Todtenmahle säßen; die Ehre vor der Welt war zur Leiche geworden. Jeder von den Dreien fühlte das, Keiner sprach es aus; sie aßen und tranken, denn der Leib bedarf der Nahrung, um Herzeleid zu tragen. Vater und Sohn schliefen in Einem Zimmer, sie sprachen kein Wort, Keines wollte den erlösenden Schlaf des Andern verscheuchen. Nach einer Stunde erwachte Roland, er warf sich ruhelos umher. Wie eine schwarze Wand stand die Nacht vor ihm; er richtete sich auf wie irr. Den Verstand, die Besinnung verlieren . . . Ja verlieren! Es ist Dir plötzlich abhanden gekommen, Du weißt nicht wo, Du weißt nicht wann, Du weißt nur, es ist nicht da, nicht in Deiner Gewalt. Aber wenn man es nur finden könnte! Du hast keine Gewalt mehr über Deine Vorstellungen, sie kommen und gehen, sie verbinden und trennen sich nach Willkür, und innen fühlst Du, das wird nicht so bleiben, das kann nicht so bleiben; es muß eine Zeit kommen, wo Du wieder Alles bewältigst. Wenn nur nicht Nacht wäre! Wenn nur nicht Nacht wäre! stöhnte Roland vor sich hin. Zum ersten Mal im Leben erwachte er in seelischem Schmerz, und traurig, dunkel, undurchdringlich stand die Welt vor ihm. Er dachte an die Mutter, an Manna, an Erich. Wie werden sie Alle das tragen? Er weinte. Und jetzt in der einsamen Nacht war's ihm, als käme Benjamin Franklin zu ihm und sagte: Sei frei, sei nicht Sklave Deiner selbst; sei Herr über Schmerz und Elend. – Er ward ruhiger. »Wenn nur nicht Nacht wäre!« sagte er wieder, und es fiel ihm ein, wie einst die Professorin gesagt: In der Nacht ist Alles viel entsetzlicher, am Tage sind alle Schmerzen, körperliche und seelische, nicht mehr so grausam; das Auge sieht doch die Dinge der Welt, das Sonnenlicht gibt Leben und beleuchtet die Dinge. Aus dumpfem Brüten versank er endlich wieder in den Schlaf. Früh am Morgen fuhr man nach der Villa. Siebentes Capitel. Der Morgen war frisch und fröstelnd. Auf dem Bock des Wagens saß nicht mehr Bertram; ein Lohnkutscher, den man schnell angenommen, setzte sich neben Lutz; Roland, der die Pferde kannte, wollte die Stelle des Fremden einnehmen, aber Sonnenkamp sagte mit heiserer Stimme: »Nein, mein Kind! Setze Dich zu mir. Bleib bei mir.« Roland gehorchte; er setzte sich zum Vater und zu Prancken in den geschlossenen Wagen. Man fuhr schweigend durch die Stadt; ein Jedes dachte: Wirst Du je wieder hierher zurückkehren und wie? Man kam an dem Lustorte vorüber, wo man im vorigen Sommer so viel Auszeichnung empfangen. Roland schaute hinaus; auf den Tischen des Wirthsgartens lagen vergilbte Blätter, Alles war leer und öde. Seufzend, mit geschlossenen Augen, legte sich Roland in die Ecke des Wagens zurück, die Jugendfrische war über Nacht aus dem Gesichte verschwunden, da war Alles welk wie eine Blume, die erfroren. Geraume Zeit fuhr man stumm dahin. Bald aber hörte Roland, wie sein Vater sich erlustigte, darzulegen, daß alle Menschen eitel Gauner seien; der und jener, von dem man mit Verehrung gesprochen, vor dem man sich tief gebeugt, wäre werth, auf die Galeere zu kommen. Bei dem Cabinetsrath fing es an, wie der so geschickt sich bestechen läßt und doch thun kann, als ob nichts geschehen wäre, und so ging's weiter. In Fetzen zerrissen wurde der gute Name aller Menschen. Prancken ließ Sonnenkamp wüthen und rasen, er ließ ihn sogar an Clodwig streifen. Was thut's? Es ist die Lust eines Gekränkten, vor Allem aber eines von wirklicher Schuld Belasteten, alle Anderen mit sich herabzuzerren. Eine Ahnung ging in Roland auf und es fröstelte ihn tief ins Herz hinein, daß er nun darauf denken, suchen und forschen müsse, die Schattenseiten aller Menschen zu erkennen und sich vor Augen zu halten. Muß man das, um noch in sich bestehen zu können? Wie verändert war heute die Welt! Eines vor Allem wälzte sich ruhelos in ihm: Gestern war Ehre Alles, heute ist sie nichts mehr. Was ist denn Ehre? Sie ist das Salz in der Speise des Lebens, ohne sie ist das Dasein schal. Leise und behutsam begann Prancken hervorzuheben, wie nur ein fester religiöser Glaube aufrecht erhalte, und offen zog er gegen diejenigen los, die dem Nebenmenschen den höchsten und einzigen Halt entziehen. Roland wußte, daß Erich damit gemeint war, aber er hielt an sich. Prancken ging weiter. Er erzählte, daß der Vater Erichs, den Mutter und Sohn zu einem Halbgott aufputzen, ein Mann war, der an der Universität keine Zuhörer bekommen konnte und über den alle Gelehrten die Achsel gezuckt hätten. Sonnenkamp rauchte unaufhörlich und schnell, und aus den Wolken heraus rief er in lustigem Ton: die Menschen in der ganzen Gegend sollten ihm eigentlich danken, sie seien ja jetzt lauter schneeweiße Engel, es fehle ihnen weiter nichts als ein Flügelpaar; Männlein und Weiblein könnten sagen: Herr, ich danke Dir, daß ich nicht bin wie dieser Sonnenkamp. Prancken schien dieser Humor zu gefallen und er sagte: übers Jahr, wenn man sich daran gewöhnt habe, denke kein Mensch mehr an das Aufsehen von heute. Roland empfand aufs Neue das Gefühl der Heimatlosigkeit, denn der spöttische Ausruf des Vaters, daß die ganze Welt ihm danken müsse, wirkte tief auf seine Seele. In seinem Gemüthe waren Elemente des Denkens und Empfindens gelöst, und Niemand konnte ahnen, welche Wandlung in diesen gelösten Elementen durch neu hinzutretende Stoffe bewirkt wurde. Das Bewußtsein erwachte in ihm, daß er eine Schmach trägt, die nie mehr getilgt werden kann. Die Nebel verzogen, der Tag ward hell, die Sonne schien warm, Sonnenkamp hüllte sich in seinen Mantel, ihn fror. Roland saß im Wagen und starrte auf die Straße, er sah nichts als den Schatten des Pferdes von der einen Seite, und dieser Schatten bewegte sich, setzte die Beine vor- und rückwärts. Ist Alles nur ein Schatten? . . . Er sah die Hirten die Schafe weiden auf den Stoppelfeldern und fragte sich: Ist das ein besseres Leben? Er schloß die Augen. Da war es ihm, als ob der Wagen bergab rollte. Er öffnete die Augen, der Wagen war auf gerader Straße. Stumm blickte er hinaus in den hell schimmernden Tag. Ach, der Ausblick in die Natur hilft nur dem Freudigen oder dem, der vom Schmerz zu genesen beginnt; dem schwer Betroffenen, Schmerzvollen ist sie nichts, sie beleidigt ihn fast in ihrer Stetigkeit, in ihrem theilnahmlosen Fortleben. Roland hatte bis jetzt im Dämmerreich zweier Lebensalter gestanden, er war auf einmal von der Jugend geschieden; sein Stolz war in Schande verwandelt, aber er war gereift genug, bald sein Selbst zu vergessen und auf den Vater zu schauen; der ist doppelt unglücklich, für sich selbst und daß er das Unheil über Andere, über seine Nächsten gebracht . . . Sonnenkamp schlummerte, aber in seinen halbwachen Traum hinein hörte er im Rollen des Wagens die klirrenden Ketten gebundener Sklaven. Er erwachte plötzlich und sah wie irrsinnig drein. Wo war er? Was war geschehen? Er hüllte sich fester in den Mantel und verbarg sein Antlitz. Prancken bog sich zu Roland vor und sagte leise: »Ich weiß, wie Sie in sich zerrissen sind, aber es gibt für Sie eine Heilung, eine große That.« »Welche ist das?« »Sprechen Sie nicht so laut, wecken Sie den Vater nicht. Das einzige Mittel für Sie . . . die große erhabene That ist, Sie treten ein in das päpstliche Heer. Dort ist die letzte, die höchste Burg, die es noch zu vertheidigen gilt; sinkt sie, so haben die Atheisten und Communisten gewonnen. Ich selber wäre bereit, wenn . . .« »Ja,« unterbrach Roland, »das wär's! Wir geben all unser Besitzthum in die Hand des Heiligen Vaters, und er verkündet mit einer Bannbulle die Aufhebung der Sklaverei.« Sonnenkamp konnte sich nicht mehr schlafend halten. »Recht so, mein Junge!« rief er. »Recht so! Der Papst soll das thun. Aber glaubst Du, daß er jetzt für Geld thun wird – und wäre es zehnmal so viel – was er nicht von selbst gethan hat? Der Gedanke ist groß, Herr von Prancken, sehr groß und sehr – sehr klug.« Es lag eine bittere Schelmerei in diesem Lobe, denn er dachte: Du willst das ganze Erbe haben und meinen Sohn ans Messer liefern. »Aber lieber, edler, junger Freund,« sagte er laut, »sagen Sie ehrlich, glauben Sie, daß der Papst thut, was unser Roland erwartet?« »Nein.« Man fuhr wieder still dahin. In der Ferne sah man die Villa, auf dem Thurme prangte die Unionsflagge neben der grüngelben Landesfahne. Man kam bei dem grünen Hause an; Roland bat, daß er aussteigen dürfe; es wurde ihm willfahrt. Er ging in den Garten, da rief ihm eine helle Stimme zu: »Glückwunsch hin, Glückwunsch her! Wir wünschen Ihnen Glück, wünschen Sie auch uns Glück, wir sind verlobt.« Lina und der Architekt kamen Hand in Hand durch die Wiese daher. Lina ließ ihren Bräutigam los, ging auf Roland zu und sagte: »Wir haben nicht warten wollen bis zur Einweihung der Burg, wir haben unser Fest für uns. O Roland, wie schön und wie glücklich ist doch Alles auf der Welt! Aber warum reden Sie nicht? Warum machen Sie ein so traurig Gesicht?« Roland konnte nur mit der Hand abwehren und ging rasch in das grüne Haus. Verblüfft standen die Brautleute im Garten und Lina sagte: »Ach, Albert, hier ist nicht gut sein. Auf der Villa hat uns Niemand begrüßt, Manna läßt sich nicht sehen, Herr Dournay ist nicht da und Roland läuft davon. Komm, lassen wir das ganze Haus. Verzeihe mir, daß ich Dich hierher gebracht; ich habe gemeint, das sind die Menschen, denen ich zuerst mein Glück bringen muß. Komm, wir gehen auf Deine Burg und da sind wir einmal einen ganzen Tag, Du ein einsamer Ritter und ich ein Burgfräulein. Ich habe geglaubt, daß heute hier auch Verlobung sein wird; das sieht nicht danach aus.« Lina und ihr Bräutigam gingen die Weinberge hinan, aber am Hause des Majors wurden sie festgehalten, denn am Gartenzaun stand der Major rathlos. Was heut geschehen, war noch nie vorgekommen. Fräulein Milch hatte sich eingeschlossen, sie mußte etwas ganz Besonderes vorhaben. Der Major war glückselig, die Verlobung zu vernehmen; er ließ nicht ab, die Brautleute mußten sich in seine Laube setzen; er sagte, Fräulein Milch werde bald kommen. Fräulein Milch aber saß zum ersten Mal in schwerem Kampfe einsam in ihrer Stube. Die ganze Welt war ihr gleichgültig gewesen und nur insofern von Bedeutung, als man darin etwas holen konnte, was dem Major angenehm war. Sie fand die Gegend sehr freundlich, sie war dankbar gegen den Boden, der so gute Speise wachsen ließ; auch dem Rhein war sie dankbar, er brachte bisweilen einen guten Fisch, und den Bergen nickte sie zu, als wollte sie sagen: Laßt nur guten Wein wachsen; der Major trinkt gern neuen, nur darf er nicht zu viel davon trinken. So war Fräulein Milch wohlgesinnt gegen Mensch und Thier, gegen Wasser und Pflanze; es war ihr gleichgültig, daß sich Niemand um sie kümmerte; sie hatte jede nähere Beziehung streng abgelehnt. Nun war sie durch die Professorin in die Gemeinschaft eingetreten und war heute so tief gekränkt worden. Sie kannte Bella schon lange, wenn auch nur aus der Ferne, sie haßte Bella schon lange, wenn auch nur aus der Ferne; aber was sie heute erfahren, das war ihr neu und schmerzte sie tief. O, sagte sie vor sich hin, o, Frau Gräfin, Sie sind sehr tugendhaft . . . höchst tugendhaft . . . und schön sind Sie auch; ich bin aber auch einmal schön und jung gewesen, und Niemand hat es gewagt, mir mit einem unguten Wort zu nahen; ich bin über die Straße gegangen ohne Bedienten hinter mir, war mein eigener Bedienter. O, Frau Gräfin, Sie stehen in der Rangliste sehr hoch, Sie werden gar Excellenz genannt! Aber geben Sie Acht, es gibt noch eine andere Rangliste, der Major soll es Ihnen zeigen. Nein, er nicht, es würde ihn zu Tode kränken, aber Herr Dournay, der muß es. Nein . . . Niemand . . . ich allein . . . Eben als sie sich wieder in sich aufgerichtet hatte, klopfte der Major wieder und rief: »Fräulein Milch! Liebe gute Rosa,« setzte er leise hinzu, »Röschen . . . Rosalie!« »Was soll's?« hörte der Major. »Es sind zwei gute Menschen da, der Architekt und Lina, sie sind verlobt und sind zu uns gekommen, daß wir uns mit ihnen freuen. Kommen Sie doch . . . kommen Sie in den Garten und bringen Sie gleich eine Flasche mit und vier Gläser.« Fräulein Milch öffnete. Der Major fragte: »Darf ich nicht wissen, was mit Ihnen vorgegangen ist?« »Sie werden es erfahren, ganz sicher. Nun aber fragen Sie mich nicht mehr. Also die jungen Leute sind verlobt und sind bei uns? Ich muß mich nur ein wenig umkleiden, ich komme gleich.« Fräulein Milch wurde ihren Kummer los, indem sich ihr die Pflicht darbot, Glückliche zu erfreuen, und das Brautpaar vergaß die Burg und blieb stundenlang bei Fräulein Milch und dem Major in der Laube sitzen. Da kam die Zeitung. Der Major bat um Entschuldigung, daß er vor seinen Gästen lese; es müsse was Besonderes darin sein, denn sonst bekäme er die Zeitung immer erst, wenn der Bürgermeister, der Schulmeister und der Barbier sie gelesen; dafür dürfe er sie aber auch behalten, und da er nichts mehr in der Welt dazu thun könnte, sei es gleich, ob er ein paar Stunden früher oder später erfahre, was vorgehe. »Ach, da ist ja ein großer schwarzer Strich,« rief Lina. »Das ist der Strich des Bürgermeisters,« sagte der Major. »Fräulein Milch, wollen Sie mir vorlesen? Es muß etwas Besonderes sein.« Fräulein Milch nahm das Blatt, aber sie fuhr erschreckt zurück, da sie hineingesehen. »Was ist denn? Lesen Sie, liebe Lina.« Lina las den bitteren Vorschlag des Professor Crutius; sie wollte nach den ersten Zeilen abbrechen, aber der Major bat: »Lesen Sie weiter! Nur weiter!« Und sie las bis zu Ende. Nach langem schwerem Kopfschütteln sagte der Major: »O Du grundgütiger Weltenmeister! Was hast Du für Sachen im Weltenbau! Ach, lieber Himmel, es ist doch etwas Schreckliches um solch eine Zeitung; jetzt wissen das alle Menschen.« Fräulein Milch wollte sagen, daß das, was hier steht, ihr keine Neuigkeit mehr sei; aber sie hatte die Selbstbeherrschung, dies zu unterdrücken. Sie that es, um nicht eine lange Erörterung mit dem Major zu führen, warum sie ihm das nicht längst gesagt. Erst als er sie bat, zur Professorin zu gehen, die tief erschüttert sein werde von dieser Nachricht, sagte sie: »Die Professorin weiß Alles schon lange und ich auch.« In seiner Verwirrung fragte der Major gar nicht, wie das geschehen; er sah sie nur groß an und sagte dann zu Lina und dem Architekten: »Seht, Kinder, da drunten ist die wunderbar schöne Villa mit dem Park, den Gärten, und im Haus die Millionen . . . Ach! und Roland und Manna! Fräulein Milch, ich bitte, halten Sie mich nicht zurück, ich muß hinunter; kein Mensch kann wissen, was vorgeht, ich muß da helfen. Bitte, Fräulein Milch, thun Sie keine Einsprache.« »Ich habe ja keine gethan, im Gegentheil, auch ich meine, Sie müssen gehen.« Noch bevor sie ausgesprochen, kam ein Bote von der Villa, der Major solle hinabkommen. Lina wollte sich ihm anschließen, aber der Major sagte, daß die Professorin und Tante Claudine Beistand genug seien. Als der Major fortgehen wollte, rief eine Stimme: »Herr Major, bleiben Sie noch.« Mit geröthetem Gesicht, schwer athmend kam Knopf. »Wissen Sie auch schon?« fragte der Major. »Ja freilich, deßwegen komme ich. Vielleicht kann ich etwas helfen.« »Gut, ich gehe, kommen Sie mit. Nein, bleiben Sie hier, bleiben Sie bei ihr. Ich lasse Sie rufen, sobald Sie nöthig sind.« Und so wanderte der Major den Berg hinab, und die Vier sahen ihm mit schwerem und innigem Blicke nach. Achtes Capitel. Manna, Erich und die Mutter saßen ernst beisammen; sie hatten das schwere Geheimniß einander mitgetheilt, auch vor ihnen lag die Zeitung auf dem Tische. Jetzt trat Roland ein und rief: »Manna, wir sind Kinder der Schande!« Drei Menschen liefen auf ihn zu, umhalsten und küßten ihn und hielten ihn fest und warm. »Sei stark, Bruder!« sagte Erich, ihn umfassend. »Stark kann ich Dich hauchen, Bruder!« Das Wort des Hiawatha umtönte Roland, und irren Blickes schaute er hin und her. Stumm saß er auf einem Stuhl und um ihn her saßen die Menschen, alle ihm so innig nah, Niemand sprach ein Wort . . . Sonnenkamp war unterdeß am Eingang in den Park abgestiegen. Ein Telegramm wurde ihm übergeben. Der Cabinetsrath zeigte an, daß der Fürst geneigt sein werde, das strafwürdige Benehmen im Schlosse nicht weiter zu verfolgen. Sonnenkamp lachte. Also begnadigt? Und ich soll vielleicht noch danken? Ein Kampfesmuth war in ihm, als wäre er von einer feindlichen Welt belagert und wehrte mit Heldenkraft die andringenden Feinde zurück; sie sollten ihn nicht aushungern können, nicht die Quelle von Selbstvertrauen und Macht abgraben; er fühlte sich ausgerüstet genug. Prancken hat Recht, man läßt sich nicht fortdrängen, man muß der Welt Trotz bieten, dann beugt sie sich in Demuth, und übers Jahr – nein, viel früher, werden sie Alle kommen und ihm schmeicheln. Hoch aufgerichtet stieg er die Treppe hinan. Er legte den Arm in den Pranckens und bat den Sohn – so nannte er jetzt Prancken – den Sohn, auf den er stolz sei, mit seiner ruhigen Sicherheit vor Allem Frau Ceres das Vorgefallene mitzutheilen, und zwar in der ihm eigenen leichten, Alles besiegenden Weise. »Entgegnen Sie ihr nichts, wenn sie rast. Das Rasen ist nicht mehr zu fürchten.« In dieser Aeußerung lag eine Beruhigung, die Sonnenkamp fühlte. Es ist doch besser, daß die ganze Welt ihm entgegensteht, als daß er immer und immer in der Gewalt dieser tückischen, ihn bedrohenden und niederdrückenden Frau ist. Nun hat sie keine Waffe mehr; der Dolch, den sie verborgen gehalten, ist vor aller Welt abgestumpft. Prancken ging zu Frau Ceres; er mußte lange im Vorzimmer warten, endlich kam Fräulein Perini heraus. Mit kurzen Worten sagte ihr Prancken, daß das Geheimniß, das sie ihm anvertraut und das er bisher so treu bewahrt, offenbar geworden. »So bald?« sagte Fräulein Perini und ging mit Prancken nach dem innern Zimmer. Frau Ceres reichte die linke Hand zum Kusse dar und fragte, ob Prancken die Zeichnung des Wappens mitgebracht habe; sie wies auf einen Stickrahmen, auf welchem sie sofort das Wappen sticken wolle; auch auf die Altardecke wies sie, deren Einfassung bereits vollendet war. Mit großer Behutsamkeit brachte Prancken die Darstellung der Ereignisse vor. »Und er sagte immer, ich sei dumm! Ich bin gescheidter als er,« stieß Frau Ceres heraus; »habe ihm immer gesagt, in Europa ist nichts für uns. Dort hätten wir bleiben sollen. Nicht wahr, jetzt hat er es? Er schämt sich und hat deßhalb Sie geschickt. Er schämt sich, weil ich, die Alberne, die nichts gelernt hat, die Sache besser wußte als er.« In diesem ersten Augenblicke schien die Schadenfreude alle anderen Empfindungen in Frau Ceres zu beherrschen; der Mann, der sie beständig wie ein gebrechliches Spielzeug behandelte, mußte jetzt sehen, daß sie weiter zu denken vermochte als er. Lange saß sie schweigend da. Sie hatte dabei einen höhnisch triumphirenden Ausdruck, als ob sie alle Gedanken, die sie hegte, ihrem Manne zurief. Prancken glaubte hinzufügen zu müssen, daß binnen Kurzem das Haus wieder in altem Ansehen stehen würde. »Glauben Sie, daß wir dann geadelt werden?« Prancken war in Verlegenheit, was er erwidern solle; es schien, als ob die Frau doch nicht begreife, was vorgegangen. Er wich einer geraden Antwort aus und sagte nur, daß er dem Hause Treue halte und sich als Sohn des Hauses betrachte. »Ja, morgen soll die Hochzeit sein. Sie machen in Europa so lange Umstände. Ich fahre mit Euch zur Kirche. Wo ist denn Manna? Sie hat mich entsetzlich vernachlässigt. Dies Zusammenstecken mit den Dournay's wird nun auch aufhören. Dulden Sie es nicht, lieber Baron.« Sie bat Fräulein Perini, Manna herbeizurufen. Prancken ersuchte die Mutter – so nannte er jetzt Frau Ceres – Fräulein Manna noch einige Tage gewähren zu lassen; er werde allein mit ihr sprechen und dann würden sie gemeinsam zur Mutter kommen, um ihren Segen zu erbitten. »Ich segne Sie schon jetzt,« sagte Frau Ceres. Sie erzählte, daß Bella da gewesen, sich aber kaum bei ihr gezeigt habe und in ganz unbegreiflicher Weise wieder davon gefahren sei. Da tönte ein Schuß . . . »Er hat sich erschossen! Er hat es gethan . . . Jetzt!« rief Frau Ceres und stieß einen eigenthümlichen Ton aus; es war nicht Jammer, nicht Lachen, es war ein seltsamer, unfaßlicher Laut. Prancken eilte davon. Neuntes Capitel. In seinem Zimmer hatte Sonnenkamp gesessen; vor ihm lag der Briefbeutel, er öffnete ihn nicht. Was liegt daran, was die Welt draußen will? In ihm raste der Gedanke, daß er etwas thun müsse, etwas Empörendes, alle Welt Niederschmetterndes. Was? Er weiß es noch nicht. Stumm saß er mitten in der schönsten Landschaft bei verhängtem Fenster, wie in einem Keller. Nur nicht weich werden! rief er sich zu. Was hast Du gethan? Ernst hast Du gemacht und Du bleibst dabei. Es ist gut, daß nichts mehr zu verbergen, daß Alles bekannt ist . . . Er ging in den Park nach dem Treibhause. Er stand bei seiner unvergleichlichen Sammlung von Eriken aller Art, und wie im Fluge wandelten seine Gedanken nach all den Orten, wo diese Eriken heimisch, denn es war nicht Täuschung gewesen, als er Erich bei dessen Eintritt gesagt hatte: ich bin an den meisten Orten gewesen, wo diese Pflanzen wild wachsen. Muß man denn hier an diesem Orte haften? Er ging nach dem Obstgarten und sah, wie hier die großen Früchte prangten; bei einzelnen Früchten waren an Drähten mit Wasser gefüllte Glaskugeln untergesetzt, damit immer Wasser verdampfe und die Frucht nähre. Das Alles kann man machen. Man kann der Natur den Weg weisen. Warum den Menschen nicht? Warum dem Schicksal nicht? Er sah die großen Früchte an, als könnten sie ihm Antwort geben. Lange stand er vor einem Baume, den er in Form einer Grafenkrone gezogen, und starrte auf die Zweige. Er kehrte in sein Zimmer zurück und verschloß es. Er nahm einen Revolver von der Wand . . . da klopfte es. »Was gibt's? Was ist?« Ein Reitknecht nannte seinen Namen; Sonnenkamp öffnete. Der Reitknecht berichtete, daß der Rappe des Herrn röchele und Schaum vor dem Maul habe, er sei krank und man wisse nicht woher. »So?« rief Sonnenkamp. »Habt Ihr den Rappen nicht, wie befohlen, als Handpferd spazieren geführt?« »Ja. Soll ich den Thierarzt holen?« »Nein! Komm, ich will ihn schnell curiren.« Er ging hinab in den Stall, er schaute den Rappen grimmig an, dann stellte er sich an dessen Kopf und schoß ihn ins Hirn; das Pferd röchelte tief auf und stürzte nieder. Als er eben den Stall verließ, kam ihm Prancken entgegen. »Was haben Sie gethan?« »Pah! Ich habe ein Pferd erschossen, und Jeder, der nicht unterduckt,« rief er laut, so daß alle Diener es hörten, »soll wissen, was ihm bevorsteht!« Er befahl dem Reitknecht, ihm ein anderes Pferd zu satteln. Joseph kam mit der Anfrage von Frau Ceres, was geschehen sei. Sonnenkamp ließ ihr melden, daß er den Rappen erschossen. Er lächelte, als er den Bericht Pranckens von der Stimmung seiner Frau hörte, vermied indeß, zu ihr zu gehen. Das große Haus bot die Möglichkeit, daß Jedes für sich lebte. Er ging zur Professorin, es war ihm schwer, vor sie und Erich zu treten, aber es mußte sein; er mußte sich waffnen, allen Menschen keck ins Antlitz zu schauen. War er denn ein Feigling? Hatte er nicht der Welt Trotz geboten, und sollte er nun diese Lehrersfamilie fürchten? Er trat in das grüne Haus. Er reichte weder der Professorin, noch Erich die Hand, er fragte nur, wo die Kinder seien. Er erhielt die Antwort, sie hätten sich in die Bibliothek eingeschlossen. Mit leichtem Tone sagte Sonnenkamp, es sei ihm erwünscht, daß er nun offen über seine Verhältnisse mit ihnen sprechen könne; er werde zur Zeit schon Alles erklären. Er ging ruhig wieder davon; er stand eine Weile am Bibliothekzimmer und hörte drinnen Roland und Manna sprechen, aber er verstand nichts. Er klopfte zweimal an, kein Laut wurde vernehmbar. Er ging davon. Er kehrte nach der Villa zurück und stieg zu Pferde; er ritt nach der Villa des Cabinetsraths, und wollte der Frau seine Meinung sagen. Wie er so dahin ritt, war es ihm, als ob der Reitknecht hinter ihm plötzlich anhielte, und dann wieder, als ob zwei hinter ihm drein ritten. Wer ist das fremde Geleite? Er zwang sich, nicht umzuschauen. Das Pferd zitterte unter dem Druck seiner Schenkel. Er kam beim Landhause des Cabinetsraths an, er hielt am Thor und fragte nach der Frau. Der Gärtner sagte, daß sie nicht da sei und daß sie überhaupt nie mehr käme. Hell auflachend hörte Sonnenkamp die Nachricht, daß seit gestern die Villa an den amerikanischen Consul in der Residenz verkauft sei mit Allem, was darin. Er ist überlistet, die Leute sind nicht mehr seine Nachbarn, und vom Zurückfordern des eigentlich nur mit einer Scheinsumme Bezahlten kann nicht mehr die Rede sein. Aber fürchtet denn der Cabinetsrath nicht, daß seine Bestechlichkeit offenbar gemacht werde? Der Schlaukopf weiß dadurch Schweigsamkeit zu erkaufen, daß er die gerichtliche Untersuchung wegen Beleidigung des Fürsten niederschlägt. Nach dem ersten Aerger hatte Sonnenkamp wieder seine gewohnte besondere Freude daran, daß so viel kluge Menschen auf der Welt sind; es ist doch eine Lust, was für Füchse und Luchse überall stecken und ihre besonderen Masken haben. Ein Hoflakai kam des Weges daher geritten. Sonnenkamp hielt ihn an. »Wohin wollen Sie?« fragte er den Hoflakai im Anhalten. »Nach Villa Eden.« »Zu wem?« »Zur Professorin Dournay.« »Darf man wissen, wer Sie schickt und was Sie wollen?« »Warum nicht?« »Nun, was gibt's?« »Die Professorin ist ehemals Hofdame bei der gnädigen Fürstin Mutter gewesen und die gnädige Fürstin hat sie sehr gern gehabt.« »Gut, gut. Und nun?« »Ja, nun soll die Professorin bei einem entsetzlichen Mann wohnen, der die ganze Welt betrogen hat und Sklavenhändler ist; da ist man ja keine Minute seines Lebens sicher, und da schickt mich nun die gnädige Fürstin, ich soll die Professorin, wenn sie will, gleich mitnehmen, damit sie von diesem Ungeheuer fortkommen kann.« Der Lakai sah staunend auf, wie der Mann, der ihn ausgefragt hatte, ohne ein Wort zu erwidern, davon ritt. In Sonnenkamp kochte die Wuth; aber bald lachte er hell auf. So ist's recht! Furcht . . . Furcht hat die ganze Welt vor ihm! Das gibt Kraft, das ist noch besser als die einfältige Ehre, wobei man noch schön thun muß. Er ritt nach der Burg. Hier waren die Arbeiter, die an einem Seitengebäude bauten; sie grüßten offenbar widerwillig. Sonnenkamp lächelte; sie müssen ihn doch grüßen. Er hätte gern die ganze Welt versammelt, um ihr auf Einmal trotzig ins Antlitz zu schauen. Er ritt nach dem Hause des Majors. Fräulein Milch stand am Fenster, und bevor er fragte, rief sie hinab: »Der Herr Major ist nicht zu Hause.« So ritt er heimwärts. Als er an die Gartenmauer kam, bemerkte er, daß hier etwas mit großen Buchstaben angeschrieben war; er ritt näher und sah, daß durch einander vielfach angeschrieben war: Sklavenhändler! Sklavenmörder! Ein Künstler von etwas ungeübtem Talent hatte sogar einen Galgen abgebildet, daran hing eine Figur, die die Zunge herausstreckte, und auf der Zunge stand: Sklavenhändler! Er befahl dem Castellan, besser Acht zu geben und die frechen Menschen, die solches thun, niederzuschießen. Der Castellan erklärte: »Ich schieße nicht, zu Martini verlasse ich ja ohnedies den Dienst.« Sonnenkamp ritt nach dem grünen Hause zurück, er wollte seine Kinder herausholen und der Professorin sagen, daß sie keine Gaben mehr dem Gesindel geben dürfe, das es gewagt, solche Worte an die Wand seines Gartens zu schreiben. Aber er kehrte wieder um. Das Beste ist, man läßt nichts merken. Schnaubend vor Wuth kam er in seinem Zimmer an, und es däuchte ihm, daß dies Haus nicht mehr sein eigen sei; alle Menschen der Umgegend dringen ein, verhöhnend, bemitleidend; er lebt wie auf der Straße, Jeder spricht über ihn und er kann ihm nicht wehren. Er stampfte mit dem Fuße auf. Du hast gewollt, daß Jeder von Dir spreche, nun thun sie es – aber wie! »Ich verachte Euch Alle!« rief er. Zehntes Capitel. Roland und Manna saßen in der Bibliothek neben einander und hielten sich an der Hand; sie waren wie Kinder, die, vom Sturm verschlagen, sich in fremder Hütte geborgen finden. Lange konnten sie kein Wort sprechen. Manna faßte sich, und mit der Hand das Antlitz ihres Bruders streichelnd, suchte sie ihn in gewaltsam aufgewecktem Tone zu beruhigen. »Ach, sprich nicht,« erwiderte Roland, »mir sticht jedes Wort ins Hirn, auch die Worte von Deiner Stimme. O Schwester! Da stehen die Bücher, hunderte und hunderte, glaubst Du, daß in all den Büchern ein Schicksal verzeichnet ist, das dem unsern gleich? Nein, gewiß nicht.« Nach einer längeren Pause begann Manna: »Nun kann ich Dir auch sagen, was ich damals meinte, daß ich die Iphigenie sein wollte; ich wollte mich opfern für Euch Alle, um die Sühne von Euch zu nehmen.« »Ach, Orest . . . Iphigenia. Orest war glücklich, er konnte die Götter zu Delphi befragen, damals konnte man Götter versöhnen; sie mußten Antwort geben. Und jetzt? Wir? Wo ist noch ein Mund, der Antwort gibt im Namen der Götter? Die Griechen hatten auch Sklaven, und wir? Sie sagen, die Liebe sei in die Welt gekommen, alle Menschen seien Gottes Kinder! . . . Kinder Gottes als Sklaven! Die Priester tauften diese Kinder und ließen sie Sklaven bleiben! Weh, ich werde wahnsinnig! . . . Ach, ich muß noch ein langes Leben tragen . . . muß das tragen, Alles! Ich habe einen schwarzen Fleck vor dem Auge, er liegt auf Allem, was ich sehe . . . Alles ist schwarz . . . schwarz! Als der Krischer verhaftet wurde . . . Kinder theilen nicht das Vergehen des Vaters. Wo ist die Gerechtigkeit? . . . Hilf mir, Schwester! . . . hilf mir doch!« »Ich kann nicht, ich fasse es nicht!« Wieder saßen die Geschwister still, da plötzlich warf sich Roland an Manna's Brust und sprach, sein Gesicht verbergend: »Manna, ich habe mich tödten wollen, ich konnte es nicht ertragen. Gestern noch Alles so schön . . . Aber hier in Dein Herz hinein rufe ich es: ich will leben; ich weiß nicht, was ich noch thun soll und muß, aber ich muß leben! Ich will den Jammer der Eltern nicht noch vermehren. Helfen, helfen . . . aber wie? wo?« Wieder legte Roland sein Haupt auf die Lehne des Sopha's zurück und dumpf vor sich hin murmelte er: »Er hat es nicht sofort ausgeführt und nun geschieht es nie.« »Was denn?« fragte Manna. Roland sah sie starren Blickes an, aber er drückte es in sich zurück, daß er den Vater ermahnt hatte, all das Besitzthum von sich zu werfen, und daß der Vater ihn vertröstet. Er schloß die Augen und öffnete sie wieder, stumpf wie in grausenhafte Leere hineinschauend; zertrümmert, zermalmt war Alles in ihm. Manna erkannte das, sie kniete an dem Sopha nieder und rief: »Roland, ich habe Dir etwas zu sagen, Erich und ich . . .« »Was?« rief Roland, sich aufrichtend. »Erich und ich, wir sind verlobt.« »Du? Ihr?« Er sprang auf, preßte sie in seine Arme und nochmals rief er: »Du? Ihr?« »Ja, Roland. Und er wußte Alles.« »Er wußte Alles? Und er hat Dich nicht verschmäht . . . und mich . . . so treu! . . .« Lange hielten sich Roland und Manna fest umschlungen. Es klopfte an die Thür, die Geschwister ließen einander los und schauten sich zitternd an. Ein Jedes wußte, daß es der Vater ist, der klopft, und Keines sagte es dem Andern. Es klopfte nochmals, noch immer schwiegen die Beiden. Schritte entfernten sich von der Thür, sie kannten den Schritt des Vaters; sie wußten, was es ist, daß der Vater klopft, und die Kinder öffneten ihm nicht, und Beide hielten sich zurück, das einander kund zu geben. Die Gedanken Rolands mußten von Haus zu Haus gegangen sein, denn er sagte jetzt: »Herr von Prancken hat mir gerathen, ins päpstliche Heer einzutreten. O, wüßte ich ein Kampfesfeld für das, was alle Menschen zu Brüdern macht . . . o, wüßte ich es, wie gern wollte ich sterben. Aber das wird nicht auf dem Schlachtfeld gewonnen.. Ach, Schwester! Ich weiß nicht mehr, was ich denke, was ich rede . . .« »Laß uns heimkehren!« sagte Manna endlich. »Heim! Heim! Was ist denn noch unser? Was darf denn noch unser sein?« Dennoch richtete sich Roland auf und Hand in Hand ging er mit Manna durch die Wiese nach der Villa. Die Sonne schien so hell, das Heu duftete so würzig, auf dem Strome rauschten die Schiffe auf und ab, und eben bewegte sich ein lustiger Zug die Straße dahin; es war ein sogenannter Herbstmuck. Auf einem Fasse saß der zweite Sohn der Krischers als Bacchus mit Weinlaub bekränzt; um ihn auf dem Wagen standen Mädchen, weiß gekleidet, mit aufgelösten Haaren; sie schwangen Krüge, jauchzten und jubelten. Auf den Pferden saßen mit Moos vermummte Gestalten. Alles jauchzte und schrie und Pistolenschüsse knallten. Die Geschwister standen und sahen dem fröhlichen Zuge nach, der hinter den Bäumen verschwand. Einsam ist der Trauernde, wie in einen Kerker eingeschlossen der von einer Seelenpein Belastete . . . da draußen leben die Freudigen und Freien. Still gingen die Geschwister weiter und Roland sagte endlich: »Ich weiß nicht, wie mir ist, ich meine, ich träume nur und sähe Alles wie ein abgeschiedener Geist. Es ist Alles so fern, so unerreichbar, so trüb, so schattenhaft. Wenn ich Dich sehe, so meine ich immer, es läge eine entsetzliche Weite zwischen uns. Und der Vater! . . . die Mutter!« Wirr sah er um sich her, als sähe er überall Gespenster. Manna faßte seine Hand fester, er ward ruhiger, ja er lächelte sogar. Greif kam jetzt herangesprungen, er zeigte die Freude, seinen jungen Herrn wiederzusehen, und sprang immer an ihm empor. Roland streichelte ihn und sagte: »Ja, lieber Greif, damals, als ich dich verlor und vergessen hatte, da fandest du den Heimweg. Ach, lieber Greif, könnte ich jetzt nur auch einen Heimweg finden! . . . Ich bin nicht dein Herr, ich bin gar nichts.« Der Hund schien die traurigen Mienen und Worte Rolands zu verstehen, er sah ihn so treuherzig an, senkte den Kopf, dann bellte er. Wer weiß, was er sagen wollte? Die beiden Geschwister standen am Ufer des Rheines. Roland rief: »Ich sehe mein Bild im Wasser, o Schwester, es ist kein Brandmal auf meiner Stirn . . . kein Brandmal . . . und doch . . .« Er weinte bitterlich. »Komm, laß uns weiter gehen,« beruhigte Manna. »Weiter . . . weiter! Ja, unser Weg ist weit, unendlich weit,« wiederholte Roland und ließ sich von der Schwester geleiten. Sie kamen in den Hof der Villa. Da wurden die Pferde mit den Decken langsam vorübergeführt. Roland sagte dumpf vor sich hin: Nehmt die Decken ab und deckt die Schande damit zu! Laßt die Pferde alle ins Freie springen, wir haben keine Macht mehr über sie, sie sind nicht unser! . . . Er bat Manna, mit in den Stall zu gehen. Wie um Ehre bettelnd schaute er den Dienern ins Antlitz, und war dankbar, daß sie ihn grüßten, ihn fragten, was er befehle. Die Menschen begrüßten ihn noch, gehorchten ihm noch! Er streichelte sein Pony und weinte an seinem Halse. »O Puck! Wann wirst du mich je wieder in Lust tragen?« Die Hunde sprangen um ihn her, er nickte ihnen zu und schmerzlich sagte er zu Manna: »Die Thiere sind doch die glücklichsten Geschöpfe auf der Welt. Ach, mein guter Puck, was hast du eine schöne lange Mähne!« Es lag etwas wie zum Wahnwitz Verschärftes im Denken Rolands, und die lange Mähne des Thieres zerrend, rief er: »Wenn die Sklaven nicht reden könnten, nicht beten, wären sie auch glücklich wie du und wie ihr da, getreuen Hunde!« Manna ängstigte sich vor diesem Alles verkehrenden Denken Rolands. Sie sagte: »Du solltest Dich jetzt immer an Erich halten, ihn keine Minute verlassen.« »Nein, bin kein Knabe mehr, die Pfeile Apollo's lassen sich nicht abhalten.« Manna begriff nicht, was Roland sagte, sein Geist schien ihr verwirrt und er erklärte nicht, wie ihm plötzlich die Niobiden-Gruppe vor Augen stand. Erst nach einer Weile sagte er: »Das Mädchen verbirgt sich im Schooß der Mutter, der Knabe aber hält die Hand empor, schützt sich selbst vor dem tödtlichen Pfeil. In der Nacht, als ich zu Erich wanderte, habe ich die Geschichte vom Lachgeist gehört. Es dauert lang, bis aus der Eichel ein Baum erwächst und aus dem Baum eine Wiege gezimmert wird, und das Kind, das in der Wiege liegt, macht die Thür auf. Hörst Du nicht auch? Er lacht, er muß umwandeln.« Manna bat ihn, ruhig zu sein, und sagte: »Ich muß zum Vater.« »Und ich zur Mutter.« Auf der Treppe begegnete ihnen Prancken, er streckte Manna die Hand entgegen und sie sagte: »Ich bin Ihnen unsäglich dankbar für die große Treue, die Sie meinem Vater beweisen.« »Bitte, verweilen Sie noch.« »Nein, ich kann jetzt nicht . . . mehr nicht.« Die Geschwister ließen von einander los und als Roland bei der Mutter eintrat, sagte diese: »Kümmere Dich nicht um diese ganze alte Welt, wir ziehen wieder in die neue, nach Deiner wirklichen Heimat.« Roland hörte diese Worte, als kämen sie aus der Ferne. Aus dem Chaos tauchte etwas auf, aber es versank schnell wieder. »Warte einen Augenblick, es ist Zeit, zur Tafel zu gehen,« sagte die Mutter. Sie nahm einen Shawl über und ging mit Roland nach dem Speisesaal. Hier war auch Prancken und Fräulein Perini; Beide standen in leisem Gespräch. Erich kam, Roland stellte sich zu ihm. Man mußte lange warten, bis Sonnenkamp kam, und erst geraume Zeit nach ihm kam auch Manna. Ihre Wangen glühten. Man saß bei Tische hier so nahe beisammen und weit – weit entfernt waren Viele von einander. Nur einmal sahen Erich und Manna einander an; es lag ein verständnißvoller Ausdruck in ihrem Blicke. Leise sagte Roland zu Erich: »Als der Krischer vom Gericht heimkam, standen Kartoffeln auf seinem Tisch.« Erich legte ihm beruhigend die Hand auf die Schulter, er wußte, was Alles bei dieser Erinnerung in der Seele des Jünglings vorging. Der Krischer war unschuldig gewesen, und hier? . . . Roland versuchte keinen Bissen. Prancken zeigte seine ganze Gewandtheit, indem er allerlei Unverfängliches vorzubringen wußte; der Bau der Burg bot ihm reichlichen Stoff. Man stand vom Tische auf und wieder zerstreute sich Alles. Roland bat Erich, ihn heute allein zu lassen. Elftes Capitel. Es war Abend. Roland ging durch das Dorf. In den Gassen schwebte ein Duft des jungen Weines, alle Menschen waren fröhlich und geschäftig; die Weinkeltern knarrten und troffen, auf den Straßen gingen Männer langsam, sie trugen schwere volle Bütten auf dem Rücken. Er sah Väter und Söhne mit einander arbeiten. Wer nur auch so leben könnte . . . Roland sah die Menschen alle fragend an; er stand ihnen gegenüber wie ein Bettler, der um ein Almosen Liebe, Güte, Mitleid für sich und seinen Vater bittet. Er sah die Häuser, wohin er an seinem Geburtstag beglückende Geschenke gebracht; die Menschen dankten seinem zuvorkommenden Gruße, aber sie waren nicht erfreut und geehrt wie sonst. Er verließ das Dorf. Draußen am Ufer hinter einer Hecke saß er wie damals, bevor er zu Erich gewandert. Das war eine andere Trauer wie damals, und damals gab's ein Ziel zur Befreiung. Eine Wasseramsel flog neben ihm auf. In kindischem Selbstvergessen bog er die Zweige auseinander und sah ein Nest mit fünf Jungen, die die Schnäbel aufsperrten. Wie glücklich wäre er vor Zeiten mit solch einem Fund gewesen! Jetzt stand er da und in ihm klagte es: Ach, ihr seid daheim! Er hörte einen Wagen die Straße daher knarren und es fiel ihm jener arme Knecht ein in der Nacht, der lieber hungern und betteln als unrecht Gut besitzen wollte. Nicht weit von ihm am Ufer wurde ein Kahn von der Kette gelöst, er hörte die Kette rasseln und es ging ihm durch das Herz: er hörte die Sklaven, wie sie in eine lange Kette eingereiht dahin wandelten . . . Dazwischen tauchte in seiner Vorstellung auf, wie das Erdmännchen und der Reitknecht gefesselt die Straße dahin gingen, und hinter ihnen der Landjäger mit geladenem Gewehr, das blinkte in der Sonne. Er schaute auf. Dort ging in der That ein Landjäger. Wenn er kam, um seinen Vater zu verhaften? O nein, dafür gibt es kein Gericht. Sein Blick war auf den Busch geheftet, hinter dem der Landjäger verschwand. Er dachte sich hin zu Clodwig, zum Doctor, zum Major, zum Krischer. Was sagen sie alle? Hier unter den Weiden am Ufer ging es in dem belasteten zerrissenen jungen Herzen auf: der Mensch lebt nicht für sich allein. Es gibt eine unsichtbare und unzerreißbare Gemeinsamkeit: das Band der Achtung, der Ehre, ein treues Gedenken, eine thätige Liebe. Roland erhob sich, er ging zum Krischer. Bebenden Schrittes, mit Herzklopfen, als erwarte er dort etwas, was er nicht ahnen könne, wanderte er den Berg hinauf. Vor dem Dorfe begegnete ihm der zweite Sohn des Krischers, auch er ging langsam, er trug eine schwere Bütte mit jungem Wein. Der Bursche war von gleichem Alter mit Roland und schon von ferne rief er Roland zu: »Der Vater hat's gesagt, daß Sie kommen. Gehen Sie nur hinein, er wartet auf Sie.« Als Roland in das Haus des Krischers eintrat, rief ihm dieser entgegen: »Hab's gewußt, daß Sie kommen! Brauchen nichts erzählen, weiß Alles, schon lang. Kann Ihnen etwas geben.« »Was denn?« »Es gibt zwei Dinge auf der Welt, die helfen: Beten und Trinken. Kannst Du nicht beten, so kaufe Dir einen Rausch, trinke, trinke bis genug, das ist das Beste, was man kaufen kann.« »Schäme Dich,« entgegnete Roland, »schäme Dich! Es muß etwas Besseres geben.« »Was denn? Was?« »Man muß einander helfen auf der Welt, da ist Keiner zu gering, und Keiner zu hoch.« »Juchhe!« rief der Krischer. »Ein Prachtbursch! Mögen Recht haben. Sie haben's gewonnen. Jetzt aber, hellauf! Grämen Sie sich Ihr junges Leben nicht ab. Ihr Vater ist zu bemitleiden, ist ein armer Mann mit seinen Millionen. Jetzt zeigen Sie, daß Sie ein Bursch sind, der es werth ist, daß ihn die Sonne bescheint. Horch! gib Acht!« unterbrach er sich plötzlich. Die Schwarzamsel sang die Melodie: Freut Euch des Lebens. Roland und der Krischer sahen einander an und Roland lächelte. »So recht!« rief der Krischer. »Lernen Sie das auch ein! Freut Euch des Lebens – alles Andere ist dummes Zeug. Das Thier ist gescheidt. Hast Deine Sache gut gemacht,« nickte er der Schwarzamsel zu, die den Mann und den Jüngling mit klugen Augen ansah, als wüßte sie, was sie gethan, und sei des Beifalls sicher. Und zu Roland gewendet, fuhr der Krischer fröhlich fort: »So . . . so ist's recht! . . . Kopf in die Höh'! Und wenn Sie einen Menschen brauchen, rufen Sie mich. Sie haben mich aus dem Gefängniß heimgeführt, das vergesse ich nicht. Jetzt seien Sie lustig, Ihre Hunde sind es auch.« Er nahm einen Laib Brod, den Roland den Hunden zum Verspeisen geben sollte, aber kaum hatte Roland den Hunden einige Stücke gegeben, als er selbst aß und mit wahrem Heißhunger. »Gewonnen! gewonnen!« schrie der Krischer. »Du hast Hunger. Jetzt laß nur ruhig das Wasser den Rhein hinunter laufen, morgen ist auch ein Tag, und mit dem Sterben wollen wir warten bis zuletzt.« Erich hatte geahnt, daß Roland beim Krischer sein werde, und war ihm nachgegangen und auf den ersten Blick sah er, daß ein Umschlag in der Stimmung Rolands eingetreten war. Sie gingen mit einander heim und Roland sagte: »Beim Krischer ist es über mich gekommen: was würde jetzt Benjamin Franklin zu mir sagen? Weißt Du es?« »Nicht ganz, aber ich glaube, er würde sagen: ein Mensch, der nur leidet, steht auf der Stufe des Thieres, das aus einem Unfall nichts schaffen kann. Die Menschenkraft beginnt da, wo Du erfassest, begreifst und beherrschest, was Du leidest, und aus Dir selbst etwas machst. Wenn Du schlaff Dich im Leide versinken lässest, so bist Du selbst an Deinem Unheil schuld. Raffe Dich auf. Hast Du etwas und bist Du etwas, um dessentwillen Du Dich selbst lieben darfst, so kannst Du auch Liebe von Deinen Nächsten erwarten.« Roland erwiderte: »Auch ich habe mir gedacht, was Benjamin Franklin sagen würde. Ich sah ihn vor mir mit seinem milden Gesicht, seinen langen, schneeweißen Haaren, und er sagte: Merke Dir, das Aergste ist nicht das, was Schande vor der Welt bringt, sondern, daß Schande Dich zwingen will, verkehrt zu denken und alle Menschen schlecht anzusehen.« Sonnenkamp und Prancken hatten ihn zur Menschenverachtung anleiten wollen, aber gerade dadurch hatte sich ihm eine Gedankenbildung erweckt, die sicheren Halt gab. Der Jüngling war zu einem männlichen Entschlusse gekommen. Erich sprach kein Wort; er hütete sich, das anzurufen, was sich in der Seele der Jünglings so sicher und fest gestaltete. Mit einer aus tiefstem Schmerz gewonnenen Beruhigung kehrten Beide in die Villa zurück. Sie kamen an die Gartenmauer, wo der Castellan etwas von den Wänden kratzte. »Dort steht's! dort steht's!« rief Roland. »Ich habe es gelesen!« Der Castellan kratzte mit einem scharfen Eisen den Mörtel ab, und dieses Kratzen ging Roland an das Herz, als ob etwas unmittelbar daran nage. Alle Besinnung und Fassung, die er gewonnen hatte, schien verschwunden. »Da steht's!« rief er. »Morgen wird man es wieder abkratzen müssen, und übermorgen wieder und alle Zeit. Ach, Erich, warum sind die Menschen so böse? Was hilft es ihnen, daß sie uns beschimpfen?« Erich tröstete, daß die Menschen nicht eigentlich böse seien, sie neckten und spotteten nur gern. Er geleitete Roland auf sein Zimmer und hier saß der Jüngling still, die Faust an die Lippe gepreßt. Er trat ans Fenster und schaute hinab in den Park, hinauf zum Himmel, wo sich die Schwalben in großen Rotten versammelten, um übers Meer nach warmen Ländern zu ziehen . . . Alles hat seine Heimat; die Pflanze, die sich nicht bewegen kann, wird in sichere Obhut gebracht, und die Schwalbe zieht dahin, wo es ihr wohlig ist. Wer uns nur sagen könnte, wo es uns wohlig ist! . . . Er zuckte plötzlich vom Fenster zurück, denn er sah den Fürsten Valerian in den Hof einreiten; hinter dem Fürsten drein kam der Doctor in seinem Wagen. Roland bat Erich, ihn allein zu lassen und Niemand zu ihm zu bringen. Erich ging und Roland verschloß seine Stube. Zwölftes Capitel. In seinem großen Zimmer saß Sonnenkamp allein; er schaute hinauf nach der Burg, die fast fertig ausgebaut war. Wer wird darin wohnen? Er wendete den Blick ab. Lange stand er vor dem Bilde Rolands. »Man sollte kein Kind haben, nichts von ihnen wissen,« rief er. Er erschrak vor seiner eigenen Stimme. Er öffnete den Geldschrank, er suchte etwas; er starrte auf die wohlgeordneten Papiere, auf die Schiebladen, die das gemünzte und ungemünzte Gold enthielten. »Was könnt ihr mir helfen? Und doch . . .« Es klopfte an die Thür. Joseph meldete den Fürsten Valerian. Sonnenkamp öffnete. Fürst Valerian sagte mit freundlichen Worten, daß er gekommen sei, da er vielleicht in irgend etwas Beistand leisten könne, auch Herr Weidmann . . . »Branche keinen Beistand! Brauche Niemand!« unterbrach Sonnenkamp, schlug die Thür zu und verriegelte sie wieder. »Ich habe kein Mitleid und will kein Mitleid,« sagte er vor sich hin. Da klopfte es wieder. »Was ist? Warum läßt man mich nicht in Ruh?« Durch das Schlüsselloch rief eine Frauenstimme: »Ich, Gräfin Bella, bin's.« Sonnenkamp zitterte. Ist das eine Intrigue? Will ihn Jemand sprechen, der diesen Namen annimmt und diese Stimme? Gut. Wenigstens ist die Person sehr klug, die diese Maske vornimmt. Wollen doch sehen. Er öffnete. Bella stand vor ihm. »Geben Sie mir Ihre Hand!« rief sie. Sie überreichte ihm ein Papier. »Hier, lesen Sie. Das ist sein Gutachten, da steht's; er ist voll Geringschätzung des Adels und doch –« Sonnenkamp überflog die Schrift, die Clodwig als Gutachten an den Fürsten abgegeben hatte. Er wollte Bella sagen, daß ihm das jetzt gleichgültig sei, denn die Vereitelung seines Planes war nicht durch Clodwig, sondern durch Crutius herbeigeführt; aber er erkannte, was Bella damit gethan, daß sie ihm die Schrift überbrachte, und er sprach seine Dankbarkeit und Erkenntlichkeit aus. Die Schrift in seiner Hand, von ihr übergeben, bildete eine Grundlage . . . wozu? Es wird sich finden. Er kannte Bella genug, um zu wissen, daß sie dies nur that, um in ein großes Abenteuer einzugreifen. Er sah ihre Aufregung; sie will bewegen, herrschen, bestimmen . . . wozu? Vielleicht weiß sie es selbst nicht. Mit großer Ruhe sagte er, er erkenne es als einen falschen Versuch, ja fast als eine Abtrünnigkeit, daß er um seiner Kinder willen sich hier habe fest ansiedeln und den Adel erlangen wollen. Das sei nun vorbei; er stehe wieder ganz und allein auf seinem Posten. Nun legte er Bella dar, welch ein großer Kampf sich in der neuen Welt vorbereite und wie er in der alten mitwirke zur Erforschung der europäischen Höfe, zur Erwerbung von Hilfsmitteln zu jenem großen Kampfe, der entscheiden solle, ob es noch freie, herrschende Menschen geben solle. »Es ist besser so,« sagte er; »mein Schicksal ist verbunden mit dem großen, mein Sieg ist eingeschlossen in den großen Sieg, wie mein Untergang.« Bella hörte ihn mit gespannten Mienen an, dann sagte sie: »Puppen sind die Menschen um Sie herum! Füllsel für Uniformen! Feige Professoren- und Journalistenknechte! Sie haben den Popanz Humanität, vor dem fürchten sie sich, verkriechen sich wie die Kinder vor dem Wolf. Sie allein sind ein Mann, Sie haben gethan, was die andern Alle möchten – nein, nicht Alle, aber doch die Einzigen, die Mark in sich haben. Aber sie bekennen sich nicht offen zu dem, der ausführte, wozu sie die Kraft nicht haben und den Muth nicht. Diese Herrchen haben Schwerter, tragen Galanteriedegen und fürchten sich vor dem spanischen Röhrchen des Schulmeisters, der ihnen auf die Finger klopft und sagt: Wißt ihr denn nicht, daß wir in der Epoche – oder nennt man es Zeitalter oder Säculum – der heiligen Humanität leben? Wie viele von diesen Puppen besäßen denn den Adel, wenn sie ihn selbst erwerben müßten wie Sie? Die Excellenzen graben nach Resten aus der Römerwelt; die Römer waren stark und verhöhnten den, der von einem Recht der Sklaven gesprochen hätte. Wären Sie in meiner Jugend gekommen, ich wäre mit Ihnen in die weite Welt gezogen; Sie haben eine napoleonische Ader in sich. Geben Sie mir Ihre Hand!« Sie reichte ihm beide Hände und drückte die seinen warm. »Damals,« fuhr sie fort, »als Sie mit dem Fürsten Valerian bei uns speisten, sagten Sie: es gibt ein Pfaffenthum der Humanität. So ist's. Vor der Humanitätsfaselei des Jean Jacques Rousseau fürchten sie sich, die sogenannten starken Geister, sie träumen von einem Paradies der Gleichheit, wo schwarz und weiß, vornehm und gering, Genie und Tölpel ein einziger Gleichheitsbrei sein soll; der contrat social ist ihre Bibel.« Mit glücklicher Miene fiel Sonnenkamp ein: »Eine Sache ist siegreich, wenn großgesinnte Frauen für sie begeistert sind.« Bella erwiderte: »Seien Sie stolz. Nur jetzt nicht nachgiebig; freuen Sie sich, Sie haben nichts mehr zu verleugnen, nun behaupten Sie sich und zeigen, daß Sie der Einzige sind, der sich vor der Schulmeisterei nicht fürchtet. Der Kühne bekennt und bethätigt, was in der Welt sein muß.« Bella war aufgestanden; ihr Auge funkelte, ihre Wangen glühten, ein unheimlich fesselnder und bestrickender Ausdruck lag auf ihrem Gesicht. So muß Medusa dreingeschaut, so muß sie geathmet, so muß sie gezittert haben. Und mitten in dieser hohen Erregtheit empfand Bella, daß das eine schöne Scene sei; das sind die großen Töne, die ihr zu Gebote stehen, das ist die Majestät, die Leidenschaft. Sie stand plötzlich still, wie in einem lebenden Bilde, da sie dessen inne wurde, und ihr Auge suchte nach einem Spiegel, in dem sie sich selbst sehen konnte. Sie schüttelte das Haupt und kehrte in die Scene zurück, als träte sie aus einer Coulisse. »Sie müssen mir erzählen, wie Sie so kühn geworden . . . so frei . . .« Sonnenkamp, der so starke, erbebte im Innern. Er hatte ein Bekenntniß auf den Lippen, aber er wagte es nicht; er hatte ein dämonisches Lachen, als Bella ihm sagte: »Nur das Eine thun Sie nicht, sprechen Sie mir nicht von Liebe; nur nicht die fable convenue, das ist nichts für Sie, nichts für mich. Und noch Eins. Sie werden es jetzt auch erfahren, wenn Sie es nicht schon kennen: die größte Tyrannei der Welt ist die Familie. Kümmern Sie sich nicht um die Familie. Ein Held hat keine Familie, und es ist nur eine sentimentale Tradition, daß die Helden mit ihren Kindern spielen. Sie müssen allein an sich denken, dann sind Sie stark. Sie haben nur einen Fehler begangen.« »Nur einen?« »Ja, Sie durften keine Familie haben, keine haben wollen. Halten Sie fest, lassen Sie sich nicht zwiespältig machen und zerbröckeln.« Sonnenkamp sagte, er sei entschlossen, den Kampf fortzuführen; er wolle den tugendhaften Menschen hier zu Lande eine andere Anschauung beibringen; das sei zunächst seine Aufgabe. Er habe einen Plan, der nur noch nicht ganz klar sei, aber er werde klar werden. Bella sagte, daß sie Niemand im Hause außer ihm sprechen wolle; sie kehre sofort wieder zurück, aber sie verlasse sich darauf, daß er stark bleibe und sich behaupte. Sonnenkamp öffnete das Sämereienzimmer, geleitete Bella hindurch und öffnete dann die Thür, die zu der besonderen, von Glycinen überrankten Treppe führte. Hier küßte er ihr die Hand zum Abschied. Aber noch auf der Treppe rief Bella ihm nach: »Und noch Eins! Ihr Erstes muß sein, daß Sie sich selbst von der Sklaverei befreien; Sie müssen diese Lehrersfamilie fortschicken.« Sie machte eine wegwerfende Bewegung und setzte hinzu: »Diese Lehrersfamilie soll ihre Spritbrennerei wieder in der kleinen Universitätsstadt etabliren.« Bella ging davon. Als Sonnenkamp in das Zimmer zurückkehrte, war es ihm, wie wenn Alles nur ein Traum gewesen, aber noch fühlte er den Duft der feinen Essenzen, den Bella in seinem Zimmer zurückgelassen; noch stand hier der Stuhl, auf dem sie gesessen, und hier auf dem Tische lag das Gutachten Clodwigs. Er öffnete den eisernen Schrank und legte das Schriftstück in das oberste Fach. Bella kam indeß nicht ungesehen aus der Villa heim. Im Park traf sie ihren Bruder. Sie bekannte ihm offen, daß sie bei Sonnenkamp gewesen, um ihm Muth zuzusprechen; sie lobte Otto, daß er ausharre und die ganze schwächliche Welt verachte. Sie ermahnte ihn nun, die Lehrersfamilie bald abzulohnen, zumal da Herr Dournay, »diese Weltseele,« nicht ohne Absicht auf Manna zu sein scheine. Prancken bestritt das entschieden. Er sah seiner Schwester staunend nach. Dreizehntes Capitel. Fürst Valerian, der von Sonnenkamp so schroff abgewiesen war, ließ sich bei Erich anmelden. Roland hörte im Nebengemach, wie er eintrat und fragte: »Wo ist Roland?« »Er will allein sein,« entgegnete Erich, und der Fürst erklärte, daß Erich am besten zu ermessen verstehe, was jetzt für Roland zuträglich sei; er seinerseits möchte glauben, daß eine Gemeinschaft mit Menschen, von deren Augen er die Liebe zu ihm absehe, ihm in diesem namenlosen Jammer helfen müsse. Roland richtete sich im Nebenzimmer auf. Wäre das wirklich besser, als allein in sich denken? Durch seine Seele zog der Gedanke: O, die Welt ist nicht so schlecht, wie Ihr auf der Fahrt mir einflößen wolltet. Da ist ein Mann, der trägt mein Schicksal in der Seele . . . Der Fürst berichtete, Herr Weidmann sei empört von der Art, wie Professor Crutius diese Sache in die Oeffentlichkeit gebracht; die Andeutung, daß Doctor Fritz an dieser boshaften Publication einen Antheil habe, sei ohne Zweifel eine Täuschung. Doctor Fritz habe, als er sein Kind abgeholt, immer gesagt, er wünsche, daß die Sache verborgen bleibe um der Kinder Sonnenkamps willen. Und weiter sprach der Fürst im Nebengemach, Herr Weidmann habe überlegt, ob er nicht selbst nach Villa Eden reisen und dort seinen Beistand bringen sollte, aber er habe eingesehen, daß dies unthunlich sei, und daher ihm zugerathen, seinen Vorsatz auszuführen. »Ach,« rief er, »seit lange zum ersten Mal hat mir die bevorzugte gesellschaftliche Stellung, die ich einnehme, Freude gemacht, aber Freude ist nicht das rechte Wort. Ich habe mir gedacht, daß ich dadurch hier im Hause etwas mehr als ein Anderer sein kann, und vor Allem Ihrem Zögling Roland, den ich so sehr liebe und dessen Qualen mich keine Minute ruhen lassen. Ach, Herr Hauptmann, auf dem Wege hierher wurde ich ein Ketzer. Ich fragte mich, was haben denn die gethan, die in die Welt gesetzt sind, um Liebe und Brüderlichkeit zu predigen und nicht abzulassen? Sie haben es ruhig mit angesehen, wie Tausende und Tausende Sklaven, Tausende und Tausende Leibeigene sind. Und da ging es mir auf: wer befreit die Leibeigenen und die Sklaven? Die reine Humanität erlöst sie.« Der Doctor trat ein. »Wo ist Roland?« fragte er nach der ersten Begrüßung. Auch er erhielt die Antwort, daß Roland allein bleiben wolle, und der Doctor sagte: »Ich billige das. Er ist wol jetzt sehr aufgeregt? Geben Sie Acht, es werden Tage kommen, wo er in Apathie versinkt; lassen Sie das gewähren. Die edelste Gabe der Natur ist Stumpfsinn, das ist ein Theil Schlafes der Seele; der einfältige Mensch und das Thier haben das beständig, und kommen dadurch nicht zur gesteigerten, alles Dasein in Frage stellenden Aufregung, und auch über den belebten Menschen erbarmt sich die Natur und gibt ihm den Stumpfsinn. Erst wenn dieser zu weichen beginnt, dann machen Sie Roland klar. Wissen Sie, was mich an der Offenbarwerdung dieser Geschichte am meisten ärgert?« »Wie kann ich das?« »Es empört mich, daß die satte, selbstgefällige, mit Anstand geschminkte Gesellschaft sich ein Bene anthut. Jedes beschaut sich streichelnd: Ach, ich bin ein prächtiges Wesen im Vergleich mit diesem Ungeheuer. Und doch ist die Gemeinheit des Sklavenhandels nur offenkundiger als die von Tausenden da draußen. Im Jockeyclub randalirt die Jeunesse dorée über das Ungeheuer Sonnenkamp, und was sind sie selbst? Hunderte von Geschäften wandeln am Rande des Verbrechens.« Roland trat ein, der Fürst und der Doctor umarmten ihn und sprachen kein Wort. Erich und Roland ließen die Pferde satteln und begleiteten den Fürsten ein Stück Weges. Als sie dahin ritten, rief plötzlich Roland: »Dort wandelt – ich irre mich nicht – das ist ja unser Freund Knopf!« Und dieser war es in der That. Er ging in der Nacht dahin und räthselte schwer darüber, warum er die Welt nicht verstehe; eigentlich wäre sie ihm doch schuldig, sich zu erklären; er hat sie ja so lieb. Warum ist sie so spröde und geheimnißvoll? Was soll aus Roland werden? Und zwischen hinein kam ein leiser, aber ganz kleiner Aerger: daß der Major ihn vollkommen vergessen. Knopf nimmt es ihm gar nicht übel, nicht im geringsten, denn, in solchem Wirrwarr hat man den Kopf voll genug, wer kann da an Alles denken? Bescheiden sagte er vor sich hin, daß er ja auch nichts hätte helfen können; er ist ja so ungeschickt, da ist der Herr Dournay und Prancken . . . vom Fürsten Valerian wußte er noch nichts. So ging er nun durch die Nacht dahin und fragte sich allerlei und sah dann wieder zu den Sternen auf. »Herr Knopf! Herr Knopf!« wurde gerufen von verschiedenen Stimmen. Knopf hielt still. Roland sprang rasch vom Pferde und umarmte ihn. Knopf hielt die Hand auf die Schulter Rolands gelegt, als könnte er ihm von seiner Kraft verleihen, und preßte die Brille sehr nah an die Augen, da er hörte und sah, wie der Jüngling das schwere Ereigniß mannhaft zu tragen begann. Er drückte Erich still die Hand. Als man endlich Abschied nahm, bat Roland, daß Knopf auf dem Pony heimreite. Knopf konnte wiederholt versichern, es sei ihm ein wahres Vergnügen, zu Fuß durch die Nacht zu wandern; Roland betheuerte, daß Puck ein frommes Thier sei, folgsam, sanft und verständig. Knopf widerstrebte noch immer und zuletzt brachte er in weinerlichem Tone hervor, daß er keine Stege an den Beinkleidern habe. Alles lachte und mitten in seinem Jammer lachte auch Roland. Knopf war überaus glücklich, daß Roland lachen konnte, und jetzt willfahrte er. Roland half ihm aufs Pferd, er streichelte noch den Arm des vormaligen Lehrers und streichelte das Pferdchen; Knopf ritt mit dem Fürsten Valerian davon. Auch Erich stieg nicht mehr auf, er führte das Pferd am Zügel und ging mit Roland Hand in Hand nach der Villa. Als die Beiden an der Villa ankamen, sagte Roland tief aufseufzend: »Ach, Erich, jetzt ist das Haus noch ganz anders ausgeraubt wie damals, als wir von Wolfsgarten zurückkehrten.« Vierzehntes Capitel. Am großen Tische der Dienstboten Sonnenkamps war der Stuhl Bertrams unbesetzt. Man erzählte, daß der Castellan die Schrift an der Mauer abkratzen müsse, er habe aber dem Herrn bereits gekündigt. Der Küchen-Chef, der, wenn er zornig wurde, ziemlich geläufig deutsch sprach, wetterte gegen die Frechheit, daß Dienstboten, die sich doch um nichts weiter zu bekümmern hätten, als daß sie ihren ordentlichen Lohn bekommen, ihren Herrn verlassen. Der zweite Kutscher, der nun Hoffnung hatte, in die Stelle Bertrams aufzurücken, stimmte dem bei. Das Eichhörnchen sprach die Besorgniß aus, daß Feuer angelegt würde, denn die ganze Gegend sei in Aufruhr und dazu sei jetzt die wilde Zeit, in der die Leute sich am neuen Wein gütlich thun. Lutz war nicht da, Niemand wußte, wohin ihn der Herr geschickt. Die alte Ursel bejammerte die unschuldigen Kinder, dabei aß sie aber mit großem Appetit und mit vollem Munde brachte sie immer das Kläglichste hervor. Der stotternde Gärtner machte den Vorschlag, man solle bleiben, aber gemeinsam größeren Lohn verlangen. Mit Ausnahme Josephs wurde das beschlossen; man wußte nur noch nicht, wie man es vorbringen wollte. Alles Lobes voll waren indeß die Unterirdischen über Prancken. Das ist ein Edelmann, wie es keinen zweiten gibt. Hier unter der Erde war auch bekannt, daß Sonnenkamp dem Cabinetsrath die Villa geschenkt. Nun hatte der Gärtner des Cabinetsraths erzählt, daß das Landhaus just Sonnenkamp zum Possen an den amerikanischen Consul verkauft worden sei und die Familie des Cabinetsraths keine Gemeinschaft mehr mit Villa Eden haben wolle. Ganz ähnlich wurde die Lage Sonnenkamps im Militär-Casino wie in den Bierhäusern der Residenz verhandelt. Hier war vorerst Adams, der Mohr des Fürsten, Mittelpunkt des Gesprächs. Es wurde erzählt, wie fünf Mann kaum vermocht hätten, den Rasenden zu bändigen; er habe Sonnenkamp erdrosseln wollen, und man habe ihn nur mit Mühe aus der Residenz entfernt und nach einem Jagdschloß gebracht. Man fragte, was Sonnenkamp nun thun werde; man begriff nicht, daß Prancken noch bei ihm blieb und die Familie desselben das zugab. Im Militär-Casino fehlte auch die Küchen-Ursel nicht, sie erschien hier nur als ein hoher pensionirter Beamter, der ebenfalls stark aß und während des Essens mit größtem Mitleid über die armen Kinder des Millionärs sprach. Eine seltsame Wendung aber nahm die Unterhaltung im Hause des Doctor Richard, wo man heute zu Ehren der Frau Weidmann, die zu Besuch gekommen war, einen großen Kaffee gab; er war schon seit mehreren Tagen angeordnet, auch die Professorin, Claudine, Frau Ceres und Manna waren eingeladen, sie kamen nun natürlich nicht. Es wurde viel hin und her erörtert, wie man sich gegen das Haus Sonnenkamp zu benehmen habe, wenn Sonnenkamp so trotzig sein sollte, im Lande zu bleiben. Lina, die vom Ausfluge mit ihrem Bräutigam zurückgekehrt war, sagte, sie werde wie früher im Hause Sonnenkamps sein und die Freundin Manna's bleiben. Die ganze Stimmung schlug in Wohlwollen um, als Frau Weidmann Lina vollkommen Recht gab; sie erzählte von dem prächtigen Wesen Rolands, der bei ihnen zum Besuch gewesen, und von der gediegenen Kraft Erichs, den ihr Mann sehr hoch halte. So schien Alles im Hause sowohl, wie in der Umgegend, in eine mäßige, milde Stimmung überzugehen. Nur im grünen Hause zeigten sich am Sonntag Morgen die bitteren gehässigen Folgen des Ereignisses. In der Stunde vor der Messe kamen die bedürftigen Umwohnenden, um ihre regelmäßige Wochengabe zu empfangen, heute kam nur eine einzige Frau in verwahrlostem Aufzuge; es war die Frau eines Trunkenbolds, sie trug ein Kind auf dem Arme und eines hielt sich an der Schürze. Die Professorin hatte sich nur schwer dazu verstanden, dieser Frau Hülfe zu leisten, aber sie wollte die Verlassene und ihre Kinder nicht darben lassen. Die Beschenkte betheuerte heute, daß sie nichts vom Gelde des Menschenhändlers nehmen würde, wenn sie es anders zu machen wüßte. Und von diesem Gelde soll mein Sohn reich werden? sprach die Professorin klagend in sich hinein. Sie saß lange still, da kam Erich und berichtete: »Ach, Mutter, er war in der Kirche mit Prancken!« »Und nun?« »Als er aus der Kirche kam, stand alles Volk in langen Reihen und schaute ihn an. Er ging auf einen armen Mann zu und reichte ihm ein Geldstück; der Arme streckte die Hand aus, schlug das Geld weg und rief: Ich will nichts von Dir! Und Alle schrien: Wir wollen nichts mehr von Dir! Mach' Dich hinaus aus dem Land! Sonnenkamp war davon gegangen, das Geldstück liegt noch vor der Kirche und Niemand will es aufheben.« »Warst Du denn auch in der Kirche?« »Nein, Manna und Roland haben es mir erzählt; drunten im Garten sitzen sie und weinen. Ich bin zu Dir geeilt, Du allein kannst uns helfen. Tröste sie, richte sie auf.« »Ich kann nicht mehr,« sagte die Mutter, »ich bin zu schwach und fürchte, ich werde krank.« Erich rief die Tante, daß sie bei der Mutter bleibe, und kehrte zu Roland und Manna zurück. Schon am Nachmittag mußte der Doctor gerufen werden. Die Professorin war krank. Die Verwirrung und Erschütterung hatten die Einen in Jugendkraft, die Anderen in Trotz oder in Gleichgültigkeit zu überwinden begonnen; die Professorin allein fühlte ständig einen Seelenschmerz, Tag und Nacht. Erich war es schon vor Tagen aufgefallen, aber er erklärte es durch die Erschütterung, daß seine Mutter, als er Hand in Hand mit Manna vor sie trat, das wol innig und gut, aber so stumpf und gedrückt aufgenommen. Die Mutter war gewohnt, keines Andern Hülfe zu beanspruchen, sie hatte immer die Kraft, Anderen zu leisten, und in diesem Leisten für Andere fand sie selbst sich immer wieder gestärkt. Seit dem Tage, als Fräulein Milch ihr die Eröffnung gemacht, war das anders; nur wie mechanisch vollführte sie ihre ehedem so frei belebte Thätigkeit. Von jenem Tage an hatte sie sich vorgesetzt, jeden Luxus, den der prunksüchtige Mann auch gern auf sie ausdehnte, abzulehnen; von jenem Tage an war ihr die Wohnlichkeit genommen, sie sah sich in der Fremde. Stündlich war sie gerüstet, und Alles, was sie besaß und so ruhig um sich her aufgestellt, erschien ihr bereit, eingepackt zu werden und sich mit ihr an einen anderen Ort versetzen zu lassen. Nie in ihrem Leben hatte sie sich mit Reue gequält, sie hatte nichts gethan, das sie wie einen Vorwurf, wie ein zu Tilgendes abwenden und auslöschen mußte; jetzt konnte sie eine beständige Reue nicht los werden. Warum hat sie sich so unüberlegt an eine räthselhafte, in sich zerfallene Familie angeschlossen? Freude und Schmerz trafen sie wie ein in Fieberphantasien Versunkenes. Mitten in dieser Wirrniß, wo ihr alles vergangene Leben wie ein Traum erschienen, war plötzlich die Nachricht der verwittweten Fürstin gekommen, die ihr ein Asyl anbot und jetzt in ihrer Verlassenheit sich ihrer erinnerte. Sie empfand die Güte, die darin lag, und doch schmerzte sie es fast: sie hatte sich in das abhängige Leben hier gefunden, sie hatte den Widerspruch beschwichtigt, daß sie Gutes thun sollte von dem, was aus dem Bösen stammte; nun kam auf einmal das vergangene Leben wieder herauf, und statt der Empfindung, daß sie sich freuen sollte, wie dort am Hofe die Menschen besser waren, als sie sich vordem gezeigt hatten, und wie doch noch so viel Reinheit sich finde, verwandelte sich Alles in ihr zu Schmerz und Bitterkeit. Sie hatte das Anerbieten der verwittweten Fürstin abgelehnt und doch kam es ihr jetzt oft vor, als ob das Rettung gewesen wäre. Am meisten quälte sie, daß sie deutlich sah, wie sich Alles in ihr verkehrte und sie das doch nicht ändern konnte. Daß Erich und Manna einander so innig liebten, hörte und sah sie mit einer fast erzwungenen Theilnahme. So lebte sie wie sich selbst entfremdet; sie hoffte, Alles in sich selbst überwinden zu können. Jetzt, da die Hülfsbedürftigen die Gaben aus ihrer Hand ablehnten, jetzt brach hervor, was sie so lange in sich verschlossen hatte: eine namenlose Trauer. Es erschien ihr unfaßlich, daß ihr Kind in diese Familie eingewachsen sein sollte. Der Doctor hatte die Mutter fieberisch aufgeregt gefunden; er gab ihr beruhigende Mittel. Die Mutter klagte, daß sie nie gewußt, wie zerfallen die Menschen in sich selbst und mit Anderen sein könnten; lächelnd erwiderte ihr der Doctor, daß nicht alle Menschen einen so feinen inneren Haushalt besitzen wie sie, und auf Sonnenkamp hinweisend, sagte er, daß es ein Klima des Geistes gebe, das uns ganz fremde Organisationen erzeuge, die aber nicht minder ihre Naturbedingung hätten, wie unsere alltäglich gewohnten. Erich, Manna und Roland umgaben die Professorin mit beständiger Sorgfalt, und in diesem Sorgen für ein Anderes lag eine große Befreiung. Fräulein Milch duldete es nicht, daß Manna sich ganz der Professorin widmete, sie war die beste Pflegerin. Der Major ging wie verwaist umher. Von allen Menschen vielleicht, die Kinder nicht ausgenommen, war er am schwersten betroffen von der Kunde über das vergangene Leben Sonnenkamps. »Die Welt hat Recht, heißt das, Fräulein Milch hat Recht,« sagte er immer, »sie hat mir beständig gesagt, ich sei kein Menschenkenner.« Er fand indeß eine gute Zuflucht, er ging auf einige Tage zu Weidmann nach Mattenheim. Fünfzehntes Capitel. Eine Woche war vorüber; die Professorin hatte sich wieder erholt, sie war nur noch matt und ruhebedürftig. Es war am Sonntag Abend, da strömte ein Menschengewühl auf der weißen Straße, stromab, stromauf und zwischen den Weinbergen hin und her; Alles schien nur Ein Ziel zu haben. In seinen Mantel gehüllt saß Sonnenkamp auf dem flachen Dache seines Hauses und schaute ringsum in die Landschaft. Soll er sich von hier vertreiben lassen? Nein, Trotz bieten der Welt; vor dem Muthe beugt sie sich . . . Es wurde Nacht; da tönte ein Geheul, ein Gejohle, ein Pfeifen, Rasseln und Klirren, wie wenn die Hölle losgelassen wäre. Sonnenkamp richtete sich auf. Bei Fackelschein sah er wunderliche Gestalten mit schwarzen Gesichtern. Was ist das? Ist das Einbildung? Kamen sie heran, die Geschöpfe mit Menschengestalt, aus der fernen Welt? »Hinaus aus dem Land muß er!« rief es von unten. »Zu seinen Schwarzen soll er!« »Wir wollen ihn holen und schwarz anstreichen!« »Und auf seinen Gaul binden, durchs Land führen und rufen: Das ist er!« Wieder Pfeifen, Johlen, Schmettern, Rasseln und schrilles mißtönendes Aneinanderschlagen von Töpfen und Kesseln . . . es war ein Höllenlärm. Vor der Erinnerung Sonnenkamps stieg das Bild auf, wie ein Mann, angeschuldigt, die Sklaven lesen gelehrt zu haben, nackt, getheert, mit Federn beklebt, durch die Straßen getragen und mit faulen Aepfeln und Kohlstrunken beworfen wurde. Jetzt knallte ein Schuß; die Stimme Pranckens tönte: »Auf meine Verantwortung, schießt die Hunde nieder!« Es knallte noch ein Schuß, dann rollte und raste es, das Thor krachte und herein drang eine wilde Rotte, Alle mit schwarzen Gesichtern, und Geschrei wurde laut: »Wo ist er?« »Gebt ihn heraus, oder wir zerschlagen Alles!« Sonnenkamp eilte vom Dache herab durch das Haus; er stand auf dem offenen Balcon; da hörte er die Stimme Erichs, der mit gewaltigem Ruf die Menge ermahnte. »Seid Ihr Menschen? Seid ihr Deutsche? Wer hat Euch zu Richtern gemacht? Sprecht! Ich will Euch antworten. Ihr bringt Euch selbst ins Elend. Ihr habt Eure Gesichter geschwärzt, aber Ihr werdet doch erkannt. Morgen kommt der eingesetzte Richter, wir sind in geordnetem Staate und Ihr verfallt alle der Strafe.« »Dem Hauptmann geschieht nichts!« rief eine Stimme aus der Menge. Erich fuhr fort: »Ist Einer unter Euch, der sagen kann, was Ihr wollt, der trete vor.« Ein Mann mit geschwärztem Antlitz, den Erich nicht sofort erkannte, trat vor und sagte: »Herr Hauptmann, ich bin's, der Krischer; lassen Sie mich reden. Der junge Wein ist mit unter den Leuten da drunten. Ich bin katzennüchtern,« setzte er mit lallender Zunge hinzu. »Was wollen denn die Menschen?« »Sie wollen, daß Herr Sonnenkamp, oder wie er heißt, unsere Gegend verlasse und wieder dahin gehe, von wo er gekommen ist.« »Hinaus soll er!« »Und meine Wiese soll er mir wiedergeben!« »Und mir meinen Weinberg!« »Und mir mein Haus!« So rief es da und dort aus dem Haufen. Der Krischer stellte sich schnell zu Erich auf die Freitreppe und rief den Versammelten zu: »Wenn ihr so wahnsinnige Sachen ruft und so dumm durch einander, so bin ich der Erste, der einen Eindringenden erwürgt.« »Fort soll er!« »Hinaus! Hinaus!« riefen Alle. Eben als dies gerufen wurde, trat Sonnenkamp auf die Freitreppe. Geheul, Geschrei, Beckenschlagen ging von Neuem los; Steine flogen durch die großen Scheiben, daß sie klirrten. Der Krischer eilte die Treppe hinan, stellte sich vor Sonnenkamp und sagte: »Seien Sie ruhig, ich decke Sie.« Dann schrie er mit heiserer Stimme: »Wenn noch ein Wort gerufen wird, wenn nicht ein Jeder seinen Nachbar hält, daß er keinen Arm rühren kann, dann bin ich der Erste, der unter Euch schießt, treffe es dann Schuldige oder Unschuldige.« »Ihr Männer, was habe ich Euch denn gethan?« rief Sonnenkamp. »Menschenfresser!« »Menschenverkäufer!« »Menschenhändler!« schrie es aus der Versammlung. »Hinaus sollst Du!« »Hinaus! Hinaus!« »Herr Sonnenkamp und Herr Hauptmann,« sagte der Krischer hastig zu den Beiden, »ich habe mich der wilden Rotte nur angeschlossen, weil sie nicht mehr zurückzuhalten war; aber ich krieg' sie am Halfter, überlassen Sie nur Alles mir und wir machen eine Fastnachtsposse aus der ganzen Geschichte. Reden Sie zuerst, Herr Hauptmann, ich bitte, Herr Sonnenkamp, reden Sie nicht.« »Ihr Männer,« begann Erich, »hat nicht Jedes von Euch etwas gethan, das . . .« »Wir haben keinen Menschen verkauft! . . . Menschenfresser!« rief es von unten. Erich kam nicht weiter zu Wort. In diesem Augenblick erschien Manna; sie hielt einen Armleuchter mit zwei brennenden Lichtern in der Hand. Ein Ausruf des Erstaunens ging durch die Rotte, Alles war eine Secunde still, denn Aller Blicke waren auf das Mädchen gerichtet, das dastand, blassen Antlitzes, funkelnden Auges. Roland stellt sich neben Erich und mit einer Stimme, die weithin tönte, rief er: »Kommt her, wir sind wehrlos!« »Den Kindern soll nichts geschehen!« »Aber der Menschenverkäufer muß fort!« »Ja, fort muß er!« »Hinaus!« Und wieder schien der Tumult zu wachsen; die Gruppe drunten wogte hin und her und Einer schien den Andern anzustoßen, vorwärts zu gehen; selbst die auf der Freitreppe standen, wichen zurück. Die Professorin erschien unter der Thüre über der Freitreppe. Die Lärmenden im Hof verstummten und schauten staunend auf, die auf der Freitreppe Versammelten wendeten sich um und sahen die Professorin. Sie schritt ruhig vor bis an das Geländer. Kein Laut wurde vernehmbar. Und sie sprach; ihre Stimme wurde weithin gehört: »Verderbt Euch nicht selbst; haltet ein, damit Ihr nicht morgen weinet über heute.« Ihre Stimme wurde mächtiger und sie rief: »Besiegt Euch selbst!« Sie legte die Hand auf die Schulter Sonnenkamps und mit gewaltiger Stimme rief sie: »Dieser Mann hier, der Euch Gutes gethan, wird ein so Großes thun, daß Ihr Alle versöhnt seid; ich verspreche es Euch. Glaubt Ihr mir?« »Ja, der Professorin glauben wir!« »Die Professorin soll leben . . . hoch! hoch!« »Kommt fort, heim . . . es ist genug!« Ein Mann, der eine Trommel bei sich hatte, fing an, einen Marsch zu trommeln, und eben als die wilde Rotte zum Fortgehen sich anschickte, kam etwas daher gerasselt; Helme blinkten, es war die Feuerwehr, und plötzlich zischte ein Wasserstrahl über Alle herab. Auch von der andern Seite kam ein Regen, denn Joseph war zum Obergärtner geeilt und die Berieselung des Gartens wurde nun auch benutzt. Hoch spritzten von beiden Seiten die Ströme, und grölend, lachend und fluchend zogen Alle davon. »Mutter, Du da? Du von Deinem Krankenlager?« sagte Erich. »Ich bin nicht mehr krank.« »Sie federn ihn! Sie federn ihn!« rief Frau Ceres plötzlich aus dem Fenster. Manna eilte zu ihr und beruhigte sie. Auf der Freitreppe that Sonnenkamp seinen Mantel ab und legte ihn über die Professorin; man führte die alte Frau nach dem großen Saal; dort setzte sie sich nieder, ihre Augen glänzten wundersam und Alle bemühten sich in Sorgfalt um sie. Roland kniete vor ihr nieder, faßte ihre Hände und weinte schwere Thränen darauf. »Jetzt nur Ruhe,« sagte die Professorin, »ich bitte Euch. Ich bin ruhig, regt mich nicht weiter auf . . . Herr Sonnenkamp, geben Sie mir Ihre Hand. Sie müssen etwas thun, um die empörten Gemüther zu beschwichtigen. Ich weiß noch nicht, was.« »Ich werde etwas thun. Ich werde ein Gericht aufrichten, wie hier zu Lande noch keines war. Sie selber, verehrte Frau, sollen mitwirken.« Erst spät gingen die in der Villa Versammelten auseinander. Sonnenkamp that es nicht anders, die Professorin mußte auf der Villa sich zur Ruhe begeben, und Erich saß am Bett seiner Mutter, bis sie einschlief. Draußen am Rhein standen viele Menschen und wuschen sich die schwarzen Gesichter wieder ab, und der Rausch vom jungen Wein verflog. Eine schwarze Welle zog in der Nacht an der Villa vorüber, den Strom hinab ins Meer . . . Wenn nur auch die schwarze That so abzuwischen wäre!